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Jochen Duderstadt

Schuld und Bühne

Schlimme Geschichten

Impressum

Schuld und Bühne

Jochen Duderstadt

Copyright 2012 Jochen Duderstadt

published at epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

ISBN 978-3-8442-2752-9

Ähnlichkeiten zwischen Personen, die leben oder gelebt haben, und solchen Personen, die in den nachfolgenden Erzählungen auftreten, ferner: Ähnlichkeiten zwischen tatsächlichen Ereignissen und den Begebenheiten, die in diesen Erzählungen geschildert werden, sind ausnahmslos zufällig und nicht beabsichtigt.

Ushuaia

Zum ersten Mal gesehen hatte er sie natürlich im Rahmen einer Erstberatung zu ihrem Trennungskonflikt. Außerhalb seines Berufs lernte Scheidungsanwalt Günter Trobitius keine Frauen mehr kennen, und es drängte ihn auch nicht danach, weil er zu der Überzeugung gelangt war, dass seine eigene schon anstrengend genug war. Überdies war er im Laufe der Jahre notgedrungen Frauenversteher geworden, und was er verstanden hatte, ließ das Bedürfnis, sein Privatleben mit weiteren Exemplaren dieses Geschlechts – gleich, in welcher Rolle - auszustaffieren, merklich abschwellen, nicht nur wegen der offenkundigen Defekte ihrer Gefühlswelt, sondern auch wegen des Mangels an unenträtselbaren Geheimnissen.

Die Mandantin war mit einem grauenhaften T-Shirt erschienen, auf dem in unentschlossen stilisierter Form die Ostküste Südamerikas abgebildet war.

Günter Trobitius kannte sich in Geographie einigermaßen aus. Das war nichts, worauf er stolz war. Er hielt das für völlig normal, und er hatte nie aufgehört, sich darüber zu wundern, dass vielen Leuten, auch Akademikern, die geringste Orientierung auf diesem Gebiet fehlte. Dass Omaha im Norden und Oklahoma City im Süden der USA liegt, dass der asiatische Teil Russlands größer ist als der europäische und dass die Osterinsel politisch zu Chile gehört, war ihm ebenso geläufig wie die Tatsache, dass auf den Falckland-Inseln englisch gesprochen wird, dass Indonesien mehr als 200 Millionen Einwohner hat und dass die argentinischen Straußenvögel nicht Emus heißen, sondern Nandus. Einem Geographielehrer zu begegnen, der darauf bestand, dass Lanzarote im Mittelmeer liegt, und der nicht eine einzige kanadischen Prärieprovinz benennen konnte, schlimmer noch: bei Wer wird Millionär einen veritablen Professor dieses Fachs vorgesetzt zu bekommen, der die Kurilen nicht von den Aleuten unterscheiden konnte, machte ihn ebenso fassungslos wie der Drehbuchschreiber eines Tatort-Krimis, in dem der Protagonist von Bulgarien aus über die Grenze nach Moldawien fährt, obwohl Rumänien dazwischen liegt, oder der TAZ-Journalist, der allen Ernstes schrieb, dass der ecuadorianische Nationalpark, zu dessen hälftiger Finanzierung die UNO beitrage (um zu verhindern, dass dort nach Erdöl gebohrt werde), über die Grenze nach Argentinien hineinrage, obwohl ja nun Peru und Bolivien einer solchen Grenzüberschreitung im Wege sind. Gelegentlich erinnerte er sich an eine Stelle in der Autobiographie von Pablo Neruda, in der dieser gelinde Zweifel an den enzyklopädischen Kenntnissen seiner intellektuellen Pariser Freunde äußert, die keine Ahnung haben, wo Chile liegt, aber ganz sicher sind, das es dort Elefanten gibt.

Immer wenn Günter Trobitius, dessen Erdkunde-Kenntnisse ja durchaus auch lückenhaft waren, so sehr er sich gelegentlich mühte (eines seiner Mantras war das Quartett der Großstädte in Ohio, die mit C anfangen, und an schlechten Tagen fiel ihm entweder Canton oder Cleveland nicht ein), mit der sektoralen Ignoranz seiner Umwelt konfrontiert wurde und auf diese Weise vorgeführt bekam, dass er hier herausragte, schämte er sich ein bisschen. Denn was war das schon? Kleinkram, Kinderwissen. Nicht zu vergleichen mit dem Wissen derer, die einem vergeblich zu erklären versuchen, wie eine Leber funktioniert oder was Enzyme sind, wie man das Begründungsproblem in der Ethik löst oder wie die statischen Voraussetzungen einer Hängebrücke zu ermitteln sind.

Um sich in Geographie im engeren Sinne auszukennen, braucht man sich bloß eine Weltkarte an die Wand zu hängen und sie ein paar Stunden anzustarren. Schon kann man die Westafrikanischen Staaten von Nord nach Süd abklappern und weiß, dass der Kilimandjaro weder in den Rocky Mountains noch in Nepal liegt. Dann liest man noch eine 500 Seiten-Schwarte zur Länderkunde und besucht flankierend einen Zoo. Na gut, wenn man in Geschichte und im Sprachunterricht nicht durchgängig geschlafen hat, ist das durchaus hilfreich. Sonst kann es passieren, dass man zwar Antwerpen auf Anhieb auf der Landkarte findet, aber die feste Überzeugung äußert, dass dort belgisch gesprochen wird.

Das war´s dann aber auch schon. Nichts, worauf man stolz sein sollte.

Der Vorteil, so dachte Günter Trobitius immer, besteht darin, dass man die Wirklichkeit ein wenig mehr durchdrungen hat. Der Nachteil ist: Man hat seine Unschuld verloren und wird deshalb schon zornig, wenn es in den Nachrichten heißt, der G 7-Gipfel habe auf den Azoren stattgefunden. Auf allen neunen? Wie denn das? Solche Nachrichten lösen einen leichten Google-Zwang aus. Aha, die Konferenz fand in Lages auf Terceira statt. Warum sagt ihr uns das nicht gleich.

