Czytaj książkę: «Was sich Gott dabei gedacht hat»
Joel White

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-22997-4 (E-Book)
ISBN 978-3-417-24168-6 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© 2021 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
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Texte der Bibel werden nach folgenden Bibelausgaben zitiert:
Neue Genfer Übersetzung, © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.
Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. (NGÜ)
Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe
© 2016 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart. (EÜ)
Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen. (ELB)
Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (LÜ)
Soweit nicht anders angegeben, handelt es sich um die Übersetzung des Autors.
Umschlaggestaltung: Stephan Schulze, Holzgerlingen
Satz: Burkhard Lieverkus, Wuppertal
Tatjana
Meiner Ehefrau in diesem Leben,
meiner Freundin in aller Ewigkeit
Inhalt
Über den Autor
Vorwort
Teil 1: Der biblische Anspruch
I. »Ehrt Gott mit eurem Leib« (1Kor 6,20) – Grundlegendes zur christlichen Sexualethik
1. Die Notwendigkeit einer christlichen Sexualethik
2. Die Grundsätze einer christlichen Sexualethik
3. Bibelauslegung: mehr als subjektive Meinungsbildung?
4. Sexualität und das Vermächtnis der christlichen Kirche
II. »Adam erkannte seine Frau« (1Mo 4,1) – Das biblische Verständnis von der menschlichen Sexualität als gute Gabe Gottes
1. Die geschlechtliche Unterscheidung als Ausdruck der Ähnlichkeit mit Gott (1Mo 1,27)
2. Adam und Eva und die Entdeckung der Sexualität (1Mo 2,18-25)
3. Ein erotisches Gedicht mitten in der Bibel (das Hohelied Salomos)
4. Paulus und die Verpflichtung zum Geschlechtsverkehr in der Ehe (1Kor 7,1-6)
III. »Die Ehe soll von allen in Ehren gehalten werden« (Heb 13,4) – Sexuelle Enthaltsamkeit vor und außerhalb der Ehe
1. Die Ehe als Rahmen für sexuelle Beziehungen
2. Die Folgen der Sexuellen Revolution
3. Das Narrativ der Liebe
4. Die Ehe als Schutzzone zur Entfaltung des Menschen
5. Warum sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe für die Ehe förderlich ist
6. Reinheit statt Jungfräulichkeit
7. Einwände gegen sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe
IV. »Das ist ein großes Geheimnis« (Eph 5,32) – Die Bedeutung der sexuellen Beziehung in der Ehe
1. Sexualität als wesentlicher Aspekt des Menschseins
2. Die Tiefendimension der geschlechtlichen Beziehung in der christlichen Ehe
V. »Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung« (1Thess 4,3) – Sexualverhalten als Aufgabenbereich für Christen
1. Die Aufgabe des einzelnen Christen im Umgang mit der Sexualität
2. Die Aufgabe der Gemeinde im Umgang mit der Sexualität
Teil 2: Die moderne Herausforderung
VI. »Wer nicht heiratet, der handelt besser« (1Kor 7,38) – Singlesein als Berufung
1. Biblische Stellungnahmen zum Thema Singlesein
2. Singles in der Gemeinde: erste Impulse für die Praxis
VII. »Was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht scheiden« (Mt 19,6) – Scheidung und Wiederheirat
1. Biblische Stellungnahmen zum Thema Scheidung und Wiederheirat
2. Geschiedene und Wiederverheiratete in der Gemeinde: erste Impulse für die Praxis
VIII. »Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau« (3Mo 18,22) – Homosexualität aus der Sicht der Bibel
1. Biblische Stellungnahmen zum Thema Homosexualität
2. Häufige Gegenargumente gegen den negativen Befund zur Homosexualität in der Bibel
3. Homosexuelle in der Gemeinde: erste Impulse für die Praxis
Ein Wort zum Schluss
Weiterführende Literatur
Bildrechte
Anmerkungen
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Über den Autor

Dr. Joel White ist promovierter Theologe und Humanwissenschaftler. Seit 2002 lehrt er Neues Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gießen. Er ist seit über 30 Jahren mit Tatjana verheiratet und hat drei erwachsene Kinder, einen Schwiegersohn und einen Enkelsohn.
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Vorwort
Der Leser hat meiner Überzeugung nach das Recht zu wissen, mit wem er es zu tun hat, wenn er ein Buch in die Hand nimmt und dem Autor seine Aufmerksamkeit schenkt – ein Privileg, dessen sich der Autor erst als würdig erweisen muss. Ich unterrichte seit 20 Jahren im Fachbereich Neues Testament an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen. Noch wichtiger: Ich bin seit mehr als dreißig Jahren mit Tatjana verheiratet, habe drei erwachsene Kinder und einen Enkelsohn.
Dieses Buch ist aus der Not, die ich in vielen Gemeinden und Kirchengemeinschaften in Deutschland gesehen habe, geboren. Viele von ihnen sind, wenn es um Sex geht, seltsam sprachlos geworden. Zu schnell sind die diesbezüglichen gesellschaftlichen Veränderungen über sie hereingestürzt. Sie haben mit der christlichen Lehre seit Jahrhunderten überlieferte sexualethische Positionen einfach übernommen und sich dabei nicht viel gedacht. Nun merken sie auf einmal, dass diese von ihren eigenen Mitgliedern infrage gestellt werden – von der Gesellschaft, die sich längst davon verabschiedet hat, ganz zu schweigen. Sie wissen oder meinen zu wissen, was die Bibel in sexualethischer Hinsicht lehrt, aber nicht, warum. Und sie spüren, dass Sätze wie »Das hat man immer so geglaubt« oder »Gott will das einfach so« auf die Fragen, die man früher nicht oder nicht offen gestellt hat, als Antworten nicht taugen.
Weil mir Ortsgemeinden am Herzen liegen, habe ich begonnen, Seminare zur biblischen Sexualethik anzubieten, und habe inzwischen viele verschiedene Gemeinden in Deutschland besucht. Überall spürte ich den Bedarf an fundierter biblischer Lehre und stieß dementsprechend auf viele Fragen. (Daran waren übrigens die Pastoren, die mich eingeladen haben, nicht schuld; sie leiden selbst darunter.) Was sagt die Bibel genau zu diesem Thema? Warum hat Gott das so gemacht? Dabei fehlte es nicht (oder nicht nur) an Kenntnis darüber, was die Bibel im Einzelnen lehrt, sondern vielmehr an einem theologischen Leitbild, das Gottes Plan für Sexualität sinnvoll erscheinen lässt. Die Begeisterung für die biblische Sexualethik, die ich empfinde, wenn ich mich mit ihr auseinandersetze, habe ich selten bei den Gemeindegliedern gespürt, zu denen ich für ein Seminar eingeladen war. Diese Begeisterung wollte ich ihnen unbedingt vermitteln.
So ist aus einer gelegentlichen Seminartätigkeit ein Buch geworden – eines, das aber nicht leicht in eine Schublade zu stecken ist. (Ich hoffe, dass dies nicht nur im übertragenen Sinne zutrifft!) Es ist kein Ratgeber für Christen, wie sie mit dem Facettenreichtum der geschlechtlichen Beziehung umgehen sollen. Es ist auch keine christliche Sexualethik, die ausführlich darauf eingeht, was in diesem Bereich geht und was nicht. Dieses Buch will so gründlich, wie es in einem überschaubaren Umfang möglich ist, und so verständlich wie möglich die biblische Lehre über Sexualität im Wesentlichen darstellen. Dabei steht vor allem eine Frage im Raum: Welche Bedeutung hat Sex aus der Sicht der Bibel? Oder mit anderen Worten: Was hat sich Gott dabei gedacht, als er den Menschen als geschlechtliches Wesen geschaffen hat? Welche Ziele verfolgt er dabei, und wie sollen wir uns in sexueller Hinsicht verhalten, wenn wir uns bewusst nach diesen Zielen ausrichten?
Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil widmen wir uns diesen Fragen auf – wie ich meine – etwas ungewöhnliche Weise. Es geht darum, das biblische Narrativ über Sexualität zu entdecken und danach zu fragen, wie wir uns in dieses Narrativ einklinken können. Soziologen und Psychologen haben längst entdeckt, dass es Narrative – Erzählungen – sind, die unserem Leben Bedeutung und Sinn verleihen. Ganzen Zeitaltern liegen sogenannte »Metanarrative« zugrunde, und der einzelne Mensch orientiert sich stark daran. Auch das Sexualleben ist eingebettet in ein Narrativ, und je nachdem erscheint Sexualität dabei als wichtig oder unwichtig, erfüllend oder enttäuschend, sinnstiftend oder sinnlos. Ich bin überzeugt, dass das biblische Narrativ weitaus besser ist als das, das seit der Sexuellen Revolution in der westlichen Gesellschaft erzählt wird. Dem wollen wir in diesem ersten Teil nachgehen.
Im zweiten Teil wollen wir uns drei Themenbereichen widmen, welche gemeinsam haben, dass sie seit dem letzten Jahrhundert problematisch geworden sind: das Singlesein, Scheidung und Wiederheirat und Homosexualität. Diesbezügliche Ansichten, die über viele Jahrhunderte selbstverständlich waren, haben innerhalb kürzester Zeit ihre Überzeugungskraft eingebüßt. Die enormen gesellschaftlichen Veränderungen der Moderne sowie die Infragestellung vieler ihrer Normen in der Postmoderne haben bewirkt, dass sich die Stellung von Singles in der Gesellschaft radikal verändert hat. So beschreibt »bis der Tod uns scheidet« längst nicht mehr das unantastbare Verständnis von Ehe, und homoerotische Beziehungen haben einen Level an Akzeptanz erreicht, der noch am Anfang des 21. Jahrhunderts unvorstellbar gewesen wäre.
Das stellt Christen insbesondere der jüngeren Generation vor viele Fragen, und sie erwarten, dazu Antworten aus der Bibel zu bekommen. So wird in diesem zweiten Teil jeweils der biblische Befund zu diesen Themen untersucht und erste Impulse für die Praxis erwogen. Mir ist klar, dass das nur der Anfang sein kann: Christliche Sexualethik muss mit vielen Herausforderungen ringen, die bei der Umsetzung biblischer Lehre in einer ihr fremden Zeit und Kultur unausweichlich sind. Andere Autoren haben sich dieser Aufgabe gestellt und darüber gute Bücher geschrieben. Manche der hilfreichsten sind im Anhang aufgelistet.
