Czytaj książkę: «Das große Geschäft»
Johann-Günther König
Das große Geschäft
Eine kleine Geschichte
der menschlichen Notdurft

In Erinnerung an Berit Grindberg Mai (1944 – 2014)
und Titus Wilhelm Mai (1941 – 2014).
Abbildungsnachweis:
S. 6: Sitzabtritt 1635 aus Süddt. Dorflandschaft, Kupferstich von Matthäus Merian, mit freundlicher Genehmigung von Bodo Stratmann.
S. 69: Bildausschnitt aus der Faksimileausgabe der Ars memorativa des Filser Verlags, Augsburg 1925.
© 2015 zu Klampen Verlag • Röse 21 • 31832 Springe
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Umschlaggestaltung: www.hildendesign.de
Umschlagabbildung: © HildenDesign
unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock.com
Satz: Melanie Beckmann
design-beckmann.de
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-86674-460-8
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.
Bäuerlicher Sitzabtritt in Süddeutschland um 1625,
Kupferstich von Matthäus Merian dem älteren
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zu den Aborten
00 1 Tabu-Spülung
00 2 Tierisch menschlich
00 3 Vom Winde verweht
00 4 Kleine EnzyKLOpädie
00 5 Zivilisation im Seuchenherd
00 6 Gute Verrichtung?
00 7 Teutsch Unverblümtes vom französischen Hof
00 8 Stiller Ort ganz aufgeklärt
00 9 Wir beleidigen doch nicht Gott
WC 1 Die Erleichterung der Erleichterung
WC 2 Im Zeitalter des Welttoilettentags
Literatur
Nachweise
Danksagung
Fußnoten
Zu den Aborten
Ich falle gleich mit der Tür ins Häusl: »Was natürlich ist, dessen hat man sich nicht zu schämen, sagte der Kerl und setzte einen Haufen auf den Markt.«I Um überleben zu können, muss Mensch essen und trinken. Was der Körper an Nahrung nicht verwerten kann, muss er allerdings auch wieder in die Umwelt abgeben, sonst wäre er nicht überlebensfähig, würde gleichsam platzen. Die Notdurft gehört wie die Ernährung zu den natürlichen Bedürfnissen, die ausschließlich aus unseren physischen Eigenschaften resultieren. Wie viele Säugetiere scheiden wir Menschen unsere Exkremente getrennt über das Harnorgan und den Darmausgang aus. Mittels der Miktion die flüssigen, mittels der Defäkation die festeren Bestandteile sowie ein gewisses Gasvolumen. Anders als beim Kerl im obigen Beispielsprichwort dient der Marktplatz allerdings üblicherweise nicht als Stätte der natürlichen Erleichterung; sitzt bei der konkreten Praktik wohl nicht nur mir die Scham im Nacken.
Für die Erleichterung muss das Gesellschaftstier Homo sapiens seit seinem ersten Weltendasein zwangsläufig täglich eine gewisse Zeit aufwenden. Immerhin verbringen Frauen heute durchschnittlich täglich achtzehn und Männer sechzehn Minuten auf dem Klo. Ab dem Kleinkindalter muss ein jeder Mensch eine eigenständige Verrichtungspraktik entwickeln, die unter den jeweils historisch und örtlich gegebenen Bedingungen von den Mitmenschen toleriert bzw. akzeptiert wird. Möglicher Ekel vor den eigenen Ausscheidungen und/oder denen von anderen resultiert auch aus Sozialisierungspraktiken. Und Gesellschaft entsteht nicht zuletzt dadurch, dass passable Lösungen für den Umgang mit den Körperausscheidungen gefunden werden.1
Einer der vielen in den mit WC, D, H oder 00 gekennzeichneten Räumlichkeiten hinterlassenen Sprüche verheißt: »Der wichtigste und schönste Ort auf Erden ist stets der Abort.« Allerdings gibt es auch an Wände gekritzelte Bekenntnisse, die das wieder in Frage stellen: »Gegen den Gestank hier ist meine Scheiße das reinste 4711.« Das ziemlich digital anmutende Hinweisschild 00 kam übrigens im späten 19. Jahrhundert auf, als in größeren Hotels auf jeder Etage zusätzlich ein separates heimliches Gemach eingerichtet wurde. Die Klosetts erhielten die Doppelnullnummer, damit sie nicht mit den Gästezimmern verwechselt werden konnten.
Der menschliche Umgang mit der Notdurft hat eine Geschichte. Er spiegelt die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsschritte von Gesellschaften. Um sie nachvollziehen zu können, reicht es meines Erachtens nicht, nur die Entwicklung des Ortes der Notwendigkeit an sich, den locus necessitatis, sowie die damit verbundenen festen und mobilen Erzeugnisse wie etwa Latrinen, Nachttöpfe, Bettpfannen, Leibstühle und Klosetts oder auch die Sickergruben, Abtransport- und schließlich Abwassersysteme unter die Lupe zu nehmen. Wesentlich aufschlussreicher sind, jedenfalls im Prinzip, die schriftlich überlieferten Schilderungen und Augenzeugenberichte, die über menschliche Gewohnheiten und Rituale mehr oder weniger ehrlich Auskunft geben. Wie heißt es nicht in einem Reim: »Meine Herren und Damen / machen Sie nicht auf den Rahmen / machen Sie in die Mitte / das ist deutsche Sitte.« Mir geht es weder um eine bereits vielfältig – sogar »gelehrt« – dargelegte europäische Geschichte der Scheiße, noch um eine – bislang allerdings nur rudimentär ausgelotete – Geschichte der Pisse. Auch geht es mir nicht um eine bloße Neufassung bereits vorliegender Kulturgeschichten des Aborts oder auch WCs.IIKennzeichnend für viele dieser Publikationen – und ihrer vielfältigen Kurzfassungen im Internet – ist das Schlagen eines Bogens vom Altertum bis heute. Geschildert wird ein Ablauf, der mit einem vermeintlichen sanitären Fortschritt in der Antike anhebt, dann einen langwährenden Rückschritt und elenden Stillstand bis in das 19. Jahrhundert hinein schildert, um ab dem 20. Jahrhundert endlich wieder einen, diesmal hygienischen und sanitären, Fortschritt zu konstatieren. Die Menschen selbst geraten dabei freilich mehr oder weniger aus dem Blick.
In diesem Buch versuche ich zu erhellen, wie sich der menschliche Umgang mit der Notdurft im zentraleuropäischen (insbesondere deutschsprachigen) Raum seit der Ansiedelung von ersten Abkömmlingen der Gattung Homo sapiens bis in dieses frühe 21. Jahrhundert entfaltete. So etwas wie historische Wahrheit kann es für einen Großteil der von mir abgedeckten Zeitspanne allerdings nicht geben. Die Skizzierung der Alltagsgeschichte der Notdurftbefriedigung ist schon deshalb keine leichte Verrichtung, weil es für einen langen Zeitraum keine oder nur spärliche Spuren gibt. Von dem Problem nicht überlieferter Mündlichkeit bzw. nonverbaler Erfahrungen gar nicht zu reden, das eine erdrückende Mehrheit unserer Vorfahren quasi für immer stumm hält. Viele der von Mitgliedern der Höfe, Handelshäuser, Intelligenz, Kunst und der Kirche erhalten gebliebenen Zeugnisse sind zudem parteiisch und nicht selten satirisch überzogen (teils auch erstunken und erlogen). Im Zweifelsfall gilt insbesondere für die Praktiken der Defäkation und/oder Miktion die Erkenntnis: De normalibus non in actis. Das Selbstverständliche ist nicht überlieferungsfähig.
Im 16. Jahrhundert entwickelte Michel de Montaigne die Form des persönlichen Essays. Der Essay (französisch: essayer = versuchen) kann im weitesten Sinne als eine Darstellungsform genutzt werden, um einer Fragestellung frei, assoziativ und den eigenen Denkbewegungen folgend nachzugehen. Ich nutze diese Form in diesem Buch, um anhand von authentischen Zeugnissen aus überlieferten Briefen, Memoiren, Reiseberichten, literarischen und fachlichen Werken aus vielen Jahrhunderten – gleichsam meinem Riecher folgend – die so selbstverständliche menschliche Bedürfnisbefriedigung der Ausscheidung facettenreich zu erkunden. Dabei gewähre ich einigen Persönlichkeiten der Geschichte quasi notgedrungen vergleichsweise viel Raum, weil die gemeine Frau und der gemeine Mann bis weit ins 19. Jahrhundert hinein im überlieferten Schriftgut extrem unterrepräsentiert sind. Das Bildungssystem für die Unterschichten hinderte die vielen davon betroffenen Frauen noch bis an die Schwelle des 20. Jahrhunderts, lesen und schreiben zu lernen.
Menschen haben seit jeher natürliche und unaufschiebbare Bedürfnisse. Mein Versuch einer Geschichtsschreibung der Erleichterung kann bestenfalls nur andeuten, wie wir Mitteleuropäer zu genau den Damen und Herren bzw. Unisex-Vertretern geworden sind, die wir heute ausweislich einschlägiger Türschilder in öffentlich zugänglichen – häufig gar nicht stillen – Orten sind. Nicht mehr und nicht weniger. Wickeltische in mit H ausgeschilderten Aborten sind übrigens eine ziemlich junge historische Errungenschaft.
P.S. Der amerikanische Komödiant Charles Sale (1885 – 1936) legte 1929 das Bändchen The Specialist vor. Vom ehrwürdigen Times Literary Supplement als »zu genial, als dass es anstößig sein könnte« gepriesen, wurde es ein angloamerikanischer Bestseller. Ich habe die Häusl-Geschichte mit dem literarischen Übersetzer Jürgen Dierking neu ins Deutsche übertragen. Sie steht auf meiner Website www.johann-guenther-koenig.de unter der Rubrik Kultur zur vergnüglichen Einsicht parat.
00 1 Tabu-Spülung
Was den menschlichen Körper als Produkt der Verdauung verlässt, ist mehr oder weniger geruchsintensiv. Eben deshalb liegt der Versuch nahe, Urin und Kot möglichst hygienisch und effektiv aus Augen und Sinn zu bekommen. In den meisten europäischen Haushalten ist das heute schon deshalb kein Problem, weil Sitztoiletten bereitstehen, die das Sicherleichtern problemlos erleichtern. Eigentlich erinnert nur noch die Klobürste daran, dass große Geschäfte mehr Umsicht und Einsatz erfordern als kleine. Psychoanalytiker würden hinzufügen, Toiletten seien auch Orte der Entlastung und Befreiung von Bedrängendem und Belastendem.
Wir essen und trinken, wir tafeln und nippen, wir fressen und saufen. Täten wir es nicht, würden wir verhungern und verdursten. Wie heißt noch gleich das geflügelte Wort von Bert Brecht? – »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. – Denn wovon lebt der Mensch?«2 Und wie sieht es nach der Verdauung aus, wenn die vom Körper nicht benötigten Stoffe und Flüssigkeiten alternativlos wieder an die Umwelt abgegeben werden müssen? Erst kommt die Verrichtung der Notdurft, aber was kommt dann? Was passiert, wenn eine Toilette oder bei Großveranstaltungen eine mobile Sanitäranlage nicht in Reichweite sind? Kommt spätestens dann die Moral? Und wie steht es um die von vielen Wissenschaftlern und Journalisten artikulierte Auffassung, menschliche Exkremente und deren Erzeugung seien »noch immer ein Tabu-Thema«?3
Einer der Leitsätze der Outdoor-Bewegung lautet, für die Verrichtung der Notdurft seien ein Loch zu graben und die Hinterlassenschaften anschließend mit Erde abzudecken. Auf diese Weise soll die Abschwemmung der Exkremente in Gewässer unterbunden und eine »Besetzung« durch Insekten verhindert werden. Und warum dieser Aufwand? Kathleen Meyer, die mit ihrem Buch How to shit in the Woods viel Aufmerksamkeit erzielte, verdeutlicht in einem Interview: »Wir jetsetten rund um die Welt, wir können in Südost-Asien etwas essen, was wir dann in das Hinterland von Colorado ausscheiden. Wir verbreiten also Krankheiten wesentlich schneller als Tiere, es ist extrem wichtig, unsere Exkremente gut zu vergraben. Außerdem empfehle ich, auch das Klopapier wegzuräumen. Nehmen Sie einfach eine Plastiktüte mit und packen Sie das Papier hinein.«4
Ob mit Klosett oder ohne – wenn wir müssen, geraten wir unter Druck. Das liegt in der Natur der Sache. Wie heißt es nicht in Erich Kästners Gedicht Helden in Pantoffeln:
Auch der tapferste Mann, den es gibt,
schaut mal unters Bett.
Auch die nobelste Frau, die man liebt,
muß mal aufs Klosett.
Wer anläßlich dieser Erklärung
behauptet, das sei Infamie,
der verwechselt Heldenverehrung
mit Mangel an Phantasie.5
Alles nur Erdenkliche rund um die Themen Essen und Trinken wird täglich medial extensiv aufbereitet und als Gesprächsstoff dankbar aufgenommen. Die damit mehr oder weniger verbundenen Probleme wie etwa Erbrechen, Verstopfung, Völlegefühl, Diarrhöe und Harndrang werden dabei nicht ausgeblendet, sind laut Werbung kurierbare Kalamitäten. Auch der Ort des körperlichen Erleichterungsgeschehens ist keinesfalls ins verbale Schattendasein verbannt – die Frage, wo sich wohl die Toilette befindet, wird dafür viel zu häufig gestellt. Auch kommen viele Leute etwa in Hörergesprächen des Funks unmissverständlich auf den Punkt, wenn eine öffentliche Anlage nicht funktioniert oder ekelhaft heruntergekommen ist.
Ich muss in Gesprächen nur das Wort Gesundheit in den Ring werfen, und schon entspinnt sich nicht selten ein längerer Erfahrungs- und Gedankenaustausch, der zuweilen selbst Toilettengewohnheiten und die Analhygiene nicht ausspart. Die Spanne reicht von neumodischen Dusch-WCs und Taschen-Toiletten, den Vor- und Nachteilen der Hockstellung und der Gesundheitsschädlichkeit bestimmter Klopapiere bis hin zu Blähungen, Inkontinenz, Hämorrhoiden und dergleichen Leiden mehr. Die Werbung lässt jedenfalls nichts unversucht, alle nur denkbaren Lebenssituationen, Leiden und Unwohlgefühle im »Intimbereich« ins Gespräch und Blickfeld zu bringen, um einschlägige Mittelchen zu Verkaufserfolgen oder Therapiemaßnahmen zum Mittel der Wahl zu machen.
In der viel gelesenen und kostenlosen Apotheken Umschau mangelt es nicht an Aufklärung. Ein Beispiel: »Das Problem gibt es schon lange. Doch erst seit wenigen Jahren hat es auch einen Namen: Paruresis, auf Englisch ›Shy bladder Syndrome‹ (übersetzt in etwa: schüchterne Blase). Das bedeutet, dass ein Mensch Schwierigkeiten hat, außerhalb seiner privaten Umgebung Wasser zu lassen. Anders als man im ersten Moment vermutet, stehen nicht Ekel vor den hygienischen Zuständen auf bestimmten öffentlichen Toiletten im Vordergrund. Entscheidend ist die Anwesenheit oder auch nur die befürchtete Anwesenheit anderer Menschen.«6
Die in der Bundesrepublik noch vor einigen Jahrzehnten gesellschaftlich gepflegten Tabus in sexuellen und hygienischen Belangen lösen sich tendenziell in Luft auf. Ein Rückblick: 1956 erschien das Hausbuch für die deutsche Familie, in dem sich ein längeres Kapitel dem »Heim und Haushalt« widmet – einschließlich der »kleinen und gründlichen Reinigung«. Die ellenlangen Ausführungen von Irmgard Schütz-Glück über die Reinigungsschritte »einer guten Hausfrau« im Schlaf- und Wohnzimmer – »zuletzt wird noch Staub gewischt« – belehren nachdrücklich über alle nur denkbaren Reinigungsmaßnahmen.7 Ein Bad oder gar ein Klosett, die ja auch einer Reinigung bedürfen, sind in ihrem Text schlicht nicht existent, sind tabu.
