Czytaj książkę: «Herr Wunderwelt»
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Jörg Rehmann
Herr Wunderwelt
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© 2020 Kommode Verlag, Zürich
Der Kommode Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einer Förderprämie für die Jahre 2019–2020 unterstützt.
1. Auflage
Alle Rechte vorbehalten.
Text: Jörg Rehmann
Lektorat und Korrektorat: Barbara Raschig
Cover, Satz und Layout: Anneka Beatty
Druck: Beltz Grafische Betriebe
ISBN 978-3-9525014-2-9
Kommode Verlag GmbH, Zürich
www.kommode-verlag.ch
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Jörg Rehmann
Herr Wunderwelt
Roman

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Macht ist zu bestimmen, welche Geschichten einst erzählt werden.
Carolyn Heilbrun
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Im April 1989 betrat ich zum ersten Mal die Residenz am Grunewald. Die Empfangshalle war ein Glaskasten mit Münzfernsprecher und Rohrstühlen. Auf einem nahm ich Platz und sah mich um. Vor mir hing das Porträt einer aufgedunsenen Frau in Schwesterntracht. Mit bohrendem Blick prüfte mich Oberin Irmgard Breugel, die Stiftungsgründerin. Auf der Tafel daneben las ich, dass ihr, einer Krankenschwester, 1938 drei Villen geschenkt worden waren. In Berlin-Grunewald war alles möglich. Setz dir eine Schwesternhaube auf, und schon bekommst du Villen hinterhergeschmissen. Ich überlegte, was ich mit den Häusern, die ich hier ergattern würde, anfangen könnte. Kein Heim. Das gab es ja schon. Ob die Breugel jetzt sah, dass ich eine Jacke aus knatschrotem Kunstleder und eine Damenhose trug?
Vor einer Woche war ich nach Westberlin ausgereist. Das einzige Zimmer, das ich hatte finden können, war ein Verschlag in Ritas Wohnung. Rita ging auf den Transenstrich in der Frobenstraße, ich zum Vorstellungsgespräch. In meinen Ostklamotten würde mir jede Chance davonfliegen. Also hatte ich mir Ritas Sachen geliehen. Ich war einundzwanzig Jahre alt und wollte wunderschön sein. Ich war wunderschön. Niemand hier würde merken, dass ich eine Bluse trug, sächselte und noch nie einen alten Menschen gepflegt hatte.
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»Da sind Sie ja schon.«
Eine Frauenstimme schreckte mich auf. Frau Schwalbe, die Verwaltungsleiterin, stand vor mir. Ich grüßte und lächelte. Deshalb stellte sie mich ein. Noch heute bin ich sicher, dass dieser Moment der entscheidende war. Frau Schwalbe, eine korpulente Dame in rostbraunem Kostüm, forderte mich auf, ihr zu folgen. In den Verwaltungstrakt gelangte sie mit einem Zahlencode. Ich fragte mich, welche Geheimnisse sich im Büro eines Pflegeheims verbergen konnten. Es waren gigantische und sagenumwobene, daran bestand kein Zweifel. Denn ehe Frau Schwalbe den Code eintippte, hob sie die Augenbrauen und befahl: »Jetzt schauen Sie mal weg.«
Dieser Satz sollte in der Residenz zu meinem Leitmotiv werden. Schon saß ich in Frau Schwalbes Büro und sah, wie sie sich über meine Bewerbungsunterlagen beugte, darin immer wieder blätterte, als suche sie etwas, und meinen beruflichen Werdegang studierte. Sechs Wochen Garderobier im Ratskeller Merseburg, ein Jahr Pflegehelfer im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie in Leipzig-Dösen. Den Rest hatte ich verschwiegen, und an der Garderobe hatte ich … Und was ging das die Trulla im kackbraunen Kostüm an? Gleich würde sie mir danken und das Gespräch beenden. Es tut mir leid, aber Ihre bisherige Karriere … Was, wenn jetzt ihre Perlenkette am Hals platzen und sich ein Schwall potthässlicher Perlen über die Auslegware ergießen würde, auf Nimmerwiedersehen. In zehn Page 9Jahren, während einer Teambesprechung, würde genau das passieren. Aber jetzt saß ich erst einmal da, und Frau Schwalbe räusperte sich.
»Nun, wie geht man in der Ostzone mit Inkontinenten um?«
Großer Gott, wer oder was waren Inkontinente? In meiner Magengegend zog sich etwas zusammen.
»Im Osten ist das nicht erlaubt«, sagte ich.
»Ach, kommen Sie. Irgendetwas werden Sie doch gemacht haben!«
Vorsichtig beäugte mich Frau Schwalbe. Ich spürte, dass meine Aussicht, hier einen Job zu ergattern, gleich Null war, wenn nicht schleunigst ein Wunder geschah.
»Wer war Irmgard Breugel?«, fragte ich.
»Sehen Sie diese Steine dort?« Frau Schwalbe deutete aus dem Fenster, und ihre Stimme wurde sanfter. »Ihre Pudel liegen dort begraben. Irmgard Breugel liebte Pudel.«
Ich schwieg und wartete. Das war die Antwort? Irmgard Breugels Pudelgrabsteine? Ich dachte an ihr Porträt in der Eingangshalle. Vermutlich hatte sie die Köter auch geschenkt bekommen.
»Können Sie pulsen?«
Wer wäre so dämlich und würde jetzt nicht nicken und Ja! sagen? Ich kann alles, liebe Frau Schwalbe.
»Wie sieht’s aus mit Insulin?«
Wie sollte es damit aussehen? Insulin hieß Page 10meine erste CD, mit der ich in ein paar Monaten die US-Charts stürmen würde. In dieser Woche von Null auf Eins …
»Selbstverständlich.« Ich biss mir auf die Lippen.
»Dann kommen Sie mal mit. Ich zeige Ihnen noch, wie eine Badewanne funktioniert.«
Wir verließen das Büro und gingen in den Wohnbereich 1. Im Flur begegneten uns zwei Pflegekräfte. Frau Schwalbe grüßte sie wie die Zöglinge einer Besserungsanstalt. Im Bad hantierte sie an der Armatur. Echtes Wasser floss.
Und was kam jetzt? Zeigte sie mir einen Waschlappen?
Wenn sie mir prophezeit hätte, dass ich dreiundzwanzig Jahre später in ihrem Büro an ihrem winzigen Schreibtisch sitzen und in meiner Personalakte blättern würde – ich hätte die Notklingel gedrückt. Heute lese ich Frau Schwalbes Gesprächsnotiz: Freundlicher Flüchtling, trägt Damenwäsche, recht willig. Grundkenntnisse, Einweisung Bad. Vorerst Station 1.
Nach meiner Ausreise aus der DDR hatte ich die Orientierung verloren und schwitzte deshalb Blut und Wasser. Schon das Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde hatte ich erst gefunden, nachdem ich stundenlang umhergeirrt und zunächst im Mercedes-Werk gelandet war. Als ich schließlich das Lager erreicht und dort gesagt hatte, dass ich Page 11mir vorstellen könnte, vielleicht und zunächst erst einmal und wenn es gar nicht anders ginge, in der Altenpflege … Acht Stellenangebote hatte man mir in die Hand gedrückt. Den kürzesten Arbeitsweg von Ritas Wohnung hatte ich bis zur Residenz am Grunewald.
Ehe ich die Residenz fand, ging und lief und rannte ich zwischen Roseneck und Hagenplatz umher. Die Gegend erschien mir wie eine Filmkulisse, in der Dallas oder Die Schwarzwaldklinik gedreht wurden. Keiner der wenigen Menschen auf den gepflegten Straßen kannte die Residenz. Mehrere Male lief ich an ihr vorbei. Es gab kein Schild draußen, nichts. Ein weißgetünchter Block, strahlend wie die Zähne in der Fernsehwerbung. Wurden die Wände hier mit Dentagard geschrubbt? Warum existierte die Residenz am Grunewald inkognito? Weil dort betagte Millionärinnen inkognito lebten. Ich stellte mir vor, dass sie nach Rosenöl dufteten und mir Schwänke aus ihrem Leben erzählten. Sie hatten keine Krankheiten, starben nicht und schmierten niemals mit Stuhlgang.
Die Einarbeitung an meinem ersten Arbeitstag beschränkte sich auf zwei Sätze: »Alle waschen, pampern, aus den Nestern raus und die Zimmer picobello. Wäschewagen steht im Bad, Abwurfwagen in der Spüle.« Schwester Gisela sprach und ging. Ich sollte mit ihr und Oberpfleger Rolf, dem Stationsleiter, arbeiten. Beide verschwanden in die obere Etage. Die Station 1 erstreckte sich über Page 12zwei Stockwerke mit verwinkelten, endlosen Fluren. Ich dachte an Albert Einstein. Von wegen nur das All und die Dummheit der Menschen sind unendlich! Nach einer Stunde glaubte ich, die Zimmer vermehrten sich nach dem Prinzip der Zellteilung. Schon das erste Bett, vor dem ich stand, gab mir Rätsel auf. Wie um alles in der Welt löste man das Bettgitter? Gab es einen Schalter? Musste man kräftig schütteln? Ich suchte und probierte. Minutenlang. Mein erster Schweißausbruch. Ich schlich um das Bett und kroch darunter. Vielleicht gab es zwischen Matratze und Bettgestell einen Drücker? Oder konnte man das Bettgitter überhaupt nicht lösen und sollte mit einer einfachen Hebeübung …
Es klatschte. Eine Ohrfeige von Frau Klinke, 102 Jahre alt. Sie lag im Bett. Ich hatte sie übersehen. Frau Klinke drohte mit den Fäusten. Ohne ihre Ohrfeige hätte ich in der nächsten Minute Kran gespielt. Eine Uhr begann in mir zu ticken. Du bist in der Probezeit!, zischte eine Stimme in mir. Beeil dich! Ich wollte Frau Klinke das Nachthemd ausziehen. Wir zerrten um die Wette.
»Er kann es nicht!«
Ich drehte mich um. Frau Salostowitz, die Bettnachbarin, sah mir zu und spielte Kommentatorin.
»Das schafft er nicht.«
»Jetzt schafft er’s doch.«
»Jetzt hat sie ihn.«
»Jetzt rollt er sie weg.«
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An diesem Morgen hatte mich die Hektik im Griff. Mir blieb keine Zeit für Gerüche, Ekel oder Angst. Wenn ich jetzt versage, werfen sie mich raus. Wenn ich jetzt versage, schlafe ich zwischen Müllkübeln. Wenn ich jetzt versage, wird der Westen so, wie es im Lehrbuch für Staatsbürgerkunde stand. Mir blieb auch keine Zeit zu staunen oder mich zu fragen, warum Frau Korn den Flur entlangschritt, sehr aufrecht, mit bedächtigen, würdevollen Schritten und einem Buch unterm Arm. Immerhin gab es an den Wänden im Flur Ballettstangen. Ab und zu gönnte ich mir dort ein Demi-plié. Und diese Tuben mit den Salben – wofür oder wogegen auch immer – machten sich ganz gut als Mikrofon. Ich zog den Wäschewagen weiter und trällerte Rock and Roll Star von Champagne.
»Alle fertig?« Die Stationsfrau stand plötzlich vor mir, Kaugummi kauend und reichlich mit Silberschmuck behangen.
»Fast«, brachte ich über die Lippen.
»Neue Aushilfe?«
»Fest.« Fest klang in diesem Moment wie lebenslänglich.
»Fast und fest.« Sie prustete los. Für Lady Silverstar war ich eine Eintagsfliege. Durchgeschwitzte Möchtegernis wie mich hatte sie schon oft erlebt. Zu melden hatte ich nichts, und morgen war ich wahrscheinlich weg vom Fenster. Da war es überflüssig, sich vorzustellen.
»Genau deshalb haben wir dich ins kalte Page 14Wasser geworfen«, erklärte mir Oberpfleger Rolf kurz vor Feierabend. »Hier muss man erst mal allein klarkommen.«
Und ich kam irgendwie klar. Frau Delbrück bewarf mich zwar mit Stuhlgang, und Frau Strohschneider wollte mich mit Erika-Luxus-Romanen bestechen, damit ich ihren Bronchialtee in den Ausguss schütte. Frau Schliepe fragte mich, ob ich in der Serie Das Erbe der Guldenburgs mitspiele. Als Fiesling.
Ich beschloss, die Frauen Zauberinnen zu nennen. Sie lachten und schrien, sie schwiegen und schimpften, sie unterrichteten mich. Die Zauberinnen arbeiteten mich ein.
Frau Wiedermeyer war die geheimnisvollste. Gelähmt von zwei Schlaganfällen, lag sie im Bett und rezitierte Balladen von Chamisso. Angeblich hatte sie einst Adenauer aus der Hand gelesen. Oder war es Bismarck gewesen? Egal. Jetzt war ich an der Reihe. Gespannt hielt ich meine Hand direkt vor ihre Augen. Frau Wiedermeyers Kopf begann zu zittern, und sie dehnte jeden Vokal.
»Komisch. Überall, wo sonst eine Frau steht, sehe ich bei Ihnen einen Mann.« Welch prophetische Gabe.
»Sie bleiben sehr, sehr lange hier!«
Jetzt reichte es aber. Ich drehte mich um und verschwand.