Ich bin überzeugt, dass junge Menschen klare Antworten wollen. Mein Eindruck ist, dass sie mit der Art und Weise, wie sich konservative Christen – und dazu zähle ich mich (mehr dazu unten) – zum Thema Sex äußern, frustriert sind. Oft wird über solche Themen nicht deutlich, sondern »durch die Blume« gesprochen. Manche empfinden die harten Aussagen der Bibel insgeheim als peinlich, und viele Christen fragen sich, ob überhaupt und, wenn ja, wie man diese Inhalte in unserer Zeit glaubhaft vermitteln kann. Man hat manchmal das Gefühl, dass sich viele Christen für ihre eigene Sexualethik schämen. Begeisterung dafür kommt jedenfalls nicht auf. Dabei suchen gerade Jugendliche nach Antworten, denn sie leben in einer Zeit, die sie völlig auf sich allein stellt und ihnen keine Orientierung gibt. Das Motto unserer übersexualisierten Gesellschaft – »Alles geht« – befriedigt sie nicht mehr.
Ich bin evangelikaler Christ. Das heißt unter anderem, dass ich die Bibel als höchste Autorität für alle Fragen des Lebens akzeptiere. Mir ist es wichtig, herauszufinden, was die Bibel lehrt, und dies konsequent umzusetzen bzw. als Theologe andere dazu zu ermutigen. Diese Umsetzung darf allerdings nicht ahnungslos und naiv geschehen, als lebten wir in derselben Welt wie die Autoren der Bibel. Evangelikale glauben auch mit Luther, dass Gott seinen Willen in der Bibel deutlich macht. Das heißt wiederum nicht, dass wir jedes Detail sofort verstehen, sondern dass er uns in seinem Wort alles offenbart, »was zu einem Leben in der Ehrfurcht vor ihm nötig ist« (2Petr 1,3 NGÜ). Unsere Aufgabe ist es, dies zu entdecken.
Ich bin, wie mein Name verrät, kein Deutscher und auch kein Europäer. Ich kam zwar im Kongo als Sohn eines Missionsarztes auf die Welt und habe die ersten paar Jahre meines Lebens dort verbracht, aber ich bin US-Amerikaner. Aufgewachsen bin ich in der Mitte des nordamerikanischen Kontinents in der wildromantischen und dünn besiedelten Region am Oberen See, der die Grenze zu Kanada bildet, fernab von den kulturellen Zentren an der Ost- und Westküste.
Inzwischen habe ich jedoch fast doppelt so lange im deutschsprachigen Europa gelebt wie in meiner Heimat. Ich wohne nämlich seit zwanzig Jahren in Deutschland, und davor verbrachte ich eineinhalb Jahrzehnte in Österreich. Natürlich sehe ich dadurch die Welt anders als vorher und komme mir manchmal im eigenen Land exotisch vor, wenn ich mich dort länger aufhalte. Aber ich bin und bleibe gewissermaßen ein Fremder hier, auch wenn ich z.B. diese Zeilen problemlos auf Deutsch schreiben kann. Aber auch das ist kennzeichnend: Die grammatischen Fehler, die meine geduldigen Korrekturleser ausbessern müssen (was nach all diesen Jahren noch immer viel öfter geschieht, als es mir einzugestehen angenehm ist!), sind nach wie vor diejenigen, die für Englischsprachige und insbesondere Amerikaner typisch sind.
Ich bin der Überzeugung, dass genau diese Outsider-Perspektive für meine Leser hilfreich sein kann, besonders wenn dabei zwei Bedingungen erfüllt werden:
1. Der Outsider kennt die Insider. Das kann ich von mir behaupten. Meine Frau, mit der ich seit über dreißig Jahren verheiratet bin, ist Österreicherin. Deutsche und Österreicher gehören zu meinem engsten Freundeskreis. Meine Kinder sind hier aufgewachsen und sind, wie ich ihnen manchmal vorwerfe – spaßeshalber, versteht sich –, »schrecklich deutsch« geworden. Dass sie es mir in die entgegengesetzte Richtung heimzahlen und keineswegs den Kürzeren ziehen, versteht sich ebenfalls.
2. Der Outsider liebt die Insider. Das tue ich. Beide sogar: Deutsche und Österreicher, zumindest viele und meistens. Ich lebe gerne hier und schätze meine deutschen und österreichischen Glaubensgeschwister sehr (die wenigen Schweizer, die ich kenne, übrigens auch). Besonders die bewegte Geschichte Deutschlands berührt mich. Sie bezeugt sowohl die Güte als auch die Strenge Gottes (Röm 11,22). Sie zeigt, wozu dieses Volk fähig ist, zum Guten und zum Schlechten, wenn es von einer Idee begeistert ist. Ich hoffe, es wird wieder von Jesus und seiner Gemeinde begeistert – und nicht zuletzt davon, was die Bibel über die Sexualität lehrt.
Die Außenperspektive, die mein Denken prägt, wird an vielen Stellen im Buch festzustellen und, so hoffe ich wenigstens, für Christen im deutschsprachigen Europa gewinnbringend sein.
Ich habe allen möglichen Menschen zu danken. Die meisten – Familienmitglieder, Freunde und Wegbegleiter, die mein Leben und Denken geprägt haben – bleiben hier unerwähnt, aber nicht unbedacht. Meine wissenschaftliche Hilfskraft, Wolfgang Götz, hat mich bei der Beschaffung von Literatur und beim Korrekturlesen tatkräftig unterstützt. Kollegen an der Freien Theologischen Hochschule, insbesondere Prof. Dr. Christoph Raedel, haben mich ermutigt, dieses Buch zu veröffentlichen. Prof. Dr. Armin Baum und Dr. Jan Carsten Schnurr haben wichtige Verbesserungsvorschläge gemacht. Glaubensgeschwister in der Mosaikkirche Gießen, insbesondere Pastor Roland Franz und Dr. Cristina Sasse, mit denen ich im Kirchengemeinderat bin, haben mir hilfreiches Feedback gegeben. Die kompetente und freundliche Unterstützung des SCM R.Brockhaus Verlags und insbesondere von Frau Tabea Tacke auf den langen Weg, den ein Buch vom Manuskript zum gedruckten Exemplar durchlaufen muss, soll auch nicht unerwähnt bleiben. Allen sage ich herzlichst »Danke«.
Gewidmet ist dieses Buch – wie könnte es anders sein – meiner Frau Tatjana. Endlich darf ich ihr auch ein Buch widmen! Sie hatte es mir bei der Veröffentlichung meiner Dissertation verboten – wenn eine Widmung, dann sollte es etwas Praktisches oder wenigstens nicht langweilig sein! –, und das Format der Kommentarreihe, in der mein Kommentar über den Kolosserbrief erschienen ist, sah keine Widmung vor. Jetzt kann ich ihr aber meinen Dank ausdrücken. Inzwischen bin ich jedoch von den Deutschen und Österreichern schon so sehr geprägt, dass auch ich dem überschwänglichen Lob, das für meine Landesleute typisch ist, skeptisch gegenüberstehe, und meine Frau hätte am allerwenigsten Gefallen daran, wenn ich hier in Lobgesänge über ihre vielen Vorzüge ausbrechen würde. Ich sage es also mit typisch deutschem Understatement: Sie ist eine gute Frau, und ich liebe sie. Mit ihr gemeinsam habe ich gelernt, was sich Gott dabei gedacht hat, als er Mann und Frau zur ehelichen Gemeinschaft berief. Ich bin immer noch am Lernen.
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Teil 1:
Der biblische Anspruch
Die Bibel ist eine Geschichte, die Gott den Menschen erzählt. Denn hinter den menschlichen Autoren, die zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Lebenslagen in ihrem eigenen Stil eine bunte Vielfalt an Büchern und Briefen schrieben, steht der lebendige Gott. Er will uns mitteilen, mit welcher Absicht er die Welt und insbesondere die Menschen geschaffen hat. Wir sollen auch erfahren, wie er gedachte, dieses Ziel zu realisieren. Er schuf den Menschen nach seinem Ebenbild als Mann und Frau und gebot ihnen, sich zu vermehren, damit er mit Menschen auf der ganzen Erde die Liebe und die Freude teilen konnte, die er in sich trägt. Ihrerseits sollten die Menschen den Gott, der sie geschaffen hat, verherrlichen, indem sie sich an ihm erfreuen.1 Die Bibel erzählt weiter, warum es nicht so gekommen ist, wie Gott es wollte, und schließlich davon, was er durch Jesus Christus getan hat, um seinen ursprünglichen Plan doch noch zu verwirklichen. Diese Geschichte ist deswegen so spannend, weil wir uns mittendrin befinden. Noch sind nicht alle Hürden überwunden, die verhindern, dass Gott seine Ziele erreicht, aber man kann jetzt schon sehen, dass am Ende alles gut wird.
In der Bibel teilt Gott auch dem Menschen mit, wer er ist. Als geschaffenes Wesen ist der Mensch darauf angewiesen, dass sein Schöpfer ihm seine Identität erteilt. Nicht er, sondern Gott entscheidet, wie er tickt und was für ihn gut ist. Dagegen haben sich die Menschen zu allen Zeiten gewehrt, aber vielleicht nie so lautstark und aufgebracht wie in unserer Zeit. In der Moderne sollte der Mensch endlich autonom werden, durch seine eigene Klugheit und seine Errungenschaften über sich hinauswachsen und sich von allem befreien, was ihn von außen her bestimmt. In der Spät- oder Postmoderne – die Meinungen über die richtige Bezeichnung für unsere Zeit gehen auseinander – konzentriert sich das Bemühen des Menschen um Selbstbestimmung erstmals auf seine Sexualität. Zu keinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte stand sie so sehr im Mittelpunkt seines Strebens nach Autonomie. Gerade in diesem Gebiet wollte der Mensch endlich frei entscheiden, was er tut sowie mit wem und unter welchen Bedingungen. Neuerlich besteht er sogar darauf, eigenständig seine eigene Geschlechtlichkeit bestimmen bzw. frei gestalten zu dürfen. Nicht einmal sein eigener Körper darf mitreden: Wenn er sich in der Sphäre seiner Gedanken und Emotionen als Frau identifiziert, wird der Tatsache, dass er männliche Geschlechtsorgane hat, keine Bedeutung beigemessen. Damit hat die Selbstbezogenheit des Individuums in unserer Zeit eine nie zuvor erahnte Dimension erreicht.
