Czytaj książkę: «Jetzt spuck's endlich aus»

Czcionka:
Einleitung

Eine Frau, die stottert, schreibt ein Buch, um andere stotternde Frauen zum Stottern zu inspirieren? Klingt nach ziemlich viel Gestotter, nicht wahr? Und überhaupt: wozu das Ganze? Sollten wir das Stottern nicht viel lieber verbergen oder noch besser, es bis zur endgültigen Elimierung bekämpfen? Ist dieses Buch denn wirklich nötig? Ja! Es ist sogar längst überfällig.

Würde ich abnehmen oder fasten wollen, einen Triathlon laufen oder meine Fingernägel verlängern, eine Sprache in 5 Tagen, einen Kopfstand, das Programmieren oder Häkeln lernen wollen – ich fände zu allem unzählige Bücher. Sogar gestaffelt. Ob 100kg, 50kg oder 5kg – zu jedem Abnehmziel ein Buch. Vegane Küche mit roten, grünen oder gelben Früchten? Alles kein Problem. Aber ich fand nie ein Buch über das Stottern. Wie gehen andere Frauen damit um? Womit haben sie zu kämpfen? Hört der Kampf jemals auf? Ich fand kein Buch, das mich als stotternde Frauen dazu aufrief, ich selbst zu sein und dass ich mein Stottern akzeptieren darf, ja sogar muss. Ich fand kein Buch, das mir stotternd aus dem Herzen sprach. Also entschloss ich mich, selbst ein Buch zu schreiben, meine Geschichte zu erzählen und damit das Buch zu schreiben, was ich selbst nie im Bücherregal fand.

Laut Statistik stottert 1% der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland chronisch. Das sind rund 800.000 Menschen. Ein Fünftel davon sind Frauen. Und von diesen 160.000 bin ich selbst die einzige, die mir bekannt ist. Wow. Ich bin Mitte Dreißig und die einzige stotternde Frau, die ich kenne. Ist das nicht irre? Wo seid ihr anderen?

Ich wurde das Gefühl nicht los, dass eine große Anzahl unter den 159.999 anderen Frauen aus ähnlichen Gründen unsichtbar und damit auch nicht hörbar ist, die auch bei mir dazu geführt haben, jahrelang unter dem Radar zu fliegen und nicht gesehen und gehört werden zu wollen. Neben dem Fakt, dass ich mich unendlich für mein Stottern schämte, war es besonders meine Angst vorm Sprechen, die mich nicht nur sprachlich ausbremste.

Stottern hier, Stottern da, Stottern everywhere. In meinen sechsunddreißig Lebensjahren gab es nur zwei Jahre in denen ich nicht stotterte, um genau zu sein, die ersten beiden. An eine Zeit ohne sprachliches Gestolper kann ich mich nicht nur nicht erinnern, es gab diese Zeit in meinem Leben nicht. Stattdessen beherrschte lange Zeit das Stottern mein Denken und Fühlen auf eine besonders negative Art und Weise. Heute sage ich Stotter-Paranoia dazu.

Ich war viele Jahre fest davon überzeugt, dass mich mein Stottern daran hindern würde, in das Bewerbungsgespräch für meinen Traumjob zu gehen, allein in den Urlaub zu fahren, Telefonkonferenzen in einer fremden Sprache zu führen oder ganz alltägliche Dinge zu tun. Wie ein Telefonat zu führen, um einen Friseurtermin zu vereinbaren, eine Sprachnachrichten nach dem Aufnehmen auch wirklich mal zu versenden, eine Runde schwitzfreien Smalltalk mit der Nachbarin zu halten oder das Ansprechen einer wildfremden Person, um nach dem Weg zu fragen. Diese Alltäglichkeiten gehen mit einem hohen Maß sprachlicher Spontanität und gesprochener Schlagfertigkeit einher, was für mich beides einem Sechser im Lotto glich. Mit Superzahl. Und zwar jeden Tag. Wenn du selbst stotterst, weißt du sicher, wovon ich rede.

Stottern ist kein Leberfleck, den man abdecken und damit nach Belieben verstecken kann. Stottern ist kein Kilo zu viel, das sich wegtrainieren lässt. Es bleibt für immer, auch wenn es sich durch Therapien, bestimmte Atemtechniken, sowie andere Methoden und Strategien zumindest teilweise verbessern oder gut verbergen lässt.

Und dennoch. Mit meiner Art zu sprechen wurde ich bereits als Jugendliche und später auch als junge Frau weniger ernst genommen und meine Karrierechancen schienen durch unsichtbare Grenzen von vornherein eingeschränkt zu sein. Wenn ich sprach und dabei stotterte, war es ein Leichtes für andere, dies für sich zu nutzen, mich zu übertönen oder manchmal sogar ganz zum Schweigen zu bringen, da ich mich verbal weder wehren noch durchsetzen konnte. Ich ging Diskussionen und anderen Situationen schnell aus dem Weg, die sprachliche und mentale Durchsetzungskraft von mir verlangt hätten, einzig und allein, weil ich Angst vorm Sprechen hatte und gelernt hatte, mich für mein Stottern zu schämen. Ich hielt mich lieber zurück oder schwieg eben ganz. Chefin, CEO, Politikerin, Selbstständige? – No way! Das ist nur was für andere, normale Frauen, aber auf keinen Fall etwas für Stotternde.

Mein altes Denken und mein eigener Weg ließen mich vermuten, dass es noch viele Tausend Mädchen und Frauen da draußen gibt, die ihr Stottern ebenfalls bekämpften oder es noch immer tun, sich dafür schämen und mit einem bremsenden Gemisch aus Selbstzweifeln, geringem Selbstwert und Angst, weit hinter ihren Möglichkeiten bleiben und sich nicht das Leben schaffen, das sie sich wünschen und damit nicht zu der Frau werden, die sie sein wollen. Diesen Mädchen und Frauen droht ein unverschuldetes Leben im Schattendasein einer falschen Scham, mit ungenutzten Potentialen und ungelebten Träumen. Ich weiß leider, wovon ich rede und ich möchte an diesen Aussichten etwas ändern.

Die Klassifizierung als Sprachstörung setzt uns Betroffene per se schon außerhalb des normalen und damit akzeptierten Gesellschaftsfeldes. Aus diesem Grund werde ich diesen Begriff auch nur verwenden, wenn es unvermeidbar ist. Zu lange wurde mir die Sprachstörung als Mantel übergeworfen und galt damit mir als Person. Ich, nicht meine Sprache, war gestört und nicht normal. Diesem Umstand trete ich besonders entgegen. Ich höre mich vielleicht manchmal anders an, aber das war auch schon alles. Ich bin nicht mein Stottern und damit auch nicht gestört, auch wenn mir das immer wieder begegnet.

Stotternde Frauen haben keine Lobby oder hörbare FürsprecherInnen. Wir sind regelrecht unsichtbar und noch weniger zu hören als zu sehen. Und wenn wir nicht selbst für uns einstehen, macht es keiner. Daran möchte ich etwas ändern.

Ich bin eine souveräne, selbstbewusste Frau, die neben ihrer Homosexualität auch offen mit ihrem Stottern umgeht. Heute bin ich aber nicht nur die Frau, die mit ihrem Stottern gesehen und gehört werden will, ich möchte auch andere Frauen zu mehr Mut im Umgang mit ihrem Stottern inspirieren. Deshalb teile ich meine Erfahrungen und berichte von Ereignissen und Menschen, an denen ich drohte zu scheitern und es manchmal auch tat. Ich packe meine größten Erfolge aus, die ich mit, trotz und wegen meines Stotterns einfuhr. Ich wünsche mir so sehr, dass ebenfalls betroffene Mädchen und Frauen aufhören, sich zu schämen, weil es einfach nichts gibt, wofür sie sich schämen sollten!

Ich entscheide mich, aus vollem Herzen und aus voller Überzeugung, meine Stimme und mein Stottern zu nutzen und damit meinen Beitrag dazu zu leisten. Ich will mit meinem Buch etwas bewegen. Das Denken in vielen Köpfen umkehren, auf den Kopf stellen, erschüttern und zur Neuordnung anregen. Es gibt so viele Dinge, die im Zusammenhang mit stotternden Frauen ungesagt und ungedacht sind.

Ich habe zum Beispiel erlebt, dass Stottern nicht nur die Betroffene selbst hemmt, sondern auch ihre ZuhörerInnen. Wie geht man als Mutter, Kollegin oder als PartnerIn damit um? Wie halten beide Seiten das Stottern während eines Streits aus? Was bleibt wegen des Stotterns ungesagt? Wie verhält man sich, wenn das Stottern zur Beleidigung oder zur Waffe wird? Auch das sind Fragen, die ich beantworten möchte und weitere Gründe, weshalb ich dieses Buch schreiben muss. Aber vor allem möchte ich dir als stotternde Frau mit diesem Buch sagen und zeigen, dass du nicht alleine bist, auch wenn es sich für dich manchmal noch immer so anfühlt.

Als Jugendliche und junge Frau hielt ich meine Augen und Ohren ständig nach einer stotternden Frau offen, die ich als Vorbild oder Inspiration ansehen konnte. Die mit, wegen oder trotz ihres Stotterns hörbar, erfolgreich und auf ihre Art außergewöhnlich war. Souverän und selbstbewusst. Ich wollte zu so einer Frau aufsehen, die sprach wie ich, die irgendwie war wie ich. Aber da war niemand. Ich wollte mich orientieren, aber an wem? Wer sprach denn wie ich? Wem war ich ähnlich? Wer teilte mein Schicksal? Wer konnte meine Angst vorm Sprechen verstehen? Wer konnte mir vielleicht unbewusst helfen?