Immerhin, als elf Jahre später die neunte, völlig neu bearbeitete Auflage des Ratgeberbuchs Etikette neu von Karlheinz Graudenz und Erica Pappritz die Gabentische junger Bundesbürgerinnen und -bürger bereicherte, konnte das Stichwort »Toilette« offenbar nicht mehr umgangen werden. Da heißt es: »Halten wir es mit dem liebenswürdigen Spötter Heinrich Spoerl und ›sprechen wir ruhig darüber‹! Heikle Themen erledigen sich nicht von selbst, indem man sie totschweigt. Und dieser kleine Raum bleibt nun einmal trotz seines nicht gern diskutierten Zwecks eine Visitenkarte auch der bescheidensten Wohnung. Dabei genügen anderthalb Quadratmeter völlig für diesen Raum. Waschbecken, Spiegel und Handtuchhalter, oder, noch praktischer, ein Behälter für die kleinen Gästehandtücher sollten nicht fehlen. Da an diesem Ort ein jeder für Reinlichkeit verantwortlich ist, darf eine Reihe bekannter Utensilien nicht fehlen, denn es wäre zu viel verlangt, wollte man die Beseitigung irgendwelcher Benutzungsspuren Dritten zumuten. Und, aller Kritik zum Trotz, sei ein Hinweis erlaubt: Wer findig ist und die moderne Installationstechnik geschickt zu nutzen versteht, wird sich ihrer besonders in kleinen, hellhörigen Wohnungen rechtzeitig bedienen. Am Fenster wird zweckmäßigerweise eine Lüftungsklappe angebracht sein, die ständig Frischluft zuführt. Im übrigen gibt es ja den desodorierenden Raumspray, der nicht nur in keiner Toilette fehlen, sondern auch so placiert sein sollte, daß ihn niemand übersehen kann.«8
Inzwischen haben sich die Sitten – und die Zahl und Verfügbarkeit toilettentauglicher Utensilien – entschieden geändert. So ließ 2014 in einer Folge der RTL-Kuppelshow Bauer sucht Frau der finanziell gut gestellte Günther die ihm zugesellte Claudia zum Nachweis ihrer Beziehungstauglichkeit quasi öffentlich seine Ferienwohnungen putzen. O-Ton: »Da werden wir mal schauen, ob sie dann eher sagt, ich mache das Staubwischen, oder ob sie auch richtig anpacken kann, ans Eingemachte geht und das Klo putzt.« Sie tat es, versenkte die Hände in der Schüssel und schrubbte nach Leibeskräften … Müßig zu erwähnen, dass spätestens seit der Messung von Sender-Einschaltquoten zahlreiche einst unumstößlich scheinende Tabus durch das gezielte Dauerfeuer von Tabubrüchen – sowohl in diversen Ekelshows wie auch Talkrunden, in denen der Intimität gleichsam der Garaus gemacht wird – ihren Geist aufgeben. Apropos Tabu:
Das wohl bekannteste Sinnbild sind die drei Affen (aus dem Schrein von Nikko), sprich: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Tabus fallen nicht vom Himmel. Sie unterliegen ebenso dem historischen Wandel wie die Gesellschaften, die sie in ihren jeweiligen Kulturräumen hervorbringen und statuieren. Anders als gesetzlich verfügte Verbote und Erlasse beruhen sie auf einem stillschweigenden Übereinkommen der Mehrheitsgesellschaft, über ganz bestimmte Dinge weder nachzudenken, noch darüber zu sprechen oder sie gar zu praktizieren. Verstöße werden umgehend geahndet, im Härtefall durch den Ausschluss aus der Gemeinschaft. Individuen, die wissentlich oder unwissentlich gegen ein Tabu verstoßen, dürfen seit jeher nicht auf Toleranz hoffen.9 Wenn sich aber durchsetzungsmächtige Gruppen finden, die aus welchen politischen, kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Gründen auch immer ein Tabu zur Erosion bringen wollen – einfach und über Nacht abschaffen lässt es sich ja nicht –, dann sind dessen Tage schneller, als manchem lieb ist, gezählt.
2003 erschien die vortreffliche Doktorarbeit Toiletten und Urinale für Frauen und Männer von Bettina Möllring. In der Einleitung heißt es: »Die Gestaltung und Verwendung von Toiletten wird immer durch den gesellschaftlich geprägten Umgang mit dem individuellen Körper bestimmt. In den westlichen Kulturen gehören die Ausscheidungsprozesse noch zu den tabuisiertesten Handlungen – während das Tabu der Sexualität, die in vergleichbarer Weise intimisiert war, schon weitgehend aufgehoben ist. Mit der Tabuisierung der körperlichen Verrichtungen und der daraus resultierenden Intimität der Handlungen ist verbunden, dass bei Sanitärgegenständen ein vergleichsweise hohes Niveau an Gewohnheit und Vertrautheit während ihrer Benutzung besonders wichtige Faktoren sind.«10
Möllrings Befund einer »Tabuisierung der körperlichen Verrichtungen« liegt bereits mehr als ein Jahrzehnt zurück. Zwar kann ich mir gut vorstellen, dass es – mich inbegriffen – durchaus noch viele Zeitgenössinnen und Zeitgenossen gibt, die nicht ungeschützt über ihre individuellen Toilettengewohnheiten sprechen wollen. In den Medien aber kann von einer Tabuisierung längst keine Rede mehr sein. Was heute etwa in als Bestseller beworbenen Büchern demonstriert wird, lässt kaum einen Intimitätswinkel ausgespart. Ich öffne das Taschenbuch Mondscheintarif der 1968 geborenen Autorin Ildiko von Kürthy. Darin erzählt eine Fotografin, die 33-jährige Cora, ihre Geschichte – und bekennt nach einer Liebesenttäuschung: »Die Geburtstagsfeier habe ich heulend auf dem Klo verbracht.« Bei einem Filmempfang überkommt die Protagonistin ein Bedürfnis, und sie fragt ihren Begleiter: »Darf ich mal auf die Toilette gehen, oder komm ich dann ins Fernsehen?« Sie darf natürlich …
»Mir lief das Wasser im Mund zusammen, während ich mich an der überladenen Tafel vorbei in Richtung Damenklo vorarbeitete. Ich stieß die Schwingtür auf und fand mich in einem unglaublichen Pinkel-Palast wieder. Überall Spiegel, überall Marmor. Neben den Porzellanwaschbecken hing nicht etwa so ein gefährlicher Heißluftgebläseautomat, unter dem man sich die Haut verbrennt, trotzdem nicht trocknet, und der Nächste, dem man die Hand schüttelt, denkt, man hätte ihn mit Exkrementen besudelt. Hier lagen, ordentlich gestapelt, frische, kleine, weiße Frottee-Handtücher bereit. Und neben den weißen Handtuchstapeln saß eine hutzelige Klofrau auf einem Höckerchen und schaute mich erwartungsvoll an. So was hab ich ja nicht gerne. Ich kriege Probleme beim Wasserlassen, wenn ich den Eindruck habe, dass mir dabei jemand zuhört. Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben, wie Männer es schaffen, nebeneinanderzustehen und zu pinkeln. Wie tun sie das? Reden sie dabei? Worüber? Was ist, wenn sich der Chef neben einem erleichtert? Urinstau? Gehaltsverhandlungen?«11
Und was passiert, wenn der Blick durch die sprichwörtliche Brille in die Weiten des historisch noch sehr jungen Internets geht – in den immer dominanteren virtuellen öffentlichen Raum? Das World Wide Web hat zu jeder erdenklichen Problematik entweder nur wenig oder unfasslich viel zu bieten. Als ich damit begann, die mit unseren natürlichen Körperausscheidungen verbundenen Begriffe in eine Suchmaschine einzugeben, stieß ich zum Beispiel unter dem Suchwort »Kacke« umgehend auf das Forum gofeminin und einen Beitrag vom Januar 2013: »Dass auch Mädchen/Frauen kacken gehen müssen, ist ja klar. Aber mir ist es trotzdem jedes Mal peinlich, wenn ich zu Hause kacken gehe und nach mir geht jemand ins Badezimmer. Ich wohne mit Mama, ihrem Freund und meinen beiden kleinen Schwestern in einer 4-Raum-Wohnung, und da wir ein sehr, sehr kleines Badezimmer haben ohne Fenster, habe ich natürlich keine Möglichkeit, den Geruch irgendwie wegzubekommen. Raumspray hilft nichts, man riecht’s ja trotzdem.«12
An Problemschilderungen, derben Sprüchen, Ratschlägen und Tipps fehlt es in Internetforen, Blogs und Websites gewiss nicht – und schon gar nicht zu den vermeintlich scham- und ekelbehafteten, zumindest intim aufgefassten Angelegenheiten rund um unsere natürlichen Bedürfnisse. Insbesondere in den Foren, in denen die Teilnehmer mit Tarnnamen operieren, wird wahrlich kein Blatt vor den Mund genommen. Zwar schieben viele User den Hinweis ein, ihre Notdurftbedürfnisse und die damit verbundenen Probleme und Fragen seien ihnen peinlich, und spielen damit auf ein Gefühl der Verlegenheit und des Unbehagens an; aber was sie dann und wie sie es berichten – Schwamm drüber. In den einschlägigen und frei zugänglichen Angeboten des weltweiten Webs wie auch in Talkshows ist der Begriff Tabu längst sprach-, ton- und bildgewaltig ausgehebelt, ja ad absurdum geführt. Was eine vielgenutzte Suchmaschine etwa nach der Eingabe des Stichworts Pisse gleich auf der ersten Seite zugänglich macht, spricht Tabuisierungswünschen nachgerade Hohn: Videofilmchen, die die Handlung als solche aus jeder Perspektive und in allen nur denkbaren Varianten darstellen und kommentieren sowie anklickbereite Piss-Pornos, die keine – zumal menschlich entwürdigende – Praktik auslassen.
Und wie steht es um die Aufrechterhaltung des Tabus in Fernsehserien und im Film? Bleibt die Toilette als Rückzugsort zur Verrichtung so privater wie intimer Angelegenheiten mehr oder weniger unangetastet oder zumindest frei von Menschen, die sich erleichtern müssen? Nun, in den Fernsehserien der Gegenwart sind Kloszenen nichts Ungewöhnliches mehr. In der 1993 gestarteten Serie Motzki rauscht gleich in der ersten Folge eine Wasserspülung, geht die Tür auf und tritt ein älterer Herr ins Treppenhaus, dem die Jogginghose noch in den Kniekehlen hängt und der eine Rolle Klopapier unterm Arm trägt. Motzki kommt gerade aus dem früher in den Mietskasernen üblichen Abort auf halber Treppe … In der hierzulande ab 1998 präsenten Anwaltsserie Ally McBeal werden die wichtigsten Belange stets in der Unisex-Toilette der Kanzlei diskutiert. Dass Tatort-Kommissare Urinale aufsuchen, dort ihre Penisse abschütteln und dabei Worte wechseln, nicht zu vergessen. Wie selbstverständlich der Besuch und die Thematisierung des Klosetts inzwischen in der Welt der Unterhaltungssendungen bzw. Sitcoms ist, ergibt sich etwa aus der Folge »Der König der Klos« der Serie Eine schrecklich nette Familie. Nachgerade offenherzig, wie folgender Auszug vermittelt:
AL: »Kann einer nicht versuchen Kelly aus dem Klo rauszukriegen in mir rumorts. Und ich versuch’ immer noch zu verdauen.«
(Kelly kommt die Treppe herunter.)
KELLY: »Nächste.«
AL: »Ach, endlich. […] Als junger Mann hatte ich zwei Träume. Einer war Astronaut zu werden und auf dem Planeten Jane Mansfield zu landen. Der andere war ein Klo zu haben für mich ganz allein. Naja, Janey ist von der Bahn abgekommen und musste auf einem dunkleren Planet notlanden. Aber Familie, ich verwirkliche jetzt meinen zweiten Traum. Ich habe beschlossen, ein Klo zu bauen. Das tollste Klo auf der ganzen Welt und ich möchte, dass ihr euch gleich etwas merkt. Niemand wird dieses Klo benutzen außer mir.« […]
(Al entfernt die Holzverkleidung der Kiste und zum Vorschein kommt eine weiße Toilette mit Spülkasten.)
KELLY: »Ist das ’ne Fata Morgana oder ’ne Toilette?«
AL: »Nicht nur eine Toilette. Eine Ferguson. Die Königin der Schüsseln. Bud, setz dich. Ich will dir die Geschichte der Ferguson erzählen. Also … diese Babys werden in Maine fabriziert, in der kleinen Ferguson Fabrik. Sie ist die Stradivari der Toiletten und mein Dad konnte darauf spielen wie auf ’ner Geige. Ja, ich werde nie vergessen, wie mein Dad mich mitgenommen hat nach Maine, um die Fabrik zu besichtigen. Ich musste dringend pinkeln. Ich habe ihn gebeten, mal rechts ran zu fahren. Aber er hat gesagt: Nein, warte bis wir dort sind, es lohnt sich. Und er hatte recht.«
BUD: »Entschuldige bitte, Dad. Aber eine Toilette ist eine Toilette.«
AL: »Toiletten von heute verdienen nicht mal den Namen. Sie kommen in Designerfarben daher und sind zu niedrig. Und wenn du spülst machen sie einen kleinen, schwachen, fast um Verzeihung bittenden Ton. Nicht die Ferguson. Die gibt es nur in Weiß. Und wenn du spülst … bah … wuusch … Das ist ’ne männliche Spülung. Eine Ferguson sagt: Ich bin ’ne Toilette. Setz dich und gib mir deinen besten Schuss.«13
In der Serie South Park gibt es in der dritten Episode der siebten Staffel sozusagen die Ergänzung – sprich: »Das Schweigen des Klopapiers«. Kinder die im Kunstunterricht zum Nachsitzen verdonnert wurden, kaufen sich anschließend Unmengen von Klopapier und bewerfen damit das Haus ihrer Lehrerin. Das WC samt sämtlicher Utensilien und damit verbundener Gänge dient in Fernsehserien spätestens seit den 1990er Jahren ganz selbstverständlich dazu, möglichst alle Tiefen der menschlichen Existenz auszuloten. Und im Film? Georgi Gospodinovs Ich-Erzähler spielt in dem das 00 in jeder Hinsicht auslotenden Werk Natürlicher Roman (2007) in einem Gespräch auf die noch häufig vertretene Auffassung an, auf der Leinwand wäre das stille Örtchen nicht nur still, sondern einfach weg gewesen:
»– Und als ich klein war, konnte ich mir, wenn ich ins Dorfkino ging, überhaupt nicht erklären, warum in den Filmen niemand aufs Klo ging. Du siehst Indianer, Cowboys, ganze römische Legionen, und keinen zeigen sie dabei, wie er scheißt oder pinkelt. Ich rannte nach den zwei Stunden im Kino wie verrückt aufs Klo, und jene Typen aus den Filmen nicht ein einziges Mal in einem ganzen Leben. Bitteschön, sagte ich mir, echte Männer hocken sich nicht mit warmen Hintern hin, und ich nahm mir vor auszuprobieren, wie lange ich es aushalten würde, ohne zumindest das große Geschäft zu verrichten. Ich verkniff es mir drei Tage lang. Ich krümmte mich vor Bauchschmerzen, ging leicht vornübergebeugt, meine Eltern erschraken und wollten mich schon zum Arzt bringen. Am Abend des dritten Tages hielt ich es nicht mehr aus. Ich schloss mich im Klo ein und lief aus. Ich fühlte mich wie ein losgebundener Ballon, der zusammenschrumpelt, es zischt, und am Ende bleibt nichts von ihm übrig. Damals zweifelte ich zum ersten Mal am Kino. Es lag etwas Falsches in ihm, etwas … wie soll ich sagen … etwas Unehrliches.
– Nur, weil du dir die falschen Filme angeschaut hast. Eines werde ich dir sagen, du kannst nur dadurch herausfinden, ob ein Film etwas taugt, wenn seine Kamera auch ins Klo geht. Nehmen wir zum Beispiel ›Pulp Fiction‹, als Bruce Willis zurückkommt, um seine Uhr zu holen, und beschließt, sich zwei Scheiben Brot in den Toaster zu hauen, während Travolta auf dem Klo hockt. Die Toastbrote springen heraus. Bruce erschrickt und erschießt den anderen. Der Toaster drückt also den Abzug, und die Küche reißt dem Klo den Arsch auf. Siehst du, wie das zusammenhängt?
– Und der Bulle in ›Reservoir Dogs‹, hieß er nicht Mister Orange, der die Geschichte mit den Drogen im Klo mit allen Details erzählt, um sie glaubhafter zu machen. Während er die Geschichte auswendig lernt, ruft sein Chef: Du musst dich nur an die Details erinnern. Das wird sie dazu bringen, dir zu glauben. Die Handlung, sagt er, spielt sich im Männerklo ab. Du musst alles über dieses Klo wissen. Ob es Papiertücher gibt oder einen Föhn für die Hände, was für eine Art von Seife es ist. Ob es stinkt. Ob nicht irgendein Bastard eine der Kabinen mit dünnflüssiger Scheiße vollgeschissen hat … Alles.
– Oh, ich glaube, ich muss mich übergeben … […]
– Das Größte in den 90er Jahren bleibt die Tauchszene in der schmutzigsten Toilette Schottlands in ›Trainspotting‹.
– Oder nimm die Filme von Fassbinder und Antonioni, überall wirst du mindestens eine Szene in einem Klo sehen. Und Kusturica mit diesem komischen Selbstmordversuch im Klo.«14
Im Kinofilm gehört der wie auch immer von der Kamera eingefangene menschliche Akt der Erleichterung seit den 1960er Jahren fest zur fiktiven Realität. Philipp Alexander Tschirbs verzeichnet in seiner wissenschaftlich fundierten Studie Das Klo im Kino »eine anschwellende Flut« einschlägiger Szenen.15 Seine Untersuchung legt die Vermutung nahe, dass es im Bereich der schambesetzten menschlichen Bedürfnisbefriedigungen heute schon deshalb keinen überraschenden Tabubruch mehr geben kann, weil sämtliche vorstellbaren Tabus schon viel zu häufig gebrochen worden sind. In Filmen aller Genres, so viel steht fest, dienen Toiletten neben ihrem eigentlichen Zweck vor allem als Orte des Drogenkonsums, der Gewaltausübung und sexueller Abenteuer gleich- und andersgeschlechtlicher Heldinnen und Helden. Sie dienen natürlich auch als Versteck oder – wenn sie ein Fenster haben – als willkommener Fluchtweg. Titelgebend sind sie auch, sonst hieße eine 1981 in die Kinos gekommene Komödie ja nicht Taxi zum Klo.
