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SINODIS
John Marten Tailor
Impressum
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©2017 John Marten Tailor
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
www.john-marten-tailor.com
E-mail: Martin.Tailor@web.de
Titelbild: ©Bianka Baumhöfner
Umschlaggestaltung: Michael Preissl, www.voodoo-press.com
Verlag: Martin Schneider
Windelsbleicher Str. 195a
33659 Bielefeld
Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin
SINODIS
Die Auserwählte
Ein Roman von John Marten Tailor
Dieser Roman, seine Figuren und manche Orte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig. Historische Details wurden von mir nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert, trotzdem kann ich für eine hundertprozentige Richtigkeit nicht garantieren.
Geschrieben aus dem Verlust einer Liebe ...
Die Auserwählte
Erster Teil
Zitat von Ovid in Ars Amatori
»Tief durchbebe das Weib im innersten Marke die Wollust, und es erfreue den Mann gleiches Entzücken mit ihr.«
Inhaltsverzeichnis
Prolog 7
01 – Hamburg 18
02 - Lagerhalle 27
03 - Nichts ist, wie es scheint 34
04 - Flucht 42
05 - Am Strand 53
06 - Der Aufstieg 67
07 - Über den Klippen 72
08 – Chambery 75
09 – Mehr Schein als Sein 81
10 – Versöhnung 89
11 - Die Zusammenkunft 92
12 – Entlarvt 96
13 – Unterschlupf 108
14 – Pläne 114
15 – Anspannung 126
16 – Aufbruch 131
17 – Unerwartet 135
18 – Paris 138
19 – Der Kontakt 140
20 – Der Schatz 146
21 – Unter Wasser 171
22 – Tauchgang 183
23 – Schock 197
24 – Neue Erkenntnisse 216
25 – Reich 251
26 – Entschluss 278
27 – Der Anschlag 289
. 298
28 – Training 299
29 – Ausgesetzt 319
30 – Härtetest 327
31 – Schießtraining 354
31.1 Bergung 358
31.2 Schießtraining 360
32 – Aufbruch 366
33 – Keine Zeit für Trauer 379
34 – Charlotte 384
35 – Denkzettel 391
36 - Countdown 399
37 - Hochzeitsgeschenk 410
38 - Offenbarung 431
Epilog 446
Danksagung 447
Prolog
Tag x, Mai
Ich lag hüllenlos schwitzend auf dem Bett, das war der derzeit herrschenden Schwüle in Norddeutschland geschuldet, und träumte immer noch von Jack. Von meiner Eroberung, die ein verdammtes Raubein aber auch ein Gentleman gewesen war. Nach der großen Enttäuschung in Hamburg, die gerade erst hinter mir lag, hatte ich von Männern nichts mehr wissen wollen, aber das Leben schrieb seine eigenen Gesetze. Auf Kuba hatte ich ihn kennengelernt, mich Hals über Kopf verliebt, was gar nicht meine Art war, und das in der ersten Urlaubswoche. Ich hatte im Treppenaufgang eines heruntergekommenen Hauses vor dem prasselnden Regen Schutz gesucht, ursprünglich auf der Suche nach einer typisch einheimischen Bar, die sich in unmittelbarer Nähe befinden sollte. Doch was ich stattdessen fand, stellte jegliche Erwartungen in den Schatten. Den Tipp mit der Bar hatte ich von einer erfahrenen Reisenden, einer Pool-Bekanntschaft, bekommen, um dem stereotypen All-Inclusive-Einerlei zu entfliehen. Bedauerlicherweise wollte sie mich nicht begleiten und so trat ich alleine den Fußmarsch von knapp zwei Kilometern an. Problemlos hätte ich auch ein Taxi nehmen können, aber es zog mich in die Freiheit, um die Luft des kubanischen Alltags zu schnuppern. Ich trug ein luftiges Sommerkleid und bequeme Espadrilles und fühlte mich mit meiner kleinen Umhängetasche bewaffnet bereit, Varadero zu erkunden. Auf dem Weg durch die Stadt öffnete der Himmel nach ein paar hundert Metern seine Schleusen für einen tropischen Regenguss, der in Sekunden bis auf die Haut vordrang. Als der Schauer endlich nachließ und ich es wagen wollte, meinen Unterstand zu verlassen, trat ein großgewachsener kräftiger Mann von links an mich heran und bat in akzentfreiem Englisch um Feuer. Ich schaute in seine braunen Augen und rang nach Luft. Ich hätte darin versinken können, daher verfiel auch ich automatisch ins Englische und stotterte:
»Sorry, ich habe kein Feuer. Ich rauche nicht.« Der Duft seines Rasierwassers hüllte mich ein, und ich begann tatsächlich, mich zu einem wildfremden Menschen hingezogen zu fühlen. Was war nur mit mir los? Jetzt bloß die Contenance bewahren. Er hatte offenbar nicht bemerkt, dass ich mich wie eine Idiotin benahm. Glück gehabt. Er sah umwerfend aus, wie er dastand, die Haare von der Luftfeuchtigkeit wirr. Ich spürte die Wärme seiner Hand auf meinem Rücken, die eine Welle der Sinnlichkeit durch meinen Körper jagte. Er presste dreist die Lippen auf die meinen, zärtlich, unmissverständlich, hielt mich an den Hüften fest. Er hätte eine Ohrfeige verdient, doch er küsste zu gut. Sollte ich davonlaufen oder es genießen? Ich entschied, es zu genießen, so lange es dauerte. Nur ein einziger Kuss von ihm setzte alle Regeln außer Kraft, die mir bisher heilig waren. Mein Herz raste, Sehnsucht regierte das Geschehen und im Geiste wünschte ich mir einen Stall voller Kinder von ihm. Ich hatte sie immer für dummes Geschwätz gehalten, die Sache mit der Liebe auf den ersten Blick, doch nun schien es mich gepackt zu haben, ich war Sklavin meiner Gefühle, sie hatten das Kommando übernommen.
»Kannst du haben, Kleines«, kam prompt die Antwort. Was? Bitte sag, dass ich das nicht laut ausgesprochen habe! Oh Gott! Ich quietschte auf, als er mich mit einer Leichtigkeit hochhob, als wäre ich eine Feder und keine erwachsene Frau von fünfzig Kilo. Ich wollte protestieren, doch der Blick in sein schelmisches Gesicht ließ mich alle Vorsicht vergessen. Mit einem charmanten Lächeln trug er mich durch ein dunkles Treppenhaus und die knarzende Treppe des gleichen alten Hauses hinauf. Oben schloss er eine Tür auf und stieß diese wenig später mit der Ferse wieder zu, als wir in einem schmalen Flur standen, von dessen Wänden die Farbe in großen Placken abblätterte.
Herrje, kann mir mal jemand verraten, was ich hier eigentlich mache? Ein Kerl lächelt dich an und du wirfst alle Vorsicht über Bord? Mama wäre stolz auf dich.
»Eine schicke Wohnung hast du«, ließ ich ablenkend verlauten, als er mich in seiner Küche wieder auf meine Füße stellte.
»Möchtest du einen Kaffee?«
»Ja, gerne«, entgegnete ich hölzern und kaum hörbar. Eigentlich hatte ich sagen wollen: »Für einen Kaffee würde ich sterben.« Er lehnte sich an mir vorbei, um Tassen aus dem Hängeschrank hinter mir zu nehmen. Oh Mann, riecht der gut, schoss es mir durch den Kopf.
»Du aber auch.« Er küsste mich einmal mehr. Hatte ich das schon wieder laut ausgesprochen? »Hast du.«
»Verdammt!« Mein Blutdruck hatte Hochkonjunktur. Das Zimmer drehte sich in einem Schwindelanfall, mein Schoß verlangte nach ihm.
»Wie heißt du eigentlich? Ich finde es an der Zeit, uns vorzustellen.«
»Amily«, fiepte ich wie eine winzige Maus. »Und wie heißt du?«
»Man nennt mich Jack. Hier ist dein Kaffee, Amily. Woher hast du deinen schönen Namen?« Schweratmend antwortete ich:
»Von meiner Mutter!« Oh nein, in Gedanken schlug ich mir die flache Hand vor die Stirn. Das war an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten. Ich biss mir auf die Unterlippe. Ein amüsiertes Funkeln trat in seine Augen.
»Ein seltener Name. Woher stammt der?«
»Aus dem Französischen, soweit ich weiß.« Er lehnte bequem am Küchentresen und trank seinen Kaffee, ohne seinen Blick von mir abzuwenden.
»Ach so.«
»Meine Mutter hat französische Wurzeln. Und du? Bist du etwa Kubaner?« Ich nippte an dem starken Gebräu.
»Nein, Halb-Spanier.«
»Ach, echt?« Er nahm meine freie Hand, zog mich an sich und küsste mich erneut so unverschämt gut, dass ich weiche Knie bekam. »Vorsicht!«, rief ich und knallte die Tasse auf die Ablagefläche der Küche, dass der Kaffee herausspritzte. Er umschlang mich mit beiden Armen und bedeckte meinen Hals mit Küssen. Ich schloss die Augen. Seine Hände glitten zu meinen Hüften hinunter und ich erschauderte. Es war ein angenehmes Schaudern, aber die Situation wurde brenzlig.
»Olè!«, rief ich aus, eines der wenigen spanischen Worte, die ich fehlerfrei verwenden konnte. »Ich sollte vielleicht besser gehen ...«, versuchte ich, mich aus der Affäre zu ziehen. Mein Innerstes war in Aufruhr, ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, mein Magen protestierte nervös. Das machte mich noch kribbeliger, während diese wunderbaren Hände leicht um mein Steißbein kreisten und ich dabei war, mich immer mehr in diesen Mann zu verlieben - in einen völlig Fremden, in dessen Wohnung ich mich befand, in einem exotischen Land. Das ungewohnte Klima musste schuld sein, oder der Jetlag, daheim wäre mir so etwas im Leben nicht passiert.
»Hast du eine Verabredung?«
»Ja! – Ja, hab ich«, log ich. Jack war keinesfalls entgangen, dass ich ihm hoffnungslos verfallen war. Er zog mich seelenruhig und mit einer Selbstverständlichkeit, die mich erschreckte, in sein Schlafzimmer. Dort öffnete er den Reißverschluss meines Kleides, streifte mir unter Küssen das Blümchenkleid von den Schultern und betrachtete mich eingehend. Er ging auf die Knie und schob mir im Zeitlupentempo die Panty von meinen Hüften. Seine Hände streichelten über die Hüften zu meinem Po, sein Mund bedeckte liebevoll meinen Intimbereich. Wie konnte ich meine Erregung jetzt noch verbergen? Mein Schoß hatte seine eigenen Gesetze und bereitete sich auf eine Verköstigung der Superlative vor. Jack stand nun wieder aufrecht vor mir, erwiderte meinen Blick, jedoch nicht, ohne vorher seine magischen Augen bewundernd über meinen athletischen Körper wandern zu lassen.
»Amily, du bist eine wunderschöne Frau.« Geschmeichelt und ermutigt zugleich knöpfte ich automagisch sein Leinen-Hemd auf und streifte es von seinem muskulösen Oberkörper. Ich öffnete seinen Gürtel und ließ seine schwarze Stoffhose auf die Holzdielen fallen. Meine Hände streichelten über seinen Bauch bis hin zu seinem erregten Penis unter der Boxershorts. Ich tat so, als wäre ich nicht überrascht. Immer wieder musste ich Jack küssen. Langsam wanderten meine Lippen nach unten zu seiner Brust, seinem Bauch und zu seinem harten Glied unter dem Stoff. Dabei vernahm ich ein wohliges Aufstöhnen, das er gewiss nicht hatte preisgeben wollen. Also hatte auch Jack weiche Knie bekommen. Ich streifte ihm bewusst langsam seine Unterwäsche von den Hüften, betrachtete ihn nun genauer - und war beeindruckt. Sanft knetete ich seinen Penis mit warmen Händen, ihn hingebungsvoll liebkosend. Unweigerlich stöhnte Jack auf.
»Jack, du bist ein schöner Mann.« Seine Erregung stand plakativ vor mir und er grinste.
»Du unanständiges Mädchen.«
»Und das bin ich gerne, Jack«, erwiderte ich provozierend. Wenigstens hatte ich inzwischen meine Stimme wiedergefunden und stand auf. Ich legte meine Arme auf Jacks Schultern, zog ihn so nah, wie die physikalischen Gesetze es zuließen, an mich heran, unser warmer Atem vermischte sich mit der Neugier aufeinander. Sein steifes Glied zwängte sich zwischen meine Beine, berührte meine empfindlichste Stelle. Bloß nicht in Ohnmacht fallen, flehte ich innerlich und kniff die Augen zusammen. Ich atmete stoßweise durch den Mund. Jack hielt mich, streichelte meinen Rücken. Meine Beine vermochten mich längst nicht mehr zu tragen. Er fasste unter meinen Po und hob mich etwas höher und drang ganz behutsam, aber unerhört tief in mich ein. Die Festspiele der Lust waren eröffnet und die Gefühle übernahmen das Kommando. Wie von Sinnen verschaffte ich uns mehr Lust, indem ich mein Becken auf und ab bewegte. Sein Mister Jack erteilte mir die erste Unterrichtsstunde zum Thema Stellungen. Jack brachte uns auf dem Bett in die Horizontale und das unbändige Verlangen nach ihm stellte nach wenigen Minuten meine Lust zur Schau. Die Phase der absoluten Ekstase ließ nicht lange auf sich warten. Wir bettelten einander um mehr an und verschmolzen miteinander. Ein altmodischer Deckenventilator rackerte sich damit ab, einen kühlen Luftzug über uns zu hauchen, während unser lautes Stöhnen Jack und mich in eine unbekannte Welt riss.
Er hatte mich gefunden. Ich schaute unentwegt in seine Augen, die ein Spiegel seiner Seele darstellten. Das Knistern war nahezu greifbar, wir wollten es jetzt zu Ende bringen. Ich spürte seine erregten Blicke, seine Hitze und meinen Schweiß, der aus sämtlichen Poren rann. Er leckte das salzige Nass von meiner Haut. Jetzt sollte ich Jacks ganze Energie zu spüren bekommen. Die Flut der Gefühle stürzte mich ins Chaos, meine alte Welt existierte nicht mehr. Noch nie hatte mich ein Mann dermaßen in Ekstase versetzt. Doch Jack konnte meine verborgensten Wünsche lesen.
Die erste Lust war gestillt. Nachdem wir gemeinsam den Höhepunkt erlebt hatten, küssten wir uns zärtlich. Ich flüsterte in sein Ohr: »Ich bin längst nicht fertig mit dir.«
»Das glaube ich dir gerne«, antwortete er amüsiert, dann ließ er von mir ab und ging in die Küche, um etwas zu trinken. Ich folgte ihm, stellte mich dicht hinter ihn und umschlang seinen muskelbepackten Oberkörper, sodass sich meine Brüste gegen sein Kreuz pressten, streichelte ihm liebevoll über den flachen Bauch.
»Du böses, böses Mädchen.«
»Ach, findest du? Ich war bloß von dir und deinem - du weißt schon - von Mr. Jack so überwältigt, ich konnte gar nicht anders ... Na ja, ich habe lange keinen so zärtlichen Mann mehr gehabt.« Er schaute fragend. »Ich bin noch nie so innig, so leidenschaftlich geliebt worden, Jack.«
»Noch nie? Ich bitte dich. Das machen doch alle Männer so«, behauptete er, aber ich senkte den Kopf. »Hey, Kleines. Was ist denn?«
»Nein, das ist es ja. So wie du, Jack, lieben nur wenige Männer.« Dabei strich mein Zeigefinger über seine vollen Lippen.
»Das muss mein südländisches Temperament sein«, feixte er und leitete bewusst oder unbewusst einen Themenwechsel ein. Ich hatte keine Lust über die leidige Thematik zu sprechen, denn damit hätte ich weder mir noch meiner Eroberung einen Gefallen getan. Schließlich war daran vor kurzem meine letzte Beziehung gescheitert.
»Das wird es sein. Küss mich einfach«, bat ich. Er sah mich erst nur schweigend an, so als müsse er über etwas nachdenken, dann sagte er:
»Nichts lieber als das. Dann komm mit.« Nebenan legte ich mich erwartungsvoll auf das Bett. Seine Hände brachten meine Haut zum Prickeln und versetzten mich in absolute Alarmbereitschaft. Er küsste meine Brüste und lächelte genießerisch. Dann beugte er sich über mich und schenkte mir einen sinnlichen Kuss. Als ich meine Augen öffnete, setzte er ein freches Grinsen auf.
»Was ist los, Amily?«
»Nichts, mach weiter! Ich habe es nie für möglich gehalten, so zu empfinden. Ich habe einfach nicht mehr daran geglaubt, Jack.« Wir lagen auf der Seite und schauten uns verliebt an. »Du siehst glücklich aus.«
»Ja, das bin ich.«
»Und ich verdurste gleich«, ließ ich ihn wissen. Jack holte eine neue Flasche Wasser, öffnete sie und trank, ohne mir etwas anzubieten. Meine bösen Blicke reichten aus, mir die Flasche Wasser zu überreichen. Dann legte er sich hinter mich und liebkoste meinen Nacken. Die Gänsehaut ließ nicht lange auf sich warten, er hörte nicht auf, meinen Rücken zu streicheln. Der warme Atem verriet mir trotz geschlossener Augen seine unmittelbare Nähe, es kribbelte überall. Ich rieb meinen Po an seinem Penis, doch er schlief ein - und ich? Ich war überglücklich, einen zärtlichen Liebespartner gefunden zu haben, der eine solche Leidenschaft mit mir teilte. Mit diesem wohligen Gedanken glitt auch ich ins Land der Träume.
Wir schliefen lange. Der schöne Mann hatte Frühstück zubereitet: Croissants, rein zufällig mit meiner Lieblingsmarmelade Waldfrucht, Rührei und frisch gebrühten Kaffee.
»Mmh, schmeckt das gut.« Ich lächelte Jack zufrieden an.
»Viel besser als im Hotel.« Als ich aufstand, um ins Bad zu gehen, wurde ich meiner wackeligen Beine vom Sex gewahr. Verträumt betrachtete ich mein Abbild im Spiegel. Die Frau darin war eine ganz andere Amily. Eine glückliche, braungebrannte Person, die ein gewisses Strahlen umgab. Leider hatte ich weder eine Zahnbürste noch sonstige Pflegeprodukte dabei, daher spülte ich mir nur den Mund aus und richtete mein Haar so gut es ging. Gut gelaunt ging ich zurück in die Küche, aber Jack war mit unseren Kaffeetassen ins Schlafzimmer umgezogen. Ich beugte mich nackt über ihn, völlig frei und sehr vertraut. Er strich spielerisch über meinen Po und glitt dann mit einem Finger in mich.
»Jack, nicht!« Ich keuchte auf, fragte mich gleichzeitig, ob ich mehr wollte, was ich bedingungslos bejahen konnte. Allerdings wollte ein Teil von mir meinen Adonis gern näher kennenlernen, bevor ich mich noch weiter auf ihn einließ. Er hingegen hinterließ eine Spur der Lust an meinem G-Punkt, als er seinen Finger aus mir herauszog und ablutschte. Bei diesem Anblick war es schier unmöglich, nicht mehr zu wollen. Er hatte meinen schwachen Punkt gefunden, von Gefühlen überwältigt kniff ich die Beine zusammen. Ich spürte die Röte meine Wangen hochkriechen, aber ich hatte Prinzipien.
»Jack, die letzte Nacht war unglaublich aufregend. Niemals hätte ich erwartet, so etwas hier zu finden und ich habe mich, glaube ich, ernsthaft verliebt.« Zur Bestätigung überschüttete ich ihn mit Küssen.
»Wow«, kam von ihm als Antwort. »Glaubst du?«
»Ja«, ich strich eine imaginäre Haarsträhne aus meinem Gesicht. Obwohl er jedes Detail meines Körpers gesehen hatte, war es mir trotz allem peinlich, mein Seelenleben vor einem Mann auszubreiten, den ich keine vierundzwanzig Stunden kannte. Wie albern. Außerdem fürchtete ich mich vor dem Zeitpunkt des Abschieds. »Ich glaube, meine Beine sind aus Pudding«, meinte ich nur, um etwas zu sagen und lachte auf.
»Wenn du mich doch in Hamburg besuchen könntest! Ich weiß, dass es viel zu weit weg ist. Aber ich möchte dich besser kennenlernen. Ich schreibe dir meine Adresse auf. Moment.« Dann notierte ich die Anschrift auf einer Ansichtskarte, die ich geplant hatte zu verschicken.
»Das werde ich tun, verlass dich darauf. Wie wäre es, soll ich dir ein heißes Bad einlassen? Danach geht es auch deinen Beinen wieder besser.«
»Prima Idee.« Während die Wanne volllief, legte ich meine Silberkette, die mit einem mythischen, uralten Symbol versehen war, auf die Ablage. Die genaue Bedeutung oder den Ursprung des Symbols hatte ich trotz Internetrecherche bislang nicht herausfinden können, aber irgendwann würde die Zeit dafür kommen. Das Erbstück meiner Mutter bedeutete mir sehr viel und ich hütete es wie meinen Augapfel. Das Wasser war nun wohltemperiert und von einer Schaumkrone bedeckt. Ich glitt hinein, dachte aber immer nur an den Einen. Ich verfiel abermals der Lust und gab mich ihr hin. Schon wieder erreichte ich den Höhepunkt und hoffte, dass Jack mich nicht gehört hatte. Ich lehnte mich zurück, dann fielen mir die Augen zu.
Wie lange war ich jetzt schon im Bad? Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren und musste eingenickt sein. Anscheinend schon sehr lange, denn meine Haut an den Fingerkuppen war aufgeweicht wie die einer Wasserleiche. Ich spülte rasch den Schaum weg und trocknete mich ab, dabei umfing mich eine eigenartige Stille. Ich rief nach meiner Eroberung, aber es regte sich nichts. Ich ging ins Schlafzimmer zurück, um nach ihm zu schauen, aber von Jack keine Spur. Alles, was ich vorfand, war eine Holzpuppe mit meinen Kleidern darauf ... Das Zimmer war im wahrsten Sinne des Wortes leer. Wie konnte das sein, war ich doch gerade erst ins Bad gegangen?
Ich nahm zitternd meine Sachen von der Schneiderpuppe, zog mich verunsichert an und fragte mich, wo verdammt noch mal Jack war. Aufgelöst lief ich in die Küche, aber auch die wirkte unbewohnt, ausgeräumt. Alles, mit dem wir in Berührung gekommen waren, war fort. Keine Spur verriet die Anwesenheit eines Bewohners. Wie war das möglich? Waren die letzten vierundzwanzig Stunden nur ein Traum gewesen? Aufgeregt und panikerfüllt rief ich unaufhörlich nach ihm ... Jack. Meine Worte hallten in den kargen Räumen und verdeutlichten bloß die Trostlosigkeit des Ortes. Ich verstand die Welt nicht mehr. Auf dem Weg zur Tür fand ich einen Zettel, nach dem ich mich bückte und auf dem stand:
Ich werde dich finden, egal wo du bist. Versprochen. Kuss Jack.
Mein Herz machte einen Hüpfer. Ich zog die Tür hinter mir zu, lief hurtig nach unten, und natürlich war ich immer noch auf Kuba, in meinem verdammten Traumurlaub. Die Sonne stand bedenklich tief und ich musste zusehen, dass ich in mein Hotel kam, bevor es dunkel wurde.
01 – Hamburg
Von meinem Traumurlaub zu Hause in Hamburg in meiner Zwei-Zimmer-Wohnung in bester Innenstadt-Lage angekommen, dachte ich darüber nach, den Mann meiner Träume gefunden und gleich wieder verloren zu haben. Kein Wunder, dass ich mich einfach nur hundsmiserabel fühlte und unsagbar enttäuscht war. Immer noch kämpfte ich gegen die Tränen an, betrat die kleine Wohnung, die ich mein Eigen nannte, warf vor Verzweiflung Koffer und Handtasche achtlos in den Flur, zerrte mir die Klamotten vom Leib und stieg erst einmal unter die Dusche. Der Schweiß der anstrengenden Reise wollte abgewaschen werden, aber die Enttäuschung blieb. Ich heulte mir die Seele aus dem Leib, wimmerte leise unter der Dusche:
»Bitte, Jack, wo bist du? Bitte, bitte.« Mein Mantra der letzten Tage. Ich werde dich finden, egal wo du bist. Was hatte ich von einer Urlaubsliebelei erwartet? Den Mann fürs Leben? Dabei hatten wir noch nicht mal viel miteinander gesprochen. Was wusste er von mir? Was wusste ich von ihm? Nur seinen Vornamen. Ich stellte das Wasser ab und cremte mechanisch meinen Körper ein, dabei registrierte ich verspätet, dass in Deutschland mittlerweile der Frühsommer Einzug gehalten hatte. Der Kalender wies den Monat Mai aus, das Thermometer zeigte 26 Grad. Rasch verfasste ich eine SMS an meine Mutter Sophie im Elsass mit den Worten:
Bin gut angekommen, habe Jetlag. LG.
In Gedanken versunken räkelte ich mich auf meinem Bett. Die Erinnerungen wirbelten durch meinen Schädel wie ein Tornado, kreisten immer noch um den Einen, es war zum Verrücktwerden. Ich sehnte mich doch nach ihm, streichelte mich selbst, versuchte, meinen Bauch zu beruhigen, der allein bei der Erinnerung an Jack nervös wurde. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn er hier bei mir wäre, mich glücklich machen könnte. Dann schlief ich unzufrieden ein.
Am kommenden Morgen weckten mich die Düfte von Kaffee und warmen Brötchen. Ich schnupperte. Das konnte nicht stimmen, denn ich lebte alleine. Wer sollte mir Frühstück machen? Mir ging es miserabel, ich musste wohl im Schlaf geweint haben, denn meine Augen waren ganz verschwollen. So konnte das nicht weitergehen! Ich folgte dem Wohlgeruch in die Küche und erstarrte vor Schreck. Auf dem Tisch standen wahrhaftig dampfender Kaffee und Brötchen, frisch vom Bäcker. Mir schwante Böses. Ich schrie auf und rannte zur Tür, um zu schauen, ob diese verschlossen war. Dort klebte ein Zettel:
Mach bitte immer deine Tür zu. Ich hoffe, das mit dem Kaffee und den Brötchen ist dir recht. Habe dich die ganze Nacht weinen gehört. Gruß Marten.