Auf Station 1 gab es einen Wettbewerb, ein Pflegen gegen die Uhr. Der oder die Langsamste Page 15wurde bei der Dienstübergabe mit Häme übergossen. Ich nicht. Ich wurde zum Turbopfleger. Das zählte. Das untere Stockwerk mit den achtzehn Zauberinnen war bald kein Problem mehr für mich.
»Du arbeitest wie eine Maschine!«, sagte Oberpfleger Rolf. Das klang für mich wie ein Lob. Den Vogel im Ich-bin-schneller-als-ihr-Spiel schoss ich schon nach wenigen Tagen ab, als ich hinauflief, um Rolf und Gisela zu fragen, ob sie meine Hilfe brauchten. Ich fand sie im Tagesraum. Fünf Zauberinnen saßen dort. Auf dem Tisch lag Schwester Gisela und vögelte mit dem Oberpfleger. Es war 9 Uhr morgens. Ich drehte mich um und hatte nichts gesehen. Ich war in der Probezeit und niemals im Tagesraum gewesen.
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Als ich vierzehn war, gewann Anett Pötzsch bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid im Eiskunstlauf die Goldmedaille. Ihrer Trainerin Jutta Müller schrieb ich einen Brief und erwähnte mein Alter. Ich wollte Eiskunstläufer werden und war zu alt für die Kreuzspirale und den dreifachen Rittberger. Sonst hätte Jutta Müller mir geantwortet und mich zum Probetraining nach Karl-Marx-Stadt eingeladen. Ich blieb in Schkopau und beschloss: Wenn schon kein Sieg bei den Olympischen Winterspielen, dann bei der Russischolympiade. In der siebten Klasse kannte ich sämtliche Vokabellisten im Russischlehrbuch für das Abitur auswendig. Die Vokabeln der Lehrbücher von der siebten bis zur zwölften Klasse wurden meine Mantras. Sechs, sieben, acht Mal am Tag leierte ich sie herunter. Ich wurde meine eigene Jutta Müller, spornte mich an, zeterte und lobte. An die Wände des Kachelofens im Kinderzimmer kritzelte ich mit Kreide meine Resultate und das Lernprogramm für den nächsten Tag. Natürlich genügten keine Vokabeln, um die Russischolympiade zu gewinnen. Im zweiten DDR-Fernsehprogramm sah ich Für Freunde der russischen Sprache, Filme aus der Sowjetunion mit deutschen Untertiteln. Meine Mitschüler lasen Bravo, ich Po Swjetu und Sowjetfrau. Frau Besenkraut, unsere Russischlehrerin, lieh mir ein Tonbandgerät und Bänder mit Texten Page 17zum Übersetzen. Ich wollte siegen. Um jeden Preis. Kam ich aus der Schule, begann das Training. Mindestens bis Mitternacht lernte ich. Wenn mein Kopf schmerzte, ging ich auf dem Friedhof spazieren. Hier versuchte mich niemand in Gespräche zu verwickeln. Ich brauchte Ruhe und Kraft für die nächste Trainingseinheit. Ich roch nicht den Gestank aus den Schloten des Buna-Kombinats. Ich sah auch keine schlohweißen Bäume, an denen Karbidstaub klebte. Ich träumte von der Kreisrussischolympiade, der Bezirksrussischolympiade, der DDR-Russischolympiade. Die internationale Russischolympiade in Moskau sollte mein Lake Placid werden.
Die Schulrussischolympiade war nur der Probelauf, um meinen Trainingsstand zu überprüfen. Drei Unterrichtsräume in der Wladimir-Iljitsch-Lenin-Oberschule hießen an diesem Nachmittag Stationen. In jeder Station erwartete mich eine Russischlehrerin.
Ich betrat Station 1, selbstverständlich im FDJ-Hemd, grüßte auf Russisch und nahm Platz. Ein Monolog war fällig. Frau Krieg lächelte mir zu. Ich sollte berichten, wie sich die FDJler meiner Klasse auf den Geburtstag Ernst Thälmanns vorbereiten. Ich konnte mir ausrechnen, was sie hören wollte. In jedem Jahr gab es irgendwelche Jubiläen, im letzten Jahr war unsere Republik dreißig Jahre alt geworden, in diesem hatte ich auf den soundsovielten Jahrestag des Siegs der Sowjetarmee Page 18gesetzt. Aber halb so schlimm – für alle möglichen Jahrestage hatte ich Texte auswendig gelernt. Ich rasselte meine Sätze herunter. Volle Punktzahl und Zusatzpunkt für meine Aussprache.
Station 2: Dialog! Frau Besenkraut stellte mir Fragen wie »Hast du einen Freund in der Sowjetunion?« oder »Welchen Beitrag leistest du zur Erfüllung der Beschlüsse des neunten Parteitages?« Ich bot zehn kleine Sequenzen, die ich mir zurechtgelegt hatte. Da ich auch hier nur fünfzehn Minuten verweilen durfte – anschließend läutete die Schulklingel, und ich hatte die Station zu verlassen –, musste ich mich kurz fassen, durch Originalität bestechen und in möglichst jeden Satz eine Vokabel, die im Russischunterricht noch nicht aufgetaucht war, unterbringen. Bei der DDR-Olympiade würde ich hier eins draufsetzen, aus meiner Hosentasche einen klitzekleinen Wandteller ziehen und ihn meiner Gesprächspartnerin zum Abschied schenken. Macht garantiert einen Zusatzpunkt.
Station 3: Übersetzen! Mein Schwachpunkt. So langweilig wie die Pflichtelemente beim Eiskunstlaufen, die so gähnend öde waren, dass sie nicht einmal vom DDR-Fernsehen übertragen wurden, obwohl Anett Pötzsch dort immer glänzte. Manchmal patzte ich beim Übersetzen. Aber nicht hier. Da konnte Frau Belzig so streng schauen, wie sie wollte. Die Belzig war nur so zickig, weil ihre Tochter Jana heute auch an der Olympiade teilnahm und höchstens Dritte wurde.
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Anett Pötzschs gefährlichste Rivalin war Linda Fratianne aus Kalifornien, meine Tanja Bandow von der Tereschkowa-Oberschule in Merseburg. Bei der Kreisrussischolympiade lieferten wir uns seit der sechsten Klasse erbarmungslose Gefechte. Tanja Bandow hatte Haare bis zum Arsch und galt als unschlagbar. Mittlerweile schlief ich nachts auf Wörterbüchern, weil ich hoffte, die Vokabeln würden so in meinen Kopf wandern. Es half nichts. Ich blieb ewiger Zweiter im Kreis Merseburg. Zwar mit deutlichem Punktabstand zur Drittplatzierten, irgendeiner Antje aus Schafstädt. Aber wen tröstete das? Bei der Weltmeisterschaft in Wien 1979 war Anett Pötzsch zweimal gestürzt, und die Fratianne hatte ihr Glück kaum fassen können. Ein Jahr später kehrte Anett auf das Siegerpodest zurück. Als bei der Siegerehrung die Hymne der Deutschen Demokratischen Republik erklang, saß ich vor dem Fernseher und heulte Rotz und Wasser. Die Fratianne sah blöd aus der Wäsche. Genau so würde es der Bandow gehen.
Im nächsten Jahr bat ich Frau Besenkraut, mich nicht für die Kreisrussischolympiade meines Jahrgangs zu nominieren. Das war der große Schachzug, den ich plante. Ich würde einfach ein oder zwei Schuljahre überspringen. Tanja Bandow könnte die Olympiade der achten Klasse und ich in der neunten oder zehnten gewinnen. So würde ich meiner Gegnerin aus dem Weg gehen und mir Zeit verschaffen, um meinem großen Ziel, der Page 20Goldmedaille in der zehnten Klasse, näherzukommen. Frau Besenkraut war von meinem Vorschlag begeistert. In den Russischstunden durfte ich jetzt Iswestija und Komsomolskaja Prawda lesen. Und ich entdeckte Merseburg-West. Nachmittags stieg ich auf mein Fahrrad und radelte die F91 entlang. Schkopau zu verlassen, auf dem Radweg neben der Fernverkehrsstraße, drei oder vier Kilometer, war eine Verheißung und Merseburg-West eine andere Welt. Die Straßen mit den Häuserblocks aus den sechziger Jahren waren nach sowjetischen Kosmonauten benannt. Neben dem Kosmonautenviertel befand sich die Garnison der sowjetischen Streitkräfte. Auf der Straße spielten Kinder und sprachen russisch. Das war Musik in meinen Ohren. Es dauerte nicht lange, und ich spielte mit Wadim, Waleri und Lena. In ein paar Jahren würden sie in die Sowjetunion zurückkehren. Der Gedanke tat mir weh. Aber es würde neue Wadims, Waleris und Lenas geben, und ich hätte dann Brieffreunde, die mir Luftpostbriefe aus ihrer Heimat schreiben würden. Die Sowjetunion war das fortschrittlichste Land der Welt. Ich wollte nach Leningrad und Kiew, in den Kaukasus und auf den Pamir, in die Taiga und nach Sibirien. Ich war glücklich, dass es die Garnison in Merseburg gab. Sie war ein kleines Stück Sowjetunion.
Ich gewann die Olympiade im Bezirk Halle. Als Frühstarter, der eine Klasse übersprang, durfte ich als Erster die Stationen absolvieren. Meine Page 21Leistungen würden die Messlatte sein für alle, die nach mir kamen und ihre Monologe und Dialoge abspulten. Mich umwehte eine Wunderkindaura. Selbst den Weg von der Tür zum Stuhl, auf dem ich Platz nahm, hatte ich geübt. Ich durfte nichts dem Zufall überlassen. Zu Hause im Kinderzimmer hatte ich den aufrechten Gang und ein zaghaftes Lächeln geprobt. Zu selbstbewusst durfte ich auf keinen Fall aussehen. Sonst gingen im schlimmsten Fall die Zusatzpunkte flöten. Ich wollte das kleine Sprachgenie sein, unbekümmert und bescheiden.
Nach der Olympiasaison beendete Anett Pötzsch plötzlich ihre Laufbahn als Leistungssportlerin. Es gab Gerüchte, dass sie in den Westen abhauen und bei Holiday on Ice auftreten wollte. Der Erfolg war ihr zu Kopf gestiegen. Nachdem die Pötzsch in unserer Republik den dreifachen Salchow und den dreifachen Toeloop lernen durfte, wollte sie durch die NATO-Staaten tingeln. Ein Glück, dass der Blödsinn zeitig genug entdeckt worden war. Von ihrer Flucht war im Westfernsehen noch nicht die Rede. Meine Eltern sahen jeden Abend Tagesschau, und einen Fluchtversuch der Pötzsch hätte sich die imperialistische Propaganda niemals entgehen lassen. Aber auch im DDR-Fernsehen tauchte Anett Pötzsch nicht mehr auf. Also musste sie etwas ausgefressen haben. In unserer Republik wurde niemand fallen gelassen, schon gar keine Olympiasiegerin. Offenbar fehlte ihr der Page 22gefestigte Klassenstandpunkt. Ich redete mir ein, dass die Eiskunstläufer aus der Sowjetunion, im Gegensatz zu der undankbaren Schlampe aus Karl-Marx-Stadt, ihre Heimat wirklich liebten. Von nun an drückte ich ihnen die Daumen. Irina Rodnina war zehnmal Weltmeisterin im Paarlaufen geworden. Darin zeigte sich die Überlegenheit des Sozialismus.
In der zehnten Klasse visierte ich die DDR-Olympiade an. Dort würde ein schärferer Wind wehen. Frau Besenkraut sagte mir, dass ich während der Winterferien die sowjetische Mittelschule in Merseburg besuchen durfte. Was für ein Geschenk! Jeden Tag in die Garnison! In der Mittelschule trugen Jungen und Mädchen Schuluniformen. Sie sprangen auf, sobald ihr Nachname gebrüllt wurde, und leierten zwei oder drei oder vier Sätze herunter, während Frau Lehrerin eine Zensur in ihr Heftchen kritzelte. Setzen. Die Zensuren wurden weder verkündet noch erläutert. Die gesamte Klasse starrte auf die schreibende Hand der Lehrerin, während die Schüler sich abstrampelten. Mir taten die uniformierten Jungen und Mädchen leid. Aber ich war nicht hier, um mitzuleiden.
Meine Eltern waren stolz auf meine Auszeichnungen, die Urkunden, Medaillen und die Reisen mit dem Freundschaftszug nach Kiew und Saporoschje. Erst als ihnen zu Ohren kam, dass ich im Sommer im Buna-Bad nur noch mit Russkis unterwegs war, fragte meine Mutter, ob ich es nicht ein Page 23bisschen übertreibe. Sie verstand mich nicht. Die meisten Schkopauer sprachen miserabel russisch, und mich interessierte nicht, wer am letzten Samstag im Westfernsehen bei Auf Los geht’s los! aufgetreten war oder in der Bundesliga einen Elfmeter verschossen hatte. Die lang gedehnten russischen Vokale, die Musik, die in Wörtern wie dostoprimjetschatjelnosti schwang, die Lieder von Alla Pugatschowa, die mir Wadim, Waleri und Lena auf ihren Kassettenrekordern vorgespielt hatten – das war meine Welt. Die Druschba-Trasse und die Pionierrepublik Artek. Matrjoschka, Buratino und die Märchen von Wladimir Wolkow. Die Länderwertung bei den Olympischen Spielen. Das Haus der Offiziere in Merseburg.