Tschirbs’ akribischer Recherche verdanke ich vor allem die Erkenntnis, dass das Klosett in namhaften Filmen eine zentrale Funktion in der Handlung einnimmt. Alfred Hitchcock war einer der ersten Regisseure, der 1960 in Psycho das WC für eine Schlüsselszene nutzte, und das noch gegen erhebliche Widerstände. In dem berühmten Streifen landet die ums Leben gebrachte Marion Crane (Janet Leigh) direkt neben der Kloschüssel, in deren Wasser die papierenen Beweise für ihre illegalen Machenschaften und den Mord an ihr schwimmen. Altmeister Hitchcock rühmte sich in einem Interview übrigens dafür, »er verlasse die Toilette stets so sauber, daß niemand, der den Raum genauer inspiziere, auf die Idee käme, daß er dort gewesen sei«.16
Spätestens ab 1928, als der Stummfilm The Crowd (Ein Mensch der Masse) in den USA gedreht wurde, rücken Aborte auf der Leinwand zunehmend vor. Einer der ersten Tonfilme, in denen das WC eine Rolle spielt, erschien 1930: Das goldene Zeitalter von Luis Buñuel. Allerdings in verfremdeter Form. Eine sitzende Frau wird von Meereswogen bedrängt, deren Rauschen sich beim näheren Hinhören als das einer Klospülung entpuppt. Als der berühmte Regisseur und Filmemacher 1974 das aus einer lose zusammengehaltenen Folge surrealer Szenen bestehende Werk Das Gespenst der Freiheit in die Kinos entließ, wurde gleichsam Hand an Röcke, Hosenbünde und allemal das Klo-Tabu gelegt. Zwar bildet das unnachahmliche Toiletten-Dinner keine eigenständige Episode. Aber als Beispiel in einer Rede eines etwas verwirrten Professors, der an der Polizeiakademie ein Seminar über die Relativität des Gesetzes abhält, entfaltet die Szene plötzlich Wirkung. Nachdem der Professor auf Melanesien und die Forscherin Margarete Mead zu sprechen gekommen ist, fährt er fort: »Ja, die Polygamie, bei uns verboten, dort ganz normal. Oder stellen Sie sich vor, meine Frau und ich sind zum Essen eingeladen …« Prompt werden zum Dinner geladene gutbürgerliche Gäste in einem Wohnzimmer an einen Esstisch platziert, dessen Sitzgelegenheiten aus WC-Becken bestehen. Die Gäste klappen folgsam die Klodeckel hoch, ziehen Kleider hoch und Hosen runter und nehmen Platz. Die Hausangestellte reicht Toilettenpapier auf Silbertabletts. Die Spülung rauscht. Als ein Kind vom Essen spricht, folgt umgehend die Ermahnung: »Nicht bei Tisch!« Dann erhebt sich einer der Herren, und bedeutet, er müsse mal austreten. Er sucht eine kleine Kammer auf, in der Baguette und Aufschnitt angerichtet sind.
Wofür Buñuel diese Szene dient, wird spätestens deutlich, als die sich manierlich erleichternde Gesellschaft die Übervölkerung und die vielen Tonnen Exkremente beklagt, die Menschen produzieren. (Mich erinnert diese Szene an die römischen Prachtlatrinen, auf denen die Angehörigen der Oberschicht der Überlieferung zufolge gemeinschaftlich defäkierten und dabei in jeder Hinsicht Geschäfte machten.) Nur zwei Jahre nach diesem Highlight der Filmgeschichte legte Wim Wenders quasi eine Schippe nach. In seinem Film Im Lauf der Zeit (1976) kackt der Schauspieler Rüdiger Vogler vor laufender Kamera reell in den weißen Sand.
Toilettenräume, Pissoirs und WC-Becken dienen seit den 1960er Jahren als fast schon unverzichtbare narrative Stilmittel. Der außerhalb des Kinos als intimer Rückzugsort verstandene stille Ort wurde und wird seitdem nicht nur von cineastischen Großmeistern wie Hitchcock, Buñuel, Pier Paolo Pasolini (z. B. Die 120 Tage von Sodom; 1975), Bernardo Bertolucci (z. B. Der letzte Tango in Paris; 1972) oder Stanley Kubrick (z. B. Lolita; 1962, Uhrwerk Orange; 1971, Eyes Wide Shut; 1999) in jeder Hinsicht enttabuisiert.
Nicht zu vergessen das skandalträchtige Werk Das große Fressen des Regisseurs Marco Ferreri. Als sein Film 1973 in die Kinos kam, liefen die derben Sex- und Fress-Szenen, Letztere begleitet von unüberhörbaren Verdauungsgeräuschen und Blähungen der Protagonisten, den damals noch üblichen Seh- und Hörgewohnheiten ziemlich zuwider. In Irland verfügten die Behörden umgehend ein Aufführungsverbot. Bemerkenswert ist vor allem die sich aus einer Fress-Szene entwickelnde Katastrophe auf der Toilette. Philipp Alexander Tschirbs vermerkt: »Nachdem sich die zügellos Speisenden abwechselnd auf dem Klo erleichtert haben, wird die Kongruenz von Nahrungsaufnahme und Ausscheidung visuell verdeutlicht: Das Klosett läuft über und die ›Scheiße‹ ergießt sich in einer Schwemme über das gesamte Badezimmer und dringt unaufhaltsam in die Wohnräume vor.«17 O-Ton des Protagonisten Ugo, als er das Badezimmer betritt und ins Becken schaut: »Hier liegt noch Scheiße drin. Nicht mal spülen können diese Schweine!«
Sind menschliche Exkremente und die konkreten Orte, an denen diese Produkte der Verdauung ausgeschieden werden, ein Tabuthema? In der Vergangenheit schon, heute bestenfalls bedingt. Sprachliche wie auch bildliche Unantastbarkeiten gibt es so gut wie keine mehr – und einen Gesichtsverlust muss niemand befürchten, der etwa beiläufig erzählt, er habe den 2009 erschienenen Roman Feuchtgebiete von Charlotte Roche mit Interesse gelesen. Immerhin laut Der Spiegel ein »Mega-Seller« mit circa drei Millionen verkauften Exemplaren allein in Deutschland. Hier ein kleiner, nicht unbedingt feiner Auszug:
»Hygiene wird bei mir kleingeschrieben. Mir ist irgendwann klar geworden, dass Mädchen und Jungs unterschiedlich beigebracht kriegen, ihren Intimbereich sauber zu halten. Meine Mutter hat auf meine Muschihygiene immer großen Wert gelegt, auf die Penishygiene meines Bruders aber gar nicht. Der darf sogar pinkeln ohne abwischen und den Rest in die Unterhose laufen lassen. Aus Muschiwaschen wird bei uns zu Hause eine riesenernste Wissenschaft gemacht. Es ist angeblich sehr schwierig, eine Muschi wirklich sauberzuhalten. Das ist natürlich totaler Unfug. Bisschen Wasser, bisschen Seife, schrubbel-schrubbel. Fertig. […] Eine andere Muschiregel meiner Mutter war, dass Muschis viel leichter krank werden als Penisse. Also viel anfälliger sind für Pilze und Schimmel und so. Weswegen sich Mädchen auf fremden oder öffentlichen Toiletten niemals hinsetzen sollten. Mir wurde beigebracht, in einer stehenden Hockhaltung freischwebend zu pinkeln, ohne das ganze Igittigitt-Pipi-Mobiliar überhaupt zu berühren. Ich habe schon bei vielen Dingen, die mir beigebracht wurden, festgestellt, dass die gar nicht stimmen. Also habe ich mich zu einem lebenden Muschihygieneselbstexperiment gemacht.
Mir macht es Riesenspaß, mich nicht nur immer und überall bräsig voll auf die dreckige Klobrille zu setzen. Ich wische sie auch vor dem Hinsetzen mit meiner Muschi in einer kunstvoll geschwungenen Hüftbewegung einmal komplett im Kreis sauber. […] Das mache ich jetzt schon seit vier Jahren auf jeder Toilette. […] Und ich habe noch nie einen einzigen Pilz gehabt. Das kann mein Frauenarzt Dr. Brökert bestätigen.«18
Zurück ins WWW. Unter Verwendung der Begriffe Toilette und Knigge verwandelt es sich unversehens in eine irreale Verbesserungsanstalt. Vorausgesetzt wird in vielen Beiträgen, wie auch immer formuliert, folgendes Szenario: »Aufreger Nummer eins in vielen Haushalten ist die Toilettenbenutzung und -hygiene. Besonders in WGs, doch auch in Familien oder bei jungen Paaren ist das Ignorieren einfachster Hygieneregeln ein ständiges Streitthema. Der offene Toilettendeckel, Spritzer rund um die Kloschüssel oder das penetrante Ignorieren der Toilettenbürste – diese Aufreger kennt wohl jeder, der sich mit anderen eine Toilette teilt. Damit das heimische WC nicht zu einer verwahrlosten Bahnhofstoilette wird, gelten auf dem stillen Örtchen bestimmte Benimmregeln. Mit nur wenigen Hygienemaßnahmen haben unschöne Hinterlassenschaften und miese Gerüche keine Chance.«19
Und welche Benimmregeln beinhaltet im Zeitalter der Digitalisierung und Individualisierung ein selbst ernannter »WC-Knigge«? Die auf vielen Websites (und in der ausgeuferten Ratgeberliteratur) dargebotenen Winke mit dem Zaunpfahl und Tipps lesen sich in meiner Zusammenfassung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, so:
Die Toilette wird täglich genutzt und gebraucht. Daher sollte an diesem Ort aus Respekt vor den Mitmenschen Wert auf Sauberkeit und Hygiene gelegt werden.
Selbst wenn sich das Urinieren, Pinkeln, Pullern oder Pissen im Stehen für den Mann anbietet, sollte er sich auch zum Urinieren hinsetzen, denn so werden unerwünschte Spritzer und Gerüche verhindert. (Tipp: Beim Aufstehen die Tropfen mit einem Stück Klopapier auffangen.)
Nach dem großen Geschäft sollte jede und jeder die Toilettenbürste benutzen, um eventuelle Bremsspuren zu beseitigen. (Tipp: Durchgeweichtes Klopapier setzt sich in den Borsten fest und schreckt nachfolgende Toilettenbenutzer von der Benutzung ab.)
Nach jedem Geschäft muss ordentlich gelüftet werden. Vor allem, wenn sich die Toilette im Badezimmer befindet. (Tipp: Wenn keine Entlüftung möglich ist, ein Streichholz anzünden. Dann entweicht Schwefel, der wiederum den unangenehmen Geruch bindet.)
Nach der Säuberung mit der Klobürste wird der Toilettendeckel wieder aufgelegt. Das minimiert ebenfalls Gerüche. Auch schaut niemand gerne in den offenen Abfluss. Beim Verlassen der Toilette muss die Klotür hinter sich geschlossen werden.
Nach jedem Toilettengang Hände waschen nicht vergessen. Gründliches Reinigen verhindert, dass Fäkalkeime im gesamten Haushalt und an andere Personen verteilt werden.
Binden und Tampons gehören nicht in die Toilette, wo sie für Verstopfung und Überschwemmung sorgen. Auch Speiseabfälle und Essensreste haben nichts in der Kloschüssel zu suchen. Sie machen die Klärung der Abwässer schwieriger; außerdem sind nahrhafte Stoffe ein gefundenes Fressen für Ratten.
Wer das letzte Toilettenpapier einer Rolle verbraucht, hat für Nachschub sorgen. Der nächste Benutzer würde es nach seinem Geschäft empört vermissen.
Viele Menschen lesen gern auf der Toilette. Die Tageszeitung oder Zeitschrift auf der Toilette kann aber schnell unhygienisch werden. (Tipp: Bitte nur kurze Sitzungen einplanen, das Klo ist keine Bibliothek …)
Mit dieser Übersicht heute vielfach kommunizierter Benimmregeln könnte ich es gut sein lassen, wenn es da nicht noch die viel beschworene Geschäftswelt gäbe und mit ihr den Business-Knigge. Merke: »Zunächst gehört es zum guten Ton, die Toilette auch als solche zu bezeichnen. Der Begriff ›Klo‹ zeugt in der Geschäftswelt nicht gerade von Stil. Auch Ankündigungen wie ›Ich geh aufs stille Örtchen‹ oder ›Ich muss mal für kleine Mädchen/Jungen‹ sind außer unter sehr vertrauten Kollegen fehl am Platz. Das Handy lassen Sie bitte vor der Tür oder machen es aus. Es ist sehr unhöflich, andere Toilettenbesucher durch einen Anruf zu stören.«20
All das, was heute mit dem Begriff Knigge verbunden wird, hat mit dem profilierten Republikaner Adolph Freiherr Knigge (1752 – 1796) und seinem aufklärerischen Werk Ueber den Umgang mit Menschen von 1788 nichts zu tun. Knigge hatte kein Benimmbuch, sondern einen kritischen Leitfaden zur Lebensphilosophie vorgelegt.21 Obwohl der ob seines Eintretens für die Ideale der Französischen Revolution von konservativen Kreisen gehasste Freiherr posthum durch Umschriften seines Hauptwerks nachgerade seiner Ideale beraubt wurde, scheut sein 1968 geborener Nachfahre Moritz Freiherr Knigge nicht davor zurück, sich auf genau den »Benimm-Knigge« zu beziehen, den es leibhaftig nie gab. Er nutzt den inzwischen wohlklingenden Namen für seine Beratungstätigkeit in Umgangsfragen. Und wie lauten die zentralen Benimmregeln von Moritz Freiherr Knigge (allerdings nur für Herren)?
»Es gibt eine einfache Faustregel am Urinal: Pinkeln und Mund halten. Dies ist weder der Ort, um geschäftliche Gespräche weiterzuführen, noch gar Intimes zu besprechen. […] Steht der Vorgesetzte direkt neben einem, verbieten sich sowohl verstohlene Blicke in seine Richtung als auch der Einsatz karrierefördernder Selbstmarketingstrategien! Spülungen sind dazu da, um sie zu betätigen, Klobürsten, um sie zu benutzen, Fenster, um zu lüften, und Wasserhähne, um sie aufzudrehen und sich die Hände zu waschen. Wer meint, auf Letzteres verzichten zu können, dem sei ein Satz Adolph Freiherr Knigges ans Herz gelegt, der gerade auf dem Herrenklo seine zeitlose und allgemeine Gültigkeit beanspruchen darf: ›Tue nichts im Verborgenen, dessen Du Dich schämen müsstest, wenn es ein Fremder sähe.‹«22
00 2 Tierisch menschlich
Körperliche Ausscheidungsprozesse sind eine alltägliche Herausforderung für sich. Selbst im Falle des »kleinen« Geschäfts. Die menschliche Blase hat ein Volumen von gut einem halben Liter. Wenn ihre Füllung ein Volumen von 200 bis 300 Millilitern überschreitet, erhält das Gehirn die Information: Harndrang. Wird der Drang häufig unterdrückt, meldet sich die Blase seltener. Zudem können wir die Füllmenge der Blase ausdehnen, indem wir viel trinken. Nun gibt es – unabhängig vom Geschlecht – Menschen, die den Harndrang weniger unterdrücken als andere, und eben häufiger eine Toilette aufsuchen. Rein statistisch betrachtet scheinen Frauen ihrem Harndrang häufiger nachzugeben als Männer – sie suchen durchschnittlich fünf- bis siebenmal täglich die Toilette auf, während Männer es bei drei bis vier Gängen belassen. Wie dem auch sei, sicherlich empfinde nicht nur ich ein schnell erreichbares und gepflegtes WC als einen Segen, vor allem außerhalb der eigenen vier Wände. Die Heldin Annabel in Ildikó von Kürthys Roman Freizeichen nicht minder. Sie reist eines Tages spontan zu ihrer exzentrischen Tante nach Mallorca, die aber nicht wie vereinbart zu Hause ist. Da Annabel dringend auf Toilette muss, beschließt sie, in nächster Nähe eine Erleichterungsmöglichkeit zu suchen:
»Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, aber wenn ich auf die Toilette muss, dann muss ich immer ganz plötzlich und dringend auf die Toilette. Vor langen Autofahrten zum Beispiel trinke ich immer tagelang nichts. Vergeblich. Schon bei der ersten Raststätte muss ich raus. Immer. Ben sagt, ich hätte eine Altherrenblase, und meine Freundin Mona schlug vor, ich solle beim nächsten Mal Windeln tragen oder mir einen Katheter legen lassen. […] Aber es ist tatsächlich so: Eigentlich befinde ich mich die meiste Zeit meines Lebens auf der Suche nach einem Klo.