Nicht doch. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Ich sackte zusammen. Was hatte Jack mit mir angestellt, dass ich sogar meine Wohnungstür offen stehen ließ? Mir fiel das Atmen schwer, mein Herz raste wie wild vor Aufregung, doch nach einer Weile hatte ich mich halbwegs beruhigt und ging zum Frühstücken in die Küche. In drei Tagen würde ich auf der Arbeit erwartet werden - in meinem jetzigen mentalen Zustand und mit den rot verquollenen Augen undenkbar. Ich konnte die Lästereien der Kollegen im Büro schon in meinen Ohren klingeln hören. Ich arbeitete in einem produzierenden Betrieb, der seine Eigenkonstruktionen in Sachen Anlagenbau vermarktete, als Maschinenbau-Ingenieurin und kämpfte mich erfolgreich durch diese rein von Männern dominierte Welt. Dabei gehörte meine eigentliche Leidenschaft der Archäologie. Von Kindesbeinen an wollte ich in die Fußstapfen großer Archäologen treten, forschen, mit den eigenen Händen etwas ausgraben, um einen der Funde schlechthin zu machen: den Schatz Alexander des Großen. Nur meiner alleinerziehenden Mutter Sophie zuliebe, die meinte, ich solle etwas Vernünftiges lernen, hatte ich Maschinenbau studiert und es machte mir Spaß.
Ich zog mir einen Slip über, mehr nicht, denn es war mittlerweile brütend heiß geworden. Verträumt ging ich zur Balkontür, die Kaffeetasse in der Hand, schob die Gardine zur Seite, lugte vorsichtig durch die Scheibe. Von meinen Nachbarn war niemand zu sehen, was mir sehr entgegenkam. Ich öffnete die Balkontür vollständig, eine leichte Brise wehte in das stickige Wohnzimmer. Endlich ein Hauch Luft. Doch nicht nur das. Da war auch noch etwas anderes. Ich zog die Gardine zu und wandte meinen Blick in Richtung Geräuschquelle. Der Schreck fuhr mir erneut in die Glieder.
»Du?« Jack stand in meiner Wohnung, als wäre es das Natürlichste der Welt. Als Nächstes wurde mir ganz schummrig.
Ich fand mich auf dem Sofa wieder. Meine Sicht nahm an Schärfe zu. Wie kamen die Blumen auf den Tisch? Da stand ein wunderschöner Strauß, der einem das Herz aufgehen ließ. Ein mir bekanntes Gesicht beugte sich über das meine. Überrumpelt von diesem Anblick brachte ich kein Wort über die Lippen.
»Hallo Amily!« Die Stimme passte zu dem Bild, aber wie hatte er ohne Schlüssel meine Wohnung betreten können?
»Ich glaub, ich spinne! Wo kommst du denn her?« Die geballte Wut kam von ganz tief in mir hoch und ich schrie den Mann an, den ich so sehr mochte: »Du Schwein, was hast du getan? Ich war ganz alleine! Kuba war die Hölle für mich, nachdem du weg warst.« Ich sank in Jacks Arme und schluchzte.
»Ich habe doch versprochen, ich finde dich«, murmelte er kleinlaut und streichelte über mein Haar. Sicher hatte er sich das Wiedersehen etwas anders vorgestellt, aber ich konnte nicht aus meiner Haut. »Wer konnte denn ahnen, dass du gleich umkippst, wenn du mich siehst.«
»Das …, das lag nur daran, weil ich zu wenig getrunken habe«, log ich. »Da macht mein Kreislauf nicht mit.«
Er brachte mich ins Schlafzimmer, entkleidete sich und schmiegte sich dicht an mich. Ich spürte die Hitze seines Körpers, wimmerte verletzt und verliebt zugleich:
»Hast du überhaupt eine Ahnung, was du mir damit angetan hast, du Schuft? Weißt du das?« Wahrscheinlich wusste er es nicht. Wie konnte er ahnen, wie schrecklich die restlichen Urlaubstage nach unserer Begegnung für mich gewesen waren? Wie ich wie ein Zombie durch die Gegend gewandelt bin, mein Gesicht hinter einer riesigen Sonnenbrille aus dem Souvenirshop verborgen? Wie ich von Appetitlosigkeit geplagt vor dem ausladenden Buffet gestanden und zu einem Stückchen trockenem Baguette gelangt hatte? Wie konnte er auch? Ich schlug blindlings auf ihn ein, bekam einen Weinkrampf, aber er sagte noch immer keinen Ton, als hätte ihm jemand die Zunge rausgeschnitten.
»Ich liebe dich und du verschwindest ohne ein Wort! Jetzt sag doch mal was! Du machst mich wahnsinnig.« Abermals sank ich schluchzend in seine Arme. Er hörte mir schweigend zu, küsste ganz zärtlich meine Schulter. Ich fauchte: »Lass das! Gib mir lieber endlich eine Antwort.« Stattdessen wiegte er mich beruhigend, gab mir ein Gefühl von Geborgenheit und letztendlich schlief ich ein.
Jacks Schnarchen holte mich irgendwann aus dem Schlaf. Ich schaltete die Nachttischlampe ein und entdeckte eine frische Wunde an seinem Oberkörper, die mir bisher nicht aufgefallen war, weil ich mich viel zu sehr in meinen Schmerz hineingesteigert hatte. Wer hatte ihm so zugesetzt? Er flehte im Schlaf: »Tut ihr nichts!«, um dann zu verstummen. Ich streichelte vorsichtig über seinen geschundenen Körper, drehte ihn behutsam auf den Rücken, um zu sehen, wie viele Narben er noch davongetragen hatte. Verdammt, ich zählte fünf Wunden und faustgroße Blutergüsse. Ich schmiegte mich eng an, um ihm das Gefühl von Sicherheit zu geben. Die restliche Nacht schliefen wir tief und fest durch.
Als ich erwachte, war es an der Zeit, Klartext zu reden.
»Jack, aufwachen! Wir haben etwas zu klären!«, keifte ich ihn an. Er schaute mich aus verschlafenen Augen an.
»Moment, Amily, bitte.« Er hielt mich eng an seinen Körper gepresst und flüsterte mir ins Ohr: »Ich liebe dich wie verrückt, das musst du mir glauben. Ich habe nur versucht, die Gefahr abzuwenden, aber das erkläre ich dir später. Ich kann dir nur eins sagen: Seitdem ich dich getroffen habe, ist alles anders für mich.«
»Auf die Erklärung bin ich gespannt«, giftete ich, doch er küsste mich sanft.
»Entspann dich.«
»Na, du bist gut!« Mein Schoß stand in Flammen. Küsse, die liebevoller nicht sein konnten, ließen meinen Zorn verrauchen. Gerade als ich anfing, mich ihm hinzugeben, begannen seine Arme unkontrolliert zu zittern und er sank in die Bewusstlosigkeit.
»Oh nein! Jack, was ist? Sag doch was, verdammt!« Nichts. Ich zog mir in Windeseile einen Morgenmantel an und alarmierte meinen netten fürsorglichen Nachbarn Marten von gegenüber, der als Arzt in einem Krankenhaus in der Stadt arbeitete. Er sah nach Jack und meinte lapidar:
»Der hat ganz schön was einstecken müssen, aber das wird wieder. Herz und Puls sind in Ordnung. Es sieht schlimmer aus, als es ist. Keine Sorge, Amily.«
»Ich danke dir, Marten«, sagte ich und brachte ihn zum Ausgang. »Dafür, dass du nach Jack gesehen hast – und für das andere auch.« Gerade als ich die Tür schließen wollte, streckte mir eine behandschuhte Hand eine Pistole entgegen. Ich war wie erstarrt. Jack stand mittlerweile im Flur und schrie:
»Mach die verdammte Tür zu!« Ein Schuss löste sich, als ich mich aus meiner Starre erwacht gegen das Türblatt stemmte, und mit letzter Kraft die Tür ins Schloss rammte, so dass die Pistole klappernd direkt vor meinen Füßen landete. Komisch, der Schuss war gar nicht so laut, wie man das als Laie erwartete. Im nächsten Moment lag ich im Flur, sah eine ganze Menge Blut und wusste nicht, wie mir geschah.
»Amily!«
Ich starrte auf das Blut, das meinen Oberarm entlang rann. »Da ist überall Blut!«
»Halb so wild, nur ein Streifschuss«, versuchte Jack mich zu trösten, dabei war er so kreidebleich, als hätte er einen Geist gesehen. Ich atmete immer schneller.
»Oh, toll. Ich … verstehe nur nicht, … warum man auf uns schießt. Wir müssen die Polizei rufen.«
»Nein! Vertrau mir, die brauchen wir nicht.«
Jack schleifte mich ins Schlafzimmer, ich hinterließ einen Blutstreifen auf dem Laminat. Er legte mich auf die Matratze, dann musste er selbst kurz verschnaufen.
»Es tut so weh.« Mein Oberarm brannte wie Feuer. Der Schmerz war mit nichts vergleichbar, das ich kannte, er strahlte bis in die Schulter aus. Schließlich wurde unsereins nicht jeden Tag angeschossen.
»So, dann wollen wir mal sehen.« Er hatte den Verbandskasten im Flur gefunden und presste Mullbinden auf die blutenden Wunden auf Höhe meines Schlüsselbeines und fixierte alles mit Pflastern. »Fertig. Du bist sehr tapfer, Amily.« Ich lächelte schwach.
»Nein, bin ich nicht. Bist du auch verletzt?«, fragte ich besorgt. Kopfschüttelnd antwortete er:
»Nein. Du bist wichtig, nur du.« Er gab mir einen Kuss.
»Jack?«
»Ja, Amily?«
»Für dich würde ich sterben.« Er sah mich lange an, bevor er entgegnete:
»Ich weiß. Ich auch für dich. Liebe dich, okay?« Dann wurde mir schwarz vor Augen.
Zwei Tage später erwachte ich. Sofort durchbohrte der Schmerz meinen geschwächten Körper und erinnerte mich daran, was passiert war. Es musste später Vormittag sein, so wie das Licht durch das Schlafzimmerfenster fiel. Von Jack keine Spur. Nicht noch mal! Vor Wut darüber, dass er noch mal abgehauen sein könnte, hievte ich meinen malträtierten Leib aus dem Bett und schleppte mich mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Küche. Wehe … »Jack?« Er saß auf einem Stuhl, das Kinn auf der Brust. Er musste über mich gewacht haben, bis ihm die Augen zugefallen waren.
»Komm ins Bett, Jack. Du musst dich ausruhen. Wie lange sitzt du denn da schon?« Er schlug die Augen auf, murmelte etwas wie: »Ich muss eingeschlafen sein«, stand auf und folgte mir wie in Trance ins Schlafzimmer. Jetzt war es an mir, über ihn zu wachen, also legte ich mich zu ihm. Er drehte sich um, nahm mich in den Arm, wobei er seine morgendliche Erregung kaum zu verbergen vermochte.
»Jack, ich hatte tierische Angst um dich, ich will das mit uns nicht missen.« Ich küsste seine vollen Lippen.
»Ich will dich auch nicht missen.« Er sagte das so überzeugend, ich glaubte ihm auf Anhieb.
»Aber ich verstehe einfach nicht, was das alles soll! Warum hat Marten auf uns geschossen? Es muss Marten gewesen sein.«
»Marten?« Jack klang verwirrt.
»Der Arzt. Mein Nachbar!«
»Ach so. Kann mir auch nicht vorstellen, warum.«
Nachdem wir ein paar Stunden geruht hatten, stand ich auf, um uns mit den Resten, die ich noch im Haus hatte, ein schönes verspätetes Frühstück zu zaubern. Es war kein üppiges Mahl, eher etwas für den kleinen Hunger, denn obwohl mein Arm weniger wehtat, fielen mir die alltäglichen Handgriffe nicht so leicht wie normal. Ich wollte Jack gerade rufen, da stand er schon im Adamskostüm direkt hinter mir. Überall Muskeln. Was für ein Mann! Schnell wendete ich den Blick ab, nahm die H-Milch aus dem Kühlschrank und schenkte Kaffee ein. »Ich wollte dir gerade Bescheid sagen. Es gibt was zu essen.« Er presste seinen verschwitzten Körper an meinen.
»Meine kleine Amily, ich bin zum ersten Mal in meinem Leben wahrhaftig verliebt, ich kann nicht beschreiben, wie sehr. Und das seit dem ersten Moment, als ich dich gesehen habe.«
»Ach, Jack! Wie romantisch.« Bitte sag das nur, wenn du es auch so meinst, flehte ich in Gedanken. Ich wandte mich ihm zu, reichte ihm den Becher, betrachtete ihn im Ganzen, so wie er es mit mir gemacht hatte, lehnte mich zurück und genoss nicht nur den Kaffee, sondern den Anblick von Mr. Jack. Bei dieser Gelegenheit gestand ich Jack, dass es vorher keinen Mann in meinem Leben gegeben hatte, bei dem ich auch nur annähernd ein so ausgeprägtes Verlangen nach Sex und Liebe empfand. Er starrte mich nur verständnislos an.
»Aber was sage ich. Genug davon, sonst kommen mir gleich die Tränen. Also, was machen wir Schönes?«
»Wollen wir an der Elbe spazieren gehen? Soll schön sein, hab ich gehört. Und dann vielleicht eine Kleinigkeit essen?«, schlug Jack vor. »Vorausgesetzt du fühlst dich gut genug, natürlich.« Freudig erwiderte ich:
»Die Schmerzen haben schon nachgelassen. Also gern. Ich brauche nur fünf Minuten.« Ich hatte vor, seine Blicke zu schärfen, und zwar so, dass ihm später als einzige Option der Weg ins Schlafzimmer blieb. Deshalb suchte ich das schönste Minikleid aus, das ich besaß, dazu passend eine dünne Jacke, falls es kühl werden sollte, kombiniert mit Sneakers. Ich gab Jack lächelnd einen Klaps, als ich an ihm vorbeiging, schlich in den Flur und schaute durch den Türspion.
»Was machst du, Amily?«
»Die Luft ist rein. Wir können gehen.«
02 - Lagerhalle
Ich nahm ein Stück schwarzes Klebeband aus dem Schubladenschrank, öffnete die Tür und klebte damit Martens Türspion zu. Sicher ist sicher. Es lag auf der Hand, dass er derjenige gewesen sein musste, der den Schuss abgefeuert hatte. Keine Ahnung, weshalb er das tun sollte, zumal er mir kurz vorher noch Frühstück gebracht hatte. Ich vermutete zwar schon länger, eigentlich seit einem Nachbarschaftsfest vor zwei Jahren, dass Marten heimlich in mich verschossen war, aber als Mann war er leider gar nicht mein Typ - etwa gleichaltrig und ein erfolgreicher Arzt, aber sowas von langweilig.
»Komm, Jack, keiner da«, wisperte ich, schnappte mir noch meine Schlüssel, und dann stahlen wir uns durch den Hinterausgang. Die Sonne brannte hell und heiß, Jack fühlte sich unübersehbar wohl in meiner Begleitung. Wie sehr hatte ich mir einen Mann an meiner Seite gewünscht, der mich liebte, wie ich war. Wir schlenderten in Richtung des neuen Hafenviertels. Ich mochte dieses trendige Quartier mit der modernen, spannenden Architektur. Selbst als Einheimische entdeckte ich jedes Mal etwas Neues, und das wollte ich natürlich meinem Liebsten zeigen.
»Beeindruckend«, gestand mein Gast aus der Ferne.
»Nicht wahr? Gut, dass heute nicht so viel los ist. Muss an der Wärme liegen.« Ich blieb irgendwann mitten auf dem Gehweg stehen und Jack drängte sich nah an mich heran, um mir bei der Gelegenheit schelmisch ins Ohr zu flüstern:
»Hast du eigentlich immer so wenig an, Amily?« Ich errötete.
»N... nein Jack, das ist nur für dich. Das habe ich noch nie getan, ehrlich. Mein Verlangen nach dir ist gewaltig, trotzdem habe ich Angst, dass es nicht genug sein könnte.«
»Aber nein, was redest du da. Alles was du von Herzen gibst, ist genug.«
»Ja, schon, aber ich bin ständig hungrig auf dich, und das kenne ich nicht von mir. Es macht mich nervös. Du machst mich nervös.«
Es war kaum zu überhören, wie sich mehrere Gestalten um uns scharten und sich gar über uns lustig machten. Deren pöbelhafter Tonfall erregte meine Aufmerksamkeit.
»Sind sie nicht süß, die beiden? Da seid ihr ja, ihr Turteltauben. Haben wir euch endlich gefunden!« Ich stand wie erstarrt, unfähig zu reagieren, aber wenigstens mein Mundwerk funktionierte noch.
»Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht.«
»Halt die Klappe!«, befahl einer von ihnen. Jack schätzte die Lage ab, griff dann nach meinem Ellenbogen, um mich vor einer Dummheit zu bewahren. Wir waren umringt von etlichen Herren, die uns vor den Blicken der Passanten abschirmten und dann wenig zimperlich zwei Seile um uns schlangen. »Vorsicht, mein Arm!«, fauchte ich, und dann geschah, was ich nie für möglich gehalten habe. Mit einem Ruck wurden wir über die Kaimauer gezerrt, dann sechs Meter in das brackige Wasser des Hafenbeckens hinabgelassen – und niemand scherte sich darum. Ich zappelte nach Leibeskräften, fügte mir aber nur selbst Schmerzen zu.
»Jack! Hilfe!« Meine letzten Gedanken galten der Tatsache, dass ich den Gestank aus den Klamotten nie wieder herausbekommen würde, und dann ... erwachte ich mit dröhnendem Schädel in einer erbärmlich stinkenden Lagerhalle, in einer Affenhitze. Das Dach bestand aus einfachem Wellblech und hatte sich durch die Sonne aufgeheizt wie ein Backofen. Ich kannte solche Hallen, aber die Perspektive, aus der ich sie betrachtete, verwirrte mich. Ich drehte leicht den Kopf und stellte fest, dass man mich an Armen und Beinen aufgehängt hatte, wie in einem Schlachthaus. Der Schmerz von der Schusswunde, die wieder blutete, malträtierte mein Hirn. Über meine verhunzten Klamotten brauchte ich mir nicht mehr den Kopf zerbrechen, denn man hatte mich entblößt aufgehängt wie Schlachtvieh beim Metzger. Die Tatsache für sich genommen machte mich nur wütend. Als ich den Kopf anhob, sah ich Jack dort ebenso unbekleidet hängen – eineinhalb Meter von mir entfernt. Weit und breit war keine Menschenseele außer ihm zu sehen. Ich konnte aber nicht erkennen, ob er wach war. Die Halle war wohl seit langem verwaist, hatte etwas von einem in Vergessenheit geratenen Schrottplatz. Überall lagen leere Fässer, Kanister und Maschinenteile verstreut. Es gab Gruben für Maschinen wie beispielsweise monströse Pressen, die ein Betonbett benötigten. Damit kannte ich mich aus. Ich hatte ja Maschinenbau studiert. Den penetranten Geruch schrieb ich Diesel oder Altöl zu.
»Jack!«, rief ich. »Sag, was haben die mit dir angestellt?« Er hob mühsam seinen Kopf. Wenigstens war er bei Bewusstsein. »Du meine Güte, was ist mit deinem Gesicht passiert? Was wollen die von dir?« Es kostete ihn Mühe, zu antworten.
»Weiß nicht. Sie fragen ständig nach einer Rolle.«
»Rolle? Was für eine verdammte Rolle?« Ich verstand nur Bahnhof. Sämtliches Blut staute sich mittlerweile in meinem Kopf.
»Keine Ahnung. Wenn ich das wüsste. Wir müssen hier weg. Schaffst du es, dich mit den Armen aus den Gurten zu befreien? Es sind ungefähr drei Meter bis zum Boden. Wenn du deine Hände zusammenführen könntest, kannst du vielleicht die Schnalle öffnen.«
»Unmöglich, das schaffe ich nicht.«
»Komm, versuch es! Bitte, Amily, für uns. Bitte.« Ich atmete dreimal durch und hangelte mich dann an einer der Ketten hoch bis zur Schnalle. Mit dem kleinen Finger friemelte ich die Schnalle aus der Öse. Das tat weh. Und dann - fiel ich kraftlos in meine Ausgangsposition zurück. Auf diesen gewaltigen Ruck in den Handgelenken folgte ein heftiger Schmerz.
Jack fand immer wieder die richtigen Worte, um mich anzutreiben:
»Mach schon. Amily, du hast es gleich. Du bist ein starkes Mädchen«, sagte er, dann kam von ihm kein Laut mehr. »Nein, nein, Jack! Lass mich nicht im Stich.« Voller Verzweiflung entfesselte ich Kräfte, die mir bislang verborgen gewesen waren, packte die Kette, zog mich bis zur Schnalle hoch und schob den verdammten Stift aus dem Loch. Meine erste Hand war frei. Wenn ich eine Hand befreien konnte, dann auch die andere. Nach dem dritten Versuch konnte ich auch die zweite Schnalle lösen, holte Schwung und fiel, bis die Fußfessel mich stoppte. Was für eine blöde Idee, stellte ich schmerzerfüllt fest. Als ich da hing, sah ich das ganze Ausmaß von Jacks Verwundungen. Meine verletzte Seele schrie nach Vergeltung, wem auch immer diese galt. Mein Zorn überwand jegliche Grenzen der Physik. Den Oberkörper nach oben gestemmt, klammerte ich mich an der Kette fest. Mit letzter Kraftreserve – die Schusswunde blutete jetzt wieder stärker - öffnete ich die Schnalle, dabei glitt der Fuß heraus. Frei. Ich konnte mich nirgends mehr festhalten, die Ketten der Armfessel waren für mich nicht erreichbar, deshalb schnellte mein Körper nach unten. Es knackte heftig im Fußgelenk, doch die lederne Schnalle riss dabei ab. Aus einem Reflex heraus schützte ich meinen Kopf, krachte mit voller Wucht auf den harten Betonfußboden und verlor das Bewusstsein.
Nach einer gefühlten Ewigkeit schlug ich die Augen auf, sah Jack bewusstlos in den Ketten hängen. Selber kaum in der Lage, mich zu rühren, probierte ich, meine Hände aufzustützen, aber mein Körper gehorchte mir nicht. Ich hörte eine Tür schlagen, versuchte wegzukriechen, doch es ging nicht, meine Gliedmaßen waren nicht bereit, den nächsten Schritt zu tun. Also entschied ich einfach, die Augen geschlossen zu halten. Tote Frau spielen. Ich atmete möglichst flach. Nach den Schritten zu urteilen, handelte es sich um zwei oder drei Personen. Sie blieben vor mir stehen, diskutierten in einer Sprache von der ich annahm, dass es Spanisch sei, ich aber kein Wort verstand. Zugern hätte ich gewusst, worum es ging. Es wurde immer anstrengender, meine Atmung zu kontrollieren. Hört auf zu palavern!
Jemand schnappte meine Beine, schleifte meinen nackten, stark blutenden Körper über den schmirgelpapierartigen Betonfußboden. Nach einigen Metern ließen sie meine Füße fallen. Ich musste mich fürchterlich zusammenreißen, bei dieser zweifelhaften Methode keine Miene zu verziehen oder gar laut aufzuschreien. Kalter Schweiß benetzte jeden Quadratzentimeter meiner Haut. Mit geschlossenen Augen vernahm ich das Quietschen von Metallrollen, Ketten, die klirrend aneinanderschlugen. Daraus schloss ich, dass sie Jack herabließen, um wiederholt auf ihn einzuschlagen. Irgendetwas brach, ein dumpfes Geräusch, als würde ein Körper auf dem Beton aufschlagen. Einer der Männer murmelte:
»Wer hätte das gedacht, er hat sie wohl doch nicht. Verflucht!«
»Mist, wir haben die Falschen. Und nun?«
»Lass mich nochmal versuchen.« Daraufhin brüllte der Kerl Jack in einem letzten Versuch an:
»Wenn du die Rolle doch hast, töten wir jeden, der dir nahesteht, dann wirst du sehr, sehr einsam sterben, mein Freund.« Die Männer gingen zum Ausgang. Einer von ihnen drehte sich auf seinen Ledersohlen noch einmal um, Stoff raschelte, ich hörte das Entriegeln einer Schusswaffe und dann einen Knall. Mein Körper produzierte einen Hitzeschub, der in ein brachiales Brennen überging. Mein Oberschenkel fühlte sich an, als gehörte er nicht zu mir. Ich war viel zu entsetzt, um zu schreien.
»Okay, vergiss es, die ist mausetot«, grölte einer der Männer, sie lachten lauthals.
Hauptsache, ihr habt Spaß. Ich schwor, Rache zu nehmen. Für Jacks Qualen und die verlorene Liebe. Ich würde herausfinden, wer dahintersteckte und dann ... Ich weinte lautlos, ängstlich, nicht das Richtige zu tun. Die Tür schlug zu. Ich wartete regungslos, bis es dunkel wurde, um sicherzugehen, dass unser Überleben verborgen blieb, dann befahl ich mir:
Komm, raff dich auf, kümmere dich um Jack! Du bist an der Reihe. Nur allzu schwerfällig gehorchten meine Arme, stemmten meinen geschwächten Oberkörper in die Höhe. Ich sah Jack in drei Metern Entfernung auf dem Boden liegen. Kein Lebenszeichen ging von ihm aus.
»Los, Amily, auf die Beine!«, trieb ich mich unter unerträglichen Schmerzen an. Ich erlangte meinen Geruchssinn zurück, der schlug Alarm. Es stank bestialisch nach Öl und Benzin. Ich wankte zu dem Reglosen.
»Steh auf, Jack! Steh auf!« Nur allmählich kehrte Leben in seinen geschundenen Körper zurück.
»Bist du okay, Amily?«
»Ja, geht schon. Komm, wir müssen hier raus, es riecht hier furchtbar nach Brennstoff.«
Jack kam nur unter großen Anstrengungen auf die Beine, aber endlich stand er, und ich selbst blutete noch immer.
»Haben die Schweine etwa auf dich geschossen?« Der Zorn loderte in seinen Augen.
»Unwichtig, wir müssen hier raus! Ich habe so ein komisches Gefühl, dass die wiederkommen.« Wir schleppten uns gebeugt zur Seitentür, mühten uns gemeinsam mit der Klinke ab, aber die war festgerostet. Nichts rührte sich. Plötzlich riss jemand die größere Tür an der Stirnseite auf, die der Haupteingang sein musste. Erschrocken fuhren wir herum. Einer unserer Peiniger tat einen Schritt ins Innere. Ich rechnete fest damit, dass er uns erschießen würde. Er bemerkte abfällig:
»So, ihr lebt doch noch. Ihr zwei erstaunt mich immer mehr.« Dann warf er unter höhnischem Gelächter sein brennendes Feuerzeug in eine der schimmernden Pfützen, was rasend schnell ein Feuerinferno entfachte, das rasch um sich griff. Der Mann verließ die Halle und schlug die Tür zu. Wir waren gefangen im Flammenmeer! Mittlerweile war es kochend heiß.