Dort fand sonntags tanjez statt. Fast immer war ich der einzige Deutsche dort. Dem tanjez fieberte ich Woche für Woche entgegen. Im hinteren Teil des Hauses befand sich das magasin, wo es nach Fisch, Schweiß und Parfüm duftete, und daneben eine Tanzfläche unter freiem Himmel, wo Männer miteinander tanzten, tranken und sich umarmten. Als ich das zum ersten Mal sah, stockte mir der Atem. Ich würde immer wieder hierher kommen, jahrelang, damit jemand seine Hand auf meine Schulter legte und mit mir russisch sprach.
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Es war anstrengend, Ritas Untermieter zu sein. Kam sie morgens vom Strich, sturzbesoffen und mit zerrissenen Strumpfhosen, fuhr ich zum Frühdienst. Manchmal brachte sie Kunden mit. Sie hatte Angst vor ihnen und erzählte deshalb, sie besitze zwei Dobermänner. Sobald sie die Wohnung betrat und »Arko! Platz! Aus!« schrie, wusste ich, was ich zu tun hatte. Bellen und kläffen. Nie hatte Rita das Geld für die Miete am Monatsersten zusammen. Die ersten Mahnungen des Hausbesitzers trafen ein. Sie versuchte, ihre Geschäfte mit Annoncen in der BZ anzukurbeln und pries sich als amerikanisches Travestiemodell an. Die Anzeigen erschienen, und Mrs. America kam morgens torkelnd nach Hause, sank auf ihre Matratze und schnarchte. Fast ununterbrochen klingelte das Telefon. Ich hatte frei, aber ich nahm den Hörer nicht ab, bis ich den Schlafplatz unter der Brücke vor mir sah. Der Gedanke daran versetzte mich in Panik. Wenn Oberpfleger Rolf im Tagesraum vögelte, konnte ich mich ja wohl um den Dienstplan einer Nutte kümmern.
Also nahm ich beim nächsten Klingeln ab und hauchte und wisperte so, wie ich mir das Hauchen und Wispern eines amerikanischen Travestiemodells vorstellte. Ich verhandelte die Preise – fast immer die erste Frage der Kunden – und vereinbarte Termine. Klingelte es, lief ich zur Tür und begleitete die Männer in Ritas Zimmer. Sie hielten Page 25mich für ihren Zuhälter. Bellen musste ich jetzt nicht mehr. In diesen Wochen lernte ich die Welt der bizarren Kundenwünsche kennen. Rita hatte nur wenige Stammkunden. Der Chef einer großen Berliner Brauerei gehörte zu ihnen und frühstückte jeden Dienstag mit ihr. Rita aß ein Brötchen, und er verspeiste, auf einem Porzellanteller und mit Petersilie garniert, Katzenscheiße. Rita durfte dabei nicht lachen. Ein anderer Herr ließ sich sieben Tennisbälle in den Arsch stecken. Rita nannte ihn Boris Becker. Und dann war da noch Monsieur Nasenstein, den sie mit Popeln beschnipste. Ich fragte mich, was daran so dramatisch sein sollte, wenn die Zauberinnen in der Residenz den Weg zur Toilette nicht fanden oder ihre Nachthemden zerrissen. Und warum Rita mich bedauerte, weil ich dort arbeitete. Ihre Freundinnen waren die Nutten der Frobenstraße. Auch sie hatten Mitleid mit mir. Sie ließen sich auspeitschen und froren nachts auf der Straße. Kunden schikanierten und bedrohten sie. Aber für sie schien selbst das erträglicher zu sein als ein Frühdienst in der Residenz.
Rita träumte von einem steinreichen Kunden, der sie heiraten würde. Bevor sie abends loszog, schob sie eine Kassette in den Videorekorder. Sie stellte sich vor den Spiegel, mit dem Kerzenständer in der Hand, und spielte Marlene Dietrich. Rita ging nie zum Arzt. Ihre Schuppenflechte überschminkte sie, und ich klaute in der Residenz Balneum-Hermal-Waschlotion und Tramaltropfen, Page 26als sie Zahnschmerzen bekam. Damals entdeckte ich, dass die Residenz und ganz Westberlin Selbstbedienungsläden waren. Ich lief durch die Stadt und klaute. In einer Buchhandlung in Schmargendorf ließ ich bei jedem Besuch einen Gedichtband mitgehen, bis das Regal leer war. Jean Genet und Henry Miller, damals meine Hausgötter, hätten mir dafür die Wange getätschelt. Auch in Kaufhäusern interessierten mich Bücher, vor allem die eingeschweißten Hardcoverausgaben. Die winzigen Metallstreifen auf den Bücherrücken kümmerten mich so wenig wie die lästige Sirene, die immer dann losjaulte, wenn ich Karstadt, Hertie oder Wertheim verließ.
Als Rita mich bat, in der Residenz sterile Kanülen mitgehen zu lassen, entdeckte ich die Einstichstellen und Hämatome auf ihrer Haut. Ich schüttelte den Kopf. Dann fehlte Geld in meinem Portemonnaie. Und ich fand die fristlose Kündigung des Vermieters im Briefkasten. Rita hatte seit Monaten keine Miete gezahlt.
Die ausgemergelte Gestalt, die ich zwanzig Jahre später am Kottbusser Tor sehen würde, durfte Rita nicht sein. Sie würde am Eingang des Kaiser’s Supermarktes stehen, meinem Blick ausweichen und noch immer das knatschrote Jäckchen tragen, in das ich mich vor meinem Vorstellungsgespräch in der Residenz gezwängt hatte.
»Wenn du Oberpfleger bist, heirate ich dich«, hatte sie einmal gesagt.
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Jeden Mittwoch, 8 Uhr, ging ich zur Besprechung mit Herrn Pfeiler, dem Direktor der Lenin-Oberschule. Dafür stand ich gern eine Stunde früher auf. Herr Pfeiler nahm sich jede Woche für die Freie Deutsche Jugend Zeit. Ich war der Sekretär unserer FDJ-Grundorganisation. Jeden Mittwoch sollte ich Herrn Pfeiler berichten, worüber in den Klassen gesprochen wurde. Darauf war ich stolz. Die Stunde bei Herrn Pfeiler war mein Beitrag, um die Kampfkraft unserer Republik zu stärken. Überall lauerten Feinde. Überall betrieb die imperialistische Konterrevolution ihre Maulwurfstätigkeit. Auch in der Lenin-Oberschule in Schkopau. Als ich in die siebte Klasse ging, schrie ich bei den Fahnenappellen Schüler aus der zehnten Klasse an, die zum FDJ-Hemd Westjeans trugen. Wer sich diese Unverschämtheit beim Appell leistete und das Gesicht zur Ich-kau-lieber-Kaugummi-Fresse verzog, musste damit rechnen, dass ich ihn vortreten ließ und zur Rechenschaft zog.
Eines Tages besuchte der Botschafter Ägyptens die Lenin-Oberschule. Ich trug eine Rede vor, die Herr Pfeiler verfasst hatte. Ich ließ mir Zeit, senkte die Stimme kurz vor dem Satzende und sagte Sätze wie: »Alle Kinder in der Deutschen Demokratischen Republik lieben den Frieden.« Der Botschafter versuchte zu lächeln, während ich sprach. Er schenkte mir ein Medaillon mit dem Page 28Konterfei Kleopatras und erwiderte meine Rede mit dem Satz, dass auch die Kinder in Ägypten den Frieden lieben. Das war gelogen. Im Neuen Deutschland hatte ich etwas anderes gelesen. Ägypten machte seit dem Camp-David-Abkommen gemeinsame Sache mit Israel, dem zionistischen Aggressor. »Das stimmt nicht!«, rief ich dem Botschafter zu, ehe ich eilig zur Seite gedrängt wurde und Herr Pfeiler sich wortreich entschuldigte. Herr Pfeiler tadelte mich am nächsten Mittwoch. Potenzielle Bündnispartner wie Ägypten dürfe man niemals verprellen, und ich solle endlich lernen, mich taktisch klüger zu verhalten.
Seit dem sechsten Schuljahr saß ich mittwochmorgens bei Herrn Pfeiler und musste berichten. Aber woher sollte ich wissen, worüber in den Klassen 9b, 10a oder 7c gesprochen wurde? Ich erfand ein paar Gesprächsthemen und zählte politische Ereignisse auf. Das Kriegsrecht in der Volksrepublik Polen. Die Sowjetarmee befreit Afghanistan. Der NATO-Doppelbeschluss macht Westeuropa zur atomaren Startrampe.
Herr Pfeiler hatte gesagt, dass ich mich in den Schulpausen neben die Kirchlis stellen soll. Die Kirchlis musste man im Auge behalten. Auf dem Schulhof wollte niemand etwas mit mir zu tun haben. Ich galt als rotes Arschloch. Jeder neue Schultag bedeutete Klassenkampf. Wichtig war, sich nicht beirren zu lassen. Das dachte ich auch, als ich den Scheißhaufen entdeckte, den mir Page 29jemand in meine Schultasche gesteckt hatte. Es gab nicht viele Kirchlis in der Lenin-Oberschule. Jeder wusste, wer in Schkopau zur Jungen Gemeinde ging – aus meiner Klasse nur Barbara Pappauf mit den dünnen geflochtenen Zöpfen. Ich nannte sie Barbara Kaulquappe. Barbara Kaulquappe hatte vier Geschwister, wollte Pudelfriseuse werden und sprach am liebsten über ihre gesammelten Kaugummibilder. Ich behielt sie im Auge, aus sicherer Entfernung. Auf Gespräche über Kaugummibilder wollte ich mich nicht einlassen. Wer ging heutzutage noch in die Kirche? Meine Großmutter! Das war mir peinlich. Ich besuchte Oma Olga nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. An ihrem Geburtstag, zu Weihnachten, und einmal im Jahr schippte ich einen Berg Kohlebriketts in ihren Keller. Oma Olga lebte seit der Flucht aus Niederschlesien in ihrer eigenen Welt. An den Wänden ihrer winzigen, dunklen Wohnung in Merseburg-Nord hingen riesige Marienporträts, Jesuskreuze und Erst-wenn-du-in-der-Fremdebist-weißt-du-wie-schön-die-Heimat-ist-Sprüche. Oma Olga stand morgens nicht vor zehn Uhr auf. Sie sprach mit hartem, wasserpolnischem Dialekt über Schlegenberg, als wäre sie gerade eben noch dort gewesen, und über Gott. Sie war ein Überbleibsel aus der Zeit des Kapitalismus. Ich schämte mich, eine Großmutter zu haben, der es schnurzpiepe war, dass sie seit Jahrzehnten in einem sozialistischen Land leben durfte.
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Schwester Rotraud arbeitete seit achtundzwanzig Jahren auf Station. Das erfuhr ich im ersten Satz, den sie mir hinwarf. Es war mein erster Nachtdienst im Irmgard-Breugel-Haus. Schwester Rotraud bereitete um 22 Uhr die Kaffeemaschine für den Frühdienst vor, damit sie morgens nur den Knopf drücken musste. Dann spritzte sie Flüssigseife in die Waschschüsseln, stellte sie vor die Zimmertüren und meinte, damit morgens viel Zeit zu sparen. Sie hatte nachts fünfzehn Zauberinnen zu waschen. Benutztes Inkontinenzmaterial formte sie zu kubischen Plastiken. Als hätte sie soeben ein Werk erschaffen, von dem sie, die Künstlerin, sich nur ungern trennen wollte, ließ sie immer erst nach einem Augenblick der Andacht die Unikate im Müllsack verschwinden. Ansonsten war Marschtempo angesagt. Und Kommandoton. Auf dem Weg zur Toilette packte sie die Zauberinnen fest am Nacken.
»Die können alle. Die wollen bloß nicht.«
Ich sah, hörte und schwieg. Mein erster Nachtdienst überbot alles, was ich bisher erlebt hatte. Führte Schwester Rotraud eine Show für mich auf? Sollte ich sehen, dass sie die Zauberinnen im Griff hatte? Oder sprach sie tatsächlich, Nacht für Nacht, mit ihnen in diesem Ton? Warum arbeitete sie nicht im Zirkus, als Dompteuse in der Raubtiernummer? Ausgerechnet Schwester Rotraud Page 31mochte mich. Weil ich schon um 5 Uhr morgens zum Frühdienst erschien – manchmal floh ich vor Rita und ihren Kunden – und ihr zuhörte. Nach sechs Frühdiensten hatte ich sechs Mal vernommen, dass Schwester Rotraud in ihren achtundzwanzig Dienstjahren schon viele hatte kommen und gehen sehen und früher alle hier morgens drei Tropfen Haloperidol bekommen hatten.
»Da waren sie artiger.«
Erschien ich erst um 6 Uhr zum Frühdienst, zog Schwester Rotraud einen Schmollmund. Aber ich hatte meinen Kredit bei ihr deshalb nicht ganz verspielt. Ihr Dienst dauerte bis 6:30 Uhr, und so blieb ihr immer noch eine halbe Stunde, um Geschichten über ihre Pudel loszuwerden. Schwester Rotraud nutzte die Zeit der Dienstübergabe, um für Hundehalsbänder mit Rubinimitaten, für Haarschleifen und Frolic zu schwärmen.