Für mich also eine absolut vertraute Situation: Annabel Leonhard eilt mit zusammengepressten Schenkeln durch irgendeine völlig toilettenfreie Zone dieser Welt. […] Glücklicherweise habe ich durch jahrzehntelange Praxis ein seismografisches Gespür für Toiletten entwickelt oder für Gegenstände, die man als Toilette benutzen kann. Ich […] denke, der Satz, den ich in meinem Leben am häufigsten gesagt habe, ist: ›Dürfte ich wohl mal Ihre Toilette benutzen?‹ […] Unter Blasendruck verliert man viele seiner ansonsten hartnäckigen Hemmungen. Ich habe schon in Spelunken gepinkelt, die ich bei klarer geistiger Verfassung nur mit Schutzanzug und Atemmaske betreten hätte.«23
Um unserer vornehmsten Eigenschaft als Stoffwechsler zu genügen, müssen wir ausreichend essen und trinken. Um die unser Überleben sichernden Körperfunktionen gut zu versorgen, sind Fette, Kohlenhydrate, Mineralstoffe, Proteine, Vitamine und Wasser essenziell. Der Körper benötigt sie für das Wachstum, für die Zellteilung und die Blutgerinnung, zur Deckung des Energiebedarfs des Herzens, der Bewegungsabläufe und anderem mehr. Stoffwechselprodukte, die der Körper nicht verwerten kann, müssen wieder ausgeschieden werden. Während die Haut Wasser, Salze und Gifte herausschwitzt und die Lunge beim Ausatmen Kohlendioxid ausstößt, entsorgt der Darm die Abfallstoffe der Verdauung und befreit das Harnsystem den Körper vor allem von Stickstoff. Ohne die zuverlässig entgiftende Arbeit der Nieren, die pro Minute einen Liter Blut filtern (und ein Prozent davon in Urin verwandeln), kommt kein Mensch über die Runden. Der Urin sammelt sich in der Harnblase an, deren Wand dadurch mehr und mehr unter Spannung gerät. Ist die einen guten halben Liter Urin fassende Blase voll, entsteht Harndrang.
Der Mund fungiert als Tor und »Eingangshalle zu einer Welt, in der Fremdes zu Eigenem wird«, statuiert Julia Enders in ihrem Bestseller Darm mit Charme.24 (Mit »Charme« lassen sich Tabus übrigens auch gut entsorgen.) Nach der bereits in der Mundhöhle einsetzenden Verdauung wird die aufgenommene Nahrung dann mittels Säuren und Enzymen im Magen aufbereitet. Im bis zu fünf Meter langen Dünndarm erfolgt die Aufspaltung der Nähr- und Abfallstoffe, wobei die löslichen Nährstoffe durch dessen Zotten wieder in die Blutbahn und zur Leber gelangen. Der Dünndarm wird bei seiner Kärrnerarbeit von der Bauchspeicheldrüse unterstützt. Sämtliche unverdaulichen Stoffe gelangen in den anderthalb Meter langen Dickdarm, wo Bakterien sie zersetzen. Der verbleibende Rest des eingedickten Breis wird sukzessive weitergeschoben und steht dann zur Ausscheidung durch den After parat. Das kann freilich dauern. Bis die aufgenommene Kost ihre Verwertung und Verwandlung im Körper hinter sich hat, vergeht mindestens ein Tag.
Wie viele andere Körperfunktionen auch unterliegt der Verdauungsvorgang individuellen Schwankungen. Verstopfungen liegen aus medizinischer Sicht vor, wenn die Darmentleerung nicht dreimal wöchentlich erfolgt oder nur durch schmerzhaftes Pressen möglich wird. Hinzu kommen Störungen wie Stuhlinkontinenz und andere mehr. Die Häufigkeit des Stuhlgangs ist bei jedem Menschen individuell speziell – sie variiert bei gesunden Erwachsenen zwischen dreimal täglich bis dreimal wöchentlich. Auch die Konsistenz des Kots kennt keine feste Regel – sie schwankt zwischen hart und weich je nach individueller körperlicher und seelischer Verfassung und natürlich auch der jeweils präferierten Nahrung.
Die sich mehrmals täglich füllende Blase signalisiert durch den Harndrang, dass sie entleert werden muss. Erweist er sich als besonders stark oder unbeherrschbar, gilt das als Symptom für eine Störung. Der Harndrang kommt nicht von ungefähr. In der Blasenwand registrieren reizaufnehmende Zellen bzw. Rezeptoren stets die anliegende Spannung und melden sie an die zuständigen Kontrollstellen im zentralen Nervensystem. Muskelgeflechte rund um den Blasenausgang und an der hinteren Harnröhre sowie die Beckenbodenmuskulatur halten die Blase unter Verschluss. Gesunde Menschen können ihre Urinabgabe bewusst steuern, indem sie diese Muskeln erschlaffen lassen, wobei sich gleichzeitig der Blaseninnendruck durch die Anspannung der harnaustreibenden Muskeln erhöht. Und schon kommt es zur Miktion, der Blasenentleerung. Sie ist bekanntlich umso häufiger notwendig, als die Trinkmenge gesteigert wird. Und wenn das nicht klappt? In Günter de Bruyns 1984 publizierten Roman Neue Herrlichkeit erfährt Viktor telefonisch, dass es seinem Vater nicht gut geht:
»Das ist erschreckend und erheiternd zugleich. Den kraftstrotzenden Mann, dem Schwäche bisher defätistisch und Krankheit moralisch anrüchig erschien, kann man sich als Patienten nicht vorstellen. Jetzt fühlt sich der Löwe als Wurm; der Halbgott, der Ärzte sowenig gebraucht hat wie Priester, merkt, daß auch er sterblich ist. So gewaltig wie früher die Kraft, ist nun der Jammer. Er fühlt sich nicht nur geschlagen vom Schicksal, sondern auch noch verhöhnt, weil es ausgerechnet die Prostata ist, die ihn quält. Ehrenvoll zu Boden geht man in seinen Kreisen durch Herzinfarkt, nicht aber so. Ein Riese, der vor Schmerz schreit, wenn der Urin kommen soll und nicht will, ist kein Mann mehr, sondern eine Schießbudenfigur …«25
Die Ausscheidung der Stoffwechselendprodukte erfolgt in Form von Urin und Fäzes. Während es der Urin in aller Regel eilig hat, unserem Körper Ade zu sagen, nimmt sich der Darm, immerhin unser größtes sensorisches Organ, mehr Zeit. Aber irgendwann will auch er entleert sein, und wie das funktioniert, hat Giulia Enders in ihrem Werk Darm mit Charme trefflich zur Sprache gebracht:
»Unser Klogang ist eine Meisterleistung – zwei Nervensysteme arbeiten gewissenhaft zusammen, um unseren Müll so diskret und hygienisch wie möglich zu entsorgen. […] Unser Körper hat dafür allerlei Vorrichtungen und Tricks entwickelt. Es fängt schon damit an, wie ausgetüftelt unsere Schließmechanismen sind. Fast jeder kennt immer nur den äußeren Schließmuskel, den man gezielt auf- und zubewegen kann. Es gibt einen ganz ähnlichen Schließmuskel, wenige Zentimeter entfernt – nur können wir ihn nicht bewusst steuern. Jeder der beiden Schließmuskeln vertritt die Interessen eines anderen Nervensystems. Der äußere Schließmuskel ist treuer Mitarbeiter unseres Bewusstseins. Wenn unser Gehirn es unpassend findet, jetzt auf die Toilette zu gehen, dann hört der äußere Schließmuskel auf das Bewusstsein und hält so dicht, wie er eben kann. Der innere Schließmuskel ist der Vertreter unserer unbewussten Innenwelt. […]
Diese beiden Schließmuskeln müssen zusammenarbeiten. Wenn unsere Verdauungsreste beim inneren Schließmuskel ankommen, macht dieser reflexartig auf. Er lässt allerdings nicht einfach alles auf den äußeren Schließmuskelkollegen los, sondern erst einmal nur einen Testhappen. In dem Raum zwischen innerem und äußerem Schließmuskel sitzen viele Sensorzellen. Diese analysieren das angelieferte Produkt darauf, ob es fest oder gasförmig ist, und schicken ihre Information hoch an das Gehirn: Ich muss aufs Klo! … oder vielleicht auch nur pupsen. Es macht dann, was es mit seinem ›bewussten Bewusstsein‹ so gut kann: Es stellt uns auf unsere Umwelt ein. Dazu nimmt es Informationen von Augen und Ohren und zieht seinen Erfahrungsschatz hinzu. In Sekundenschnelle entsteht so eine erste Einschätzung, die das Gehirn zurück an den äußeren Schließmuskel funkt: ›Ich habe geguckt, wir sind gerade bei Tante Berta im Wohnzimmer – Pupse gehen vielleicht noch, wenn du sie ganz leise raustwitschen lässt. Fest eher ungut.‹ Der äußere Schließmuskel versteht und verschließt sich voller Loyalität noch fester als zuvor. Dieses Signal bemerkt dann auch der innere Schließmuskel und respektiert erst mal die Entscheidung seines Kollegen. Die beiden verbünden sich und schieben den Testhappen in eine Warteschleife. Raus muss es irgendwann, nur eben nicht hier und jetzt auch nicht. Einige Zeit später wird es der innere Schließmuskel einfach noch mal mit einem Testhappen probieren. Sitzen wir mittlerweile gemütlich zu Hause auf dem Sofa: freie Fahrt!«26
Nach der – hoffentlich wohlschmeckenden und bekömmlichen – Speisenaufnahme folgen die Verdauung und irgendwann später der Gang auf die Toilette. Was nun diesem Ablauf mit anschließender »freier Fahrt« gleichsam eingeschrieben ist, verdeutlicht Elias Canetti (1905 – 1994) in seinem Werk Masse und Macht in akribischer Klarheit. Sämtliche Nahrungsmittel, die wir uns zum Überleben einverleiben müssen, bestehen ja biologisch betrachtet aus anderen Lebewesen, und deren Verzehr bestimmt unsere Wirklichkeit aus der Sicht des Literaturnobelpreisträgers entschieden mehr, als es im alltäglichen Hin und Her den Anschein hat. In dem von Canetti unzweideutig betitelten Kapitel »Eingeweide der Macht« heißt es:
»Nichts hat so sehr zu einem gehört, als was zu Kot geworden ist. Der konstante Druck, unter dem die Speise gewordene Beute steht, während der ganzen langen Weile, die sie durch den Leib wandert, ihre Auflösung und die innige Verbindung, die sie mit dem Verdauenden eingeht, das vollkommene und endgültige Verschwinden erst aller Funktionen, dann aller Formen, die einmal ihre eigene Existenz ausgemacht haben, die Angleichung oder Assimilation an das, was vom Verdauenden als Leib bereits vorhanden ist – all das läßt sich sehr wohl als der zentralste, wenn auch verborgenste Vorgang der Macht sehen. Er ist so selbstverständlich, selbsttätig und jenseits alles Bewußten, daß man seine Bedeutung unterschätzt.«27
Unsere Exkretion, daran lässt Elias Canetti keinen Zweifel, hat weit größere Dimensionen, als die rein physiologische Funktion erkennen lässt. Die Bewältigung der Wirklichkeit durch das Ergreifen, Erkaufen, Zubereiten, Einverleiben und Verdauen von Beute, die die überlebenssichernden Nährstoffe, Mineralien und Vitamine enthält, bleibt für instinktentbundene Mängelwesen vom Schlage Homo sapiens offenbar nicht folgenlos. Weder im Psychischen noch im Sozialen und Kulturellen. Und eben deshalb kommt für Canetti beim Stuhlgang auch weit mehr ans Tageslicht, als es scheint:
»Der Kot, der von allem übrigbleibt, ist mit unserer ganzen Blutschuld beladen. An ihm läßt sich erkennen, was wir gemordet haben. Er ist die zusammengepreßte Summe sämtlicher Indizien gegen uns. Als unsere tägliche, fortgesetzte, als unsere nie unterbrochene Sünde stinkt und schreit er zum Himmel. Es ist auffallend, wie man sich mit ihm isoliert. In eigenen, nur dazu dienenden Räumen entledigt man sich seiner; der privateste Augenblick ist jener der Absonderung; wirklich allein ist man nur mit seinem Kot. Es ist klar, daß man sich seiner schämt. Er ist das uralte Siegel jenes Machtprozesses der Verdauung, der sich im Verborgenen abspielt und ohne dieses Siegel verborgen bliebe.«28
Ich kommentiere das nicht weiter. Ein durchschnittlicher Europäer verdaut in seinem Leben gut zwanzig Tonnen Nahrung. Und was gibt er davon an die Umwelt zurück? Schätzungsweise mindestens 30 000 Liter Urin und bis zu 8000 Kilogramm Kot. Allerdings haben auch die Fäzes viel Flüssigkeit in sich – gut drei Viertel der Menge sind nichts als Wasser. Einer der großen Universalgelehrten seiner Zeit, Leonardo da Vinci (1452 – 1519), kommentierte die Existenz ihm unliebsamer Mitmenschen denn auch spöttisch mit den Worten: »Zahlreich sind jene, die sich als einfache Kanäle für die Nahrung und als Erzeuger von Dung und Füller von Latrinen bezeichnen könnten, denn sie kennen keine andere Beschäftigung in dieser Welt. Sie befleißigen sich keiner Tugend. Von ihnen bleiben nur volle Latrinen übrig.«29
Übrigens hinterlassen Vegetarier fast doppelt so viele Fäzes wie Fleischesser, weil sie mehr unverdauliche Ballaststoffe zu sich nehmen. Die Fleischesser hingegen produzieren stärker riechenden Kot, weil beim Abbau tierischer Eiweiße chemische Stoffe entstehen, die für ein von Mitmenschen zuweilen als unangenehm empfundenes Odeur sorgen. Fäzes entwickeln ihren spezifischen Duft nach der Ausscheidung vor allem aufgrund der Verbindungen von Skatol und Indol, die beim Abbau der Aminosäure Tryptophan entstehen. Auch die sich bei der Verdauung von Proteinen bildenden Alkanthiolen nebst Schwefelwasserstoff tragen zur Geruchsbildung bei. Normaler Menschenharn entfaltet seinen strengen, von ausgasendem Ammoniak herrührenden Geruch hingegen erst mit der Oxidation an der Luft – zunächst duftet er mehr nach Fleischbrühe oder, nach dem Genuss von Spargel, Baldrian und Lauch, nach Methylmerkaptan. Bei manchen jedenfalls. Denn nach dem Spargelessen scheiden sich Untersuchungen zufolge die Menschen in zwei Gruppen. Bei der einen verströmt der Urin ein spezifisches Aroma, bei der anderen riecht er wie immer. Verursacht wird dieser Unterschied durch ein Enzym, das die im Spargel enthaltene Asparaginsäure zersetzt, und das die einen unter uns haben und die anderen nicht.30
Die natürlichen Ausgasungen und anderen anrüchigen Düfte, die mir in oder nahe der Örtchen für unaufschiebbare Bedürfnisse täglich mehr oder weniger intensiv um die Nase wehen, sind eine Tatsache des Lebens. Alois Gmeiner hebt sie in seiner Tour de Toilette wie folgt ins Bewusstsein: »Das mit dem Klogang ist so eine Sache. Die Erleichterung, die jeder nach dem Abdrücken verspürt, widerspricht der Peinlichkeit, die man nach dem Verlassen der Toilette zurücklässt. Der infame Geruch hat heutzutage im Gegensatz zu den letzten 100 000 Jahren Menschheitsentwicklung selbstverständlich seine Gegner, die alles daran setzen, den letzten Rest des Besuchs und den unvermeidlichen Beweis für das große Geschäft zu vernichten, oft aber bitter scheitern – der üble Geruch bleibt! Nicht bloß das, die bösen Gase suchen sich dann auch noch ihren Weg aus der Toilette und lösen sich erst langsam und gänzlich und von allen ›bemerkt‹ in Luft auf. Meist ist es dann auch schon zu spät. Andere rümpfen bereits ihre Nasen, und den Produzenten überkommt eine seltsame Scham. […] Doch wie so oft – der Mensch ist schlau und erfinderisch, wenn es darum geht, etwas zu verdrängen. Beliebt sind Duftsprays, die ein geradezu witziges Geruchsgemisch erzeugen …«31
Der Geruchssinn zählt zu den klassischen fünf Sinnen; er ist entwicklungsgeschichtlich älter als der optische oder akustische. Schon Säuglinge erkennen wenige Tage nach der Geburt die Brust ihrer Mutter am Geruch. Die Wahrnehmung, Interpretation und der Umgang mit dem Geruch hat einen historisch langen kulturellen Vorlauf.32 Nicht zuletzt die Geschichte der Parfümerie umspannt Jahrtausende. Der Geruchssinn dient zur Kontrolle von Nahrungsmitteln und zur Appetitanregung, er fördert die Verdauung und dient der Gefahrenerkennung, etwa wenn Feuer ausbricht. Er ermöglicht sowohl die Identifizierung von Krankheiten wie nicht zuletzt eine »passende« Partnerwahl. Während nun bis ins 18. Jahrhundert hinein allgemein eine recht hohe Toleranz gegenüber auch streng riechenden Körperausdünstungen, Schlachtereien, Jauche- und Latrinengruben etc. herrschte, ist diese Schwelle seitdem erheblich niedriger geworden. Eine maßgebliche Ursache für die sich wandelnde Interpretation des Olfaktorischen war nicht zuletzt die gleichsam explodierende Urbanisierung und die damit einhergehende Verengung des sozialen Raums. Die wachsende Zahl der europäischen Großstädte geriet ab dem 18. Jahrhundert jedenfalls in den Ruch, ein Sinnbild von Elend, Gestank und Verschmutzung zu sein.