»Jack, mach die verdammte Tür auf!« Die Rauchentwicklung nahm zu, ich begann zu husten. Jack zog und zerrte an der Tür. Vergeblich. Auch er hatte Luftnot, seine Augen tränten und er keuchte verzweifelt:
»Ich versuch’s. Es geht nicht! Scheiße, das ist eine Schiebetür.« Mit dieser Erkenntnis setzten wir alles daran, sie endlich zu öffnen. Die Flammen kamen bedrohlich näher. Erst drückten wir nach links, falls sich unter der Tür ein Keil befinden sollte. So war es auch, die Tür ließ sich endlich aufschieben. Wir keuchten und rangen nach Luft. In dem Moment, als der Sauerstoff ungehindert eindringen konnte, geschah es: Jäh raste eine Feuerwalze auf uns zu. Es ging alles viel zu schnell. Jack drehte sich mit dem Rücken zum Feuer, stellte sich beschützend vor mich, und schrie mich an:
»Vertrau mir!« Er hielt mich fest umschlossen. Ich vertraute ihm. Die Feuerwalze trieb eine gewaltige Druckwelle vor sich her, welche uns dann aus dem Gebäude katapultierte.
03 - Nichts ist, wie es scheint
Gott weiß, wie lange wir da im Dunkeln gelegen hatten. Es dauerte eine geraume Weile, bis ich mich orientieren konnte. Trotz des Infernos vor unserer Nase war mir bitterkalt. Schnell wurde man der lodernden Flammen und der Verpuffungen gewahr, eine ganze Heerschar von Einsatzkräften rückte an. Im Zuge der Löscharbeiten stolperten sie quasi über uns.
»Hierher!« Ich streckte einen Arm in die Höhe, um auf uns aufmerksam zu machen. Zig Retter eilten herbei, ein Helikopter schwebte über uns. Da waren flackernde Lichter in Rot und Blau und Suchscheinwerfer. Die helfenden Hände, die nicht mit den Löscharbeiten betraut waren, waren bemüht, uns zu versorgen. Ich schloss die Augen, konnte endlich loslassen.
Erst im Krankenhaus erlangte ich das Bewusstsein wieder. Ein Alarm vom Überwachungsmonitor gab Meldung über mein Erwachen. Sofort erschienen ein Arzt und zwei Pfleger, um nach mir zu sehen.
»Sie sind wach. Wie schön. Ich bin Dr. Paul Brenner, Chefarzt. Können Sie mir sagen, wie Sie sich fühlen?« Mir brannte nur die eine Frage auf der Seele:
»Jack? Wo ist er denn? Geht es ihm gut?« Der Arzt schaute überrascht.
»Beruhigen Sie sich. Ihr Jack ist bald wieder auf den Beinen. Und Sie natürlich auch.« Seine Verletzungen seien nur oberflächlich. Neben zwei Schusswunden, hätte ich allerdings böse Hautabschürfungen, Prellungen und einen verstauchten Knöchel davongetragen, der dick bandagiert war. Zudem würden ein paar Leute von der Bundespolizei mit mir reden wollen, für die ich gar nicht schnell genug das Bewusstsein wiedererlangen konnte. Ob das in Ordnung sei.
»Na schön, aber ich möchte nicht mit denen alleine sein.« Dr. Brenner wirkte in einer Art und Weise angenehm beruhigend auf mich, die ich nicht definieren konnte.
»Lässt sich einrichten. Mein Kollege hier gibt Ihnen etwas gegen die Schmerzen. Ich bitte die Polizisten herein. Machen Sie sich keine Sorgen. Wie heißen Sie eigentlich, junge Dame?«
»Mein Name ist Amily Simon«, sagte ich, während der Pfleger sich an meinem Arm zu schaffen machte.
»Na dann, Amily, tief durchatmen. Ich hole die Beamten und bleibe bei Ihnen, versprochen. Ist das okay?«
»Ja, gut.«
Es verstrichen nur wenige Sekunden, bis eine Frau auf der Bildfläche erschien. Sie war klein, blond und sehr mager, sah aus wie eine zu dünne Puppe von schätzungsweise fünfunddreißig Jahren und war auf Anhieb ein rotes Tuch für mich. Ein großer dunkelhaariger Mann, etwa vierzig Jahre alt, begleitete sie. Er war die sympathischere Hälfte dieses Dream-Teams. Dr. Brenner, den sie vor die Tür schicken wollten, ließ keine Zweifel aufkommen, wer das Sagen hatte. Auch mein Veto war ihnen gewiss:
»Der Arzt bleibt, sonst sage ich kein Wort.«
»Na schön«, lenkten die Beamten ein. »Keine Aufregung.« Die Frau warf ihrem Partner sonderbare Blicke zu und übernahm dann das Reden.
»Meier und Schmidt von der SOKO Hamburg.« Sie deutete dabei auf ihren Partner Schmidt. »Wir ermitteln wegen des Brandes auf dem Hafengelände, da erheblicher Sachschaden entstanden ist. Sie wurden in unmittelbarer Nähe zum Tatort aufgefunden, deshalb haben wir ein paar Fragen an Sie. Es wird nicht allzu lange dauern. Nennen Sie uns bitte vorab Ihren Namen und Ihr Geburtsdatum.«
Ich antwortete artig, während das Schmerzmittel Wirkung zeigte und ich mich etwas entspannte. Richtig, mein Sternzeichen war Löwe. Ich hatte am achtundzwanzigsten Juli Geburtstag, wobei uns Löwefrauen nicht nur durchweg positive Eigenschaften zugeschrieben wurden.
»Okay. Und Sie leben in Hamburg?«
»Ja.« Ich nannte der Beamtin meine Adresse, die sie notierte und auch noch meine Arbeitsstelle. Wenn ich morgen nicht erschien, würde man mich vermisst melden.
»Schön. Und, Frau Simon, wie sind Sie und Ihr Begleiter denn nun in dieses Gebäude gelangt und warum waren Sie unbekleidet?«
»Na, Sie sind gut. Ich weiß weder das eine noch das andere. Herrje! Wir wollten doch nur spazieren gehen.« Mir kamen die Tränen, ich schluchzte leise.
»Spazieren, ah ja. Gewiss.« Sie glaubte mir kein Wort, das war ihr anzusehen.
»Wo ist Jack?«
»Jack? Ist das Ihr Begleiter?«
»Ja doch. In Kuba hat alles angefangen, und in Hamburg spitzte sich die Sache zu. Ein Mann war in meiner Wohnung. Dr. Marten, mein Nachbar, der auf mich geschossen hat, glaube ich.« Hier wurde ich unterbrochen.
»Moment, Moment. Es wurde auf Sie geschossen? In Ihrer Wohnung? Und Sie haben nicht die Polizei gerufen?«
»Nein. Ich wollte ja, aber dann … Und bei dem Spaziergang wurden wir entführt. Ich kann nicht sagen, warum, aber die suchen irgendeine vermaledeite Rolle. Drei Männer. Mehr weiß ich auch nicht, wirklich, ich habe keine Ahnung. Das macht alles überhaupt keinen Sinn ...« Mein Blick suchte Dr. Brenner. Ich war so müde, wollte einfach nur schlafen. Er erkannte mein Flehen und verwies die Beamten auf die nächsten Tage.
»Wir haben aber noch Fragen, was diese hanebüchene Geschichte mit dem Nachbarn betrifft«, protestierte die Beamtin.
»Gönnen Sie der Patientin ein wenig Ruhe. Sie hat viel durchgemacht. Wenn ich Sie nun bitten dürfte …« Als die Besucher widerwillig gegangen waren, lobte mich der sympathische Arzt:
»Das haben Sie gut gemacht, Amily. Ruhen Sie sich jetzt aus.« Ich versuchte ein schiefes Lächeln.
»Die weiß doch irgendwas. Wieso sagt sie es nicht?«, hörte ich die Beamten auf dem Gang schimpfen, dann schlief ich ein.
Es war am anderen Morgen, als der Duft nach frischem Kaffee meinen Schlaf unterbrach. Ich sprang auf und stürzte mich auf diesen Kerl, einen Schatten über mir, der mir zuvor die Schusswunde zugefügt hatte. Bei genauerem Hinsehen entpuppte der sich als Dr. Brenner.
»Amily, nein!« Ich sank zurück auf mein Kissen.
»Oh, bitte entschuldigen Sie meinen Angriff. Ich dachte, Sie wären der andere Arzt, der mich angeschossen hat. Der Kaffeeduft war wohl der Auslöser. Es tut mir leid.«
»Keine Sorge. Ich bin seit siebenundzwanzig Jahren Arzt und habe schon so einiges erlebt. Ihr Freund fragt ständig nach Ihnen. Wollen Sie ihn sehen?« Ja, unbedingt wollte ich das. »Er liegt nur zwei Räume weiter. Wenn Sie möchten, hole ich einen Rollstuhl ...«
»Keinen Rollstuhl, bitte. Ich schaffe das schon. Wenn eine Schwester oder Sie mich stützen, bekomme ich das gewiss hin.«
»Ich übernehme das.« Er bot freimütig seinen Arm an. Nur mit dem dünnen Krankenhausnachthemd bekleidet schleppte ich mich zur Tür, öffnete diese vorsichtig, warf einen Blick auf das rege Treiben im Gang. »Es ist nur zwei Türen weiter links.« Nur zwei Zimmer weiter?
»Das bekomme ich hin. Doktor, Sie bleiben doch besser hier, ich versuche es alleine.«
»Wie Sie meinen. Rufen Sie mich, wenn Sie Hilfe brauchen.« Mit größter Mühe hielt ich mich aufrecht und stand schließlich atemringend vor dem Zimmer mit der Nummer dreihundertdrei. Dr. Brenner warf mir aufmunternde Blicke zu. Die wenigen Meter waren in meiner Lage anstrengender gewesen als ein Marathon. Ich klopfte an, doch es kam keine Reaktion.
»Jack? Ich bin’s.« Ich öffnete die Tür, trat ein. Eine Gestalt lag dort, zugedeckt bis zur Nasenspitze, ich schloss die Zimmertür von innen. »Schatz?« Vielleicht schlief er. Ich näherte mich dem Krankenbett, die Hand schon ausgestreckt, um nach dem Laken zu greifen. In meinem Bauch kribbelte es wieder. Hinter dem Bett kam die Blondine zum Vorschein, ich zuckte zusammen, versuchte, mir nichts anmerken zu lassen.
»Dachte ich es mir doch. Du bist gar keine Polizistin, du Miststück!«
»Nein, Schlaumeier. Ich bin diejenige, die dir das nette Andenken verpasst hat.«
»Du? Du Schlampe! Tut das Handgelenk wenigstens noch weh?«, erwiderte ich kalt lächelnd. Damit wäre das Geheimnis um den Schützen gelöst. Sie bemerkte abfällig:
»Nicht der Rede wert - Berufsrisiko.«
Im nächsten Augenblick stieß Barbie mit einem langen Kampfmesser nach mir. So haben wir nicht gewettet! Reflexartig wich ich seitwärts aus. Ein Blitz raste von den Nervenenden meines verletzten Beins direkt ins Hirn. Ich war hellwach, packte mit der linken Hand einen ihrer Arme und zog ihren Oberkörper nach vorne. Mit der rechten ergriff ich ihren anderen Arm, den mit dem Messer, und rammte ihr die dreißig Zentimeter lange Klinge in den Bauch. Woher ich die Kraft dazu nahm, war mir ein Rätsel. Es fuhr ins Fleisch wie in Butter. Angeekelt ließ ich das Messer los, das noch in ihr steckte. Sie sackte am Fußende des Bettes zusammen, die Hände auf den Bauch gepresst. Der Blick aus ihren entsetzt dreinblickenden Augen wurde glasig. Es gab noch ein dumpfes Röcheln, dann herrschte Stille im Raum ...
Ich riss die Bettdecke zurück. Als hätte ich es geahnt! Das war nicht mein Jack. Wo die eine war, konnte der andere nicht weit sein. Schmidt grinste.
»Lassen Sie mich raten, Sie sind die Heldin, die gedroht hat, alles um sich herum zu töten, falls Jackyboy etwas zustoßen würde. Also hier bin ich«, sagte der Pseudopolizist, den ich vorhin noch sympathisch gefunden hatte, mit einer einladenden Geste. »Leider wird dir deine Tapferkeit rein gar nichts nützen, denn du wirst dir jetzt das Leben nehmen, springst einfach aus dem Fenster. Sowas passiert jeden Tag, überall auf der Welt.«
»So, tue ich das?« Ich war wild entschlossen, Jack und mich zu beschützen. »Ich wüsste nicht, wieso.«
»Los, rüber zum Fenster!« Er winkte mich mit seiner schalldämpferbestückten Pistole in der Hand nach rechts. »Mach es auf!« Unbeholfen machte ich mich am Fenster zu schaffen. So sehr ich mich auch bemühte, denn mit dem Kerl war nicht zu spaßen, aber der Griff rührte sich keinen Millimeter. Ich zerrte und riss an dem Hebel. Erfolglos.
»Mach schon!«
»Es geht nicht.« Ich gab es auf, hatte ja eh nicht vor ... Mein Trommelfell vibrierte, als sich ein Schuss löste. Ich sprang zur Seite und schrie vor Schmerzen auf. Die plötzliche Bewegung tat mir gar nicht gut. Er hatte den Griff abgeschossen, und das Fenster schwang nun von selbst auf.
»Zu blöd, ein Fenster aufzumachen. Los, spring jetzt, du dämliche Kuh!«
»Nein! Niemals.« Der Kerl packte hart in mein Genick und drückte mich über das Sims. Er war ziemlich sauer. Doch ich hatte nicht vor, jetzt zu sterben. Herr Schmidt war doch nicht so gut in Form, wie er selbst gern hätte, das spielte mir in die Hände. Ich drehte mich geschickt nach links, zurück in den Raum, damit hatte er nicht gerechnet. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte rücklings aus dem Fenster. Das Glück war heute eindeutig auf meiner Seite. Ich erhaschte noch einen Blick in seine kalten Augen. Ihm kam kein Laut über die Lippen, er feuerte aber unkontrolliert um sich. Die Kugeln schlugen zum Glück nur in der Fassade ein. Dann ein dumpfes Geräusch und dann – nichts mehr.
»Was ist hier los? Es klang wie Schüsse.« Dr. Brenner stürzte atemlos in den Raum, sah die Polizistin tot in einer Blutlache am Boden liegen, blickte auf das offene Fenster und begriff.
»Alles in Ordnung, Amily?« Ich nickte und deutete nach draußen. Der Doktor schaute erst auf die andere Leiche im Garten und dann auf mich.
»Sie kann man nicht eine Minute aus den Augen lassen.«
Welche Reaktion auch immer ich erwartet hatte, diese jedenfalls nicht.
»Wo ist denn Jack?«, wollte ich wissen.
»Ja, wo ist er?«, fragte Brenner erstaunt. Im gleichen Augenblick trommelte jemand von innen gegen den verschließbaren Wäscheschrank. »Aha!« Der Arzt befreite den Gefangenen umgehend.
»Oh, Jack!«, rief ich aus.
»Bist du okay, Amily?«, fragte er kurzatmig und ich nickte. »Ich habe Schüsse gehört.«
»Ja, das stimmt. Was ist mit dir? Geht es dir gut?«
»Entschuldigt die Unterbrechung, aber ihr müsst weg von hier. Kommt!« Wir begaben uns Richtung Lastenaufzug, der in unserer Etage gewartet hatte, und fuhren aufwärts.
»Was soll das alles?«, fragte ich.
»Ich will euch helfen.«
»Aber wieso?« Dr. Brenner überreichte uns eine Kreditkarte, Bargeld und etwas, das wir sicher nicht erwartet hatten: Eine Rolle für alte Dokumente oder Skizzen, die er unter seinem Kittel verborgen hatte. Jetzt wurde mir einiges klar. Die Männer in der Lagerhalle hatten auch von einer Rolle gesprochen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um zwei verschiedene handelte, war mehr als gering. Nur was bitte hatten Jack und ich damit zu tun? Ich wollte noch so viele Fragen loswerden. Der Aufzug stoppte und entließ uns ins Freie.
»Ein Hubschrauber wartet auf dem Dach. Ihr müsst diese Rolle unbeschadet nach Miami bringen. Ihr bekommt dabei jegliche Hilfe, die ihr braucht«, versprach Dr. Brenner und umarmte mich kurz. »Pass auf dich auf, Amily. Viel Glück.« Dann flüsterte er mir ins Ohr: »Erinnere dich, du warst schon mal dort. Erinnere dich, Sacré Coeur de Montmartre!«
»Nein«, protestierte ich. »Unmöglich!« Eine Kugel durchschlug die Mauer zum Helikopterdeck und durchbohrte Dr. Brenners Rücken. Sein Gesichtsausdruck ließ nur den Schluss zu, dass es sehr ernst um ihn bestellt sein musste. Er befahl uns, endlich abzuhauen.
»Los doch, geht! Seht nicht zurück!«
»Aber …« Sein Blick barg dennoch einen Funken Hoffnung.
04 - Flucht
Jack griff nach meinem Ellenbogen und zog mich mit. Wir hinkten, so schnell es in unserem Zustand möglich war, zum Helikopter, dessen Triebwerke auf Hochtouren liefen. Mit letzter Kraft hievten wir uns auf die Sitze, und dann schwebten wir auch schon davon. Es ging alles so rasend schnell, zum Nachdenken blieb überhaupt keine Zeit. Das Dach des Krankenhauses konnte ich bald nur noch schemenhaft erkennen. Noch nie war ich mit einem Hubschrauber geflogen, hatte aber keine Angst. Jack war sichtlich erschöpft und kämpfte gegen die Müdigkeit an. Warme Decken und etwas Wasser aus Glasflaschen lagen für uns bereit, sowie ein paar Powerriegel. Der Pilot warf mir einen kontrollierenden Blick zu. Als er sprach, hatte sein Deutsch einen leichten Akzent:
»Ruhen Sie sich aus. Wir sind ein paar Stunden unterwegs.« Ich nickte nur, hüllte mich fester in die Decke und starrte nach draußen. Der slawische Pilot lieferte uns zwei Tankstopps später auf einem kleinen Bauernhof in Südfrankreich ab. Das beschauliche Örtchen hieß Bormes-les-Mimosas, hatte mir unser Pilot erklärt. Ich konnte das Meer sehen, während der Hubschrauber über nicht bewirtschaftetem Ackerland nach einem Landeplatz suchte. Am Rande erstreckte sich ein flaches, lang gezogenes Gebäude aus grobem Stein, dahinter war das Festland zu Ende.
»So, Leute, wir sind da. Der Mann, der hier lebt, weiß Bescheid. Los, raus jetzt, und viel Glück.«
»Danke«, murrte Jack. Wir kletterten aus dem Helikopter und hinkten geduckt auf das Gebäude am Rande des Feldes zu. Der Hubschrauber stieg umgehend auf, drehte ab Richtung Meer. Minuten später explodierte er über dem offenen Wasser mit einem lauten Knall. Der Feuerball am Himmel erinnerte an einen Mini-Atompilz. Ich klammerte mich an Jack.
»Heilige Mutter Gottes!«, stieß er hervor.
»Passiert das alles wirklich? Was für ein Horrortag«, murmelte ich.
»Allez, allez! Nur herein.« Ein Mann winkte uns ins alte Backsteinhaus. »Willkommen in meinem bescheidenen Heim. Mein Name ist Alfons Missàr. Ich werde in den nächsten Tagen für Ihr Wohlergehen sorgen. Also, wenn Sie etwas benötigen, lassen Sie es mich wissen.«
»Sehr großzügig«, antwortete Jack. In meinen Augen ähnelte Monsieur Alfons jemandem in einer Fernsehserie aus meiner Kindheit. Er war schätzungsweise Ende vierzig, Anfang fünfzig, nicht besonders groß, der Schatten eines Schnurrbarts lag über seiner Oberlippe wie ein Bleistiftstrich. Seine dunklen Haare trug er auf altmodische Weise zur Seite gekämmt. Ich erkundigte mich:
»Monsieur, wie können wir uns für Ihre Hilfe bedanken?« Er winkte unwirsch ab.
»Ganz einfach, indem Sie unversehrt mit der kostbaren Fracht in Miami ankommen. Vorerst jedoch wird das Ihr Quartier für die nächsten Tage sein. Morgen kommt ein Ärzteteam und schaut nach Ihnen. Das sind Spezialisten. Also, ruhen Sie sich aus!«
»Nichts lieber als das«, stöhnte ich.
»Wenn Sie etwas benötigen, rufen Sie mich. Egal wann.«
»Werden wir.« Miami? Sacré Coeur de Montmartre? Was passierte hier? Was wollten die alle von uns? Ich fiel bitterlich weinend in Jacks Arme, nachdem wir in unserem vorläufigen Quartier angelangt waren. Das Backsteinhaus verfügte nur über eine Etage. Die Küche schien der Mittelpunkt des Hauses zu sein. Drumherum befanden sich mehrere Schlafräume samt Bäder.
In unserem Zimmer hatte der Gastgeber einen Krug Wein und Wasser aufgebaut, daneben einen Korb mit Baguette. Es gab ein kleines Tischchen und zwei Stühle an der Fensterseite, ein großes Bett und einen kleinen weißen Schrank. Der Raum hatte vielleicht fünfzehn Quadratmeter. Fünfzehn Quadratmeter Privatsphäre. Es gab auch einen Satz frische Nachtwäsche für uns.
»Merkwürdiger Kauz. Aber nett, oder?« Jack stimmte mir zu. »So viele Leichen«, seufzte ich deprimiert. »Jack, es ist so furchtbar. Wie kann das ein Mensch jemals wieder gutmachen?« Ich küsste ihn tränenüberströmt und mit Leidenschaft. Ich konnte und wollte ihn nie mehr loslassen, doch er stöhnte auf.
»Habe ich dich zu fest gedrückt? Entschuldige. Komm, ich wasche dich und ziehe dir ein frisches Nachthemd an. Ist doch schick, schau!« Jack aber weigerte sich, sich umzudrehen. »Oh Gott.« Ich sackte aufs Bett, umklammerte das Nachthemd. »Ist das in der Lagerhalle wirklich passiert?«
»Ja, Amily, leider. Dabei wollte ich nicht, dass dir etwas zustößt.«
»Aber Jack ...« Besorgt fragte ich: »Kannst du überhaupt liegen? Na los, lass dich verwöhnen.«
»Nein, Amily.« Er griff nach meinem Arm. »Du kannst dich doch selbst kaum auf den Beinen halten.«
»Ich möchte es aber gerne tun.« Ich wusch ihm Füße, Beine, Bauch und Gesicht voller Zärtlichkeit. Obwohl Jack ganz schön gelitten hatte, war er nicht verlegen anzumerken, dass sein bestes Stück ebenfalls dringend eine Wäsche nötig habe.
»So so, hältst du das denn aus?«
»Bestimmt«, entgegnete er schief lächelnd. Ich hinkte ins Bad, wusch mich selbst notdürftig und kam mit einem ausgewrungenen Waschlappen zurück. Und wer war bereits eingeschlafen? Jack sah völlig entspannt aus, ihm lag ein freches Grinsen auf dem Gesicht, aber ich wusch sein Glied trotzdem. Das füllte sich mit Leben und wurde hart. Jack öffnete die Augen und flüsterte:
»Was würde ich darum geben, wenn du mich nur bis zur Besinnungslosigkeit vögeln könntest.« So etwas brauchte man mir für gewöhnlich nicht zweimal sagen, aber wir hatten derbe einstecken müssen. Den Schmerzen zum Trotz unternahm ich einen Versuch, musste aber bald einsehen, dass es noch zu früh dafür war.
»Amily, ich liebe dich. Es ist schon gut. Die Zeit wird kommen.«
»Ja, bestimmt.« Wir legten uns auf die Seite, meine gute Seite, unsere aneinandergeschmiegten Körper bildeten eine perfekte Einheit. Wir waren wie Yin und Yang. Ich lachte völlig überdreht, weil ich mit diesem Mann glücklich war, wenn ich nur in seiner Nähe sein durfte. Mein Jack war ein gutaussehender, dunkelhaariger Mann, kräftig, mit einem wahnsinnig interessanten, natürlichen Duft und er hatte gute Manieren. Aber wer war er wirklich? Nun, er würde es mir gewiss sagen, wenn die Zeit dafür reif war.
»Mademoiselle, Monsieur, ich bin es Alfons. Sie müssen aufstehen.« Er kam ungebeten ins Zimmer und zog die Vorhänge auf. Die Sonne sandte ihre Strahlen kraftvoll durch das schmale Fenster direkt auf unser Bett.
»Das Essen stelle ich hier auf den Tisch.« Er verließ den Raum, dabei glaubte ich, sogar eine leichte Verbeugung gesehen zu haben. Theoretisch würde er den perfekten englischen Butler abgeben - als Franzose, diese Vorstellung amüsierte mich.
Mit dem Handrücken fuhr Jack über meine Rippen, es kitzelte ein wenig. Er las mit seinen kraftvollen Händen auf meinen Brüsten den aktuellen Liebeshunger ab. Die Erregung ließ nicht lange auf sich warten. Meine Brustwarzen verwandelten sich in kleine harte Knospen. Er hatte mich im Handumdrehen heißgemacht. Jack verschwand im Bad und ich konnte den Düften nach Kaffee und Croissants nicht widerstehen, stellte mich ans Fenster und schaute versonnen in die Natur. Es gab dort draußen nichts Besonderes zu sehen, außer frühlingshafter mediterraner Landschaft. Ich nippte an meinem Getränk. Jacks Atem kitzelte in meinem Nacken. Er küsste zärtlich meine Schulter, dabei sah er das ganze Ausmaß der Wunden auf meinem Rücken und sog hörbar die Luft ein.
»Das muss doch höllisch schmerzen.«
»Tut es.« Jacks Hand ruhte auf meiner Hüfte. Dort würde sie nicht lange verweilen, wenn ich ihr keinen Einhalt gebot. So konnte ich den Kaffee nicht genießen.