Die Bibel stellt dieser – nach ihrer Auffassung zerstörerischen – Vision von der Freiheit eine andere, erfüllendere (weil wahre) Vision entgegen.2 Stellen wir uns vor, dass eine Eule, die irgendwelche Aufklärungsphilosophen gelesen hat, dem Maulwurf erzählt, er solle aufhören in der Erde zu wühlen. Wenn er sich nur anstrenge, könne er sein Leben selbst bestimmen und sich Flügel wachsen lassen, um sich gen Himmel emporzuheben. Wie wohltuend wäre es für jenen Maulwurf, wenn ihm nach Jahren des Frusts und der Enttäuschung ausgerechnet der mächtige Löwe, der König der Tiere, sagt, dass er dafür geschaffen wurde, mit seinen kräftigen Vorderbeinen und Klauen in der Erde zu wühlen, und dass er erst dann wirklich frei sein wird, wenn er sich seiner Bestimmung genüsslich hingibt. Das ist »Selbstverwirklichung« – um ein geläufiges Wort der Postmoderne zu verwenden – vom Feinsten!
Im Folgenden wollen wir entdecken, was es heißt, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild als sexuelles Wesen geschaffen hat, und wie Sex nach seinen Vorstellungen zum Wohl der Menschen beitragen sollte. Uns daran zu orientieren und so zu leben, widerstrebt anfangs dem Bild von uns selbst, das uns der Zeitgeist ununterbrochen eintrichtert, führt uns jedoch, so jedenfalls meine Überzeugung, endlich in die Freiheit, nach der wir uns so sehr sehnen.
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I.
»Ehrt Gott mit eurem Leib«
(1Kor 6,20)
Grundlegendes zur christlichen Sexualethik
1. Die Notwendigkeit einer christlichen Sexualethik
Muss man sich als Christ so intensiv mit sexualethischen Fragen beschäftigen, dass man ganze Bücher darüber lesen oder sogar schreiben müsste? Ich gehörte lange einer christlichen Gemeinde an, die nach etlichen Kontroversen entschieden hat, zu Fragen der Sexualethik keine Richtlinien zu erstellen. Denn die Ansichten der Mitglieder – evangelikaler Christen, die Wert darauf legten, die Lehre der Bibel in allen Punkten zu bejahen – gingen hinsichtlich dessen, was in diesem Bereich akzeptabel ist oder nicht, weit auseinander. Schließlich einigte sich die Gemeindeleitung darauf, keine allgemeingültigen Anforderungen festzulegen, seien es traditionelle oder moderne. Sie wollte es lieber dem Einzelnen und seinem Gewissen überlassen, ob er zum Beispiel das Zusammenleben vor der Ehe oder eine homosexuelle Partnerschaft vor Gott verantworten konnte.
Wie meiner damaligen Gemeinde geht es vielen anderen in unserer Zeit. Ihr vergebliches Ringen um Einheit spiegelt wider, dass der sexualethische Konsens im postchristlichen Westen zusammengebrochen ist. Noch vor fünfzig Jahren konnte man in Europa, jedenfalls in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft, von einer breiten Zustimmung zu der Ansicht ausgehen, dass der ideale Rahmen geschlechtlicher Beziehungen die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau bildet und dass diese lebenslänglich dauern sollte. Auch wenn viele in ihrer Lebensgestaltung diese Norm nicht erfüllten, bejahte die Mehrheit ihre allgemeine Gültigkeit, und sie wurde von starken sozialen und gesetzlichen Sanktionen untermauert. Noch vor dreißig Jahren war dieser Konsens in christlichen Kirchen unangefochten. Dem ist nicht mehr so. Dafür, dass es keine allgemeingültige Sexualethik mehr gibt, lassen sich manche Ursachen vermuten. Allein darüber könnte man ganze Bücher schreiben; wir erwähnen hier nur drei in aller Kürze:
1. In der Gesellschaft werden seit Längerem alle geschlechtlichen Rollenunterschiede und Normen für sexuelle Beziehungen infrage gestellt. Hinzu kommt die postmoderne Relativierung aller moralischen Vorgaben. Davon konnte das traditionelle Verständnis der Ehe nicht unberührt bleiben.
2. In unserem individualistischen Zeitalter haben persönliche Präferenzen einen derart hohen Stellenwert bei allen moralischen Entscheidungen eingenommen, wie es Generationen vor uns nie für möglich gehalten hätten. Das subjektive Gefühl, dass einem etwas guttut und es niemandem schadet, reicht im Bereich der Sexualität aus, um sein Verhalten zu rechtfertigen. Argumente, die auf Prinzipien basieren, kommen dagegen nicht mehr an.
3. In christlichen Gemeinden mangelt es oft an Reflexion über die Bedeutung von menschlicher Sexualität. Fragen wie »Wozu hat Gott menschliche Sexualität geschaffen?« oder »Hat Sex aus der Perspektive des Schöpfers eine tiefere Bedeutung?« werden häufig nicht gestellt. Im Allgemeinen bemerkt man eine mangelnde Bereitschaft, über sexualethische Normen zu reden, sei es von der Kanzel oder unter Freunden. Viele haben Angst davor, welche Reaktion eine klare Unterweisung hervorrufen würde, bzw. davor, was diese von Einzelnen und Gemeinden verlangen würde. So nahe möchte man heute niemandem mehr treten.
Angesichts dieser Sachlage ist der Wunsch vieler Gemeinden verständlich, sich nie enden wollenden Kontroversen über sexualethische Themen zu entziehen, indem sie sich dazu nicht positionieren und es ihren Mitgliedern überlassen, ihrem eigenen Gewissen zu folgen. Aber ist ihre Strategie klug? »Jeder soll tun, was in seinen Augen recht erscheint« klingt nach einer passenden Parole der Spät- oder Postmoderne. Sie war aber bereits zur Zeit der Richter – also vor mehr als 3000 Jahren – die Devise der israelitischen Stämme (Ri 17,6; 21,5). Eine gründliche Lektüre des Richterbuches kann auch heute als Warnung dafür dienen, wo dies hinführt.
Im Übrigen lässt das Neue Testament diese Option nicht zu. In fast jedem Brief, der an eine heidenchristliche Leserschaft gerichtet ist, werden sexualethische Themen angesprochen (Röm 1,24-27; 1Kor 5,1-2; 6,12-20; 1Kor 7; Gal 5,16.19; Eph 5,3; Kol 3,5; 1Thess 4,1-8; 1Petr 2,11; 2Petr 2,18; Judas 7). Die Apostel Paulus und Petrus sowie Judas, der Bruder Jesu, die diese Briefe geschrieben haben, sagen nicht etwa: »Überlasst es dem Einzelnen, wie er sein Leben in sexueller Hinsicht gestalten möchte, solange er das Liebesgebot beachtet«, sondern vielmehr: »Strebt in euren Gemeinschaften nach sexueller Reinheit. Bringt euren Mitgliedern die Maßstäbe Gottes bei und fordert von ihnen ihre Einhaltung.«
Ein Hauptanliegen dieses Buches ist es, dass christliche Kirchen und Gemeinden vor einer klaren Sprache über biblische Standards keine Angst haben müssen. Eine christliche Sexualethik, die danach ausgerichtet ist, muss uns nicht peinlich berühren; im Gegenteil: Sie kann auch begeistern – gerade in unserer Zeit, die für viele orientierungs- und haltlos geworden ist. Eine biblisch begründete Sexualethik ist keine schlechte Nachricht darüber, was Gott uns alles vorenthalten will, sondern eine gute Nachricht darüber, wie schön das Leben sein kann, wenn man Gottes Design für das intime Miteinandersein entdeckt. Ich wünsche mir Gemeinden, die voller Zuversicht und Freude Gottes Plan für menschliche Sexualität verkünden und vorleben.
Es geht dabei nicht um Sehnsucht nach den »guten alten Zeiten«, als alles in der Welt – jedenfalls in sexueller Hinsicht – in Ordnung war. Solche Zeiten gab es nicht. Die bürgerliche Sexualethik vor der Sexuellen Revolution ist nicht mit einer biblischen Sexualethik gleichzusetzen. Manches, was vorher war, war gewiss nicht gut; manches war besser. Wie zu allen Zeiten. Wir jagen hier keiner Fata Morgana nach, sondern wir wollen herausfinden, was die Bibel in Bezug auf Sexualverhalten gebietet bzw. verbietet und was die Gründe dafür sind, und in weiterer Folge erste Überlegungen anstellen, wie sich dies am besten in unserer Zeit anwenden lässt.
2. Die Grundsätze einer christlichen Sexualethik
Wenn Christen also eine Sexualethik brauchen, wie gelingt es, diese anhand der Bibel herauszuarbeiten? Man kann nicht ohne Weiteres jeden einzelnen Bibeltext eins zu eins in die Gegenwart übertragen. Auch wenn dies der Karikatur bibeltreuer Gemeinden im Umgang mit der Bibel entspricht, sieht eine verantwortliche Hermeneutik, also eine »Lehre zur Auslegung von Texten« (vgl. Duden), anders aus. Denn erstens beschreibt die Bibel, insbesondere das Alte Testament, vieles, was sie nicht bejaht, beispielsweise die Polygamie. Diese Ehe mit mehreren Frauen gleichzeitig gab es häufig im alten Israel, und sie wurde im Gesetz nicht verboten, sondern bloß geregelt. Dennoch macht die Art und Weise, wie über polygame Beziehungen berichtet wird, klar: Sie waren immer mit negativen Konsequenzen für die Beteiligten verbunden.
Zweitens sind die kulturellen Gegebenheiten manchmal so anders, dass eine direkte Übertragung eines Bibeltextes in unsere Zeit nicht möglich ist. Es geht in diesen Fällen darum, dem Text die Prinzipien, die in der ursprünglichen Situation zur Anwendung kamen, zu entnehmen und diese in unserer Zeit geltend zu machen. Diese »Kontextualisierung« ist die unumgängliche Aufgabe eines jeden Auslegers, insofern er sich nicht nur mit historischen Fragen auseinandersetzen will.
