Czytaj książkę: «Alle, alle will ich»
Alle,
alle will ich


Arthur Schnitzler um 1905. Foto von Hertwig Aura.
JOHANNES SACHSLEHNER
Alle, alle will ich

ARTHUR SCHNITZLER
UND SEINE SÜSSEN WIENER MÄDEL
„Wohl die Liebe selbst“: Marie „Mizi“ Chlum, mit Künstlernamen Marie Glümer, als junges Mädchen.
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
DAS LIEBSTE WÄRE MIR EIN HAREM
Der Sex-Statistiker
Und die Weiber!
Das Theater um die Jungfräulichkeit
AUS DEM REIGEN EROTISCHER ABENTEUER
Venus
Marie Joppich
Gusti
Irma H.
Else von Kolschitzky
Anna Thoman
Antonie Faust
Gisela Freistadt
Charlotte Heit
Helene Kanitz
Lina
Jeanette Heeger
Adele Spitzer
Marie Rosner
Marie Glümer
Mizi Zach
Josefine Lydia Weißwasser
Camilla Theren
Eugenie B.
Marie Reinhard
Risa Strisower
Magda
Ida Falk
Hebe
Minna Hamon
Rosa Freudenthal
Irma Hoffmeister
Marie Elsinger
Leopoldine Müller
Quellen- und Literaturverzeichnis
Bildnachweis
Impressum
DAS LIEBSTE WÄRE MIR
EIN HAREM

„Mein Blut tanzt Cancan.“
Tagebuch, 13. Mai 1880
„Es ist wahr, ich hab ein lebhaftes Bedürfnis, jedes Mädel, in unserem gesellschaftl. moralischen Sinn tief zu verderben“
Tagebuch, 15. März 1896
Die jungen Frauen, die in die Ordination des Herrn Dr. Arthur Schnitzler kommen, sind fasziniert: Der junge, rötlichblonde HNO-Arzt mit dem etwas verträumten Blick ist charmant und liebenswürdig, er kann zuhören und beeindruckt durch tadellose Umgangsformen und elegante Kleidung – da passt jedes Detail, bis hin zu den gepflegten Händen. Ein Mann zum Verlieben, noch dazu ledig, wie man weiß, aus angesehener, wohlhabender jüdischer Familie, sein Vater Johann eine anerkannte medizinische Autorität und erfolgreicher Universitätsprofessor, er selbst, so hört man, schreibt und das mit viel Talent, sein Durchbruch zum anerkannten Autor kann wohl nur mehr eine Frage der Zeit sein.
Eine ausgezeichnete Partie also. Zwar wird in der Wiener Gesellschaft einiges über seine Frauengeschichten gemunkelt, man hört, dass er sich mit etwas leichtfertigen Mädchen aus der Vorstadt, ja, der Demimonde abgibt, doch was soll’s: Der Reiz, es doch zu wagen, ist groß und der Dr. Schnitzler beherrscht die Rituale der Verführung wie kein anderer: Es beginnt mit einem harmlosen Kuss, meist noch in der Ordination, und setzt sich fort mit gemeinsamen Spaziergängen und Ausflügen oder einem Theaterbesuch, es folgt eine Einladung zum exquisiten Souper mit Champagner im Chambre separée des Riedhofs und endet mit glühenden Zärtlichkeiten in einem Hotelzimmer. Er ist ein Mann, der ungeheuer einfühlsam sein kann, der zusammen mit seinen Partnerinnen lacht und weint und sie nicht selten mit der Intensität seiner Tränen verblüfft – Schnitzler ist ein heftiger „Weiner“ und zugleich ein hervorragender „Küsser“, ein Mann mit „süßem Mund“, nach dessen Küssen, glaubt man den zahlreich erhaltenen Briefen an ihn, die „Mädel“ regelrecht süchtig werden. Er ist zärtlich und rücksichtsvoll und vor allem absolut diskret, ein ungemein kultivierter Genießer, der seine Eroberungen nicht an die große Glocke hängt. Wer könnte da widerstehen?
Die jungen Frauen ahnen noch nicht, dass sich hinter der Fassade des nach außen hin so perfekten Liebhabers ein komplizierter Charakter verbirgt: ein Spieler und Hasardeur, der sein seelisches Gleichgewicht nur über immer wieder neue sexuelle Abenteuer findet. Der sich die Zeit mit Pferdewetten, Billard, Domino und langen Pokerabenden vertreibt und im „Spiel mit der Liebe“ (Alfred Doppler) das Spiel seines Lebens schlechthin gefunden hat. Schnitzler braucht den Sex, die „Sinnlichkeit“, wie er es nennt, um sich nicht in schweren Depressionen und Angstattacken zu verlieren, die er in seinen Tagebucheintragungen „Hypochondrien“ nennt. Um sich in diesem Leben zu spüren und die „tödtlichen Angstzustände immer und immer“ (TB, 19. März 1896) zu besiegen, ist er stets auf der Suche nach neuen Frauen. Er weiß nur allzu gut um diese Bedeutung der Sexualität für die innere Ökonomie seiner Person: „Meine impertinente Sinnlichkeit. Wenn ich eine Reihe von Tagen keusch war, 6 – 9 sind so das Maximum, so bin ich einfach ein Thier.“ (TB, 10. August 1890) Treue im klassischen Sinn – der Verzicht auf andere sexuelle Kontakte zugunsten der einen Auserwählten – ist daher für ihn kein Kriterium, auch wenn er manchmal selbst über die „Unsauberkeit“ seiner „inneren Verhältnisse“ und seinen „Leichtsinn ohne Kraft“ klagt – er will sich um jeden Preis die Freiheit bewahren, keine der Frauen „abweisen“ zu müssen, die bei ihm ihr Glück suchen wollen, ja, „das Bewußtsein sie haben zu können genügt oft“. Die Konsequenz: Auch „die andern alle, alle will ich …“ (TB, 19. März 1896), am liebsten wäre ihm gleich der Status Polygamie, wie er während seines Aufenthalts in Paris im Mai 1897 im Diarium vermerkt: „Sag ich mir die Wahrheit: das liebste wär mir ein Harem; und ich möchte weiter gar nicht gestört sein. Es ist zu bezweifeln, dass ich zur Ehe geboren“ (TB, 6. Mai 1897); einen Tag später wird er noch deutlicher: „(…) der Gedanke an Ehe erfüllt mich mit Grausen“. (TB, 7. Mai 1897) – Äußerungen, die charakteristisch für Schnitzler sind; um sie besser verstehen zu können, sei noch auf den Kontext dieser Einträge verwiesen: Auf der Flucht vor einem Skandal in Wien ist Schnitzler gezwungen, etwa zwei Monate mit seiner schwangeren Freundin Marie Reinhard in einer Wohnung in der Rue Maubeuge 5 zu leben. Die „Kleinheit der Zimmer“ und auch seine „sanfte“ Mizi gehen ihm manchmal auf die Nerven, wie er sich im Tagebuch des Öfteren eingesteht: „Heut war mir Mz. eher langweilig und ich empfand es nicht angenehm an sie gebunden zu sein. Merkwürdig wechselt das. –“ (TB, 19. Mai 1897)
Ja, Schnitzler scheut „fixe“ Bindungen, denn er hat Angst, dass sie seine große „Kraftquelle“, eine vielfältig ausgelebte Sexualität, beschneiden und ersticken könnten. Notorische Untreue ist dem Lebenskonzept Schnitzlers immanent, in immer wieder neuen erotischen Abenteuern offenbart sich ihm, wie er meint, die Wahrhaftigkeit des Lebens. Die Regeln in diesem Spiel gibt er vor: Es sind die Regeln des gesellschaftlich überlegenen Mannes, des Bonvivants und Ästheten, denen sich seine Geliebten unterwerfen müssen. Es ist ein Spiel, das er mit der zynischen Sicherheit eines wahren erotischen Virtuosen beherrscht, das ihn in unglaubliche Situationen manövriert, aus denen er sich doch immer wieder befreien kann. Wollte man diesen Befund kritischer und aus Sicht der Frauen formulieren, so müsste man einfach sagen: Schnitzler betrügt und belügt sie und verlässt sie am Ende doch.
DER SEX-STATISTIKER
Schnitzler ist praktischer Polygamist und durchaus stolz darauf, ein Berserker der Liebe, der seine „Leistungen“ peinlich genau dokumentiert: Er vertraut sich seinem einzigen treuen Lebensbegleiter, dem Tagebuch, an und agiert darin als penibler Statistiker seiner sexuellen Potenz. Der Liebesakt ist für ihn etwas Besonderes, etwas, das in Erinnerung bleiben soll, etwas, das nicht dem Vergessen anheimfallen darf. Offenbar um sich immer wieder seiner sexuellen Lebendigkeit zu vergewissern, verzeichnet der junge Schnitzler im Diarium seine erotischen Siege mit buchhalterischer Akkuratesse – so sind wohl die immer wieder im Zusammenspiel mit den Namen der „Mädel“ auftauchenden Ziffern zu interpretieren, eine Gewohnheit, die er bis zum „Verrat“ und „schauerlichen Verlust“ von Marie Glümer 1893 beibehält. Die Zahlen, die er Tag für Tag und Monat für Monat notiert, sind beeindruckend: Bereits knapp vor Mizis verhängnisvoller Abreise ins Engagement nach Wiesbaden kann Schnitzler „400“ Liebesakte mit ihr, verteilt auf den Zeitraum Juli 1889 bis August 1892, verbuchen; ebenso imponierend die Gesamtzahl der mit Anna „Jeanette“ Heeger verbrachten Liebesstunden: „564“, verteilt auf den Zeitraum September 1887 bis Januar 1890.
Wenn in Schnitzler-Biografien sein Hang, in der fragmentarischen Autobiografie Jugend in Wien keines der Mädchen, mit dem er eine „Liebelei“ hatte, unerwähnt zu lassen, kritisiert wird – Tenor: Das sei nun doch wirklich nicht nötig –, so verkennt man die Tatsache, dass Schnitzler hier in absoluter Übereinstimmung mit seiner persönlichen inneren Verfasstheit agiert: Er arbeitet sein Leben auch in der Retrospektive so ab, wie er es einst Tag für Tag aufgeschrieben hat: anhand von Erlebnissen mit Mädchen und Frauen und niemand von ihnen soll vergessen sein. Nicht zufällig lässt er wenige Jahre vor seinem Tod eine Liste aller Frauennamen – heute im Schnitzler-Nachlass an der Universität Freiburg – anfertigen, die in seinem Tagebuch erwähnt werden und die entsprechenden Daten der Tagebucheinträge zuordnen, eine Konkordanz sozusagen zur Erschließung seiner erotischen Biografie. Wer die Liste genau studiert, bemerkt, dass Schnitzler bei ihrer Erstellung persönlich mitgewirkt haben muss – einzelne Daten sind mit Unterstreichung markiert und verweisen meist darauf, dass er eine Frau an diesem Tag erstmals „besass“.
An dieser Stelle noch eine Anmerkung: Zahlreiche Arbeiten zu Schnitzler haben ein Grundproblem: Sie unterschätzen in dramatischer Weise die elementare Bedeutung, die den Beziehungen zu Frauen im Leben und Schaffen des Dichters tatsächlich zukommt. Schnitzler, sein Tagebuch zeigt es eindrucksvoll, ist ein Narziss. Er braucht die Bewunderung und die „Liebe“ der Frauen, er lebt mit dem „Bedürfnis, immer was weibliches verlangendes“ um sich zu haben (TB, 13. Dezember 1892), und er schreibt auch darüber. Wenn man daher etwa im 2014 erschienenen Schnitzler-Handbuch die Namen zahlreicher Frauen, die seinen Weg gekreuzt haben und mit denen er zum Teil jahrelang zusammengelebt hat, vergeblich sucht und auch Marie „Mizi“ Glümer, jene junge Frau, die ihn wie keine andere Geliebte bewegt und erschüttert hat, auf 400 Seiten nur sechsmal erwähnt wird, so zeugt das von Ignoranz. Von einer Ignoranz, die kaschiert wird mit gespreizter, „wissenschaftlich“ klingender Metasprache. Nun soll hier keineswegs einer ausschließlich biografischen Deutung seiner Texte das Wort geredet werden, aber die Behauptung soll gelten: Wer sich nicht die Mühe macht, das biografische Umfeld eingehend zu studieren, wird Schnitzlers Werke nicht wirklich verstehen und nicht authentisch zu deuten wissen. Um an einem Beispiel zu zeigen, was gemeint ist, sei die 1894 erstmals veröffentlichte kleine Erzählung Blumen herangezogen, in der Schnitzler kunstvoll seine Erlebnisse mit zwei Frauen zusammenfließen lässt: die Untreue Marie Glümers und den vermeintlichen Tod von Helene Kanitz, der ihm von einem Onkel des Mädchens bekannt gegeben wird. Ignoriert man diese biografischen Ausgangspunkte, kommt man zu folgender Aussage: „In insgesamt 14, stockenden und zeitweise bewusstseinsstromartig mäandernden Einträgen berichtet ein biographisch nahezu konturloses, männliches Ich von einer ‚unerhörten Begebenheit‘ und der daraus resultierenden Zerrüttung seines Seelenlebens.“ (Peer Trilcke, Schnitzler-Handbuch) Schon ein kurzes Abgleichen mit der Biografie würde es erlauben, dieses „konturlose, männliche Ich“ und seine seelische „Zerrüttung“ authentisch zu interpretieren.

