Czytaj książkę: «New Cage»
Johannes Fischler
NEW CAGE
Esoterik 2.0
Wie sie die Köpfe leert
und die Kassen füllt

Impressum
ISBN 9783990402122

© 2013 by Molden Verlag
in der Verlagsgruppe Styria
GmbH & Co KG
Wien · Graz · Klagenfurt
Alle Rechte vorbehalten
Bücher aus der Verlagsgruppe Styria gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop
LEKTORAT: Elisabeth Wagner
COVER UND BUCHGESTALTUNG:
Maria Schuster
COVERBILD: Fotolia/viperagp
1. DIGITALE AUFLAGE: Zeilenwert GmbH 2013
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort Prof. Heinz Oberhummer
WILLKOMMEN IM NEW CAGE
Die Welt in der Welt
Grund und Grundsätzliches
Die Epidemie
Vodoo lebt weiter – vom Kult zur Kultur
Keiner ist Esoteriker, aber der Markt ist da: die Zahlen der Zahlenden
Money for nothing – wie man sein Geld in nichts verwandelt
Der Fall „Manuel“: Aus magisch wird tragisch
Stamm-Kunden, Prosumer-Movements und Klientenreligionen
MULTI DIMENSION MARKETING
Abheben im Business der Esoterik 2.0
ZUM PRINZIP : Nimm etwas weniger, aber dafür von vielen!
SCHRITT 1: Die Startbasis
Der esoterische Weltenbau und seine Requisiten
SCHRITT 2: Der Astronaut
Das esoterische Heldendrehbuch, Glamour und seine Tücken
SCHRITT 3: Die Tankfüllung
Spirituelle Energieträger und fesselndes Marketing
SCHRITT 4: Die Zündung
Neurochemische Explosionen und die Genese feinstofflicher Sucht
SCHRITT 5: Das Raumschiff hebt ab
Meister, ihre Ausbildung und ihre Mission: der spirituelle Stairway to Heaven
SCHRITT 6: Hauptriebwerk und Booster
Der esoterische Verdrängungsmotor steigert Nachfrage und Umsatz
SCHRITT 7: Die Schaltzentrale
Die Drahtzieher bleiben im Hintergrund und verdienen an allem
SCHRITT 8: Das Eintreten in die nächste Dimension
Die Vertriebsstellen vervielfältigen sich von selbst
SCHRITT 9: Leben in der Raumkapsel
Gefangen im New cAge
SCHRITT 10: Völlig losgelöst – per Freiflug in die Unendlichkeit
Das Sternenschiff fliegt mit Autopilot
Das Letzte, was wir von Manuel hörten
Anhang
Anmerkungen
Quellen
Nützliche Adressen
Literaturtipps
Dank
Da die sechste Lichtkörperebene für die meisten
Menschen sehr unangenehm ist,
verlassen hier viele Menschen den Planeten (...)
Wenn es uns gelingt, jemanden lebendig durch
die fünfte und sechste Ebene zu bringen,
ist der Rest einfach. Wer an diesem Punkt den Planeten nicht verläßt,
wird höchstwahrscheinlich den ganzen Prozeß durchmachen.
Erzengel Ariel [1]
Vorwort
Zu Beginn des ersten Kapitels dieses Buchs steht als Zitat zu lesen, dass der aus dem Griechischen stammende Begriff „esoterisch“ so viel wie „nur für Eingeweihte einsichtig“ bedeutet. Genau darin besteht das Problem des esoterischen Glaubens, dass er in der realen Welt nicht transparent gemacht und wissenschaftlich nicht nachvollzogen werden kann. Denn wenn man esoterische Glaubensinhalte mit wissenschaftlichen Methoden überprüft, bleibt nichts mehr übrig. Und es gehört schon ein großes Maß an Arroganz, Überheblichkeit und Einbildung dazu, wenn Esoteriker sogar die Naturgesetze ignorieren und außer Kraft setzen.
Was ist denn der Unterschied zwischen Wissenschaft und Glauben? Wissenschaft ist die Methode, wie man Wissen schafft. Viele sind der Überzeugung, dass Genies den entscheidenden Fortschritt in der Wissenschaft bringen. Weitaus wichtiger ist jedoch die wissenschaftliche Methode, mit welcher alle Entdeckungen und Erkenntnisse laufend überprüft, gecheckt, kritisiert, modifiziert und verbessert werden. Alle Ergebnisse und Erkenntnisse der Wissenschaft sind daher vorläufig und hypothetisch. Kurz gesagt, die Wissenschaften unterziehen sich freiwillig und bewusst stets einem Selbstreinigungsprozess, um schlechte und/oder Pseudowissenschaften auszumerzen. Das unterscheidet Wissen prinzipiell vom esoterischen Glauben, der fast immer unveränderlich, fundamentalistisch, dogmatisch und starr ist und sich kaum weiterentwickelt.
Die Wissenschaft kann unser Universum vom Allerkleinsten bis zum Allergrößten beschreiben, von Elementarteilchen und Atomen bis zu den Sternen und Galaxien. Die Technik als Kind der Naturwissenschaft hat Fernsehen, Handys, Flugzeuge, die U-Bahn und viele weitere großartige Errungenschaften hervorgebracht. Die Esoterik hingegen schaffte es noch nicht einmal, eine einzige Glühbirne zum Leuchten zu bringen. Vor 150 Jahren – das ist noch nicht so lange her – lag die durchschnittliche Lebenserwartung noch bei etwa 35 Jahren. Für einen heute geborenen Menschen ist diese Lebenserwartung durch den wissenschaftlichen Fortschritt auf fast 100 Jahre gestiegen. Die Zukunft der Menschen liegt daher im Wissen und nicht etwa im esoterischen Glauben.
Trotzdem ist das Wachstum esoterischer Anwendungen und Produkte aller Art ungebrochen und beängstigend. Die Esoterik als Massenphänomen wird von breiten Teilen der Gesellschaft nicht mehr als solche wahrgenommen, da wir als Mitglieder einer Lifestyle- und Wellnesskultur gewissermaßen selbst Teil des Spieles sind. Fast jeder kennt heute jemanden in seinem Verwandten- oder Bekanntenkreis, der esoterischen Aussagen tatsächlich glaubt oder zumindest diesen nicht kritisch gegenübersteht. Esoterischen Glauben gibt es zwar als Gespinst in unserem Gehirn, dessen Inhalte sind aber in der realen Welt wissenschaftlich nicht nachweisbar. Ich frage mich immer wieder, warum man durchaus vernünftige und verständige Menschen kaum davon überzeugen kann, dass Esoterik Unfug ist. Man kann das wohl so erklären: Wenn jemand viel in einen Glauben investiert und sich mit diesem intensiv beschäftigt hat, ist er kaum bereit, diesen wieder aufzugeben. Denn dadurch entsteht eine große Lücke im Gehirn. Und das will man nur ungern zulassen. Menschen, die an esoterische Inhalte glauben, sind daher immun gegen jegliche logische Argumentation.
Esoterik kann aber auch gefährlich sein. Man kapselt sich nämlich von der realen Umwelt ab und begibt sich in eine Welt, die es in der Wirklichkeit nicht gibt. Klarerweise kommt man dann auch mit der wirklichen Welt schlecht oder gar nicht zurecht, wenn man an Dinge glaubt, die nur im Kopf, aber nicht in der Realität existieren. Schließlich sind esoterische Publikationen ungleich zahlreicher als diejenigen, welche sich kritisch damit auseinandersetzen.
Man braucht derzeit jeden verfügbaren kritisch denkenden Menschen, der dem eskalierenden Wahnsinn die Stirn bietet. Dazu gehört auch der Autor dieses Buches, der psychologisches, philosophisches, neurochemisches und Marketingwissen gepaart mit Zynismus und Schlagfertigkeit zusammenträgt. Die Analysen sind sehr tiefgehend, aber immer so gestaltet, dass die Leserin und der Leser folgen können.
Besonders gefällt mir, dass der Autor dieses Buches Psychologe ist. Chemiker oder Physiker können zwar erklären, warum esoterische Methoden den Naturgesetzen widersprechen, nicht jedoch, warum es Esoterik überhaupt gibt und warum Menschen dafür so empfänglich sind. Deshalb ist auch die psychologische Perspektive vonnöten, um die Innenansicht esoterischer Weltentwürfe genauer unter die Lupe zu nehmen.
Der Text beinhaltet viele Originalzitate esoterischer Protagonisten. Dafür hat sich der Autor sogar inkognito bei einigen Engels-Conventions, Matrix-Seminaren und ähnlichen Veranstaltungen „reingeschummelt“. Er bringt also originales esoterisches Insiderwissen nach außen. Insbesondere auch die „bräunliche“ Seite deutschösterreichischer Esoterik kommt in seinem Buch zur Sprache. Die Parallelen zu „rassischen Idealvorstellungen“ sind leider zu offensichtlich. Und stets vergleicht der Autor das Esoterische mit der sogenannten „normalen Welt“. Denn Lifestyle und New Age sind sich oft ähnlicher, als man wahrhaben möchte.
Glücklicherweise gibt es auch noch viele Menschen, die gegenüber esoterischem Unfug kritisch und skeptisch eingestellt sind. Im vorliegenden Buch werden fragwürdige, ja haarsträubende und absurde Beispiele der Esoterik diskutiert und analysiert. Man hat bei den besprochenen esoterischen Methoden oftmals das Gefühl, dass die Aufklärung spurlos an uns vorübergegangen ist und wir uns wieder im tiefsten Mittelalter befinden. Der Autor versucht mit diesem Buch, uns das sich in der Gesellschaft ausbreitende Krebsgeschwür der Esoterik mit konkreten Beispielen aus der Praxis vor Augen zu führen. Er leistet damit auch der Wissenschaft insgesamt einen wichtigen Dienst. Schon allein aus diesem Grund wünsche ich dem Buch jeden nur denkbaren Erfolg!
Univ.-Prof. Dr. Heinz Oberhummer
Emeritierter Universitätsprofessor für Theoretische Physik an der Technischen Universität Wien & Mitglied der „Science Busters“

Die Welt in der Welt
esoterisch, von griech. „esōterikós“: nur für Eingeweihte einsichtig, innerlich
Und immer schon lockt das Geheimnis
Die Esoterik ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Seit jeher verweist sie auf das verborgene Land der Innerlichkeit, das Numinose. Sei es durch das Versprechen von Macht, sei es als Spiegelbild unserer Sehnsucht nach der Überwindung des rein Äußeren, des Irdischen. Dabei liefern esoterische Welten Bezugssysteme: Wirklichkeiten, welche das Faktische hinter sich lassen sollen. Torwege aus dieser Welt in eine andere, tiefere Dimension, mit neuen Gesetzmäßigkeiten, neuen Protagonisten, neuen Göttern und natürlich auch neuen Selbstbildern derer, die in diese Welten eintauchen. Eine Geschichte der Esoterik gibt es nicht. Lassen Sie uns lieber von einer Historie des Esoterischen sprechen. Esoterisches oder das, was wir heute darunter verstehen, ist und war in der Menschheitsgeschichte stets allgegenwärtig. Mal eher am Tageslicht, meist aber im Verborgenen, im Okkulten. Esoterik, Religion und Wissenschaft koexistierten seit jeher in gegenseitigem Wechselspiel.
Doch egal in welcher Ausformung, der Reiz des Metaphysischen bestand immer schon im Nicht-Offensichtlichen, das es noch zu entdecken galt. Der Zugang zu obskurem Wissen war fortwährend ein gut gehütetes Geheimnis, in welches nur wenige Ausgewählte Einlass erhielten. Esoteriker bildeten so seit jeher eine heimliche Elite. Sie waren Geheimnisträger und verstanden sich als Hüter eines „heiligen Grals“, als Torwächter zu einer obskuren Innerlichkeit. Glücklich schätzen konnte sich demnach jener, welchem der Zutritt in die Halle des Bergkönigs1 gewährt wurde.
Wie wir schon am Namen des vermeintlichen esoterischen Urvaters, Hermes Trismegistos, erkennen können, zeichnete sich innerweltliches Wissen also immer schon durch seine Exklusivität aus. Es war eben eine hermetische, nach außen abgeriegelte Welt. Eine Sphäre, von der die breite Masse ausgeschlossen war, ja regelrecht sein musste. Und so inszenierte man noch bis ins späte 19. Jahrhundert magische Rituale stets in kleinen Zirkeln Gleichgesinnter. Übersinnliche Séancen und die Anrufung bereits Verstorbener waren vornehmlich die Angelegenheit weniger Reicher, deren Erlebnishunger über das Diesseitige hinausgriff. Obschon hier der Okkultismus zu einer Art „Chic“ des betuchten Bürgertums und des Adels avancierte, markierte die magische Praxis immer noch ein diskretes Insignium einer gewissen Schichtzugehörigkeit. Man konnte es sich leisten, sich gemeinsam zur Geisterbeschwörung auf seinen Landsitz zurückzuziehen. Manche erwiesen sich dieser höheren Ebenen würdig, andere wiederum nicht. So jedenfalls präsentierte sich die „Old School“ des Spiritismus, oder nennen wir sie lieber die Esoterik des alten Paradigmas.
Und was geschah dann? Industrialisierung und Flucht in Wirklichkeiten
Mit dem Siegeszug der Industrialisierung und dem damit verbundenen Wertewandel erfuhr das Esoterische vor allem im beginnenden 20. Jahrhundert einen nie dagewesenen Aufschwung. Der seinen bisherigen Bezugssystemen entrissene Mensch sah sich angesichts des zunehmenden Diktats von Technik und Zweckmäßigkeit nun endgültig einem viel zu aufgeklärten, alles verschlingenden Kosmos gegenüber. Drehte sich die Welt seit Beginn der Aufklärung mehr und mehr wie ein wundervolles großes Uhrwerk, so war das Getriebe des Daseins Ende des 19. Jahrhunderts zu einer alles zermalmenden Tretmühle geworden. Der Mensch, die ehemalige Krone der Schöpfung, fand sich plötzlich als Sklave seiner eigenen Schaffenskraft wieder. Stechuhr und Rationalitätsdoktrin bestimmten seine Existenz. Der, der sich nach dem Ebenbild Gottes geformt glaubte, war unversehens nur mehr ein kleines Rädchen, verloren im großen Apparat des Kapitalismus. Eben nur mehr das, was Charlie Chaplin in seinem Film „Modern Times“ so sinnbildlich zum Ausdruck bringt: ein Niemand, verloren im übermächtigen System, ein bloßer Spielball des Fortschritts.
Wen wundert’s, wenn Funktionalismus und technokratische Rationalität für viele schon damals zum Feindbild par excellence wurden? Man konnte mit der Modernisierung kaum noch Schritt halten. Und so erwuchs die Sehnsucht nach einer neuen Menschlichkeit, einer neuen Menschheit. Eine Besinnung auf das Wesentliche, eine neue Innigkeit wurde gepriesen. Die zu dieser Zeit kursierenden Ahnenlehren und Kosmologien zeugen von dem Verlangen, dem Menschen ein Gefühl von Wert und vor allem Mächtigkeit wiederzugeben. Vieles wurde unternommen, was einer „Wiederverzauberung“ der Welt dienlich sein sollte.
Das erste Drittel des 20. Jahrhunderts könnte man demnach als großes Projekt gemeinschaftlicher Wirklichkeitsflucht bezeichnen. Und hier meinen wir vor allem die Flucht in Wirklichkeiten. Okkulte Strömungen und magische Weltsichten schossen wie die Pfifferlinge aus dem Boden. Und so markierte dieser Abschnitt einen ersten Kulminationspunkt einer durch viele Bevölkerungsschichten dringenden, esoterischen Breitenströmung. Was Helena Blavatsky, die Grande Dame des Okkultismus, noch im Jahre 1875 als „die Geheimlehre“ [2] (The Secret Doctrine) etikettierte, verdiente ein halbes Jahrhundert später kaum mehr den Namen. Das ehemals noch Verborgene, die einstigen Geheimnisse avancierten zu einer Art esoterischen Mode. Und diese präsentierte sich beinahe schon im Gewand einer Massenbewegung.
Und wie, glauben Sie, ist diese Geschichte weitergegangen?
Unser Leben ist zweifelsohne noch schneller geworden. Im Informationszeitalter mutiert unsere Lebensumwelt mehr und mehr zu einem total vernetzten Dorf. Und das in einem Tempo, in dem sogar Zukunftsforscher zur „Verzögerung der Zeit“ [3] aufrufen. Nur mit Burn-out bleibt man in. Wie heißt es doch so schön? Speed kills. Hunger, Tod, Ausbeutung und Verderben brechen tagtäglich, nein viertelstündlich in Newsflash-Gewittern über uns herein. Diese werden wie Donnerkeile vom medialen Gott in unsere Privatsphäre geschleudert. Von Terrorismus bis Klimagau, die Sendboten des Chaos sind im Echtzeit-Zeitalter omnipräsent. Wir sind umzingelt von lauter Informationen und diese Informationskultur formt unser Befinden. Sie stellt uns allerorts nach und permanent werden wir mit unserem scheinbaren Unvermögen konfrontiert. „Global“ ist da noch nicht genug. Wir schaffen es ja nicht einmal, das Universum sauber zu halten. Noch produzieren wir ja nur Weltraumschrott, doch bald gehören wir wohl selber zum alten Eisen. Als wäre der Homo sapiens bloß ein tragischer Irrläufer der Evolution, ein verwunschenes Enfant terrible, unfähig, den Planeten nicht doch noch zu ruinieren, oder wenigstens begabt genug, sich selbst auszurotten. In einer derartigen Leitkultur des Infotainment – Matthias Horx prägte sehr treffend den Ausdruck „Krisotainment“ [4] – verlieren wir endgültig jedes Gespür für eine Wirksamkeit unserer selbst. Das Fühlen verflacht sich heute zum sogenannten „Feeling“. „Feeling“ ist eine Ware und wird uns erfolgreich verkauft. Ihr Erwerb macht uns scheinbar frei und lässt uns die quälende Ahnung von Bedeutungslosigkeit für kurze Augenblicke vergessen. Der eigene Gemütszustand wird so zum Konsumgut, der Zeitvertreib zur Profession. Doch wir können machen, was wir wollen: Hinter allem lauert stets diese gähnende Leere.
