Czytaj książkę: «Angefühlt»
Hinweis:
Dieses Buch ist die Fortsetzung von »Unverglüht« und »Aufgewühlt«. Das Lesen der vorherigen Teile ist keine Voraussetzung. Allerdings sind wenige Stellen der Handlung durch Kenntnisse aus vorangegangenen Teilen leichter verständlich.
JONA MONDLICHT
Angefühlt

EIN EROTISCHER ROMAN

www.Elysion-Books.com
ELYSION-BOOKS
1. Auflage: August 2017
VOLLSTÄNDIGE AUSGABE
ORIGINALAUSGABE
© 2017 BY ELYSION BOOKS GMBH, LEIPZIG
ALL RIGHTS RESERVED
UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert
www.dreamaddiction.de FOTO: © Bigstockphoto/pasiphae
LAYOUT &WERKSATZ: Hanspeter Ludwig
www.imaginary-world.de
ISBN (vollständiges Buch) 978-3-96000-0280
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Inhalt
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Nachwort

Kapitel Eins
»Ich hätte früher zu dir kommen sollen.« Lia spricht leise, spröde und mühsam. Ihre Blicke streifen immer wieder über die glänzende Oberfläche eines Grabsteins, als würden sie dessen Gravur ertasten und die weißen, kleinen Buchstaben streicheln. »Viel früher.« Sie hält die rechte Handfläche zitternd über ihren Mund.
Ein welkes Blatt fällt, streift den Marmor und legt sich geräuschlos auf die nasse Erde. Seine Zeit ist vorüber. Es ist längst Herbst.
»Verzeih mir, Bruno. ..«, flüstert Lia durch ihre klammen Finger. Atem steigt vor ihrem Gesicht auf, aber der dünne, feine Nebelhauch verflüchtigt sich nur wenige Augenblicke entfernt.
»Ich war so dumm.« Langsam schüttelt sie den Kopf. Verzweifelt über sich selbst, die Endgültigkeit bleiern erkennend. Obwohl noch so viel zu sagen gewesen wäre. »Du hast auf mich gewartet.«
Eine Hand legt sich behutsam auf ihren Oberarm. Still, reglos, warm. Sie hält nicht, sie heilt nicht, aber sie ist da.
»Lia.« Ein Mann räuspert sich und tritt leise näher an sie heran. »Es ist alles gut, Lia. Bewahre dir die schönen Momente. Nicht …« Alexander schaut um sich und zieht die Stirn in Falten. »Nicht das hier. Bitte.«
»Er hat sein ganzes Leben auf mich gewartet. Bevor er mich kannte. Nachdem ich gegangen war«, wispert sie und lässt ihren Arm sinken. »Und jetzt ist er hier. So einsam.«
Einsam war er all die Jahre, denkt Alexander. Aber er sagt es nicht. Das würde sie noch mehr schmerzen. »Es tut mir leid«, presst er heraus und streicht langsam mit der Hand entlang ihres Oberarms. Auf und ab. »Wirklich. Es tut mir leid. Ich habe immer gehofft, ihr würdet wieder miteinander reden. Irgendwann.«
Lia wendet ihren Kopf. Mit geröteten Augen schaut sie zu Alexander und der Frau, die schweigend hinter ihm steht. »Bitte geht jetzt. Gebt mir ein paar Minuten mit Bruno. Wir hatten zu wenige …« Sie schluckt.
»Verstehe.« Er nickt nachdenklich, seine Hand sinkt herab. Dann tritt er zur Seite.
»Sarah«, sagt Lia zu der Frau, die nur einen Schritt entfernt steht und betroffen ihre Finger ineinander knetet. Sie atmet schwer ein und bemüht sich um eine feste Stimme. »Suche den Einen, der dir entspricht. Dem du vertraust wie keinem Anderen. Und der in deinen Tiefen navigiert, als seien es seine eigenen. Finde ihn. Aber begehe nicht den gleichen Fehler wie ich. Verliere niemals den Glauben daran, dass es nur einen einzigen Menschen im Leben gibt, der dich so lieben kann. Ich wünschte, ich hätte das früher verstanden.«
Sarah schluckt schwer. Sie erinnert sich an die Worte, die Bruno in seinem letzten Brief geschrieben hat. Langsam senkt sie ihre rechte Hand in die Manteltasche, als würde sie frieren. Zwischen den Fingern fühlt sie kaltes Papier.
Als sich Lia wieder dem Grab zuwendet, zieht Sarah den sorgfältig gefalteten Bogen vorsichtig hervor. Zitternd öffnet sie ihn und betrachtet die fein säuberlich gezeichnete Schrift.
»Ich habe Dich nicht angelogen, Sarah. Man trifft nur ein einziges Mal im Leben auf einen Menschen, der die gleiche Tiefe besitzt und dem man so sehr vertraut, dass man ihn dorthin vorlässt.«
Sie beißt sich auf die Unterlippe. Wie besonders sich Lia und Bruno ähnelten, denkt sie. Wie gleich ihre Erkenntnisse waren. Wussten sie das nicht?
Eine kräftige Hand senkt sich über die Schrift. Alexander drückt das Papier zur Seite und schüttelt langsam den Kopf. Widerstandslos schiebt Sarah den Brief zurück in ihre Manteltasche.
»Wenn du dir sicher bist, ihn gefunden zu haben«, sagt Lia plötzlich, während sie auf das Grab schaut und erneut eine feine Nebelwolke vor ihrem Gesicht aufsteigt, »so unterwerfe dich ihm. Übereigne dich, deine Seele und deinen Körper. Vollständig und für immer. Anders kannst du nie wirklich glücklich werden. Niemals.«
Alexander greift Sarah an der Schulter. Mit einer nickenden Geste deutet er in Richtung des schmalen Kiesweges, der sich schnurgerade zwischen Koniferen und dunklen Büschen entfernt. Er spannt sich durch das Gelände wie der Achsenfaden eines Spinnennetzes, ist in regelmäßigen Abständen verklebt mit querenden Wegen und scheint den farblosen Friedhof für alle Ewigkeiten zusammenzuhalten.
»Ruf an, wenn du mich brauchst«, sagt Alexander zu Lia. Seine Stimme klingt belegt. »Jederzeit.« Kurz verharrt er. Als er keine Antwort erhält, wendet er sich ab und zieht Sarah mit sich. Es ist Zeit, zu gehen.
Die kleinen Steine knirschen bei jedem Schritt unter den Sohlen. Während Alexander entschlossen voranschreitet, dreht sich Sarah kurz um. Einmal, zweimal. Stets sieht sie Lia unbeweglich vor Brunos Grab stehen. Immer weiter entfernt. Es fühlt sich an wie ein Abschied auf ewig, denkt sie. Wie das Zuschlagen eines Buches nach dem letzten Kapitel. Und irgendwie ist es das auch zwischen Lia und Bruno: Das letzte Kapitel. In diesem Moment schreibt es sich.
»Was für ein Zettel war das?« Alexanders Frage schneidet sich in ihre Gedanken. Scharf. Mehr kontrollierend als neugierig. Er sieht Sarah nicht an und folgt mit großen Schritten dem Kiesweg, sodass sie Mühe hat, neben ihm zu bleiben.
»Ein Brief«, erklärt sie zügig. »Ein paar Worte von Bruno.« Erst dann bemerkt sie, dass sie ihm keine Rechenschaft schuldig ist. Ihre Antwort war ein Automatismus wie der zwischen Kind und Vater, Schüler und Lehrer.
Alexanders Gesichtszüge bleiben regungslos. »Und an wen ist er gerichtet?«
Es ist die Art und Weise, wie er seine Fragen stellt, denkt Sarah. Präzise, klar und so, dass ihnen eine Anweisung zum unverzüglichen und ehrlichen Antworten innewohnt. Sie muss sich eingestehen, dass ihr das imponiert. »Er ist an mich gerichtet«, antwortet sie wahrheitsgemäß.
Alexander schiebt die Hände in die Taschen und geht weiter. Schweigend.
Sarah beobachtet ihn von der Seite. Sein kantiges Kinn, die ausgeprägten Wangenknochen und die gerade Nase lassen ihn wie eine Skulptur erscheinen. Streng sieht er aus, wenn er so nachdenklich ist. Das fiel ihr bereits vor einem Vierteljahr auf, als sie ihm in Lias Wohnung zum ersten Mal begegnete.
Sie dreht sich erneut um. Die Frau verharrt noch immer vor dem Grab. Aus der Entfernung erweckt sie den Eindruck, erfroren zu sein. In gewisser Weise, denkt Sarah traurig, trifft das wohl auch zu.
»Steht etwas in diesem Schreiben, von dem Lia erfahren sollte?«
Sarah bemerkt, dass Alexander bereits einen Schritt vor ihr ist. Hastig eilt sie wieder an seine Seite. »Nein«, sagt sie und unterdrückt ihren schnellen Atem. Brunos Brief ist ausschließlich an sie selbst gerichtet. Er schrieb ihn als Abschied. Als Ermunterung, ihre Neigung zuzulassen. Und als Mahnung, keine Zeit zu verschenken. »Bruno war der gleichen Meinung wie Lia.«
Alexander dreht sich ihr zu und schaut sie überrascht an. »Der gleichen Meinung? Zu welchem Thema?«
»Dass ich den einen Menschen suchen soll, der zu mir passt.« Sarah zuckt einmal mit den Schultern. Alexander weiß von ihrer Leidenschaft. Sie muss nichts verheimlichen vor ihm. »Dem ich mich unterwerfen kann.«
Er fixiert sie mit seinem Blick, dann schaut er wieder nach vorn. »Fürwahr, das solltest du tun«, meint er schließlich. Aus einer Manteltasche zieht er eine kleine Pappschachtel hervor. Kurz dreht er sie zwischen den Fingern und drückt er den Deckel nach oben. »Lakritzbonbons«, erklärt er Sarah. »Sie schmecken dir nicht.« Dann schiebt er sich eine der schwarzen Kugeln in den Mund.
Sarah ist beeindruckt. Sie hat Alexander in Lias Haus kennengelernt. Das war im Sommer. Obwohl sie sich erst heute ein zweites Mal treffen, hat er sich ihren Geschmack eingeprägt. Mehrere Monate lang. Tief unter ihrem Erstaunen und viel intensiver trifft sie der Umstand, dass er aus seiner Erinnerung heraus für sie entschieden hat. Zielsicher und wie selbstverständlich.
Alexander schiebt die Pappschachtel zurück in die Manteltasche. »Hast du eine ungefähre Vorstellung von dem, was auf dich zukommt?« Er schaut sie ernst von der Seite an. Forschend. Abschätzend. Seine Wangen wölben sich nach innen, während er an dem Bonbon lutscht.
Sarah ist unsicher, was sie antworten soll. Viel hat sie gehört in den Erzählungen von Bruno. Über Unterwerfung, Vertrauen und tiefe Gefühle. Sie hat aus Lias Geschichten gelernt, wie gefährlich verletzbar sie sein wird und wie einfach ausnutzbar. Erlebt hat sie selbst bislang nichts. Weder das eine noch das andere. Sie kann kaum einschätzen, wie wertvoll all das Erzählte sein wird, wenn sie eigene Erfahrungen zu sammeln versucht. Sie weiß nicht einmal, wie und wo sie damit überhaupt beginnen soll.
»Also nicht«, kommentiert Alexander die ausbleibende Antwort. Er sagt es, als vermerke er es in einem Notizbuch und streiche mit spitzem Bleistift und hochgezogener Stirn das Feld für individuelle Voraussetzungen. Wie ein Immobilienmakler, der kühl kalkulierend den Interessentenkreis bereinigt.
Sarah schweigt resigniert.
»Draußen am Tor ist ein kleines Café. Ich lade dich ein.« Alexander reckt den Kopf, als wolle er sich vergewissern, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hat. Dabei ist der Ausgang nicht weit entfernt. Nur noch wenige Koniferen säumen den Kiesweg, bevor er in einen breiten Platz mündet. Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein großes, geschwungenes Eisentor offen. »Ich spendiere dir einen warmen Tee oder eine heiße Schokolade. Die Entscheidung überlasse ich dir.«
Immerhin, denkt Sarah. Wenn ihr schon keine Wahl bleibt, die unerwartete Einladung auszuschlagen. »Danke«, sagt sie also und fühlt sich dabei auf eine seltsame Weise artig und beruhigt.
Schweigend überqueren sie den Platz, der mit hellen Steinplatten belegt ist. Er wirkt wie ein Portal zwischen den Welten der Lebenden und Toten. Sarah dreht sich noch einmal um, aber sie kann Lia nicht mehr sehen. Zu weit sind sie entfernt.
»Schau nach vorne«, meint Alexander plötzlich und Sarah bemerkt erst, als sie vor sich kein Hindernis findet, dass es symbolisch gemeint ist.
Sie durchqueren das Tor, dessen schwarze Farbe gegen Rostflecken kämpft und an den Stellen ihrer Niederlage kraftlos abblättert. Der Ausgang grenzt an einen Zaun aus verbundenen Eisenstangen, die bis zu einem kleinen Haus reichen. Dort klammert sich Efeu herbstmüde an hell getünchte Außenmauern. Noch so ein Kontrast, denkt Sarah.