Von Kindheit an werden von uns Menschen die jeweils kulturspezifisch vorgegebenen Auffassungen mit erlernt, die ein grobes Raster für all die Gerüche vorgeben, die gesellschaftlich als wohlriechend oder eben stinkend und ekelig gelten können. Sie unterliegen dem historischen Wandel. Alain Corbin schreibt in seiner überwiegend aus französischen Quellen gespeisten Geschichte des Geruchs, menschlicher und tierischer Kot hätte früher in gewissen Kreisen als wohlriechend und sogar heilsam gegolten. Dass insbesondere die Ausgasung der eigenen Exkremente in aller Regel nicht als Gestank wahrgenommen wurde und wird, bestätigt Michel de Montaigne (1533 – 1592). In seinen Essais zitiert der Philosoph eine bezeichnende Überlieferung aus dem Altertum: »Unser liebster Duft, was ist es? / Der Gestank des eigenen Mistes!«33
Dass das Odeur der eigenen Exkremente und Winde in aller Regel keine Ekelgefühle erregt, die Düfte der Ausscheidungen von Mitmenschen im Zweifelsfall aber sehr wohl, gehört offenbar seit ehedem zur (ontologischen) Begleiterscheinung des kleinen und großen Menschengeschäfts. In einem düsteren Männer-WC las ich vor Jahren den Kommentar: »Eigenlob stinkt, aber hier riecht’s auch nicht nach Flieder.«
00 3 Vom Winde verweht
Über einen verachtenswerten Mensch heißt es: Er ist keinen Furz wert; über einen Choleriker: Jeder Furz kommt ihm in die Quere. Vom Kirchenpersonal ist überliefert: Luft ist Luft, sagte der Pfaffe, und ließ einen streichen. Angeberische Mitmenschen müssen mit der Warnung rechnen: Man muss nicht stärker furzen wollen, als der Arsch vermag. Und ich? Hei is ’n Dichter! seggt de Buer, hei makt ut’n Furz ’n Dunnerschlag. Nun mal sachte. Ich thematisiere in diesem Kapitel die Darmwinde, weil sie seit Menschengedenken eng mit den toilettenkulturellen Gegebenheiten verbunden sind. In der gegenwärtig von Ratgeber-Traktaten durchsetzten Welt des WWW wird das umgehend nachvollziehbar, wenn etwa der Klick die wikihow.com wählt, wo auch Kinder und Jugendliche eine streng ins Auge genommene Zielgruppe für die Beherrschung des »leisen Furzens« sind. Die grafisch unterhaltsam aufgemachte – ellenlange – Unterweisung hebt so an:
»Auch wenn es als Kind natürlich immer großartig gewesen ist, möglichst laut zu furzen, wird dir in der Welt der Erwachsenen ein lauter Furz wohl keine Freunde verschaffen – und wohl kaum anziehend auf das andere Geschlecht wirken. Du solltest dich nicht dafür schämen, pupsen zu müssen, aber es gibt ein paar Tricks, wie du deine Flatulenzen verstecken und so leise wie möglich ablassen kannst. Sie werden unter Umständen natürlich immer noch furchtbar stinken, aber zumindest werden sie auch leise sein.«34
Unter den vielen, mich erheiternden Kniffen, »wie du leise furzen kannst« – vom laut eingestellten Klingelton des Handys bis zum Buchstapelumkippen als Übertönungsvarianten –, zählt nicht zuletzt der Hinweis: »Gehe ins Badezimmer. Der einfachste Weg, leise furzen zu können, ist, dich zu entschuldigen und dich ins Badezimmer zurückzuziehen. Drehe den Wasserhahn auf und lasse deinen Druck ab. Wenn du Angst hast, dass du dennoch gehört werden könntest, kannst du sogar die Spülung betätigen.«35 Auch vielen anderen einschlägigen Benimmratgebern zufolge soll der im Beisein von Mitmenschen sich ankündigende Flatus möglichst unhör- und nicht wahrnehmbar auf der Toilette bzw. im Badezimmer entfahren. Schon deshalb verdient er eine nähere kulturhistorische Betrachtung.
Es mag ja sein, dass die Wissenschaftler aller Fakultäten alles Mögliche im Griff haben oder zu haben glauben. Die Meteorologen zum Beispiel verstehen sich auf die ziemlich genaue Vorhersage von Stürmen und Orkanen, andere Fachleute auf Berechnungen sturmflutsicherer Deichbauten, Sprachforscher auf das Sprichwort: »Wo Wasser ist, da ist auch Wind, sagte jener, schlug sein Wasser ab und ließ einen streichen.« Zu den Winden, für die es weder eine zeitlich genaue Vorhersage, noch ein absolut wirksames Gegenmittel gibt, gehört der 2015 im Kino nachgerade explosiv zu allen Ehren gekommene Flatus bzw. Crepitus, auch Darmwind, Leibwind, Blähung, Furz oder Pups genannt.
In Doktor Proktors Pupspulver, der Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs von Jo Nesbø, kommen die beiden Nachbarskinder Lise und Bulle groß raus und haben großen Spaß an den Experimenten eines eigenwilligen Tüftlers.36 Zu den Erfindungen des Doktor Proktor zählt nicht zuletzt das Pupspulver, das geruchlose, explosive Winde produziert. Es eignet sich dank menschlicher Fantasie sogar dazu, Leute raketenschnell durch die Gegend fliegen zu lassen. Lise wird von der zwölf Jahre alten Emily Glaister gespielt. Als sie in einem Interview gefragt wurde, ob das Pupspulver wirklich wirkt und ob sie während der Dreharbeiten auch pupsen musste, bekannte sie: »Nein, es hat nicht wirklich funktioniert. Aber ich denke, wenn man genug davon isst, dann kann man schon viel pupsen. Aber anders als im Film stinkt es trotzdem wie immer. Manchmal mussten wir wirklich pupsen, ja. Ansonsten haben sie das Geräusch aber auch einfach eingespielt. Oft mussten wir auch nur so tun, als ob wir pupsen, und dann noch passende Geräusche machen.« Eine Superpups-Empfehlung hatte die junge Schauspielerin auch in petto: »Also, ganz klar: Esst Bohnen! Das funktioniert wirklich gut. Das ist mein Tipp. Obwohl, wenn man viel Limonade trinkt, dann kann man auch gut pupsen. Zumindest hat das bei mir funktioniert.«37
Apropos Flatulenz. So bezeichnen die Mediziner die verstärkte Entwicklung von Gasen wie Methan, Kohlenstoffdioxid und Schwefelwasserstoff in Magen und Darm und deren mit spezifischen Gerüchen verbundenes rektales Entweichen (von lat. flatus = Wind). Wenn sie Meteorismus diagnostizieren, verbieten sich Scherze oder Weisheiten wie: »Besser einen Furz lassen, als den Arzt zu Rate ziehen«, denn dann geht es um eine übermäßige Ansammlung von Verdauungsgasen im Margen-Darmtrakt, die Blähsucht, die problematisch verlaufen kann. Etwa bei Menschen, die unter Obstipation (Verstopfung) oder Dyspepsie (Darmverschluss) leiden.
Über die Ursachen, das Fahrenlassen und Zurückhalten, den Geruch und alle sonstigen Begleitumstände des Flatus machen sich Menschen seit Langem so ihre Gedanken – nicht zuletzt der Begründer der Medizin als Wissenschaft, Hippokrates Kos (ca. 460– ca. 370 v. u. Z.). Das überlieferte Corpus Hippocraticum besteht aus rund sechzig Schriften. Sie wurden allerdings von unterschiedlichen Personen verfasst, und womöglich stammt keine dieser Schriften direkt von Hippokrates. Wie dem auch sei, in Johann Grimms Übersetzung aus dem Griechischen von 1837 klingen die frühen medizinischen Einkreisungsversuche belebend so:
»Der Körper der Menschen und der übrigen lebenden Wesen werden durch dreifache Nahrung ernährt, und diese sind namentlich: Speise, Trank, Luftgeist (die Lebensluft). Der Luftgeist innerhalb des Körpers wird Blähung, der außerhalb des Körpers Luft genannt. Diese übt auf Alles, was dem Körper zustößt, einen sehr großen Einfluß aus, und es ist wohl der Mühe wert, ihre Kraft in Betrachtung zu ziehen. Wind ist nämlich ein Wogen und Ausströmen der Luft. Wenn also eine Menge Luft einen starken Luftstrom erregt, so werden die Bäume durch die Gewalt des Luftgeistes mit der Wurzel aus der Erde gerissen, das Meer braust und schlägt Wellen, und die ungeheuren großen Lastschiffe werden in die Höhe geschleudert. Eine solche Kraft übt der Luftgeist also auf diese Gegenstände aus; wiewohl er mit den Augen nicht gesehen wird, so ist er doch der Vernunft sichtbar. […] Dieser Abhandlung muß ich sogleich hinzufügen, daß die Krankheiten wahrscheinlich kaum irgendwo andersher als aus der Luft entstehen, wenn dieser Luftgeist in zu großem oder in zu geringem Maße, oder zu dicht oder mit Miasmen [Verunreinigungen] geschwängert, in den Körper eindringt.«38
Blähungen und Winde wurden von den Hippokratikern auf den »Luftgeist« zurückgeführt. Gut, dass ihre pathologischen Vorstellungen nur mehr von historischem Interesse sind. Ihr Verständnis der Flatulenz ist schon deshalb mit Vorsicht zu genießen, weil sie zum Beispiel zur mit schwindender »Denkkraft« einhergehenden »heiligen Krankheit«, der Epilepsie, führen sollte. Der Darmwind ist von Flatologen inzwischen hinreichend erforscht. So wissen die Nachfolger des Hippokrates exakt zu sagen, in welchen Regionen des Darmes er entsteht: in der rechten (aufsteigenden) Seite des Dickdarms durch Gärung des Verdauungsbreis und in der linken (absteigenden) durch Fäulnis. Die sich dabei bildenden Wasserstoff- und Kohlendioxidgase treffen auf Sauerstoff- und Stickstoffgase, die durch das Essen oder Trinken begleitende Luftschlucken über den Magen in den Verdauungstrakt gelangt sind. Zwar gleicht kein Flatus dem anderen, aber rein statistisch besteht er aus sechzig Prozent Stickstoff, zwanzig Prozent Wasserstoff, fünfzehn Prozent Kohlendioxid und fünf Prozent Sauerstoff. Noch besser: Wissenschaftlich erwiesen ist, dass rund 99 Prozent dieser entweichenden Gase erstaunlicherweise anaromatisch sind, also geruchsfrei. Präziser: Nur ein Prozent der Fürze haben die fatale Neigung, wie stark auch immer übelriechend aus dem Rektum zu entweichen – übrigens mit Geschwindigkeiten zwischen 0,1 und 1,1 Meter pro Sekunde. Warum sie Gestank verbreiten, ist längst kein Rätsel mehr. Vor allem irreguläre Verdauungsprozesse sorgen für die Bildung flüchtiger Eiweißabbauprodukte wie Indol, Skatol und vor allem Schwefelwasserstoff, die genau die Bestandteile des Flatus bilden, die fachlich als »fötid« bezeichnet werden. Bei darmgesunden Menschen machen diese olfaktorisch intensiven Spurengase freilich nur ein Prozent der intestinalen Gasproduktion aus.
Erforscht ist nicht zuletzt, wie viele Fürze ein gesunder Mensch im statistischen Tagesmittel fahren lässt. Rund fünfzehn, wenn die Wissenschaftler nicht irren. Dabei variiert das abgegebene Gasvolumen individuell und je nach Beschaffenheit der von der Verdauung erfassten Nahrungsmasse; es beträgt zwischen 0,2 und gut zwei Litern täglich und wird in Ausstößen von durchschnittlich vierzig Millilitern entlassen.39
In einem wohl allseits bekannten, schlicht gereimten Gedicht wird eine bemerkenswerte These laut: Salomon der Weise spricht: / Laute Fürze stinken nicht, / aber die so leise zischen / und so still dem Arsch entwischen,/Mensch, vor denen hüte Dich, / denn die stinken fürchterlich. Leise Fürze stinken mehr als laute? Einmal abgesehen vom zweifelhaften Wahrheitsgehalt dieser Aussage gibt es bereits in dem wichtigsten Prosawerk der deutschen Barockliteratur eine wunderbare Auseinandersetzung mit dieser duftenden Sache. Der 1668 erschienene Abentheurliche Simplicissimus Teutsch von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1625 – 1676) spielt zur Zeit des für die Bevölkerung so fürchterlichen wie traumatisierenden Dreißigjährigen Krieges, der 1648 ein Ende gefunden hatte. Held des laut Titelblatt »überauß lustig und männiglich nutzlich« zu lesenden Romans ist der »seltsame« Vagant Simplicius, der bei einem Einsiedler aufgewachsen und im Jahr 1635 in der Gegend von Hanau festgenommen wird. Er wird von dem ihm gewogenen Gouverneur Ramsay als Page eingesetzt und von dessen Sekretär beschult. Am Ende des 27. Kapitels gerät Simplicus während einer Debatte mit dem Lehrer in eine Verlegenheit, die im 28. mit dem Erlernen einer »andere zierliche Kunst« einen versöhnlichen Abschluss findet. Wohlan:
»Der Secretarius mußte meiner lachen, und nahm die Mühe, mir eines und des andern Titel und alle Wort insonderheit auszulegen, ich aber beharrete darauf, daß die Titel nicht recht geben würden, es wäre einem viel rühmlicher, wenn er Freundlich tituliert würde, als Gestreng […]; das Wort Wohlgeborn sei eine ganze Unwahrheit, solches würde eines jeden Barons Mutter bezeugen, wenn man sie fraget’, wie es ihr bei ihres Sohns Geburt ergangen wäre? Indem ich nun dieses also belachte, entrann mir ohnversehens ein solcher grausamer Leibsdunst, daß beides ich und der Secretarius darüber erschraken; dieser meldet’ sich augenblicklich sowohl in unsern Nasen als in der ganzen Schreibstuben so kräftig an, gleichsam als wenn man ihn zuvor nicht genug gehöret hätte. ›Troll dich du Sau‹, sagt‹ der Secretarius zu mir, ›zu andern Säuen in Stall, mit denen du Rülp besser zustimmen, als mit ehrlichen Leuten konversieren kannst!‹ Er mußte aber sowohl als ich den Ort räumen, und dem greulichen Gestank den Platz allein lassen. Und also habe ich meinen guten Handel, den ich in der Schreibstub hatte, dem gemeinen Sprichwort nach auf einmal verkerbt.
Ich kam aber sehr unschuldig in dies Unglück, denn die ungewöhnlichen Speisen und Arzneien, die man mir täglich gab, meinen zusammengeschrumpelten Magen und eingeschnorrtes Gedärm wieder zurechtzubringen, erregten in meinem Bauch viel gewaltige Wetter und starke Sturmwind, welche mich trefflich quälten, wenn sie ihren ungestümen Ausbruch suchten; und demnach ich mir nicht einbildete, daß es übel getan sei, wenn man dies Orts der Natur willfahre, maßen einer solchen innerlichen Gewalt in die Läng zu widerstehen […], ließ ich ihnen Luft, und alles passiern, was nur fort wollte, bis ich erzähltermaßen mein Kredit beim Secretario verloren […].
Mein Herr hatte einen […] Pagen neben mir, welcher schon ein paar Jahr bei ihm gewesen, demselben schenkt ich mein Herz, weil er mit mir gleichen Alters war […]. Einsmals schwätzten wir im Bett lang miteinander, ehe wir entschliefen, und indem wir vom Wahrsagen redeten, versprach er mich solches auch umsonst zu lehren; hieß mich darauf den Kopf unter die Decke tun, denn er überredet’ mich, auf solche Weis müßte er mir die Kunst beibringen. Ich gehorchte fleißig, und gab auf die Ankunft des Wahrsager-Geistes genaue Achtung, potz Glück! derselbe nahm seinen Einzug in meiner Nasen, und zwar so stark, daß ich den ganzen Kopf wieder unter der Decken hervortun mußte. ›Was ists?‹ sagt’ mein Lehrmeister. Ich antwortet’: ›Du hast einen streichen lassen‹; ›Und du‹, antwortet’ er, ›hast wahrgesagt, und kannst also die Kunst am besten.‹ Dieses empfand ich für keinen Schimpf, denn ich hatte damals noch keine Gall, sondern begehrte allein von ihm zu wissen, durch was für einen Vorteil man diesen Kerl so stillschweigend abschaffen könnte? Mein Kamerad antwortet’: ›Diese Kunst ist gering, du darfst nur das linke Bein aufheben, wie ein Hund der an ein Eck brunzt, daneben heimlich sagen: Je pète, je pète, je pète, [ich platze] und mithin so stark gedrückt, als du kannst, so spazieren sie so stillschweigends dahin, als wenn sie gestohlen hätten.‹ ›Es ist gut‹, sagte ich, ›und wenns hernach schon stinkt, so wird man vermeinen, die Hund haben die Luft verfälscht, sonderlich wenn ich das linke Bein fein hoch aufgehoben werde haben.‹ Ach, dachte ich, hätte ich doch diese Kunst heute in der Schreibstuben gewußt.«40
Wie aber kommen die absolut nicht »stillschweigend« entweichenden Leibesdünste zustande – im »teutschen« Werk Simplicissimus gibt es dafür noch keine Erläuterung. Nun, im Normalbetrieb funktioniert die körperliche Gasverteilung hinreichend, sind die Gasdrücke im Darm so gering, dass das fachlich sogenannte sphinkterale Resonanzgeschehen ausbleibt. Fast Dreiviertel der Fürze bleiben bei gesunden Menschen schlicht stumm. Für hörbare Krepitationen sorgen schon leichte, unvermeidliche Ungleichgewichte im Verdauungstrakt, die je nach gegebener Kontraktionsstellung des Schließmuskels Töne produzieren. Letztere variieren je nach Spannung des Schließmuskels, dem Druck, mit der das Gas ausgestoßen wird, sowie dem Mengenvolumen.