All das erfordert ein Feingefühl im Umgang mit biblischen Texten, das erlernt werden will. Man muss sich fragen, nach welchen Prinzipien man bestimmte Aussagen zum Sexualverhalten in der Bibel für normativ erklärt und andere nicht, etwa weil sie kulturgebunden oder nur auf eine bestimmte Epoche im Heilsplan Gottes begrenzt sind. Im letzteren Fall gelten sie dann nur für Israel, aber nicht für die Kirche. Beispielsweise ist im mosaischen Gesetz der Geschlechtsverkehr einerseits mit einem gleichgeschlechtlichen Partner und andererseits mit einer menstruierenden Frau nachdrücklich untersagt. Sind das allgemeingültige Regeln oder kulturbedingte Aussagen, die in unserer Zeit revidiert werden dürfen oder sogar müssen? Wie begründen wir solche Entscheidungen?
Ethiker suchen nach Grundsätzen, die die einzelnen Verhaltensnormen untermauern. Man will ja nicht nur wissen, was die Bibel von uns verlangt, sondern auch warum. (Übrigens fördert die Bibel selbst diese Haltung – man beachte nur, wie sehr Paulus bemüht ist, seine Forderungen zu begründen, und wie oft er um Einsicht und Erkenntnis seitens seiner Leser betet.) Aus der Bibel lassen sich drei Grundsätze ableiten, mit denen man allgemeingültige Prinzipien in Bezug auf menschliches Sexualverhalten begründen kann: die Schöpfungsordnung, das Liebesgebot und die Ewigkeitsperspektive. Sie gleichen den drei Beinen eines Hockers, und wie bei einem Hocker sind alle drei gleichermaßen notwendig, um eine stabile Sitzfläche zu gewährleisten. Das sieht bildhaft so aus:

Abb. 1: Die drei Grundsätze der biblischen Sexualethik
Unter Schöpfungsordnung versteht man die ethischen Vorgaben, die von Gott in der Schöpfung angelegt sind. Das heißt, sie gelten für alle Menschen zu allen Zeiten, weil sie dem Grundmuster für das menschliche Miteinander entsprechen, wie Gott es am Anfang verordnet hat. Für Jesus war dies ein wichtiges Kriterium bei der Frage, welche sexualethischen Verhaltensnormen gelten sollen. Das geht aus seiner Auseinandersetzung mit den Pharisäern in der Frage nach Scheidung und Wiederheirat hervor. Dort legt er den Maßstab »Wie es am Anfang war« an, den er der Schöpfungsgeschichte entnahm (Mt 19,8). Davon leitet er Normen ab, die das Verhalten der Juden im 1. Jahrhundert regeln sollten, auch wenn diese mit Aussagen im mosaischen Gesetz in Konflikt geraten.
Mit dem Liebesgebot ist das mehrfach im Neuen Testament zitierte Gebot aus 3Mo 19,18 – »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« – gemeint. Sowohl Jesus (Mt 22,39 par) als auch Paulus (Röm 13,9; Gal 5,14) und Jakobus (Jak 2,8) betrachten dieses Gebot als Inbegriff dessen, worauf das moralische Gesetz zielt, und halten es für die wichtigste Norm im menschlichen Miteinander. Alle ethischen Forderungen müssen sich daran messen, wenn sie in vollem Umfang als christlich gelten sollen.
Schließlich muss man die Ewigkeitsperspektive der Schrift in sexualethischen Überlegungen miteinbeziehen. Gemeint ist die Ausrichtung der Bibel auf eine Zukunft in der Ewigkeit mit Gott, die bedingt, wie man im Jetzt lebt. In der Ewigkeit bleibt nicht alles, wie es bisher war. Jesus macht z.B. deutlich, dass es dann keine Ehe mehr geben wird (Mt 22,30; siehe dazu Abschnitt VI.1). Das heißt, auch wenn davon auszugehen ist, dass die sexuelle Unterscheidung zwischen Mann und Frau erhalten bleibt (weil sie für die Erschaffung des Menschen nach dem Ebenbild Gottes grundlegend ist; siehe dazu Abschnitt II.1), verändert sich das Sexualverhalten völlig. Diese Perspektive soll laut dem Apostel Paulus unsere Einstellung dazu im jetzigen Zeitalter beeinflussen (vgl. 1Kor 7,29-31).
Wichtig ist, dass man alle drei Grundsätze – um im Bild zu bleiben, alle drei Beine des Hockers – beachten muss. Vernachlässigt man einen davon, kommt es zu Verwirrungen im Denken und im Verhalten. Sehen wir uns das genauer an:

Abb. 2: Die Bedeutung der Schöpfungsordnung
Wenn die Schöpfungsordnung nicht oder zu wenig berücksichtigt wird, wird Sex bedeutungslos. Das »wozu« fehlt, denn die Schöpfungsgeschichte will uns, wie wir im Folgenden sehen werden, darin unterweisen, was Gott sich bei der Erschaffung der menschlichen Sexualität gedacht hat und welchem Zweck sie dient. Fragt man in christlichen Gemeinden danach, stellt man fest, wie selten die Frage nach der Bedeutung der menschlichen Sexualität gestellt wird. Ganz gleich, ob die Leiter oder die Mitglieder einer Gemeinde gefragt werden: Die meisten haben niemals darüber nachgedacht und wüssten auch nicht, wie sie es angehen sollten, die Frage zu beantworten. Dabei ist es aus biblischer Perspektive klar: Man konsultiert die Schöpfungsgeschichte bzw. spätere Stellungnahmen dazu in der Heiligen Schrift.
Das heißt nicht, dass die Schöpfungsordnung für sich allein stehen darf. Ihre einseitige Betonung führt – gerade unter Christen, die sich an biblischen Maßstäben orientieren – manchmal zu seltsamen Auswüchsen. Die Gefahr liegt darin, dass man sich allzu leicht mit suboptimalen Beziehungen zufriedengibt, solange die korrekte Form bewahrt wird. Stellen wir uns Jens und Claudia vor. Sie sind in derselben Gemeinde aufgewachsen und seit 10 Jahren miteinander verheiratet. Von Anfang an haben sie die sexualethischen Vorstellungen der Gemeinde erfüllt. Bei ihnen scheint auch alles in Ordnung zu sein, aber wie es in ihrer Beziehung aussieht, ob sie von Liebe und – wenigstens gelegentlich – von Leidenschaft geprägt ist, weiß keiner. Nach außen gut, alles gut, scheint die Devise zu sein.

Abb. 3: Die Bedeutung des Liebesgebots
Die Bewahrung einer äußeren Form ist jedoch aus einer christlichen sexualethischen Sicht zu wenig. Die sexuelle Beziehung muss von Liebe geprägt sein. Denn ohne Liebe kann Sex zu einem Albtraum werden. Wenn die Partner egoistisch handeln und lediglich auf die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse schauen, wird Sex zum Machtinstrument. Bei Männern dient er bald zur Unterdrückung der Frau, wie dies nach dem Sündenfall angekündigt wurde und seither überall auf der Welt geschieht: »Nach deinem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen« (1Mo 3,16 ELB). Gemeint ist hier nicht das biblische Prinzip, dass der Mann in der Ehe eine Leitungsrolle übernehmen soll, sondern hier geht es um Machtausübung, sogar um physische und psychische Gewaltanwendung. Auch das kommt in christlichen Ehen vor: grobe Handlungen, die der Frau wehtun; Druck, bestimmte Handlungen durchzuführen, die der Mann in einem Porno gesehen hat; demütigende Vergleiche mit anderen Frauen.
Aber auch Frauen setzen Sex als Machtinstrument ein, wenn auch meistens auf subtilere Art und Weise. Frauen wissen instinktiv, dass es Männern in der Regel existenziell wichtiger ist, dass die sexuelle Beziehung rundläuft. Tendenziell hängt das Selbstbewusstsein des Mannes stärker von der momentanen Einschätzung der Qualität der sexuellen Beziehung ab als bei der Frau, und manche Frauen nützen diese Tatsache zu ihrem Vorteil. Sex wird als Belohnung für Verhalten, das ihren Wünschen entspricht, in Aussicht gestellt. Wenn der Mann brav ist, bekommt er Sex; wenn nicht, dann eben nicht.
Solche Verhaltensmuster sind auf Dauer Sexkiller. In vielen Ehen, von denen man meint, dass alles in Ordnung sei, läuft nichts. Die sexuelle Beziehung wird über weite Strecken vernachlässigt bzw. überhaupt nicht weitergeführt. Nun hat sexuelle Dysfunktion verschiedene Ursachen, aber nur in seltenen Fällen sind diese rein physischer Natur. Oft ist sie bedingt durch die Lebensphase, in der man sich gerade befindet (Kleinkinder zu Hause, beruflicher Stress, Einsetzung der Menopause). Aber in vielen Fällen stecken Verletzungen dahinter, die sich über Jahre hinweg durch liebloses Sexualverhalten angestaut haben. Das Liebesgebot lässt nicht zu, dass dieser Zustand einfach geduldet wird.
Es ist auch wichtig einzusehen, dass Gott selbst das Liebesgebot einhält. Wenn er Richtlinien für unser Sexualverhalten aufstellt, dann nicht, um uns einzuhämmern, dass er das Sagen hat und wir gefälligst zu gehorchen haben, sondern gerade weil er uns liebt. Er hat uns geschaffen und weiß daher, was für uns gut ist und was uns schadet. Er will nur das Beste für uns. Seine Prinzipien und seine Gebote, gerade in sexualethischer Hinsicht, spiegeln genau sein Bestreben danach wider. Das wird hoffentlich im Laufe des Buches klar.
Doch auch das Liebesgebot kann allein keine biblische Sexualethik ausreichend begründen, auch wenn viele genau das behaupten, unter anderen die Evangelische Kirche in Deutschland. In ihrem 2013 veröffentlichten »Familienpaper« leugnet sie das Konzept einer Schöpfungsordnung und erhöht die Liebe zu einem hinreichenden Kriterium, mit dem sich alle möglichen sexuellen Beziehungen rechtfertigen lassen.3 Es klingt zwar schön, wenn die Beatles singen: »All you need is love«, aber die Opfer dieser Devise wissen, dass jeder Betrug, jede Scheidung, jeder Partnerwechsel mit der Liebe – oder dem Mangel an Liebe – gerechtfertigt wird.

