Czytaj książkę: «Paradies am Teich»
Jörn Holtz
Paradies am Teich
Metamour Teil 2
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
PROLOG
Rendezvous
Gelebte Utopie
Dubios
Der karnivore Geliebte
Apologie
Beltane
Hereinbrechende Gestirne
Bizarrer Habitus
Provokative Reunion
Himmel, Erde und Anderswelt
Pavor
Die Erkenntnis
Das Ende des Festes
Morgendämmerung
Kompensierende Fairness
Drangsal
Zurück in Saint Tropez
Succubus
Chère grand-mère
Die neuen Sommergäste
Ein kleines Universum, in einer großen Petrischale
Jähe Entfaltung
Zwielicht
Futuristik
Martyrium
Zäsur
Offenbarung
Palingenese
EPILOG
Impressum neobooks
PROLOG

„Der ärgste Feind, ist nicht um uns herum, er ist in uns
und meldet sich dann immer zu Wort,
wenn es still um uns herum wird.
Ihn kannst du nicht bekämpfen,
ihn kannst du nur lernen zu verstehen,
und zu lieben. Lerne wieder zu Lieben!“
Für Frau S.
‚Wieso?‘, fragte er sich gerade noch, als er mit einem Mal hellwach war. Danach war er nicht mehr in der Lage, auch nur irgendeinen Gedanken zu erfassen, da ein in doppeltem Sinne wahnsinniger Schmerz von seinem rechten Bein ausgehend, den ganzen Körper hinauf strahlte. Wie von Sinnen wälzte er sich daraufhin auf seiner Schlafstätte hin und her, während er seinen rechten Oberschenkel fest umklammert hielt. Doch das Gefühl, als ob man ihm gerade ein glühendes Stück Eisen in die Wade rammte, wollte nicht nachlassen.
‚Wieso?‘, fragte er sich erneut, als er nach einer gefühlten Ewigkeit völlig verschwitzt und außer Atem auf den Atlantik hinaussah.
Jedoch nach dem Warum, fragte er schon lange nicht mehr. Denn er hatte sehr schmerzhaft lernen müssen, dass wenn man diese Frage zu beharrlich stellt, man aufpassen sollte, was man als Antwort zurückbekommt.
Außerdem wollte er nicht mehr trauern oder sich selbst bemitleiden. Vor allem aber wollte er kein Mitleid mehr in den Blicken der anderen entdecken, wenn sie ihn ansahen. Denn jeder dieser Blicke brannte sich in seine Seele und verfolgte ihn des Nachts in seinen Träumen. Und auch wenn er für jeden dieser Blicke einen Euro bekommen hätte und er aufgrund dessen jetzt wohl ein reicher Mann wäre, könnte er sich dennoch nicht das kaufen, wonach er sich an meisten sehnte, neben all den anderen Dingen, die er damals in nur einer Nacht verloren hatte.
Zwar hatte er gelernt mit den Folgen zu leben, dennoch spürte er seinen Verlust auf Schritt und Tritt.
Aus diesem Grund, sowie aus der Summe der vielen anderen kleineren Befindlichkeiten erwuchs in ihm irgendwann die Erkenntnis: Dass, wenn sich die Dinge nicht mehr ändern lassen, man dennoch die Wahl hat, wie und wo man weiter vegetiert. Und so war er über diverse Umwege hier gelandet.
Hier das ist die Playa de las Arenas, ein Traumstrand vieler Aussteiger, die hier, ebenso wie er, nach dem Sinn des Lebens oder irgendwas anderem suchten. Doch bis auf die Erkenntnis, dass dieser Traumstrand nicht weiß, sondern schwarz ist, war seine Suche bisher erfolglos geblieben, was sich wunderbar in seine Gesamtsituation einfügte.
Dennoch mochte er seine Einsiedelei direkt am Wasser. Denn nur im Wasser fühlte er sich wirklich frei und unbeschwert, da er nur dort alles vergessen konnte, was ihn im Alltag ansonsten behinderte. Außerdem hatte er die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, ein paar Delphine zu treffen, auch wenn alles andere ihm zumeist hoffnungslos erschien.
Rendezvous
‚Mist, das hatten wir doch alles schon!‘, schreckte Martin aus einem dieser sich seit Jahren endlos wiederholenden Alpträumen hoch, als er von draußen eine ihm unbekannte Stimme hörte.
Wobei ihm bewusst war, dass er an diesem Strandabschnitt nicht allein war. Nur hatte er mittlerweile eine Abneigung gegen diese gemeinen Touristen entwickelt, die vor seiner Höhle immerzu dieselben Geschichten aus irgendeinem billigen Reiseführer vorlasen: ‚Ja, ja dies hier ist die legendäre Schweinebucht, mit dem noch gut erhaltenen Kackfelsen bla, bla, bla…‘. Als ob eine öffentliche Latrine eine Touristenattraktion sein könnte?
Und tatsächlich hörte er wieder jemanden diese Geschichte erzählen. Nur war die Geschichte dieses Mal viel lebendiger als sonst, so als ob die Erzählerin diese längst vergangene Zeit selbst miterlebt hatte. Doch nein, das konnte nicht sein, denn dazu hörte sich diese Stimme viel zu jung an. Deshalb erhob er sich neugierig von seiner Lagerstätte und schleppte sich zum Ausgang, um zum Strand hinunterzuspähen.
Geblendet von der schon tiefstehenden Sonne, kniff er zunächst einmal blinzelnd die Augen zusammen, dann betrachtete er die Gestalt der drahtigen, mittelalten Blondine im Gegenlicht, welche gerade diese Geschichte sehr anschaulich zwei anderen Personen erzählte, die ebenfalls nicht genau zu erkennen waren. Dabei stellte er ärgerlich fest, dass die Sonne gleich unter gehen würde.
Denn der Sonnenuntergang war eins der schönsten Dinge, was diese Bucht zu bieten hatte. Dies schienen wohl auch die Fremden zu wissen, da diese gerade ihre mitgebrachten Strandmatten ausrollten. Als die Blondine auch noch eine Gitarre vom Rücken nahm und anfing mitgebrachtes Holz aufeinander zu schichten, wurde er noch ungehaltener, da dies seinen Plan für den Abend wohl gänzlich vereitelte. Daher blieb ihn nichts anderes übrig, als im Schatten seiner Höhle zu verharren, wobei er die schmächtige Blondine des Trios beobachtete, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Sie schien anders zu sein, als ihre beiden Begleiter und das lag nicht nur an ihrer äußeren Erscheinung. Denn sie trug eine braune Culotte, ein passendes lilafarbenes, nabelfreies Top, ein gleichfarbiges Tuch, dass ihre Haare zusammenhielt sowie eine lange Holzkette, die aus mittelgroßen Kugeln bestand, dessen Ende ein Amulett aus Bernstein schmückte. Was in etwa seiner Vorstellung von den Freaks entsprach, die hier irgendwann einmal gehaust haben mussten.
Nachdem er sie eine Zeitlang beobachtet hatte, war er endgültig davon überzeugt, dass sie von dieser Insel stammen musste, auch wenn sie nahezu akzentfrei Deutsch sprach. Ihre beiden Begleiter hingegen, waren eindeutig deutsche Touristen.
Nachdem die Sonne endgültig im Meer versunken war und die zarte Blondine die Gitarre zur Seite gelegt hatte, erstarrte er überrascht. Denn plötzlich fing sie an sich auszuziehen und das nur knapp zwanzig Meter von ihm entfernt. Gut beleuchtet, durch das helle Licht des nahezu vollen Mondes, konnte er nun deutlich ihren sehnigen Körper erkennen, den sie völlig ungeniert vor ihren Begleitern präsentierte.
Er konnte sein Glück noch gar nicht richtig fassen, da folgte die athletische Brünette ihrem Beispiel und ließ ihr Kleid einfach in den schwarzen Sand hinuntergleiten, was ihm endgültig den Atem verschlug.
Denn auch ihren Körper konnte er nun deutlich im silbrigen Mondlicht erkennen und diesen konnte man auch einfach nicht übersehen, da unter ihrem weiten Sommerkleid ein, für eine Frau ungewöhnlich muskulöser Rücken auftauchte, der wohl nur von jahrelangem exzessivem Training herrühren konnte.
‚Oh, man!‘, lechzte er leise, während er kurz neidisch auf ihren Begleiter starrte. Der jedoch unternahm zu seiner Überraschung keinerlei Anstalten, sich ebenfalls seiner Kleidung zu entledigen. Weshalb Martin verwundert seinen Kopf hin und her schüttelte. Denn wenn er an seiner Stelle wäre, würde er sich nicht zweimal bitten lassen. Aber er war nicht an seiner Stelle und wird es wohl auch nie sein, gestand er sich einen Augenblick später enttäuscht ein. Dabei glitt sein Blick an seinem bei weitem nicht makellosen Körper hinunter.
Missmutig und wieder mal mit seinem Schicksal hadernd, wollte er sich gerade von dem romantischen Schauspiel unten am Strand abwenden, da drehte sich die Brünette plötzlich zu ihm ins Profil und erregte so wieder seine Aufmerksamkeit.
Denn nun konnte er deutlich die Silhouette ihres überaus ansprechenden Busens erkennen, der sich über einen wider Erwarten nicht ganz flachen Bauch erhob. ‚Nanu, das ist ja merkwürdig?‘, stutzte er und kniff seine Augen noch mehr zusammen. Infolgedessen machte sich seine rechte Hand sich selbstständig, weil er augenblicklich seinen lang unterdrückten Gelüsten ergab, während sein Blick auf die athletische Brünette gerichtet blieb.
Doch als die Brünette plötzlich und ohne ersichtlichen Grund sich zu ihm hindrehte und auf ihn zugelaufen kam, blieb sein Blick zuerst auf ihrem sich geschmeidig hin und her wiegenden Busen hängen, bevor er sich seiner Situation bewusstwurde und innehielt. Dann duckte er sich im nächsten Moment in den Schatten des Felsens hinunter, der neben dem Eingang lag. Dort bemühte er sich vorsichtig seine Hose hochzuziehen, wobei er angestrengt den Geräuschen um sich herum lauschte. Deshalb konnte er deutlich hören, wie die hübsche Unbekannte erst schnell näherkam, bevor sie in seiner unmittelbaren Nähe stehen blieb.
‚Ach Martin, du bist ein Spanner und ein echt schlechter noch dazu!‘, ohrfeigte er sich gerade selbst innerlich, als er unerwartet deutliche Würgelaute aus ihrer Richtung vernahm. Verwirrt und neugierig zog er sich daraufhin am Felsen wieder ein Stück hinauf, wobei der noch offene Gürtel seiner Hose ein hörbar kratzendes Geräusch erzeugte.
‚Mist!‘, fluchte er leise, wobei er verärgert sein Gesicht verzog und den Felsen wieder hinunterglitt. Dann lauschte er erneut und erbleichte, denn das wenig schicksame Geräusch erstarb augenblicklich und es folgte eine bedrückende Stille.
Erst nach einer gefühlten Ewigkeit, siegte bei ihm die Neugier über seine schamhafte Furcht, woraufhin er es abermals wagte, über den Felsen hinweg die gegenwärtige Situation in Augenschein zu nehmen. Dabei war er dieses Mal darauf bedacht, keine verräterischen Geräusche zu machen, während er sich erneut den Felsen hinaufzog.
Als er schließlich über den Felsen hinweg nach links linste, stellte er zu seiner Erleichterung fest, dass die Aphrodite vor ihm, viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, als dass sie ihn bemerkt haben konnte. Doch dann erstarrte er erneut, als er einen kurzen Blick auf ihr noch leicht rötlich verzerrtes Gesicht erhaschen konnte. Er wusste zwar, dass die Welt ein Dorf sein konnte, doch hätte er gerade sie hier nie erwartet.
Denn neben ihm im schwarzen Sand kniete seine heimliche Jugendliebe, die er vor über 10 Jahren fanatisch angehimmelt hatte, ohne auf Erwiderung zu hoffen, und die nun, gut dreieinhalbtausend Kilometer von zuhause entfernt, ihm unverhofft ihren unverhüllten Po entgegenstreckte.
Langsam versank die Sonne vollends im Meer und mit ihr die letzten Akkorde von Cat Stevens: Morning has Broken, die Lotta auf der alten Westerngitarre von ihrem kürzlich verstorbenen Vater gespielt hatte. Nach einem traurigen Seufzer hob sie langsam ihren Kopf und sah ihre Metamours mit leicht verquollenen Augen an. „Und, habe ich euch zu viel versprochen?“, fragte sie leise mit belegter Stimme.
„Nein, es war wirklich wunderschön“, sah Anne sie mitfühlend an, wobei sie ihrer Geliebten sanft über den linken Unterarm strich, „und irgendwie spürt man noch immer die Magie, die dieser Ort ausstrahlt“. Dabei wanderte ihr Blick den Strand entlang. Erst dann bemerkte sie das Lotta mit den Tränen kämpfte. „Ach Süßen, kann ich vielleicht irgendetwas für dich tun?“
„Nein, ist schon in Ordnung! Bernd würde es nicht wollen, dass man um ihn weint. Er hatte doch immer eine so positive Lebenseinstellung und vertrat die Meinung, dass wir durch unsere Gedanken und Taten in den anderen weiterleben!“, erwiderte Lotta, bevor sie aufstand, um aufs Meer hinauszublicken.
Während ihr Blick über die Wellen der Brandung glitt, tauchten vor ihrem geistigen Auge Szenen einer längst vergangenen Epoche auf. In denen hier noch überall am Strand Lagerfeuer brannten, um die sich ihre neu formierte Familie und ihr selbstgewählter Clan, sowie auch fremde Brüder und Schwestern scharrten. Sie alle waren aus ihrem schnöden Alltag ausgebrochen, in der noch prüden und grauen deutschen Nachkriegsgesellschaft, um hierher zu kommen, wenn auch viele nur für kurze Zeit.
Versunken in den psychedelischen Klang von Trommeln und Gitarren tanzten einige von ihnen in ekstatischen Bewegungen, meditierten, rauchten oder liebten sich hier öffentlich. Diese Bucht war ihnen lange Zeit ein Zuhause, Wohn-, Schlaf- und Badezimmer in einem. Bis eines Tages der Druck der einheimischen Bevölkerung gegen dieses, wie sie es nannten: gottloses Treiben, zu stark wurde, und die Alten ihres Clans beschlossen im Hinterland sesshaft zu werden.
Zwar kehrten sie immer noch regelmäßig hierhin zurück, um beispielsweise so wie jetzt den Sonnenuntergang zu genießen. Dennoch wurde es nie wieder so wie früher, wo es nur ums nackte Sein und ums Erfahren ging. Denn nachdem die Miliz den Strand geräumt und ihre behelfsmäßigen Unterkünfte in Brand gesteckt hatte, war diese unbeschwerte Ära ein für alle Mal vorbei.
Eine große Anzahl der Schwestern und Brüder kehrte enttäuscht oder aus sozialen Zwängen in ihr verpöntes, bürgerliches Leben zurück. Ein Teil von Lottas Clan jedoch blieb zusammen und schuf sich weit hinten im Tal ein neues Zuhause und eine eigene Gesellschaftsform, die hier ihren Ausgangspunkt genommen hatte.
„Ja, dieser Ort ist wirklich magisch!“, nickte Lotta zustimmend, wobei sie sehnsüchtig erneut aufs Meer hinaussah. Während ihr Blick durch die Brandung glitt, verspürte sie auf einmal den Wunsch, sich mit ihnen zu vereinigen. „Habt ihr eigentlich auch Lust zu baden?“, zog sie kurzentschlossen ihre Hose aus, bevor sie ihre Begleiter, auffordernd, fragend ansah. Dann folgte ihr Top und das Tuch, dass sie um die Haare trug, sowie die Kette und so stand sie schon nackt vor ihnen, bevor die beiden irgendeine Antwort von sich geben konnten.
Überrascht, aber nicht verblüfft sahen sich Anne und Ole kurz an, was für Lotta aber schon zu lange dauerte. „Was ist, keine Lust? Ihr wollt mich doch nicht allein baden lassen, oder?“, stemmte sie ungewohnt ungeduldig ihre Arme in die Seite.
„Ähm, doch!“, kratzte Ole sich verlegen am Kopf, bevor er zu Lotta hochsah. „Ja aber, das geht doch nicht! Hier stehen doch überall Schilder herum, auf denen für jedermann gut lesbar steht: Kein FKK!“
„Ach Ole!“, schüttelte Lotta sich auf einmal vor Lachen und lies ihren kleinen rechten Zeigefinger vor seinem Gesicht hin und her wackeln. „Um diese Uhrzeit ist das schon okay. Denn um diese Uhrzeit schlafen die streng katholischen Gomeros schon“, griente sie ihn verwegen an.
Gelebte Utopie
Langsam erwachte Ole aus einem unruhigen Schlaf, während er zufrieden mit der linken Hand sanft über Annes muskulösen, unbedeckten Rücken strich. Vorsichtig bewegte er sich dabei etwas hin und her, um so eine bequemere Position für sich zu finden. Denn sein eigener Rücken schmerzte gerade unangenehm, obwohl er es mittlerweile gewohnt war, auf dem Rücken zu schlafen.
Dann jedoch schloss er erneut seine Augen, um weiter einen Gedanken nachzuhängen, der sich mit seiner neuen Heimat beschäftigte.
Seine neue Heimat war seit kurzem La Gomera, ein fast paradiesisch anmutender Fleck aus Vulkangestein, der aufgrund seiner geographischen Lage mit ewig frühlingshaften Temperaturen gesegnet ist. Daher ist diese wunderschöne Kanareninsel auch seit Jahrzehnten das Ziel vieler Aussteiger, die hier dem ungemütlichen Klima Mitteleuropas entfliehen.
Doch als Aussteiger sah er sich nicht, wenn dann schon eher als Umsteiger, den es durch die Verstrickung mehrerer glücklicher Umstände hierhergeführt hat. Zuvor hatte er sein altes Leben, als Support Engineer für ein großes amerikanisches Unternehmen, gegen das einfache Leben hier in dieser nahezu tropischen Landschaft eingetauscht.
Dabei stellte er bald fest, dass das einfache Leben hier, bei näherer Betrachtung auch nicht immer einfach war, auch wenn dieses zauberhafte Tal im Südwesten von La Gomera, mit seinen Bananenplantagen und mit seinen jahrhundertealten künstlichen Terrassen, auf den ersten Blick etwas anderes versprach.
Zwar plagten sich hier die Bewohner noch nicht mit den schnöden Wohlstandskrankheiten oder dem medialen Overflow einer westlichen Industriegesellschaft herum, doch war auch hier die Zeit nicht stehen geblieben und die meisten der verbliebenen deutschen Migranten waren mittlerweile weitestgehend in die Gesellschaft integriert. Dabei hatten sie einen mehr oder weniger ausgeprägten Unternehmergeist entwickelt, nur eben anders als in ihrer alten Heimat.
Am meisten spürte er dies hier im El paraíso en el charco, einer kleinen Ansammlung von einfachen Fincas an einem wunderschönen, natürlichen Teich, hoch oben am nordöstlichen Ende der grünen Talzunge von Valle Gran Rey. Hierhin hatten sich Mitte der Siebziger Jahre einige der verbliebenen deutschen Immigranten zurückgezogen, um ihren Traum von einer anderen Gesellschaftsform in die Tat umzusetzen.
