Czytaj książkę: «Nächstes Treffen Adria»

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Johanna Kemme

Nächstes Treffen Adria

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Blume am Arno

2 Sehnsucht

3 Der falsche Zug

4 Südwärts

5 Der Platz

6 Augenblicke

7 Das Geständnis

8 Von Hügel zu Hügel

9 Im warmen Sand

10 Auf uralten Pfaden

11 Durch die ewige Stadt

12 Frei von Angst

13 Liebe machen

14 Tief unter der Erde

15 Neues Leben

16 Die verschüttete Festung

17 Bei den blauen Bergen

18 Der große See

19 Am langen Wasser

20 Und die Türme

21 Im Schutz der Felsen

22 Gott Amor und die Seele

23 Wenn er singt

24 Heimwärts

25 Mit Inbrunst in den Liedern

26 Hoch im Norden

27 Nach langer Zeit

28 August in Perugia

29 Und immer wieder das Meer

Impressum neobooks

1. Blume am Arno

„Über die Grenzen

trägt uns ein Lied

mit sich fort“

P. Pollina/K. Wecker

für Loulou

Taramm-taramm.

Wackelig auf den weichen Polstern der Sitze stehend friemeln wir an unseren Rucksäcken herum, die oben auf den silberfarbenen Gestellen liegen, versuchen wir, unsere Schlafsäcke herauszuholen, ohne dass das, was sich noch im Rucksack befindet, dabei zwischen den Stäben des Gestells hindurch nach unten fällt. Sina und Olaf haben sogar ein Kopfkissen dabei, staune ich, eins für zwei. Schon legen die beiden ihre Köpfe darauf, kuscheln sich eng aneinander, tuscheln so neben mir. Mit so etwas habe ich rechnen müssen, sage ich mir, bin ich doch alleine mit einem Pärchen unterwegs und drehe mich um zur anderen Seite.

Taramm-taramm rollt der Zug in die Nacht hinein.

Zur Mitte des Abteils hin aneinandergezogen haben sich jeweils zwei der insgesamt vier einander gegenüberliegenden Sitze zu einem Liegeplatz verwandelt, einem Liegeplatz mitdrei Ritzen. Zwei entstehen jeweils dort, wo der bewegliche Teil der Rückenlehne eines Sitzes mit der Sitzfläche zusammenkommt, eine weitere dort, wo die aneinandergezogenen Sitzflächen in der Mitte aufeinandertreffen. Letztere kann etwas stören, spüre ich, aber zu Dritt haben wir auf dieser Liegenfläche auf jeden Fall ausreichend Platz, um hinter der Glasfront, die uns vom Korridor des Zuges trennt, in Ruhe schlafen zu können, immer vorausgesetzt, es kommt keiner mehr, steigt niemand mehr an den wenigen Haltestellen unterwegs dazu, der einen Sitzplatz in unserem Abteil haben will oder womöglich sogar einen reserviert hat. Wunderbare Schlaflandschaft der Deutschen Bundesbahn!

Taramm-taramm

Das ist ein beruhigendes Geräusch. Nur leicht bewegen sich die schweren, dunkelroten Vorhänge in der Zugluft, die durch die Öffnung des Fensters hineinströmt. Fenster, die sich bis ganz nach unten schieben lassen, wenn es heiß ist, so wie jetzt, wenn die Luft so stickig ist, dass man kaum atmen kann und einem der unverwechselbare Geruch der über Jahre besessenen, belegten und immer wieder gereinigten Sitze aus dunkelrotem Kunstleder in die Nase steigt, so wie heute in diesem Nachtzug auf seiner Fahrt von München nach Florenz.

"Attenzione! Attenzione! Il treno sul binario cinque partirà in due minuti. Attenzione! Attenzione!", hallt die Lautsprecherdurchsage durch die lange, nach hinten hin offene Halle des florentiner Kopfbahnhofes und meine Freude ist so groß. Jetzt erst einmal den Zeltplatz suchen, der laut Olaf ja relativ zentral gelegen sein soll, das Gepäck loswerden und dann die Stadt erkunden. „Zeltplatz?“, schaut meine Kollegin mich mit unschuldigen Augen an, als hätten wir nicht vor der Reise schon einmal darüber gesprochen, und Olaf, ihr Liebster verkündet: „Wir haben gar kein Zelt mitgenommen.“- „Isomatten, Schlafsäcke, sogar ein Kopfkissen habt ihr dabei! Aber kein Zelt?“ Ungläubig schaue ich an dem riesigen Rucksack hoch und runter, der weit über den Kopf des kleinen Olafs hinausragt. „War uns zu viel schlussendlich“, schaut er mir mit seinen hellgrünen Augen ganz unbeeindruckt ins Gesicht. „Ich mag das eigentlich eh nicht so gerne mit all den Insekten im Zelt und überall in den Duschen und so“, erklärt Sina mit jetzt zum ersten Mal, während sie ihre schulterlangen. schwarzen Haare hinter ihre Ohren streicht, und plötzlich begreife ich, dass sie nie vorgehabt hat, auf einen Campingplatz zu gehen. Schon beginne ich, mir ernsthaft Sorgen um mein Reisebudget zu machen. Anders als Sina mit ihren ebenso wohlhabenden wie spendablen Eltern und Olaf, der schon ausgelernt hat, muss ich ja sehr genau darauf achten, wie viel und für was ich das wenige, was ich habe, aus den Händen gebe, zumindest wenn ich nicht irgendwann irgendwo in diesem fremden Land mittellos und ohne Rückfahrtkarte enden will. „Wir können ja auch hier am Bahnhof schlafen“, erwähnt Sinas blonder Freund nicht zum ersten Mal diese Möglichkeit, von der er irgendwo gelesen hat. „Für mich auch kein Problem!“, schaue ich mich in der langen Ankunftshalle des Kopfbahnhofes um, die nicht sonderlich hoch ist, da ja keine Züge durch sie hindurchfahren können. „Wenn das denn wirklich erlaubt ist.“- „Und wenn uns dann jemand überfällt?“ studieren Sinas schöne Augen die quadratischen Marmorplatten, die sich rot und weiß unter unseren Füßen aneinanderreihen. Oh je, so ängstlich habe ich Sina bisher gar nicht kennen gelernt! Selbstbewusst, ja mutig schien sie mir zu sein. Kein Wunder aber auch, hatte ich mir gedacht, wenn eine Frau so schöne schwarze Augen und Haare hat und einen so schönen hellbraunen Teint. „Wollen wir uns nicht doch lieber ein kleines Hotel suchen?“, bettelt meine schöne Kollegin nun geradezu, wobei sie ihre Worte ausschließlich an Olaf richtet, als wäre ich gar nicht präsent. „Wenn wir eins für fünfundzwanzig Mark finden, bin ich einverstanden“, stelle ich nicht zum ersten Mal klar, „Ansonsten kann ich mir das einfach nicht leisten.“ Sina und Olaf, dunkel und hell, stehen unentschlossen da. Weit gekommen sind wir ja noch nicht, seit der Ankunft unseres Zuges hier in der „Blume“ am Arno, muss ich ein wenig schmunzeln und schlage vor, dass wir erst einmal versuchen, unser Gepäck loszuwerden. Waschen möchte Sina sich aber zuvor. Das hätten wir auf dem Campingplatz machen können, denke ich noch, als ich den beiden zu den Bahnhofstoiletten folge. In den geräumigen, von den Toiletten abgetrennten Waschräumen, führen Sina und ich eine Katzenwäsche durch. Sogar duschen könnten wir hier, stellen wir fest, und dass die Benutzung dieser Duschen das einzige ist, wofür man hier bezahlen muss auch.

Das internationale Symbol mit dem Koffer darauf führt uns dann endlich zu einem sich scheinbar endlos weit in die Tiefe erstreckenden, fensterlosem Raum, der durch zwei verglaste Schwingtüren von der Halle getrennt ist. Freundlich nimmt der Bahnhofsmitarbeiter, der hier hinter einer langen Theke stehen, unsere Rucksäcke entgegen, beklebt sie mit einem Stück Papier, auf dem eine Nummer steht, reicht uns ein kleines Stück Pappe, auf dem dieselbe Nummer steht und verstaut unser Gepäck in den unzähligen Regalen, die hinter ihm hoch bis zur Decke ragen.

Endlich treten wir schließlich hinaus aus dem Bahnhofsgewusel hinein in das warme Sonnenlicht. Endlich Florenz denke ich und sehe, wie Olaf seinen Reiseführer aufschlägt. Während wir die breite Straße überqueren, auf der sich unzählige Vehikel um das Bahnhofsgebäude bewegen, beginnt er genau an der Stelle zu lesen, an der die erste Markierung, ein abgerissenes Stück kariertes Papier, zwischen zwei Seiten klemmt. Sina hat sich bei ihm eingehängt, umklammert mit beiden Händen fest seinen Arm. „Der erste Platz, den man betritt, geht man vom Bahnhof aus über die Straße in Richtung des Flusses Arno, ist der Piazza Santa Maria Novella, der sich vor der gleichnamigen Klosteranlage aus dem 13. Jahrhundert erstreckt. Nach ihr ist auch der Florentiner Bahnhof benannt“, zitiert ihr Freund im Gehen seinen Führer. „Meinst du, dass es das hier ist, das Kloster?“, blicken Sinas schöne Augen auf das Gebäude hinter der mit schwarzen und weißen Marmor verkleidete Mauer, welche die zum Platz hin breiter werdende Gasse, auf der nur Fußgänger erlaubt sind, rechts von uns begrenzt. „Ja, das hier sind die Grabnischen der Klostermauer“, höre ich Olaf sagen, nachdem er noch einmal seinen Führer konsultiert hat. „Die mit Marmor verzierten Spitzbögen hier, das sind wohl die einzelnen Gräber.“

Kaum, dass wir ihn betreten, verliebe ich mich schon in ihn, diesen großen, weiten Platz, der von hier aus gesehen der erste im historischen Zentrum ist, dem historischen Zentrum dieser Stadt in der Toskana, welches man erst im vergangenen Jahr zum Weltkulturerbe erklärt hat. Beinahe still liegt er da, dieser unbebaute Ort mit seinen noch unbesetzte Bänken zwischen den liebevoll angelegten, kleinen Beeten in seiner Mitte und beinahe auch noch menschenleer ist er zu dieser frühen Stunde, sieht man von den wenigen, die zügig über ihn hinweg streben, unbeirrt, als wären sie auf dem Weg zur Arbeit, einmal ab. „Siehst du?“, blickt Olaf seine Freundin an, die noch immer an seinem Arm hängt. „Das ist die Kirche des Klosters!“ Schön, davor einmal Platz zu nehmen und sich die imposante Fassade genau anzusehen, finde ich, mit Blick auf die rechteckigen Fensterrahmen, die aus schwarzem und weißem Marmor nachgestellt worden sind und die oben in runden Bögen auslaufen. Schwarz und weiß reihen sich auch darum herum die vielen Marmorplatten aneinander. Nur um das Eingangsportal und an den Seiten an den Säulen wurde roter Marmor gewählt und oben, wo durch die Dachschrägen ein Dreieck entsteht hat man aus hellen Steinen eine Sonne eingelegt. Freundlich schaut ihr Gesicht zu uns hinunter, eingerahmt von ihren schlangenförmigen Strahlen. „Marmor“, kann Olaf seinem Reiseführer entnehmen, „wird in Carrara in der Toskana schon seit dem zweiten Jahrhundert vor Christi abgebaut.“

„Lass uns da doch mal nach einem Zimmer fragen“, schlägt Sina mit Blick auf das fünfstöckige Gebäude auf der anderen Seite vor, auf dessen Fassade „Hotele“ in großen Lettern geschrieben steht. An der Rezeption redet Olaf gleich auf Englisch los, obwohl er doch weiß, dass ich ein wenig Italienisch gelernt habe. Er habe nur noch zwei Doppelzimmer frei, erklärt uns der Hotelangestellte. Sechzig Mark, errechnen wir schnell, soll ein jedes kosten. Keine Wunder bei dieser exponierten Lag! Während Sina und Olaf ihr Namen und Adressen aufschreiben, beginne ich mich zu ärgern. Darüber, dass wir nicht wie verabredet alle auf einem Campingplatz schlafen werden, darüber, dass Olaf die Dinge in die Hand nimmt, ohne zu fragen, ob das für mich in Ordnung ist, aber vor allem auch darüber, dass ich die Kosten für eine Übernachtung immer alleine werde tragen müssen.

Der Domus Dei, auf den wir uns durch eine Gasse zubewegen, ist kaum auszumachen, so nah stehen die anstehenden Gebäude um ihn herum. „Die Kathedrale Santa Maria del Fiore, das Wahrzeichen der Stadt“, sagt Olaf, sagt sein Reiseführer. Sina und Olaf neben mir geben die perfekten Touristen ab. Ich aber beginne mich zu wundern. Wollen die beiden auf diese Weise wirklich für den Rest des Tages diese Stadt erkunden? Wollen sie tatsächlich nur von einer Sehenswürdigkeit zur anderen eilen, ohne einmal innezuhalten, das Leben in dieser Stadt ein wenig in sich aufzunehmen? Und warum haben sie mir vorgeschlagen, mit mir zusammen zu reisen, wo sie sich doch selbst schon genug zu sein scheinen, frage ich mich, als wir auf den scheinbar von allen Seiten mit weißen, roten, grünen und schwarzen Marmor verkleideten Prachtbau zugehen, und ich Olaf „mit einem Längsschiff von über hundertundfünfzig Metern Länge, das viertlängste Kirchenschiff Europas, dessen eigentliches Wunder seine Kuppel mit ihren fünfundvierzig Metern Durchmesser ist“ sagen höre. All das hat er schon einmal gelesen, wird mir klar, als er noch zu Hause war. Und er hat dabei, wie ich erkennen kann, das Wesentliche unterstrichen. Oder zumindest das, was er für das Wesentliche hält. Das, was er Sina zeigen, was er ihr unbedingt vorlesen will. Sogar die Route, auf der wir uns durch die Stadt bewegen sollen, hat er offensichtlich schon auf dem Stadtplan seines Reiseführers festgelegt, und in diesem Moment begreife ich, dass zwischen den Vorstellungen, die Sina und Olaf und ich vom Reisen haben, unendliche Welten liegen. "Ich denke, es ist besser, wenn ich ab jetzt alleine weitergehe", höre ich mich selbst da auch schon sagen, und muss mich einmal mehr wundern, denn Olaf und Sina stehen vor mir wie vor den Kopf geschlagen. „Wir hätten dich schon noch zum Campingplatz gebracht“, erklärt Olaf und „Willst du denn nicht in die Uffizien gehen?“, kann Sina mich nicht verstehen. „Vielleicht, Sina, vielleicht auch nicht. Jetzt aber möchte ich erst einmal diese Stadt sehen, herumgehen, einfach mal schauen, was kommt. Verstehst du das?“ Augenscheinlich aber versteht Sina es nicht. Wir konnten wohl auch beide nicht ahnen, dass wir so verschieden sind. „Und wenn wir uns später noch mal treffen?“, scheint Olaf sich auch ein bisschen für mich verantwortlich zu fühlen und mit Blick in sein gutmütiges Gesicht, seine ernsthaft besorgten Augen, ergebe ich mich. „OK. Heute Abend um sechs am Bahnhof!“, fällt mir nichts Besseres ein und ich spüre, wie sehr ich mir wünsche, die beiden mögen jetzt zufrieden sein. „Bei der Gepäckausgabe?“, versucht er wohl meinen Gedanken zu folgen. „Genau“, bestätige ich den beiden, „Und dann können wir ja vielleicht auch noch etwas zusammen machen“, klammert Sina sich noch fester an Olafs Arm. „Ja, mal schauen!“, hebe ich meine Hand zum Gruß und marschiere an Herrn Brunelleschi vorbei, der hier in Stein gemeißelt mit seinem Zirkel in der Hand auf seinem Hocker sitzt und auf die, wie ich nun von Olaf weiß, von ihm erdachte Kuppel blickt dort oben auf dem Dom.

Als ich weiter in Richtung Arno gehe, fühle ich mich plötzlich frei. Frei und unabhängig von jeglichen Plänen lasse ich mich durch die Gassen treiben, schaue mir die riesigen Skulpturen an, die auf einem großen Platz herumstehen, bestaune eine Kopie von Michelangelos David und beobachte die vielen Straßenkünstler, die hinter ihren kleinen Ausstellungstischchen und -regalen, die vor ihnen Sitzenden porträtieren und die Silhouette dieser schönen Stadt immer wieder aus den verschiedensten Perspektiven malen.

Auf einmal legt sich die Nacht über Florenz wie ein feines, dunkles Tuch und als hätten sie sich verabredet zum Einbruch der Dunkelheit, erscheinen plötzlich überall bunte Gestalten: Clowns, Zauberer, Straßenmusikanten. Schon haben sich die ersten Menschen im Halbkreis um sie formiert. Ein jeder möchte möglichst viel von dem, was ihm nun präsentiert wird, mit den Augen verfolgen können. Der eine jongliert, erst nur mit bunten Bällen, dann bringt er mit dem Fuß einen Kegel nach dem anderen in die fliegenden Bälle hinein. Der andere steht still, ganz still vor einer Wand. Hinter der dicken Schicht Farbe auf seinem Gesicht ist kaum mehr eine Mimik zu erkennen. Nur seine Augen bewegen sich, folgen den Menschen, die gehen. Bis diese Augen plötzlich ein Kind fixieren, es anstarren mit bösem Blick. Das Kind, ängstlich geworden ob der starrenden Augen, greift schnell nach Mutters Hand. Da löst sich die Gestalt plötzlich aus ihrer Starre und greift nach jemandem, der gerade erst an ihm vorbeigegangen ist. Einem, der sich darüber aufgeregt hat, dass der mit der Maske das Kind so erschreckt hat vielleicht. Von hinten angetippt, bleibt dieser so unverhofft Berührte erschrocken stehen, starrt nun seinerseits den maskierten Tipper an, während dieser ihm freundlich lächelnd die ausgestreckte Hand zum Drücken hinhält. Überall stehen sie nun, um die Leute zu amüsieren, stets den Hut, die Schachtel oder ähnliches neben sich, Behältnisse für ihren Lohn.

Auf einem kleinen Platz, der nicht mehr weit vom Bahnhof entfernt sein kann, steht ein junger Mann mit halblangen, dunklen Haaren auf einem winzigen Platz. An einem bunten Gurt schräg über seinen Schultern hängt eine Gitarre vor seinen Bauch. Den Koffer, in dem er sein Instrument transportieren kann, hat er vor seine Füße gelegt, den Deckel nicht zugeklappt. Unentschlossen schaue ich auf die vier, fünf jungen Leute, die sich vor dem Koffer im Schneidersitz auf den Boden niedergelassen haben. Der Straßenmusikant unterhält sich so angeregt mit einem von ihnen, dass er vergessen zu haben scheint, wozu er das Instrument in seinen Händen hält. Ich bleibe kurz stehen, warte, aber da nichts passiert, lasse ich mich von der Menschenmenge weiterschieben. Erst als ich schon in der angrenzenden Gasse bin, höre ich doch noch den Klang der Seiten. Gezupfte Töne, die schon kaum mehr wahrnehmbar sind durch die Geräuschkulisse, die mich umgibt. Sanft ertönt nun auch die Stimme des Musikanten mit einem mir bekannt vorkommenden, französischen Lied, wie ein zarter Ruf, dass ich bleiben möge. Ein wenig schüchtern lächelt mich der junge Mann mit der sanften Stimme an, als ich mich vor ihn zu den anderen setze. Die aufgerollte Isomatte, in welche ich meinen Schlafsack gestopft habe, lege ich neben mich. Auch der Straßenmusiker scheint nicht hier zu wohnen, spekuliere ich beim Anblick des kleinen Rucksacks, der hinter ihm an der Hauswand lehnt. Die zwei Mädchen rechts neben mir singen leise mit. Drei Späthippies haben sich mit dem Rücken an die Hauswand an der Seite gelehnt, wippen mit ihren Füßen zum Rhythmus hin und her. Sie machen den Eindruck, als würden sie hier leben, als wäre das ihr Stammplatz hier, ihr Draußen-Zuhause.

Mir fallen die Fotografien von den Zerstörungen ein, welche im II. Weltkrieg und bei dem Rückzug der Deutschen Wehrmacht 1944 in dieser schönen Stadt angerichtet worden waren. Ich hatte sie auf meinem Weg durch die Stadt gesehen. Schwarz-weiß sehe ich die Bilder von den Brücken vor mir, die in unzählige Teile gebrochen im Arno liegen und das Foto von dem Glockenturm, der einzig unversehrt in mitten von Trümmern steht, als hätte Gott seine Finger im Spiel gehabt. Wer hatte alle diese Fotographien wohl gemacht? Und wer war auf die Idee gekommen, sie in Passepartouts aus fester Pappe zu rahmen und sie den Touristen zwischen lauter alten Büchern zum Verkauf anzubieten? Diese Fotos waren mir wie Mahnmale vorgekommen. Mahnmale gegen den Faschismus, den Krieg, die Judenverfolgung. Mahnmale gegen all den Wahnsinn, den Menschen angerichtet haben vor nunmehr fast vierzig Jahren.

Gedankenverloren lausche ich der Stimme, die schon ein weiteres Lied angestimmt hat. Straßenmusiker gibt es ja viele. Dieser hier aber, finde ich, hat nicht nur eine selten schöne Stimme, er beherrscht sie auch wirklich perfekt. Kräftiger erklingt diese nun bei dem zweiten Lied, das er anstimmt, lauter. Das muss auch so sein, weil er die Seiten jetzt schlägt. Hinter uns bleiben die Menschen stehen, bilden eine schützende Wand um uns herum. Der letzte Akkord ist kaum verklungen, da applaudieren sie schon. Und einige, die weiter wollen, versuchen, sich zwischen uns Sitzenden hindurchzudrängeln, damit sie ein paar Münzen in den offenstehenden Gitarrenkoffer unsere Musikanten werfen können.

Der Platz zu eng, zu sehr Durchgangsort, als dass hier ein großes Publikum zusammenkommen könnte. Schade, fühle ich, denn dieser Musiker hätte ein paar mehr Zuhörer sehr wohl verdient. Schade auch, dass er hier in die Ecke gestellt nicht wie auf anderen Plätzen davon profitieren kann, dass die Töne von den mehrstöckigen Häuserfronten zurückgeworfen werden.

Von unten blicke ich in sein singendes Gesicht. Sanfte Züge hat der dunkelhaarige Mann, den ich mal auf um die zwanzig schätze. Und große, große Augen, wenn er mal seinen Kopf zu uns herunterneigt. Endlos scheint sein Repertoire zu sein, als hätte er sämtliche „Liederkisten“ komplett auswendig gelernt. Ob es die wohl auch in Italien gibt? Diese auf Umweltschutzpapier gedruckten Heftchen im DIN A5 Format, in denen sich stets eine große Auswahl an Liedern findet, handgeschrieben oft die Noten, die Texte dazu mit einer Schreibmaschine darunter getippt? „All, we are saying“, stimmen plötzlich viele Umstehende in den Refrain mit ein, ohne dass ich überhaupt mitbekommen habe, dass er dieses Stück gerade spielt. „Is give peace a chance!” Es klingt immer beeindruckend, wenn mehrere Menschen gemeinsam ihre Stimmen erheben, besonders aber an einem Ort draußen, der nicht explizit bestimmt ist dafür. Der junge Mann mit der Gitarre hat sie wohl gar nicht dazu aufgefordert, aber bei solchen Songs ergibt es sich eben. Mein Blick schweift durch die Menge hinauf zu den Menschen, die hinter mir stehen. Weiter oben sind in dem dunklen Himmel tatsächlich ein paar Sterne zu sehen. Ich beginne, leise mitzusingen, wann immer ich kann, wann immer ich den Text beherrsche.

Ein untersetzter Typ mit scheinbar endlos langen, dunklen Haaren, die er offen trägt und die, wenn er sitzt, den Boden berühren, spricht die, die um ihn herumsitzen, an, hält ihnen die offene Hand entgegen, wohl, damit sie etwas Geld hineinlegen. „For wine“, sehe ich das dunkelblonde Mädchen neben mir sagen, das schon die ganze Zeit mit ihren schmalen Fingern über die Hand und den Arm des Jungen streichelt, welcher sie liebevoll im Arm hält. Schon ist der Langhaarige aufgestanden und seine Hand kommt ganz nah an mich heran. Ich gebe ihm sämtliche Münzen, die ich in meinem Portemonnaie finden kann. Dafür bedankt sich der Langhaarige mit einem liebevollen Lächeln, bevor er seine Hand weiterwandern lässt von einem zum anderen. Ich schaue ihm nach, wie er in der gegenüberliegenden Gasse verschwindet. Gerade geschnitten ist seine Mähne, das kann man nun sehen, und sehr äußerst gepflegt.

Unser Musiker hat Texte in allen möglichen Sprachen im Kopf. Er kann sie singen, Strophe für Strophe, ohne sich zu verhaspeln, ohne dass es falsch klingt in meinen Ohren. Ob sie wohl braun sind diese großen Augen? Unmöglich bei diesen Lichtverhältnissen, das zu erkennen.