Ein perfekter Kavalier: Abschied von der Geliebten. Bleistiftzeichnung von Moritz Coschell zum „Anatol“-Einakter „Weihnachtseinkäufe“.
UND DIE WEIBER!
Schnitzlers Blick auf die Frauen ist nicht unproblematisch – wobei wir hier nicht von seinen literarisch „überformten“ Frauengestalten sprechen wollen. Die „Weiber“, so verrät die Sprache des Tagebuchs, sind anders: Sie sind „Geschöpfe“ oder auch „Wesen“, immer wieder deutlich zu spüren ist ein leicht verächtlicher, despektierlicher Ton, der an die zynische Sprache der k. k. Kasernen und an den Halbwelt-Jargon des Praters erinnert, an Milieus, die dem jungen Schnitzler nicht unbekannt sind und die auch sein Frauenbild prägen: Hier wurzelt seine Überzeugung von der grundsätzlichen „Lügenhaftigkeit“ der „Weiber“ und ihrer allzeit möglichen Untreue, von ihren „sonderbaren Launen“ und ihrer Dummheit – ja, der Medizinstudent Schnitzler macht die Erfahrung, dass die Mädchen, die er so kennenlernt, ihm an Bildung und Intellekt nicht das Wasser reichen können, eine Erfahrung, die auch seine späteren Beziehungen belastet, denn er wird diesen penetranten Gestus der Überlegenheit nicht mehr los – davon zeugt etwa in den Briefen an seine Geliebten die häufig verwendete Anrede-Formel „mein Kind“. Einen wohltuenden Kontrast dazu bilden Schnitzlers literarische Texte, denn hier setzt er diese Formel geschickt ein, um das gesellschaftliche Ungleichverhältnis zwischen Mann und „gefallener“ Frau zu illustrieren: So verrät etwa der Musiker Emil Lindbach, unverkennbar ein Alter Ego Schnitzlers, in der Erzählung Frau Berta Garlan seinen Dünkel genau mit dieser Wendung.
Glaubt man Schnitzler selbst, so ist es die überaus schmerzvolle Enttäuschung über den „Verrat“ Marie Glümers, die ihn dazu bewegt, im Umgang mit seinen Freunden aus Rache deren zynische Sprache in Bezug auf Frauen zu übernehmen: „Im Reden über die Weiber ist bei uns ein sehr roher Ton eingerissen“, wobei er mit „uns“ sich und seine Kumpel Richard Beer-Hofmann, Leo Van-Jung und Felix Salten meint (TB, 8. März 1896); bereits in den „Mizi I“ brieflich übermittelten Hasstiraden des Jahres 1893 schwelgt er in wüsten Beschimpfungen: Sie sei zu einem „gefälligen Schwein“ geworden, eine „Komödiantenhure“ voll „unsäglicher Gemeinheit, Geilheit und Verlogenheit“, deren Leib „vom Schweiß und Samen jenes Schauspielers, Gauners und Gecken befleckt“ sei. (Brief an Marie Glümer vom 2. Juni 1893) So wütend und gnadenlos Schnitzler hier in Momenten ehrlicher Wut über seine Mizi und ihren Liebhaber herfällt, so geschickt weiß er – wenn notwendig – Frauen über seine wahren Gedanken und Absichten zu täuschen – er spricht zu ihnen von „Liebe“, obwohl er nur allzu gut weiß, dass dieses Wort nicht dazu taugt, die Natur seiner Beziehungen tatsächlich richtig und wahrhaftig zu beschreiben. „Liebe“, so erkennt er auch im Tagebuch, ist ein Begriff, der für vieles stehen kann: Sie ist „Sinnlichkeit“, also Sex, ist „Leichtlebigkeit“ und „Behaglichkeit“, manchmal freilich auch – wie im Fall von Olga Waissnix – grande passion (TB, 4. Mai 1895), auf die jedoch unausweichlich Gleichgültigkeit und Kälte folgen.
Schnitzlers Bettgefährtinnen halten sich, bezaubert durch seine verführerische Sprache der „Liebe“, für auserwählt und sind doch nur Episode, manchmal „was Hübsches zum Erinnern“ oder nur ein willkommenes instrument de plaisir, manchmal auch rasch lästig, „ekelhaft“ und „zuwider“, werden als „Dirnen“, „geile Luder“ und „Canaillen“ abgestempelt, vor allem aber sind sie „Weiber“. Wenn es nun so ist, dass Schnitzler einen „hohen ethischen Anspruch“ an die Sprache stellt und einen „unerbittlichen Maßstab“ an seine Wortwahl im Tagebuch legt, wie es Peter Michael Braunwarth formuliert hat, wenn es so ist, dass er „im Gebrauch des Worts immer verantwortungsvoll und seriös“ ist, dann muss es gestattet sein, seine Sprache auch tatsächlich mit diesem Maßstab zu messen. Ja, Worte machen gesellschaftliche Realität spürbar, das ist Schnitzlers Überzeugung und das gilt auch für seine Tagebucheinträge: Sie führen uns ein „Ich“ vor Augen, das auch sprachlich gefangen ist in der letztlich Frauen verachtenden Welt des Fin de Siècle.
Es ist eine Welt des Scheins und der Lüge: In seiner Rolle als einfühlsamer Kavalier und „Frauenversteher“ fördert Schnitzler die Illusion von Liebe bei seinen Sexualpartnerinnen, solange es ihm opportun scheint, er spricht noch von großen Gefühlen, auch wenn ihm ein „Mädel“ schon längst wieder „gleichgiltig“ ist. Er verwendet den romantisch verklärten Begriff „Liebe“, obwohl er dessen armselige Brüchigkeit nur allzu deutlich durchschaut und weiß, dass sich dahinter verlogene bürgerliche Doppelmoral verbirgt.
Erklärtes Ziel einer jeden Affäre ist es, die betreffende Frau zu „besitzen“ – ja, es ist dieser Begriff der Aneignung, den Schnitzler bevorzugt für den Sexualakt wählt: Er „besitzt“ Frauen zum ersten und zum letzten Mal, „anstandshalber“ und – der Herr Doktor ist nicht zimperlich – „gegen ihren Willen“, in kalten Hotelzimmern und gemütlichen Vorstadtwohnungen, im sommerlichen Wienerwald und im Comfortable, dem speziellen Fiaker für alle Paare, die Grund haben, allzu viel Öffentlichkeit zu meiden, und über kein Absteigequartier in der Nähe verfügen. Sein bevorzugter Typus ist das junge „süße Mädel“, am besten ohne viel Herumgerede gleich „frisch und naiv genossen“ – so sind sie ihm am liebsten.
Das Wort vom „Besitzen“ der Frauen bildet zweifellos ein Erfolgserlebnis ab, einen gewissen Stolz und die Zufriedenheit des erfahrenen Liebesstrategen über die Eroberung: Als „Gefallene“ gehen sie ein in sein erotisches Imperium.
DAS THEATER UM DIE JUNGFRÄULICHKEIT
Das erwähnte Notieren der Beischlafhäufigkeit mag nun eine kleine harmlose Schrulle sein, sie fügt sich jedoch nahtlos in das sexuelle „Krankheitsbild“ Schnitzlers: Jene Frauen, denen es gelingt, die Beziehung zu ihm länger aufrechtzuerhalten, müssen erkennen, dass dieser Mann von zwei „fixen Ideen“ gepeinigt wird, die ursächlich miteinander zusammenhängen: Da ist einerseits der Kult der Jungfräulichkeit, der Wunsch, bei einer nächsten Geliebten auf eine Jungfrau zu treffen. Schnitzler weiß, dass dies in dem Milieu, in dem er Frauen sucht und verführt, sehr unwahrscheinlich ist, dennoch hängt er an dieser Vorstellung, würde ihn doch die Begegnung mit einem „reinen“ Mädchen, so seine Überzeugung, vor den Qualen bewahren, die ihm seine zweite fixe Idee verursacht: die zwanghafte Eifersucht auf das sexuelle Vorleben und die sexuelle Zukunft seiner Geliebten. Schnitzler rechtfertigt diesen Zwang vor sich selbst mit der Begründung, dass er doch die „Wahrheit“ wissen müsse, tatsächlich aber ist er krank. In immer neuen Fantasien stellt er sich das image physique vor, das Liebesspiel zwischen seiner Geliebten und ihrem Ex-Freund, immer wieder schafft er neue Verbindungen von Orten und Dingen zu den früheren Liebesbeziehungen seiner Geliebten und quält sie damit. Der immer wiederkehrende Versuch, aus den Frauen die vermeintliche Wahrheit herauszupressen und „herauszuzwingen“, wird zu einer „Form sadistischer Aggression“ – man kann dies durchaus so deutlich sagen, wie Peter Gay dies tut. Schnitzler, der sich selbst als „Gewohnheitsquäler“ (TB, 11. März 1894) beschreibt, verheimlicht nicht, dass er aus den ewigen „Sekkaturen“ eine seltsame Lust zieht. Mit Bezug auf Mizi Glümer, die mit unendlicher Geduld über Jahre hinweg seine Zumutungen erträgt, notiert er im Tagebuch: „Es macht mir zuweilen ein ausgesprochenes Vergnügen, sie ganz ausgesucht zu quälen. Warum? Manches sag ich ihr ganz überflüssigerweise.“ (TB, 9. Mai 1891)

Selbst Hypnose wird eingesetzt, um die „Wahrheit“ aus der Geliebten „herauszuzwingen“: Anatol und Max mit Cora. Bleistiftzeichnung von Moritz Coschell zum „Anatol“-Einakter „Die Frage an das Schicksal“.
So ist die Geschichte seiner Liebesbeziehung zu Mizi Glümer, das sei hier exemplarisch vorweggenommen, die Geschichte einer fortwährenden Aggression und Demütigung. Mizi, die jahrelang verzweifelt um ihn kämpft, ist das ideale Medium für ihn, um seine kranken Fantasien auszuleben. „Ich quäle sie viel und oft“, notiert er schon neun Monate zuvor, im August 1890. Schnitzler, 29 Jahre alt, hat eben in Würnitz im Weinviertel, im Wald und in ihrem angemieteten „Bauernzimmerl“, glückliche und sexuell erfüllte Tage mit Mizi verbracht. In einem langen Tagebucheintrag versucht er Klarheit über sein „Problem“ zu gewinnen: „Es ist sonderbar, daß ich absolut nicht darüber weg kann. Im Gegenteil, es wurde immer ärger. Ich erinnere mich, daß es mich im Sommer vor. J. noch wenig plagte. Im Winter hatte ich schon arge Anfälle – im Frühjahr wieder eine Verschlimmerung. Im Sommer jedoch einfach so, daß ich toll zu werden glaubte! Wie ich damals im Wald neben ihr lag und jammerte, schrie, weinte, als alle Gedanken wieder über mich kamen! Ihr thut es in der Seele weh. Und Briefe hat sie mir geschrieben, so tief, so wahr, so aus dem Herzen heraus, daß man das vergangene thatsächlich als verwischt denken könnte – wenn es sich eben verwischen ließe. Zuweilen, Augenblicke, Viertelstunden lang bin ich beinahe ganz darüber hinweg – es ist, wie wenn man weiß, daß man einen wehen Zahn hat – aber momentan keine Schmerzen. (…) Aber rasch kommt es wieder, und es packt mich wie einer jener Schmerzen, die nicht enden können. –“ (TB, 10. August 1890)
Schnitzler hat über seine Krankheit und speziell über sein seltsames sadistisches Spiel mit Marie Glümer ein ganzes Stück geschrieben, Das Märchen, das ursprünglich den wesentlich aussagekräftigeren Titel Das Märchen von den Gefallenen trug. Fedor Denner, der selbstquälerische Held des Stücks und Schnitzlers literarisches Alter Ego, missfiel schon den Zeitgenossen – das war nicht die Art von Liebhaber, die man auf der Bühne sehen wollte. Ein Mann, der seine fixe Idee mit quälender Zwanghaftigkeit bis in jedes kleine Detail zelebriert, der eifersüchtig ist auf alles, was nur irgendwie sich in eine Beziehung zum Ex-Freund seiner Geliebten bringen lässt, und von der Unmöglichkeit des Vergessens spricht: Es „gibt keinen Kuß, keusch genug – und keine Umarmung glühend genug, und keine Liebe ewig genug, um die alten Küsse und die alte Liebe auszulöschen. Was war, ist! – Das ist der tiefe Sinn des Geschehenen.“ Indem er seine Maxime zitiert – „Was war, ist!“ –, versucht Schnitzler eine letzte Rechtfertigung für seine Wahnvorstellungen zu finden, sie einzuordnen in seine vielfältigen Bestrebungen, die Ereignisse seines Lebens immer gegenwärtig zu halten, in jene stete Arbeit der Selbsthistorisierung, der wir nicht zuletzt auch sein Tagebuch verdanken. Auch wenn sich seine idée fixe in dieses Persönlichkeitsbild fügen mag – am Charakter einer Krankheit ändert das nichts.
Das Märchen, 1891 fertiggestellt, ist heute als Bühnenstück nicht zu Unrecht weitgehend vergessen, seine Lektüre als Schlüssel zur Persönlichkeit Schnitzlers lohnt sich jedoch noch immer – stellt doch darin der knapp 30-Jährige seine Obsession mit großer Offenheit zur Schau, so etwa, wenn er Fedor Denner zu Fanny Theren, hinter der sich Mizi verbirgt, sagen lässt: „Überall das Vergangene – in deinen Augen, auf deinen Lippen, aus allen Ecken grinst es mich an – unser ganzes Leben ist durchströmt davon. Ich bin nicht stark genug, es zu ertragen.“ Ja, selbst die glühende, leidenschaftliche Liebe Fannys, die glaubt, dadurch gleichsam wieder „jungfräulich“ und „rein“ zu werden, ist zu schwach, um gegen diesen Wahn zu bestehen. Fedor kann die „unabänderliche Schmach, die an eurer Vergangenheit klebt“, nicht vergessen und nicht verzeihen, von Ekel geschüttelt geht er ab, Fanny bricht verzweifelt zusammen. Ein radikaler, ehrlicher Schluss, der Schnitzlers von ihm selbst diagnostizierte „psych. Krankheit“ (TB, 27. August 1897) unmittelbar widerspiegelt. Schnitzler wollte sich mit diesem Stück in einer Art Selbsttherapie „befreien“ (TB, 30. November 1890) – es gelang ihm nicht, der literarische Text scheiterte an der Wirklichkeit …
AUS DEM REIGEN
EROTISCHER ABENTEUER

So vieles hat zugleich Raum in uns –!
Liebe und Trug … Treue und Treulosigkeit …
Anbetung für die eine und Verlangen nach einer andern oder nach mehreren.
Wir versuchen wohl Ordnung in uns zu schaffen,
so gut es geht, aber diese Ordnung ist doch nur etwas Künstliches … Das Natürliche … ist das Chaos.
Arthur Schnitzler, Das weite Land

VENUS
Arthur Schnitzler besucht das Akademische Gymnasium am Beethovenplatz und ist ein guter Schüler – eine Gedenktafel erinnert heute daran, dass dieses traditionsreiche Institut acht Jahre lang, von 1871 bis 1879, das Zentrum seines Lebens gewesen ist. Seine Inspiration für das eigene Schreiben, das er von Beginn an selbstbewusst „Dichten“ nennt, gewinnt der heranwachsende Jugendliche jedoch abseits der Schule: auf den Logenplätzen des alten Burgtheaters am Michaelerplatz, durch umfangreiche Lektüre und die Beschäftigung mit Musik. Und seit dem September 1878, die Matura ist nicht mehr fern, ist er verliebt in Franziska Reich, die so wie er am 15. Mai 1862 geboren ist. Er kennt „Fanny“ oder „Fännchen“, wie er seine „Jugendliebe“ nennt, die Tochter eines jüdischen Kaufmanns, schon seit seinem 13. Lebensjahr, von „ihrem inneren und äußeren Wesen“ weiß er allerdings „kaum mehr“, als dass sie blond ist, später wird er in seiner Autobiografie Jugend in Wien von ihr sagen: „Sie war leidlich hübsch, nicht eben dumm, und besaß gerade so viel Bildung, als man in jener Zeit den Töchtern mittlerer jüdischer Hausstände zu geben für nötig fand.“
Gemeinsam mit Fanny besucht Schnitzler die Tanzschule von Madame Crombé, man trifft sich im Rathauspark oder Volksgarten, findet in leidenschaftlichen Küssen und Umarmungen zueinander, tauscht Billetts und Liebesbriefe aus, die „damals in unseren Kreisen noch üblichen Grenzen“ werden aber nicht überschritten.
Doch längst haben Schnitzler und seine Schulkameraden eine andere Welt entdeckt: den „Zauber der Weiblichkeit“ in „seiner allgemeineren Art“, wie er es in Jugend in Wien vornehm umschreibt. Da sind vor allem die Dirnen auf der Kärntner Straße, „geschminkte und vielsagend zwinkernde Damen“, die Fantasie und Neugier der Gymnasiasten herausfordern, manche der älteren Schulkollegen wie etwa Adolf Weizmann, der an Syphilis erkranken wird, wissen bereits von konkreten Erlebnissen mit den „Huldinnen“ zu berichten. Ganz im Banne der ihnen zuteil gewordenen klassischen Bildung vergeben die Jünglinge an die Mädchen von der Straße Namen griechischer Göttinnen – es sind nun Venus, Hebe und Juno, die sie locken und reizen.