Als eine New Community wollten sie hier zusammenleben, lieben und arbeiten, um so eine im industrialisierten Westen längst verlorengeglaubte Ganzheit wieder zu beleben. Zwar hatte sich vieles seit damals verändert und weiterentwickelt, dennoch konnte man deutlich spüren, dass sie das Wesentliche ihres Traums nicht aus den Augen verloren hatten.
Für Ole hingegen als nüchterner, kopfgesteuerter Informatiker, stellte dieses Gegenmodel noch immer eine Art utopische Gesellschaftsform dar, die ihn jedoch sehr real umgab.
Denn während er weiterhin Anne zärtlich über den Rücken strich, kuschelte sich auf einmal auf der anderen Seite Lotta in seinen Arm. „Buenas Diaz! Hast du auch so gut geschlafen?“, gähnte sie leise, wobei sie ihm zärtlich einen Kuss auf die Wange gab.
„Hm“, brummte er gerade zustimmend, als ein lauter Gong erklang, der die zumeist noch schlafende Gemeinschaft zum Frühsport aufrief.
„Mist, schon so spät?“, sah sie überrascht auf die Uhr. „Mir kommt es vor, als wären wir gerade erst ins Bett gegangen“, wuselte sie dabei in ihren kurzen blonden Haaren herum, bevor sie sanft über Annes Wange strich, die daraufhin lächelnd die Augen öffnete.
„Nein, im Bett waren wir schon recht früh!“, küsste sie zuerst Lotta und dann Ole, bevor sie ihm überraschend munter direkt in die Augen sah. „Vamos!“, nickte sie ihn aufmunternd zu, bevor sie ihm einen weiteren Kuss auf die Lippen hauchte. „Dann mal raus aus den Federn! “, erhob sie sich und stieg über ihn hinweg aus dem Bett.
Ole dachte jedoch nicht daran aufzustehen, denn wie jeden Morgen genoss er zunächst einmal den Anblick ihres durchtrainierten Körpers, während sie vor dem bodentiefen Fenster, von dem man einen wunderschönen Blick ins Tal hatte, ein paar Dehnübungen machte, um sich fürs Laufen aufzuwärmen. Als der Gong zum zweiten Mal ertönte, wurde es auch für ihn und Lotta Zeit sich zu erheben, und anzuziehen.
Frühsport an sich und ausgedehntes joggen gleich nach dem Aufstehen in speziellem gehörten eigentlich nicht zu den Dingen, auf die Ole sich überschwänglich freute. Doch schien zumindest sein Körper sich zu assimilieren, so dass er es neuerdings sogar ein wenig genießen konnte, mit den anderen am Rande des immergrünen Nebelwaldes entlangzulaufen, ohne dass er von Seitenstichen oder Kurzatmigkeit geplagt wurde.
Den krönenden Abschluss, dieses sportlichen Ausfluges am Busen der Natur, bildete dabei stets ein gemeinsames Bad in dem großen, natürlichen Teich im Herzen ihrer kleinen Siedlung.
Als er zum ersten Mal an diesem öffentlichen Bad teilgenommen hatte, kam es seiner Vorstellung von einem Garten Eden sehr nahe. Denn egal, ob jung oder alt, alle gaben sich hier völlig natürlich und plantschten ausgelassen herum, wobei selbst die anwesenden Teenager keine Probleme mit ihren sich transformierenden Körpern hatten.
Während des darauffolgenden gemeinschaftlichen Frühstücks, fühlte Ole sich durch das Bad im eiskalten Wasser erfrischt und voller Tatendrang, was neu für ihn war, ebenso wie das Gefühl, sich als ein Teil einer großen informellen Gemeinschaft zu fühlen. Dieses Gefühl gefiel ihm mittlerweile sehr, nach all der Zeit, der zumeist selbst gewählten Einsamkeit und der körperlichen Gebrechen. So haderte er auch mit der Meinung von einigen der älteren Kommunarden. Denn diese sogenannten Stones betrachteten Anne und ihn bisher lediglich als Sommergäste von Lotta. Nur hoffte er nicht, dass sie am Ende Recht behielten. Lag sein altes Leben gerade nicht nur entfernungsmäßig sehr weit weg von diesem lebens- und liebenswerten Ort.
Als kleine Anerkennung, so empfand er es zumindest, war ihm seit kurzem die Aufgabe übertragen worden, sich um die wirtschaftlichen Belange der Gemeinschaft zu kümmern. Denn diese verpönte monetäre Aufgabe war den meisten der Stones, aufgrund ihrer antimaterialistischen Haltung, naturgemäß zuwider, wollten sie sich doch lieber mit höheren Dingen beschäftigen. Dies konnte er nachvollziehen, was ihn jedoch wunderte, war dass sie sich dann aus seiner Sicht eher niederen Tätigkeiten zuwandten, wie beispielsweise der Landwirtschaft, handwerklichen Tätigkeiten oder dem Betreiben von Restaurants, von denen die Gemeinschaft insgesamt drei Stück besaß.
Ole hingegen freute sich über seine neue Aufgabe, da es ihm die Möglichkeit bot, hinter die Funktionsweise des HFNCI zu schauen. Anne hingegen, als quasi zweite Novizin der Gemeinschaft, wurde als angehende Pädagogin und Mutter die Aufgabe zuteil, sich um die Betreuung der Kleinen der Kommune zu kümmern, was sie auch liebevoll tat.
Die Hippe Freak New Community International oder kurz HFNCI, war die Organisation, die Lottas Vater mit ein paar Gleichgesinnten vor gut dreißig Jahren gegründet hatte, um ihren Traum von einer idealen Welt im Kleinen zu erhalten, nachdem ihnen die Gründe, die Anfang der siebziger Jahre zum Scheitern der Countercultur in Amerika geführt hatte, wie ein Fanal erschien. Denn zu diesem Zeitpunkt kehrten auch hier viele ihrer Brüder und Schwestern ernüchtert oder aus sozialen Zwängen in das schnöde Leben ihrer Elterngeneration zurück. Deshalb unternahm Lottas Clan etwas, dass man ihnen als ein Teil eines bis dahin nicht arbeitenden, mystisch orientierten Strang dieser Subkultur eigentlich nicht zugetraut hatte, und schuf mit dieser Organisation etwas Nachhaltiges.
Etwas Nachhaltiges hatte diese Gemeinschaft auch bei Anne schon hinterlassen. Nachdem sie sich von dem Schock erholt hatte, dass sie von einem eher enttäuschenden one-night Stand schwanger war, konnte sie sich im Kreis der Gemeinschaft dazu durchringen, das ungeborene Leben zu behalten, entgegen ihren eigentlichen straff organisierten Zukunftsplänen.
Als äußeres Zeichen dieser inneren Einkehr und als eine Art Initiationszeichen, hatte sie sich einen fröhlichen Smiley, der frech seine Zunge rausstreckte auf den Po tätowieren lassen. Dieser sollte den Bruch mit ihrer Vergangenheit dokumentieren, in der sie sich ohnmächtig unter der Knute ihres übermächtigen Vaters wähnte.
Nach dieser Renaissance stand sie auch öffentlich zu ihrer, bis dahin sorgsam unterdrückten, sexuellen Neigung für beide Geschlechter und die Polyamory geprägte Umgebung hier ermöglichte ihr das unbeschwerte Ausleben ihrer Persönlichkeit.
Dieser Smiley, den Lottas Mutter als junge Designstudentin entworfen hatte, war mit der Zeit nicht nur ein modisches Accessoire, sondern auch das Markenzeichen des HFNCI geworden und zierte ebenfalls viele Produkte der Organisation.
Dubios
„Guten Morgen Ole, wie sieht es aus, habe ich heute erneut das Glück, diesen wundervollen Tag in Gegenwart eines jungen, überaus sympathischen Mannes verbringen zu dürfen?“, riss Leonoras sanfte Stimme Ole aus seinen Tagträumen am Ende des Frühstücks.
„Oh, Hallo Leo? Ja, das hast du!“, erhob er sich lächelnd, nachdem er Anne einen Abschiedskuss gegeben hatte.
„Schön, das freut mich!“, lächelte sie Anne kurz an, bevor sie ihn wieder ansah und sich bei ihm mütterlich einhakte. „Okay, dann lass uns zuerst einmal die Zettelkästen leeren, um zu schauen, ob irgendjemand vielleicht einen besonderen Wunsch hat, den wir ihm heute noch erfüllen können.“
„Gerne!“, lächelte er, da er sich noch immer über die Kommunikationswege innerhalb der Kommune amüsierte. Jedoch ließ er dies unkommentiert, denn er mochte und respektierte die ältere Dame sehr, die nach dem unerwarteten Tod von Lottas Vater nicht nur die Kommune nach außen hin vertrat, sondern sich auch so gut wie allein um die materiellen Bedürfnisse der Gemeinschaft kümmerte, welche sie nicht in Subsistenzwirtschaft produzieren konnte. Daher war sie ebenfalls froh über seine tatkräftige und zumeist sehr umsichtige Unterstützung.
„Na, dann bin ich ja mal gespannt, was heute so alles auf den Zetteln steht“, stellte er bewusst ein ungezwungenes Lächeln zur Schau, während er neugierig den ersten himmelblauen Kasten öffnete, der eben dazu bestimmt war. „Hui, das lohnt sich aber!“, fing er den wüsten Zettelberg auf, der ihm aus dem übervollen Kasten entgegen quoll und reichte ihn Leonora.
„Ach was, das geht doch noch! Warte erst einmal den Sommer ab, dann wird dir dieser vermeintliche Berg hier, nur noch wie ein Häufchen vorkommen“, hob sie demonstrativ die Ausbeute von diesem Zettelkasten kurz in die Höhe. Dann setzte sie sich in den Schatten einer alten Bananenstaude, wo sie lächelnd den Inhalt des Stapels studierte und das gelesene auf mehrere Rückseiten übertrug, wobei sie den Originaltext auf der jeweiligen Vorderseite markant durchstrich.
„Hier, das alles kannst du nachher schon einmal mitbringen, nachdem du Lotta und die anderen in den Ort hinuntergefahren hast“, reichte sie ihm kurze Zeit später einen der Einkaufszettel.
„Okay, mache ich“, nickte er, bevor er neugierig den Inhalt des Zettels überflog. Dabei erfreute er sich wie jedes Mal an ihrer Handschrift, die sehr schön geschwungen war und fast Altdeutsch wirkte. Doch dann stutzte er plötzlich: „Ja sag mal, was soll ich da mitbringen?“, sah er sie ungläubig an, bevor er empört, anfügte: „Nee nun mal im Ernst, das geht doch nun wirklich nicht, ich meine ich kann doch nicht! Denn wie sieht das aus?“. Tippte er nachdrücklich mit dem Zeigefinger auf dem Zettel.
„Wie, was kannst du nicht?“, nahm sie ihm den Zettel wieder aus der Hand und las die notierte Bestellung noch einmal kritisch durch. „Also, ehrlich gesagt sehe ich nicht, wo dein Problem liegt“, sah sie ihn verständnislos an.
„Na, ich meine unter anderem die ganzen Gummis hier!“, tippte er noch einmal mit dem Zeigefinger zur Verdeutlichung auf die besagte Zeile auf dem Zettel. „Und was soll das bitte schön sein?“, deutete er dann auf eine andere Zeile weiter unten.
„Ach, du meinst unsere gute Gleitcreme. Nein, die ist doch echt super und aus ganz natürlichen Wirkstoffen“, sah sie ihn weiterhin verständnislos an, bevor sie ein überzeugtes Verkäuferlächeln aufsetzte. „Also, wenn ihr mal welche braucht, dann wäre es genau diese hier, die ich euch wirklich empfehlen kann. Diese Creme ist einigermaßen geschmacksneutral, greift die Scheidenflora nicht an und lässt sich hinterher ganz einfach wieder abwaschen, ohne dabei allzu sehr zu schmieren!“
„Oh ja, danke für den Tipp!“, erwiderte Ole überrascht ihren Blick. Dann legte sich seine Stirn in Falten: „Leo, also wirklich! Ich kann doch nicht ein Dutzend Familienpackungen Kondome und x Flaschen Gleitcreme kaufen! Da komme ich mir ja wie ein Bordellbesitzer vor, der sein Jahresvorrat auffüllen will“, echauffierte er sich nun im Flüsterton.
„Na, wenn wir damit mal ein ganzes Jahr hinkommen? Denn wenn ich mich recht entsinne, hielt die letzte Fuhre gerade mal knapp zwei Monate und nun beginnt auch noch bald die Hauptsaison“, wirkte sie auf einmal nachdenklich. „Na ja, wie dem auch sei“, lachte sie kurz herzhaft, bevor sie die Anzahl der Packungen nach oben korrigierte. „Bestell Oswaldo einfach einen lieben Gruß von mir. Dann wird er schon nicht die Policia holen!“
Doch einen lieben Gruß von Leonora brauchte Ole dem Besitzer des örtlichen Reformhauses gar nicht auszurichten. Denn kaum hatte er verunsichert seine Bestellung aufgegeben, indem er den Zettel wortlos über die Theke geschoben hatte, da lächelte Oswaldo ihn auch schon spöttisch an: „Ah, der neue Laufjunge von meiner liebsten Kundin!“, begrüßte er ihn mit einem spöttischen Unterton auf Spanisch.
„Sí!“, erwiderte Ole schüchtern und nickte irritiert, wobei er überlegte, bis er die Bedeutung von Oswaldos Aussage erfasste. Dabei lächelte er vordergründig, weil er zunehmend nervöser wurde. Denn der untersetzte, aber sehr kräftige Mann machte keine Anstalten, die soeben aufgegebene Bestellung zu begutachten, stattdessen beäugte er ihn eine Zeitlang eingehend, bevor er etwas ungläubig aus dem Fenster sah. Dann zuckte er kurz mit den Schultern, ehe er über seine linke Schulter hinweg laut: „Sophia!“, in das Dunkle seines Ladens hineinrief.
„Sí, papá!“, sagend, erschien daraufhin eine hübsche junge Frau in Lottas Alter. Diese betrachtete zunächst mürrisch ihren Vater, bevor sie zu lächeln anfing, als sie Ole erblickte. Dabei pustete sie sich eine Locke ihres langen schwarzen Haares aus dem Gesicht, während sie ihr eh schon enganliegendes Top glattzog, wodurch Oles Blick automatisch auf ihre pralle Oberweite fiel. Dies nahm sie lächelnd zur Kenntnis, ebenso wie ihr Vater, der aber nicht lächelte, sondern kritisch seine Augen noch weiter verengte.
Als sie dann den Zettel mit der Bestellung von ihrem Vater hingeschoben bekam, der Ole dabei weiterhin eindringlich musterte, legte sich ihre Stirn sichtbar in Falten. „Oh, vale!“, stieß sie dabei kurz angebunden aus, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte und ihm mit ihrer rechten Hand andeutete, ihr in das Dunkle des Ladens zu folgen.
Unsicher nickte Ole daraufhin dem immer noch finster dreinblickenden Ladenbesitzer zu, bevor er sich anschickte ihr zu folgen. Der brummte nur etwas Unverständliches und wandte sich wieder seiner Tageszeitung zu, die er zur Seite gelegt hatte, als Ole seinen Laden betreten hatte.
Dann musste Ole sich beeilen, da er Sophia gerade noch hinter einem der hohen Regale verschwinden sah.
„Keine Angst, mein Vater ist eigentlich recht umgänglich! Nur hadert er jedes Mal mit Gott, wenn jemand oben aus der Kommune hier auftaucht und dies hier bestellt“, empfing sie ihn auf dem Boden kniend, während sie eine Palette mit der bestellten Gleitcreme aus einem der hintersten Regale zog und sie direkt vor seinen Füßen auf den Boden knallen ließ. Dann zog sie eine goldene Kette mit einem Kruzifix als Anhänger aus ihrem Dekolleté und küsste es sanft, bevor sie es zurücksteckte. „Dabei verdient er gar nicht schlecht an euch!“, sah sie zu Ole hoch und lächelte erneut, während sie kurz überlegte. „Bei einem muss ich meinem Vater allerdings Recht geben! Du siehst wirklich gar nicht so aus wie die Typen, die hier sonst reingeschlichen kommen, und verschüchtert einen Zettel von Leonora auf den Tisch legen. Und schon gar nicht tauchen diese Typen in so einem noblen Camper hier auf!“, nickte sie höhnisch in die Richtung, in der sein recht neuer VW-Bus mit Campingausstattung stand, der frisch poliert in der Sonne glänzte.
„Oh, tun sie nicht. Was für Typen sind das denn sonst?“, stutzte er, da ihm gerade auffiel, dass Sophia fast akzentfrei Deutsch sprach, weshalb er neugierig zu ihr hinuntersah.
„Na, so schlaksige Typen eben!“, erhob sie sich mit einer abfälligen Handbewegung. Dabei wanderte ihr Blick langsam seinen Körper hinauf, bis sie ihm direkt in die Augen sah.
„Oh, das tut mir leid“, stotterte Ole verlegen, weil er es nicht schaffte ihren Blick zu deuten oder standzuhalten. „Und den Rest, wo habt ihr den versteckt?“, stammelte er schließlich.
„Versteckt ist wohl der richtige Ausdruck!“, grinste sie ihn verschwörerisch an. Dann wand sie sich bewusst ungeschickt, im engen Durchgang zwischen den Schwerlastregalen, sehr dicht und betont langsam an ihm vorbei. Dabei versuchte er noch nach hinten auszuweichen, doch hinderten ihn die Regalböden daran, die nun schmerzhaft in seinem Rücken drückten.
Während er sich noch irritiert fragte, ob er ihr vielleicht folgen sollte, kam sie jedoch schon mit einer Leiter in der Hand zurück. Die Leiter lehnte sie dann direkt neben ihn an das Regal, bevor sie diese hinaufstieg. „Eure tolle Gleitcreme kann er dem Pfarrer ja notfalls noch als Badezusatz verkaufen. Doch mit dem hier…,“, warf sie ihm einen mittelgroßen Karton mit Kondomen hinunter, „käme er in ernsthafte Erklärungsnot!“, lachte sie erneut herzhaft.
„Wieso?“, schaute Ole überrascht zu ihr hinauf.
„Na, weil sein oberster Hirte immer noch gegen jegliche Verhütung ist. Was für ein Quatsch, in Zeitalter von AIDS und der ganzen Überbevölkerung!“, verzog sie kritisch das Gesicht, bevor sie sich erneut ins Dekolleté griff, ihr goldenes Kruzifix hervorzog und es küsste.
„Das klingt ja ziemlich aufgeklärt. Ich meine ja nur, da es ja auch scheinbar dein oberster Hirte ist“, betrachtete er sie eingehend von unten.
„Ja, das scheint wohl so!“, stieg sie weiterhin lachend die Leiter hinunter und sah ihm dann erneut tief in die Augen.
„Nun gut, lassen wir das Thema“, wich Ole nicht nur verbal aus, denn ein anderes Thema brannte ihm gerade mehr auf der Zunge, welches ihm auch etwas unverfänglicher erschien: „Doch sag mal, wieso sprichst du eigentlich so verdammt gut Deutsch?“.
„Oh, wieso sollte ich nicht? Ich habe doch zur Hälfte deutsches Blut in mir. Okay, ich weiß das sieht man mir nicht unbedingt an, da ich sehr viel von meinem Vater geerbt habe. Mal abgesehen von meinen wunderschönen grünen Augen,“, himmelte sie ihn damit an, „sowie meinem Faible für große, starke Männer mit blauen Augen und blondem Haar“, dabei kam ihr Gesicht noch näher an ihn heran, wobei sich ihr Kopf etwas zur Seite neigte.