Scheidungsanwalt Günter Trobitius starrte also auf die T-Shirt-Landkarte seiner Mandantin und sein abseitiges Interesse erwachte. Er hatte sie Personalien der Eheleute und der Kinder sowie die wichtigsten Daten zum beiderseitigen Einkommen und Vermögen aufgenommen und konnte nun so tun, als höre ihr zu, während sie zu einer längeren Selbstrechtfertigungsrede ausholte, die sich inhaltlich mit der plastischen Schilderung der Schlussphase des ehelichen Zusammenlebens deckte. Er hegte den amateurhaften Optimismus, dass eine Frau aus knapp zwei Metern Entfernung – sein Schreibtisch war ungewöhnlich bauchig – nicht sehen kann, ob einem das Gegenüber in die Augen oder auf die Brust blickt, und fing an der Amazonas-Mündung an.

Ah, Belém ist drauf, sogar Marajó im Delta, größte Flussinsel der Welt. Sehr schön. Weiter im Westen ist Manaus eingezeichnet. Richtig fett. Schönes Zugeständnis, denn eigentlich konzentriert sich die Karte ja auf die Küstenregion. Weiter die Küste runter, Richtung Ostostsüd. São Luís fehlt. Fortaleza ist drin, kann man ja auch erwarten bei 2,5 Millionen Leuten. Natal haben sie weggelassen, na gut. Aber da, João Pessoa. Alle Achtung. Auf den Reiseprospekt-Karten ist immer nur Recife drauf, ca. 100 km südlich. Über João Pessoa könnte ich ihr viel erzählen, nicht nur, dass es die östlichste Stadt Amerikas ist, sondern auch, dass sie nach einem Gouverneur benannt ist, der eigentlich Vizepräsident unter dem großen Getúlio Vargas werden sollte, dann aber 1930 sozusagen noch rechtzeitig gemeuchelt wurde, wobei man bis heute nicht weiß, ob es ein politischer Mord war oder eine Eifersuchtsgeschichte, aber das interessiert hier keine Sau. In Brasilien auch nicht mehr. Wichtiger ist, und das zeigt die Design-Katastrophe des bunten Hemdchens, dass João Pessoa genau denselben Breitengrad hat wie ihre Nuckelnuppel. Die Brüste führen hier zum Glück nicht zu wesentlichen Verzerrungen des Landschaftsreliefs, weil ... wie hat diese Sachverständige im Kunstfehlerprozess neulich so unnachahmlich höflich und einfühlsam zu meiner Mandantin gesagt? Sie sind da ja recht zart gebaut.

Tja, und deshalb nun Südamerika in 3 D. Und mit der Stimme aus dem Off, die allerdings ihr Thema verfehlt hatte. Keine Erläuterung der landwirtschaftlichen Nutzung des fruchtbaren Küstenstreifens, der Sklavenhaltung bis vor gut 100 Jahren, des Reichtums der Zuckerbarone, der genetischen Spuren der Holländer, denen Pernambuco vor vier Jahrhunderten drei Generationen lang gehörte, nichts über den Regenmangel im Sertão und die Revolte von Canudos, immer nur der Ehemann, der eine andere habe, keinen Unterhalt für die Tochter zahle und ihr jetzt das Auto nicht überlassen wolle ...

Sie sind da ja recht zart gebaut - das hätt ich als Mann nicht hinbekommen, auch wenn ich wie die Sachverständige schon seit 20 Jahren im Brustzentrum tätig gewesen wäre.

Andererseits, wenn ich ruppig bin, und das bin ich meistens, trifft´s auch die Richtigen. Da pass ich schon auf. Ja, genau, dieser Schweinehund von der Versicherung, der mich anrief, als ich den Prozess gewonnen hatte, und mich mit dem Kollegen von der Gegenseite verwechselte, um dann gleich den üblichen Haftpflichtversicherungssachbearbeiterquatsch loszuwerden: Bei einer solchen Rechtsprechung solle man sich nicht wundern, wenn die Versicherungen die Prämien erhöhen müssten, um nicht pleite zu gehen, und dann würden die Leute wieder auf die Assekuranz (er sagte wirklich Assekuranz) schimpfen statt auf die Oberlandesgerichte, usw. Ich hatte ihn dann lachend unterbrochen, um das Missverständnis aufzuklären. Er fing sich überraschend schnell und sagte tatsächlich, ich müsste doch auch zugeben, dass 50.000 € Schmerzensgeld bei so einer kleinen Titte eindeutig zu viel wär, und ich spürte, wie mir die Wutflamme durch die Brust schoss, nicht nur, weil die Mandantin mir erzählt hatte, dass sie Haltungsschäden bekommen hätte, weil rechts das geringe Gegengewicht fehlte, und ich hörte mich sagen: "Na ja, wenn Sie Ihren Schniedelwutz in die Heißmangel gekriegt hätten, würden Sie sicherlich nicht meinen, dass 50.000 € zu viel sind."

Einen Moment war es ganz still in der Leitung. Dann sagte der Minuskavalier, er habe keine Verlassung gegeben, ordinär zu werden. "Doch", korrigierte ich ihn, "wenn Sie die Höhe des Schmerzensgeldes von der Größe der amputierten Brust abhängig machen, sind Sie auf dem Niveau von RTL II mit seinem Tittenwiegecontest." Er musste nicht nachfragen, was das ist, er hatte die Sendung mit Sicherheit gesehen.

Nun, unter diesem T-Shirt hier wär nicht viel zu wiegen gewesen. Die linke Brust orientierte sich ungefähr an der Küstenkordillere, die rechte an der den peruanischen Anden. Die sind zwar doppelt so hoch, aber die Brüste einer Frau sind ja auch nicht immer symmetrisch. Das südliche Amazonastiefland war allerdings ein bisschen zu breit geraten.

In diese versunkenen topographisch-anatomischen Betrachten hinein platzte der Wechsel in der Modulation der Stimmführung der Mandanten: "Entschuldigung, ich erzähl Ihnen hier, wie meine Ehe den Bach runter gegangen ist, aber ich habe die ganze Zeit das Gefühl, dass Sie mir auf die Brüste starren."

"Und starren Sie nicht dauernd auf meine Titten, Mister ...", murmelte Günter Trobitius mechanisch und kaum hörbar.