Es ist bekannt, dass Marylin Monroe stotterte. Nichts gegen Marylin, aber come on! Das darf es doch einfach nicht gewesen sein. Wo sind die Vorbilder unserer und die der folgenden stotternden Generationen Frauen? Das Stottern ist so wenig erforscht, dass es sicher nicht in wenigen Jahren ausgemerzt sein wird. Von wem erzählen wir unseren Töchtern, Freundinnen und Bekannten? Ich wünsche mir deshalb, dass jede stotternde Frau selbst zu dem Vorbild wird, die sie, die wir alle gebraucht hätten und nach denen wir heute an bestimmten Tagen immer noch suchen. Dafür schreibe ich dieses Buch.

Mein Ziel ist es nicht, durch mein Buch anderen stotternden Frauen meine Stimme zu geben oder in ihrem Namen zu sprechen. Ich will niemandem meinen ganz persönlichen Umgang mit dem Stottern aufzwingen. Wir alle haben vielmehr unsere eigene wundervolle Stimme und unsere Art zu sprechen, die gehört werden darf. Mein Wunsch ist es, die stotternden Frauen zu mehr Mut zu inspirieren, die ebenfalls spüren, dass es da mehr im Leben zu erreichen gibt, als uns alte Glaubenssätze und falsche Scham weismachen wollen. Euch möchte ich dazu motivieren, ganz selbstverständlich von euch hören zu lassen. Um das zu schaffen, teile ich meine Erfahrungen und hoffe, damit auch einen Mehrwert zu liefern. Sei es als Erkenntnis: „Das passiert mir so auf keinen Fall.“ Oder als Inspiration, im Sinne von: „Das will und schaffe ich auch.“

Ich bin weder Psychologin noch Therapeutin und will es auch nicht sein. Ich bin eine Frau die stottert und etwas bewegen will. Und das schaffe ich nur, wenn ich endlich ausspucke, was mich bewegt. Dabei war und ist das Stottern ein Teil von mir. Ich habe keinen 10-Punkte-Plan, kein Mantra und keine neuartige Methode, die mein Stottern verschwinden lässt. Mein Stottern ist nie verschwunden. Im Gegenteil. Je mehr ich es bekämpfte, desto schlimmer wurde es. Bis ich eben aufgehört habe, es zu bekämpfen und es stattdessen akzeptierte. Ich stottere seitdem jeden Tag mutig drauf los. Mal wild, mal mehr, mal weniger und manchmal überhaupt nicht.

Wenn du dieses Buch in den Händen hältst, bist du den ersten und wichtigsten Schritt bereits gegangen. Er zeigt nämlich, dass du bereit bist, dich offen auf das mutig drauf los Stottern einzulassen. Dich damit zu beschäftigen, weil du neugierig und offen bist. Ganz egal, ob du selbst stotterst oder einen anderen Bezug zum Stottern hast. Etwas in dir, will etwas darüber erfahren und wissen, was es damit auf sich hat.

Vielleicht kannst du dir als stotternde Frau noch nicht vorstellen, wie das ist, dich nicht mehr zu verstecken, die Scham beiseite zu schieben und deinem Selbst Platz zu verschaffen, aber ich verspreche dir, dass du in den folgenden Kapiteln Geschichten von Mut, Inspiration, Erfolg und Motivation lesen wirst, die dir zu dieser Vorstellungskraft verhelfen können. Du wirst erfahren, dass Unmögliches eben doch möglich war und immer wieder ist. Vielleicht erkennst du dich in einigen Passagen auch wieder und vielleicht macht dir gerade das Mut, einen neuen Blick auf dein Stottern zu werfen und es kein Scham- oder Angstthema mehr sein zu lassen.

Nun aber auf …

Die Ursache gibt es nicht

Warum? Weshalb stottere ich? Was sind die Gründe dafür? Warum kam es so plötzlich? Wieso verschwand es nicht genau so schnell wieder? Warum habe ich das nicht unter Kontrolle? Wieso bin ich die einzige aus meiner Familie und in meinem Umfeld die stottert? Warum stottere ich manchmal so schlimm und im nächsten Moment gar nicht? Diese Fragen stellte ich mir als Kind, als Jugendliche oder als Erwachsene immer wieder und konnte sie mir nie beantworten. Als ich anderen Menschen diese Fragen stellte, meiner Mutter oder einem Arzt zum Beispiel, hatten auch sie keine Antworten für mich.

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich deshalb nachts nicht ruhig schlafen konnte. Ich war nicht verzweifelt auf der Suche nach Antworten und ich war auch nicht getrieben davon, endlich zu wissen, weshalb ich mit dieser Sonderausstattung versehen bin. Aber ich gebe zu, dass mich diese Fragen von Zeit zu Zeit packten und nicht recht loslassen wollten.

Als ich noch zur Schule ging, suchte nicht der Teil in mir nach Antworten, der zum Ziel hatte, vom Kopf her zu verstehen oder das Stottern auch für andere begreifbar zu machen. Als Kind und Jugendliche, suchten mal meine Hilflosigkeit, meine Wut oder meine Traurigkeit und Verletztheit nach Antworten auf diese Fragen. Angetrieben vom emotionalen Schmerz, den ich damals spürte und der Verzweiflung darüber, endlich verstehen zu wollen, weshalb ich anders war. Weshalb ich ausgegrenzt, gehänselt und beleidigt wurde. Weshalb ich als „gestört“, „behindert“ oder „dumm“ betitelt wurde. Darauf versuchte ich damals Antworten zu finden.

Als ich Anfang Dreißig war, ging ein anderer Teil meines Selbst auf die Suche nach Antworten. In meiner eigenen Vergangenheit und in meiner Familiengeschichte kramte ich immer tiefer, um mein Stottern auf andere Weise zu verstehen. Ich machte mich auch zum aktuellen Stand der Wissenschaft schlau und verknüpfte das, was ich herausfand, mit Teilen meiner Lebensgeschichte. So erhielt ich erst eine Ahnung und letztlich eine Vorstellung davon, wie ich zu meiner sprachlichen Sonderausstattung kam. Das Zusammenführen der verschiedenen Puzzleteile, die mit meinem Stottern in Verbindung stehen, war für mich nicht nur aufschlussreich, sondern irgendwie auch heilsam. Ich verstand Vieles, was ich als Kind und Jugendliche nicht verstehen konnte oder wollte und hörte immer mehr auf, das Stottern abzulehnen. Ich fand einen ganz anderen Weg damit umzugehen. Davon werde ich dir in diesem Buch berichten.

Am Anfang dieses Weges stand aber erst einmal ein „Ach was?!“ Denn das war meine erste Reaktion auf das Ergebnis meiner Recherche zum wissenschaftlichen Stand zum Thema Stottern. Die wichtigste Erkenntnis hinsichtlich all meiner Fragen, war, dass es weder die Ursache noch den Auslöser für das Stottern gibt. Vielmehr ist es ein Geflecht aus genetischen, psychologischen und neurologischen Faktoren.

Forscher und Wissenschaftler die sich den genetischen Ursachen des Stotterns widmeten, gehen heute von einer familiären Veranlagung aus, da Betroffene häufig nicht die einzigen in ihren Familien sind, die von dieser Redeflussstörung betroffen sind. Diese Veranlagung kann auch genetisch vorhanden sein, ohne dass das Stottern jemals ausgelöst wird. So kann sie beispielsweise unentdeckt über Generationen weitervererbt werden, ohne dass ein einziges Familienmitglied jemals sprachliche Symptome zeigt oder stottert. Darüber hinaus ist bekannt, dass die genetische Weitergabe nicht gesichert erfolgt. Ob und wie sie also weitervererbt wird, ist vorerst noch ein gut verstecktes Geheimnis der Natur.

Ehrlich gesagt, kamen noch einige Fragezeichen in meinem Kopf hinzu, als ich das in Erfahrung brachte. Es wirkte auf mich wie: Alles kann, nichts muss. Selbst wenn ich die einzige in meiner Familie bin, die stottert – und das ist definitiv der Fall – kann es also dennoch sein, dass beispielsweise meine Mutter diejenige war, von der ich die Veranlagung geerbt hatte. Auch wenn sie selbst nie gestottert hat. Vielleicht war es aber auch mein Vater oder es war in meinem Fall eben doch keine erbliche Veranlagung vorhanden. Auch diese Möglichkeit besteht. Viel wichtiger als die Frage ob Veranlagung oder nicht, war für mich aber, was der eigentliche Auslöser meines Stotterns war und welche Schalter da in mir kippten, damit ich sprach, wie ich sprach.

Auf letzteres erhielt ich Antworten bei der Kasseler Stottertherapie, die sich hinsichtlich der Fragen nach Ursache und Auslöser des Stotterns auch auf neurologische Studien beziehen. So haben Wissenschaftler Hinweise darauf gefunden, dass eine strukturelle Veränderung und eine schwächere Hirnaktivierung des Sprachzentrums der linken Hirnhälfte bei Stotternden vorliegen. Es konnte also sein, dass mein neurologischer Schaltplan mein Stottern begünstigte. Zusammen mit der eventuellen genetischen Veranlagung, waren es für mich diese zwei Gesichtspunkte, die ich für mich in die Kategorie „körperliche Prädisposition“ einordnete. Blieb die spannende Frage nach den psychologischen Faktoren.

Psychologische Faktoren werden vor allem zu den Auslösern des Stotterns gezählt und nicht als Ursache bezeichnet. Traumatische Kindheitsereignisse beispielsweise, wie ein Unfall, die Trennung der Eltern oder der Tod eines nahen Familienmitglieds können solche Faktoren sein. Bei solch seelischem Schmerz reagiert jedes Kind auf seine eigene Weise. Es hängt stark davon ab, wie das Kind gelernt hat mit Schmerz und Stress umzugehen. Hinzu kommen das Alter des Kindes, sein persönliches Umfeld, die Bindungserfahrungen und einige weitere Faktoren.