„Ach so, ja dann“, starrte er wie gebannt in ihre unergründlichen Augen, die weit auseinander in einem ebenmäßigen, sonnengebräunten Gesicht ruhten. Als sich ihr Mund leicht öffnete und Ole deutlich ihr Pfefferminzkaugummi riechen konnte, wandte er sein Gesicht reflexartig zur Seite und flüsterte: „Aber, du kannst doch nicht…!“
„Ich kann was nicht?“, ließ sie eine Kaugummiblase direkt vor seinem Gesicht platzen und lachte erneut. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dich hier im Laden meines Vaters…? Na, du bist mir ja einer!“, zog sie ihren Kopf ruckartig zurück, ehe sie ihm kokett zu zwinkerte. Dann nahm sie die Leiter in die Hand und ging mit ihr wortlos davon. Als sie kurz darauf ohne sie wieder erschien, lachte sie immer noch und betrachtete ihn eingehend, wie ihr Vater zuvor. „Du bist Ole, richtig?“, umarmte sie ihn plötzlich freundschaftlich und hauchte ihm einen Kuss auf jede Wange, bevor sie ihn versonnen angrinste: „Schön, dich endlich persönlich kennenzulernen. Lotta hatte mir ja schon so viel von dir vorgeschwärmt!“.
„Was, du kennst Lotta?“, sah er sie erstaunt an.
„Na klar kenne ich Lotta!“, sagte sie lachend, ehe sie sachlich anfügte: „Denn so groß ist la Gomera ja nun auch nicht. Außerdem sind wir richtig gute Freundinnen. Und wenn sie auf der Insel ist, treffen wir uns regelmäßig im Restaurant ihrer Eltern“, hielt sie plötzlich inne und betrachtete Ole eingehend: „Heilige Göttin, so verliebt und glücklich habe ich sie lange nicht mehr erlebt und nun weiß ich auch wieso, auch wenn sie mir Anne immer noch vorenthält. Zum Glück kann ich mich auf Tia verlassen. By the way, hat Leonora dir auch etwas für uns mitgegeben?“, sah sie ihn auf einmal fragend an.
„Ach ja, stimmt!“, kratzte er sich daraufhin verlegen am Kopf, denn das hatte er glatt vergessen.
„Klasse, dann lass uns mal die Sachen hier zu deinem Wagen bringen!“, nahm sie ihm den Karton mit den Kondomen ab und nickte hinunter zu der Palette mit der Gleitcreme und den anderen Sachen, die Leonora bestellt hatte.
Bei seinem Camper angekommen, war Ole froh, dass er die nun langsam schwer werdende und unhandliche Palette einfach ins hintere Ablagefach fallen lassen konnte, aus dem er dann einen großen, noch schwereren Karton herauszog: „Was ist das eigentlich für ein Zeug hier?“, fragte er sich dabei laut.
„Oh, das sind Kräutermixe und Salben, die die Kommune herstellt und die wir mit großem Erfolg auf dem Festland verkaufen“, öffnete sie den Karton und zeigte auf die Gläser, dessen Deckel alle mit dem frechen Smiley verziert waren. „Dies hier zum Beispiel ist ganz neu und hilft gegen Regelschmerzen, dass hier gegen Fieber und dass hier bei Arthritis“, hob sie dabei unterschiedliche Gläser hoch.
Dann las sie sich einen kleinen Zettel durch, den sie zuvor aus dem Karton genommen hatte. Daraufhin machte sie eine kurze Wareneingangskontrolle, bevor sie die Preise der verschiedenen Positionen aufsummierte. Während sie die Positionen noch einmal im Kopf nachrechnete, kramte sie ein kleines Portemonnaie aus ihrer engen Daisy Duke heraus und hielt ihm 120€ hin. „Hier, stimmt so und bestell Leonora bitte einen schönen Gruß von uns. Wir bräuchten Anfang nächster Woche eine neue Lieferung. Was genau sage ich Lotta am Dienstagabend, okay?“, dabei hob sie ohne Mühe den Karton hoch und lächelte ihn noch einmal an. „Gut, ich muss dann mal wieder. Ciao, wir sehen uns!“, küsste sie ihn zum Abschied auf jede Wange, bevor sie in Richtung des Ladens entschwand.
„Ja, tschüss!“, steckte er das Geld ein, während er ihr versonnen hinterher sah, da sie gekonnt, im Takt des Knallens ihrer Flipflops, die Hüfte hin und her wackeln ließ.
Am Abend fuhr Ole mit Anne zu Lotta ins Restaurant. Dieses lag direkt unten an der Playa de la Calera und hatte sich mit der Zeit zu einem wahren Geheimtipp bei den Freunden der vegetarischen Küche gemausert. Auf dem Weg dorthin erzählte er ihr von seinem delikaten Auftrag, den er am Morgen von Leonora erhalten hatte.
Dabei beschrieb er sehr anschaulich Oswaldos skeptische Art und ließ sich über seine Vorbehalte gegenüber der Kommune aus, so dass Anne währenddessen öfter lauthals lachte. Sophia jedoch sparte er gänzlich aus seinen Erzählungen aus, obwohl er noch sehr deutlich ihr Kaugummi riechen konnte.
Als er gerade im Geiste noch einmal die Szene im engen Durchgang zwischen den Schwerlastregalen durchging, fuhr Anne ihn auf einmal entsetzt an: „Pass doch auf, der Typ vor uns auf der Straße scheint dich gar nicht zu bemerken!“.
„Was!“, schreckte er aus seinen Tagträumen gerissen hoch und konnte so noch gerade rechtzeitig seinen Camper nach links auf die freie Gegenfahrbahn lenken. Ansonsten hätte er den Wandersmann umgefahren, der seelenruhig, aber mit steifen Gliedern und mit den markanten weißen Kopfhörern im Ohr, vor ihnen mitten auf der Straße entlanglief.
„Hey du Penner, glaubst du etwa, du bist allein hier auf Gottes weiter Erde!“, grölte er dabei durch das offene Beifahrerfenster, sowie Anne genau ins Ohr, die ihn daraufhin böse anschaute.
Der Wandersmann hingegen schien von dem Vorfall, nichts mitbekommen zu haben, da er freundlich lächelnd seine rechte Hand kurz zum Gruß erhob.
„Stopp Ole, halte bitte mal an!“, stammelte Anne einen Augenblick später, während sie ungläubig in den rechten Außenspiegel starrte.
„Wieso das denn? Willst du diesem lebensmüden Penner etwa persönlich noch dazu beglückwünschen, dass er den morgigen Tag doch noch erleben darf!“, sah er sie überrascht an, wobei er sich am Lenkrad festkrallte, ohne die Geschwindigkeit zu verringern.
„Nein, natürlich nicht! Obwohl, letzten Monat hätte ich es mir nicht nehmen lassen“, sah sie ihn erst verständnislos an, bevor sie amüsiert mit dem Kopf schüttelte. „Komisch, irgendwie kommt der Typ mir bekannt vor! Aber so wie der sich bewegt? Hm“, starrte sie danach erneut in den Außenspiegel, wobei sie sich nachdenklich auf die Unterlippe biss.
Der karnivore Geliebte
„¡Holà, mis amorcitos!“, sagend kam Lotta durch das Restaurant gelaufen, kaum dass Ole seinen Camper im Hinterhof geparkt hatte. Ungeachtet der vielen Gäste fiel sie Anne um den Hals und küsste sie leidenschaftlich. „Na, wie ist es dir denn heute so ergangen?“, betrachtete sie Anne dann eingehend. „Ich habe Gisela von deiner Übelkeit gestern Abend erzählt und sie hat sich schwere Vorwürfe gemacht, dass sie euch ausnahmsweise das ungesunde L-Carnitin haltige Fleisch gebraten hatte“, strich sie dabei Anne sanft über ihren Bauch. Dann führte sie die beiden zu einem freien Tisch und fegte mit einer gekonnten Handbewegung ein paar Brotkrümel von der Tischdecke. „Heute stehen eine fantastische Tomatensuppe und ein ebenso toller Thunfischsalat auf der Tageskarte. Na, wie klingt das?“, wanderte ihr Blick zwischen Ole und Anne hin und her.
„Meinst du nicht, dass es eher an der grünen Mojo Soße gelegen hat, die sie sich gestern fast literweise rein gelöffelt hatte?“, grinste er sie an, bevor er ihr einen flüchtigen Kuss zur Begrüßung gab und sich anschickte, sich setzen zu wollen. Was ihm aber nicht gelang, da Lotta mit dieser flüchtigen Begrüßung gar nicht zufrieden war und ihn erst einmal Vereinnahmte.
„So, so, da ist die grüne Mojo Soße also abgeblieben!“, sah sie danach Anne gespielt ernst an, die daraufhin nur unschuldig mit den Schultern zuckte, was Lotta mit einem Lächeln quittierte, während sie sagte: „Nun gut, dass erklärt einiges und wonach gelüstet es euch heute?“.
„Hm?“, kratzte Ole sich unentschlossen am Kopf. Denn bei den derzeitigen Temperaturen hatte er eigentlich keine Lust auf eine Tomatensuppe und außerdem verlangte es ihm gerade nach Eiweiß. Nach tierischen Proteinen, um genau zu sein und mit ein bisschen Thunfisch hier und da verteilt über einen allzu gesunden Salat, damit war er gar nicht zufrieden.
„Ach Ole! Fleisch macht Fleisch, wie man hier unschwer sieht“, erriet Lotta seine Gedanken und knuffte ihm in seinen Bauch.
„Ja, aber…“, setzte Ole gerade dazu an, seinen Unmut darüber kundzutun, als sich Lottas kleiner Zeigefinger wieder mal mahnend erhob. „Okay, ist ja schon gut!“, nickte er daraufhin, um den Frieden zu wahren, ehe er nach einer kurzen Gedankenpause anfügte: „Nur eines kapiere ich bis heute nicht: Hätte uns die Natur als Vegetarier vorgesehen, hätte sie uns doch nicht evolutionär das Fleischverdauen angedacht!“, hörte er sich daraufhin selbst sagen, bevor ihm sein derzeitiger Aufenthaltsort bewusstwurde. Denn mit einem Mal war es Mucksmäuschen still auf der Gastterrasse und er hatte das Gefühl, dass alle ihn anstarrten.
„Ja dann: Moin erst einmal!“, sagte er einen Augenblick später, wobei er sich verblüfft umsah. Dabei meinte er, bei einigen der anwesenden Männer stille Zustimmung in ihrem Blick erkennen zu können.
Die Einzige, die nicht verblüfft schaute, war Lotta, stattdessen lachte sie herzhaft, bevor sie sagte: „Ach Ole, wie ich es liebe, dass du dein Herz auf der Zunge trägst. Auch wenn es dich ab und an, sagen wir mal, in recht interessante Situationen bringt. Und ja, das stimmt wohl so. Doch seitdem sich der Mensch das Feuer nutzbar gemacht hat, braucht er ja nicht mehr sein Gehirn für die Verdauung. Daher hat er nun Ressourcen frei, mit denen er sich Gedanken über seine Umwelt machen kann, wenn er will!“. Dann räusperte sie sich amüsiert und fuhr in normaler Stimmenlage fort: „Am besten wir gehen einfach mal nach hinten zu Mama und schauen, was sie für dich tun kann!“, ergriff sie seine Hand, wobei sie Anne zuzwinkerte, die sich gerade eine Träne aus dem Augenwinkel wischte.
„Also, mein karnivorer Geliebter, hier haben wir jede Menge erstklassigen Tofu und Saitan in den verschiedensten Sorten. Welche wählst du und was dürfen wir dir damit zubereiten?“, öffnete Lotta die Kühlkammer und machte eine einladende Handbewegung.
„Oh, ein Steak Medium bitte, am liebsten mit gebratenen Pilzen!“, grinste er sie daraufhin mehr ungehalten, als belustigt an.
„Okay, kein Problem“, küsste Lotta ihm auf die Wange, bevor sie sich an ihre Mutter wandte: „Für den Herrn hier ein Tofu suteiki Medium, bitte“. Dann betrachtete sie ihn eine Weile forschend, während er sich neugierig umschaute. Schließlich legte sie einen Arm um seine Hüfte und sagte: „Ist es nicht interessant, wie viele verschiedene Tofusorten es gibt! Dies hier beispielsweise ist ein Seidentofu, dessen Konsistenz ganz zart ist und so wunderbar für Süßspeisen geeignet ist. Ganz im Gegensatz zu diesen Schwamtofu hier, den kann man bspw. je nach Geschmack füllen und dann frittieren“, hielt sie ihm noch ein paar Sorten hin.
Bei einem, der so präsentierten Bohnenquarks, musste er spontan die Nase rümpfen. „Okay und das, was ist das für ein kleiner Stinker?“, zog er reflexartig seinen Kopf zurück, da dieser einen sehr strengen Geruch verbreitete.
„Oh, das ist ein Seidentofu, der mit einer speziellen Gemüse- und Fischlake behandelt worden ist und diese Art werden, wie du richtig festgestellt hast, als stinkende Tofus bezeichnet“, lachte sie erneut. „Hier koste mal, ist der nicht lecker?“, zog sie ein Messer aus der Tasche und schnitt ihm ein Stück ab, dass sie ihm in den Mund schob, ohne eine Antwort abzuwarten.
Ole verschluckte sich fast, als er das faulig anmutende Stück, fast ohne zu kauen, einfach runter schlang, wobei ihn der Geschmack etwas an Käse erinnerte. „Ähm ja, gar nicht mal so schlecht!“, räusperte er sich daraufhin. „Nur noch eins: Ihr esst doch auch Fisch und den bietet ihr ja auch hier im Restaurant an. Jedoch dachte ich immer, dass richtige Vegetarier überhaupt keine Tiere essen, egal ob diese vom Land oder aus dem Wasser stammen. Richtig?“
Wieder lächelte Lotta ihn milde an, bevor sie antwortete. „Ja, das ist fast richtig. Überzeugte Vegetarier essen auch kein Fisch. Fisch und Schalentiere stehen nur bei den Pescetarier auf dem Speisezettel, die manche Vegetarier abwertend auch als Pseudovegetarier bezeichnen. Doch das wir darauf nicht verzichten wollen, hat seine Gründe, die sich wunderbar in deine Theorie zur Entwicklungsgeschichte der Menschheit einfügen. Denn bevor der Mensch jagte, um an Fleisch zu kommen, nutzte er Fisch- und Muschelbestände, um seinen täglichen Eiweißbedarf zu decken, und um an die lebenswichtigen und lebensverlängernden Omega3 Fettsäuren zu kommen. Daher finden wir nichts Verwerfliches an dieser gesunden und naturgemäßen Ernährung, vor allem, weil wir nur Fisch aus freier Wildbahn anbieten, die mit nachhaltigen Fangmethoden gefischt worden sind. Doch natürlich bieten wir auch rein vegetarische Gerichte an“, erklärte sie ihm ruhig ihre Beweggründe. Dann presste sie sich an ihm ran, um ihn zu küssen, wobei sie deutlich seine kalten Lippen spürte. „Okay, dann lass uns jetzt mal besser raus hier, sonst verkühlst du dich noch!“, zog sie ihn zur Tür hinaus, bevor sie diese sorgsam verschloss.
Ole war überrascht, wie gut sein Pseudo-Steak schmeckte. Dennoch grunzte er irgendwann im Gedanken versunken: „Fleisch macht Fleisch, pah!“.
„Ach Ole, du denkst ja schon wieder laut!“, lächelte Lotta ihn daraufhin an, wobei sie ihn schon die ganze Zeit über kritisch beobachtet hatte. „Und, wie ist Gisela das Tofu suteiki gelungen?“
„Also,“, streckte er seinen Rücken durch und legte das Besteck zu Seite, ehe sein Blick zwischen Anne und Lotta hin und her wanderte, „zuerst einmal möchte ich sagen, dass ich angenehm überrascht bin. Der Geschmack ist echt lecker, nur,“, stockte er, wobei er seinen Kopf abwägend hin und her wiegte, „ist die Konsistenz, sagen wir mal so, schon etwas anders. Doch die Pilze hier, also die sind große Klasse. Nur fehlen mir ehrlich gesagt ein paar Pommes, dann wäre dies Gericht nahezu perfekt!“
„Am besten mit Ketchup, oder?“, wanderte Lottas Finger wieder vor seinen Augen hin und her. „Ach Ole, die Pilze sind doch ganz wunderbare Kohlehydratspender. Da braucht man doch keine vor Fett triefenden und krebserregenden Pommes, sowie Zucker mit Tomatensoße.“
„Ja, ist ja schon okay, Botschaft angekommen!“, lächelte er sie vordergründig an. „Ich soll dich übrigens von Sophia grüßen. Sie freut sich schon auf Dienstagabend und da frage ich mich doch: Was genau findet am Dienstagabend statt?“, sah er sie neugierig an.
„Oh wie schön, du hast Sophia getroffen“, strahlte Lotta ihn an, bevor sich ihre Stirn nachdenklich in Falten legte. „Ach ja, am Dienstag ist ja schon Vollmond. Oh Belisama, wie konnte ich nur deinen Ehrentag vergessen!“
Apologie
Trotz der nur knapp 4 KM Wegstrecke war er etwas dehydriert und hatte einen staubigen Geschmack im Mund, als Martin in seine neue Stammkneipe direkt unten an der Hafenpromenade der Playa de la Calera einkehrte.
„¡Holà Martin!“, begrüßte ihn die Barkeeperin freundlich, während sie sich ihre langen Dreadlocks aus dem Gesicht schüttelte.
„¡Holà Roswita“, grüßte er erschöpft zurück und setzte sich wenig elegant auf einen der Barhocker direkt am Tresen. „Ein Bier bitte!“, sagte er lächelnd, wobei er erleichtert ausatmete.
„Gerne und so wie du ausschaust, möchtest du bestimmt ein großes?“, hielt sie demonstrativ einen halben Liter Humpen hoch in die Luft.
„Ja gerne, denn ich denke, den habe ich mir heute nun wirklich verdient!“, nahm er seine modische Hornbrille ab und befreite diese kurz mit Hilfe seines T-Shirts vom Staub der Straße.
„Und wieso hast du es dir verdient?“, fragte sie professionell höflich, während sie den Zapfhahn betätigte.
„Hm?“, sah er überrascht hoch, als er seine Brille wieder aufsetzte. Dabei dachte er kurz über ihre Frage nach, wobei er bemerkte, dass dies bis jetzt doch kein so toller Tag gewesen war. Denn, nachdem das Trio gestern Abend endlich gegangen war, hatte er sich ausführlich darüber geärgert, dass er aufgrund der fortgeschrittenen Stunde nicht mehr schwimmen konnte. So war er erst eine gefühlte Ewigkeit später in einen nur leichten Schlaf gefallen, aus dem er jedoch immer wieder hochschreckte. Denn seine Träume wurden beherrscht von Anne, die darin immer wieder lächelnd und so wie Gott sie geschaffen hatte, auf ihn zugelaufen kam. Doch jedes Mal, wenn er ihren perfekten Körper gerade in seine Arme schließen wollte, stoppte sie direkt vor ihm ab, sah ihn entsetzt an und übergab sich zu seinen Füßen. Weswegen er heute Morgen oder eher am frühen Nachmittag eine Ewigkeit gebraucht hatte, um aufzustehen und sich anzuziehen.