"... sonst hau ich Ihnen die Scheiße aus den Knochen", ergänzte die Mandantin.

Günter Trobitius fiel die Kinnlade herunter. "Sie haben Bukowski gelesen?"

"Ach wissen Sie, ich habe Anglistik studiert, und nach 200 Seiten Jane Austen brauch ich immer dringend so etwas wie Big Bart. Wer immer nur ungezuckerten grünen Tee trinkt, muss auch mal einen rauchigen Whiskey hinterherschicken."

"Umgekehrt ist mir das nie so gegangen", gestand Günter Trobitius, "aber zurück zu meinen angeblich lüsternen Blicken, denn darauf wollten Sie ja wohl hinaus. Ich muss schon sagen, Sie machen mir Spaß. Sie erscheinen hier mit einer Landkarte und wundern sich, dass ich mich dran festgucke."

"Landkarte?"

"Na, Ihr T-Shirt."

Sie lachte befreit.

"Ach du Schreck. Entschuldigung. Das Ding ist grässlich, aber ich musste es heute Mittag meiner Tochter zuliebe tragen. Sie ist gestern aus Bahia zurückgekommen, da war sie 9 Monate lang Au-Pair. Sie hat mir das Ding mitgebracht, und ich hatte vorhin keine Zeit mehr, mich umzuziehen."

"Salvador."

"Bitte?"

"Salvador heißt die Stadt. Sie ist die Hauptstadt des Bundesstaates Bahia. Schauen sie mal, ich schätze, es steht sogar drauf, müsste direkt in der Falte unter ihrer linken Brust sein."

Sie hob Ihre linke Brust mit der linken Hand etwas an, was, wie Rechtsanwalt Günter Trobitius fand, durchaus anmutig aussah.

"Wenn ich das von oben richtig lese ... stimmt. Ich hoffe, dass Sie bei der Unterhaltsermittlung genau so pingelig sind."

"Keine Sorge. Ich hab schon bisher gut zugehört. Bin zwar männlichen Geschlechts, aber für so viel Multitasking reicht es noch, dass ich alles Rechtsrelevante herausfiltern kann, obwohl Sie hier in Begleitung der südamerikanischen Ostküste zu mir gekommen sind. Wissen Sie, ich habe eine besondere mentale Beziehung zu Brasilien, und gucke dann natürlich unwillkürlich, ob das Wichtigste drauf ist."

"Ach so, dann tun Sie sich keinen Zwang an. Ich unterbreche kurz, bis Sie mit Ihrem, äh, visuellen Kontrollgang fertig sind."

"Danke, geht schnell. Ich kann Sie auch gern beteiligen."

"Herr Rechtsanwalt, ich habe gerade andere Probleme und Interessen, aber wenn´s sein muss ..."

Sie wirkte mittlerweile eher amüsiert als genervt.

"Gut. Salvador hatten wir schon. Au, Porto Seguro fehlt."

"Na und?"

"Na, an der Stelle ist Brasilien entdeckt worden."

"Hochinteressant. Ich bin sicher, dass Sie auf den Tag genau wissen, wann."

"Klar, 21. April 1500. Rio ist drauf, São Paulo auch, Belo Horizonte fehlt."

"Belori was?"

"Be-lo-ri-song-tschi. Millionenstadt immerhin. Kennt jeder Fußballfan. Viele Brasilianer, die in der Bundesliga spielen, kommen von einem der dortigen Spitzenclubs, Atletico Mineiro und Cruzeiro."

"Bitte, nicht das noch. Außerdem: Wenn Beo Dingsda nicht auf der Karte ist, liegt´s vielleicht daran, dass nur die Küstenstädte drauf sind, hm?"

"Kann nicht sein. Manaus und São Paulo sind ja auch drauf."

"Skandalös. Am besten, ich flieg morgen nach Brasilien und tausch es um."

Rechtsanwalt Trobitius war entzückt von ihrem sarkastischen Lächeln.

"Glänzende Idee. Vorher lassen Sie mich bitte noch ... Moment, bin auch gleich durch. Florianopolis fehlt, Porto Alegre ist drauf, sehr schön, da ist Brasilien auch schon zuende. Montevideo, Buenos Aires, Rosario hätte noch reingepasst, Schade, da ist jetzt ihr Gürtel."

"Was vermissen Sie denn noch?"

"Ushuaia."

"Wo ist das denn?"

Rechtsanwalt Günter Trobitius schaute seiner Mandantin ungerührt in den Schritt und sagte "Feuerland".

Wie konnte mir das wieder passieren? fragte er sich mit der Nervosität dessen, der zu weit gegangen ist. Ich hätt ja auch tierra del fuego sagen können, das hätt sie nicht verstanden und alles wär gut gewesen. Wenn sie jetzt aufsteht und einen Satz ausspeit, der mit einem entrüsteten "Also wirklich" beginnt, seh ich sie nicht wieder. Wenn sie lacht und bleibt, werd ich mich für sie im Scheidungsprozess zerreißen.

Seine Mandantin lachte sehr laut, und es klang, wie Rechtsanwalt Trobitius fand, ein bisschen nach seinen weiblichen Auszubildenden, wenn sie zu viel billigen Sekt getrunken hatten. Ihr Lachen brach abrupt ab, so wie es bei vielen kopfgesteuerten Frauen geschieht, die registrieren müssen, dass sie unter ihrem Niveau gelacht haben. Sie stand auf und sagte:

"Also wirklich, ich bin nicht hergekommen, um mir hier Ihre Anzüglichkeiten anzuhören. Irgendwann reicht es. Es gibt noch andere gute Anwälte."

Grußlos wandte sie sich zum Gehen.

Murat

Günter Lux war sich natürlich darüber im Klaren, dass die beiden in der Jugendkammer sitzenden Männer der Vertreterin der Jugendgerichtshilfe nur deshalb so geduldig und nach seinem Eindruck sogar begierig zuhörten, weil sie schön war, ungeschminkt schön. Sie hatte haselnussbraune Locken und einen Mund, der Phantasien weckte, die nicht in den Gerichtssaal gehören.