Die Dienstübergabe war zwei Wörter lang.
»War nüschd.«
Frau Schwalbe war Oberpfleger Rolfs Charme verfallen. Regelmäßig kaufte er für die Zauberinnen ein und gab die Quittungen in der Verwaltung ab. Offenbar hatte nie jemand einen Blick auf die Quittungen geworfen. Eines Tages erschien Frau Schwalbe, reichte ihm mit eiskaltem Blick ein Kuvert und verschwand. Rolf las und verließ die Station 1. Für immer. Frau Schwalbes Brief hatte er auf dem Tisch liegen lassen. Darin fragte Frau Schwalbe, warum er Stringtangas für Patientinnen kaufe. Page 32Oberpfleger Rolf erhielt Hausverbot. Das stand am nächsten Tag an der Pinnwand. Er rächte sich. Mit ihm verschwanden vier Pflegerinnen, unter ihnen Schwester Gisela. Die Karawane zog in die nächste Pflegeeinrichtung. Schwester Rotraud blieb. Mir teilte Frau Schwalbe auf einem Zettel mit, dass ich auf Station 4 versetzt werde. Ab morgen.
Station 4 war eine bröckelnde Villa, eine Minute vom Haupthaus der Residenz entfernt. Die Stationsschwester dort wurde die Äbtissin genannt. Wortlos wies sie mir einen Platz am Tisch im Schwesternzimmer zu und nestelte nervös an der Strickjacke, die sie über dem Kittel trug. Sie wich meinem Blick aus, als sei es ihr peinlich, dass sie sich ohne Schleier zeigte.
»Sie arbeiten in der Pflege.« Aus dem Mund der Äbtissin klang das, als wäre ich mit diesem Satz geweiht und gewarnt worden. Die Äbtissin wiederholte ihn oft. Sie arbeiten in der Pflege. Ich hatte das große Los gezogen.
»Ihr Arbeitsplatz ist Motivation genug.« Mantra Nummer zwei. Mit jeder neuen Weisheit gab die Äbtissin mir neue Rätsel auf. Ich kaute auf ihnen herum, wiederholte sie, lotete sie aus und konnte sie nicht vergessen. In der Villa arbeiteten meist drei Pflegekräfte im Frühdienst. Gemeinsam betraten wir jedes Zimmer. Zwischen uns existierte eine unausgesprochene und exakt definierte Arbeitsteilung. Jede Pflegekraft wiederholte bei jeder Zauberin dieselbe Tätigkeit. Alles musste so Page 33schnell wie möglich gehen. Ich verglich uns mit einem Heuschreckenschwarm, der unerwartet über ein Zimmer hereinbrach und ebenso schnell wieder verschwand. Die Äbtissin richtete die Gardinen, besprühte die Nachtschränke mit Desinfektionsspray, und als seien diese Tätigkeiten nicht aufregend genug, begrüßte sie die Zauberinnen jeden Morgen mit der Frage: »Na, wer bin ich?«
Die Mittagspause wurde zur Folter. Die Äbtissin erschien im Personalraum – grundsätzlich als Erste, niemand durfte vor ihr mit der Pause beginnen – und verteilte das Mittagessen für das Personal. Undenkbar, dass jemand außer ihr eine Kelle in die Hand nahm. An der Gemüseportion und der Anzahl der Fleischstücke auf dem Teller konnte jede Pflegekraft ihren aktuellen Rang auf der Beliebtheitsskala ablesen. Nach dem Essen war das Lesen einer Zeitung nicht erwünscht. Die Äbtissin duldete keine Widerrede. Ihr Kontrollzwang war grenzenlos. Eines Tages sagte sie mir, sie freue sich, weil ich so sauber sei. Denn sie habe durch das Schlüsselloch der Umkleidekabine gespäht und gesehen, dass ich jeden Tag eine frische Unterhose trage. Da fragte ich mich, ob die Äbtissin log oder zum Augenarzt musste. Ich trug keine Unterhosen. In die Schubladen der Schrankwand im Pausenraum hatte sie Zettel ausgelegt. HIER GIBT ES NICHTS ZU STEHLEN! IHRE ARBEITSZEIT IST ZUM ARBEITEN DA! In jeder Schublade, die ich öffnete, fand ich dieselbe Nachricht.
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An meinem dritten Tag in der Villa hatte die Äbtissin frei. Alle Zauberinnen wollten heute im Bett bleiben. Das hatten wir am Morgen beschlossen. Die Medikamente schütteten wir in den Ausguss. Gemeinsam standen wir vor dem Waschbecken und freuten uns darüber, wie die Brausetabletten sprudelten. Wir benahmen uns wie Kinder, die randalieren, weil Mutti nicht zu Hause ist. Die Äbtissin blieb den ganzen Tag lang Thema, das Erwähnen ihres Namens war eine Fanfare, mit der zum nächsten Meckermarsch geblasen wurde. Klatsch ist Opium für Unterdrückte, und die Villa wurde heute zur Opiumhöhle.
Am nächsten Morgen wurde ich angerufen. Ich musste in den Nachtdienst. Heute. Bei meinem ersten Nachtdienst in der Villa durfte niemand sterben. Niemand Schmerzen haben. Niemand aus dem Bett fallen. Mir wäre es ganz recht gewesen, wenn sich in dieser Nacht niemand bewegt hätte. Ich kannte kein einziges Medikament und sollte dreißig Zauberinnen damit versorgen. Es gab einen Schrank voller Tabletten, Tropfen, Zäpfchen und Ampullen. Ich stand davor und betete. Ich wollte mir nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn ich die falschen Medikamente in die Dispenser stopfte. Die Nacht sollte bloß vergehen. So schnell wie möglich. Die Zauberinnen hatten Erbarmen mit mir und schliefen. Nur Frau Mosel nicht. Sie krampfte und stöhnte. Ich rief die Bereitschaftsärztin an. Eine Stunde später Page 35erschien sie. Bis dahin schwebte ich in Angst, dass sie mich wie eine Fachkraft fordern würde und es ihr schlicht und ergreifend schnurzpiepe war, wer vor ihr stand.
Mit meinen Befürchtungen lag ich goldrichtig. Frau Doktor untersuchte Frau Mosel und rief: »Sauerstoff!«. Der Gedanke an einen simulierten Ohnmachtsanfall lockte. Es wäre doch die einfachste Sache der Welt, wenn ich jetzt zu Boden gehen würde. Frau Doktor hätte zwei Notfälle. Das lohnte sich für die Abrechnung. Ich dachte auch daran, mich in Luft aufzulösen oder in einer Türritze zu verstecken.
»Na hophophop!«
Ich rannte los. Niemand hatte mir hier etwas über Sauerstoff erzählt. Vielleicht hatte Frau Doktor eine Mund-zu-Mund-Beatmung gemeint. Eigentlich könnte sie mir beim Suchen helfen. Nein. Lieber würde ich mich auf meinen Instinkt verlassen. In der Abstellkammer stand ein Gerät mit Schläuchen und Glaskolben. Es erinnerte mich an meine Abiturprüfung in Chemie, die ich mit Pauken und Trompeten in den Sand gesetzt hatte. Etwas Brauchbareres war nicht zu finden. Ich beschloss: Das ist das Sauerstoffgerät, und schob es in Frau Mosels Zimmer.
»Na endlich!«
Ich tat so, als würde ich zum hundertsten Mal in meiner Berufslaufbahn ein Sauerstoffgerät anschließen. Vielleicht lag darin das ganze Page 36Geheimnis: so zu tun, als ob. Ich hantierte. Es musste vor allem routiniert aussehen. Bis heute weiß ich nicht, wie es mir gelang. Aber das Sauerstoffgerät begann zu arbeiten. Und die beiden dünnen Schläuche gehörten tatsächlich in Frau Mosels Nase. Auch Injektionen standen auf meiner Noch-nie-probiert-Liste. Heute war meine Nacht der Nächte. Ich sollte Frau Mosel eine Ampulle Tramadol spritzen. Wieder lief ich los. Frau Doktor hielt mich für einen Idioten, aber offenbar ahnte sie nicht, dass ich ein Idiot ohne Berufsausbildung war. Im Schwesternzimmer sah ich mich um. Wie öffnet man eine Ampulle? Ich beäugte sie. Sie war leicht und sah aus wie eine Schnapsflasche für Zwerge. Was würde passieren, wenn Frau Mosel die Ampulle austrank?
»Sind Sie so weit?« Frau Doktor stand in der Tür.
»Nicht ganz.«
»Lassen Sie es bleiben.« Frau Mosel war soeben gestorben.
»Wir müssen sie noch in den Kühlraum bringen, oder?«, fragte die Äbtissin am nächsten Morgen.
»Nein«, sagte ich, und es war nicht einmal gelogen. Wir legten eine Puppe mit offenem Mund und marmorierter Haut auf die Tragbahre. Frau Mosel war bereits weit weg. Ich floh aus der Villa und lief auf den Kurfürstendamm. Die Sonne blendete und schmerzte. Die Schaufenster lenkten Page 37mich nicht ab. Ich hatte Angst vor Alpträumen und wollte nicht schlafen, lief und lief. Hatte ich Schuld an Frau Mosels Tod? Warum hatte ich gebetet, als die Ärztin verschwunden war? Und was hatte ich an einem Ort, wo es einen Kühlraum für Leichen gab, zu suchen?
Von nun an würde ich die verstorbenen Zauberinnen zählen. Beim Zählen verblassten ihre Namen und Gesichter. Zugleich erinnerte mich ihr Anblick, jedes Mal und nur einen Augenblick lang, an mein Ende. Eines Tages ist Schluss.
In der nächsten Nacht weihte Pfleger Martin mich in die Geheimnisse der Dauernachtwachen ein. Frau Schwalbe hatte ihn gebeten, mal bei mir vorbeizuschauen. Vermutlich war Frau Mosels Hinscheiden der Anlass dafür gewesen. Martin arbeitete auf Station 3 und studierte im achtundzwanzigsten Semester Politologie. Er stellte (in zwanzig Minuten!) die Medikamente, rauchte dabei eine Selbstgedrehte und hielt mir einen Vortrag über Trotzki. Das gefiel mir. Auch, dass er keinen Kasack trug, sondern Lederjacke und Flickenjeans. Er war der James Dean der Altenpflege. Martin verriet mir, dass er im Nachtdienst bis 4:30 Uhr schlief. Dann schaltete er seinen Walkman ein, raste mit Kopfhörern durch den Wohnbereich, wusch fünf Zauberinnen und begoss zehn andere, die er auch waschen sollte, mit Körperlotion und Parfüm. Nun begann sein Schlussspurt: In einer halben Stunde vollbrachte er das Kunststück, weitere Page 38fünfzehn Zauberinnen in frisches Inkontinenzmaterial zu packen. Kam der Frühdienst, wirbelte er durch den Wohnbereich und sah sehr beschäftigt aus. Zur Dienstübergabe berichtete Martin über ein paar lapidare Vorkommnisse, die er schon zu Beginn seines Nachtdienstes erfunden und im Pflegebericht dokumentiert hatte. Niemand kam auf die Idee, dass er sein Geld im Schlaf verdiente, und die Kolleginnen des Frühdienstes mussten morgens keinen Inkowechsel machen. Pfleger Martin galt als erstklassig, und ich würde in seine Fußstapfen treten. Laut einer Dienstanweisung von Frau Schwalbe durfte ich ab 0:30 Uhr waschen. Was war um 0:30 Uhr anders als um 0:29 Uhr? Betrat ich um 0:31 Uhr die Zimmer und knipste das Nachtlicht an, sprangen manche Zauberinnen auf und streiften ihre Nachthemden ab. Sie saßen mit aufgerissenen Augen im Bett, streckten ihre Arme aus und kreisten damit wie Anfängerinnen beim Schwimmtraining. Wer hatte ihnen das beigebracht? Vielleicht hatte Martin Recht. Vielleicht war es besser, sie nicht aus dem Schlaf zu reißen und nur in jeder dritten Nacht zu waschen.
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Neigte sich die Saison der Russischolympiaden ihrem Ende entgegen, begannen die Rezitatorenausscheide. Ich verbuchte sie als zusätzliche Trainingseinheit. Die Vorbereitungen waren ein Klacks, gemessen an dem Aufwand, den ich für die Russischolympiaden betrieb. Ich blätterte in den Lesebüchern der höheren Schuljahre und suchte ein Gedicht aus. In der sechsten Klasse fiel meine Wahl auf John Schehr und Genossen von Erich Weinert. Das passte. Das Gedicht leierte ich am Nachmittag wieder und wieder herunter, zog die Verszeilen in die Länge, senkte die Stimme am Versende, flüsterte, fauchte, brüllte und probierte beim nächsten Versuch eine neue Version. Die Ballade gehörte mir. Ich war John Schehr. Ich war 1933 nach der Verhaftung Ernst Thälmanns Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands geworden. Ich wurde verraten und im Wald mit drei Nahschüssen von Nazischergen erschossen. Als ich im Kinderzimmer übte und meine Meuchelmörder anprangerte, kamen mir die Tränen. Das durfte mir beim Rezitatorenausscheid nicht passieren. Ich stellte den Wecker. Mitten in der Nacht sprang ich auf, stellte mich neben mein Bett und rezitierte. Wenn ich nicht heulte, durfte ich weiterschlafen. Sonst begann ich von vorn.