Neue Wirklichkeiten machen den Niemand zum Jemand
Umso mehr ertönt in diesem Umfeld der Ruf nach Sinnhaftigkeit und Geltung. So wie damals sehnt man sich danach, irgendwo doch noch so etwas wie Selbstwirksamkeit entfalten zu dürfen. Denn sich als handelndes Agens wahrzunehmen liefert erst die Grundbedingung dafür, sich als ein Jemand zu empfinden. Wie Thomas Metzinger [5] und zahlreiche Denker vor ihm betonen, hängt die Wahrnehmung von Agentivität eng mit unserem Bewusstsein für Subjektivität zusammen. Bleibt die Erfahrung eigener Einflussnahme jedoch aus, verblassen wir unversehens zu dem, was ein alter Beatles-Song so treffend ins Bild rückt: ein „nowhere man, sitting in his nowhere land“. Und wer will das schon sein? Der Mensch der Postmoderne verlangt nach neuen Songtexten, neuen Sphären des Aktiv-Werdens, schlicht nach neuen Wirklichkeiten.
Maßgeschneiderte Seins-Dimensionen gibt’s mittlerweile zuhauf. Dabei faszinieren virtuelle Gefilde à la „Word of Warcraft“ (Wo W) heute nicht nur Kinder und Jugendliche. Auch die sozialen Netzwerke des Internet fungieren mehr und mehr als Spielräume einer nicht unbedingt realen, aber dennoch wirksamen Identitätserfahrung.
Die sogenannten „Second Lives“ lediglich als unechte Spielereien abzutun würde ihrer Bedeutung nicht gerecht. Ob wir uns auf die moderne Hirnforschung beziehen oder uns unsere eigenen Beobachtungen ins Gedächtnis rufen: Man wirkt und handelt doch ganz und gar erfahrbar in diesen Cyber-Räumen. Hier erlebt sich der Protagonist geradezu „in Action“. Spielen befreit eben ungemein und rettet den Involvierten aus seiner alltäglichen Ohnmacht. Oder haben Sie sich noch nie in einem Spiel regelrecht verloren? Nicht umsonst spricht man vom Homo ludens. Dieser empfindet die damit einhergehende Selbstvergessenheit als lustvoll und gerade das macht künstliche Identitätsangebote ja auch so beliebt. Dabei lässt sich eines wohl unbestreitbar festhalten: Wirklichkeiten in der Welt bestimmen doch immer unausweichlicher unser Dasein.
Wenn wir nun auch das Reich der Esoterik als „Welt in der Welt“ – als Wirklichkeit innerhalb des greifbar Realen – verstehen, so erscheint sie doch vom selben Wunsch beseelt. Gemeint ist das Verlangen nach neuen innerlichen Dimensionen, nach virtuellen Wirksphären mitten in der Welt.
Esoterik 2.0
Doch die Analogie zu den Social Networks zieht noch weitere Kreise. Denn so wie die Vernetztheit des digitalen Hyperraumes wird auch der Wirkkosmos von Zauber und Magie nun an uns herangetragen, und das oft ohne aktive Anforderung seitens des Zielpublikums. Man muss hier nicht mehr den versteckten Eingang finden. Fernab der ehemaligen Exklusivität – das Tor ins Innerweltliche eröffnet sich uns spielerisch.
An dieser Stelle ist es an der Zeit, den Begriff „Esoterik 2.0“ aufs Tapet zu bringen. Bereitwillig und unverhüllt kolportieren die Vermittler einer eigenwilligen Spiritualität esoterisches Geistesgut und jenseitige Botschaften einer stetig wachsenden Fangemeinde, und das über zahlreiche Kanäle. Denn Multimedialität ist im Zeitalter des Lichtes kein Fremdwort, viel eher fußt in ihr ein bestimmendes Wesensmerkmal dieser Sphären. Ganze Massen empfangen transzendente Botschaften beim wöchentlichen Live-Channeling: von zu Hause aus, ganz für sich, oder in der Community. Ähnlich den Videoplattformen im Internet produzieren auch hier viele spirituelle Konsumenten ihren eigenen Kanal und gehen ihrerseits entschlossen auf Sendung. Die Esoterik 2.0 erhebt dabei ihre Käufer selbst zu geistigen Medien, welche die neuen Wirklichkeiten bereitwillig auch den Übrigen, den Normalsterblichen, offenbaren. An ihnen beweisen sie ihre neu gefundene Berufung. Der spirituelle Aufsteiger unserer Tage hält nicht geheim, nein, er missioniert. Und ganz nebenbei – je mehr „Freunde“ er in seinem Account verbuchen kann, desto durchschlagender sein Prestige, desto höher die eigene Schwingung, umso besser sein Ranking im esoterischen Highscore. Mit jedem generierten „Like“ wird der Aufstieg in die spirituelle Hall of Fame gewissermaßen wirklicher.
Das Obskure erfährt Veräußerung
Die unzähligen Licht-und-Liebe-Plattformen im Internet unterstreichen diesen Trend. Das Versteckspiel vergangener Tage scheint endgültig vorbei. Der moderne New Ager entwickelt Sendungsbewusstsein. Hätte sich früher kaum jemand zu spiritueller „Lichtkosmetik“ oder „Aura Lifting“ bekannt, gehört dies heute zum selbstverständlichen Angebot jedes besseren Wellnesstempels. Auch intimste Bereiche bleiben dabei nicht verschont: „Waxing by Angels“ [6] gefällig?
Unterhielt man sich in der Esoterik 1.0 noch hinter vorgehaltener Hand über Astrologie und Reinkarnation, so stellen die neuen „Botschafter der Liebe“ ihre Überzeugungen mittlerweile ganz offen ins World Wide Web. So auch eine Volksschullehrerin, die das Klassenzimmer mitsamt ihren Schülern regelmäßig mit Erzengel-Sprays reinigt. Für jeden ersichtlich und via Videobotschaft macht sie, wie viele andere auch, keinen Hehl daraus. Warum auch nicht? Die Kinder haben offensichtlich „mehr Spaß am Lernen“ [7]. Dabei wirkt dieses In-die-Öffentlichkeit-Gehen noch nicht einmal besonders mutig. Vielmehr beeindruckt hier dieser Beigeschmack von Normalität. Das vormals Okkulte wird heute entschlossen veräußert. Wir erleben eine noch nie dagewesene Vermarktung des Geheimwissens, eine Esoterik 2.0.
Gruppendruck mit Kuschelfaktor
Millionenseller wie „The Secret“ [8] illustrieren eine weitere Paradoxie. Geheimniskrämerei etabliert sich als kommunales Must-Have. Zur Verdeutlichung lohnt hier ein weiterer Abstecher in den Cyber der sozialen Netzwerke. Übereinstimmend mit dem gesellschaftlichen Zwang, sich einer Facebook-Community anzuschließen, versprühen auch esoterische Wirklichkeiten diesen Hauch von Verbindlichkeit. Denn wer nicht von alleine aufspringt, wird von seinem Umfeld regelrecht bekehrt. Wer aber dennoch nicht mitgeht, der bleibt zurück, der ist noch nicht so weit. Dem kann nicht geholfen werden – noch nicht.
Was sich im Web bereits als Standard etabliert hat, entwickelt sich im Netz der Esoterik 2.0 mit einigen Parallelen: Auch hier steht unser Account schon bereit. Auch hier sind die schönen neuen Selbstbilder bereits hochgeladen. Auch hier erwartet uns eine neue schillernde Identität und mit ihr im Schlepptau viele neue „Freunde“. Auch hier bleibt man online, also immer brav an der Leine. Gruppendruck mit Kuschelfaktor – so formieren sie die Bewegungen der Neuen Zeit. Ob nun im Digitalen oder im Spirituellen: Als Türöffner zum Umworbenen dient da wie dort die Schmeichelei.
Spieglein, Spieglein
Diese entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als die hinter allem stehende treibende Kraft. In einer Gesellschaft, in der Schlagwörter wie „Liebe dich selbst“ beinahe schon wie ein Befehl ertönen, finden esoterische Himmelschlösser ein tragfähiges Fundament. Als Bausubstanz hierfür dient die gegenseitige Selbst-Bespiegelung. Wie in den Foren des Internet vernetzt man sich dabei gegenseitig. Hyper-Verlinken, das nicht nur fühlbar verbindet, sondern auch spirituell aufwertet. Geblendet von unendlichen Reflexionen eigener Selbstverschönerung wird die Scheinwirklichkeit zum Königspalast. Ein Spiegellabyrinth, aus dem man kaum mehr herausfindet. Hermetisch? Ja, nur diesmal nach außen.
Und genau dieses Außen gerät dabei mehr und mehr in Vergessenheit. Die Rede ist von jener sogenannten „Dualität“, sprich der realen Welt, der Welt mit Freud und Leid, der Welt mit den großen Herausforderungen der Menschheit, mit chinesischen Mauern und alljährlichen Ölteppichen. Inmitten unendlicher Reflexionen seiner selbst verliert sich das Ich in Wirklichkeiten, die uns scheinbar noch heiler und noch ganzer machen, aber mit Realität nichts gemein haben.
Wirklichkeit ist das, was wirkt – Verillusionierung
Derart losgelöst vom Irdischen dient die Esoterik 2.0 als groß angelegtes Gemeinschaftsprojekt phantastischer Wirklichkeitsentwürfe. Und wer möchte behaupten, dass die hier beschrittenen Dimensionen nicht erfahrbar, nicht spürbar wären? Kurt Lewin formuliert es treffend: „Wirklichkeit ist, was wirkt.“ [9] Sie kennen doch den Blick in die Unendlichkeit: die Aussicht ins Ewige inmitten der täglichen Rasur oder von mir aus beim alles glatt machenden Peeling? Nur zwei Spiegel genügen und wir leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Optische und seelische Rückkoppelungen schenken das Gefühl kosmischer Ausdehnung. Dem Betrachter seiner eigenen unendlichen Wiederholungen verleihen sie ein Antlitz endlosen Weitblickes und erhabener Weisheit.
Esoterische Communitys dienen sozusagen als Spiegelwelten wechselseitiger Verillusionierung. Man erfüllt sich gegenseitig mit Bedeutung und bestärkt einander beim gemeinsamen Gang aus der Realität in diese neue glanzvolle Wirklichkeit. Und, ob nun für die breite Masse oder nicht: Elitarismus schafft eben Charisma. Kennen Sie derartige Gesichter, die erleuchteten Antlitze selbstbestimmter Liebesbotschafter der Neuen Zeit? Diese Antlitze voll Güte und Fürsorge, diese Sinnbilder von Sanftheit. Ihre Mimik kann bezaubern, sie wirken wirklich. Und das nicht nur auf sich selbst, sondern vor allem auch auf jene, die noch ihre Heimat in der „alten Welt“ glauben. Charisma ist nun mal ansteckend, für seinen Träger geradezu klebend.
Hereinspaziert!
Esoterische Welten sind Wirklichkeiten in der Welt. Was beim ersten Hinschauen so anschmiegsam und auf sanften Pfoten daherkommt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Zerrbild unserer tiefsten Eitelkeiten. Gleich dem Narcissos der griechischen Mythologie verliert man sich auch hier in einem Spiegelkabinett der Selbstliebe. „Narzissmus“ ist eng verwandt mit dem Wörtchen „Narcosis“, also mit Betäubung. Und das, was die amerikanischen Psychologen Jean Twenge und Keith Campbell so treffend als „Narzissmus-Epidemie“ [10] charakterisieren, ereilt uns als Esoterik der Neuen Zeit in seinen schillerndsten Farben. Man muss nur genau hinschauen.
Demzufolge kann das Wohlgefühl, welches eine Welt „unermesslicher Liebe“ versprüht, ganz leicht zu kaltem Schauer am Rücken ausarten – narkotisierendes Opium fürs Volk, Gänsehaut nicht ausgeschlossen. Der Schritt in die unendliche Freiheit des „Neuen Zeitalters“ gleicht so bei Tageslicht eher einem befreienden Sich-Einschließen aus Angst vor allem Realen. Wir lieben nun einmal die geschützten Werkstätten der Selbstumkreisung. Leicht übersehen wir, wie sehr wir uns von der großen weiten Welt wegsperren. Die ganz Tapferen unter uns – selbst ernannte „Lichtpioniere“ des nahenden Himmelreiches – werfen entschlossen den Schlüssel weg. Sie üben sich im Vergessen. Sie finden Erlösung in selbstlosem Sich-selbst-Vergessen.
Nein, goldene Käfige sind nicht mehr das Privileg irdischer Königshäuser. Schließlich erleben wir eine noch nie dagewesene Demokratisierung der Lebensstile. Goldene Gardinen gibt’s heute für jeden. Wir erleben ein Zeitalter des „Cage on demand“: jedem sein Aufgefangensein, jedem seine Wirklichkeit. Je größer der Käfige Glanz, desto eher wird man zur Prinzessin. Aber Achtung, es ist nicht alles Gold, was glänzt, und goldene Legebatterien verhelfen noch lange nicht zu goldenen Eiern. Die Kristallkugel wird zur Heimat, die Wirklichkeitsblase zum Kerker. Doch Zwinger aus Glas sind für ihre Insassen leider unsichtbar. Die wahren Gefängnisse sieht man nicht, die sind im Kopf. Hereinspaziert in das goldene Zeitalter esoterischer Selbstgefälligkeit.
New Age war gestern! Willkommen im New Cage!
Grund und Grundsätzliches
Deshalb dieses Buch
So wie vielleicht auch Sie kenne ich jemanden, der in eine lichtvolle Parallelwelt abdriftete. Taub für alle Zurufe von außen, unerreichbar für Verwandte und Freunde. Man konnte nur zusehen, wie das Bizarre unaufhaltsam seinen Lauf nahm. Jedes Tun, jede gut gemeinte Intervention besorgter Angehöriger machte alles nur noch schlimmer. Und so war es mein eigenes Unvermögen, zu helfen, das einen ungeahnten Wissensdurst in mir nährte. Ich wollte verstehen, welche Dynamiken dahinterstehen, wollte wissen, welche Sogkräfte hier wirken und welche Leute mit Derartigem ihr Geld verdienen.
Und dann passiert es: Sie beschäftigen sich mit einer Sache intensiv und irgendwann kippen Sie rein. Irgendwann sitzen Sie selbst bei einem Engelsfestival, mit Rekorder, Mikrofon und Kamera. Sie entwickeln ein unbändiges Mitteilungsbedürfnis, denn was Sie dort erleben, schreit förmlich zum Himmel. Und ehe sie sich versehen, sitzen sie zu Hause. Zwei Bildschirme und einen Esstisch voller Flyer, Kataloge, Amulette und Sprays – Engelssprays wohlgemerkt. An Ihnen nagt ein beklemmendes Gefühl, denn Sie wissen nun schlichtweg zu viel. Sie haben schon alles probiert, Urlaub machen, Bier trinken, meditieren oder sonstige Formen des Loslassens. Aber dieser klobige Elefant steht mitten in Ihrer Wohnung und geht von alleine nicht mehr weg. Außerdem versperrt er Ihnen die Sicht auf die wundervollen Tiroler Berge da draußen.
Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig. Sie greifen zur Machete, beginnen das Ungetüm zu filetieren. Hieb um Hieb und Stück für Stück. Das Ergebnis dieses Prozesses bekommen Sie nun serviert, in Buchform, häppchenweise Seite für Seite. Mein Beweggrund war also purer Leidensdruck. Psychohygiene auf eine ganz eigene Art. Triebfeder Geld? Mal ganz unter uns: Gitarre spielen in der Fußgängerzone ist nicht nur lustiger, sondern auch ungleich lukrativer!
Esoterik, die ich meine
Sie umschreibt nicht unbedingt die Welt der Wünschelruten, Wasserbelebung oder Mondphasenkultivierung. Schließlich wird hier immer noch, mal mehr, mal weniger, so etwas wie Verstand angesprochen. Natürlich erweisen sich die dahinter verborgenen Weltsichten und Argumentationen bei näherer Betrachtung oft mehr als scheinlogisch und kurios, dennoch denken die Praktizierenden hier nach wie vor irgendwie mit. Der Vorwurf des Unwissens steht natürlich noch im Raum, doch dieser relativiert sich in Anbetracht einer hyperkomplexen Welt. Wer kann und will schon immer alles wissen?
Nein, die Esoterik, die ich meine, besticht durch eine ganz andere Wirkmacht. Die Rede ist vom magischen Sog abstrusester Entwürfe. Verbunden mit einer fahrplanmäßig inszenierten Dramaturgie ziehen diese ihre Opfer in einen verhängnisvollen Bann und lassen sie nicht mehr los. Das Resultat prägt die eigentümliche Ästhetik esoterischer „Fachzeitschriften“. Sie zeugt vom vollständigen Aufgehen in fiktiven Wirklichkeiten oder schlicht von Absorption. Bilder und Figuren, wie wir sie eher aus Stephen-King-Verfilmungen kennen. Auf die gleiche Weise rufen auch die Verkaufsstände diverser „Bewusstseinsmessen“ tiefste Mulmigkeit hervor. Und wenn man sich nur ein klein wenig mit der deutschen Geschichtsschreibung auseinandergesetzt hat, wird’s bei den da wie dort plakatierten Symboliken nicht besser. Bedenklichste Ideologien, neu und kuschelig verpackt. Nettigkeit, wie sie herzloser nicht sein könnte. Ich spreche von „Hardcore-Esoterik“ – um diese geht es hier.
Was ist Spiritualität?
Keine Angst. Sie können, sofern das ihrem Naturell entspricht, weiterhin meditieren, hyperventilieren oder meinetwegen dem Schwitzhüttenzauber frönen. Spirituelle Praxis an sich ist nicht das Problem. Aber vorab gleich eine Bitte: Bemerken Sie, dass Ihre bewusste Entscheidung, dies oder jenes zu tun, (hoffentlich) Ihrer Ratio entspringt. Bedenken Sie dabei auch, dass die Freiheit, es überhaupt tun zu können, einer rationalen, toleranten Umgebung bedarf. Noch vor einigen Jahrhunderten hätte man uns für unser kultisches Treiben ganz einfach verbrannt.