„Na ja, aber immerhin bin ich heute erneut nicht von euren alten Kackfelsen gesprungen“, sah er verlegen zu Roswita hoch, wobei er versuchte die Flüssigkeit in seinen Tränenkanälen zurückzudrängen, die immer dann nach außen drängte, wenn er sich seines wenig perfekten Körpers bewusstwurde. „Das ist doch schon mal was, oder?“, fügte er etwas später leise hinzu.
„Ja okay, das ist doch schon mal was! Hast du denn dieses Mal wenigstens oben draufgestanden?“, lächelte sie ihn milde an, während sie das frisch gezapfte Bier vor ihm auf den Tresen abstellte.
„Hm, mehr oder weniger!“, grämte er sich weiterhin, ehe er einen großen Schluck nahm, ohne ihr den Spruch übel zu nehmen. „Du weißt ja, das ist gar nicht so einfach für mich!“
„Ach Seemann, hör endlich auf zu jammern! Das hätte doch auch viel schlimmer kommen können.“
„Ja, aber wie denn?“, sah er sie ungläubig an, wobei er den mittlerweile fast leeren Humpen wenig gefühlvoll auf den Tresen abstellte. „Immerhin habe ich doch, wie du weißt, alles verloren! Also von daher…“
„Wirklich alles?“, fiel sie ihm unsanft ins Wort, während sie ihn streng ansah. „Na, nun hör aber mal auf! Immerhin bist du doch gerade eben aufrecht durch meine Tür gekommen, oder?“, ergriff sie das Bierglas und füllte es erneut auf. „Und dieses hier geht aufs Haus!“, stellte sie das Glas ebenfalls schwungvoll auf den Tresen zurück, so dass die Schaumkrone am Rand des Glases herunterlief.
Beltane
Beltane ist ein Fest des Feuers, der Blumen und der Liebe und es trennt seit jeher das Sommerhalbjahr vom Winterhalbjahr. Ab Beltane beginnt endlich die helle Jahreshälfte. Vor Urzeiten feierten die Menschen diesen Tag, weil sie und das Vieh endlich ihre düstere und oftmals stickige Behausung verlassen konnten und sich das Leben endlich wieder in Freien abspielte.
Auf La Gomera diesen alten heidnischen Feiertag zu feiern, ist eigentlich ein Widerspruch in sich, herrschte doch auf dieser gesegneten Insel das ganze Jahr über frühlingshafte Temperaturen. Dennoch feierten die Senoras del la Luna llena, wie sich Lotta und einige ihrer Freundinnen selbst nannten, diesen besonderen Tag, den 5. Vollmond nach dem Julfest, jedes Jahr.
Ole war sichtlich enttäuscht, als Lotta ihm eröffnet hatte, dass die Männer ihres Clans an diesem besonderen Abend traditionell erst die Häuser und Stallungen mit frischem Grün schmückten, bevor sie bis tief in die Nacht Doppelkopf spielten, um sich über den frauenfreien Abend, sowie über den größten Teil der Nacht, hinwegzuhelfen. Was die Frauen des Clans währenddessen trieben, darüber schwieg sie sich jedoch beharrlich aus. So stellte dieser alte Festtag eine doppelte Bestrafung für ihn dar. Zum einen mochte er dieses Kartenspiel nicht mehr, seitdem er es jahrelang während seiner Bundeswehrzeit jeden Tag in der Mittagspause gespielt hatte. Zum anderen war es das erste Mal, dass Lotta etwas nicht erzählen wollte, was, im Zusammenhang mit diesem speziellen Datum, seine Fantasie ordentlich anregte. Denn dieses Datum brachte er dank Goethes Faust bis jetzt nur mit der Walpurgisnacht in Verbindung. Zwar wusste er über diesen höchsten Feiertag der Hexen nicht viel. Dennoch sendete ihm sein Kopfkino immer wieder Bilder von spärlich oder gar völlig unbekleideten Frauen, die mit einem Besen in der Hand in ekstatischen Bewegungen um ein Feuer tanzten.
Als er Lotta in einen unbedachten Moment davon erzählte, lachte sie zuerst herzhaft, bevor sie ihn amüsiert auf die Wange küsste und ihm ins Ohr flüsterte: „Oh mein fantasievoller Geliebter, warte nur ab bis zum Samhain, dann stehst du und deine Manneskraft ganz in Mittelpunkt. Jedoch die Nacht zu Beltane als Fest der Reinigung und der Fruchtbarkeit feiern wir Frauen unter uns!“. Damit war das Thema für sie erledigt und so wie sie ihn dabei anschaute, wagte er es nicht weiter nachzuhaken.
Und auch Leonora war bei diesem Thema sehr geheimnisvoll, als er sie darauf ansprach. Sie erzählte ihm lediglich, dass sie an diesem Abend, wie jedes Jahr zu Betane, ihr traditionelles Himmelskleid tragen, sich einen Blumenkranz aufs Haupthaar setzen und dann bis zum Sonnenaufgang ordentlich feiern würde.
Auch wenn Ole nicht wusste, was ein Himmelskleid war, gab er sich mit dieser Auskunft dennoch zufrieden und fragte nicht weiter nach. Erst als er erfuhr, dass Anne eine Einladung von den Vollmond-Frauen erhalten und angenommen hatte, war seine Neugier erneut geweckt.
Doch bevor er diese befriedigen konnte, erschien Peter, einer der Stones und fragte ihn, ob er nicht Lust hätte mit ihm den Mai-Baum vom letzten Jahr aufzuarbeiten, und einen Kranz zu binden. So schob er die Gedanken an die geheimnisvolle Feier zur Seite und verabschiedete sich von seinen Frauen, bevor er Peter zu der Tischlerwerkstatt folgte, die sich etwas abseits an einem Stallgebäude anschloss. Darum bekam er auch das nächste, ebenso spannende Ereignis nicht mit.
Hereinbrechende Gestirne
Langsam wand sich eine weiße Mercedes E-Klasse Limousine den Berg zum El paraíso en el charco hinauf. Denn es war das erste Mal, dass Sebastian Gommez Sanches diesen schmalen, kurvigen Weg hinauffuhr und dass will schon was heißen. Immerhin fuhr er schon seit fünfzehn Jahren Taxi auf dieser Insel. Daher dachte er bisher, dass er sie wie seine eigene Westentasche kennt. Doch hierhin hatte es ihn noch nie verschlagen und wäre die junge Frau an der Fähre nicht in sein Taxi gestiegen, dann hätte sich daran vermutlich auch nichts geändert.
‚Diese Frau ist echt merkwürdig!‘, dachte er erneut, als er sie mittels des Rückspiegels betrachtete. Nicht im Sinne von hässlich oder etwas Ähnlichem, ganz im Gegenteil sie war sogar äußerst attraktiv, wenn auch etwas zu dürr für seinen Geschmack. Nur hatte ihr Blick etwas, was man am besten mit Gebieterisch und Durchdringlich beschreiben konnte, und dieser verunsicherte ihn. Ohne es zu merken, wischte er sich zum wiederholten Male mit seinem Unterarm den Schweiß von der Stirn, während er sie eingehend betrachtete.
Neben einen wallenden schwarzen Rock trug sie ein hautenges ebenfalls schwarzes Spagetti-Top, unter dem sich deutlich zwei kleine Ringe abzeichneten, und zwar dort, wo er sie normalerweise nicht vermuten würde. Zudem trug sie noch weiteren äußerst merkwürdigen Schmuck. Das Amulett, dass sie an einer feinen, aber massiven Kette um den Hals trug, sah aus wie ein chinesisches Ying/Yang Symbol, nur war dieses dreigeteilt und der einzige Ring, den sie an ihrer rechten Hand trug, hatte eine Art Ringschelle vorne dran.
All dass, sowie ihre langen, schwarzen und scheinbar seit längerem nicht gewaschenen Haaren, und ihre blasse Haut, ließ ihm als streng gläubiger Katholiken an einem gefallenen Engel denken. Mittels eines Kopfschüttelns versuchte er sich, von diesem Gedanken zu befreien, während er zum hellen Vollmond hinaufsah. ‚Mist, dass auch noch!‘, fluchte er daraufhin leise, während er hastig ein Kreuz schlug und dann sein Kruzifix berührte, dass er an einer einfachen Kette um den Hals trug.
Während er noch ein stummes: Vater unser, betete, nahm er erleichtert zur Kenntnis, dass hinter der nächsten Kurve eine Lichtung mit einer Ansammlung von einfachen Häusern und Hütten auftauchte und überglücklich vernahm er kurz darauf, dass die geheimnisvolle Frau hier ihre gemeinsame Fahrt beenden wollte.
Abrupt stoppte er sein geliebtes Taxi vor dem nächstbesten Haus und kassierte schnell das Fahrgeld. Nachdem er sich für das üppige Trinkgeld bedankt hatte, mit dem er, wenn er ehrlich war, nicht gerechnet hatte, stieg er eilig aus. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte er sich nach hinten, öffnete schnell den Kofferraum und stellte ihr Gepäck, das lediglich aus einer Tasche und einem Rucksack bestand, einfach neben seinen Wagen ab. Erst dann sah er wieder hoch und bemerkte, dass die junge Frau noch im Wagen saß. Vor Unlust schnaufend ausatmend, ging er daraufhin zum Fond und öffnete die Tür auf der Beifahrerseite.
„Wenn Sie so nett wären?“, streckte ihm die junge Frau ihre rechte Hand entgegen, wodurch sein Blick unwillkürlich auf ihren merkwürdigen Ring fiel. Diesen schien sie noch dadurch zu betonen, indem sie ihren Ringfinger etwas von den anderen ab streckte.
„Hm, ja!“, räusperte er sich noch einmal verlegen, bevor er ihre Hand ergriff, woraufhin sie zufrieden lächelnd aus den Wagen stieg.
„Oh nein, nicht schon wieder!“, schreckte Martin mitten aus einem dieser sich endlos wiederholenden Alpträume herausgerissen hoch, wobei er seinen rechten Oberschenkel krampfhaft umklammert hielt. Denn wie immer völlig unvorhersehbar schoss ihm ein unangenehmes Stechen mit solcher Wucht durch sein rechtes Bein, dass er sich ohnmächtig vor Schmerz auf seiner Schlafstatt hin und her wälzte.
Später, nachdem diese wahnsinnige Pein endlich abgeklungen war, lag er völlig verschwitzt und außer Atem, noch eine Zeitlang apathisch auf den Rücken, während er einen Satz von Ernest Henley wie ein Mantra vor sich hin betete. Dieses Mantra mit dem Wortlaut: „Ich bin der Meister meines Schicksals und meiner Seele Kapitän“, hatte ihn ein Psychologe, am Ende seines einjährigen Klinikaufenthalts, mit auf dem Weg gegeben, damit er es aufsagt, wenn es ihm wie eben erging. Mechanisch rieb er dabei mit seiner rechten Hand kreisförmig über seine linke Brust, während sich langsam seine Atmung wieder beruhigte.
Warum er immer und immer wieder diesen Satz runter betete, war ihm mittlerweile schleierhaft. Denn einen Sinn ergab dieser Ausspruch für ihn keinen. Da er weder das Gefühl hatte der Meister seines Schicksals noch der Kapitän seiner Seele zu sein. Beides entsprang vielmehr einem Wunschdenken. Während er weiter bewusst tief ein- und ausatmete, sah er sich unsicher um, wobei er zufrieden feststellte, dass Roswita wohl schon gegangen war, um ihre Kneipe zu öffnen. Was bedeutete, dass er allein war in ihrem kleinen Einzimmerapartment.
Früher wäre es Martin niemals in dem Sinn gekommen, sich mit einer älteren Frau einzulassen. Doch vermittelte Roswita ihm das Gefühl, ein vollständiger Mann zu sein. Und auch wenn sie ein wenig einfach gestrickt war, musste er ihr doch immer wieder zugestehen, dass ihre Ansichten seinen eigenen Weltanschauungen einiges voraushatten. Auch, so fand er, konnte man sie nicht mit anderen Frauen in ihrem Alter vergleichen. Was wohl nicht zuletzt daran lag, dass er noch nie zuvor einer Hippie-Frau begegnet war.
Nach zwei weiteren tiefen Atemzügen rollte er sich aus dem Bett und startete auf den Bodenfliesen liegend sein allmorgendliches Trainingsprogramm. Denn wenn er schon nicht mehr ein ganzer Mann war, dann wollte er zumindest den Rest nicht vernachlässigen. So war er nach den selbst auferlegten 100 Liegestütze und der gleichen Anzahl von Klappmessern erneut außer Atem und noch stärker verschwitzt als vorher.
Noch auf dem Rücken liegend, sah er sich weiterhin keuchend nach einer Möglichkeit um, die ihm die noch fehlenden 100 Klimmzüge ermöglichte. Jedoch fand er keine. Daher beschloss er noch einen weiteren Moment auf den Boden, neben dem Bett liegen zu bleiben, damit sich seine Atmung und Puls wieder normalisierten.
Dabei befühlte er sein Geschlecht, das schlapp und fast schon ein wenig Wund zur Seite hing. Denn Roswita hatte ihn in der vergangenen Nacht hart rangenommen und war selbst nach dem zweiten, lange nach hinten herausgezögertem Orgasmus noch nicht vollends befriedigt, als er eigentlich nur noch schlafen wollte.
Deshalb beschlich ihn kurz das Gefühl, dass er auch in dieser Situation mal wieder jemanden ohnmächtig ausgeliefert gewesen war, wenn auch auf eine wesentlich angenehmere Art als sonst. Doch grämte er sich nicht lange darüber, da Roswita die erste Frau war, mit der er intim war, seitdem ihm diese unvorstellbare Gewalt angetan worden war.
Der geflieste Boden, auf dem er lag, war zwar hart jedoch angenehm kühl, ebenso wie der große Raum, der mit von außen angebrachten Fensterläden abgedunkelt war, um die Kraft der Sonne draußen zu halten. Und diese angenehme Kühle genoss er mit jedem Atemzug, bis er nicht mehr in der Lage war, seine Augen noch länger offen zu halten.
Ein paar Minuten später riss Martin seine Augen jedoch wieder überrascht auf, als ein Geräusch ihn weckte. „¡Holà! ¿Alguien en casa?", vernahm er kurz darauf eine nicht unsympathische, ihm jedoch unbekannte Stimme.
„Was?“, brummte er daraufhin verschlafen, bevor er seine Augen öffnete und eine fremde, junge Frau anstarrte, die in der offenen Eingangstür stand und ebenfalls überrascht zurückstarrte.
Erst dann registrierte sein noch lahmes Hirn, dass er noch immer nackt, vor ihr auf dem Fußboden lag und sein schlaffes Glied in der Hand hielt, mit der er es sofort schamhaft bedeckte.
„¡Holà, soy Martin!“, stammelte er verlegen, während er sich so hilflos vorkam, wie ein Käfer, der auf dem Rücken lag.
„Oh, dann bist du wohl der neue Lover von meiner Mutter!“, antwortete die junge, südländisch wirkende Frau im nahezu akzentfreien Deutsch, während ihr Blick unverdrossen auf seinen frisch gestählten Körper ruhte. „Na, da hat sie sich ja mal was Junges und Knackiges geangelt!“, sagte sie bewundernd, bevor sie die Tür hinter sich schloss und auf ihn zu kam. „Kann ich dir vielleicht helfen?“, sah sie ihn fragend an, als sie unmittelbar vor ihm stand.
„Ähm, wie meinst du denn das?“, bemühte er sich freundlich zu bleiben, und nichts Abwertendes in ihre Frage hineinzuinterpretieren. Dabei betrachtete er sie eingehend, wobei ihm nicht nur ihre attraktiven körperlichen Attribute auffielen, sondern auch, dass sie nur wenig jünger sein musste als er selbst, was ihm sofort das Blut schamhaft ins Gesicht trieb.
„Ach, ich dachte nur, es wäre einfacher,“, hielt sie kurz inne, ehe sie zum Bett hinüber ging, „wenn ich dir die hier reiche!“, hielt sie ihm eine seiner Prothesen hin.
„Oh!“, starrte er diese verstohlen an, während er irgendeine Regung in ihrem Gesicht suchte, die ihm verriet, was sie in diesem Moment dachte. „Ähm ja, danke!“, ergriff er schließlich lächelnd seinen künstlichen rechten Unterschenkel und Fuß, da er nichts Außergewöhnliches in ihrem Gesicht entdecken konnte. „Wenn du mir dann auch noch eine der weißen Stulpen dort hinten geben könntest, wäre ich dir sehr dankbar!“, zeigte er zum Nachttisch, bevor er sie fragend ansah. „Doch sag mal, wie heißt du überhaupt?“
„Oh, ach ja, ich heiße Sophia!“, lächelte sie ihn offen an. „Und nicht das du denkst, dass ich hier regelmäßig irgendwelche nackten Lover von meiner Mutter vorfinde!“, lachte sie, ehe sie ernst anfügte: „Nein, eigentlich ist es das erste Mal!“. Dann drehte sie sich um, um die besagten Stulpen zu holen, die wie kleine Rollmützen aussahen. „Warte mal!“, betrachtete sie ihn dann kritisch, als sie wieder auf ihn zu kam. „Ja doch, so müsste es doch eigentlich einfacher für dich sein!“, trat sie überraschend noch näher auf ihn zu, bevor sie vor ihm ein Stück in die Hocke ging. „So, nun bitte nicht erschrecken!“, hakte sie ihn einfach links und rechts in den Achselhöhlen unter und hob ihn hoch in die Luft, so als ob er nichts wiegen würde und setzte ihn dann sanft auf dem Bett ab.
Verblüfft und erneut ein wenig beschämt, sah er sie daraufhin an, wobei er lediglich ein leises: „Aber!“, als Protestbekundung hervorbrachte.
„Oh, kein Problem! Durch die Arbeit im Lager meines Vaters bin ich es gewohnt schwere Lasten zu heben. Auch wenn keine bisher so attraktiv war, wie du“, lächelte sie ihn weiterhin offen an.
„Ja, na dann…?“, versuchte er ebenfalls zu lächeln, wobei ihm ein wenig unwohl zu Mute war. Denn als schwere Last bezeichnet zu werden, und wie ein Paket einfach hochgehoben zu werden, beschämte ihm und kratzte an sein Selbstverständnis als Krüppel. Denn Worte wie Versehrter oder Invalide trafen es nicht im Entferntesten, was er im innersten fühlte.
Denn im innersten sehnte er sich danach, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, der zudem nicht andauernd schief angeschaut oder wie ein hilfloses Kind behandelt wird.
Bei diesem Gedanken versuchte er erneut, irgendeine Regung in ihren Blick zu erkennen. Doch stellte er überrascht fest, dass dort weder Mitleid noch versteckter Hohn zu erkennen war.
Daraufhin beruhigte er sich langsam wieder und besann sich seiner Situation oder vielmehr auf das Bild, dass er wohl gerade abgeben musste. „Tja, vielleicht sollte ich dann erst einmal das Badezimmer aufsuchen, bevor ich mich anziehe!“, sagte er nachdenklich, da er mit einem Mal den Drang verspürte, den unangenehmen Umstand zu beheben, dass bestimmt noch diverse Körperflüssigkeiten von Sophias Mutter an ihm hafteten und er zudem bestimmt nicht angenehm roch.
„Okay, dann lass ich schon mal das Badewasser ein!“, nickte Sophia zustimmend und wandte sich von ihm ab und dem Badezimmer zu.