»Nicht, Jack, lass uns essen. Wir werden noch verhungern.«
»Ja, ja, mache ich jetzt.« Er kniete hinter mir und liebkoste die weiche Haut um meinen Schoß. Jack war in der Lage, mich binnen Sekunden gefühlsmäßig ins Chaos zu stürzen. Er berührte meine empfindliche Stelle, und spätestens jetzt lösten sich meine guten Vorsätze in Rauch auf. Ich stöhnte, Jack stand auf, er hatte sein Ziel erreicht. Ein paar kraftvolle Stöße genügten, um mich in blanke Raserei zu versetzen. Unwillkürlich schrie ich meinen Orgasmus hinaus.
Ich umarmte Jack, streichelte seinen Kopf. Er ging mit mir zum Tisch und nahm Platz. Ich setzte mich auf seinen Schoß, griff an ihm vorbei nach einem Croissant, tauchte das Gebäck in die Marmelade und steckte es meinem Liebsten in den Mund. Ich zog es in Zeitlupe wieder heraus. Das Spiel mit dem Feuer konnte jederzeit in einen Flächenbrand ausarten. Es hatte mich höllisch erregt, dass er nur die Marmelade abgelutscht hatte. Plötzlich ging die Tür auf und ich schrie vor Schreck, umklammerte fest meinen Liebsten.
»Können Sie nicht anklopfen?«, fauchte Jack.
»Die Ärzte sind da, verzeihen Sie bitte.«
»Wir kommen«, murmelte Jack mürrisch. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Er entschuldigte sich für seinen Ausbruch und die Situation im Allgemeinen und drückte mir einen zärtlichen Kuss auf die Lippen. Gleichzeitig massierte ich mit beiden Händen Mr. Jack, als wäre es morgen verboten. Es dauerte nicht lange und er ergoss sich in meinen Händen.
»Amily, du weißt wirklich, wie man einen Mann verwöhnt.«
»Ach was, ich liebe dich so sehr und das liegt nur an dir. Du machst mich völlig wahnsinnig. Wir sollten uns beeilen, man erwartet uns ...« Ich schaute nach Jacks Rücken und streifte uns anschließend die Nachthemden über. Ich nahm ihn in die Arme, küsste ihn, sah in seine braunen Augen, und so verharrten wir. Wir brauchten keine Worte.
»Du machst mich immer so nervös«, ließ Jack bald verlegen verlauten.
»Nein, das ist einfach nur Liebe«, platzte ich heraus. »Na komm, die Ärzte können nicht den ganzen Tag warten.« Auf dem Flur empfing uns eine Krankenschwester wie aus dem Lehrbuch mit mürrischem Gesichtsausdruck.
»Sie werden bereits erwartet. Hier entlang.« Sie wies uns den Weg in einen anderen Raum. Dort begrüßten uns drei grinsende Gesichter, die zu dem Ärzteteam gehörten, das uns untersuchen sollte. Siedend heiß wurde mir bewusst, dass die Wände in diesem Haus wohl doch nicht so schallisoliert waren, wie vermutet. Ich versuchte es mit einer altbewährten Methode. Flucht nach vorn.
»Was ist? War das nicht gut, was ihr gehört habt?«
»Doch doch, wir sind ja nicht taub, Mademoiselle«, antwortete einer der drei Männer verschmitzt lächelnd. »Sie konnten sich etwas erholen, nehme ich an?« Die Mediziner stellten sich kurz vor, untersuchten uns gründlich, murmelten auf Französisch ein paar Worte, die ich nicht verstand und ließen uns wissen, dass sie mit den Heilungsprozessen äußerst zufrieden wären. Die Schussverletzungen hatten sich in den letzten Tagen gut geschlossen, sollten aber nicht überbeansprucht werden. Die plakativen Schürfwunden auf meiner Rückseite waren trocken.
»Sie haben gutes Heilfleisch«, wurde ich gelobt. Zu den Vernarbungen auf Jacks Rücken meinte der Älteste:
»Ich rate zu einer plastischen Operation. Schonen Sie sich die nächsten Tage unbedingt noch. Von uns bekommen Sie ein paar Schmerztabletten und Verbandsmaterial, damit sollten Sie über die Runden kommen.«
»Prima.« Einige fachliche Fragen unsererseits notierten sie sich und stellten uns dann einen Zugangscode für ein spezielles Krankenhaus zur Verfügung.
»Nur mit diesem Code erhalten Sie Zutritt in unsere Charité in Paris, haben Sie das verstanden? In spätestens sechs Monaten sollten Sie dort vorstellig werden, junger Mann. Ich rate Ihnen dringend, den Termin wahrzunehmen. So, damit sind die Untersuchungen abgeschlossen. Wir wünschen alles Gute für Sie beide.«
Wir bedankten uns, aber als sie sich verabschiedeten, trat einer nah an mich heran und flüsterte:
»Erinnere dich, Amily«, und ging. Mich ließ er perplex zurück. Jack fragte:
»Was hat er gesagt?«
»Ich soll mich erinnern.«
»Was bedeutet das?«
»Ich habe keine Ahnung.«
Im Flur begegnete uns Alfons, unser Gastgeber.
»Alles in Ordnung mit Ihnen?«
»Ja, wir haben den TÜV-Stempel bekommen«, scherzte ich.
»Sehr schön. Für die weitere Genesung steht Ihnen mein Haus zur Verfügung. Die nächsten zwei Wochen können Sie hier in Ruhe verbringen, dann werden Sie abgeholt. Ich melde mich zu gegebener Zeit. Fühlen Sie sich wie zu Hause.«
»Vielen Dank, das ist sehr großzügig von Ihnen. Aber weshalb tun Sie das alles? Wir sind doch Fremde für Sie.«
»Meine Liebe, es wird sich alles zu gegebener Zeit klären. Seien Sie unbesorgt. Ruhen Sie sich aus, werden Sie gesund. Das ist alles, was zählt.« Das war nicht die Erklärung, auf die ich gehofft hatte, aber mehr Infos sollte ich nicht bekommen.
»Na gut, aber es gibt da ein Problem. Unsere Sachen sind abhandengekommen. Das heißt, wir stehen mit leeren Händen da.«
»Es ist für alles gesorgt. Und wenn dennoch etwas fehlt, lassen Sie es mich wissen.«
»Das ist … unglaublich. Hast du gehört, Jack? Lass uns spazieren gehen und Sonne tanken! Es ist wunderschön draußen. Und das Meer ist auch nicht weit.«
»Nein, Amily, heute nicht. Gib mir noch ein bis zwei Tage, dann gehen wir bestimmt.«
»Sehr vernünftig«, kommentierte Alfons und ging seines Weges. Jack hatte sich auf das Bett gelegt, wollte sich entspannen und forderte mich auf, es ihm gleichzutun.
»Komm, Kleines. Wir sollen uns ausruhen«, sagte er und schloss die Augen. Im selben Augenblick war der Mann meiner Träume eingeschlafen. Na super, dachte ich und legte mich notgedrungen neben ihn. Wenn ich doch auch wie auf Kommando immer und überall ratzen könnte … Es gab für mich nichts zu tun. Es gab keinen Fernseher oder wenigstens ein Radio. Auch keine Bücher, die ich eh nicht hätte lesen können. Ich schloss die Augen und versuchte etwas Schlaf zu finden. Morgen war auch noch ein Tag.
Die Sonnenstrahlen weckten mich in der Früh, noch vor Jack. Ich spürte einen leichten Windzug, am gekippten Fenster wehten die Gardinen hin und her. Sich am Morgen ausgiebig zu räkeln, war genau mein Ding, doch dadurch wurde ich an meine Verletzungen erinnert. Müde schaute ich zu Jack rüber, der fest schlummerte. Seine Gesichtsmuskeln bewegten sich, sie zuckten, und ich schloss daraus, dass er träumte. In dieser Phase wollte ich ihn nicht stören, darum beschloss ich, unter der Dusche ausgiebig meiner Körperpflege nachzugehen, einschließlich einer Rasur. Ich hasste nichts mehr, als dass irgendwo an meinem Körper Haare sprießten. Mit nur einem Handtuch um mein Haar betrat ich wieder das Schlafzimmer, zog Jack die Bettdecke weg, um ihn ansehen zu können. Was für ein Mann. Ich liebte ihn mehr als mein eigenes Leben. Er machte mich lebendig, war auf eine Weise fordernd, die einerseits nicht aufdringlich war, mich aber andererseits spüren ließ, dass er mich aufrichtig liebte. Für ihn würde ich in den Tod gehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Es klopfte an der Tür.
»Moment, bitte!« Erschrocken deckte ich Jack zu und warf mir schnell einen Bademantel über, dann legte ich mich auf das Bett.
»Herein? Oh, Alfons.«
»Das Frühstück, Mademoiselle.«
»Stellen Sie es doch bitte wieder auf den Tisch, danke.« Alfons verließ wortlos den Raum. Langsam zog ich das Laken ganz runter, sodass Jack frei lag. Von ihm kam kein Mucks. Sehnsüchtig schaute ich auf seinen Penis, beugte mich ganz dicht über Jack, gab ihm einen Kuss. Plötzlich war da seine Hand. Er packte mich überraschend kraftvoll und warf mich auf den Rücken. Das tat weh! Ich schrie, mir traten die Tränen in die Augen.
»Spiele nicht mit dem Feuer, Amily.«
»Nein, Jack, nein. Ich wollte dich nur wecken. Das Frühstück ist schon da und ich, ich ...« Aber er amüsierte sich auf meine Kosten, dieser Mistkerl!
»So, jetzt können wir frühstücken, Amily, mein Schatz.« Ich, noch immer völlig außer Atem, hatte in dieser Situation die Oberhand verloren, mein Schoß wurde feucht, ich hätte ihn auf der Stelle vernaschen können. Was sollte er um Himmels willen von mir denken? Er konnte ja nicht wissen, dass es vor ihm nur einen Partner gegeben hatte, der aber kaum Sex mit mir haben wollte. Meist blieb es bei Kuscheln, Petting oder mal einem Blowjob. Man konnte sagen, ich war ausgehungert nach körperlicher Zuneigung. Jack hatte, ohne es zu wissen, Feuer an die Zündschnur gelegt und damit etwas ausgelöst, das sich nicht mehr aufhalten ließ. Er war imstande, mich mit grade mal einem Kuss zu erregen. Ich ging zum provisorischen Frühstückstisch. Jack hatte derweil Kaffee eingeschenkt, wartete geduldig, bis ich mich gesetzt hatte, und reichte mir Croissants und Butter. Seine Blicke klebten an mir.
»Was ist?«
»Nichts, meine kleine Amily. Ich muss dich einfach nur anschauen. Du bist so schön, und ich frage mich seit unserer ersten Begegnung, womit ich dich verdient habe.«
Kauend erwiderte ich: »Tja, wenn ich das wüsste. Aber Spaß beiseite, ich genieße es, mit dir zusammen zu sein. Beeilen wir uns, um an die Sonne zu kommen.« Das Frühstück war schnell verschlungen.
»Wir können doch nicht im Nachthemd gehen«, wandte Jack ein. »Ich bin ja nicht eitel, aber ...«
»Lass dich überraschen. Ich glaube«, neugierig öffnete ich den Kleiderschrank, »hier ist etwas für uns.« Ich zog mir rasch ein Höschen und ein leichtes geblümtes Sommerkleid an, das im Schrank gehangen hatte. Perfekt für mich. Mehr war nicht nötig, da ich auch nicht riskieren wollte, dass die Schürfwunden aufplatzten. Jack warf sich eine Jeans über, die ein paar Nummern zu groß geraten war, und ein ausgeblichenes Shirt. Er sah ziemlich unglücklich aus. Nicht besonders schick, aber für den Moment total in Ordnung. Außerdem sah dieser Mann immer gut aus, was er auch trug. Das sagte ich aber nicht, sondern:
»Komisch, meins sitzt wie angegossen. Aber egal, wir werden Alfons bitten, dir etwas Passenderes zu besorgen.«
05 - Am Strand
Wir verließen das Haus und schlugen den Weg zum Strand ein. Während des kurzen Spazierganges von etwa zehn Minuten gestand ich Jack meine tiefen Empfindungen, erzählte ihm, wie sehr er mich faszinierte. Er hörte geduldig zu und platzte dann heraus:
»Amily, mir geht es genauso! Ich kann es nicht erklären, ich musste dich einfach um Feuer bitten. Du hast eine unglaubliche Aura. Okay, war vielleicht nicht der coolste Anmachspruch, schon klar, aber ich kann mich nicht so gut ausdrücken wie du. Ich liebe dich, du bist anders, schön, in einem Ausmaß, das mir Angst macht. Ich höre mich an wie ein Schuljunge, ich weiß. Du machst mich so nervös.« Wir erreichten den Strand. Beim Anblick des Meeres wurde mir ganz warm ums Herz.
»Es ist wunderschön.«
»Ja, und so einsam. Das hat man selten heutzutage. Perfekt zum Nacktbaden.«
»Ja, lass uns schwimmen gehen!« Im Nu hatte ich das Kleid abgelegt und hinkte ins Wasser.
»Warte, Amily! Es ist noch zu früh dafür.« Das Salz brannte in meinen Wunden, trotzdem ließ ich mich nicht abhalten. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte, war ich nicht mehr davon abzubringen.
»Komm schon, Feigling!« Er entkleidete sich und folgte mir kopfschüttelnd. Ich schwamm zu ihm, umklammerte ihn mit meinen Beinen wie ein Schraubstock. Meine Küsse sollten ihm den Kopf verdrehen. Jack tauchte mit mir unter, ich hinderte ihn nicht daran, mich zu küssen, und öffnete unter Wasser meine Augen. Dieser Ausdruck in seinem Gesicht, er sah so friedlich und glücklich aus. Ich löste die Umklammerung, weil ich zurück an die Oberfläche musste. Er tauchte mit auf und gestand mir, dass er niemals etwas Schöneres gemacht habe. Er griff nach mir, um erneut mit mir unterzutauchen. Unser Verlangen, uns zu küssen, war ungebrochen. Selbst die Blicke voneinander zu lassen, fiel uns schon schwer. Ich signalisierte ihm, dass ich auftauchen wollte. Er hob mich auf seine starken Arme und trug mich an Land. Ich war völlig durchgefroren.
»Wir haben kein Handtuch!« Er bettete mich sanft auf seiner ausgebreiteten Jeans, legte sich neben mich in den Sand. Seine Blicke musterten mich sehr intensiv. Was er wohl sah?
»Meine kleine Meerjungfrau.« Nachdem Jack versuchte, ganz Gentleman, die Wärme in meinen Körper zurückzubringen, genossen wir den restlichen Nachmittag verliebt und in vollen Zügen. Ich ergötzte mich an Jacks Berührungen. Es gefiel mir sehr, ich umarmte und betrachtete ihn. Jack legte seine warmen Hände auf meinen Po, küsste mich zärtlich. Seine Zunge leckte das Salz von meinen Brüsten. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass Mr. Jack schon bei der kleinsten Berührung seine Erregung zur Schau stellte.
»Alles okay. Ich finde es toll, wenn er steht wie ein Baum. Wir sollten zurück ins Haus gehen. Es wird frisch.« Jack wollte nicht so recht. »Los, Faulpelz, aufstehen!«, trieb ich ihn an. Er ließ den Kopf hängen wie ein kleiner Junge, der einfach noch nicht vom Spielplatz nach Hause wollte. »Schade. Ich genieße die Freiheit hier draußen. Ich fühle mich etwas eingesperrt in dem kleinen Zimmer.« Jack klopfte die Hose aus und stieg in sie. Ich hatte das Kleid übergestreift. Wir schlenderten Arm in Arm, ich legte meinen Kopf an seine Schulter und hörte den tiefen Seufzer. Ich nahm seine Hand. Es war schwer auszuhalten, ihn so deprimiert zu sehen. Im Haus angekommen, wir wollten gerade in unser Zimmer, trat Alfons uns entgegen.
»Das Essen steht für Sie bereit.«
»Danke, Alfons«, winkte ich freundlich ab. »Wir müssen uns ausruhen.« Im Zimmer streifte ich meine Sachen ab und verschwand im Bad. Als ich zurückkam, stand Jack am Fenster.
»Komm mit«, hauchte ich, nahm ihn mit ins Bad, wo die große alte Badewanne mit warmem Wasser volllief. Ich bat ihn, sich auszuziehen, stieg hinein und zog Jack mit mir, da begriff er: Ich wollte ihm das gute Gefühl noch einmal geben, welches ihn im Meer so gefesselt hatte. Eng umschlungen, unter Wasser, wo es so friedlich gewesen war. Es war aber natürlich nicht das Gleiche. »Ach, Amily. Wie lieb von dir.« Er umschloss mich mit einer Welle aus Zärtlichkeit. Ich wusste aus der Tiefe meines Herzens, dieser Jack ist mein Mann. Er stieg schon bald aus der Wanne, führte mich ohne ein Wort ins Schlafzimmer. Er klopfte aufs Bett. Ich folgte seinen Wünschen, legte mich bäuchlings auf die Matratze. Er begann, mich mit Öl zu massieren, von den Füßen arbeitete er sich hoch. Einige Stellen musste er allerdings auslassen, trotzdem war es unglaublich entspannend. Die Oberschenkel umschloss er mit beiden Händen. Immer wieder berührten Jacks Finger flüchtig meinen Schoß. So ein Gefühl hatte ich bisher noch nicht gekannt. Es erregte mich auf eine Weise, die ich kaum noch aushielt, und versuchte krampfhaft, die Fassung zu wahren. Aber Jack entging nichts, meine Körpersprache konnte er anscheinend wie ein Buch lesen.
Dann berührte er meine empfindliche Stelle um das Steißbein herum, meinen Po, bis zur ...
»Nein, nicht da.« Mir fiel das Atmen zunehmend schwerer, aber er kostete die Massage aus, wollte mal ausprobieren, wie weit er gehen konnte. Aber ich blieb standhaft. Er knetete meinen Rücken, da, wo es möglich war, die Schultern mit viel Öl. Ich konnte endlich verschnaufen und fiel in eine tiefe Entspannungsphase.
»Amily, drehe dich bitte mal um.«
»Muss ich?« Mir wurde schlecht, denn ich war sehr empfindlich an Brüsten, Bauch und Schoß. Jack strebte langsam mit beiden Händen um den Hals herum auf meine Brüste zu, spielerisch tänzelten seine Finger um die Brustwarzen. Ich schaute ihn verzweifelt an, woraufhin er sanft meine Lippen küsste.
»Jack, was machst du mit mir?«
»Nur massieren«, erwiderte er mit einem anzüglichen Unterton. »Nur massieren.« Er fuhr unbeirrt fort und steigerte mein Verlangen noch. Innerlich schrie ich mir die Seele aus dem Leib und es war nicht auszuschließen, dass das auch zu hören war. Es war mir peinlich und ich lief rot an. Aber warum eigentlich? Ich fühlte mich in seiner Gegenwart doch so wohl. Er genoss es offensichtlich, mich in Ekstase zu sehen, grinste frech und küsste mich. Doch ich musste ihn tadeln.
»Du Schuft, du hast mich mit der Massage so erregt.«
»Dann weißt du ja jetzt, wie das ist, Amily.«
»Ach was. Ich brauche erst mal was zu trinken!« Ich versuchte aufzustehen, aber meine Beine gehorchten mir nicht. »Ups! Na warte, das bekommst du zurück, wenn ich wieder ganz gesund bin! Ich schwöre es.« Doch er lachte nur, zog mich wieder auf das Bett. Mein Körper bebte, er legte sich hinter mich und streichelte liebevoll jeden Quadratzentimeter meiner Haut, der nicht bandagiert war. Dann blieb mein Blick an der Essensglocke Hängen, unter der sich unser Abendessen befand.
»Hast du gar keinen Hunger?« Er schüttelte den Kopf.
»Ich auch nicht so recht.«
»Da wird Alfons aber gar nicht begeistert sein.«
Wir streichelten uns die halbe Nacht. Ich erzählte ihm, wie sehr ich es genossen hatte, dass wir uns im Meer unter Wasser eng umschlungen geküsst hatten.
»Ja, so ein Gefühl war mir auch neu.« Ich zog die Decke über uns zu, kuschelte mich noch näher an ihn heran. Kaum hörbar summte ich vor mich hin, und war überaus zufrieden. Er lächelte.
Am Morgen war Jack vor mir aufgestanden, hatte den Frühstückstisch mit wunderschönen Blumen aus dem Garten verziert, doch mit mir war nicht viel anzufangen. Ich war total verschlafen. Er zog mich aus dem Bett.
»Na komm. Nur zwei Schritte.« Ich brummte und setzte mich auf den Stuhl. Dort hätte ich auf der Stelle weiterschlafen können. Benommen schaute ich Jack an, er sah so glücklich aus wie seit Tagen nicht mehr, gab mir einen Kuss und bestrich mein Croissant mit Butter und Waldfrucht-Marmelade. Dazu reichte er mir eine große Tasse Kaffee. Ich platzierte meine Füße bequem auf der Sitzfläche und genoss mein Frühstück. Ich tat so, als würde ich nicht merken, wie er mich anstarrte. Insgeheim erregte es mich sogar ein wenig, er war interessiert an mir und das zählte. Ich ging ins Bad, um meiner morgendlichen Körperpflege nachzugehen. Als ich fertig war, wickelte ich ein Handtuch um meinen Kopf, da bemerkte ich den Zaungast in der Tür.
»Wie lange stehst du schon da?«
»Ich? Seit gerade eben. Hat es dich gestört?«
»Nein, warum sollte es?«
»Du bist so schön, Amily.«
»Danke sehr, kannst du mir bitte das Kleid dort reichen?« Ich streifte es mir über. »Komm, Jack, beeil dich. Ich möchte ans Meer.«
»Prima, das war auch mein Gedanke.« Jack freute sich wie ein Dreikäsehoch, wir konnten nicht schnell genug zum Strand kommen, Hand in Hand. Dort angelangt hielt ich Ausschau nach einem verträumten Plätzchen.
»Da in den flachen Sanddünen, breite dort bitte deine Jeans aus, so wie gestern.« Wir ließen unsere Sachen in den Sand fallen und rannten in die See. Ich umschlang meinen Geliebten. Er tauchte mit mir ab, tiefer noch als zuvor. Wir überließen es den Wellen, uns an den Strand zu treiben. War das schön! Wir lachten uns an, aber Jack wollte noch einmal tauchen. Ich ließ ihn ziehen und streckte mich im Sand aus. Der Blick übers Meer und das Wellenrauschen bescherten mir Ruhe, die Sonne tat ihr Übriges, wärmte und bräunte meine Haut. Jack kehrte mit einem zufriedenen Lächeln zurück, er hatte seiner Leidenschaft gefrönt.
»Schade, dass ich meine Tauchausrüstung nicht hier habe. Dahinten wird es ganz schön tief. Hätte ich mir gerne näher angeschaut.« Wasser war das Element, in dem er sich wohlfühlte. Nass rieb er sich an mir.
»Pfui, Jack, du bist ganz kalt.«
»Stimmt. Gleich wärme ich dich, dann wird dir heiß.« Ich konnte ihm nicht widerstehen. Seine Dominanz machte es unmöglich, und seine Küsse waren der himmlische Lohn. Wir suchten ständig die Nähe zueinander.
»Weißt du was, Jack, wir sind wie kleine Kinder.«
»Ja, finde ich auch, aber es ist sehr schön, ein wenig wie ein Kind zu sein, meinst du nicht, Amily?« Wir kitzelten und küssten uns immer wieder. Ständig lachte einer von uns. Ich genoss es in vollen Zügen, bis mich ein Anflug von Verlustangst heimsuchte.
»Jack, ich weiß, du kannst es gewiss nicht mehr hören, aber ich liebe dich so sehr. Bitte bleibe bei mir.«
»Warum? Ich gehe doch nicht weg, es sei denn, du willst, dass ich gehe.«
»Nein, Jack, rede keinen Unsinn!« Ich klammerte mich an ihn. Er spürte sofort, wenn mit mir etwas nicht stimmte, strich mir über Rücken und Schultern, nahm mir die Angst.
»Wir haben uns doch gerade erst gefunden«, ergänzte ich.
»Wie Recht du hast. Lass uns einfach zurückgehen.« Ich warf mir das Kleid über, bückte mich und schlüpfte in meine Schuhe.
Verträumt schlenderten wir zum Backsteinhaus zurück. Plötzlich stöhnte Jack auf:
»Verdammt, da hat mich etwas gestochen!«
»Zeig her«, bot ich an. Ich kannte diverse Hausmittelchen gegen Insektenstiche. Altbewährt war die Spucke-Methode.
»Ach, schon gut. Ist schon wieder weg.« Er konnte sich nicht verkneifen, mich ständig zu kitzeln. Im Haus angekommen gingen wir direkt ins Schlafzimmer. Von Alfons war zum Glück nichts zu sehen oder zu hören. Als wir uns anschauten, hatten wir wohl beide den gleichen Gedanken, und ich sprach ihn aus. »Sturmfreie Bude!« Wir konnten uns so richtig austoben. Er packte mich fest bei den Hüften, hob mich hoch und warf mich schwungvoll auf das Bett, obwohl er wusste, dass das im Moment nicht ging. »Hey, Vorsicht!« Etwas hatte sich an Jack verändert. Es war seine starre Miene. Ich erschrak. Das Gesicht, das ich sah, gehörte nicht meinem Geliebten. Er riss seine Hose herunter und packte meine Beine.
»Nicht, Jack, nicht so!« Ich versuchte ihn wegzudrücken, Tränen traten in meine Augen. Auf diese animalische Art wollte ich nicht geliebt werden, so sollte es zwischen Liebenden nicht sein, doch er ließ sich nicht beirren. »Das tut weh! Verdammt, Jack! Hast du sie noch alle?« Während ich mich bemühte, ihn auf Abstand zu halten, entdeckte ich etwas Grünes in seinem Nacken. Dieses Etwas glich einer Heftzwecke.
»Was hast du da?« Er wollte mich weiterhin mit aller Macht nehmen, seine Knie drückten meine Beine auseinander. Ich bekam Panik und schrie ihn an: »Aufhören!« Doch genauso gut hätte ich mit einer Wand reden können. Aus Verzweiflung riss ich ihm dieses grüne Teil aus der Haut. Er sackte augenblicklich zusammen, wie ausgeknipst. Ich atmete auf, gleichzeitig fühlte ich mich elend, den Mann meiner Träume in diese Lage gebracht zu haben. »Jack? Sag doch was. Bitte, du machst mir Angst!« Er konnte sich offenbar nicht mehr rühren. Sein Zustand glich einer Starre. Doch er lag auf mir, erdrückte mich fast. Scheiße! Um Hilfe zu rufen war zwecklos, Alfons war ja nicht da. Wer sollte mir also helfen?