Gewiss, Allverbundenheit ist etwas Wunderbares. Doch wird sie uns von nichts und niemandem geschenkt – wir öffnen uns ihr. Je nachdem wie wir die Dinge benennen, treiben sie uns entweder in die Enge oder eröffnen uns Möglichkeiten zu mehr Freiheit. Der gravierende Unterschied besteht nämlich in der Interpretation sogenannter „spiritueller Erfahrungen“: Sie entscheidet darüber, welches Weltbild wir uns schlussendlich einkaufen. Ist es ein magisches mit unzähligen Energien da draußen, die uns entweder wohltun oder piesacken, oder ist es ein rationales, das es uns erlaubt, unerschrocken und einigermaßen nüchtern auf die Welt und Mitmenschen zuzugehen?
Für mich persönlich birgt Beethovens „Neunte“ eine transformierende Kraft. „Seid umschlungen Millionen“, Liebe zur Menschheit und zum Dasein an sich. Wer spirituelle Empfindungen aber flatterhaften Feen und Elfen zuschreibt, erntet bestenfalls den Weitblick eines Fünfjährigen.
Noch mehr zur Ratio
Ratio bedeutet für mich mehr als bloß verkopftes Gedankenkreisen. Unter einer rationalen Perspektive verstehe ich eine Weltsicht, die nicht nur größeren Handlungs-, sondern vor allem auch Empathiespielraum bereitstellt. Wesentlich umfassender als beispielsweise innerhalb einer mythologischen Seinswirklichkeit, wo immer nur mein eigener Gott den Wahren und Einzigen markiert. Hieraus resultiert ein Mehr an interkulturellem Verständnis, mehr Sinn für Natur und Umwelt und weitreichendere Anerkennung anderer Bewohner dieses Planeten als Mitmenschen – also weniger ideologischer Separatismus als umfassenderes Verständnis füreinander.
Die Ratio geht also über das bloße Messen von Gehirnströmen hinaus. Sie birgt in sich ein eigenes Weltempfinden, das meines Erachtens wert ist, erschlossen zu werden. Gedanken fassen vormals noch Diffuses in Worte. Worte machen Erfühltes reflektier- und nicht zu vergessen kommunizierbar, schaffen also Kultur. Zur Wirkung kommt hier das dialogische Prinzip. Der rationale Weltenraum schafft dabei eine Art Kommunikationsrahmen, innerhalb dessen auch anderen Weltsichten Respekt zuteil wird. Ein so geteiltes Miteinander bringt einen Zuwachs an gegenseitigem Weltverständnis.
Und, wenn Sie so wollen, auch Mystik bietet das rationale In-der-Welt-Sein. Nur gilt es, diese auch freizulegen. Sich der eigenen Erkenntnisfähigkeit zu öffnen mag zwar etwas Radikales an sich haben, doch findet sich hierin eine ganz eigene Art der Inspiration. Unsere Kulturleistungen diesbezüglich sind enorm, man muss nur den Mut und vor allem die Muße haben, sich darauf einzulassen. Also keine Panik! Rationale Menschen leben nicht zwangsläufig auf einem ausgetrockneten, kahlen Wüstenplaneten. Auch Verfechter der Rationalität verlieben sich. Was Ratio aber schlussendlich ausmacht, kann und will ich Ihnen nicht definitiv beantworten, ich finde es selber jeden Tag aufs Neue heraus. Manchmal ist es ungewohnt und befremdlich, meistens aber befreiend.
Über Rausch und Trance
Um es hier gleich vorwegzunehmen: Trancezustände und außeralltägliche Bewusstseinserfahrungen erachte ich als wichtig. In vernünftigen Dosen eingesetzt ermöglichen sie eine Relativierung starrer Verhaltens- und Wahrnehmungsmuster und eröffnen einen Zugang zu einem Lebensgefühl, fernab von „mein Haus, mein Auto und meine Bank“.
Mein persönlicher Zugang zu Dimensionen des Nicht-Verstandesmäßigen hingegen bedient sich eher der Ressourcen unseres Kulturkreises. Von Schuberts „Unvollendeter“, Karajan, über berauschende Bergwanderungen bis hin zu Jimi Hendrix: Jeder hat hoffentlich seinen eigenen Zugang! Doch kann ich auch nachvollziehen, dass mitunter auch andere Kulturkreise einen Weg zu neuen Sichtweisen eröffnen. Ja, oft entsteht hieraus auch ein fruchtbarer interkultureller Dialog und das können wir sicher brauchen.
Vom Gefängnis des Ich in die Tyrannei des Selbst
Doch abseits einer Überhöhung unserer Breitengrade sprechen wir hier auch vom selben Kulturkreis, der das Ekstatische seit mehreren Jahrzehnten immer massiver in seine Schranken weist. Soziologen orten eine „Überprivatisierung“ unserer Gesellschaft. Gemeint ist eine Leitkultur, in der jeder nur mehr er selbst sein soll, ja viel eher, regelrecht er selbst sein muss. Damit verbunden ist ein unhinterfragter Authentizitätskult, mit welchem wir jedem Freiraum entsagen, auch einmal jemand anderer sein zu dürfen. Starr und eingeengt im unverfälschten „wahren Selbst“ wird jedes Ausbrechen zum gesellschaftlichen No-Go.
Dabei avanciert die Verwirklichung des sogenannten „Selbst“ zur alles dominierenden Religion. Ob am Jakobsweg, beim Spirit Dance oder beim Tantra-Sex: Urlaub, Tanz oder Liebesspiel – alles nur mehr im Namen und auf Rechnung des Selbst. Der Philosoph Robert Pfaller betont in diesem Zusammenhang auch die Übervertrautheit, welche wir von unseren Beziehungen abverlangen. Andere nennen sie die „Tyrannei der Intimität“ [11]. Im Zuge dessen führt dieser Zwang, immer wahr und unverfälscht zu sein, schnell auch in eine wechselseitige Zementierung. Denn wir nehmen einander so jedweden persönlichen Entfaltungs- oder besser Spielraum.
Nehmen wir hier nun einen weiteren unhinterfragten Wert, nämlich „Gesundheit“ hinzu, dann erhalten wir eine mitunter fatale Mischung. Persönliches Wohlbefinden als höchstes Gut, verbunden mit der Verpflichtung zu permanenter Authentizität, machen uns hypersensibel und intolerant zugleich. Sie wirken mit an der Etablierung einer neumodischen Verbotskultur, welche Großstädte in George-Orwell-Utopien verwandelt. Rauchen, Trinken, Dicksein oder meinetwegen Nacktbaden – eine Welt, in der alles dem Rotstift zum Opfer fällt, macht uns vielleicht „sicherer“ oder „gesünder“, das Dasein jedoch erfährt eine beklemmende Einengung. Kein Wunder also, wenn Leute hier ausbrechen und in phantastische Wirkwelten auswandern. Doch egal wohin: Das allem zugrunde liegende Religiöse schleppen sie unbewusst mit. Das Resultat prägt das ganz und gar selbstbewusste Auftreten spirituell-esoterischer Selbstdarsteller: hyperauthentisch, aber nicht echt.
„Man muss sich an seiner Religion abarbeiten“ …
… betont der Medienphilosoph Norbert Bolz [12]. Und damit meint er nicht die persönlich zurechtgezimmerte, sondern jene unseres Kulturkreises. Denn ansonsten klebt uns diese immerzu an den Fersen, Schritt für Schritt. Ob nun im Selbstverwirklichungsmilieu oder in esoterischen Dunstkreisen, wo man hinschaut dieselben Schemata: Schuldgefühle, Unwertsein, Ablasshandel, Beicht- und Bekenntniskult, Leistungsethos, Dienen sowie Erlösungssehnsucht: Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Wer sich seine kulturgeschichtlichen Wurzeln nicht vergegenwärtigt, wird ewig in diesem Hamsterrad rotieren. Denn diese Prinzipien prägen gewissermaßen unser Ich-Empfinden. Ob wir das loswerden können, wage ich nicht zu beantworten. Doch simples Wissen kann hier helfen.
Gewiss, Meditation dient als gangbarer Weg zu mehr „subjektbezogener“2 Gegenwärtigkeit, doch den Geschichtsunterricht ersetzt sie uns nicht. Ganz im Gegenteil: Falsch verstanden und eingesetzt bedient sie viel eher die Auswüchse einer in sich selbst verliebten Gesellschaft und der darin kultivierten Glückseligkeitsdoktrin. Meditation ohne Wissen ist wie das Reisen ohne Landkarte, man verirrt sich leicht. Und egal ob nun Trance oder die Praxis kontemplativer Versenkung – Medikamente können gesund machen, doch wenn man sie auch als Gesunder noch nimmt, dann ist das Doping. Doping macht schnell auch süchtig.
Unabhängig also davon, welche Form der Innenschau wir betreiben, es lohnt sich, darüber zu reflektieren, wann man auf dem Holz- oder besser Kreuzweg ist. Denn je mehr man sich mit seinen eigenen vier Wänden beschäftigt, desto mehr abgestoßene Ecken, Kanten und Macken treten hervor: Polieren, Putzen, Staubsaugen, Selbstoptimierung ohne Ende sind die Folge. Eingebettet in einen Wettlauf spiritueller Workaholics werden wir so vielleicht immer noch heiler, noch ganzer, noch leidfreier, aber wozu? Wird’s nicht ab einem gewissen Grad irgendwie unnatürlich? Gibt es nicht noch etwas Wichtigeres als das eigene Innenleben, etwas Erstrebenswerteres als formvollendete Ganzheit?
Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück
Eben derlei „Werte“ gilt es zu hinterfragen. Ansonsten landen wir abermals bei Franz Schubert: „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück.“ Uns plagt die Sucht nach dem Sehnen, die im Stück „Der Wanderer“ ihren Widerhall findet. Ewig getrieben von einer unbändigen Gewissheit, wonach überall die Wiesen grüner sind, nur nicht im eigenen Garten. Sei es nun beim Schamanen im peruanischen Urwald oder in einem Tempel im Himalaya. Wir machen uns bereitwillig zum Spielball unserer eigenen Projektionen.
Es ist absolut in Ordnung, Weisheitslehren aus Fernost zu importieren, doch müssen wir deshalb auch deren spirituell-aristokratische Hierarchien mitbejubeln? Es ist okay, sich dann und wann dem Irrationalen hinzugeben, doch müssen wir deshalb gleich höhere Wahrheiten mit ins Boot holen? Karma-Religionen und irrationale Erklärungsmodelle eröffnen einen Kosmos, in dem jeder alles behaupten kann und darf. Wenn wir dahin zurücksteuern, liegt jede Beweislast fortan beim hilflosen Kritiker. Dann können wir gleich wieder Hexen verbrennen. Der sehnsüchtig Suchende läuft hier Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Und ehe man sich’s versieht, verwirft man alles, was Denker, Künstler und Schreibende aller Art über Jahrhunderte an Freiheit für uns erkämpft haben.
Doch Freiheit scheint heutzutage nicht mehr viel wert. Für manche wirkt sie geradezu wie ein Feindbild. Apolitisch, antiintellektuell und antimodern. Wenn es um die bereitwillige Aufgabe aufklärerischer Werte geht, liefert die Esoterik 2.0 ein umsatzträchtiges Exempel. Von Frauenrechten keine Spur, inszeniert frau sich als Engel oder „Weisse Priesterin“ [13] – narzisstische Aufwertung mit dem Etikett einer neu gefundenen Reinheit. Doch tatsächlich geht es hier um eine groteske Form von „Ent-freiung“, welche das Gefühl von Freiheit verkauft – ein Rückschritt ins dunkle Spätmittelalter und nichts anderes.
Es bleibt, was es ist, ein New Cage.
Die Epidemie
Voodoo lebt weiter – vom Kult zur Kultur
Laut führenden Trendforschern glauben 40 Prozent der Deutschen ihr Leben von magischen Kräften durchwirkt [14]. So wie das „Entgiften“ des eigenen Körpers zum selbstverständlichen Ritus einer neuen Gesundheitskultur geworden ist, säubert beziehungsweise „entstört“ man dieser Tage selbstredend seinen Wohn- und Arbeitsbereich. Nicht nur sauber, sondern energetisch rein soll nun alles sein. Lokalisierte man ehemals noch irgendwelche Geister oder verlorene Seelen als Quelle seines Unbehagens, geht man nun daran, sein Dasein wieder an das „astrale Magnetgitter“ anzubinden. Das alles im Namen der Ganzheitlichkeit, das Universum als lebender Organismus. Re-Connection an die kosmische Ordnung und laufende Rekalibrierung sind die magischen Einflussnahmen der Esoterik 2.0.
So wie alle anderen Bereiche unseres Lebens unterliegt auch das Magische bestimmten Moden. Die neuen Labels sprechen nicht nur die Sprache ihrer Zeit, vor allem bedienen sie die Sehnsüchte eines weitaus größeren Publikums als je zuvor.
Realpolitik einmal anders
„Warum geraten Parlamentarier in Rage?“, fragte die österreichische Kronen Zeitung im Jänner 2012. Die Antwort scheint einfach: „Erdstrahlen und Wasseradern“. Und diese wurden bald ausfindig gemacht: von einem Mitglied des Parlaments – seines Zeichens „Energethiker“ – und seinem Team. Mittels Wünschelrute, Weihrauch und Truthahnfeder erfolgte ein eigenwilliger „Energie-Check“ im großen Plenarsaal des Hohen Hauses, in Anzug und Krawatte versteht sich. Das Ergebnis: Kanzler und Vizekanzler säßen auf energetisch „guten“ Plätzen, am Rednerpult hingegen wirke „das härteste Störfeld des ganzen Saales“. Diese Belastung könne „aufwühlen und aggressiv machen“!
Folgt man dem Ergebnis dieser Untersuchung, bedürfen gesellschaftliche Spannungen weniger politischer Lösungen als viel eher energetischer Säuberungen. Quelle: [15]
Es sind schon lange nicht mehr die Spinner
Die Marketingfachleute haben den allgemeinen Trend längst aufgegriffen. Man spricht vom Entstehen einer „neuen Bewusstseinsindustrie“, und das in einer „Gesellschaft der Sinnsuchenden“ [16]. Die sogenannten „Sinntouristen“ werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren an die „40 Prozent aller Urlauber“ ausmachen, konstatiert Eike Wenzel vom Zukunftsinstitut Kelkheim. Dazu passen Berechnungen der Dresdner Bank, wonach die deutschen Bundesbürger bereits jetzt pro Jahr „an die neun Milliarden Euro in Lebenshilfe, Orientierung, Selbstverwirklichung und Sinnsuche“ investieren. Von einem Industriezweig zu sprechen scheint da wohl kaum übertrieben. In diesem Umfeld gereicht so etwas wie „yogisches Fliegen“ nicht mehr zur Besonderheit. Ganz im Gegenteil: Ehemals „Esoterisches“ wird zusehends zu einer Art Volkssport. Wer hier nicht mitmacht, stellt sich geradewegs ins Aus.
Schon Georg Lukács (1916) ortete ein Zeitalter „transzendentaler Obdachlosigkeit“ [17]. Und von einem Rückgang des religiösen Hungers will wohl niemand ernsthaft reden. Umso vielversprechender demnach die Frage, welche Form die spirituellen Einhausungen dieser Tage angenommen haben. Eines kurz vorweg: Esoterisches Gedankengut ist uns keineswegs fremd. Es ist vielmehr zum selbstverständlichen Geistesgut unserer Gesellschaft geworden.
Von rosaroten Panthern
Wer hat an der Uhr gedreht? Theologen wie Paul M. Zulehner bemerken vor allem seit den Neunzigerjahren einen „Megatrend zur Respiritualisierung“ [18] unserer Lebensweise und damit einhergehend eine kontinuierliche Verfärbung unserer sozialen Wahrnehmung. Ehemals Exotisches wird nicht mehr als solches identifiziert. Und wenn uns das Rosa der Esoterik nicht mehr ins Auge sticht, mag das auch folgende Gründe haben:
Vielleicht tragen wir alle bereits rosarote Brillen. Paulchen Panther wäre demnach für unser Auge kein Verdächtiger mehr. Er erschiene ganz einfach wie einer von vielen. Um ihn zu finden, müssten wir den Filter aus unserem Blick entfernen, aber wie soll das gehen?
Angenommen unsere Landschaft hätte sich inzwischen rosarot verfärbt: Wiesen und Blumen, alles pink. Paulchen und seine Freunde wären demnach kaum sichtbare Phantome, Ton in Tönchen mit ihrer Umwelt. Dann täten wir gut daran, wenigstens ihren Fußspuren nachzugehen.
Möglicherweise hat Paulchen auch sein Fell gewechselt. Nach einem rosaroten Zeitgenossen zu fahnden erwiese sich nicht nur sinn-, sondern auch chancenlos. Womöglich ist Indigo der neue Trend? Doch dazu noch später.
Was, wenn sich herausstellt, dass wir überhaupt keine Paulchen finden können? Und das vor allem deshalb, weil wir selbst bereits zu rosaroten Panthern mutiert sind? Vielleicht sehen wir nur deshalb keine esoterische (Massen-)Bewegung, weil wir schon selbst in Bewegung sind. Vielleicht sind es vielmehr wir selbst, die wir suchen oder doch eher untersuchen sollten.