Das Befinden gewiss nicht nur meines Organismus hängt immer auch von dem täglich ablaufenden Verdauungsvorgang ab; wenn er partout nicht reibungslos vonstattengeht, sinkt die Stimmung, sind womöglich das Aufsuchen des Arztes oder eine Darmspiegelung angezeigt. Nach einer mittelschweren Nahrungsaufnahme entstehen während des Verdauungsvorgangs immerhin bis zu fünfzehn Liter Darmgas. Diese gesamte Menge stößt jedoch kein Homo sapiens rektal aus. Täte Mensch es, wären konventionelle Kraftwerke überflüssig – reichten die eigenen Winde zur Energieerzeugung völlig aus … Der größte Teil des Darmgases wird über die Darmwand ins Blut diffundiert und über die Lungen abgeatmet. Übrigens ohne dabei einen schlechten Atem zu verursachen; der entsteht anders. Nur wenn sich bei heftig in Wallung geratenen Verdauungsprozessen das Gas so schnell entwickelt, dass die Resorption über den Atemweg an ihre Grenzen kommt, erfolgt plötzlich die rektale Abgabe, entfährt ein Furz. Wohlgemerkt: aus einem verdrießlichen Arsch kein fröhlicher. Und schon stellt sich die seit der Neuzeit in deutschen Landen gern in Rätseln ausgedrückte Frage:
Was ist ein Furz? (Ein unglücklicher Versuch, den Hintern zum Sprechen zu bringen.)
Was ist der Furz für ein Landsmann? (Ein Darmstädter.)
Was hat der Furz für eine Religion? (Er ist ein Quäker.)
Wie kann man den Furz am meisten ärgern? (Wenn man durch ein Sieb furzt, dann weiß er nicht, aus welchem Loch er hinaus soll.)
Was ist spitzer als die Nadel? (Der Furz, er geht durch die Hose und macht doch kein Loch.)
Die Flatulenz kann zuweilen mit dem ungewollten Abgang von Kot einhergehen, etwa in den Anfangsstadien einer Diarrhöe. Vom Volksmund wird dieses Syndrom »falscher Freund« genannt.
Wie sehr verpönt, störend, erwünscht, erheiternd und bejubelt (ich sage nur: abwarten) der die Menschheit von Beginn an treu begleitende Flatus auch immer war und ist – seit dem Aufkommen der Schrift hat er sich einen festen Platz in Texten aller Art erobert. Schon in den Überlieferungen des Altertums sind zahlreiche Anmerkungen zu den Leibwinden und ihren Auswirkungen zu finden – etwa von Aristophanes, Horaz, Martial und Sokrates. Von dem griechischen Philosophen Metrokles (400 – 300 v. u. Z.) wird erzählt, er habe sich in der Öffentlichkeit nicht mehr blicken lassen, nachdem ihm ein wohl gut hörbarer Furz entfahren war. Der römische Lexikograf und Grammatiker (des 2. Jahrhunderts) Sextus Pompeius Festus soll befunden haben, abgelebt sei der Mensch, der wegen des hohen Alters sich nicht bewegen, noch einen Furz lassen kann; der christliche Theologe Origenes (185–ca. 254) spottete über die Windverehrung der Alten und so weiter.
Fest steht, dass schon frühzeitig viele von Winden überraschte Individuen auf die Idee verfielen, aus der Not einfach eine Tugend zu machen. Darmwinde reinigen den Körper, hieß es prompt, sie stärken die Gesundheit und sorgen für Frohsinn. Im frühen Mittelalter hatte sich der Flatus auch in deutschen Landen insoweit emanzipiert, dass er Eingang in die Literatur finden konnte. Die Kanonisse und große Dichterin Hrotsvitha bzw. Roswitha (ca. 935 – 973), die im Kloster Gandersheim lebte, neigte zwar einem strengen Keuschheitsideal zu. Was sie während ihres Lebens in der stillen Studierstube in lateinischer Sprache etwa über Liebeskonflikte notierte, beinhaltete aber durchaus so einiges Verfängliches. In ihrer Legende Passio St. Gongolfi martyris kommt zudem ein nicht gerade atemfrischer Hauch zur Sprache. Eine Ehebrecherin, die ihren Gemahl (Gangolf) hatte ermorden lassen, bezweifelt wortreich Berichte, an seinem Grabe gäbe es wunderliche Vorgänge. Und die Erzählerin verdeutlicht, dass sie das nicht nur mit dem Mund tat:
Kaum war entfahren ihr das Wort,
So folgt ein Zeichen nach,
Wie es der Art entsprach
Des angeführten Körperteils:
Sie ließ in schändlichem Getön
Vernehmen einen Laut,
Den anzugeben graut
Dem schamhaft stummen Munde mein,
Und brachte fernerhin, so oft
Sie nur ein Wort verlor,
Auch dabei wieder vor
Unfehlbar diesen garst’gen Ton,
Auf daß sie, die nicht nach Gebühr
Die Scham bewahren wollte,
Zum Anlaß werden sollte
Unmäß’gen Lachens überall,
Indem sie ihre Lebenszeit
Bis hin zu ihrem Tod
An sich zu merken bot
Die Strafe ihres Lästermauls.41
Soweit die Moral der »schändlich« tönenden Geschicht’. Hrotsvitha von Gandersheim hatte der Sage von Gangolf und seiner bösen Frau wahrlich eine besondere Note hinzugefügt. Wobei der Hinweis auf den »schamhaft stummen Munde« insoweit für sich spricht, als er verdeutlicht, dass bereits im 10. Jahrhundert Peinlichkeitsschwellen auslagen. Die mittelhochdeutsche Literatur glänzt besonders durch das episch-didaktische Werk Der Ring von Heinrich Wittenwiler. Von ihm selbst ist wenig bekannt, höchstwahrscheinlich wirkte er Ende des 14. Jahrhunderts als adeliger Advokat und Hofmeister am Hof des Bischofs von Konstanz. Er beschreibt sehr sprachkräftig eine Bauernhochzeit, bei der gegen die gängige höfische Tischsitte nach allen Regeln der Kunst verstoßen wird. Fastnachtspiele und Schwänke, in denen Fressgier und Trunksucht der Bauern verspottet werden, hatten damals Hochkonjunktur. Und zwar obwohl bzw. weil die Ernährungssituation der meisten Bauern mehr als bescheiden war – und bei den häufig schlechten Ernten eher das Darben denn die Völlerei den Alltag bestimmte. Ein Auszug aus der »ungeheuerlichen Schlacht des Hochzeitsmahls« in der Übertragung von Rolf Bräuner lässt nun bestimmt keinen Wind verwehen:
Da sagte sich jeder: Eh ich sterbe
vor Hunger, so will ich vergessen
den Dreck, den Kot und die Reste fressen,
und wär es noch übler beschissen,
es bliebe nicht ein einziger Bissen! […]
Zur gleichen Zeit war Frau Hürel verwirrt,
ein Flöhlein hatte sich verirrt,
ausgerechnet zwischen den Beinen
und biß sie so, daß sie anfing zu greinen.
Da wollte sie sich niederbücken,
um das Flöhlein totzudrücken,
doch seht, die Haut war ihr zu kurz,
und ihr entfuhr ein gewaltiger Furz!
Um nicht die Schande zu offenbaren,
begann sie laut mit den Füßen scharren,
um die andern glauben zu machen,
daß ihre Füße so seltsam krachen.
Doch Henritze war viel zu schlau
und sprach: ›Das ist unpassend, gute Frau,
ihr kennt doch wohl das schöne Gedicht:
Kratzen und Furzen gleichen sich nicht.‹
Hüreln schmerzte der Spott im Ohr,
sie ließ einen großen Furz wie nie zuvor,
und dann noch drei, so warn’s schon vier,
den Schreiber brüllte sie an wie ein Stier …«42
Ich springe nun direkt ins Zeitalter der Reformation. Und schon scheint es auf, das berühmte Zitat: »Was rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmacket?« Der deftige Tischspruch wird gemeinhin Martin Luther (1483 – 1546) untergeschoben, das Dumme ist nur, dass es dafür keinen Nachweis gibt. Aus seinem Munde kam er mit ziemlicher Gewissheit nicht. Wäre der Reformator und sprachmächtige Bibelübersetzer noch mit von der Partie, würde er wohl eher zu verstehen geben: »Wenn ich hier einen Furz lasse, dann riecht man das in Rom.«43 Nicht zu vergessen eine zielsichere Stelle aus einer seiner Auslegungen: »Aber jetzt haben wir Erkenntnis. Käm mich der Geist an, daß ich zum Grimmental laufen wollte, wollt ich einen Furz tun. Das ist Klugheit! Ich bin ein Mann, in Gottes Namen getauft. Ich will ein Mann bleiben.«44
Wenn nicht alles täuscht, lebt der in vielen Schriften vermittelte Eindruck, zu Zeiten Martin Luthers wäre es nachgerade ein Gebot der Höflichkeit gewesen, bei Tisch zu rülpsen und zu furzen, um damit zu hörbar zu bekunden, wie gut das Mahl gemundet hätte, munter fort. Spätestens seit dem Vorliegen von Hans Peter Duerrs materialreicher Studie Der Mythos vom Zivilisationsprozeß lässt sich diese Auffassung freilich nicht länger aufrechterhalten. In seiner (umstrittenen) Auseinandersetzung mit der Zivilisationstheorie von Norbert Elias (Über den Prozeß der Zivilisation) betont der Ethnologe: »Daß man zur Zeit der Reformation in Mitteleuropa ungehemmt furzen konnte, ist ganz und gar unwahrscheinlich.«45
Die Wissenschaft vom Darmwind kann rein historisch davon ausgehen, dass der Flatus schon im Mittelalter verpönt und schambehaftet war. So wurde laut der Frankfurter Zunftordnung von 1377 bestraft, wer »fruczte oder anders unhubisch (= unhöflich) were«, und in einer von Duerr zitierten spätmittelalterlichen Tischzucht heißt es: »Ist eyn gauch inn all meinn sinnen, / Im möchte wol eyn furtz entrinnen, / Es sei unden oder oben, / Dann es ist schamper und unreyn.«46 Selbst die Kinder hatten um 1518 ihre Winde unter Kontrolle zu halten, wie Aussagen des humanistischen Gelehrten Johannes Murmellius (1480 – 1517) nahelegen. Der nicht minder humanistische Joachim Camerarius der Ältere (1500 – 1574) stipulierte denn auch, »es sei völlig überflüssig, das Unterlassen des ›crepitus‹ pädagogisch anzumahnen, da selbst ein primitives Bauernweib eine solche Unflätigkeit bei ihrem Sohn nicht dulden würde«. Hans Peter Duerr ergänzt: »Denn ein öffentlicher Furz wurde nicht allein als Schamlosigkeit, sondern unter gewissen Umständen auch als bewußte Ehrabschneidung betrachtet. Als nämlich beispielsweise in der Grafschaft Lippe der Witwe eines Wildschützen im Beisein einer Frau ›ohn versehens‹ ein Wind entwich, beschimpfte die andere sie wüst und hob einen Stein auf, um die Unglückliche damit zu bewerfen.«47
Gewiss, in den Manierenbüchern und sogenannten Tischzuchten aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die literaturhistorisch unter dem Begriff »Grobianismus« abgehandelt werden, wird nicht zuletzt das Furzen so dargestellt, als wäre es eine hemmungslos ausgeübte, mithin beklagenswerte Alltagsrealität. Allerdings ging es den Verfassern am Ende des Mittelalters – einer Zeit, zu der ein Verfall der Sitten befürchtet wurde – nicht um die Schilderung tatsächlichen Verhaltens, sondern vor allem um die nach Kräften satirisch überzogene Darstellung von verpöntem Fehlverhalten. Die grobianischen Schriften leben gleichsam davon, dass sie etwas als normal ausgeben, was im Alltagsleben als unanständig und für die Subjekte höchst peinlich empfunden wurde. Ein bezeichnendes Beispiel aus dem von Kaspar Scheidt (um 1520 – 1565) aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragenen Grobianus von Friedrich Dedekind will ich nicht schuldig bleiben. In dem 1549 erschienenen Text möchte der Held nach einer Mahlzeit nicht nur nach Herzenslust furzen, er verteidigt es sogar, weil ein Unterdrücken gesundheitsschädlich sei (was es ja auch ist). Ein Auszug:
Da schlaff dann sanfft, und lig fein still,
Biß man das nachtmal nehmen will.
Im Schlaff laß fürtz in lufft hin stieben,
So wirt dichs gantze hausgsind lieben.
Wolt aber jemandt dich drum straffen,
Daß du mächst solch rumor im schlaffen,
Sprich, es ist nicht in meinem gwalt,
Daß ich die fürtz in henden halt,
Laß farn was nit hat lust zu pleiben,
Ich müß den unflat von mir treiben.
Und laß jm dann ein par darzu,
Daß er die naß verhalten thu. […]
Spricht, lantzmann wo hastu gelert,
Daß fartzen auff die gaß gehört?
Ey lieber (sprich) ist’s gefroren drauß?
Besser ein furtz dann ein aug auß,
Solt ich von eines fürtzleins wegen,
Kranck werden, ist mir nicht gelegen.
Besser ist dieser dampff hinweg,
Dann daß ich lang beim Doctor leg. […]
Will lieber grob sein und gesund,
Dann kranck und höflich alle stund.48
Dass ausgangs des Mittelalters die »groben unhöflichen Sitten« eines Grobian lediglich so etwas wie ein wenig frommer Wunsch waren, verdeutlichen viele offizielle Dokumente. So bedrohte 1530 etwa die Berner Schützenordnung jedem »schyeß-gesell«, der »furtzte«, mit der Abstrafung.49 Wie schlau die Bauern an der Schwelle der Neuzeit sein konnten, verrät Martin Montanus (ca. 1537 – 1566) in seinem »Büchlein« Wegkürtzer von 1557, laut Titelblatt »sehr lustig zu lesen«. Darin findet sich der längere Schwank: »Ein Baur läßt (mit Gunst zu melden) ein Furtz und spricht zum Teuffel, er soll ein Knopff daran machen.« Ich mache es kurz – das schafft natürlich selbst ein böser Teufel nicht …50
Der Flatus, der gern zum unpassenden Moment entweicht und in anderer Leute Nasen steigt, ist in vielen Anekdoten verewigt worden. In deutschen Landen stand zum Beispiel Friedrich der Große (1712 – 1786) im Mittelpunkt einer wahrlich donnernden. Sie lautet so: Bei einer Besichtigung fragt der Alte Fritz den einen Rekruten: »Was war Er von Beruf?« – »Schnellläufer, Majestät!« – »Nun, so hole Er mir den zurück!« und Friedrich ließ einen streichen. Sofort setzte sich der Soldat zu des Königs großem Erstaunen in Bewegung, kam nach einigen Minuten wieder zurück, stellte sich vor dem König stramm, ließ einen donnern und meldete: »Ausreißer zurückgeholt, Majestät!«51
Was Wunder, dass der herrlich »lachende Philosoph« Karl Julius Weber (1767 – 1832) um 1800 im Demokritos unkt: »In unsern Zeiten, wo das hypochonderhysterische Temperament Mode ist, und das ruhige ewige Sitzen zu Verstopfungen führt, trotz aller Einweihungen von unten und oben, ist der Deus Crepitus ein wahrer Hausdrache. Die Gedärme und Muskeln sind dadurch so schwach geworden, daß sie keine Blähung mehr zurückhalten, oft auch nicht mehr die Feuchtigkeiten aus Nasen und Blasen; viele können sich nicht einmal mehr neigen, ohne einen Ton von sich zu geben, wenn sie nicht mit einem kleinen Zäpfchen das Instrument vernageln, das allein pfeift. Eine ehrwürdige Dame ging nie in Gesellschaft ohne diesen Stöpsel; einst versah sich das Kammermädchen, nahm statt dessen das elfenbeinerne Pfeifchen, womit ihr die Dame zu pfeifen pflegte, und nun denke man sich den Jammer, als dies mitten in der Gesellschaft zu pfeifen anfing.«52
Wie weitsichtig Weber – im »Kapitel Pfui« – den gesellschaftlichen Begleitumständen der Flatulenz zu Leibe rückt, zeigen seine Überlegungen zum Brummen der Winde: »Es gibt ganze, halbe und Vierteloctaven, wie bei der Leier Amphions, förmliche Ronladen, Läufe und Octaven, und die Feuerwerkerkunst mag auch daher ihre Kunstausdrücke genommen haben. Es läßt sich unstreitig eine Art Musik dabei denken, deren Vervollkommnung vielleicht den Musikern künftiger Zeiten vorbehalten ist. Die Verschiedenheit des Tons hängt von eines Jeden Organ, oder besser Caliber ab, so gut als die gröbere oder feinere Stimme der beiden Geschlechter von einem größeren und kleineren, weitern oder engern Luftröhrenknopf. […] Ein geschickter Musiker hat bereits beobachtet, daß sich zweiundsechzig verschiedene Töne herausbringen lassen.«53
Die von Karl Julius Weber erwähnten 62 Furztöne soll übrigens der Humanist, Arzt und Universalgelehrte Jerome Cardan (1501 – 1576) festgestellt haben – genauer: vier Grundtöne nebst 58 Variationen. Weber starb am 20. Juli 1832 in Kupferzell, wo er auch begraben liegt. Gut zwanzig Jahre später trat im Ratssaal von Pozega (im heutigen Kroatien) ein Mann öffentlich auf, der in der Kunst des musischen Furzens eine außerordentliche Fertigkeit erlangt und sogar die chrowotische Hymne aus seinem Allerwertesten ertönen lassen konnte. Der bis heute wohl unübertroffene Meister dieses Metiers hieß mit bürgerlichem Namen Joseph Pujol (1857 – 1945). Die Karriere des in Marseille aufgewachsenen Künstlers, der sich Le Pétomane nannte, begann in den 1880er Jahren, nachdem er intensiv trainiert hatte, mit den ihm leicht fallenden Blähungen Kerzen auszublasen und schließlich durch Modulation des Schließmuskels die Tonhöhe zu verändern. Als er sich auf die rektale Vertonung von Violinstücken, Gewittern und Kanonenschläge spezialisierte, rieten ihm Freunde 1887 zu öffentlichen Auftritten. Sie wurden ein voller Erfolg in vielen Städten Europas.