Ein beliebtes Zubrot für die „Göttinnen“ der Straße: erotische Fotografie. Aus der Mappe „Die Erotik in der Kunst“ von Cary von Karwath.
Auch Schnitzler ist neugierig. Schließlich findet er auch einen moralisch einwandfreien Vorwand für einen „ersten Ausflug“ in das „bedenkliche Revier“: Seine Auserwählte ist die „strohblonde“ Venus, er folgt ihr „an einem schönen Sommertag“ in ihre Absteige am Stock-im-Eisen-Platz. Das „hübsche junge Geschöpf“ zieht sich ganz ungeniert aus und präsentiert ihre Reize „nackt auf dem Diwan“, der Schüler Schnitzler, im „noch ganz knabenhaft zugeschnittenen Anzug, Strohhut und Spazierstöckchen in der Hand“, wagt nicht wirklich hinzusehen – er bleibt am Fenster stehen und erklärt der „zugleich gelangweilten und belustigten Schönen“, dass sie sich doch einen anständigen Beruf suchen solle, zur Untermauerung seines Appells liest er ihr noch entsprechende Stellen aus einem „zu diesem Zweck mitgebrachten Buch“ vor.
Venus, ihrem Berufsethos verpflichtet, hält dagegen: Sie versucht ihn zu verführen, scheitert damit jedoch ebenso wie Schnitzler mit seiner Bekehrungsmission. Immerhin: Er hinterlässt dem Mädchen beim Abschied zwei Gulden – Geld, das ihm die Mutter zum Kauf von Anton Gindelys Buch Grundriß der Weltgeschichte mitgegeben hat: „Seither bekam der Name Gindely in der Unterhaltung zwischen uns verworfenen Jünglingen eine überaus pikante Nebenbedeutung.“ Schnitzler, offenbar von Venus doch inspiriert, wiederholt seine Mission auch bei anderen Göttinnen der Kärntner Straße, „auf lange hinaus“, so berichtet er in Jugend in Wien, sei es ihm allerdings gelungen, den „Sündenfall in seiner biblischen Bedeutung“ zu vermeiden.
Nach den Göttinnen folgen Besuche bei einer „gewissen Emilie“, sie ist das erste Mädchen, das dem Schüler der Maturaklasse „nicht nur körperlich, sondern auch seelisch gefährlich zu werden“ anfängt; als wohl damit im Zusammenhang die schulischen Leistungen ausgerechnet vor der Matura schlechter werden, entschließt sich Vater Johann Schnitzler zu einem drastischen Schritt: Er erbricht den Schreibtisch seines Sohnes und liest dessen Tagebuch – „große Scenen“ (TB, 19. März 1879) sind die Folge. Die Einträge über die intimen Begegnungen mit Emilie veranlassen Johann Schnitzler zu einer „furchtbaren Strafpredigt“, Sohn Arthur lässt sie schuldbewusst und „stumm“ über sich ergehen. „Zum Beschluß nahm mich der Vater mit sich ins Ordinationszimmer und gab mir die drei großen gelben Kaposischen Atlanten der Syphilis und der Hautkrankheiten zu durchblättern, um hier die möglichen Folgen eines lasterhaften Wandels in abschreckenden Bildern kennenzulernen.“ (Jugend in Wien)
Der Anblick der Kaposischen Tafeln wirkt in Schnitzler lange nach und bewirkt, dass er sich vor sexuellen „Unvorsichtigkeiten“ hütet, dennoch will er auch von Fanny Reich bald mehr als nur Küsse, ja, er macht sich, inzwischen schon Student der Medizin, „Hoffnung auf den Besitz des geliebten Gegenstands“ (TB, 12. März 1880), seine Überzeugung ist schon damals: „Wahre Liebe ist ohne Sinnlichkeit undenkbar.“ (TB, 14. April 1880) Und er entdeckt, dass ein Seitensprung seine Liebe zu Fanny „noch glühender“ macht, der Wunsch nach dem „Besitz Fannys“ beherrscht ihn völlig: „Mein Blut tanzt Cancan“, notiert er am 13. Mai 1880 im Tagebuch und: „All mein Blut pulst nur einer Stunde entgegen …“ (TB, 16. Mai 1880)
Doch Fanny, wohlbehütet von ihrer Familie, bleibt ihm versagt und Schnitzler findet die ersehnte sexuelle Erfüllung bei anderen Mädchen. Die Beziehung zu Fanny beginnt sich allmählich zu lockern und aufzulösen, nicht zuletzt auf Betreiben ihrer Eltern heiratet sie am 18. Juni 1888 Simon Lawner (1844 – 1896), den Generalrepräsentanten der französischen Lebensversicherungsanstalt „Le Phénix“, und übersiedelt mit ihm nach Bielitz (heute Bielsko-Biała). Ihr Mann stirbt im Sommer 1896, Fanny, inzwischen Mutter eines Sohnes namens Herbert, hat Schnitzler nicht vergessen und so schreibt sie ihm zu seinem 37. Geburtstag, der ja auch der ihre ist, einen Brief „mit Handarbeit“ (TB, 15. Mai 1899), in dem sie von der Möglichkeit eines Wiedersehens spricht. Schnitzler, der vor wenigen Wochen Marie Reinhard verloren hat, willigt ein – am Pfingstmontag 1899, es ist der 22. Mai, trifft er in der Secession mit ihr zusammen, ist „von ihrem jüdeln und plappern unangenehm berührt“, dennoch lädt er sie am Abend in den Riedhof ein. Fanny ist „sehr zärtlich“ und sagt, dass so „ein Wunsch“ erfüllt werde. (TB, 22. Mai 1899) Am nächsten Tag besucht ihn Fanny mit ihrem Sohn Herbert und am Abend des 24. Mai holen beide nach, was sie einst in ihren Jugendtagen versäumt haben: Schnitzler fährt mit ihr ohne weitere Umwege ins Hotel Victoria und schläft mit ihr. Im Tagebuch vermerkt er: „Anfangs ging sie mir auf die Nerven, dann siegte der Trieb! –“ (TB, 24. Mai 1899)
Ein nächstes Rendezvous wird vereinbart, doch zwei Tage später, inzwischen hat er die Angelegenheit durchdacht, schreibt er ihr ab, erklärt ihr, dass ein Wiedersehen nicht möglich sei. Fanny muss diese perfide Absage enttäuscht hinnehmen. Sie antwortet ihm am 31. Mai 1899 mit ehrlichen Worten: „Ich habe in Wien gesehen, daß du dich meiner schämst, ich begreife es ja vollkommen, weil ich doch eigentlich gar nichts bin, aber ein Herz habe ich doch, das läßt sich einmal nicht wegläugnen (sic!), als ich dich wiedersah brach die langverhaltene Liebe wieder hervor und das hast du mir so übel genommen.“ – Schnitzler gibt sich wieder einmal wenig beeindruckt, notiert „ganz netter Brief“; die Geschichte seines denkwürdigen Wiedersehens mit Fanny wird er wenig später in der Erzählung Frau Berta Garlan gestalten …

MARIE JOPPICH
Februar anno 1881. Auch wenn demnächst wichtige Prüfungen bevorstehen – der knapp 19-jährige Medizinstudent Schnitzler will den Fasching wieder einmal in vollen Zügen genießen, doch in das Vergnügen mischt sich immer wieder „Katzenjammer“. Noch immer gilt, was er am 13. Dezember 1880 im Tagebuch notiert hat: „Die nüchterne Atmosphäre der Gegenwart liegt bedrückend auf mir. Mir ist manchmal als wär noch ein Schritt zum Närrischwerden.“ Er fühlt sich „zersplittert zerfasert – weiss factisch nicht wo ein wo aus“ und schlägt „eine Masse Zeit todt“ (TB, 19. Februar 1881), sehnt sich nach „neuen Verhältnissen“ oder am besten gleich „in die Arme eines göttlichen Weibes, das mich verrückt macht“. (TB, 30. Jänner 1881) Alltäglichkeit, so meint der etwas versnobte junge Mann, kränkle ihn einfach an (TB, 1. Februar 1881), und so bleibt er trotz aller Zweifel unbeirrt neuen Genüssen auf der Spur – auch wenn er manchmal „gelangweilt“ von einem der Bälle „fortrennt“ und sich über sein eigenes „gespreiztes Wesen“ ärgert. (TB, 30. Jänner 1881) Am 5. Februar 1881 ist er auf einem Costumfest, es handelt sich wohl um den Neunten Elite-Maskenball in den Sophiensälen; er erscheint als „Rococo“, seine Jugendliebe Fanny Reich als Gretchen, „Freundin“ Franziska Mütter, für die er seit einiger Zeit intensiver empfindet, hat sich als Orientalin gekleidet. Während er mit Fanny erst gar „keine Sylbe“ spricht, nervt ihn Franziska, die so tut, „als wäre jene Geschichte nicht so vollkommen aus, wie sie es factisch ist“. Zum Glück gibt es da noch die amüsante und „ein bischen geistreiche“ Louise Goldm.“, eine „sehr hübsche“, als Türkin maskierte junge Sängerin, die dafür sorgt, dass sich Schnitzler unter all den „wunderhübschen Frauen“ bestens unterhält. (TB, 6. Februar 1881)
Eine Woche später, am Samstag, dem 12. Februar, steht der von Kronprinz Rudolf protegierte Studenten-Ball im Saal des Musikvereins am Programm, der „sehr amüsant“ verläuft (TB, 13. Februar 1881), und am 17. Februar besucht er das Techniker-Studenten-Kränzchen in den Sälen der k. k. Gartenbau-Gesellschaft, auch das keine schlechte Wahl, denn tags darauf stellt er im Tagebuch zufrieden fest: „Habe mich noch nie auf einem Ball so famos amüsirt.“ (TB, 18. Februar 1881) Grund dafür ist ein Mädchen, „Marie J. – eine Art Dorfschöne, mit der ich mich sehr wohl unterhielt, so zwar, dass wir ein gut Theil des Balles im Wintergarten im tête à tête verbrachten, ich am Samstag mit ihr ein Rendezvous habe – sie beim Tanze auf den heißen Nacken küsste.“ Marie fasst schnell Vertrauen zu ihrem Kavalier: Sie verspricht, ihm Briefe aus Purkersdorf zu schreiben, „ihrem ständigen Aufenthalte“, dann wird wieder, „unausgesetzt beinah“, getanzt – „in naher Berührung ihres jugendlichen holden schwellenden Leibes“. Schnitzlers Resümee: „Es war eine durch und durch sinnliche, dabei auch in Worten lustig sprühende, also echte und rechte Ballnacht.“ (TB, 18. Februar 1881) Marie Joppich, Jahrgang 1862, ist die Tochter eines Wirts aus Purkersdorf, ihr Vater führt hier „Joppich’s Gastgarten“, ein auch bei Gästen aus Wien allseits beliebtes Lokal gleich neben der Festwiese.
Das vereinbarte Rendezvous mit der „üppigen, rotbäckigen Blondine“ (Jugend in Wien) findet am nächsten Tag „bei der Brücke“ statt, Schnitzler geht mit ihr im Weghuberpark spazieren, das Treffen zeitigt offenbar keinen „Fortschritt“, aber immerhin: Einen Monat später, am 17. März 1881, trifft er sich mit ihr zu Mittag im Rathauspark, Schnitzler kann im Diarium verbuchen: „Küsse und anderweitiges verliebtes Zeug. Sie ist wirklich sehr hübsch.“ (TB, 18. März 1881) Wieder einen Monat später, folgt man dem Tagebuch, sieht er Marie ein weiteres Mal, das Prickeln bleibt allerdings aus: Ernüchtert heißt es im Tagebuch: „Urfad. –“
Schnitzler konzentriert sich nun auf seinen Kurs über Topographische Anatomie bei Emil Zuckerkandl, der im Jahr zuvor zum außerordentlichen Professor ernannt worden ist, obwohl ihm noch die Habilitation fehlt. Ab Anfang Mai wird er von Zuckerkandl im „physischen Labor“ zu „Handlangerarbeiten, als da sind einen halben Tag mit einem Knochenstück auf einer Glastafel herumreiben“, herangezogen (TB, 2. Mai 1881), dann folgt allerdings ausgiebig Erholung: Der Nachmittag wird „bis in den tiefen Abend hinein verspielt, verraucht, vertändelt, verplaudert, verbummelt … Ich bin für alles edle, schöne verloren – jeder tiefern Freude bar – und empfinde Sehnsucht nach Genuss – nach Rausch – vielleicht nach Liebe.“ (TB, 5. Mai 1881) Mit Fanny Mütter und einigen anderen Mädchen tut sich außer „Gekose und Geküsse“ mit „einem reizenden Mädchen, das mir nicht aus dem Kopf geht“ (TB, 7. Juni 1881), wenig; Grund für diesen depressiv gestimmten Eintrag ist nicht zuletzt das negative Urteil, das Burgtheaterstar Adolf von Sonnenthal über sein Stück Aus der Mode gefällt hat, das er auf Wunsch seines Vaters diesem zum Lesen geschickt hat. Vater Johann Schnitzler sieht sich in seiner Meinung bestätigt und spart nicht mit Vorwürfen und Ermahnungen, das Studium doch entsprechend ernst zu nehmen; für den 24. Juni notiert Schnitzler sarkastisch: „Zu Hause nettes Intermezzo“, am Tag vorher heißt es: „Im allgemeinen ist mir mein Zustand unerträglich.“ (TB, 21. Juni 1881) Und zum Ende des Studienjahres muss er sich eingestehen: „Mit einem Worte, – ich leistete verschwindend wenig“, auch vom „Verkehr mit dem andern Geschlechte“ sei „nicht viel“ zu erzählen. (TB, 9. Juli 1881) Daran ändert auch der Sommer nichts, den er in Salzburg, Kärnten und wie gewohnt mit der Familie in Ischl verbringt, es bleibt die Grundstimmung: die Sehnsucht nach dem „tiefen Athem der Liebe“, nach „süßer Frauenliebe und nach dem lieblichen Haine der Musen“. (TB, 16. September 1881)
Am 29. September 1881 wird Schnitzler „assentiert“ und für tauglich befunden, er ist damit „beurlaubter Einjährig-Freiwilliger“ im Wiener Hausregiment Hoch- und Deutschmeister Nr. 4. Zur Feier des Tages trifft er sich danach wieder einmal mit Marie Joppich und verbringt mit ihr einen Nachmittag so ganz nach seinem Geschmack. „Genussvoll! Herrliches Gekose! Wunderbare Küsse. Mit einer Art feurigen Raffinement meiner- und hingebender Süßigkeit ihrerseits.“ In seiner Tagebucheintragung zu diesem Rendezvous versucht der 19-Jährige, ein stimmiges Porträt seiner gleichaltrigen „Dorfschönheit“ zu zeichnen: „Marie J. ist ein im Dorf auferzogenes Mädchen, aber durch die Nähe der Großstadt, den häufigen Verkehr mit ihren da lebenden Verwandten und den Wohlstand im eigenen Hause hat sie so manches angenommen, was das Bild einer Dorfschönen verändert, ohne es zu trüben. Sie hat ein bischen Verstand, ein bischen Bildung und sehr viel Gemüt: ein paar Stücke Biscuit, die in ein großes Glas weißen Weins getaucht sind – so daß einem die Bildung und der Verstand im Munde schon zergeht, wenn auch noch lange das Gemüt auf der Zunge prickelt. Sentimentalität wechselt mit einem gewissen leichten Übermut, beides aber spielt in etwas abgeblaßten Farben – Sie ist ein Typus, jedoch ein verwischter. Ihr Herz ist nicht tief, aber klar … oder vielleicht so klar, daß man trotz der Tiefe bis auf den Grund sehen kann. –“ (TB, 30. September 1881)
Die bescheidenen „geistigen Reize“ Maries fesseln ihn also wenig – dafür lobt er ihre physische Erscheinung: „Eine mittelgroße, jugendlich üppige Gestalt … aber ohne eine Spur von vornehmer Haltung, ein frisches, rotes Gesicht mit einem leichten Anflug von Feinheit, stille blaue Augen, – eine Fülle von wunderschönem blondröthlichem Haar, in Zöpfen durcheinandergebunden – und vorn ziemlich geschneckelt über die Stirne fallend – ein Mund, nicht sosehr zum Sprechen, als zum Küssen geeignet, eine Zunge, wenig beweglich beim plaudern, aber oft zwischen den Zähnen und Lippen hin- und herfliegend, besonders wenn sie irgend etwas neckisches sagt oder thut und mit sich zufrieden ist.“ – Schnitzler fasst zusammen und weist Marie Joppich den ihr, wie er meint, gebührenden Platz in seiner erotischen Biografie zu: „Ein gewöhnliches Mädchen mit einem Wort, deren ich aber hier doch mit ein paar Sylben gedenken mußte, da ihre Erscheinung wenn auch nicht mit dem vollen glutenden Athem der Liebe, doch mit dem zarten Hauche duftender Sinnlichkeit an meiner Jugend vorbeistreift“ (TB, 30. September 1881) – für einen 19-Jährigen ein bemerkenswert historisierender Zugang!
Da die nächsten Wochen ganz im Zeichen der Vorbereitung auf das Rigorosum aus Praktischer Anatomie am 8. Oktober stehen, verliert er die „duftende Sinnlichkeit“ von Fräulein Joppich wieder etwas aus den Augen, dazu kommen „Widerwärtigkeiten zu Hause“, resultierend aus der Denunziation eines „ungenannt sein wollenden Schufts“, der dem Vater zuträgt, dass sein Sohn Arthur „im allgemeinen den Ruf eines liederlichen Studenten“ habe, rauche, trinke, die meiste Zeit in Kaffee- und Wirtshäusern verbringe und so das Geld des Vaters – Schnitzler bekommt fünf Gulden wöchentlich – verschwende. Und dann begegnet er beim Bummeln mit seinem Freund Leo Ebermann, einem Jusstudenten, der Schauspieler werden will, auch noch der Choristin Gusti, dem „Typus eines vorstädtischen Wiener Mädchens“, in die er sich auf Anhieb verliebt. Über diesen neuen Liebeswirren bemerkt er erst am 27. November, dass auf der Post vier Rendezvous Briefe von Marie Joppich für ihn bereitliegen, die er versäumt hat abzuholen. Befangen in einem kleinen Liebesdilemma, wiegt er im Tagebuch beide Mädchen gegeneinander ab: „Marie ist – wahrhaftig sie ist hübscher … aber bei allen Teufeln! Ich bin in Gusti verliebt … und habe heut im Dominospiel … Glück gehabt –.“ (TB, 27. November 1881)
Als sich Gusti – vor die direkte Wahl gestellt – für seinen Freund Leo Ebermann entscheidet, ist das kurze turbulente Abenteuer mit ihr auch schon wieder vorbei; Schnitzler erinnert sich an Marie Joppich und es gelingt ihm, für sein Versäumnis Verzeihung zu erlangen, im Dezember gewährt ihm das Mädchen aus Purkersdorf ein nächstes Rendezvous: „Mit Marie verbracht ich einen Nachmittag; sie ist sehr lieb und sehr verliebt. Raffinirte Küsse & ä.“ (TB, 21. Dezember 1881)
Am 13. Februar 1882 besteht der Medizinstudent Arthur Schnitzler das Rigorosum physiol. pract., wie er im Tagebuch gesteht, mit Glück, denn er ist „nahe daran, durchzufallen“, er schreibt das magere „Genügend“ allerdings nicht mangelnden Kenntnissen, sondern einfach seinem „Pech“ zu. Mit dem Theoreticum aus Physiologie wartet bereits das nächste Examen, zu studieren gibt es also genug, aber da sind auch noch „meine Novellenpläne und meine Dramen! Und die Weiber! … Und das Leben! …“ (TB, 15. Februar 1882) Die Eltern haben für die Träume und Wünsche ihres Sohnes allerdings wenig Verständnis: Wieder einmal kommt es zu heftigen Vorwürfen, etwa über seinen Umgang – Schnitzler reagiert mit Wutausbrüchen, zerschmeißt Biergläser und wirft seine Bücher in eine Ecke.
Immerhin – nach dem Prüfungsstress bleibt wieder Zeit für Marie Joppich. Den Vormittag des 15. Februar verbringt er mit ihr im Augarten und im Prater, allerdings: Es ist „impertinent hell“, für Zärtlichkeiten müssen sie bis zum Abend warten, dann jedoch gestaltet sich das Stelldichein umso leidenschaftlicher: „Es war reizend; – sie sass auf meinem Schosse, ich löste ihr die Taille und küsste ihren süssen weissen Busen – und wiegte sie hin und her wie ein Kind …. Es war Nebel im Park und liess sich an wie ein Frühlingsabend. Wie viel Küsse … und was für Küsse … wie viel Umarmungen und was für Umarmungen … Es war eine Zärtlichkeit, die wahrer Hingebung glich … und wenn ich just einen unvernünftig-bescheidenen Moment hätte, so fragt’ ich mich: Wie kommt dieses reizende kleine Mariechen dazu, mich zu lieben –?“ (TB, 15. Februar 1882)
Noch hat Schnitzler das „Mizi“ für „Marie“ nicht entdeckt, doch auch „Mariechen“ verrät viel über die wahre Natur seines Verhältnisses zu diesem Mädchen: Es ist vergnügliches erotisches Spiel, Amüsement, natürlich nichts von Dauer. Marie, die Schnitzler nun „immer hübscher zu werden scheint“ (TB, 15. Februar 1882), nimmt die Beziehung offenbar bedeutend ernster als ihr affektierter Wiener Freund, sie schickt ihm einen „überaus zärtlichen Brief“ (TB, 19. März 1882), dem sie auch ihr Foto beilegt – beides hat sich im Nachlass Schnitzlers leider nicht erhalten.
Auch wenn Schnitzler in ihr nur das „gewöhnliche Mädchen“ vom Land sieht – Marie ist nicht so naiv, um ihre Rolle zu verkennen, und sie fordert daher Klarheit, will wissen, woran sie wirklich ist. Schnitzler, der zur gleichen Zeit mit Charlotte Heit, Fanny Mütter und Ida König flirtet und sich wieder mit Fännchen trifft, ist ob dieses Tons etwas verwundert: „Dagegen wird Marie in ihrem letzten Brief etwas eifersüchtig. Wie sonderbar!“ (TB, 7. April 1882)
Für einige Wochen gelingt es ihm, die Illusion von Liebe bei Marie Joppich noch hochzuhalten: „Marie schreibt mir, daß der Kuckuck ruft und sie mich liebt … Über alldem Frühling, herrliche Luft, blauer Himmel, in mir Aufzucken von unruhigen Künstlergedanken, Liebesphantasien, Hin und Herflackern einer mehr glühenden als leuchtenden Lebensflamme … ich spüre eine sonderbare Art von Jugend in mir.“ (TB, 23. April 1882)
Am 2. Mai 1882 kommt Marie Joppich nach Wien und trifft sich am Nachmittag mit Schnitzler im Augarten. Sie ist offenbar entschlossen, von ihm eine eindeutige Aussage über seine Gefühle für sie zu erhalten, doch die so heiß ersehnte Antwort bekommt sie nicht – darauf lässt der etwas kryptische Eintrag Schnitzlers im Tagebuch schließen: „Allerhand Zärtlichkeiten. So sehr es auch, nach Ludaßy (= der Schriftsteller Julius Gans-Ludassy – J. S.), ‚erwärmt‘, wenn man geliebt wird … eine Nuance von ich weiß nicht was, ist doch immer an so nem Mädchen, das in einen rasend verliebt ist, ohne daß man gleich glühend zu erwidern vermöchte. –“ (TB, 2. Mai 1882)
Es scheint, dass Marie Joppich nach dieser für sie enttäuschend verlaufenden Aussprache im Augarten die Beziehung abbricht, im Tagebuch wird ihr Name jedenfalls nicht mehr erwähnt. Wie Schnitzler in Jugend in Wien erzählt, „erlosch“ die Zärtlichkeit zwischen ihm und Marie Joppich, „ohne zur rechten Flamme ausgeschlagen zu haben“, schuld daran sei seine Unerfahrenheit gewesen. Das ist wohl nicht die ganze Wahrheit: Tatsächlich ist Marie bis zum Schluss „rasend“ in ihn verliebt, will sich aber von ihm nicht hinhalten lassen und macht deshalb Schluss.
Auf die Idee, zu Marie nach Purkersdorf zu fahren, kommt Schnitzler nicht, zu stark ist er in diesen Tagen mit seinem Verhältnis zu Fännchen beschäftigt. Nur einmal noch wird er, so berichtet er in Jugend in Wien, Marie Joppich begegnen: „Viele Jahre später erst sah ich sie zum letztenmal in dem ländlichen Wirtsgarten ihrer Eltern wieder, wo ich auf einem Ausflug in Gesellschaft meines Bruders und eines Bekannten einkehrte. Sie bediente die Gäste, stellte auch uns das Bier auf den Tisch, und als ich sie fragte, ob sie sich meiner erinnerte, nickte sie, nannte kühl meinen Namen und wandte sich unbewegt anderen Gästen zu.“ Marie Joppich hat, so scheint es, Schnitzler auch nach diesen vielen Jahren noch immer nicht verziehen …
Sie stirbt 1944 in Purkersdorf.