Währenddessen war er von dieser doch etwas skurrilen Situation völlig überfordert. So schlüpfte er ungewohnt umständlich in seine künstlichen Gliedmaßen. Dann schüttelte er verlegen und dennoch amüsiert seinen Kopf hin und her, wobei ihm ein ungläubiges Lächeln übers Gesicht huschte. Denn weder Mutter noch Tochter störten sich an seinen Verstümmelungen und nahmen diese wie selbstverständlich hin, so als ob diese völlig normal waren. Zumindest ließen sie sich nichts anmerken, was er so außerhalb der Kliniken nicht kannte.
Jeder, wirklich jeder, den er bisher begegnet war, zuckte zumindest einmal kurz, wenn nicht sogar andauernd und dann auch nicht immer nur innerlich zusammen, wenn sie seine fehlenden Gliedmaßen bemerkten, und das nervte ihn zutiefst. Denn zusätzliches Mitleid von außen brauchte und wollte er nicht noch zusätzlich, denn davon besaß er schon genug.
Dennoch fiel es ihm schwer den Wunsch zu unterdrücken, sich auf der Stelle anzukleiden, um so schnell wie möglich aus Roswitas Wohnung zu verschwinden. Zwar war ihm so viel Nähe und gutgemeinte Aufmerksamkeit schon seit langem nicht mehr zuteilgeworden, dennoch vermisste er gerade seine gewohnte Einsiedelei. Doch dann besann er sich eines Besseren und machte sich auf dem Weg ins Badezimmer.
„Wie jetzt?“, stutzte er als er den Türrahmen des Badezimmers erreicht hatte. Dabei starrte er ungläubig auf Sophia, die in der fast gefüllten Badewanne lag und ihn erwartungsvoll ansah.
„Na ja, ich dachte, wenn ich schon mal da bin, könnte ich dir doch auch gleich den Rücken schrubben!“, lächelte sie kurz verschmitzt. „Na, nun komm schon her und lass dich einfach zu mir hinein gleiten!“, sagte sie dann lasziv, als er einen Moment später noch immer nicht reagiert hatte, wobei sie 2-mal mit der flachen Hand auf den Wannenrand trommelte, ehe sie ihm etwas von dem Badeschaum hinüber pustete.
„Ja, aber?“, stammelte er, während sein Blick an ihrem prachtvollen Busen geheftet blieb, der auf der Wasseroberfläche zu schwimmen schien. „Nun gut!“, murmelnd ging er schließlich zu ihr hin und setzte sich auf den Wannenrand. Verschämt drehte er sich jedoch ein wenig zur Seite, um seine mittlerweile stolze Männlichkeit ihrem Blickfeld zu entziehen.
Dabei betrachtete er sie verstohlen aus den Augenwinkeln heraus. Wobei er feststellte, dass sie wirklich hübsch war und so wie sie vor ihm in der Wanne lag, wirkte sie unheimlich sexy, auch wenn man sie nicht als klassische Schönheit bezeichnen konnte. Denn dazu war sie ein wenig zu stämmig, in Bezug auf ihre Muskulatur. So war ihm jetzt klar, warum sie vorhin kein Problem damit hatte, ihn vom Fußboden aufs Bett zu hieven. Dies muss sie wohl ebenso vom Vater geerbt haben, wie fast alle anderen körperlichen Attribute, mal abgesehen von der Nase und den unergründlichen grünen Augen, die den ihrer Mutter sehr ähnelten.
Bei dem Gedanken an Roswita fühlte er sich auf einmal mies, weshalb er unruhig auf dem Wannenrand hin und her rutsche, während er sich dazu zwang, seinen Blick von ihrem Körper abzuwenden. Stattdessen starrte er hinunter zu den Bodenfliesen, ehe er fragte: „Sophia, sag mal, hast du dir eigentlich mal Gedanken darüber gemacht, wie deine Mutter dies hier finden würde?“.
„Wie meine Mutter dies hier finden würde?“, wiederholte sie nachdenklich, bevor sie milde lächelte. „Ach so, nein das wäre kein Problem, denn du bist nicht der erste Mann, den wir uns teilen!“.
„Was?“, starrte er sie verblüfft an, ehe er: „Ja, aber?“, murmelte.
„Martin, dein: Ja, aber, entwickelt sich geradezu einem wahren Lustkiller!“, zogen sich zuerst ihre Augenbrauen nach unten, bevor sie wieder lächelte und sanft anfügte: „Ich wollte damit lediglich sagen, dass sie bestimmt nichts dagegen hat, im Gegenteil“.
„Was? Ja, …“, hielt er mitten im Satz inne, bevor er kleinlaut: „Na gut!“, einräumte. Dann entledigte er sich seiner frisch angelegten Prothesen, bevor er sich mit einem: „Also dann, fertig!“, sowie beidhändig an die Wannenränder gestützt, langsam, aber behände wie ein Kunstturner an den Bahren, zu ihr ins Wasser hinein glitt.
„Na, ich hoffe doch noch nicht!“, empfing Sophia ihn mit offenen Armen.
Neugierig bog Anne um die nächste Häuserecke, da sie das weiße Taxi bemerkt hatte, welches sich langsam den Berg zu ihrer Siedlung hinauf gequält hatte. Dabei fragte sie sich, wer von ihnen bereit war, ihr hart verdientes Geld für eine Taxifahrt auszugeben. Doch damit, Lottas Nichte daraus aussteigen zu sehen, hatte sie nicht erwartet. Hatte sie doch insgeheim gehofft, dass Angela direkt ins Wendland zurückkehrt, nachdem sie sich in Saint Tropez von einem kleinen Unfall erholt hat. Jedoch wusste sie, dass dies wohl mehr Wunschdenken war.
Und da dieser Wunsch sich offenbar nicht erfüllt hat, nahm sie sich im nächsten Moment vor, das Beste daraus zu machen. Darum konzentrierte sie sich darauf unverkrampft zu lächeln, wodurch sie jedoch unbedacht ausstieß: „Angela, wo um alles in der Welt kommst du denn auf einmal her?“.
„Hallo liebste Anne, es freut mich auch dich zu sehen!“, trat Angela ungeachtet dessen auf sie zu und umarmte sie lang und innig, bis es Anne zu viel wurde und sie ungehalten einen Schritt zurücktrat, zumal Angela so roch, als ob sie ihre Klamotten seit Tagen anhatte. Doch selbst einen Schritt von Angela entfernt verspürte Anne noch immer etwas auf ihrer Haut. Was, wie sie einen Augenblick später feststellte, Angelas kritischer Blick war, der sie von oben bis unten eingehend musterte.
„Man, unsere Athletin sieht man es ja mittlerweile tatsächlich an, dass sie Schwanger ist!“, sagte Angela kurz darauf bewundernd, ehe sie im nächsten Moment Annes Top einfach ein Stück hochzog. „Ja, wenn das mal kein süßer Spitzbauch ist!“, legte sie daraufhin ihre rechte Hand auf Annes Bauch und streichelte diesen dann mit zarten, aber festen Kreisbewegungen. „Da wird sich der Vater aber freuen!“, sah sie Anne vordergründig grinsend ins Gesicht, bevor sie anfügte: „Apropos, wo wir gerade von dem Vater reden, ist Ole eigentlich auch da?“.
„Du weißt genau das Ole nicht der Vater des Kindes ist! Also was soll das?“, nahm Anne Angelas Hand von ihrem Bauch. „Und nein, Ole ist nicht da! Er arbeitet mit den anderen Männern den Maibaum auf“, fügte sie so wütend wie schon lange nicht mehr hinzu, während sie sich sorgsam wieder bedeckte. Dabei fixierte sie Angela aus dem Augenwinkel heraus. ‚Nein, sie hatte Angela und ihre Spielchen wirklich nicht vermisst!‘, grollte sie innerlich, bevor sie kurz bewusst tief bis in den Bauch hinein atmete.
„Also dann“, besann sie sich wieder auf ihren eigentlichen Plan, wobei sie Angela mehr breit grinsend als lächelnd ansah. „Willkommen auf La Gomera! Soll ich dir vielleicht mit dem Gepäck helfen?“
„Nein danke!“, lächelte Angela ebenso zurück, ehe sie ihr Gepäck aufhob.
Mit schnellen, raumgreifenden Schritten ging Angela zur Finka hinüber, wobei sie schon von weitem die Deads mit Touch of Grey aus der Wohnküche Dröhnen hörte. Dort angekommen huschte ihr ein diebisches Lächeln übers Gesicht, während sie bewusst leise von hinten auf Leonora zuging, die am Arbeitstisch in die Musik versunken Brotteig knetete und dabei leise mitsummte. Kaum das sie hinter Leonora getreten war, legte Angela ohne Vorwarnung ihre Arme einfach um Leonoras Hüften, wobei sie sanft ihren Nacken küsste, bevor sie ihr laut ins Ohr schrie: „Hallo Lennie, hier hat sich ja wirklich gar nichts verändert!“.
Wie von Blitz getroffen, zuckte Leonora kurz zusammen, bevor sie ihre Hände aus dem Teig zog und diese so nach oben schnellen ließ, als ob sie sich ergeben wollte. Mit kreidebleichem Gesicht und stark pochendem Herzen drehte sie sich daraufhin langsam nach hinten um. „Angela, du? Du hast mich ja eben fast zu Tode erschreckt, so etwas kannst du doch nicht machen!“, sagte sie erbost, ehe auch sie zu Lächeln anfing. „Oh wie schön, dass du es doch noch rechtzeitig geschafft hast! Warte bitte einen Moment! Der Teig ist eh gleich fertig und kann dann gehen“, sah sie kurz hilflos auf ihre mit Brotteig verschmierten Hände, ehe sie ein paar abschließende Knetbewegungen machte und den Teich noch ein paar Mal mit Schwung auf die Arbeitsplatte knallte. Daraufhin ging sie zur Spüle und drehte den Wasserhahn auf, über den ein Schild klebte mit der Aufschrift: agua de lluvia, und wusch sich gründlich die Hände. Nachdem sie dann auch noch die Musik leiser gedreht hatte, wandte sie sich wieder Angela zu und nahm sie überschwänglich in den Arm. „Gut siehst du aus! Sag, wie geht es dir?“, dabei drückte sie sie fest an sich.
„Danke Lennie, wie immer alles in bester Unordnung. Unkraut vergeht halt nicht!“, erwiderte Angela die Umarmung. „Auch wenn ich nicht glauben kann, dass ich im Moment gut aussehe! Ehrlich gesagt, habe ich seit Tagen nicht geduscht, da ich auf der Fähre keine Kabine mehr bekommen habe. Doch das war mir egal, ich wollte doch unbedingt heute hier ankommen! Heute ist doch Beltane, oder?“
„Sicher Kind, sicher! In einer Stunde ziehen wir los. Nimm dir etwas zu essen und dann ab unter die Dusche! Beltane ist immerhin das Fest der Reinigung und dass solltest du nicht so begehen!“, griff sie sich an die Nase und winkte mit ihrer rechten Hand in Richtung des Badezimmers.
„Okay, ich geh mich dann mal frisch machen“, gab Angela ihr einen Kuss auf die Wange, bevor sie ihre Sachen von Boden aufsammelte und ging.
Wie bei einem Kind rieb Sophia Martin liebevoll mit einem frischen, harten Handtuch über den Rücken, die Brust und den Armen, wobei sie gleichzeitig immer wieder seinen Nacken küsste.
Martin saß währenddessen auf dem Wannenrand und genoss das behaglich, sinnliche Gefühl, welches sie mit dem Handtuch auf seiner Haut und in ihm auslöste. Doch als sie anfing seine Stümpfe vorsichtig zu trocknen, und zu betasten, öffnete er die Augen und sagte: „Nicht, dass mag ich gar nicht!“. Dabei legte er seine Hand auf ihre, um sie so am Weitermachen zu hindern.
„Oh, entschuldige bitte!“, sah sie überrascht und ein wenig gekränkt zu ihm hoch. „Das tut mir leid! Ich wollte diesen schönen Moment nicht zerstören“, erhob sie sich langsam und nahm sein Gesicht in ihre Hände, um zärtlich seine gekräuselten Lippen zu küssen, bevor sie sein Gesicht in ihren vollen Busen presste.
Kurz genoss Martin das Gefühl darin zu versinken, und ihren lieblichen Geruch in sich aufzusaugen. Doch dann mit einem Mal legte er seine Hände gegen ihr Becken und stieß sie unsanft von sich weg. „Danke, das reicht!“, sagte er dabei schroff, ohne aufzuschauen, wobei er schwer ein- und ausatmete.
„Ach Martin, nun komm schon! Ich hatte mich doch schon entschuldigt!“, sah sie mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis zu ihm hinunter, bevor sie sich unsicher neben ihn auf den Wannenrand setzte, wobei sie den Wunsch unterdrückte, ihn in den Arm zu nehmen. Stattdessen legte sie ihren Kopf zur Seite und betrachtete ihn eine Zeitlang, bis sie die angespannte Stille nicht länger ertrug: „Weißt du, ich mag dich einfach so, wie du bist!“.
„Danke, dass ist nett! Nur, was weißt du denn schon großartig von mir. Außer das du mich vorhin hier vorgefunden hast, wobei es ziemlich offensichtlich war, dass ich die Nacht mit deiner Mutter verbracht habe“, sah er ihr ungläubig in die Augen, bevor er sich unsicher von ihr abwandte.
„Und das sagt mir, dass sie einen ziemlich guten Eindruck von dir haben muss. Ansonsten hätte sie dich nicht eingeladen über Nacht zu bleiben. Sie hat nämlich eine ziemlich gute Menschenkenntnis und hat bestimmt ebenso deine sehr schöne Aura bemerkt“, rückte sie vorsichtig ein Stück näher an ihn heran und küsste ihn sanft über den Rücken.
„Das ist ja man interessant! Ich habe also eine sehr schöne Aura und was genau siehst du darin?“, sah er sie irritiert an.
„Oh, du meinst, was ich genau darin sehe?“, lächelte sie ihn an, bevor sich konzentriert ihre Stirn kräuselte. „Also, zunächst einmal spüre ich nur deine Astralaura und die hat zurzeit sehr starke Blautöne, welche die darunterliegenden Purpurroten Töne überdecken.“
„Ach so, ja dann, dann ist ja alles klar!“, lachte Martin plötzlich spöttisch, während er sich daran machte seine Prothesen anzulegen. „Und ich kann mir denken das ist nichts Gutes, oder Hippiekind?“, drehte er sich zu ihr hin und warf ihr einen kurzen kritischen Blick zu.
Bei dem Wort Hippiekind musste Sophia grinsen, war ihr Vater doch der Antihippie schlecht hin und wie ihre Eltern zueinander finden konnten und sie dabei herauskommen konnte, ist ihr bis heute ein Rätsel. So gab sie sich mittlerweile mit der Annahme zufrieden, dass dies eigentlich nur mit Drogen zu tun haben konnte. Unabhängig davon konzentrierte sie sich weiter darauf, Martins Frage zu beantworten: „Okay, kurz zusammengefasst: Du bist ein spiritueller, kreativer und zielorientierter Mensch, nur neigst du zur manischen Depression und Isolation!“.
„Na super, dann hat deine Mutter dir also doch von mir erzählt. Das ist ja…“, fing er gerade an sich aufzuregen, da wurde er mitten im Satz dadurch unterbrochen, dass sich erneut die Wohnungstür öffnete.
Kopfschüttelnd sah Leonora Angela amüsiert hinterher, wobei sie Anne bemerkte, die die Begrüßung der beiden aus einigem Abstand beobachtet hatte. Kurz betrachtete sie Anne eingehend, ehe sie sagte: „Irgendwie verspüre ich gerade eine Spannung in der Luft, die noch nicht da gewesen ist, bevor Angela hier aufgetaucht ist. Hast du dafür vielleicht eine Erklärung?“.
„Ich, nein wieso?“, schüttelte Anne verneinend ihren Kopf, während sie dabei abwehrend ihre Arme vor der Brust verschränkte und auf den Boden starrte.
„Schade, denn ich wüsste nur zu gerne, warum Angela in dir so viele negative Gefühle auslöst“, setzte Leonora ein mütterliches Lächeln auf und ging ein paar Schritte auf Anne zu.
„Häh, wie kommst du denn auf so was?“, wurde Annes Stimme mit einem Mal eine Nuance tiefer und aggressiver.
„Oh, das ist nicht schwer zu erraten. Deine Körperhaltung und deine Stimmenlage sagen mehr als 1.000 Worte, Kind“, strich Leonora Anne aufmunternd über ihre verschränkten Arme.
„Okay, du hast ja Recht! Ich bin eine lausige Schauspielerin“, verzog Anne das Gesicht, wobei sie ihre Arme resignierend sinken ließ. „Ach, ich weiß auch nicht, Angela ist mir einfach zu extrem. Alles an ihr ist so…. Grrr!“, hob sie ihre Arme erneut in die Höhe, wobei ihre Finger eine krallenartige Stellung einnahmen. „Außerdem mag ich nicht, was sie mit Ole anstellt. Oh, …“, stockte sie mit einem Mal, wobei sie Leonora flehend ansah. „Das darfst du aber niemanden erzählen, versprochen? Und schon gar nicht Lotta!“
„Warum sollte ich ihr etwas verraten, was doch ganz offensichtlich ist?“, strich Leonora kurz über Annes mittlerweile rötlich schimmernden Wangen.
„Was, das ist jetzt schon offensichtlich?“, empörte sich Anne von neuen, während sie ihre Armmuskulatur anspannte.
„Nein, woher denn?“, konnte Leonora sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Angela ist lediglich eine schöne und selbstbewusste junge Frau, die ihre Umwelt mit ihren Reizen zu dominieren weiß. Kein Wunder also, dass ihr die Männer zu Füßen liegen! Die Männer meinen zwar immer das starke Geschlecht zu sein, doch sind sie es wahrlich nicht.“
„Tja, wenn das man alles wäre. Mit dieser Erkenntnis lebe ich schon lange!“, brummte Anne, bevor sie sich auf den Absatz umdrehte und die Küche ohne ein weiteres Wort verließ.
Bizarrer Habitus
Kurz sah Roswita sich verblüfft in ihrer Wohnung um, dann lächelte sie, als sie ihre Tochter und Martin im Badezimmer entdeckte: „¡Holà! Das ist ja schön, dass ihr euch schon miteinander bekannt gemacht habt. Ich will auch nicht weiter stören. Ich habe lediglich meine Athame vergessen und die brauche ich doch nachher“, lächelte sie entschuldigend, ehe sie zu einer Kommode ging und aus einer der Schubladen eine kunstvoll verzierte, hölzerne Schatulle herausholte.
Dann ging sie zur Tür zurück und ergriff eine Leinentasche, die sie kurz zuvor dort abgestellt hatte, dabei lächelte sie den beiden erneut zu: „Ich muss jetzt leider gleich wieder los. Aber wir sehen uns ja Morgen, bei den anderen oben in der Siedlung zum Maitanz. Also gut bis dann, ich muss mich jetzt leider beeilen. Ach, und Martin, heute Nacht werde ich es wohl nicht mehr schaffen. Also steht es dir frei, wo und wie du sie verbringen willst!“, warf sie ihm einen entschuldigenden Blick zu und wandte sich von ihnen ab, um zu gehen.
Dann stockte sie jedoch: „Ach was soll’s“, kam sie strahlend auf die beiden zu. „So viel Zeit muss sein! Schön, so ein erfrischendes Bad hätte ich jetzt auch gerne genommen!“, roch sie kurz an Martin, der immer noch stocksteif dasaß und sich nicht rührte. „Mm, riechst du gut!“, beugte sie sich weiter zu ihm runter und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. Danach wandte sie sich ihrer Tochter zu, die im Gegensatz zu Martin völlig entspannt neben ihm saß. „Gut siehst du aus, mein Augenstern. Amüsiert euch ruhig weiter, ich muss jetzt leider wirklich los!“, gab sie auch ihrer Tochter einen Kuss, bevor sie ihre Nase kurz in Sophias krausen, nassen Haaren vergrub.