Selbstverständlich war die Delegation zum Kreisausscheid mein Ziel. Dann würde der Page 40Bezirksausscheid locken. John Schehr und Genossen half mir, meinen Klassenstandpunkt zu festigen. Unsere Republik war auf dem richtigen Weg. Die Kaufhalle in Schkopau war zum fünfundzwanzigsten Gründungstag der DDR eröffnet worden. Wer darüber meckerte, weil es dort irgendetwas nicht zu kaufen gab, hatte John Schehr und Genossen nicht begriffen. Manche Kühltruhen in der Kaufhalle waren noch leer. Sie würden später im Kommunismus gefüllt werden. Aber man hatte sie für die Zeit des Kommunismus schon hingestellt. Im Kommunismus gab es kein Geld mehr. Jeder würde sich dann das nehmen, was er brauchte. Statt sich darauf zu freuen, wurde vor den leeren Kühltruhen gemault, gelästert, gezetert, gestöhnt, und manche sahen so aus, als würden sie am liebsten in die Truhen kotzen. Ich war umgeben von Konterrevolutionären, Maulhelden und hinterlistigen Kleinbürgern. Als ob die Leute hier etwas auszustehen hatten. Es fehlte ihnen an nichts. In der Werbung des Westfernsehens wurden immer prall gefüllte Obstregale gezeigt. Das war alles bloß Plastikobst, und die Kunden mussten die Werbung dort bezahlen. Die meisten Schkopauer hatten sowieso eine Vorratsmacke. Herr Kretzschmar, unser Nachbar, legte auf seinem Wochenendgrundstück in Borkwalde ein unterirdisches Depot an, in dem er Hunderte Liter Benzin bunkerte, weil er glaubte, das Benzin werde in der DDR bald rationiert. Im Keller meiner Oma Martha befand sich ein Kleiderschrank, Page 41stets von unten bis oben gefüllt mit Spee-gekörntPackungen. Horten, das konnten hier alle. Und Gerüchte verbreiten. Das Gerücht, im Bunawerk würden nachts die Filter der Karbidschornsteine abgeschaltet werden, um Strom zu sparen, war eine Frechheit. In Schkopau roch es niemals nach Chemie, ganz im Gegensatz zum Leunawerk nebenan, wo ich mir die Nase zuhielt, weil es nach Schwefelwasserstoffen stank. Hier bei uns nie, und falls doch, dann nur ein ganz kleines bisschen. Wer das nicht mochte, konnte seine Fenster schließen. Ich mochte es, wenn durch Schkopau ein Hauch von Chemie wehte. So duftete der wissenschaftlichtechnische Fortschritt. Und statt darüber zu stöhnen oder sich in der Kaufhalle darüber aufzuregen, weil im Zeitungsregal immer nur die Sowjetfrau lag, hätte es manchem hier gut getan, seine Nase in diese Zeitschrift zu stecken. Sie war bunt und informativ. Ich erfuhr dort Neues über das Leben in der UdSSR, unserem wichtigsten Bündnispartner. An der Haltung zur Sowjetunion erkennt man einen Kommunisten, hatte Ernst Thälmann gesagt. Wie konnte es dann möglich sein, dass ausgerechnet die Sowjetfrau hier immer herumlag? Niemand außer mir schien sie zu kaufen. Die Schkopauer fragten immer nach Atze mit Fix und Fax, dem Mosaik oder FF dabei. Vielleicht lag es an dem Schild Such dir eine Zeitung aus / lies sie aber erst zuhaus. Das schreckte ab. Das Schild musste weg. Ich würde das mit Herrn Pfeiler besprechen. Wir griffen Page 42nicht hart genug durch. Im Katastrophenwinter 1978 war ich, zwölfjährig, zum Bürgermeister gegangen und hatte ihm vorgerechnet, wie viele Kilowattstunden Strom in unserer Industriegemeinde gespart werden konnten, wenn wir nach 22 Uhr die Straßenbeleuchtung ausschalteten. Wer hatte hier nach 22 Uhr noch etwas auf der Straße verloren? Wir kämpften nicht dafür, dass die Schkopauer sich nachts herumtrieben und am nächsten Tag in der Kaufhalle maulten. John Schehr hätte sich im Grab umgedreht.
Der Schulrezitatorenausscheid fand in der Aula der Lenin-Oberschule statt. Frau Mühlewind, Frau Schwarzbrod und Frau Brosche, die Deutschlehrerinnen, nahmen im Präsidium Platz. Am Vormittag hatten sie mit Diktaten genervt, jetzt spielten sie Jurorinnen. Sie hatten aus jeder Klasse zwei Rezitatoren bestimmt, die hier antanzen mussten. Für die meisten schien das eine lästige Pflicht zu sein. Sie standen auf und stellten sich neben das Präsidium. Während sie rezitierten, kritzelte die Jury mit ernsten Mienen auf ihre Zettel. Wie gebannt sah ich hin. Von den anderen Rezitatoren bekam ich wenig mit, ich war mit dem Entziffern der Kritzeleien beschäftigt. Schrieben sie nur Blödsinn, weil sie sich langweilten und wussten, dass sie im nächsten und übernächsten Jahr hier wieder sitzen würden? Einige Rezitatoren brachten sich von vornherein um ihre Chance, weil sie die falschen Gedichte ausgewählt hatten. Mit Humor konnte man hier keinen Page 43Blumentopf gewinnen, und schon gar nicht mit einem Liebesgedicht. Verse von Max Zimmerring standen hoch im Kurs.
Frau Brosche setzte ein Ausrufungszeichen. Ich sah es genau. Und Frau Schwarzbrod schielte zweimal auf den Zettel von Frau Mühlewind. Frau Mühlewind schielte zurück. Vielleicht kannten sie die Gedichte von Max Zimmerring schon auswendig und hörten sie zum achthundertfünfundsiebzigsten Mal. Zumindest sahen sie so aus.
Es war nicht ganz einfach, drei Lehrerinnen gleichzeitig im Auge zu behalten und ihre Notizen zu erforschen. Frau Brosche schrieb am deutlichsten und Wörter wie gut oder nein. Frau Mühlewind seufzte mehrmals. Das durfte nicht wahr sein. Hier wurden immerhin Gedichte rezitiert. Ich fühlte mich wie vor dem Zeitungsständer in der Kaufhalle.
Sabine Gebhard galt als beste Schulrezitatorin. Vermutlich, weil sie wie eine Fernsehansagerin lächelte, keinen einzigen Konsonanten verschluckte, sondern sie dem Publikum entgegen spuckte. Vor allem das T hatte es Sabine Gebhard angetan. Sie sprach es so deutlich aus, dass ich mich in Acht nahm, weil ich nicht nass werden wollte. Ihr Gedicht, Brechts Lob des Lernens, trug sie mit einer Mappe aus rotem Kunstleder mit goldenem Staatswappen vor. Mit dem Staatswappen hatte man immer den Joker in der Hand. Alle anderen hier mussten ihr Gedicht auswendig können. Sabine brillierte mit ihrer Kunstledermappe.
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Nach unseren Auftritten zog sich die Jury zurück und verkündete anschließend, wer am Wettstreit der Kreisrezitatoren teilzunehmen hatte. Nur wenige Namen wurden genannt. Die meisten in der Aula schienen froh zu sein, weil es sie nicht getroffen hatte. Ich wurde delegiert – allerdings mit der Auflage, ein anderes Gedicht auszuwählen, weil John Schehr und Genossen Schulstoff war. In der Bibliothek des Klubhauses »Völkerfreundschaft« blätterte ich in Gedichtbänden und blieb bei Goethes Natur und Kunst hängen. Ich war zwölf, verstand kein Wort, und genau darin lag für mich der Reiz. Ich wollte das Gedicht so rezitieren, als hätte ich es durchdrungen, damit man mir den Bescheidwisser abnahm.
Meinen Siegen beim Kreis- und Bezirksrezitatorenausscheid folgte noch die Messe der Meister von morgen. Mein Vater mit den goldenen Elektrikerhänden baute irgendetwas, ich trug es in die Schule und gewann den Jahrgangspreis. Immer noch blieb mir Zeit bis zur nächsten Russischolympiade. Im Sommer gönnte ich mir noch einen Abstecher zur Kreisspartakiade im Rollschnelllaufen. In meinem Jahrgang war ich der einzige Starter. Die Goldmedaille war mir in jedem Jahr sicher. Ich schnallte meine Rollschuhe an und übte ein paar Tage auf dem Bahnhofsvorplatz. Die Bunesen auf ihren Werksrädern wichen mir aus und beschimpften mich. Ich hörte nicht hin. Ich musste trainieren. Am Tag der Kreisspartakiade rollte Page 45ich eine Runde auf dem Parkplatz vorm Bunawerk, dann erklomm ich das Siegerpodest.
Nur manchmal wurde mir übel. Dann wollte ich weg. Olaf Knautsch aus meiner Klasse erzählte, dass man bloß nach Großkugel zum Schkeuditzer Kreuz trampen musste. Ich hatte es genau gehört. Am Schkeuditzer Kreuz war es ein Klacks, in den Westen zu verschwinden, wenn man einen Fernfahrer aufgabelte. Die Fahrer der Tanklastzüge schmuggelten gern Jungs in den Westen und verlangten dafür nichts. Man musste sich nur an die Autobahnzufahrt stellen und warten. Die Fernfahrer stopften die Jungen in die Tanks, und wer Glück hatte, überlebte, wenn die Tanks nicht völlig mit Benzin gefüllt waren. Den Fernfahrern war egal, wer im Tank ersoff. Ich träumte von Großkugel. Für meine Flucht kaufte ich schon einmal zehn Brötchen und bunkerte sie in der Mansarde. Zehn trockene Brötchen reichten, um im Tank nicht zu verhungern. Die Brötchen aus der Schkopauer Kaufhalle wurden schnell trocken und steinhart. Woche für Woche bevorratete ich mich neu. Ich traute mich nie nach Großkugel. Aber mein Fluchtproviant lag schon in der Mansarde. Meine Mutter fand sie und fragte, seit wann mir Brötchen aus der Kaufhalle schmeckten.
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Ein neues Zimmer war nicht so schnell zu finden. Ich verstaute meine Besitztümer in einem Schließfach im Bahnhof Zoo. Von hier aus war es nur ein Katzensprung in die beiden Schwulensaunen, die es damals in Westberlin gab. Abend für Abend hatte ich die Wahl zwischen einer Kabine in der Apollo-Sauna und der Steam-Sauna. Touristen übernachteten hier. Warum nicht auch ich? Hatte ich Frühdienst, weckte mich das Saunapersonal. Eines Nachts lernte ich irgendeinen Thomas kennen. Wir kifften zu viel. Ich hatte frei, und Thomas lud mich in seine Wohnung ein. Er hauste im riesigen Zimmerlabyrinth einer Kommune. Dort drehte er einen Joint nach dem anderen. Als ich den Weg zur Toilette finden wollte, stand ich plötzlich im Treppenhaus. Splitternackt. Offenbar hatte ich die Wohnungstür zugeschlagen. Aber welche? Es gab mehrere. Oder war ich im falschen Stock? Ich hüpfte ein paar Treppen hinauf und hinab. Ich klingelte irgendwo. Jemand würde mir schon öffnen. Ein erstauntes türkisches Ehepaar stand vor mir, als ich fragte: »Wohnt hier Thomas?« Wäre ich siebzig Jahre älter gewesen, hätte man für mich eine Betreuung beim Amtsgericht beantragt?
Bald hatte ich meine Schlafplätze in den Saunen satt. Auch Martin wohnte in einer Kommune. Ein Mitbewohner war gerade ausgezogen. Ich Page 47nahm den Bus zum Hermannplatz. Die Fahrt zog sich in die Länge. Als der Bus durch die Oranienstraße fuhr, bekam ich Angst. Ich kannte Kreuzberg bisher nur von Fernsehbildern der alljährlichen Krawalle am ersten Mai. Jetzt sah ich heruntergekommene Häuser und Menschen mit frustrierten Gesichtern. Das revolutionäre Kreuzberg war eine dreckige Kleinstadt mit zu groß geratenen Häusern. Und Martins Kommune befand sich nicht einmal in Kreuzberg, nur an seiner Grenze, im noch erbärmlicheren Neukölln.
Als der Bus endlich den Hermannplatz erreicht hatte, fiel mir ein, dass ich erst am nächsten Tag in der Kommune verabredet war. Heute zu klingeln, wagte ich nicht. Ich beschloss, mich umzuschauen, wenn ich schon einmal hier war. Zum ersten Mal genoss ich meinen fehlenden Orientierungssinn und schlenderte durch graue Straßen, ohne zu wissen, wo ich war. Auf den zweiten Blick war Kreuzberg gar nicht so übel. Schlesisches Tor klang zwar nicht gerade nach Weltrevolution – offenbar hatten die Vertriebenenverbände hier die Straßen und U-Bahnhöfe benannt: Sie hießen Glogauer und Oppelner Straße. Das ließen sich die Linksautonomen gefallen? Und General Wrangel kannten sie offenbar nicht. Über einer Tür in der Muskauer Straße las ich das Schild Café Anal. Kreuzberg war verrückt. Und mitten in der Nacht tauchten jetzt auch noch Karawanen hupender Trabantfahrer auf und jubelten. Später füllten sich Page 48die Straßen mit Menschen, die sich in die Arme fielen und So ein Tag, so wunderschön wie heute sangen.