Einige Kinder werden beispielsweise aggressiv und entladen ihre Gefühle dann nach außen. Sie wissen manchmal einfach nicht wohin mit ihrer Wut, dem Ärger, der Angst und dem Schmerz, und so brechen diese Emotionen unkontrolliert aus ihnen heraus. Andere Kinder ziehen sich wiederum zurück. Sie werden passiv oder kapitulieren vor solch einschneidenden Erlebnissen. Auch das Stottern kann eine Reaktion auf ein traumatisches Ereignis aus der Kindheit sein. Wenn die Emotionen keinen anderen Kanal gefunden haben und somit nicht nur das kleine Leben, sondern auch die Sprache eines Kindes ins Stocken gerät.

Aber auch hier muss ein Sternchen fürs Kleingedruckte angefügt werden. Denn psychisch belastende Situationen müssen nicht dazu führen, dass das Stottern ausgelöst wird. Auch dann nicht, wenn die genetische Veranlagung vorliegt oder neurologische Hinweise vorliegen. Umgekehrt kann so aber auch das Stottern ohne jede Prädisposition ausgelöst werden, also allein durch ein traumatisches Erlebnis.

Je mehr ich über die vielleicht-Ursachen und die eventuell-Auslöser las, um so mehr wollte ich wissen, wie es denn nun bei mir war. Denn so interessant die Thematik auch war, bis zu diesem Punkt war die eigentliche Erkenntnis für mich noch recht weit weg. Vorerst klang das alles nach: Alles kann, nichts muss. Ich kam also nicht umhin, das Thema buchstäblich persönlich zu nehmen, um mein ganz individuelles Netz aus Ursachen und Auslösern zu ergründen. Ich spürte, dass ich mehr Antworten finden würde, wenn ich mich trauen würde, tief genug zu graben. Auch wenn es keine wissenschaftlichen Beweise für mein Stottern sein würden, würde ich es zumindest für mich besser verstehen, wie es bei mir dazu kam.

Ich sprach zuerst mit meiner Mutter. Ich erklärte ihr, dass ich wissen muss, was alles mit meinem Stottern zusammenhängt, dass ich verstehen will, warum ich diejenige bin, die in unserer Familie stottert und was dahintersteckte. Ich beschoss sie regelrecht mit meinen Fragen, auch wenn mir bewusst war, dass auch ihre Antworten mehr Vermutungen als gesicherte Erkenntnisse sein würden. „Wie war das damals, als ich angefangen habe zu stottern?“ „Wie hast du das eigentlich bemerkt?“ „War ich irgendwie anders?“ „Was glaubst du, warum ich stottere?“ „War da irgendetwas? Ist da was passiert?“

Ich schien instinktiv die richtigen Fragen zu stellen und ich bekam Antworten, die in mir etwas bewegten. Sie arbeiteten regelrecht in mir. Es war, als würde sich etwas in mir direkt angesprochen fühlen und mich darauf hinweisen, genau zuzuhören und immer weiter zu fragen, um immer tiefer an das zu kommen, was noch verschüttet in mir war. Auch wenn ich gleichzeitig Unsicherheit und Aufgeregtheit in mir spürte, sprudelte es weiter aus mir heraus. „Erzähl doch mal genauer, wie das damals war.“ „Was hat das mit dir gemacht?“ „Wie ging es dir damit?“ „Wie hast du das damals alles gemacht?“

Mein Oberkörper zitterte, ich hatte kalte Hände und zog meine Schultern nach oben. Nach außen war ich ein einziges verkrampftes Wesen, während in mir die Emotionen tobten und mir einen Schauer nach dem anderen durch den Körper jagten. Als hätte jemand in mir den Alarmknopf gedrückt und damit alles in mir auf Aufmerksamkeit geschaltet.

Als das Stottern in mir einzog

Wir lebten in einer Kleinstadt, gut 25 Kilometer südwestlich von Leipzig. Wir. Das waren meine Mutter, mein Vater, meine beiden Brüder und ich. Jeden Morgen fuhr meine Mutter mit dem Fahrrad die drei Kilometer ins Nachbardorf zur Arbeit, nachdem sie mich und meinen knapp ein Jahr älteren Bruder zuvor im Kindergarten ablieferte. Mein ältester Bruder war zu dieser Uhrzeit meist schon in der Schule. Da mein Vater als Baggerfahrer im Schichtbetrieb arbeitete, hatte er das Haus entweder bereits verlassen oder musste erst später los. Am Nachtmittag spielten wir Kinder zuhause, bis meine Mutter zum Abendessen rief und gingen im Anschluss daran nacheinander in die Badewanne und bald darauf ins Bett. Am kommenden Tag wiederholte sich alles in etwa auf die gleiche Weise. Wir waren eine Durchschnittsfamilie, wohnten in einer Durchschnittskleinstadt und führten ein Durchschnittsleben. Zumindest aus dieser Perspektive.

Als 4-jähriges Mädchen hatte ich keine Ahnung davon, dass mein Vater seit Jahren vor und nach der Arbeit zur Kellertreppe abbog, um dort noch einen kräftigen Schluck aus der Schnapsflasche zu nehmen, bevor er diese wieder hinter einem losen Ziegel in der Mauer versteckte. Meine Mutter wusste das. Sie hörte ihn. Sie roch es. Sie kannte seine Verstecke, die Mengen und Marken. Sie wusste auch, dass sie schon jahrelang machtlos gegen den Suff war und hoffte dennoch, dass es irgendwann besser werden würde und dass mein Vater aufhörte zu trinken. Aus dieser Perspektive gehörte also noch der Durchschnittspegel meines Vaters zu unserem Durchschnittsleben.

Gegen sein Verlangen nach dem Alkohol, gegen die leeren Versprechen und gegen die Abwärtsspirale, die sich durch den Suff und seine Auswirkungen immer tiefer durch die Beziehung meiner Eltern hindurch und zugleich in unsere Familie hineinfraß, hatten alle Beteiligten keine Chance. Der Durst meines Vaters war immer da und blieb, genau wie der Alkohol.

Wenn Blut redensartlich dicker ist als Wasser, ist der Alkohol der Stoff, der Blut und Blut zu trennen vermag. In diesem Fall meinen Vater von seiner Familie. Er hat nie seine Hand gegen uns Kinder oder meine Mutter erhoben. Unerträgliche und unsägliche Dinge geschahen trotzdem. Das Zusammenleben mit meinem Vater war für meiner Mutter zu einer emotionalen und körperlichen Belastung geworden. Die Streitigkeiten wurden häufiger und seine Alkoholverstecke immer absurder. Bis sein Bemühen, die Flaschen zu verstecken, weniger wurde und er es gar nicht mehr verbarg. Mein Vater trank immer mehr und noch mehr, während das Leben mit ihm für uns alle immer schwerer und schwerer wurde. Irgendwann wich dann die Hoffnung meiner Mutter einer nüchternen Klarheit. Mein Vater würde sich nicht ändern.

„Es ging nicht mehr.“ Sagte meine Mutter über Dreißig Jahre später zu mir, als ich sie fragte, was damals passiert sei und was vielleicht mit meinem Stottern in Verbindung stand. Sie war sich sicher, dass wir Kinder, ihren Kummer und Stress nicht etwa nur hautnah miterlebten, sondern auch in uns aufnahmen. Bereits als meine Mutter mit mir schwanger war, wurde das Trinken meines Vaters erst mehr und dann schlimmer und er selbst wurde laut und unerträglich. Unkontrolliert. Sie musste etwas tun, sich und uns Kinder schützen. Sie warf ihn mehrmals aus der Wohnung, weil alles Reden, jeder Appell an die Vernunft keine Chance gegen seine vom Suff vernebelten Sinne hatte.

Ich war also von meinem ersten Herzschlag an stets dabei, als die Sorgen und der Kummer meiner Mutter zu einem festen Bestandteil ihres Lebens wurden. Aber erst als ich vier Jahre alt war, kam für meine Mutter der Zeitpunkt der Kapitulation. Die Trennung war unvermeidlich. Damit wurde nicht nur die Paarbeziehung meiner Eltern, sondern auch die Beziehung von uns Kindern zu unserem Vater beendet.

„Es war ein längst überfälliger Schritt.“ Erklärte mir meine Mutter später.

„Es ging nicht mehr, es wurde immer schlimmer. Er war laut, hat randaliert. Ich musste euch beschützen.“ Für meinen Vater war es nicht mehr möglich, uns nüchtern zu begegnen, sich um uns kümmern, mit uns zu spielen und uns damit ein Vater zu sein. Wenn das überhaupt jemals der Fall war.

Die Trennung meiner Eltern war das Ende eines jahrelangen Prozesses der von Höhen und Tiefen, andauernden Konflikten, Niederlagen und kleinen Siegen, sowie Anspannungen, Streitereien und der immerwährenden Hoffnung meiner Mutter geprägt war, das irgendwie doch hinzubekommen. In so einem Prozess sind immer die Kinder diejenigen, die das damit einhergehende Leid der Eltern mittragen und nicht selten in Loyalitätskonflikte rutschen.

Mit den eigenen Wunden beschäftigt, ist es für Eltern meist schwierig bis unmöglich, sich auf neutralen Posten zu begeben und das Kind bei seinen Gefühlen wie Trauer, Wut, Schuld, Hilflosigkeit und dem ganzen Trennungsschmerz zu unterstützen. War die Trennung meiner Eltern und der Schmerz meiner Mutter die Auslöser für mein Stottern?