„Buenas noches madre! Y pásatelo muy bien“, lächelte Sophia daraufhin ihre Mutter an.
„Tambien!“, fuhr Roswita mit dem Handrücken über Sophias Gesicht, bevor sie etwas in Martins Blick entdeckte, als sie ihn erneut ansah. „Oh, ist alles in Ordnung?“, sah sie ihn daraufhin besorgt an.
„Ja, mach dir bitte keine Sorgen. Wir beide verstehen uns blendend!“, legte Sophia zum Beweis ihre Hand auf Martins Oberschenkel. „Grüß bitte die anderen von mir und sag Lotta ich bin morgen auf jeden Fall dabei!“
„Bien“, küsste Roswita ihrer Tochter noch einmal auf die Stirn und lächelte beim Gehen Martin zu, dessen Gesicht sich mittlerweile zu einer fragenden Fratze gewandelt hatte.
Kaum hatte sich die Eingangstür hinter Roswita geschlossen, verließ Martin polternd das Badezimmer und kleidete sich wortlos an. Dabei wich er bewusst Sophias fragenden Blicken aus, während seine Gedanken Achterbahn fuhren. Denn als Lustobjekt für Mutter und Tochter herzuhalten, war selbst unter seiner kaum noch vorhandenen Würde. Alt 68‘er oder das was auch immer hier von der freien Liebe übriggeblieben ist, hin oder her: ‚Wie konnten die beiden nur so schamlos sein!‘. Oder vielmehr: ‚Wie konnte er nur so schamlos sein?‘.
Nicht, dass das was er bisher getan hatte, nach westlichen Moralvorstellungen immer einwandfrei gewesen war. Immerhin hatte er ein Kind mit der Zwillingsschwester seiner verstorbenen, großen Liebe. Doch dies hier hatte eine andere Qualität und war selbst in seinem Wertesystem ein No-Go. Sicher, Roswitas Aufmerksamkeit tat ihm gut und ohne sie hätte er es vielleicht auch schon vor ein paar Tagen getan und wäre von den alten Kackfelsen in die selbstgewählte Erlösung gesprungen. Und obwohl sie vom Alter her gut seine Mutter sein konnte, hatte sie ihn begehrt und er sie, was er immer noch nicht glauben konnte. Hatte er vielleicht am Ende ein Mutterkomplex und stand auf Milfs?
‚So ein Quatsch!‘, huschte ihm ein schelmisches Lächeln übers Gesicht. Denn auf einmal musste er an Sophia denken, die hier einfach aufgetaucht war und ihn quasi in Vorbeigehen vernascht hatte, wie ein Erdbeereis an einem sonnigen Tag, und sie, hatte er ja auch begehrt. Doch je mehr er darüber nachdachte, umso benutzter fühlte er sich.
Daher sehnte er sich in die vertraute Einsamkeit seiner Höhle zurück und nach dem Wahnsinnsgefühl, oben auf den Kackfelsen zu stehen, der ihm jederzeit die Möglichkeit bot, dies alles hier selbstbestimmt zu beenden. Denn nur dort oben fühlte er sich wirklich frei in der Entscheidung, was seine Zukunft betraf. So verabschiedete er sich Wortkarg von Sophia und verließ kurz darauf Roswitas Wohnung und machte sich auf, in seine Eremitage zurückzukehren.
Schon von weitem konnte Martin flackernde, helle Lichter sehen, die seine geliebte Bucht erhellten. Missmutig, dort nicht die ersehnte Einsamkeit zu finden, ging er deswegen nicht hinunter zur Bucht, sondern um sie herum und zum alten Kackfelsen hinauf.
Oben angekommen, hielt er erstaunt die Luft an, als er zur Bucht hinuntersah, ehe er sich im nächsten Moment bäuchlings nach vorne auf die noch warmen Steine fallen ließ, um nicht gesehen zu werden.
Denn dort unten am Strand hatten sich nicht ein paar Touristen versammelt, wie er zunächst vermutet hatte. Sondern dort unten schritt eine Prozession aus Frauen, die lediglich mit einem Blumenkranz auf dem Kopf bekleidet waren, um einen Kreis aus grünen und roten Fackeln. Währenddessen rezitierten sie irgendwelche Verse in einer Art Singsang, die er nur kaum oder nur bruchstückhaft verstand und die wohl irgendetwas über einen Rundgang aussagten, den sie gerade beschritten.
Ungläubig blinzelnd kniff er sich mit dem rechten Daumen und Zeigefinger in den linken Unterarm, um auszuschließen, dass er träumte. Doch der Schmerz war so real, wie dann wohl auch die Prozession der spärlich bekleideten Frauen, die er unter sich sah. So wagte er kaum zu atmen, während er sich die Szene unten am Strand genauer besah.
In der Mitte des Kreises befanden sich zwei sorgsam geschichtete, unterschiedlich hohe Holzhaufen. Davor stand ein steinerner Tisch, der wie ein Altar aussah und auf dem zwei Kerzen brannten. Zwischen den Kerzen befand sich auf einer kleinen weißen Decke ein Kelch, sowie auf einer kleinen schwarzen Decke ein silberner Dolch. Davor standen in einer Reihe vier silberne Schalen.
Außerhalb des Kreises entdeckte er links und rechts mehrere kleine Tische, die in einer Reihe standen und auf denen sich Früchte, Käse, Brote, sowie Flaschen mit rotem Inhalt befanden. Auf den Boden davor standen mehrere Stallleuchten, deren Kerzen im inneren jedoch nicht brannten.
Nachdem er beobachtet hatte, wie die Damen den Kreis noch 2-mal abgeschritten waren, blieben sie mit einem Mal stehen und stellten sich mit den Rücken zum Holzhaufen auf, während sie vernehmlich summten. Dann lösten sich vier Frauen feierlich aus dem Kreis und schritten zu dem vermeintlichen Altar.
Dort angekommen, ergriff sich jede der Frauen eine Schale und zündete deren Inhalt mit einem Streichholz an, der daraufhin so stark zu qualmen anfing, dass Martin einen Moment später meinte, Rosen, Weihrauch und Flieder zu riechen.
Mit der vor sich hin räuchernden Schale in beiden Händen haltend, stellte sich jede der vier Frauen mit den Rücken den Holzstapeln zugewandt, in eine der vier Himmelsrichtungen auf. Daraufhin verstummte das Summen und der Rest der Frauen drehte sich wie auf ein geheimes Zeichen hin zu den vier Frauen um.
Einen Augenblick später trat eine der Frauen ein Stück vor und hob ihre Schale bedächtig über den Kopf, während sie so laut sprach, dass selbst Martin sie deutlich hören konnte: „Ich rufe den purpurroten Wind des Ostens; Ort der heiligen Energien. Wir, die Senoras del la Luna llena, erbeten deinen Schutz!“. Dann führte sie andächtig die Schale zurück in die Ausgangsposition und trat einen Schritt zurück.
Daraufhin trat die Frau rechts von ihr einen Schritt nach vorne und sprach ebenfalls laut und deutlich: „Ich rufe den weißen Wind des Südens; Ort der Musik und des Wohlstands. Bedenke uns mit Poesie und Überfluss!“. Und ebenso wie ihre Vorgängerin und die beiden Frauen, die noch folgen sollten, hob auch sie ihre Schale während ihrer Fürbitte über den Kopf und trat zurück, sobald sie diese vorgetragen hatte.
So löste sich auch die Frau zu ihrer rechten aus dem Kreis heraus, ehe sie feierlich sprach: „Ich rufe den braunen Wind des Westens; Ort des Lernens und des Tods. Beschenke uns mit Wissen!“.
Die letzte Frau, die vortrat, erkannte Martin sofort an ihrer Stimme, war es doch die Frau, die vor ein paar Tagen so viel zu diesem Ort zu erzählen wusste! „Ich rufe den schwarzen Wind des Nordens; Ort des Kampfes und der Schlacht. Bestärke uns an diesem Ort!“
Nachdem auch diese Frau ihre Fürbitte vorgetragen und an ihren Platz zurückgekehrt war, kehrte für einen Moment Ruhe ein. Dann traten alle 4 Damen gleichzeitig vor und durch die anderen hindurch, bevor sie den Kreis 3-mal andächtig umrundeten, wobei sie die qualmenden Schalen vor sich hin und her schwenkten. Danach blieben sie abrupt stehen, wandten sich wie auf ein geheimes Kommando nach rechts und trugen die noch immer vor sich hin räuchernden Schalen zum Rand des Kreises.
Dort stellten sie die Schüsseln ab, bevor die Dame des Nordens noch einmal ihre klare Stimme erhob: „Der Kreis ist somit geschlossen. Wir befinden uns nun zwischen den Welten. Zeit und Raum sind daher nicht mehr existent!“.
‚Ja, wo bin ich denn hier gelandet?‘, staunte Martin währenddessen, dem diese Szenen doch sehr surreal vorkam. Erst als er kurz darauf zum hellen Vollmond hinaufschaute, fiel ihm ein: ‚Ach ja, heute ist Walpurgisnacht!‘. Jedoch verflog diese Erkenntnis bei genauerer Betrachtung sofort wieder, da dies hier nichts mit der Mär von auf Besen reitenden Hexen zu tun hatte, die gerade ihren Sabbat feierten. Erinnerte er sich doch noch recht genau an die Geschichte, die ihm seine Urgroßmutter erzählt hatte, als er klein war. Dennoch lief ihm ein kurzer Schauer über den Rücken, während er darüber nachdachte. Dann jedoch forderte eine neue Szene seine Aufmerksamkeit.
Denn eine Frau hatte den Kelch vom Altar genommen und wandte sich einer Frau mit einem blauen Kapuzenumhang zu, die neben ihr am Altar stand. Als Martin diese Frau näher betrachtete, entdeckte er den silbernen Dolch, der zuvor auf der schwarzen Tischdecke gelegen hatte. Diesen hielt die Frau nun so locker in ihrer rechten Hand, dass er ihn im ersten Moment für einen Zauberstab gehalten hatte. Währenddessen hatte die Frau mit dem Kelch sich vor ihr niedergekniet und den Kelch auf Augenhöhe angehoben. In dieser demütigen Position verharrte sie einen Augenblick, bevor sie mit klarer Stimme sprach: „Seht den Kelch, das Symbol der Göttin, der großen Mutter, die allen Menschen Fülle und Wissen schenkt!“.
Daraufhin nahm die Frau mit dem blauen Kapuzenumhang den Dolch andächtig in beide Hände und führte diesen langsam mit der Spitze nach oben, bis auf Augenhöhe. Dann erhob auch sie ihre Stimme: „Seht die Athame, das Symbol des Gottes, des Allvaters, der allen Menschen Kraft und Energie verleiht!", dabei präsentierte sie den Dolch allen Anwesenden, bevor sie diesen wieder auf Augenhöhe zurückführte.
Dort verharrte sie einen Moment, bevor sie ihn in die rechte Hand nahm und den Dolch mit der Spitze nach unten drehte. Langsam senkte sie diese Hand dann nach unten, in Richtung des Kelchs, dabei erschauderte Martin innerlich. Denn nun erkannte er die Frauenstimme.
„Ihrer Vereinigung entspringt alles Leben!", führte Roswita weiter feierlich aus, während sie die Athame langsam in den Kelch eintunkte. Dann führte sie den von Wein tropfenden Dolch ebenso feierlich zu ihren Lippen und küsste deren Schaft. Mit den Worten: "Seid gesegnet!", legte sie die Athame vorsichtig zurück auf den Altar, bevor sie den Kelch entgegennahm, den sie ebenfalls auf den Tisch abstellte.
Was dann geschah, wollte Martin nicht mit ansehen. Denn als Roswita die Kapuze abgestreift hatte, wurden darunter zwei Hörner sichtbar. Und als ob ihn das nicht schon genug schockierte, ging sie ebenfalls in die Knie und fiel über die Frau vor ihr her, die sich in den Sand zurückfallen ließ und die Beine spreizte.
Kopfschüttelnd rollte Martin sich auf den Rücken, während seine Gedanken erneut Achterbahn fuhren. Denn solche Szenen kannte er bisher nur aus satanistisch angehauchten Pornofilmen, die sich damals seine Stubenkameraden während seiner Bundeswehrzeit angeschaut hatten.
‚Aber, Roswita eine Satanistin und wie es aussah ihre hohe Priesterin? Nein, das konnte nicht sein!‘, schüttelte er bei diesem Gedanken verneinend seinen Kopf. Denn seines Wissens fühlte sie sich als Hippie-Frau doch mit Allem verbunden. Und dies stand im krassen Gegensatz zu Satanisten, die doch eher misanthropisch veranlagt waren.
Weiterhin irritiert starrte er zu den wie immer beeindruckenden Sternenhimmel hinauf. Dabei dachte er über diesen eigenartigen Tag nach, bis ihn der Klang einer Trommel aus seinen Gedanken riss, woraufhin er die Szene unter sich wieder in Augenschein nahm. So sah er wie Roswita, die die Kapuze wieder hochgezogen hatte, mit dem Rücken vor den großen Holzhaufen stand, während sie die Arme in die Luft streckte. Mehr konnte er durch die einsetzende Dunkelheit jedoch nicht mehr erkennen.
Deshalb ärgerte er sich darüber, dass er seinen Feldstecher nicht zu Hand hatte, bis ihm plötzlich einfiel, dass er ihn doch dabeihatte. Denn sein Rucksack mit seinen Habseligkeiten lag neben ihm und darin befand sich eins seiner wenigen, verbliebenen Schätze, sein restlichtverstärkendes Fernglas. Und so lag er kurze Zeit später, wie in etlichen Biwaks geübt, hinter einen schützenden Felsen und nahm das Spektakel unter sich erneut ins Visier.
Roswita konnte er nun wieder gut erkennen, was unter anderem auch daran lag, dass sie mittlerweile eine Fackel in der Hand hielt, mit der sie feierlich auf den großen Holzhaufen zuschritt.
Dort angekommen verharrte sie einen Augenblick und reckte erneut die Arme in die Höhe, woraufhin die Trommeln verstummten und sie kurz darauf laut und deutlich ausrief: „Oh strahlender Mond, wir, die Senoras del la Luna llena, grüßen dich. Leuchte über uns und erfreue dich am Schein des Feuers!“. Dann senkte sie feierlich die Fackel zum Boden, woraufhin dort eine zweite Flamme erschien, die sich schnell ins Innere des Holzstapels ausbreitete, wobei es das übrige trocken abgelagerte Holz in Brand setzte.
Dann schritt sie zu dem kleinen Holzhaufen und entfachte dort ebenfalls ein Feuer mit der Fackel.
Was es mit den 2 Holzhaufen auf sich hatte, erschloss sich ihm immer noch nicht. Während Martin darüber nachdachte, wanderte der Brennpunkt seines Feldstechers unbewusst zwischen den Frauen hin und her, wodurch die Frage kurz in dem Hintergrund rückte. Denn live hatte er schon lange nicht mehr und dann auch noch so nahe, so viel nackte, weibliche Haut gesehen.
Schließlich blieb sein Blick bei Anne hängen und ebenso wie ein paar Tage zuvor, verschlug ihr bloßer Anblick ihm auch jetzt kurz den Atem.
Als er danach allerdings eine schlanke Dunkelhaarige kurz etwas länger ins Visier nahm, da ihre hübschen, kleinen Brüste jeweils mit einer silbernen Kreole verziert waren, hatte er plötzlich das Gefühl, als sein Blick höher zu ihrem Gesicht wanderte, dass sie ihn ebenfalls direkt ansah.
Erschrocken legte er ad-hoc seinen Feldstecher zur Seite. Dann schämte er sich dafür, dass er die Damen so unverhohlen beobachtet hatte. Denn nun kam er sich erneut wie ein Spanner vor und war es wohl auch.
Doch als er erneut zum Strand hinuntersah, war dieser Gedanke vorerst vergessen und er bereute es nicht, den Feldstecher zur Seite gelegt zu haben, da er nun wieder die gesamte Szenerie überblicken konnte.
Mit Erstaunen stellte er dabei fest, dass die Frauen mittlerweile, im Takt der eingesetzten Trommeln, um die Holzhaufen herumtanzten, während ihre nackten Körper ekstatisch zuckten und sie irgendetwas sangen. Dies ging eine ganze Weile so, so dass Martin sich schon zu langweilen anfing.
Doch dann mit einem Mal verstummten die Trommeln und die Frauen stellten sich in zwei Halbkreise vor den kleinen brennenden Holzhaufen auf.
Die ihm zugewandten Frauen nahmen kurze Zeit später, jeweils einen von mehreren identisch aussehenden Beuteln von einer Frau entgegen, die Martin auch ohne Fernglas und Verkleidung erkannte, handelte es sich doch wieder einmal um Roswita.
Als alle ihren Beutel öffneten, griff Martin neugierig erneut zum Feldstecher. Konzentriert scannte er dieses Mal bewusst nur die Hände der Damen ab und so erkannte er, dass die Beutel lediglich eine Scheibe Brot enthielten.
Ein wenig enttäuscht, wollte er gerade das Fernglas zur Seite legen, da trat Anne vor, deren Brotscheibe ein wenig dunkler war als die der anderen. In ihrem Gesicht erkannte er, das sie irritiert war, als sie von Roswita ein Haarband entgegennahm, mit dem sie sich die Haare sorgsam zusammenband.
Derweilen ergriff Roswita ihren Dolch mit dem sie zuerst in Richtung des kleinen, brennenden Holzstapels deutete, bevor sie ihren Arm erhob und mit dem Dolch irgendetwas in die Luft zu schreiben schien.
Daraufhin rannte Anne los.
Erschrocken hielt Martin die Luft an, bevor er vernehmlich zischte: „Nee, sie wird doch nicht…!“.
Währenddessen erwischte die Jugendfreundin seiner Schwester einen guten Absprung und sprang mit einem gewaltigen Satz über die brennenden Hölzer. Jubelnd und frenetisch kreischend, wurde sie von den Frauen auf der anderen Seite empfangen und begrüßt.
Danach trat Anne ein Stück zur Seite und die Beutel wurden erneut von Roswita verteilt. So wiederholte sich diese Szene abwechselnd auf beiden Seiten, bis alle Frauen über das Feuer gesprungen waren.
Als die Letzte gesprungen war, nahmen sich alle an den Händen und tanzten um den großen Holzhaufen herum, während sie enthusiastisch ein Lied sangen.
Unterdessen wartete Martin gespannt darauf, was als Nächstes geschieht, wobei er die dunkle Vorahnung hatte, dass sich das ganze Schauspiel bei dem großen Holzhaufen wiederholen wird.
Und tatsächlich, auf einmal teilten sich die Damen erneut in zwei Halbkreise auf und die junge Dame des Nordens, aus dem Eingangsritual, löste sich von den anderen.
Mit stockendem Atem griff Martin erneut zum Fernglas und so konnte er deutlich erkennen, wie sie eine Art Trampolin mit etwas Abstand zum Feuer platzierte. Dann lief sie zurück und rannte auf das Trampolin zu, ehe ihr Körper in einem hohen Bogen emporstieg. Diese Bewegung mündete in einem Salto überm Feuer, bevor sie mit federnd weichem Knie perfekt auf der anderen Seite landete.