Vermutlich ist es, wie so oft, eine Mischung, die der Wahrheit am nächsten kommt. Hartmut Zinser, Professor für Religionswissenschaft an der FU Berlin, thematisiert diese Schwierigkeiten in unserer Wahrnehmung. „Die Esoterik dringt zunehmend in den ganz normalen Alltag ein“, erklärt der Religionswissenschaftler. Ursprünglichkeitssehnsucht, Apparateglaube, Technikfaszination und die Begeisterung für Magisches werden bedient. Esoterische Angebote wirken für Zinser wie „schwankende Gestalten“ zwischen Wissenschaft und Religion. Spiritistische Produkte und energetische Dienstleistungen etablieren sich zusehends zu fixen Bestandteilen der täglichen Konsumation. Der Szenekenner fasst zusammen: „Viele nehmen sie schon gar nicht mehr als esoterisch wahr. Und das macht es so problematisch.“ [19]
Keiner ist Esoteriker, aber der Markt ist da: die Zahlen der Zahlenden
Esoterik hat was von „Modern Talking“, jeder findet sie dämlich, doch das Geschäft boomt trotzdem. Von „Schamanismus“ über „Okkultismus“ bis hin zu „Kohlemachismus“ reichen die Headlines, „zehn Milliarden Euro“ generiere der Handel mit magischen Erzeugnissen und Diensten Jahr für Jahr in Deutschland. So eine vorsichtige Expertenschätzung aus dem Jahre 2004 [20]. Aber dennoch, „wie groß der Esoterik-Markt wirklich ist, weiß niemand – zumal schon Volkshochschulen Handauflegen in ihren Katalogen haben“, schreibt Die Welt. Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, dass es immer mühsamer wird, Magisches und Nicht-Magisches auseinanderzuhalten. Denn, „die Esoterik ist längst keine Spielwiese mehr für ein paar Spinner, sondern hat sich tief in die Gesellschaft eingeschlichen“, bemerkt die Kult- und Sektenexpertin Ursula Caberta [20]. Wir haben es also mit einem Unschärfeproblem zu tun. Doch wie verschwommen unsere Sicht der Dinge auch immer sein mag, es geht hier in jedem Fall um einen Milliardenmarkt, der stetig wächst.
So gehören Neo-Spiritualität und das Faible für Übersinnliches zu den Kerngebieten der Konsumforschung, und das nicht von ungefähr. Spricht der Spiegel noch im Jahr 1994 von einem Marktvolumen von circa 18 Milliarden DM jährlich [21], so schätzt Eike Wenzel die Umsätze in diesem Segment 2010 bereits auf 18 bis 20 Milliarden Euro [22]. Und das in einem Jahr, wo uns allen noch die Finanzkrise im Nacken saß. Ein Abflauen des Hypes ist nach Wenzel nicht in Sicht. Bis 2020 soll der Umsatz mit spirituell-esoterischen Angeboten auf ganze „35 Milliarden“ Euro ansteigen [19]. Nur zum Vergleich: Die deutsche Brauwirtschaft setzt aktuell gerade einmal knappe acht Milliarden Euro um [23]. Und wehe dem, der auf diesen Zug nicht aufspringt. Denn beim „Konsum zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab“ [24]. Fernab von schnöden Statussymbolen etabliert sich „Sinnsuche als neue Wirtschaftsgröße“. Die Flyer der Wirtschaftsberater sprechen von „gigantischen Zukunftsmärkten“. Nicht umsonst gehören Transzendenz, Selbstfindung und Esoterik schon längst in jede bessere Marketingschulung. Vom mystischen Waschmittel oder dem „Balance-Kaugummi“ bis hin zur Partnervermittlung im Dienste der Selbstvervollkommnung: Unsere Produkt- und Dienstleistungswelt erfährt zusehends eine spirituelle Aufladung.
Doch auch klassische Magie kann an diesem Kuchen mitnaschen. „Eine Viertelmilliarde“ sollen die rund 10.000 haupt- und nebenberuflichen Wahrsager und Handaufleger einnehmen. 150 Millionen Euro erwirtschaftet die Astrologiebranche, „mehrere hundert Millionen der seit Jahren zum Teil zweistellig wachsende esoterische Buchmarkt“, so die Zahlen in der Welt [20]. [20]
Dass auch noch altgediente Hellseherei durchaus profitabel vermarktet wird, beweist beispielsweise das Berliner Unternehmen „Questico AG“. Astrologie-Shows der Marke „Astro TV“ im Fernsehen und Telefonberatungen zählen zu seinen Einnahmequellen. Matthias Pöhlmann und die „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ (Berlin) beziffern den Umsatz bei Questico auf jährlich 70 bis 80 Millionen Euro [25]. Rund eine Million Questico-Kunden gelten als registriert. Über die Questico-Hotlines laufen täglich mehr als 20.000 Gespräche. 2600 „Experten“ – ihres Zeichens Kartenleger, Wahrsager, Astrologen, Hellsichtige und Sensitive – bieten „liebevolle, kompetente Lebensberatung“, natürlich gegen Geld, minutengenau abgerechnet versteht sich.
Esoterik im Buchladen
Ein noch deutlicheres Bild zeichnet der Büchermarkt. Wer sein Geld noch dem Laden im Stadtzentrum anvertraut, der rufe sich den letzten Besuch des Selbigen noch einmal ins Gedächtnis. Wie viele Quadratmeter verschlingen inzwischen die Abteilungen Lebenshilfe, Esoterik, Spiritualität, Astrologie, Bewusstsein und Co.? In welcher Relation stehen diese zu den Bereichen Politik, Kochen oder gar Sprachen? Wie war das früher? Lässt sich hier eine Tendenz erkennen?
Zumindest wohl dieselbe, die auch in den Geschäftsbüchern ihren Niederschlag findet. So lag 2005 der Anteil esoterischer Veröffentlichungen im Bereich „Sachbuch“ bei 13,4 Prozent. 2007 betrug der Umsatz mit Werken dieses Genres schon 500 Millionen Euro [25]. Ergab die Stichwortsuche „Esoterik“ beim Onlinehändler Amazon im Jahr 2004 noch 6072 [14] Titel, so finden sich 2013 an die 100.000 Treffer. Meinungsforscher konstatieren 20-prozentige Umsatzzuwächse in Sachen Metaphysik, und das in einem stagnierenden Buchmarkt [14].
Wenn klassische Eso-Shops ihre Pforten schließen, dann wohl nur deshalb, weil viele herkömmliche Buchläden ihnen in Sachen Runenorakel und Seelenbotschaften sprichwörtlich das Weihwasser abgraben. Engelsfigürchen, Abwehr-Essenzen und Heilkristalle, alles, was man für das spirituelle Erwachen so braucht, aber mit Literatur herzlich wenig gemein hat. Die ehemalige Esoterikecke nimmt mancherorts derartige Ausmaße an, als stünde man mitten in einem New-Age-Supermarkt. Dabei bleibt dem klassischen Händler gar nichts anderes übrig, denn der Löwenanteil in Sachen Lebenshilfe findet zweifelsohne mittels der übermächtigen Online-Bookseller seine Käufer. Schließlich versteht sich Spiritualität heute vielmehr als eine Angelegenheit des Selbst-Wählens, des Sichselbst-Aussuchens. Wer braucht da noch Beratung? Hier fühlt sich jeder selbst schon als Experte. Man folgt seiner Intuition und bestellt diskret online.
Die zunehmende Spezialisierung in der Esoterik 2.0
Und genau diese Kursrichtung schlägt sich in vielen verschiedenen Marktsegmenten nieder. Gemeint ist die zunehmende Spezialisierung vonseiten der Anbieter als auch der Abnehmer. Man beginnt sich zu positionieren, und das innerhalb der Szene. Vergleichbar hierzu der Weg vom Web 1.0 zum interaktiven Getriebe des Web 2.0.: Den Einstieg haben die meisten schon hinter sich, nun geht es darum, sein Insiderwissen zu vertiefen. Schließlich verstehen sich esoterische Prinzipen für breite Teile der Gesellschaft schon als gelebte Praxis. Hier also immer mehr Fach-Communitys innerhalb digitaler sozialer Netzwerke, da immer extravagantere Zirkel innerhalb einer rosarot durchfärbten Geisteskultur. In diesem Zusammenhang liefern gerade die Entwicklungen am Zeitschriftenmarkt ein Spiegelbild davon, wohin uns die Esoterik 2.0 führt.
Der esoterische Blätterwald
Es sind zunächst die Klassiker, welche schon seit Jahrzehnten das magische Feld bestellen. Altbewährte Astrologie à la Astrowoche zieht da mit einer Auflagenhöhe von 100.000 [25] Exemplaren ins Feld. „Einmalige Lebensberatung, hochwertige Horoskope, Mondkalender und viele weitere Themen“ finden hier ihren Leser. Astrowoche Plus-Abonnenten erhalten zudem „einen individuell programmierbaren Mondpausenwarner“ [26] sowie ihre Tageshoroskope per E-Mail. Überboten wird die Zeitschrift aus der Bauer Media Group dennoch von Zukunftsblick aus dem Hause Questico. Und das nicht nur in Sachen Füllmenge – immerhin 268 Seiten für nur 1,40 Euro –, sondern auch im Vertrieb. 250.000 Stück [25] sollen monatlich in diversen Haushalten landen. Seitenweise finden sich Annoncen der Channel-Medien und Hellfühlenden, großteils via Telefon. Kontaktmagazine im spirituellen Format. Nur diesmal sind es nicht Sexhotlines, sondern jenseitige Tuchfühlungen, die da vermittelt werden. Und umgekehrt ist nun das Publikum durch die Bank weiblich.
Magazine für esoterische „Insider“
Mehr phantastischen Tiefgang beweist da schon der florierende Markt esoterischer Fachzeitschriften. Denn aus dem magischen Garn der ersten Generation häkelt nun jeder Kult seine ganz eigenen Muster. Die Rede ist von vielen verschiedenen Fangemeinden unterschiedlicher metaphysischer Labels. Jede Community besetzt ihr ganz eigenes Ressort und kommuniziert wiederum über ihr eigenes Medium. So zum Beispiel das Magazin Lichtfokus (Auflage circa 12.000) [25] mit den Schwerpunkten Lichtarbeit, Channeling und aufgestiegene Meister. Hier dreht sich alles um die Themen „Erwachen, Spiritualität, Neues Bewusstsein“, das Wörtchen „Esoterik“ sucht man in diesem Blatt allerdings vergebens. Wozu auch? Die Adressaten sind hier nicht „Esoteriker“, sondern schlicht die „Lichtarbeiter der Neuen Zeit“.
Seit April 2008 erfährt auch der Engelspiritismus mediale Unterstützung. Das Engelmagazin spricht dem Leser aus dem Herzen: „Du verdienst es, geliebt zu werden“, versichert das Cover [27]. Immerhin 75.000 Stück verlassen alle zwei Monate die Druckerpresse und versorgen Erwachsene mit flauschigen Engelsgeschichten, um „der Sinnsuche und Sinnfindung mehr Raum im Leben“ zu geben [25]. „Spirituelle Lebenshilfe und Engelbotschaften für jeden Tag“ werden darin geboten, bis hin zu „Tiere, unsere Seelenpartner“ [28]. Aber auch hier wieder dasselbe Bild: von „Esoterik“ oder gar „New Age“ keine Spur.
Das Wellnessmagazin als Türöffner
Als etwas weniger exklusiv und somit für eine breitere Leserschaft konzipiert erweist sich das Monatsmagazin Visionen. „Spiritualität, Bewusstsein, Wellness“ [25] lauten hier die Themenschwerpunkte. 90.000 Stück informieren Monat für Monat in Sachen Zen-Buddhismus, Intuition und Gehirnforschung bis hin zu Tarot und Seelenpartnerschaft. Visionen liefert ein gutes Bespiel für das Ineinandergreifen von Esoterik- und Wellnessbewegung. Die Sehnsucht nach innerer Mitte und bewusstem Leben wird hier genauso angesprochen wie der Wunsch, „Engel und Sterne als Seelenführer“ [29] zu etablieren. So fungieren spirituell angehauchte Wellnessmagazine gewissermaßen als Steigbügelhalter für den oben erwähnten Insiderhandel. Sie sichern das Feld nach hinten ab und sorgen mithilfe einer marktgerechten Mixtur aus Vernunft und Unvernunft für einen tragfähigen ideologischen Unterbau, der spezialisierteren Zirkeln eine Abflugbasis bietet. Gerade also ein Streifzug durch den Blätterwald der Wellnessindustrie versinnbildlicht, wo die Themenschwerpunkte der Neuzeit anzusiedeln sind. Denn die „Zukunft steht nicht nur in den Sternen“, sie findet sich „auch zwischen den Beinen“, steht da in Body & Mind, dem Blatt für „Wellness und Wohlfühlen“ [30]. Schließlich hat die hier beworbene georgische Astrologin ihr Wissen bereits an über 4000 Genitalien erproben können. Doch intimes Handanlegen sei für eine „Prophezeiung“ nicht nötig, ein Foto genügt. Der Eros im Dienste des Spirit.
Die Zukunft heißt „Mindstyle“
Dass gerade dem gigantischen Markt der Frauenzeitschriften eine intensive Transformation bevorsteht, illustriert die Geburt der sogenannten „Mindstyle-Magazine“. Das Bauch-Beine-Po-Postulat erfährt hierbei eine trendgerechte Erweiterung. Body, Fitness und Sex bekommen Gesellschaft von Aura, Chakren und Lichtkörpern. Vormals Esoterisches avanciert stillschweigend zum neuen Life- oder eben Mindstyle. Dementsprechend pflegt man „einen bewussten Lebensstil“ [31] und schmückt sich zugleich mit spirituellem Aufputz. Genau deshalb gehört die Zeitschrift Happinez aus dem Heinrich Bauer Verlag selbstredend zur Welt der „New Luxury“-Magazine [32].
Selbstverbesserung und „emotionale Weiterentwicklung“ [33] in „hochwertigster Haptik und Optik“ [34] versinnbildlichen in den Worten der Trendforscher einmal mehr, „wie das Übersinnliche die gesellschaftliche Mitte erobert“ [14]. Auffallend hier die Überlagerung weltlicher Themen mit einem spirituellen Nimbus. Job, Gesundheit, Ernährung, Lifestyle, Reise oder Kultur: Alles wird um eine bedeutende Dimension erweitert. Die eigene Vervollkommnung mit allem, was dazugehört, lautet wohl die Devise des Blattes für 35- bis 50-Jährige. Das Magazin, das „Weisheit, Psychologie und Spiritualität“ anvisiert, propagiert neben dem Gang zum Schamanen auch Kristallwasserstäbe zum Übertragen von Heilkräften und vermiest seinem Publikum Nicht-Tantra-Sex als „eine nackte, kalte Form von Sexualität“ [35]. Themen, welche vor einigen Jahren noch in reinen Eso-Heftchen zu finden waren, bilden nun das Konsumgut einer breiten Leserschaft.
Das Magazin erschien erstmals 2010, ist Partner der Plattform „Wunderweib“, umfasst 145 Seiten, und das in Hochglanz. Mit einem Preis von 4,95 Euro will man sich gezielt zwischen InStyle & Co. ansiedeln. Bei einer Auflage von 150.000 Stück kann man durchaus mit Zeitschriften wie Vogue mithalten. Von einem gesellschaftlichen Randbereich dürfte da kaum mehr die Rede sein. Und die Sterne stehen günstig: Denn Happinez ist keine deutsche Erfindung, sondern eine Lizenzausgabe eines gleichnamigen niederländischen Titels. Dieser hat sich seit dem Launch 2003 bereits zur auflagenstärksten monatlichen Frauenzeitschrift der Niederlande entwickelt. Und das mit einer Verkaufsauflage von knapp 200.000 Exemplaren [36] bei circa 16,5 Millionen Einwohnern. Umgerechnet auf Deutschland entspräche das einem Leserpotenzial von knapp einer Million Menschen.
Fazit: Der Zeitschriftenmarkt bringt es klar zutage. Im Zuge einer zunehmenden Ausdifferenzierung präsentiert sich esoterisches Geistesgut vermehrt als hip und trendy. Analog zur so kolportierten Hochglanz-Spiritualität besucht man folglich auch nicht mehr eine schmuddelige Esoterik-Messe, sondern bucht ein Wochenende auf einem Bewusstseins- oder gar „Zukunftskongress“ [37]. Die Zielgruppe: Manager mit Anzug und Krawatte, genächtigt wird im Grandhotel.
Schwarzmarkt aus Licht und Liebe
Auf die Wellness- und Heilerszene möchte ich aus Platzgründen hier nicht weiter eingehen. Doch abseits aller bisher gefallenen Zahlen sei ein Faktor noch gesondert hervorgehoben. Die Rede ist von den inoffiziellen Geldflüssen, die die Branche durchströmen. Eine Internetrecherche quer durch das Dickicht der Anbieter konfrontiert unentwegt mit gleich lautenden Zahlungsmodalitäten. „Energieausgleich“, Gutscheinsysteme oder „Fernbehandlungen“ mitsamt Donate-Button erscheinen am Bildschirm. Wie viel Monetäres hinter den Kulissen kursiert, darüber kann nur gemutmaßt werden. Oder glauben Sie wirklich, dass die Konsumentinnen einer spirituellen Vervollkommnung auf Intimbasis eine Quittung einfordern? Laut der Zeitschrift Neon gehört zum Beispiel die sogenannte „Yonimassage“ schon zum neuen Großstadttrend. Zweihundert Euro, nur um „die Frau in ihrer Göttlichkeit zu verehren“ [38]. Wer will hierfür schon eine Rechnung, die Krankenkasse zahlt ja nicht, noch nicht.
Wirtschaftsfaktor Feinstofflichkeit – Eskapismus en masse
„Es wirkt wie eine Kuriosität (…) die Esoterikbranche boomt“, lautet eine Schlagzeile in der TAZ [39] im März 2009, inmitten der Talfahrt auf den Finanzmärkten und zur selben Zeit, in welcher der Bierkonsum der Deutschen seine ersten massiven Einbrüche erlebt [40]. „Sie zeigt, wie sich auch in der Krise Milliardenumsätze machen lassen“ [39], ist da zu lesen. Was hier auf den ersten Blick vielleicht kurios anmutet, entpuppt sich bei näherer Betrachtung eher als logische Konsequenz. Globalisierung und Beschleunigung befeuern die Sehnsucht nach Außer- oder eher Innerweltlichem gerade in Krisensituationen zusätzlich. Von einem Eskapismus en masse zu sprechen scheint hier sicher nicht übertrieben. So gehört laut dem Zukunftsforscher Matthias Horx der „personalisierte Metaphysik-Baukasten“ für viele schon zur „selbstverständlichen Realität“ [14]. Denn „Glaubenssysteme zwischen Spiritualität, Aberglauben und Esoterik“ trösten über allerlei Steuerungsverluste hinweg. Sie „avancieren zu Massenbewegungen“, so der Trendexperte und Industrieberater. Esoterik ist „endgültig in der gesellschaftlichen Mitte angekommen“ und gehört laut Horx „zu den Grundnahrungsmitteln der durchschnittlichen Alltagsphilosophien“.