„Gut möglich.“ Antworte mir meine Mutter, als ich sie direkt darauf ansprach. Denn als meine Mutter meinen Vater endgültig rauswarf, kapitulierte meine Sprache fast zeitgleich und ich zog mich zurück. Unbemerkt von meinem Umfeld trat ich schrittweise den inneren Rückzug an. Ich spürte, dass meine Mutter regelrecht am Anschlag war und nicht noch mehr tragen konnte. Sie versuchte uns und sich zu schützen, indem das Thema, also die Trennung meiner Eltern, zu keinem Thema gemacht wurde. Damit fehlte mir aber nicht nur die Anlaufstelle, die ich gebraucht hätte, sondern auch eine Erklärung für das, was ich miterlebte, auch wenn keiner darüber sprach.

Meine Mutter erklärte mir damals nicht, weshalb mein Vater weg war. Er war es einfach. Ich verstand als kleines Mädchen von vier Jahren nicht, warum mein Vater plötzlich weg war. Wie sollte mir meine Mutter auch verständlich erklären, dass mein Vater alkoholkrank war und sie sich deshalb von ihm trennte? Trafen wir meinen Vater auf der Straße, schauten wir weg und gingen an ihm vorbei, als würden wir ihn nicht kennen. Wir gingen einfach weiter. Das liest sich erst einmal hart, aber meine Mutter sah nicht nur meinen Vater, sondern einen alkoholkranken, betrunkenen Mann mit seiner ebenfalls betrunkenen neuen Freundin, der Schwierigkeiten hatte, sein Gleichgewicht zu halten. Aufgeschwemmt und ungepflegt. Es war ihr Mutterinstinkt, der das Zepter übernahm und die Gefahr von uns Kindern fernhalten sollte. Sie tat in diesen Momenten das, was sie für richtig hielt und was für uns das Beste war. Sie wollte mir und meinen Brüdern damit nicht wehtun, uns schaden oder uns den Vater vorenthalten. Sie wollte mich und meine Brüder beschützen.

„Dein Vater war kein Teufel. Er war Alkoholiker. Ich wollte nicht, dass ihr das weiter mitbekommt.“ Sagte meine Mutter. Und auch wenn sie damals keinen anderen Ausweg außer den des Kontaktabbruchs sah, blieb er mein Vater und Teile in mir vermissten ihn. Ich war traurig, so viel steht fest, denn jede Trennung hinterlässt Spuren, auch wenn sie im ersten Moment nicht erkennbar sind. Ich konnte es meiner Mutter nur nicht zeigen und sie konnte es nicht sehen. Das ist das, was ich heute weiß. Irgendwie waren wir alle Verlierer der damaligen Zeit und der damaligen Kämpfe.

Mein Vater war krank und kämpfte gegen den Suff. Meine Mutter war über fünf Jahre Zeugin dieses Kampfes und sah mit an, wie der ewige Kampf letztlich doch verloren ging. Dabei verlor ich meinen Vater und sie ihren Partner. Beide, meine Mutter und mein Vater, haben das getan, was ihre Kräfte hergaben. Auch wenn sie auf beiden Seiten nicht reichten.

Als ich in dieses Familienkapitel blickte, verstand ich, dass meine Mutter bei allen guten Absichten nicht gewährleisten konnte, dass niemand emotional zu Schaden kam. In diesem Fall war ich die, die wohl nicht unbeschadet blieb. Aber ich fand noch mehr heraus. Denn die Trennung meiner Eltern war nicht das einzige Beben in unserer Familie.

Im selben Jahr verstarb die Großmutter meiner Mutter und meine Oma – die Mutter meiner Mutter – nahm sich zwei Wochen nach meinem vierten Geburtstag das Leben. Als hätte die Trennung meiner Eltern nicht genug Schmerz, Wut, Trauer und Hilflosigkeit in unsere Familie gebracht, kam das noch hinzu.

Ich kann mir kaum vorstellen, welche Gefühle diese Ereignisse in meiner Mutter ausgelöst haben müssen und welche Spuren dieses Jahr in ihr hinterließ. Welchen Schmerz, welche Wut und Traurigkeit sie in sich trug oder heute noch trägt. Diese Flut an Emotionen, die vielleicht drohte, sie umzureißen. Die Ungläubigkeit angesichts dessen, was da über sie hereinbrach. Die nicht enden wollende Ohnmacht. Ich frage mich heute, welche Fragen sie verfolgten oder noch verfolgen und wie sie es dennoch schaffte weiterzumachen. Gesprochen haben wir über all das nie. Aber auch ohne mit ihr darüber zu sprechen, war mir die Kraft dieser Ereignisse und die Emotionen, die sie nicht teilen wollte, bewusst.

Für meine Mutter, Brüder und mich brachen damals, es war das Jahr 1988, keine neuen Zeiten an, sie fielen ohne Vorwarnung über uns herein und begruben die Vergangenheit und unser damaliges Leben unter sich. Ein Schicksalsschlag folgte auf den anderen, was wohl besonders in meiner Mutter und vermutlich von ihr auf mich übertragen, auch in mir emotionale Spuren hinterließ. Als ich in der Badewanne saß und meine Mutter zu mir rief, waren diese Spuren dann auch deutlich hörbar.

Irgendetwas wollte ich meiner Mutter erzählen, aber ich konnte es nicht auf die Weise, wie ich und auch meine Mutter es gewohnt waren. Mir blieben die Worte förmlich im Halse stecken. An das, was ich sagen wollte, können sich weder meine Mutter noch ich selbst erinnern, aber wir wissen, dass es weder vor noch zurück ging. Die Worte blieben einfach in mir stecken. Ich versuchte es wieder und wieder, aber alles was ich zustande brachte, war das starre Wiederholen des Anfangsbuchstabens dieses einen Wortes, was eben da in meinem Hals feststeckte. Und darauf das nächste Wort, welchem wieder andere folgten. Ich wusste nicht, was da gerade mit mir passierte, woher das kam, warum sich das so schlimm anhörte und auch meine Mutter war erschrocken und ratlos. Zwar hatte ich bereits ein wenig gestottert, aber das, was ich in der Wanne sitzend von mir hören ließ, war eine ganz andere Dimension. Auch weil es nicht beim Stottern blieb.

Denn etwa zur gleichen Zeit begann ich, nachts immer wieder einzunässen. Meiner Mutter machte sich große Sorgen und suchte mit mir unseren Hausarzt auf. Da dieser allerdings keine organischen Ursachen feststellen konnte, überwies er mich wegen meines Stotterns an eine Logopädin und vermutete, das Einnässen stünde damit in Zusammenhang.

Bei der Logopädin sagten wir zuerst dem Einnässen den Kampf an. Ich bekam von ihr einen Kalender, den ich mir im Kinderzimmer übers Bett hängte. Ein handelsüblicher Wochenkalender mit großen Tagesfeldern. Wenn ich morgens aufwachte und mein Bett trocken war, durfte ich eine gelbe, strahlende Sonne in den Kalender malen. Große Freude inklusive. War das Bett hingegen nass, malte ich eine Regenwolke mit Regentropfen. Eine denkbar einfache Sache, die nach wenigen Wochen Erfolg brachte. Ich nässte nicht mehr ein.

Das Stottern jedoch blieb. Dahingehend lief es weder wie erwartet noch wie erhofft. Waren es zu Beginn wenige Worte und Sätze, in denen sich mein Stottern bemerkbar machte, konnte ich trotz der Logotherapie schon bald keinen einzigen Satz mehr herausbringen, ohne mehrmals darin stecken zu bleiben. Wenn ich ihn überhaupt fehlerfrei starten konnte. Das Sprechen nahm so viel Zeit in Anspruch, dass es eine einzige Anstrengung war. Nicht nur für mich, auch für meine Zuhörer. Dazu kam, dass ich mich zurückzog, mich immer mehr für mein Stottern schämte und spürte, dass da etwas nicht stimmte. Nur wussten weder ich noch die Erwachsenen um mich herum, was das genau war. Das wiederum führte dazu, dass ich noch unsicherer wurde und sich mein Stottern immer weiter festsetzte. Ein Teufelskreis.

Bei der damaligen Suche nach der Ursache meines Stotterns tappten alle Beteiligten im Dunkeln. Damals gab es weder Google, noch war das Stottern nur annährend so erforscht wie heute und selbst in der heutigen Zeit, sind noch unzählige Fragen offen. Prinzipiell sei Stottern bei Kindern bis zum neunten Lebensjahr nichts Ungewöhnliches. Das wussten meine Mutter als Pädagogin und die Logopädin aus ihren Studienjahren. Bei mir war es allerdings anders. Durch das Einnässen und die Verschlechterung meines Stotterns ging die Logopädin nicht davon aus, dass ich zu den Kindern gehörte, bei denen die Stottersymptome einfache Entwicklungsmerkmale waren, von allein kamen und von allein wieder verschwinden würden. Sie hakte also bei meiner Mutter nach.

Gegenüber der Logopädin äußerte meine Mutter dann die Vermutung, dass es eventuell einen Zusammenhang zwischen den familiären Ereignissen, besonders der Trennung meiner Eltern und meinem Stottern geben könnte. Der enorme Stress meiner Mutter, so ihre eigene Vermutung, könnte mir nicht verborgen geblieben sein. Diese Äußerung brachte nicht nur das benötigte Licht ins damalige Dunkel der Ursachenforschung, sondern auch einen großen Stein ins Rollen. Für meine Mutter und die Logopädin ergaben sich aus diesen Puzzleteilen ein großes Ganzes. Zusammenhänge aus den familiären Ereignissen, meinem Einnässen und meinem Stottern.