GUSTI
Wie so manch anderes Mädchen, das den Weg Schnitzlers kreuzt, hat Gusti, abgeleitet von „Auguste“, keinen Familiennamen. Er trifft sie nur dreimal in seinem Leben und doch bleibt sie für immer unvergessen, ja, „dieses Wesen“ wird, „wenn auch nicht als individuelle Erscheinung“, so doch als „Idee“ für seine „dichterische Entwicklung bedeutungsvoll werden“, wie er später in Jugend in Wien befindet. Gusti, so seine Überzeugung, habe „mit einem gewissen Recht“ Anspruch darauf, das „erste süße Mädel“ genannt zu werden.
Was wissen wir über Gusti? Sie ist Choristin an einem Theater in der Vorstadt, an einer Bühne, die, wie er in Jugend in Wien erklärt, „ich mehr aus Gründen der Belletristik, als aus solchen einer in diesem Fall ganz zweck- und sinnlosen Diskretion, nur mit drei Sternchen zu bezeichnen für richtig fand“. Schnitzler lernt sie am 25. November 1881 kennen, als er mit seinem „liebenswürdigen“ Freund Leo Ebermann, gebürtig aus Draganówka in Galizien, durch die Straßen und Gassen in der „Neubau- und Josefstädtergegend“ bummelt und sie dabei zwei Mädchen ansprechen: Gusti und ihre Freundin Minna. Die wohlgesetzten „Einleitungsworte“ der beiden jungen Herren werden von den beiden Damen wohlwollend aufgenommen und so spaziert man zu viert weiter.
Schnitzler ist vom Charme Gustis, die sich ihm angeschlossen hat, sofort hingerissen. Noch am selben Abend notiert er im Tagebuch: „Gusti heißt sie. Prototyp einer Wienerin; reizende Gestalt – geschaffen zum tanzen (sic!) – ein Mündchen, das mich in seinen Bewegungen an das Fännchens erinnert – geschaffen zum küssen; – ein paar glänzende lebhafte Augen. – … Kleidung von einfachem Geschmack und der gewissen Grisettengrazie … der Gang hin und her wiegend … behend und unbefangen … die Stimme hell … die Sprache in natürlichem Dialekt vibrierend – … was sie spricht – nun – so wie sie eben sprechen kann, ja muss – d. h. lebenslustig … mit einem leisen Anklang von Übereiligkeit …“ (TB, 25. November 1881) Und auch das Lebensmotto der jungen Dame, das sie mit einem „gleichgiltigen Achselzucken“ zum Besten gibt, ist ganz nach seinem Geschmack: „Man ist nur einmal jung“, was natürlich impliziert: „Da gibt’s nichts zu versäumen.“ Schnitzlers Kommentar dazu: „Vernunft in die lichten Farben des Südens getaucht.“
Schnitzler fühlt sich von dieser ersten Begegnung ungemein inspiriert, schon denkt er daran, „die Skizze zu solch einem Mädchen“ zu entwerfen, das „durchaus nichts französisch … leidenschaftliches … dämonisches an sich hat … sondern ganz heimlich und humoristisch berührt“. Es beeindruckt ihn, dass Gusti, die er für „leichtsinnig – mit einem abwehrenden Anflug von Sprödigkeit“ erachtet, offen über ihren Liebhaber spricht, mit dem sie vor wenigen Wochen gebrochen hat, und scherzend zum Besten gibt, wie sie ihre zahlreichen verliebten Verehrer „zum Narren“ halte. Dieser freie Ton, diese „volkstümliche Melodie“ ist für den Medizinstudenten aus einer wohlhabenden jüdischen Familie etwas Neues, Faszinierendes, endlich ist da ein Mädchen, das nicht von einem verklärten Ideal der Liebe schwärmt, sondern einfach über seinen alltäglichen Umgang mit Männern spricht. Ganz „klar & aufrichtig“ zieht er für sich den Schluss: „Ich bin wieder verliebt.“ (TB, 28. November 1881)
Das nächste Rendezvous ist für Sonntag, den 27. November, 5 Uhr, vereinbart; die Paare vom ersten Treffen finden sich wieder zusammen: Arthur mit Gusti, Leo mit Minna. Wieder streift man zu viert durch die Stadt, Gusti erzählt wieder von ihrem Geliebten, der eigentlich, wie sie behauptet, gar kein Geliebter gewesen sei, denn er habe sie nicht „besessen“, sie sei „rein“ – natürlich ahnt sie, dass gerade dieses Detail den eleganten Medizinstudenten, den sie da gerade kennengelernt hat, brennend interessiert. Und sie erzählt die Geschichte des Bruchs mit ihrem Julius, dem Verflossenen: wie er sie mit leichten Mädchen betrogen habe und sie ihn deshalb nicht mehr liebe, wie sie in ihrer Verzweiflung über das Gerede der Nachbarn und das Unverständnis der Eltern Morphium genommen habe, denn Zyankali sei keines zu Hause verfügbar gewesen.
Als Schnitzler sie offenbar fragt, wie es denn um die „Unschuld“ ihrer Freundin Minna, die mit Leo tändelt, stehe, wagt sie darüber „nicht deutlich zu sprechen“, Schnitzler jedenfalls „mißfällt dieses Mädchen sehr – sie hat etwas ordinäres und passt zu Gusti gar nicht“. (TB, 28. November 1881)
Vom Umherstreifen müde, begibt man sich schließlich in „Mariahilf oder Neubau“ in ein Gasthaus, Freund Leo übernimmt auf eine Schnitzler „anwidernde Art“ die Rolle des Possenreißers. Schließlich lässt Leo es auch an „schlimmen Zoten“ nicht fehlen und trägt als Krönung des Ganzen einen „höchst unzweideutigen Vierzeiler“ vor – zur Überraschung Schnitzlers amüsieren sich die beiden Mädchen köstlich, nicht nur die „unkeusche Minna“, sondern auch das, wie er meint, „um so viel reinere Fräulein Gusti“. (Jugend in Wien) Zu allem Überdruss bemerkt er, dass Gusti zwischen ihm und Leo, der „immer kühnere Töne“ anschlägt, zu „schwanken“ beginnt – als man das Lokal verlässt, erhält Gusti sowohl von ihm als auch von Leo ein Liebesgeständnis, Minna geht in diesem erotischen Viereck „mehr & mehr ein“.
Die beiden Studenten begleiten Gusti nach Hause, vor ihrem Haustor nimmt man Abschied, zuvor vereinbart man für Dienstag, den 29. November, das nächste Treffen und – sie stellen ihr ein nicht unwichtiges Ultimatum: Bis dahin solle sich Gusti für einen der beiden entscheiden und ihre „endgültige Wahl“ treffen. Schnitzler dazu im Tagebuch: „Ist die Sache komisch? Oder liegt etwas darin? Für uns, die wir da mit spielen (sic!), gewiss – sehr viel sogar. – Dieses ‚Mädel aus der Vorstadt‘ hat einen merkwürdigen, unerklärlichen Eindruck auf mich gemacht.“ (TB, 28. November 1881)
Schnitzler hat in diesen Novembertagen sein „Fännchen“ vergessen und auch die „hübschere“ Marie Joppich, deren am Postamt liegen gebliebene „Rendezvous Briefe“ er gerade entdeckt hat, er fiebert dem Dienstag entgegen, „ganz unbewußt“ fantasiert er über ein „Volksstück“, „in dessen Mitte ein Mädchen wie Gusti steht“. (TB, 28. November 1881) Pünktlich sind er und Leo Ebermann am vereinbarten Treffpunkt, dann kommt auch Gusti, diesmal schon allein, sie ist „reizend, wunderhübsch“, die beiden jungen Männer sind ungeduldig, fragen sie um ihre Entscheidung. Schnitzler hat uns diese denkwürdige Szene in seinem Tagebuch überliefert:
„Sie liess eine gute Weile fragen, und gab echt mädchenhafte Antworten; … und als ich sie fragte: Lieben Sie überhaupt einen von uns, erwiderte sie: ‚Gwiss, i weiß nur no nöt, wen!‘
Eine Minute darauf wußte sies. – ‚Sagen Sie doch, wer es ist‘ rief Leo aus – ‚weisen Sie wenigstens mit der Hand auf ihn, ists der, der zu Ihrer rechten oder der, der zu Ihrer linken steht –‘ Sie schwieg ein paar kurze Sekunden –
– ‚Na … der …‘ und sah uns beide oder eigentlich keinen mit schelmischen Augen an … und ein bischen verschämt – na meinetwegen … der … rechts …‘
– Ich – stand links. –
Oh, oh, oh! – –“ (TB, 29. November 1881)
Schnitzler bleibt nichts anderes übrig, als die spontane Entscheidung Gustis zu akzeptieren und „in einer Nebengasse zu verschwinden“, wie sich aber die „Liebelei zwischen dem ersten süßen Mädel, das durch eine Ironie des Schicksals nicht das meine wurde“ (Jugend in Wien), und seinem Freund Leo weiterentwickelt, wird er nie erfahren. Josef „Pepi“ Mütter, der Bruder von Fanny Mütter, wird ihm den Grund für seine Niederlage bei Gusti erklären: „Leo hatte sich freier benommen als du, so hatte er auch als Freier mehr Glück.“ (Jugend in Wien)
Schnitzler wird Gusti nie mehr wiedersehen. Sein Freund Leo Ebermann, der später ein Mädchen namens Laura Gramin heiratet, feiert mit dem Stück Die Athenerin, das 1896 am Burgtheater aufgeführt wird, einen einzigen Erfolg, später muss er sich mit journalistischen Arbeiten für die Wiener Zeitung über Wasser halten. Er stirbt 51-jährig am 9. Oktober 1914 in Wien; Arthur Schnitzler ist unter jenen Freunden und Bekannten, die ihn zwei Tage später am Döblinger Friedhof zur letzten Ruhe geleiten.