Spiritual Cinema – Vom Kultfilm zum weltweiten Movement
„Was ist Wirklichkeit? Was sind Gedanken? Woher kommen sie? Wie wirklich ist unsere Realität?“
Die Antworten hierauf finden sich am boomenden Markt des sogenannten „Spiritual Cinema“. Der Film „What the Bleep do we know“ (kurz „Bleep“) gehört zweifelsohne zu den Klassikern dieses Genres. Dabei demonstrieren die Macher gekonnt, wie man göttliche Offenbarungen auf Welttournee schickt. Schließlich gilt der Streifen nach eigenen Angaben als „einer der erfolgreichsten Dokumentarfilme (sic!) der USA aller Zeiten“ und soll dort bereits über zwölf Millionen Dollar eingespielt haben. In Deutschland durften sich die Macher über mehr als 270.000 Kinobesucher freuen. Bei Amazon spricht man sogar von „weit über 500.000 Menschen“, die diesen Film „begeistert gesehen“ haben sollen.
Immerhin liefert der 108-Minüter neben der Oscar-Preisträgerin Marlee Matlin gleich „14 Wissenschaftler und Lehrmeister“, die dem Zuschauer „verblüffende Erklärungen und Erkenntnisse“ servieren. Dass seine Produzenten allesamt Absolventen von „Ramtha’s School of Enlightenment“ sind, steht nicht nur auf einem anderen Blatt, sondern erklärt auch, warum in „Bleep“ permanent eine Dame namens JZ Knight zu Wort kommt. Dieses US-amerikanische Medium channelt nämlich ebenjenes 35.000 Jahre alte lemurische Geistwesen Ramtha. Hierzu passend auch die zentrale Message des Films: „Du bist Gott!“
Gestützt auf die Eingebungen einer Spiritistin verpackt man hier ideologisch durchfärbte Glaubenssätze in eine spritzige Filmdoku. Diese eröffnet auch anderen metaphysischen Autoren eine willkommene Bühne. Gemeinsam trägt man so die Message in die Welt. Ein Massenpublikum springt auf den Zug auf. Bald darauf formen sich vielerorts Fangemeinden und spirituelle „Bleep“-Communitys. Verankert wird das Ganze in immer noch mehr „Bleep“-Filmen, -Büchern, -Study-Guides, -Kongressen, -Reisen und anderen Angeboten. Es formiert sich eine Bewegung, die Millionen umsetzt. Zusätzliche mediale Unterstützung erhält der Film schließlich noch durch prominente Gesichter.
Dass die im Film propagierten Halb- und Unwahrheiten nicht bei jedem auf positive Resonanz stoßen, beweist ausgerechnet der in spirituell-esoterischen Kreisen so geschätzte Ken Wilber: „(…) Die Physik in diesem Film ist ebenso grauenhaft wie sein Mystizismus“, meint er. Der Vordenker der transpersonalen Szene spricht wortwörtlich von „Schund“.
Quellen: [41] [42] [25][43] [44] [45]
Wir werden einen Ü-Dax brauchen
Einen Aktienindex des Übersinnlichen [39]? Peter Wippermann vom Trendbüro Hamburg spricht von „Karma-Kapitalismus“ und konstatiert dem Wellnessmarkt einen Jahresumsatz von 50 Milliarden Euro [46]. Wenn man bedenkt, dass die „World of Wellness“ oft nur als Vorhalle für den Charterflug ins Paradies der Feinstofflichkeit fungiert, dann ist dem Medienphilosophen Norbert Bolz wohl beizupflichten. In Zeiten krachender Märkte und des schwindenden Interesses an etablierten Kirchen gilt das Übersinnliche als eine der ersatzreligiösen „Produktivkräfte des 21. Jahrhunderts“ [47].
„Money for nothing“ – wie man sein Geld in nichts verwandelt
Lassen Sie uns dieses Kapitel mit einer kleinen Geschichte beginnen. Dabei soll die latente Ironie nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es hier mit einer wahren Begebenheit zu tun haben. Humor hilft bekanntlich im Umgang mit dem Unfassbaren. Und wer weiß? Vielleicht kennen auch Sie ähnliche Werdegänge aus Ihrem Bekanntenkreis?
Der Fall „Manuel“: Aus magisch wird tragisch
Angefangen hat alles ganz harmlos. Der ausgebildete Altenpfleger und Hobbymusiker hatte es sich mit seiner Lebensgefährtin gemütlich eingerichtet. Double income, no kids. Manuel und Manuela trafen sich gerne mit Freunden und pflegten vitale soziale Kontakte. Von übertriebenem Luxus hielten die beiden nicht viel. „Mut zum einfachen Leben“, lautete ihr Wahlspruch. Mit Klebeband am Küchenschrank befestigt signalisierte man damit jedem Besucher ein erlösendes „Sei wie du bist“. Gemeinsames verbindet. Auch Manuela liebte die Arbeit mit Menschen. Der Job als Krankenpflegerin war da genau das Richtige. Sogar Nachtdienste störten die Enddreißigerin kaum, immerhin konnten sie somit beträchtliche finanzielle Rücklagen bilden. Ein Häuschen sollte es einmal werden, irgendwo draußen in der Natur. Die Stadtwohnung war gut gelegen, doch kein Vergleich zur Ruhe am Land, die Manuel der urbanen Hektik vorzog.
Verbindend war nicht nur die Namensgleichheit. Das Paar tat seit gut zehn Jahren jeden Schritt gemeinsam. Konzerte, Reisen, Vereine, Freundeskreis, alles wurde miteinander geteilt. Für Natur pur sorgte der örtliche Reformladen. Kuren, Heilfasten und regelmäßiges Entgiften – stets im Duett – waren treue Begleiter auf dem gemeinsamen Weg. Yogakurse und regelmäßige Meditations-Retreats trugen das Ihre zu einem harmonischeren Miteinander bei. Mit Horoskopen und anderen astrologischen Höhenflügen hingegen war das so eine Sache. Derart explizit Esoterischem gegenüber pflegten die beiden eine eher ambivalente Haltung.
Doch eines Tages traten gewisse Veränderungen in Manuels Verhalten unübersehbar zutage. Gereiztheit, Nervosität und innere Unruhe waren die Folge von Personalabbau und damit verbundener Überbelastung. Im Altenheim trieb der Rotstift sein Unwesen. Auch Manuels Beziehung erfuhr daraufhin eine gehörige Belastungsprobe. Den Job wechseln? Das kam nicht infrage. Und in den alten Beruf als Lohnbuchhalter wollte er keinesfalls zurück. Das seelische Gleichgewicht war zweifelsohne verloren gegangen. Und so erhöhte man kurzerhand das meditative Pensum. Nach der Arbeit verschwand Manuel nun regelmäßig im abgedunkelten Wohnzimmer. Yogamatte3, Kerzenschein und CDs mit kraftspendenden Affirmationen etablierten sich zum täglichen Ritual. Antworten waren es, die Manuel da suchte. Struktur und Halt schätzte Manuel seit jeher hoch. Und je mehr diese im Alltag verloren gingen, desto hoffnungsvoller suchte er sie im Außeralltäglichen. Und er wurde fündig, vorerst jedenfalls.
Mantren singen, meditieren und in unendlicher Liebe baden. Diese lichtvollen Erlebnisse und Zustände erhabener Glückseligkeit waren es, welche Manuel auf seinem Weg weiter bestärkten. Arbeitsplatzsituation, finanzielle Probleme, die Spannungen in der Beziehung, alles relativierte sich. Manuel entwickelte Sendungsbewusstsein. Ja, er strahlte geradezu. Auch Manuela konnte sich diesem Glanz nicht verweigern. Anfangs skeptisch, begrüßte sie nun diese neu gefundene Ruhe in Manuels Leben. Der innere Friede wurde zelebriert, jetzt auch von Manuela: „Schaden kann’s ja nicht.“
„Auraspray Engelmeditation“ –
„Affirmation: Ich lasse mich auf die Engelwelt ein.“[48]
Das Innerweltliche erblühte zum neuen verbindenden Element. Die beiden schwammen gemeinsam im Ozean des Lichtes. Die Fragen des Alltags wurden an höhere Ebenen delegiert. Channeling und Pendel gediehen zum Werkzeug der Entscheidungsfindung. Die Innenwelt begann mehr und mehr die Außenwelt zu überlagern. Manuel fühlte Anschluss. Alles bekam Bedeutung. Das Universum kommunizierte mit ihm. Der ehemalige Fan Bach’scher Kantaten lauschte nun den Gesängen „aufgestiegener Meister“. Dem CD-Regal widerfuhr energetische Säuberung, die wertvolle Klassiksammlung wurde verschenkt. Hochfrequente Lichtmusik fand nun neben Aurasprays und Engelstinkturen ein würdiges Plätzchen. Als flankierende Maßnahmen dienten, über die gesamte Wohnung verteilt, allerhand Räucherstäbchen und Glöckchen.
„Auraspray Engel Sonael“ –
„Ich bin vor äußeren Einflüssen geschützt.“
Unbedarfte Besucher waren oft überrascht, warum denn nun das eigene Foto inmitten von Chamuel, Michael und Uriel, ihres Zeichens Erzengel, herauslachte. „Das ist dein Schutzkreis, den haben wir für dich gelegt“, bedeutete Manuela mit einem wohlmeinenden Lächeln. Das bunte Kartenset bestätigte den begründeten Verdacht: Die beiden sahen sich nun als spirituelle Leuchttürme, Berufene in einer heiligen Mission.
Und so war es ein Ding der Unmöglichkeit, ihre Wohnung ohne den feinstofflichen Segen Marke Raphael zu verlassen. Ob man nun wollte oder nicht, das Pumpfläschchen mit dem vieldeutigen Symbol stand stets bereit. Jeder Gast sollte diese „Energien der neuen Zeit“ in die Welt hinaustragen. Besonders gute Freunde kamen in den Genuss exquisiter Gastgeschenke: Meister-Elixiere, Engelstropfen und Transformations-Öle, Manuel verschenkte das „Neue Zeitalter“ literweise. Denn „es kommt alles zurück“, wähnte er sich zuversichtlich. Dass es im Universum gerecht zugeht, wussten sie ja schon lange vor der Lektüre von Kryon und Konsorten.
Esoterisches „Who is Who“: Kryon vom magnetischen Dienst
Wer ist Kryon? „Kryon ist ein Nuni, ein magnetisches Licht, aus dem Universum Quadril 5. Er wurde von Adamis und Adamea erschaffen. Um in unserem Universum wirken zu können, musste Kryon zunächst mit einer Engelgruppe verschmelzen (Kryon und das Gefolge). Die Aufgabe von Kryon ist die Ausrichtung des Magnetgitternetzes der Erde.“ (Quelle: www.kryonschule.de)
Aus Sicht der Alltagsrealität ist „Kryon“ ein vom amerikanischen Esoterikautor Lee Carroll erfundenes Lichtwesen. Dieses soll in der Lage sein, zu ausgewählten Personen Kontakt aufzunehmen. Die als „Channeling“ bezeichneten Durchsagen gelten in esoterischen Kreisen als Mitteilungen aus einer höheren Dimension und helfen der Menschheit beim Übergang in die sogenannte „Neue Zeit“.
Kryon, dessen Name nicht nur an die aus Gletschern austretenden Fließgewässer (Kryale) erinnert, sondern ebenso sehr als eine Anlehnung an das Christliche „Kýrie eléison“ (griechisch „Herr, erbarme Dich“) interpretiert werden kann, wird von verschiedensten Medien empfangen.
Bekannte „Kryon-Kanäle“ im deutschsprachigen Raum:
Lee Carroll selbst
die esoterische Buchautorin und Kongressveranstalterin Barbara Bessen
die „Lichtarbeiterin“ und Begründerin der Kryonschule Sabine „Sangitar“ Wenig.
In seinen Durchsagen gibt sich Kryon durchaus kryptisch – ein Stilmittel, das so ziemlich alle höheren Wesenheiten einsetzen. Umso deutlicher jedoch die gechannelten Stellungnahmen zu Umweltkatastrophen und menschlichen Tragödien. Als Beispiel hier die Channeling-Botschaft zu Erdbeben, Tsunami und Super-GAU in Japan, März 2011: „Diejenigen in diesem sanften Land [Japan], die diese Katastrophe abbekamen, sind keine Zielscheibe Gottes. (…) Ebenso wie bei ihren Gegenstücken in Südamerika haben sie sich diesen Ort zum Leben ausgesucht.“
Hier schlagen Kryon und diverse andere aufgestiegene Meister stets in dieselbe Kerbe: Jeder bekommt genau das, was für ihn bestimmt ist. Jede Erfahrung hat Sinn. Der Mensch erschafft seine Realität selbst. Ob arm, reich oder im Elend: Jeder hat sich seine Lebensumstände selbst ausgesucht. Mitleid wird somit überflüssig.
Quellen: [49] [50]
Seit Manuels intensivem Studium wegweisender Lichtarbeiter-Literatur reifte in ihm die stille Gewissheit: „Ich stehe unter besonderem Schutz.“ Damit meinte er eine eigens für ihn reservierte Form von Obhut aus der Welt jenseits des Schleiers. „Engel in meinem Haar“4 – gleichlautend dem Buchtitel des Bestsellers [51] kommunizierte Manuel fortan mit allerlei Himmelsboten. Jeder Windhauch, jedes Kribbeln am Scheitelchakra gereichte zum Zeichen ihrer Fürsorge. Ja sogar die allwinterlich wiederkehrende Sinusitis verwandelte sich von einer bloßen Nasennebenhöhlenentzündung zu einem Symptom spiritueller Transformation. Eines wurde ab diesem Punkt klar: Manuel war nun ein Werkzeug von denen da oben.
Die Engel hatten die Regie übernommen.
„Auraspray Schutzengel“ –
„Ich vertraue mich bedingungslos der Führung
meiner Schutzengel an.“
Vertrauen und Selbsthingabe prägten das neue Ideal, bedingungslose Liebe war das alles durchdringende Grundgefühl. Aber trotz aller Reife, Manuel zweifelte immer wieder. Doch das war stets nur der Verstand, der da nicht mitwollte. „Die geistige Ebene prüft mich“ oder „Ich stehe kurz vor meiner Meisterschaft“, bekamen Interessierte zu hören. Argwohn hin oder her – das Denken konnte Manuel nicht mehr gefährlich werden. Das listige Ego hatte er längst schon durchschaut.
„Erzengel Metatron“ –
„Mit deiner Hilfe erfülle ich meinen Lebensplan.“
So tat Manuel alles, um seiner neuen Rolle als Lichtbotschafter auf Erden gerecht zu werden. Engelsseminare, Heilsingen-Wochenenden, Channeling-Kurse: Kein Weg war ihm zu weit, um seine Tuchfühlung ins Feinstoffliche beständig neu aufzufrischen. Finanzielles spielte in der Welt des Transzendenten keine Rolle, denn nun war alles Energie. Der Arztkoffer mit Lichtessenzen durfte dabei niemals fehlen. Es wurde gereinigt, entstört und energetisch versiegelt, was das Zeug hält. Für Manuel war jede Begegnung von Bedeutung, jeder Mitmensch ein Auftrag. „Es kann doch kein Zufall sein, dass wir das notwendige Geld dafür schon am Sparbuch haben“, beteuerte er dabei immer wieder. Der spirituelle Webshop5 erschien plötzlich als Startseite. Seinen Job hatte er längst an den Nagel gehängt, ein weiterer Beweis seiner Ergebenheit.
„Engel Hariel“ – „Ich vertraue mich dem Leben an.“
Manuela war nun für die finanzielle Grundversorgung zuständig. Zeitweise schwankte sie, doch die zahllosen Workshops halfen auch ihr, dieses wichtige Urvertrauen wieder zu erlangen. Und wenn die Sorgen ihr wieder einmal eine schlaflose Nacht bescherten, dann, ja dann wachte Erzengel Essenz „Jophiel“ verlässlich am Nachttisch. „Lebensfreude – Leichtigkeit – Intuition statt Verstand“: Der Anbieter versprach kaum zu viel. Schließlich wollte auch Manuela ihren Lebensplan in die Tat umsetzen.
„Engelsessenz No. 35“ – „Engel für Tatkraft und Erfolg“ [52]
Und so fanden Licht und Karmaerlösung ihren Weg bis in die Lüftungsanlage des örtlichen Krankenhauses. Per Pumpzerstäuber forcierte Manuela das globale Erwachen. Manuel und Manuela betrachteten sich nämlich als spirituelle Transformatoren. Je mehr Weltliches sie investierten, desto eher konnte das Neue Zeitalter Wirklichkeit werden. Dargebrachtes Geld und, nicht zu vergessen, der geopferte Verstand fungierten als Brennstoff und Beschleuniger in diesem Geschäft. Ballons, aufgebläht mit heißer Luft – je dünner die Atmosphäre, desto heiterer die Stimmung. Und die Engel? Die applaudierten, ja sie feuerten geradezu an. So wurde der globale Aufstieg derweil von den zwei Auserwählten zwischenfinanziert, immerzu aus eigenen Mitteln, dem Kapital für den Hausbau.
„Engelsessenz No. 17“ – „Engel für Wohlstand und Fülle“
Dieser würde sich lediglich ein wenig nach hinten verschieben. Immerhin hätten die „Angies“, wie Manuela sie liebevoll nannte, als Belohnung einen Lottogewinn prophezeit und Manuel würde bald als „Energethiker“ seine Brötchen verdienen. Und übrigens, wer Geldsorgen hat, der braucht nur die „Grüne Tara“ anzurufen. Die lässt keinen Liebesdelegierten im Stich. Mit der Affirmation „Om tara tuttare ture soha … kommt Geld in dein Leben“6. Der Rest erfordert wohl kein Übermaß an Phantasie.