Dieses große Ganze durfte ich zum ersten Mal vor meinem inneren Auge sehen, als ich meiner Mutter all meine Fragen stellte. Ich grub mit ihr die Ereignisse aus, über die wir vorher noch nie sprachen. Sie brachten für mich endlich eine Art des Verstehens so vieler Dinge, die ich zwar immer in mir spürte, aber nie einzuordnen wusste. Alle Fragen zu meinem Vater, zu meinem Stottern und die Fragen an meine Mutter konnte ich nicht nur endlich loswerden, ich bekam auch endlich Antworten und Erkenntnisse noch dazu.

1988 war ein Jahr der emotionalen Talfahrten. In unserer Familie rüttelte und schüttelte es gewaltig und meine Sprache geriet damit ins Stocken. Es war das Jahr, indem das Stottern in mir einzog und heute, über Dreißig Jahre später, ist das Stottern noch immer mein ganz persönliches Mitbringsel aus dieser Zeit. Mein Unterbewusstsein ließ nach den Gesprächen mit meiner Mutter etwas los und machte es so für mich greifbar. Ich konnte auch plötzlich andere, noch lose Teile in mir miteinander verbinden, die ich noch klar in Erinnerung hatte. Auch wenn diese Erinnerungen lange Zeit wie nicht zugehörig in mir herumschwebten. Ich konnte sie endlich greifen und mit meiner Vergangenheit zusammenfügen. Ein solches Teilchen betraf meine Erinnerungen an die Jahre, die ich im Internat verbrachte. Die wohl prägendste Zeit nachdem das Stottern in mir einzog.

Aufgrund der Verfestigung meines Stotterns und des Umfangs an benötigter therapeutischer Hilfe, den die Logopädin ausmachte, brachte sie eine Einrichtung für Kinder mit sprachlichem Förderbedarf in Leipzig ins Gespräch. Genauer gesagt das Internat einer Sprachheilschule. In einer Sprachheilschule wurden Kinder sowie Jugendliche unterrichtet und therapiert, die Sprach-, Sprech- oder Stimmstörungen aufwiesen. Dazu zählte auch das Stottern. Genau wie die Dyslexie, also die eingeschränkte Lesefähigkeit, Lispeln oder Nuscheln. Im Vergleich zum therapeutischen Angebot meiner Logopädin verfügte man dort über ein ganzheitliches Konzept, umfangreichere Betreuungsmöglichkeiten und tiefergreifendere Therapieansätze. Neben dem Schultrakt für Erst- bis Zehntklässler gab es auch einen Kindergarten. Dort, so die Logopädin, könne mir langfristig geholfen werden. Sie übergab meiner Mutter die Kontaktdaten.

Willkommen in meiner Welt

Begrifflich spricht man in meinem Fall vom klonischen Stottern. Es beschreibt das schnelle Wiederholen von Wörtern, Silben oder einzelnen Lauten. Das geschieht temporär, willensunabhängig und situationsgebunden. Ich kann es also nicht steuern. Weder unterdrücken noch hervorrufen. So kann sich ein „Guten Morgen“ bei mir schon einmal so anhören: „Gu-Gu-Gu-Gu-Guten Mo-Mo-Mo-Mo-Mo-Morgen.“

Ich würde es vom Prinzip her wie eine Ladehemmung beschreiben. So wie die Patrone im Lauf einer Schusswaffe klemmt oder feststeckt, so ist es bei mir das Wort, das meine Kehle einfach nicht verlassen will. Ich bin Zeugin dieses Schauspiels, stelle den Ort des Geschehens dar und spiele zugleich die Hauptrolle. Paradox. Ich spüre die Hemmung, das verkeilte Wort oder die klemmende Silbe und jedes Stolpern, immer wieder und wieder. Manchmal habe ich das Gefühl, es passiert alles in Zeitlupe.

Vielleicht kennst du das: Du stolperst und findest den Tritt nicht wieder, gerätst ins Straucheln und beginnst zu fallen. Jede Millisekunde erlebst du um ein Vielfaches länger. Die Zeit dehnt sich plötzlich aus. Deine Aufmerksamkeit ist fest im Moment verhaftet. Du erlebst, wie du fällst, deine Gedanken und Bewegungen sind nur darauf gerichtet. Alles um dich herum wird still. Deine Hände erheben sich zum Schutz, um den Aufprall abzufedern. Du bist Beobachter und Akteur zugleich. Als stünde eine zweite Version direkt neben dir und wird Zeuge dieses Schauspiels.

Während du dich wie in Zeitlupe immer weiter dem Boden näherst, schießen dir Gedanken durch den Kopf wie, hoffentlich sieht das jetzt keiner oder Fuck, das wird wehtun. Alles um dich herum scheint in diesem Moment an Tempo zu verlieren, nur damit du ganz im Bewusstsein des Fallens sein kannst. Die Zeit steht nahezu still. Deine Augen sind aufgerissen, deine Mimik erstarrt. Umgebungsgeräusche sind für dich noch immer nicht wahrnehmbar. Du bist in einem Tunnel.

Wenn dein erstes Körperteil den Boden berührt und langsam die Stauchung einsetzt, bist du immer noch näher dran als nur dabei. Erst das rechte Knie. Ein stumpfer Aufprall. Schmerzlos. Die beginnende Stauchung fährt Richtung Hüfte. Der Schub bringt weiteren Vortrieb in deine Arme, Hände und deinen Oberkörper. Dein Oberschenkel berührt den Boden und beginnt als Bremsklotz zu fungieren, während sich deine Hände auf den Bodenkontakt einstellen. Instinktiv reißt du dein Kinn nach oben, um deinen Kopf zu schützen. Zahnersatz ist schließlich teuer. Deine Hüfte neigt sich dem Boden entgegen und unterstützt den Oberschenkel in seiner Bremsfunktion. Hüftknochen trifft Asphalt. Deine Hände schließen sich an und schürfen mit den Ballen über den harten Untergrund. Splitter für Splitter bohrt sich unbemerkt in deine Handflächen. Dein Schmerzempfinden ist vom Adrelin betäubt. Dein Tempo verlangsamt sich mehr und mehr, da die Masse deines ganzen Körpers in Richtung Asphalt drückt. Du kommst zum Stillstand.

Langsam beginnst du dich zu orientieren. Du schaust dich nach links und rechts um. Plötzlich setzt der Lärm um dich herum wieder ein. Dein Knie, dein Oberschenkel und deine Handflächen fühlen sich wund an. Ein unangenehmes Brennen setzt zeitgleich ein. Splitt und andere Kleinteile stecken in der Haut deiner Knie und Handflächen. Es brennt immer mehr. Du bewegst dich langsam, versuchst aufzustehen und stöhnst leise auf. Das Adrelin verfliegt langsam und macht dem Schmerz Platz. Immer mehr Schmerz strömt nach und nach durch deinen Körper. Erst auf allen Vieren, danach der aufrechte Gang. Alles schmerzt. Jedes Detail brennt sich ein. Im Moment und für später. Noch Tage und Wochen danach bist du in der Lage, exakt zu beschreiben, was und wie dir geschehen ist.

So ähnlich geht es mir, wenn ich ins Stottern gerate. Ich spüre die Worte in meiner Kehle, das einsetzende Stocken, das Stottern. Die Zeit beginnt sich zu denen. Meine Aufmerksamkeit richtet sich zentral auf mein Stottern. Alles andere um mich herum wird ganz kurz still. Wiederholung um Wiederholung. Immer wieder dieser eine Buchstabe. Immer wieder dieser eine Laut. Die eine Silbe. Ich bin so aufmerksam, dass es mir leichtfällt, die Wiederholungen mitzuzählen, bevor das ganze Wort endlich meine Kehle verlässt. Währenddessen beobachte ich neben meiner eigenen auch die Hilflosigkeit meiner Zuhörer und fühle die Schamesröte in mein Gesicht steigen. Meine Wangen werden erst warm, dann rot und schließlich glühen sie. Die Scham ist mir buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Noch größeres Unbehagen setzt ein.

Die stockende Sprache lähmt für einen Moment meine Gesichtszüge. Ich bin Zeugin meiner eigenen Grimassen, die mir fest ins Gesicht gemeißelt sind, da sich die Zeit unendlich weiter ausdehnt und ich einfach nicht vorankomme. Als friert mein Gesicht ein. Das Wort steckt immer noch fest, während ich im Gesicht meines Gegenübers die Hilflosigkeit und sein eigenes Unbehagen ablesen kann. Ich spüre mein Blinzeln, das Zucken meiner Lippen, meine schräge Mundpartie und meine Zunge, die beharrlich eine gefühlte Ewigkeit an ein und dieselbe Stelle in meinem Mund schlägt. Als hängt mein Tape, als hätte meine Schallplatte einen Sprung. Unkontrollierbar für mich. Das Stottern kontrolliert mich in diesem Moment, es kontrolliert, wie ich mich fühle, nach außen gebe und von anderen wahrgenommen werde.

Neue Welt

Mit den Kontaktdaten der Sprachheilschule in der Tasche, machten sich meine Mutter und ich nach dem letzten Besuch bei der Logopädin auf den Weg nachhause. Wenige Tage später vereinbarte meine Mutter bereits einen Termin mit der Schulleiterin. Diese lud uns ein, die Schule und das dazu gehörige Internat zu besichtigen, um einen ersten Eindruck zu erhalten. Sie würde uns herumführen und wir könnten uns alles einmal anschauen. Gesagt, getan. Wir fuhren bald darauf nach Leipzig.