»Jack, bitte! Stirb nicht, lass mich nicht allein.« An den Haaren hob ich seinen Kopf hoch, um mich zu vergewissern, dass er noch lebte. Ich stellte mit Herzrasen fest: tot ist er jedenfalls nicht. Gott sei Dank. Aber ich musste seinen massiven, neunzig Kilo schweren Körper irgendwie von mir runterschieben, denn ich bekam Luftnot. Ich drehte mich unter Schmerzen zur Seite, zog mein Bein unter ihm hervor. Es tat höllisch weh. Ich weinte mittlerweile, aber ich war frei. Meine Sorge galt nun Jack. Der hatte geweitete Pupillen, die verrieten, dass er wahrscheinlich an einer Art Vergiftung litt. Keine Ahnung, woher, aber ich wusste es irgendwie. Ebenso wie ich wusste, was ich als Nächstes zu tun hatte. Ich besorgte eine Flasche Wasser aus der Küche und flößte es ihm nach und nach ein.
»Du musst trinken, verdammt.« Nur allmählich erfolgte eine Regung: Zusammenhanglose Wortfetzen, die keinen Sinn ergaben. Ich musste unbedingt einen klaren Kopf bekommen und beschloss, mich im Bad ein wenig abzukühlen. Zudem fühlte ich mich beschmutzt, schaute aber immer wieder nach Jack, der die Augen verdrehte. Konnte ich ihn kurz allein lassen? Er lallte pausenlos unverständliche Laute wie ein Baby, das Sprechen lernt. »Jack, was ist? Ich kann dich nicht verstehen.« Verzweifelt fasste ich mir an den Kopf, auf eine Eingebung hoffend.
»Pass auf, Jack. Hör genau zu, was ich sage. Du bewegst die Augen nach rechts oder links, das kannst du doch, oder? Wobei rechts ja oder richtig und links nein oder falsch bedeutet, ist das klar?« Jack bewegte seine Augen nach rechts. Okay, ich war noch nie gut im Raten gewesen, aber wie heißt es immer so schön? Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.
»Ich glaube, du wurdest vergiftet. Meinst du, dass es auf dem Weg von der Bucht hierher passiert sein könnte?« Jack bewegte die Augen nach rechts. Ja.
»Gut, ich auch. Glaubst du, dass es mit der Rolle zu tun hat?« Seine Augen wanderten erneut nach rechts.
»Alles klar. Aber es weiß doch niemand, dass wir hier sind. Die, die es wussten, sind tot. Na ja, außer Alfons natürlich. – Ob es an der Zeit ist, die Rolle zu öffnen?« Er starrte mich nur an. »Ja, ist ja gut.« Ich gab ihm einen Kuss. Mein Magen rumorte vor Aufregung. Jack wirkte, als wollte er mir noch etwas mitteilen.
»Ja, ich weiß: Fenster, Türen, Gardinen schließen und mich erst einmal ruhig verhalten.« Jack schloss müde die Augen. Ich atmete ein paarmal tief durch. Man konnte eine Stecknadel fallen hören. Aber nun war die Zeit gekommen, die Rolle hinter der Bettverkleidung hervorzuholen. Diese ließ sich mit einem Trick leicht lösen. Eine Weile hielt ich den Atem an, horchte auf die Stille und holte dann die Rolle hervor.
»Soll ich wirklich?« Ich schüttelte das Gefäß, versicherte mich bei Jack, das Richtige zu tun, löste die rote Kordel von Deckel und Rollenende, drehte den Deckel behutsam hin und her und schob dann mit beiden Daumen die Kappe von der Trommel. Der unverwechselbare Geruch nach altem Papier stieg mir in die Nase. Ich schaute in den Behälter, dort waren ein paar alte Dokumente ineinander gerollt. Die Rolle hatte einen Durchmesser von circa acht Zentimetern und war etwa fünfundvierzig Zentimeter lang. Sie war mit schwarzem Leder bezogen und besaß einen Tragegurt. Ich kippte die Rolle so, dass die Dokumente leicht herausrutschen konnten.
»Hier sind ganz viele ziemlich alte Papiere.«
Das erste Dokument war ein geöffneter Brief. Weitere lose Dokumente lagen ihm bei. Die Botschaft war auf Englisch verfasst und richtete sich an den Rollenüberbringer, in diesem Fall an uns. Sprachlos las ich aufmerksam weiter. Ich wurde gebeten, alle Dokumente dieses Behältnisses im Stillschweigen und zum Wohle der Menschheit nach Frankreich zu schaffen, genauer gesagt nach Paris, in die Kirche Sacré Coeur de Montmartre. Dort gäbe es nur eine Person, die die Rolle überhaupt entgegennehmen dürfe, nämlich Monsieur Lavida Nivelle, der Verwalter. Weiter wurde in diesem Brief gemahnt, äußerste Vorsicht walten zu lassen. Ich fand das etwas dick aufgetragen. »Aha! Sacré Coeur. Das war damit gemeint.« Mehr und mehr wurde mir die mir auferlegte Verantwortung bewusst. Schließlich wurde mir bereits mehr als einmal gesagt, dass ich die Überbringerin sein sollte. Das erste handgeschriebene Dokument stammte aus der Nazizeit und beinhaltete Angaben über Führungspositionen, Personen und deren Aufenthaltsorte sowie Angaben über deren unbeschadetes Überleben des Zweiten Weltkriegs. Mir wurde ganz mulmig.
»Was für ein Fund«, flüsterte ich fasziniert. Das zweite Dokument war auf Latein und handelte vom Vatikan, aber ehrlich gestanden war mein Latein seit der Schulzeit extrem eingerostet. Ich schaute Jack mit tränenverhangenem Blick an.
»Wenn du das hier sehen könntest, Schatz, es ist unglaublich.« Das dritte Dokument stammte von den Templern. Ich erkannte es sofort an dem alten Siegel. Von den Templern, unfassbar!
SIGILLUM MILITUM CHRISTI (Siegel der Soldaten Christi).
Die Templer waren ein Ritterorden, dessen Gründung infolge des ersten Kreuzzuges stattgefunden hatte, bis Papst Clemens V ihn am 22.03.1312 aufgelöst hatte. Ich konnte jedenfalls mit diesem unleserlichen Text nichts anfangen, dazu benötigte man einen Code. Mich traf der Schlag, als ich das letzte Schriftstück genauer betrachtete. Ich konnte gar nicht fassen, was ich in meinen Händen hielt. Das Dokument war eindeutig Alexander dem Großen zuzuordnen. Ich erkannte das, weil ich während des Abiturs eine Studie darüber schreiben musste. Als Teenager hatte ich es gehasst, weil ich sie erstellen musste, jetzt war ich dankbar dafür. Da hatte meine alte Lehrerin, Frau Funke, doch recht behalten als sie sagte, wer weiß, wofür es später noch gut ist.
Du lieber Gott, was für ein Fund! Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ich, Amily Simon, etwas derart Wertvolles jemals zu sehen bekommen würde. Einzig die Tatsache, dass wir, um das Dokument zu entschlüsseln, einen Spezialisten bräuchten, trübte meine Euphorie. Wie konnte ich an den- oder diejenige herankommen? Allerdings …
»Jack, ich glaube, wir befinden uns in großer Gefahr. Ich verstehe nur nicht, warum ausgerechnet uns die Verantwortung auferlegt wurde, die Dokumente zu beschützen. - Ach, du kannst mir ja nicht antworten.« Ich packte alles behutsam wieder ein. Dabei flatterte ein Schnipsel aus den Dokumenten und vor meine Füße.
»Nanu, was ist das denn?« Das könnte womöglich der Code sein. Nein, dieser Zettel war unbeschriftet, aber ich legte ihn zurück in die Rolle und verschloss sie sorgfältig. Wir mussten unbedingt fort von hier. Ich streichelte Jack zu meiner und seiner Beruhigung, versteckte die Rolle wieder ordnungsgemäß.
»Jetzt zu dir, Jack.« Ich schaute ihn an und war immer wieder fasziniert von seinen schönen braunen Augen. Mein Kuss sollte ihn glücklich stimmen. Ich konnte es nicht lassen, seine Brustmuskeln zu streicheln. Jack bewegte mit großer Mühe seinen Arm und legte eine Hand auf meinen Rücken. Von dieser schlichten Berührung war ich so ergriffen, wie selten in meinem Leben. Den Fehltritt von vorhin hatte ich ihm bereits verziehen, es war ja nicht wirklich Jack gewesen, der versucht hatte, mich mit Gewalt zu nehmen, sondern sein vom Gift getrübter Geist.
Ich schmiegte mich an seine Brust. »Ach Jack, ich wünschte, wir hätten noch heiraten können, dann wärst du mein Ehemann.« Allmählich konnte er seine Arme wieder voll gebrauchen und hielt mich ganz fest. Es tat so gut. Niemals zuvor hatte ich so viel Geborgenheit bei meinem Liebsten gespürt wie in diesem Moment. Ich zog die Decke über uns, bedachte ihn mit einem liebevollen Blick und schlief an ihn geschmiegt ein. Ein Klopfen, begleitet von einer Stimme, weckte uns. Ich wollte gerade antworten, da kam mir Jack zuvor:
»Ja, bitte.«
»Ich bin es, Alfons, ich bringe das Frühstück.«
»Ist gut, stellen Sie es bitte auf den Tisch.« Alfons trat ein, stellte das Tablett ab und verließ den Raum, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
»Du kannst ja wieder sprechen«, flüsterte ich erfreut. Mir fiel ein Stein vom Herzen, so groß wie der Etna. Jack antwortete gleich großspurig:
»Nicht nur das. Ich kann auch noch viel mehr. Gestern war ich ja wehrlos.«
»Ja, erzähl du nur«, meinte ich. »Aber ich bin sehr froh, dass du wieder der Alte bist.«
»Das bin ich auch. Aber da ist noch etwas.« Er umarmte mich, raunte dicht an meinem Ohr: »Ja, ich will.«
»Was?« Es dauerte ein wenig, dann schlug die Erkenntnis ein wie eine Bombe. Au Backe! Ich schluckte, er hatte meinem Wunsch entsprochen. Unweigerlich schossen mir die Tränen in die Augen.
»Im Ernst? Wir kennen uns ja kaum ...«
»Ja, Amily. Es wird für mich keine andere Frau mehr geben.«
»Oh Jack, das ist so süß von dir. Aber ich muss dir so viel über diese Dokumente erzählen ...«
»Ich weiß schon alles. Du hast gestern beim Lesen leise gesprochen.«
»Habe ich?«
»Ja, und du liegst mit deiner Annahme richtig, wir müssen wirklich sehr vorsichtig sein.«
»Sollten wir Alfons nicht von dem Attentat auf dich erzählen? Vielleicht kann er uns helfen?«
»Vielleicht. Ich weiß nicht. Wollen wir frühstücken, Amily?«
»Ja, komm. Wie immer?« Ich setzte mich ihm gegenüber, schenkte uns Kaffee ein und stellte meine Füße auf den Stuhl nebenan. Ich schlürfte ab und zu genüsslich und spielte mit meinen weiblichen Reizen, indem ich rein zufällig meine Schenkel öffnete. Jack betrachtete mich mit verstohlenen Blicken. Mir gefiel das. Eigentlich machte es mich auch heiß, ich ließ mir aber nichts anmerken. Jack sollte mich nicht für einen Nimmersatt halten. Dabei wollte ich mich schon lange von meinen selbst auferlegten Fesseln befreien und die Liebe in vollen Zügen genießen. Nur vielleicht nicht gerade jetzt.
Ich stand auf, wollte mich an Jack vorbeiquetschen, da klopft es erneut. Durch die geschlossene Tür drang Alfons Stimme:
»Ich bin es noch einmal. Ich möchte nicht lange stören, sondern wollte nur sagen, dass Sie morgen Früh gegen zehn Uhr abgeholt werden. Einen schönen Tag noch.«
»Ja, gut, danke!«, rief ich und fügte leise hinzu: »Dann kommen wir von hier weg, Jack.«
»Ich hab`s gehört. Aber morgen ist nicht heute.« Ich sah ihm seine Erregung an, beugte mich zu ihm, küsste ihn.
»Ach, Jack!« Seine Hand streichelte die weichen Innenseiten meiner Oberschenkel. Das war so gut. Auf diese Art wollte er Leidenschaft entfachen. Ich stöhnte und merkte, dass ich schon wieder feucht wurde. »Was machst du mit mir, Jack?«
»Was immer du möchtest, Schatz«, zwinkerte er.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, denn ich besaß keine Armbanduhr mehr. Wir lagen auf den zerwühlten Laken und starrten an die Decke. Mein Pulsschlag beruhigte sich langsam und leise begann ich zu summen. Es bestätigte nur, dass ich mich richtig entschieden hatte. Mein Körper verlangte nach einer warmen Dusche.
»Wir sollten schon unsere Sachen packen, dann brauchen wir das morgen nicht mehr.«
»Bin dabei, Amily.«
Fertig geduscht kam ich zurück ins Schlafzimmer.
»Hast du Lust, mich einzuölen?« Jack ließ sich nicht zweimal bitten und ich genoss die großen kräftigen Hände, die mich in den Schlaf beförderten.
06 - Der Aufstieg
Unbarmherziges Trommeln an der Tür weckte Jack. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, was ihn irritierte. War es schon so weit?
»Was ist denn, um Himmels willen. Es ist vier Uhr dreißig!«, beschwerte er sich und rieb sich die Augen. Durch die geschlossene Tür drang Alfons immer gleichmütige Stimme.
»Planänderung. Ihr werdet in einer Stunde abgeholt. Ich habe schon das Frühstück dabei mit extra starkem Kaffee zum Wachwerden.«
»Herrje. In einer Stunde? Dann kommen Sie rein, stellen Sie das verdammte Frühstück da hin!« Träume hatten ihn in dieser Nacht heimgesucht und Spuren hinterlassen, was sich in einer morgendlichen Unausstehlichkeit äußerte.
»Amily, aufwachen!« Die Stimme drang bis in mein Gehirn vor, doch der Tiefschlaf hielt mich fest im Griff. Einfach weiterschlafen. Er wird schon aufgeben.
Jack rüttelte an mir und flüsterte:
»Komm, meine zukünftige süße Ehefrau, aufstehen.« Die lieben Worte zauberten mir im Handumdrehen ein seliges Lächeln ins Gesicht, doch meine Augen wollten noch nicht so recht.
»Ja doch. Es ist viel zu früh für mich.«
»Ich weiß«, erwiderte Jack. »Denkst du, für mich nicht? Aber wir werden gleich abgeholt.«
»Na toll.« Er drehte mich auf den Rücken, beugte sich über mich und gab mir einen Kuss.
»Guten Morgen, meine Liebe. Na komm. Es hilft nichts, wir müssen uns beeilen.« Ich trottete ins Bad. Es war gerade genug Zeit für eine kurze Katzenwäsche. Ich zog mir frische Wäsche, Jeans, ein Shirt und Strümpfe über. Es gab ein paar leichte Sneakers oder Ballerinas. Meine Wahl fiel auf die Sneakers. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Jack aus dem Bad. Er hatte die Ruhe weg. Ich hingegen war schon ganz gespannt, was uns heute erwartete. Wohin ging die Reise diesmal? Alfons tat immer so geheimnisvoll.
»Zieh dich an«, tadelte ich und fragte mich, was Transuse auf Englisch hieß. Ich befreite die Rolle aus ihrem Versteck hinter der Wandverkleidung, knotete sie an der Innenseite des Rucksacks fest, den wir von unserem Gastgeber bekommen hatten und legte noch die restliche Wäsche darüber, die ich nicht leiden mochte, die mir aber gute Dienste geleistet hatte. Schon klopfte es. Die Zeit war nur so verronnen.
»Jack, wir müssen los. Bist du so weit? Und nimm dieses komische grüne Ding mit. Ich will wissen, was das ist. Eventuell kann uns jemand etwas dazu sagen.«
»Ja, Sir!«, salutierte er und verstaute es in seiner Umhängetasche.
Es klopfte erneut.
»So, Leute, wir müssen los. Der Jeep wartet am Treffpunkt. Wir haben einen strammen Fußweg von zwei Stunden vor uns.«
»Im Ernst?«, stöhnte ich. »Hat er wirklich zwei Stunden gesagt?«
Wir pirschten aus dem Haus, vornweg Alfons. Der Weg führte weg vom Meer, durch eine schmale Schlucht, danach steil den Berg hinauf. In der Ferne konnte man den Jeep schon erahnen, aber es zog sich noch verdammt lang hin und ich war heute nicht gut drauf. Niemand sprach ein Wort, denn bei dem steilen Anstieg brauchten wir unsere Puste. In der Morgendämmerung waren die Umrisse von kleinen und großen Höhlen auszumachen. Alfons sagte:
»Jetzt müsst ihr besonders vorsichtig sein, ab hier geht es gut zwanzig Grad nach oben, nur loses Geröll. Bitte achtet aufeinander.« Mit jedem Schritt spürte ich die Anstrengung in meinen Beinen. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren, aber wir mussten da hoch, egal wie. Zwei Schritte vor, einer wieder zurück, es war deprimierend. Jack bewältigte den Anstieg anscheinend am mühelosesten. Nur langsam kamen wir voran, schließlich versperrte ein kleiner Felsvorsprung unseren Weg. Ich runzelte die Stirn.
»So, wartet hier«, keuchte Alfons. »Ich klettere zuerst hinauf und ziehe euch hoch, okay?«
Alfons hatte redlich Mühe, alleine dort hochzukommen und rutschte ab. Jack erwischte gerade noch dessen Arm. Alfons keuchte erleichtert und dankte ihm. Jack schlug vor, eine Räuberleiter zu bilden, indem er sich eng an den Felsen lehnte, damit der Franzose einen besseren Halt hatte. So funktionierte es gleich viel besser. Endlich hatte er es geschafft, den Vorsprung zu überwinden. Ein dickeres Seil, welches er sich um die Hüfte geschlungen hatte, sollte uns den Aufstieg erleichtern. Erst Jack, der diesen mit Leichtigkeit bezwang. Mir allerdings flößte dieser scharfkantige Fels Muffensausen ein, aber wen interessierte das? Ich musste tief durchatmen, wie ich es im Meditationskurs gelernt hatte, und dachte mir: Was Jack kann, schaffe ich auch. Aber die leichten Turnschuhe machten mir einen Strich durch die Rechnung. Bei jedem Schritt bohrten sich gnadenlos Steine in meine Fußsohlen. Die Schmerzen waren unbeschreiblich. Ich klammerte mich, so gut ich konnte, an dem Seil fest, ein leiser Hilfeschrei an Jack gerichtet unterstrich meine Angst.
»Hilf mir, bitte.« Jack legte sich bäuchlings auf den Felsvorsprung, nahm mich bei den Handgelenken und hievte mich hoch. Alfons griff auch nach mir und schließlich war ich oben. Wir hatten ihn gemeinsam überwunden, einen der schwersten Abschnitte unseres Marsches. Völlig aus der Puste ruhten wir uns ein paar Minuten aus. Mir lief der Schweiß am ganzen Körper hinunter. Ich nahm die kleine Flasche aus dem Seitenfach des Rucksacks, trank ohne an Jack zu denken, was mir dann sofort leidtat, aber es war nicht mehr zu ändern.
»So«, meinte Alfons. »Jetzt kommt der schwierigste Teil der Strecke, aber dann ist es geschafft. Es sind ungefähr achtzig Meter leicht links und anschließend scharf rechts. Wir müssen alle dicht hintereinander bleiben, damit wir uns gegenseitig einen besseren Halt geben können.« Ich brachte nur ein Nicken zu Stande. Alfons sagte: »D’accord, also los.« Dann bewegten wir uns im Gänsemarsch in einer Linkskurve steil nach oben. Es war verdammt anstrengend. Ich keuchte und hielt mich dabei an Jack fest. Er zog mich wie eine Lokomotive unermüdlich nach oben. Nach zwanzig Minuten sagte unser Anführer:
»Achtung, jetzt scharf rechts. Es ist nicht mehr weit, aber sachte, nur einen Fuß vor den anderen. Achtet auf die losen Steine, denn die können einen schnell aus dem Gleichgewicht bringen.« Der Schweiß bahnte sich Wege in Regionen meines Körpers, die unaussprechlich waren. So geschwitzt hatte ich schon ewig nicht mehr. Früher als ich noch regelmäßig Laufen war, also bevor ich zur Schreibtischtäterin verkam, gehörte das zur Tagesordnung.
Endlich waren wir angekommen. Dort parkte das Auto, von dem Alfons gesprochen hatte. Ich machte drei Kreuze und beugte mich vornüber, keuchte den letzten Rest Luft aus meiner Lunge. Schweiß strömte unentwegt über mein Gesicht. Alfons, der zwischenzeitlich Handtücher aus dem Jeep geholt hatte, reichte jedem eins. Ich zog die Jacke aus und trocknete mich unter dem T-Shirt notdürftig ab. Ein weiteres Handtuch wickelte ich mir um den Kopf. Jack nahm die Flasche Wasser aus dem Rucksack. Er ließ mir nur noch einen winzigen Schluck übrig, aber das war nicht so schlimm. Vorhin hatte ich ähnlich egoistisch gehandelt, was gar nicht in meiner Natur lag, aber unter Extrembedingungen tat man manchmal Unüberlegtes. Mit einem Zug war das Thema erledigt, und die Flasche leer.
»Im Wagen findet ihr noch mehr Wasser«, beruhigte uns Alfons und nach ein paar Minuten: »Ich will Sie nicht antreiben, aber wir haben einen engen Zeitplan, liegen aber gut im Rennen.«
»Wohin fahren wir denn?« Die Frage lag mir schon seit Stunden auf der Zunge. Aus der Ferne sah man ein Fahrzeug heranrasen, das stetig näher kam und genau neben dem ersten hielt.
»Nur Geduld, Amily.«
07 - Über den Klippen
Eine rege Unterhaltung mit den Insassen des zweiten Wagens stellte die weitere Vorgehensweise infrage.
Ich hatte nur Wortfetzen, die der Wind zu mir herüberwehte, verstanden und wollte daraufhin wissen:
»Was ist denn los, Alfons?«
Er meinte in seiner gewohnt ruhigen Art, ein paar Leute würden verschärft nach uns suchen. »Aber keine Sorge. Ihr seid in guten Händen. Wir fragen uns jedoch, ob wir euch getrennt fahren sollten, wegen der möglichen Gefahr.«
»Oh nein. Jack!« Ein extrem ungutes Gefühl plagte mich, alleine mit Alfons die nächste Etappe in Angriff zu nehmen. Ich wollte meinen starken Mann an meiner Seite wissen. Dass ich so eine Mimose war, schob ich auf die Erschöpfung. Das frühe Aufstehen, der anstrengende Aufstieg in mehr oder weniger ungeeignetem Schuhwerk, Schmerzen von den frisch verheilten Verletzungen, das brachte mich an die Grenzen meiner Psyche. Jack strich sanft über mein Gesicht:
»Komm, Kleines, ist doch nur für die Fahrt zum nächsten Treffpunkt, oder, Alfons?«
»Oui, Monsieur.«
Mein lieber Jack versuchte, mich zu trösten.
»Siehst du. Es wird schon nichts geschehen. Mach dir keine Sorgen. Wir kleben euch an der Stoßstange. Ich kann sofort eingreifen, sollte etwas passieren. - Schau mich an!« Er umfasste mein Kinn. Sein Kuss sollte mich wohl beruhigen.
»Bis später. Es dauert nicht lange.«
»Jack, ich liebe dich mehr, als tausend Worte ausdrücken könnten.« Er warf mir einen Handkuss zu, dann stieg er in den Geländewagen. Ich kletterte in das vordere Fahrzeug zu Alfons. Jack und der andere Fahrer folgten uns im zweiten Wagen, wie es abgesprochen war. Immer wieder schaute ich mich um, auch Alfons kontrollierte automatisch alle paar Sekunden den Rückspiegel. Er fuhr zügig und extrem sicher. Wir hatten bereits einige Kilometer zurückgelegt auf einer Straße, die diese Bezeichnung nicht verdiente, und die sich oberhalb der Küste entlang schlängelte. Aus dem Seitenfenster hätte ich einen phantastischen Blick auf das Meer gehabt. Hätte. Plötzlich gab es ein ohrenbetäubendes Krachen, gefolgt von einem undefinierbaren Knirschen. Die Erde bebte. Alfons trat abrupt auf die Bremse. Hier strafte mich meine Zerstreutheit. Ich hatte vergessen, mich anzuschnallen, mit der Folge, dass ich gegen den vorderen Sitz geschleudert wurde. Der Wagen rutschte über den Schotter und kam zum Stehen. Benommen drehte ich mich um. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Jacks Geländewagen die Klippen hinunterstürzte. Die Ereignisse liefen wie in Zeitlupe ab. Ich schrie, was meine Lungen hergaben. Alfons schob den Vorwärtsgang rein und trat aufs Gas.
»Stopp! Sofort anhalten!« Aber stattdessen fuhr der Wagen einfach weiter, beschleunigte sogar. »Sie sollen anhalten!«, kreischte ich.
»Halten Sie den Mund!« Alfons hatte auf dem Wasser ein Fischerboot entdeckt, dieses versuchte er anzufunken, aber er konnte wegen meines Kreischens nichts verstehen.
»Verzeihung, aber wir wollen Jack retten, oder? Ich habe einen Fischer am Funkgerät. Bitte Ruhe.« Er nannte auf Französisch die ungefähren Koordinaten. »Retten Sie beide Insassen. Es soll nicht Ihr Schaden sein. Sie werden großzügig entlohnt.« Der Fischer funkte zurück:
»Oui, oui«, dann kehrte Stille ein.
»Sehen Sie Amily, wir tun unser Möglichstes. Haben Sie ein wenig Zuversicht. Es wird alles wieder gut.« Außer dem monotonen Motorengeräusch nahm ich nichts mehr wahr. Wir hingen unseren Gedanken nach. Ich malte mir die fürchterlichsten Szenarien aus. In mir tobte die nackte Angst um meinen Zukünftigen. Alfons schaute fortwährend zu mir rüber, aber seine Sorge galt nicht mir. Gebete gen Himmel hatte ich schon vor langer Zeit aufgegeben, aber hier ging es nicht um mich, sondern um den Mann meiner Träume.
Ich liebe doch meinen Jack so sehr! Gott, warum tust du mir das an? Wie konnte das nur geschehen? Ich fühlte mich bestraft, nur für was?