IRMA H.
Am 1. Oktober 1882 tritt der Medizinstudent Arthur Schnitzler, der vor den Ferien die „infernalische Prüfung“ (TB, 19. Mai 1882), sein erstes Rigorosum, bestanden hat, im Garnisonsspital Nr. 1 seinen Dienst als Einjährig-Freiwilliger an. Er, der sich bisher mit ziemlich langen Haaren, breitkrempigem Rembrandthut und Krawatte „einigermaßen künstlerisch getragen“ hat, beginnt jetzt mehr Sorgfalt auf sein Äußeres zu verwenden: „Der Snob in mir erwacht und entwickelt sich auf das lächerlichste.“ Weiche Hüte sind von nun an verpönt, Schnitzler wechselt seinen Schneider und verwendet Stehkrägen; in der Freiwilligenuniform gibt er, wie er in Jugend in Wien berichtet, „immerhin eine leidliche Figur“ ab, ja, es zeigt sich sogar eine Neigung zu „leichter Stutzerhaftigkeit“. Dazu gehört auch, dass man mit seinen Freunden im Fiaker unterwegs ist und darin von möglichst vielen Leuten gesehen wird. Und er fängt „bewusster an, auf das auszugehen, was man mit einem allzu heroischen Wort Eroberungen zu nennen pflegt“.

„Der Snob in mir erwacht“: Aus dem langhaarigen Studenten wird ein schneidiger „Einjährig-Freiwilliger“.
Begünstigt wird dieses Vorhaben durch ein Übermaß an Zeit – Schnitzler ist im Spital dem „Leichenhof“ zugeteilt und hat „wenig zu thun“ (TB, 10. Oktober 1882), an den Abenden besucht er die Familie Mütter und er schreibt an einer „Novelette“ mit dem Titel „Ein Festmahl“. Abwechslung kommt da gerade recht: Kamerad Hiero Stössel (1862 – 1925), „ein kleiner, dicker, überaus hässlicher und finniger, nicht gerade dummer Bursche“, der sich überdies durch „eine ans Unglaubliche grenzende Lügenhaftigkeit“ auszeichnet, vermittelt ein erstes Abenteuer. Der „unerbauliche Hiero“ schlägt ihm vor, doch seine Freundin Irma H. kennenzulernen, die 16-jährige Tochter eines „pensionierten Majors aus ungarischem Adel“, die sich „ausschließlich mit militärärztlichen Eleven in Beziehungen“ einlasse. Schnitzler, immer neugierig, ist mit dem Vorschlag einverstanden und so warten die beiden Freiwilligen am Abend des Allerseelentags 1882 vor dem Tor des Garnisonsspitals auf Irma H.
Das Mädchen erscheint in Begleitung „einer ganz unhübschen Genossin“, die auch Hiero nicht kennt; die Majorstochter ist trotz ihrer „fast ärmlich zu nennenden Kleidung eine nicht unedle Erscheinung mit angenehmen, doch blassen und verlebten Zügen“ – wie mit Hiero zuvor verabredet, wendet sie sich sofort Schnitzler zu. Ohne „weitere Förmlichkeiten“ machen sich die zwei Pärchen zu einem „jener trübseligen, kleinen Gasthöfe“ auf, „wo die Gäste mehrmals des Tages zu wechseln pflegen“. Arthur und Irma finden aneinander „lebhaftes Gefallen“, im Tagebuch vermerkt er über den Abend: „Eigentlich wäre auch über Irma H., ein Mädchen von sechzehn Jahren, dessen Schönheit viel bedeutender ist als ihre Tugend, manches zu schreiben. Sie ist eine Majorstochter und erfreute mich mit ihrer ganz besonderen Gunst. Ein herrlicher Leib und ein sehr schönes Gesicht.–“ (TB, 2. November 1882)
Es kommt, wie Schnitzler in Jugend in Wien erzählt, zu keinen weiteren „Zusammenkünften“ mit Irma und er ist darüber nicht unfroh, erhält er doch bald darauf „ziemlich erschreckende Mitteilungen“ über ihren „Lebenswandel und ihren Gesundheitszustand“, von dem Kamerad Hiero Stössel „zweifellos unterrichtet“ gewesen sein dürfte – Schnitzler darf sich „gratulieren, bei dieser ersten und letzten Liebesstunde mit der Majorstochter glimpflich davongekommen zu sein“.
„Sie kam … sie ward mein“: Else von Kolschitzky. Schnitzler lernt das „ernste, beinahe verschlossene Wesen“ bei seinem Studienkollegen Louis Mandl kennen.

ELSE VON KOLSCHITZKY
Schnitzler lernt Else von Kolschitzky im Haus seines Studienkollegen und Vetters zweiten Grades Louis Mandl in der Asperngasse 1, heute Aspernbrückengasse 1, kennen. Aus einer verarmten polnischen Adelsfamilie stammend, lebt sie „ganz wie eine Gleichgestellte“ im Hause Mandl und ist eine „Stütze der Hausfrau“, daneben leistet sie einem „Fräulein Nancy“ Gesellschaft, einer Verwandten, die als Ziehtochter in die Familie aufgenommen worden ist. In seiner Autobiografie Jugend in Wien qualifiziert er Else als „eben noch hübsch“ und „bei einigem Verstand und leidlicher Bildung“, dabei „von ernstem, beinahe verschlossenem Wesen“.
Louis Mandls Vater ist der bekannte Arzt Dr. Ferdinand Mandl, sein Onkel Ignaz Mandl ein erster „Kampfgenosse“ Karl Luegers. Der spätere rabiate Antisemit und Bürgermeister findet nichts dabei, im Hause Mandl zu verkehren und mit den Juden Tarock zu spielen – für Schnitzler in der Rückschau der „stärkste Beweis seiner moralischen Fragwürdigkeit“. Im Spätherbst 1882 verschwendet der Militäreleve jedoch kaum einen Gedanken an Politik – er kommt an den Sonn- und Feiertagen gern hierher, um die Gesellschaft der „zahlreich auftretenden, hübschen Cousinen“ zu genießen, dabei fällt ihm Else auf. Am 22. November 1882 notiert er im Tagebuch: „Frl. Else bei meinem Freund M. beginnt mich zu interessiren.“
Am Abend des Christtags 1882 ist Schnitzler, der inzwischen vom Leichenhof in die „2. Abtheilung (Intern)“ mit Stabsarzt Chvostek als Chef versetzt worden ist und im Übrigen über das „verdammte Militärjahr“ klagt (TB, 22. Dezember 1882), zu Gast bei der Familie Adler, wo es „wie selbstverständlich unzählige Mägdelein“ gibt, auch Else ist da; Schnitzler beschäftigt sich „besonders mit ihr und Sophie“, einer der Töchter des Hausherrn Philipp Adler. Man unterhält sich bestens, auch „einige Küsschen liefen mit unter“. (TB, 27. Dezember 1882) Einige Tage später, wohl am Silvesterabend 1882, begegnet er Else zufällig in einem Stiegenhaus „und nach ein paar belanglosen, durchaus konventionellen Redensarten lagen wir uns ganz plötzlich in den Armen“ (Jugend in Wien) – die Vorstufe im Tagebuch liest sich so: „Das alte Jahr schloss ich ganz vernünftig ab. – Else lag an meinem Halse, während wir im Treppenhaus standen, küssend und geküsst unzählige Male.“ (TB, 2. Jänner 1883)
Wenige Tage später trifft Schnitzler erneut „zufällig“ mit Else zusammen, er führt sie in den Quaipark am Donaukanal, ihm bestens bekannt von den Spaziergängen mit Franziska Reich, und unter „unzähligen Liebkosungen“ wird ein Rendezvous für Sonntag, den 14. Jänner 1883, vereinbart, im Diarium heißt es dazu triumphierend: „Sie kam … sie ward mein.“ (TB, 15. Jänner 1883) Danach heißt es vorsichtig sein: Beide werden am Abend im Haus Mandl erwartet und dürfen nicht gemeinsam dort eintreffen, sie fahren daher getrennt in die Asperngasse, wo man sich dann „leidlich amüsirte“, „Else sass mir natürlich ganz unschuldig gegenüber“. (TB, 22. Jänner 1883) Schnitzler genießt dieses Doppelspiel mit vollen Zügen: „Zum erstenmal ward mir nun das immer wieder reizvolle Erlebnis, ein Geschöpf, das ein paar Stunden vorher rückhaltlos hingegeben mir am Herzen geruht, in Gesellschaft, unter Leuten, denen unser Verhältnis ein Geheimnis war und bleiben mußte, mir unschuldig-damenhaft gegenübertreten zu sehen. Und hatte man am Nachmittag auf zerknüllten Polstern gemeinsam Schokoladekastanien und andere Süßigkeiten genascht, so saß man einander vielleicht am selben Abend noch an der Familientafel wohlanständig und zugeknöpft gegenüber, tauschte gleichgültige Worte von übertriebener Harmlosigkeit, denen es doch an versteckten Beziehungen nicht fehlte, die einen unmerklich erröten und lächeln machten, trank einander mit Blicken zu, die keiner merken sollte, und zum Abschied küsste man das geliebte Händchen, als hätte man, oder wie es in jenem Gedicht heißt, das ich diesem Erlebnis widmete: ‚Als hätt’ ich deinen Nacken nie geküsst.‘“ (Zitiert nach Jugend in Wien)
Am Samstag, dem 20. Jänner 1883, beschließt Schnitzler die Woche nach einer „lustigen Aventure mit einem jungen sechzehnjährigen Mädchen“ beim Kränzchen des Vereins Unitas „bußfertig in den liebesheißen Armen Else’s“ (TB, 22. Jänner 1883), doch dann lernt er in den Drei-Engel-Sälen Anna Thoman kennen und eine Woche später ist Else von Kolschitzky nur mehr der „Stern der vorverflossenen Woche“. (TB, 29. Jänner 1883)
Wohl am 7. März 1883 kommt es zu einem letzten intimen Zusammensein mit Else; Schnitzler, mittlerweile an die leidenschaftlichen Umarmungen von Anna Thoman gewöhnt, langweilt sich bereits mit ihr, „es fehlt nicht mehr viel und sie ist mir unausstehlich“, bemerkt er tags darauf kühl und etwas zynisch im Diarium.
Am Ostermontag, dem 26. März 1883, vermerkt Schnitzler im Tagebuch: „Vor zwei Wochen erhielt ich von Elsen ein Schreiben voll Moral und Entsagung – sie hört auf meine Geliebte zu sein. Alles in ihrem Briefe klingt wahr – nur die eine Stelle ist vollkommen falsch: ‚Ich weiss, daß ich dir durch diese Erklärung unangenehme Stunden bereite.‘ – Ganz falsch – s. o. –“ Auslöser für diesen plötzlichen Sinneswandel ist, wie Schnitzler in Jugend in Wien berichtet, ein Gespräch Elses mit dem blinden Arzt Ferdinand Mandl, ihrem Gastgeber, der sie mit „andeutungsvollen milden Mahnungen“ „tief berührt“ und sie dazu bewegen kann, Schnitzler nur mehr „Freundin“ zu sein. Zwar kann Schnitzler diesen Entschluss, wie er in Jugend in Wien nicht ohne Stolz erzählt, noch „einige Male mit viel Erfolg ins Wanken“ bringen, doch dann reist Else aus Wien ab: „So nahm ich vorläufig Abschied von ihr, um so leichteren Herzens, als ich nie wirklich in sie verliebt gewesen war und mich ein neues, heitereres Glück erwartete, ja sogar schon gefangennahm“ – Schnitzler denkt dabei an die blonde Anna Thoman. Er „quittiert“ die Trennung mit einem Gedicht, das Else nie zu sehen bekommt und das mit dem Vers schließt: „Auch dieses Strumpfband schick’ ich dir zurück, ich fand es heute früh in meinem Bette.“
Diesem Abschied soll ein Jahr später doch noch ein kleines Nachspiel folgen: Als Schnitzler im April 1884 erfährt, dass Else wieder in Wien ist, beginnt er sich wieder mit ihr zu treffen, in „traulicher Zweisamkeit“ wird das Wiedersehen gefeiert. Im Diarium lesen wir: „ – und in diesem Momente besteht zwischen mir und ihr ein so intimes Verhältnis wie nur je zuvor. Sie ist noch immer so hübsch wie früher und so – gebildet. Auch schwört sie hoch und theuer, daß sie seit – damals niemanden geliebt … Frag’ ich sie drum?–“ (TB, 18. April 1884) Das „intime Verhältnis“, von dem der Medizinstudent Schnitzler so selbstbewusst spricht, zerbricht jedoch rasch endgültig, in einer Tagebuchnotiz vom 7. Juli 1884 berichtet Schnitzler, der kurz zuvor zusammen mit seinem Bruder die „wunderhübsche“ Charlotte Heit in Vöslau besucht hat, von der neuerlichen Abreise Elses: „Else ist seit ziemlich lange, nachdem ich mich ziemlich lange nicht um sie gekümmert weg; schickte mir Briefe und Photographie; ich ließ ziemlich lange mit der Antwort warten.“
Es ist dies das letzte Mal, das Schnitzler Else von Kolschitzky im Tagebuch erwähnt; ihr weiteres Schicksal liegt im Dunkeln …