Internationalem Ruhm gewann der schnauzbärtige Le Pétomane, nachdem er 1892 vom legendären Pariser Moulin-Rouge engagiert worden war. Fortan gab der mit Frack und weißen Handschuhen ausstaffierte Künstler einen schier unglaublichen Anschauungsunterricht im Tabubruch des Furzens. Wenn Pujol sich feierlich verneigte, um dann französische Kinderlieder, die Marseillaise, den Radetzkymarsch, imitierte Tierstimmen und donnernde Kanonenschüsse aus seinem Hinterteil ertönen zu lassen, tobte das Publikum vor Begeisterung. Le Pétomane konnte das nur recht sein – seine Gagen waren schließlich deutlich höher als die der zu seiner Zeit berühmten Schauspieler.
Im September 1914 gab Le Pétomane seine Abschiedsaufführung. Als er 1945 im Alter von 88 Jahren starb, bot die medizinische Fakultät des Collège de Sorbonne den Hinterbliebenen 25 000 Francs, um die Leiche obduzieren zu können. Die Familie lehnte ab.54 Die Rektalphysiologie des einst weltberühmten Flatus-Künstlers blieb der Wissenschaft verschlossen. In der Folgezeit geriet die Kunst der Pétomanie ziemlich aus dem Fokus; in Deutschland meldete sie sich vernehmlich im August 1987 zurück, als in Hamburg der vom Aktionskünstler André Heller initiierte Vergnügungspark Luna Luna seine avantgardistischen Pforten öffnete. Dort lockte der »Palast der Winde«, in dessen Zuschauerraum bei den Vorstellungen der Radetzky-Marsch ertönte. Eine Zeitzeugin schildert, was bei ihrem Besuch im Palast geboten wurde:
»In der von Manfred Deix gestalteten Jahrmarktsbude betraten zwei Männer im Frack die Bühne und kündigten ihre Nummer an. Als sie sich umdrehten um hinter den Paravent zu gehen, sahen wir, dass der gesamte Bereich ihrer Gesäße vom Stoff ausgespart geblieben war. Erst jetzt begriffen wir, was ›Palast der Winde‹ bedeutete. Die beiden Männer pressten ihre Popos durch die Löcher und pupsten Beethovens 9., was man durch die Bewegungen ihrer Schließmuskel deutlich sehen konnte. Es war geruchsfrei und hat uns sehr amüsiert, andere Gäste aber waren sichtlich echauffiert und gingen vorzeitig.«55
Die Ansichten über das Furzen sind seit der Antike so vielfältig wie geteilt.56 Ich schätze das Bekenntnis von Karl Julius Weber: »Der Wind reinigt die Luft und den Dunstkreis, und so reinigen auch die Afterwinde den Körper, und wenn sie auch nicht laut genug ihre Verrichtung der Nase predigen, so hat mich schon oft ihre leise Musik in schlaflosen Nächten ergötzt.«57
00 4 Kleine EnzyKLOpädie
Das so vertraute Wort Toilette kommt aus dem Französischen. Es bezeichnete ab der Frühen Neuzeit bei Hofe den Raum für das persönliche Herrichten: das cabinet de toilette. In ihm standen zunehmend auch Nacht- bzw. Leibstühle bereit, bei deren Aufsuchen ein Tuch (toile) zum Abschirmen diente. Die sanft verschleiernde Bezeichnung Toilette für einen Raum mit WC-Becken kam ab Beginn des 20. Jahrhunderts in Gebrauch. Das Kürzel WC wiederum ist dem Englischen entlehnt und steht für water closet, sprich für eine Spültoilette. Höfliche Briten umgehen den in ihrem Land in die Welt gesetzten Begriff WC lieber – sie ziehen verhüllende Bezeichnungen vor: restroom, powder room, convenience, toilet oder lavatory.
Das mit einer eingebauten Spülung versehene Wasserklosett wurde in seiner ersten Frühform überraschenderweise nicht von einem Handwerker, sondern von einem englischen Dichter erfunden. Der in Kelston nahe Bath lebende Sir John Harington (1561 – 1612) entwarf es zu Beginn der 1590er Jahre und bewarb es ab 1596 in seinem mit Skizzen versehenen Buch: A New Discourse of a Stale Subject called The Metamorphosis of Ajax für den Selbstbau.58 Wie es sich für einen Schriftsteller gehört, setzte er sowohl auf die Kraft der Lyrik als auch auf die einer fiktiven Briefszene, um die zeitgenössische Leserschaft für seine neue Errungenschaft zu interessieren. In dem von Harington vorangestellten Gedicht geht es schon in den ersten beiden Zeilen gleich zur Sache: »Ein biedrer Pater saß im Kämmerlein, / zu tun, was er mußte und was muß sein.« Und dann lässt er den Reisenden »T. C.« in einem Brief an »M. E. S. Esquire« verdeutlichen, worum es geht:
»An dem Ort, der auf Euch so abstoßend wirkt, sollt Ihr erst einmal einen Spülkasten bauen, der den Inhalt eines Wasserbottichs oder mehr fasst. Der Behälter soll sich im Raum selbst oder darüber befinden, von wo aus das Wasser durch ein Bleirohr von einem Zoll Durchmesser unter den hinteren Teil des Sitzes geleitet werden kann. Das soll jedoch nicht sichtbar sein. An das Rohr muß ein kleiner Wasserhahn oder sonst eine Absperrung angebracht werden, womit man den Einlauf des Wassers in die Schüssel regelt. Nun baut ein ovales Becken […]. Setzt alles sehr nah an Euren Sitz, wie die Schüssel eines Nachtstuhls, und haltet das Oval auf der rechten Seite etwas niedriger. Das Gefäß kann aus Ziegeln, Blei oder Stein sein. Es soll hinten einen Ablauf von 3 Zoll Querschnitt haben (vor dem ein Schieber aus Messing einzubauen ist). Den Boden und alle Seiten soll man mit Pech, Harz und Wachs glatt verschmieren, um die Zersetzung durch Urin zu verhindern. […] Im unteren Teil des Beckens auf der rechten Seite müsst Ihr eine Schleuse oder eine Dichtungsscheibe aus Messing durch Löten oder mit Zement abdichten […]. Wenn ausreichend Wasser vorhanden ist, bleibt die Anlage umso frischer, je öfter die Schleuse geöffnet wird. Ist das Wasser knapp, dann genügt es auch einmal am Tag, selbst wenn 20 Personen den Ort benutzen.«59
Sir John Harington war ein Verwandter der legendären Regentin Königin Elisabeth I. (1533 – 1603). Als sie ihn 1592 in seinem prächtigen Haus aufsuchte, war sie von seiner Erfindung beeindruckt und gab den Installationsauftrag für ein pumpenbetriebenes Wasserklosett in ihrem Schloss Richmond. Der Dichter, der wegen einiger zu freizügiger Texte bei den Hofdamen keinen guten Ruf genoss, ließ nach dem Einbau des WCs seine Schrift Ajax mit einer Kette anbringen, die er mit einer Widmung für die »Gnädigsten Damen« versah. Sie gipfelte in den Sätzen: »Setzen Sie sich her, sehen Sie, riechen Sie und fühlen Sie, daß seine Erfindungsgabe diesen Ort von allem Unangenehmen befreit hat. Und nun urteilen Sie, […] ob’s schicklicher ist, mich oder Sie zu preisen: Sie, die Sie mich in schlechten Geruch gebracht, oder mich für die geschaffene Annehmlichkeit.«60
Ob seine Widmung von den Ladys gelesen wurde, will ich nicht beschwören. Wie lange sie die »Annehmlichkeit« als solche schätzten, und ob überhaupt, ist auch nicht überliefert. Sehr wahrscheinlich ist hingegen, dass Haringtons Buchtitel-Anspielung – die Metamorphose des Ajax – von den Damen weniger mit der griechischen Mythologie, als vielmehr mit der gleichtönenden englischen Umschreibung a jakes in Verbindung gebracht wurde (das volkstümlich-englische Substantiv jakes steht für Abtritt, Latrine und teils auch für Exkremente).
Die von dem Dichter genial einfach konstruierte WC-Spülung mit ventillosem Auslauf, die auf dem Unterdruckprinzip basiert, setzte sich nicht durch. Nachdem um 1750 in Frankreich mit Wassertanks versehene Klosettstühle, sogenannte Lieux à l’anglaise, aufgekommen waren, meldete 1775 der in Edinburgh aufgewachsene Mechaniker Alexander Cumming (ca.1731 – 1814) das Patent für ein Wasserklosett mit Auslaufventilspülung und Geruchsverschluss an. Sein Modell enthielt genau das doppelt gekrümmte Abflussrohr, das als Siphon bis heute bestens vertraut ist. Cummings Erfindung ermöglichte prinzipiell den bis dahin möglichst vermiedenen Einbau ortsfester Toiletten in direkter Nähe von Wohnbereichen. Allerdings erforderte sie den Einbau von Druckwasserleitungen und ein Abwasserkanalsystem; folglich erhebliche bautechnische wie finanzielle Vorleistungen und eine Stadtplanung. Die ersten zentralen städtischen Anlagen zur Abwasserableitung und -reinigung entstanden relativ spät – hierzulande zum Beispiel ab 1843 in Hamburg, ab 1860 in Leipzig und ab 1877 in Berlin.
Während der Regierungszeit von Königin Viktoria, sie regierte von 1837 bis 1901, erlebten diverse WC-Varianten unterschiedlicher Hersteller auf der Insel ihren Testlauf – das Pfannen- oder das Trichterklosett und andere Varianten mehr. Durch den Einsatz von Keramik wurde ab 1870 die Produktion großer Stückzahlen und deren Export – auch in deutsche Lande – möglich. Ab wann die ersten aus England importierten WCs in deutschen Städten Einzug hielten, und welche Lösungsprobleme damit für die Kommunen entstanden, möchte ich kurz an dem verallgemeinerbaren Beispiel von Dresden veranschaulichen. Um 1875 gab es in der von 200 000 Einwohnern bewohnten Barockstadt 7500 Wohngebäude. Während die meisten Haushalte bestenfalls über »zugige Trichter ohne Wasseranschluß in den Aborten auf den Treppenabsätzen« verfügten, deren Ausdünstungen erheblich waren, hatten sich Angehörige des Bürgertums bereits 300 der neuartigen »Waterclosets« mit Geruchsverschluss einbauen lassen.61 Da Dresden zu jener Zeit über kein auch nur halbwegs funktionales Stadtentwässerungssystem verfügte, wurde das Aufkommen wassergespülter Toiletten prompt zu einem Lackmustest der Politik. Und in der Tat lehnte der Stadtrat 1875 die Einführung von WCs ab, und auch die neue Bauordnung von 1878 ermöglichte den Einbau nur in bestimmten Fällen. Erst ab 1906 wurde »die Anlage und Benutzung von Wasserklosetts« amtlich genehmigt – weil seit 1890 der Ausbau des öffentlichen Schwemmkanalisationssystems umfänglich vorangetrieben worden war. Die erste Kläranlage, die mit Siebscheiben allerdings nur die festen Anteile des Abwassers von den flüssigen trennen konnte, ging 1910 in Betrieb.
In den anderen deutschen Großstädten verlief der für die WCs notwendige Ausbau der Schwemmkanalisation ähnlich schleppend. »In ganz Deutschland verfügten im Jahr 1892 von 564 Städten mit mehr als 5000 Einwohnern ganze achtzehn Städte über Anlagen zur Schwemmkanalisation, der Rest der Kommunen war mit dem hygienisch bedenklichen, herkömmlichen Grubensystem, seltener mit dem moderneren Tonnensystem ausgerüstet.«62
Seit dem frühen 20. Jahrhundert sind Wasserklosetts »formal und funktional hochgradig typisierte Gegenstände«, vermerkt Bettina Möllring. »Toiletten sind sitzhoch, ihr meist weißes Aufnahmebecken ist oval, und auf dem oberen Rand liegt ein Sitzring auf. Die funktionale Vereinheitlichung ist dagegen weniger eindeutig, weil sie visuell kaum wahrnehmbar ist: Sie bezieht sich beispielsweise auf die Versorgung mit einem Spülsystem und die Standardisierung der technischen Anschlüsse – vor allem zeigt sie sich darin, dass gleichartige Toiletten in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt werden. Sitztoiletten werden sowohl in öffentlichen Toilettenanlagen als auch in privaten Haushalten installiert und sollen von Frauen, Männern und Kindern gleichermaßen bei allen Ausscheidungsprozessen benützt werden. Vor allem im privaten Bereich ist es das heutige Konzept der Toilette, sie als Klosett und Urinal zu verwenden. Dies erscheint uns so selbstverständlich, dass wir es kaum hinterfragen.«63 Hinterfragen? – Ich bitte um Geduld bis zum letzten Kapitel.
Ein Ort – lateinisch locus – kann schön wie eine Landschaft sein: locus amoenus; oder auch ganz schrecklich: locus terribilis. Er kann weiter weg oder nahe liegen, still oder lärmumtost und Ort für die Notdurft sein: locus necessitatis. Als solcher kann er, wie Peter Handke beteuert, ein »möglicher Asylort« sein und weit weg liegen »von all den Salons und Gemächern des Herrenhauses«; er kann ohne Dach sein, eben »offen zum Himmel«, und er kann unter sich Mist haben. Handke erzählt in seinem Versuch über den Stillen Ort:
»Es war an der Schwelle zwischen der Kindheit und dem Heranwachsendenalter, daß der Stille Ort mir etwas zu bedeuten begann über das Übliche oder Gewohnte hinaus. Wenn ich mir heute […] den Abort des bäuerlichen Großvaterhauses im südlichen Kärnten vergegenwärtigen möchte, kommen mir nur spärliche Bilder in den Sinn […]: die handlich zu mehr oder weniger dicken Packen zurechtgeschnittenen Zeitungen, gelocht und an einer Schnur von einem Nagel in der Holzbretterwand hängend, mit der Variante, daß die Sprache der Schnipsel überwiegend das Slowenische war, des vom Großvater abonnierten Wochenblatts ›Vestnik‹ (›Der Bote‹). Der senkrechte Schacht vom Sitzloch hinab Richtung Misthaufen, der zu dem Viehstall unten gehörte – oder führte er nicht doch weiter zu einer Art Sickergrube? –, mit der Nuance, daß jener Schacht ungewöhnlich lang war, oder mir Kind jedenfalls so erschien, indem der Abort sich im ersten Stock des in einen Steilhang mitten im Dorf gebauten Bauernhofes befand […], kaum als eigener Ort kenntlich, nicht einmal als Verschlag, geschweige denn als ›Abtritt‹, zumal das mehr oder weniger landesübliche Herz in der Tür fehlte …«64
Vom Abort oder Abtritt spricht heute kaum jemand mehr. Im amtlich tolerierten Sprachgebrauch dominieren Toilette und WC, umgangssprachlich Klo und stilles Örtchen, Lokus, keramische Anstalt, Häusl, Hüüsli etc. An vulgären Benennungen mangelt es gewiss nicht. Die Spanne reicht von A wie Arschbliss bis W wie Wichsbude.65 Und wenn jemand in deutschsprachigen Landen trotz der Abschaffung der Monarchie genau dorthin will, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht, soll bekanntlich nicht etwa ein lieblicher Schlossgarten, sondern ein Ziel angesteuert werden, das unmissverständlich als Scheißhaus bezeichnet wird. Sprache ist verräterisch?
Das Wort Abort kam im Mittelalter auf und entstammt dem mittelniederdeutschen af ort, sprich: abgelegener Ort. (Dass die Mediziner seit der frühen Neuzeit zudem eine Fehlgeburt als Abort bezeichnen, steht auf einem anderen Blatt.) Lediglich in seiner Verkleinerungsform Örtchen lebt es noch fort. Mit Abtritt gab es jahrhundertelang einen alternativen Begriff. In Johann Heinrich Zedlers Universal-Lexicon der 1730er Jahre findet sich der erläuternde Eintrag: »Abtritt […] ist der nothwendige Ort bey einer Haushaltung, dahin der Mensch seinen Leib zu erleichtern Abtritt nehmen kann.«66 Im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm heißt es um 1860: »der geheime ort und gang im hause, der abtritt, für welchen die sprache eine menge andrer namen bietet.«67 Mit der Bezeichnung Abtritt wurden sowohl der konkrete Ort selbst, als auch der Gang dorthin, das Abtreten, verbunden. Ein Vorgang, der zuweilen mit der Bemerkung angekündigt wird: Ich muss mal austreten; ich muss mal bei die Tante Maier gehen; ik mott es naot’t Hüüsken! usw.