Vorsichtig zwängt sich der junge Mann mit den endlos langen Haaren durch die umherstehende Zuschauermenge an seinen Platz zurück, eine Flasche Rotwein in jeder Hand. Wo er wohl denjenigen gefunden hat, der ihm die Korken aus den Flaschen gezogen hat? Ein oder zwei Schlucke, dann wird er weiter gereicht, der Rotwein in den Flaschen, die keinen Korken mehr haben. Ich schaue in die Gesichter der jungen Leute, die um mich herum sitzen. Zwanzig sind wir hier wohl alle zusammen, von den Späthippies an der Wand mal abgesehen. Die sind gerade im Begriff, einen Joint zu bauen und amüsieren sich köstlich über etwas, was dabei scheinbar schief gegangen ist. Immer kühler wird die Luft, immer angenehmer. Auch das Gedränge hinter uns verringert sich langsam. Die Menge hinter uns löst sich auf, als auch der Straßenmusiker sich auf den Boden setzt und aufhört zu spielen, weil einer ihm eine der beiden Flaschen mit dem Rotwein hinhält.

So gut unser Musiker die vielen Sprachen singen kann, so schlecht spricht er sie aber wohl. Mit dem Englischen, gibt er uns lächelnd zu verstehen, sieht es besonders schlecht aus. Er nimmt dankend ein paar Schlucke von dem Wein, wechselt dazwischen ein paar Worte mit dem Mann mit den langen Haaren, der die Getränke besorgt hat und aus Spanien zu kommen scheint. Die Augen des Cantante leuchten, als er lacht und erneut an die Seiten seiner Gitarre greift. Aber er bleibt sitzen, als er das folgende Lied anstimmt. Nun ist er einer von uns geworden, empfinde ich, von denen, die hier auf den Boden sitzen aus aller Herren Länder und die Zeit vergessen hier durch seine Musik. Die Klänge der Gitarre, der Gesang, sie entführen mich in die Welt meiner Gedanken. Ich beginne zu träumen und spüre, wie müde ich bin. Die vielen Eindrücke, die ich gesammelt habe, während ich kreuz und quer durch die Stadt gelaufen bin, müssen erst noch verarbeitet werden, aber das Gefühl, in einem traumhaft schönen Ort zu sein, eingenommen von einer wunderbaren nächtlichen Stimmung, das wird sicher bleiben.

Ach, was gibt es doch für traurige italienische Lieder, fällt mir auf, als der Cantante eines anstimmt, welches sich die drei Hippies an der Wand inständig von ihm gewünscht haben. So wehmütig und voller Verlangen, das es mir fast ungeeignet scheint, dieses Lied, für einen öffentlichen Auftritt auf der Straße, aber wir sind ja jetzt auch unter uns.

Es sind wohl die letzten Gäste, die dem Kellner des Restaurants schräg gegenüber „Buona notte!“ wünschen. Dieser nutzt die Gelegenheit vor dem Restaurant eine Zigarette zu rauchen und lauscht dabei dem Gesang unseres Sängers. „Bravo!“, hören wir ihn rufen, bevor er wieder in das Restaurant hineingeht. Nur ein paar Minuten später aber erscheint er erneut und hält eine Espressotasse in der Hand. Anerkennend nickt er unserem Sänger zu, als er die kleine Tasse mit der Untertasse vorsichtig vor ihm auf dem Boden abstellt. Während er sich dann anschickt, die Tische und Stühle vor dem Restaurant so geräuschlos wie möglich zusammenzuräumen und dabei leise mitsingt, als das nächste Lied auf Italienisch ertönt, wird es zunehmend stiller in den Gassen um uns herum. Schon löscht der Kellner auch das Licht im Gastraum, schließt hörbar die Eingangstür ab und verschwindet „Buona notte!“ in der Nacht. Aufbruchsstimmung macht sich breit. Die drei Späthippies bedanken sich beim Cantante mit einer Verbeugung und schlendern davon. Der Musikant legt seine Gitarre in den Koffer, der nun schon seit einiger Zeit, ohne dass noch Münzen darin gelandet wären, an seiner Seite liegt.

„Weiß einer von euch einen Platz zum Schlafen?“, wendet er sich an einen der jungen Männer, der gerade aufgestanden ist, an das Pärchen, das den Abend über Arm in Arm neben mir gesessen hat, und an mich. Ich kann nur mit den Schultern zucken. Auch der Mann hat keine Idee und das Pärchen versteht den Cantante offensichtlich nicht. Ich gebe seine Frage auf Englisch an sie weiter. Sie hätten nicht weit von hier ein billiges Zimmer gefunden, erklärt das Mädchen mit den schmalen Fingern und dass es dort wohl keinen Nachtportier gibt, der dem Sänger jetzt noch ein Zimmer vermieten könnte, ihr Freund. Unsicher schaut unser Musiker von einem zum anderen, als hätte auch er die Zeit vergessen, als hätte auch er nicht daran gedacht, sich einen Platz zum Schlafen zu suchen, bevor er mit seiner Vorstellung begonnen hat. „Ich gehe zum Bahnhof“, lächle ich ihn verlegen an, überzeugt davon, dass man dort schlafen kann. „Bahnhof?“, kann er wohl kaum glauben und schaut unentschlossen erneut zu den anderen. Achselzuckend blicke ich in sein weiches Gesicht, wende mich um und gehe in die Nacht hinein. Etwas Besseres als den Bahnhof weiß ich halt nicht. Drei, vier Schritte habe ich getan, da sehe ich ihn plötzlich neben mir gehen, mit seinem kleinen Rucksack auf den Schultern, den Koffer mit der Gitarre in der Hand. Nun will er also doch mit, denke ich und weiß nicht, was ich sagen soll. Auch ihm fehlen wohl die passenden Worte und so gehen wir schweigend durch die fast menschenleeren Gassen auf das Gebäude des Bahnhofs zu. Es sind viele Menschen, die dort bereits in seiner Halle liegen, an der langen Seite gegenüber den Gleisen vor der Wand, vor den heruntergelassenen Gittern vor den Läden und vor den geschlossenen Durchgangstüren. Und auch um die Ecke herum, dort wo es zu den zurückversetzten Gleisen und den Toiletten geht, haben sich Reisende hingelegt. Die Rucksäcke vor oder neben sich schlafen die meisten schon oder haben sich zumindest eingekuschelt in ihren Decken und Schlafsäcken. Erleichtert bin ich, dass wir hier wirklich bleiben können und erleichtert, wenn auch ein wenig schüchtern, lächelt auch das Gesicht des Straßenmusikanten mich an. Gemeinsam rollen wir unsere Matten aus, dicht nebeneinander, dort wo eben noch Platz ist zwischen all den anderen für uns beide und seine Gitarre. „Buona notte!“, wünscht er, kaum, dass wir liegen und schaut mich kurz noch einmal an, bevor er sich umdreht zu seinem Instrument. Grün sind seine Augen. Dunkelgrün.

Ein Hüsteln hallt durch das hohe, halboffene Gebäude. Weiter hinten schnarcht jemand laut. Die Züge, die noch im Bahnhof stehen, sie werden die Nacht über bleiben. Ein kühler Windhauch weht von den Gleisen her an ihnen vorbei bis zu uns hin. Ich ziehe den Schlafsack bis hoch an die Nase, höre noch einmal die schöne Stimme des Mannes neben mir, die singt und schlummere selig ein.

2 Sehnsucht

Umso näher Lena ihrem Ziel kommt, desto mehr ergreifen die Zweifel Besitz von ihr, desto abstruser werden ihre Befürchtungen. Was, wenn Luca sie gar nicht wiedererkennt, fragt sie sich und muss dann lachen über sich selbst. Das ist nun wirklich Unsinn, Lena! Aber wenn er inzwischen eine Freundin hat? Nur die Vorstellung, er könne mit einem hübschen Mädchen hinten auf seiner Vespa drauf an ihr vorbeifahren, verursacht ihr schon echte körperliche Schmerzen. Und was, wenn er sie nicht mehr sehen will, für sich beschlossen hat, dass es keinen Sinn macht, eine Beziehung über diese Entfernung? Könnte sie ihn dann noch vom Gegenteil überzeugen, wo sie sich doch selbst nur zu gut darüber bewusst ist, wie weit das Neue Leben und Hamburg auseinanderliegen? Würde es reichen, ihm zu sagen, dass sie bereit wäre zu bleiben, sie sich nicht nur in ihn sondern auch seine Heimat verliebt hat? Lena weiß, dass es beinahe ausweglos ist für sie beide, eine Beziehung zu führen, aber sie ist eben auch so sehr von dem Wunsch erfüllt, Luca wiedersehen, dass sie an all diese Schwierigkeiten nicht denken mag. Für einen kurzen Moment flößt die Angst ihr den Gedanken ein, sie könne auch einfach weiterfahren. Hier an der Küste reihen sich schließlich unendlich viele Dörfer und Städte aneinander, an denen es Badestrände gibt, an denen man sich erholen kann. Absurd, all diese Gedanken, wird Lena bewusst. Warum ist sie nach Italien gefahren, wenn nicht, um Luca wiederzusehen? Sie wollte nicht am Strand rumliegen oder alte Städte besichtigen, alte Statuen bewundern und alte Kunst, auch wenn sie auch daran Gefallen finden kann. Die Sehnsucht, die Lena trieb, war die danach, erneut in Lucas Augen zu schauen, seine Nähe endlich wieder zu spüren. Wahrhaft lächeln wollte sie ihn sehen, dieses Lächeln, das ihr seit Wochen immer wieder vor Augen erschien, sobald sie diese schloss. Dieses Lächeln, das wusste Lena nun, hinter welchem Luca nicht selten auch einfach nur seine Schüchternheit verbarg.

Vertraut ist alles für sie, als sie sich mit dem Rucksack auf den Schultern auf den Weg durch das kleine Bahnhofsgebäude hinaus in die Stadt macht. Nur das Treiben in der Einkaufsstraße, die sie hinuntergeht, wirkt anders, als sie es in Erinnerung hat. Verlassener scheint die Allee mit ihren unzähligen Läden zu sein, unaufgeregter das Leben auf ihr. Müde geht Lena an den Schaufenstern entlang, vorbei an der Unterführung, über welche sie gerade erst mit dem Zug in die entgegengesetzte Richtung gefahren ist. Kühl ist es hier, spürt sie mit einem Mal, viel kühler als in dem Landesinneren, aus dem sie kommt. Dieser Ort, denkt Lena, liegt eben auch nicht geschützt in einer Ebene, dieser Ort liegt am Meer, am Wind. Und während sie diesem Meer immer näher kommt, das Salz dieses Meeres immer mehr die Luft erfüllt, traut sie sich kaum auf die Straße zu schauen, auf die Menschen um sie herum, so sehr wünscht sie sich, Luca käme auf sie zugefahren von hinten oder von vorn, und so sehr fürchtet sie sich auch, so sehr spürt sie ihre Aufregung, ihre Angst vor genau diesem Moment.

Auf ein weiches Bett freut sie sich jetzt, ein Zimmer für sich ganz allein, und auch darauf, den Besitzer der Pension, Herrn Bartonelli, wiederzusehen. Vor der Pension steckt sie ihre Hand durch das Gitter des Gartentors und drückt den Knopf, der dort von Innen am Schloss angebracht ist. Es klickt, doch es tut sich nicht auf, auch nicht, als Lena erneut darauf drückt und es dann noch ein weiteres Mal probiert. Sie klingelt, sie wartet, sie blickt hoch zur Tür. Nichts aber regt sich da in dem Haus vor ihr. Es scheint einfach niemand da zu sein, keine Gast und auch keine Gastgeber. „È chiuso!“, dringt eine rufende Stimme von der anderen Seite der Straße her an ihr Ohr und Lena entdeckt die Frau im Garten dort, die verneinende Handbewegungen macht. „Sie sind in den Urlaub gefahren“, kann Lena nicht glauben, was sie hört. Das kann doch jetzt wirklich nicht sein!

Das Hotel an der Ecke am Platz fällt ihr ein. Es wird unglaublich teuer sein, weiß sie genau, aber sie weiß eben auch nicht, wo sie sonst bleiben soll. Langsam geht sie die Straße unten am Meer entlang, als wolle sie noch einmal fühlen, ob sie die Nacht nicht doch vielleicht am Strand verbringen kann, dort irgendwo schlafen. Doch der Wind ist zu kräftig und zu kühl ist es jetzt schon am frühen Abend. Und ganz alleine im Dunkeln, das würde ihr, gesteht sie sich ein, dann auch etwas zu viel Angst machen wohl.

Zögerlich betritt Lena die Lobby durch die breite Tür aus blank poliertem Glas und Messing. Schmutzig kommt sie sich nach der langen Zugfahrt vor und unpassend gekleidet für dieses Viersternehotel ist sie als Rucksacktouristin ja sowieso. Auch heute steht eine junge Frau an der Rezeption, aber es ist nicht die, die sie schon kennt. Sie ist schön, diese Frau, findet Lena, und natürlich auch schick zurechtgemacht, wie es Pflicht ist in solch noblen Unterkünften, und was immer sie denkt über Lena, professionell genug ist sie auch, um es vor ihr zu verbergen. Freundlich lächelnd bietet sie ihr ein Einzelzimmer für, das kann Lena nunmehr ganz schnell errechnen, fünfundvierzig Mark an. Fünfundvierzig Mark für eine einzige Nacht, versteht sich. Morgen aber, tröstet Lena sich, kann sie in Ruhe suchen gehen, nach einer Unterkunft, die günstiger ist hoffentlich.

Lange lässt sie sich das warme Wasser über ihren Körper laufen, während sie sich schon auf die frisch gewaschenen Klamotten freut, die sie bereits aus ihrem Rucksack geholt und auf dem Bett zurechtgelegt hat. Kurz lässt sie sich auch auf die weiche Matratze fallen, schaut die weiße Zimmerdecke an. Das ist ein anderes Gefühl, als auf einer Isomatte zu liegen oder den Sitzpolstern eines Zuges, spürt ihr Körper angenehm. Wenn es dunkel ist, so wie jetzt bereits, fällt Lena auf der weichen Matratze ein, wird es schwieriger sein, Luca zu begegnen, ihn zu sehen. Dennoch geht sie noch einmal zum Meer hinunter, kauft sich ein Stück Pizza in die Hand und dreht eine Runde durch den Ort, immer zwischen der Hoffnung und der Angst, Luca würde wieder vor ihr stehen.

Als Lena am Morgen in ihrem teurer weichen Bett erwacht, dringt noch kein Licht durch das Fenster ihres kleinen Zimmers, doch sie ist so sehr von dem Gefühl eingenommen, ausgeschlafen zu sein, ausgeruht genug, dass sie nicht anders kann, als sofort aufzustehen. Heute, so spürt sie, ist sie bereit, heute kann sie Luca wiedersehen.

Zielstrebig überquert sie den Platz und betritt das kleine Café. „Dimi!“, sagt nicht die Frau, die sie vor einigen Wochen hier bedient hat und auch Martina sitzt weder vor noch im Café. Das jedoch erstaunt Lena wenig, denn es ist ja noch so früh. Deshalb lässt sie sich auch Zeit mit dem Frühstück, schaut auf den Platz, um den sich die Vehikel drehen und die Tage, die sie hier verbracht hat, sie kehren zurück zu ihr.

Wieder in ihrem Zimmer packt Lena ein paar Sachen zusammen, ein Buch, das Strandtuch, den Bikini. Dann macht sie sich auf den Weg. Die Sonne aber will noch nicht so recht hinter den Wolken hervorkommen, von denen es einige am Himmel gibt. Die Strandbuden und Läden, an denen sie vorbeigeht, sind nicht mehr voll besetzt von Jugendlichen und Kindern und wirken befremdlich leer. Es ist noch immer zu früh, denkt Lena, doch dann wird ihr endlich klar, dass nunmehr selbst in Italien die langen Ferien ein Ende gefunden haben werden. Die Mädchen und Jungen, die im Sommer hier rumgetobt haben, sie werden nun wieder zur Schulen gehen müssen.

Voller Hoffnung betritt sie das kleine Hotel, welches sie in einer schmalen Seitenstraße entdeckt, doch auch hier will man für ein einzelnes Zimmer knapp vierzig Mark pro Übernachtung haben. „Kennen sie vielleicht noch eine Pension, ein Hotel, das billiger ist?“, traut Lena sich den Rezeptionisten auf Italienisch zu fragen. „Ja, die Pensione Bartonelli!“, lächelt dieser die junge Deutsche voller Verständnis dafür an, dass eine junge Frau in Lenas Alter nicht so viel Geld haben kann. „Nein, die ist geschlossen“, weiß Lena aber leider schon. „Boooh!", was „Ich weiß nicht!“ oder „Keine Ahnung!“ oder auch „Frag mich doch nicht!“ im Italienischen heißt, fällt nun auch dem Hotelportier keine weiter günstige Unterkunft mehr ein. „Die Saison ist zu Ende. Da ist es schwer, noch ein Zimmer zu bekommen, da bleiben nur die wenigen Hotels.“ Saison, überlegt Lena, als sie das Hotel wieder verlässt, über so etwas hatte sie sich nun wirklich überhaupt keine Gedanken gemacht.

Ein wenig aufgewühlt ist das Meer, kräftiger auch der Wind, der es an den Strand spült. Die Saison ist zu Ende, hat Lena noch im Ohr und Italiener, scheint es, finden nichts mehr an ihren Meeren, sobald ein wenig mehr als ein Lüftchen dort bläst, sobald ihre Wasser Wellen schlagen, so wie sie das von den Meeren aus ihrer Heimat kennt. Den meisten hier schein der Strand nur als Zufluchtsort vor der kaum erträglichen Hitze, die im Sommer die engen Gassen in den Städten aufheizt, zu dienen. Sobald jedoch der erst Herbststurm aufkommt, gehen sie lieber woanders hin. Unvorstellbar beinahe für jeden, der aus dem Norden Europas kommt, meint Lena, ein Meer ohne Wind, ohne Brandung darin. Ein Meer, das geht einfach nicht, schüttelt sie den Kopf, ein Meer darf nicht wie ein Schwimmbecken sein und macht es sich daher im Sand gemütlich. Platz genug gibt es ja nun! Und natürlich schaut sie immer wieder zur Straße hin, hofft, sie möge Luca dort vorbeifahren sehen. Viel Verkehr jedoch herrscht auch dort nicht mehr verglichen mit dem in Juni. Die Menschen, sie scheinen zu wissen, dass es nicht mehr viel zu entdecken gibt hier, nun, da die bella stagione, die schöne Jahreszeit, auf ihr Ende zugeht. Luca wird sicher auch arbeiten müssen, überlegt Lena, bevor sie in das salzige Wasser eintaucht, welches die Wärme dieses heißesten Sommers, den es in diesem Jahrhundert gegeben haben soll in ganz Europa, noch immer in sich trägt. So wunderbar lässt es sich baden in diesem Meer, findet Lena, nun, da es ist nicht mehr voll ist mit Menschen. Mit dem Ende dieser Saison aber haben viele der Strandbuden, die weiter vom Zentrum des Ortes entfernt liegen, bereits ihre Pforten geschlossen, ihre Sonnenliegen und -schirme zusammengeräumt und fortgebracht und sogar einen Zaun um das Gebäude am Strand gezogen. Hier und da aber stehen sie noch symmetrisch in Reihen nebeneinander aufgestellt, immer links und rechts neben den noch zugeklappten Sonnenschirmen, die azurblauen zusammenklappbaren Sonnenbetten. Und nach und nach erscheinen dann auch tatsächlich noch ein paar Sonnenhungrige, beobachtet das deutsche Mädchen, die diese Liegen und die freien Strandabschnitte zwischen ihnen belegen und auch die Strandbars, die noch offen haben, füllen sich noch einmal mit sanftem Leben. Nach einem Cappuccino in einer von diesen, macht sie sich wieder auf den Weg, streift durch den Ort, geht mal hier lang, mal dort, voller Hoffnung, sie möge Luca begegnen, irgendwie aufgeregt unentwegt. Und auch jetzt schaut sie wieder zum Café über den Platz hinüber, ob sie Martina dort entdecken kann. Die Stühle dort aber sind unbesetzt und auch im Café selbst scheint es keinen Kunden zu geben.

Ein heftiges Gefühl von Einsamkeit überkommt Lena, kaum dass sie auf ihrem frisch bezogenen Bett sitzt. Überall im Ort spürt man so sehr, dass es auf Ende September zugeht, dass es Herbst wird jetzt. Und Luca, er scheint einfach verschwunden zu sein, irgendwie endlos weit fort.

Am Nachmittag macht sich Lena daher auf und sucht das Haus, in welches sie Luca vor wenigen Wochen erst auf seinem Vespa-Roller gebracht hatte. Überrascht ist sie, denn sie findet es schnell. Es steht aber keine grüne Biene davor oder daneben und auch kein blauer Roller. Trotzdem ist Lena sich sicher, dass sie bei diesem Gebäude richtig ist und so steht sie davor und horcht in sich, ob sie nicht doch genug Mut aufbringen kann um zu klingeln. Ein wenig Italienisch spricht sie jetzt doch! Es ist aber gar nicht so sehr die Angst davor, sich nicht verständigen zu können, die Lena so hemmt. Es ist die Angst, vielleicht zu erfahren, dass Luca sie nicht wiedersehen will. So nimmt sie das Briefchen, welches sie Luca geschrieben hat, steckt es in den Kasten, der am Gitterzaun hängt und schlendert zum Meer hinunter und von dort zurück in den Ort.

Ein Vorteil, der sich für Lena daraus ergibt, dass die Urlaubszeit hier bereits geendet hat ist, dass niemand im Hotel danach fragt, wie lange sie bleiben wird. Zwei weitere Nächte noch kann sie sich leisten, dann aber wird es eng. Oder anders gesagt: Es fallen Lena tausend Dinge ein, für welche sie das viele Geld wesentlich dringender benötigen würde. So viel dringender, dass es ihr wie eine Verschwendung vorkommt, einen so hohen Preis nur für eine Unterkunft zu zahlen. Immer wieder schlendert sie daher durch die Straßen des Ortes und überlegt sogar, hoch in die Hügel zur Ruine zu gehen. Doch der Weg dorthin ist weit, das weiß sie. Und auch, dass ihn schon einmal nicht gefunden hat. Niemand begegnet ihr, den sie kennt oder der ihr zumindest bekannt vorkommt, nicht auf ihren Spaziergängen durch den Ort und auch nicht am Strand. Es ist, als seien mit dem Ende der Saison auch all die Menschen verschwunden, die sie hier erst vor weniger als drei Monaten nach und nach kennen gelernt hat.

Immer wieder kehrt Lena auch zurück in ihr Hotel, fragt an der Rezeption, ob sich jemand nach ihr erkundigt, ihr eine Nachricht hinterlassen hat. Nein, schütteln die uniformierten Frauen und Männer vor der Wand, an der die golden glänzenden Zimmerschlüssel baumeln, nur immer wieder ihr Haupt. Ob überhaupt jemand ihr Schreiben im Briefkasten gefunden hat? Es weitergegeben hat an Luca? Und was, wenn er sie tatsächlich nicht sehen will, kommen ihr wieder die Zweifel. Ja, was, wenn er sich gerade viel Mühe gibt, ihr nicht zu begegnen hier in seinem Heimatort? Sie hätte ihm von zu Hause aus schreiben sollen, dass sie kommen wird, meint sie einmal wieder. Aber so ein Brief, hatte sie sich noch in Deutschland überlegt, hätte ihn eh nicht rechtzeitig erreicht, so kurzfristig, wie sie sich entschieden, wie sich alles ergeben hatte. Aber warum hatte er ihr denn auch nicht geschrieben, in all diesen Wochen, die vergangen waren, seitdem sie hier zusammen gewesen waren? Nicht ein einziges Wort!

So bedrückend werden all diese Fragen am Morgen des dritten Tages, die immer und immer wiederkehren in Lenas Kopf, so bedrückend, dass sie nur noch fliehen mag, ganz weit weg von ihnen. Ich sollte nach Perugia fahren, findet sie, denn ihr Gefühl sagt ihr eben auch schon die ganze Zeit, dass sie Luca sicher begegnet wäre, wäre er denn tatsächlich hier im Ort. Und so, wie sie ihn kennen gelernt hatte, würde er eine Nachricht von ihr auch nicht einfach ignorieren. In Perugia aber wird es sicher eine Jugendherberge geben, einen Ort, der viel günstiger ist, als ihr Hotel hier. Einen Ort aber auch, an dem sie andere Menschen treffen kann, sich nicht mehr so alleine fühlen wird, wie hier in diesen Tagen. Und da es auch nicht weit ist von hier bis in diese Stadt, kann sie ja auf dem Rückweg vielleicht auch noch einmal hier vorbeikommen, mit Mut genug vielleicht ja auch, um am Haus von Lucas Eltern zu klingeln.

3 Der falsche Zug

Ich Dösch bin doch tatsächlich in den falschen Zug gestiegen! Wäre der Schaffner nicht so schnell gekommen und hätte er sich meine Fahrkarte nicht so ausführlich angesehen, ich würde wohl noch immer in die falsche Richtung fahren. Nun bin ich also wieder dort, wo ich vorhin schon war, um die paar Mark ärmer für die Rückfahrt von dort, wo ich nicht hingewollt habe. Aber wenigstens hat mein Ticket nach Perugia jetzt nicht auch noch seine Gültigkeit verloren. Doof nur, dass der nächste Zug erst irgendwas vor neun heute Abend fährt! Und das ja auch erst mal nur bis Foligno. Ich werde also sicher erst spät ankommen in Perugia.