ANNA THOMAN
Fasching 1883. Wien gedenkt der Zweiten Türkenbelagerung, Kostüme im Stile des Jahres 1683 sind die große Mode, eine Ballveranstaltung jagt die andere. Am 24. Jänner ist Hausball in den Sälen des Gasthauses „Zu den drei Engeln“ in der Großen Neugasse 36. „Hausbälle“ haben in den Wirtshäusern der Vorstadt „nach dem guten alten Schlag“ Tradition, ein Wirt, der nicht „’s Geredt“ haben will, so urteilt die Morgen-Post vom 29. Jänner 1883, kann auf die bei den Stammgästen allseits beliebte „Remasuri“ nicht verzichten. Arthur Schnitzler und sein Freund Louis Friedmann hätten an diesem Mittwoch auch zu einem Maskenball im Großen Musikvereinssaal oder in den Sophiensälen gehen oder sich in Schwender’s Colosseum vergnügen können, wegen einer Frau, „für welche er sich interessirt“, hat sich Louis jedoch für das ausgelassene bodenständige Tanzvergnügen auf der Wieden ausgesprochen. Arthur, der eben die vorangegangene Woche „bußfertig in den liebesheißen Armen Else’s“ verbracht hat, wartet ab, auch er bereit für ein neues Abenteuer. Der Abend verläuft zunächst ruhig, Schnitzler will schon gehen, als ihm eine „reizende Blondine“ ins Auge sticht: „Ich forderte sie zum Tanz auf, mit einiger Raschheit glühte mein Mund bereits auf dem ihren – ein Saal, den ein merkwürdiger Zufall dunkel liess, war sehr anmutig und passend dazu, sie in meinen Armen zu halten, unzählige Mal sie zu küssen … und so verfloss die Nacht bis vier Uhr Morgens ganz reizend, … ihr Vater (sowie Schwester und Bruder) war natürlich auch da.–“ Die nächste Nacht verbringt Schnitzler auf einem „langweiligen Maskenball“, am Abend darauf aber ein Rendezvous mit Anna, die, wie er im Tagebuch am 29. Jänner vermerkt, „zwar keine Unschuld, wohl aber ein Engel ist … am Sonntag ward sie mein“. „Es ist komisch, daß ich beinahe in sie verliebt bin; heiter das umgekehrte.“ In seiner Autobiografie Jugend in Wien wird er die „kleine, blonde Anni“ als das „Urbild des süßen Mädels“ bezeichnen, als ein Mädchen, das „verdorben war ohne Sündhaftigkeit, unschuldsvoll ohne Jungfräulichkeit, ziemlich aufrichtig und ein bißchen verlogen, meistens sehr gut gelaunt und doch manchmal mit flüchtigen Sorgenschatten über der hellen Stirn, als Bürgertöchterchen immerhin nicht ganz wohl geraten, aber als Liebchen das bürgerlichste und uneigennützigste Geschöpf, das sich denken läßt.“

Bodenständiges Vorstadt-Tanzvergnügen auf der Wieden:
das Gasthaus „Zu den drei Engeln“ in der Großen Neugasse 36
Schnitzler, in diesen Faschingstagen 1883 „mehr zum leben (sic!) aufgelegt als zum Schreiben“, genießt die Ballsaison in vollen Zügen, studiert wird „natürlich gar nichts“. Für das Tanzen ist er zwar „nicht so sehr begeistert“ wie in den Jahren zuvor, jetzt konzentriert er sich aber ganz auf die junge weibliche Teilnehmerschaft an den Bällen: „Meist wähl’ ich mir ein oder zwei Mädchen aus dem bekannten ‚Flor‘ aus, und beschäftigt (sic!) mich mit diesem ausschließlich.“ (TB, 28. Februar 1883)
„Zwar keine Unschuld, wohl aber ein Engel“: Anna Thoman bereitet Schnitzler „manche genussreiche Stunde“ …
Wo Schnitzler die Liebesstunden mit „Ännchen“ verbringt, bleibt unklar, die Erinnerungen in Jugend in Wien deuten darauf hin, dass er schon in diesen jungen Jahren die Tête-à-tête geschickt zu arrangieren weiß: „Und war sie eben noch in dem behaglichen, wohlgeheizten Kämmerchen, in das sie mir immer erst nach einigem Zögern folgte, im Zauber der Stunde selig verloren, die ausgelassen-zärtliche Geliebte gewesen, so mußte sie nur über die schwach beleuchtete Treppe, durch den halbdunklen Hausflur, aus der verschwiegen-dämmerigen Nebengasse in den nüchtern-grellen Laternenschein der Hauptstraße treten, um sich, ein unauffälliges, kleines Bürgerfräulein unter vielen anderen, mit unbefangen hellem Aug, in das Gewimmel der abendlichen Geschäfts-, Spazier- und Heimwärtsgänger zu schicken.“ Vor den Eltern muss das lustvolle Treiben um jeden Preis verheimlicht werden, wie Schnitzler andeutet, weiß Anni mit dieser Herausforderung souverän umzugehen.
Einen Monat später kann Schnitzler mit der Großspurigkeit des umschwärmten Kavaliers Bilanz ziehen: „Ännchen behauptet sich noch bei mir; sie hat mir manche genussreiche Stunde bereitet und ihre Lippen sind süß! Ich denke mit besondrer Wonne an Sonntag vor acht Tagen … und Freitag den zweiten … Ab und zu war ich auch Vormittag mit ihr im Kaffeehaus oder promenirte Abends mit ihr.–“ (TB, 28. Februar 1883) Kurz danach, „eines schönen Nachmittags im Vorfrühling“, wartet er jedoch an der „gewohnten Straßenecke“ vergeblich auf Anni – Schnitzler muss das vermeintliche Ende der „Geschichte“ mit ihr zur Kenntnis nehmen.
Inzwischen hat er sich, „ich glaube aus Faulheit“, entschlossen, doch wieder etwas zu studieren, Lernstoffe aus Pathologischer Anatomie und interner Medizin stehen am Plan, „einiges interessiert mich wirklich“. Ja, der neu motivierte Student will sogar etwas für seine sportliche Ausbildung tun: Ab Anfang März 1883 nimmt er in einer Fechtschule Unterricht im Säbelfechten, ansonsten widmet er sich ganz der Rennsaison in der Freudenau: „Ich liess keins von den Sommerrennen aus, war stets mit viel Interesse dabei und wettete bald mit weniger, bald mit mehr Glück, so daß ich auf meine Finanzen bald himmelhoch jauchzend, bald zu Tode betrübt sehn konnte.“ Und dann kommt es doch noch zu einem intimen Zusammensein mit Anna Thoman. Am Abend des 26. März 1883, es ist Ostermontag, notiert Schnitzler in seinem Tagebuch: „Ännchen’s süßen Leib verkostete ich gestern vor acht Tagen zum letzten Mal“ und lässt dann noch einmal ihre körperlichen Reize Revue passieren: „Dieses Mädchen ist nach ihrem Aussehen und ganzen Wesen der Prototyp einer Grisette – notabene einer reizenden Grisette. Eine schmiegsame, weiche, schlanke Gestalt … ein köstlicher flaumiger Hals, den ich unglaublich gern küsse – ein charmantes Köpfchen mit reichlichem blonden Haar, das vorn zierlich gekräuselt in die Stirn fällt … und am allerhübschesten ist dieses Köpfchen, wenn es schon mit dem halb zerrauften Haar aus dem Bette hervorlugt. Dunkle Augenbrauen über blaugrauen Augen – über die sich in den süßesten Momenten die Augenlider in lieblicher Müdigkeit schließen – und Lippen voll Wärme und Leben – und so weiter.“ „Und Geist! Natürlich keiner. Dafür der (reinste) Mutterwitz – freilich nicht mehr – Aber – ich küsse ja nicht ihren Verstand –“.
Von Seiten Anna Thomans scheint die Begeisterung für ihren Galan jedoch nicht so groß gewesen zu sein, denn nun entschwindet das „Urbild des süßen Mädels“, tatsächlich aus seinem Leben, Schnitzler scheint darob einigermaßen verwundert, tröstet sich aber rasch mit Therese D., der „vielumworbenen Kassierin“ des Arkadencafés, in dem er „vormittags Billard, nachmittags Karten, abends Billard und Karten, nachts Karten und Billard zu spielen“ pflegt. (Jugend in Wien) Als er die „sehr hübsche“ Therese eines Tages nach ihrem Dienstschluss zufällig auf der Straße trifft, lädt er sie zu einer Fahrt in den Prater im geschlossenen Fiaker ein, das Mädchen ist einverstanden, man kommt sich näher – der Abend endet in einem „reizenden kleinen Zimmerchen … und Liebe!“: „… Wie sie mir dann, als wir auf dem Bette saßen, um den Hals fiel … anfing zu weinen – mir schwor, daß sie mich unendlich liebe …“ (TB, 16. Mai 1883) Schnitzler traut ihr jedoch nicht ganz – wie er in Jugend in Wien erzählt, vermutet er, dass sie ein Verhältnis mit dem Zahlkellner unterhält, der ein wahrer Lebemann ist und „beträchtlich eleganter“ aussieht als „die meisten seiner Stammgäste“. Therese ist keine Wienerin und sie hat eine kleine Eigenheit, die ihm unvergessen bleibt: „Öfter als notwendig“ trällert sie den populären Operettenrefrain: „Die Lieb’ erfordert Studium, und wer nur einmal liebt, bleibt dumm, dumm, dumm.“
Noch einmal schläft Schnitzler mit Therese, es ist ein „schwüler Vormittag“ Mitte April 1883, am nächsten Tag soll sie in ihre Heimat abreisen. Sie hat ihre Stellung im Arkadencafé gekündigt, nicht zuletzt auch, wie Schnitzler vermutet, nach Differenzen mit dem Zahlkellner. Therese ist in dieser Liebesstunde „sentimental“, seufzt an seinem Hals: „Endlich hat man einen gefunden, den man wirklich gern haben möchte, und da muß man fort.“ Tags darauf kommt es zu einem „rührenden“ Abschied. (TB, 16. Mai 1883) Schnitzler lässt diese „kleine Liebschaft“, auch wenn er in Jugend in Wien später das Gegenteil behauptet, nicht ganz unberührt – das beweisen zwei Gedichte, die er für Therese D. schreibt und die sich im Nachlass erhalten haben.
Die Affäre mit Anna Thoman hat noch ein kurzes Nachspiel: Ende September 1883 trifft Schnitzler sie zufällig noch einmal und vereinbart prompt ein Rendezvous mit ihr. Von erotischer Spannung jedoch keine Spur mehr: Es scheint, dass sich in Annis Leben einiges verändert hat, tut sie doch bei diesem Treffen „etwas geheimnisvoll und vielgeschäftig und behauptet, sehr verliebt zu sein; allerdings nicht in mich“. (TB, 3. Oktober 1883) Schnitzler verzichtet auf ein weiteres Wiedersehen, das Rätsel um den neuen Liebhaber Annas löst sich erst, so berichtet er in Jugend in Wien, über ein Jahrzehnt später, als ein Freund Schnitzlers, dem er von diesem Jugenderlebnis erzählt, in ihr die Geliebte eines Bekannten erkennt.

ANTONIE FAUST
Sommer 1883. Schnitzler, im Rahmen seines Militärjahrs noch immer auf der IV. Abteilung des Garnisonsspitals tätig, langweilt sich. Seine Familie ist in Ischl, er allein in Wien. So nimmt er die Einladung des Bankbeamten Wilhelm Ostersetzer, eines „flüchtigen Bekannten“, zum Roulettespiel an. Ostersetzer verfügt über etwas Geld, ist aber im Übrigen „weder gebildet, noch klug, noch hübsch, nur eben nach der Mode gekleidet“ (Jugend in Wien) – und er hat eine Geliebte, Minna Faust, ein „hübsches, blasses wohlgewachsenes Geschöpf, für dessen Wesen sich die Worte ‚resch‘ und ‚g’schnappig‘ nicht nur als kennzeichnend, sondern als geradezu erledigend aufdrängten“. Neben Minna ist an diesem Rouletteabend auch ihre Schwester Antonie anwesend; die beiden Mädchen sind die Töchter des Hausbesorgers des Mölkerhofs in der Schottengasse. Antonie, kurz „Toni“ genannt, ist, wie Schnitzler in Jugend in Wien schreibt, „nicht so hübsch, auch etwas herber in ihrer ganzen Art, auch weniger beweglich von Geist und Worten, und, zwar höchst adrett, doch nicht so fesch angezogen wie Schwester Minna“. Weitere Gäste bei Ostersetzer an diesem Sommerabend: Schnitzlers Kumpel Richard Tausenau, Franziska Mütters Bruder Pepi, der Pianist Moritz Rosenthal (1862 – 1946) und der Buchmacher und Turf-Spezialist Arthur Horner mit seiner Freundin Betty, er wird uns im Kapitel über Anna Heeger wieder begegnen.
Nach dem Roulettespiel begibt sich die ganze Gesellschaft in den Stephanskeller; Ostersetzer und Horner sind eifersüchtig auf ihre Mädchen, dennoch steigt die Stimmung, vor allem Toni reagiert „lebhaft“ und zeigt sich Schnitzler gegenüber von „besonderer Zutunlichkeit“ (Jugend in Wien), „mannigfaches Kosen und Küssen“ hebt an (TB, 1. August 1883), Schnitzler ist von Toni beeindruckt, sie fängt an, „eine gewisse Rolle“ in seinem Herzen zu spielen.
Wenige Tage später „rennt“ er wegen ihr in den Volksgarten und trifft hier zunächst Jugendliebe Fännchen mit ihrem Vetter Eduard Mütter, nachdem er die beiden nach Hause begleitet hat, versucht er sein Glück noch einmal – mit Erfolg: Minna und Toni kommen ihm entgegen, begleitet von Ostersetzer und Richard Tausenau. Schnitzler schlägt vor, nach Döbling zu fahren, die anderen stimmen zu, es wird ein „heiteres Nachtmahl im Freien“ (Jugend in Wien), Toni ist wieder „hübsch, anregend, lieb“ und sie küsst „mit Grazie“ (TB, 7. August 1883), Schnitzler empfindet das als „sehr nett“ und so beschließt man gleich für den kommenden Sonntag eine nächste Unternehmung: Am 5. August geht es zunächst auf den Kahlenberg und dann weiter nach Klosterneuburg, diesmal sind auch Arthur Horner und seine Betty, die ihn inzwischen mit Richard Tausenau betrogen hat, mit von der Partie. Von Klosterneuburg fährt man mit dem Zug zurück nach Wien, die jungen Leute, „voll des süßen Weines“, gönnen sich ein Coupé 1. Klasse, um ungestört zu sein: „Die Szene im Coupé voll Stimmung, voll Sinnlichkeit – voll Zärtlichkeit. Toni entwickelte sich anders, als ich gedacht. Sie steht höher als ich gedacht, Ich könnte ihr beinahe Dinge glauben, über die ich anfänglich herzlich gelacht habe, aber nur beinahe.“ (TB, 7. August 1883)
Bereits am nächsten Tag trifft Schnitzler die beiden Faust-Schwestern wieder im Volksgarten, ein Rendezvous mit Toni allein ist nicht möglich, da Minna eifersüchtig über sie wacht – wie Schnitzler vermutet, hält sie den Einjährig-Freiwilligen aus dem Garnisonsspital nicht unbedingt für eine gute Partie. Schnitzler ist geduldig, weiß, dass die Gelegenheit kommen wird. Im Tagebuch hält er indes mit seiner Meinung über die beiden Mädchen nicht hinter dem Berg, wieder einmal glaubt sich der altkluge Student zu einem Urteil berufen: „Ängstlichkeit Tonis, ihr Witz, ihre Typicität, Resolutheit Minnas, ihr energischer Ton – beide Mädchen charakteristisch, ausgeprägt eigentümlich, ohne Spur von Bedeutung. Gescheidt, aber gewöhnlich. Toni anschmiegsam, liebenswürdig, beinah verliebt“. (TB, 7. August 1883)
Auch wenn „gewöhnlich“ und „ohne Spur von Bedeutung“ – Schnitzler ist für Toni entbrannt und so verabredet man für Sonntag, den 12. August, gleich eine nächste Partie; zu viert, Minna und Wilhelm Ostersetzer, Toni und Schnitzler, fährt man auf die Hohe Warte, dann wechselt man ins Casino Zögernitz, wo die beiden Volkssänger-Legenden Wenzel Seidl & Wilhelm Wiesberg auftreten. Schnitzler genießt die „unendliche Zärtlichkeit“ Tonis, merkt aber auch ihre „Sprödigkeit in Beziehung aufs letzte“, das ist zwar „begreiflich, aber unerwartet“, er glaubt, „freilich nicht mehr lang – Man täuscht sich so leicht, wenn man die Mädchen in Schablonen einteilen will“. Vom Casino Zögernitz fährt man zurück in die Stadt ins Arkadencafé, dann folgt noch „eine glühende, eine wahnsinnige Stunde um Mitternacht herum im Rathauspark … Eigentlich ein Kuss von elf bis zwölf – Minna an meiner anderen Seite – Es war rasend; es war einfach superlativisch … –“ (TB, 14. August 1883)