Mir wurde es allmählich zu viel. Wahrscheinlich hatte Gott einen Joint geraucht und stellte heute Nacht Berlin auf den Kopf. Ich war nicht bekifft, nur müde und trat den Rückweg zur Residenz an. Im Isozimmer würde ich mich für ein paar Stündchen aufs Ohr legen. Aber die Trabantkarawanen wurde ich nicht mehr los. Sie überholten mich. Sie überfluteten den Kurfürstendamm. Ich halluzinierte. Die vielen Frühdienste und das ewige Hin und Her zwischen der Residenz und den Nächten in verrauchten, dröhnenden Schwulensaunen zehrten an meinen Nerven. Kein Bus kam. Ich ging zu Fuß. Berlin war außer Rand und Band, und ich wollte ins Isozimmer. Jemand rief mir zu, die Mauer sei gefallen. Für Zonis gab es Bananen, Schokolade und Umarmungen. Wie praktisch, dass ich sächselte. Mein Vorrat an Bananen, Schokolade und Umarmungen war für Wochen gesichert.
In der Residenz trudelte am nächsten Morgen die Äbtissin gegen neun Uhr ein. Meine anderen Kolleginnen bekam ich erst kurz vor dem Mittagessen zu sehen. An diesem Tag dachte ich zum ersten Mal, dass ich gern hier arbeite. In der Residenz war ich sicher.
Am nächsten Tag fuhr ich wieder zum Hermannplatz. Ich nahm einen zweiten Anlauf. Berlin war noch immer im Rausch. In Martins Page 49Kommune jubelte niemand. Das war wohltuend nach den Heulkrämpfen, dem endlosen Gewinke und der Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung auf den Straßen. Begrüßt wurde ich mit der Bemerkung, dass es bei Penny heute keine Salzstangen mehr zu kaufen gab und nicht einmal Katzenfutter. Die Zonis würden alles wegkaufen. Die Katzen können doch nun wirklich nichts dafür! Fünf Linksautonome, drei Frauen und zwei Männer, starrten mich an. Martin, mein James-Dean-Nachtpfleger, verwandelte sich in einen RAF-Sympathisanten, als wir über Politik sprachen. Bald sollten wir nur noch über Politik sprechen. Es waren die Jahre vor Bad Kleinen und dem Ende der RAF. Noch waren die in der DDR untergetauchten Terroristen nicht enttarnt, noch agierte die dritte RAF-Generation im Untergrund. Der Mauerfall war für die RAF und die Katzenfutterkommune eine Katastrophe. Angeblich hatten Ulrike Meinhoff und Gudrun Ensslin hier Tee getrunken. Das genügte, um die Wohnung zur Gedenkstätte zu erklären. Zur dritten RAF-Generation hielt die Kommune angeblich konspirativen Kontakt, so konspirativ, dass der Kontakt mir nach der Beschwerde über das fehlende Katzenfutter bei Penny sogleich aufs Brot geschmiert wurde. Ich passte nicht hierher. Aber das freie Zimmer hatte einen Balkon. Es war hell, nur die Wände müsste ich weißen. Der Blick aus dem Fenster lockte. Sogar ein Stück Himmel war zu sehen. Marion deutete aus dem Fenster und Page 50erklärte mir, dass sich auf der anderen Straßenseite ein Puff befinde. Der Puff sei aber in Wirklichkeit ein Nest des Bundesnachrichtendienstes, um die Kommune zu observieren. Die Kommunardinnen und Kommunarden standen Nacht für Nacht am Fenster und beobachteten durch ein Opernglas, wer den BND-Puff betrat.
Ich sah aus dem Fenster. Es war später Abend, und tatsächlich klingelten dort immer nur einzelne Herren. Dann wurde zuerst ein Fensterchen geöffnet, anschließend die Tür. Die Kommune hatte den Dandy-Club, eine Schwulenbar, im Visier. Ich lud sie ein, auf ein Bier mitzukommen, und erntete enttäuschte Gesichter. Ich hatte das schöne Spiel verdorben.
In den nächsten Jahren spielte ich Radikalinski, auf jeder Demonstration, an der ich teilzunehmen hatte, wenn die Kommune das beschloss. Kreuzberg wurde am ersten Mai zum Mekka für Linksautonome, und ich vermummte mich so großartig, dass ich unerkannt im Lesbenblock mitmarschieren konnte. Sobald ich die Presse sah, drängelte ich mich nach vorn. Blitzten Kameras, lief ich zu Hochform auf. Auf der Titelseite der taz erschien ein Foto: Ich, ganz in Schwarz, vermummt mit Arabertuch und bitterbösem Blick. Ich halte ein Transparent, auf dem DEUTSCHLAND HALT’S MAUL steht. Eine Demonstration gegen die Wiedervereinigung. DEUTSCHLAND HALT’S MAUL war ein dämlicher Satz. Aber ich hatte schon einen Page 51Futon und einen Schreibtisch für mein Zimmer gekauft. »Feuer und Flamme für jeden Staat! Feuer und Flamme fürs Patriarchat!«, schrie ich und hob die Faust. Die Miete für das Zimmer war sagenhaft günstig.
Nur manchmal ertrug ich meine Heuchelei nicht mehr. Dann legte ich Amiga-Langspielplatten auf, die ich aus der DDR mitgebracht hatte. Durch die Wohnung schallten die Lieder von Veronika Fischer und Jürgen Walter. Das war meine Rache an der Kommune.
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Zweimal im Schuljahr hatten wir vier Wochen lang Schwimmunterricht im Buna-Bad. Im Sommer im Freibecken, über das im Winter eine riesige Kautschukplane gestülpt wurde. Wir nannten sie die Buna-Blase. In der Buna-Blase war die Luft ein bisschen dünn, es hallte und dröhnte sonderbar. Das Echo aus Harpos Horoscope ließ sich dort mühelos nachahmen. Aber nicht einmal Harpos Echo konnte mich seit der sechsten Klasse dazu bringen, das Buna-Bad zu betreten. Damals beschloss ich, nie wieder dorthin zu gehen. Ich würde mich nicht noch einmal dem geifernden Befehlston der Sportlehrer aussetzen. Als Fräulein Blei den Rest der Klasse aufforderte, am Beckenrand Platz zu nehmen und mir dabei zuzusehen, wie ich mich abmühte, einen Kopfsprung hinzubekommen und stattdessen mit dem nächsten Bauchklatscher im verchlorten Wasser landete, war das Maß voll. Nie wieder. Bis zur zwölften Klasse hielt ich durch.
Meiner Mutter eine Erkrankung vorzuspielen, war keine große Kunst. Morgens im Bett rieb ich mir die Stirn heiß und schüttelte das Fieberthermometer hoch. Manchmal schlug die Quecksilbersäule zu weit aus, doch Gott sei Dank schöpfte meine Mutter keinen Verdacht, wenn das Thermometer 41,5 Grad Celsius anzeigte. Sie sagte, ich sähe aus wie das Leiden Christi. Ich wusste nicht, wie das Leiden Christi aussah, durfte aber im Bett bleiben.
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Stand dienstags Schwimmen auf dem Stundenplan, bekam ich am Dienstagmorgen hohes Fieber, das erst nach einer Woche ganz langsam abklang. Am Mittwoch ging ich wieder in die Schule, um am folgenden Dienstag einen heftigen Rückfall zu erleiden, der mir wieder genau eine gesamte Woche Zeit im Bett und auf der Couch im Wohnzimmer schenkte. Mit dieser Masche tilgte ich alle vier Schwimmunterrichtstermine im Schulhalbjahr. Ging meine Mutter zur Arbeit in die Konsumdrogerie, schlief ich bis zehn. Dann begann das Vormittagsprogramm von ARD und ZDF. Am liebsten sah ich Schwarzwaldklinik, Ich heirate eine Familie, Traumschiff und ZDF-Hitparade. Ich sah alles, was ich mir sonst verbot, lag auf dem Sofa, wickelte mich in Muttis Mollydecke und machte Urlaub. Meine wissenschaftliche Weltanschauung war mir schnuppe. Ich erholte mich von der Russischolympiade, Herrn Pfeiler und den Kirchlis. Ich konnte nicht mehr. Ich war todmüde. Das DDR-Fernsehen interessierte mich nur, wenn die Schlagersendung Bong! lief.
Nach dem Mittagsschlaf las ich Die Bettelprinzess von Hedwig Courths-Mahler. Ich hatte es auf dem Bücherregal meiner Oma Martha entdeckt. Wahrscheinlich hatte es seit Jahren dort gestanden. Der Roman war für mich eine Offenbarung. Natürlich wusste ich, dass Courths-Mahler Schund- und Schmutzliteratur schrieb und eine kleinbürgerliche Kitschautorin war, weil sie die Page 54Klassenunterschiede übertünchte. In der DDR waren ihre Bücher verboten. Meine Oma Martha las ausschließlich Kitschromane und brachte sie von ihren alljährlichen Westreisen mit. Sie nähte die Schmöker in ihr Mieder, ehe sie den Interzonenzug nach Halle an der Saale betrat. Zu Hause in Freienfelde betrieb Oma Martha eine illegale Leihbücherei, von der ihre Söhne nichts wissen durften, ausschließlich mit verbotenen Schmökern aus dem Westen. Als ich Die Bettelprinzess lesen wollte, war ihr das zunächst nicht recht. Oma Martha sagte, solche Bücher würden nur für alte Frauen geschrieben. Auf ihrem Bücherregal stand auch Die Mutter von Maxim Gorki. Das sei etwas für mich, befand Oma Martha. Schließlich würde ich später sowieso einer von den Hohen werden. Oma Martha wollte sich keinen Ärger mit meinem Vater einhandeln. Andererseits war ich ihr einziger Enkel. Ich ließ Die Bettelprinzess mitgehen und bediente mich aus den Stapeln mit den Erika-Luxus-Romanen. Gott sei Dank führte Oma Martha ihre Leihbücherei schlampig, sie stapelte ihre Schwarten in Schuhkartons. Allerdings hatte sie die Schwarten nummeriert. Fehlten mal ein paar Nummern, fragte Oma Martha mich nie.
Von mir aus konnte Hedwig Courths-Mahler eine verlogene Sonstwasautorin sein. In ihren Büchern tauchte sie das Leben in Zuckerguss, und ich verschlang Seite für Seite. Ich wollte Gesellschaftsdame werden, bei einer Fürstin oder Gräfin. Page 55Oder im Westen in einem Reihenendhaus wohnen, wo ein Zwergkaninchen über den Rasen vor der Terrasse hoppelte, und im Sommer immer nach Italien in den Urlaub fliegen, in ein Hotel aus dem Reiseteil des OTTO-Katalogs. Meine Tante Irene aus Münster hatte zwei herausgerissene Seiten dagelassen. Nach der Kitschromanlektüre widmete ich mich den Reiseangeboten. Nie konnte ich mich entscheiden. Jedes Hotel im OTTO-Katalog lockte. Meinem Vater hatte Tante Irene einen Shell-Atlas geschenkt. Dort fand ich die Routen der Fähren nach Italien. Sie waren mit roten, dünnen Linien gekennzeichnet, darüber stand die Fahrtdauer. Am kürzesten war es von Dubrovnik nach Venedig. Vorher müsste ich es nach Jugoslawien schaffen. In der Jungen Welt hatte ich gelesen, dass die FDJ-Reisebüros sogar Reisen in das nichtsozialistische Ausland anboten. Ich nahm die Straßenbahn nach Merseburg. Im Jugendreisebüro sagten sie mir, ich solle wiederkommen, wenn ich achtzehn und in der Partei wäre, da man in Jugoslawien zwar einen Sozialismus aufbaue, aber einen, den wir nicht befürworteten.
Seit der achten Klasse wurde über meine Fehlzeiten im Schwimmunterricht gelacht. Meine Mitschüler prophezeiten, an welchem Tag ich wieder hohes Fieber bekommen würde. Ich wollte, dass sie sich schämen. Vor dem Schwimmunterricht hatten wir eine Stunde Englisch, und neben mir saß Steffen Schlumm mit den gut Page 56gepolsterten Oberschenkeln. In der Englischstunde simulierte ich einen Ohnmachtsanfall und landete auf Steffens Polster. Als der Krankenwagen kam und mit Blaulicht nach Merseburg fuhr, verstummten selbst die größten Lästermäuler in meiner Klasse. Im Krankenhaus würden sie entdecken, dass ich kerngesund war. Doch ich hatte vorgesorgt und mir ein paar blutdrucksenkende Tabletten aus dem Nachtschränkchen meiner Mutter eingepfiffen. Zur Beobachtung musste ich ein paar Tage im Krankenhaus bleiben. Das ließ hoffentlich die letzten Zweifler in meiner Klasse verstummen. Die Lehrer sprachen mich nie an. Ich bekam nur zu hören, dass sie in jeder Schwimmstunde beim Eintrag der Anwesenheit das Gesicht verzogen, wenn sie meinen Namen nannten.