Abb. 4: Die Bedeutung der Ewigkeitsperspektive
Auch die Ewigkeitsperspektive darf nicht ausgeblendet werden. Geschieht dies, kommt es allzu leicht zu einer Überbewertung von Sex. Man erkennt dies in unserer Kultur: An die Ewigkeit denken die Menschen selten, an Sex dauernd. Guter Sex wird für den Schlüssel zum Glück schlechthin gehalten, und wenn die sexuelle Beziehung nicht klappt (oder man, Gott behüte, gar ohne sie leben sollte!), dann scheint für viele das Leben dahin zu sein. Ungeduld mit dem Partner ist vorprogrammiert, wenn Sex diese überbetonte Rolle einnimmt. Viele Beziehungen brechen unter dieser Last zusammen. Die Ewigkeitsperspektive relativiert den Wert des Sex in gesundem Maß. Sie erinnert uns daran, dass Sex keine notwendige Voraussetzung für ein erfülltes Leben ist; in der Ewigkeit kommt man ohne ihn bestens aus! Und selbst im Hier und Jetzt kann man auch ohne Sex gut und glücklich leben.
Die Ewigkeitsperspektive kann jedoch genauso wenig wie die anderen Grundsätze für sich alleine stehen. Wenn nur sie angewandt wird, verliert man leicht aus den Augen, dass der Schöpfer die geschlechtliche Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau gutheißt. In früheren Epochen der Kirchengeschichte führte diese einseitige Ausrichtung auf die Ewigkeit, wie wir gleich sehen werden, zu einer körperfeindlichen Haltung und einer Überbewertung des Zölibats als heiligerem Lebensentwurf.
Also müssen alle drei Grundsätze – die Schöpfungsordnung, das Liebesgebot und die Ewigkeitsperspektive – herangezogen werden, um den Umriss einer biblisch basierten christlichen Sexualethik zu erstellen. Dieser Aufgabe widmen wir uns im Folgenden. Aber zuerst müssen wir uns kurz darüber Gedanken machen, wie man biblische Texte auslegt. Erfolgt das nach eigenem Ermessen oder gibt es Prinzipien, die beachtet werden müssen, wenn wir Bibelstellen – in unserem Fall diejenigen, die normative Aussagen über Sexualität machen – auslegen?
3. Bibelauslegung: mehr als subjektive Meinungsbildung?
Jeder Christ, der einer Gemeinde angehört, die die Bibel als höchste Autorität und normierende Instanz im Leben der Gläubigen ernst nimmt, kennt sie: die Bibelstunde. Man kommt zusammen, liest biblische Texte miteinander und versucht sie auszulegen, sodass sie für die Teilnehmer im Alltag brauchbar sind. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Hier kommen einige der wichtigsten Prinzipien der Reformation zum Ausdruck: die Autorität und Klarheit der Schrift sowie die Priesterschaft aller Gläubigen. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) sind diese Prinzipien auch für viele römisch-katholische Gläubige keine fremden Ideen mehr, auch wenn sie diese unter anderen Begriffen kennen, die einen weniger protestantischen Klang haben.4
Aber was macht man in der durchschnittlichen Bibelstunde, wenn etwas unklar erscheint? Meiner Erfahrung nach werden die verschiedenen Bibelübersetzungen, die die Teilnehmer jeweils vorziehen, miteinander verglichen, und Konsens wird darüber erzielt, welche ihnen am meisten zusagt. Oder der »Kluge«, den es scheinbar in jedem Bibelkreis gibt, denkt sich eine plausible Deutung aus, die die anderen – mal mehr, mal weniger – überzeugt. Ich will solche Meinungsbildungsprozesse gar nicht in Abrede stellen, solange man erkennt, dass dies der Anfang der Auslegung ist, aber nicht deren Ende.
Bibelwissenschaftler machen sich Gedanken über Methoden der Auslegung. Das nennt man »biblische Hermeneutik«. Ich habe seit zwanzig Jahren das Privileg, angehende Theologinnen und Theologen bei einer Vorlesung mit dem unscheinbaren Namen »NT-Seminar« darin einzuführen. Am Ende der Vorlesung müssen sie eine wichtige und gefürchtete Prüfung bestehen: eine schriftliche Arbeit von 20 Seiten, in der sie einen ihnen nach dem Zufallsprinzip erteilten neutestamentlichen Text mit einem Umfang von drei bis fünf Versen auslegen müssen. Dabei geht es nicht darum, dass sie zu bestimmten mit meiner Meinung übereinstimmenden Ergebnissen kommen, sondern darum, dass sie ihren Text transparent und nachvollziehbar nach allgemein anerkannten Prinzipien deuten. Drei Prinzipien sind besonders wichtig (und können auch von durchschnittlichen Bibellesern auf den deutschen Text gewinnbringend angewandt werden). Ich formuliere sie wie folgt:
1. Kontext ist der König. Die Bedeutung einzelner Aussagen der Schrift, wie übrigens auch in der Alltagskommunikation, kann nur dem Zusammenhang, in dem sie sich befinden, entnommen werden. Nehmen wir den einfachen Ausruf »Feuer!« als Beispiel. Wenn Sie im Theater sitzen und plötzlich ein Mann die Tür aufreißt und dieses eine Wort schreit, könnte es Ihr Leben retten. Wenn Sie jedoch an einer Mauer mit verbundenen Augen stehen, einer Zigarette im Mund, und sieben Gewehren auf Sie gerichtet, ist das wohl das letzte Wort, das Sie jemals hören werden! Der Kontext macht den Unterschied aus, ob ein einziges Wort lebensrettend oder todbringend wirkt.
Dieses Prinzip ist bei der Auslegung der Bibel überaus wichtig, wird aber sehr oft vernachlässigt. Ich hatte eine liebe alte Tante, die mir zu jedem Geburtstag und jedem wichtigen Feiertag eine Karte schrieb. Eines Jahres erhielt ich zu Ostern eine Karte von ihr, auf der das Abbild eines leeren Grabes mit den Worten »Die Welt wird sich freuen!« in einem vor Freude strotzenden Schriftzug zu sehen war. Dieser Text entstammt jedoch Johannes 16,20, wo es im Kontext darum geht, dass sich die Welt freuen wird, wenn Jesus endlich aus dem Weg geräumt wird, während seine Jünger in Trauer stürzen werden. Der Vers wurde ganz gegen seine ursprüngliche Absicht eingesetzt. Ich fühlte mich nicht genötigt, meine fürsorgliche Tante darüber aufzuklären, nahm mir aber erneut vor, so nicht mit der Bibel umzugehen.
Eine wichtige Implikation einer kontextgemäßen Auslegung wird gerade in Abhandlungen von biblischen Texten zum Thema Sexualität oft ignoriert. Man darf nämlich nicht spekulative Thesen, die keine Basis im Text bzw. im Kontext haben, heranziehen, um Textaussagen der Bibel zu relativieren. Nun kommt man nicht darum herum, über die ursprüngliche Situation, in der unklare Aussagen entstanden sind, Vermutungen anzustellen. Bibelauslegung lebt davon, auf diese Weise für Textinhalte plausible Erklärungen zu finden. Aber diese müssen einen Anhaltspunkt im Text haben und dürfen nicht einfach der Fantasie des Auslegers entspringen. Nur das gewährleistet einen verantwortlichen Umgang mit biblischen Texten.
Das geschieht z.B. häufig, wie wir sehen werden, in der Auseinandersetzung mit Römer 1,26-27, wo gleichgeschlechtlicher sexueller Verkehr thematisiert wird. Manche Ausleger vermuten, dass dabei der Autor (der Apostel Paulus) eine ganz bestimmte Situation vor Augen hatte – einer populären These zufolge die wilden Orgien unter dem Kaiser Caligula. Wenn das stimmen würde, ließe es die Aussage des Textes in einem anderen Licht erscheinen. Diese These klingt vielleicht zunächst plausibel (wenn auch nur auf den ersten Blick – eine nähere Betrachtung lässt große Zweifel an ihrer historischen Wahrscheinlichkeit aufkommen; siehe dazu Abschnitt VIII.2). Nach den Prinzipien der Bibelhermeneutik ist aber eine solche Vorgehensweise unzulässig. Denn nirgends in Römer 1 und auch nicht sonst im Römerbrief gibt es den leisesten Hinweis darauf, dass Paulus an Caligula denkt. Vertrauenserweckende Auslegung biblischer Texte sieht anders aus.
2. Zeitgenössische Wortbedeutung ist die Dame. Es ist wichtig zu beachten, dass einzig und allein die zum Zeitpunkt des Autors vorherrschende Bedeutung eines Wortes für die Auslegung biblischer Texte von Belang ist. Die Herkunft eines Wortes bzw. sein sprachlicher Werdegang ist dafür unerheblich. Es kommt häufig vor, dass sich die Bedeutung eines Wortes im Laufe der Zeit verändert. Darüber gibt die »Etymologie« Auskunft. Sie bietet oft faszinierende Einsichten, die aber für die korrekte Deutung eines Wortes im zeitgenössischen Gebrauch unwichtig sind. Das Wort »Beute« bezeichnete zum Beispiel früher einen Bienenstock. Wer darauf besteht, dass es heutzutage so verstanden werden muss, wird bald merken, dass keiner ihn versteht (außer unter Imkern, bei denen es als Fachbegriff noch geläufig ist). Sagt er einem Gast: »Dieser Honig kommt direkt aus der Beute«, wird er merken, dass sich jener an den Kopf greift. Im Mittelalter war »Waffe« ein anderes Wort für »Schwert«. Inzwischen bezeichnet es alle möglichen Tötungsinstrumente. Wer pedantisch einfordert, dass das Wort nur nach seiner ursprünglichen Bedeutung eingesetzt und deswegen eine Pistole nicht als Waffe bezeichnet werden darf, wird sich daran gewöhnen müssen, dass alle ihn für einen Spinner halten. Bis heute stört es viele ältere Gemeindemitglieder, dass Jugendliche etwa einen Gottesdienst als »geil« beschreiben. Für sie heißt »geil« nur »sexuell stimulierend« und keineswegs »großartig«. Aber selbst sie würden gegebenenfalls sagen, sie fanden den Gottesdienst »toll«, was wiederum ihre Großeltern, für die das Wort »tollwütig« bedeutete, vermutlich gestört hätte.