In der russischen Literatur, so fiel ihm ein, ist in solchen Fällen von einer mühelosen Schönheit die Rede. Ihm und den anderen Männern fiel es schwer, den Blick von ihr abzuwenden, was auch daran lag, dass der Gerichtssaal keine Attraktivitätsalternative bot, an der die Blicke, auch seine eigenen, hätten andocken können.

Der Angeklagte Murat Ibrahimović, den er als Pflichtverteidiger vertrat, war ein rothaarig-struppiger und ungeachtet seines jugendlichen Alters schon bedenklich zahnarmer Bosnier. Die Staatsanwältin hatte, soweit man das sehen konnte, ihr Haare überall da, wo sie nicht hingehören, in Sonderheit auf den Zähnen, und die beiden Richter sahen so aus, wie Männer zwischen Mitte 40 und Mitte 50 eben aussehen. Die einzige Frau auf der Richterbank, eine Fleischereifachverkäuferin, die es unter die Laienrichter verschlagen hatte und die während der gesamten Verhandlung verständnislos dreinschaute, war auf eine unwabbelige Weise dick, hatte dünne blonde Haare und einen Teint, dem man ansah, dass sie das Schweinefleisch billiger bekam.

Selbst der Angeklagte würde sich allenfalls das Gericht des Vorsitzenden merken können, und das auch nur dann, wenn er seine Berufung verwerfen würde.

Auch der Vorsitzende schaute die Kleine, die seine Tochter hätte sein können, aufmerksam und mit anfänglichem Wohlgefallen an. Zweierlei fiel ihm sofort auf: Die junge Dame war dem Angeklagten an Jahren, aber nicht an Verschlagenheit ebenbürtig und erzählte, auch das merkte er nach dem ersten Satz, einen derartigen Stuss, dass er und die beiden Nichtprofis, vielleicht mit Ausnahme der Schöffin, Mühe haben würden, nachsichtig zu bleiben. Die Staatsanwältin, der der Widerstreit zwischen Großhirn und limbischem System in dieser Situation fremd war - sie kannte diesen Konflikt nur als Alt-Sängerin im Kirchenchor, wo die Bachsche Gänsehautmusik mit stumpfsinnigen Texten kollidierte -, betrachtete sie dagegen aus Augen, mit denen man ohne weiteres hätte Nägel einschlagen können. Castor und Pollux, ihre beiden risikolos geliebten Afghanen, kamen ihr in den Sinn, vor etwa 10 Jahren gestartet als Konvergenzhunde, damals, als sie noch schlank und im Gesicht weniger verhärtet war. Mittlerweile waren die Tiere zu Komplementärhunden mutiert, immer noch schön, schlank und schnell, mit langen braunen Haaren und glänzenden schwarzen Augen. Castor und Pollux, so erkannte sie jäh, hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit der Vertreterin der Jugendgerichtshilfe, aber sie redeten keinen Scheiß.

Die Kleine war immer noch bei der Vorgeschichte, d.h. bei der von Murat schlampig geschönten Biographie:

"Also, er war ja nun Asylbewerber, und sonst hätten sie ihn auch zurückgeschickt in die Hölle da, also im nahen Osten, und er hätte noch viel eher untertauchen müssen, also nicht erst nach diesen Schlägereigeschichten, die die Polizei ihm da anhängen wollte - also ganz klar: die anderen haben angefangen, das glaub ich ihm, weil ..."

"Hören Sie mal, Frau Weber", unterbrach die Staatsanwältin mit scheppernder Stimme, "Sie brauchen dem Herrn Verteidiger hier nicht die Arbeit abzunehmen, erst recht nicht, wenn es um Ermittlungsverfahren geht, die längst eingestellt sind."

"Fahren Sie bitte fort", sagte der Kammervorsitzende verbindlich, "und zwar möglichst ohne zu plädieren."

"Ja, also der Murat war ja nicht nur so genannter Deserteur, sondern die waren auch, das hat er mir mal so richtig voll ehrlich gesagt, also die waren auch hinter ihm her wegen so ner Aktion gegen Zivilisten, also der Murat ist nämlich eigentlich Bosnier, und in Mostar, da musste er dann auch mal ein paar Handgranaten in einen Kindergarten reinwerfen, wo sich die Serben verschanzt hatten, ich mein, er konnt ja nicht wissen, dass da noch ..."

"Halt", rief Günter Lux dazwischen. "Das geht so nicht. Wir verhandeln hier über angebliche Einbrüche in Gartenlauben. Da brauchen wir weder Gräuelpropaganda noch die Selbstbezichtigungen eines Traumatisierten."

Der Richter streifte den Verteidiger mit einem dankbaren Lächeln und sagte:

"Frau Weber, noch einmal, bei allem Respekt vor Ihrem Engagement: Sie sollten die Heldentaten des Angeklagten im Krieg vielleicht weglassen. Ich glaube nicht, dass Sie ihm damit einen Gefallen tun, und darauf kommt es ihnen ja schließlich an, wie uns allen hier nicht entgangen ist."

"Ja also o.k., ich wollt nur sagen, im Krieg verliert man ja auch manchmal den Überblick. Bei diesem Wahnsinnsstress und so. Na ja, und dabei hat er sich dann, hat er mir erzählt, noch ganz plötzlich in die Kindergärtnerin verliebt, und die fand ihn wohl auch nett, und, na ja, das haben sie ihm jedenfalls als Ver ..."

Günter Lux wurde erstmals laut: "Frau Weber, auf die Erörterung der Vorstrafen kommen wir später, und seien Sie bitte so freundlich, alle strafrechtlich relevanten Vorgänge wegzulassen, die sich vor der Ankunft des Angeklagten in Deutschland ereignet haben."

Der Schöffe, ein Deutschlehrer an der Realschule, räusperte sich und sagte mit müder Stimme:

"Wir sollten den Ausgangspunkt nicht aus den Augen verlieren. Hier geht es in erster Linie um die Frage, ob der Angeklagte oder, wie Frau Weber sich auszudrücken beliebt, der Murat, als Heranwachsender einfach noch unreif ist oder eine jugendtypische Verfehlung, oder meinethalben, Frau Staatsanwältin, eine ganze Serie davon, begangen hat. Deshalb würden wir uns freuen, wenn Sie, Frau Weber, sich auf Ausführungen beschränken könnten, die uns die Beantwortung dieser Frage erleichtern."