Das Casino Zögernitz in der Döblinger Hauptstraße. Schnitzler feiert hier mit Toni und Minna Faust am Sonntagnachmittag.
Da stört es auch nicht, dass die Nacht nur kurz ist: Bereits um vier Uhr muss Schnitzler wieder aufstehen, ein Marsch mit dem Regiment Mollinary auf den Gallitzinberg zu einem Manöver steht am Programm. Um ein Uhr Nachmittag ist er wieder zurück, am Abend trifft er im Volksgarten Fännchen, die eifersüchtig ist – sie hat ihn bereits mit den Faust-Schwestern gesehen, denen wieder der Dienstag gehört. Am 18. August feiert man im Prater zusammen das Kaiserfest, Schnitzler ärgert sich zunehmend über das „blöde Individuum“ Wilhelm Ostersetzer, der sich Minna gegenüber ungeschickt benimmt und offenbar auch nicht ihr Liebhaber ist; am Sonntag, es ist der Tag darauf, trennen er und Toni sich erstmals von Minna und Wilhelm – es bleibt bei „Worten, Blicken, Küssen“, Schnitzler fühlt sich dennoch „wohl und heiter“; am Sonntag darauf fährt er mit den Mädchen zu den Pferderennen in die Freudenau, am Abend trifft man sich mit Ostersetzer und Tausenau im „Schwarzen Adler“ in Döbling, auch Schnitzlers Bruder Julius ist mit von der Partie. Glaubt man dem Tagebuch, so trinkt er „ungefähr drei Flaschen Wein“ und ist „lustig – aber stets mit dem Bewusstsein beschränkter Zeitlichkeit“; anschließend fahren die Paare mit einem „rasenden Fiaker“ wieder zum Arkadencafé – „es war alles berauscht“, man trennt sich bald. (TB, 28. August 1883) Am Montag bleibt ihm neuerlich ein Marsch mit dem Regiment nicht erspart, diesmal in „tiefster Sonnenhitze“ nach Aspern ins Marchfeld, nach fünfstündiger Schlafpause sitzt Schnitzler mit den beiden Mädchen und Ostersetzer wieder im Arkadencafé. Zwei Tage später soupiert man zur Abwechslung in der Wohnung Wilhelms: „Ich spielte Klavier oben, mit geschlossenen Augen, mein Kopf lehnte an dem Busen Toni’s, ihre Lippen beugten sich zu den meinen herab … ich hätte mich berauschen können an Wein, Accorden und Küssen …“ (TB, 1. September 1883) Vom Begriff „superlativisch“ will Schnitzler inzwischen jedoch schon absehen, er weiß, dass seine Liebesbeteuerungen Toni gegenüber „halbbewusste Lügen“ sind. Im Tagebuch analysiert er am 4. September 1883 sein Verhältnis zu diesem Mädchen „ohne Bedeutung“: „Ich bin – ich weiss es ganz bestimmt – nicht verliebt in Toni, und dennoch, wenn ich mit ihr zu zweien so gehe, Arm in Arm – ich mach ihr da die zärtlichsten, die wärmsten, ganz seelenvoll innig Liebesgeständnisse und vollkommen ohne das Bewusstsein, dass ich eigentlich doch – lüge! –“
Für diese Lüge hat Schnitzler dann gleich eine Art Rechtfertigung parat – er sei ja, so sein gutbürgerlicher Standesdünkel, für „Höheres“ bestimmt, Toni könne daher nur „Episode“ sein und müsse auch so gesehen werden: „Wenn ich’s so recht tief überlege, verdien’ ich ja im Grund genommen auch ein anderes Wesen als dieses bei allen lieben, anmuthigen Seiten, die sich entwickelt, doch so gewöhnliche Mädchen wie Toni. Es wäre noch gut, wenn sich de facto alles episodisch erleben ließe, was im Entwicklungsleben eine Episodenrolle spielt – doch lebt man ja immerhin wie’s der Moment bestimmt, und läßt sich’s genügen.–“
Trotz dieser „Erkenntnis“ setzt Schnitzler die Beziehung mit Toni ungeniert fort, irgendwann in diesen Septembertagen 1883 wird sie seine Geliebte, das Tagebuch gibt jedoch diesbezüglich keine klare Auskunft. Er verbringt nun beinahe jeden Abend mit ihr und fühlt sich in ihrer Gesellschaft „geradezu wohl“, im Diarium versichert er sich selbst: „Ich denke nun wirklich gut von ihr – und schere mich der Teufel um all die Leute, die ja von ihrem Standpunkt recht haben mögen; früher wär’ ich selbst auf dem Standpunkt gestanden – und täusch ich mich – wird mir das Herz auch nicht brechen.“ (TB, 10. September 1883) – Schnitzler fasst zumindest den guten Vorsatz, auf das Gerede der Leute nichts zu geben – offenbar ist ihm zu Ohren gekommen, dass über Tonis „Vergangenheit“ ein Schatten liegen könnte. Wie er später in Jugend in Wien betont, konnten „physiologische Scheinbeweise“ diese Zweifel nicht ausräumen, Toni habe ihm eine „Jungfräulichkeits- oder Halbjungfräulichkeitskomödie vorgespielt“. In die „reizenden Stunden“ mit Toni mischen sich daher „oft auch unangenehme“ und Schnitzler verhehlt sich nicht, dass es sein „Naturell“ ist, das daran die Schuld trägt. Erstmals entfaltet die Neurose, an der er leidet, ihre schmerzhafte Kraft: „Ich habe nemlich zu meinem größten Leidwesen entdeckt, daß ich einen ganz enormen Fonds von Misstrauen besitze, ein Kapital, das seine Renten in Gestalt von Selbstquälerein und Quälerein andrer abwirft. Ich quäle sie und mich und meist ohne rechten Grund. Bei alldem lieb’ ich sie nicht. Und trotzdem wieder würde es mir jetzt eine geradezu colossale Ueberwindung kosten, von ihr zu lassen. Unwillkürlich kam ich auf den Gedanken: Was für Aufregungen hätt’ ich zu bestehn, wie viel litte gerade ich vor Eifersucht, wenn ich es mir wieder mal beifallen ließe, mich rasend zu verlieben –! Und doch kostet mich Toni mehr Zeit, mehr Gedanken, ja vielleicht mehr von dem besten Theil meines Gefühlslebens, als es dieses im Grunde genommen so unbedeutende Mädchen werth ist.“ (TB, 15. September 1883)
Toni Faust sieht die Beziehung wohl etwas anders. Möglicherweise gehen ihr die seltsamen Eifersuchtsanfälle ihres Liebhabers so auf die Nerven, dass sie beginnt, sich ihm zu versagen. In einer „ungemein aufgeregten Scene“ im Rathauspark am 16. September teilt sie ihm weinend mit, dass sie seinen Wünschen „nie und nimmermehr“ nachgeben könne, da ihr Vater gedroht hätte, seine Töchter zu verstoßen, wenn sie sich „je so weit“ vergessen sollten. Schnitzler ist konsterniert: „Und ich, in dessen Armen sie schon so innig lag – wie nur ein Mädchen in eines jungen Mannes Armen liegen kann, soll nun plötzlich den Gedanken fassen, dass unser Verhältnis sich nunmehr zu einem vollkommen platonischen gestalten soll. Und mich nun ganz von ihr loszusagen, hab ich nicht das Herz. Es war schier zum verzweifeln. –“ (TB, 17. September 1883) Mit dem Verzicht auf Sex, den Toni ahnungslos vorschlägt, verliert für Schnitzler die Beziehung ihren Sinn. Prompt verstärkt sich wieder die „schrecklich hypochondrische“ Stimmung, „von Tag zu Tag“ werden seine Nervosität und seine Depressionen größer und stärker: „Alles geht mir schief, aber rein alles. (…) Am liebsten wär’ mir fortzureisen – oder vielleicht einer liter. Arbeit mit Ruhe mich hingeben zu können.“ (TB, 17. September 1883)
Ende September geht sein Einjährig-Freiwilligenjahr im Garnisonsspital zu Ende und er wechselt mit dem Beginn des neuen Semesters wieder in die Poliklinik, die Schwerpunkte nun: Laryngoskopie, sowie „percutieren und auscultiren“. Gleichzeitig wächst die Kluft zwischen ihm und Toni: „Toni – Li – la – Es geht sonderbar zwischen uns, bereits seit einiger Zeit ziemlich gespannt … verstimmt – eben nichts ganzes, volles. –“ (TB, 3. Oktober 1883) Die Treffen mit ihr werden seltener, ein „nicht recht erquickliches“ Gespräch am 19. Oktober verdrängt schließlich die Zärtlichkeit der Sommertage und läutet den Abschied ein: „Sie sprach von Ziellosigkeit des Verhältnisses u. s. w. – Die alte Leyer! – Die alte Geschichte von unechter Liebe – von gewöhnlichen Frauenzimmern. Ein Glück nur, dass mich beides nie und nimmer überrascht. Ein Glück auch, dass mich so was herzlich wenig kränkt – ein Glück mit einem Wort, dass es mir auch nicht im Traum einfiel, wirklich verliebt zu sein.“ (TB, 27. Oktober 1883) Dennoch wurmt Schnitzler die Trennung und als er von Toni nach einer Woche noch immer keinen Brief bekommen, kein Wort des Bedauerns gehört, dafür aber ein „paar Kleinigkeiten“ erfahren hat, die darauf hinweisen, dass sie ihm tatsächlich eine Komödie vorgespielt hat, fasst er den Entschluss, ihr noch einmal so richtig seine Meinung zu sagen: „Ich werde sie jedenfalls noch einmal aufsuchen, um, wozu ich eine gewisse Lust, nicht vielleicht eine aus Verdrießlichkeit hervorgegangene, sondern sozusagen eine theoretische Lust habe, um ihr also in den gewähltesten Worten auseinanderzusetzen: Meine liebe gute Toni – … du bist nicht besser als neunundneunzig unter hundert, aber auch nicht schlechter – du bist mit einem Wort die Normalcanaille – et voilà tout!“ (TB, 27. Oktober 1883)
Schnitzler belässt es bei dem Vorsatz, erst ein halbes Jahr später, im März 1884, wird er Toni auf dem Schlesierkränzchen, einer der letzten Faschingsveranstaltungen, noch einmal begegnen – um drei Uhr morgens lässt er sich ihr zum Spaß vorstellen, sie hat inzwischen einen neuen Liebhaber, den Mediziner „Moriz H.“, einen Bekannten Schnitzlers. Auch Schwester Minna ist wieder mit dabei, man beschließt die Ballnacht mit einem gemeinsamen Kaffeehausbesuch, es ist „recht launig“. (TB, 12. März 1884) Schnitzler, der sich inzwischen intensiv der „schönen Braut“ Gisela Freistadt widmet, begegnet ihr am 27. März 1884 ein letztes Mal im Café des Ronacher. Er ist an diesem Abend in Gesellschaft von Jacques Pichler und Siegmund „Szigo“ Freistadt, dem Bruder Giselas. „Ich trank ihr von weitem zu, war sehr fidel.“ Als Toni zusammen mit Minna und zwei Begleitern das Kaffeehaus verlässt, folgt ihr Schnitzler mit seinen Freunden, er will sich an diesem Abend noch etwas amüsieren: „Die zwei Jünglinge begleiteten die Mädchen bis zum Hausthor und verschwanden in der dunklen Straße, kaum, dass das Thor sich schließen sollte. Ich aber eilte herzu, riss das Thor, das eben zufallen wollte, auf – und nun gings – wie vor alten Zeiten ins Café, dann in den Rathauspark, wo dann gar humoristische Dinge verabredet wurden. Ich war wahrhaftig wieder gut aufgelegt! –“ (TB, 28. März 1884) Die Verabredungen dieser Nacht halten jedoch nicht – Schnitzler wird Toni nie wieder sehen; wie er in Jugend in Wien feststellt, will er die „beiden Geschöpfe“ schon damals „auf gründlichem Bergabweg“ gesehen haben. Damit widerspricht er sich aber selbst, denn zumindest Minna gelingt es, wie er sich selbst überzeugen kann, eine gute Stellung zu finden: Einige Jahre später begegnet er ihr auf einer „kleinen Soirée in einem großen Damenmodengeschäft“, wo Tonis Schwester als „eine der ersten Mamsellen“ angestellt ist und „von der Hausfrau sehr hoch gehalten“ wird. Über ihre „einstige Bekanntschaft“ möchte Probiermamsell Minna allerdings den Mantel des Schweigens gebreitet wissen; über Toni schweigt sie – ebenfalls aus Scham? Das Schicksal ihrer Schwester bleibt in Dunkel gehüllt …