Alexander schreitet zielstrebig auf das Café zu. Die zwei Steinstufen zur Glastür nimmt er mit einem Schritt. Er öffnet schwungvoll die Tür und deutet Sarah mit einer leichten Kopfbewegung an, voranzugehen.
»Dort drüben!« Bestimmend weist er in eine Ecke des kleinen Raums, den sich fünf runde Tische mühevoll teilen. »Das sieht gemütlich aus.« Er greift ungefragt und mit beiden Händen Sarahs Mantel, hebt den Kragen leicht von ihren Schultern. »Den legen wir besser beiseite. Es ist recht warm hier.«
Sie nickt und schlüpft aus dem schweren Stoff. Als sie sich nach Alexander umdreht, um ihm aus Dankbarkeit für seine Fürsorge ein Lächeln zu schenken, kümmert er sich bereits um die Garderobe. Also durchquert sie den kleinen Raum und nimmt an dem Tisch Platz, den er ausgewählt hat. Der enge, gepolsterte Holzstuhl unter ihr knarrt leise.
Neugierig greift Sarah nach der gefalteten Karte, die auf der Tischdecke liegt. Sie betrachtet Bilder mit Eisbechern und überlegt, was Alexander sagen würde, wenn sie sich für einen der riesigen Becher entscheidet. Als plötzlich zwei Finger das Papier greifen und ihr kommentarlos entziehen, erschrickt sie. Aber sie protestiert nicht und lässt ihre Hände sinken.
»Einen Tee? Schokolade?« Er legt das Faltblatt beiseite und schiebt sich einen Stuhl zurecht, sodass er ihr gegenüber sitzt. »Du hast dich bestimmt längst entschieden, oder?« Lächelnd schaut er zu Sarah. »Jedenfalls benötigst du dazu keine Eiskarte, denke ich.«
»Tee«, antwortet sie gepresst. Sie erinnert sich an die Lederwerkstatt von Bruno, in der sie so gern gesessen hat. Auf dem Tisch vor seinem Thronsessel stand immer ein heißer, duftender Tee. »Rooibos«, fügt sie zügig an und lehnt sich zurück. Einen kurzen Moment später korrigiert sie ihre Haltung und bemüht sich, aufrecht zu sitzen.
Alexander quittiert es mit einem freundlichen Nicken. »Wenn man dich beobachtet«, beginnt er und verschränkt die Arme vor dem Körper, »wenn man dein Verhalten analysiert, dann erkennt man deine Neigung.« Sein Lächeln fließt breit. »Wusstest du das?«
Sarah reibt sich mit den Händen über die Oberschenkel. Sie hat nicht damit gerechnet, nach dem Treffen auf dem Friedhof in eine Privataudienz mit Alexander zu geraten. Auch nicht damit, ausgerechnet solchen Fragen ausgesetzt zu sein. Vereinbart war lediglich, Lia an das Grab von Bruno zu führen und sie zu begleiten, solange sie es wünscht. Beides war geschehen.
Aus einer Seitentür stürmt eine junge Frau. Im Gehen streift sie sich die langen blonden Haare nach hinten und hat dabei Mühe, ihren Notizblock in der Hand zu behalten. Geübt schlängelt sie sich an den wenigen Tischen vorbei und als sie schließlich ankommt, ist sie außer Atem von dem kleinen Stück Weg. »Darf ich«, fragt sie gehetzt, »etwas bringen?«
Alexanders Mimik verändert sich augenblicklich. Langsam wechselt er den Blick von Sarah zu der jungen Frau und sein Lächeln vertrocknet. »Einen schönen Tag wünsche ich«, entgegnet er schließlich konzentriert und mit tadelnder Stimme. »So viel Zeit und Höflichkeit sollte sein, da geben Sie mir sicherlich recht, oder?«
Sarah senkt ihren Kopf und schaut auf die Tischdecke. Sie fühlt sich unwohl. Kurz erwägt sie, die unangenehme Situation mit einem Scherz zu entschärfen. Aber sie unterlässt es. Es ist Alexanders Auseinandersetzung. Nicht ihre.
Die Frau dreht ihren Notizblock in der Hand und schlägt die erste Seite nach oben. »Es empfiehlt sich hier nicht immer, einen schönen guten Tag zu wünschen«, sagt sie selbstbewusst. »Jedenfalls nicht, wenn die Gäste von einem Besuch auf dem Friedhof kommen.« Mit einer Kopfbewegung deutet sie in Richtung der Glastür. »Entschuldigen Sie bitte, das ist nicht unhöflich gemeint. Aber uns begegnen überdurchschnittlich oft Menschen, die gerade eine Urnenbeisetzung bedauern mussten. Es irritiert, wenn ich ihnen einen großartigen Tag wünsche.« Ihr überlegenes Lächeln senkt sich unerbittlich auf Alexander hernieder, der von seinem Stuhl heraufschaut und die Augenbrauen wölbt.
Sarah riskiert einen Blick zu ihm und bemerkt mahlende Wangenknochen. Brodelnd wägt er eine Antwort ab. Es schmeckt ihm offensichtlich nicht, auf eine Belehrung hin selbst belehrt worden zu sein.
»Einen Tee. Rooibos. Heiß. Für die schweigende Dame mir gegenüber«, knirscht Alexander schließlich und weist mit der Hand auf Sarah. »Und einen Kaffee für mich. Schwarz, pur und stark. Den brauche ich jetzt. Danke.«
»Prima! Kommt sofort!« Die Frau lässt ihr Lächeln genussvoll über den Tisch schwappen, schaut sich triumphierend um und fließt dann gemeinsam mit ihm ab. Während sie sich entfernt, kritzelt sie fahrig auf ihren Notizblock. Als notiere sie stolz, gerade einen Löwen erlegt zu haben.
»Sie«, sagt Alexander langsam und wendet sich Sarah zu, »ist ganz anders als du.« Sein Blick hellt sich wieder auf. »Niemals hättest du dich so verhalten.«
Sarah hebt ruckartig den Kopf und räuspert sich. Sie weiß nicht, ob die Bemerkung als Kompliment gemeint ist oder nicht. Schätzt er sie wenig selbstbewusst ein? Glaubt er, sie würde alles hinnehmen? Hält er sie für eine Frau, die nicht ihre Meinung vertritt?
»Moment«, widerspricht sie protestierend. »Ich sage durchaus, was ich denke!«
»Das will ich hoffen«, entgegnet Alexander. »Aber darum geht es nicht.« Er lehnt sich nach hinten und lässt sich nicht von der knarzenden Stuhllehne irritieren. »Du würdest dich niemals so verhalten in der gleichen Situation.«
»Wie dann?« Sarah überlegt, was sie anstelle der blonden Frau geantwortet hätte. Außer, dass sie andere Worte gewählt hätte, fällt ihr keine bessere Antwort ein. Immerhin, ihr Gegenüber war davon beeindruckt. Ganz offensichtlich.
Alexander wiegt den Kopf. »Machen wir ein Experiment. Ich werde es dir beweisen.«
Neugierig rutscht Sarah auf dem Stuhl nach vorn und lehnt sich gegen den Tisch.
»Ich bin gespannt«, sagt sie aufgeregt und bläst sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Was muss ich tun?«
»Nichts.« Er reibt sich die Hände, verschränkt dann die Finger und stützt seinen Kopf ab. »Weißt du eigentlich, wie ich Julia kennengelernt habe?«
Sarah erinnert sich, dass Lia von einem Korsett erzählte, welches Alexander bei Bruno in Auftrag gegeben hatte. Lia war es, an der es entworfen und anprobiert worden war. »Ich weiß, dass du in Brunos Lederwerkstatt warst. Vielleicht dort?«
»Das ist richtig.« Er nickt bestätigend. »In der düsteren Werkstatt traf ich tatsächlich zum ersten Mal auf Lia. Es muss irgendwann im Herbst gewesen sein, denn ein heftiger Sturm drückte gegen die schmalen Oberlichter des hohen Raums.«
»Lia, komm bitte hierher!« Bruno strich mit den Händen über die Lehnen seines großen Sessels, der wie ein Thron wirkte. Er tat es beiläufig, als wolle er Staub von ihnen wischen. Dabei war das abgewetzte Leder so sauber wie das alte Sofa auf der gegenüberliegenden Seite, auf dem ich es mir gemütlich gemacht hatte. Doch die Geste passte zu Bruno, wie er da saß in einer Strickjacke, die großväterlich anmutete, mit großen Knöpfen auf der Vorderseite und zwei ausgebeulten Seitentaschen, in der er eine ganze Hand hätte vergraben können. Stattdessen kramte er eine geschwungene Pfeife hervor und einen kleinen, braunen Lederbeutel. Beides legte er bedächtig vor sich auf den Tisch.
Ich hatte es mir gemütlich gemacht, die Beine übereinandergeschlagen und einen Arm auf die Lehne gestützt.
Hinter mir vernahm ich eilige Schritte und blickte erstaunt über die Schulter hinweg. Ich sah den Vorhang, der die Werkstatt vom Wohnbereich trennte, und ich sah eine Hand, die den Stoff beiseitezog.
»Oh«, entfuhr es mir. Nicht nur, weil ich bis dahin geglaubt hatte, mit Bruno allein zu sein. Wir hatten Geschäftliches besprochen und Details unserer Unterredung waren – sagen wir – so individuell, dass ich sie nicht im Beisein von Dritten hätte erwähnen wollen. Schon gar nicht vor der Frau, die sich eben zwischen Durchgang und Vorhang hindurchschlängelte. Ich kannte sie nicht.
Während ich mich erhob, um sie zu begrüßen, nutzte ich meine Bewegung für einen flüchtigen Blick. Das schnell skizzierte Bild zeigte Wollsocken, Jeans und eine schlanke Taille, an die sich eine weiße Bluse schmiegte. Schwarze, lange Locken umflossen ein hübsches Gesicht und fielen über ein dunkelgrünes Tuch, das leger auf ihren Schultern lag. Ich schätzte die Frau auf fünfunddreißig Jahre – deutlich älter, als ich selbst war zu diesem Zeitpunkt. Zu mehr war keine Gelegenheit, wenn ich nicht den Sekundenbruchteil verpassen wollte, in dem aus höflichem Wahrnehmen Aufdringlichkeit wächst.
»Ich möchte dir Julia vorstellen«, erklärte Bruno mit zufriedener Stimme. »Sie ist …« Er überlegte kurz und ich erwartete, dass er mich über ihre Beziehung zueinander aufklären wollte. Er entschied sich anders. »Sie ist eine ganz bemerkenswerte Frau.«
Als ich fragend zu ihm sah, schmolz sein Gesicht zu einem amüsierten Lächeln. Ich ahnte, dass sie weder der Familie noch dem Kundenkreis angehörte.
Julia ließ mir keine Zeit für weitere Mutmaßungen. Sie senkte kurz den Kopf und ich wertete es als Verlegenheit, anschließend schenkte sie mir neben einem leise gesprochenen »Guten Tag« ein herzliches Lächeln.
Bruno wies mit der Hand in meine Richtung. »Das ist ein guter Kunde von mir«, fuhr er fort, »und ich denke, wir werden in den nächsten Wochen deine Hilfe benötigen. Du nennst ihn Alexander.«
Ich war nicht überrascht. Dass Bruno ihr diesen Namen nannte, bestätigte meine Vermutung, dass ihn mit Julia eine besondere Beziehung verband.
Sarah ist irritiert. »Moment bitte«, unterbricht sie die Erzählung und stört sich auch nicht daran, dass Alexander die Augenbrauen nach oben zieht.
»Julia sollte dich Alexander nennen?« Sie lehnt sich zurück und knetet ihre Unterlippe zwischen Zeigefinger und Daumen.
»Ja.« Er wiegt den Kopf hin und her. »Er hat mich vorgestellt, mehr nicht. Das macht man doch so, oder?«
Sarah gibt sich damit nicht zufrieden. Wenn man stolpert, schaut man sich schließlich nach dem Hindernis um. Auch wenn es nur eine Formulierung ist, an der man hängenblieb. Sie kneift die Augen zusammen. »Welchen Namen hätte er sonst nennen sollen?«
Alexander richtet den Blick an ihr vorbei. Als Sarah Schritte hört, begreift sie den Grund seiner Ablenkung.
»Einen Tee, einen Kaffee«, rezitiert die Blondine die Bestellung. Auf ihrer linken Handfläche balanciert sie ein kleines Tablett aus buntem Plastik. Geübt greift sie mit der anderen Hand die Tassen und schiebt sie auf den Tisch. »Heiß und frisch«, ergänzt sie lächelnd, während sie neben der Kaffeetasse ein Milchkännchen und einen Zuckerstreuer abstellt. Sie klemmt sich anschließend das Tablett unter den Arm und zieht ihren Notizblock hervor. »Darf es noch etwas sein?«
Alexander greift plötzlich das kleine Glas mit dem Zucker und hält es der jungen Frau entgegen. »Das brauchen wir hier nicht. Bitte nehmen Sie es wieder mit. Nichts Süßes. Ich hatte extra darum gebeten.«
Sarah blickt entgeistert zu Alexander. Sie kann sich nicht erinnern, dass er mit der Bedienung tatsächlich darüber gesprochen hätte.