Seine Stimme hatte für ihn selbst eine Art Weckruffunktion. Er blickte die junge Frau jetzt munter und sogar ein wenig kokett an.

Die Angesprochene schaute keineswegs irritiert, sondern eher etwas angewidert in Richtung Berufungskammer.

"Ich mein, wir leben hier im tiefsten Frieden und haben gut lachen. Ich möcht nur sagen, also es gibt da auch welche in unserer Friedensgruppe, die haben dem Murat jede Solidarität verweigert. Diese Heuchler. Dabei erzählen die zum Beispiel frauenfeindliche Witze und waren noch nie im Krieg."

Die Staatsanwältin schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und sagte schneidend:

"Junge Frau, ich brauche sicherlich nicht auszuführen, dass auch ich kein Freund von frauenfeindlichen Witzen bin, obwohl Ihr Auftreten hier durchaus geeignet ist, die Verbreitung von Blondinenwitzen zu fördern, ..."

"Bitte, Frau Staatsanwältin, keine Schärfen", unterbrach der Vorsitzende. Zeitgleich rief die Bespöttelte:

"Ich bin doch gar nicht blond."

"Unterbrechen Sie mich bitte nicht", sagte die Staatsanwältin kalt, sah dabei aber nur ihre Geschlechtsgenossin an. "Da Sie schon bei Ihren körperlichen Attributen sind: Ich sitze ja hier ganz in Ihrer Nähe. Der Herr Verteidiger, man sieht es ihm an, säße gern an meiner Stelle (Günter Lux winkte genervt ab), und da ist mit aufgefallen, Sie haben da einen Schatten über dem linken Auge, der nur geringe Ähnlichkeit mit einem Lidschatten hat, aber an ein Hämatom erinnert, das im Abklingen begriffen ist. Da Sie ja hier jede Distanz zum Angeklagten vermissen lassen, erlaube ich mir die Nachfrage, ob das blaue Auge vielleicht Ausdruck dieses Mangels an professioneller Distanz ist. Ich erinnere mich an die Schlagzeile, die ich vorgestern in einer seriösen Zeitung gelesen habe: Gleichstellungsbeauftragte von ihrem afghanischen Freund erschossen."

Sie lächelte verächtlich und unterdrückte einen leisen Schmerz.

"Sie brauchen diese Frage nicht zu beantworten", sagte der Vorsitzende schnell und bedachte die Staatsanwältin mit einem zornigen Blick. Günter Lux fiel auf, dass der Richter sich kurz darauf nervös über das schüttere Haar strich und dass sowohl die Haarfarbe wie auch Haardichte eine beträchtliche Ähnlichkeit mit den Borsten einer betagten Glanzbürste hatte, mit der braune Schuhe poliert werden.

"Na ja", sagte die Kleine unbeirrt, "immer wenn ich mipm blauen Auge in unser Koordinationskomitee komme, ernte ich auch solche Blicke, ich mein, das ist doch klar, dass der Murat noch nicht so weit ist, dass er keine Frauen schlägt. Wenn es passiert, dann gucken sie irgendwie schadenfroh, diese Scheißtypen, Entschuldigung. Das ist natürlich immer einfacher, als da bei dem Opfer von solchen Kriegsgräueln Aufklärungsarbeit zu leisten und mit ihm seine Erlebnisse aufzuarbeiten und so."

Ogottogott, dachte der Kammervorsitzende, wen haben sie uns denn da geschickt.

"Übrigens sind da einige Frauen, muss ich ganz ehrlich sagen, auch nicht besser. Die eine hat auch völlig verständnislos reagiert, wie der Murat sie am Ende von unserer Solidaritätsparty ... , also er war auch ein bisschen betrunken, und da hat er sich ihr ein bisschen fordernd genähert, und da musste diese Bratze dann auch gleich wieder n Vergewaltigungsversuch draus machen - ich mein, das muss man doch auch im historischen Zusammenhang sehen und so. Der Murat ist so in einer voll machistischen Gesellschaft groß geworden, da kann er doch schließlich nichts für, und von daher ist es auch ganz normal, wenn er so reagiert. Ich beschwer mich ja auch nicht, dass ihm mal die Hand ausgerutscht ist, er fühlte sich eben von mir provoziert mit meinen Fragen und weil er sauer war, weil ich mal zu spät kam, als wir uns privat getroffen haben. So, jetzt wissen Sie´s. Aber Sie, Frau Staatsanwältin, wollen das nicht verstehen. Und jetzt will ich zum Punkt kommen: Als der Murat nach Deutschland gekommen ist, kannte er hier keinen, und da hatte er voll die Schuldgefühle, weil er ja desertiert war, wie es so schön heißt. In Wirklichkeit ist er da weg, weil er sich nicht weiter an den befohlenen Massakern beteiligen wollte. Aber das hat ihn so verfolgt, dass er angefangen hat zu trinken, und weil er das als Moslem auch nicht darf, hat er noch schlimmere Schuldgefühle gekriegt, und da musste er noch mehr trinken. Und weil das Geld kostet, hat er sich das durch Einbrüche in den Gartenlauben besorgt. Und dann eben den einen Tag, als ihn einer gesehen hatte und all die Kleingärtner mit Gartengeräten bewaffnet hinter ihm her waren, musste er ein Auto kurzschließen, um zu entkommen. Da hatte er schon so allerhand intus, wie Sie das wohl nennen würden, und da ist er dann erwischt worden. Also ich meine, dass Laubeneinbrüche und ein Auto kurzschließen unter Alkohol und so, dass das jugendtypische Sachen sind, das machen viele in dem Alter so zwischen 18 und 21. Und Reifeverzögerung hat er auch, weil nämlich seine Eltern hat er lange nicht gesehen, er weiß gar nicht, ob die noch leben, er musste ja mit 18 zum Militär, und da hat auch seine Einstellung zu Frauen drunter gelitten, Frau Staatsanwältin, auch wenn Sie jetzt wieder so lächeln. Der Murat ist noch nicht so weit. Und deshalb meine ich, dass er noch Jugendstrafrecht kriegen muss."