»Ja, ja, die Liebe«, meinte Alfons. »L`amour.« Während der restlichen Autofahrt rüttelte es uns immer wieder ordentlich durch.
08 – Chambery
»Wir sind gleich da.« Gegen Mittag erreichten wir den Stadtrand des zweiten Etappenziels, Chambery. Ich wollte ohne Jack nicht mehr weitermachen, es war mir und ihm gegenüber so ungerecht. Der Geländewagen verschwand direkt in einer von der Straße uneinsehbaren Tiefgarage, die von zwei Männern bewacht wurde. Ich schaute skeptisch. War das wirklich nötig? »Wo sind wir hier?« Das Haus, welches zu der Garage gehörte, war ein Privathaus. Der Franzose sagte:
»Es ist alles in Ordnung, keine Sorge.« Er hatte gut reden. Dann fragte er die Wachen, ob die Fracht schon angekommen sei.
»Ja, vor zwanzig Minuten.«
»Gut, gut, danke. Kommen Sie, Amily, ich bringe Sie jetzt zu Ihrem Zimmer. In zwei Stunden hole ich Sie ab, somit haben Sie genügend Zeit, sich von der anstrengenden Autofahrt zu erholen oder frischzumachen. Hier ist der Schlüssel.« Mittlerweile standen wir vor einer Tür, ich bedankte mich und schloss sie auf. Mein Aufschrei war nicht zu überhören, meine Beine wollten mir den Dienst versagen, ich weinte, als wäre die Welt untergegangen.
»Alfons, da ist Jack!« Ich hatte mich noch nie im Leben so gefreut. Stürmisch umarmte ich meinen Beschützer, drückte ihm einen Schmatzer auf den Mund und fiel Jack in die Arme. »Jack, mein Jack!«, überschüttete ich ihn mit meinem Gefühlsausbruch. »Alfons! Wie haben Sie das gemacht?« Aber der hatte die Tür schon lautlos hinter sich zugezogen. Am liebsten wollte ich Jack gar nicht mehr loslassen. »Du lebst!«
»Amily, setz dich bitte aufs Bett.« Ich tat wie mir geheißen. Sein Gesichtsausdruck war extrem ernst.
»Okay, ich höre?«
»Ich habe den Leuten hier dieses grüne Ding gezeigt, du weißt schon, die Stecknadel. Und tatsächlich ... Die meinten, dass es mit einem Nervengift getränkt war, gewonnen aus dem gefleckten Schierling. Ich habe riesiges Glück gehabt. Koniin lähmt nämlich auch die Atmung. Wenn das Zeug nicht chemisch modifiziert worden wäre ... wäre ich mit Sicherheit gestorben.«
»Ach du liebe Güte.« Ein dicker Kloß blockierte meinen Hals. Er setzte sich dicht neben mich.
»Ja, dank dir sitze ich heute überhaupt hier. Durch das Wasser konnte das Gift zügiger ausgeschwemmt werden.«
Das hatte ich gehofft. Dann ließ ich noch einmal den letzten Strandbesuch gedanklich an mir vorbeiziehen.
Das Meeresufer war menschenleer gewesen, wie stets. Es war aber nicht auszuschließen, dass jemand in den Büschen gelauert haben könnte. Jemand mit einem Blasrohr?
»Hattest du in den Dünen nicht das Gefühl, dass dich etwas gestochen hat?«
»Allerdings. Aber dort war niemand.«
»Offensichtlich doch.« Ich presste Jacks Oberkörper auf das Bett, legte mich auf ihn und küsste ihn leidenschaftlich, dabei liefen mir unentwegt die Tränen.
»Ich bin nur froh, dass du heil davongekommen bist, Amily.«
»Jetzt erzähl, was war los?«
»Ich hatte ständig euren Jeep im Blick. Alfons ist ja gefahren wie ein Berserker. Mein Fahrer hat etwas mehr Abstand gelassen, weil die aufgewirbelten Steine herumflogen wie Granatsplitter. Aus heiterem Himmel brach eine Autolänge des Küstenweges vor uns weg. Keine Chance noch etwas zu unternehmen, der Wagen wurde steil nach unten katapultiert. Instinktiv habe ich mich mit Händen und Füßen am Vordersitz abgestützt. Beim Aufprall auf dem Wasser zerbrach die Windschutzscheibe. Gleichzeitig bekam ich die hintere Tür auf, dann ging alles blitzschnell. Der Wagen lief in Sekunden voll. Die Tasche hatte ich Gott sei Dank noch um. Wir tauchten aus dem Autowrack an die Oberfläche und wollten an Land schwimmen, wahrscheinlich hätten wir das auch geschafft, doch ein Fischerboot kam auf uns zu, dessen Besatzung uns an Bord nahm. Sie setzten Kurs auf den nächstgelegenen Hafen und dort hat uns ein Geländewagen abgeholt. Nun bin ich hier, bei dir.«
»Oh Jack, ich bin so froh, dich zu sehen! Die Sorge hat mich fast wahnsinnig gemacht. Alfons hat einen Fischer angefunkt, nachdem ihr abgestürzt wart, das habe ich mitbekommen, aber danach war ich nicht mehr aufnahmefähig.« Er hörte zu, saugte jedes Wort auf, das meinen Mund verließ, dabei war er derjenige, der beinahe sein Leben eingebüßt hatte. Mein Gesicht in seinen Händen haltend, gab er mir einen Kuss auf die Wange. Ich rümpfte unwillkürlich die Nase.
»Was ist das? Du stinkst wie eine Kläranlage, das rieche ich jetzt erst. Geh duschen!«
»Entschuldige.« Er sprang förmlich aus seinen Sachen.
»Kommst du mit?« Natürlich würde ich mitgehen, so etwas ließ ich mir nicht zweimal sagen. Schnell hatte ich mich meiner Klamotten entledigt. Das Wasser rieselte lauwarm aus dem Duschkopf. Mr. Absturz sollte sein blaues Wunder erleben. Ich wollte alles von ihm, bevorzugte eine Stellung, die mir den höchsten Grad der Befriedigung bot. Ich schaute ihm in die Augen, legte meine Arme auf seine Schultern, Jack half kurz nach, dann umschlossen meine Beine seine Hüften. Die Magie der Leidenschaft entfesselte unsere Sucht nach einander. Diesen Augenblick sollte er so schnell nicht vergessen.
»Wie konntest du einfach ins Meer stürzen, du hattest dazu keine Erlaubnis.« Er hielt mich fest an meinem Po und steuerte das Geschehen. Die Energie entlud sich mit einem Knall.
Doch er hatte vor, die Seine in ihre Schranken zu weisen, mir kam es vor, als hätte ich Herzflattern. Seine Kräfte schwanden, er stellte mich auf meine Füße, und da war es wieder das satte Brunften. Er knetete meine Brüste und schenkte mir einen Kuss. Seine Augen leuchteten. Dieses Gesicht würde ich für immer im Gedächtnis behalten. Gedankenverloren griff ich nach der Seife und schäumte Mr. Jack ein. Seinem Lustspender stand eine besonders intensive Pflege bevor. Wenn ich wollte, konnte ich richtig gemein sein. Dementsprechend fiel das Ergebnis aus.
»So, meine Liebe, jetzt bist du an der Reihe.«
»Nein, nein, das mache ich schon selber«, antwortete ich, aber Jack bestand darauf, er wollte, dass mir das Gleiche widerfuhr. Jede Kurve wurde mit den Händen nachgefahren. Seine Finger tänzelten über meine Brüste, zelebrierten weiter die Massage an meinem Gesäß. »Oh Gott!« Er besaß auch noch die Frechheit, sich nach meinem Befinden zu erkundigen:
»Na, Amily, alles okay?«
»Ja, super«, wimmerte ich. Zwei Finger, die sich von hinten zwischen die Schenkel nach vorne arbeiteten, sollten mich ins Gefühlschaos stürzen. Wie recht er damit hatte, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Seine kreisenden Finger um meinen Schoß hatten einen Großbrand entfacht. Jack setzte alles daran, mich in die völlige Ekstase zu treiben. Seine Arbeit wurde mit meinem orgastischen Aufschrei quittiert. Jetzt war Jack zufrieden, und ich konnte auf meinen puddingweichen Beinen kaum noch stehen. Er hatte mich geschafft, ich schleppte mich zum Bett.
»Jack, das war so schön!« Er gönnte mir erst einen Kuss und dann Ruhe. Ich schloss die Augen, heilfroh, dass meinem Liebsten nichts Schlimmeres passiert war. Ich lächelte fast verzweifelt, hatte mich Mr. Kraftprotz wieder bis knapp vor eine Ohnmacht getrieben. Aber als ein absoluter Gentleman ließ er mir gefühlsmäßig immer einen Ausweg.
Minuten später wachte ich auf dem Bett auf und stöhnte:
»Ich habe einen fiesen Krampf im Oberschenkel.«
»Den kann ich dir wegmassieren«, bot Jack lächelnd an. Natürlich willigte ich ein, hatte ich eine andere Wahl? Das Öl verhalf den Fingern jede Muskelfaser zu entkrampfen.
»Besser?«
»Viel besser.« War das schön, wenn der Schmerz nachließ.
»Zeit, uns in Schale zu werfen, Liebste.«
»Was? Wieso?«
»Alfons hat noch was mit uns vor.«
»Sehr witzig.« Ich stand auf, öffnete den Schrank, da hingen mehrere Kleider für mich und ein Anzug für den Herrn.
»Irre! He, Jack, schau mal hier, frische Klamotten für uns!«
»Mhmh.« Ich streifte mir einen dunklen Slip über und zog ein schwarzes Kleid an, nachdem ich den Ölfilm abgewischt hatte. Schwarz passt immer. Eine gute Wahl, da ich nicht wusste, wo es hinging. Dann klopfte es an der Zimmertür und Alfons Stimme ertönte.
»Mademoiselle, Monsieur, in ein paar Minuten geht es los. Ich hoffe, Sie sind fertig?«
Ich schon, dachte ich, allerdings vom Sex.
»Ja, wir sind gleich so weit«, ließ ich verlauten. Mittlerweile hatte sich Jack ein weißes Hemd sowie den schwarzen Anzug angezogen. Ich pfiff anerkennend.
»Das muss ich dir lassen, du siehst umwerfend aus. Der Anzug steht dir richtig gut.«
Es klopfte erneut, Jack riss die Tür auf, gewährte mir den Vortritt. »Bitte sehr, die Dame.«
»Ah, wunderbar.« Alfons, auch in elegantem Schwarz gekleidet, nahm meinen Arm und nickte zufrieden.
»Amily, haben Sie nicht etwas vergessen?«
»Vergessen? Ach, natürlich. Jack, sei so lieb und hol die Rolle aus meinem Rucksack.«
»Klar.« Alfons konnte sich nur mühsam ein Grinsen verkneifen.
»Hier, Liebes, bitte sehr.«
»Danke. Können wir dann?«
09 – Mehr Schein als Sein
Wir schritten durch einen Flur, bis wir zu einer Tür gelangten, die etwas größer war als gewöhnliche Zimmertüren.
»Wohin gehen wir denn?« Meine Stimme war nur ein Flüstern, warum wusste ich selbst nicht. Ich hielt die rätselhafte Rolle umklammert, die uns bisher nur Unglück gebracht hatte. Alfons ließ mich wissen, dass es keinen Grund gäbe, aufgeregt zu sein.
»Seien Sie bitte nicht so nervös, es geht in den Keller hinunter. Alles okay.« Er öffnete die Tür und schaltete das Licht an. Merkwürdigerweise hatte ich an der Seite von Alfons überhaupt keine Angst. Mein Kleid raffend, begann ich den Abstieg.
»Das war aber eine lange Treppe«, stellte ich fest, nachdem unsere Schritte auf dem Stein verhallt waren und wir den eigentümlichen Geruch uralter Mauern einatmeten.
»Wie viele Stufen waren es denn?«, wollte Alfons wissen.
»Was meinen Sie?«
Jack antwortete spontan: »Einhundertdreiundzwanzig.«
»Falsch. Es waren einhundertsechsundzwanzig Stufen, richtig, Alfons?«
»Ja, in der Tat, das stimmt.« Jack brummte wegen meinem dekadenten Auftreten Klugscheißer. Wir betraten ein recht düsteres, aber imposantes Kellergewölbe, das ich an dieser Stelle nicht erwartet hätte. Mittendrin blieben wir stehen. Alfons drehte sich zu uns um, schaute uns mit Leichenbittermine an und sprach mit gedämpfter Stimme:
»Carpe diem, das bedeutet: Nutze den Tag. So lautet fortan euer Wahlspruch. Es ist jetzt eure Pflicht, es zu Ende zu führen. Ihr seid die einzigen Personen von außerhalb, die das zu sehen bekommen. Aber ihr dürft unter keinen Umständen mit Fremden darüber sprechen. Habt ihr verstanden?« Jack antwortete ganz leger:
»Jup, okay«, und erntete einen Stoß in die Rippen von mir. Seine Flapsigkeit war dem offensichtlichen Ernst der Lage nicht angemessen:
»Jack, was soll denn das? Es heißt ja. So etwas kann ich nicht ausstehen!« So hatte er mich noch nie erlebt. Die Verwunderung war ihm anzusehen. Alfons räusperte sich.
»Amily, Jack: Im nächsten Raum treffen wir auf weitere Personen, drei Männer, aber es ist alles in Ordnung, auch wenn euch das Ganze ziemlich befremdlich vorkommen muss.«
Befremdlich war etwas untertrieben. »Seid ihr bereit?« Ich atmete tief ein, dann traten wir durch eine massive dunkle Eichentür mit Schnitzereien. Das Imposanteste im nächsten Raum war ein kreisrunder Tisch in der Mitte, drei Meter im Durchmesser und in Segmente unterteilt. Inmitten der Tischplatte war eine große Metallscheibe von schätzungsweise fünfzig Zentimetern Durchmesser eingelassen. In das Metall wiederum war ein reich verzierter Goldring eingearbeitet, der fünfunddreißig Zentimeter Querschnitt haben mochte. Inschriften und Symbole in Altgriechisch und Latein, in verschiedenen Positionen angeordnet, deren Bedeutung ich nicht verstand. Zur genaueren Betrachtung fehlte es an Licht, nur wenige Kerzen an den Wänden und ein mehrflammiger Kandelaber spendeten etwas Helligkeit. Hohe, sehr alte und kostbare Stühle waren um den Tisch herum platziert. Neun an der Zahl. Die drei Unbekannten konnte ich wegen des Kerzenlichts nur schemenhaft erkennen. Es schien sich um ältere Männer zu handeln.
Das ganze Szenario erinnerte an eine Sequenz aus einem beliebigen Historienschinken: das Kellergewölbe, flackerndes Kerzenlicht, eine Tafelrunde und drei unheimliche Gestalten. Doch meine oft über-ausgeprägte Aufregung hielt sich erstaunlicherweise in Grenzen. Wieso nur hatte ich den Eindruck, als hätte ich das alles schon einmal erlebt? Mir wurde ein Sitzplatz an der großen Tafel angeboten.
»Oui, Mademoiselle. Jack, Sie sitzen rechts neben Amily.«
»Geht klar.« Alfons, der dieses Ritual leitete, nahm Linkerhand von mir seinen Platz ein und eröffnete auf Englisch:
»Verehrte Anwesende, wir begrüßen heute endlich Amily Simon in unserer Runde – und Jack Tailor.« Die anderen Personen stellten sich nacheinander vor, um sich danach wiederum links neben Alfons zu setzen. Jede Handlung schien einem festgelegten Protokoll zu folgen. Ich war ratlos. Niemand blickte mich direkt an, auch nicht als sie zu mir sprachen.
»Mein Name ist Robert Norieur, ich bin der letzte Wächter der Templer.« Dieser Mann besaß eine helle, aber weiche Stimme, sehr angenehm. Er war mir auf Anhieb der Sympathischste.
»Sehr erfreut, Mr. Norieur«, sagte ich. Wieso die Templer? Da ergriff auch schon der Nächste das Wort und meine Nackenhärchen stellten sich protestierend auf:
»Mein Name ist Walter Müller, altgedienter und letzter lebender Kommandeur der nationalsozialistischen Luftwaffe.« Er besaß eine raue Stimme mit süddeutsch angehauchtem Klang, die mir einen Schauder über den Rücken jagte. Der Dritte im Bunde, ein sehr alter Mann, stellte sich als der wahre Papst vor. Seine Stimme war ruhig und sonor, einschläfernd. Er sei vor fünfzig Jahren entmachtet worden, ohne dass je die Weltöffentlichkeit davon Kenntnis genommen hatte. Seitdem fristete er ein Leben im Schatten. Ich traute kaum meinen Ohren. Das war doch lächerlich, oder? Wie sollte das vonstattengehen?
»Gut, vielen Dank, meine Herren.« Alfons beruhigte mich ein wenig, indem er meine Hand tätschelte, aber dann sagte er: »Auch ich habe Neuigkeiten für dich, Amily. Es ist gewiss ein Schock für dich, aber wir sind verwandt, du und ich. – Amily, ich bin dein Halbbruder mütterlicherseits.«
»Ha!«, stieß ich aus. Jetzt war ich völlig perplex. Na, das wurde ja immer besser ... »So ein Unsinn. Meine Mutter ist kaum älter als du!«
»Amily«, er streckte seine Hand nach mir aus. »Es ist kompliziert. Versuch zu akzeptieren, was ich dir gerade gesagt habe. Du wirst es bald verstehen.«
In meinem Kopf drehte sich alles. Ich sah das gütige Gesicht meiner Mutter Sophie vor mir und konnte mir nicht vorstellen, dass sie mir so etwas verheimlicht hätte. Ein mulmiges Gefühl zwang mich, bei der ungeheuerlichen Geschichte mitzuspielen. Zumal ich in einer denkbar ungünstigen Position war, um hier den Aufstand zu proben, und gab resigniert klein bei. Erstmal. »Na gut, angenommen, du hast recht ... Mein Gott! Das erklärt zumindest, warum ich nie ein ungutes Gefühl bei dir hatte. Nur was ist eigentlich deine Aufgabe hier, Alfons?«
»Nun denn«, räusperte er sich. »Du hast ein Recht alles zu erfahren, so tief, wie du schon verwickelt bist. Wir alle, musst du dir vorstellen, haben als Gruppe zusammengefunden, um der Dynamik der wirtschaftlichen Macht Einhalt zu gebieten - das heißt, in jedem Bereich, sei es bei den Templern, beim Vatikan, bei den Wissenschaftlern und auch den Mathematikern. Wir, die SINODIS, stehen seit Jahrhunderten Wirtschaft und Wissenschaft beratend zur Seite. Es gibt in jeder Generation einen Präfekten. Das bin ich, so wie du die Auserwählte bist.« An dieser Stelle setzte mein Herz für einen Schlag aus. Mein neuer Bruder sprach gelassen weiter: »Viele der ganz großen Firmen, deren einziges Ziel darin besteht, noch mehr Profit zu generieren, haben sich zusammengeschlossen, um mehr Macht und Druck auszuüben, übersehen aber gänzlich, dass alles voneinander abhängig ist. So könnte das volkswirtschaftliche Gleichgewicht empfindlich gestört werden. Der Begriff Relativität ist dir geläufig?« Gut, dass ich in der Schule brav aufgepasst hatte. Relativität ist die Tatsache, dass etwas auf etwas anderes bezogen ist und in diesem Zusammenhang gesehen werden muss. Ganz einfach, nicht wahr?
»Gewiss«, krächzte ich. Wo war ich hier gelandet?
»Die Dokumente, die du jetzt bei dir trägst, sind der Schlüssel, um die Balance wiederherzustellen.«
»Aha.« Einen Sinn machte das bisher für mich nicht.
»Aber wir sollten die Rolle doch nach Miami bringen!«
»Das ist grundsätzlich richtig. Aber bedenke: Die Eile funktioniert nicht ohne Vorsicht. Deswegen werden die anderen Herrschaften dieser Runde, die zurzeit noch in Paris verweilen, eingeflogen. Wir erwarten sie morgen bei uns. Sobald wir vollzählig sind, können wir den nächsten Schritt wagen. Aber nun hat Jack das Wort.«
»Wieso Jack? Was hat er denn damit zu tun? Er ist mein Freund und nur zufällig hier.«
»Psst.« Jack unterbrach mich mit einer Abgeklärtheit, die mir Unbehagen bereitete, dann erhob er sich, um zu sprechen.
»Vorab möchte ich sagen, dass es mir unsagbar leidtut um meinen Lehrer, Mentor und zuletzt auch guten Freund, Pierre Momár. Wie wir wissen, war er der letzte Großmeister der Templer.« Alle nickten. Offenbar kannte man sich. »Ich bin stolz, seinen Platz in dieser Runde einnehmen zu dürfen.« Wieder dieses andächtige Nicken.
»Willkommen, Jack. Du weißt, was zu tun ist. Bitte.« Alfons sprach mal wieder als Einziger.
»Und nun zu dir, Amily.« Jack berichtete weiter, dass er für meine Sicherheit sorgen sollte - um jeden Preis. »Mein Name lautet Jack Tailor, das weißt du ja bereits, und ich habe mich von der ersten Sekunde an unsterblich in dich, Amily, verliebt.« Es raubte mir jeden Gedanken. Ich hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Anwesenden hielten sich mit ihrer Freude sehr bedeckt. Gab es überhaupt einen Grund zur Freude? Ich war nur ein Auftrag gewesen. Ein Job?
»Aber Jack!«
»Ja, ich weiß. Wir sprechen nachher noch darüber. Unter vier Augen.«
»Das will ich hoffen. Wäre es möglich, eine kleine Pause einzulegen? Ich brauche ein paar Minuten.« Das musste ich erst mal sacken lassen. Alfons willigte ein und kündigte eine halbstündige Unterbrechung an. Ich stand benommen auf, griff instinktiv nach der Rolle, die ich wie eine Rettungsboje umklammerte. Nachdenklich trat ich zur Wand und betrachtete die Maserung der Steine, stellte mir die quälende Frage, ob Jack nur vorgegeben hatte, in mich verliebt zu sein, weil er zu meinem Schutz abgestellt worden war und mich so besser im Auge hatte. Eigentlich glaubte ich das nicht ernsthaft, er hätte mich sonst niemals so aufrichtig lieben können, oder? Er hatte einen Denkzettel verdient, aber das hatte Zeit, also drehte ich mich zu Jack um und er kam sogleich zu mir, blieb vor mir stehen, wollte wohl etwas sagen. Auf Zehenspitzen küsste ich ihn auf den Mund, es war nur ein Hauch.
»Jack.«
»Ja, Amily?«
»Sei bitte so lieb und bring mir Wasser.« Er eilte davon, dann kam Alfons auf mich zu und wollte sich erklären.
»Alfons«, betonte ich mit ernster Stimme und umarmte ihn, anders als Jack, aber innig, sagte ihm, wie froh ich sei, einen solchen Bruder zu haben. Er war auf seine reservierte Art erfreut, sogar ein wenig verlegen. Da trudelte auch schon Jack mit meinem Wasser ein. Gott weiß, wo er es so schnell hergeholt hatte.
»Na endlich«, stellte ich schnippisch fest. Ich konnte nicht aus meiner Haut. Er schaute dermaßen verwirrt, dass es mir schon wieder leidtat. Unser Wortführer bat uns noch einmal an die Tafel, um die morgige Agenda durchzusprechen.
»Nebenan im Vorraum ist ein Büfett angerichtet, zur Stärkung.« Jack wollte meine Hand nehmen, aber ich zog sie zurück und erwiderte höflich:
»Danke, ich kann alleine laufen.« Die Herren gewährten mir den Vortritt. Wie nett, dachte ich noch, dann erstarrte ich mitten in der Bewegung. Im Vorraum standen Dr. Brenner und Marten, mein Nachbar, in ein Gespräch vertieft wie alte Freunde.
»Herr Doktor, was machen Sie denn hier? Sie beide kennen sich? Ich glaub’s nicht.« Ich war von Dr. Brenners unerwartet gutem Gesundheitszustand überrascht. Dass er überleben würde, hatte ich nicht zu hoffen gewagt, nach der Aktion auf dem Krankenhausdach. Dennoch kam ich mir vor wie bei der versteckten Kamera.
»Guten Tag, Amily. Schön, Sie so munter zu sehen.« Er schaute betreten zu Boden.
»Gleichfalls. Marten, was hast du hier verloren, in drei Teufels Namen?« Er zuckte flapsig die Schultern.
»Ich gehöre auch dazu. So einfach ist das.« Ein Kellner reichte mir einen Aperitif. Ich schnappte nach dem Glas wie nach dem letzten Tropfen Flüssigkeit auf dem Planeten.
»Ich fasse es nicht! Ich wurde die ganze Zeit verladen.« Ehe ich weiter ausholen konnte, erfüllte eine weitere Stimme den Raum.
»Wir trinken heute auf Amily. Ein Prosit!« Mein Glas zersprang am Boden, und ich rief:
»Sie sind doch der Pilot. Wie ist das möglich? Sie müssten tot sein. Der Hubschrauber! Die Explosion.« Die Männer zuckten kollektiv zusammen. Jack nahm mich beruhigend in seine Arme, was ich bitter nötig hatte. Zwischenzeitlich wurden die Scherben weggekehrt.
»Schleudersitz. Es lag nicht in meiner Absicht, Sie zu erschrecken«, entschuldigte sich der Pilot, ein gedrungener Mann Mitte fünfzig, mit eindeutig osteuropäischer Herkunft.
»Halb so wild. Ist schon wieder vergessen. Ich habe wohl überreagiert.«
»Sicherlich wirkt alles sehr verstörend auf Sie.«
»Kann man so sagen. Ich komme mir vor wie in einem Paralleluniversum«, dabei lächelte ich verzweifelt. »Nichts ist, wie ich es geglaubt habe!«
»Keine Sorge, es wird sich alles aufklären.«
»Ja, das hörte ich bereits.«
Später unternahm Jack noch einen Versuch, sich mir zu erklären, aber er wurde harsch von mir unterbrochen.
»Nein, Jack, ich kann jetzt nicht mit dir reden. Ich habe tausend Dinge im Kopf.«
»Verstehe.« Den restlichen Abend tauschten wir uns mit den anderen aus, bis Alfons gegen Mitternacht das Ende des Meetings bekanntgab.