Bei der Auslegung biblischer Texte muss man sich insbesondere davor hüten, bei einem dort erwähnten Konzept eine Bedeutung hineinzulesen, die im Laufe der Zeit hinzugekommen ist, aber damals nicht geläufig war. Wenn zum Beispiel der Apostel Johannes behauptet, dass »das Blut Jesu uns von aller Sünde reinigt« (1Joh 1,7), darf man nicht, wie es ein gläubiger Arzt einmal tat, auf die reinigende Funktion der Blutbahnen (in Zusammenarbeit mit Leber und Niere) hinweisen. Er erklärte, wie Jesus uns analog dazu »entgiftet«. Das war eine spannende Predigt mit neuen Einsichten, die an sich nicht falsch waren. Dennoch muss dagegen Einspruch erhoben werden. Denn davon wusste in der Antike kein Mensch. Auch nicht Johannes, der folglich etwas anderes – wohl die reinigende Wirkung von Schlachtopfern im alttestamentlichen Kult – gemeint haben muss.
Solche Fehler geschehen oft bei der Auslegung biblischer Texte, die Kenntnisse der damals vorherrschenden sexualethischen Konventionen voraussetzen. Jeder Deutsche weiß zum Beispiel, was »Ehebruch« heißt: Geschlechtsverkehr zwischen zwei Personen, von denen zumindest eine davon mit jemand anderem verheiratet ist. Wir werden aber sehen, dass dieser Begriff im neutestamentlichen Zeitalter mehr umfasste als nur den Geschlechtsakt. Wer sich dessen nicht bewusst ist, läuft Gefahr, die relevanten biblischen Texte unpräzis zu deuten und daraus falsche Schlüsse zu ziehen.
3. Wortwahl ist der Bube. Warum verwendet ein bestimmter Autor ein bestimmtes Wort in einem bestimmten Zusammenhang? Warum sagte die deutsche Fußballlegende Sepp Herberger »Das Runde muss ins Eckige« statt »Der Ball muss ins Tor«? Hier bedarf es keiner langen Analyse – er wollte einer banalen Wahrheit eine lyrische Note verleihen. Manchmal will man Dinge dezent statt deutlich aussprechen: »Sie ist nicht mehr unter uns« klingt schöner als »Sie ist tot«. Manchmal will man die Wahrheit nicht ganz eingestehen: »Schatz, ich hatte einen kleinen Unfall« oder »Es hat nur ein paar Euro gekostet«. Oft will man die Konnotation eines bestimmten Wortes vermeiden – Vertreter der Energiekonzerne bilden eine »Lobby«, während Greenpeace als »Hilfsorganisation« gilt –, obwohl beide das Gleiche tun: Politiker beeinflussen, damit sie ihre Interessen vertreten. Oder man will, je nach Situation, emotionale Distanz oder Nähe verschaffen: Nach dem Wohlergehen eines »Fötus« würde man eine Schwangere, die sich auf ihr Kind freut, nie fragen; umgekehrt vermeiden es Angehörige und Freunde von einem »Baby« zu sprechen, wenn die Schwangere ihr Kind abtreiben will.
Bei der Auslegung von biblischen Texten ist es von besonderem Interesse, wenn biblische Autoren einen ungewöhnlichen Ausdruck einem Standardbegriff oder einer Standardformulierung vorziehen. Wenn Jesus in Joh 8,58 sagt: »Ehe Abraham war, bin ich«, verletzt er die grammatischen Regeln in Bezug auf den Gebrauch von Vergangenheitsformen (auf Griechisch wie auch auf Deutsch). Hätte er gesagt: »Ehe Abraham war, war ich«, hätte das keiner weiteren Erklärung bedurft. Aber die Präsensform des Verbes »sein« in der zweiten Satzhälfte ist ungewöhnlich. Somit kommt die Aussage einem Anspruch auf den Gottesnamen gleich – »Jahwe« = »Ich bin, der ich bin« –, was man übrigens unschwer der Reaktion der Zuhörer entnehmen kann. In der Diskussion über Sexualität spielt, wie wir sehen werden, die genaue Wortwahl des Autors in manchen Texten eine überaus wichtige Rolle, der in vielen Veröffentlichungen zum Thema nicht genügend Rechnung getragen wird.
Ein Wort über die Anwendung biblischer Texte ist auch an dieser Stelle nötig. Wir haben schon darauf hingewiesen, dass man in vielen Fällen biblische Texte nicht einfach eins zu eins in unserer Kultur übernehmen kann. Nehmen wir als Beispiel die Aufforderung des Paulus »Grüßt einander mit einem heiligen Kuss« (2Kor 13,12). Paulus lebte in einer kussfreudigen Kultur, und zu ihren Begrüßungsritualen gehörte das mehrfache Küsschengeben auf beiden Wangen. Das ist heute noch so im Orient. Leider verschafft dieser Brauch in nordeuropäischen Ländern kein Gefühl des Willkommenseins, sondern vielleicht sogar Entfremdung – damit wird unter Umständen die Privatsphäre verletzt, erst recht seit der Corona-Krise. Also würde die direkte Übertragung dieses Gebots vielleicht sogar das Gegenteil bewirken von dem, was Paulus damit beabsichtigte.
Man will aber biblischen Geboten folgen, also was tun? In meinem NT-Seminar verwende ich folgendes Diagramm, um den Prozess der Anwendung biblischer Texte zu veranschaulichen:

Abb. 5: Der Weg zur Anwendung biblischer Texte
Dabei geht man wie folgt vor:
1. Man beginnt mit einer Textaussage der Bibel – bleiben wir bei »Grüßt einander mit einem heiligen Kuss.«
2. Man überlegt, welches Prinzip hinter der Aussage steht, und formuliert die Aussage entsprechend um: »Wir sollen einander warmherzig und einladend willkommen heißen.«
3. Man überlegt, wie dieses Prinzip in unserer Kultur am besten zum Ausdruck kommt, und formuliert den Satz entsprechend um: »Wir sollen einander mit einer kulturell angemessenen Geste der Zuneigung und Achtung empfangen.«
Ob dieser Prozess leicht oder schwer von der Hand geht, hängt zum Teil von der Gestalt des jeweiligen Textes ab. Gerade im Bereich der Sexualethik gibt es Aussagen in der Bibel, die an sich schon als allgemeine Prinzipien formuliert werden und deshalb weniger Übertragungsarbeit benötigen. Andere verlangen mehr. Die Ehe wird z.B. in der Schöpfungsgeschichte mit dem Satz begründet: »»Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch« (1Mose 2,24 LÜ). Die Aussage setzt bestimmte kulturell bedingte Lebensumstände voraus, was den Prozess der Lösung von der Ursprungsfamilie angeht, welche nicht überall auf der Welt gleich sind. Dennoch kann man dem Text entnehmen, dass ein geregelter Prozess zur verbindlichen und dauerhaften Gründung neuer Familien von großer Bedeutung ist. Dieser Prozess kann je nach Kultur unterschiedlich aussehen, sollte aber in Gemeinschaften, die die Bibel als Autorität akzeptieren, grundsätzlich beachtet werden.
4. Sexualität und das Vermächtnis der christlichen Kirche
Gott findet Sex gut. Diese Behauptung, die dieses Buch geltend zu machen versucht, mag für viele, die ihre sexualethische Prägung dem traditionellen Christentum verdanken, eine Überraschung sein. Denn die Kirche hatte – man kann es schwer leugnen – über Jahrhunderte hinweg ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität. Daran ist aber nicht die Bibel schuld, wie wir im Folgenden sehen werden, sondern die Entwicklung der Kirche in der Spätantike und im Mittelalter, die Spuren bis in unsere Zeit hinterlässt.
Die Kirchenväter, die im nachapostolischen Zeitalter in der weiteren Entwicklung der Morallehre der Kirche den Ton angaben, waren im Gegensatz zu den Aposteln, welche allesamt Juden waren, stark von der griechischen Philosophie und ihrer dualistischen Aufteilung der Welt in Materie und Geist geprägt. Demzufolge sei es die Aufgabe des tugendhaften Menschen, sich dem materiellen Leben so gut wie möglich zu entziehen, um sich dem Geistlichen zuzuwenden. Diese Haltung saugten die Kirchenväter mit der Muttermilch auf und führten sie unreflektiert fort, obwohl sie gerade nicht der biblischen Haltung entspricht. Sie neigten dazu, alles, was mit dem Körper zu tun hat – Nahrungszufuhr, Schlaf, Sex –, als ein notwendiges Übel zu betrachten, das vom wirklich Wichtigen, der Geistesebene, ablenkt.
Insbesondere war der sexuelle Trieb für sie schlecht und musste verdrängt werden. In der Ostkirche war z.B. Origenes (ca. 185–253) dermaßen von seiner eigenen sexuellen Begierde entsetzt, dass er sich kastrieren ließ. In der Westkirche entwickelte Augustinus (354–430) eine ausgeprägte Abneigung gegen Sex als Folge seines Bedauerns über das zügellose Leben, das er vor seiner Bekehrung geführt hatte. So war er der Meinung, dass Gott Adam und Eva im Garten in einem präpubertären Zustand erhielt. Das Erwachen des Sexualtriebs ging für ihn Hand in Hand mit dem Sündenfall. Die Vorstellung, dass Sex vor dem Sündenfall zum Leben im Paradies dazugehörte, war für ihn unerträglich.
Diese Haltung der Kirchenväter gehört zum Erbe der mittelalterlichen Kirche. Ihre Reaktion darauf war die starke Betonung des Zölibats. Der Klerus sah selbstverständlich ein, dass Sex zum Zweck der Fortpflanzung der Menschheit notwendig und somit nicht aus der Welt zu schaffen war. Der wirklich geistliche Mensch sollte jedoch auf Sex verzichten. Wer es nicht vermochte, keusch zu leben, sollte es möglichst innerhalb der Ehe treiben. (So genau hat man das im Mittelalter, zumindest bei Männern, nicht genommen.) Aber dabei sollte man an seine Pflicht denken, Kinder in die Welt zu setzen, und jeglichen mit dem Geschlechtsverkehr verbundenen und kaum zu leugnenden Genuss möglichst ausblenden!
Die Reformation läutete zu einem gewissen Grad eine Kurskorrektur ein. Luther betonte einerseits, dass alle Gläubigen Priester Gottes sind. Das implizierte natürlich unter anderem, dass nicht alle Priester ein zölibatäres Leben führen sollten. Die Ehe wurde zu einem gleichwertigen Stand neben dem Zölibat erhoben, und Letzteres war für den Klerus nicht mehr zwingend erforderlich, sollte sogar die Ausnahme sein.5 Luther ermutigte die Mönche und Nonnen, die sich seiner Bewegung anschlossen, zu heiraten und nahm selbst eine ehemalige Nonne, Katharina von Bora, zur Ehefrau. Sie scheint für ihn ein Glücksgriff gewesen zu sein.