Der Kammervorsitzende bedankte sich betreten, schloss die Beweisaufnahme und erteilte dem Pflichtverteidiger das Wort.

Günter Lux legte sich schwer ins Zeug. Es ging zum einen darum, noch unter den Schutz des Jugendgerichtsgesetzes zu kommen, obwohl der Angeklagte zum Zeitpunkt der Taten schon etwa 20 ½ Jahre alt war, zum anderen und vor allem darum, dass die einjährige Jugendstrafe im Gegensatz zum Urteil der 1. Instanz noch einmal zur Bewährung ausgesetzt wurde. Günter Lux hob insbesondere die Ausführungen des vor dem Auftritt der Vertreterin der Jugendgerichtshilfe angehörten Sachverständigen Dr. Zlatan Pančević zum posttraumatischen Belastungssyndrom des Angeklagten hervor, bagatellisierte die Laubeneinbrüche der Vergangenheit, die seinem Mandanten einen mehrwöchige Arrest eingebracht hatten ("Dummejungenstreiche"), und ritt so lange auf der Reifeverzögerung seines entwurzelten Mandanten herum, bis er sich schließlich selbst glaubte. Schließlich wandte er sich an die Schöffen und beschwor sie in ausgesucht schlichten Worten, dem Angeklagten nicht die Empathie zu versagen, die die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe ihm sicherlich nicht ohne Grund hatte zukommen lassen.

All dies verlieh seinem Schlussvortrag eine derartige Überzeugungskraft, dass das Gericht (unbeeindruckt durch das nachfolgende Plädoyer der Staatsanwältin, die erwartungsgemäß beantragte, die Berufung zu verwerfen, nicht ohne die junge Dame als naive Unterstützerin krimineller Ausländer zu verhöhnen und den Angeklagten als feigen Deserteur zu brandmarken, der das Gastrecht in Deutschland mit Füßen getreten habe) schließlich trotz großer Bedenken, die der Kammervorsitzende auch in aller Breite erläuterte, die Freiheitsstrafe unter Anwendung des Jugendgerichtsgesetzes mit straffen Auflagen zur Bewährung aussetzte.

Als der Dolmetscher mit der Übersetzung der Urteilbegründung fertig war, huschte ein flüchtiges Siegerlächeln über das Gesicht von Murat Ibrahimović. Der Abschied von Günter Lux war eher frostig-formell. Murat Ibrahimović war der Überzeugung, dass der Verteidiger nichts taugte, weil es ihn umsonst gab. Das Ergebnis schrieb er Frau Weber zu, die er Wochen zuvor mit dem hochbetagten Trick herumgekriegt hatte, sie wolle ja bloß nichts von ihm wissen, weil er Moslem sei. Günter Lux dachte, dass sein Pflichtverteidigerhonorar von 216 € in einem auffälligen Missverhältnis zu der Tatsache stand, dass er seinem Mandanten ein Jahr Knast erspart hatte, Ganz unabhängig davon hielt er ihn für einen Drecksack.

Drei Wochen später saß Günter Lux mittags in einem Café in der Nähe seiner Kanzlei und las die örtliche Tageszeitung. Er war ein wenig verärgert und besorgt, weil eine seiner Scheidungsmandantinnen, Frau Schünemann, um 12 Uhr nicht zum Besprechungstermin erschienen war, obwohl sie als zuverlässig gelten konnte. Er mochte sie. Es waren ihre Lebensumstände und ihr Naturell, nicht etwa ihr Aussehen, die seine Empathie für Frau Schünemann hervorgerufen hatten. Sie war groß und hager. Ihre kurzen blonden Haare hatte sie schon lange nicht mehr einem Friseur vorgeführt, was ihm zusätzlich gefiel, weil es seiner Ansicht nach große Souveränität verriet. Sie lebte von einem Mann getrennt, der krankhaft eifersüchtig war, der sie geschlagen und betrogen hatte. Und jetzt mit den Einkommensauskünften nicht überkam. Sie verstand politische Anspielungen und Wortspiele. Manchmal schwang in ihren Bemerkungen sogar eine federleichte Anzüglichkeit mit. Sie konnte analytisch denken und mied Sprachschleifen. Wenn es ihr gleichwohl gelang, ihren Anwalt an den Rand seiner Geduld zu treiben, so war es ihre Unentschlossenheit, über die sie sich allerdings – was ihn regelmäßig versöhnte – selbst lustig machen konnte. Günter Lux hatte ihr einmal Feuer angeboten, und zwar mit einem Feuerzeug, das er lange Jahre zuvor in einer Kneipe einer hausierenden Taubstummen abgekauft hatte und aus dem zwei Flammen hervor geschossen kamen. Frau Schünemann hatte die Zigarette sinken lassen und gesagt: "Ich kann mich einfach nicht entscheiden."

Günter Lux überflog die Todesanzeigen und schlug den Lokalteil auf. Er sah das farbige Foto eines zerknautschten Autos, das ihm von seinem Kanzleiparkplatz her bekannt vorkam, und las folgenden Text:

Ein polizeibekannter 22-Jähriger verursachte gestern auf der K 411 mit einem gestohlenen Auto einen schweren Verkehrsunfall. Bei einem leichtsinnigen Überholmanöver stieß er mit dem entgegenkommenden Pkw (Foto) zusammen. Die Fahrerin erlitt schwere Verletzungen. Sie liegt derzeit auf der Intensivstation der Poliklinik. Nach Auskunft der Ärzte schwebt sie in Lebensgefahr. Der Unfallverursacher hatte keine Fahrerlaubnis. Das vorläufige Ergebnis der Blutprobe betrug 1,78 Promille.

Lux vernahm ein Rascheln in seiner Zeitung. Er sah seine Finger zittern und ließ die Zeitung sinken. Als sein Herzklopfen nachgelassen hatte, war der Cappuccino kalt. Er legte einen Schein auf den Tisch, wartete nicht auf das Wechselgeld, stand auf, rief per Handy sein Büro an und sagte alle Termine ab. Als er auf den Parkplatz kam, beschleunigten sich seine Schritte.