Ich war der FDJ-Sekretär mit gesundheitlichen Handicaps. Erst in der zehnten Klasse riss Herrn Hoffmann, meinem Sportlehrer, der Geduldsfaden. Wieder hatten wir Englisch vor der Schwimmstunde, und ich wollte mich verdünnisieren und nach Hause gehen. Dieses Mal hatte ich die Rechnung ohne Herrn Hoffmann gemacht. Er wartete vor dem Unterrichtsraum auf mich, packte mich mit der rechten Hand am Nacken und ließ mich erst los, als wir das Buna-Bad erreicht hatten. Herr Hoffmann wartete vor der Umkleidekabine auf mich. Dort legte ich einen epileptischen Anfall vom Feinsten hin, krampfte, würgte und lallte. Der Krankenwagen kam nach wenigen Minuten, Page 57und Herrn Hoffmann wurde angst und bange. Ich durfte nie wieder auch nur eine Kletterstange berühren. Das war mehr, als ich erhofft hatte. In Sport erhielt ich eine Eins.
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In der Residenz spielte ich artiges Dummerchen. Seit sechs Monaten. Niemand sagte mir, dass ich die Probezeit bestanden hatte. Mein Name stand auf dem Dienstplan des nächsten Monats. Das genügte. Von nun an lockten Krankschreibungen. Die waren wie große Ferien und Kostproben des Rentnerdaseins. Sie versprachen Erlösung auf Zeit. Vor Doktor Max’ Praxis in der Reichenberger Straße standen die Patienten Schlange. Kleine gelbe stellte die Sprechstundenhilfe im Vorzimmer aus. Wer schwul war und drei Wochen blau machen wollte, musste mit Doktor Max essen gehen. Für vier Wochen war ein Fick fällig.
Meine Krankschreibungen nahmen immer unverschämtere Ausmaße an, und so lernte ich nach und nach alle Räumlichkeiten der Praxis um Mitternacht kennen. Doktor Max empfing mich dort in Stiefeln und Military-Hosen. Nach dem Sex musste ich mir Klagen über die Gängeleien der Krankenkassen und die Budgetierungen anhören. Es grenzte an ein Wunder, dass die deutsche Ärzteschaft noch nicht an einer Hungersnot verendet war. Ich ließ ihn jammern. Dann diktierte ich ihm die gewünschten Daten meiner Krankschreibung.
Später stellte mich Doktor Max’ Pensionierung vor neue Herausforderungen. In anderen Arztpraxen bot ich Kostproben meines schauspielerischen Talents. Fast immer wurde ich Page 59krankgeschrieben, aber meist nur für ein oder zwei Wochen. Das genügte mir nicht. Ich begann, von Krankheiten mit langwierigen Verläufen und Rückschlägen zu träumen. Ich pokerte mit meiner Gesundheit. Eine Ansteckung mit Salmonellen war kein großes Problem, zumindest nicht im Hochsommer, wenn man Döner Kebab aß, abends, wenn die Joghurtsoßen hoffentlich schon verdorben waren. Es funktionierte. In den nächsten Jahren bekam ich Salmonellen und die Ruhr, als könnte ich Krankheiten herbeizaubern. Der Preis dafür waren Krämpfe, Diäten und Gelbfärbungen. Ich zögerte die Abgabe der Stuhlproben hinaus. Nach drei negativen Ergebnissen war der Zaubertrick vorbei, und wieder drohte die Residenz.
Frau Bühling erwachte dort meist nach 22 Uhr, verließ ihr Bett und verfolgte mich mit ihrem Rollator. Frau Bühling fuhr Slalom. In jedem ihrer Tippelschritte lauerte ein Sturz. Aber sie stürzte niemals. Immer, wenn ich sie zurück in ihr Bett gebracht hatte, stand sie sofort wieder auf.
»Du spinnst doch, in der Nacht zu arbeiten!« Frau Bühling hatte Recht. Wer brauchte mich in der Villa, heute Nacht, jetzt? Heute war Samstag, und in Schöneberg im New Action tobte das schwule Leben. Ich verschloss die Villa, ging zur Haltestelle und fuhr mit dem Nachtbus zum Wittenbergplatz. Im New Action stand ich herum. Die Pornofilme auf den Monitoren störten mich. Es stank nach Bier und Pisse. Mit einer Flasche Page 60Incidinspray hätte man den Laden durchaus aufwerten können. Ich langweilte mich mehr als in der Residenz. Morgen früh würde alles auffliegen. Fristlos gekündigt wegen rektaler Auswärtsspiele. Im New Action nüchtern herumzustehen war so aufregend wie eine Teambesprechung unter Leitung der Äbtissin. Gegen vier Uhr kehrte ich in die Villa zurück, duschte, trank eine Kanne Kaffee und eröffnete die Waschstraße.
Mein Ausflug blieb unentdeckt. Von nun an übernahm ich an den Wochenenden gern den Nachtdienst. Nach Mitternacht versank ich im schwulen Bermudadreieck zwischen Nollendorf- und Wittenbergplatz. Eines Nachts sah ich dort Gregor. Ich erkannte ihn sofort. Seine Augen verrieten ihn. Ein Mann mit Mädchenaugen. Später sagte mir Gregor, mein Blick habe ihm Angst gemacht.
Es war eine laue Sommernacht, und vor Toms Bar standen Grüppchen schwuler Männer. Gregor stand allein, wie ich. Wenn mir damals, Anfang der neunziger Jahre, etwas panische Angst einflößen konnte, dann der wachsende Rechtsradikalismus in Deutschland. Die brennenden Asylantenheime, die Wahlerfolge rechtsradikaler Parteien, rechte Aufkleber an Straßenlaternen paralysierten mich. Ich las alles, was ich über Rechtsradikalismus in Zeitungen und Buchhandlungen finden konnte. Oft hatte ich geträumt, von Neonazis zusammengeschlagen zu werden. Ich wusste, wer vor mir stand. Gregor Fönzke, Chef der Nationalen Page 61Alternative in Dresden. Ich ging auf ihn zu und sprach ihn an. In dieser Nacht log er mir das Blaue vom Himmel herunter. Er nannte sich William und erfand eine abstruse Biografie, einen Kauderwelsch aus Ich-bin-Kanadier-studiere-Slawistik-in-Moskau-Berlin-ist-nur-eine-Zwischenstation-just-for-fun. So stellte ich mir einen Mann von Welt vor. Kanada! Moskau! Berlin just for fun! Und ich? Irmgard-Breugel-Haus, Station 4. Gregor war ein hochintelligenter, gesprächiger Mann, der mich zum Abschied küsste. Wir tauschten unsere Telefonnummern.
»Ich heiße nicht William«, sagte er, drehte sich um und ging. Ich war einem Nazi auf den Leim gegangen. Das war die Strafe für meine nächtlichen Streifzüge. Hätte ich doch lieber Staub im Schwesternzimmer gewischt. Jeder Fluse hätte ich mich widmen können. Mit Rechtsradikalen wollte ich nichts zu tun haben. Ich wollte nur Bücher über sie lesen oder sie in Filmen sehen. Mehr nicht. In der Villa hörte ich es röcheln und rascheln, husten und schnarchen. Türen knarrten. Dann hörte ich die Stille. Dann die Angst. Die Angst lief hier umher. Sie absolvierte ihre Rundgänge und spähte in jedes Zimmer. Manche Zauberinnen lagerte sie und gab ihnen zu trinken. Ihre Kürzel fehlten zwar in den Trinkprotokollen und Lagerungsplänen. Aber ich wusste genau, dass ich die Zauberinnen in einer anderen Position gelagert hatte, ehe ich ins New Action gefahren war. Die Trinkbecher hatte Page 62ich aufgefüllt, jetzt waren sie halb leer. In der Villa ging es nicht mit rechten Dingen zu. Auf dem Fensterbrett hatte die Angst die Mirfulansalbe liegen lassen. Und den Materialwagen hätte sie ruhig mal auffüllen können. Die Angst war eine Schlampe.
Draußen läutete es. Das durfte nicht wahr sein. Gregor Fönzke war mir gefolgt. Ich beschloss, das Klingeln zu ignorieren. Es klingelte wieder. Ich lief im Schwesternzimmer auf und ab. Gott sei Dank gab es eine Gegensprechanlage.
»Was ist denn?« fragte ich betont gelangweilt.
Der Wachschutz teilte mir mit, dass ich die Fahrstuhltür mal wieder nicht abgeschlossen hatte.
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Sonntags radelte ich zu Oma Martha nach Freienfelde. Sie wartete entweder am Fenster oder unten vor dem Schuppen auf mich, voller Ungeduld, weil ich erst jetzt kam. Immerhin war es schon kurz nach zehn. Gnade mir, wenn ich sie an einem Wochenende nicht besuchte. Dann wurde ich am nächsten Sonntag mindestens eine Stunde lang mit bitterbösen, eiskalten Blicken bestraft. Spätestens dann aber löste sich alles Böse auf, und Oma Martha strahlte. Ich war da. Ich liebte meine Großmutter, und sie liebte mich abgöttisch.
Freienfelde war nur einen Kilometer von Schkopau entfernt, ein Einsprengsel inmitten von Feldparzellen, Vorgärten und neben der riesigen Jauchegrube. Für mich sah die Jauchegrube aus wie der Amazonas, in Scheiße getaucht. Für mich war Freienfelde Exotik pur. Oma Marthas Wohnung mochte kleiner, enger und dunkler als unsere in Schkopau sein. Doch sie war das Paradies. Nach meiner Ankunft dort hatte ich zuerst meine Sonntagsaufgabe zu erfüllen: Die Dekoration des Regals in der Wohnküche über dem Chaiselongue, das Oma Martha Scheeselonk nannte. Ich wischte Staub und dekorierte neu: Zwei leere Kaffeedosen von Dallmayr, vier Bücher (Die Mutter von Gorki, Wie der Stahl gehärtet wurde von Ostrowski, ihr Poesiealbum von 1923 und Courths-Mahlers Bettelprinzess, bevor ich es mitgehen ließ), zwei Page 64Sparbüchsen, gefüllt mit Ein- und Zweimarkstücken und eine winzige, rosa Dose aus Baststroh. Oma Martha belohnte mich mit Geld aus der Sparbüchse, einem Teller voller Mon Cherie, Haribo und Schoko-Crossies und einem Gläschen Eckes Edelkirsch. Dann war Trampolinzeit. Ich sprang auf dem Scheeselonk herum. Oma Martha ließ mich hüpfen und fragte mir Löcher in den Bauch. Sie wollte alles wissen. Wichtig war, jede Urkunde mitzubringen. Und das Zeugnis. Am Nachmittag würde Oma Martha mit dem Zeugnis oder der Urkunde durch Freienfelde spazieren und sie den Nachbarn zeigen. Aber jetzt noch nicht, jetzt tobte ich erst einmal, sprang vom Tisch, rannte ins Schlafzimmer, warf mich aufs Bett, spähte ins Wohnzimmer, welchen Kuchen sie für heute Nachmittag gebacken hatte. Einmal rührte Oma Martha zwanzig Eier in den Teig.
Alles war erlaubt. Tabu waren nur die Nähmaschine und die Schaumstoffkissen, die auf sämtlichen Stühlen und Sesseln ihrer Wohnung lagen. Das war die ökologische Erfindung meiner Großmutter: Wer zu Besuch kam und sich setzte, plättete, ohne es zu wissen, ihre Schlüpfer und Unterhemden, die darunter lagen. Ich lachte darüber, genauso wie über den Fliegenfänger, die eklige Kleberolle über dem Esstisch, an der lauter tote Insekten baumelten. Ich tanzte, tobte, schwebte, hüpfte weiter und lugte sogar in das winzige Klo, ob die Flaschen mit der köstlichen Vita-Cola Page 65bereit standen. Bei Oma Marta durfte ich sogar auf dem Klo Vita-Cola trinken. Meine Traumtänzerei wurde erst durch Oma Marthas brummiges »Essen« beendet. Zu Mittag gab es riesige Portionen Dosenchampignons oder Möhren mit Petersilie, in Butter geschwenkt, dazu Kartoffeln und oft eine gebratene Schweinelende. Meine Großmutter sparte Strom, davon war sie besessen, sie heizte auch an glühenden Sommertagen mit Kohle und ließ die toten Fliegen ein Jahr lang am Klebeband baumeln, weil Fliegenfänger viel zu viel Geld kosteten. Ihre jahrzehntealten Hausschuhe flickte sie mit Pflaster, das sie mit schwarzer Schuhcreme bemalte. Sie hießen Modell Berchdes Katner. Den Namen hatte Oma Martha erfunden. Mit den Berchdes Katner lief sie durch Freienfelde, und ihr war schnurzpiepe, ob jemand die schwarzgecremten Pflaster entdeckte. Beim Essen aber war nach den Jahren des Hungers und der Lebensmittelmarken die absolute Völlerei angesagt. Wir aßen und ließen uns auf das Scheeselonk fallen, kauten Simagel-Tabletten und schlummerten ein Stündchen. Dann räumten wir eilig das Geschirr ab. Abgewaschen wurde erst am Abend. Wir mussten uns sputen, weil mit der 15-Uhr-Straßenbahn Tante Anna, ihre Schwester, aus Leuna zum Mensch-ärgere-dich-Spielen und Oberhofer-Bauernmarkt-gucken kam. Oma Martha wollte mir vorher noch unbedingt etwas im Garten zeigen oder mir eine neue Geschichte über Frau Tomkowiak, ihre Nachbarin, erzählen. Frau Page 66Tomkowiak hatte für ihre vierzigjährige Tochter Maria eine Hollywoodschaukel gekauft und in ihren Garten, direkt neben den Misthaufen meiner Großmutter, gestellt. Maria stolzierte am Sonntag im giftgrünen Bikini und auf Pantoletten aus dem Haus, warf sich auf die Hollywoodschaukel und hielt sich demonstrativ die Nase zu. Immer wieder verlangte Frau Tomkowiak, Oma Martha solle eine Flasche Tosca auf den Misthaufen schütten. Aber der Misthaufen war zuerst da gewesen. Oma Martha verteidigte ihr Revier und beschloss, nachts immer mal einen Eimer Jauche aus dem Freienfelder Amazonas auf ihren Haufen zu schütten, damit es ordentlich stank. Manchmal blieb ich das ganze Wochenende bei ihr, und wir schlichen nachts zur Jauchegrube und kicherten. Das war eines unserer Geheimnisse.