Nun aber heißt es erst einmal wieder warten. Einen Cappuccino habe ich schon getrunken, direkt hier in der Bahnhofsbar, im Stehen, wie das eben alle hier machen, den schweren Rucksack neben mir. Beeindruckend die meterlange Theke aus altem, ausgedunkelten Holz, die sich von der Tür direkt am Gleis durch die gesamte Bar zieht bis zu den Türen zur Straße hin. Das sind bestimmt über zehn Meter.

Warten! Zeit totschlagen. Es lohnt sich nicht, noch einmal in die Stadt an der Adria zu gehen und ich habe sie auch schon gesehen. Was also soll ich anderes machen, als mich mitten in der endlos hohen Bahnhofshalle auf der ausgesessenen, alten Holzbank niederzulassen? Hier kann man sich sogar richtig schön zurücklehnen, denn die hölzerne Lehne, welche die Sitzflächen zu beiden Seiten trennt, ist wahrlich hoch genug, um zu verhindern, dass man mit Hinterköpfen zusammenprallt, wenn zwei Rücken an Rücken zu beiden Seiten Platz nehmen. Die hohen, schweren, halb verglasten Schwingtüren hinter mir, durch die man auf die Gleise gelangt, stehen halb offen. Die vor mir, wo es gleich eine ganze Front aus eben solchen endlos hohen, schweren Metalltüren zur Straße hin gibt, sind ständig in Bewegung. Menschen kommen und gehen, eilen von Tür zu Tür, kaufen Zeitschriften, Zigaretten, Zeitungen oder kleine Süßigkeiten an dem Kiosk rechts von mir. Sie recken ihre Hälse zu der Anzeigentafel hinauf, die der Höhe der Halle geschuldet, weit oben an der Wand über dem Kiosk Auskunft gibt über die Züge, die von hier fahren und auch über das geplante Wann. Klackerklackerklack werden die Zahlen und Buchstaben der Anzeige verändert. Klackklack Klackerdiklack klappen die beschrifteten Holzkarten so lange von oben nach unten, bis sich die gewünschten Zeichen eingestellt haben. Manchmal braucht es viele Klackerklacks, bis aus den einzelnen Schriftzeichen nebeneinander ein Ganzes, ein Sinnvolles entsteht. Die einen klappern länger, die anderen brauchen weniger Zeit.

Es sind immer die gleichen Geräusche, fällt mir auf. Immer die gleichen Geräusche, die man unentwegt hört, ob in den Hallen, auf den Gleisen oder im Zug.

Klackerdiklack. Klack. Klack.

Menschen gehen mit großen Koffern und mit kleinen, mit schweren, wie sich aus ihrer Körperhaltung schließen lässt, und mit leichten. Sie tragen Taschen, Beutel und nicht selten auch Rucksäcke auf ihren Schultern. Ich vertreibe mir meine Zeit, indem ich mir ausmale, wo diese Menschen wohl herkommen und wohin es sie wohl treibt. Bei denen im Anzug mit Aktenkoffer ist das keine große Herausforderung. Bei anderen lässt es sich aber nicht so leicht erraten, schick angezogen, wie manche sind und ganz sicher auch parfümiert. Wie die Frau dort, viel zu aufgedonnert, um gerade aus dem Büro zu kommen! Wohin will sie? Was ist ihr Ziel? Und wohin reisen wohl die da hinten in ihrer lässigen, aber sehr modischen Freizeitkleidung?

Attenzione! Attenzione!, hallt die Durchsage von den Gleisen her durch die offenen Schwingtüren in das Bahnhofsgebäude. „Attenzione! Attenzione!“

Auffällig der, der hastig durch die große Tür beim Kiosk in die Halle kommt. Schaut sich ständig um, ohne stehen zu bleiben und durchquert so die Halle im schnellen Schritt. Verschwindet für einen Moment auf den Gleisen und kommt schon wieder hastig in die Halle zurück, läuft erneut durch sie hindurch, ständig um sich blickend, als würde er irgendetwas, irgendjemanden suchen. Schlank ist er und jung. So alt wie ich vielleicht. Auf jeden Fall etwas länger, also größer meine ich, für italienische Verhältnisse zumindest, mit angesagtem Vokuhila-Schnitt, das Haar vorne fransig und nicht zu kurz nach oben gestylt, das hinten nicht zu lang und glatt. Kurz vor den meterhohen Türen zur Straße hin spricht er einen Mann im Pullover an. Der kramt erst in seiner Hosentasche und hält ihm dann eine Schachtel hin, aus welcher sich der mit dem modernen Haarschnitt eine Zigarette nimmt. Die steckt er zwischen seine Lippen, bevor er auch schon wieder durch den Ausgang zur Straße hin verschwunden ist.

Nun sind da wieder nur ganz normale Menschen. Menschen, die in der Halle stehen und sich von anderen verabschieden. Menschen, die mich mit offenen Blicken kurz anschauen und Menschen, die nur mit sich selbst beschäftigt sind. Menschen, die mehr oder weniger geduldig in der Schlange vor den Fahrkartenschaltern links von mir warten, dort immer wieder ein Stück vorrücken, sobald eine Person vom Personal hinter den Glasscheiben abgefertigt worden ist. Menschen, die Koffer vor sich herschieben, mit ihrer Reisebegleitung schwatzen, nach Geld, Papieren oder sonst etwas in ihren Taschen kramen.

Klackklack, klackerdiklack.

Ein kühler Luftzug zieht durch die Halle von offener Tür zu offener Tür. Ich pule meine dünne Sweatjacke aus dem Rucksack und streife sie über mein T-Shirt. Mein Blick gleitet erneut auf die riesigen Zeiger an der Wand weit über mir. Der große aber steht dort, wo er eben schon war oder höchstens einen Zentimeter weiter. Warten! Zeit totschlagen. So viel Zeit, die man beim Reisen damit verbringt, auf irgendetwas zu warten! So viel Zeit, denke ich, als mein Blick von den langen Zeigern dort oben zurück hinunter zu den Menschen in der Halle fällt. Der kommt echt direkt auf mich zu, erschrecke ich. Hastig. Noch immer genau so hastig wie eben bereits, so dass ich plötzlich schmunzeln muss. Mit leicht zusammengekniffenen Augen fixiert er mich mit seinem Blick, eilt weiter in meine Richtung und sitzt auch schon neben mir. „Ha una sigaretta?“ Du hast doch grad erst geraucht, denke ich. “No, solo tabacco.” - “Parla Italiano?“, bezweifelt sein Blick. Aber er siezt mich! „No, non così bene. Solo un po`”, reiche ich ihm meinen Tabakbeutel. „Dalla Germania?“, bedankt er sich mit einem kurzen Nicken. „Sì”, nicke ich. “English?” Was genau will er jetzt? „No, tedesca“, erkläre ich erneut, dass ich aus Deutschland komme. Nett, wie er jetzt lacht, so in den Tabakbeutel hinein. „But you speak English?“, grinst er und zieht eines der Blättchen aus dem Päckchen heraus, welches im Tabakbeutel gesteckt hat. „Ja! Vielleicht besser!“ Das Blättchen mit dem Tabak darauf in beiden Händen haltend, fragt mich sein Blick, ob ich vielleicht bescheuert bin. „Also ja“, lache ich, „Ich spreche Englisch.“ Zufrieden nickt er jetzt, während seine Zungenspitze über den Kleberand des dünnen, weißen Papierblättchens gleitet. Schon steckt die Zigarette zwischen seinen schmalen Lippen. „Wie kommst du darauf, dass ich aus Deutschland bin?“, würde ich aber jetzt schon gerne wissen. „Ah, einfach!“, fliegt seine rechte Hand nach oben in die Luft. „Die Haare!“ zeigt sie nun auf diese, „der Rucksack, dein Gesicht!“ -„Mein Gesicht?“ Er grinst, zuckt die Schultern, hat eh nur geraten, denke ich. „Alle jungen Leute bei euch im Land rauchen Tabak, oder nicht?“, grinst er weiter mit der Zigarette zwischen den Lippen, während er das Blättchenpäckchen zurück in den Tabakbeutel steckt, ihn nicht wieder richtig verschließt und mir reicht, als wolle er nichts mehr zu tun haben damit. „Weil Tabak in Deutschland viel billiger ist, als Filterzigaretten“, erkläre ich. „Ah sì? Hier nicht!“, hat er sich schon die Zigarette angesteckt. Ein Feuerzeug also besitzt er. Und ganz plötzlich wirkt er vollkommen abwesend. Schmales, eher längliches Gesicht, schwarze, buschige, sehr lange Augenbrauen, große Nase, stelle ich fest. Haben irgendwie viele hier in Italien, denke ich, eine große Nase. „Wohin fährst du?“, erwacht er plötzlich aus seiner Versunkenheit auf Englisch mit starkem italienischen Akzent, so dass ich seine Worte kaum verstehe. „Perugia.“ - „Ah! Mit dem Zug nach Rom?“ - “Ja!”, zunächst schon. „Den nehm` ich auch. Hat Verspätung das Ding! Wunderbar unsere italienische Bahn!“ - „Verspätung?“ - „Ja, steht dran. Bei den Gleisen. Mindestens `ne Stunde! Und `ne Stunde heißt in Italien zwei oder drei“, behauptet er sehr überzeugt und zu meinem Leidwesen. Noch mehr Zeit! Und wenn ich dann keinen Anschlusszug nach Perugia mehr kriege?

„Komm! Lass uns was trinken gehen!“, schlägt er vor, mit dem Kopf in Richtung Ausgang weisend. „Wo?“ erkundige ich mich lieber, bevor ich mich ihm anschließe. „Drüben, gegenüber vom Bahnhof ist eine Bar.“ Er steht schon, lächelt, nimmt einen tiefen Zug und tritt zappelig von einem Bein aufs andere, während ich mir die Träger meines Rucksacks über die Schultern streife. „Schwer?“- „Geht so!“, untertreibe ich. „Sieht es so aus?“ - „Beh, sì!“ (Na ja, ja!) und er eilt voraus in Richtung Straße. „Tut mir leid“, wendet er sich mir dort unvermittelt zu und tritt nah an mich heran, was ich, so spüre ich, nicht unangenehm finde. „Bin grad echt nicht so gut drauf.“ - „Warum?“ frage ich und ernte Schweigen, als wir die breite Straße überqueren, ohne auf die Zeichen der Ampeln zu achten. „Beh, hatte Stress!“ - „Ok. Warum? Mit wem?“ - „Beh, meinen Eltern“, hält er mir die Tür zu Bar auf und zieht mich leicht am Arm zur Theke hin. „Wein?“ Ich nicke. „Rot?“ Auch das! Der Mann hinter der Theke beäugt ihn skeptisch. Mit seiner Schürze steht er hier bestimmt Tag und Nacht, hier in seinem Reich, seiner Bar, und das sicher schon seit Jahren. Genau genommen müsste er ja aber mich schräg anschauen, finde ich, so wie ich hier sitze, mit meinen Schlapperklammotten, ohne Make-up, eben überhaupt nicht zurechtgemacht. Mein neuer Begleiter hingegen ist doch ganz gut gekleidet mit seiner kurzen weißen Sommerjacke, dem hellen beschen Hemd und dem weißen T-Shirt darunter. Aber vielleicht ist es genau das, was ihn skeptisch macht, dass so einer mit so einer wie mir hier auftaucht.

“Salute!“, halten die langen Finger meiner neuen Bekanntschaft mir sein Glas entgegen. „Salute!“, stoße ich mit meinem Glas daran. Schön sind die, finde ich, diese, seine Finger. „Von wo aus Deutschland bist du?“, will er wissen, scheinbar nicht in der Laune, weiter über den Stress mit seinen Eltern zu reden. „Und was machst du hier in Italien? Rumreisen?“, schlussfolgert er sicher aus der Tatsache, dass ich mit einem Rucksack unterwegs bin und ich nicke. „Und was hast du gesehen bisher?“ - „Ich war in Florenz. Jetzt hier...“, versuche ich wenigstens die letzte seiner Fragen zu beantworten, bevor ihm wieder eine neue einfällt. „Und gefällt dir dieses Land?“, erkundigt er sich, als hätte er selbst rein gar nichts mit diesem Land, in dem er ja wohl selbst lebt, zu tun. „Ja, sehr!“, ist meine ehrliche Antwort. „Hm“, macht er mal wieder. Unklar, was genau er mir damit sagen will. Immer wieder begegnen sich unserer Blicke, aber er lässt mich nie länger als ein, zwei Sekunden lang in seine Augen schauen. Dabei wirkt er nicht unbedingt schüchtern und nunmehr auch schon ein wenig ruhiger als vorhin. Kleine Augen. Grün. Und flink. Kleine, grünbraune Augen, die flink umherschauen, als wollten sie stets alles um sie herum mit wenigen Blicken erfassen. „Hast du Geschwister?“ Wie er jetzt wohl auf diese Frage kommt? „Ja, einen Bruder.“ - „Ah, sí, ich auch. Älter?“ – „Nein, zwei Jahre jünger.“ - „Beh, wie bei mir.“ Er stürzt den Wein hinunter, bestellt gleich noch zwei Gläser, verlangt Wasser dazu. Wieder erntet er einen skeptischen, ja fast schon abfälligen Blick des Mannes hinter der Theke. Ich will auch gar nicht noch ein Glas, aber er fragt ja nicht. Er wird es schon auch noch hinunterkippen, denke ich mir amüsiert und trinke weiter vom Inhalt meines ersten. „Also hast du Ferien?“, wechselt er erneut das Thema. „Nein, Ferien habe ich nicht mehr.“ -„Dann arbeitest du?“, schlussfolgert er richtig und das klingt nach: Arbeitest du etwa? Lachend nicke ich diesmal. „Wie alt bist du?“, hat er wohl gedacht, ich sei jünger und würde noch zur Schule gehen. „Achtzehn. Und du?“ - „Achtzehn? Ah, du bist noch jung!“ findet er, doch mir scheint, da war ein wenig Ironie mit im Spiel. „Ja, ja, und du?“, nehme ich seinen Ausspruch daher auch nicht so ernst. „Einundzwanzig“, verkündet er so, als wäre ihm das schon viel zu alt. „Ja“, betone ich anerkennend, „da bist du ja wirklich viel älter als ich!“, und freue mich über sein Lächeln. „Also, womit verdienst du dein Geld?“, will er nun doch sehr neugierig wissen und da meine Antwort ihm wieder einmal nicht schnell genug kommt, beginnt er zu raten. „Du machst was mit Kindern!“, versucht er meinem Gesicht zu entnehmen. „Im Kindergarten oder als Lehrerin?“ - „Nein!“ Da hat er etwas in meinem Gesicht missverstanden. „Sekretärin?“, grinst er mich an. „Findest du, ich sehe so aus?“, grinse ich zurück. „OK. Also Hausfrau von zwei Kindern?“ Ach, er gibt schon auf! „Genau!“, bestätige ich ihm und halte ihm mein Glas hin, damit er anstoßen kann daran. „Ich habe die Schule geschmissen, ein Jahr vor dem Abitur“, verrate ich ihm dann gespannt auf seine Reaktion. „Mit achtzehn? Da ist man doch fertig!“, kann er zunächst nicht verstehen. „Ach nein“, erklärt er sich dann aber selber. „Bei euch dauert die Schule bis zum Abitur ja ein Jahr länger als im Rest der Welt.“ Das als weiß er, woher auch immer. „Aber du? Geschmissen?“, traut er mir das wohl nicht zu. „Man, dann haben wir ja etwas gemeinsam. Und jetzt?“- „Verkaufe ich Bücher“, grinse ich. „Echt! Siehst gar nicht so aus!“, meint er es diesmal erstaunlich ernst. „Weil?“, muss ich lachen. „Na, Brille und so“, scherzt er und wird dann nachdenklicher. „Ja, so stelle ich mir Buchhändler vor. Immer in ihre Bücher vertieft“, und dann ergänzt er nach kurzer Überlegung, als müsse er sich selbst noch davon überzeugen, „Na klar! Von morgens bis abends, egal, wo sie sind. Nicht? Immer in so anderen Welten versunken. Du aber bist so nicht! Du bist offen!“ - „Offen?“ Was meint er damit? - „Na, offen, eh!“, will er nicht glauben, dass ich nicht weiß, was er damit sagen will. „Also, als ich dich da im Bahnhof sah, wusste ich sofort, dass ich dich ansprechen kann, verstehst du? Ah, und du hast nicht gelesen!“, triumphiert er. Schön, mit ihm zu lachen. Nichts mehr von dieser unglaublichen Hastigkeit. „Ich dachte wirklich, dass Leute die Bücher verkaufen immer lesen, immer mit der Nase in einem Buch stecken“, sagt er nun wie zur Entschuldigung und tut so, als würde er die seine, die große, ganz tief in eines hineinstecken. „Ach nein, das denkst du nur. Und außerdem verkaufe ich sie ja auch nur. Als Job, um Geld zu verdienen“, erkläre ich ihm. „Hm“, ist er aber noch immer nicht überzeugt oder hat meine letzten Worte vielleicht auch nicht verstanden. „Also, warum hast du nicht gelesen, als du gewartet hast?“ - „Na, ich habe Urlaub!“, finde ich und wir lachen wieder.

Schön, dass er meine Ironie versteht, freue ich mich, obwohl wir beide nun wahrlich nicht perfekt Englisch sprechen. Nur manche Sätze gelingen schnell und ohne Überlegung. Immer wieder müssen wir beide auch nach passenden Vokabeln suchen, beziehungsweise den treffenden Umschreibungen für sie. So aber ist es fair, was, würden wir Italienisch reden, ganz anders wäre. Auch zeigt mir, dass er nun lacht, dass man diese Form des feinen, aber verdeckten Spottes nicht nur an der Wahl der Worte erkennen kann, sondern eben häufig schon an der Betonung, mit welcher solch ironische Bemerkungen geäußert werden sowie auch an dem Ausdruck des Gesichtes, der mit diesen Äußerungen einhergeht.

Einen Moment lang schaut der junge Mann neben mir mich nun an und hat plötzlich direkt etwas Sanftes, etwas Weiches an sich. „Und du?“, hoffe ich, dass ich jetzt nicht raten muss. „Ich?“, winkt er ab. „Ich habe angefangen zu studieren. In Macerata. Kennst du die Stadt?“ – „Die ist quasi schon in den Bergen in den Marchen, nicht?“, meine ich. „Dort gibt es eine der ältesten Universitäten Europas“, nickt er „Weißt du?“ Nein, ich weiß nicht! „Gegründet im Jahr 1290 nach Christi, eh!“ Ich hoffe, er sieht Anerkennung in meinem Gesicht! „Und was studierst du da?“, will ich natürlich wissen. Er hebt einen Zeigefinger und bewegt ihn hin und her, während er mit der anderen Hand das Glas vom Mund zurück auf die Theke stellt. „Ich hab` doch gesagt, wir haben was gemeinsam. Ich habe es abgebrochen, wie du. Rechtswissenschaften! Maah (abweisend), das ist nicht mein Ding!“ – „Echt nicht?“, kann ich das gar nicht nachvollziehen. „Da könntest du doch die Welt ein wenig besser machen, wenn du später Anwalt oder Richter wirst.“ – „Tsss!“, macht er und schaut mich fast höhnisch an. „Glaubst du daran? Glaubst du daran, dass das Recht auch gerecht ist? Daran, dass man als Anwalt oder Richter tatsächlich Gerechtigkeit schaffen kann? Ich nicht!“, untermauert er das Gesagt mit einem vehementen Abwinken seiner freien Hand. „Aber warum hast du dann überhaupt mit diesem Studium angefangen?“, muss ich mich da ja wohl wundern. „Beh“, verzieht sich sein Gesicht „etwas anderes hätten meine Eltern niemals zugelassen! Und wenn es nach ihnen geht, dann müsste ich mich auch auf Wirtschaftsrecht spezialisieren. Verstehst du?“ Nicht so ganz, schaue ich ihn fragend an. „Na, die Reichen vertreten, damit sie noch reicher werden. Hältst du das etwa für gerecht?“ So, wie er es formuliert, sicher nicht.

Und dann scheint er diese Welt wieder für einen Moment zu verlassen, vollkommen abwesend zu sein. Ging es also wohl darum in dem Streit, über den er nicht sprechen mag. „Und was interessiert dich?“, versuche ich ihn von seinen trüben Gedanken abzulenken. „Booh“, beginnt er wie so oft und wie so viele Italiener seinen Satz erneut mit einem von diesen Lauten. Diesen Lauten, die wie die Zeichen, die sie mit den Händen machen, alle eine Bedeutung haben, die jedoch, je nach Zusammenhang, auch variieren kann. „Also“, meint er in diesem Fall, „Musik. Ja, vielleicht sollte ich etwas mit Musik machen!“, scheint er kurz zu überlegen „Ah, ich kann nur Punk in ein Mikro schreien!“ nimmt er sich selbst aber gleich wieder zurück. „Weißt du, ich habe nie irgendwas spielen gelernt. Ist auch so typisch für meine Eltern!“ Ich glaube nicht, dass er für die Seinen, wie man seine Familie im Italienischen nennt, heute noch ein gutes Wort finden wird. „Sieh mal! Sie haben echt viel Geld. Wenn man Geld hat und Kinder, dann sollte man sie doch fördern, nicht? Sie sollten ein Instrument spielen lernen, vielleicht auch zwei. Sie sollten zeichnen lernen, malen, singen, was weiß ich!“ klingt das, was er da gerade von sich gibt, in meinen Ohren nicht verkehrt. „Aber nichts!“, empört er sich. „Nichts Kreatives!“, verzieht er sein Gesicht und äfft wohl die Stimme seines Vaters nach: “Junge, damit kann man doch kein Geld verdienen!“

Seinen Wein hat er ausgetrunken. Gespannt warte ich, ob er sich an meinem zweiten Glas zu schaffen machen wird. Aber er greift tatsächlich zu dem seinen mit dem Wasser darin, das vor ihm auf dem Tresen steht. „Du musst das doch wissen. Du liest den ganzen Tag. Kinder muss man doch fördern, oder? Und ihnen nicht immer nur erzählen, womit man Geld verdienen kann!“ Er kann sehr ausgiebig mit dem Kopf schütteln, hin und her. Was soll ich groß sagen? Sicher wäre das schön, wünschenswert. „Und dann wundern sie sich, wenn der Sohn voll auf Punk steht. Kommt doch davon!“ Na ja! Das ist auch eine mögliche Erklärung für diesen Musikgeschmack. Komisch nur, dass er so gar nicht so aussieht, als würde er auf diese Art von Musik abfahren. „Und du?“, weiß ich mal wieder nicht, was er von mir will. „Ich? Punk, meinst du?“ und sehe seine Nicken. „Ja, auch ok.!“ - „Aber lieber magst du Rock oder Pop, nicht wahr?“ Genau das meine ich! Es kann ganz sanft sein, dieses Lächeln von ihm, ohne jegliche Spur von Argwohn, Sarkasmus oder ähnlichem.

„Wir sehen uns gleich!“, wirft er mir schon im Weggehen begriffen zu, als wir aus der Bar in die dunkle Nacht hineintreten. Was hat er jetzt vor, frage ich mich und schaue ihm nach. Wie auch immer, ich muss jetzt nicht auch noch diesen Zug verpassen, finde ich, und versuche auf die andere Straßenseite zu gelangen. Die beiden Gläser Wein habe ich am Ende tatsächlich ausgetrunken. Genug für mich nach einem Tag wie heute um gut beduselt zu sein.

Attenzione, attenzione!

Mein Zug ist nicht in Sicht, sofern ich mich denn hier überhaupt auf dem richtigen Gleis befinde. Vielleicht sollte ich noch mal in der Halle nachschauen, jemanden fragen? Ach nein, brauche ich nicht. Er kommt schon die Stufen hinauf, eine Flasche Wein in der Hand. „Wie viele Liter sind das?“, wundere ich mich über ihre Größe. „Zwei, glaube ich“, schaut er auf das Etikett hinten drauf. Sie ist geöffnet, sehe ich jetzt, der Korken schaut aus dem Hals heraus. „Nein, es sind nur eineinhalb!“ Wir lachen wieder. Seine kleinen, flinken grünbraunen Augen leuchten durch die Nacht, als ich seinen freien Arm spüre, der sich langsam über meine Schulter um meinen Nacken legt und mich vorsichtig an ihn zieht. Er ist tatsächlich einen halben Kopf größer als ich, ist nun sicher. Und kalt ist er. Ja, wie ausgekühlt. Wo doch die Luft so warm ist um uns herum, noch immer. Ich schiebe meine Arme um seinen mageren Körper. Seine Hand streichelt meinen Hinterkopf. Er riecht gut. Nicht nach Parfüm. Nach irgendetwas anderem, aber dieses andere gefällt mir. Gut auch, wie es sich anfühlt! Eine ganze Weile lang. Und ganz still hält er jetzt. Bis auf die Finger seiner rechten Hand, die sanft durch meine Haare streichen, zappelt gerade mal nichts mehr an ihm. Auch, als diese Hand etwas weiter vor zu meinem Ohr, zu meiner Wange wandert und er meinen Kopf zaghaft ein kleines Stück nach oben richtet, während er den seinen ein Stück nach unten neigt, so dass er mit seinen Lippen die meinen berühren kann, zappelt er nicht. Und mehr passiert zunächst auch nicht. Erst einmal! Nicht mehr, als dass sich unserer Lippen berühren. Erst einmal abwarten, spüren. Dann erhöhen wir den Druck, die Intensität, beide zur gleichen Zeit, bis schließlich ein Spiel daraus wird. Ein Spiel der Lippen, bei welchem mal die seinen die meinen fast vollständig umschließen, mal die meinen die seinen. Als sie merken, dass sie schmecken, unsere Lippen, öffnen sie sich, so dass sich die Zunge ganz vorsichtig vortasten kann, vorschieben, hin zu der anderen, der hinter diesen Lippen, prüfen, ob sie bereit ist, sie zu berühren. Sie ist, wie ich selbst feststelle, sie ist. Und ich fühle mich gut, bei dem, was unsere Lippen da tun, und unsere Zungen.