Akustische Emissionen

Ich bin lieber gleich zu ner Frau gegangen.

Ein Mann als Anwalt – nee, das hätte bei der Geschichte, die ich dir jetzt erzähle, gleich zu den üblichen Männersprüchen geführt, mindestens zu kleinen Anspielungen. Solchen Kumpaneischnacks und chauvinistischen Äußerungen. Kennste eine, kennste alle. In der Preislage halt. Du kennst das ja wahrscheinlich auch. Man braucht Männern nur eine Weile zuzuhören.

Und wenn ich den Typ, zu dem ich sonst immer gehe, wenn ich rechtliche Probleme habe, also wenn ich den beauftragt hätte und wenn der keine Sprüche in dieser Art gemacht hätte, dann hätt ich das Gefühl gehabt, dass er die nur mühsam unterdrückt oder Mühe hat, nicht loszuprusten, verstehst du, und da kann ich auch nicht drauf. Ich bin zwar auch ´n Mann, aber du weißt ja, ich mag so was nicht. Vor allem dann nicht, wenn die Geschichte nicht zum lachen ist, d.h. für mich nicht, denn, wie soll ich sagen, immer wenn es um Sex geht, finden alle irgendwas zum lachen, außer sie sind selbst betroffen, und das war ich hier, obwohl nur indirekt, aber der Reihe nach.

Ich mach also n Termin mit der Anwältin, die mir ne Freundin vom Töpferkurs empfohlen hat. Mir war ganz schön mulmig. Aber egal. Sie bittet mich rein, und ich sag ihr, Frau Doktor, ich hab hier ne Anklageschrift.

"Sie meinen wahrscheinlich eine Klageschrift", sagt sie spitzfindig, "zeigen Sie bitte mal her."

"Nein", sag ich, "erst muss ich ihnen die Vorgeschichte erzählen."

Sie lehnt sich zurück, verdreht unmerklich die Augen und sagt: Dann legen Sie man los.

Ich also: "Frau Rechtsanwältin, Sie wissen vielleicht, es gibt Frauen, die beim Sex einen unheimlichen Lärm machen."

"Das ist mir durchaus geläufig", antwortet sie so irgendwie geziert, und ich wusste nicht genau, meint sie andere Weiber oder spricht sie von sich. Da war´s mir schon richtig peinlich, und ich mein, da hätt sie drauf Rücksicht nehmen müssen, dass mir das alles nicht leicht fiel, in die Geschichte rein zu kommen. Ich hab dann aber doch gesagt: "Nicht nur das, also es klingt manchmal wie Schmerzensgebrüll, man denkt unwillkürlich, es geht ihnen verdammt schlecht, sie werden geschlagen, gequält und gefoltert, dabei ist wahrscheinlich das Gegenteil der Fall, haben Sie so was schon mal, ich mein, kennen Sie das?"

Und sie: "Keine Sorge, ich nehme Ihnen das ab."

Und ich sag, weil ich n bisschen durcheinander war: "Ich hab das Gefühl, Sie glauben mir das nicht, soll ich mal vormachen?"

Da war sie plötzlich erschrocken und sagt:

"Bloß nicht, nebenan sitzt meine Sekretärin, das ist hier ziemlich hellhörig, was soll die denn denken, was hier los ist? Und außerdem, ich versteh bis jetzt nicht ganz, warum Sie mir erzählen, was für Laute die Leute beim Sex ausstoßen. Wenn es um Mietminderung geht, sag ich ihnen gleich, das ist in aller Regel hinnehmbar, der Vermieter hat darauf nur bedingt Einfluss, und schließlich ist das ja auch normalerweise in einer viertel Stunde wieder vorbei."

Und ich konnt mich nicht beherrschen und werd laut: "Viertelstunde? Ne geschlagene Stunde geht das so! Und ihre Kinder wachen auf und weinen und denken, da bringt einer ihre Mama um."

"Aber das ist nicht strafbar, sagt sie, deshalb wundert´s mich, dass Sie da eine Klageschrift oder Anklageschrift mitbringen, wie Sie sagen, ich weiß ja auch gar nicht, gegen wen die sich richtet, also seien Sie doch so nett, mir den Text endlich mal zu zeigen."

"Sie sollten mich nicht unterbrechen", sag ich, jawoll, hab ich ihr gesagt, ich mein, ich hatte vorne den Beratungshilfeschein abgegeben, da kann sie schon mal zuhören.

Ich sag: "Ich komm ja gar nicht dazu, Ihnen die Geschichte zu erzählen, Also, über mir da wohnt meine Nachbarin, das ist so eine üppige, leicht vulgär aussehende Brünette. Und wie die ihren neuen Freund kennengelernt hat, geht das Theater los, ich mein, wir hatten uns vorher ein bisschen angefreundet, deshalb konnt ich sie nach den ersten Malen noch fragen, warum das so lange dauert, und sie lacht und sagt, der Kerl zieht sich ne Linie Kokain auf sein Ding und dann kann der endlos."

"Merk ich mir", sagt die Anwältin und wirkt zum ersten Mal so richtig bei der Sache. "Erzählen Sie weiter."

Na ja, und dann erzähl ich ihr das von meiner Bekannten, die mir die Geschichte eingebrockt hat. Ich kannte da eine Zeitlang eine Frau, mit der hab ich mich manchmal getroffen, also jetzt übrigens nicht mehr. Wir waren uns näher gekommen, weil ich immer ihren Dackel gestreichelt hab, wenn sie mir entgegenkam, und da hat sie gedacht, dass ich Tiere gerne mag und dass einer, der ihren Dackel tätschelt, auch scharf drauf ist, sie zu streicheln, dabei war das n Missverständnis, ich hab ihre Töle nur gekrault, weil ich Angst hatte, dass sie mich sonst beißt. Aber das erzähl ich jetzt nur dir. Na jedenfalls kam sie dann manchmal rüber, und wir haben uns Tiersendungen angekuckt, Gnu- und Zebrawanderungen in der Serengeti und so´n Zeug. Und eines Abend ging der Terror oben wieder los ...