»Kein Problem«, meint die junge Frau, zuckt aufgesetzt lächelnd mit den Schultern und greift den runden Behälter aus Glas. »Das muss ich wohl vergessen haben.«
»So wird es sein.« Alexander nickt wie ein Lehrer, der sich an der missratenen Leistung eines Schülers ergötzt. Du hast mir nicht zugehört, könnte er sagen, und ich habe gewusst, dass du nicht mehr als diese schlechte Note schaffen wirst, egal, wie sehr du dich anstrengst. »Für den Moment habe ich keinen weiteren Wunsch.«
Sarah wartet, bis die Bedienung den Raum durchquert und verlassen hat. Dann lehnt sie sich wieder nach vorn. »Du hast ihr nichts davon gesagt, dass du keinen Zucker möchtest«, erklärt sie leise.
Alexander greift unbeeindruckt zum Milchkännchen. »Doch, das habe ich.« Er versenkt den Löffel rührend zur Hälfte in seinem Kaffee und beobachtet interessiert, wie sich eine Kumuluswolke aus Milch in dem schwarzen Getränk auflöst. »Ich habe sie sehr deutlich darauf hingewiesen.«
Sarah schüttelt den Kopf. Sie ist überzeugt, dass sie recht hat. Denn sie hat auf jedes einzelne Wort von ihm geachtet, seitdem sie den Friedhof gemeinsam verlassen haben. »Auch ich habe es nicht gehört«, sagt sie.
»So?« Alexander hebt den Löffel über die Tasse und nimmt sich Zeit. Nachdenklich beobachtet er jeden Tropfen, der aus der Mitte der Oberfläche heraus eine kreisförmige, braune Welle schickt. Schließlich legt er das Besteck sorgsam auf den Teller. »Hörst auch du mir nicht richtig zu?«
Sein Lächeln ist nur ein Vorhang. Direkt dahinter befindet sich etwas Unerwartetes, denkt Sarah. Wartend. Lauernd. Wie der kleine, abgetrennte Raum in Brunos Werkstatt, in dem Lia kniend ausharrt, während er auf der anderen Seite ahnungslose Kunden bedient.
»Möchtest du mich etwa belehren?« Alexander greift seelenruhig zur Kaffeetasse, hält sie mit beiden Händen. Es ist, als fasse er bereits nach der Kordel zum Öffnen des Vorhangs.
»Nein«, beschwichtigt Sarah, »schon gut. Ich wollte das nicht diskutieren.« Ihr hätte es gereicht, wenn es bei einem kurzen Hinweis geblieben wäre.
»Sage mir, dass du im Recht bist.« Alexander bläst über den Tassenrand hinweg Luft. Während er dabei zu ihr schaut, sieht es aus, als blicke er nach oben. Das passt nicht zu ihm, denkt Sarah.
»Sag es mir.« Er klingt unnachgiebig. Hinter dem Vorhang bewegt sich etwas.
Sarah atmet tief ein. Sie sucht keine Bestätigung. Und es ist ihr unangenehm, Alexander zu berichtigen. Darum ging es doch gar nicht. Sie schüttelt den Kopf.
Er nähert sich vorsichtig dem Tassenrand. Als seine Lippen das Getränk berühren, zuckt er zurück. »Verdammt, ist das heiß«, beschwert er sich und stellt die Tasse grob ab, sodass der Kaffee fast überschwappt. Mit dem angewinkelten Zeigefinger fährt er sich über den Mund. »Dann werden wir unsere Unterhaltung jetzt fortsetzen. Und höre mir bitte aufmerksam zu. Wo war ich stehengeblieben?«
»Komm zu mir«, meinte Bruno aufmunternd und klopfte mit einer Hand auf die Lehne seines Thronsessels. Bei jedem anderen als ihm hätte ich das als Geste empfunden, mit der man ein Kind zu sich ruft und ihm Zeit schenkt. Doch ich wusste von Brunos leidenschaftlicher Art und Weise, mit einer Frau umzugehen. Bislang hatte er – vielleicht gerade deswegen – keine Partnerin gefunden, die ihm entsprach. Als ich jedoch beobachtete, wie unmittelbar Julia seiner Anweisung folgte und sich neben ihn stellte, direkt dort, wo seine Hand auf die Sessellehne geklopft hatte, war ich mir dessen nicht mehr sicher.
Er sah zu ihr herauf und runzelte die Stirn. »Alexander wird es nicht stören, wenn du dich setzt«, sagte er schließlich. Eine direkte Anweisung hätte nicht anders geklungen.
Julia nickte, dann sank sie neben dem Sessel auf die Knie. Sie legte ihre Hände in den Schoß und richtete ihren Blick auf die Kerze, die zwischen Bruno und mir auf dem Tisch stand. Eine Haarsträhne fiel über ihr Gesicht, aber Julia blieb so ruhig wie die kleine Flamme, die den Docht zehrte und ihre Wangen matt beleuchtete. Nur ihr Atmen hob und senkte sanft ihren Oberkörper, bewegte den Stoff der weißen Bluse. Es schien, als habe sie sich mit einer Sphäre aus Stille umhüllt. In eine schweigende Ewigkeit begeben, aus der sie nur Bruno wieder freisprechen durfte.
»Das stimmt doch, Alexander, oder?« Bruno riss mich gleichsam aus meinen Gedanken wie aus meiner Faszination.
Ich löste den Blick von der knienden Frau, strich mit der Hand über den Nacken und nahm wieder auf dem Sofa Platz. »Mich stört das in keiner Weise«, pflichtete ich Bruno bei. »Ganz im Gegenteil, denn …« Ich suchte nach der richtigen Formulierung. Am liebsten hätte ich ihn gefragt, ob meine Ahnung zutrifft. Hatte er einen Menschen gefunden, der seine Vorstellungen eines Zusammenlebens teilte? »Es sieht schön aus«, antwortete ich schließlich eher unbeholfen als diplomatisch.
»Natürlich«, meinte Bruno und sah mich befremdet an, als zweifle er an meinem Verstand.
»Sie«, korrigierte ich mich daraufhin zügig. »Ich wollte ausdrücken, dass sie schön aussieht.« Ich beschloss, besser zu schweigen. Oder mir für Antworten mehr Zeit zu nehmen.
»Selbstverständlich.« Er sah über die Lehne hinweg zu Julia, legte ihr vorsichtig seine Hand flach auf den Kopf und strich ihr durch das Haar. »Ich rief dich zu mir«, sprach er, »weil ich ein Korsett fertigen werde. Kein gewöhnliches. Ein Unikat. Alexander hat ganz außergewöhnliche Vorstellungen. Sehr exquisite.« Bruno schwieg einen Moment. »Aber realisierbare«, ergänzte er dann versonnen. Er schien längst in Schnitten und Schnürungen zu denken. »Es wird mir Freude bereiten.«
Ich räusperte mich. Es traf zu, dass ich ein besonderes Korsett wünschte. Ich hatte mich an Bruno gewandt, weil er bekannt war als ein Meister seines Faches. Seine Ledermanufaktur hatte man mir bereits vor Jahren verraten als ein Geheimtipp für Wünsche, die so individuell waren wie meine. Trotzdem verstand ich nicht, welchen Part die Frau einnehmen sollte, die regungslos neben dem Sessel kniete und lauschte.
Als hätte Bruno meine Gedanken bemerkt, fuhr er fort. »Steh auf, Lia.« Er zog seine Hand zurück auf die Lehne und wartete.
Als Julia ihren Kopf hob, streifte mich ein scheuer Blick. Möglicherweise hatte sie vermutet, ich würde es nicht bemerken. Doch mir genügte der kurze Moment, in dem wir uns direkt in die Augen sahen, um ihre Unsicherheit zu spüren. Wie eine unablässig arbeitende Unruhe lag sie hinter ihren Pupillen. Seltsam und unangenehm musste es ihr erscheinen, vor mir – einem unbekannten und wesentlich jüngeren Mann – derart dirigiert zu werden. Schließlich lenkte ihr Verstand ein, ließ ihren Blick flüchten und mit den Augen den Vorhang fixieren, durch den sie den Raum betreten hatte. Eilig zog sie das rechte Bein nach vorn und drückte ihren Körper mit einer einzigen Bewegung aufwärts, ohne mit den Handflächen den Boden zu touchieren. So blieb sie stehen und sah an mir vorbei.
Bruno lächelte und ließ seinen Kopf gegen das Polster der Lehne sinken. Er genoss, was er sah. »Sei so lieb und nimm deine Hände in den Nacken«, meinte er in einem Tonfall, als wolle er sich angewärmte Pantoffeln bringen lassen.
Julia verstand es als Anweisung wie alle anderen Sätze zuvor. Unmittelbar hob sie die Arme, bis ihre Ellenbogen eine Linie mit den Augen bildeten. Ihre Hände legte sie hinter ihren Hals und verschränkte dort die Finger.
»Was meinst du, Alexander?« Bruno sprach mich an, sein Blick ruhte aber auf Julia. Abschätzend. Gedanklich umspannte er ihre Taille. »So außergewöhnliche Wünsche wie deine begegneten mir bisher selten. Es wird einige Zeit in Anspruch nehmen, dieses Korsett zu nähen und zu komplettieren. Damit wir uns bei jedem Schritt gemeinsam ein Bild machen können, sollten wir es regelmäßig am lebenden Objekt begutachten, oder?«
Er hatte recht. Ich war zu ihm gekommen, weil ich ein Korsett suchte, das perfekt meinen Vorstellungen entsprach. Solche Kleidungsstücke liegen nicht im normalen Textilgeschäft aus, nicht einmal in einschlägigen Boutiquen war ich fündig geworden. Es gab kein Muster, an dem ich Bruno erklären und er sich orientieren konnte. Ganz bestimmt wäre es vorteilhaft gewesen, Brunos Bemühungen regelmäßig mit meinen Forderungen zu vergleichen. Auszuprobieren, ob meine Vorstellungen sich überhaupt umsetzen ließen. Trotzdem musste ich ihm widersprechen. Es gab keine Möglichkeit, das Korsett vor seiner Fertigstellung anzuprobieren.
»Nein«, antwortete ich also, »es tut mir leid. Die Frau, die ich in dieses Korsett verschließe, wird es spüren. Aber nie zu Gesicht bekommen.« Das stand für mich fest. Der wunderbare Anblick meiner ledergewordenen Fantasien sollte allein mir vorbehalten bleiben. Die Trägerin würde sich mit dem Gefühl begnügen müssen. Dieses Geschenk erschien mir wertvoll genug.
Bruno legte noch immer gedanklich Maß an Julias Taille. Er redete mit mir, ohne mich anzusehen. »So meine ich es nicht.« Er hielt den Kopf schräg und ich bemerkte, dass seine Blicke Julias Rücken hinauf und hinab wanderten. »Ich denke«, fuhr er fort, »wir haben hier eine vortreffliche Möglichkeit, das Korsett zu probieren. Zu jeder Zeit.«
Überrascht sah ich zu der Frau, die mit den Händen im Nacken neben dem Tisch stand. Ich war froh, dass sie scheinbar teilnahmslos an mir vorbei blickte – und so nicht sehen konnte, dass ich zurückhaltend ihren Körper begutachtete. Es war mir trotzdem unangenehm. Gewiss ahnte sie, was ich in diesem Augenblick tat.
»Also, was meinst du?«, fragte mich Bruno erneut, während er sich nach vorn beugte und die Augenbrauen nach oben zog.
Julia war schlank, fürwahr. Das konnte auch nicht das weiße Hemd verbergen, welches ihre Taille locker umhüllte. Trotzdem zweifelte ich. Mein Korsett sollte eine Frau tragen, die geschätzt fünfzehn Jahre jünger sein würde als Julia. Vielleicht sogar zwanzig. Es fiel mir schwer, Bruno darauf hinzuweisen. »Du kennst die genauen Maße«, antwortete ich ihm salomonisch. Das konnte er sowohl auf Julia beziehen als auch auf die Angaben, die ich ihm zur Anfertigung des Korsetts gegeben hatte.
Er nickte, aber beteiligte sich nicht an meiner Feinfühligkeit. »Sie wird in den nächsten Tagen abnehmen«, legte er wenig distinguiert fest. »Dafür sorge ich.«
Ein Seitenblick zu Julia bestätigte mir, dass sie diese Verhandlung über ihre Körpermaße – nicht anders musste es ihr vorkommen – regungslos hinnahm. Ich gebe zu, dass mich das beeindruckte. Sie hatte offensichtlich die Kontrolle und Bestimmung über ihren Körper abgegeben. In Brunos Verantwortung gelegt. Wie sehr musste sie ihm Vertrauen entgegenbringen. Und wie weit hatte sie ihm ihre Seele geöffnet, dass er davon Gebrauch machen konnte.
Bruno klatschte in die Hände und riss unser aller Aufmerksamkeit an sich. »Wann beginnen wir?«, fragte er tatendurstig und es schien, als wolle er auf der Stelle einen Lederballen aus dem Regal holen.
»Und wann beginnst du?« Alexander zeigt auf die Tasse, die vor Sarah auf dem Tisch steht. »Dein Tee wird kalt, wenn du länger wartest.« Er reckt den Kopf, als könne er die Temperatur optisch prüfen. »Wenn das nicht schon passiert ist«, ergänzt er dann.