Dort hoben sie ein paar Damen auf die Schultern und trugen sie so ums Feuer, wobei der allgemeine Jubel keine Grenzen mehr kannte. Als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, rannte sie unvermittelt Anne entgegen und sprang ihr rittlings um die Hüften.
Überrascht stockte Martin der Atem, als er sah, wie sie sich wild und ausdauernd küssten, nachdem sich die beiden etwas zugeflüstert hatten, dass sie dann den Anwesenden feierlich mitteilten.
‚Wie jetzt! Anne und die Frau des Nordens?‘, senkte er fragend sein Fernglas, als er versuchte diese überraschende Information zu verarbeiten. Dabei bemühte er sich den Gedanken zur Seite wegzuschieben, was Anne und seine Schwester wohl so alles getrieben hatten, als sie, wie so oft, bei ihnen früher übernachtet hatte. So konzentrierte er sich lieber wieder darauf, was unter ihm vor sich ging.
Nach einer kurzen Konzentrationsphase nahm Anne selbst Anlauf, bevor sie ebenfalls mit einem gewaltigen Satz über das Feuer sprang. Allerdings war ihre Landung bei weitem nicht so elegant, wie die ihrer Vorgängerin, sondern glich mehr einer Judorolle. Doch sprang sie sofort auf und rannte jubelnd und mit erhobenen Armen zu dem steinernen Tisch, wo Roswita und Lotta schon auf sie warteten. Vor Freude strahlend ergriff sie Lottas hingehaltene rechte Hand, während sie rote Flecken am Hals bekam.
Roswita nahm unterdessen einen dicken Stift in die Hand und schrieb damit etwas auf ein rotes Tuch, dass eine Art Acht in der Mitte hatte. Nachdem sie den Stift zur Seite gelegt hatte, knüpfte sie bedächtig einen leichten Knoten in das Tuch und legte es feierlich über die Hände der beiden. Danach ergriff sie erneut ihre Athame mit der rechten Hand und schrieb damit lächelnd ein Zeichen in die Luft, woraufhin die beiden ihre andere Hand zu einem Schwur erhoben.
Lächelnd und mit einem Nicken quittierte Roswita dies, bevor sie etwas sagte, dass die beiden andächtig wiederholten, während sie sich gegenseitig in die Augen sahen.
Doch so sehr Martin sich auch anstrengte, verstand er kein Wort von dem, was gesagt wurde. Jedoch konnte er deutlich erkennen, wie die beiden sich hinterher erneut leidenschaftlich küssten, bevor jede mit der linken Hand ein Ende des Tuches ergriff.
Als beide gleichzeitig an dem Tuch zogen, zog sich der lockere Knoten zusammen, wobei Anne Lotta zu sich hinzog, und sie umarmte. Gut sichtbar und so wie eine Trophäe hielten sie dann das Tuch stolz in die Höhe, woraufhin die anderen Damen laut aufjubelten, bevor sie das frisch verbundene Paar einzeln beglückwünschten. Danach nahmen sich Anne und Lotta an die Hand und liefen den Strand hinunter sowie aus Martins Sichtfeld.
Was dann folgte, war nicht mehr so spannend aus Martins Sicht, außer dass einige Damen die Stallleuchten holten, um die darin befindlichen roten Kerzen am kleinen Feuer anzuzünden, bevor sie diese zu den Tischen zurücktrugen.
Dort begangen sie ausgiebig zu essen und zu plaudern. Danach wurde aufgeräumt, sich angekleidet und nach und nach löste sich die Versammlung auf, bis auf zwei Frauen, die zurückblieben, um die Feuer zu hüten.
Daraufhin machte sich bei Martin eine bleierne Müdigkeit breit, so dass er es gerade noch schaffte, seine Isoliermatte auszurollen und in seinen Schlafsack zu schlüpfen, bevor er erschöpft von all den neuen Eindrücken einschlief.
Provokative Reunion
„Hast du mich vermisst?“, nahm Ole die zart in sein Ohr gehauchten Worte zuerst gar nicht richtig wahr, jedoch reichten sie aus, um ihn zu wecken. Ohne recht zu wissen, wo er war oder wer sonst noch anwesend war, rieb er sich verschlafen die Augen, bevor er seine Umwelt wahrnahm und erschrak.
Denn, obwohl er von der hellen Sonne geblendet war, konnte er dennoch Angelas zierliche Silhouette erkennen, die vor ihm oder vielmehr rittlings auf ihm drauf hockte, während sie ihn mit ihren grau-grünen Augen anstrahlte.
„Angela…, wo kommst du denn auf einmal her?“, kratzte er sich ungläubig am Kopf, während er sich mit dem Oberkörper etwas aufrichtete und sie verblüfft anstarrte. Als genau in diesem Moment ihr Lächeln jedoch für einen Moment verschwand, wurde ihm sofort unwohl zumute. Denn er ahnte, was gleich passieren würde, wenn sie ihn weiterhin so anschaute.
Doch so, als ob sie es sich spontan anders überlegt hatte, lächelte sie ihn im nächsten Moment wieder an. „Ach du Dummerchen, das weißt du doch genau, oder was denkst du von mir?“, sagte sie gespielt erbost, während sie dabei wie selbstverständlich auf seiner allmorgendlichen Wasserstange unruhig hin und her rutschte, sowie als dessen Folge ebenfalls auf seiner übervollen Blase. Dabei verhakte sie sich kurz mit ihrem Nefertiti Piercing an seinem Hafada Piercing, welches er ihr und ihrer Tante Ronja zu verdanken hatte.
Als sie ihn daraufhin schelmisch angrinste, wurde er sich der Tatsache erst bewusst, dass sie ebenso nackt war, wie er selbst, mal abgesehen von einem quer gelegten Laken, dass nur seine Nierengegend bedeckte.
„Sicher weiß ich es noch, dass wir dich krankheitsbedingt in St. Tropez zurücklassen mussten. Doch wie es aussieht, geht es dir wieder gut und deine Wunden sehen ebenfalls gut verheilt aus. Das freut mich echt, nur sag mal Hübschen: Tut das Not, dass du kaum hier angekommen, Anne erneut herausforderst?“, sagte er, während er dabei ein wenig zurück rutschte, so dass Angela auf seinen Oberschenkeln zum Sitzen kam.
„So, tue ich das? Soll das etwa bedeuten, dass ihr beiden wieder in ein monogames Verhaltensmuster zurückgefallen seid?“, lächelte sie ihn amüsiert fragend an.
„Ja, das tust du und nein, sicher nicht!“, brummte er. Dennoch wusste er wie Anne auf ihr allzu freizügiges und zur Selbstinszenierung neigendes Verhalten zumeist reagierte, daher versuchte er seine Taktik zu ändern. „Also, wenn du nicht möchtest, dass ich mich gleich hier der 2 Liter Bier entledige, die ich gestern Abend so in etwa getrunken habe, solltest du mich besser aufstehen lassen!“, sah er sie drohend an.
„Hm, weiß nicht?“, erwiderte sie fragend seinen Blick, wobei sie lediglich ihren Oberkörper etwas vorneigte und ihre rechte Augenbraue ein wenig anhob. „Auf deinen Natursekt habe ich jetzt eigentlich gar keinen Bock. Aber dich gehen zu lassen, mag ich noch weniger!“, fügte sie nach einer kurzen, bewussten Pause bedächtig an.
„Komm schon Angie, das ist eklig und nun lass mich endlich aufstehen!“, zog er genervt seine Oberschenkel abwechselnd so an, dass er sie dadurch immer ein wenig in die Höhe hob.
„Ole, nenn mich nicht Angie!“, wurde ihre Stimme ad-hoc hart und gebieterisch. „Denn du weißt, wie ich genannt werden möchte!“, richtete sie sich drohend vor ihm auf und starrte ihm direkt in die Augen.
„Sicher erinnere ich mich daran, wie du genannt werden willst, und zur Not weiß ich ja auch, wo ich deinen Namen ansonsten ablesen kann!“, nickte er in Richtung ihres Venushügels, wo ihr Name, neben ein paar keltischen Symbolen, kunstvoll eintätowiert war.
Als sie sich danach aber immer noch nicht weiter rührte, schmiss er sie einfach unsanft zur Seite ab und stand auf, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.
Als Ole ins Zimmer zurückkam, lag Angela zu seiner Überraschung noch immer so da, wie er sie zurückgelassen hatte. So huschte ihm ein schelmisches Lächeln übers Gesicht, während er sich schwungvoll neben ihr aufs Bett plumpsen ließ. Anders als von ihm erwartet, animierte sie dies jedoch nur zu einem kurzzeitigen, abfälligen Brummen, ehe sie sich zu ihm hindrehte und ihren Kopf mit einem zufriedenen Seufzer auf seiner Brust platzierte.
Milde lächelnd sah er daraufhin an sich herunter und auf ein Meer aus schwarzen Haaren, dass sich überall auf seinen Oberkörper verteilt hatte, von denen jedoch ein strenger Geruch ausging. „Hui, da muss einer aber nah am Feuer gestanden haben!“, rümpfte er angeekelt seine Nase.
„Mm, das habe ich, wenn ich nicht gerade darüber gesprungen bin!“, murmelte sie daraufhin verschlafen.
„So, so! Du meinst also, du musstest letzte Nacht übers Feuer springen?“, verzog er erneut ungläubig sein Gesicht.
„Sicher, das ist doch Tradition zu Beltane, um sich vor bösen Geistern zu schützen!“, öffneten sich für einen Moment ihre Augen einen Spalt weit, wobei sie ihn wie ein zufriedenes Kätzchen anlächelte.
„Oh, dann bist du also schon gestern Abend angereist und warst mit den Vollmondfrauen unterwegs!“, riss er besorgt seine Augen auf, weil dies bedeutete, dass Lotta und Anne ebenfalls jeden Moment hier auftauchen konnten.
„Ole!“, verschwand das zufriedene Lächeln aus ihrem Gesicht, wobei sie sich erneut ein Stück drohend aufrichtete, ehe sie ihn mit ihrem Blick durchbohrte. „Sag mal, bist du eigentlich immer noch so schwer von KP. Das sagte ich doch bereits und dies bedeutet ebenfalls, dass ich die ganze Nacht nicht geschlafen habe! Außerdem wird gleich wieder getanzt und meine Füße schmerzen noch immer von vorhin. Also, halt den Mund und schlaf oder massiere mir die Füße, dann tust du wenigstens etwas Sinnvolles!“.
„Ähm“, sah er sie verschreckt an. Dennoch konnte er sich die besorgte Frage nicht verkneifen: „Und wo sind dann Lotta und Anne abgeblieben?“.
„Ach Ole,“, ließ sie sich erschöpft auf seinen Oberkörper zurücksinken, wobei sie hörbar ausschnaufte, ehe sie anfügte: „Die haben sich vorhin verliebt in die Büsche geschlagen und werden sich dort bestimmt gegenseitig die Seele aus dem Leib vögeln! So, nun ist aber Schluss mit den dämlichen Fragen und es wird geschlafen. Du weißt doch sicherlich noch, wie unangenehm ich werden kann, wenn ich nicht das bekomme, was ich möchte!“.
„Was?“, schreckte Martin aus dem Tiefschlaf gerissen hoch, als sich 2 weiche Lippen auf seine legten.
„Es ist alles in Ordnung, ich bin es nur, Sophia!“, flüsterte sie ihm daraufhin sanft ins Ohr, bevor sie ihn erneut küsste.
„Sophia?“, riss Martin überrascht die Augen auf. „Was machst du denn hier! Und wie um alles in der Welt hast du mich hier oben gefunden?“, betrachtete er sie überrascht.
„Na, indem ich dich gesucht habe!“, lächelte sie ihn glücklich an. „Oder vielmehr, weil Mamá mir vorhin den entscheidenden Hinweis gegeben hat, dass du dich diesem Ort sehr verbunden fühlst“, beugte sie sich zu ihm hinunter und setzte zu einem erneuten Kuss an.
Unbewusst spitzte er die Lippen, dann jedoch zögerte er, während er seinen Kopf ein Stück zurückzog, weil er an gestern Nachmittag dachte, nachdem sie ihre Mutter erwähnt hatte.
Doch, bevor er allzu lange über diese delikate Situation nachdenken konnte, legte sie ihm ihren Zeigefinger auf die Lippen und öffnete den Reißverschluss seines Schlafsacks. „Es ist wirklich alles in Ordnung, glaube mir!“, sagte sie erneut in einen beruhigenden Tonfall, ehe sie ungefragt zu ihm in den Schlafsack krabbelte und sich an ihn heran kuschelte. Danach schwieg sie und ließ stattdessen eine Hand sanft über seinen bettwarmen Körper gleiten.
Währenddessen kämpfte Martin mit sich, um nicht dem innerlichen Druck nachzugeben, lautstark zu protestieren, oder aufzuspringen und wegzurennen. Fühlte er sich doch erneut allzu sehr bedrängt von ihrer forschen Vorgehensweise, so dass er stocksteif vor ihr lag und sie mit großen Augen anstarrte, doch je länger er sie gewähren ließ, umso mehr gewann ein anderes Gefühl in ihm die Oberhand und dieses lange nicht verspürte Gefühl war einfach nur großartig! Die sanften Berührungen ihrer Fingerspitzen und das sanfte Kratzen ihrer Fingernägel auf seiner Haut riefen irgendwann ein so wohliges Kribbeln in ihm hervor, dass er vor Glück erschauderte.
Als dieses Gefühl jedoch schwächer wurde, da ihre Bewegungen immer mehr ins Stocken gerieten, während ihre Atmung immer flacher und schneller wurde, wurden auch seine Augenlieder immer schwerer, so dass er kurz darauf ebenfalls einschlief.
Himmel, Erde und Anderswelt
Anne konnte ihr Glück noch immer nicht fassen und war seit dem Moment völlig euphorisiert, als Lotta sie gefragt hatte, ob sie eine Handfasting mit ihr eingehen wollte. Freudestrahlend hatte sie zugestimmt und war daraufhin ebenfalls, ohne lange zu zögern, über das große Feuer gesprungen, um mit diesem traditionellen Opfer das Wohlwollen der Götter zu erbitten.
Nach der Zeremonie, bei der sie ihre Verbindung symbolisch mittels eines Knoten besiegelt hatten, hatte sie sich mit Lotta in einer kleinen Bucht zurückgezogen, wo sie sich im schwarzen Sand und in der warmen Brandung leidenschaftlich geliebt hatten.
Noch immer durchströmte sie ein Gefühl von Verbundenheit zu Lotta wie flüssiges Glück, aber auch zu allen anderen, ob es nun Menschen, Tiere, Pflanzen oder die 4 Naturelemente waren. Sie fühlte sich eins mit ihnen, was ein ebenso wundervolles, wie auch berauschendes Gefühl war.
Dass es gerade mal 2 Monate her war, seitdem sie zuletzt versucht hatte, sich die Pulsadern aufzuschneiden, kam ihr gerade so unwirklich vor, wie all die anderen Sachen, die seitdem Moment passiert waren, nachdem Lotta sie auf einer Autobahnraststätte bei Neumünster aufgegabelt hatte, an der sie gestrandet war, weil sie zuvor einem ekligen Autofahrer fast einen Finger gebrochen hatte, der sie als Tramperin zuerst freundlich lächelnd mitgenommen hatte, jedoch nur um sie hinterher zu begrapschen.
Zu diesem Zeitpunkt war sie sowohl physisch wie auch psychisch am Ende. Physisch forderte ihr Sportstudium täglich neue Höchstleistungen von ihr, ebenso wie der Job als Trainerin in einem Fitnessstudio und beides hatten ihre Kräfte mit der Zeit aufgebraucht. Dass diese Form von exzessivem Sport eine verbreitete, wenn auch recht unbekannte Form von Magersucht ist, ist ihr erst vor kurzem bewusst geworden. Denn die körperlichen Ermüdungserscheinungen überdeckten wunderbar ihre psychischen Probleme, die sie mit ihrem Kind Ich hatte, welches sich noch unter der harten Knute ihres Vaters wähnte. Außerdem hatte sie erst durch Lotta erfahren, dass Bisexualität nichts Unnatürliches ist. Im Gegenteil, der glückliche Umstand, dass sowohl Lotta wie auch sie selbst sich in kürzester Zeit in Ole, wie auch ineinander, verliebt hatten, komplementierte ihr Glück.
Und in dieser Triade ergänzten sich alle prächtig. Ole gab ihr die Stärke und den Rückhalt, um aus den Schatten ihres patriarchischen Vaters zu treten, welcher ihr zuvor das Leben sprichwörtlich zur Hölle gemacht hatte, nachdem er sie einmal mit ihrer besten Freundin im Bett erwischt hatte.
Zudem zeigte Lotta ihnen, dass Liebe teilbar ist, was für sie eine befreiende Erfahrung war, da in dieser Beziehungsform keiner einen Ausschließlichkeitsanspruch auf den anderen hegt, weder auf dessen körperliche noch auf dessen geistige Liebe.
Dies mag auf den ersten, durch westliche Sozialisation geprägten Blick abwegig, ja sogar ein wenig unmoralisch klingen, entpuppte sich aber für Ole und sie bei näherer Betrachtung als die natürlichere, wenn auch etwas kompliziertere Art des Zusammenlebens, bei der sie sich jedoch noch ab und zu ein wenig schwertat. Denn Polyamorie, wie diese Art des Zusammenlebens heißt, baut unter anderen auf der Erkenntnis auf, das Eifersucht nur ein Gefühl ist, das dadurch hervorgerufen wird, dass man zu wenig Aufmerksamkeit oder Anerkennung von seinem Partner bekommt.
Ole hatte sie zwar noch nie mit zu wenig Aufmerksamkeit oder Anerkennung bedacht. Dennoch verflog ihre Euphorie schlagartig, als sie ihr gemeinsames Schlafzimmer betrat und Angela hüllenlos schlafend in seinem Arm vorfand.
Überrascht blieb Anne noch im Türrahmen zum Schlafzimmer stehen, während sie argwöhnisch die Szene betrachtete, die sich ihr hier unverhofft bot.
Eben noch vor Glück schwebend und sich mit allem verbunden fühlend, fühlte sie jetzt nur noch eine tiefsitzende Wut in sich. ‚Oh Ole, was macht sie nur mit dir?‘, zischte sie kopfschüttelnd, während sie allzu deutlich eine fast schon vergessene Szene vor ihrem inneren Auge sah, die sich vor ein paar Wochen in Süd-Frankreich abgespielt hatte. Und genauso verständnislos wie jetzt hatte sie ihn damals betrachtet, als er völlig entblößt und gefesselt unter einem eiskalten Duschstrahl stand, nachdem Angela ihn dort mit einem Weidenstock dominiert hatte.
‚Was hat sie nur, dass du dich so von ihr behandeln lässt und du sie dann noch so friedlich bei dir schlafen lässt?‘ betrachtete sie ihn verständnislos. Denn wenn sie an seiner Stelle wäre, hätte sie sich das nicht gefallen lassen und Angela ordentlich die Meinung wissen lassen. Danach hätte sie nie wieder ein Wort mit ihr gewechselt und sie nicht einmal mehr mit dem Arsch angeschaut. Doch stattdessen lagen sie innig ineinander verschlungen im Bett und schliefen friedlich beieinander, so als sei nichts gewesen.