»Morgen um elf Uhr dreißig geht es weiter. Pünktlich, die Herrschaften.«
10 – Versöhnung
Unser stetiger Wegbegleiter brachte Jack und mich nach oben zu unserem Zimmer, raunte mir zu, dass ich bitte nicht so streng mit Herrn Tailor sein solle. Ich gab ihm zwinkernd zu verstehen: nur ein bisschen. Er vermochte sich ein Grinsen kaum zu verkneifen. Vor der Tür wünschten wir uns eine erholsame Nacht.
»Vielen Dank für die vielen neuen Eindrücke, Alfons. Bis morgen.«
»Bis morgen. Das war ein ereignisreicher Tag. Ich hoffe, wir haben dich nicht überfordert.« Ich schüttelte den Kopf, gab die taffe Lady. Die Gedanken in meinem Kopf gehörten zum Glück nur mir alleine.
»Komm, Jack.« Die Zeit war reif, meinem Zukünftigen klarzumachen, dass ich mehr als nur ein Job war. Ich verschaffte mir Gehör, indem ich ihn schroff anfuhr: »Wann hattest du vorgehabt, mir das zu sagen? Vor dem Traualtar vielleicht? War das so nebensächlich für dich?« Ich stellte mir vor, wie ich ihm das Jackett vom Oberkörper zerrte und sein Hemd zerriss. Stattdessen schlug ich mir die Hände vors Gesicht und schluchzte hemmungslos.
»Nein, wirklich nicht. Du musst mir glauben, Amily. Es gibt nichts Wichtigeres für mich als dich.«
»Warum sollte ich dir glauben? Würdest du dir das selber abkaufen? Sei ehrlich!« Jack hielt mich fest, sodass ich mich nicht bewegen konnte, schleppte mich unter die Dusche und drehte das kalte Wasser voll auf. Ich wurde immer wütender und kreischte. Er legte seine Hände um mein tränenüberströmtes, tropfnasses Gesicht.
»Ich liebe dich, Amily Tailor, von ganzem Herzen.«
»Wie? Was?« Ich stand einen Moment auf der Leitung, bis ich begriff. Er mochte mich wirklich, das stand außer Frage, aber dass er mich immer noch heiraten wollte?
»Ich verstehe deinen Zorn, auch wenn er unbegründet ist. Also, wie sieht es aus? Machen wir Nägel mit Köpfen?«
»Was für eine Frage! Ja!« Jack legte in der Dusche den Anzug ab. Er öffnete den Reißverschluss meines durchweichten Kleides, streifte es ab, zog mir den Slip aus und schenkte mir einen atemberaubenden Kuss.
»Jack?«
»Was denn, Amily?«
»Meinst du das ernst mit Amily Tailor? So richtig?«
»Ja, mein kleines Mädchen. Allerdings möchte ich nicht laufend so von dir drangsaliert werden.«
Ich zögerte die Antwort hinaus. Sollte ich jetzt einfach nachgeben? Die Wut hatte mich übermannt, wer konnte mir das verdenken? Schließlich wurde an nur einem Tag meine ganze Welt auf den Kopf gestellt. Ich senkte den Kopf. »Ja.«
»Bitte wiederhole es, Amily.«
»Ja, ich habe verstanden«, sagte ich lauter und starrte ihm trotzig in die Augen. Sofort versetzte der Anblick mir einen Stich.
»Das nenne ich einen Anfang.« Er stellte das Wasser ab, hob mich auf seine Arme, verließ mit mir das Bad und legte mich auf das Bett. Jack wärmte meinen völlig unterkühlten Leib und rubbelte mich überall warm, so wie ich ihn. Ich wollte aber nicht im Streit schlafen gehen, drehte mich zu ihm, spürte seine Energie. Ich legte meine Hand auf seine Brust und fühlte seinen Herzschlag.
Rasende Kopfschmerzen holten mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Es war stockdunkel. Es musste etwas passieren, sofern ich heute noch Schlaf finden wollte, also knipste ich das Licht an. Da waren Verspannungen in meiner Schulter tastbar, so groß wie Wachteleier. Ich rüttelte Jack wach.
»Was ist los?«, fragte er alarmiert.
»Tut mir leid, aber ich brauche entweder eine Tablette oder du musst diesen furchtbaren Knoten aus meiner Schulter wegbekommen. Ich kann nicht schlafen.«
»Zeig mal.« Verschlafen tastete er nach meiner Wirbelsäule. Ein Knacken der Wirbel als Antwort und die Schmerzen waren beinahe verschwunden.
»Du bist ein Genie!« Ich bedankte mich mit einem Kuss, er lächelte müde. Ich knipste das Licht aus und drehte mich zu Jack, aber er hatte mir den Rücken zugewandt, so streichelte ich diesen und schlief entspannt ein.
11 - Die Zusammenkunft
Am frühen Morgen wurde ich von fröhlichem Pfeifen geweckt. Je mehr ich den Schlaf abschüttelte, desto mehr ging es mir auf die Nerven. Ich stand neben mir. Da war dieser rasende Durst. Mein Körper gierte nach Wasser, wohingegen meine Augen sich nur langsam an das Tageslicht gewöhnten.
Der pfeifende Mann eilte fröhlich aus dem Bad, zog mir die Bettdecke weg und presste seinen klatschnassen Körper an meinen Rücken. Laut schrie ich auf.
»Du bist eiskalt, du Spinner!«
»Ich weiß, du jetzt auch.« Er schien wie ausgewechselt, der führte doch was im Schilde. Er hatte sich von mir runtergewälzt und ich mich umgedreht.
Es begann zu nerven. Wieso war dieser Kerl so munter? Ich schleppte mich vom Bett ins Bad. Meine Beine hatte ich wohl gegen Streichhölzer eingetauscht. Nach der morgendlichen Toilette stieg ich unter die Dusche, stellte verschlafen den Hebel hoch und eiskaltes Wasser ergoss sich über mich.
»Du Teufel, das bekommst du wieder.« Aber Jack lachte ausgelassen. »Ja, lach du nur. Du wirst schon sehen, was du davon hast.« Nach dem Duschen trocknete ich mich in Seelenruhe ab. Jetzt sollte er noch etwas zu hören bekommen. Wutentbrannt stapfte ich zu ihm, aber er war bewaffnet. Er hielt ein atemberaubendes schwarzes Kleid mit dezentem Paillettenbesatz und einem Karree-Ausschnitt in der einen und ein kleines Kästchen in seiner anderen Hand. Dieser Moment sorgte dafür, dass ich sprachlos vor ihm stand. Mein Zorn war verraucht. Männer können manchmal voller Überraschungen stecken ...
»Jack, was ist das da in deiner Hand? Ist das ein schönes Kleid!« Die Tränen wollten nicht versiegen. Es war albern, aber gegen Gefühle war man machtlos.
»Warum weinst du, Prinzessin?« Nach Luft ringend antwortete ich:
»Ich weiß nicht. Was hältst du da in deiner anderen Hand?«
»Ein Etui.«
»Und was ist da drin, in diesem Etui?«
»Schau doch nach.« Die Aufregung hatte mich fest im Griff. Er hielt mir das Schächtelchen hin. Ich entriss es ihm, öffnete es hastig, aber es war leer.
»Jack! Mit so etwas treibt man keine Späße!« Er sagte leise, während er vor mir niederkniete:
»Amily Simon, du hast meinen Antrag ja bereits akzeptiert, aber ich möchte es richtig machen. Deshalb kommt hier der obligatorische Ring. Willst du ihn annehmen, bitte sag Ja.« Der schöne Mann hatte mich zu Tränen gerührt. Mit gebrochener Stimme sagte ich:
»Und ob ich das will, Jack Tailor. Nun gib ihn schon her! Ich gespannt wie ein Flitzebogen.« Vor Glück schluchzte ich in seinen Armen. Er streifte mir den Ring über meinen linken Ringfinger. Gefühle, die ich nicht mehr steuern konnte, kontrollierten das Geschehen. Er dirigierte mich zu dem Stuhl, erst jetzt nahm ich durch tränenverschleierte Augen den hübsch angerichteten Frühstückstisch wahr.
»Oh Schatz, womit habe ich das verdient?«
»Du liebst mich, das ist es, was zählt.« Auf einem der Teller lag das Gegenstück zu dem Ring an meinem Finger, nur ohne den kleinen Stein. Ich betrachtete den größeren Ring, ging zu Jack, setzte mich auf seinen Schoß und küsste ihn.
»Für meinen besten Freund und geliebten Ehemann für immer.« Unsicher schob ich den Reif aus Rotgold, der mit antiken Ornamenten verziert war, über seinen linken Ringfinger. »Kommt das in etwa hin?«, fragte ich unsicher. Ich hatte keine Erfahrung mit solchen Szenen. Er antwortete absolut überzeugt:
»Ganz wunderbar. - Wir gehören zusammen, Amily.« Er nahm eine Serviette und trocknete meinen Tränen. In diesem Moment schien die Zeit stillzustehen. Kein Laut störte unseren Kuss der Ewigkeit, es war jener, den ich so lange herbeigesehnt hatte.
»Hey, lass uns frühstücken. Du hast dir solche Mühe damit gegeben.« Von meinem Platz beobachtete ich Jack, seine Augen strahlten Wärme aus. Unentwegt trafen sich unsere Blicke, auch unsere Hände berührten sich immer wieder. Wir waren offiziell verlobt. Dann überkam mich die Neugier.
»Woher hast du all die schönen Dinge? Das Kleid, die Ringe?«
»Habe Alfons gefragt, ob er mir helfen könne. Ich sagte ihm, ich hätte etwas Besonderes mit dir vor, und er wusste sofort, was ich meinte. Er ermahnte mich nur, dass das hier kein Abenteuer sei. Schließlich willigte er ein. Ich war so froh, als Alfons heute Morgen leise anklopfte und mir die Sachen übergab.«
»Kann ich mir vorstellen.« Das Kleid rutschte von der Stuhllehne, ich hob es auf und setzte mich wieder. Ich gönnte mir einen großen Schluck Kaffee, schaute Jack an, dachte daran, dass wir bald Mann und Frau wären. Es erzeugte ein wohliges Gefühl in mir. Immer wieder bewunderte ich den Verlobungsring. Eine Hälfte des Diamanten war perfekt geschliffen, die andere hingegen in seiner ursprünglichen Form verblieben, in einer Krone verankert. Rundherum war dieser Ring mit Symbolen versehen.
Ich spreizte die Schenkel, streichelte gedankenverloren meine Scham. Es musste ihm wohl gefallen, sein Gesicht rötete sich vor Erregung und ich genoss dieses kleine Spielchen.
»Amily ...«
»Ja?«
»Wir müssen uns anziehen.«
»Ich weiß ...« Ich stand auf und machte mich nur für ihn hübsch. Immer wieder betrachtete ich den Ring.
Wundervoll.
12 – Entlarvt
Pünktlich um zehn Uhr dreißig waren wir angezogen, neugierig auf das, was vor uns lag, ich im nigelnagelneuen Kleid und Jack in seinem Anzug. Schritte im Flur nahten, wir kicherten. Unsere Lippen berührten sich ein letztes Mal. Es klopfte, ich nahm die Rolle an mich, während Jack die Tür öffnete. Alfons begrüßte uns überschwänglich.
»Habt ihr gut geschlafen?«
»Jack und ich sind jetzt offiziell verlobt!«, posaunte ich raus.
»Das freut mich. Gratuliere. - Kann es losgehen?« Ich bejahte und atmete tief in den Bauch. Wir durchschritten den Korridor und dann die lange Treppe hinunter. Ausnahmslos jeder trug eine besonders grimmige Miene zur Schau, was bei mir zu Irritationen führte. Bis auf eine Claire Nui waren wir vollzählig. Ich folgte Alfons in den Tafelraum. Er flüsterte mir zu:
»Bitte lass die Dokumente in der Rolle, bis ich dir einen Wink gebe, dass wir beginnen.«
»Sicher, aber was ist denn? Stimmt etwas nicht?«
»Wirst du gleich sehen.« Mit einiger Verspätung traf auch Claire Nui ein. Sie wurde sehr aufmerksam beäugt, als sie in den Tafelraum stürmte.
»Das soll Claire sein?«, raunte ich Jack zu. »Das ist doch ...«
»Dass Sie noch den Weg zu uns gefunden haben, Gnädigste. Wir waren in Sorge«, hallte aus dem anderen Raum. Alfons rief alle an den Tisch, wir setzten uns. Der Pilot schloss die Tür von innen, umrundete den Tisch bis hin zu Claire und packte sie fest bei den Schultern.
»Nehmen Sie die Finger weg!«, fauchte sie. Ich starrte die Frau an, die ich glaubte, von irgendwoher zu kennen. Während mein Gehirn arbeitete, eröffnete Alfons die Runde mit den Worten:
»Verehrte Anwesende, wir haben eine Verräterin unter uns. Sie hat sich kaufen lassen für läppische fünf Millionen Dollar.« Ein Raunen ging durch den Saal. Der Präfekt schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und Claire bebte vor Wut.
»Wir fragen uns natürlich, wieso, meine Liebe. Deine Aufgabe war es, die Minderheiten zu vertreten, damit auch sie ihren gerechten Anteil in der Geschichte sowie an verfügbaren Mitteln bekommen sollten.« Claire sprang auf, ihre Augen blitzten vor Zorn und sie pöbelte:
»Das ist ja wohl ein schlechter Witz! Ihr seid alte Männer, die nichts mehr bewirken können, durch die Bank bemitleidenswerte Kreaturen.« Der Pilot packte ihre Arme und band sie unsanft mit Kabelbinder zusammen. »Das könnt ihr nicht tun!«
»Sei still!«, raunte ihr Peiniger.
»Du warst so nah dran, zu erfahren, was echte Macht bedeutet. Schade. Sergej, bitte, schaff sie mir aus den Augen.« Alfons war spürbar enttäuscht und gab dem Piloten den Wink, sie wegzuschaffen. Vorher zog der Pilot der Frau Schuhe und Kleid aus, welches er demonstrativ dabei zerriss. Niemand störte sich an der Entwürdigung, nur ich empfand die Situation als sehr beklemmend und beschämend. Nachdem die kleine Frau fast nackt und nun leicht hinkend aus dem Saal geführt worden war, unterbrach Alfons die Sitzung für fünfzehn Minuten. Mir war es recht. Ich brauchte ein wenig, um mir darüber klar zu werden, was ich erlebt hatte. Es war schlimm für mich, zumal ich wusste, warum Claire hinkte. Ich wusste, dass ihr rechtes Bein null Komma sieben Zentimeter kürzer war als das linke und sie spezielle Schuhe trug, um diesen Makel zu verbergen. Sie war sehr eitel und für mich war ihr Name Sylvia. Mir schwirrte der Kopf. Ich könnte mich auf der Stelle übergeben vor Abscheu. Jack, der offenbar Gedanken lesen konnte, reichte mir ein Glas Wasser. Ein kurzer Dank, dann versank ich wieder in Grübeleien. Der Pilot riss mich aus meinen Überlegungen.
»Alles in Ordnung?«
»Ja, bestens. Sagen Sie, darf ich Ihnen eine Frage stellen, Herr ...?«
»Bitte, nenne mich bei meinem richtigen Namen: Sergej Orlof.«
»Ja gerne, ich werde es beherzigen. - Ich habe über die Zeichen auf dem Tisch nachgegrübelt, die lassen mir keine Ruhe. Wissen Sie etwas darüber?« Er meinte, ich solle abwarten, denn vieles löst sich nur gemeinsam. Dabei lächelte er geheimnisvoll. Na toll, wieder einer dieser schlauen Sprüche, die mir bisher noch keinen Deut weitergeholfen hatten.
»Danke, Sergej.«
»Gerne, Frau Amily.« Ich gönnte mir einen Schluck, sah, dass Alfons auf mich zusteuerte. Mir wäre lieber gewesen, wenn er mich in Ruhe gelassen hätte.
»Bitte, sag mir, wie habt ihr herausgefunden, dass diese Claire mit dem Syndikat zusammenarbeitet?«
»Ganz simpel. Regelmäßig wird jeder von uns überprüft, selbstverständlich auch dessen Konten. Bei Claire wurden Auffälligkeiten festgestellt. Mach dir keine Sorgen, Amily, Sie hat gestanden.« Ich nickte.
»Was passiert nun mit ihr?«
»Wir müssen das noch prüfen.« Alfons bat uns rasch an die Tafel zurück.
»Amily, du bist an der Reihe. Wärst du so nett, die Rolle zu öffnen und ihr die Dokumente zu entnehmen?« Vorsichtig löste ich die rote Kordel von Deckel und Rolle, legte sie auf den Tisch und schüttelte den Inhalt aus der Rolle. Nun hielt ich die Dokumente in meiner linken Hand, dabei verfing sich mein neuer Ring in einem der Symbole. Ich fluchte. Mit einem Zischen und Summen erschien über dem Tisch ein milchiger, durchscheinender, dreidimensionaler menschlicher Kopf, der gegen den Uhrzeigersinn unsere Gesichter scannte. Was war denn das, bitte? In meine Richtung schauend stoppte dieser und sprach:
»Hallo, Amily.«
»Oh, Shit!« Mir klappte die Kinnlade runter und ich stierte mit großen Augen auf die Erscheinung. Ich kannte die Frau, die weißen, streng frisierten Haare, die stechenden Augen ... Grundgütiger. Die Erinnerungen aus meiner Kindheit waren nicht allzu positiv. Ich schnappte nach Luft wie ein Goldfisch auf dem Trockenen.
»Oma Louise, was machst du da drin?«
»Dazu kommen wir später. Lass deine linke Hand dort, wo sie sich jetzt befindet, ruhig liegen. Nicht bewegen.« Überflüssig zu sagen, denn ich war wie zu Stein erstarrt. Louises Kopf schwenkte zurück zu Alfons.
»Hallo mein Sohn, wie ich sehe, hast du Amily gut und behütet hergebracht. Ich werde den Raum jetzt sichern.«
Sohn? Dieser antwortete gehorsam: »Jawohl.«
Man konnte deutlich vernehmen, wie verborgene Riegel einrasteten. Das Herz rutschte mir in die Hose. Ich flüsterte: »Jack? Hilf mir.« Der Boden unter meinen Füßen ruckelte, dann sank die Kammer ab wie ein überdimensionaler Aufzug. Unterdessen drehte sich Oma zu mir zurück.
»Amily, mein Kind, mir ist klar, dass du viele Fragen hast. Es liegt in deiner Natur, alles wissen zu wollen. Für’s Erste brauchst du nur zu wissen, ich bin nicht deine Großmutter. Ich bin deine biologische Mutter und seit fünfzig Jahren die Hüterin des Wissens.« Die Gedanken in meinem Kopf wirbelten durcheinander und äußerten sich in einem stechenden Schmerz. Mir blieb kaum Zeit zum Nachdenken. »Bitte gib jetzt den kleinen Zettel, den du in der Rolle gefunden hast, Robert Norrier.«
»Ja, - Mutter?« Ich biss mir auf die Zunge, nachdem ich das Wort über meine Lippen gequetscht hatte. Ich hatte doch eine Mutter. Robert nahm den Zettel entgegen, betrachtete ihn durch eine Lupe und bettete ihn im Zentrum der Metallplatte. Die Zeit schien stillzustehen, der verzierte Goldring setzte sich schließlich in Bewegung, drehte sich im Uhrzeigersinn und stoppte dann in einer bestimmten Position.
»Nun Amily, schaue vor dir auf dein Segment. Welches Symbol siehst du dort?«
»Da steht der griechische Buchstabe Phi.«
»Gut. Jetzt muss der Ring aus der Einkerbung entfernt werden.« Der Boden ruckelte, die Verriegelung löste sich aus der Falle, der ganze Raum begann, sich gegen den Uhrzeigersinn um hundertachtzig Grad zu drehen. In Folge saß ich genau in Blickrichtung einer großen Tür. Ich war aufgeregt, aber vor allem neugierig, was sich dahinter wohl verbergen mochte. Nun legte Robert seinen Ring in die vorgesehene Einkerbung, die Tür öffnete sich wie von Geisterhand. Er entfernte den Ring. Alfons trug zwei davon und streifte sie vom Finger. Einen von ihnen platzierte er rechts oben, kurz vor der Metallplatte, den anderen am unteren Ende in der jeweiligen Einkerbung und drehte beide gegenläufig um neunzig Grad. Licht entflammte im Nebenraum, eine Plattform fuhr aus, bis sie in ihrer Endposition einrastete. Walter Müllers, Jacks sowie der Ring von Claire Nui, den Sergej stellvertretend in die Einkerbung gelegt hatte, mussten synchron im Uhrzeigersinn bis zum Anschlag gedreht werden. Nunmehr illuminierte ein riesiger Raum, gleichzeitig drehte sich der goldene Kreis weiter. Jeder schrieb seinen Buchstaben oder Symbol auf und reichte es dem Wächter Robert. Der sah sich alles an. Es schien, als ratterte in seinem Kopf eine Maschine, die errechnete, wie der Code wohl lauten würde. Er stand auf und gab das Ergebnis in eine Tastenkonsole ein, die sich aus der Wand herausdrehte. Sekunden später erhellte sich der Raum, weitere Riegel entsperrten hörbar.
»Willkommen hier unten im Allerheiligsten, alle miteinander. Darf ich jetzt Amily bitte, mir zu folgen?« Alfons schritt voran, die anderen verblieben im Raum, ohne zu murren. Mein Pulsschlag beschleunigte sich. Natürlich wollte ich unbedingt wissen, was es noch zu entdecken gab. Wir blieben vor einem Parabelbogen aus Felsgestein stehen.
»So, Amily, strecke jetzt deinen Arm aus, dann sag laut und deutlich deinen Namen.« Ich schaute Alfons verdutzt an.
»Nenn deinen Namen!« Artig streckte ich den Arm aus.
»Mein Name ist Amily Simon.« Ich konnte meinen Arm nicht mehr bewegen, so sehr ich es auch versuchte, und stand kurz vor einer Panikattacke. Ein merkwürdiges, gleißendes Licht kam von oben herunter und verharrte vor mir auf Kopfhöhe. Es war so hell, dass ich die Augen zukneifen musste. In meinem Kopf vernahm ich eine Frage:
»Welches Symbol steht für dich?«
»Phi«, rief ich laut. Ich glaubte wahrzunehmen, wie sich eine Glaswand öffnete. Ich riss die Augen auf, um ja nichts zu verpassen. Ein kräftiger Luftstrom blies mir entgegen und der Saal wurde vollständig von Licht durchflutet. Ich sah als Erstes das Abbild Alexander des Großen auf einer beachtlichen Goldscheibe von der Decke hängend. Ich war völlig gebannt und hielt mir die Hände vor den Mund. Alfons trat dicht an meine Seite.
»Das ist erst der Anfang.« Völlig verwirrt schaute ich ihn an.
»Der Anfang von was?«
»Komm Amily, wir müssen uns ans Protokoll halten und zurück an die Tafel.«
»Okay. Trotzdem hätte ich gern eine Erklärung«, meinte ich halblaut. Ich folgte meinem Bruder - der im Übrigen tat, als hätte er nichts gehört - immer wieder ungläubig zurückschauend. Dann stand ich vor meinem Platz, blickte zu Jack, der hilflos die Achseln zuckte. Ich setzte mich und dachte: leck mich am Arsch! Die älteren Männer räusperten sich, was mich veranlasste, mich entsetzt umzusehen.
»Habe ich das schon wieder laut gesagt?«
»Ja, allerdings«, entgegnete Jack.
»Oh nein. Entschuldigen Sie, meine Herren, aber ich ...«
Ich trank das mir angebotene Glas Wasser in einem Zug leer und lehnte mich zurück. Von Alexander hatte ich nur ein Dokument gefunden und folgerte daraus, dass es auf diese Metallplatte gelegt werden musste. Folglich platzierte ich es mitten darauf, aber nichts geschah.
Alle anderen verhielten sich mucksmäuschenstill. Von ihnen war keine Hilfe zu erwarten. Dann kam mir die Idee, mein Symbol, nein, meinen Ring in die Kerbe zu legen. Es geschah immer noch nichts. Ein leichtes Ruckeln deutete an, dass ich fast richtig lag. Und nun? Ach, nach rechts drehen, wie blöd. Danach ertönte ein leises Summen, und wie aus dem Nichts tauchte eine dreidimensionale Karte auf. Ich schrak kurz zurück, gab mir dann aber Mühe, nicht die Fassung zu verlieren. Jetzt ergriff Walter Müller das Wort:
»Diese Karte, meine Dame und die Herren, zeigt drei Orte, an denen die Syndikate einige Weltschätze dieser Erde in schwer bewachten Bunkern versteckt halten.«
»Ich unterbreche nur ungern, aber sind wir jetzt die Diebe?« Meine forsche Einmischung wurde augenblicklich gerügt.
»Ich darf wohl bitten!«
Ich stand auf und entschuldigte mich sofort bei Walter. »Verzeihung, das war respektlos von mir.«
»Ist gut, meine Liebe. Für Sie ist alles noch neu und befremdlich.« Na endlich, das hatte mal jemand erkannt. Er fuhr mit seinen Ausführungen fort und ich musste feststellen, dass ich seine Stimme und seine Aussprache hasste.
»Die Schätze sind uns und den Regierungen teils schon vor sehr langer Zeit entwendet worden. Nach heutigem Stand stellen sie einen enormen Wert da. Regierungen werden erpressbar gemacht oder gezwungen, etwas von der Volks-Wirtschaft des Landes abzutreten.«
Davon hat Alfons also gesprochen, dachte ich.
»Genau, meine Liebe, genauso.« Hatte ich schon wieder laut gesprochen? Da brachte sich das Hologramm meiner Mutter/Oma Louise mit ein und sagte:
»Exakt die gleiche Schwäche habe ich auch, Amily.«
»Tatsächlich?«, heuchelte ich, damit ging es mir auch nicht besser. Allerdings erahnte ich so langsam die Tragweite des Ganzen. Er, Müller, habe fünf Jahre damit verbracht, einen dieser Orte ausfindig zu machen, und dabei eine Idee entwickelt, wie man diesen Bunker gefahrlos ausräumen könne. Der letzte Wächter, Robert Norrier, erhob das Wort:
»Uns wurde vor Jahrhunderten ein großer Teil des Schatzes von unseren eigenen Templern geraubt, ein anderer Teil liegt bis heute im Vatikan.« Er senkte beschämt sein Haupt und verkündete, dass eine Gruppe aus siebzehn falschen Templern den Schatz an private Sammler verscherbelt hätte. Richtige Templer kämen ohne jeden Besitz oder gar großen Reichtum aus, wie der Titel »Die arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem« bereits besage.