Attenzione! Attenzione!

Schade fast, dass der einfahrende Zug uns aus dieser Zweisamkeit reißt. Und doch auch gut, weil dies ein so intensiver Moment war zwischen uns, die wir uns doch gerade erst kennen gelernt haben. Nun, da wir uns aus der Umarmung lösen, sind wir uns fremd. Auf jeden Fall aber ein wenig verunsichert beide. „Komm mit nach Rom!“, höre ich seine Stimme noch dicht an meinem Ohr sagen und ich schaue in seine kleinen, funkelnden Augen, als der Zug neben uns langsam und quietschend zum Stehen kommt. Rom, denke ich, während wir den Zug besteigen, ist sicher viel zu teuer und auch etwas weit.

Wir finden ein leeres Abteil, ohne dass ich mich lange mit dem Rucksack durch die engen Gänge zwängen muss. Im Nu ist die Schiebetür hinter uns geschlossen und die Vorhänge an der Glasfront zur Tür sind es auch. Gemeinsam hieven wir meinen Rucksack auf die Gepäckablage. Jo fasst links und rechts von sich unter die Sitze am Fenster und zieht sie mit einem Ruck in der Mitte zusammen. Gleich darauf wiederholt er den Vorgang mit den beiden Sitzen daneben. Das geht also auch in den Wagons der italienischen Bahn, lerne ich so. Wir strecken unsere Beine nebeneinander auf der Liegewiese aus, lehnen uns an der Wand unter der Gepäckablage an. Jo hebt seinen Arm an meiner Seite und schaut mich mit einem fast schüchternen Lächeln fragend an. Schließlich legt er ihn um mich, weil er in meinem Gesicht lesen kann, dass ich einverstanden bin und ich kuschele mich an. Er führt die Flasche Wein mit der freien Hand an seinen Mund, zieht den Korken mit den Zähnen heraus und grinst mich mit dem Korken zwischen den Zähnen an. Ich warte einen Moment, blicke in seine grünbraunen Augen, jetzt da er mir vertraut vorkommt. Dann ziehe ich ihm den Korken aus dem Mund, damit er trinken kann.

„Also! Kommst du mit?“ Lachend schüttele ich den Kopf. „Rom ist sicher teuer. Und wo soll ich dort bleiben?“ - „Du kannst mit mir zu meinem Onkel kommen“, ist er überzeugt. „Er ist wirklich nett. Er wird nichts dagegen haben. Und dann zeige ich dir die ganze Stadt.“

„Ich weiß nicht“, und weiß grad wirklich nicht mehr. „Und ich habe doch nur ein Ticket bis Foligno.“ - „Beh“, winkt er ab „das merkt doch keiner!“ Der Fahrkartenkontrolleur, der uns kurz darauf noch einmal in unserer Zweisamkeit stört, aber registriert das sehr wohl. Er weist mich darauf hin, dass ich noch umsteigen muss und auch darauf, dass ich mein Ziel erst spät in der Nacht erreichen werde. „Hast du denn eine Unterkunft gebucht in Perugia?“, bohrt der junge Mann neben mir. „Nein, ich gehe auf einen Zeltplatz oder schlafe am Bahnhof oder so.“ -„Siehste! Das habe ich mir gedacht!“, grinst er mich triumphierend an. „Was bitte soll das heißen?“ Er grinst ganz schön frech. „Ich hab`s doch gesagt! Du siehst nicht so aus, als würdest du so eine Reise planen. Ich habe doch gesagt, du bist offen! Nicht spießig und ängstlich wie viele andere Frauen!“ Ein bisschen hat er ja Recht, begreife ich, was er meint. „Was also willst du in Perugia?“, lässt er nicht locker. Aber was also will man überhaupt in irgendeiner italienischen Stadt? „Sie soll sehr schön sein, diese Stadt, habe ich gehört. Und es ist nicht so weit.“ -„So weit von was? Von Deutschland?“ - „Das auch. Und auch nicht so weit vom Meer, von der Adria.“ -„Du meinst, wenn es dir nicht gefällt dort, fährst du zurück und legst dich an den Strand, damit du doch noch viele Bücher lesen kannst?“ Er bringt mich zum lächeln, dieser Mann. „Ja, du hast das immer“, fällt mir aber ein. „Du wohnst hier! Du kannst jeden Tag ans Meer fahren, wenn du willst.“ - „Nein!“, wackelt sein mir bereits vertrauter langer Zeigefinger dicht an meinem Kopf hin und her. „Meine Eltern wohnen am Meer. Ich nicht mehr!“ - „Ach ja, Marcerata jetzt!“ - „Tss!“, schnalzt seine Zunge kurz. Also auch dort wohl nicht mehr. „Warum also Perugia und nicht Rom?“, tut er, als hätte meine Erklärung für ihn keinen Sinn ergeben. „Weil ich irgendwann auch wieder zurückfahren muss“, fällt mir langsam keine Begründung mehr ein. Lustiger Blick jetzt von ihm! „Eh!“, macht er. „Die paar Kilometer mehr! Und außerdem, du kennst das doch! Alle Wege führen nach Rom. Und das hießt im Umkehrschluss?“ - “Dass alle Wege auch von dort fortführen“, hat er mich grad beeindruckt. „Aber umsonst wird es trotzdem nicht sein.“ - „Eh!“, macht er wieder, etwas spöttisch dieses Mal. „Geld ist in Italien kein großes Problem!“ Nicht weiter darauf eingehen, denke ich und frage stattdessen: „Und was genau würdest du mir in Rom zeigen?“ - „Na, alles! All die Kulturdenkmäler, das alte Rom, die ganze Stadt eben!“, gibt er an. „Das Pantheon und das Kolosseum. Ah, kennst du das Kolosseum?“ Mein Kopf reibt verneinend an seiner Schulter rauf und runter. „Ohh“, zeigt er seine Anerkennung, „das erste Stadion der Welt. Vor 1800 Jahren erbaut. Stell dir vor! So groß und schon kurz nach Christi Geburt errichtet. Und es steht immer noch da!“ Erstaunlich, dass dieser junge Mann hier neben mir sich so sehr für alte Gebäude begeistern kann. „Na, es sind wohl eher Reste davon“, gebe ich zu bedenken, denn das eine oder andere Foto von diesem Wunderwerk habe ich ja nun auch schon einmal gesehen. „Nein, nicht Reste!“, empört er sich. „Es fehlen ein paar Steine, aber er ist noch immer klar zu erkennen wie es ausgesehen hat.“ Er nimmt einen Schluck Wein aus der Flasche, hält sie mir hin. Ich habe eigentlich genug. „Du musst es sehen!“, findet er. „In die Räume darunter gehen, von wo aus die Gladiatoren – Gladiatoren? Du weißt, was Gladiatoren sind? – Natürlich! Du liest Bücher, du musst das wissen!“ Und wieder lachen wir. „Also, von wo aus die Gladiatoren in die Arena gegangen sind. Dort kann man alles hören, was an Geräuschen aus der Arena kommt. Stell dir vor, das Geschrei der Menschen auf den Rängen, und dann das Geschrei der Kämpfer, wenn sie verletzt, zerfetzt worden sind!“ Eine ganz wunderbare Vorstellung, finde ich. „Du warst schon mal dort?“, nehme ich an. „Aber sicher! Ich bin Italiener!“, identifiziert er sich also doch mit dem Land, aus dem er stammt. „Bei uns fährt man dort mit der Schulklasse hin. Bei euch nicht?“, wundert er sich doch jetzt nicht wirklich. „Ach, nein! Bei euch wahrscheinlich nicht. Oder? Für euch sind die nicht so wichtig, die Römer. Oder?“ Er sieht süß aus, wenn er so mehr mit sich selbst als mit mir spricht und seine Mimik dabei ganz schnell wechselt, hin und her. Bohrend aber wird nun sein Blick. „Da ist noch was anderes, stimmt´s? Noch ein anderer Grund, warum du nicht so weit von hier weg willst.“ Er hat mich durchschaut, weiß ich in diesem Moment. „Ahh“, grinst sein Gesicht. „Du hast jemanden kennen gelernt, richtig? Du hast dich verliebt, dort an der Adria? Hab` ich Recht?“ Ich werde ihm nichts mehr vormachen können jetzt. „Na los, erzähl schon! Warum bist du im Sommer an die Adria gefahren? Zum Urlaub machen, stimmt´s? Und wo hast du ihn kennen gelernt? Am Strand?“ Und als würde mein neuer Reisebegleiter plötzlich zur Ruhe kommen, lehnt er seinen Kopf nach hinten an die Wand und lauscht tatsächlich nur noch meinen Worten.

4 Südwärts

„Re-bel – Re-bel“ scheppert es aus den Autoboxen der roten Ente, die unweit vor München rechts die Ausfahrt auf die Autobahnraststätte nimmt. Endlich, denkt Lena. Endlich! Sie hat nichts gegen die Musik von Bowie. Im Gegenteil! Spätestens mit seinem Heldenlied hatte sich der britische Musiker auch in ihr Herz gesungen. Man konnte sich so wunderbar identifizieren mit diesen Helden und mit den sich Küssenden in diesem Song, fand sie. Man begann zu träumen von sich selbst und dem, der nun mal eben gerade das eigene Herz bewegte und konnte so selbst zur Heldin werden. Bis das mit den Schüssen kam. Das brachte sie dann immer wieder zurück in das Jetzt und Hier. Zurück an den Ort, an dem dieser Rocksong spielt. Denn diese Helden, sie küssen sich unweit der Mauer. Dieser Mauer, die einen Teil Berlins zu einer Insel macht. Einer Insel umgeben von einer Wand aus Beton und Wachtürmen, ganz gleich, in welche Richtung man sich auch dreht. Dahinter der Osten, das andere Deutschland, das unzugänglich ist für sie und die meisten anderen, sieht man von dem Stück Autobahn, auf welchem man durch dieses Deutschland hindurch direkt nach Westberlin fahren kann, mal ab. Und dort auf dieser Transit-Strecke, kam Lena mit Bowie im Ohr in der Ente in den Sinn, während sie auf die Landschaft schaute, die an ihnen vorüberzog, hatte man stets dieses seltsame, ja bedrückende Gefühl. Einfach, weil man nur zu genau wusste, dass man beobachtet wurde, die gesamte öde Strecke lang. Überall konnte man sie in ihren Trabis und Wartburgs in der Landschaft stehen sehen, diese Volkspolizisten, kurz Vopos genannt, die tagein und tagaus nur darauf lauerten, die Wessis auf ihrem Weg von oder nach West-Berlin wegen eines Regelverstoßes zu belangen, Devisen einzusammeln, Macht zu demonstrieren. Da brauchte man gar nicht verbotenerweise anzuhalten, um vielleicht einem dringenden Bedürfnis nachzugeben oder nur ein wenig schneller als die erlaubten einhundert Stundenkilometer zu fahren. Sie kamen schon, hatte man die Musik zu laut aufgedreht, so laut, wie gerade die von David Bowie hier in der Ente spielt. „Wir sind dann wir“, singt er in seinem Heldenlied, „für diesen Tag.“ Ach was! Er singt es nicht! Er schreit es! Laut und kraftvoll ruft seine Stimme es in die Welt hinaus und sie ruft es in eben der Sprache, die gesprochen wird, dort wo diese Mauer steht, zu beiden Seiten von ihr. Ja, und eben so hatte der Mann mit den verschiedenfarbigen Augen sich auch in Lenas Herz gesungen. Fünfundvierzig Minuten seiner Musik auf der einen und beinahe weitere fünfundvierzig auf der anderen Seite aber waren echt mehr als genug. Wer war denn nur auf diese bekloppte Idee gekommen, fragte Lena sich, sämtliche Scheiben des Musikers und seiner Band hintereinander weg auf eine Kassette aufzunehmen?

„Und ihr wollt durch Italien?“, hatte Frank, Fahrer und Besitzer der Ente mit den scheppernden Boxen, seine Mitfahrer auf Zeit kritisch angesehen. „Ja, warum denn nicht?“, hatte Rainer, der vorne neben Frank saß, ganz unbesorgt zurückgegeben. „Ihr habt aber schon gehört, dass die Maffia dort gestern grad wieder drei Polizisten erschossen hat. Einfach so! Auf offener Straße!“, erklärte Frank dann zu Lenas und Rainers Erstaunen. „Nein, nichts gehört!“, war Rainer einfach nicht klar, was ihr Fahrer ihnen sagen wollte. „Aber das wird ja wohl auch auf Sizilien gewesen sein oder irgendwo bei Neapel, denk ich mal. Und wir wollen ja zur anderen Seite hin“, warf er daher einen fragenden Blick aus seinen graublauen Augen nach hinten zu Lena. „Ja, schon! Aber das kam doch überall in den Nachrichten, im Fernsehen“, ließ ihr Fahrer nicht locker. - „Im Fernsehen?“, gab Rainer zurück, „So `n Ding ham` wir bei uns im Haus ja gar nicht.“ - „Radio? Zeitungen vielleicht?“, blickte Frank ihn herausfordernd an und Rainer schwante plötzlich, worum es ihrem Fahrer wirklich ging. Er hatte sich ihnen als Politikstudent vorgestellt. Politikwissenschaften im sechsten Semester. Wer so lange durchhielt, davon war Rainer überzeugt, hatte wirklich Gefallen an seinem Studium gefunden. Der Kram mit der Maffia, er sollte keine Warnung sein, begriff Rainer nun. Dieser Frank wollte einfach nur herauskriegen, wie informiert sie waren. Lena, auf der Rückbank eingeklemmt zwischen Taschen und Rucksäcken, sah, wie Rainer sich mit den Fingern seiner linken Hand langsam durch seine schulterlangen, straßenköterblonden Haare strich. Das tat er immer, wenn er unsicher war, ihm nichts mehr einfiel, was er hätte sagen können. „Meinst du, wir hätten lieber durch die Sozialistische Republik Jugoslawien fahren sollen?“ versuchte sie ihm daher zwischen dem Wenigen hindurch, was die französischen Autobauer in der Mitte an Platz zwischen den Vordersitzen des Kleinwagens gelassen hatten, zur Hilfe zu kommen. „Warum nicht?“, tat Fahrer nun glatt so, als hätte er wiederrum nichts von den Aufständen dort gehört, davon, dass gewisse Volksgruppen, die im Vielvölkerstaat Jugoslawien unterdrückt und wohl auch verfolgt wurden, gerade immer wieder versuchten, sich mit Gewalt dagegen zu wehren. „In den kommunistischen Ländern ist man doch viel sicherer unterwegs. Es gibt überall Polizei. Es wird doch alles viel mehr beobachtet und kontrolliert.“ Und so war es dann schlagartig wiedergekommen, dieses bedrückende Gefühl, dass Lena gehabt hatte, war sie nach West-Berlin gefahren. Dieses mulmige Gefühl auf der Transit-Autobahn. „Und auf genau so etwas hab` ich überhaupt keinen Lust!“, wehrte sie die Vorstellung daher vehement ab, so in Richtung Süden zu reisen, während Rainers Finger aus den Haaren auf sein Knie fielen, wo sie automatisch begannen, sich im Takt von Bowies Musik auf und ab zu bewegen. „Ich möchte mich in einem Land frei bewegen können, anhalten können, wann ich will, hingehen können, wohin ich will.“ – „Und du meinst, das kannst du in Italien oder Griechenland? Mit deinen hellen, rotblonden Haaren, so wie die in der Sonne leuchten!“, entgegnete Frank und seine Worte waren nicht ironisch gemeint. Mit ihm konnte man sicher endlos diskutieren, wurde Lena klar, und irgendwie war ihr dieser Student mit den langen Haaren, der nur vier, fünf Jahre älter sein konnte als sie, auch ziemlich unsympathisch. Rainer hatte schließlich unbedingt vorne sitzen wollen, befand sie nun, sollte er sich dann doch auch um die Unterhaltung mit diesem Studenten bemühen. Sollte er ihm doch einfach von dem leer stehenden Haus erzählen, in das er und ein paar seiner Freunde einfach eingezogen waren oder was auch immer. Im hinteren Teil der Ente konnte Lena bei der lauten Musik, sobald sie sich zurücklehnte, ja eh kaum etwas von dem verstehen, was die beiden da vorne von sich gaben. Und das, fand sie, war auch gut so nun.

Erst als Frank an der Tankstelle vorbei auf die Parkplätze vor dem Restaurant der Raststätte zusteuert, drosselt er auch die Geschwindigkeit. Reflexartig geht Rainers rechter Arm zum Fenster hin und klappt die untere Hälfte nach oben auf. Eine Lawine scheinbar kühler Luft ergießt sich in das Innere des Wagens. Fahrtluft wohl, denn kühl ist es zurzeit einfach nirgendwo. Vor fünf Tagen war sie gekommen, diese Hitze, und hatte es sich im ganzen Land gemütlich gemacht. Wer konnte, der lag jetzt an einem der vielen Seen Schleswig-Holsteins oder an den Stränden einer seiner beiden Meere. Sie aber hatten sich Griechenland vorgenommen, wollten einfach mal etwas anderes sehen.

„Da sind sie!“, ruft Rainer aus und auch Lena kann Tina und Jan auf der kniehohen Steinmauer vor der Hecke sitzen sehen, die das Gelände des Restaurants zu den Parkplätzen hin begrenzt. „Na, dann mal noch gute Reise!“, ruft Frank ihnen noch zu, nachdem Lena und Rainer sich und ihr Gepäck aus der Ente gepult haben. Sonderlich herzlich klingt es nicht. Froh, endlich aus dem Backofen heraus zu sein, atmet Lena tief die Luft ein. Sie scheint ihr voller Sauerstoff zu sein hier unten in Bayern.

„Das hat aber gedauert!“, grinst Jan ihnen schelmisch mit seinen großen, grünen Augen entgegen. „Wir warten hier schon über `ne Stunde!“ Er wirkt aber ganz zufrieden, findet Rainer und trommelt, kaum dass er neben ihm auf der Mauer sitzt, schon wieder mit den Handflächen auf seinen Knien und Schenkeln herum, tritt dazu mit den Füßen den Takt. „Das ist echt manisch bei dir, oder?“, funkeln Tinas große, haselnussbraune Augen ihn ein wenig genervt an. Gut, dass Tina das sagt, denkt Lena, und das in ihrer netten Art. Ihr selbst hängen die Stunden mit Bowie in der Ente noch nach. Rainer aber trommelt weiter, ganz unbeirrt.

„Habt ihr `nen guten Trip gehabt?“, erkundigt er sich bei Jan. Dieser schmale Kerl kann tatsächlich seine Stimme benutzen, ohne dass er beim Trommeln aus dem Takt kommt. Ganz unfassbar findet Lena das. „Bei uns ist alles ganz cool gelaufen, oder?“, strahlt Tinas rundliches Gesicht angetan über den bisherigen Verlauf ihrer Tour in das ebenfalls ein wenig rundliche Gesicht von Jan. „Jo!“, findet auch er. „Wann sind wir heute Morgen losgekommen?“, will Tina offensichtlich herausfinden, wie lange sie bis hierher gebraucht haben. „Gegen sieben“, meint Jan sich zu erinnern und versucht, sich seine dünnen, strohblonden Haare, die an seinen feuchten Wangen kleben, aus dem Gesicht zu streichen. „Na, acht war`s wohl schon!“, ist Lena der Meinung. „Und jetzt? Wie spät ist es jetzt?“ Sie alle, sie können nur spekulieren, denn keiner von ihnen hat eine Uhr mitgenommen. Zur Not kann man ja auch fragen, haben sie alle gelernt und auch dass sie ein recht gutes Gefühl dafür haben, wie viel Uhr es gerade so ist. „Gegen fünf schätz ich mal!“, sagt Rainers und „Denk ich auch mal so“ das von Lena, während sie die Pappschachtel mit den Eiern, die sie heute Morgen noch schnell hart gekocht hat, aus ihrem Rucksack kramt. Die Eier, sie sind warm. „Wir haben schon gefuttert“, erklärt Jan und hält ihr eine Brottüte hin. Belegte Brote sind darin. Auch die sind warm, wie der Belag aus Butter und Käse, der zwischen den Broten klebt.

„Bis Brindisi sind es aber sicher noch über tausend Kilometer“, überlegt Jan laut, nachdem er die Doppelseite, die er zu Hause aus seinem Schulatlanten gerissen hatte, aus seiner hinteren Hosentasche gezogen und sorgsam auf dem Gehweg entfaltet hat. Im Schneidersitz lässt er sich davor nieder. „Zwei Tage noch und wir sind da, Leute!“, ist er gewiss. „Also trampen wir heute noch weiter?“ Das war zwar so abgemacht, aber Tina fragt eben immer lieber noch einmal nach. „Angebracht, wenn wir irgendwann mal ankommen wollen“, findet Rainer in seiner ihm eigenen, trockenen Art. „OK, Leute! Mal sehen, wo wir uns das nächste Mal treffen können!“, lässt Jan die Kuppe seines Zeigefingers durch Österreich und Norditalien wandern. Irgendwo an der Adria hält er an. Tina, Lena und Rainer beobachten aufmerksam, wie ihr Freund seinen Zeigefinger auf diesen Ort dort am Meer drückt, der Daumen derselben Hand auf München hinuntergeht und er dann versucht die so entstandene Distanz zwischen den beiden Fingern in der Luft festzuhalten, während er die Hand um den Daumen herum in Richtung Hamburg dreht. „Das ist in etwa die Strecke, die wir heute auch zurückgelegt haben“, erklärt er schließlich triumphierend das, was den anderen auch so klar geworden ist. „Hm“, hat Tina beim Anblick des Punktes an der italienischen Adriaküste, auf dem Jans Fingerspitze nun wieder liegt, aber Bedenken. „Vielleicht etwas groß, oder?“ - „Also Leute!“, kommt Rainer noch ein anderer Gedanke. „Vielleicht sollten wir erst mal klären, wo wir uns genau treffen wollen. Also, ich meine nicht den Ort, sondern wo da im Ort. Dann lässt sich der Ort vielleicht auch leichter bestimmen.“ - „Also das wo im wo“, fasst Jan ganz ernst Rainers Aussage zusammen, ohne seinen Zeigefinger von der italienischen Adriaküste wegzunehmen. „Ja, irgendwas, was es in jeder Stadt gibt“, findet der Trommler unter ihnen. „Ok, aber eben auch in einer kleinen!“ will Tina auf der Suche nach dem Treffpunkt nicht endlos durch irgendwelche italienischen Straßen irren. „Rathaus“, nuschelt Rainer neben ihr, den Rest des hart gekochten Eies noch im Mund. „Na klar! `N Rathaus gibt´s immer, oder?“, ist sie begeistert und tippt mit ihrem Zeigefinger auf einen Ort an der Küste gleich neben Jans Finger, welchen sie dabei leicht berührt. „Was ist denn hiermit?“ Skeptisch beäugt Jan das, was an dem langen Finger neben dem seinen geschrieben steht. „Kann ja kein Schwein aussprechen, das Ding!“, lächeln seine grünen Augen die Besitzerin des schmalen Fingers neben dem seinen dann liebevoll an. „Aber es ist nicht so viel weiter und scheint erheblich kleiner zu sein.“ findet die. „Na, hier auf der Atlasseite jedenfalls!“, schmunzelt Rainer und seine Hände, die auf seine Schenkel schlagen, wechseln den Takt. „Ach!“, bemerkt Jan. „Und außerdem ist das doch Latein!“ - „Latein? In Italien?“, grinst Rainer mit seinem breiten Mund die Mädels an, aber er erwartet keine Reaktion. Schon gar nicht von Jan. Alle kennen den Jungen mit den sanften, grünen Augen. Alle wissen, dass er immer wieder Bemerkungen macht, die vollkommen überflüssig sind, Dinge sagt, die sich jedem von selbst erschließen, die nicht noch einmal explizit benannt oder erklärt werden müssen. Aber alle drei wissen auch, dass es Jan seinen Freunden nicht übel nimmt, wenn sie sich über diese, seine Eigenart lustig machen. Da ist er großartig, hat Rainer schon oft gedacht. Als hätte Jan selbst Freude daran, mit dieser, seiner Marotte anderen Leuten ein Lächeln in ihr Gesicht zu zaubern.