Wortlos greift Sarah zu der Tasse, hebt sie an ihren Mund und trinkt einen Schluck. Sie bemerkt nicht, dass Alexander während des Erzählens – wenn auch spät – den Teebeutel für sie aus der Tasse gehoben hat. Sie spürt nicht, dass der Tee tatsächlich schon kälter geworden ist. Sie nimmt nicht einmal den leicht herben Geschmack auf der Zunge wahr. Sie begreift nur, dass sie schon wieder in dieses faszinierende Universum aus Bruno und Lia eingetaucht ist. So, wie es ihr geschah, als auch Bruno von ihm erzählte. Ebenso vor einem Vierteljahr, als sie bei Julia weilte. Sie fühlt sich in die feinstofflichen, geheimnisvollen Erlebnisse hineingezogen wie in einen übermächtigen Strudel. Ein nicht enden wollender Vortex, dem man ein Leben lang nicht entrinnen wird und dessen Fuß auf dem tiefsten Grund dunkler Leidenschaften aufsetzt. Faszinierend und gefährlich zugleich wie der Marianengraben. Lia hatte oft erwähnt, wie sehnsüchtig sie sich dorthin gewünscht hatte, nur ein einziges Mal, auch auf die Gefahr hin, dabei ohnmächtig zu werden. Erschrocken überlegt Sarah, ob sie selbst ebenso von einem Sog aus tiefem, dunklen Grund angezogen wird. Einer, der sie ins Verderben führen wird.
Als Alexander sie unvermittelt anspricht, verschüttet sie fast vor Schreck ihren restlichen Tee.
»Weißt du, Sarah«, beginnt er, »ich habe dich beobachtet. Als wir im Sommer bei Julia waren und sie aus ihrem Leben erzählte. Du wirktest auf mich wie ein junges, zartes Pflänzchen, dessen Wurzel zum ersten Mal die Nähe eines Flusses spürt. Du warst so aufmerksam, so sensibilisiert, dass du jeden Tropfen der Erzählungen von Julia herbeigesehnt und aufgesaugt hast. Damals dachte ich, dass du deinen Nährboden gefunden haben und auf ihm gedeihen wirst.« Alexander lehnt sich zurück. »Das ist schon ein Vierteljahr her.«
Sarah nimmt noch einen Schluck Tee. Als sie schluckt, empfindet sie das Geräusch furchtbar laut.
»Während ich dir eben erzählt habe, wie ich Julia kennenlernte, beobachtete ich dich erneut.« Alexander wirkt wie ein Juror, der das Zustandekommen eines Prüfungsergebnisses erläutern möchte. Seine linke Hand liegt auf einem Oberschenkel, mit der rechten reibt er konzentriert Daumen und Zeigefinger aneinander. »Was glaubst du, welchen Eindruck du heute vermittelst?«
Sarah setzt sich aufrecht. »Ich war etwas gedankenversunken«, antwortet sie schnell und will sich für den fast verschütteten Tee entschuldigen. »Bitte verzeih mir das.«
»Unsinn.« Alexander sieht ihr scharf in die Augen. Er legt seine Hand flach auf den Tisch und sie klopft wie der Hammer eines Richters, der das Urteil verkündet. »Du bist das gleiche zarte Pflänzchen wie vor ein paar Monaten. Vollkommen identisch. Das meine ich. Du sehnst und reckst dich weiterhin. Aber obwohl du längst weißt, wie greifbar nah das Flussbett ist, wächst du nicht.« Die Hand klopft ein letztes Mal. Laut. »Du hast Angst, dass dich die Strömung in die Tiefe reißt.«
Marianengraben, denkt Sarah. Immer wieder. Marianengraben. Der dunkle Grund. Nie hat sie Julias Faszination für den Sog nach unten besser nachempfinden können als jetzt. Es fehlt nur ein Windhauch, um sie endlich in die Fluten zu stürzen. Innerlich bettelt sie darum, dass Alexander auch das erkennt. Mit zittrigen Fingern stellt sie ihre Tasse ab.
Alexander beugt sich nach vorn. »Ich verrate dir etwas«, raunt er. Seine Augen werden schmal und sein kantiges Gesicht besteht aus tief überzeugter Ernsthaftigkeit. »Du wirst es anfühlen.«
Da ist er, der Hauch. Sarah weiß, dass sie gerade jede Form von Halt verliert. An diesem Nachmittag mit seinem unscheinbar trüben Herbstwetter ändert sich ihr Leben. Sie wird den Fluss kennenlernen. Der Mann, der ihr gegenüber sitzt, hat sich hinter ihren Rücken geschlichen und sie vom Ufer gestoßen. Die Frage, wann sie sich in das kalte Wasser traut, stellt sich nicht mehr.
»Aber wie?«, flüstert Sarah und schaut ihm in die Augen. In ihrer rechten Halshälfte pumpt ein bleischwerer Puls, der fast keine Kraft zum Atmen lässt.
Alexander verschränkt die Arme. Überlegt. Mindestens sechzig Pulsschläge lang. Dann beginnt er, langsam mit dem Kopf zu nicken. »Ich kann dir helfen«, sagt er. Es klingt nicht wie eine Option, sondern wie ein Entschluss.
Sarah sitzt regungslos. Ihr »Wie« behält Gültigkeit. Stocksteif wartet sie auf sein Angebot. Und die Bedingungen.
Alexander greift mit der Hand nach hinten. Als er sie wieder auf den Tisch legt, hält sie ein dünnes Notizbuch in schwarzem, weichem Einband. Es ist kaum größer als eine Streichholzschachtel. Sorgsam schiebt Alexander einen Zeigefinger zwischen die Seiten und klappt das Büchlein auf. »Ich denke, Sarah«, sagt er langsam, während er blättert und sich in den Winkeln seiner Augen Fältchen bilden, »ich denke, dass ich dich mitnehme auf eine kleine, private Feier.« Er tippt mit dem Finger auf einen kritzeligen Eintrag in dem Büchlein. »Da haben wir es doch«, meint er zufrieden. »Dort begegnest du Menschen, die deine Fantasien nicht nur tolerieren, sondern auch verstehen.« Alexander hebt den Kopf und pfählt seinen Blick direkt in Sarahs Augen. »Und ausleben.«
Sarah weicht zurück. Ausleben? Sie stellt sich fremde, nackte Körper vor, die sich klebrig verschwitzt an sie drängen. Nach ihr greifende, fleischige Hände. Das unangenehm aufkeimende Bewusstsein, nicht mehr »Nein« sagen zu können. Das geht ihr zu weit. Das ist ihr zu schlammiges Wasser. Für den Moment jedenfalls.
»Du brauchst keine Angst haben«, versichert Alexander, der Sarahs unscheinbare Körperbewegung bemerkt hat. »Ich werde unablässig an deiner Seite bleiben. Niemand wird es wagen, dich anzurühren.«
Sarah stellt sich in Alexanders Begleitung vor. Er ist beeindruckend groß, kräftig, sein kantiges Gesicht flößt Respekt ein. In seiner Obhut sieht sie sich inmitten der gierigen Menschenmenge, doch vor ihnen öffnet sich stets eine Gasse. Sie wird in seinem Kielwasser keinen weiteren Schutz brauchen. Ihr Einsatz reduziert sich auf den notwendigen Mut. Ohne diesen, ahnt sie, wird es nie einen Anfang geben. Und kein Wurzelwachstum.
»Was denkst du darüber?«, erkundigt sich Alexander. Mit einer Handbewegung klappt er den schwarzen Einband zu. »Ich gehe davon aus, dass du das Angebot annimmst.«
Sarah weiß, dass sie nicht ablehnen kann. Sie erinnert sich an den Brief von Bruno, der gefaltet in ihrer Manteltasche ruht. Sie wird den Einen nur finden, solange sie sucht. Wann will sie damit beginnen, wenn nicht jetzt?
»Vielleicht«, taktiert sie.
»Vielleicht?« Alexander lacht brüskiert. »Ein besseres Angebot wirst du nicht bekommen!« Er schüttelt den Kopf und lässt das Büchlein auf die Tischplatte fallen. »Weißt du … Du kannst fürwahr auch ohne Begleitung und Schutz deine ersten Versuche unternehmen. Ich sage dir aber eines, Sarah. Das sichere Anschleichen ist vorüber. Jetzt musst du springen. Tust du es allein, wirst du keinerlei Deckung haben. Ich kenne einige, die sich dabei heftig verschätzt haben und nicht mit heiler Haut davongekommen sind.« Abschätzend blickt er über den Tisch. »So, wie du hier vor mir sitzt, so schüchtern, still und unentschlossen, reißen dich die Krokodile im Fluss auseinander. Sofort. Das meine ich ernst.« Alexander überlegt kurz, dann beugt er sich nach vorn. Er spitzt die Lippen und spricht mit tiefer, langsamer Stimme: »Du bist Frischfleisch.« Das wirkt so furchteinflößend, als zöge er nasse Lefzen nach oben.
Sarah schaudert es. Krokodile. Sie sehen aus wie dieser Mann, von dem Julia vor einem Vierteljahr erzählt hat. Der Lia verfolgte und missbrauchte. Ein Krokodil namens Robert im langen, schwarzen Ledermantel und mit ekelerregender Gelhaarfrisur. Und sie, Sarah, will solchen Ungeheuern kühn vor das Maul springen?
»Samstagabend. Nur unter meinem Schutz.« Selbstsicher lehnt sich Alexander zurück und verschränkt die Arme. »Gib mir deine Adresse und ich hole dich ab.«
Sarah nickt. Wenn das der Weg ist, gefahrfrei schwimmen zu lernen, sollte sie nicht länger zögern. Alexander ist zuverlässig. Freundlich. Kein Krokodil. »Vielleicht«, sagt sie mutiger. »Samstagabend vielleicht.«
Alexander löst seinen Blick. Seine ernsthafte Mimik ist für eine Sekunde mit einem Lächeln glasiert. Dann blättert es schon wieder ab. Er hebt die Hand. »Zahlen bitte!«, ruft er und es dauert nur einen Augenblick, bis die blonde Frau mit dem Notizblock neben ihm steht.
Sarah fühlt sich plötzlich unwohl. Sie weiß nicht, wie sie das Lächeln interpretieren soll. War es mitleidsvoll? Freudig? Oder dämonisch? Sie fragt sich, ob sie zu viel Vertrauen in einen Mann setzt, den sie zum zweiten Mal in ihrem Leben begegnet ist. Ob sie überhaupt in der Lage ist, Krokodile zu erkennen, selbst wenn sie an Land sind.
»Einmal Kaffee, einmal Tee. Geht das einzeln?« Die blonde Frau kratzt sich mit der Rückseite des Kugelschreibers hinter dem Ohr und blickt hin und her.»Auf keinen Fall«, antwortet Alexander unmittelbar. »Die hübsche Frau gehört zu mir.« Er greift in die Hosentasche und legt ein paar Münzen auf den Tisch. »Das stimmt so.«
Sarah genießt dieses »zu mir gehören«. Es klingt aus Alexanders Mund besitzergreifend und beschützend zugleich. Weicher Honig fließt über raue Zweifel.
»Sehr freundlich«, sagt die Frau, streicht mit der Handkante die Münzen ein und lässt sie in ihr Portemonnaie fallen, das seitlich an ihrem Gürtel hängt. An den Henkeln zieht sie die Tassen vom Tisch. »Danke für Ihren Besuch«, verabschiedet sie sich schließlich ebenso diplomatisch, wie ihre Begrüßung klang.
Alexander kommentiert es diesmal nicht. Stattdessen erhebt er sich, schiebt sein Büchlein in die Hosentasche und holt die Mäntel von der Garderobe.
»Es wird Zeit«, sagt er, während er Sarah in die Ärmel hilft und ihr fürsorglich den Kragen im Nacken zurechtrückt. »Draußen wird es schon dunkel.«
Sarah bedankt sich leise. Sie ist beeindruckt von der Aufmerksamkeit, mit der Alexander sie umgibt. Das schmeichelt ihr. Und es macht ihn noch attraktiver. Als er ihr die Tür öffnet und sie an ihm vorübergeht, lächelt sie ihm zu. Mit einem platzierten Augenaufschlag.
»Wie kommst du nach Hause?« Er schaut ihr nach und lässt dann den Türknauf aus der Hand rutschen. Schnell ist er wieder an ihrer Seite.
Wahrscheinlich, denkt Sarah, wird er sie ein Stück mitnehmen wollen, denn sie ist zu Fuß unterwegs. Nicht, weil die Entfernung zum Friedhof kurz gewesen wäre. Sondern weil sie sich auf dem Weg hierher Zeit genommen hatte. Für eine letzte langsame Annäherung an den Menschen, der das Epizentrum all jener Dinge bildete, die sich seit ihrem Zusammentreffen verändert hatten. Es gab Bruno nicht mehr, aber er blieb ein seismografisches Ereignis in ihrem Leben. All dem hatte sie nachgespürt, als sie durch das neblig trübe Wetter und mehrere Parks spaziert war.
»Ich spaziere zu Fuß«, antwortet sie, denn sie möchte in Ruhe einen sicheren Stand finden nach dem neuerlichen Nachbeben.
»Wie weit?«, bohrt Alexander nach. Im Gehen schließt er seinen Mantel und angelt sich dann ein Lakritzbonbon aus der Tasche.