Von einer Latrine – lateinisch: latrina (abgeleitet von lavare = sich waschen) – ist heute insbesondere dann die Rede, wenn es um die historische Würdigung von Toilettenanlagen im römischen Kaiserreich geht, als auch um behelfsmäßige (Lager-) Anlagen. Latrinengerüchte oder Latrinenparolen kommen nicht von ungefähr. Auch das merkwürdig deutsche Wort Donnerbalken bezeichnet einen provisorisch angelegten Ort, an dem Holzbalken über einer ausgehobenen Grube oder dem Wasser, der eine – auch gemeinschaftliche – Verrichtung der Notdurft ermöglicht. Latrine wurden jahrhundertelang auch über Gruben oder Misthaufen angelegte Aborte genannt. Der großartige deutsche Erzähler Siegfried Lenz (1926 – 2014) schildert in So zärtlich war Suleyken, einem Band mit Geschichten aus längst vergangenen ostpreußischen und masurischen Zeiten, was es mit einer Latrine so auf sich haben konnte. In der 14. Geschichte beschließt der Lehrer Eugen Boll, sein Latrinchen vertiefen zu lassen – »mit der Absicht, den Schülern zu verschaffen einen kritischen Blick in die Natur«:
»Ließ auch gleich drei oder vier Bürschchen mit der Seilwinde in eine entsprechende Grube hinab, gab Anweisung, reichte Werkzeug und was gebraucht wurde hinterher und beaufsichtigte die Wissenschaft von der Natur. So, und in diesem Augenblick will es die Erzählung, daß herangerollt kommt in seiner leichten Kutsche der Oberrektor Christoph Ratz samt einem dünnen, bebrillten Weibchen, welches zu seiner Begleitung gehört. […] Der Ratz, er hob plötzlich die Nase, schnupperte, stellte sich, dieser Mensch, auf die Fußspitzen und sog die Luft ein, und auf einmal kam er, beroch uns Knaben und sprach: ›Die Zöglinge‹, sprach er, ›sie stinken.‹ Und nach einem erklärenden Blick zu dem Latrinchen: ›Wenn man schon, Lehrer Boll, den Frühling begrüßen will […] – warum denn, wenn ich fragen darf, muß das stattfinden neben dem Latrinchen? Warum nicht, wie es ziemlicher wäre, in Gottes schöner Flur?‹«68
Es gibt für die jahrhundertelang zumeist außerhalb der Wohnstätten gelegenen Latrinen, Aborte und Abtritte eine veritable Anzahl von Bezeichnungen, die inzwischen versunken bzw. hochsprachlich bereinigt worden sind. Vom Mittelalter an lange gepflegt wurden hierzulande besonders in tonangebenden Kreisen kaum zufällig so wohltönend verhüllende Bezeichnungen wie haymlich gmäch, heimlikeit, gelegenheit, kommoditee, läublein, necessarium, prifet oder privet, retirade, secret und sprâchhûs. (Die Schreibweise veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte graduell.) 1568 forderte etwa der Rat von Dresden die Bürger auf: »Ein Jeder soll in seinem Hause eine Heymlichkeit bauen oder man wolle ihm das Haus zumachen.«69 In Grimms Deutschen Wörterbuch wird unter dem Stichwort heimlich gmach ein herrliches Zitat aus dem Jahr 1642 geliefert. Und zwar von Philander (Pseudonym des Staatsmanns und Satirikers Johann Michael Moscherosch): »der andere […] wüntschte sich glückseelig zu sein, wann er dasz brett auf dem heimlichen gemach were, damit er seiner liebsten je zu zeiten, möchte den leib berühren.«70 Auch für das alternative gelegenheit liefert das Wörterbuch einen bezeichnenden Eintrag: »gelegenheit nennt man in mehren deutschen kreisen einen bekannten inkognitoort […]; wo is hier de gelegenheit? frägt man, wenn man das geheime gemach im hause suchet […], wie franz. la commodité.«71
Für das ab dem 14. Jahrhundert aufgekommene Hüllwort sprâchhûs oder auch sprachhäuslein oder sprachkammer sind im Deutschen Wörterbuch eine Fülle von Belegen eingetragen. Verwiesen wird beispielsweise auf: »(ich will) mine unnützen büecher zerrissen ze fetzen … vast hinder hin, zum sprachhus mit!«72 Die Auffassung von Martin Illi, noch in der frühen Neuzeit wäre es üblich gewesen, »die Notdurft mehrsitzig zu verrichten«, und eben deshalb sei »die Latrine als sog. Sprachhaus bezeichnet« worden, führt meines Erachtens in die Irre.73 Als Sprachhaus wurden ursprünglich das Rathaus und der Sitz der Gerichtsbarkeit bezeichnet, wo zwar vielerlei Gespräche zu führen waren, diese aber unter striktem Ausschluss der Öffentlichkeit, also geheim erfolgten. Jedenfalls verdeutlicht das Deutsche Wörterbuch, dass der sprâchhûs genannte Abtritt ein Ort ist, wo »unter ausschlusz der öffentlichkeit in geschlossener sitzung« die Entleerung stattfinden kann.
Die vom Mittelalter bis zum Aufkommen der modernen Hüllwörter Toilette und WC gepflegten Euphemismen kommen nicht von ungefähr. Sie entspringen dem menschlichen Schamgefühl. Der Wunsch, bei der Verrichtung der Notdurft möglichst allein und ungestört zu sein, bestand offenbar schon zu Zeiten, als die nachhaltige »Verhäuslichung« der Erleichterung, sprich die feste Integration von Spülklosetts in die Wohnungen, bestenfalls ein Traum war. Wo die von den Gebrüdern Grimm so trefflich bezeichneten Inkognito-Orte in aller Regel zu finden waren und welche Artefakte insbesondere die Defäkation vor dem Einzug der wassergespülten Sitzklosetts ermöglichten, ist in einer Fülle von Publikationen in vielerlei Hinsicht ausgeleuchtet worden. Allerdings erscheint mir die wissenschaftlich erhärtete Kenntnis über die Bedingungen in der höfischen und klösterlichen Welt entschieden größer, als über die der Land- und arbeitenden Bevölkerung zu sein. Ich beschränke mich auf das Wesentliche.74
Als Ort des Erleichterungsgeschehens diente bis zur menschlichen Sesshaftwerdung im Neolithikum das offene Feld; nach der Anlage von festen Lagern und Wohnstätten legten die Siedler zunehmend über ausgehobenen Gruben Latrinen an, die mit Halterungen gegen unbedachtes Rückwärtsfallen oder auch schon mit dicken Ästen als Sitzmöglichkeit versehen waren. Ab wann Bretter oder Steinplatten in unseren Breitengraden als Auflage üblich wurden, vermag ich nicht zu sagen. Auf den Orkneyinseln sind Steinbänke mit Löchern und darunter liegenden wassergespülten Kanälen aus der Zeit um 2800 v. u. Z. erhalten geblieben. Dass in der Antike die Griechen und mit einiger zeitlicher Verzögerung auch die Römer in den Städten über private und öffentliche Latrinen mit steinernen Sitzauflagen verfügten, die mit einem Loch nebst schlüssellochförmiger Aussparung versehen waren, gehört heute gleichsam zur Allgemeinbildung.75 Die vom Archäologen Richard Neudecker wissenschaftlich ausgeloteten, von außen abgeschirmten römischen Latrinenanlagen ermöglichten vielen Personen die gemeinsame Verrichtung auf dafür hergerichteten Marmorplatten. Die Ausscheidungen wurden über darunterliegende Abwasserkanäle abgeführt.76
Die vielgerühmten Prachtlatrinen und öffentlich gegen Gebühr nutzbaren Latrinen und necessaria in allen Ehren. In der mehr als eine Million Einwohner zählenden Metropole Rom hatte die Masse der Bevölkerung – einschließlich der vielen Sklaven – entweder keinen Zugang oder nicht das nötige Kleingeld für die von Pächtern betriebenen Latrinenanstalten in den nicht kanalisierten Stadtteilen. Sklaven konnten sich immerhin ein Zubrot durch den Transport mit Ausscheidungen gefüllter Tongefäße (vasa obscoena) zur nächstgelegenen öffentlichen Kloake oder zu den Gärtnern des Umlands verdienen. In den vielen mehrstöckigen Miethäusern kamen Nachttöpfe zum Einsatz, dienten Fässer im Erdgeschoss oder auch Gruben zur Sammlung der Exkremente. Auch die vielen Misthaufen erfüllten nicht nur für die Tiere ihren Zweck. Der von Gerbern, Walkern und Färbern dringend benötigte Urin wurde an einigen Plätzen der Stadt von Händlern in Amphoren gesammelt. Legendär ist die spezielle Steuer, die Kaiser Vespasian um das Jahr 70 den Latrinenpächtern auferlegte, und die seinen Sohn dazu verleitete, ihm eine Münze mit dem Kommentar unter die Nase zu halten: »Non olet«. Seitdem stinkt Geld bekanntlich nicht.
Kurz, wenn auch das spätrömische Reich über eine ausgeprägte Badekultur und beachtliche Wasserversorgungsanlagen verfügte, gab es für die meisten Bewohner dennoch weder fließend Wasser, noch mit Marmorsitzen ausgestattete Abortanlagen. Die vielen überlieferten, wenn auch teils übertriebenen Klagen über Nachtgeschirre, die bei Dunkelheit auf die Straße gekippt wurden, sprechen für sich. Etwa in den Satiren von Juvenal (ca. 55–ca. 127): »Betrachte jetzt noch andere, verschiedenartige Gefahren der Nacht: wie hoch die Häuser sind, von denen dir ein Dachziegel auf den Schädel fällt, wie oft man leckes oder gesprungenes Gefäß aus dem Fenster wirft, mit welcher Wucht sie auf dem Pflaster ihre Spuren hinterlassen […]. So viele Gefahren bedrohen dich, wie beleuchtete Fenster offenstehen, unter denen du vorbeigehst. Begnüge dich also mit der kläglichen Hoffnung, daß man wenigstens nur den Inhalt flacher Becken auf dich ausleert.«77
Für die römischen Offiziere wurden an den Kastellplätzen zum Teil wasserunterspülte Latrinen mit Sickergruben angelegt, die Legionäre mussten in einfachen Holzbauten angelegte Mannschaftsaborte nutzen, die vielfach wohl aus Donnerbalken über Gruben bestanden. Die Kenntnis von mit Sitzbänken ausgestatteten und mit Wasser unterspülten Latrinenanlagen war in Mitteleuropa vorhanden, als das römische Reich zerfiel, und in Nord- und Mitteleuropa die Mönche die ersten frühmittelalterlichen Klosterbauten errichten ließen, deren Latrinen zum Teil mit Abflussvorrichtungen in nahe Gewässer versehen waren. In ihnen wurden sowohl innenliegende, mit Tür oder Vorhang verschließbare Nischen oder Erker, als auch mehrsitzige Abortanlagen für die Verrichtung der Notdurft eingerichtet. In den ab dem 10. Jahrhundert vielerorts erbauten Burgen und Wohntürmen gab es heimliche Gemächer mit Brettauflagen, die zumeist in Form von hölzernen, teils auch gemauerten Abtrittserkern angelegt wurden.
Friedrich-Wilhelm Krahe vermerkt aus fachmännischer Sicht: »Der Bewohner eines Gebäudes mit dieser Einrichtung musste nicht bei Nacht und Nebel aus dem Haus gehen, sondern konnte im Haus selbst einen Abtritt benutzen. Dieser Luxus war selbstverständlich im Prinzip für die Herrschaften gedacht. Entstanden ist er vermutlich durch die Notwendigkeit, einen Wohnturm oder ein festes Haus über längere Zeit nicht verlassen zu können, weil man von Feinden umringt wurde.«78 Unter den zumeist einsitzigen Toiletten verschwanden die Exkremente entweder in Schächten, die zum Burggraben oder in Gruben verliefen, oder sie fielen direkt in die Tiefe (eben deshalb wurden die Erker außen versetzt an der Wand angebracht). Für die übrigen Anwesenden auf den Burgen gab es ebenerdige, wohl in Holzhäuschen über temporär genutzten Fäkaliengruben angelegte Abtritte. Sie haben die Zeiten nicht überdauert.
Einige Burgen des Deutschen Ordens hatten Dansker genannte Abtritte an den Nichtangriffsseiten, die in separaten Türmen über dem Graben lagen und durch einen gedeckten Wehrgang erreichbar waren.79 Generell stimme ich der Einschätzung Krahes zu: »Die Abtritte auf Burgen waren, wie immer sie auch hergestellt worden sind, eine recht luftige Angelegenheit, denn der Wind pfiff stets durch das Loch im Sitzholz.«80
Und an welchen Ort begab sich ab dem Beginn des Mittelalters die Masse des mitteleuropäischen Volks, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Land zuhause war? Immerhin lebte noch um 1800 in Deutschland gut neunzig Prozent der Bevölkerung in Dörfern und Kleinstädten unter 5000 Einwohnern. Auf dem Lande lag der Abort – zunächst wohl ohne Wetterschutz – in aller Regel genau da, wo er vor der Erfindung des Kunstdüngers den meisten Sinn machte: in der Nähe, direkt am oder über dem Misthaufen. Im Winter, schon der Wärme wegen, nach Möglichkeit in Nähe der Tierstände. Große Teile der Landbevölkerung, die in einfachen Katen und Kotten untergebracht waren, erleichterten sich im Zweifelsfall über offenen Hockgruben, die mit einem Holzstock zum Festhalten versehen waren. Oder »oewern Knüppel«, also mit einer Querstange als Sitzstütze. Ab wann Knüppel bzw. Donnerbalken ausgedient hatten, vermag ich nicht einzuschätzen. In den Stallungen größerer Bauerngehöfte wurden gegen Ende des Mittelalters zunehmend von außen oder innen zugängliche Abtrittswinkel bzw. Verschläge angelegt. Teils mit einem hinter dem Sitz schräg gestellten Brett, das die eingeübte Hockstellung unterbinden – also die Sitzfläche sauber halten sollte.
Ab wann die zumeist über Jauchegruben oder auch Gewässern platzierten, vor Wind und Wetter schützenden Häusl aufkamen, verrät ein wunderbarer Holzschnitt: spätestens im 15. Jahrhundert. Die Abbildung findet sich in der Ars memorativa aus der Druckerei des Augsburger Verlegers Sorg, genauer: Anton der Jüngere (ca. 1430 – 1493). Zu bewundern ist ein junger Mann, der seine Defäkation nicht auf dem mit einem einladenden runden Sitzloch ausgestatteten Häusl, sondern gezielt vor dessen Intimität gewährender Tür verrichtet. Warum er den Abort links liegen lässt, bleibt unklar. Womöglich misstraute er der ihm unbekannten Einrichtung oder fürchtete sich gar vor dieser auf dem Holzschnitt doch gastlich wirkenden Stätte, in der dem damaligen Volksmund zufolge Dämonen ihr Unwesen trieben, weshalb viele sie bei Nacht auch nicht alleine zu betreten wagten.

»Stinckent« (ca. 1480),
Holzschnitt aus der Ars memorativa
Als im 19. Jahrhundert im Zuge der sich entwickelnden Hygienebewegung immer mehr Ärzte die Verhältnisse auf dem Land einer kritischen Betrachtung unterzogen, entstanden Berichte, die offenbar jahrhundertelang gepflegte Einrichtungen und Gewohnheiten spiegelten. Zwei Beispiele: 1871 beschrieb der Mediziner Aloys Schmitz die Zustände »des Schwalm- und Nette- und eines Teiles des Niers-Gebietes, insbesondere der Stadt und Gemeinde Viersen« im Hinblick auf die Aborte ziemlich ernüchtert so:
»Auf den Häuserhöfen befindet sich in der Regel die Düngerstätte, worauf die organischen Abfälle der Wirthschaft, sowie die Auswurfstoffe Platz finden und wohin nicht selten die Stalljauche und Abtritte abfliessen. Meistens entsprechen die Düngergruben weder den hygienischen noch den landwirthschaftlichen Anforderungen. Die Jauche wird entweder in offene Gruben, oder in gemauerte und überwölbte Gewölbe, sogenannte Stallwasserkeller geleitet. Die Einrichtung der Aborte ist durchweg unzweckmäßig. Auf dem Lande sind sie häufig nur mit einem Sitzbrette oder Bretterhäuschen versehene Schlinggruben [Sickergruben]. Die gewöhnlichste Abtritt-Einrichtung ist die der gemauerten Gruben auf dem Hofe oder in den Hintergebäuden, die aber durch die häufig schlechte Beschaffenheit ihrer Umfassungsmauern den Boden in weiterer Entfernung mit ihren Zersetzungsproducten imprägniren und die Brunnen verderben.«81
Darmowy fragment się skończył.