Manuel und Manuela lebten ihr spirituelles Erwachen mit aller Konsequenz. Zeitweise konnten sie sogar Mitstreiter für diese höhere Sache gewinnen, doch gegen die zunehmende Kritik aus dem Umfeld half dennoch kein Mittelchen. Man beschloss abermals, seiner Intuition Folge zu leisten und übersiedelte ins schöne Kärnten. Schließlich ist der Prophet im eigenen Land nichts wert, das weiß doch jeder. Und als ob es die überirdischen Instanzen so gewollt hätten – die neue „Familie“ erwartete die beiden schon mit offenen Armen. Aber der Geldsegen stellte sich nicht ein. Ganz im Gegenteil: Auf ihrem Werbefeldzug für die Engelswelt transformierte sich das Angesparte in reine Energie. Ob das Universum gerecht ist, bleibt hier unbeantwortet. Ein Haus haben die beiden noch keines gebaut, jedenfalls nicht in dieser Dimension. Übrigens: „Esoteriker“ waren Manuel und Manuela nie. Damit hatte man freilich nichts am Hut. Und Sekten? „Das sind sowieso nur allesamt Spinner!“
Ein kurzes Resümee: All ihr Geld wechselten Manuel und Manuela gegen das buchstäbliche Gar Nichts. Andere wiederum verstehen es sehr gut, dieses Nichts äußerst gewinnbringend an ein immer breiter werdendes Publikum zu verkaufen. An welche großflächigen Trends esoterische Unternehmer dabei andocken, beleuchten wir auf den nun folgenden Seiten.
Manuel – ein Einzelschicksal?
Glauben Sie wirklich? Dann gedulden Sie sich noch bis Kapitel 4. Denn der Facettenreichtum an energetischen Webshops zeugt von der Einträglichkeit dieses Geschäfts mit Essenzen, Kristallen und dergleichen. Der Tauschhandel „Geld gegen gar nichts“ blüht und so liefert uns Manuel nur ein Musterstück für allzu zahlreiche spirituell-esoterische Werdegänge: Ein gutgläubiger Jemand sehnt sich nach Wahrheit und Erfüllung und driftet dabei vollends in eine Parallelwelt ab. Was bei manchen mit harmlosen Meditationen anfängt, endet bei anderen im finanziellen Desaster.
Laut der Düsseldorfer „Identity Foundation“ sowie der Universität Hohenheim ist inzwischen jeder siebte Deutsche ein „spiritueller Sinnsucher“. „Bereits 15 % der erwachsenen Bevölkerung“, demnach immerhin sechs Millionen Menschen, „sind aktiv auf der Suche nach spiritueller Neuorientierung“ [53]. Tendenz steigend. Damit hat man bereits die „Traditionschristen“ hinter sich gelassen. Mit einem Marktanteil von lediglich 10 Prozent gehören diese wohl oder übel zum alten Eisen.
Derartige Zahlen erschallen wie ein Weckruf in den Ohren kluger Geschäftemacher. Denn wer Transzendenzhunger und Erfahrungssehnsucht nicht bedient, dem schwimmen im globalen Tauwetter die Felle davon. Derjenige aber, der schlau genug ist, dieses Klima zu nützen, der kann ein gut gedüngtes Feld bestellen. Wer hier kräftig aussäht, dem ist eine reiche Ernte gewiss.
Guru war gestern
Doch es sind eben nicht die herkömmlichen Guru-Kulte und Sekten, die zum einträglichen Business werden. Zu viel Aufwand, zu viel Publicity und zu viele lästige Anhänger brächte ein Sektierertum alter Schule mit sich. Die Kasse würde vielleicht stimmen, doch wer will schon gerne tagelang im Schneidersitz verharren, sich den Bart in die Suppe hängen lassen und den Guru markieren? So etwas bedeutet harte Arbeit. Fortwährendes meditatives Training, Chi Gong, stundenlanges Chanten von betörenden Mantren, den ganzen Tag barfuß herumlaufen, überall Räucherstäbchen und tagein tagaus dröhnende Sitar-Klänge: Das geht an die Substanz. Immerzu müsste man seine Schäfchen im Zaum halten, nur um dann womöglich noch von lästigen Reportern bloßgestellt zu werden. Und das vielleicht noch komplett in Weiß oder Orange gekleidet, wer will das schon?
Die Religionsschaffenden von heute gehen andere Wege. Ausgesprochen elegant finden sich diese in unserem „Brand Yourself“-Zeitgeist zurecht. Liefert doch dieser ein Milieu, in dem Bedeutung und Image vom Kunden selbst erworben werden. Die hieraus resultierende Eigenmarke erweist sich dabei als Produkt unserer Kauf- und Konsumationsentscheidungen. Eine so passfertig zurechtgezimmerte Ich-AG versorgt ihren Konstrukteur mit einer neuen, glanzvollen Einhausung, sein Ego erfährt so etwas wie Aufladung. Ob nun spirituell oder mit Mausklicks, die Pflege und Vermarktung des Selbst sind im wahrsten Sinne des Wortes selbstverständlich. Und ehe wir uns versehen, landen wir im Kultischen. Denn wo weniger das „Wahre“, sondern vielmehr die „Ware Selbst“ zum Verkaufsartikel aufsteigt, avanciert eben dieser sorgfältig auswählende Konsument zum aktiv miterschaffenden User. Bekanntlich hat sich der Verkäufer- zum Käufermarkt gewandelt.
Sehr treffend hat hier der Internet-Papst und Chefredakteur von Wired [54], Chris Anderson, vor wenigen Jahren den sogenannten „Prosumer“ [55] wieder ins Spiel gebracht. Schließlich holen die Marken von heute den kleinen Mann mit ins Boot. Die bloßen Konsumenten von einst wandeln sich demnach zu arbeitswilligen Produzenten. Man selbst wird bedeutsam. Der User macht sich „useful“. Er empfindet sich als integraler Bestandteil eines größeren Prozesses und gestaltet diesen eigenmotiviert mit. Foren, Chatrooms und User-Conventions sind die wichtigen Identitäts-Tauschbörsen. Dabei steigt der eigene Marktwert mit zunehmender Selbstprofilierung im Virtuellen. Der Prosumer erlebt folglich nicht nur eine Art spürbaren Anschluss an ein größeres Ganzes, sondern erst durch ihn, mit ihm und in ihm nimmt das Konsumierte Gestalt an. Als Medium für diesen Energiefluss dient das Internet, doch gespeist wird das Treiben durch die Strahlkraft einer starken Marke, in deren Namen man sich engagiert. „In hoc signo vinces“7, ob nun als Siegeszeichen bei Kaiser Konstantin, auf einer Zigarettenschachtel oder in Form eines leuchtenden Emblems auf der Rückseite eines Notebooks: Man wirkt im Zeichen des Labels.
info
Moderne Marken beliefern den Kunden nicht nur mit Produkten, sondern laden diesen ein, sich an einer Art „Marken-Welt“ zu beteiligen, sich zu engagieren. Als aktiver Mitgestalter derartiger „Brandlands“ erfährt der User Bedeutsamkeit. Zum Verkauf stehen nicht nur Waren, sondern vor allem auch Sinn und Identität.
Stamm-Kunden, Prosumer-Movements und Klientenreligionen
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – die Marke als Fanreligion
Beispielgebend für diesen Trend präsentiert sich zweifelsohne die Mac-Gemeinde. Wie kaum zuvor hat man es hier verstanden, eine Marke mit quasireligiöser Bedeutung aufzuladen. Natürlich finden wir auch hier die klassischen Instrumente der Produkt-Mythologisierung. Nicht umsonst spricht man von Apple, mit dem Symbol des angebissenen Apfels aus dem biblischen Paradies8, nicht von ungefähr erinnert das iPhone an Stanley Kubricks Stein der Weisen aus „2001: Odyssee im Weltraum“ [56], die Community-Zeitschrift nennt sich MacBIBEL [57], Steve Jobs stieg auf zum iGod, und laut Frankfurter Rundschau eint die Anhänger zudem auch das Einverständnis darüber, „dem richtigen Teil der Menschheit anzugehören“ [58]. Die religiöse Trickkiste ist den Werbefachleuten wohl immer noch die liebste.
Doch vor allem die Community selbst trug wesentlich dazu bei, dass sich der Börsenkurs in astronomische Höhen katapultierte. Und so versammelt man sich um etwas, was den Marx’schen Begriff des „Warenfetisch“9 radikal versinnbildlicht. Zum Insignium von Zugehörigkeit und Lifestyle über alle Grenzen hinweg wird – als könnte es nicht anders sein – ein Telefon. Stammestümelei wäre hierfür wohl das richtige Wort.
Mac-User aller Länder vereinigt euch! Was der Kommunismus niemals zuwege brachte, erleben wir hier in Form einer Art Fan-Religion. Nicht umsonst wird die Gefolgschaft des Apfels gerne als die „Apple-Jünger“ oder die „Mac-Gläubigen“ bezeichnet. Wenn Menschen tagelang vor einem Geschäft kampieren, nur um der neuesten technischen Errungenschaft teilhaftig zu werden, dann ist der „Fan“ nur die Vorstufe, „Fanatismus“ das Resultat10.
Sollte es also hier schon ein wenig nach Esoterik riechen, dann nicht ohne Grund. Denn das Macintosh-Imperium lebt auf seine ganz eigene Weise von der Energie seiner Gefolgschaft. Die User-Gemeinde ist es, die mit unzähligen selbst programmierten Apps und Features ein ganzes „Maciversum“ erschuf. Durch seinen eigenen Eifer bindet sich hier der User an das Logo. Jeder agiert als proaktiver Teil dieses technisch-ästhetischen Himmelreiches, einer Form von Techno-Religion. Die Community sonnt sich im Lichte ihres Labels.
Und sie missioniert – das Prosumer-Movement
Wurden Sie jemals von einem Windows-User zum Umstieg gedrängt? Vermutlich nicht, weil eben genau dieses religiöse Etwas die besondere Atmosphäre des Apple-Kosmos ausmacht. Das Kollektiv entwickelt Korpsgeist. Alle sind dabei und jeder empfindet sich als wichtig. Dabei wirkt man hier als Teil eines gemeinsamen Projektes. Gelebt wird die Markentreue. Je mehr Anhänger mitziehen, umso erfolgreicher die Unternehmung, desto erlösender die Teilhabe. Moderne Markenwelten verstehen sich zusehends als gemeinschaftlicher Werbefeldzug, eben als Prosumer-Movement.
Doch was hat das Ganze mit dem Markt des Spirituellen zu tun? Selbst wenn wir explizit von der Vermarktung vordergründig rein materieller Güter sprechen, handelt es sich stets um einen ganzheitlichen Akt, der damit einhergeht. Denn der Käufer, Kunde oder User dehnt sein Selbstverständnis über das Konsumgut hinaus aus. Er vereinigt sich gewissermaßen mit alledem, was er auf das Objekt seiner Begierde projiziert. Esoterisch gesprochen verschmilzt er mit dessen Aura11. Das Erzeugnis wird ein Teil seines Selbst- oder besser Identitätsmodells [59] und verbindet ihn so wiederum mit einer weiteren Dimension. „Get connected“, lautet die Devise. Dabei erfährt man so etwas wie Verbundenheit und vernetzt sich vor allem geistig mit weiteren Protagonisten dieser Sphäre. Der rein physische Akt des Produkterwerbs bildet demnach nur eine Seite der Medaille. Als ausschlaggebend präsentiert sich eben nicht nur die materielle Ebene, sondern auch die rituelle. Und deren Erfahrungsschatz geht, wie wir noch sehen werden, weit über das rein Symbolische hinaus.
info
Markendesigner verfolgen gerne die Strategie der Produktmythologisierung. Das Erzeugnis wird dabei mit übernatürlicher Bedeutung ausgestattet. Der Konsument kann über sein eigenes Engagement am Glanz des Produktes teilhaben. Die gemeinsame Mission für die Marke formt die User zu einer Art „Gemeinde“.
Wir handeln spirituell – der Markt als Schauplatz des Religiösen
Beobachten wir uns einmal selber im Kaufhaus: Auch ganz ohne meditative Innenschau kann jeder an sich selbst wahrnehmen, welchen Einfluss die wohlarrangierten sinnlichen Reize auf unsere Befindlichkeit ausüben. Auch wenn es sich vielleicht nur um die Ausschüttung neurochemischer Botenstoffe handelt, Lifestyle-Shopping, gelebte Markenkulte und das Mitwirken in User-Communitys gehen uns wortwörtlich unter die Haut. Denn sie provozieren spürbare innere Sensationen.
Nicht von ungefähr wird hier vom Shopping-Erlebnis gesprochen. „Marketing spüren“ [60] lautet folgerichtig ein Buchtitel des Wiener Marketing-Insiders Christian Mikunda. Der „Vordenker der Erlebniswirtschaft und Begründer der Strategischen Dramaturgie“ bringt nahe, „warum wir uns Gefühle kaufen“ [61]. Kaum zufällig erfahren bei Mikunda die Sieben Todsünden des Christentums eine erlösende Sublimierung. Hochmut wird zu „Glory“, aus Wollust erwächst „Intensity“ – beide auch Zielobjekte der spirituellen Sinnsuche. Der Autor spricht definitiv von leiblich-energetischen Phänomenen.
Ob wir nun wollen oder nicht, wir frönen vielleicht dem Materialismus, aber dennoch leben wir in einer durch und durch „verspiritualisierten“ Welt. Das Universum des Kapitalismus ist der Markt, man tanzt um den Warenfetisch, der Kaufrausch fungiert als Ekstaseritus der Postmoderne. Der „Markt“ dient dabei nicht als bloßer Religionsersatz. Er entpuppt sich bei näherer Betrachtung vielmehr als Projekt unserer „Wieder-Anbindung“ (von lateinisch: re-ligare). Er offenbart sich als Schauplatz einer Art fühl- und lebbaren Religiosität.
Konsum goes Spirit – vom Prosumer-Movement zur Klientenreligion
Ob nun bewusst inszeniert oder nicht: Das spirituelle Feeling wohnt modernen Warenkulten bereits inne. Labels wie Apple und Co. mögen dem kritischen Beobachter vielleicht schon ein wenig pseudoreligiös und zu abgehoben erscheinen. Doch eines sei an dieser Stelle festgehalten: Hier präsentiert sich diese geistige Ebene von Zugehörigkeit und Energietransfer immer noch in Verbindung mit einem Referenzobjekt: einem konkreten Ding, einem Produkt oder einer Dienstleistung mit einem vielleicht fragwürdigen, aber dennoch konkreten Nutzen in dieser Welt.
Doch was passiert, wenn wir dieses Geistige komplett von jeder materiellen Verwendbarkeit entkoppeln? Was erwartet uns, wenn nicht mehr das Produkt in unseren Händen, sondern Spiritualität selbst, ganz ohne diesseitigen Sinn und Zweck, zum alleinigen Verbrauchsartikel mutiert? Was geschieht, wenn wir die Ballonschnur durchschneiden? Dann steigen wir auf in die Dimension des frei schwebenden spirituellen Mehrwerts. Genau hier tummeln sich haufenweise Anbieter, die es hervorragend verstehen, aus purem Nichts bares Geld zu machen. Das Prosumer-Movement transformiert sich zu dem, was Hartmut Zinser [62] passend als „Publikums- oder Klientenreligionen“ identifiziert. Spiritualität wird zum bloßen Konsumgut, das Unsichtbare zur käuflichen Ware für die Massen. Und so erleben wir die logische Weiterentwicklung eines Zeitgeistes, in dem immer mehr Geld für immer weniger ausgegeben wird.
„If less is more, maybe nothing is everything“ (Rem Koolhaas) [63]. Es ergeht uns wie Manuel, bis letztendlich nichts mehr übrig bleibt. „Money for nothing.“
info
Das in modernen Warenwelten bewusst provozierte, quasireligiöse Empfinden erfährt am Markt des Spirituellen eine Art Loslösung von allem Irdischen. Bar jeden Nutzens im Diesseits zählt hier rein der spirituelle Mehrwert. Ohne materielle Grundlage ist dieser beliebig potenzierbar. Und so wird mit gar nichts sehr viel Geld gemacht.
„Die Betreiber dieser Schule kassieren vielleicht mal an diesem Nachmittag … nur Pi mal Daumen … an die 400.000 Euro“, beteuert der Aussteller.
Seine Augen leuchten dabei wie die eines Kindes vorm Christbaum. Er wirkt aufgeputscht, angereichert mit zu viel Business und Hochgefühl. So viel, dass sein Mitteilungsbedürfnis mit ihm durchgeht. So high, dass er den Audiorekorder in meinen Händen nicht bemerkt.
„400.000 Euro … habe ich mich verhört? Ich verstehe nicht – wie soll das gehen?“, hake ich kopfschüttelnd nach.
„Das ist Esoterik, mein Freund (…). Kein Akademiker, der ein bisschen Vernunft im Kopf hat, kann das verstehen!“

Abheben im Business der Esoterik 2.0
Wenn wir verstehen wollen, was Manuel dazu bewog, Unsummen gegen Energie zu tauschen, kommen wir nicht umhin, die Geschäftsmodelle moderner Spiritualität genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn mittlerweile stehen dem esoterischen Anbieter schier unbegrenzte Möglichkeiten der Einkommensmaximierung zur Verfügung. Wer sich selbst einmal als Channelmedium oder Abfüller von Schwingungsessenzen versuchen möchte, dem seien die nun folgenden Schritte ans Herz gelegt. Wer hingegen doch noch so etwas wie Moral in sich verspürt, der sehe die kommenden Ausführungen als Versuch, das Unverständliche verständlicher zu machen.