Andererseits konnte die Reformation die körperfeindliche Morallehre der Kirche von allein nicht überwinden. In der Konsolidierungsphase der lutherischen Orthodoxie (etwa vom Tod Luthers bis zum Ende des 17. Jahrhunderts) verlor die positive Auffassung zur Sexualität, die Luther betonte, an Bedeutung, und vermeintlich geistlichere Aspekte des Ehelebens rückten in den Vordergrund.6 Bei den Pietisten, die 1690–1740 ihre Blütezeit genossen, laufen sowohl sexualitätsbejahende als auch körperfeindliche Stränge nebeneinanderher. Von alledem ließ sich die bürgerliche Mitte der Gesellschaft wohl weniger beeindrucken. Der Moralkodex der Kirche verlieh ihrem Leben seine Konturen; noch fiel es kaum jemandem ein, dass es dazu eine Alternative geben könnte. Sex war jedenfalls weiterhin etwas leicht Anrüchiges, für viele ein notwendiges Übel. Anständige Christen redeten nicht offen darüber.
Während der Zeit der Aufklärung blieb gerade die Morallehre der Kirche einschließlich ihrer bürgerlichen Sexualethik zunächst unangefochten. So mancher Denker in dieser Zeit (insbesondere ab 1740) pries sie als den Inbegriff göttlicher Vernunft. Liberale Theologen in Deutschland hielten sie für das wirklich Wertvolle am Erbe des Christentums, während sie das Fundament, auf dem sie stand, durch ihr schonungsloses Infragestellen des Wahrheitsgehaltes der Bibel schon abzutragen begonnen hatten. Sie wollten die Form bewahren, weil diese die bürgerliche Gesellschaft – für sie eine durch und durch positive Errungenschaft – untermauerte, und sich gleichzeitig von der Bibel, die sie nicht mehr für vertrauenswürdig erachteten, distanzieren.
Das konnte nicht auf Dauer gut gehen, und spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann der gesellschaftliche Konsens hinsichtlich der Richtigkeit der sexualethischen Lehre der Kirche abzubröckeln. Es hat natürlich immer solche gegeben, die sie ablehnten, und viele, die ihre Standards nicht einhielten, aber erst mit der Sexuellen Revolution lehnte sich eine breit aufgestellte Bevölkerungsschicht der westlichen Gesellschaft gegen sie auf. Diese begann, beflügelt durch Wohlstand und technologische Innovationen wie zuverlässige Geburtenregelung, freizügigere sexualethische Werte zu vertreten und offen danach zu leben.
So stehen am Anfang des 21. Jahrhunderts zwei konkurrierende sexualethische Wertesysteme nebeneinander, die auf zwei unterschiedlichen Weltanschauungen basieren. Inzwischen scheint vielen Menschen das neuere Wertesystem mit seiner Betonung von Freiheit und Entkrampfung die bessere Variante zu sein. Das Vermächtnis der Kirche ist zwar nicht nur negativ: Augustinus hat z.B. hervorragende theologische Reflexion über die Bedeutung der Ehe geleistet, und Luther hat bekanntlich den »weltlichen« Charakter der Ehe positiv herausgearbeitet. Ihr direkter und indirekter Einfluss auf die sexualethische Konzeption, die ich im Folgenden entwerfe, wird Fachkundigen erkennbar sein.
Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kirche insgesamt ein verzerrtes Bild von menschlicher Sexualität vermittelt hat: Sie sei etwas, dessen man sich schämen muss, und nicht ein Teil der guten Schöpfung Gottes, die gefeiert werden soll. Die leibfeindliche Haltung der Kirchenväter – das Erbe der platonischen Philosophie, die ihr Weltbild stark prägte – führte in der Geschichte der Kirche immer wieder dazu, dass Christen den Sexualtrieb für grundsätzlich negativ hielten. Somit wurde unterschwellig verneint, dass der Mensch ein geschlechtliches Wesen ist, und impliziert, dass sexuelles Verlangen durch unheimliche Anstrengungen, die nur von wirklich geistlichen Menschen erbracht werden können, überwunden werden muss. Dieser Impuls ist bis heute in der Kirche nicht ganz überwunden worden und wird von vielen christlichen Gruppierungen zumindest unbewusst weiterhin gefördert.
Nach diesem kurzen Abriss über die geschichtliche Entwicklung der sexualethischen Lehre der Kirche in Europa drängen sich zwei Fragen auf:
1. Entspricht die biblische Lehre über die menschliche Sexualität dem deprimierenden Bild, das die Kirche im Laufe ihrer Geschichte oft vermittelte? Darauf gehen wir insbesondere im zweiten Kapitel ein. Wir werden sehen, dass die Bibel ein durchwegs positives und lebensbejahendes Bild der sexuellen Beziehung malt. Dies ruht auf der alttestamentlichen Überzeugung, dass Gott die materielle Welt samt ihren Abläufen geschaffen hat und sie deswegen gut ist, wirklich gut (vgl. 1Mo 1,31; Psalm 24,1-2; 1Kor 10,26)! Die griechisch-philosophische Trennung zwischen Materie und Geist ist ihr völlig fremd. Sie bejaht insbesondere die geschlechtliche Beziehung zwischen Mann und Frau in der Ehe uneingeschränkt.
2. Bietet das neue sexualethische Wertesystem, das seit der Sexuellen Revolution in der westlichen Gesellschaft propagiert wird, eine gute Alternative zur biblischen Lehre? Hält es, mit anderen Worten, was es verspricht: mehr Freiheit, einen entspannten Umgang mit Sexualität? Führt es dazu, dass Menschen gedeihen, sich entfalten und schließlich bessere Menschen sind? Das behandeln wir schwerpunktmäßig im dritten Kapitel. Wir werden sehen, dass die Folgen der Sexuellen Revolution keineswegs dem entsprechen, was sie sich vorgestellt hat, und dass nicht ihr Wertesystem, sondern das der Bibel die Freiheit bietet, wonach sich die Menschen immer gesehnt haben.
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II.
»Adam erkannte seine Frau«
(1Mo 4,1)
Das biblische Verständnis von der menschlichen Sexualität als gute Gabe Gottes
»Adam erkannte seine Frau«: Auch wenn uns diese Formulierung im Deutschen nicht gerade geläufig ist, können wir sie im Kontext problemlos entziffern. Denn auf das »Erkennen« folgt die Geburt eines Kindes. Es handelt sich um einen Euphemismus (wörtlich »Schönreden«). Von solchen beschönigenden Umschreibungen macht jede Kultur Gebrauch, wenn es um Körperfunktionen geht. Der Erzähler will also nicht vermitteln, dass Adam tiefere Einsichten in das Wesen seiner Frau erzielte, wie manche fromme Ausleger meinen, sondern schlicht und einfach, dass er mit Eva Geschlechtsverkehr hatte. Der entsprechende deutsche Euphemismus lautet: »Sie schliefen miteinander.« Dabei handelt es sich genauso wenig um Schlaf, wie es Adam um Erkenntnis ging. Es geht hier um Sex.
Aber geht es nur darum? Bei allem Reden über Sex drängt sich die Frage wie von alleine auf, ob die geschlechtliche Beziehung wertneutral aufgefasst und erlebt werden kann (so die moderne Auffassung) oder ob sie nur innerhalb eines Beziehungsgeflechts einen positiven Beitrag zur Entfaltung des menschlichen Lebens leisten kann (die traditionelle Auffassung), und wenn Letzteres, ob dies nur gewährleistet wird, wenn sie unter bestimmten von Gott vorgegebenen Bedingungen geführt wird (die biblische Auffassung). Darum geht es in diesem Teil des Buches. Wir fragen nach der biblischen Intention und Bedeutung von Sex sowie nach den Implikationen derselben für menschliches Sexualverhalten. Dabei können wir nicht alle Texte behandeln, die mit diesem Thema zusammenhängen, sondern befassen uns mit einigen programmatischen Stellen, die für die systematische Erschließung der biblischen Lehre über die menschliche Sexualität unerlässlich sind.
1. Die geschlechtliche Unterscheidung als Ausdruck der Ähnlichkeit mit Gott (1Mo 1,27)
Gott schuf den Menschen gemäß seinem Ebenbild. Gemäß seinem eigenen Bild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie.
Dass es bei den Menschen eine grundsätzliche Aufteilung in zwei Geschlechter gibt, war für den durchschnittlichen Bibelleser von 1Mo 1,27 bis vor Kurzem eine Tatsache, die keiner weiteren Erklärung bedurfte. Erst in unserer Zeit legen viele im Zuge der Genderdebatte Wert darauf, klar zwischen »Geschlecht« – einem biologischen Merkmal komplexerer Organismen – und »Gender« – den gesellschaftlich gedeuteten und geförderten Verhaltensweisen der jeweiligen Geschlechter – zu unterscheiden. Was vielen nicht klar ist: Auch die Bibel kennt diese Unterscheidung, wenngleich sie diese nicht tiefer gehend reflektiert. Sowohl im Hebräischen als auch im Griechischen gibt es, ebenso wie im Deutschen und Englischen, Begriffspaare, die zwischen Geschlecht und Gender unterscheiden, und diese werden auch in den relevanten Zusammenhängen geschickt eingesetzt. Das kann man der folgenden Tabelle entnehmen:
| Geschlecht | Gender | |
| Deutsch | Männchen / Weibchen (Nomen) männlich / weiblich (Adjektiv) | Mann / Frau (Nomen) |
| Englisch | male / female (Adjektiv und Nomen) | man / woman (Nomen) |
| Hebräisch | zakar / neqeba (Nomen) | ish / isha (Nomen) |
| Griechisch | arsen / thelus (Adjektiv) | aner / gyne (Nomen) |
Abb. 6: Die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Gender
Wir werden an späterer Stelle behandeln, welche weitreichenden Konsequenzen diese grundlegende Einsicht für sexualethische Themen hat. Doch an dieser Stelle sollen nur zwei relevante sprachliche Besonderheiten der Begriffspaare hervorgehoben werden.