Sarah überlegt. Die einsamen Parks wird sie auf dem Rückweg meiden, denn es ist bereits dunkel und der Nebel hat stark zugenommen. »Eine Stunde werde ich unterwegs sein.« Das ist kühn geschätzt.
Alexander zieht eine Augenbraue in die Höhe. »Das kommt überhaupt nicht in Frage. Nicht bei dem Wetter. Ich will, dass du sicher nach Hause findest.« Er wendet sich zur Seite, hebt einen Arm und winkt einem Taxifahrer, der am Ausgang des Friedhofs neben seinem Fahrzeug steht.
Sarah ist beeindruckt, wie kompromisslos Alexander ihre Zustimmung annimmt. Sein unumstößliches Selbstverständnis. Sie spürt die Fürsorge, die von ihm ausgeht. Eine verlässliche und beständige Aura aus wohliger Wärme, innerhalb derer ihr nichts zustoßen kann. Am liebsten würde sie sich komplett einhüllen lassen von diesem Mann.
»Übrigens«, sagt Alexander, »habe ich der Bedienung im Café mit keiner Silbe gesagt, dass wir auf den Zucker verzichten. Du hattest vollkommen recht. Und ich wusste das auch.« Er lächelt so spitzbübisch, dass seine Augen schmal werden und sich die kantigen Backen heben.
Sarah ist irritiert. Sie erinnert sich, wie vehement er es abgestritten hatte, als sie ihn auf den vermeintlichen Fehler hinwies. Fragend schaut sie zu ihm herauf.
»Ich wollte sehen, wie du reagierst, wenn du zwar im Recht bist, aber keinesfalls in der Position, darauf zu bestehen. Du hast es nicht auf einen Streit ankommen lassen. Stattdessen hast du klug verzichtet, eine Nichtigkeit zu diskutieren. Die Blonde im Café beherrschte das nicht. Ihr hätte es gut gestanden, mich freundlich zu grüßen, anstatt belehrend zu erklären, warum sie es bis dahin nicht getan hatte. Ich wusste im voraus, dass du anders reagieren würdest. Wie angekündigt wollte ich dir das demonstrieren.« Alexander hebt die Hände. »Voilà. Da hast du den Beweis.«
Sarah schweigt. Es gibt nichts, was sie hinzufügen möchte. Lediglich den Umstand, nicht in der Position für einen Hinweis gewesen zu sein, wird sie noch überdenken.
Das Taxi fährt schwungvoll vor. Alexander öffnet galant die Tür auf der Beifahrerseite und deutet Sarah, Platz zu nehmen. »Deins«, erläutert er kurz und knapp. »Und zwar bis vor die Haustür. Keine Widerrede.«
Sarah nickt. »Danke für die Einladung«, sagt sie und überlegt, ob sie aus Höflichkeit einen Knicks machen sollte. Doch bevor sie zu einem Entschluss kommt, spürt sie Alexanders Hand auf ihrer Schulter, die sanft nach unten drückt. Wie ein Blitzlicht taucht in ihren Gedanken Lia auf, die vor Bruno auf die Knie sinkt, seiner Hand und seinem Druck folgend, wie sie schließlich ein kleines Stück Boden zu seinen Füßen in Anspruch nimmt und den Kopf senkt. Als sich Sarah rückwärts fallend auf den Beifahrersitz rettet, fühlt es sich an wie eine Ohnmacht.
Sie hört die Stimme des Taxifahrers, aber sie ist in Gedanken, weiß gar nicht, ob er sie gemeint und was er gesagt hat. Um sie herum zieht ein Strudel nach unten.
Alexanders Worte dringen zu ihr durch. »Er braucht das Fahrtziel.«
Natürlich, die Adresse. Sarah sagt sie ungelenk auf wie einen auswendig gelernten Text, während sich Alexander in das Fahrzeuginnere beugt.
Er nickt, dann reicht er dem Taxifahrer einen Geldschein. »Das stimmt so.«
Sarah greift nach Alexanders Unterarm. Im gleichen Moment verstummt ihr Dschungel aus Wurzeln, Krokodilen und reißendem Wasser. »Ja«, sagt sie unvermittelt in die Stille und sieht herauf. »Ja. Ich nehme dein Angebot an.«
Sein Blick wandelt sich in ein Lächeln. Aber diesmal empfindet es Sarah nicht als dämonisch. Eher als wissend. Als habe er längst geahnt, wie sie sich entscheiden wird.
»Wir sehen uns«, antwortet er und nickt ihr zu. Nicht mehr und nicht weniger. Dann schließt er die Tür von außen und bleibt mit den Händen in den Taschen am Straßenrand stehen, bis das Taxi den Platz verlassen hat.

Kapitel Zwei
Der Abend ist klar und kalt wie pures Eis. Sterne stechen wie glänzende Nadelspitzen Licht in den tiefschwarzen Nachthimmel.
Sarah schließt ihren Mantel, aber die frostige Luft kriecht von unten herauf, beißt sich an den Waden vorbei bis in die Oberschenkel. Elegant, hatte Alexander gebeten, elegant solle sie sich kleiden, und als sie gefragt hatte, was er darunter versteht, hatte er ihr einen außergewöhnlichen Theaterbesuch als Vergleich genannt. Nicht glamourös sollte sie wirken, aber besonders.
Nach einigen Überlegungen hatte sie sich für das lange, ärmellose Neckholderkleid entschieden, aus unschuldig weißem Taft, mit einem nicht zu weiten Ausschnitt, dafür im Rücken geschnürt mit breiten, sich überkreuzenden Stoffstreifen. Die Haare hat sie eingedreht und hochgesteckt, sodass der Verschluss des Kleides sichtbar bleibt, der ein breites Band um ihren Hals bildet. Als sie sich vor dem Spiegel drehte und dabei erahnte, wie sehr sie auf dem Weg zur Veranstaltung die kalte Luft aufwirbeln wird, mussten ihre Pumps Schnürstiefeletten mit Absatz weichen. Und schließlich griff sie im letzten Moment noch zu einem schmalen Gürtel, den sie locker um die Taille legte.
Alexander streckt sich, beugt den Körper vor und zurück. Eine Stunde sind sie gefahren bis hierher, in seinem flachen Sportwagen, dessen Schnelligkeit er lobte, während er die Enge verschwieg. »Du kommst zurecht?« Seiner Stimme folgt ein feiner, hauchgewordener Atem.
Sarah nickt. »Mir ist ein wenig kühl«, untertreibt sie und verschränkt die Arme vor dem Mantel. Unter ihm verbirgt sie ein Zittern, das nicht nur von Kälte, sondern auch von Aufregung getrieben wird. Sie war noch nie zu einer Veranstaltung eingeladen, auf der ihre Leidenschaft eine wesentliche Rolle spielt. Es geschieht überhaupt zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sie sich zu ihrer Neigung so öffentlich bekennt. Seit Tagen hat sie überlegt, wie es sich anfühlen wird, plötzlich Teil einer solchen Gemeinschaft zu sein. Nicht nur von Anderen zu wissen, sondern auch damit umzugehen, dass man über sie weiß. Stets erlag sie kleinen, aber hinterhältigen Panikattacken, wenn sich der näherrückende Termin im Kalender aufdrängte. Mehrfach erwog sie, die Einladung doch noch auszuschlagen, ihre Zusage zurückzunehmen, sich notfalls zu verkriechen. Aus Angst vor den Menschen, denen sie begegnen wird. Was, fragt sie sich, sollten es lauter Krokodile mit Gelfrisur sein, die sich im Schlamm abartiger Fantasien suhlen und auf Frischfleisch warten? Wie soll sie mit ihrer blütenweißen Neugier vom Flusswasser probieren, während es von unten her nach ihr schnappt?
»Sie sind alle wie du«, versichert Alexander. Ihm ist Sarahs Zittern nicht entgangen und er weiß, dass ihr die Kälte nur ein Vorwand ist. »Du brauchst dich niemandem erklären.« Kurz überlegt er und lächelt dann. »Wenn du in die Oper gehst, musst du deinen Musikgeschmack nicht vor dem Sitznachbarn rechtfertigen, oder?«
»In der Oper«, kontert Sarah, »gibt es keine Krokodile.« Es klingt schärfer, als es gemeint ist, weil ihr die Kälte auf den Oberkörper presst.
Alexander überlegt kurz, dann begreift er. »Du stehst heute unter meinem Schutz. Das habe ich dir versprochen.« Er legt eine Hand an Sarahs Oberarm und reibt über den Stoff des Mantels. »Vertrau mir.«
Würde sie das nicht tun, denkt Sarah, bliebe sie nicht hier. Bislang hat sie keinen Grund, misstrauisch zu sein. Letztendlich wäre es dafür ohnehin zu spät, nachdem sie Alexander im Taxi unfreiwillig ihre Adresse genannt hatte. Als er sie heute abholte, überzeugte er in einem feinen Smoking, mit einer weißen Fliege, die unabgesprochen zu ihrem Kleid passte. Und mit einem Kompliment, das so spontan aus seinem Mund kam, dass es nichts anderes als ehrlich gemeint sein konnte. »So schön und geheimnisvoll wie eine Seerose siehst du aus«, hatte er gesagt. »Fürwahr. Wunderschön.« Und dann fehlten ihm einen Moment lang die Worte, bis er sich schließlich guter Manieren entsann und sie höflich begrüßte.
»Ich vertraue dir«, bestätigt Sarah. Sie schaut zu Alexander auf und versucht ein sicheres Lächeln. Es gelingt ihr halbwegs.
»Eines noch. Ich werde dich heute Abend nicht mit deinem richtigen Namen anreden. Jeder hier macht das so. Selbst wenn man sich persönlich bekannt ist.« Alexander sieht sie eindringlich an. »Es geht um Diskretion. Und um Sicherheit. Auch um deine.«
Sarah holt tief Luft. Plötzlich fühlt sich der Abend doch nach Risiko an. »Ich vertraue dir«, wiederholt sie schnell. Ein Mantra, mit dem sie sich selbst Mut zuspricht. »Aber das hättest du mir wirklich früher sagen können.«
»Wozu?«, entgegnet Alexander ungerührt. »Es ist rechtzeitig genug.« Er schaut an ihr herab, überlegt kurz und kneift dabei die Augen zusammen. »Rose wirst du heißen. Das passt.« Er spricht das Wort amerikanisch, höhlt das O und unterdrückt das E. »Rose.«
Das klingt furchtbar pathetisch, denkt Sarah und kann sich trotz ihrer Unruhe ein Lächeln nicht verkneifen.
»Dein Kleid«, erklärt Alexander, »fiel mir zuerst auf, als ich dich heute Abend abholte.«
Sarah nickt verlegen. »Eine frierende Seerose in eiskaltem Wasser«, komplettiert sie sein Bild. Bereits bis zur Hüfte hinauf fühlt sie sich unterkühlt.
Alexander reibt die Hände aneinander und atmet eine weitere Nebelwolke in die Luft. »Du hast recht. Wie unaufmerksam von mir. Wir sollten gehen.« Entschlossen reicht er ihr den Arm. »Bist du bereit, Rose?«
»Bringen wir es hinter uns«, antwortet Sarah diplomatisch. Als würde sie zu einer Schlachtbank gebracht. Und ein wenig kommt sie sich auch so vor. Sie hakt sich ein und lässt sich von Alexander führen.
Sie verlassen den kleinen Parkplatz durch ein seitlich gelegenes, offenstehendes Tor. Ein Kiesweg, der nur spärlich von alten Laternen beleuchtet ist und beständig unter den Schuhen knirscht, führt durch ungepflegte Ligusterhecken. Ihre blattlosen Äste werfen knöchrige Schatten, die sich – während man an ihnen vorübergeht – ineinander verhaken und ein lebendiges Spinnennetz aus Strichen bilden. Sarah findet das gruselig und rückt näher an Alexander. Gerade will sie ihn an seinen Vergleich mit dem außergewöhnlichen Theaterbesuch erinnern und fragen, ob er sich vielleicht in der Vorstellung vertan hat, als sich der Weg unerwartet nach rechts wendet.
Sarah bleibt stehen. Überrascht und beeindruckt zugleich. Sie hat die Spinne entdeckt, die im Zentrum des schaurigen Netzes aus Ligusterhecken wartet. Denn vor ihr öffnet sich eine Wiese, über die der Kiesweg zu einer einzeln stehenden Villa führt. Er ist gesäumt mit Kerzenlichtern, deren Flämmchen aufgeregt zappeln und mit Schatten um sich werfen. Wie kleine Leuchtfeuer, die zum Eingang des Gebäudes locken.
»Das ist …« Sarah fällt kein passendes Wort ein. Ihre Aufregung vervielfacht sich.
»Romantisch?«, versucht es Alexander. »Opulent? Damit hättest du nicht gerechnet?«
Sarah schüttelt den Kopf.
»Dann warte ab, bis wir drinnen sind.« Alexander setzt sich schmunzelnd in Bewegung und zieht Sarah ungefragt mit sich.