„Ne, echt jetzt!“, muss Jan noch mal auf die Sprache zurückkommen, nachdem er den Namen des Ortes dort an der Küste noch einmal studiert hat. „Nova vita! Das kann man sich doch merken!“ - „Da steht zwar noch ein bisschen mehr, aber .... ach!“, seufzt Tina, „Ich schreib` mir das jetzt einfach mal auf! Hat jemand `nen Stift, `nen Kugelschreiber?“ Jan hat, griffbereit, und ein sanftmütiges Lächeln geht über sein noch jungenhaftes Gesicht, als er ihn Tina reicht. „Ich find ja auch, dass wir mal tauschen!“, will Rainer eigentlich nur mal schauen, wie Lena auf diesen Vorschlag reagieren wird. „Was meinst du mit tauschen?“, schaut die ihn aber vollkommen unberührt an, da sie zunehmend das Gefühl hat, die Welt um sie herum würde sich von ihr entfernen. „Na, mal die Jungs zusammen und die Mädels“, versucht Rainer sich nicht anmerken zu lassen, was er eigentlich herausfinden will. „Also, falls ihr keine Angst habt, so ausgerechnet in Italien, zwei Frauen und so….“ Tina und Lena schauen sich an. Angst, so sagen ihre Augen, wovor sollen wir die haben? „Was soll denn schon passieren?“ hat Tina das sichere Gefühl, dass sie Lena genau so vertrauen kann wie Jan. „Na ja“, gibt Jan zu bedenken, „man hat ja schon so einiges gehört!“ - „Oh ne, bitte!“, stöhnt Lena, während sie sich auf die Mauer legt, „Jetzt nicht wieder diese leidige Diskussion über all das, was beim Trampen passieren kann! Das muss ich doch schon ständig mit meinen Eltern durchkauen. Das reicht mir echt!“ – „Und mir erst!“, hasst auch Tina dieses Thema. Aber sie möchte dem blonden Jungen mit dem sanften Gesicht auch nicht vor den Kopf stoßen. „Wir sind doch zu zweit!“, erklärt sie daher ruhig. „Und viel, was man uns wegnehmen kann, haben wir ja nun wirklich auch nicht dabei!“ Eure Körper, denk Jan, dem der Vorschlag seines Kumpels nicht sonderlich gefällt. Doch dann schweift sein Blick ungewollt an Tinas recht langen, unbekleideten Beinen entlang und er beschließt, besser nicht davon anzufangen.

Hauptsache nicht wieder eingeklemmt zwischen lauter Gepäck hinten sitzen, seufzt Lena in sich hinein und dreht langsam ihren Kopf zur Seite. Gekochtes Ei und belegtes Brot verlassen da plötzlich ihren Magen ohne jegliche Vorwarnung quasi unverdaut in Richtung Hecke. „Scheiße, Mann!“, schaut Rainer sie erschrocken an und lässt abrupt das Trommeln sein. „Was hast du denn für `nen Trip geschmissen!“ Sehr witzig, denkt Lena. Aber wenigstens hört er jetzt mit diesem ewigen Getrommel auf! Sie werden blau sein, war sie überzeugt, als sie Rainer kennen gelernt hatte, seine Schenkel von oben bis unten. Eines Nachts aber hatte sie dann in seinem Zimmer trotz fehlenden Stroms und damit elektronischer Beleuchtung festgestellt, dass Rainers Beine einfach nur weiß sind. So weiß, wie die der meisten Nordeuropäer. Die vielen Schläge, die sie täglich erleiden, hinterlassen keine Spuren an ihnen. „Ne, echt jetzt, Lena!“, versucht der Dauertrommler seiner Sorge ernsthaft Ausdruck zu verleihen. „Was ist los mit dir?“ Wenn Lena das wüsste! Heiß ist ihr. Und übel eben auch. „Mensch Lena, du hast `nen Sonnenstich!“, ist Tina sich absolut sicher, nachdem sie ihre flache Hand auf Lenas feuchte Stirn gelegt hat. Sie muss es wissen, finden die anderen, wo sie doch Krankenschwester wird. Träge hört Lena die Jungs diskutieren. Verschwommen Jan und Rainers Figuren, als sie durch das Gebüsch im bayerischen Land verschwinden, überzeugt davon, es müsse sich dort doch eine Apotheke finden, in der man etwas gegen so einen Stich bekommen kann.

„Meinst du, du hältst bis zu diesem Nest da unten in Italien durch?“, blicken Tinas sonst so leuchtenden haselnussbraunen Augen Lena besorgt an. „Wird schon gehen!“, haucht Lena noch immer auf der Mauer liegend nicht wirklich auf dieser Welt, während Tina sich im Schneidersitz neben sie setzt und ihre Hand in der ihren hält.

Die Sonne hat nur langsam ein Erbarmen. Im Schneckentempo bewegt sie sich hinter der Hecke dem Horizont entgegen. Und die Hitze? Sie bleibt. Vor allem in Lena. Und ihr Kopf? Der pocht. Pocht noch mehr, weil nur wenige Meter von ihnen entfernt die unzähligen vorbeifahrenden Fahrzeuge ein nicht endendes Dauerrauschen verursachen. Dann aber nickt Lena ein, mit Tinas Hand in der ihren.

Nur ein junges Pärchen, das ebenfalls nach Italien will, steht noch vor ihnen. IT haben sie mit schwarzem Filzer auf ein Stück Karton geschrieben, in Druckbuchstaben, innen hohl. Es hätte wohl ewig gedauert, die großen Lettern mit dem dünnen Stift, der ihnen offensichtlich nur zur Verfügung stand, vollständig auszumalen. Erst wenn die beiden mit dem Schild weg sein werden aber, kann auch Tina ihren Daumen raushalten. Kurz nachdem sie sich mit Rainer und Jan in Warteposition an die Leitplanke der Ausfahrt gelehnt hat, erscheint noch ein junger Typ mit ziemlich viel Gepäck, der nach Österreich will. Er macht es sich hinter Jan auf dem Boden bequem, nachdem geklärt ist, dass alle hier in dieselbe Richtung wollen, denn so läuft das eben. Wer zuerst kommt, kommt auch zuerst wieder weg. Vordrängeln ist absolut nicht angesagt. Es sei denn, man möchte in eine ganz andere Richtung als die, die schon da sind oder in einen bestimmten Ort in der näheren Umgebung, in den sonst keiner der bereits Anwesenden will. Das sind die ungeschriebenen Tramperregeln, denkt Tina einmal wieder und findet, sie funktionieren ganz gut.

Entmutigt von der Frau, die sie auf der Landstraße hinter der Autobahnraststätte angehalten hatten, waren Rainer und Jan schnell wieder von ihrem Ausflug ins bayerische Land zurückgekehrt. Der nächste größere Ort, hatte diese ihnen berichtet, sei etwa zwölf Kilometer entfernt und die Apotheke dort nun sicher auch schon geschlossen. Damit, fanden die beiden, war klar, dass sie auf diesem Wege nichts zu Lenas Genesung hätten beitragen können.

„Was für eine geile Mitfahrgelegenheit!“, findet Jan in Anbetracht des viertürigen Audis, der kurz hinter dem Pärchen hält. Neidisch schauen Tina, Jan und Rainer zu, wie die beiden vor ihnen mit ihrem Gepäck in dem großen Wagen verschwinden, in diesem Audi, der sie glatt alle Vier hätte mitnehmen können, bis wohin er nun auch immer fährt. Aber immerhin haben sie nun ihrerseits ihre Chance, noch an diesem Abend wegzukommen, freut sich Tina und hält lächelnd ihren nach oben zeigenden Daumen am ausgestreckten Arm jedem Fahrzeug entgegen, das nun noch an ihnen vorbeikommt. „Du kannst ruhig etwas Abstand halten zu uns“, lächelt Jan sie sanft an. „Sonst denken die Fahrer noch, sie müssten uns alle drei mitnehmen.“ Da hat er Recht, wird Tina klar, denn Lena war ja für die Vorbeifahrenden nicht sichtbar, dort im Gras hinter der Leitplanke, wo sie lag.

So am Straßenrand platziert muss Tina einmal wieder an die Gefahren bei Trampen denken, auf welche sie ihre Eltern ja auch immer wieder aufmerksam machen. Und bei diesen Gedanken wünscht sie sich nun sehnlichst, dass ein LKW anhalten möge. Zum einen war die Chance, dass die Warentransporter noch eine lange Strecke zurücklegen mussten recht groß. Zum anderen, meint Tina, sind ihre Fahrer schließlich bei der Arbeit. Sie haben eine Ladung an ein Ziel zu bringen, Termine einzuhalten und auch sicher kein Interesse daran, ihren Job zu verlieren. Und das sind alles gute Gründe, davon ist sie überzeugt, warum von diesen Fahrern keine Gefahr ausgeht. Ungläubig starrt sie daher auch auf den großen Lastkraftwagen, der mit quietschenden Bremsen nun neben ihr langsam zum Stehen kommt, so ungläubig, dass Rainer und Jan lachen müssen über ihr verblüfftes Gesicht.

„Komm schnell! Der fährt nach Italien!“ hört Lena Tina aufgeregt rufen und rappelt sich mühsam hoch. „Und das Pärchen?“, hat sie wohl eine Zeit lang geschlafen. „Schon weg!“, macht Tina ihr deutlich, dass Eile geboten ist. Und tatsächlich! Der fette Brummi steht, die Beifahrertür offen, so quer auf der Ausfahrt, dass er den nachfolgenden Verkehr blockiert. Es wirkt, als hätte der Fahrer sich erst im letzten Moment entschieden, hier wen auch immer mitzunehmen. Die Jungs haben auch schon nach den Rucksäcken der Mädchen gegriffen, stehen damit bereits vor der Beifahrertür. Flink krabbelt Tina die steilen Stufen hinauf und zieht die länglichen Gepäckstücke, die Jan und Rainer ihr nach oben reichen, in den Fußraum der Fahrerkabine. Der Mann fährt schon an, noch bevor Lena richtig zum Sitzen kommen kann. „Gute Fahrt!“, sieht Lena Rainers ernsten Blick weit unter sich. Der macht sich wirklich Sorgen, denkt sie noch. „Wir sehen uns im Neuen Leben!“, hören sie Jans Stimme schließlich noch durch den kleiner werdenden Spalt zwischen der sich schließenden Tür und dem Führerhaus und dann fahren sie auch schon auf der Autobahn in die Nacht hinein weiter in Richtung Süden.

„Nach Italien?“, will Tina noch einmal ganz sicher sein, während sie und ihre Freundin noch damit beschäftigt sind, sich selbst und ihr Gepäck zu sortieren. „Ja, sicha, Italien!“, nickt der dunkelhaarige Fahrer, der noch recht jung zu sein scheint. „Bredisee.“ Was für ein Genuschel! Was für ein Akzent! Fragend schauen Tina und Lena ihn an. „Bredisee“ wiederholt er das Wort zu ihrem Leidwesen jedoch in genau derselben Betonung und wirft einen herausfordernden Blick aus seinen dunklen Augen auf seine Mitfahrerinnen. Tina, neben ihm, zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung!“- „Doch, doch!“, ist er sich aber sicher. „Adria. Bredisee. Seien große Stadt. Du kennst bestimmt!“ -„Brindisi?“, fragt Tina nach kurzer Überlegung, ungläubig, weil das ja nun wirklich nicht sein kann jetzt. „Ja!“, freut sich ihr Fahrer sichtlich, endlich verstanden worden zu sein. „Echt jetzt! Bis nach Brindisi?“ Fassungslos schauen sich die Mädchen an. „Oh man, da hätten wir jetzt in einem durchfahren können!“ – „Ja, scheiße, echt!“, entfährt es Lena. - „Ihr Bridisee? Kein Problem!“, findet der Mann hinterm Steuer aber. „Ich fahre. Ihr mit! Ich weiter nach Griechenland.“ - „Ne, nicht auch das noch!“, stöhnt Tina laut auf und „Oh, verdammt!“, seufzt Lena. Etwas seltsam aber findet der Fahrer diese jungen Mädchen, da er verstanden hat, dass eigentlich alles super ist und dann auch wieder nicht. Also versucht Tina Erklärungen, doch sehr viele deutsche Wörter versteht er wohl nicht. „Ihr die treffen?“, fragt er endlich, wobei er mit der Hand nach hinter weist. „Ja!“, antworten Tina und Lena fast im Kanon. „Tss!“, schüttelt ihr Fahrer den Kopf, weil nun auch er begreift, wie blöd das jetzt ist. „Wo?“ Tina versucht erst gar nicht, den Namen des Ortes auszusprechen, an dem sie mit den Jungs verabredet sind, hält dem jungen Mann stattdessen den Unterarm hin, auf dem dieser Name geschrieben steht. Intensiv betrachtet ihr Fahrer das Gekritzel, schüttelt unwissend den Kopf, schaut nachdenklich auf die Straße und dann erneut auf das, was dort geschrieben steht. „Ach, ja!“, erhellt sich plötzlich sein Gesicht. „Ich kenne. Ich fahre. Kein Problem!“ – „Abgefahren!“, freut Tina sich. „Einmal umsonst München-Adriaküste ohne Umsteigen und ohne lange Wartezeit!“

Da Lenas dunkelblaue Augen noch immer glasig sind, bemüht Tina sich um das Gespräch mit dem kleinen, dunkelhaarigen Mann hinter dem großen Lenkrad. Denn das, so findet sie, schuldet sie ihm. Wenn man schon mitgenommen wird, sollte man den Fahrer oder die Fahrerinnen unterhalten, auf das, was sie sagen, eingehen, sich freundlich zeigen, interessiert und gesprächsbereit. Und Tina hat auch einfach Spaß daran, denen, die da kreuz und quer durch Europa düsen, manchmal tausende von Kilometern immer nur auf den Autobahnen, stunden-, ja tagelang auf sich selbst gestellt, die Hände am Steuer, den Fuß auf dem Gaspedal, ein wenig die Zeit zu vertreiben.

Sakis heißt der kleine, dunkelhaarige Mann und kommt aus Griechenland. Er will nachts über den Brenner fahren. Dann sei da nicht so viel Verkehr. Und tagsüber würde man wohl auch ewig an den Grenzkontrollen warten, meint er. Und warum nicht durch Jugoslawien?“, ist Tina ernsthaft interessiert. „Naa!", verzieht Sakis abgeneigt sein Gesicht. „Viele Kontrollen! Die Leute nich gut", macht er eine wegwerfende Bewegung. „Italien teuer, aber gut. Und nix machen, denn zahlt Chef“, grinst er die beiden jungen Frauen durch und durch zufrieden an, so dass man seine weißen Zähne sehen kann „Ah!“, nickt Tina verständnisvoll. „Und welche Strecke ist weiter?“, zeigt sie mit den flachen Händen verschiedene Distanzen an. „Über Italien oder über Jugoslawien?“ Gut macht sie das, denkt Lena erleichtert und spürt erneut ihre unendliche Müdigkeit. Ein bisschen komisch dieses andere Mädchen, findet Sakis hingegen, das so schweigend da sitzt und nicht sehr gesund aussieht irgendwie. „Was ist?“, zeigt er auf die langen, rotblonden Haare die neben Tina Lenas längliches Gesicht verbergen. „Ah, zu viel Sonne“, erklärt Tina und zeigt erst in den Himmel und dann auf Lenas heißen Kopf. „Ah, sie schlafen!“, findet ihr Fahrer und versucht mit dem rechten Arm zwischen den Sitzlehnen den Vorhang hinter ihnen zur Seite zu ziehen. Tina jedoch ist unsicher und auch Lena weiß nicht so recht. Schließlich handelt es sich bei dem, was Sakis ihr dort anbietet, um sein Bett. Er aber versichert immer wieder: „Kein Problem. Schlafen gut!“, bis Lena endlich, wenn auch ein wenig verlegen, zwischen den Sitzen hindurch in den hinteren Teil des Führerhäuschens krabbelt, vorsichtig die Bettdecke ihres Fahrers zur Seite schiebt, ihre Schuhe auszieht und sich auf Sakis` Laken legt. Es riecht. So, wie auch die Decke riecht und das Kopfkissen, auf welchem ihr Kopf nun wunderbar weich zum Liegen kommt. Es riecht nach dem, der es sonst benutzt. „Das ist echt nett!“, versichern die Mädchen Sakis immer wieder. Sie solle ruhig die Bettdecke nehmen, bedeutet dieser Lena, sich immer wieder nach hinten drehend. Den Mädchen wäre es lieber, er ließe seine Hände am Steuer. „Ist das echt ok für dich?“, will Lena von ihrer Freundin wissen, denn die wird ja nun gleich allein sein da vorne mit ihrem griechischen Fahrer. „Ja, alles gut!“, schielt Tina kurz zu dem jungen Mann, der bereits dabei ist, die Vorhänge hinter sich und Tina wieder zuzuziehen. Und kaum, da sie geschlossen sind, ist Lena dieser Welt auch schon wieder entschlummert.

Tina sinnt nach Themen, über die sie sich mit ihrem jungen, griechischen Fahrer unterhalten kann, während sie erst ihren, dann Lenas Pass aus ihren Umhängetaschen kramt. Sakis aber scheint gar nicht so sehr an einem Gespräch interessiert. Warum er sie wohl mitgenommen hat, fragt sie sich, wo er es doch so eilig hat und es ihm so schwer fällt, sich auf Deutsch zu verständigen? Für manche Fahrer, aber wird ihr dann klar, ist es wohl einfach nur wichtig, nicht allein zu sein, da in ihrem Führerhaus hoch oben über der öden, schwarzen, sich endlos hinziehenden Fahrbahn. Während der Brummi sich durch die Alpen quält, Sakis mächtig mit Schalten beschäftigt ist, um die Steigungen empor zu kommen, und sie eigentlich mehr tuckern als fahren, schlägt er Tina vor, es sich auf der zweiten Pritsche, der über Lena, gemütlich zu machen. Tina horcht noch einmal in sich hinein, ob man ihm wirklich trauen kann. Ob es gut geht, wenn nun auch sie sich noch schlafen legt und er mit ihrem Gepäck und ihren Pässen alleine bleibt? Aber da ist nichts, was stört, spürt sie, es fühlt sich alle gut an und so richtet sie sich leise das obere Bett. Lena darunter schläft ganz fest. Wie cool das doch hier ist für sie beide, denkt Tina noch, und entschwindet mit einem Lächeln im Gesicht ebenfalls im Land der Träume.

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Seit der Tramptour mit Tina nach München hat Jan das wunderbare Gefühl, das Leben sei einfach nur schön und ihn könne nichts mehr aus der Fassung bringen. Die Nacht an der Raststätte in München war jedoch nicht sonderlich angenehm gewesen. Sie waren einfach zu spät dran. Der kleine Ausflug in das bayerische Land hatte Zeit gekostet und kaum, dass Tina und Lena davongefahren waren, schienen sich die übrigen LKW nun ihre Stellplätze für die Nacht zu suchen. Sie wollten oder konnten nicht mehr weiterfahren. Und die wenigen PKW, die noch an ihnen vorbeirauschten, machten keine Anstalten mehr anzuhalten. Der einzige Mensch, der noch auf die Bremse getreten war, hätte sie gerade mal bis Rosenheim mitnehmen können und da hieß es doch besser auf der Raststätte bleiben.

Jan weiß nicht warum, hat nichts Konkretes, woran er es festmachen kann, aber er ist sich nunmehr gewiss, dass Tina seine Gefühle erwidert. Vielleicht wegen der Art, in der sie ihn immer wieder angelächelt hat auf ihrer gemeinsamen Reise bis hierher. Wegen der Art, wie sie sich seitdem in die Augen sehen. Nun aber, da er aus dem Zelt kriecht, welches die beiden jungen Tramper in der Nacht hinter der Böschung gleich neben der Autobahn notdürftig aufgestellt hatten, und in Rainers Augen sieht, zweifelt auch er für einen Moment an der Richtigkeit ihrer Reisepläne. Zerknittert schaut Rainer ihn an. Er hat, das erzählt sein Gesicht, so gut wie nicht geschlafen. Jan schickt ihn Wasser holen, braut dann einen Kaffee für sie auf dem wackeligen Gaskocher zusammen. Rainer aber vermisst die Milch darin. „Wir sollten die LKW-Fahrer direkt ansprechen“, versucht sein Freund ihn aufzumuntern. „Meinetwegen“, zuckt Rainer aber nur mit den Schultern. Er ist echt missmutig am heutigen Morgen.

Gefolgt von seinem schlechtgelaunten Freund eilt Jan von Lastkraftwagen zu Lastkraftwagen. Dicht gedrängt stehen sie so früh am Morgen noch auf dem Parkplatz beieinander. Da Rainer sich nur in einer Sprache wirklich verständigen kann, in der nämlich, in der er groß geworden ist, mag er das Sprechen lieber seinem Kumpel überlassen, dem sein Talent für fremde Sprachen schließlich das Abi gerettet hat. Erst auf Deutsch, dann auf Englisch spricht dieser einen Fahrer nach dem anderen an. Genau wie die beiden Jungen, scheinen auch die Fahrer gerade erst aufgestanden zu sein. Sie frühstücken noch oder kommen gerade von den Toiletten der Raststätte zurück, das Waschzeug unter den Arm geklemmt und so rechnet sich Jan auch gute Chancen aus, schnell jemanden unter ihnen zu finden, der sie bis nach Italien mitnehmen wird.

„Nix verstehen!“, kommt eine ablehnende Geste von dem Fahrer, der wohl aus Bulgarien kommt. Das jedenfalls hat Rainer dem ovalen, weißen Aufkleber entnommen, der hinten auf seinem Brummi klebt. Der nächste Fahrer muss weiter nach Jugoslawien. Der untersetzte Mann, der gerade sein Kochgeschirr zusammenräumt, lässt sich sogar noch auf eine kurze Diskussion ein, da Jan nicht glauben kann, dass er sie nicht wenigstens bis hinter die italienische Grenze mitnehmen könnte. Jan will jetzt einfach unbedingt weiterkommen, im Notfall eben auch auf indirektem Wege. Erst als der Brummi-Fahrer ihm seine Route auf der Karte zeigt, sieht er, wenn auch ungern, ein, dass da nichts zu machen ist. Entschlossen klemmt er seine dünnen, blonden Haare hinter beide Ohren und eilt zu dem Fahrer des Zwanzigtonners nebenan, der wohl gerade aufbrechen will. Seines Zeichens Italiener scheint dieser sogar ein paar Brocken Deutsch zu verstehen und lässt die beiden Tramper in sein Führerhaus steigen. Begeistert stupst Jan Rainer an: „Siehste! Geht doch!“ freut er sich. Und das noch mehr, als er Rainer lächeln sieht, zum ersten Mal am heutigen Tage.

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Es ist noch nicht richtig hell, als Tina wieder erwacht und den Vorhang ein wenig zur Seite schiebt. Sakis aber, der nun die ganze Nacht durchgefahren ist, ist so erfreut, sie zu sehen, dass sie sich genötigt fühlt, von der Pritsche hinunterzukrabbeln und ihm auf der Beifahrerbank Gesellschaft zu leisten. Verschlafen lächelt sie ihn an. „Gut?“, lächelt er zurück und sieht müde aus. „Gut!“, hält Tina ihm den erhobenen Daumen entgegen. Lena schnarcht hinter ihr leise vor sich hin. Ja, sie sind schon seit längerem in Italien, gibt Sakis Tina zu verstehen, und er muss bald mal eine Pause machen. Vorgeschrieben wäre nun wohl eine längere, aber das kümmert ihn nicht sonderlich. Nur kurz ein bisschen frisch machen, einen Kaffee trinken und dann weiter, so ist sein Plan. „Familie“, schaut er Tina eindringlich an und seine dunkelbraunen Augen strahlen. „Weißt? Griechenland. Familie. Warten auf mich.“

Als sie auf die italienische Autobahnraststätte fahren, die rundherum mit einem mannshohen Zaun umgeben ist, erwacht auch Lena. Gut sieht sie aus, finden die anderen.

So sehr die Mädchen sich auch mühen, sie schaffen es nicht, Sakis davon abzubringen, ihnen beiden einen Cappuccino und ein Cornetto zu spendieren. Hügelig ist die Landschaft, durch die er dann seinen großen LKW auf der rechten Spur der Autobahn lenkt. Unzählige, runde, kleine, grüne Erhöhungen reihen sich um sie herum aneinander. Auf einem von ihnen rechter Hand thront über einem leicht ansteigenden Olivenhain ein Dom mit einem Kloster oder ähnlichem. „Das Haus von Maria“, grinst Sakis die beiden Mädchen an. „Dort ist geboren.“ Na klar, denken die Mädchen sich, das war wohl als netter Scherz gemeint. Schließlich steht das alles ja nun mal eindeutig anders in der Bibel. „Haben Haus hier wieder aufgestellt“, versucht der junge Grieche ihnen daher zu erklären, woran er selbst nicht recht zu glauben scheint. Und während die beiden noch überlegen, was sie von Sakis` Worten halten sollen, blitzt linkerhand zwischen den rundlichen Hügeln auf einmal das Meer auf. Dunkelblau und scheinbar unendlich liegt sie da, die Adria. „Gleich sind da!“, lächelt Sakis sie zufrieden an und Tina und Lena schauen gespannt auf das Wasser und die Strände, die hier und da bläulich und gelblich zwischen den Hügeln in der Sonne aufleuchten.