Zum einen stellt die deutsche Sprache eine Ausnahme zu den anderen drei Sprachen dar, insofern sie es im alltäglichen Gebrauch meidet, die Geschlechterbegriffe auf Menschen zu beziehen. Deswegen geben deutsche Bibelübersetzungen 1Mo 1,27c ungenau mit »Als Mann und Frau schuf er sie« statt »Als Männchen und Weibchen schuf er sie« wieder. Das Englische hat, ähnlich wie das Hebräische und Griechische, keine solchen Hemmungen und verwendet ohne Weiteres die Geschlechterbegriffe in Bezug auf Menschen im Alltag; englische Bibeln zum Beispiel übersetzen konsequent mit »Male and female he created them«. Ich werde deswegen im Folgenden – für deutsche Ohren gewöhnungsbedürftig – von menschlichen »Männchen« und »Weibchen« reden, wenn dem Bibeltext die entsprechende Begrifflichkeit zugrunde liegt.
Zum anderen werden, soweit ich das beurteilen kann, die Geschlechterbegriffspaare in allen vier Sprachen konsequent gebraucht, um auf die biologische Geschlechtsdifferenzierung bei Menschen und Tieren hinzuweisen. Die Genderbegriffspaare werden – wiederum in allen vier Sprachen – üblicherweise eingesetzt, um Menschen unterschiedlichen Geschlechts, die in einer Beziehung mit mehr als nur einer geschlechtlichen Komponente zueinander stehen (zum Beispiel Ehepaare), zu bezeichnen. Hier kommen andere Aspekte wie Rollenaufteilung und kulturelle Erwartungen zum Tragen. Genderbegriffe werden in allen vier Sprachen nicht mit derselben Konsequenz exklusiv dafür gebraucht; manchmal stehen sie für Geschlechtsbegriffe, aber in der Regel nicht umgekehrt. Das heißt zum Beispiel, dass »Mann« und »Frau« gebraucht werden können, um bloß auf die biologische Geschlechtsunterscheidung bei Menschen hinzuweisen, während »Männchen« und »Weibchen« nicht verwendet werden, wenn es sich um Genderrollen handelt. Diese Tatsache hat, wie wir sehen werden, wichtige Implikationen, insbesondere für die Auslegung von Texten, die Homosexualität thematisieren.
Festzuhalten ist, dass sowohl im hebräischen Grundtext als auch in der vorchristlichen griechischen Übersetzung des Alten Testaments – der sogenannten »Septuaginta«, die als die Bibel der frühesten christlichen Gemeinden galt – der Erzähler in 1Mo 1,27 nicht das Genderbegriffspaar, sondern das Geschlechterbegriffspaar benutzt. Das heißt im Klartext: Er hebt die Differenzierung der biologischen Geschlechter bei den Menschen bewusst hervor. In Kontrast dazu wird die Geschlechtlichkeit der Tiere in der Schöpfungsgeschichte überhaupt nicht erwähnt. Es heißt von den Tieren bloß: Gott schuf die Fische und Vögel und Landtiere, »ein jedes nach ihrer Art« (1Mo 1,21.24). Nur die Geschlechtsdifferenzierung der Menschen verdient die Aufmerksamkeit des Erzählers. Es scheint ihm wichtig, seinen Hörern und Lesern unmissverständlich zu vermitteln, dass sie von Gott gewollt ist.
Diese biblische Ansicht steht in Kontrast zu einem weitverbreiteten Menschenbild im antiken Nahen Osten, wonach die Geschlechterdifferenzierung etwas Schlechtes ist. Denn viele religiöse Strömungen in der Umwelt, in der die Bibel entstand, haben die Vorstellung, dass der Kosmos ursprünglich eine undifferenzierte Ursuppe war und danach strebt, diese Undifferenziertheit wiederherzustellen. Das bedeutete unter anderem, dass die geschlechtliche Unterscheidung überwunden werden sollte. Diese Unterscheidung, die oft das Männliche und Weibliche als sich widerstrebende Prinzipien betrachtete, war nach Meinung mancher Denker der Antike eigentlich ein Fehler im System. Sexuelles Verlangen zwischen Mann und Frau spiegelt nach manchen antiken Vorstellungen den Drang der jeweils männlichen und weiblichen Urprinzipien im Kosmos wider, sich zu vereinen. Ihre körperliche Vereinigung im Geschlechtsakt veranschaulicht die unabänderliche Ausrichtung des Universums auf die Wiederherstellung eines undifferenzierten (implizit oder explizit männlichen) Ganzen.7
In der Postmoderne gibt es starke Strömungen, die den Menschen in die entgegengesetzte Richtung ziehen. Hier soll die Aufteilung der Geschlechter nicht in einer monotonen Einheit, sondern in einer grenzenlosen Vielfalt aufgelöst werden. Nun kann die Postmoderne genauso wenig wie die Antike die biologische Differenzierung der Geschlechter verneinen. Ihr Kunststück besteht darin, die Bedeutung derselben gegen null herunterzuspielen: Mit dem »Mannsein« oder »Frausein« hat das biologische Geschlecht nichts zu tun. »Gender« ist auch nicht auf eine binäre Unterscheidung zwischen zwei Geschlechtern zu reduzieren. Das ist bloß ein gesellschaftliches Konstrukt – das Produkt einer patriarchalischen Herrschaftsstruktur, die es zu überwinden gilt. Einer solchen Genderidentifikation sind, wie es scheint, nur die Grenzen der eigenen Fantasie gesetzt. Beispielsweise erkennt New York City inzwischen mehr als 30 verschiedene Genderkategorien an.8 Dabei wird es wohl nicht bleiben.
Diese unterschiedlichen Strömungen in der Antike und der Postmoderne haben gemeinsam, dass sie die Aufteilung der Menschen in zwei Geschlechter verachten. Ganz anders die Bibel. Für sie drückt die geschlechtliche Unterscheidung Wesentliches über Gott aus. Das heißt nicht, dass Gott ein sexuelles Wesen ist. Gott ist weder Mann noch Frau, auch nicht beides in einem. Ähnlich wie in postmodernen Konzepten wird damit bejaht, dass Gott ein vielfältiges Wesen ist, nicht monolithisch, nicht apathisch, keine bloße Kraft und auf keinen Fall eine undifferenzierte Eins im Sinne eines Urprinzips. Er ist eine vielschichtige Persönlichkeit, die immer für eine Überraschung gut ist (siehe dazu: den Rest der Bibel). Aber gegen postmoderne Vorstellungen von der Person ist Gottes Wesen nicht fluide und jederzeit auswechselbar, sondern stabil. Das ermöglicht schließlich Kenntnis von ihm. Gott ist eine völlig integrierte Persönlichkeit, die auf ein Gegenüber bezogen ist, und dieser Komplementarität wird in der Geschlechterdifferenzierung zwischen Mann und Frau Ausdruck verliehen. Hier ist bereits der Impuls zu spüren, der im NT darin zur vollen Geltung kommt: Gott offenbart sich als trinitarisches Wesen, als ein Gott, der in drei Personen existiert.
So spiegelt der Mensch in seiner Geschlechtlichkeit einen überaus wichtigen Aspekt des Wesens Gottes wider. Die Bibel begründet die geschlechtliche Unterscheidung zwischen Männern und Frauen, wie wir bereits gesehen haben, eben nicht durch ihre augenfällige Ähnlichkeit mit den Tieren in dieser Hinsicht, sondern überraschenderweise durch ihre alles andere als offenkundige Ähnlichkeit mit Gott. Darüber, was die Gottebenbildlichkeit des Menschen ausmacht, wird seit jeher kontrovers diskutiert. Dass sie in enger Verbindung mit der Tatsache steht, dass er eine Einheit aus »Männchen« und »Weibchen« bildet, geht meines Erachtens aus 1Mo 1,27 deutlich hervor. Jedenfalls sieht Paulus aufgrund seiner Reflexion dieses Textes einen Zusammenhang zwischen der Gottebenbildlichkeit und der Geschlechtlichkeit des Menschen (1Kor 11,7).9
Die Auslegungstradition hat aber diesen Zusammenhang ziemlich heruntergespielt. Wenn die Frage der Gottebenbildlichkeit gestellt wird, wird 1Mo 1,27c oft ausgeblendet. Anstatt dessen wird intensiv erwogen, ob sie etwa mit dem Herrschaftsauftrag in Verbindung steht, der in 1Mo 1,28 an die Menschen erteilt wird. Oder sie wird anhand von philosophischen Überlegungen erörtert, die keine unmittelbaren Anhaltspunkte im Text haben, zum Beispiel, dass sich die Gottebenbildlichkeit in der menschlichen Vernunft zeigt.
Man muss sich vielleicht nicht für nur eine Auslegungsvariante entscheiden. Es soll hier nur festgehalten werden, dass dieser programmatische Text die geschlechtliche Unterscheidung des Menschen als Erstes in Verbindung mit der Gottebenbildlichkeit thematisiert. Das ist eine faszinierende Perspektive, die viele Fragen aufwirft, denen wir hier nicht weiter nachgehen können. Festzuhalten ist jedoch: Die Einheit in Vielfalt, die Gottes Wesen ausmacht, spiegelt sich in der für die menschliche Identität grundlegenden Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Artgenossen der menschlichen Spezies – zwischen Mann und Frau.
Deswegen ist ihre Sexualität wichtig. Deswegen ist die geschlechtliche Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau kein notwendiges Übel, sondern wirklich gut! Aber genau deswegen ist Sexualethik von großer Bedeutung. Sie gehört aus theologischer Sicht nicht zu den sogenannten »Adiaphora«, also zu den Lehrmeinungen, bei denen man sich einigen kann, uneinig zu bleiben, wie z.B. der korrekte Taufmodus. Sie darf auch nicht in den Bereich persönlicher Entscheidungsfreiheit verschoben werden, wie z.B. der bevorzugte Anbetungsstil oder das Fasten. Denn wie wir oben schon gesehen haben, enthält fast jedes neutestamentliche Buch einen (manchmal langen) Abschnitt oder mehrere Abschnitte über sexualethische Themen, die seine Leser implizit auffordern: Schaut, dass ihr als christliche Gemeinschaft die richtigen sexualethischen Normen anlegt. Denn das, was ihr in diesem Bereich tut und lasst bzw. gebietet und untersagt, gibt Auskunft über Gott, und es ist keine Bagatelle, wenn man über Gott falsches Zeugnis abgibt.
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