Jeder Schritt, mit dem sie sich dem Gebäude nähern, offenbart neue Details. Vor der Villa enthüllt sich eine Steintreppe aus dem Schatten. Ihre breiten Stufen führen, gesäumt von Skulpturen, zu einer massiven Holztür. Rechts und links des Eingangs leuchten Fackeln unruhig gegen die Wände und manchmal spiegelt sich ihr Lichtschein in einem der dunklen Fenster der unteren Etage. Im ersten Stock dagegen sind die zugezogenen Vorhänge von Licht durchdrungen. Auf ihnen mäandern Schatten aus unscharfen Umrissen von Menschen.
»Hast du noch Fragen?« Alexander schaut kurz zu Sarah, während sie sich der Villa nähern. »Gibt es etwas, das du jetzt geklärt haben möchtest?«
Sarah fühlt sich aus ihrer Faszination über das alte Gebäude gerissen. Fragen? Natürlich hat sie Fragen, sehr viele, und sie ahnt, es werden nicht weniger heute Abend. Aber sie versteht nicht, was mit Alexander zu besprechen wäre, bevor sie sich von dem Eingang oberhalb der Steintreppe schlucken lassen. Für was es nach diesem Moment zu spät sein könnte. Was sie Alexander nicht mehr mitteilen könnte, wenn sie sich erst in sein Fahrwasser begeben hat. Plötzlich erheben sich in ihrem Magen unzählige saure Monster und stellen unverdauliche Fragen. Was hat Alexander mit ihr vor? Wie wird er sie überhaupt vorstellen und gegenüber den anderen Gästen erklären? Als was betrachtet er selbst sie? Welche Rolle spielt sie hier für ihn? Warum, um alles in der Welt, hat sie sich auf diesen Abend eingelassen?
Und dann entdeckt sie das Schild, nicht breiter als zwei Handflächen nebeneinander in den Steinen der Mauer neben der Treppe. Die eingravierte Schrift ist bemoost, aber gut lesbar. »Villa Crocodile«, liest Sarah und erinnert sich an alles, was sie zuvor über Krokodile gesprochen hatten.
Sie spürt ihren Magen krampfen. Atmet tief ein, aber die eiskalte Luft schmerzt in den Lungen. Unvermittelt stoppt sie. Sie kann nicht in diese Villa. Die massive Tür erscheint ihr wie ein Damm, der beim Öffnen alles Flusswasser mit einem Mal entfesseln wird. Sie wird ertrinken darin, denn sie hat doch gar nicht schwimmen gelernt. Noch gar nichts hat sie gelernt und der Mann an ihrer Seite, der sie am Arm hält, stellt sich ihren Sprung ins Wasser vielleicht ganz anders vor als sie.
»Sarah?« Alexander schaut sie an. Überrascht und besorgt. »Was ist?«
»Ich kann nicht mitkommen. Tut mir leid«, presst sie heraus und hat Mühe, sich dabei nicht zu übergeben. »Ich glaube, ich bin gar keine richtige Sklavin. Oder was immer erwartet wird. Das waren doch alles nur Geschichten.« Sie drückt sich die Hand vor den Mund.
»Das kommt gar nicht in Frage«, antwortet Alexander resolut und greift ihren Arm fester. »Du gehst jetzt weiter.«
Sarah schüttelt den Kopf. »Bitte«, versucht sie es noch einmal, »können wir heute Abend etwas anderes unternehmen?«
»Nein.« Alexanders schroffe Antwort fällt im gleichen Moment, in dem er sich wieder in Bewegung setzt und Sarah mit sich zieht.
»Ich bezahle dir die Karte.« Sarah starrt wie gebannt auf die erste Stufe aus Stein, der sie immer näher kommen. Villa Crocodile. Der Kies unter ihren Schnürstiefeletten knirscht kurz und unregelmäßig.
Alexander lacht. »Ich muss hier doch keine Eintrittskarte kaufen.« Er zieht Sarah unbeeindruckt weiter. »Das würde übrigens auch nichts an meinem Entschluss ändern. Wenn ich dir jetzt das Recht einräume, über den Abend zu bestimmen, wirst du falsch wählen. Dann verpasst du die beste Gelegenheit für den Sprung in den Fluss. Das werde ich nicht zulassen.«
Sarah riecht bereits die Fackeln, welche an den Seiten der Tür aufgestellt sind. Ihr rußiger Duft überlagert die kalte Luft wie Öl das Brackwasser.
»Am Ende des Abends will ich dich anhören. Wenn du mir dann sagst, dass all das nichts für dich ist, dass sich deine Fantasien anders anfühlen und dass du künftig an Land bleiben möchtest, werde ich es akzeptieren.« Alexander setzt den ersten Fuß auf die Stufe. »Aber nicht vorher. Nicht jetzt. Nicht hier.« Wie ein Vater seine bockige Tochter zieht er Sarah die Treppe hinauf und stellt sie vor der Tür ab. »Ich bin überzeugt, du wirst mir später sehr dankbar sein, dass ich dir keine Wahl ließ.«
Sarah fühlt sich wie im Taumel. Dass sie schon auf dem Treppenpodest steht, bemerkt sie nur am Rande. Es ist wie im Sprung: Hat man einmal den sicheren Boden verlassen, stürzt man auf das Wasser zu. Villa Crocodile. Eine Umkehr gibt es nicht mehr.
Alexander klopft mit der Faust fest gegen das massive Holz der Tür. Mit der anderen Hand hält er Sarah an ihrem Arm. Nicht grob, aber entschlossen.
Knarrend öffnet sich der Türflügel. Erst einen handbreiten Spalt, dann mehr. Alexander beugt den Oberkörper kurz vor, bis er erkannt ist.
Ein buckliger Mann zieht die Tür nach innen. Er hält einen dreiarmigen Kerzenständer aus Metall, der schwer und antik aussieht. Die Flammen der Kerzen beugen sich der Zugluft. Sarah schätzt den Mann auf Mitte fünfzig, ist aber nicht sicher, denn das flackernde Licht scheint trügerisch. Sie erkennt dennoch einen schwarzen Anzug, aus dessen Brusttasche die Spitze eines weißen Tuches hervorschaut.
»Oh, Alexander«, sagt der Bucklige und nickt erfreut mit dem Kopf. »Du wirst oben bereits erwartet.« Dann entdeckt er Sarah. Sein prüfender Blick gleitet an ihr herab. »Und das ist? Ein unbekanntes Gesicht?« In seiner Neugier vergisst er den Kerzenständer und kleine Rinnsale aus Wachs stürzen zu Boden.
»Eine Novizin«, erklärt Alexander zügig, noch bevor Sarah selbst antworten kann. »Sie begleitet mich heute.« Er greift an den eisernen Kerzenständer und richtet ihn mitsamt der Hand des Mannes wieder auf. »Sie steht in meiner Obhut.« Eindringlich schaut er den Buckligen an. »Und sie verlässt dieses Haus ausschließlich in meiner Begleitung!«
»Guten Abend«, wispert Sarah gerührt. Sie ist dankbar, dass Alexander ihr zuvorkam. Denn sie selbst hätte vor Aufregung vergessen, ihren neuen Namen zu nennen.
Der Mann in der Tür entgegnet ihren Gruß nicht. Stattdessen wendet er sich unbeirrt Alexander zu. »Ich wünsche dir viel Vergnügen. Passt auf der Treppe auf, es ist düster hier.« Als er zur Seite tritt, schwanken die kleinen Flammen der Kerzen erneut, richten sich dann aber wieder auf.
Alexander fasst wortlos Sarahs Arm und schiebt sie durch die Tür. Vorsichtig gehen sie bis zu einer Treppe, die wie eine herabhängende Zunge aus dem oberen Stockwerk lechzt. Über die Holzstufen fließen Wärme, Stimmengewirr und mattes Licht herab.
»Rose?«
Sarahs Blicke wandern entlang des geschnitzten Geländers gegen den Strom, bis sie jenen Punkt erreichen, an dem sie auf gleicher Höhe sind mit dem Obergeschoss. Dort oben, denkt sie, warten die Krokodile. Ausgelassen, aber hungrig feiern sie ihre Frischfleisch-Party und gieren nach Nichtschwimmerinnen. Mitten unter ihnen wird sie auftauchen. Und alle werden es sofort bemerken, dass sie neu ist. Und nicht schwimmen kann.
»Rose!« Alexander drückt kräftig in ihren Arm. »Würdest du jetzt bitte vorangehen?« Er spricht den Satz in ungeduldigem Staccato. Feuert mit seiner Salve in ihren Nebel aus Gedanken. »Du träumst vor dich hin!«
»Entschuldige«, antwortet Sarah reflexartig und lauter, als gewollt. Vor Schreck entschuldigt sie sich dafür gleich noch einmal.
Der Mann mit dem Kerzenständer zieht hörbar scharf die Luft ein. Sein Körper strafft sich dabei und seine Augen werden größer als die Flammen der Kerzen. Als hätten ihm die Worte gegolten.
»Was ist mit dir los?«, flüstert Alexander dicht an Sarahs Ohr. »Erinnere dich, was dir Bruno in seinem letzten Brief geraten hat. Dass du einen Menschen suchen sollst, der zu dir passt.« Er sieht sie an, als schwebe irgendeine Erkenntnis bereits so deutlich zwischen ihren Köpfen, dass Sarah sie endlich bemerken müsste.
Sie greift instinktiv in ihre Manteltasche und ertastet Papier. Der Brief. Sie hat ihn nach dem Besuch auf dem Friedhof nicht zurück an seinen Platz gelegt. Nun ist er ihr ein unerwarteter Begleiter.
Alexander nickt mit dem Kopf. »Wenn du Bruno gefragt hättest, wo du mit deiner Suche beginnen sollst, hätte er dich genau hierher geschickt.« Mit einem Arm deutet er auf die Treppe. Den anderen legt er um Sarahs Hüfte. »Wäre er hier«, raunt er dann, »würde er dich wie eine dem Licht zustrebende Seerose hinaufsteigen und an der Wasseroberfläche erblühen lassen.«
Sarah streicht mit dem Zeigefinger über das gefaltete Papier in ihrer Tasche. Es fühlt sich an, als sei Bruno tatsächlich bei ihr. Als geschehe hier sein Wille. Sie dreht ihren Kopf kurz zu dem Mann mit dem Kerzenständer und sieht, wie er die Tür hinter ihnen abschließt. Ihr bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken.
»Trau dich«, redet Alexander auf sie ein. »Tu es für Bruno. Wenn dir schon nicht bewusst ist, dass du es für dich tust.«
Für Bruno, entscheidet sich Sarah. Langsam setzt sie den Fuß auf die unterste Treppenstufe und bewegt sich aus Alexanders Umarmung heraus. Sie zieht ihr weißes Kleid ein Stück nach oben, um nicht zu stürzen. Dann legt sie ihre Hand auf den Lauf des Holzgeländers, atmet noch einmal tief ein. Sie verlagert ihr Gewicht nach vorn und kämpft sich Stufe um Stufe an die Oberfläche.
Als sie im ersten Stock der Villa auftaucht, schnappt sie vor Überraschung nach Luft. Keine Krokodile. Der Flur ist vollständig mit Kerzen erhellt. Auf dem Parkettboden stehen massive Leuchter, die armdicke Wachsstumpen tragen. Ihre Feuer vereinen sich zu einer gemeinsamen Sphäre aus Licht, Wärme und öligem Paraffinduft. Es ist, als habe sie ihren Kopf in eine andere Welt gesteckt.
Längs des Flures streichen Schatten über die dick aufgetragenen, barocken Muster der Tapeten. Gegen sie lehnen hüfthohe Stahlrahmen, die Leinwände mit düsteren Bildern aufspannen. Sarah kann sie so schnell nicht fassen, sie erkennt die Form sich windender Frauenkörper in schwarzer Farbe, an Händen und Leib gebunden, Zeichnungen, die sich so martialisch anfühlen wie ihre Rahmen schwer sind.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Flures entdeckt Sarah eine weit geöffnete Tür. Im dahinterliegenden Raum scheint jener Fluss aus Stimmen zu entspringen, der ihr über die Treppe entgegen geschwappt kam.
Alexander schiebt Sarah die letzte Stufe hinauf. Dann fasst er von hinten ihren Kragen, streift ihr den Mantel ab und legt ihn über seinen Arm. »Du hast es geschafft«, murmelt er. »Fürwahr.«
Sarah schmiegt ihre Arme um die Hüften. Sie fühlt sich trotz ihres Abendkleides nackt und ungeschützt ohne den Mantel. Ihre äußerste Hülle ist gefallen. Sie will keine weitere hergeben heute Abend.
Alexander dreht sie zu sich und schüttelt den Kopf. »Wenn man dich sieht, könnte man meinen, du wolltest auf der Stelle verwelken.« Er deutet mit der Hand auf die offene Tür. »Wenn wir jetzt dort hineingehen, dann …«
Eilig fällt ihm Sarah ins Wort. »Rose«, sagt sie. »Ich heiße Rose. Ich weiß.« Sie will ihm zeigen, dass sie keine Probleme machen wird. Nicht mehr abgelenkt ist.
»Sehr schön, Rose«, lobt Alexander und ein amüsiertes Lächeln huscht über sein Gesicht. »Ich freue mich, dass du dieser Anweisung folgst. Wirklich. Aber das meinte ich nicht.«
Sarah fühlt sich wie ein Schulkind, das unter seinem fehlerfreien Aufsatz die Anmerkung »Thema verfehlt« findet. Sie beschließt, sich zurückzuhalten und Alexander sprechen zu lassen. Vielleicht, denkt sie, ist das ganz allgemein die sicherste Strategie, wenn man mit einem Thema nicht so vertraut ist.