Damals, wie auch jetzt machte sie dies maßlos wütend. So musste sie sich regelrecht zusammennehmen, um Angela nicht stellvertretend für ihren hörigen Freund, an die Gurgel zu springen. Denn für sie stand außer Frage, dass Angela ihn quasi verhext haben musste. Ansonsten konnte sie es nicht akzeptieren, was sich hier gerade abspielte.
Dabei wäre sie nur zu gerne an Angelas Stelle, um kurz seinen Herzschlag zu hören, seinen mittlerweile liebgewonnenen Geruch zu riechen, und um das leichte Heben und Senken seines Brustkorbes zu spüren. Dann hätte sie ihn sanft geweckt, ihn ebenso sanft geküsst und ihm von ihrer Handfasting erzählt, weil dieser öffentliche Bund mit Lotta sie so unendlich glücklich machte. Außerdem war sie neugierig auf seine Reaktion.
Auf dem Weg hierher hatte sie sich alles ganz genau ausgemalt und diese Vorfreude hatte sie so berauscht, dass sie nicht anders konnte und den ganzen Weg hierher selig gelächelt hatte.
Doch nun war es fraglich, ob es überhaupt noch eine Neuigkeit für ihn war. Aus Angst sich nicht länger beherrschen zu können, drehte sie sich um und wollte gerade in die Küche zurückgehen, wo Lotta sich bestimmt noch mit Leonora unterhielt, doch dann hielt sie plötzlich inne und lächelte. ‚Nein, das werde ich ganz sicher nicht tun!‘, nickte sie sich selbst zu, bevor sie mit entschlossenen Schritten vors Bett trat.
Dort hob sie ihren rechten Arm über den Kopf und ließ diesen schwungvoll auf Angelas Po niedersausen.
Der Klaps auf Angelas Hintern war so kräftig, dass dieser akustisch von den Wänden widerhallte und ihre Hand kurz rot werden ließ, während sie unangenehm kribbelte, was sie aber nicht im Geringsten störte.
Wie erwartet schreckte Angela augenblicklich hoch und hielt sich die deutlich rote Pobacke, während sie Anne völlig verdattert ansah.
Doch noch bevor Angela ihre Sinne sortieren konnte, nahm Anne sie freundschaftlich in den Arm und strahlte sie an. „Hallo kleine Nichte, es ist Zeit zum Joggen. Und ich finde, dass es an der Zeit ist, das Kriegsbeil zwischen uns zu begraben! Findest du nicht auch?“
„Wie, du willst heute Morgen tatsächlich noch joggen? Wozu das denn!“, strich Angela sich ihre langen Haare aus dem Gesicht. „Weißt du, ganz ehrlich ich mag heute nicht!“, versuchte sie sich dabei aus Annes eiserner Umarmung zu befreien. Als es ihr jedoch nicht gelang, verzog sie genervt ihr Gesicht: „Meinst du nicht, dass wir heute nicht schon genügend Bewegung hatten und auch noch haben werden?“.
„Hm, na ja okay!“, tat Anne schulterzuckend und mit einem aufgesetzten Schmollmund ihre Reaktion ab, ehe sie Ole ansah, der sie noch immer ebenso verdattert ansah, wie Angela zuvor. „Und du, was ist mit dir? Magst du vielleicht eine Runde mit mir drehen oder hattest du auch schon genügend Bewegung heute Morgen?“
Beim letzten Satz hatte sie leider ihre Stimmlage nicht mehr so gut unter Kontrolle, wie sie es erhofft hatte und so schwang dort ein deutlich aggressiverer Unterton mit. Während sie sich über sich selbst ärgerte, zog sie Angela so fest an sich heran, dass Angela erst heftig ausatmete, bevor ihr die Luft ganz wegblieb.
Und auch Ole atmete heftig durch die Nase aus, da er von Annes Verhalten völlig überrascht war und sich fragte, was wohl gleich noch kommen würde. Darum nickte er ein wenig übertrieben, bevor er sich erhob und nuschelte: „Alles gut, ich komme sehr gerne mit dir mit!“.
Doch schon nach gut 2.000 Metern ging Ole die Puste aus und er hatte Probleme damit, Anne auf dem Fersen zu bleiben, da das Tempo, dass sie heute Morgen vorlegte, nicht seinen Möglichkeiten entsprach und schon gar nicht denen direkt nach dem Aufstehen. Sie jedoch auf diesen Umstand hinzuweisen, wagte er nicht, da ihr Gesicht nichts Gutes verriet.
Doch als sie am nächsten Knotenpunkt einen Weg einschlug, der sie noch weiter von ihrem neuen Zuhause wegführte, blieb er schnaufend stehen. „Anne, hab Erbarmen mit mir!“, schrie er ihr hinterher und stützte sich dabei vorne auf seine Knie ab, während er nach Atem rang.
Mit federnd leichten Schritten und verhalten lächelnd kam sie daraufhin zurückgelaufen. Doch statt bei ihm zu stoppen, lief sie 2-mal um ihn herum, bevor sie rechts neben ihm auf der Stelle weitertippelte. „Atmen Ole, atmen! Hatten wir das nicht schon einmal?“, sah sie ihn spöttisch an.
„Ja, auch das hatten wir schon einmal! Nur ist das leichter gesagt als getan“, schnaufte er und bedachte sie mit einem kritischen Seitenblick.
„Ach Ole, warum denn auf einmal so kritisch? Ansonsten scheinst du ja auch alles mit dir machen zu lassen. Oder gibt es vielleicht irgendetwas, worüber du mit mir reden möchtest?“, zwang sie sich dabei, ihn offen anzulächeln.
„Anne bitte, mach es uns doch nicht so schwer, indem du mir den Ball zuspielst. Und sei doch bitte ehrlich zu mir und zu dir: Du hast trotz aller Gespräche in Frankreich, immer noch ein Problem mit Angela.“
„Ja, und zwar ein ganz elementares und scheinbar ganz im Gegensatz zu dir! Doch weißt du was? Ich habe mir eben vorgenommen, dass das was sie mit dir anstellt, mich nicht mehr juckt. Tue, was immer du willst, nur tue uns allen ein Gefallen und benutze Kondome, wenn das Weib dich vögelt!“, überschlug sich ihre Stimme mit einem Mal, wobei sie gegen ihre Tränen ankämpfte. Doch diese Genugtuung, dass er sie wegen Angela weinen sieht, wollte sie ihm nicht geben. Darum wandte sie ihren Kopf von ihm ab und lief mit langen, schnellen Schritten einfach los, ohne seine Reaktion abzuwarten.
Während sie die lange Runde durch den Nebelwald lief, drehte sie sich nicht noch einmal um, um zu schauen, ob Ole ihr vielleicht folgte.
Ole hingegen lief in gemäßigtem Tempo zurück, wobei er sich jedoch regelmäßig umdrehte.
Das Piepen von ihrem Handy weckte Sophia. Kurz räkelte sie sich zufrieden, bevor sie sich Martin zuwandte, der in der Löffelchenstellung hinter ihr lag. „Guten Morgen!“, gähnte sie dabei zufrieden, während sie ihn verliebt anlächelte. „Hast du gut geschlafen?“
„Hm?“, brummte er verschlafen, bevor er über ihre Frage nachdachte und tatsächlich, das hatte er. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit erwachte er nicht aus einem seiner schrecklichen Alpträume. Und auch wenn sein rechter Arm kribbelte, weil sie ihn in den vergangenen Stunden als Kissen missbraucht hatte, fühlte er sich großartig. „Ja, das habe ich und ich hoffe, du auch?“, murmelte er daraufhin zufrieden.
„Mm, weitestgehend, da ich glaube, dass ich tierisch geschnarcht habe. Heilige Göttin, habe ich einen trockenen Mund!“, schnalzte sie zur Bestätigung kurz mit ihrer Zunge, ehe sie ihn fragend ansah: „Und wie ist es: Kommst du nun eigentlich mit?“.
„Ähm sicher, wenn du mir noch einmal verrätst, wohin?“, erwiderte er ihren fragenden Blick.
„Oh, dann habe ich dich wohl noch gar nicht gefragt!“, gluckste sie. „Okay, also heute ist doch Beltane und das Feiern ein paar Freunde von mir oben in der Siedlung, wie jedes Jahr. Denn zu Beltane ist es Tradition ein Maibaum zu richten. Um den wird dann getanzt und man kann schon einmal anbändeln oder seine Liebe öffentlich machen, wenn man will, bevor musiziert und kräftig gefeiert wird. Das ist immer voll lustig, du wirst schon sehen! Und, wie hört sich das an?“, strahlte sie ihn an, wobei sie ihm sanft übers Gesicht strich.
„Hm?“, zuckte er kurz zusammen, da er mit ihrer selbstverständlichen Körperlichkeit noch immer etwas fremdelte. „Ja, warum eigentlich nicht!“, stammelte er daraufhin irritiert, bevor er sich räusperte, um seine Stimme wieder unter Kontrolle zu bringen. „Na ja, ich habe ja eh gerade nichts Besseres vor“, sagte er dann, wobei er ebenfalls lächelte.
„Klasse! Okay, dann sollten wir langsam aufbrechen. Außerdem muss ich dringend mal Pippi!“, befreite sie sich aus seinem Arm und krabbelte aus dem Schlafsack.
„Ey, ey Madam!“, folgte er ihr kurz darauf. Seine nächste Frage, wie sie zu Sophias Freunden hinkommen, beantwortete sich jedoch dadurch, dass er über einen Jethelm stolperte, kaum dass er aufgestanden war. „Oh, du fährst Motorrad?“, musterte er Sophia erstaunt, die sich ein paar Meter weiter einfach hingehockt hatte.
„Besser noch, ich habe eine Vespa!“, sah sie stolz zu ihm hoch.
„Okay, na dann?“, grübelte er laut, wobei er sehnsüchtig an seine geliebte Chopper dachte, die bestimmt im Stall seiner Eltern langsam Rost ansetzte, ehe er sich umsah, wo er sich ebenfalls erleichtern konnte.
Als Ole in die kleine Siedlung zurückkehrte, sah er, dass dort schon emsiges Treiben herrschte. Mitten auf der großen Wiese, neben dem Weiher, lag die mächtige Krone, sowie der dazugehörige bunt bemalte Maibaum im Gras, den die Männer aus der Siedlung gestern Abend aufgearbeitet hatten, und einige dieser Männer waren gerade damit beschäftigt Seile und bunte Bänder an der Krone zu befestigen, während im Schatten der alten Bäume Tische aufgestellt und eingedeckt wurden.
Nachdem er ein paar Bekannten zugewunken und er seine Beinmuskulatur gedehnt hatte, ging er mit einem mulmigen Gefühl in ihr Haus, um zu duschen.
Denn Annes Verhalten am heutigen Morgen wurmte ihn noch immer, da er selbst nach gründlicher Überlegung sich sicher war, gegen keine ihrer Regeln verstoßen zu haben. Diese Regeln sind in polyamoren Beziehungen elementar und sollten von allen, die so leben wollen, akzeptiert und jederzeit respektiert werden, da die schwierigste Herausforderung in dieser Beziehungsform die Verliebtheit selbst ist. Deshalb wird ein Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen man andere Liebhaber haben darf, damit kein anderer fester Partner sich zurückgesetzt fühlt oder unbeabsichtigt verletzt wird.
Ihren Rahmen hatten sie schon auf der Fahrt hierher abgesprochen und besteht in wesentlichen aus 4 Regeln:
1. Man ist immer ehrlich zueinander und erzählt sich alles.
2. Man gibt einander Sicherheit, indem die Mitglieder ihrer Triade immer an erster Stelle stehen.
3. Jedes Mitglied der Triade hat das Recht sein Veto einzulegen, was die Liebschaften der anderen zu Personen außerhalb der Triade betrifft und dieses Veto ist bindend.
4. Der Schutz der Gesundheit der Mitglieder der Triade steht ebenfalls immer an erster Stelle.
Und gegen keine dieser Regeln hatte er zu irgendeinen Zeitpunkt verstoßen. Zudem hatte Anne zuvor noch nie ernsthafte Einwände vorgetragen, wenn es um seine Beziehung zu Angela ging, selbst als sie zu dritt darüber gesprochen hatten, und er selbst hatte Anne noch nie vernachlässigt und war ehrlich zu ihr. Außerdem war er lediglich fasziniert von Angelas vielschichtiger Persönlichkeit und dies nicht nur in sexueller Hinsicht. Dennoch war es wohl an der Zeit dieses Thema noch einmal anzusprechen, wenn alle Beteiligten zusammen waren. Auch wenn die Möglichkeit bestand, dass Anne nun doch ihr Veto einlegte, was sein sexuelles Verhältnis mit Angela betraf, doch daran mochte er nicht glauben.
Auf zwei der Beteiligten stieß er im nächsten Augenblick, als er die Badezimmertür öffnete. Denn einträchtig standen dort Lotta und ihre Nichte nebeneinander, während sie sich die Beine rasierten.
„Oh, guten Morgen Ole!“, strahlte Lotta ihn zuerst an, bevor sich ihr Blick ins Kritische wandelte. „Was schaust du denn an einem so schönen Tag, so düster drein?“
„Ich, wieso?“, brummte er überrascht, während er erfolglos versuchte natürlich zu lächeln. „Hm, eigentlich hast du ja Recht, heute ist ein viel zu schöner Tag, um düster dreinzublicken“, besann er sich dann eines besseren, während er hinter sie trat und ihren Nacken küsste.
„Na, dann ist ja gut! Ich hatte schon Angst, dass du wegen unserer Verbindung haderst, da wir dich nicht vorher miteinbezogen haben“, lächelte sie ihn erleichtert an, während sie ihr rechtes Bein vom Wannenrand nahm und sich zu ihm umdrehte.
„Ähm, was?“, sah er sie fragend an. „Und welche Verbindung genau sollte mir denn nicht passen?“
„Oh, dann hat Anne es dir also noch gar nicht erzählt, das ist ja komisch?“, erwiderte sie seinen fragenden Blick, wobei sie sichtlich stutzte. „Also gut, dann erzähle ich es dir halt. Heute bei Sonnenaufgang sind wir eine Handfasting eingegangen, die wir später natürlich auch mit dir eingehen wollen“, strahlte sie ihn auffordernd an, wobei sie sich fragte, warum Anne es ihm nicht erzählt hatte.
„Eine was?“, kratzte Ole sich währenddessen fragend am Kopf.
„Na, wir haben unsere Liebe öffentlich gemacht, indem wir einen heiligen Bund eingegangen sind“, strahlte sie zwar noch immer, jedoch wuchs in ihr eine innere Unruhe heran, weil sie nicht verstand, was mit Anne auf einmal los war.
„Was, ihr habt geheiratet und nun soll ich euch ebenfalls…, und zwar euch beide?“, verstand Ole gar nichts mehr. Denn noch zu deutlich klang Annes letzter Satz in seinen Ohren, der so gar nicht zu dieser Offerte passen wollte. Darum fügte er ausweichend hinzu: „Aber, ich dachte diese letzte Form, der legalen Sklaverei lehnt ihr kategorisch ab, da die Ehe nur eine Erfindung der Kirche sei, um seine Untertanen zu knebeln. Außerdem ist Bigamie doch bestimmt auch in katholischen Spanien verboten“, sprudelte es aus ihm heraus.
„Oh, das hätte gut von Opa stammen können!“, mischte sich daraufhin Angela amüsiert in ihr Gespräch ein. „Außer dass du da etwas durcheinanderbringst, da eine Handfasting gar nichts mit der kirchlichen Trauung zu tun hat!“, lachte sie kurz auf. „Ganz im Gegenteil, bis die blöde Kirche sich da auch noch eingemischt hat, haben die meisten Paare auf diese Art ihre Liebe bekundet, wenn auch nicht: Bis der Tod einander scheidet, wie es später der olle Klerus vorgab, sondern nur so lange, bis irgendeiner der Beteiligten die Verbindung oder den Knoten löste, aus welchen Gründen auch immer. Oder so wie Anne und Tia es sich heute Nacht versprochen haben, erst einmal für ein Jahr und einen Tag“, trat sie auf Lotta und Ole zu und umarmte beide, um ihre Zustimmung zu ihrer Vereinigung zu bekunden.
„Danke, das hast du sehr gut erklärt. Also mi querido, wie sieht es nun bei dir aus: Stimmst du unserer Verbindung zu und wirst du diese ebenfalls mit uns eingehen?“, sah Lotta sichtlich unsicher zu Ole hoch.
„Sicher, das werde ich gerne tun, wenn ihr beide es auch wollt. Ich liebe euch doch vom ganzen Herzen!“, gab er ihr zustimmend einen Kuss auf die Stirn.
Mit welchem Lotta sich aber nicht zufriedengab und gierig seine Lippen suchte. „Ich dich auch!“, hauchte sie ihm danach glücklich ins Ohr, während sich ein wenig Tränenflüssigkeit in ihren Augenwinkeln sammelte.
„Wahnsinn, ist das romantisch!“, wanderte währenddessen Angelas Blick zwischen ihnen kurz hin und her, bevor sie ihn amüsiert, anschaute: „Darf ich dann auch Onkel zu dir sagen?“.
„Ähm?“, räusperte Ole sich zuerst verlegen, bevor er lachend erwiderte: „Nein, das wäre wohl nicht angemessen!“.
„Gut, da hast du wohl Recht! Ansonsten wäre dies wohl auch nicht angemessen!“, nutzte Angela einen unbedachten Moment von Ole und küsste ihm zärtlich auf den Mund.
Anne hatte das Gefühl die große Runde durch den Nebelwald, in Rekordzeit gelaufen zu sein. Ihr Kopf war wieder klar und sie fühlte sich beruhigend ausgepumpt. Lediglich ein kleines schlechtes Gewissen war zurückgeblieben, weil sie Ole vorhin so impulsiv angeblafft hatte, bevor sie einfach weiter gerannt war.
Dabei ärgerte sie sich am meisten über sich selbst, weil es ihr nicht zustand seine Beziehung zu Angela zu verurteilen. Außerdem sollte sie endlich damit aufhören eine Situation nur nach dem ersten Eindruck zu beurteilen. Daran, so nahm sie sich vor, würde sie in Zukunft arbeiten.
Doch nun musste sie erst einmal wieder zu Atem kommen und ihren Puls beruhigen, außerdem taten ihr der Rücken und die Beine unangenehm weh. Letzteres nahm sie gerne billigend in Kauf, weil sie wusste, dass dies ihren anderen Umständen geschuldet war. Was sie aber an diesen anderen Umständen völlig nervte, war neben der Kurzatmigkeit, die zunehmenden Blähungen und Übelkeit, die damit einher gingen und, die sich nun auf nervige Weise, einstellten. Außerdem fing der Fötus auch noch damit an, auf ihre Blase zu drücken. Darum ging sie mit großen, schnellen Schritten in Richtung des Badezimmers. Sie brauchte jetzt erst einmal dringend eine Pullerstation, sowie eine lauwarme Dusche und freute sich schon auf deren harten, pulsierenden Massagestrahl, der ihr Rückenleiden bestimmt lindern würde.
Danach würde sie sich bei Ole entschuldigen und ihm wie versprochen von ihrer Handfasting mit Lotta erzählen.
Doch erstarrte Anne auf dem Weg zur ersehnten Toilette. Denn schon durch die nur leicht geöffnete Badezimmertür erkannte sie, dass dies zurzeit kein stilles Örtchen war, wie erhofft. Außerdem konnte sie durch den Spalt in der Tür sehen, wie Angela Ole sanft auf den Mund küsste, während Lotta direkt danebenstand und lächelte.
Darmowy fragment się skończył.