GISELA FREISTADT
Ende Oktober 1883 hat sich der Student Schnitzler „so leidlich hineingewöhnt in die Medizin“. Ja, in den ersten vierzehn Tagen des Semesters hat er sogar regelmäßig die Vorlesungen besucht, „allerdings nicht viel theoretisch studirt“. Er hat sich fest vorgenommen, nun damit zu beginnen, kämpft jedoch mit einer „höchst unangenehmen“ „hypochondrischen Stimmung“, die ihn manchmal überfällt, wenn er eines der Lehrbücher zu Hand nimmt. Immerhin: Manches an dem „gewaltigen Stoff“, so glaubt er, werde ihn doch interessieren, die Hypochondrie werde er sich „bei tieferer Beschäftigung“ abgewöhnen können.
Sein Mädchen, Toni Faust, hat er in der letzten Zeit „fast gar nicht gesehen“, schuld daran ist ein „nicht recht erquickliches Gespräch“, in dem sie ihm die „Ziellosigkeit des Verhältnisses“ und „unechte Liebe“ vorgeworfen hat – die „alte Leyer“ von „gewöhnlichen Frauenzimmern“ also. „Ein Glück nur“, dass ihn dies „nie und nimmer“ überraschen kann. Er ist in Toni nicht verliebt und wird sie verlassen, nur einmal will er sie noch aufsuchen und ihr so richtig seine Meinung in den bereits erwähnten Worten sagen: „Meine liebe gute Toni … du bist nicht besser als neunundneunzig unter hundert, aber auch nicht schlechter – du bist mit einem Wort die Normalcanaille – et voilà tout!“
Der Abschied von Toni fällt ihm umso leichter, als er ein „hübsches Judenmädel“, das mit seiner Familie „an der Grenze des Ghettos im wörtlichen und übertragenen Sinn zu Hause“ ist, im Auge hat. Zwar steht er noch „kaum auf dem Correspondenzfuss“ mit „Gisela F.“, doch das kann sich ja rasch ändern. (TB, 27. Oktober 1883)
Die „kleinbürgerlichen Eltern“ seiner reizenden neuen Bekanntschaft, Adolf und Cäcilie Freistadt, sind aus Pressburg nach Wien gekommen, ihre ältere Tochter Gisela ist 1864 in der slowakischungarischen Hauptstadt geboren. Gisela hat einen älteren Bruder, Siegmund, in der Familie „Szigo“ genannt, der Bankbeamter ist, mit einem „Hang zum Schuldenmachen und zu kleinen Betrügereien“, wie Schnitzler in Jugend in Wien erzählt. Giselas jüngere Schwester Melanie, in der Familie kurz „Mela“ gerufen, ist 1868 bereits in Wien geboren und in Schnitzlers Erinnerung „noch hübscher“ als sie. Vater Adolf Freistadt verdient sein Geld als „Frucht-Agent“, die Familie wohnt in der Oberen Donaustraße 45, aus der etwas despektierlich klingenden Sicht Schnitzlers „an der Grenze des Ghettos im wörtlichen und übertragenen Sinn“. (Jugend in Wien)
Am 4. November 1883 feiert Großvater Philipp Markbreiter sein fünfzigjähriges Doktorjubiläum, es ist ein „ziemlich ungetrübtes Fest“ und auch sein studierender Enkel ist guter Dinge, denn die Sache mit dem hübschen Mädel aus der Oberen Donaustraße geht voran: „Gisela F.s Lippen sind süss“, kann er im Tagebuch als ersten Erfolg vermerken. (10. November 1883)
Und dann hat er auch noch Glück, dass er sich nicht mit Syphilis ansteckt: Eben an diesem 10. November schleppt er zusammen mit seinem Freund Richard Tausenau eine Choristin vom Wiedner Theater ab, das heißt, die beiden jungen Männer begleiten die Sängerin in ihre Wohnung. Da sich die „junge Dame“ durchaus nicht spröde, sondern nur „unentschieden“ zeigt, „zipfeln“ die beiden Freunde um die Gunst der Schönen. Schnitzler gewinnt den Losentscheid, hat dann aber so richtig Glück: Da „sie uns vorher den Namen ihres Liebhabers genannt, eines ungarischen Advokaten, über dessen Gesundheitszustand ich durch die Indiskretion seines Arztes zufällig genau unterrichtet war, und ich außerdem, meinen Arm um ihren Nacken schlingend, eine meinem medizinischen Verständnis sehr verdächtige Drüse getastet hatte, verzichtete ich edelmütig auf den Preis“ – damit kommt Freund Richard zum Zug, der sich bereits angesteckt hat und dem „glücklichunglücklicherweise auf solchen Wegen keine Gefahr mehr“ droht. (Jugend in Wien)
Als ersten Ball im neuen Jahr 1884 besucht Schnitzler das Kränzchen des Kaufmännischen Gesangsvereins in den Sophiensälen. Auch Franziska „Fännchen“ Reich ist da und erklärt ihm ohne lange Umschweife, dass sie noch an ihm zugrunde gehen werde. Das Gespräch entwickelt sich „impertinent lebhaft“ und endet um drei Uhr morgens „unter süßen, heißen Küssen – ‚Wie ich mich gesehnt habe, dich wieder zu küssen‘, sagte sie.“ (TB, 19. Jänner 1884) Schnitzler ist inzwischen nicht entgangen, dass auch Gisela Freistadt das Kränzchen mit ihrer Gegenwart beehrt; es gelingt ihm, sie auf der Galerie eine „Zeit lang“ festzuhalten „und auch ihre Lippen küsst ich mit charakterloser Innigkeit“. Alles, so rechtfertigt er sich im Tagebuch, sei einfach „Leben“ und er habe sich „fürtrefflich“ unterhalten. Schon am Abend zuvor hat er mit einer „neu auftauchenden Schönen Rose (St.) ein Rendezvous gehabt – „ich träumte ein paar Küsse voraus auf ihre wahrlich ‚vielholden‘ Lippen“. (TB, 19. Jänner 1884), ein paar Tage später wird er mit dieser Rose, deren Familiennamen er verschweigt, eine „sehr sexuell angehauchte Stunde“ in einem einsamen Park verbringen (TB, 3. Februar 1884), dann wird ihm „dies hübsche wirklich naive Mädchen“ einen Brief schreiben, in dem es „sehr viel von großer Liebe und manches vom Heiraten spricht“ (TB, 18. April 1884) – für den bindungsscheuen Studiosus die falschen Töne, er wird Rose nicht wiedersehen.
„Ein wenig“ studiert Schnitzler in diesen Faschingstagen auch noch, doch jetzt zieht in das „Carnevalsleben“ (TB, 3. Februar 1884) ganz in seinen Bann. Beim Donau-Dampfschiffahrtskränzchen in den Sophiensälen am 31. Jänner trifft er wieder auf Gisela. Sie schaut „thatsächlich entzückend“ aus, er wechselt „verliebte Worte und Küsse“ mit ihr, doch viel mehr ist nicht möglich – Mutter und Bruder, die mitgekommen sind, haben ein wachsames Auge auf sie und Schnitzler wird den familiären Anhang seiner Schönheit die ganze Nacht nicht los: Im Morgengrauen führt er Gisela mit Mutter und Bruder in ein Café zum Frühstück, dann muss er die drei auch noch nach Hause in die Obere Donaustraße bringen – „es war impertinent!“, ärgert er sich im Tagebuch. (TB, 3. Februar 1884) Die lange Ballnacht in den Sophiensälen kann er jedoch durchaus als Erfolg verbuchen: Ein Wiedersehen hat es auch mit Charlotte Pflaumenbaum gegeben, mit der es im Spätherbst 1882 zur zärtlichen Annäherung gekommen war – es gelingt ihm, ein Rendezvous mit ihr zu vereinbaren. Wegen ihrer „Sprödigkeit“ hat Schnitzler sie damals stehen gelassen, nun hat ihm Charlotte, die fünf Jahre älter ist als er, offenbar verziehen und will einiges nachholen – doch Gisela hat Vorrang: Am 5. Februar 1884 hat Schnitzler ein Rendezvous mit ihr, Fräulein Freistadt hat eine Überraschung für ihn parat: Es „war dämmrig und der Quaipark ziemlich einsam und ihre Lippen süss – und sie sprach von einem ihr sehr widerwärtigen Leobner Weinhändler … zu Hause dränge man sie lebhaft, ihn zu heiraten –“. (TB, 21. Februar 1884) Wenige Tage später hält er die schriftliche Bestätigung in Händen: die Verlobungskarte Giselas, in der sie Ignaz Mayer aus Leoben als zukünftigen Gatten vorstellt; sie scheint also ihren Eltern bereits nachgegeben zu haben.
Schnitzler nimmt Giselas Verlobung nicht weiter tragisch, hat er doch keine Skrupel, das Unglück der jungen Braut auszunützen und mit dem Feuer zu spielen, ja, er scheint die Konstellation zu genießen. Am Faschingmontag, es ist der 25. Februar, ist er mit seinem Kumpel Jacques Pichler, diesem „guten, aber öden Kerl“, bei Familie Freistadt eingeladen, sie dürfen Gisela zur Verlobung gratulieren. Er hat einen Strauß Veilchen mitgebracht, überreicht sie Gisela: „,Die Blumen sind ja beinahe welk‘ sagte sie. – Verwelkt – gab ich affectirt romantisch zur Antwort – wie ihre Liebe zu mir. Sie flüsterte mir zu, dem sei durchaus nicht so …“
In diesem Frühjahr 1884, in dem es so stark nach „Lenz und Liebe“ duftet (TB, 12. März 1884) und Schnitzler sich mit der schwärmerischen Zuneigung Charlotte Heits konfrontiert sieht, bildet das „anmutige kleine Abenteuer“ (Jugend in Wien) mit Gisela den willkommenen erotischen Kontrapunkt. Da sie dem Leobner Weinhändler fest versprochen ist, finden die Eltern nichts dabei, dass er seine Besuche fortsetzt. Am Samstag, dem 27. März 1884, ist er zusammen mit Jacques Pichler wieder bei der Familie Freistadt zu Gast und natürlich gibt’s da für ihn kein Halten, seine Aufmerksamkeit gehört ganz der „schönen Braut Gisela“: „Der Zufall wollt’ es – oder war es nicht Zufall? Ich glaube fast! daß wir uns öfter als einmal in einsamen Zimmern fanden, wo es ganz rasend herging. Sie fiel mir um den Hals, wir küssten und umarmten uns, es war verteufelt göttlich! ‚Wenn ich meinen Bräutigam nur halb so lieb haben könnte wie Sie!‘, rief sie auf dem Spaziergang dann aus und noch manches andere …“

Ein Fixpunkt in Schnitzlers „Carnevalsleben“: die Sophiensäle in der Marxergasse. Gisela Freistadt küsst er hier mit „charakterloser Innigkeit“.
Tags darauf, es ist Sonntag, tauchen die beiden jungen Männer prompt wieder bei den Freistadts auf. Da diesmal auch viele andere Bekannte der Familie da sind, findet Arthur nur einmal Gelegenheit, Gisela „so recht ‚von Herzen‘“ abzuküssen. Mit ihrem Bruder Szigo und mit Jacques Pichler geht’s danach zum Ronacher, wo er Toni und ihre Schwester „Fanny“ (eigentlich Minna – Anm. J. S.) trifft – prompt ist Gisela für den Augenblick vergessen, es wird ein lustiger Abend mit den beiden Schwestern, der sie noch in den Rathauspark führt, wo „dann gar humoristische Dinge verabredet werden“. (TB, 28. März 1884)
Gemeinsam mit dem Brautpaar unternehmen Schnitzler und Jacques Pichler am Sonntag vor der Hochzeit einen nachmittäglichen Ausflug in den Prater, mit dabei ist auch Giselas Bruder Szigo. Schnitzler hat also Gelegenheit, ihren Bräutigam Ignaz Mayer, den Weinhändler aus Leoben, kennenzulernen. Sein Urteil über den 1858 im damals noch ungarischen Kobersdorf geborenen Kaufmann: „oede wie die Möglichkeit, langweilig und beschränkt, ohne den geringsten Ausdruck in jeglichem Sinne“, „in Aussehen und Gehaben ganz der kleine jüdische Geschäftsmann aus der Provinz“ (Jugend in Wien). Und Ignaz Mayer merkt offenbar nicht, dass seine „temperamentvolle jugendfrische blühende Braut“, die er so stolz am Arm führt, die Nähe des jungen Medizinstudenten besonders intensiv sucht. Auf ihrer anderen Seite gehend, hält dieser seine Hand „unmerklich in der ihren, die Finger fest ineinander schlingend … Liebesworte einander zuflüsternd.“ Den Abend verbringen die jungen Leute im Café Kugel, man spielt Billard und unterhält sich bestens. Als Arthur und Gisela für einen Moment lang auf der Stiege zwischen erstem Stock und Parterre allein sind, nützen sie die Gelegenheit zu Zärtlichkeiten: „In einem langen Kusse vergaßen wir die Welt … und ihren Bräutigam, der bald nachgetrollt kam …“ (TB, 18. April 1884) Wie Schnitzler in Jugend in Wien andeutet, sind es nur „Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit“ und nicht „Skrupel der Vorsicht oder des Gewissens“, die ihn daran hindern, das Abenteuer mit Gisela zum „schicksalsgebotenen Ende“ zu führen.
Die Hochzeit von Gisela Freistadt mit Ignaz Mayer findet am 22. April 1884 statt; schon am Abend zuvor ist Schnitzler bei der Familie, er erlebt Gisela „unendlich aufgeregt, zitternd, fast weinend“, gibt ihr „einen soi disant Abschiedskuss“. Schnitzler ist Zeuge, als Gisela die Ringe mit ihrem Bräutigam tauscht, dem „öden, beschränkten Kerl“, wie er nicht ohne Eifersucht einen Tag später im Tagebuch notiert. Die Hochzeitsfeier am Abend wird nach orthodoxem jüdischem Brauch abgehalten und hätte, wie Schnitzler am nächsten Tag im Tagebuch vermerkt, „wohl Stimmung gehabt, wenn alles danach gewesen wäre“. Gisela verspricht, Schnitzler Briefe zu schreiben und – „auch mehr und bessres (sic!) als Briefe –“. Es folgt der Abschied: „Es war schließlich beinahe rührend, als sie mit ihrem Mann wegging. Da erst, im Gange, begann sie herzbrechend zu weinen – am Hals ihrer reizenden Schwester Mela, welche sozusagen den Abend immer mehr aufknospte.“ Selbst Schnitzler, bis jetzt als zynischer Faun agierend, kann da nicht ganz gleichgültig bleiben: „Als das junge Ehepaar verschwand – ich muss es gestehen, wurd’ ich – zornig – stampfte auf den Boden – setzte mich endlich in ein leeres Zimmer ganz in die Ecke, die Hand vor den Augen – Mela, die dazugekommen war, unter Tränen lächelnd, reichte mir die ihre.“ (TB, 23. April 1884)
Wenige Tage nach der Hochzeit Giselas erhält Schnitzler einen „sonderbaren“ Brief von ihrer Mutter Cäcilie: Sie bittet ihn, „wegen des Geredes“ nicht mehr zu ihnen zu kommen – offenbar hat sie, wie er meint, Angst, dass er ihrer Tochter Mela, sie ist eben sechzehn, gefährlich werden könnte. Schnitzler respektiert diese Bitte und bricht den Kontakt zur Familie Freistadt ab; Gisela lebt mit ihrem Mann in Leoben und wird in rascher Folge Mutter von drei Kindern: Elsa, Arthur und Walther. Ihren charmanten jungen Kavalier aus Wien hat sie jedoch nicht vergessen und so beschließt sie im Herbst 1888, wieder mit Schnitzler in Kontakt zu treten. Sie schreibt ihm zunächst anonym, dann „entdeckt“ sie sich ihm – am 4. Oktober 1888, Schnitzler lebt inzwischen mit Jeanette Heeger zusammen und ist eben aus England zurückgekehrt, gibt es ein Wiedersehen; am 9. Oktober besuchen sie gemeinsam Schwester Mela, die inzwischen mit einem gewissen Ludwig Soudek verheiratet ist. Gisela, so bemerkt Schnitzler nach einigen Treffen im Kaffeehaus, ist offenbar bereit, ihr Versprechen vom Hochzeitstag „treulich einzulösen“ (Jugend in Wien), sie erklärt ihm, dass sie ihn liebe, und taucht dann unter dem Vorwand, dass sie Halsschmerzen habe, auch bei ihm in der Ordination auf, turbulent gestaltet sich offenbar ihr Besuch vom 28. November: Drei Punkte und ein Rufzeichen im Tagebuch deuten darauf hin, dass sich einiges ereignete – was Schnitzler in seinem Eintrag vom 10. Dezember 1888 dann auch bestätigt: „In der letzten Zeit; sie ein paar Mal bei mir, in der ‚Ordin.‘. Häufig schrieb sie mir, dass sie mich nie wieder sehen wolle, besonders das letzte Mal, wo sie fast schon mein ward – und ich hab ihr nicht geantwortet, und sie läßt sich nicht mehr sehen.“ Doch Gisela Mayer überlegt es sich noch einmal – am 20. Dezember ist sie wieder bei ihm in der Ordination; im neuen Jahr setzt sie ihre Besuche fort, muss aber bald erkennen, dass sie Schnitzler inzwischen gleichgültig geworden ist. In Jugend in Wien wird er dies aus der Retrospektive so begründen: „Doch hatte sie längst aufgehört, mir zu gefallen. Ihre langweilig-banale, keineswegs jargonfreie Sprechweise tat ein übriges, mich abzukühlen, und ich zog mich in mein Ärztetum zurück mit so völligem Gelingen, daß sie ihre Besuche bald gänzlich wieder einstellte.“ Was Schnitzler in seiner Autobiografie, die einen deutlichen Hang zur Distanzierung von den „kleinbürgerlichen“ jüdischen Kreisen zeigt, verschweigt: Der letzte Besuch Giselas bei ihm in der Ordination am 28. März 1889 endet offenbar mit einem grellen Misston. Im Tagebuch notiert er: „Gisela M. war mir zu langweilig und hatte Fehler in der Toilette, die mich disgustirten. Ich war brutal mit ihr und kümmerte mich nicht weiter.“ Was immer der Toilettefehler war und was man sich unter „brutal“ vorstellen mag – Frau Gisela Mayer ist offenbar von diesem rüden Verhalten ihres ehemals so zärtlichen Galans schwer getroffen und zieht nun tatsächlich einen Schlussstrich. Knapp vier Jahre später, im Jänner 1893, erhält Schnitzler doch wieder einen Brief von ihr, diesmal bereits sehr förmlich und distanziert:
Darmowy fragment się skończył.