Für meine Kinderaugen war die schiere Größe dessen, was sich nach einer guten halben Stunde Autofahrt vor mir als Schule auftat, nicht zu erfassen. Ein riesiger mehrstöckiger Komplex mit mehreren Gebäudeteilen, Schulhof und Grünanlagen. Eine gewaltige Waschbetonfassade brachte mich zum Staunen. Große Braune Fenster waren von innen mit Basteleien beklebt. Vom Gehweg aus eröffnete ein kurzer, aber breiter Vorplatz das riesige umzäunte Areal. Eine breite Treppe mit einer Hand voll Stufen führte hinauf zum Eingangsbereich. Vier Flügeltüren reihten sich aneinander. Sie waren ebenfalls braun und hatten getönte Glaseinsätze.

An der Hand meiner Mutter stieg ich Stufe für Stufe hinauf Richtung Tür. Wir betraten das Gebäude. Aus seinem Pfortenhäuschen Seite begrüßte uns ein besonderer Mann. Es war der Pförtner. Das hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Ein Mann, der in einem Glaskasten sitzt und aufschreibt, wer da vor ihm steht. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und presste neugierig meine Wange an die Scheibe, um zu sehen, was alles auf seinem Schreibtisch stand. Ich sah eine große Telefonanlage mit unzähligen Knöpfen und Schaltern. Einige leuchteten oder blinkten. Ich sah zu ihm hoch und er sah mir grinsend in die Augen. Ich sank von meinen Zehenspitzen zurück auf meine Füße und ging einen Schritt vom Pförtnerhäuschen zurück. Meine Mutter trat vor und meldete uns bei ihm an. Er bat uns einen Moment zu warten und nahm den Telefonhörer, um zu telefonieren.

Dort standen wir also und warteten in einem riesigen Foyer mit großen dunklen Mamorfliesen, die blau-schwarz und dunkelgrün schimmerten. Sie glitzerten auch bisschen. Einige Erwachsene und Kinder liefen an uns vorbei und verschwanden nacheinander in einem der unzähligen Gänge. Ich wusste gar nicht recht, wo ich hingucken sollte.

Lange Fensterfronten links und rechts des Foyers boten mir einen Blick in die Gärten, die sich auf beiden Seiten um das Gebäude herum befanden. Der rechte war eine Grünanlage und wirkte auf mich fast wie ein Dschungel. Große Pflanzen, Hecken, Büsche und Bäume und einem dunklen grün reihten sich wild aneinander. Der Garten auf der linken Seite wurde als Schulhof und Spielbereich genutzt. Alles war so groß, dass meine Augen schon müde wurden. Ich stand schüchtern und beeindruckt neben meiner Mutter und hielt ihre Hand ganz fest.

Kurze Zeit nach meinem optischen Rundflug wurden wir von der Schulleiterin empfangen und der Rundgang durch die Sprachheilschule und das Internat begann. Während ich aus dem Staunen nicht mehr rausfand und meine Augen immer müder wurden, ließ sich meine Mutter geduldig von A bis Z alles erklären. Entstehungsgeschichte, Betreuungs- und Therapiekonzept, Auslastung des Internats, Kindergartenbereich, Schultrakt, Tagesablauf, Freizeitangebote, Schlafräume, Außenanlage mit Spielplatz, Umgebung und so weiter.

Die Leiterin führte uns währenddessen durch die Räume. Als wir im Speisesaal ankamen, traute ich meinen Augen kaum. Es war der größte Raum, den ich jemals gesehen hatte. Ich konnte schon zählen, aber es waren zu viele Stühle und Tische, die in mehreren Reihen den gesamten Raum ausfüllten. An der hinteren Wand hing ein riesiges Holzmosaik. Es zeigte verschiedene Märchenfiguren, wie Rotkäppchen und mit dem bösen Wolf oder die sieben Geißlein mit ihrer Mutter. Mit meinen kleinen Fingern tastete ich die Erhebungen ab. Auch das hatte ich noch nie gesehen, geschweige denn berührt.

Immer mal wieder wandte sich meine Mutter zu mir und wies mich auf etwas hin, von dem sie dachte, dass es mich besonders begeistern könnte. Auch fragte sie, ob mir gefallen würde, was ich sah. Sie erklärte mir, wozu das eine oder andere gut oder nötig war. Ich nickte wohl bei allem, was mir gezeigt und erklärt wurde ohne es wirklich in Gänze zu erfassen. Ansonsten war dieser Besuch für mich nicht direkt damit verbunden, in naher Zukunft dort zu leben. Dieser Gedanke war noch weit weg von mir. Dass ich bald an diesem Ort spielen, essen, schlafen, lernen und damit leben würde, war für mich noch nicht zu begreifen. Ich war beeindruckt von dem, was ich sah. Ich war neugierig und fand vieles klasse, aber eben wie bei einem Ausflug, als Abenteuer und danach ging es wieder nachhause.

Als der Rundgang beendet war, besprachen meine Mutter und die Schulleiterin noch die Formalien, während ich wieder neben dem Pförtnerhäuschen im Foyer stand und versuchte, das Gesehene in meinem kleinen Kopf zusammenzupuzzeln. Meine Mutter rief mich zu sich, wir verabschiedeten uns von der Leiterin und traten die Rückfahrt nachhause an.

Aus späteren Gesprächen mit meiner Mutter weiß ich, dass sie vom Gesamtkonzept überzeugt war. Sie war sich sicher, dass ich dort in guten Händen wäre. Kurz nach unserem Besuchertag meldete mich meine Mutter daher im Kindergarten der Sprachheilschule an.

„Bald bin ich weg.“ Mit diesem Satz hüpfte ich dann Mitte des Jahres 1989 durch meine Kindergartengruppe. Zugegeben es musste sich anders angehört haben. Weniger flüssig. In etwa so: „Ba-Ba-Ba-Ba-Bald bin i-i-ich w-w-w-w-weg.“ Diesen letzten Tag in meinem alten Kindergarten verbrachte ich mit meinen Freundinnen und Freunden, malte meiner Lieblingserzieherin ein letztes Bild, im Garten tobte ich ausgelassen und ich lachte mich über irgendwelche Dinge schlapp. Ich war unbeschwert und fühlte mich wohl. Alles war wie immer. Mit einem Unterschied. An diesem Freitag sagte ich nicht „B-B-B-Bis Mo-Mo-Mo-Mo-Montag!“, an diesem Freitag war der Abschied für länger, was ich allerdings nicht wirklich begriff. Ich wusste ja nicht, dass ich meine Freundinnen und Freunde aus dem Kindergarten erst knapp fünf Jahre später wiedersehen würde. Das klingt heute total verrückt, aber so war es. Niemand wusste oder konnte sagen, wie lange ich im Internat bleiben musste.

Aufregung und Vorfreude waren ein besonderer Cocktail, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wer mir den eingeflößt hatte. Vermutlich aber meine Mutter und all die anderen Zuspruch spendenden Stimmen, die mir sagten, wie toll es im Internat sei und dass mein Stottern dadurch besser werden würde. Ich wurde vom guten Zureden angesteckt und war schon ganz aufgeregt. Ich in der großen Stadt. Ich im Internat. Der Tag rückte immer näher.

Wochenendtochter & Wochenendschwester

Mit fünf Jahren realisierte ich nicht, was ein Internatsleben wirklich bedeutete. Ich hatte nicht die geringste Vorstellung davon. Natürlich vertraute ich auf die Entscheidungen meiner Mutter. Wer tut das nicht mit fünf Jahren? Sie erklärte mir am Tag, als es soweit war – es war ein Sonntag – noch einmal, weshalb das Internat richtig und wichtig für mich war und erinnerte mich an den Rundgang, den wir mit der Leiterin dort gemacht hatten. Daran was wir alles entdeckt hatten. In meinem Kopf wirkten sowohl die Bilder des Rundgangs als auch die Worte meiner Mutter. Wie toll es dort wohl sein würde und was dort alles auf mich wartete? Ich freute mich, als wir losfuhren, war aber auch etwas nervös. Jetzt galt es für mich stark zu sein, das wusste ich und ich merkte es auch daran, dass meine Mutter selbst irgendwie anders war.

Je näher wir dem Internat kamen, desto mulmiger wurde mir. Ich bekam Angst und wollte am liebsten umkehren. Meine Mutter versuchte mich zu beruhigen, indem sie wieder und wieder sagte, dass sie mich bald wieder abholen würde. „Nur bis Freitag, dann hole ich dich wieder ab.“ Ich hatte keine Ahnung, wie lange „nur bis Freitag“ war. Ich war fünf und konnte nicht mal die Uhr lesen. Ich wusste nur, dass mir bei dem Gedanken daran, von meiner Mutter getrennt zu sein, sofort die Tränen in die Augen schossen. Ich hatte auch keine Ahnung davon, dass „nur bis Freitag“ für alle Wochen der kommenden fünf Jahre gelten sollte. Das wusste damals nicht einmal meiner Mutter.

Als wir im Internat ankamen, wurden wir bereits erwartet. Ich war zudem nicht die Einzige, die bereits am Sonntag anreiste. Meine Mutter, meine Brüder und ich folgten der Erzieherin, die uns zu einem großen Schlafzimmer führte. Dort würde ich und drei weitere Mädchen schlafen, erklärte sie uns. Es gab zwei Doppelstockbetten, zwei Schränke, einen Tisch und vier Stühle. Ich durfte mir ein Bett aussuchen und wählte das untere Bett an der Wand zum Fenster. Während ich mich umsah, räumte meine Mutter meine Kleidung in meinen Schrank, bezog mein Bett und setzt mein Kuscheltier aufs Kopfkissen. In diesem Moment ahnte ich wohl, was als Nächstes kam und fing schon vorsorglich an zu weinen. Ich klammerte mich abwechselnd an meine Mutter und meinen großen Bruder. Ich war überhaupt nicht mehr überzeugt davon, dass ich ins Internat gehörte. Ich wollte kein Internatskind mehr sein.