Ihre Nachbarschaft war für mich ein Kuriositätenkabinett. Im Block vor ihr wohnte die lahme Schmidt, die in den Courths-Mahler-Romanen aus Omas Leihbücherei nicht richtig durchblickte, im hinteren Gretchen, die an ihrem Geburtstag im Konsum am Bäckerplatz erwischt worden war, als sie ein Stück Butter klauen wollte. Herr Kuhfuß aus dem Nebenhaus hatte Oma Martha für fünf Mark die Kiepe verkauft, den riesigen Tragekorb aus Weidenruten, mit dem sie Montag bis Freitag zum Freienfelder Bäcker ging und ihn mit Brötchen füllen ließ. Oma Martha schnallte die Kiepe auf den Rücken und lief zur Page 67Straßenbahnhaltestelle. Schon in der Straßenbahn zum Bunawerk verkaufte sie die ersten Brötchen zum Selbstkostenpreis. Meine Großmutter verdiente damit keinen Pfennig. Seit ihrem sechzigsten Lebensjahr war sie Rentnerin, doch sie arbeitete selbstverständlich weiter. Mittlerweile war sie in der Abteilung Wohnungswesen tätig. Ihre Arbeit bestand darin, Bäckerbrötchen aus Freienfelde mitzubringen, für die Kolleginnen Frühstück zu machen und für sie in der Ladenstraße vor den Toren des Bunawerks einkaufen zu gehen, weil es vormittags dort das Meiste zu kaufen gab. Das war Oma Marthas großer Deal: Sie schleppte sich mit Brötchen und gefüllten Einkaufsnetzen ab und durfte die Konsummarken für alles behalten, was sie in der Ladenstraße einkaufte. Die Konsummarken waren ihr Trinkgeld. Meine Oma war konsummarkensüchtig. Sonntags klebten wir gemeinsam ihre Wochenausbeute in das Markenheft, und dabei glänzten ihre Augen. Oma Martha hielt sich für eine reiche Frau. In den Ferien begleitete ich sie zur Arbeit. Niemand in der Abteilung Wohnungswesen legte sein Veto ein, wenn meine Oma mich mitbrachte. Ich half ihr beim Schleppen der Einkaufsnetze und Dederonbeutel, und immer waren es meine schönsten Ferientage.
Bei der Einkaufstour zur Ladenstraße nahmen wir nicht den umständlichen Weg durch den Fußgängertunnel, sondern überquerten einfach die F 91. Einmal erwartete uns ein Verkehrspolizist am Page 68anderen Straßenende. Meine Großmutter lief zu Hochform auf.
»Nach Paragraf 27b StVO ist das in besonderen Fällen erlaubt«, sagte sie dem verdutzten Schnurrbart.
Woher sie das wisse, erkundigte er sich.
»Genosse, jedes Gesetz, das bei uns erscheint, lese ich«, sprach Oma Martha fast andächtig, nahm meine Hand und schritt am Genossen Verkehrspolizisten vorbei. An der Straßenbahnhaltestelle erzählte sie abends den Passanten, mein Zwillingsbruder Mischka würde in Moskau trainieren und werde bald als zweiter DDR-Fliegerkosmonaut nach Siegmund Jähn die Erde umkreisen. Oma Martha log, weil sie sah, dass ich mich vor Lachen bog und mir die Tränen kamen. Oma Martha konnte unverschämt gut lügen. Erzählte sie, hing ich an ihren Lippen. Oma Martha war nicht konfirmiert worden, weil sie vor der Konfirmandenstunde Brombeeren im Pfarrgarten geklaut hatte, mit blauverschmiertem Mund zum Unterricht erschienen war und bei der Prüfung vor der Gemeinde immer wieder aufstand, um den Satz zu sagen: »Herr Oberpfarrer, das weiß ich nicht.« Und als Maria, die Muttergottes, dran kam, rief sie: »Die denkt ooch, sie is was Besonderes, die Maria!« Gott war etwas für Leute, die nicht durchblickten. In der Weimarer Republik hatte Oma Martha immer KPD gewählt. »Jetzt hab ichs nicht mehr so mit der Politik«, sagte sie. In die SED trat sie nicht ein, die Page 69Politik überließ sie nun ihren beiden Söhnen, beide Genossen, und mir.
Ich war ihr Silberprinz. Keine ihrer Enkeltöchter hob sie dermaßen in den Himmel. Ging ich zum Geburtstag meiner Oma Olga, biss Martha sich auf die Lippen und nannte mich Himmelhund, Schappeklapp und Lord Kacke. Ich wusste, was es heißt, der Silberprinz zu sein. Jeder Pionier und jeder FDJler sollte sich nach der Schule in einer Arbeitsgemeinschaft nützlich machen. Das galt auch für mich. Ich konnte nicht das ganze Jahr für die Russisch-Olympiade und ein paar andere Wettbewerbe nutzen. So wurde ich meiner Vorbildfunktion nicht gerecht. Ich fuhr ins Buna-Klubhaus »Völkerfreundschaft« und ging dort zweimal in der Woche zur Kindertanzgruppe, außerdem zum Zirkel schreibender Schüler und in die Bücherei. Zu Weihnachten trat ich in der »Revue Spuk« im Spielzeugladen als Zirkusclown auf. Die Gründung des Kabaretts »Die Chlorreichen« ging leider in die Hose, und für den Zeichenzirkel waren meine Strichmännchen zu dürftig. Nur während der Hochtrainingsphase kurz vor der Russischolympiade zog ich mich aus allen Arbeitsgemeinschaften zurück.
Als ich zehn Jahre alt wurde, erschien mein erstes Gedicht im Aufwärts, der Buna-Betriebszeitung:
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Mein Vorbild
Im Jahre siebzehn wars geschehn
Die Herren mussten endlich gehen.
Das Volk die Macht nun übernahm.
Die lang ersehnte Freiheit kam.
Unter Lenins Führung
der Aufbau dann begann.
Er war sehr schwer und mühsam.
Nur langsam gings voran.
Heut geht’s im Sowjetland
vielmal so schnell voran.
Denn Lenin zeigte uns den Weg
Das Volk erkennts ihm an
Ja Lenin, diesen Helden,
werden wir stets vermissen.
Er kämpfte für das Volk.
Das sollten alle wissen!
Für die fünfte Strophe war im Aufwärts kein Platz mehr gewesen. Aber das machte nichts. Wir liefen durch Freienfelde, den Aufwärts in der Hand. Oma Martha hatte ihre Lesebrille auf, las laut vor, und ich ergänzte meine fünfte Strophe. Nur die lahme Schmidt wollte nicht zuhören.
Im Zirkel schreibender Schüler war ich der Page 71Star, Frau Metz schrieb einen Artikel im Börsenblatt über mich, und in der Tanzgruppe war ich eine Katastrophe. Frau Sohle hatte mich nur genommen, weil selten ein Junge in die Tanzgruppe wollte, und die wenigen, abgesehen von mir, schafften den Sprung zur Palucca-Schule nach Dresden oder zur Fachschule für Bühnentanz nach Leipzig. Ich verstolperte den Einsatz, hatte O-Beine und verlor bei den Drehungen das Gefühl für den Takt. Aber zwischen den besten Kinder- und Jugendtanzgruppen im Bezirk Halle tobte ein Wettbewerb, und er faszinierte mich. Als wir beim Leistungsvergleich endlich nicht mehr mit dem mickrigen Prädikat Mittelstufe sehr gut abgespeist wurden, sahen wir mit Verachtung auf die Tanzgruppen aus Merseburg und Leuna herab, die in gelben Röckchen und Schlüpfern herumhüpften, während Chris Doerk Kinder der Sonne sang. Oder sie tanzten Cancan und hoben die Röcke, aber nie die Beine. Sie hatten keinen einzigen Tanz, mit dem sie beim Leistungsvergleich punkten konnten. Wie konnte man nur so doof sein. Doch das war nicht unser Problem. Wir hatten den Olymp der Tanzgruppen mit dem Prädikat Oberstufe erklommen. Dort gab das Kinder- und Jugendballett Wolfen (Oberstufe ausgezeichnet) den Ton an. Die Wolfener waren Weltspitze und sowieso nicht zu schlagen. Aber die Tanzgruppe des VEB Waggonbau Ammendorf räumte ab und war nur ein einziges Prädikat besser als wir. Frau Sohle beobachtete sie genau. Die Page 72Ammendorfer probten vor dem Leistungsvergleich fünfmal in der Woche. Sie brillierten mit Massentänzen, in denen vierzig Mädchen zur Mazurka über die Bühne fegten. Die Ammendorfer waren beim letzten Leistungsvergleich gerade so an einer Pleite vorbei geschrammt, als sie gewagt hatten, mit dem Tanz »Der kleine Flirt« auf Erotik zu machen. Die Jury hatte den Ammendorfern die Leviten gelesen, denn das war viel zu früh für unser Alter. Frau Sohle erzählte pausenlos während der Proben im Ballettsaal. Ich hörte ihr zu. Deshalb ging ich zur Tanzgruppe.
Bei mir reichte es zu Auftritten in der Gaststätte der Kleingartenanlage »Gute Hoffnung 2« oder beim Lehrerball im B13, dem Vergnügungsbau des Bunawerks. Dort legte ich mit Sabine Gebhard, der Superrezitatorin, eine Charlestonnummer hin. Herr Pfeiler applaudierte heftig, und auch Oma Martha sah mir zu und klatschte.
Als sie siebzig wurde, hatte sie ihren Konsummarkenarbeitsplatz gekündigt. Nun wusch sie abends das Geschirr im B13 ab. Sie sammelte die Wurst- und Fleischreste und kochte sie zu Hause in Freienfelde ein. In wenigen Wochen quoll ihr Keller von Gläsern voller Wurst und Fleisch über. Ihre Kinder schüttelten den Kopf. Aber Oma Martha hielt ihren neuen Arbeitsplatz für den großen Wurf, so wie ich meine Charlestonnummer und mein Lenin-Gedicht für große Würfe hielt.
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Eine hagere Dame mit silberweißem Haar erschien in der Villa. Ich hatte Spätdienst. Etwas in ihrem Blick verriet mir, dass sie weder nach einem Heimplatz Ausschau hielt noch eine Zauberin besuchen wollte. Es war ein zögerlicher, skeptischer Blick. Zwei Männer begleiteten sie.
»Schön, dass es ein Heim geworden ist«, waren ihre ersten Worte.
Die Dame hatte hier ihre Kindheit verbracht. Die Villa hatte ihrem Vater, einem Berliner Rechtsanwalt, gehört. 1936 war die Familie nach New York emigriert. Berlin hatte die Dame seitdem nicht mehr besucht. Nun wollte sie ihren beiden Söhnen den Ort ihrer Kindheit zeigen. Nur das Mosaik an der Wand der Eingangshalle erinnerte noch an die einstigen Besitzer. Früher waren dort die Torarollen aufbewahrt worden. Jetzt standen dort Rollstühle. Ich führte die Dame durch die Residenz. Nach einer Viertelstunde dankte sie mir und verabschiedete sich.
Bei der Dienstübergabe am nächsten Tag erwähnte ich ihren Besuch. Die Äbtissin erstattete Meldung bei der Heimleitung. Frau Schwalbe bat mich umgehend in ihr Büro. Sie forderte mich auf, den Vorfall zu schildern, und wollte wissen, ob ich mich an das Gesicht der Person erinnern könne. Tage später wurde ich wieder in den Verwaltungstrakt zitiert. Neben Frau Schwalbe thronten jetzt Page 74drei graumelierte Herren, das Kuratorium der Irmgard-Breugel-Stiftung. Drei pensionierte Rechtsanwälte. Einer fragte mich, wie ich dazu käme, hier den Fremdenführer zu spielen. Ob die Person mir ihren Pass gezeigt hätte. Ich dachte an Irmgard Breugels Porträt in der Empfangshalle. 1938. Drei Villen. Großzügige Schenkung.
Die Herren starrten mich an. In diesem Moment überlegte ich, ob sie jemals in einem der Wohnbereiche gewesen waren. Hatten sie schon einmal mit einer Zauberin gesprochen? Ich lud sie zu einer Führung durch die Villa ein.
»Es reicht jetzt«, bekam ich zu hören. »Gehen Sie wieder wischen.«
Darmowy fragment się skończył.