„Kann nicht in Stadt fahren!“, beteuert Sakis etwas nervös, als er auf eine der Ausfahrten zusteuert. „LKW zu groß.“ Die Mädchen neben ihm können seine Sorge jedoch kaum nachvollziehen. Ihr griechischer Fahrer hat sie in einem Rutsch bis hier hergefahren, das Meer, es ist ganz nah und sie wissen, dass sie gleich nicht in einer riesigen Stadt aussteigen werden. Was also soll jetzt noch passieren? In ihrer Freude, so schnell ans Ziel gelangt zu sein, haben beide nicht daran gedacht, dass Sakis zunächst durch eine Mautstelle fahren muss, bevor er sie aussteigen lassen kann. Mühsam quält er sich in den Kreisverkehr dahinter, auf dem sämtliche Fahrzeuge, die zuvor auf mehreren Spuren an mehreren Kassenhäuschen vorbeigeleitet wurden, nun alle wieder zusammenkommen. Es wird gehupt, es wird durch das offene Fenster geschimpft, aber ihr Fahrer lässt sich davon nicht irritieren. Das was dann hinter dem Kreisel folgt, finden Lena und Tina aber, sieht genau so aus, wie die Autobahn eben und scheint zudem auch noch ewig so weiter zu gehen. Ein schlechtes Gewissen übermannt sie dann, als sie endlich kapieren, wie verzweifelt Sakis nach einer Straße sucht, auf der er mit seinem sperrigen Transporter wenden kann. Dann, als er die metallene Statue sieht, die in einem großen, runden Beet in einem Kreisel vor ihnen steht, hält er abrupt an. Schnell lassen Tina und Lena ihre Rucksäcke auf den Bordstein fallen und krabbeln hinaus aus dem Führerhaus. Zu schnell aber, haben beide das Gefühl, müssen sie sich jetzt von Sakis verabschieden. „Vielen, vielen Dank für alles!“, ruft ihm Lena zu, bevor sie die Beifahrertür zuschlägt. Tina hält ihm noch mal den ausgestreckten Daumen entgegen und beide winken ihrem Fahrer herzlich zu, als er auf der anderen Straßenseite noch einmal an ihnen vorbeifährt. Es ist sein Grinsen dort hinter dem Steuer, das ihnen verrät, wie froh auch er ist und wohl auch stolz, die beiden jungen Mädchen heil an ihr Ziel gebracht zu haben.

5 Der Platz

„Eigentlich war Rainers Idee mit dem Rathaus ja genial!“, findet Lena, die sich wieder wie neugeboren fühlt. Es sollte schließlich in jeder auch noch so kleinen Stadt eines geben und man sollte es auch stets irgendwo im Zentrum finden. „Ja, eigentlich!“, lacht Tina, denn sie tun nun schon etwas länger genau das, was sie mit der Wahl einer kleinen Stadt zu verhindern versucht hatten. Orientierungslos irren sie durch diesen Ort und wissen zudem weder, was Rathaus auf Englisch heißt, noch auf Italienisch. Und was sollten Passanten, von zwei jungen, offensichtlich nicht aus ihrem Land stammenden Mädchen in englischer Sprache nach dem Haus gefragt, in dem man seinen Pass verlängern kann, denn auch antworten?

An einem weiteren Kreisel angekommen, beginnt Tina daher zu kombinieren. „Da fährt doch die Bahn über die Unterführung dort?“ Kann Lena ihr gut folgen. „Und die haben wir doch von der Autobahn aus gesehen. Die verläuft wie sie immer parallel zum Meer, oder?“ muss ihre Freundin ihr auch diesmal wieder Recht geben. „Schau mal!“, blickt Tina die Straße entlang, die links vom Kreisel abgeht. „In diese Richtung sieht es doch nicht aus, als würde noch ein Stadtzentrum kommen!“ – „Ne, da geht`s eindeutig in die Hügel hinauf! Da wird sich das Zentrum wohl kaum befinden“, folgt Lena Tinas Augen. „Findest du also auch, dass es sinnig wäre, so ein Zentrum am Meer zu bauen, nicht?“, grinst Tina sie an. „Also ab durch die Unterführung, meinst du?“, mag Lena diese, Tinas Art sehr, Menschen zu überzeugen und folgt ihr rechts entlang durch den nicht sehr hohen Tunnel. „Bingo!“, hält Tina ihr den erhobenen Daumen hin, noch bevor sie wieder richtig oben sind. „`Ne Einkaufsstraße, jäh!“, muss Lena die Augen zusammenkneifen, da die Sonne noch tief steht jetzt am Morgen und genau so blendet, wie schon in den vergangenen Tagen, in denen sie noch oben im Norden waren. Eben so, als hätte man sämtliche Wolken abgeschafft, als würde es kein anderes Wetter mehr geben, als blauen Himmel und Sonnenschein eben. Fast schüchtern gehen Tina und Lena auf der breiten Allee entlang. Ein Geschäft reiht sich hier an das andere und der Anblick all der schicken Klamotten, Schuhe, Küchenaccessoires und Delikatessen in den Schaufensterauslagen befremdet die beiden nach all der Zeit, die sie nun auf der Autobahn zugebracht haben.

„Versuchen wir es noch mal?“, blickt Tina auf die Eingangstür eines kleinen Tabakladens. Doch kaum, dass die beiden das kleine Lädchen betreten und ihre Frage gestellt haben, hat sich eine Traube von Menschen um sie herum geformt und sie können sich kaum mehr bewegen. Hier soll man am Tresen die gewünschte Ware erbeten, bezahlen und dann wieder gehen. Nun aber, da alle auf die beiden jungen Frauen mit den sperrigen Rucksäcken schauen, ist alles zum Stillstand, das Geschäft zum Erliegen gekommen. Auch von denen aber, die sich hier nun zwischen Tabakdosen, Pfeifen und Zeitungsständern dicht gedrängt um sie tummeln, scheint keiner zu begreifen, was die jungen Frauen von ihnen wollen, auf Englisch zu erklären versuchen. Und daran können auch die eigentlich recht treffenden Umschreibungen, die Tina und Lena sich zurechtgelegt haben, so gar nichts ändern. Ein jeder blickt sie freundlich an. Es werden viele Anläufe genommen, untereinander zu klären, worum es hier geht, doch es ist einfach offensichtlich, dass niemand sie versteht. Wie ein heilloses Durcheinanderreden wirkt das alles auf Tina und Lena. „Dabei wollen wir doch nur wissen, wo das Rathaus ist,“ stöhnt Lena. - „Rathaus?“ hören sie da die tiefe Stimme eines Mannes in der Ecke sagen. Verdutzt blicken sie in sein fragendes Gesicht und plötzlich herrscht Ruhe um sie herum. „Seid ihr Deutsche?“, lächelt er die beiden an, die nun ebenfalls sprachlos sind. Nur langsam scheint ihnen klar zu werden, was hier gerade geschieht. „Ich hab gearbeitet in Deutschland“, hören sie ihn sagen und die zusammengerollte Zeitung in seiner rechten Hand scheint in eine bestimmte Richtung zu weisen. „Vierzehn Jahre. In Bochum. Kennt ihr Bochum?“, streicht der Mann sich mit der freien Hand durch seine grauen Haare. Tina und Lena, denen immer noch die Worte fehlen, kommt es vor, als würde er für einen Moment in der Erinnerung versinken. Ja, dort in Bochum war er mit knapp zwanzig Jahren und seinen kleinen Reisekoffer in der Hand, zum ersten Mal in dem Heimatland dieser Mädchen aus dem Zug gestiegen. Geld wollte er dort verdienen im Wirtschaftswunderland. Mit seiner Ausbildung zum Betriebsschlosser und einigen Jahren Berufserfahrung hatte er auch schnell eine Stelle gefunden. Aber anders als viele seiner Landsleute war er nicht lange geblieben. Zu groß war sein Heimweh im Laufe der Jahre geworden. Daher war zurückgekehrt, als es auch mit seinem Heimatland wieder bergauf ging und hier auch für immer geblieben. „Nein, ich war leider noch nie in Bochum“, findet Tina als erste endlich wieder zu ihrer Muttersprache zurück und lächelt ihn beinahe entschuldigend an. „Ah, nicht schlimm!“, winkt er mit der Zeitung in der Hand ab und seine Augen lächeln milde. „Ist keine Stadt sehr schön!“ Angestrengt sucht er nach den Worten. „Woher ihr seid?“, formuliert er langsam, denn er weiß noch, dass die Regeln für die Satzstellung in ihrer Sprache eine andere Reihenfolge vorsehen. Viel zu lange aber ist es nun schon her, dass er diese Sprache gesprochen hat. „Hamburg, na ja, in der Nähe davon“, ist Lena froh, überhaupt etwas von dem zu verstehen, was einer hier sagt. „Ja, Hamburg! Hamburg ist eine Stadt sehr schön!“, strahlt ihr Gegenüber erst sie, dann Tina an, „Und ihr macht Urlaub hier?“ - „Na ja“, wiegt Tina ihre Antwort ab. „Wir sind auf dem Weg nach Griechenland und...“ - „Griechenland?“, schaut sein schon leicht faltiges Gesicht erstaunt. „Das ist noch weit!“ - „Ja“, weiß auch Tina „und deshalb suchen wir das Rathaus. Dort wollen wir uns nämlich mit unseren Freunden treffen.“ - „Ah!“, streckt sich nun sein Arm mit der zusammengerollten Zeitung in der Hand erst in Richtung Ladenausgang, dann um die Ecke. „Ah, das Rathaus ist nicht weit! Die Straße runter, nur noch ein paar Meter.“ Die Erleichterung in den Gesichtern der beiden jungen Frauen zaubert ein warmes Lächeln auf das seine. „Municipio!“, spricht er das Wort langsam und deutlich und plötzlich lachen die Umstehenden auf. „Ach so, das Rathaus suchen sie!“ und gehen schon wieder ihren Beschäftigungen nach. „Municipio!“, wiederholt eine der Frauen das Wort noch einmal bevor sie sich anschickt, wieder ihrem eigentlichen Wollen zu folgen. Und so sprechen Tina und Lena es ein-, zweimal nach, auch weil sie glauben, dass sie diese Vokabel vielleicht noch einmal brauchen werden.

„Meinst du, das ist es?“, will Tina mal wieder ganz sicher gehen, als sie vor dem dreistöckigen Gebäude stehen, das genau so breit ist wie der Platz davor und spricht auch gleicht eine Passantin an. „Schì, schì!“, nickt diese nur kurz, ohne sich umzudrehen und die beiden Mädchen beginnen zu lachen. Denn es ist nicht nur die Aussprache, in der die Frau geantwortet hat, die für sie wahrlich witzig klingt, sondern auch eine Menge Erleichterung, die sich gerade in ihnen breit macht. Ganz automatisch suchen sie die Umgebung nach ihren Begleitern ab. Die aber sind nirgends zu sehen „Lass doch noch mal in dem Park da schauen!“, schlägt Tina vor und weist mit dem Kopf auf die Palmen, die hinter einem hohen, schwarzen Gitterzaun am Ende des Platzes stehen. Angenehm ist es hier! Kühler durch die Blätterkronen der hohen Bäume und den mehrstöckigen Springbrunnen mitten drinnen, auch wenn er klein ist, dieser Park, und die unterschiedlichen italienischen Vehikel unaufhörlich außen um ihn herumsurren. „Die sind noch nicht da!“, blickt Lena sie an und Tina muss grinsen und noch mehr an Jan denken, als sowieso schon. „Wollen wir hier bleiben? Hier ist es doch angenehm“, will sie aber nicht lange auf dem herumreiten, was ja offensichtlich war. Lena spürt, wie gerne sie jetzt im Schatten sitzen würde, umgeben von Grün. „Hm! Aber hier sieht uns ja keiner.“ Das, muss Tina einsehen, stimmt leider. „Vielleicht setzen wir uns da auf den Platz auf die Seite?“, schlägt sie daher vor. „Unter die Bäume da auf den Bürgersteig?“

Hart ist er dieser breite Bürgersteig, aber wenigsten können die zwei ihre Rucksäcke und daran sich selbst mit dem Rücken an die Baumstemme lehnen. Sie schauen zu wie sich neben ihnen alles, was einen Motor hat, auf zwei, drei oder vier Rädern an den am Straßenrand kreuz und quer abgestellten Fahrzeugen auf das Rathaus zuschiebt. Von dort aus es scheint es nur eine Richtung zu geben, die nämlich um den Platz herum. Nur wenige Menschen umrunden oder überqueren den Platz, auf welchem abgesehen von ein paar parkenden Autos im vorderen Bereich, gähnende Leere herrscht, zu Fuß. Tina betrachtet die Buden, die links und rechts vor dem Eingang zur Parkanlage stehen. Buden, die Eis anbieten, Süßigkeiten, Kaltgetränke, so etwas Ähnliches wie Kinderspielzeug. Die Augen der Mädchen folgen dem jungen Mann, der mit seiner Vespa quer über den Platz direkt bis zu einer dieser Buden fährt, seinen blonden, jungen Sohn stehend zwischen seine Beine geklemmt. Ohne abzusteigen will er dem Kleinen scheinbar einen Luftballon kaufen. Dieser würde wohl zu gerne gleich alle nehmen, doch er muss sich entscheiden. Geduldig hält der Mann aus der Bude ihm die Schnur mit einem schwebenden gelben Ballon daran hin, dann die mit einem roten, schließlich die mit einem blauen. Nach dieser Schnur greift der Kleine sogleich und schaut stolz grinsend an ihr entlang zum Ballon hinauf. Nun weist Papa ihn wohl an, die Schnur von nun an gut festzuhalten, bevor er das Gas wieder aufdreht. Ein schönes Bild finden Tina und Lena, wie Papa und Sohnemann mit dem blauen Luftballon über ihren Köpfen auf der Vespa langsam über den breiten Platz zurück zur Straße fahren. Dennoch ahnen beide schon, dass es öde werden kann, hier für längere Zeit herumzusitzen.

„Hattest du geschaut? Haben wir `nen Stempel von den italienischen Grenzbeamten gekriegt?“, hat Lena diesen Teil der Reise ja nun verschlafen. „Nein! Leider nicht! Die haben unsere Pässe gar nicht interessiert.“ – „Schade zwar, aber es wär doch cool, wenn das irgendwann mal in ganz Europa so sein würde, oder? Reisen von Land zu Land ohne Visa, ohne Ausweispapiere und ohne Grenzkontrollen“, findet Lena an dieser Vorstellung richtig Gefallen. „Ja, das wäre dann endlich auch ein Europa nicht nur für die, die Handel treiben“, gefällt auch Tina dieser Gedanke, „sondern endlich mal eins für die Menschen!“ - „Na, zumindest ein West-Europa ohne Schranken“, überlegt Lena. „Ja, wer weiß!“, spinnt ihre Freundin den Gedanken auch gleich weiter. „Vielleicht wird es irgendwann ja sogar mal einen Europa-Pass geben, ein Ausweispapier für alle, die auf diesem Kontinent leben.“ - „Und alle können unbegrenzt und unbehelligt von Nord nach Süd und Ost nach West hin- und herreisen.“ - „Ja, cool wäre das!“ -„Absolut!“, schweifen Tinas Augen über den Piazza „Und bis dahin haben wir hier erst mal einen ganz schönen Platz hier, oder? Schön im Schatten. Und gut sichtbar auch!“ - „Allerdings!“, lässt auch Lena ihren Blick über das Gelände um sie herum streifen. „Echt gut sichtbar für jedermann!“

Die Menschen, die an den beiden in alle möglichen Richtungen vorbeigehen, betrachten sie nicht selten lange, unverhohlen. Kaum jemand hier ist sonderlich bemüht, gleich wieder wegzuschauen, selbst wenn eines der Mädchen ihren Blick entgegnet. Nein, für die Menschen hier scheint es keine Selbstverständlichkeit zu sein, dass zwei junge Frauen mit Gepäck auf dem Bürgersteig am Rande des zentralen Platzes ihrer Stadt sitzen und offensichtlich nichts weiter zu tun haben, als auf irgendetwas zu warten. Immer wieder macht der eine oder andere die Mädchen von der Straße aus auch mit seiner Hupe bekannt. Die Menschen schauen, lächeln und rufen ihnen irgendwas zu, wohl damit die Mädchen sich zu ihnen umdrehen mögen, so dass sie ihre Gesichter sehen können. Das ist ungewohnt für die beiden aus dem hohen Norden, aber auch amüsant. Aber da es beim Lächeln, Hupen und Winken bleibt und keiner ihnen zu nahe kommt, fühlt es sich auch für keine von beiden unangenehm an. „Bald“, so ist Tina überzeugt, „werden wir hier Stadtgespräch sein.“ - „Ja, und alle fahren extra hier her, nur um uns zu sehen. Eigentlich ganz schön, mal so etwas Besonderes zu sein, nicht?“ Besonders ist für Lena aber auch dieser Wasserhahn, der aus einer gusseiserneren Säule nicht weit von ihnen ragt. „Ob sich da wohl jeder bedienen darf?“, fragt sie sich laut. „Wenn denn überhaupt was rauskommt“, bezweifelt genau das Tina, rappelt sich hoch, schaut sich noch einmal um und dreht dann den Hahn auf. Mit einem mächtigen Schwall spritzt das Wasser auf den Boden und von dort auf ihre Beine, so dass sie erschrocken ein Stück zur Seite springt. „Da kommt nicht nur was raus, da ist auch ordentlich Druck drauf!“, zieht Lena sie grinsend auf. „Sieht ganz klar aus“, beugt Tina ihren langen Oberkörper hinunter, hält ihren offenen Mund in das fließende Wasser und nimmt einen Schluck. „Und schmeckt auch ganz ok“, findet sie. „Und kühl ist es auch“, hält sie beide Hände in den Wasserstrahl. „Das ist ja echt geil!“, entfährt es Lena. „Hier kann man sich das Wasser mitten in der Stadt direkt in den Mund laufen lassen. Und das vollkommen umsonst!“ - „Man kann es sich aber auch in die Flasche füllen!“, feixt Tina und findet es einfach nur super, an einem heißen Sommertag wie diesem gleich neben einer kostenfreien Wasserquelle zu sitzen. „Wenn man bedenkt, dass man bei uns `ne Mark und fünfzig für so `ne kleine Glasflasche am Kiosk bezahlt, möchte man an einem Platz wie diesen mal was trinken“, fällt Lena ihre Heimat ein. „Ist doch voll abgefahren!“ – „Allerdings!“, nickt Tina, „Echt abgefahren!“

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Erst als sie schon auf der Autobahn sind, stellte sich heraus, dass der Fahrer des LKWs zwar nach Italien will, zunächst aber von Innsbruck aus noch einmal in Richtung Schweiz fahren muss, um dort in irgendeinem Ort irgendetwas abzuholen. Der ältere Mann, der nur gebrochen Deutsch spricht, bietet Jan an, den Ort dort in Österreich auf der Karte zu suchen, die vorne an der Windschutzscheibe steckt. So könnten sich die beiden Jungen einen Überblick verschaffen. Zwei bis drei Stunden Umweg seien es aber sicher schon. Zweifelnd blickt Jan Rainer neben sich an, dessen Miene sich bereits wieder verdunkelt hat. „Immerhin fährt er dann bis Bologna“, findet er in seiner optimistischen Art voller Sehnsucht danach, endlich wieder in Tinas große, sanfte Augen zu schauen. „Ah!“, winkt Rainer jedoch zu seinem Leidwesen ab, wobei er seine Finger wieder einmal durch seine weichen Haare gleiten lässt. „Hab` eh keine Ahnung, wo das genau ist. Aber wir müssen auch mal was essen“, findet er. „Also besser, er lässt uns an einer Raststätte vor Innsbruck raus.“ Das mit dem Essen ist für Jan ein schlagendes Argument. Es ist aber ja auch nahezu unmöglich, hatte er schon gestern beim Genuss des aufgewärmten, belegten Brotes bemerkt, Nahrungsmittel für mehrere Tage mit auf eine solche Tramptour zu nehmen. Nicht nur, dass es dafür kaum mehr Platz gibt in den Rucksäcken, die vollgepackt sind mit allem Möglichen, was man so braucht. Es hält sich ja auch nichts bei dieser Wärme! Bei dieser dauerhaften Sonneneinstrahlung, der sie ausgesetzt sind.

Auf der Raststätte kurz vor Innsbruck versucht Jan für Deutsche Mark belegte Brötchen zu bekommen. Die beleibte Dame an der Kasse des Selfservice-Restaurants will sich aber partout nicht darauf einlassen. Kleingeld würde sie nicht wieder gewechselt bekommen, erklärt sie den Trampern mit ihrem österreichischen Akzent. Es gibt keine Diskussion und auch kein Mitleid. Sie könnten mit einem Schein bezahlen und das Wechselgeld in Schilling zurücknehmen oder eben hungrig bleiben. Mehr kann Jan auch mit seinem entzückendsten Lächeln nicht herausschlagen, ganz gleich wie sehr seine schönen, grünen Augen die füllige Frau im Dirndl auch anstrahlen. Also bezahlt Jan die beiden mager belegten Brötchen und lässt sich die paar Schillinge Rückgeld geben. Der Wert des Scheines reicht nicht aus, um auch noch zwei Tassen Kaffee zu erwerben, ja, nicht einmal eine davon. „Das hat doch jetzt ein Vermögen gekostet!“, schimpft Rainer, kaum dass sie ein paar Meter von der Kasse entfernt sind. „Und die hat voll das Geschäft gemacht!“ Jan hält ihm eines der Brötchen hin. „Denk ich auch“ ärgert auch er sich darüber, dass man auf den Autobahnraststätten sowohl den Leuten, die dort arbeiten, als auch den Preisen so hilflos ausgeliefert ist. „Als Autofahrer würde ich ja auch zum Essen immer abfahren.“ „Ja ne, lass mal!“, grinst Rainer ihn verkrampft an. „Wir kommen ja auch so schon nicht voran.“ Er, Rainer, war schließlich von Anfang an dafür gewesen, an die Atlantikküste nach Frankreich zu fahren und zwar mit der Bahn. Griechenland, hatte er gedacht, war viel zu weit. Aber die anderen hatten sich ja von dieser Idee nicht abbringen lassen. Und nun merkte er deutlich, wie wenig er diese Hitze vertrug. Auch wenn er nicht gleich einen Sonnenstich erlitt wie Lena, deren Haare doch immer leuchteten, als wären sie die Sonne selbst, spürte er, dass sein Körper nicht gemacht war für dieses ewige Superwarm. Zudem war er in der Nacht immer wieder aufgewacht, hatte an Lena gedacht und sich geärgert, weil es seine Idee gewesen war, die Partner so zu tauschen, dass nun die beiden Mädels alleine unterwegs waren und er hier mit Jan nicht weiter kam. Immerhin war Tina als angehende Krankenschwester aber wohl besser in der Lage, sich um die kranke Lena zu kümmern, als er das hätte tun können, versuchte er sich zu trösten, doch es gelang ihm nicht recht. Sein Kumpel Jan schlief tief und fest neben ihm. Beneidenswert echt! Unfähig in den Schlaf zu finden, hatte Rainer daher wieder einmal damit begonnen, darüber nachzusinnen, was er nun eigentlich von Lena wollte und sie von ihm. Und wieder einmal konnte und wollte er sich nicht eingestehen, dass er noch viel zu sehr an seiner Sabine hing, als dass er sich auf eine andere Frau hätte einlassen können. Er mochte Lena sehr, das Strahlen ihrer dunkelblauen Augen, wenn sie lachte. Und sie lachte viel. Aber es hatte nicht geknallt zwischen ihnen, nicht so wie damals zwischen ihm und Sabine, seiner ersten wirklich großen Liebe. Diese drei Jahre mit ihr waren für Rainer einfach nur schön gewesen und es war jetzt auch erst knapp zwei Monate her, dass sie sich in diesen anderen Heini verliebt hatte. Was wollte sie nur von dem! Fünf Jahre älter als sie und der totale Spießer! Klar war es nach drei Jahren nicht mehr so zwischen ihnen beiden gewesen wie am Anfang. Er aber hätte sich niemals in eine andere Frau verlieben können. Ja, er konnte es ja nicht einmal jetzt, wie er schließlich feststellen musste, als es um das Zelt herum schon langsam zu dämmern begann.