„Am Freitag hole ich dich schon wieder ab.“ Sagte meine Mutter immer wieder mit ruhiger Stimme, aber ich wollte sie nicht loslassen. Nach einigen Minuten kam die Erzieherin dazu. Nun versuchten die beiden gemeinsam mich mit gutem Zureden von meiner Mutter loszubekommen.

„Es wird Zeit.“ Sagte die Erzieherin.

„Du wirst sehen, die Zeit wird ganz schnell vergehen.“ Sagte meine Mutter und hatte dabei selbst Tränen in den Augen. Ich heulte Rotz und Wasser. Es fiel mir endlos schwer, von meiner Mutter Abschied zu nehmen.

Innerhalb weniger Stunden lernte ich ein neues Wort: Heimweh. Davon erzählte mir vorher niemand etwas. Dieser stechende Schmerz in meinem Herzen, der mir auch noch die Kehle zuschnürte. Er kam immer wieder. Nicht nur an diesem Anreisetag, sondern auch an den Tagen darauf. Mitten am Tag. Beim Essen. Beim Spielen. Und am schlimmsten war es am Abend, wenn ich ins Bett gehen musste.

Dass meine Mutter nicht da sein würde, wenn dieses „Heimweh“ da war und dass es schrecklich weh tat, ich dabei kaum Luft bekam und immer zu weinte, verschwiegen mir alle vorher. Genau wie die Tatsache, dass die Regeln in einem Vierbettzimmer andere waren, als zuhause wo ich mir das Kinderzimmer nur mit meinem Bruder teilte. Meine Mutter erzählte mir auch nicht, dass ich darauf verzichten musste, dass sie mich am Abend ins Bett bringt, zudeckt und mir einen Kuss gibt. Sie sagte mir nicht, dass dies Erzieherinnen übernehmen würden, deren Arbeitsschichten im Wochenrhythmus wechselten. Dass ich Monate später ohne meine Mutter schwimmen lernen und mein Seepferdchen machen würde, dass ich meine Geburtstage der kommenden fünf Jahre ohne sie feiern würde, dass ich ihr meine ersten Schulnoten nicht sofort stolz wie Bolle unter die Nase halten würde und dass jede Umarmung und jeder Kuss von ihr aufs Wochenende verschoben werden würde, wusste ich auch nicht. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie doof es sich anfühlen würde, wenn ich montags aufs Knie fiel und erst am Freitag von meiner Mutter getröstet wurde, wenn ich ihr dann die bereits grindige Wunde präsentierte. Ich wusste nicht mal, ob ich ihr alles erzählen konnte, was ich erlebt hatte. Und dass es unendlich einsam und gruselig im Internat war, wenn ein Feiertag auf einen Wochentag fällt und ich mit einer Hand voll anderen Kindern im Internat bleiben musste, „weil sich die Fahrerei nicht lohnt,“ erzählte mir vorher auch niemand.

Das Internatsleben war für mich als Fünfjährige kein großes Abenteuer, sondern eine frühe Herausforderung. Ich habe weder Sehnsucht, Tränen, Alleinsein noch dieses neue „Heimweh“ erwartet. Mein kleiner Gedankenkosmos konnte das Unbekannte vorher gar nicht produzieren. Ich hatte gerade am Anfang große Schwierigkeiten, mich dort einzufinden und ohne meine Mutter zu sein. Und auch immer mal wieder gab es Momente, die mich emotional in die Knie zwangen. Wenn ich krank wurde zum Beispiel und mit einer Erkältung allein auf der Krankenstation lag. Das waren Momente, als ich nachhause wollte und die Nase voll davon hatte, auf Freitag zu warten.

Meine Zeit im Internat kann man mit einem Internatsaufenthalt aus dem Jahr 2021 nicht gleichsetzen. An dieser Stelle ist mir wichtig, kurz diesen Vergleich zu ziehen. Denn wer heute an ein Internat denkt, verknüpft sie mit den Gegebenheiten der heutigen Zeit. Vielleicht mit Smartphones, täglichen Anrufen zuhause, Selfies vom Schulhof und Sprachnachrichten zur Aufmunterung. Damals war alles eine Spur einsamer. 1989 wehte noch die DDR-Flagge am Leipziger Rathaus. Das iPhone sollte erst achtzehn Jahre später auf den Markt kommen und wer zuhause ein Telefon besaß, gehörte schon zur upper class. Und ich spreche von einem Telefon mit Schnur!

Niemand hätte damals an etwas wie FaceTime oder SMS gedacht. Helikoptereltern wären daran wohl zerbrochen. Ich schickte meiner Mutter keine Sprachnachrichten, Handyfotos von meinem Tag oder von unseren Ausflügen, weil es diese technischen Geräte nicht gab. Briefe oder Postkarten schrieb ich nicht, weil ich noch nicht schreiben konnte und auch als ich älter wurde, waren fünf Tage keine wirkliche Zeitspanne, um einen Brief loszuschicken. Er wäre wohl erst nach mir zuhause angekommen. Sobald mich meine Mutter sonntags oder montags im Internat abgegeben hatte, lief für mich die Zeit ohne sie. Keine Telefonate. Keine Sichtkontakt. Nichts. Bis es freitags wieder nachhause ging.

Wenn ich an den Wochenenden zuhause war, blieb ich meist bei meiner Mutter und spielte zuhause. Ich war aufgrund meines Stotterns innerlich eher schüchtern, auch wenn ich in meiner gewohnten Umgebung aufgeweckt war. Ich kannte nur ein Mädchen in der unmittelbaren Nachbarschaft, mit dem ich ab und zu draußen auf dem Wäscheplatz vorm Haus spielte. Alle anderen Kontakte zu meinen alten Kindergartenfreunden gingen verloren.

Die Zeit zuhause war für mich rar und kostbar. Die gesamte Woche über fieberte ich dem Freitag entgegen, an dem es endlich wieder zu meiner Mutter durfte. Sie war es, die mir in der Woche am meisten fehlte. Die Wochenenden waren ein großer und langer Versuch, meine Sehnsucht abzubauen, indem ich meiner Mutter so nah wie möglich sein wollte. Ich wollte auffüllen, was während der Woche im Internat immer leerer wurde: Mein Nähetank.

Die Bindung zwischen meiner Mutter und mir, wurde jede Woche durch unsere räumliche und emotionale Trennung wie ein Gummiband gedehnt, damit immer dünner und auf die Zerreißprobe gestellt. Stell dir ein dickes Gummiband vor, das sich spannt, wenn du es auseinanderziehst und dessen kräftige Farbe dadurch immer blasser wird. Lässt du das Band locker, lässt die Dehnung nach und es zieht sich wieder zusammen. Wiederholt man das zu oft oder wird das Gummiband überdehnt, zieht sich das Band nicht in seinen ursprünglichen Zustand zurück. Es verliert an Elastizität, wird porös und gleichzeitig schlaffer. Die Farbe verblasst an den besonders beanspruchten Stellen. Kleine Risse entstehen. Genau das passierte mit der Bindung zwischen meiner Mutter und mir.

Unser unsichtbares Band, die Verbindung zwischen meiner Mutter und mir, glich einem immer wieder und weiter gedehnten Gummiband. Jede Woche aufs Neue hieß es Abschied nehmen. Unser Band wurde strapaziert. Jede Woche Heimweh, Tränen und Sehnsucht, die daran zerrten. Dann das Wochenende. Etwas Entlastung und Erholung für unsere Mutter-Tochter-Verbindung. Doch die Wochenendstunden reichten irgendwann nicht mehr aus, um unser Band wieder in den Ursprungszustand zurückzuschrumpfen. Die Wochenenden reichten mir nicht aus.

Ich hatte mich noch gar nicht wieder an meiner Mutter gewöhnt, da saß ich schon wieder im Auto zurück ins Internat. Mein Kuschel- und Nähetank waren nicht ansatzweise so voll, als dass ich daraus die Woche überstehen konnte. Dabei wollte ich nichts mehr, als zuhause sein, mehr von meiner Mutter haben und mehr mit meinen Brüdern zusammen sein. Ich wollte meinen Kuscheltank auffüllen und Zeit mit meiner Familie verbringen. Stattdessen lag mir am Wochenende die Gewissheit schwer im Magen, nach nur knapp zwei Tagen wieder abzureisen. Auch wenn ich nach außen im Moment lebte und ein fröhliches Kind war, das spielte und lachte, war ich innerlich nicht stark genug für dieses Internatsding. Mir war ständig bewusst, wie vergänglich diese kostbare Zeit zuhause war und es machte mich mehr als traurig.

Jeden Sonntag tauschte ich gezwungenermaßen meine Mutter gegen eine Hand voll Erzieherinnen und meine Brüder gegen unzählige andere Kinder im Alter von fünf bis sechszehn Jahren. Freitags dann alles retour. Statt meiner Mutter waren es nun andere Frauen, die den Großteil meiner Erziehung beeinflussten und übernahmen. Sie trösteten mich, kuschelten mit mir, erklärten mir die kleine Welt, in der ich lebte und die große, die in Zukunft auf mich warten würde. Sie schimpften auch mit mir, wenn ich etwas ausgefressen hatte. So gern ich sie auch hatte, sie konnten meine Mutter weder ersetzen noch reichten sie an sie heran. Sie rochen anders, nicht vertraut, sondern fremd. Sie sprachen anders, verhielten sich anders. Sie fühlten sich beim Kuscheln anders an. Manchmal wollte ich sie nicht umarmen, denn ich wollte zur selben Zeit meine Mutter, die ich in meinem Inneren so festhielt, nicht loslassen.