»Drei Käufer sind uns namentlich bekannt. Es sollte möglich sein, diesen Teil des Schatzes wiederzubeschaffen. Nur fehlt uns der Schlüsselstein dazu, ein Anhänger an einer Kette mit dem Symbol für Loyalität. Sie ist wahrscheinlich aus reinem Silber gefertigt.« Während er sprach, zeichnete er mit der Hand mehrere Kreise in einer bestimmten Anordnung in die Luft. Alle blickten sich ratlos an, keiner sagte etwas. Ich stotterte leise:
»Die hab ich. Das ist meine Kette. Ich bekam sie seinerzeit als Geschenk zur Konfirmation von meiner ... Mutter.« Die Männer schauten mich erwartungsvoll an. Das Hologramm, das ich schwer als meine echte Mutter ansehen konnte, drehte sich zu mir.
»Ach, ich weiß es jetzt, deine Tante war die Auserwählte, die wir nie gefunden haben.« Am liebsten hätte ich mir die Ohren zugehalten, doch ich ergriff das Wort und bat Alfons, ihm etwas zuflüstern zu dürfen und löste ein allgemeines Grinsen ob meiner Naivität aus.
»Amily, wir reden ausschließlich laut miteinander, um Missverständnisse auszuschließen. Aber ich weiß, was du sagen möchtest. Die Entscheidung liegt bei dir.« Ich stand auf, streichelte flüchtig Jacks Nacken, ging an Alfons vorbei und blieb neben Robert Norriers Stuhl stehen. Dort nahm ich schweren Herzens die Kette und legte sie Robert in die Hand.
»Passen Sie gut auf meine Kette auf, das ist alles, was ich besitze.« Robert bedankte sich mit einer Verbeugung.
»Das werde ich. Keine Sorge.« Kurz bevor ich wieder Platz nahm, fielen mir die Ringe unter den Stühlen auf, dachte mir aber nichts dabei und setzte mich wieder.
Ich schluckte schwer. Es hatte mich Beherrschung gekostet, so lange still zu halten, bei den vielen Fragen, die noch ungeklärt waren, doch nun fasste ich mir ein Herz.
»Darf ich sprechen?«
»Aber gerne, Amily.«
»Danke.« Ich schaute Alfons fest in die Augen, wählte meine Worte überlegt. »Bruder, ich bin nun schon einige Tage bei Euch und dies ist nicht die erste Versammlung, der ich beiwohnen darf. Trotzdem wurde mir bisher weder von dir noch von ihr«, ich deutete auf die Hüterin »überhaupt ansatzweise erklärt, was es auf sich hat mit der Auserwählten.« Ich schlug die Augen nieder, um die entsprechende Demut auszudrücken. Langsam begriff ich, wie die Jungs hier tickten. Das Hologramm von Louise rotierte. Ein Zeichen für Aufregung?
»Du hast recht, Kind. Ich hätte gern persönlich mit dir darüber gesprochen, aber wenn es nun so ist, sei dir der Wunsch gewährt. Alle paar Generationen wird eine Auserwählte geboren. Die Frau, die sich deine Mutter nennt, hat versucht, dich vor uns zu verbergen. Als wir herausfanden, dass du in Hamburg lebst, haben wir dich beobachten lassen. Es war nur zu deinem Besten.« Mehr kam nicht.
Alfons wollte nach Protokoll fortfahren, als eine ohrenbetäubende Sirene losging. Eine Art Sicherheitstür verschloss den Parabelbogen, die Laufplattform wurde eingezogen, die Tür zu dieser schloss sich automatisch. Was war geschehen? Der Pilot warf einen Blick auf eine Konsole, die Einstellungen verschiedener Überwachungskameras zeigte.
»Claire Nui hat sich aus dem Sicherheitstrakt befreit.« Sergej war aufgebracht, warf aber Alfons nur einen vielsagenden Blick zu. Damit war Frau Nuis Urteil gefällt.
»Kümmer dich darum!«, befahl Alfons grimmig.
»Wird erledigt.«
»Plan B!«, kommandierte der Präfekt. Daraufhin verteilte Sergej seltsame Miniatur-Atemgeräte mit Beleuchtung und erläuterte kurz deren Anwendung. Ich stülpte mein Atemgerät über meinen Kopf, legte es aber noch nicht an. Die älteren Herren sahen lustig aus mit der Gummimaske auf ihren Köpfen. Sergej wandte sich an Alfons:
»Um Amily kümmere ich mich persönlich.« Und an mich gerichtet: »Hab keine Angst.«
»Ich habe keine ...«
»Maske!«, brüllte der Pilot. Im gleichen Augenblick schossen Metallringe aus dem Stuhl, auf dem ich saß, die mich in Sekundenschnelle an Ober- und Unterarmen, Hüfte und Beinen fesselten. Der Stuhl schnellte mit mir in die Tiefe und tauchte in kaltes Wasser. Mein Herzschlag setzte kurz aus. Ich verspürte grenzenlose Angst. Mein Herz raste. Ich versuchte, kontrolliert zu atmen. Das Licht am Beatmungsgerät schaltete sich endlich ein. Ich befand mich in einer Röhre, ähnlich einer Wasserrutsche im Spaßbad, doch plötzlich ruckelte es heftig und mein Gefährt kam zum Stillstand. Was war das? Konturen einer schwach beleuchteten Höhle schälten sich aus der Dunkelheit. Ich befand mich in einer Art Becken, mehrere Meter tief. Wo waren die anderen? Außer mir war niemand zu sehen. Die Metallringe an meinem Stuhl entriegelten sich quälend langsam. Der Stuhl blieb unten, ich trieb an die Wasseroberfläche und fand Halt am Rand der Röhre. Auf die Hände stützend hievte ich mich schwungvoll auf den Boden der Höhle und zog das Atemgerät ab. Zaghaft rief ich:
»Ist da jemand?« Es blieb beim Echo meiner Stimme. Plötzlich wurde es in der Grotte hell. Überall glitzerte es farbenfroh. Das Geräusch einer sich öffnenden Tür hallte wider und Fußtritte waren zu hören. Lautlos glitt ich zurück ins Wasser, schnappte mir das Beatmungsgerät, legte es an und hielt mich am Stuhl fest. Meine Blicke schweiften über den Grund der Höhle, dort erkannte man Umrisse einer Person. Es konnte jeder sein. Männlich ganz gewiss, einen Meter und neunzig groß und … scheiße, bewaffnet! Ich tauchte ab. Was jetzt, Amily? Denk nach! Ich zog mich wieder auf die Sitzfläche und suchte verzweifelt nach einem Schalter, bis eine plötzliche ruckartige Bewegung des Stuhls mich in Panik versetzte. Vereinzelte Schüsse hallten hinter mir. Ich hatte große Mühe, mich festzuhalten, während der Sitz mit mir darauf an Geschwindigkeit zulegte. Das Anschnallsystem funktionierte nicht. Mit den Füßen umklammerte ich die Stuhlbeine und die Armlehnen mit meinen Händen. Schlagartig wurde es taghell, mein Gefährt stoppte.
Bäume. Wieso Bäume? Der Stuhl stellte sich vollautomatisch in die senkrechte Position. Mein Signal aufstehen zu dürfen. Ich befreite mich von dem Atemgerät, das ich nun nicht mehr brauchte und legte es auf die Sitzfläche. Rechts neben mir war eine Plattform mit ähnlichen Ornamenten wie auf der Tafel zu sehen. Obwohl ich misstrauisch war, nahm ich die vertrauten Symbole als Hinweis, dass ich mich auf sie stellen konnte.
13 – Unterschlupf
Wie angewurzelt stand ich nun dort, schaute mich verängstigt um, aber da war nichts als Wald, der mich umgab. Nach ein paar Sekunden drehte sich die Plattform schleppend rechtsherum und sank in die Tiefe. Viele kleine Lichtpunkte, vermutlich LED-Lichter, beleuchteten den Schacht, nachdem sich die Öffnung oben wieder geschlossen hatte. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam die Plattform zum Stillstand, ein Ausschnitt in der Wand des Schachts öffnete sich nach außen. Dort stand jemand. Ich erkannte Sergej sofort an seiner Statur und fiel ihm weinend in die Arme.
»Meine liebe Amily, du bist wohlauf. Das ist gut. Etwas ist schiefgegangen. Wir waren so in Sorge.«
»Es war unglaublich!« Mir wollten die Worte nur so hinaussprudeln, aber Sergej unterbrach mich:
»Später. Wir müssen sofort weg. Bitte erzähl es mir im Auto.« Er nahm mich an die Hand wie ein kleines Kind. Wir durchstreiften den Wald, den er anscheinend wie seine Westentasche kannte, ungefähr eine Stunde lang. Zum Glück war es nicht allzu kalt. Nach einer Weile begann meine Kleidung zu trocknen. Sergej bat mich, in einem Dickicht zu warten. Keine fünf Minuten später fuhr er mit einem Geländewagen vor, stieß die Beifahrertür auf und rief mich. Mit ein paar großen Schritten hatte ich das Auto erreicht, sprang hinein, schlug die Tür zu und verriegelte sie. Sergej fuhr wie ein Besessener über die Waldwege, nach rechts, nach links, ganz steil bergab, dann wieder bergauf, ohne an Geschwindigkeit zu verlieren. Obwohl ich angeschnallt war, wurde ich heftig durchgeschüttelt. Sergej erkundigte sich immer wieder fürsorglich nach meinem Befinden.
»Mit mir ist alles okay«, versicherte ich ihm.
Mitten in der Nacht trafen wir in einer Kleinstadt am Waldrand ein. Ab diesem Zeitpunkt fuhren wir gemäßigt. Das vorletzte Haus am äußeren Stadtrand war das Ziel, es war von außen beleuchtet wie ein Tannenbaum, und wir fuhren in die Hofeinfahrt, direkt in die Garage. Sergej betätigte eine Fernbedienung, das Garagentor schloss sich knarrend.
»So Amily, du kannst aussteigen. Hier sind wir absolut sicher, nur ich kenne diesen Ort. Allerdings muss ich noch mal weg, zwei weitere Personen abholen. Du kannst dich währenddessen mal ordentlich ausschlafen. Alles Notwendige wirst du vorfinden.«
»Danke.« Ich umarmte ihn herzlich und bat:
»Bringen Sie mir bitte Jack heil zurück.«
»Das werde ich.« Sergej besaß die gleiche Eigenschaft wie Alfons sich zu sorgen und trotz aller Schwierigkeiten freundlich und höflich zu bleiben. Ich versuchte zu grinsen, aber meine Gedanken galten ausschließlich Jack.
»Ach, Amily, wichtig: Du brauchst nur zu sagen: Tür auf und sie öffnet sich.« Das Garagentor fuhr wieder hoch. Ich warf die Beifahrertür zu, er wollte sofort aufbrechen, um die anderen zu finden. Ich schenkte ihm ein Lächeln, drehte mich um und sprach die Zauberworte. Wie von Geisterhand öffnete sich die erste Tür und ich konnte hineingehen. Dann vernahm ich das Aufheulen des Motors und wie der Wagen schließlich aus der Einfahrt fuhr und davonraste. Langsam, auf wackligen Beinen, stieg ich eine Treppe hinauf, ein einzelnes Licht glimmte im Treppenaufgang. Eine doppelflügelige rotbraune Tür mit Schnitzereien, Symbolen in Altgriechisch und Latein, stand offen. Ich durchschritt diese, eine kleine Wandlampe warf ein spärliches Licht in den Raum. Ich rief »Licht«, aber keine Veränderung. Also suchte ich nach dem Wandschalter und fand einen schmalen Kippschalter, den ich betätigte. Der Raum erstrahlte durch einen gewaltigen Kronleuchter an der Decke. Alles hatte einen antiken Touch, fast schon mittelalterlich. Die massiven Bodenplatten gaben dem Zimmer optisch mehr Fläche. Es gab einen alten Sekretär mit einer betagten Lampe drauf, daneben befand sich ein monumentaler Kamin mit reichlich Verzierungen. Es wirkte wie eine Lounge-Ecke. Nach der aufregenden Fahrt brauchte ich allerdings dringend eine Toilette, die ich nach Verlassen des Raumes Linkerhand fand. Anschließend wusch ich mir Hände und Gesicht. Eine Tür weiter, die auch zu einem angrenzenden Schlafzimmer führte, fand ich ein geräumiges Badezimmer. Jetzt wünschte ich mir ein schönes heißes Bad. Spontan ließ ich heißes Wasser in die Wanne. Eine Tüte mit Meersalz und Badehandtücher lagen auf dem Rand der Wanne. Ich riss den Beutel auf und gab etwas von dem wohlriechenden Salz ins Wasser. Mein klammes Kleid, ein Fall für die Mülltonne, streifte ich vom Körper, dann kontrollierte ich noch die Schussverletzungen, aber diese sahen gut aus. Ich stieg in die Wanne, glitt in das warme Nass, stellte das Wasser wieder ab und versank bis zur Nasenspitze darin. Ist das schön entspannend! Trotzdem ertappte ich mich immer wieder dabei, Geräusche wahrzunehmen. War Sergej schon zurück? Nein, natürlich nicht. Nach dem dritten Fehlalarm fiel ich endlich in einen Zustand der Entspannung. Meine Muskeln entspannten sich nach diesem anstrengenden Tag, auch das Rauschen in meinen Ohren ebbte letztlich ab. Ich stieg völlig erledigt aus der Wanne, zog den Stöpsel, trocknete mich ab und wickelte mir das Tuch um den Kopf. In einem kleinen Schränkchen fand ich ein Pflegeöl, damit rieb ich meine Haut ein. Nebenan im Schlafzimmer legte ich mich, eingewickelt in ein großes Handtuch, ins Bett. Augenblicklich schlief ich ein.
Ein Sonnenstrahl weckte meine Sinne. Ich räkelte mich, warf die Bettdecke zurück und stand auf. Mein Badetuch rutschte dabei zu Boden. Am Fenster schaute ich nachdenklich in die Ferne. Meine Gedanken kreisten wieder einmal nur um den Einen. Lustlos tapste ich ins Bad und machte mich frisch, anschließend öffnete ich den Kleiderschrank im Schlafzimmer. Lächelnd, als hätte ich es irgendwie erwartet, entdeckte ich das altbekannte Kleid sowie frische Unterwäsche aus dem Backsteinhaus in Bormes. Ich nahm das Kleid hinaus und registrierte grinsend, dass die schwarze Rolle unversehrt im Schrank lehnte. Innerlich bedankte ich mich bei Sergej. Anschließend erkundete ich das Haus ein wenig, bis ich schließlich auf der Außenterrasse angekommen war. Eine Liege und ein Tisch standen einladend in der Sonne.
Ich holte das Handtuch sowie ein Buch, das auf dem Nachttisch gelegen hatte, ein Thriller, ganz nach meinem Geschmack, und legte mich in die Sonne. Die krampfhaften Versuche zu lesen scheiterten ob meiner inneren Unruhe. Die wärmende Sonne ließ mich schnell schläfrig werden und einschlafen. Ein Gefühl der Zärtlichkeit überkam mich, mein Schoß verlangte nach Jack. Ein lautes Donnern ließ mich zusammenzucken. Hatte ich das nur geträumt? Außer mir war niemand sonst hier. Meine Haut brannte. Aufgrund meiner Haarfarbe und dem hellen Teint war ich prädestiniert für Sonnenbrand. Ich lerne es wohl nie. Ich klemmte mir den Roman unter den Arm, schnappte mir das Handtuch und verschwand im Schlafzimmer. Dort legte ich mich nackt quer auf das Bett, wo ich erneut einschlief. Dann, irgendwann bekam ich nur schwer Luft, was mich erwachen ließ. Irgendetwas lastete auf mir. Ich fühlte mich erdrückt.
»Jack, bist du das?« Keine Antwort. Ich versuchte, das Gewicht von meinem Körper zu schieben, doch es ging nicht. Eine dumpfe Stimme sagte zu mir:
»Heute bist du fällig, meine Liebe.« Wut kochte in mir hoch und setzte ungeahnte Kräfte frei. Ich konnte mich befreien, holte mit geballter Faust aus und schlug zu. Dann griff ich mit der anderen Hand nach dem Buch, damit prügelte ich wie wild auf den Angreifer ein, bis der keinen Mucks mehr von sich gab. Ich schaltete das Licht ein und da lag Jack. Ich schrie auf ihn ein:
»Du Arsch, bist du nicht ganz dicht?« Aber er regte sich nicht mehr. Bitterlich weinend gab ich ihm einen Kuss. »Das wollte ich nicht.« Er packte mich kraftvoll und küsste mich zurück. Ich war erregt, sehnte mich nach seiner Nähe, aber nicht auf diese Weise. Ich flehte ihn an, mich loszulassen, verkroch mich unter meiner Bettdecke und weinte. Wie konnte er mir das nur antun? Jack streichelte mir den Rücken, nur langsam erholte ich mich von diesem Schreck. Ich drehte mich verweint um und verpasste ihm eine saftige Ohrfeige.
»So, mein Lieber, das hast du davon!« Jack fasste sich erschrocken an die Wange. Meine Gefühle waren eine einzige Achterbahnfahrt.
»Machst du das noch einmal, dann ist was los, verstanden?« Meine ungefilterte Wut traf ihn. Doch Jack überraschte mich, er senkte sein Haupt, Tränen tropften von seiner Wange. War ich zu weit gegangen? Ich hob sein Gesicht an. Meine Finger zeichneten sich deutlich auf seiner Wange ab. Das schlechte Gewissen überkam mich, hatte aber nicht die Absicht, mich zu entschuldigen. Schließlich war ich im Recht. Ich küsste ihn liebevoll, doch er wandte sich wortlos ab, verkroch sich unter seiner Decke und weinte herzzerreißend. Mir war übel, ich rannte ins Bad, übergab mich über der Toilette, putzte meine Zähne und ging zu Jack. Aber er hatte sich in Rauch aufgelöst. Ich suchte ihn im ganzen Haus und im Garten aber weit und breit kein Jack. Meine Tränen flossen wie Sturzbäche.
Was hatte ich nur getan? Jack, du bist doch mein Ein und Alles.
»Ich liebe dich über alles«, rief ich und hoffte, dass er mich hörte. Ich rollte mich unter meiner Decke zusammen und bekam einen Weinkrampf.
»Jack, Jack, bitte komm zurück«, schluchzte ich und schlief ein.
14 – Pläne
Am frühen Morgen duftete es nach Kaffee. Ich schlug meine verquollenen Augen auf, sah Jack und klammerte mich fast panisch an ihn.
»Jack, Jack! Ich tue es nie wieder!« Ich übersah in meiner Aufregung sogar seine Nacktheit.
»Was ist mit dir, Amily? Was hast du?«
»Ich wollte dich nicht ohrfeigen!«, brach es aus mir heraus. Er erwiderte verdutzt:
»Aber ich bin doch eben erst mit dem Piloten angekommen. Ich weiß nicht, was du meinst.« Ich schaute Jack genau an, da waren keine Fingerabdrücke in seinem Gesicht. Wie das? Immer wieder küsste ich ihn und hatte ein enorm schlechtes Gewissen.
»Amily, hör doch, du hast mir keine Ohrfeige verpasst.«
»Nicht?« War es nur ein Traum gewesen? Fortwährend musste ich ihn umarmen und küssen. Jack wirkte total erledigt, aber ich war wie ausgewechselt. Nachdem die Anspannung von mir abgefallen war, verspürte ich einen gewaltigen Hunger.
»Ihr wart aber lange weg«, gab ich zu bedenken. Auf der Suche nach etwas Essbarem fand ich eine Packung Zwieback im Küchenschrank.
Ich frühstückte im Bett, eine krümelige Angelegenheit, aber heute war mir alles egal. Jack auch, denn der schnarchte wie ein Brummifahrer. Ich bemühte mich, den angefangenen Roman weiterzulesen, wurde aber ständig in meiner Konzentration gestört.
So, mein Freund, dachte ich, jetzt reicht es. Ich füllte den Zahnputzbecher mit kaltem Wasser, schlich ins Schlafzimmer zurück und schüttete es ihm über dem Kopf.
»Warte du nur, Fräulein!« Die Kissenschlacht war eröffnet, die in seinen Armen endete, mit Küssen, die mich verzauberten, Hände, die endlich taten, was ich so sehr wollte. »So, erzähl mir, was war los, als ich nicht da war?« Die Worte sprudelten aus mir heraus, bis ich an die Stelle kam, an der ich ihm eine gelangt hatte. Zwangsläufig kullerten bei mir wieder die Tränen. Jack unterbrach mich.
»Amily, du hast nur geträumt.«
»Ja, ich weiß«, dann küsste ich ihn liebevoll. »Also, wieso hat das so lange gedauert bei euch? Sergej wollte bloß kurz weg, aber dann ...«
»Stimmt. Wir stießen auf unvorhergesehene Schwierigkeiten.« Ich verdrehte die Augen.
»Sprecht nur alle weiter in Rätseln, ich liebe das. Wäre nur nett, wenn du mich anrufen könntest. Es gibt da so eine Erfindung, die nennt sich Mobiltelefon.« Jack fuhr sich durchs Haar.
»Ich ahnte, dass du dir Sorgen machst.«
»Sorgen? Ich halte das für leicht untertrieben. Zumal noch immer niemand den Anstand hatte, mir zu erklären, was hier eigentlich gespielt wird.«
»Du hast recht, aber es steht mir nicht zu. Das ist Alfons Aufgabe.«
»Weil?«
»Es gibt Regeln. - Er ist der Präfekt.« Jack redete um den heißen Brei. Da konnte man nur verzweifeln.
»Aber was gehen mich eure Regeln an?« Völlig entgeistert starrte Jack mich an.
»Amily, Schatz! Du bist ein wichtiger Teil der SINODIS.«
»Wenn du es sagst. Na schön, ich werde Alfons danach befragen, um ja niemandem auf den Schlips zu treten.«
Jack schien zufrieden und ich gab mich geschlagen. Genauso gut konnte ich mit der Mauer im Garten reden.
Apropos Garten - am Nachmittag lagen wir gemeinsam auf der breiten Sonnenliege, ich schmiegte mich an ihn. Mit meinem Kopf auf seiner Brust lauschte ich seinem regelmäßigen Herzschlag und fing leise an zu summen. Da klopfte es an der Terrassentür. Wir schauten auf. Sergej teilte uns mit gebührendem Abstand mit, dass er Alfons holen würde und spätestens morgen Abend zurück sei. Er wünschte uns einen angenehmen Aufenthalt. Ich kicherte nur und wartete den Moment ab, bis der Motor aufheulte. Ich wollte ihn, Mr. Jack, das ganze Paket, mit anschließenden Briefmarken anlecken. All mein Ballast war von mir abgefallen und wir tauschten eng umschlungen auf der Liege Zärtlichkeiten aus. Jack war ein Meister darin, binnen Sekunden das Thema zu wechseln. So auch jetzt.
»Liebste, wo wollen wir denn kirchlich heiraten?« Ich machte große Augen und antwortete ein bisschen zögerlich:
»Eine Kirche brauche ich nicht unbedingt. Wenn ich wählen dürfte, wäre mir das alte Backsteinhaus am liebsten, da habe ich mich wohlgefühlt. Aber Alfons und Sergej müssen dabei sein.«
»Einverstanden. Deine Wünsche sind ja bescheiden.«
Im Bad machte ich mich frisch und zog mir anschließend eine Panty über. Ein ausgewogenes Essen - frischer Obstsalat, aufgeschlagenes Eiweiß und zwei Steaks - würde wahre Wunder bewirken. Zum Nachtisch gab es Schokoladeneis mit Vanillesoße. Ich stellte alles auf den Tisch und rief nach meinem Verlobten. Er war auf der Terrasse eingeschlafen. Ich schenkte ihm einen Kuss und er regte sich schlaftrunken.
»Komm aus der Sonne, ich habe uns was Leckeres zubereitet.« Ich führte Jack in die Küche. »Ich hoffe, du magst Rindfleisch?«
»Wow.« Er schaute erfreut. »Ich liebe Steaks. Es ist schon ewig her, dass ich ein richtig gutes Stück Fleisch gehabt habe.« Ich war erleichtert, dass es ihm mundete, denn kochen gehörte nicht zu meiner großen Leidenschaft. Jack verschlang sein Mahl, als hätte er tatsächlich tagelang nichts gegessen. Wir tauschten verliebte Blicke.
»Möchtest du noch Schokoladeneis?«
»Ja, bitte. Unbedingt. Amily, du bist so liebenswürdig zu mir. Ist etwas Besonderes?«
»Quatsch, wie kommst du darauf? Ich werde gleich meinen Hengst satteln und reiten, bis du die weiße Flagge hisst, Schatz!« Sein verschmitztes Lächeln quittierte dies wohlwollend.
»Wir werden sehen. Bekomme ich jetzt das Eis?«
»Aber natürlich.« Das Schokoladeneis dekorierte ich mit zwei Kirschen und Vanillesoße. Zwischendurch streifte ich die Panty ab und ging dann zu Jack zurück, doch er war mit sich beschäftigt. Beim Abstellen der Eisschale auf dem Tisch berührten meine Brüste seinen Arm. Ups!
»Bitte entschuldige.«
»Kein Problem«, erwiderte er lässig. Für mich auch nicht, ich drehte mich um, spürte seine brennenden Blicke auf meinem Po. Lasziv platzierte ich mich auf dem Stuhl, spielte die Karten der Verführung vollends aus. Mit den Füßen auf der Sitzfläche verspeiste ich den Nachtisch, immer ein Auge auf Jack gerichtet. Seine Geilheit war ihm anzusehen.
Jetzt kam meine Geheimwaffe zum Einsatz. Hüftschwingend stolzierte ich aus der Küche, stellte im Vorbeigehen ein Schälchen Obstsalat vor ihm ab und setzte mich wieder auf den Stuhl.
»Du verwöhnst mich.« Jack war so konsterniert, dass er mir tatsächlich anbot, die Eisgläser in die Küche bringen, als wir sie ausgelöffelt hatten. Ich dankte und reichte ihm mein leeres Schälchen, berührte seine starken Hände und flüchtete auf die Liege in der Sonne. Die Sonnencreme, die ich im Badezimmer entdeckt hatte, verteilte ich sorgfältig auf meiner Haut, mich räkelnd, sodass jede Stelle ihren Anteil bekam. Jacks schwerer Atem teilte mir per Morsecode seinen Grad der Erregung mit. Wie ich diesen Augenblick genoss. Natürlich würde ich gleich die Zeche dafür bezahlen müssen, doch ich hatte meine Genugtuung.
Darmowy fragment się skończył.