Wundern Sie sich dabei nicht über den wenig sparsamen Einsatz von blumigen Spitzfindigkeiten. Diese sollen keinesfalls über den offensichtlichen Wahnsinn hinwegtäuschen, doch erträglicher machen sie ihn allemal. Denn – das sei hier schon einmal vorweggenommen – den Humus für die hier dargestellten esoterischen Stilblüten liefert eine ganze Gesellschaft, also wir selbst. Dabei zählt weniger der Fingerzeig auf andere, als vielmehr der schonungslose Blick in den Spiegel.
Bevor wir abheben, noch einige Anmerkungen
Der Einfachheit halber orientieren wir uns an einem simplen Stufenprogramm. Nicht von ungefähr nehmen wir damit Anleihe bei landläufigen Bewusstseins- und Aufstiegsakademien. Doch wo die Rosenheimer Kryonschule ihr Himmelreich erst nach gezählten 48 Schritten offenbart, genügen uns lediglich zehn Stationen zur totalen Erfüllung. Ob nun finanziell oder spirituell soll jeder für sich entscheiden. Eines jedoch gilt da wie dort: Der Erfolg gibt wie immer Recht.
En gros erwarten uns folgende Inhalte
Zuallererst geht es darum, eine passende Fantasy-Welt zu installieren. Analog zu erfolgreichen Onlinespielwelten taufen wir diese kurzerhand „World of Soulcraft“ (WoS). In dieser finden sich spirituell Berufene, hier „User“ genannt, als Helden eines mitreißenden Filmdrehbuches wieder. Über die Konsumation der passenden Produkte kann sich das zahlende Publikum selbst in das Geschehen einklinken. Angetrieben von allerlei Sehnsüchten und eingewickelt von geschickter Dramaturgie werden die User von diesem inszenierten Phantasma immer abhängiger. Je tiefer sie in die Geschichte hineinschlittern, desto auserwählter fühlen sie sich. Und je augenscheinlicher ihre Manipulation zutage tritt, desto massiver ihre Nachfrage nach energetischen Palliativen. In der Hoffnung, das Unwahrscheinliche dennoch Wirklichkeit werden zu lassen, bemühen sich die Protagonisten, immer weitere User mit ins Boot zu holen. Sie agieren nun selbst als freiberufliche Vertreter für das Unsichtbare und übernehmen frohen Mutes den Vertrieb. Der Regisseur des Ganzen kann sich getrost zurücklehnen und hemmungslos abkassieren. Denn er verdient an allem ordentlich mit, tut aber die ganze Zeit so, als wäre er nur einer von ihnen.
Zu den Zitaten
Sämtliche Wortmeldungen irdischer und überirdischer Meister wurden originalgetreu übernommen. Sollte die darin gewählte Sprache auf Sie da und dort etwas langatmig, schwerfällig und kaum verständlich wirken, dann geht es Ihnen gleich wie mir. Darum lassen Sie sich nicht allzu sehr vom Inhalt spiritueller Durchsagen beirren. Schließlich verhilft doch gerade auch das Wie dieser Sprache zu ihrer magnetischen Anziehungskraft. Im Bemühen, auch die darin gebotene Rechtschreibung sowie grammatikalische Besonderheiten urheberrechtlich korrekt wiederzugeben, wurde auf die Berichtigung allfälliger Fehler in den Originalzitaten – wenn möglich – verzichtet. In Härtefällen jedoch war ein korrigierendes Eingreifen aus Verständnisgründen unumgänglich.
Für alle Engels-Unternehmer
In den folgenden Ausführungen wird einzelnen Stars der spirituellen Szene mehr Aufmerksamkeit zuteil als anderen. Das liegt daran, dass diese es in besonderem Maße geschafft haben, aus sehr viel von „gar nichts“ sehr viel Geld herauszuholen. Dennoch stehen sie nur exemplarisch für den gesamten esoterischen Markt. Sollten Sie also selbst als Lichtverkäufer oder ehrenamtlicher Energieversorger dieses Geschäftsfeld bedienen und genau Ihren Namen in dieser Ruhmeshalle vermissen, keine Angst, das Universum ist gerecht, jeder bekommt eine zweite Chance – schreiben Sie an mich.
Und sollten Sie in diesem Buch das eine oder andere streng gehütete Geheimnis auch Ihrer Bewusstseinsschule entdecken, fragen Sie sich nicht, wie der Autor dieses innerweltliche Insiderwissen erlangte. Vielleicht hat’s mir ein Engel gezwitschert? Channeling macht vieles möglich, nicht wahr?
Zum Wörtchen „Spiritualität“
Die folgenden Seiten präsentieren also die Fundstücke eines ausgedehnten Tauchganges durch die Kanalisation esoterischer Himmelschlösser. Was einem dabei als „spirituell“ unter die Nase gerieben wird, spottet jeder Beschreibung. Darum seien Sie im Folgenden nicht enttäuscht, wenn hier nur die klebrige Seite dieser sogenannten „Neuen Spiritualität“ Beachtung findet. Angesichts seiner Inbeschlagnahme durch Beutelschneider verschiedenster Provenienz sehe ich für einen vernünftigen Gebrauch des Wörtchens „Spiritualität“ leider keinerlei Zukunft.
Für politisch korrekte Leser/innen
Wenn im Folgenden oft von dem User, dem Berufenen oder dem Aufsteiger die Rede sein wird, soll die Wahl der männlichen Schreibweise nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es in der Esoterik 2.0 vorwiegend mit weiblichen Führungsfiguren zu tun haben. Auch wenn also manche Formulierung gendermäßig nicht ganz korrekt erscheinen mag, die unzähligen Fallbeispiele bringen es dennoch klar zutage: Frauen bilden die stolze Mehrheit im gegenwärtigen spirituellen Management und sind ihren männlichen Kollegen haushoch überlegen.
Für alle Mac-User, Red-Bull-Enthusiasten und Nespresso-Genießer
Niemand will Ihnen den Spaß verderben! Doch bedient sich esoterisches Marketing durchaus irdischer Vorbilder. Deshalb werden wir im Folgenden herkömmliche Markenwelten den PR-Kampagnen spiritueller Versandhäuser gegenüberstellen. Ob übersinnlich oder nicht, was ins Auge sticht, sind die Parallelen. Aber wo liegen die Unterschiede? Auch Ihre Meinung zählt! Wenn also da und dort vom sogenannten „Old Age“ die Rede sein wird, ist damit unsere alltägliche Lebenswelt gemeint. Der gelegentliche Vergleich mit dem „New Age“ soll offensichtliche Parallelen zwischen diesen scheinbar so verschiedenen Seins-Dimensionen hervorheben.
In diesem Zuge wollen wir auch die Innenansicht esoterischen Befindens nicht außer Acht lassen. Ob freudig beglückt oder frei schwebend, über alles erhaben – der spirituelle „State of Mind“ wird heutzutage im Webshop erworben und beständig aufgeladen. Dabei basiert dieser übersinnliche Liebestaumel auf vorwiegend diesseitigen Zutaten. Die kommenden Vergleiche mit uns durchaus geläufigen Werbeinszenierungen ermöglichen einen ungetrübten Blick: Orientiert sich das Seelenleben moderner Esoterik nun an unserer Lifestyleindustrie oder läuft das Ganze vielleicht auch umgekehrt? Inspiriert das Esoterische gar schon unsere irdischen Produktionszweige? Wir werden sehen.
Zum Stil
Spirituelle Shoppingwelten erzeugen beim Rezipienten vorderhand eines – künstliche Ohnmacht! Drum seien Sie nicht überrascht, wenn Sie sich hie und da mit zu viel auf einmal konfrontiert sehen. Denn gerade der Entwurf überbordender Landschaften, das Verwirrspiel mit allerlei Gesetzmäßigkeiten und die Konfrontation mit einer Fülle an kosmischen Nutznießern gehören zu den grundlegenden Stilmitteln esoterischer Weltenbauer. Sollten Sie also zeitweise nicht mehr wissen, wo vorne und hinten ist, keine Angst, das gehört zum Spiel und soll Ihnen nur dabei helfen, die provozierte Hilflosigkeit innerhalb der Zielgruppe innerlich nachzuvollziehen. Vermutlich ist es wieder einmal nur Ihr Verstand, der hier nicht mitkann. Öffnen Sie einfach vertrauensvoll Ihr Herz, Sie sind auf dem richtigen Weg!
Doch noch einmal im Ernst
Wollen Sie wirklich verstehen, warum der nette Typ von nebenan Zigtausende Euros für rein gar nichts zum Kamin hinausräuchert? Sind Sie wirklich willens, das scheinbar so Widersinnige mit all Ihrer Geisteskraft nachzuvollziehen? Wenn ja, dann seien Sie sich gewiss: Wir müssen da durch! Und das nicht nur mit unserem Hirn, sondern auch mit Haut und Haar. Wenn Sie also glauben, eine supersachliche Faktensammlung in Händen zu halten, dann legen Sie dieses Buch am besten gleich zur Seite. Mit zu viel Distanz kommen wir hier nicht weiter. Deshalb auch die wiederkehrende Wir-Anrede auf den folgenden Seiten. Denn wer den Wahnsinn wirklich kennenlernen möchte, kommt nicht umhin, sich auf ihn einzulassen. Und dafür müssen wir uns wohl oder übel auf die Seite des Phantastischen begeben.
Ich lade Sie also dazu ein, sich gemeinsam mit mir durch diesen feinstofflichen Morast zu arbeiten. Dabei kommt sicher nicht immer alles so locker und flockig daher, wie wir es gerne hätten. Die nun beginnende Reise wird also mit Sicherheit kein entspannter Sonntagsspaziergang – ganz im Gegenteil, es geht ans Eingemachte. Doch keine Angst: Wir lassen uns schon nicht allzu sehr in die Irre treiben. Sie werden sehen, Ihr Investment wird schlussendlich Früchte tragen. Wer beharrlich dranbleibt, dem geht sicher noch das eine oder andere Licht auf, garantiert! Drum lassen Sie sich entführen in das Land grenzenloser Produktivität – Sie werden sehen, der Umsatz erreicht ungeahnte Dimensionen – Multi Dimension Marketing.
Und übrigens: Bevor Sie sich wundern, warum wir auf unserem Rundflug immer wieder in Rosenheim landen: Spirituell gesehen ist in Rosenheim die Hölle los!
ZUM PRINZIP
„Nimm etwas weniger, aber dafür von vielen!“
Wer heute glaubt, seinen Anhängern auch noch das allerletzte Hemd abknöpfen zu müssen, hängt geistig noch im letzten Jahrtausend fest oder er ist ganz einfach ein hoffnungsloser Narzisst. Sicher, das klassische Guru-Jünger-Schema verlangt die totale Unterwerfung seitens der Gefolgschaft und folgerichtig auch die Darbringung des geistigen und vor allem finanziellen Vermögens der Novizen. Diese geben alles, nur um sich am Charisma ihres Idols zu laben. Landläufig nennt man so etwas eine Sekte. Und so lange Persönlichkeitsstörungen nicht an Bannkraft einbüßen, werden fanatische Führer um ihre Gefolgschaft buhlen oder auch umgekehrt. Wie auch immer, die einen flankieren jubelnd den Wegesrand, während „Er“ sich an ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit weidet. Sie hausen in Hütten und „Er“ absolviert seinen täglichen Drive By im Rolls-Royce. Ob nun bei Bhagwan12 oder anderen vergleichbaren Führern, so und ähnlich präsentieren sich die Assoziationen, die das Wort „Sekte“ in uns hervorruft.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Denn heutzutage sind es keine offensichtlichen Gurus mehr, die den großen Reibach machen. Natürlich, das Kapital fließt wie eh und je, doch die esoterische Elite unserer Tage verhält sich weniger auffällig als noch ihre Wegbereiter. Die Rede ist hier von schlauen Unternehmern, die wissen, wie der besagte Panther läuft. Was das Marketing betrifft, scheint der Großteil von ihnen klar im Geiste. Immerhin versteht man es, sich auf smarte Art und Weise ein bekömmliches Leben zu finanzieren. In den Schlagzeilen sucht man diese spirituellen Besserverdiener vergebens. Auch von Bewunderung halten sie nicht allzu viel. Vielmehr ergibt sich diese nur als ein kaum zu vermeidendes Nebenprodukt des dahinter stehenden Vertriebsmodells. Der Beifall gehört eben dazu, man spielt halt mit. Aber dennoch, verglichen mit den hier besprochenen Systemen wirkt der althergebrachte Psycho-Kult wie ein Auslaufmodell. Zu riskant, zu viel Investment und schlichtweg zu uncool erscheint die Geschäftsgebarung einer Esoterik alter Schule.
Masse bringt Klasse – Esoterik im Netz
Wer im spirituellen Business hip sein will, dreht den Spieß um. Warum sollte man von einem begrenzten Personenkreis das gesamte Geld einfordern, wenn es auch nachhaltiger geht13? Der US-Präsidentschaftswahlkampf hat es uns erstmals praxisnah vor Augen geführt: „Nimm ein bisschen weniger, dafür aber von Tausenden“, lautete die Devise. So wie erfolgreiche Politiker mittels „Crowdfunding“14 ihren Wahlkampf finanzierten, so ähnlich bespielt auch der Businessplan esoterischer Fabrikanten alle Vertriebskanäle des Internetmarketings. Nicht umsonst sprechen die Trendforscher von „E-Soterik“ [14].
Die spirituelle Community besiedelt Facebook und Co. Man informiert sich in Foren, korrespondiert in Chats und bestellt gemeinsam im Webshop. Der Zauber eines magischen In-der-Welt-Seins vermischt sich dabei spielend mit dem Cyber der Webplattformen. Hierfür gibt es gute Gründe. Schließlich besteht die Wesensähnlichkeit der übersinnlichen und der Netzatmosphäre in ihrer Virtualität. Gerade das Internet wird so für feinstoffliche Produzenten und deren Kunden zu einer idealen Lande- und Abflugbasis.
Und hieraus lässt sich ordentlich Kapital schlagen. Denn genauso wie beispielsweise Sexshops ins Netz abgewandert sind, bestellt man nun Matrix-Amulette per Mausklick. Gerade der Internethandel hat ehemals verrufenen Angeboten zu ungeahntem Aufschwung verholfen und insbesondere auch energetischen Artikeln den Weg zur Mehrheitsgesellschaft geebnet. Das Onlinegeschäft floriert und, siehe da, beide Branchen, Erotik und Esoterik, haben die jüngste Finanzkrise ohne nennenswerte Einbußen gemeistert [64]15. Wer also mit Begriffen wie „Franchise“ oder „Affiliate-Marketing“16 mehr als nur spanische Dörfer verbindet, kann hier die Gunst der Stunde nutzen. Mitunter bringt er es in der Esoterik 2.0 zu einer viel breiteren Abnehmerschaft als so mancher altgediente Prediger.
Die Rechnung ist einfach
Es geht nicht mehr darum, einigen wenigen ihr Gesamtvermögen abzuknöpfen. Nein, heutzutage füllt man Spiritualität in kleine Fläschchen und verkauft sie an eine breite Masse. Aura-Essenzen für 24,30 Euro pro Stück, da wird wohl niemand so schnell pleite gehen. Außerdem will man ja die Kaufkraft der Kunden einigermaßen am Leben erhalten, oder?
Fälle wie Manuel? Solche kann es immer geben. Da kann niemand was dafür. Vermutlich war er noch nicht so weit.
info
Spirituelle Führer dieser Tage verstehen sich als moderne Unternehmer. In diesem Sinne zielen sie weniger auf die finanzielle Totalausbeutung einzelner Jünger ab, als vielmehr auf die Erschließung eines größtmöglichen Massenmarkts. Mithilfe des Internets bedient man ein Millionenpublikum mit spirituellen Produkten. Kosten und unternehmerisches Risiko werden dabei minimiert.
SCHRITT 1
Die Startbasis
Der esoterische Weltenbau und seine Requisiten
Von unsichtbaren Welten und feinstofflichen Dimensionen
Im Folgenden werden wir uns mit einer Grundvoraussetzung für jedes esoterische Vertriebsmodell beschäftigen: dem dazugehörigen Weltentwurf. Denn jedes Drama braucht ringsum eine passende Manege – keine intergalaktische Mission ohne eine funktionstüchtige Weltraumbasis. Die Bauanleitung hierfür holen sich spirituelle Händler am Marktplatz gängiger Produktinszenierung. Doch während die Verkäufer von Lifestyleprodukten noch darauf abzielen, einem mehr oder weniger sinnvollen Produkt einen strahlenden Rahmen zu verpassen, wird im Esoterischen vielmehr die alles umhüllende Atmosphäre, das Drumherum, die Verpackung selbst, zum eigentlichen Verkaufsschlager. Einzelne Stilmittel, Effekte und Requisiten packender Kosmologien werden uns später noch begegnen. Zunächst geht es darum, den Verkaufsartikel „Welt“ per se genauer unter die Lupe zu nehmen. Wir betreten sozusagen das Raumfahrtgelände.
Alles beginnt im Diesseits – die „World of“
Was das Macintosh-Universum für das iPhone liefert, besorgt die Welt des roten Bullen für ein an sich harmloses Gummibärchengetränk. Beide versorgen das Produkt mit einer ordentlichen Ladung Lifestyle. Die Träger dieses Lebensstils, ihres Zeichens die Konsumierenden, besiedeln wiederum eine weitere dieser unzähligen „Worlds of“. Und so wird ein handelsüblicher Artikel, ob nun Telefon oder Energy-Drink, zur Kernaussage eines sehr besonderen „In-der-Welt-Seins“. Nicht von ungefähr hat auch ein namhafter Schweizer Nahrungsmittelriese ganze fünf Jahre in die Produktentwicklung schicker kleiner Kapseln investiert. Denn erst die Implementierung des notwendigen Brandlands konnte Millionen dazu bewegen, von nun an umgerechnet 66 Euro17 für ein Kilo Kaffee [65] auszugeben und obendrein unsere Mülleimer mit Einweg-Aluminiumkapseln vollzustopfen. Und das immerhin in Zeiten, in denen das Haushaltsbudget der breiten Masse zusehends schrumpft und Umweltbewusstsein schon lange zum Bekenntnis schlechthin erhoben wurde.