»Ich meinte«, setzt Alexander fort, »dass du dich bitte stets an meiner Seite aufhalten wirst.«
Sarah nickt. Genau das will sie tun. Sie wird sein Fahrwasser auf keinen Fall verlassen. »Aus Sicherheitsgründen«, ergänzt sie. »Du passt auf mich auf.«
Alexander scheint kurz aus dem Konzept gebracht, dann findet er den Faden wieder. »Auch das. Wenn du dir im Verlauf des Abends etwas ansehen oder dich aus dem Raum begeben möchtest, will ich das zuvor wissen.«
Sarah fühlt sich mit jedem Satz seiner Belehrungen geborgener. »Ja«, sagt sie und lächelt. Zum ersten Mal, seitdem sie die Villa betreten haben. Sie beginnt, neugierig zu werden auf den Raum hinter der offenen Tür. »Ich werde dir stets Bescheid geben.«
»Nein«, tadelt Alexander, »das genügt mir nicht. Du wirst mir ausschließlich dann von der Seite weichen, wenn ich es dir erlaubt habe.«
Sarah nickt eilig und schiebt sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, die sich aus ihrer Frisur gelöst hat. Was, denkt sie, haben seine Restriktionen an sich, dass sie derart aufregend klingen? Sie schaut verlegen an sich herab, zieht das Kleid und den schmalen Gürtel zurecht.
»Du wirst mich darum bitten müssen, jedes mal, ist dir das klar?« Alexander kneift die Augen zusammen. Er weiß, wie seine Anweisungen in der Frau klingen, die zunehmend nervös ihm gegenübersteht. Er sieht, wie sie auf ihrer Unterlippe kaut, ohne es zu bemerken. »Hast du das verstanden?«, setzt er scharf nach.
Sarah erstarrt. Eine wirbelnde Schar Schmetterlinge stürzt sich von oben herab, pflügt durch die Magengrube und steigt ihr wieder bis in die Brust. Bitten? Sie? Alexander? Diesen Mann mit dem schönen, kantigen Gesicht, den sie so oft für seine souveränen Entscheidungen bewundert hat, der sich ihr als Schutz anbot, der viel erfahrener ist als sie? Was bietet er ihr hier an? Ihr, die niemals mithalten kann mit ihm, so unerfahren, wie sie ist, die ihn heimlich bewundert hat, die einen Partner sucht, einen, der am besten so ist wie er? Hatte sie etwas übersehen? Welches Interesse kann Alexander an ihr gewonnen haben? Ihr Kopf beginnt zu rauschen. Sie denkt an die Einladung ins Café und an die bezahlte Taxifahrt. An seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber. An sein Kompliment, als er sie heute abholte und eine Seerose nannte, obwohl sie ihm doch wie ein Mauerblümchen erscheinen muss. Sie erinnert sich an seinen Arm, der sich am Fuß der Treppe um ihre Hüfte gelegt hatte, und plötzlich fallen ihr so viele andere kleine Berührungen ein. Sie ahnt, dass sie nicht nur hier ist, um ihre Fantasien zu probieren. Sie ist auch für ihn hier. Für sich selbst hat er sie mitgenommen. Wie großartig sich das anfühlt, kann sie im Moment gar nicht beschreiben.
»Rose?«
»Bitten …«, sagt Sarah gedankenverloren und kämpft gegen das Rauschen der Schmetterlinge an. Als sie seinen irritierten Blick bemerkt, ergänzt sie schnell: »Bitte, meine ich, können wir jetzt dort hineingehen?« Sie zeigt auf die Tür, aus der gerade ein einzelnes, lautes Lachen herausspritzt.
Alexander zieht die Mundwinkel breit. »Du hast es also verstanden. Das freut mich, Rose.« Er bietet ihr den angewinkelten Arm an und sie hakt sich ein. Wie selbstverständlich.
Als sie gemeinsam den Flur durchqueren, fragt sich Sarah, was genau er gemeint hat. Was er glaubt, das sie verstanden hat.

Kapitel Drei
»Sehr wohl«, sagt der kleinwüchsige Mann, der neben dem Türflügel wartet und Alexander die Mäntel abnimmt.
Wie ein Zeremonienmeister sieht er aus, denkt Sarah. Lediglich der Zylinder, den er auf seinem runden Kopf mit dem pausbackigen Gesicht trägt, verleiht ihm eine gewisse Größe. Seine Anzugjacke säumt offenstehend einen kugeligen Bauch, die Hosenbeine der viel zu langen Stoffhose schwimmen um die Schuhsohlen herum.
»Ich werde mich sofort um die Garderobe bemühen, Alexander.« Er reckt den Kopf. Dabei könnte er nicht einmal den Saal überblicken, wenn er sich auf seinen Zylinder stellen würde. Sarah kann sich nur schwer ein Lachen verkneifen. Amüsiert drückt sie Alexanders Arm, in den sie noch immer eingehakt ist.
»Dein Tisch ist der erste an der Balustrade«, schnarrt der Zeremonienmeister.
Alexander schaut kurz zu Sarah, dann nickt er dem Mann zu. »Sehr schön«, bedankt er sich. »Ich sehe, dass ich mich auf dich verlassen kann.« Er senkt kurz seine Hand auf dessen niedrige Schulter. »Ich lade dich nachher auf ein Glas Wein ein. Und ich erwarte, dass du diese Einladung annimmst.«
Das zustimmende Lächeln auf dem Gesicht des Mannes ist so stolz, dass es fast den Zylinder anhebt. Er verbeugt sich andeutungsweise, dann verschwindet er, watschelnd wie eine Ente, mit den Mänteln über dem Arm.
»Und nun, Rose, kommt dein Auftritt«, erklärt Alexander. »Unser Tisch befindet sich auf der anderen Seite des Saales. Während wir dorthin gehen, wirst du nichts an deinem zauberhaften und stillen Lächeln verlieren.« Er legt seinen Zeigefinger unter Sarahs Kinn und hebt es um mehrere Zentimeter an. »Kopf hoch. Jetzt.«
Sarah schluckt. Sie sieht Alexander direkt in die Augen und bemerkt erneut dieses Gefühl, es lauere etwas hinter ihnen. Etwas Abwartendes, aber auch Wissendes, Überlegenes. Möglicherweise Gefährliches. Als sie wieder die Schmetterlinge spürt, mag sie nicht glauben, dass genau das deren Nektar ist. Langsam schließt sie die Augenlider.
»Dort geht es lang«, zerbricht Alexander die Situation und dreht Sarah an den Schultern dem Saal zu. »Und denke an alles, was ich dir gesagt habe.«
Sie stehen vor einem kleinen Meer aus runden Tischen. Deren weiße Tücher werden ausschließlich von mehrarmigen Kerzenleuchtern erhellt. Die von der Decke herabhängenden Lüster tragen nur lichtloses Kristall, durch das der Schein der zahllosen brennenden Dochte unter ihnen Schatten zaubert wie ein Kaleidoskop.
Um die Tische sind jeweils vier Sessel platziert. Nicht sonderlich groß, aber gemütlich sehen sie aus mit ihren weichen, roten Polstern.
Die Wände des Saals sind bespannt mit samtenen Tapeten in der Farbe trocknenden Blutes. In regelmäßigen Abständen stützen reinweiße Säulen die Decke.
Alexander setzt sich in Bewegung. Er hat Sarahs Arm so fest untergehakt, dass sie keine andere Wahl hat, als neben ihm Schritt zu halten.
»Wie schön!«, ruft ein Mann am ersten Tisch, den sie passieren. »Alexander! Willkommen!« Er dreht sich um und hebt sein Glas zum Gruß. Die Gäste, die bei ihm sitzen, unterbrechen ihr Gespräch und schauen erfreut auf.
Sarah lächelt ihnen verlegen zu. Sie bemerkt, dass sie von den beiden Frauen am Tisch gemustert wird. Kurz nur, aber der Länge nach. Sie besinnt sich auf Alexanders Kompliment und lässt sich nicht verunsichern. Schön wie eine Seerose. Ihr Kleid ist eleganter als die geschnürten Oberteile der Frauen, deren voluminöse schwarze Federboas bemüht den Brustansatz verdecken. Geschmückte Krokodile, denkt Sarah. Sie nehmen Witterung auf. Wägen ab, wer heute Abend zuerst gefressen wird. Und von wem.
»Schön, dass ihr hier seid«, grüßt Alexander. Seelenruhig. Er lässt Sarahs Arm nicht locker und geht weiter.
Am nächsten Tisch sitzen vier ältere Herren. Stocksteif, mit Monokel und Tüchern, die ihnen aus den Brusttaschen schauen. »Guten Abend«, sagt einer von ihnen förmlich und unter seinem gezwirbelten Schnauzbart hervor. »Schaut, schaut.« Er klopft eine kleine Tabakdose auf den Tisch und zieht die Augenbrauen nach oben. Seine drei Sitznachbarn haben offensichtlich Mühe, sich ob ihrer Steifheit im Sessel zu drehen.
Wieder fühlt sich Sarah begutachtet und ist dankbar, dass Alexander lediglich kurz nickt und sie weiterführt. Aber sie kommen nur wenige Schritte zwischen den Tischen voran.
»Was für ein wundervolles Kleid«, begeistert sich ein Mann, der einen Seidenschal trägt und beide Hände ineinander verschränkt vor die Brust hält. Als er aufsteht, schlängelt er sich in seinem dunkelgrünen Anzug in die Höhe. »Das sieht fantastisch aus!« Er dreht eine Hand nach vorne und lässt ihre Finger nach unten hängen. Dann bleiben seine ungenierten Blicke auch unterhalb des schmalen Gürtels kleben. »Darf man Näheres erfahren?«
Ein schwules Krokodil, denkt Sarah belustigt. Zugleich ermahnt sie sich, aufzupassen und nicht den falschen Namen zu verwenden. Sie holt Luft und konzentriert sich. »Ich bin …«
»Du bist still, Rose«, fährt ihr Alexander dazwischen. Er winkelt seinen Arm an und zwingt sie damit einen Schritt nach hinten.
Überrascht stößt sie gegen einen Sessel, der hinter ihnen am Nachbartisch steht. Als sie sich so gut es geht umdreht, um sich zu entschuldigen, blickt sie auf einen jungen Mann. Kurze, schwarze Haare über weichen Gesichtszügen, braune Augen, breite Lippen. Mehr Zeit bleibt ihr nicht.
»Herrje«, schimpft er, hält ein halbleeres Glas am ausgestreckten Arm und betrachtet verärgert seine Anzugjacke. Ein dunkler Fleck saugt sich in den Stoff. »Passen Sie doch besser auf!«
»Entschuldigung«, stammelt Sarah über die Schulter nach hinten. Weiter kann sie sich nicht drehen, denn Alexander hat sie fest eingehakt. »Wie ungeschickt von mir. Aber es war gewiss keine Absicht.«
Der Mann dreht sich ihr zu, folgt ihrem Arm, bemerkt Alexander. »Das ist schon in Ordnung«, meint er. Seine dunkle Stimme verliert an Gereiztheit und klingt plötzlich warm und sanft. Er wischt über die nasse Stelle. »Das trocknet bald. Es ist ohnehin nur Wasser.« Er lächelt kurz, verlegen sieht es aus, dann bricht er das Gespräch ab und wendet sich wieder dem Tisch zu.
Als Sarah sich umdreht, reicht Alexander dem Mann mit dem Seidenschal die Hand. »Was für eine wundervolle Frau, wolltest du bestimmt sagen, oder? Du brauchst dir aber keine Hoffnungen machen, denn sie bleibt heute Abend ausschließlich an meiner Seite.« Er überlegt und wiegt seinen Kopf hin und her. »Sie wird sich erst einmal umsehen. Nur dafür habe ich sie eingeladen.«
Der Mann mit dem Schal lacht aufgesetzt. »Schön, dass auch ich eingeladen wurde«, schraubt er schließlich einen Satz aus sich heraus. »Du weißt ja, man wird nicht jünger und muss schauen, wo man bleibt.« Wieder ein affektiertes Lachen.
»Schon gut«, antwortet Alexander. »Ich wünsche dir viel Spaß heute Abend.« Dann wendet er sich ab.
Während sie die nächsten Tische passieren, schweigt Sarah. Ihr fällt auf, dass stets Alexander gegrüßt wird, nicht aber sie. Sie schiebt es auf den Umstand, dass sie zum ersten Mal hier ist. Niemand kennt sie, wogegen Alexander offensichtlich mit nahezu jedem Gast Worte wechseln kann. Er ist, denkt sie, unter den Anwesenden derart beliebt, dass sie selbst in seinem breiten Fahrwasser gar nicht mehr wahrnehmbar ist.