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„Guck mal!“, lenkt Tina Lenas Blick auf ein kleines, grünes Vespadreirad, das aus der Seitenstraße ihnen gegenüber direkt auf sie zugefahren kommt. Es ist aber nicht das winzige Dreirad, das ihre Aufmerksamkeit erregt hat, begreift Lena sogleich. Von diesen Vespas, denen man hinten eine winzige Ladefläche auf zwei Rädern angehängt hat, haben sie heute ja auch schon viele gesehen. In keinem von ihnen saßen jedoch zwei so junge Männer mit so schönen, gelockten, schulterlangen Haaren drin. Jetzt lächeln diese beiden Jungs sogar direkt in Tinas und Lenas Richtung. Ja, sie wenden sogar noch mal ihre Gesichter zu ihnen um, nachdem sie um die Ecke gebogen sind und dem Strom der Fahrzeuge folgen, der sich unaufhörlich in Richtung Rathaus und von dort um den Platz herum bewegt. „Die sahen doch jetzt echt sympathisch aus“, findet Tina. „Allerdings!“, ist Lena ganz bei ihr, „Aber schau!“ zeigt sie auf die grüne Ape, die nun auf der Straße auf der anderen Seite des Platzes an eben diesem verbeifährt. „Schade eigentlich!“ seufzt ihre Freundin leise. „Ja, schade!“ nickt Lena, denn sie beginnt sich zu langweilen hier. „Ich hab grad voll Hunger“, spürt sie außerdem. „Kein Wunder!“, findet Tina. „Wo du doch gestern alles gleich wieder ausgespuckt hast! Aber eine von uns sollte wohl jetzt immer hier bleiben, denke ich. Wegen der Jungs und auch wegen der Rucksäcke“, ist sie gedanklich schon dabei, ihnen etwas zum Essen zu besorgen und holt auch schon ihr Portemonnaie aus ihrer bunten Umhängetasche heraus. Es wäre tatsächlich zu umständlich, sich mit den Rucksäcken auf dem Rücken in irgendwelche Läden zu zwängen, findet auch Lena mit Blick auf die italienischen Geldscheine, die Tina in ihren Händen hin- und herwendet. „Wie viele Lire hast du denn eigentlich?“ - „11.000 und noch ein paar Zerquetschte.“, zählt Tina die Lire nach, die sie noch daheim von ihrer Bank erhalten hat. „Besonders schick sind sie ja nicht.“, fällt ihr dabei auf und sie hält Lena einen 1000 Lire-Schein direkt vors Gesicht. „Na ja, auch nicht schöner oder hässlicher als die unseren, oder?“ - „Aber die in Frankreich!“, strahlen Tinas große Augen begeistert. „Die mit dem kleinen Prinzen drauf! Hast du die mal gesehen?“ Nein, muss Lena kopfschüttelnd zugeben, da sie ja noch nie in Frankreich war. „Und wie viel sind diese 11.000 nun wert?“ - „Etwa zwanzig Mark. Musste ja auch noch Gebühren bezahlen....“, schaut ihre Freundin sie fast entschuldigend an. Lena aber findet auch, dass das erst mal reichen sollte. Schließlich war ein längerer Aufenthalt in Italien ja nicht geplant. Und schade wäre es auf jeden Fall, wenn auch sie noch einen Travellerscheck hier einlösen müsste. denn das wären dann gleich fünfzig Mark, die für Lire draufgingen. Den Rest müsste sie dann auch in Griechenland wieder in Drachmen tauschen, wollte sie ihn nicht auf dem Rückweg hier in Italien ausgeben und ein jeder Umtausch kostete nun mal die von Tina schon erwähnten scheiß Gebühren. Geld, das man besser sparen sollte, war sie überzeugt, angesichts der geringen Mengen, die Tina als Auszubildende und sie als Abiturientin davon haben. „Puh, das wird kompliziert mit diesem Wechselkurs“, ist das, was ihre Freundin im Moment aber viel mehr umtreibt und sie sieht sich schon stundenlang im Laden stehen, verzweifelt damit beschäftigt, die Preise von Lire in D-Mark umzurechnen.

Alleine auf den Steinplatten sitzend wird Lena bewusst, wie heiß es schon wieder geworden ist. Auffällig auch, dass kaum einer mehr hupt oder ruft. Das aber hat wohl nicht damit zu tun, dass sie nun alleine hier sitzt, sondern eher damit, dass kaum einer mehr da ist außer ihr. Eine seltsame Ruhe hat sich über den Platz gelegt und schon sieht sie Tina auch mit leeren Händen wieder auf sich zukommen. „Alles zu! Mittagspause!“, zieht sie eine Schnute. „Ach, wie bei uns! Bis wann?“ - „Also, ich hab geschaut, aber da steht echt bei jedem Laden etwas anderes dran. Wenn überhaupt! Vor drei aber wird das hier nichts werden.“ - „Dann kann ich jetzt sicher auch kein Geld tauschen?“, nimmt Lena mal an. Zu gerne würde sie sich mal ein wenig bewegen. Träge schüttelt Tina ihr gestuftes, kurzes, strohblondes Haar. „Alles dicht!“ Lena blickt auf die langen Zeiger der Uhr, die oben an der Wand des Rathauses hängen. „Na, das ist dann ja noch etwas hin!“, stellt sie fest und lehnt sich wieder an ihren Rucksack an. „Ich würde an deiner Stelle aber auch noch nicht tauschen“, sieht auch Tina in der Geldwechselei keinen Sinn. „Lass uns doch erst mal die Lire ausgeben, die ich habe und dann schauen!“ – „War ja auch so abgemacht!“, wollte Lena ihre Freundin nicht irritieren. Aber wenn die Jungs nicht kommen und dann erst mal Wochenende ist.“ – „Warte wir mal ab, oder?“, ist Tina sich aber gewiss, dass die Jungs bald eintrudeln werden. Für Lena aber bleibt es ein mulmiges Gefühl, stellt sie erstaunt fest, selbst kein Geld in der Tasche zu haben, mit dem sie etwas kaufen kann. Als verlöre man ein Stück seiner Freiheit! Tina aber kann ihren Blick nicht mehr von diesem Ort abwenden, der ein wohliges Gefühl in Mund und Magen verspricht. „Komm!“, springt sie auf, „Ich lade dich zu `nem Kaffe ein. So teuer kann das doch nicht sein! Und vielleicht gibt es dort ja auch etwas zum Essen.“

Das kleine Cafe an der Straße auf der anderen Seite des Platzes war auch Lena schon ins Auge gefallen. Mehr noch die jungen Leute, die davor schon seit längerem saßen und immer mal wieder zu ihnen hinüber geschaut hatten. „Sollen wir die Rucksäcke hier lassen?“, hat Lena wenig Lust darauf, das schwere Ding erneut zu schultern. „Warum nicht?“, findet auch Tina. „Man kann sie ja von dort aus gut sehen.“ Nach all der Zeit, die sie nun schon hier gesessen haben, hat keine von ihnen beiden den Eindruck, dass sich irgendjemand hier an ihren Sachen zu schaffen machen oder sie gar einfach mitnehmen würde. Trotzdem drehen sich sowohl Lena als auch Tina auf dem Weg über den Platz noch zwei-, dreimal prüfend um, bis ihre Blicke sich treffen und sie lachen müssen, über sich selbst. Und sie lachen gleich ein bisschen mehr, weil sie merken, wie gleich sie ticken, wie ähnlich sie umgehen mit den Situationen, in die sie geraten. Vergnügt lassen sie sich auf die weißen Stühle links vom Eingang des Cafés fallen, so dass sie über den Platz sehen können, zu ihren Rucksäcken hin. Insgeheim hoffen beide in diesem Moment, Rainer und Jan würden um irgendeine Ecke kommen. Dabei entgeht Tina und Lena nicht, dass sie auch jetzt wieder gemustert werden. Ihre Freunde, sie sind nicht in Sicht, aber es kommt auch kein Kellner und auch keine Kellnerin aus dem Café zu ihnen, um sie zu bedienen. Daran ändern auch die sehnsuchtsvollen Blicke der Mädchen durch das Schaufensterglas in das Innere des Cafés, die von drinnen durchaus wahrgenommen werden, absolut nichts.

„Kommt ihr aus Deutschland?“ Es ist das Mädchen mit den langen, dunkelbraunen Haaren aus der Gruppe, die gegenüber auf der anderen Seite des Eingangs sitzt, das schmunzeln muss über die überraschten Blicke, die Lena und Tina jetzt tauschen. Das Lachen der beiden, das unweigerlich folgt, aber irritiert die Frau sichtlich. Skeptisch zieht sie ihre Augenbrauen hoch. „Ja“, beeilt Tina sich daher zu sagen. „Und du bist jetzt schon die zweite, die wir hier treffen, die unsere Sprache spricht.“ - “Ach so!“, versteht die junge Frau mit ihren dunkelgrünen Augen nun. „Ja, der ein oder andere in Italien hat schon mal in Deutschland gelebt. Aber hier in dieser Stadt?“ wendet sie sich wie zum Beweis an die drei jungen Frauen und die zwei jungen Typen, die um sie herum sitzen und offensichtlich ihre Bekannten sind. „Tedesco?“ Kopfschütteln, Abwinken, „No!“, ein jeder lächelt nur freundlich. „Du sprichst dafür aber ganz schön gut Deutsch“, ist Tina beeindruckt und die junge Frau vor ihr findet zu einem Lächeln zurück. „Ich bin ja auch in Deutschland aufgewachsen! Ich bin dort zur Schule gegangen.“ Sie hält einen Moment inne, als versuche sie sich an etwas zu erinnern. „Ja, genau wie ihr!“, verkündet sie schließlich und wirft ihre langen, dunklen Haare mit einem Kopfschwung nach hinten. „Nun aber lebe ich hier.“ Forschend blickt sie erst die lange Frau mit den strohblonden Haaren, dann die Kleinere mit den rotblonden, leicht gewellten an. „Und ihr? Woher kommt ihr?“ „Schleswig-Holstein“, versucht Tina gar nicht erst herauszufinden, ob das Mädchen ihren kleinen Heimatort oben im Norden kennt. „Puh“, macht die angesichts der Entfernung. “Das ist weit!“ Und der Ausdruck in ihrem Gesicht zeigt Anerkennung. „Und wie seid ihr hergekommen?“, ist sie neugierig. „Getrampt, nicht wahr?“, hält sie ihnen den ausgestreckten Daumen hin und freut sich über das Nicken der beiden so wie auch darüber, endlich mal wieder Deutsch sprechen zu können. „Wir haben nämlich schon gewettet hier, wisst ihr?“ Und sie macht sich schnell daran, ihren Freunden das Gesagte zu übersetzen. Nur eine der Frauen um sie herum lächelt nun noch. Die anderen wirken enttäuscht. „Wir beide“, zeigt die Deutschsprechende, die problemlos vom Deutschen ins Italienische wechseln kann, auf die Lächelnde „wir beide haben gewonnen!“ Doch der Mann rechts von ihr scheint noch etwas auf dem Herzen zu haben. „Ah, stimmt“, erinnert sie sich, „was ihr hier macht, das war auch noch eine Wette zwischen uns.“ Schön, denkt Tina, wie die Leute sich hier mit Spekulationen über uns die Zeit vertreiben! „Ihr wartet auf eure Partner, stimmt`s?“, hat die Deutsch-Italienerin offensichtlich das Bedürfnis, auch diese Wette zu gewinnen. „Nicht ganz!“, muss Tina sie nun aber enttäuschen. „Wir warten auf zwei Jungs, ja!“, wirft Lena ein. „Aber das sind nur Freunde. „So wie wir!“, legt Tina freundschaftlich den Arm auf Lenas Schulter. Diesmal lässt sich die deutschsprechende Italienerin mit der Übersetzung Zeit. Diesmal lag sie mit ihren Spekulationen über Lena und Tina wohl falsch.

„Ich heiße übrigens Martina“, stellt sie sich vor und zeigt auf die anderen. „Marco, Roberto, Chiara, Antonia, Teresa.“ So schnell also lernt man hier gleich eine ganze Gruppe von Menschen kennen! „Lena“, erwidert Lena das freundliche Nicken eines jeden einzelnen. „Tina. Eigentlich Christina, aber das muss echt nicht sein!“, hält Tina ihr das Peace-Zeichen hin und ihr fällt ein: „Dann hast du also auch einen deutschen Namen?“ Doch Martina schüttelt gleich lächelnd den Kopf. „Ach, nein! Es gibt viele Namen, die im Deutschen und Italienischen gleich sind. Sehr viele!“, und dann fällt ihr ein, „Ihr müsst euch hier drinnen bedienen. Hier kommt keiner heraus, um eine Bestellung aufzunehmen.“ Automatisch wandern Tinas und Lenas Blicke über den Platz zu ihren Rucksäcken hin. „Keine Angst!“, errät Martina ihre Gedanken. „Wir schauen schon auf euer Gepäck!“ Etwas, durchzuckt ein Gedanke Tina kurz, stimmt nicht mit ihren Augen. Doch schon in dem Moment, in dem sie aufgestanden ist, hat sie bereits wieder anderes im Sinn.

“Cappuccino”, da sind sich Lena und Tina einig und auf die Pizzastücke in der Vitrine kann man zeigen. Während die Frau mit der modischen Brille hinter der Theke an der riesigen Espressomaschine hantiert, breitet Tina ihre italienischen Geldscheine und Münzen vor sich auf dem Tresen aus. Doch es nützt wenig, dass sie sich zuvor mit dem italienischen Zahlungsmittel vertraut gemacht hat, denn weder sie noch Lena verstehen, was die weibliche Bedienung von ihnen für die Heißgetränke und die Pizzen haben möchte. Wohlwollend hält sie ihnen zehn Finger hin. Zehn Lire, da sind sich Tina und Lena schnell einig, wird sie kaum meinen. Amüsiert über die beiden jungen Ausländerinnen zeigt die Frau auf einen der 1000-Lire-Scheine, hält ihnen sogleich noch weitere sechs Finger hin. „Wenn ich mich nicht verrechnet habe“, blickt Tina ihre Freundin an, „dann waren das jetzt keine vier Mark.“ – „Und dass für zwei Kaffe und zwei kleine Pizzen?“, kann Lena kaum glauben. „Das kann ich eigentlich kaum sein!“ – „So was scheint hier erheblich billiger zu sein als bei uns“, ist Tina sich aber doch recht gewiss, dass sie beim Umrechnen keinen Fehler gemacht hat und grinst ihre Freundin erleichtert an.

„Ob das in Griechenland auch so wird?“, stellt Lena sich beim Rausgehen laut die Frage. „Hm, vielleicht“, hat ihre Freundin auch schon in die Zukunft gedacht. „Aber für Griechenland hat Jan doch diese Tabelle mitgenommen.“ Ach, ja, Jan!“, erinnert sich Lena daran, wie er ihnen allen stolz diese kleine Karte bei ihrem letzten Vorbereitungstreffen präsentiert hat. Die Umrechnungstabelle, die Beträge von 10 Pfennige über ein, zwei, drei bis zu 100.000 Mark jeweils den entsprechenden Betrag in Drachme gegenüberstellt. Drehte man sie um, fand man das Ganze umgekehrt. Natürlich hatte man auf dem Kärtchen den Wechselkurs zu einem bestimmten Zeitpunkt zugrundegelegt. Durch die üblichen Kursschwankungen konnte da der Betrag, den man am Ende tatsächlich für sein Geld in der anderen Währung bekam, auch mal etwas abweichen von dem, was auf dem Kärtchen stand. Aber man hatte wenigstens einen Anhaltspunkt, etwas, was man zur Hilfe nehmen konnte, wenn man herausfinden wollte, wie viel Geld man in der fremden Währung da eigentlich gerade zumindest in etwa aus den Händen gab. Ja, Jan war echt organisiert, hatte Lena anerkennend gedacht. Was man von Rainer nicht unbedingt behaupten konnte. So wenig wie von ihr, das wusste sie. Gut daher, dass sie sich nicht alleine auf den Weg gemacht hatten, dass sie Tina und Jan dabei hatten!

„Setzt euch doch zu uns“, lädt Martina sie an ihr rundes Tischchen ein, auf den Stühlen Platz zu nehmen, auf denen eben noch zwei der Männer und eine der Frauen gesessen hatten. „Die müssen noch was besorgen“, erklärt Martina ungefragt. „Ich warte noch auf meinen Mann. Dann muss auch ich gehen.“ Tinas und Lenas erstaunte Blicke verwundern Martina nicht. Sie hat fest mit ihnen gerechnet. „Der mit den kurzen Haaren, der hier saß.“ Zeigt sie auf den immer noch leeren Stuhl ihr gegenüber und erwartet eben diese Reaktion. „Du bist schon verheiratet? Wie alt bist du denn?“ „Einundzwanzig“, lächelt sie, denn sie kennt dieses Erstaunen, diese Art Fragen, ist sie doch in beiden Kulturen aufgewachsen, der deutschen und der italienischen. Von klein auf an musste sie lernen, mit den unterschiedlichen Gepflogenheiten und Gewohnheiten der beiden Kulturkreise umzugehen. „Ja, hier in Italien heiratet man nicht so spät wie bei euch in Deutschland“, erklärt sie den beiden jungen Mädchen daher auch wie selbstverständlich. „Mit neunzehn, zwanzig, einundzwanzig - das ist hier ganz normal.“ Heiraten, wird Tina in diesem Moment klar, das ist bei den Leuten, die sie so kennt, so überhaupt nicht angesagt. Und heiraten in dem Alter, in dem Lena und ich jetzt sind? Noch vor Beendigung der Ausbildung, des Studiums? Das scheint Tina gerade absolut undenkbar. „Hast du denn deinen Mann in Deutschland kennen gelernt?“, will Lena wissen und beißt voller Appetit in ihre Stück Pizza. „Ja, aber er war nur zu Besuch dort. Deshalb spricht er eure Sprache auch nicht. Wegen ihm bin ich auch hier hergekommen, hier in diese kleine Stadt. Aber meine Familie, die ist noch in Deutschland.“ - „Wo genau?“, setzt Tina ihre Tasse wieder ab, ohne getrunken zu haben. Zu heiß noch sind der Kaffee und die Milch darin. „Mayen“, schaut Martina sie mit ihren dunkelgrünen Augen sehnsuchtsvoll an. So unwahrscheinlich es auch ist, so hofft sie doch, wenigsten eine von den beiden würde diesen Ort kennen. „In der Nähe von Koblenz“, ergänzt sie auf das Kopfschütteln der beiden hin und macht einen enttäuschten Eindruck. „Deine Eltern arbeiten dort?“ denkt Lena sich. „Ja“, nickt Martina versonnen. „Sie haben dort ein Restaurant.“ Und es klingt, als hätte sie Heimweh.

„Wisst ihr, woran ich erkannt habe, dass ihr aus Deutschland seid?“, findet sie nach einer Weile zurück an den Tisch. Für Tina und Lena aber stellt sich diese Frage doch gar nicht, wenn Martina doch in Deutschland aufgewachsen ist. „An euren Klamotten!“ erwartet Martina erneut verblüffte Gesichter. „Ja, daran erkennt man Deutsche sofort!“, behauptet sie und zeigt wie zum Beweis auf ihr Kleid. „Ja“, fährt sie fort, weil Tina und Lena schweigend an ihren Cappuccini nippen. „Hier in Italien können sich auch Menschen Mode leisten, die nicht so viel Geld haben. Mode ist sehr wichtig bei uns. Nicht wie in Deutschland, wo modische Kleidung nur für die reichen Leute ist.“ So wie Martina das sagt, wirkt es nicht, als wolle sie Tina und Lena beleidigen. Trotzdem klingen Tinas Worte ein wenig nach Verteidigung. „Mode interessiert mich aber auch echt so gar nicht!“ - „Ja, aber genau das meine ich!“, muss Martina grinsen. „Hier in Italien ist sie wichtig. Bei euch in Deutschland eben nicht. Oder zumindest nur für einige.“ - „Gilt das denn auch im Umkehrschluss?“, will Tina wissen. „Erkennt man die Italiener auch an dem, was sie anhaben?“- „Ich finde schon!“, ist Martina überzeugt und wiegelt dann ab. „Macht euch mal keine Sorgen! Ist ja nicht so schlimm! Und bei den Frauen fällt es eh nicht so sehr auf. Aber wie die deutschen Männer sich in ihrer Freizeit oder im Urlaub kleiden, das würden Italiener sich niemals trauen.“ - „Du meinst mit kurzen karierten Schlabberhosen und einem Hawaihemd?“, hat Tina sofort ein ganz bestimmtes Bild vor Augen. „Ja, genau so!“ lacht Martina nun von Herzen. „Genau so!“

Möglichst unmerklich mustern Lena und Tina nun die Anwesenden und alle, die an ihnen vorbeigehen, studieren, was sie an ihren Körpern tragen. Zugegeben, das entspricht schon dem, was jetzt Mode ist. Die Kleider, die Hemden und Hosen, ja selbst die Farben sehen angesagt aus, und bringt sie dazu zu glauben, dass es ja vielleicht tatsächlich so ist, dass man aufgrund der Kleidung, die Menschen tragen, erkennen kann, aus welchem Land sie kommen. Ein wenig so wie früher eben, als die verschiedenen Trachten und Kopfbedeckungen ein Zeichen dafür waren, aus welcher Region die Menschen stammten.

„Habt ihr denn schon Ferien?“, reißt Martina die Mädchen aus ihren Gedanken. „Es ist doch erst Anfang Juni!“ - „Schleswig-Holstein ist doch immer sehr früh dran“, erinnert Lena Martina daran, dass in Deutschland ja jedes Bundesland zu einem anderen Zeitpunkt in die sechswöchige Schulpause geht. „Und ich“, hat Tina sich gerade den letzten Bissen Pizza in den Mund geschoben „arbeite schon. Also Ausbildung. Erstes Lehrjahr.“ - „Hm“, lächelt Martina etwas müde. „Ich könnte ja jetzt raten, aber ich glaub, ich hab für heute genug davon.“ - „Krankenschwester“, nickt Tina ihr verständnisvoll zu. „Und du?“, würde sie gerne herausfinden, warum Martina und ihr Mann hier tagsüber im Café herumsitzen können. „Krankenschwester?“, ist Martina voller Anerkennung. „Das ist sicher kein einfacher Beruf. Find ich voll cool, dass du das machst!“ Tina, die nun ihrerseits diese Art Reaktionen schon kennt, lächelt nur. „Ach so! Ich?“, begreift Martina endlich. „Ich arbeite in einem Restaurant. Aber nur abends! Dort hinten“, zeigt sie schräg hinter sich, „am Strand.“ - „Ist der Strand nicht da?“, wundert Tina sich und zeigt in die andere Richtung. Herzlich, wie Martina jetzt lacht. „Strand ist hier doch überall. Die ganze Adria entlang - rauf und runter.“ Klar, durchfährt es Tina, dumm von mir! Aber wenn man denn auch so gar keine Orientierung hat!

Hastig kommt der junge Mann mit den kurzen Haaren von der Straße auf sie zu. „Komm!“, scheint er Martina schon von weiten immer wieder aufzufordern. Sie ruft ihm etwas auf Italienisch entgegen. Nervös bleibt er vor Tina und Lena stehen. „Das ist mein Mann!“, stellt Martina ihn erneut vor. „Roberto.“ Roberto aber nickt nur kurz. Dann wirft er leicht genervt den Kopf zur Seite. „Ich muss los“, sagt sie schon im Stehen. „Vielleicht sehen wir uns später noch!“ Und sie folgt ihrem Mann, der hastig zurück zu der Seitenstraße eilt, aus der er eben gekommen ist, als hätte er dort etwas sehr Wichtiges zu erledigen.

6 Augenblicke

Lena ist, als käme ein Licht auf sie zu, direkt auf sie zugefahren. Ein Licht, das hell leuchtet, aber nicht grell ist, sondern ganz warm. Ein Licht, das sie so fesselt, dass sie nirgendwo anders hinsehen kann, selbst wenn sie es noch so gerne wollte. Aber sie will auch nicht. Nicht in etwas anderes hineinschauen als in dieses Paar leuchtende Augen, das unaufhörlich, neugierig und zielstrebig in diesem grünen Vespa-Dreirad auf sie zugefahren kommt. „Die wollen was von uns“, feixt Tina verschmitzt.

Auch der junge Mann, der die Biene lenkt, hat das Gefühl, auf ein Licht zuzufahren. Es sind die orange-roten Haare von Lena, die hier und da die Sonnenstrahlen reflektieren, die durch die Blätter der Baumkronen über ihr fallen.

Augen, die nicht aufhören, in die ihren zu strahlen, nicht als das knatternde Dreirad vor ihnen am Rand des Bürgersteigs zum Stehen kommt und auch nicht als sie aus dem Führerhäuschen steigen und die wenigen verbleibenden Schritte zu ihr tun. Eingerahmt von einem Lächeln, das sie noch mehr zum Leuchten bringt. Was für ein Blick! Wie hypnotisiert ist sie, das spürt sie, obwohl sie es auch kaum aushalten kann so direkt in die immer näher kommenden Augen dieses Jungen zu schauen. Nun, da er unweit vor ihr stehen bleibt, ist ihr, als könne sie direkt in diesen Fremden hineinsehen, durch das helle Braun seiner aufschwingenden Augen hindurch, sein tiefstes Inneres erblicken.

Vorsichtig nähert sich der junge Mann dem Mädchen mit den leicht gewellten, feuerroten Haaren. „Ich glaube, wir sind willkommen“, raunt er seinem Freund zu, der sein Gesicht hinter seinen dichten, dunklen Locken versteckt. Sie sind größer als die seinen, diese Locken seines Freundes und von festerer Struktur. Was aber soll man jetzt sagen, überlegt er mit Blick auf die Mädchen dort am Boden. Dann kommt eine Frage aus seinem interessierten Gesicht. Das, freut Lena sich, kann man wenigstens an der Betonung erkennen, dass es eine Frage ist und am Gesichtsausdruck und am leichten Anheben des Kinns, welche mit den Worten einhergehen. Die Worte aber machen weder für Lena noch für Tina Sinn. So lachen sie aus reiner Hilflosigkeit und die beiden jungen Italiener mit ihren langen, dunklen Haaren, so ganz ohne Argwohn, ganz unbedarft, sie lachen mit.