Dieser besondere Wesenszug, der scheinbare Irrsinn rund um etablierte Markenartikel, hat Methode. Denn gut ausgeklügelte Brandlands appellieren keinesfalls an unsere Vernunft. Ob nun das hochpreisige Notebook oder enkapsuliertes Koffein ums zehnfache Geld – es zählt eben nicht mehr die Logik einer monetären Kosten-Nutzen-Rechnung, geschweige denn ein nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen. Warum? Dafür gibt’s gute Gründe. Gerade bei sogenannten „starken Marken“ betreten wir eine Art „Anderswelt“. In dieser sind Anschluss und Aufmerksamkeit das Maß aller Dinge. Das Kaffeebeispiel illustriert nur den damit einhergehenden Wertewandel. Ehemals Wichtiges wird irgendwie unwirklich. Eingekauft in eine Markenwelt kann nicht einmal mehr das Kerncredo „Nachhaltigkeit“ unser Denken erreichen.
info
Markendesigner versorgen ihre Kunden mit durchgestylten Brandlands. Diese verleihen ihren Bewohnern ein sonderbares Selbstgefühl. Eingeladen in eine Art neue Wirklichkeit, werden reale Sachverhalte irgendwie unwirklich.
Die Wirtschaft des Unsichtbaren und die Ökonomie des Feinstofflichen
Marktanalytiker haben diese Entwicklung bereits vorweggenommen und sprechen wie Norbert Bolz von einer boomenden „Wirtschaft des Unsichtbaren“ [47].
Gemeint sind hiermit „Dinge“ wie Trends, Marken, Events, Design oder auch Wissen: Handelswaren des Ungegenständlichen18. Während nun dieses an Bedeutung gewinnt, gerät das rein Materielle zusehends in den Hintergrund. Wie gerne spricht man doch heute vom sogenannten „Emotional Design“. Dabei steigt der Wert handelsüblicher Erzeugnisse in erster Linie mit einer gefühlsbetonten Geschichte, die sie uns zuflüstern. Es zählt also immer mehr die Welt, in die sie uns eintauchen lassen.
Doch was im Markenkosmos noch als Aufputz rund um Produkte und Dienstleistungen herum angesehen werden kann, verselbstständigt sich, sobald wir den Blick dem Esoterischen zuwenden. In Anlehnung an die obige Terminologie wäre es wohl angemessener, von einer reinen „Ökonomie des Feinstofflichen“ zu sprechen, wobei Esoteriker mit „feinstofflich“ stets das „rein Energetische“, das materiell Nicht-Gegenständliche umschreiben. Um es ein wenig zu konkretisieren: Das spirituelle Businessmodell besteht im Handel mit einem feinen, gänzlich unsichtbaren Stoff. Und das wollen wir schon mal vorwegnehmen: Es sind weder die realen Erzeugnisse – die Fläschchen und Kristalle – noch die vorgeblich darin enthaltenen Energien, welche hier wirken. Nein, Wohlgefühl und Zauber basieren in erster Linie auf der mitgelieferten Fantasystory. Denn diese verspricht dem Käufer märchenhafte neue Lebens- und Wirkbereiche. Esoteriker sprechen diesbezüglich gerne von „Dimensionen“.
info
Nach dem Vorbild gängiger Kultmarken verkauft moderne Esoterik ihren Kunden ausgeklügelte Marketingwelten. Fernab von jeder realen Brauchbarkeit energetischer Produkte wird die sie umhüllende Story zum eigentlich Wertvollen. Der Konsument erwirbt phantastische neue Dimensionen.
Aus dem Spiel wird Ernst
Ein weiteres Unterscheidungskriterium sei noch genannt: Egal wie manipulativ oder gar sektiererisch, diesseitige Werbekampagnen bedienen sich gewiss vielfältiger Künste der Verführung. Dennoch bleiben diese für die meisten von uns eines: mehr oder weniger effiziente, aber irgendwie noch offensichtliche Werbung. Teils schmunzelnd, teils durchaus mit Genuss lässt man sich ein wenig an der Nase herumführen, wohl (oder hoffentlich) wissend, dass jedes Spiel auch wieder ein Ende hat.
Ganz im Gegensatz zur Architektur esoterischer Weltgebäude. Ihre Anziehungskraft besteht genau darin, dass sie das Dasein ihrer User völlig in Beschlag nehmen. Die Story löst sich sozusagen vom Erzeugnis und wickelt den partizipierenden Konsumenten rundum ein. Schön eingepackt wird der Kunde gewissermaßen selbst zum Produkt. Ausschlaggebend hierbei sind die mitgelieferten Atmosphären. Dabei betören diese vielversprechenden Entwürfe vor allem durch ihren totalitären Charakter. Wie gerne spricht man doch in spirituellen Kreisen von Wahrheit. Ein Beispiel aus der esoterischen Literatur: „Christina Soraia: Die Wahrheit deiner Seele – Erfahre durch die geistige Welt die Energie der Liebe, Schönheit und Erlösung“ [66]. Derartige Buchtitel nehmen vorweg, wohin die Reise geht. Von einem PR-Gag oder gar Spiel soll und darf keine Rede mehr sein. Von einem Ende auch nicht.
info
Im Unterschied zu herkömmlichen Werbekampagnen erheben esoterische Vermarkter für sich einen expliziten Anspruch auf göttliche Wahrheit.
Zu Hause in der „World of Soulcraft“ (WoS)
Nun werden wir uns einem weiteren typischen Beigeschmack esoterischer Kosmologien zuwenden. Gemeint ist dieses subtile Gefühl von Heimeligkeit, welches mittels spiritueller Waren aller Art seinen Abnehmer findet. Zu diesem Zweck lohnt sich ein weiterer Streifzug durch die Designwelten irdischer Provenienz. Denn vieles von dem, was am Konsumverhalten überzeugter Neu-Zeitler etwas bizarr anmutet, wird im Alltag der Gegenwartskultur bereits vorweggenommen. Erweist sich doch bewährtes Marketing gerade in seinem Handel mit Identität nicht nur als bedarfsorientierter Nachbau religiöser Traditionen, sondern seinerseits auch als Wegbereiter einer modernen Seelenindustrie. Alles beginnt bereits bei Ristretto & Co. Eben diese Teilhabe an einer ganz speziellen neuen Welt hat die Crema mit dem Aroma des göttlichen Ambrosia ausgestattet und dem Bullen wahrhaft Flügel verliehen.
World Selling – das verkaufte Zuhause
Menschen wollen sich heimisch fühlen, man möchte sich zurechtfinden. Und dafür bedarf es Welten, die dies ermöglichen. Dabei segnet vor allem das Brandland seinen Konsumenten mit dem Empfinden, jemand Sinnvoller in einer sinnvollen Umgebung zu sein. Eng verbunden mit jedem Weltentwurf ist also immer auch das damit erworbene „Ich bin“ – eben sozusagen das „Branding“. Kluge Marketinginszenierer wissen das nur zu gut. Sie versorgen den entwurzelten Menschen der Postmoderne wieder mit gefühlsmäßig bedeutsamen Entwürfen seiner selbst. Gearbeitet wird hierfür mit bewährten Mustern und verinnerlichten Drehbüchern. Sehr unterschwellig, aber umso effizienter vermitteln sie dem Kunden ein Gefühl von Gewissheit und Geborgenheit.
Beispiele für derartige Arrangements kennen wir reichlich. Ob nun in Disneyland, am Point of Sale einer Burger-Kette oder in einem klug konzipierten Ferienresort: immer das gleiche Schema. Ein Armband aus Plastik eröffnet den Zutritt. Das Clubmitglied weiß zu jeder Zeit, was es erwartet und vor allem auch welche Rolle von ihm erwartet wird. Derart durchdachte Storyboards finden beim Publikum regen Anklang. Appellieren sie doch an das Reflexartige und lotsen uns von einer Station zur nächsten. Ohne also genau zu wissen warum, kennt man sich irgendwie aus. Von der Dominikanischen Republik bis in die türkische Ägäis – künstliche Reservate à la „Magic Life“ versprechen Urlaub von einer hyperkomplexen Realität. Man fühlt sich aufgehoben, um nicht zu sagen zu Hause.
Esoterisches World Selling
„Esoterik ist Urlaub von der Welt.“ Dieser Ansicht von Marktforschern folgend lässt sich das Magic-Life-Beispiel ohne Weiteres auf die Resorts der Neuen Zeit übertragen: vermitteln doch auch die Erbauer überirdischer Welten segensreiche Ordnung. Ihre ausgeklügelten Geschichten versprechen göttliche Hierarchien und implizite Rollenzuschreibungen. Im Rückgriff auf altbekannte Muster erwacht im Rezipienten ein wohliges Gefühl von Vertrautheit. Der sonnig lächelnde Werbeprospekt weckt zudem seine Abenteuerlust und appelliert ans Spielerische. Geschützt von der Außenwelt wird somit auch im esoterischen Innenleben alles zu Kopflastige überflüssig. Eingeladen in eine phantastische Wirklichkeit fühlt man sich sonderbar frei, wähnt sich bei sich selbst, also wiederum zu Hause.
Esoterischer Bestseller: „The journey home“
Wenn Engelswesen zu Bestsellerautoren aufsteigen, besteht ihr Erfolg zumeist im Konzept der „wiederverkauften geistigen Heimat“. Hier verdeutlicht durch einen in esoterischen Kreisen längst legendären Bestseller, dessen Titel für sich spricht: „Die Reise nach Hause“ (engl. „The journey home“), „verfasst“ vom Lichtwesen Kryon, dem unumstrittenen „Meister der magnetischen Energien“.
Quelle: [67]
Doch halten wir noch einmal fest: Wo Reiseportale ihren Kunden eine zweiwöchige Auszeit von Stress und Alltag versprechen, erheben esoterische Vermarkter das magische Dasein zum erstrebenswerten Normalzustand. Im einen Fall handelt es sich zweifelsohne um zeitlich begrenzten Urlaub, im anderen wird das märchenhafte Drehbuch zur neuen, alles vereinnahmenden Lebensumwelt erhoben. Denken wir dabei zurück an Manuel: Die Engel übernehmen buchstäblich die Regie über sein Dasein. Man verliert sich regelrecht ins Innerweltliche.
info
Produktdesigner verstehen sich heutzutage als Regisseure und verkaufen dem Kunden geistige Entlastung und vertraute „Heimat“. Ihre ausgefeilten Erzählungen und fix fertigen Welten befreien aus dem Ungemach des alltäglichen Informations-Overload. Gleich ihren diesseitigen Pendants greifen auch spirituelle Weltentwürfe auf bekannte Muster zurück. Verbunden mit dem Anspruch auf Wahrheit wird das Drehbuchskript zur neuen geistigen Heimat.
Wie im Film – die geistige Landkarte
Esoterische Weltenbauer bedienen sich also altbewährter Schemata. Verzaubert von einem subtilen Wiedererkennungseffekt geht der User mit der Geschichte in Resonanz. Wie bei einer erfolgreichen Hollywoodproduktion regt sich etwas in ihm. Brauchbare Vorlagen hierfür finden sich en masse: Ob nun „Matrix“, „Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ – unsere Medienlandschaft ist voll von phantastischen Erzählungen. Warum also das Rad neu erfinden? Das Publikum kennt diese Geschichten in- und auswendig. Spirituelle Drehbuchschreiber brauchen lediglich die darin verborgenen „cognitive Maps“19 zu reaktivieren und ein jeder ist sofort im Bilde. Gut gegen Böse, David gegen Goliath, König Artus und seine Reise nach Avalon20, die Suche nach dem Heiligen Gral. Vertrautes Wohlgefühl breitet sich aus. Um dies zu erreichen, bedienen feinstoffliche Vermarkter dieselben Hebel wie Meister des irdischen Marketings. Christian Mikunda [68] berät die Großen der Erlebniswirtschaft. Von der Shoppingmall über Las Vegas bis hin zum digitalen Cyber: Die Inszenierung sogenannter „magischer Orte“ orientiert sich an der Wiederbelebung dieser verborgenen Landkarten. Das eigentliche Produkt besteht stets in der mitgelieferten kognitiven Wegbeschreibung: die zugrunde liegende Story, der Beipackzettel macht’s aus. Er bringt wieder Ordnung in ein chaotisches Universum.
Von der „Spiritual Map“ zur „World of Soulcraft“
Und so verwundert es wohl kaum, wenn esoterische Konsumgüter mit einem kompletten Package an Literatur zum Konsumenten finden. Bücher, CDs, DVDs, Engels-Lexika: Ganze Kosmologien stehen hier zum Verkauf. Es mag paradox anmuten, doch gerade dieses Überangebot an scheinbar neuen Geschichten soll das Leben spiritueller Einkäufer erleichtern. Schließlich sagen die darin enthaltenen Settings und Skripte dem Suchenden, wo es langgeht. Der Kunde erwirbt folglich eine Art Rollenspiel, das innerhalb eines größeren Geschehens abläuft. Allem zugrunde liegt wiederum eine dazugehörende geistige Landkarte, die „Spiritual Map“. Das eigene Leben wird so plötzlich zum Schauplatz des großen Paradigmenwechsels. Der Verbraucher loggt sich ein. Er wird zum User in einer „World of Soulcraft“.
info
Gleich irdischen Dramaturgen arbeiten esoterische Inszenierer mit der Aktivierung „geistiger Landkarten“. Die damit verbundenen Geschichten machen das Dasein zu einem Onlinerollenspiel. Der esoterische Konsument wandelt sich zum partizipierenden User.
Leute wie Ingrid Auer wissen um die Wirkmacht gut erzählter Geschichten. Die feinstoffliche Unternehmerin gilt als einer der Hauptlieferanten hochfrequenter Schwingungsessenzen. Hoch frequentiert ist auch ihr Webshop. Doch zu ihren Erzeugnissen zählen nicht etwa nur Engelsöle und Aurasprays. Diese bilden lediglich die Trägermedien eines spirituellen Markenkults. Denn ähnlich wie bei koffeinreichen Energydrinks wird hier die Story, die Welt, das Marketing selbst zur Ware. Liquides führt der hauseigene Onlinestore, den Beipackzettel, die Wanderkarte für die Odyssee, gibt’s bei Amazon: „Heilende Engelsymbole. Buch und Karten: 49 Schlüssel zur Engelwelt“ [69]. Ingrid Auers Orientierungshilfe für Einsteiger ging nach eigener Aussage bereits über 50.000 (!) Mal [70] über den Ladentisch21. Aber Achtung, der Internethändler spricht hier lediglich von einem „Begleitbuch“ [69] einer Art Start-up-Set, eben erst dem „Schlüssel zur Engelwelt“. Hinzu kommen noch allerhand Praxishandbücher, Einsteigersets und Audioguides. Ingrids literarisches Oeuvre ist beispielgebend für die gesamte Branche. Überschüttet sie doch ihre Kunden mit vielem, was ihren eigenen Erzeugnissen Bedeutung verleiht.
Eingeladen in Ingrids Engelsstory bleiben ihre User geistig online, immer schön eingehüllt in eine kuschelweiche Welt. Und um den Wechsel in diese nächste Dimension zusätzlich anzufachen, gibt’s ihre Produktbeschreibung, also die spirituelle Landkarte, ausschließlich gegen Geld. Werbeexperten können sich hier ein Beispiel nehmen. Ingrid Auer – ihres Zeichens nicht nur erfolgreiches Channelmedium, sondern vielmehr noch eine Meisterin im „World Selling“.
Esoterisches Who is Who: Ingrid Auer
„Ingrid Auer war bereits einige Jahre selbstständig als Kinesiologin tätig, als sie von der Engelwelt den Auftrag erhielt, Engelsymbole und Engelessenzen zu channeln, herzustellen und zu verbreiten. Als Vermittlerin zwischen der geistigen und der irdischen Welt gibt sie in Büchern, Vorträgen und Seminaren ihr Wissen und ihre Erfahrungen an interessierte Menschen weiter. Ingrid Auer gründete die Firma Lichtpunkt sowie den Ekonja-Verlag, um die Hilfsmittel der Engelwelt möglichst vielen Anwendern nahezubringen. Eine ihrer Visionen ist es, Lichtpunkt-Zentren aufzubauen, um Menschen in körperlichen, seelischen und spirituellen Notlagen beizustehen und zu helfen.“
So die Eigenbeschreibung auf der entsprechenden Homepage.
Nach eigenen Angaben beschäftigt Ingrid Auer einen ehemaligen Geschäftsführer aus der Pharmabranche. Wahrscheinlich mit ein Grund, dass ihre Essenzen auch in Apotheken vertrieben werden. Die normale Welt nennt Ingrid Auer „Programm 1“, die neue Ebene des Daseins spielt sich jedoch im sogenannten „Programm 2“ ab. Das Ingrid-Auer-„Netzwerk“ erstreckt sich laut Homepage über insgesamt neun Länder bis nach Japan. Der von ihr betriebene Ekonja-Verlag trägt den Namen des Geistwesens, welches Ingrid auf ihrem Werdegang begleitet. Ingrid Auer gibt an, ihre Engelsymbole, etc. medial zu empfangen. Sogenannten „unspirituellen Menschen“ aber, die ihre energiereichen Kärtchen kopieren, droht sie hingegen nicht mit ihren Schutzengeln, sondern mit durchaus irdischen Maßnahmen. Schließlich fällt das „Anpreisen und Verkaufen“ von Plagiaten „unter die Verletzung des Urheberrechtsgesetzes.“
Produkte: Bücher, Essenzen, Öle, Engelsymbole, Engelschmuck, Engelkerzen, Engelmeditationen auf CD, Engelsprays, Seminare, Workshops, Vorträge auf Kongressen, spirituelle Reisen u. v. m.
Unternehmen: Lichtpunkt & Ekonja-Verlag, Ingrid Auer GmbH, Amstetten (Österreich) Web: http://www.engelsymbole.at
Quellen: [71] [72]
info
Esoterische Geschichten finden über eine Fülle an Literatur zu ihrem Wirt. Derart herausgefordert bleiben die User geistig online – in einer innerlichen phantastischen Welt.
Darmowy fragment się skończył.