»Alexander«, schnurrt eine Frau, die sich katzenartig aus einem der Sessel erhebt und umständlich ihre Hochsteckfrisur richtet. Sie trägt ein enges Bleistiftkleid, das gleich einem Korsett gearbeitet ist und ihre ohnehin schlanke Figur wie eine Sanduhr erscheinen lässt. Während sie den Kopf bewegt, funkelt ein breites, goldenes Collier um ihren Hals aufsässig im Kerzenlicht. »Es freut mich unbeschreiblich, dich zu sehen.«
Alexander wendet sich ihr zu. »Elena«, sagt er nicht weniger schnurrend. Es klingt, als gehe seine Stimme auf ihr tiefes, sanftes Timbre ein. »Ich wusste, dass ich dich treffen werde.«
Sarah horcht auf. Sie tritt ein wenig aus dem Fahrwasser und macht sich sichtbarer. Alexander spricht so zutraulich süß, wie sie es von ihm bislang nicht kennt.
Elena legt eine Hand an seinen Arm. »Du bist wieder alleine hier, nicht wahr?« Mit aschgrauen Augen schaut sie aufreizend seufzend zu ihm auf. »Setze dich zu mir, dann sind wir beide nicht so …« Sie spielt mit den Fingern auf dem Ärmel seines Jackets. »Nicht so einsam heute Abend.«
Sarah ist konsterniert. Sie steht doch direkt neben ihm! Wie kann dieses katzenhafte Krokodil sie nicht wahrnehmen?
»Señora Elena«, meint Alexander lächelnd und diplomatisch, »du bist wie immer umwerfend attraktiv.«
»Bei all dem, was du tust«, brummt die Stimme der Frau, »sollst du doch eine ganz besondere Begleitung haben, meinst du nicht?«
Sarah tritt entschlossen einen Schritt nach vorn. Dass sie dabei an Alexanders Arm reißt, nimmt sie in Kauf. Auch, dass es paradox ist, vor Krokodilen den Arm zu schwenken, um gesehen zu werden. Noch vor einer Viertelstunde hätte sie sich am liebsten verkrochen. »Guten Abend«, sagt sie, laut und deutlich. Mit festem Blick schaut sie der Frau ins Gesicht. »Ich bin Rose.«
Die aschgrauen Augen gefrieren zu Eiskristallen. »Huch«, künstelt Elena. »Da übersah ich wohl etwas.«
Sarah kann nicht beschreiben, wie wütend sie dieses »Etwas« macht. Alexander zieht sie zurück. Sie bemerkt nicht, dass er selbst nur wenig erfreut ist über die Situation. Denn sie ist noch in das Blickduell verwickelt.
»Du siehst, Elena, ich kann deine Einladung schwer annehmen«, erklärt Alexander. Es klingt eher sachlich als bedauernd.
Elena reißt gekünstelt ihre Augen auf. »Ach! Haben wir heute sechs?« Abfällig und belustigt klingt es. Aber ebenso eiskalt. Ihre Pupillen funkeln kräftiger als das Collier.
Sarah schnappt nach Luft. Fassungslos. Sie kann sich nicht verhört haben, so gestochen klar, wie es Elena sagte. Sex? Nichts an ihr ist billig oder verrucht, sie trägt ihr schönstes Abendkleid, empfindet sich als dezent und zurückhaltend. Sie hegt keinerlei Absichten. Warum redet diese Frau so unverschämt? Vor allem, da sie sich selbst so süßklebrig anbiedert. »Das geht Sie nichts an«, faucht es aus ihr heraus.
»Du täuschst dich«, zischt Elena unmittelbar zurück. Aber es klingt unsicher. Sie entweicht dem Blickduell und wendet sich Alexander zu. »Eine reizende Begleitung hast du dir ausgesucht. So ungestüm. So wild.« Sie mustert Sarah mit einem kurzen, giftigen Seitenblick. »Und so unerfahren.«
»Ich versprach Rose«, lenkt Alexander ein, »mich ihr heute Abend anzunehmen. Und ich denke, es ist besser, sie jetzt an meinen Tisch zu bringen.«
»Wie schade«, seufzt Elena. »Hoffentlich weiß sie zu schätzen, wen sie an ihrer Seite hat.« Sie lässt sich zurück in ihren Sessel fallen. »Wir werden sie noch kennenlernen, oder?«
Alexander antwortet nicht. Er greift Sarah am Oberarm und geleitet sie zwischen Tischen, Sesseln und grüßenden Menschen hindurch. Sie queren zielstrebig den Saal, ohne sich ein weiteres Mal aufhalten zu lassen.
Sarah fällt es schwer, ihm zu folgen. Sie erwartet tadelnde Worte für ihr aufbrausendes Verhalten. Schließlich hat sie sich nicht an seine Anweisung gehalten, zu schweigen. Stattdessen war sie ungehalten zwischen ihn und diese Frau gesprungen, hatte sich aufgeplustert, empört darüber, absichtlich übersehen worden zu sein. Unaufhörlich nagen in ihr das schlechte Gewissen und die Einsicht, dass sie sich völlig unangemessen verhalten hat. An seiner Seite.
»Hier ist unsere Ecke«, erklärt Alexander und stoppt. Direkt hinter einer weißen Holzbalustrade, die sich über die gesamte Stirnseite des Saales zieht, wartet ein runder, weiß gedeckter Tisch mit zwei Sesseln. Er steht etwas abseits und einzeln, nicht so eingeklemmt wie die der Gäste im Saal. Die Kerzen auf ihm spenden bereits ausreichend Licht.
»Setz dich.« Alexander führt Sarah zu einem der Sessel, zieht ihn ein Stück nach hinten und wartet, bis sie ihr langes Kleid sortiert hat und in das Polster gesunken ist. Anschließend umrundet er sie und nimmt auf der anderen Seite des Tisches Platz. Aus der Tasche seines Jacketts fingert er die Pappschachtel mit Lakritze, entnimmt ihr ein einzelnes Bonbon und schiebt es sich in den Mund. Dann schaut er zu Sarah.
Sie senkt den Kopf. Ihre Hände legt sie auf den Schoß und spielt nervös mit den Fingern. Sie weiß nicht, was Alexander zu dem Vorfall sagen wird und ob sie versuchen soll, sich zu rechtfertigen. Am Ende wird er beanstanden, dass sie gegen seinen ausdrücklichen Willen gehandelt hat. Und sie wird ihm recht geben müssen. Er hat gute Gründe, mit ihr unzufrieden zu sein. Ein gelungener Start, denkt sie, ist das nicht.
»Auf was wartest du?«, hört sie ihn fragen. Und ihr fällt auf, dass sie keine Antwort kennt. Weil sie nicht abschätzen kann, auf was er selbst wartet. Fordert er eine Entschuldigung ein und gibt ihr jetzt Gelegenheit, sie vorzutragen? Soll sie ihm erklären, wie es zu der Situation kam oder genügt eine Versicherung, dass es ihr nicht wieder passieren wird heute Abend? Ist es vielleicht nur eine Finte, möchte er ihr Angst einjagen? Sie fühlt sich von seiner unsäglichen Frage erdrückt. Möglicherweise, denkt sie, ist genau das die Strafe für ihr Verhalten. Am liebsten würde sie neben ihm knien, neben seinem Sessel, so wie Julia einst neben Bruno kniete. Als Zeichen dafür, dass sie nicht weiter weiß, dass er entscheiden soll über sie, so wie er es mag und für richtig empfindet.
Mitten in ihren Überlegungen geschieht etwas, mit dem sie nicht gerechnet hat. Alexander beginnt zu lachen. Zunächst ist es nur ein unscheinbares Zischen, er schnauft kurz durch die Nase, dann aber gewinnt es an Rhythmus, wird lauter, vokaler, und schließlich lacht er herzhaft.
Sarah schaut irritiert auf.
»Gut gemacht, Rose«, schnieft Alexander und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Das hast du wirklich gut gemacht!«
Sie lächelt zaghaft und unsicher, aber weiß nicht, worüber. Es ist lediglich der Gleichklang, nach dem sie sehnt.
Alexander zieht ein Tuch aus seiner Hosentasche und trocknet eine Träne, die es bis unter den Nasenflügel geschafft hat. Tief holt er Luft. »Vor wem hattest du hier eigentlich Angst? Ein einziges Anfauchen genügte und du hast deinen Platz verteidigt. Erfolgreich. Das, Rose, gelingt bei Elena ganz sicher nicht jedem. Hast du gesehen, wie kraftlos die Señora in ihren Sessel gefallen ist?« Erneut lachend verstaut er sein Taschentuch und beugt sich zu ihr über den Tisch. »Dir ist bewusst, dass ich das, was du da eben getan hast, als Statement verstehen könnte?«
Verwundert reißt Sarah die Augen auf. Versteht nicht. Sie hatte mit einem Tadel gerechnet, aber nicht mit Lob.
»Wer einen Platz so tapfer verteidigt, muss fürwahr Interesse an ihm haben«, sinniert Alexander und lehnt sich genussvoll zurück. »Ich werde darüber nachdenken, Rose. Vielleicht.«
Sarah sitzt wie versteinert und starrt auf das Tischtuch, als läge seine Offerte in einem geschlossenen Umschlag zwischen ihnen. Mit Vorbehalt. Auf was er seine Entscheidung gründen wird, weiß sie nicht. Aber sie ahnt, dass ihr Verhalten maßgeblich sein wird. Ist das jene Rolle, die sie für ihn einnehmen wird heute Abend? Und ist der Schutz, den er ihr versprach, von ihrem Erfolg abhängig?
»Gnädiger Herr, ich wünsche Ihnen einen guten Abend«, meldet sich eine Stimme hinter ihr. »Darf ich Ihnen behilflich sein?«
Alexander nickt. »Hier gibt es Einiges zu tun«, sagt er, während er über Sarahs Schulter hinweg schaut und sich langsam die Hände reibt. »Wie heißt du, Mädchen?«
»Gnädiger Herr, mein Name ist Eins«, antwortet die Stimme. Sehr ruhig, sehr deutlich. Sehr folgsam.
»Ach, ich vergaß.« Alexander schaut ärgerlich drein. »Heute gibt es nur Nummern. Komm her zu mir, Eins.« Mit der Hand klopft er sanft gegen die Tischkante zu seiner rechten.
Wäre Sarah nicht schon erstarrt, würde sie es jetzt tun. Eine Frau läuft auf der linken Seite in ihr Blickfeld, geht kleine Schritte, bleibt dann stehen. Sie trägt um den Hals ein schmales, lockeres Lederband, an dessen Verschluss im Nacken eine Metallplakette mit rot eingravierter Ziffer befestigt ist. Eins. Sarah lässt ihren Blick am Rücken der Frau entlang sinken. Über ihren Hintern hinweg, die Schenkel hinab bis zu den Knöcheln. Eins ist nackt. Völlig nackt. Abgesehen von schwarzen, glänzenden Absatzschuhen, die von Riemen um die Fußfesseln gehalten werden. Als Sarah irritiert zu Alexander schaut und sieht, dass auch er seine Blicke schweifen lässt, schluckt sie. Der Anblick, den die Frau ihm bieten muss, ist noch um ein Erhebliches nackter.
»Ich frage mich, ob ich dir schon einmal begegnet bin«, erklärt Alexander nachdenklich, während er Eins prüfend ins Gesicht sieht. Er kneift die Augen zusammen, seine Brauen wölben sich über ihnen.
Eins bleibt regungslos stehen und lässt die Musterung über sich ergehen. Wie ein Gegenstand, dessen Qualität geprüft wird, denkt Sarah.
Schließlich brummt Alexander unzufrieden und beugt sich nach vorn. »Du bist also heute Abend unserem Tisch zugeteilt?«
»Gnädiger Herr, ja. Ausschließlich Ihrem Tisch.«
»Soso«, sagt er bedächtig, als wäge er noch ab, ob er einverstanden ist. Doch dann greift er wie selbstverständlich an ihre Taille. »Dreh dich um.« Mit der Hand hilft er nach und bringt die Nackte nüchtern in Position.
Sarahs Blicke befinden sich auf der Flucht. Sie retten sich vor den Brüsten der Frau, streifen unwillkürlich ihre Hüften und eine Handbreit darunter. Schließlich klammern sie sich aus purer Verzweiflung an Alexanders kantigem Gesicht fest. Eins ist nackt, denkt sie immer wieder. Nackt. Tatsächlich. Vollständig.
Sarah erahnt an der Armbewegung, dass Alexanders Hand über den Hintern der Frau streicht. Nur einen Augenblick später schiebt diese ihre Beine ein Stück auseinander. Wortlos. Sarah möchte nicht hinsehen. Und doch tut sie es.
»Hör mir gut zu, Eins«, beginnt er. »Die junge Frau, die mir hier gegenüber sitzt, nennt sich Rose. Sie ist meine Begleiterin. Ich möchte, dass du ihr heute Abend uneingeschränkt zur Verfügung stehst, wenn sie Fragen hat.« Er schaut zu Sarah und deutet ihr mit einer Handbewegung an, den Mund wieder zu schließen. »Sie hat Fragen. Das sieht man ihr an.«
Alexander streicht genüsslich lächelnd seine Hand auf dem Hintern der Frau ab und lehnt sich dann zurück. »Du darfst mit ihr kommunizieren, Eins, so viel sie möchte. Ich erlaube das. Aber es geschieht leise. Zu keinem Zeitpunkt vernachlässigst du deine Aufgaben. Hast du das verstanden?«
Darmowy fragment się skończył.