Ein wenig verlegen, den Blick fest auf Lenas orangefarbene Haare gerichtet, versuchen es die leuchtenden Augen noch einmal: „Parlate Italiano?“ - „No!“, schütteln die Mädchen jedoch so sicher ihre Köpfe, dass den beiden Jungen kaum eine Hoffnung bleibt, sich in ihrer Sprache auch nur ein wenig mit ihnen verständigen zu können. „Niente?“, zweifelt der mit den großen Locken noch. - „Niente!“, ist aber nun doch ein Begriff, den Lena und Tina verstehen. „Boooh!“, wenden sich die kleinen, strahlenden Augen enttäuscht zum Lockenkopf. „English?“, bietet Tina einmal wieder an, ermuntert von dem anziehenden Lächeln der zwei. Doch nun sind es die jungen Männer, die ein wenig beschämt, wenn auch immer noch lächelnd, ihre Köpfe von links nach rechts bewegen. Ratlosigkeit herrscht nun, Schweigen. Schon fürchtet Lena, die beiden könnten womöglich gleich wieder verschwinden und mit ihnen natürlich auch diese leuchtenden, hellbraunen Augen. Die aber bleiben. Denn sie spüren, dass das Lachen der jungen Frauen dort vor ihnen auf dem Boden Unsicherheit verbirgt und das schreckt sie nicht ab. Im Gegenteil! Sie empfinden es als angenehm. Sie lachen mit, fühlen sich eingeladen und setzen sich im Schneidersitz zu den Mädchen auf den Bürgersteig. Tina und Lena entgeht aber nicht, dass sie sich zuvor noch einmal kurz umsehen, so als wollten sie sicher gehen, dass sie nicht beobachtet werden. Oder vielleicht auch, dass sie niemanden stören.

Nein! Der junge Mann mit den leuchtenden Augen und den kleineren Locken, dessen Haare beinahe schwarz schon bis kurz über seine Schultern fallen denkt ganz und gar nicht an Aufgeben. Viel zu sehr hat ihn das Lächeln des fremden, rothaarigen Mädchens in seinen Bann gezogen. Sanft stupst seine rechte Hand mit dem Schlüssel der Ape darin, an seinen eigenen Brustkorb, wobei die vielen ledernen Armbänder von seinem Handgelenkt hinunter in Richtung seines Ellenbogens gleiten. Seine andere Hand, die freie, klopft flach auf den Boden. „Italia“, kann Lena seine Stimme nun nah bei sich hören. „E voi?“ Angenehm, durchzuckt es sie, der Klang dieser Stimme. Ganz warm. Ja, so warm wie das Licht seiner Augen. Tina und Lena überlegen. “Germany”, entfährt es dann beiden. Das bringt Glück, wenn Menschen exakt zur selben Zeit exakt dasselbe sagen, meinen auch die Italiener, wie sich leicht an ihren Blicken erkennen lässt. „Ah, Germania“, hat der mit den gelockten Haaren verstanden. „Und von wo aus Deutschland?”, will er auch gleich in seiner Sprache erfahren. Die Mädchen, was sollen sie machen, sie lachen, aber sie antworten nicht. “Die verstehen echt gar nichts!”, grinst er seinen Freund mit seinen mandelförmigen, kastanienbraunen Augen an. „Denen könnten wir jetzt alles erzählen.“ - „Ja!“, ist sein Freund ganz seiner Meinung. Aber genau das reizt ihn eben auch jetzt. Schon stupst er sich wieder mit der Schlüsselhand an die Brust. „Io“, und die Hand macht eine kreisende Bewegung in die Umgebung, „di questa città. E voi?“, zeigt die Hand nun auf die Mädchen und so voller Hoffnung ist jetzt sein schmales Gesicht. “Woher wir kommen vielleicht?“, meint Lena seinen Gesten zu entnehmen. „Schleswig-Holstein“, kann sie Tina auch gleich sagen hören. „Come?“, versteht er aber nun seinerseits nicht. “Schleswig-Holstein”, spricht Lena ganz langsam nach, woraufhin die Jungs mit vorgeschobenen Unterlippen ihre Köpfe erneut verneinend hin und her bewegen. „Hamburg“, versucht Tina es dann wieder mit einer großen Stadt, die ja wohl jeder kennen sollte. „Amburge“, wiederholt der hinter den Locken das Wort, in der Hoffnung, es könne ihm so mehr sagen. Und tatsächlich! „Ah, Amburgo!“, scheint ihm dann möglich zu sein und er freut sich sehr über das Nicken der Mädchen.

Geht doch, stellen alle fest. Der Anfang jedenfalls ist gemacht. Bleibt, sich einander vorzustellen. „Io, Luca.“ geht die Hand des Jungen mit den strahlenden Augen erneut an seine Brust und schon folgt die von „Andrea“ an die seine. Das aber löst erneut ein Lachen bei den Mädchen aus, wenn auch ein ungewolltes. Irritiert schauen Andrea und Luca sich an. Was mag jetzt daran so lustig gewesen sein? „Andrea?“, hakt Tina noch einmal ungläubig nach. „Sì“, kommt die Antwort von dem Ahnungslosen mit den großen Locken und warum denn auch nicht, fragen seine Augen. „In Germania“, hat Tina sich die italienische Bezeichnung für ihr Heimatland gemerkt, „Andrea is for girls“, und zeigt auf sich und Lena. „No!“, gehen augenblicklich zwei Zeigefinger hoch, einer von Luca und einer von Andrea, und wackeln verneinend in der Luft. „In Italia no!“ Dass in Italien auch Männer deutsche Frauennamen tragen, hatte Martina ihnen ja nicht verraten. Die Jungs aber, das ist sicher, haben sie nicht auf den Arm genommen. „Tina“, zeigt Tina erst auf sich, dann auf „Lena“. „Ciao“, grinsen die beiden Italiener und das noch mehr, als die Mädchen ebenfalls „Ciao!“ sagen.

Eine eins und eine acht schreibt Luca in die Luft und Andrea macht ihm diese Geste sogleich nach. Sie werden ihr Alter meinen, denken die Mädchen, und schreiben die gleichen Zahlen in die Luft. Ein wenig ungläubig schauen die Jungen jedoch. Sie werden doch nicht alle hier tatsächlich dasselbe Alter haben! Da Lena und Tina aber weiterhin nicken, „Sì, eighteen! Like you“ sagen und dabei auf alle zeigen, ist es wohl so.

„Frag`, was sie hier machen?“, fordert Luca Andrea auf. „Ich?“, muss der wieder lachen. „Wie soll ich das anstellen, eh?“ Die Tatsache, dass er sich seine großen Locken aus dem Gesicht gestrichen hat, verrät Luca, dass sein Freund nun seine anfängliche Schüchternheit überwunden hat. Jetzt kann jeder seine markanten Gesichtszüge betrachten, sein spitz zulaufendes Kinn. Doch mit der Annahme, Andrea beherrsche die englische Sprache auch nur ein wenig besser, als er selbst, hat Luca sich mächtig vertan. Andrea hat nicht die leiseste Idee, wie er sich den fremden Mädchen mit Worten verständlich machen kann. „What....?“, mehr fällt ihm einfach beim besten Willen an englischen Worten nicht ein. Sprachlos zeigen die beiden jungen Männer daher auf die Rucksäcke der Mädchen, klopfen immer wieder auf den Boden, ziehen ihre Schultern nach oben und strecken fragend die Innenseite ihrer Hände nach außen. Noch einmal kommt ein „What..?“ aus Andrea, aber es wollen partout keine weiteren Worte folgen. „Was haben wir eigentlich in der Schule gelernt!“, prustet er daher in Lucas Richtung. „Die wollen wissen, was wir hier machen“, hat Tina aber auch so verstanden. „Na, dann versuch` mal, ihnen das zu erklären!“, strahlt Lena sie an, erneut davon angetan, wie kontaktfreudig sich ihre Freundin immer wieder zeigt. Seit ein paar Minuten nun schon spürt Lena, dass ihr Herzschlag gestiegen ist. Und sie ahnt, dass das nicht mehr die Folge des Cappuccinos ist, den sie eben vor der Bar genossen hat, zumindest nicht nur.

Tina zeigt mit einer Hand erst auf sich und dann auf Lena und hält den Jungs mit der anderen Hand vier ihrer schmalen Finger hin. Was soll das nun bedeuten, schauen sich Luca und Andrea wieder einmal fragend an und verweisen schließlich auf die Rucksäcke, von denen es offensichtlich ja nur zwei hier gibt. Ebenso wie ja auch nur zwei Mädchen. Lena nimmt daher Tinas Vierfingergeste auf, klappt zwei Finger immer hoch und runter und streckt ihren anderen Arm mit dem hoch erhobenen Tramperdaumen aus: „We are waiting for our friends. Rainer and Jan.“ Unsicher schaut Luca sie jetzt mit seinen hellbraunen Augen an. Dass diese Mädchen hier auf zwei andere warten, ist jetzt klar. Aber was sind das für welche, diese anderen? Mädchen? Jungen? Ihre Partner vielleicht? „Djan?“, versucht Luca herauszufinden, ob das nun ein Frauen- oder ein Männername ist. „Jan“, wiederholt Tina lachend den Namen, den sie so gerne hat. „Djan!“, versucht es nun Andrea und Luca nickt, denn das hat auch er verstanden. „No!“, sagt Tina fast ein wenig zu streng und legt die Betonung auf den ersten Buchstaben, als sie den Namen noch einmal ganz deutlich spricht. Aber es hilft nichts. Den beiden Jungen vor ihnen gelingt nur das dj wie in Jeans, ganz gleich, wie oft sie es auch probieren. „And Rainer!“, fährt Tina also fort. „Reina“, wiederholt Andrea, überzeugt, dass er es diesmal richtig macht, mit einem siegessicheren Lächeln in seinem hübschen Gesicht. „No!“, versucht nun Lena mit der Betonung auf der letzten Silbe Andreas Aussprache zu korrigieren. „Rainer!“ Forschend schauen sie die beiden Jungen an. Wie gehörige Schüler, die alles richtig machen wollen. „Rainere“, hört Lena Lucas warme Stimme sagen und muss schrecklich lachen, auch wenn sie es gar nicht will. Ungläubig wackelt sein Kopf mit den dichten, schwarzen Haaren vor ihr hin und her und seine hellbraunen Augen leuchten sie an. Er möchte doch nichts, als endlich erfahren, was es mit diesen beiden Namen auf sich hat. Tina aber malt mit dem Finger ein e und ein r auf die Steinplatten des Bordsteins vor ihren übereinander gekreuzten Beinen. Auch diese bildhafte Darstellung der Buchstaben aber löst nicht das Problem. Ob Luca, ob Andrea, sobald sie das er am Ende sprechen, hängen sie automatisch immer noch ein e hinten dran. Wörter, die auf einem Konsonanten enden, scheinen für sie so unaussprechbar zu sein wie ein „J“ vor einem Vokal. „Kein e“,. gibt Lena den beiden mit Hilfe des wackelnden Zeigefingers zu Lucas Leidwesen auch noch zu verstehen. „Come no e?“, blickt Luca sie nun an, als wolle sie ihn verschaukeln und zeichnet noch einmal die Buchstaben auf den Boden, die Tina zuvor auf ihn geschrieben hat. „E? No?“, sucht er ihre Bestätigung mit einem bittenden Grinsen. „Eins“, zeigt Lena ihm einen ausgestreckten Finger, „no zwei“, während sich ein weiterer Finger hinzugesellt. Verständnislos schauen die leuchtenden braunen Augen seinen Freund an. „Begreifst du das? Ich nicht! Rainere. Oder?“ - „Er“, erklärt Lena noch einmal lachend, „no ere!“, auch wenn sie nun eingesehen hat, dass die beiden so lernwilligen Italiener stets versuchen werden, unmelodisch klingenden Wörtern eine Melodie zu geben. „Err“, ist dann auch Lucas letztes Wort zu dieser Ausspracheübung und Tina und Lena halten ihm anerkennend den hochgestreckten Daumen entgegen. Erleichtert lachen nun alle Vier. Und alle scheinen sich darüber zu freuen, wie viel man doch lachen kann zusammen mit Menschen, die man gar nicht kennt. Doch es ist Andrea und Luca auch lachend anzusehen, dass sie etwas im Schilde führen. Sie tuscheln die Jungs und grinsen und rücken dann mit einem „Giu“ heraus, das die deutschen Mädchen, das ist klar, nun doch bitte mal richtig nachsprechen sollen. Enttäuscht schaut Luca zu Andrea und Andrea zu ihm, weil es den Mädchen so einfach fällt und schon sinnen sie nach einer weiteren Vokabel. „Antidolorifico“ wirft Andrea mit Blick auf die Apotheke auf der anderen Straßenseite den Mädchen hin und seine Augen funkeln wie Kastanien, die in der Sonne liegen. „Antidolorifico“, wiederholen Tina und Lena makellos und warten amüsiert auf das nächste Wort. Auch das bereitet ihnen keine Schwierigkeiten. Auch das aber lässt sich viel zu einfach sagen. „Solange man nicht weiß, welche Buchstaben die in ihrer Sprache anders aussprechen! Da kann das doch endlos gehen!“, findet Andrea aber dieses Spiel schon nicht mehr sonderlich spannend. „Versuchen wir es!“, lacht Luca mit frechem Grinsen, aber Andrea kennt ihn lange genug, um zu wissen, dass sein Freund zwar hartnäckig ist, es aber nicht ausreizen wird jetzt, nicht bis zum bitteren Ende.

Und plötzlich legt sich Sorge auf Lucas Gesicht. Was, wenn diese Namen, die er und Andrea nicht richtig aussprechen können, nun die festen Freunde dieser beiden Mädchen sind? Schnell kreuzt er den Mittelfinger seine Armbandhand über den Zeigefinger derselben. „Boyfriend?“, kann Andrea seine Geste in Worte fassen und muss gleich wieder lachen. „Schon das zweite englische Wort, das mir heute einfällt, eh!“ - „No“, lachen Tina und Lena weiterhin mit, auch wenn sie Andreas Worte nicht verstanden haben. „Nooo?“ Langsam entspannt sich Lucas Gesicht. Aber so herzhaft lachen wie Andrea, das kann er noch nicht. Er muss es jetzt ganz sicher wissen. „No, just friends”, versucht es Lena, die spürt, was Luca so wichtig ist, noch einmal auf Englisch, wobei sie den Zeige- und den Mittelfinger der linken Hand ausgestreckt auseinandergehen lässt. „Solo amici?“, wird wohl auch Luca meinen, so, wie seine Augen nun wieder strahlen, direkt in Lenas hinein. „Solo amici“, sprechen Lena und Tina nickend nach und blicken in die erleichterten Gesichter der Jungs, die nun wieder ganz sorglos erscheinen. „Hätten wir jetzt gesagt, dass wir mit denen zusammen sind, die wären glatt abgehauen“, raunt Lena ihrer Freundin zu. Was aber wird jetzt geschehen? Nun, da geklärt ist, dass keine Gefahr ausgeht, von denen, die ja noch gar nicht da sind. Nun, da sicher ist, dass alle frei sind hier. Denn das, macht Lena sich bewusst, ist ja nun wohl ebenfalls deutlich geworden. Auch Luca und Andrea werden wohl grad keine festen Freundinnen haben. „A che ora?“, tippt Lucas Finger auf sein rechtes Handgelenk, die nicht vorhandene Armbanduhr. „Boooh!“, interpretiert Luca das Schulterzucken der Mädchen und auch sie haben sogleich verstanden. „Booooh!“, machen daher auch sie, denn sie können nun mal keine Ahnung haben, wann Rainer und Jan hier eintreffen werden.

Das gehört abgesprochen, findet Luca und wendet sich mit vielen Worten an seinen Freund. Während dieser mit ihm die Frage klärt, ob sie die deutschen Mädchen einladen sollen, und wenn ja, wohin, tauschen Tina und Lena begeisterte Blicke. Wie angenehm es ist, Ablenkung zu haben! Wie schön es ist, sich mit diesen beiden Italienern zu unterhalten, die in ihrem Alter sind und so viel Geduld und Freude daran haben, sich mit ihnen zu verständigen. Zwei junge Männer, die von hier kommen, aus dieser Gegend, wenn nicht sogar aus diesem Ort. Das fühlt sich ganz anders an als mit Martina vorhin vor dem Café. Und das wohl nicht nur, weil die beiden Jungen sind. Martina, so wurde Tina und Lena jetzt klar, hatten sie als Deutsche kennen gelernt. Sie war keine richtige Italienerin mehr. Und sie kam nicht von hier. Diese beiden dunkelhaarigen jungen Männer hier hingegen geben Tina und Lena das Gefühl, angekommen zu sein an diesem Ort, angekommen zu sein in Italien.

„Faciamo un giro?“, zeigt Luca beschwingt erst auf Andrea und sich, dann auf sein grünes Vespa-Dreirad und erkennt sogleich, dass weder die Frau mit den strohblonden Haaren noch die mit den feuerroten ihn versteht. „Brmm, brmm“, macht er daher und sorgt so erneut für allgemeine Erheiterung. Luca aber hat nun keine Scham mehr, sich aller nur erdenklichen Geräusche und Gesten zu bedienen, damit die beiden Mädchen ihn verstehen. Zu freundlich schauen ihn Lenas dunkelblaue und Tinas Augen, die fast die gleiche Farbe haben wie die seinen, immer wieder an. Zu bemüht wirken die beiden deutschen Frauen auf ihn, stets herauszufinden, was Andrea und er ihnen sagen wollen. Schon zeigt seine Hand mit dem Schlüssel darin auf alle vier und sein Mund macht aus brmm, brmm eine Frage. Unsicher schauen Tina und Lena sich an. „Können wir hier einfach abhauen?“ - „Echt, keine Ahnung! Aber wenn die wirklich kommen, wenn wir weg sind, können die beiden ja auch mal ein bisschen auf uns warten. Oder?“ Da Andrea und Luca begriffen haben, was die beiden Frauen zurückhält, versuchen sie mit Hilfe von brmm-brmm und der imaginären Armbanduhr, Tina und Lena zu versichern, dass sie nicht allzu lange bleiben, sie bald wieder auf den Platz zurückbringen werden. „Ja, tausend mal besser, mit den Jungs zu fahren, als hier weiter rumzuhängen“, steht Tina auf und Lena ist doppelt froh. Sie kann fühlen, dass ihre Freundin bereits eine Ahnung davon hat, was passiert ist zwischen Luca und ihr. Aber es kommt kein Neid, keine Eifersucht, keine Ablehnung. Es wirkt fast, als freue sich Tina darüber, als sei sie gespannt darauf zu erleben, wie sich das hier nun weiter entwickeln wird.

Auch Andrea hat gleich kapiert, dass es seinen Freund soeben vollends erwischt hat. Er hat es nicht sehr mit der Religion. Das zwischen Luca und Lena aber, das schien ihm göttlich gewollt zu sein. Die beiden, findet er, hatten nicht die geringste Chance, sich dagegen zu wehren.

Kaum, dass sie sich alle erhoben haben und Lena neben Luca und Tina neben Andrea stehen, muss Tina einmal kurz ihren Blick abwenden, um nicht wieder ein Lachen zu lachen, dass von den Jungen missverstanden werden könnte. Während Lena und Luca etwa die gleich Größe haben und damit schon fast einen Kopf kleiner sind als sie, zeigt sich, dass Andrea noch viel kleiner als sie. Auch er neigt seinen Blick zu Boden angesichts der eineinhalb Köpfe Größenunterschied, die zwischen Tina und ihm bestehen, stupst dann aber doch vergnügt seinen Freund an und zeigt zu Tina hoch. „Grande, eh?“, hält er ihr anerkennend den ausgestreckten Daumen entgegen, so dass nun alle Vier über das lachen können, was gottgegeben ist. „Big!“, fällt Andrea da sogar noch das dritte englische Wort an diesem sonnigen Tag ein und er ist stolz auf sich.

Mit den Rucksäcken der Mädchen ist die Ladefläche der kleinen Ape quasi schon voll beladen. Tina und Lena versuchen sich auf ihr Gepäck zu hocken. Doch Luca ist nicht einverstanden, weist Andrea an, die Rucksäcke aufrecht an das Führerhäuschen zu stellen. Lena und Tina sollen sich an diese anlehnen, die Schultergurte vorsichtshalber überziehen, damit die Säcke nicht zur Seite kippen können. So klemmen die Mädchen dann endlich nebeneinander zwischen ihren Rucksäcken und der Ladeflächenklappe am hinteren Ende. Der junge Mann mit den leicht gelockten, fast schwarzen Haaren und den leuchtenden Augen läuft trotzdem immer wieder lachend um den hinteren, längs wie quer nicht mehr als einen Meter und zwanzig messenden Teil seines kleinen Gefährtes herum, rückt hier noch mal was zurecht und dort. Er und Andrea werfen sich Sätze zu, skeptische Blicke, ein Lachen. Ein bisschen Show ist wohl auch dabei, denken die Mädchen sich, bis Luca endlich zufrieden ist. Da spürt Lena Lucas Hand ganz sanft auf der ihren. Sie fühlt sich angenehm an, weich. Sacht hebt er ihre Hand und legt sie neben Lena auf den Rahmen, wo er sie mit leichtem Druck auffordert, sich festzuhalten. „Brava“, lächelt er sogleich Tina an, als sie automatisch mit ihrer Hand an den Rand der Biene auf ihrer Seite greift. Durch einen winzigen Spalt zwischen den Rucksäcken können die jungen Frauen aus den Augenwinkeln erhaschen, wie Luca sich noch einmal nach hinten umschaut, bevor er den Motor startet und den Griff am Lenker in seiner rechten Hand leicht von sich wegdreht. Knatternd überqueren sie den Platz, von dem aus Luca scharf links auf die Straße hinaus muss. „Ich glaub, das kann schneller kippen als man denkt!“, begreift Tina in diesem Moment nun doch die Sorgen der jungen Männer, die sie so freundschaftlich eingeladen haben, mit ihnen zu fahren, wohin auch immer. „Gut festhalten, damit sich das Gewicht nicht verlagern kann, war ja wohl auch die Anweisung, oder?“ ist Lena ebenfalls gewiss, dass das hier auch schiefgehen kann, als Luca um die nächste Ecke biegt und ihr ist als spüre sie erneut seine Hand.

Langsam fährt Luca um den Park herum, die Straße hinunter, am Meer entlang. „Schau, da hinten ist der Hafen!“, zeigt Lena auf die mauerartige Befestigung, die sich durch das Wasser zieht und die vielen weißen Masten, die dahinter in den blauen, wolkenlosen Himmel ragen. Linker Hand ziehen die Strandbuden an ihnen vorbei, eine nach der anderen. „Ob das wirklich die ganze Adria entlang so geht?“, erinnert sich Tina an Martinas Worte. „Keine Felsen, nur Strand und Meer und diese Buden?“ Lena ist noch bei Lucas Hand. Wie vorsichtig er die ihre genommen hat! Behutsam und doch bestimmt. „Du meinst, bis zur Fähre nach Griechenland?“, lächelt sie Tina versonnen an. „Unvorstellbar, oder?“ Ja, denkt auch Lena, unvorstellbar bei so einem langen Land.

Plötzlich wird Luca langsamer. Die Straße führt hier nun weg vom Strand. Schlagartig werden Tina und Lena mit dem Gewicht ihrer Körper an ihre Rucksäcke gedrückt. Ein ohrenbetäubendes Getöse geht über sie hinweg, während sie für einen Moment lang beinahe totale Dunkelheit umgibt. Das war der Zug, denkt Tina, der da gerade über uns hinweggefahren ist. Und schon muss sie ihre Füße auch wieder fest gegen die Ladeklappe hinten stemmen, denn ruckartig verlagert sich das Gewicht erneut und drückt den Mädchen die Rucksäcke in den Nacken, den Rücken und an den Hinterkopf. Die kleine Biene müht sich, aus der Unterführung wieder hinaufzukommen. Dann aber fahren sie schon wieder eine ebene Straße entlang, scheinbar in die Richtung aus der sie gekommen sind, und biegen auch bald rechts in eine kleine Straße ein. „Wo wollen die bloß hin mit uns?“, wundert Lena sich, da sie ja nicht wissen kann, dass es die vielen Einbahnstraßen sind, die Luca daran hindern, den kürzesten Weg zu nehmen. Erneut drücken den Mädchen die Rucksäcke in ihre Rücken. Es geht einen Hang hinauf, vorbei an vielen Einzelhäusern, die umgeben von großen Gärten zu beiden Seiten stehen. Der Blick zurück auf die roten Ziegeldächer weiter unten und auf das blau schimmernde Meer dahinter gefällt Lena und Tina sehr. Doch sie drohen nun auch unaufhörlich auf ihren Hintern in Richtung dieser schönen Aussicht zu rutschen. Mit aller Kraft stützen die beiden sich mit den Füßen ab, während die Ape immer langsamer wird. Sie fiebern mit, als Luca sich müht, alles aus seinem Dreirad herauszuholen. Er versucht es mit wenig Gas und auch mit mehr, aber seine Ladung ist einfach zu schwer für diesen Hang, der immer steiler wird. Fast säuft sie ab, die kleine Biene, bevor er sie zum Stehen bringt.

Darmowy fragment się skończył.

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9783753189789
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Bookwire
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