Manchmal dachte ich dann, ich würde meine Mutter verletzen oder sie könnte böse auf mich sein, wenn sie sehen würde oder wüsste, dass ich mich in den Armen meiner Erzieherinnen für eine kurze Zeit wohl und geborgen fühlte. Vielleicht wollte meine Mutter nicht, dass ich mit ihnen kuschelte? Ich dachte manchmal, ich würde meine Mutter dadurch verraten. Dann steckte ich einfach fest. In meiner Angst und zwischen den beiden Welten. Zwischen dem Internat und meiner Familie.

Mein Stottern zu verbessern, war mein oberstes Ziel. Also versuchte ich im Internat alles daran zu setzen, den Erwartungen und Anforderungen zu entsprechen. Ich stand pünktlich auf, machte mein Bett, putzte meine Zähne, wusch mich und machte mich für den Tag fertig. Ich folgte dem geplanten Tagesablauf, war gut in der Schule und achtete beim Essen darauf, nicht zu kleckern und vor allem nicht zu viel zu schwatzen. Am nächsten Tag das Gleiche wieder von vorn. Ich hatte gute und schlechte Tage, aber ich versuchte tapfer und stark zu sein.

Im Internat zu bestehen hieß für mich besonders, zu lernen, mich in dieses neue System von Zusammensein einzufinden. Eine viel größere und gleichzeitig anonymeres Gemeinschaft. Ich war nicht mehr die kleine Schwester oder die jüngste Tochter. Ich war nicht mehr das einzige Mädchen in der „Familie.“ Ich war eine von vielen und konnte die anderen gar nicht alle zählen. Ich lernte in kleinere Stücke zu teilen und meine Sachen beisammenzuhalten. Statt in unserem kleinen Bad, wusch ich mich an einem von zehn Waschbecken und stand neben sechs anderen Mädchen unter der Dusche, während im Flur schon die älteren Mädchen ungeduldig warteten. Am Abend buhlten wir manchmal um die Aufmerksamkeit der Erzieherinnen. Wenn ich aber nachts Angst hatte, blieb ich still liegen, weil ich wusste, dass meine Mutter sowieso nicht kommen würde, wenn ich nach ihr rief. Rief ich dann doch einmal, weil die Angst im Dunkeln zu groß war, erklärte ich einer Erzieherin, die ich mit Du und ihrem Nachnamen ansprach, wovor ich so große Angst hatte. Das Heimweh hörte einfach nie auf.

Zum Leben im Internat gehörte für mich natürlich auch die Sprech- und Sprachtherapie. Ich saß beispielsweise mit Kopfhörern auf meinen Ohren neben einer Therapeutin und hörte zu, wie eine mechanische Stimme allerhand Wörter vorsagte, die ich dann im selben Tempo nachsprechen sollte. Das war eine Übung, um langsam und ruhig zu sprechen. Innere Ruhe statt Hektik. Wie ein Papagei wiederholte ich die Worte. Langsam und ruhig. Darüber hinaus machten wir Übungen für eine verbesserte Atemtechnik. Stotternde Menschen atmen häufig erst aus und sprechen dann, somit geraten sie häufiger ins Stottern, weil ihnen förmlich die Luft wegbleibt. So war es auch bei mir. Was ich mir antrainierte war also: Erst einatmen und mit dem Ausatmen sprechen. Mit dieser Übung zur Atemtechnik entsteht eine Art Redefluss oder Redestrom, der das flüssige, stotterfreie Sprechen unterstützt und begünstigt. Da ich neben meinem Stottern auch besonders schnell sprach (und noch immer spreche), standen diese beiden Übungen fast jede Woche auf dem Plan.

Mein Stottern verbesserte sich durch meinen Aufenthalt im Internat und die intensive Therapie von Monat zu Monat. Das kann ich heute noch in meinem „Muttiheft“ nachlesen. Jede Woche schrieben dort meine Erzieherinnen oder Lehrerinnen die wichtigsten Informationen für beziehungsweise an meine Mutter hinein.

„Bitte geben Sie Josefine frische Bettwäsche mit.“ – Du hast ja schon erfahren, dass die nicht gestellt wurde. So konnte ich ein Stück von zuhause mit ins Internat nehmen und den Geruch von zuhause gleich mit.

„Josefine macht gute Fortschritte. Bitte lassen Sie sich von ihr die Atemtechnik erklären und üben Sie diese mit ihr.“

„Josefine kennt das Lied vom Luftballon. Lassen Sie es sich von ihr vorsingen.“

„Josefine hatte zu Beginn der Woche – verständlicherweise – großes Heimweh.“ Eines dieser „Muttihefte“ besitze ich noch und bin beim Lesen hin- und hergerissen. Die Zeilen darin zeugen von dem, was ich erreicht, erlernt und erlebt habe. Voller Stolz und Freude. Meine Fortschritte, Höhen und eben auch meine Tiefen. Sie hielten damit auch die schweren Zeiten schwarz auf weiß und Zeile für Zeile fest.

Ich spüre heute noch ganz deutlich, dass die beiden Welten, in denen ich lebte und zwischen denen ich zweimal wöchentlich wechselte, manchmal einfach zu groß und damit auch alles damit Verbundene zu viel für mich waren. Ich kann es heute noch fühlen. Ich verlor manchmal regelrecht den inneren Halt und tiefen Kontakt zu meiner Familie. Dann hasste ich es, dort zu sein. Ich hasste das Stottern und dass es mich im Internat festhielt. Ich suchte dann nach etwas, das mir Orientierung gab, mich tröstete und für mich da war. Meist waren es die Erzieherinnen, die mich versuchten aufzufangen. So wurde das Internat über die Jahre zu einem Ort, an dem ich sowohl etwas fand als auch Vieles verlor.

Ich verlor die innige und grundtiefe Verbindung zu meiner Mutter. Je mehr ich mich im Internat einlebte und mich an die Menschen dort gewöhnte, desto mehr entwöhnte ich mich irgendwie von ihr. Die wachsenden Bindungen zu meinen Erzieherinnen schoben sich allmählich zwischen die Bindung von mir zu meiner Mutter. Das tat mir besonders weh, weil ich das nicht einordnen konnte. Ich hatte sie nicht lieber als meine Mutter, aber ich lernte, dass der Trost einer Erzieherin mehr war als gar kein Trost. Diese Worte zu schreiben, schmerzt mich heute besonders. Meine Mutter und ich führten unter der Woche getrennte Leben und das sollte doch nicht sein, wenn man fünf, sechs, sieben, acht oder neun Jahre alt ist.

Manchmal hätte ich alles dafür gegeben, meine Mutter am Abend bei mir zu haben. Von ihr ins Bett gebracht zu werden. Mit ihr auf der Couch zu liegen und mir von ihr liebevoll den Kopf oder Rücken streicheln zu lassen. An sie gekuschelt meine Augen zu schließen, ihren Geruch einzuatmen und ihren ruhigen Herzschlag zu hören. Mich immer dichter und näher an sie zu schmiegen, förmlich in sie reinzukrabbeln. Ihre gleichmäßigen Atemzüge als weichen, leisen Luftstrom auf meiner Stirn zu spüren. In ihren Armen zu liegen und darin, erfüllt vom wir, von dieser wohlfühlenden Sicherheit und Nähe, einzuschlafen. Solche Momente fanden in meinen Gedanken und Wünschen statt, bis ich sie an den Wochenenden versuchte mit Leben zu füllen.

In mir verfestigte sich der Gedanke, geduldig darauf zu warten und dann alles mitzunehmen, was ging. Allerdings immer mit dem Gedanken der Vergänglichkeit in mir, weil ich doch immer wusste, dass es nach dem Wochenende wieder ins Internat ging. Meine Gedanken warnten mich: „Gewöhn dich nicht zu sehr daran, bald ist es wieder vorbei.“ Oder „Halt es nicht zu fest, du musst es wieder hergeben.“

Es war ein ewig langes, verwirrendes und vielseitiges Hin und Her. Denn als das Internat zu meinem Lebensmittelpunkt wurde, wurde ich zu einer Wochenendtochter und Wochenendschwester. Damit war ich an den Wochenenden in meinem eigenen Zuhause zu Besuch. Das wird mir heute noch daran bewusst, dass ich mich trotz meiner Sehnsucht an nahezu kein Wochenende erinnern kann, an dem ich zuhause war. Mir fehlen so viele Erinnerungen an Ausflüge, Familienfeiern oder Erlebnisse, die zuhause stattgefunden haben. Die Wochenenden bei meiner Familie sind für mich überwiegend eine logische Tatsache. Ein Faktum, das beweisbar ist, ohne dass ich bewusste Erinnerungen damit verknüpfen kann. Im Vergleich dazu erinnere mich an unzählige Einzelheiten aus meinem Internats-Zuhause.

Als Internatskind verstand ich mit der Zeit, dass mich Weinen und Widerstand nicht nachhause brachten. Als Internatskind verstand ich auch, dass ich an diesem Ort war, um meine Sprache zu verbessern und wenn ich das geschafft hatte, sind alle stolz und ich darf nachhause. So einfach war das damals in meinem Kopf. Die logische Konsequenz für mich war es dann, zu tun, was von mir erwartet wurde, um dieses Ziel zu erreichen und gleichzeitig mit den Konsequenzen zurechtzukommen. Auch das schleifte ich zu lange in abgewandelter Form mit durch mein Leben. Aber zu diesen Leitplanken komme ich in einem späteren Kapitel noch ausführlicher.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

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Objętość:
200 str.
ISBN:
9783753191393
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Bookwire
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