Also jetzt fang bitte du nicht auch noch an, mich zu unterbrechen. Warum ich immer noch Junggeselle bin, das wollen immer alle wissen. Und wenn ich mal jemanden kennen gelernt habe, warum das dann immer so schnell wieder vorbei ist. Alle finden das wahnsinnig interessant. Alle machen sich n Kopf, ob ich die Richtige noch nicht gefunden habe. Ob ich mir nichts aus Frauen mache. Ob ich schwul bin. Oder ne runzlige Freundin habe, die ich keinem vorführen möchte. Oder auf kleine Mädchen steh. Oder kleine Jungs. Oder von mir aus auf Tiere. Dabei fragt sich keiner, ob ich Sex überhaupt interessant finde. Nein. Nein, ehrlich! Ich kann dem Sex mit Lebewesen nichts abgewinnen. Liliane, du bist meine Schwester, und ich sag dir jetzt mal was, weil du der einzige Mensch bist, dem ich vertraue und bei dem ich sicher bin, dass er es nicht gleich raustrompetet: Ich finde Sex grässlich, egal mit wem, auch mit mir selbst. Dieses Geschwitze und Geschlotze und Gesauge und Genuckel und Geschleime in allen möglichen verstunkenen, glitschigen Löchern, Höhlen und Öffnungen – bäh, nee, geh mir, ich muss das nicht haben. Dazu kommt noch: Alles ist so widerlich lebendig, so irgendwie organisch, nichts steht mal still, alles ist so unberechenbar, so kompliziert, verstehst du, was ich meine?

Es ist nicht so, dass ich ohne Leidenschaft bin. Ich liebe zum Beispiel meine Kettensäge. Ehrlich. Offen gestanden: Wenn ich das Kettenöl rieche und die kleinen blitzenden gekehlten Messerchen sehe, habe ich einen stehen, erst recht, wenn sie loslegt. Dieses geile Gebrüll! Dieser geile Geruchsmix aus verbranntem Benzin mit Motoröl. Die Späne, die sich mit dem Kettenöl in den Ritzen zwischen Gehäuse und Schwert vermischen. Ich sag dir, das gibt eine Paste, gegen die ist Schokolade mit Orangenstückchen gar nichts. Aber das bleibt alles folgenlos. Man nennt das Objektophilie; hab ich vor Jahren beim Googeln erfahren. Ich kenn sonst keinen, dem es so geht. Macht nix. Jetzt hältst du mich natürlich für komplett pervers. Macht auch nichts. Vergiss nicht: Ich tu keinem weh. Kein Liebeskummer, keine unerwünschte Schwangerschaft, keine Geschlechtskrankheit, kein Übergriff, kein sexueller Missbrauch, nichts von all dem ganzen Elend geht von mir aus. Ich bin so harmlos, dass man mir den Friedensnobelpreis verleihen sollte, echt.

Aber zurück zum Thema: Die Ex-Bekannte, hab ich noch gar nicht gesagt, ist bei der Polizei. Im Fernsehen waren gerade die Gnus, Kaffernbüffel und Löwen zugange, die brüllten natürlich ordentlich, so dass wir erst dachten, der Krawall käm aus der Glotze. Aber dann hörten wir die Kinder greinen, und sie kuckt nach oben und sagt:

"Da musst du was machen, das ist Verletzung der Fürsorgepflicht."

Und ich: "Was? Ich muss wen zur Fürsorge schicken? Nennt man das heute nicht Sozialagentur?"

Sie guckt mich mitleidig an und sagt:

"Na hör mal, das kann man auch als Museumsaufsicht wissen. Bist du denn völlig aus der Welt? Eltern müssen auf ihre Kinder aufpassen und sie versorgen, und dazu gehört auch, dass sie sie nicht in Panik versetzen oder verkommen lassen, und wenn sie es trotzdem tun, kriegen sie einen Einlauf, steht irgendwo im Strafgesetzbuch."

Und ich sag noch: "Geht mich doch nichts an, sind ihre Kinder", und da wird sie richtig grundsätzlich und sagt: "Glaub mir, ich hab´s bei der Polizei ständig mit Gewaltschutzgeschichten zu tun, also mit häuslicher Gewalt gegen Kinder und Frauen, und der Mist, auf dem so was wächst, ist genau diese Einstellung Geht mich doch nix an bei den Nachbarn. Und wenn du diese verkommene Kackbratze jetzt nicht anzeigst, dann mach ich das, und du bist blamiert, wenn meine Kollegen dich dann fragen, warum du dir das so lange angehört hast."

Dass ich da eine Weile rumgeeiert bin, hab ich der Anwältin dann auch erzählt, und dann auch, dass ich tatsächlich am nächsten Tag zur Polizei bin und dass das Theater dann erst richtig los ging. Mit Protokoll, Vorladung der Nachbarin, Befragung der Kinder. Die Nachbarin trifft mich beim Wäscheaufhängen und kreischt mich an, ich wär ein Scheißdenunziant und ein Polizeispitzel und sonst was, und außerdem wär ich bloß eifersüchtig, weil ich als schwule Sau nicht so einen, ich sags mal in ihren Worten, krassen Ficker hätte. Ich ging nervlich schon am Stock, und dann kam auch noch der Anruf ihres Ex mit wüsten Vorwürfen, so nach dem Motto, das hätt ich mir alles ausgedacht, Produkt meiner kranken Phantasie, ich wär ja bloß frustriert, und das könnte alles gar nicht sein, denn während seiner zehnjährigen Ehe mit seiner Ex hätte sie, das könne er schwören, nie derartige Töne von sich gegeben, und das habe er auch der Polizei so geschrieben.

So fremd mir das alles ist, Liliane: Die Bullen und Bulletten werden sich doch schlapp gelacht haben, als sie das lesen durften.

Dann kam was Interessantes, was ich in dieser Affäre natürlich zum ersten Mal erfahren habe, aber meine Verteidigerin hat mir bestätigt, das das immer so geht. Jedes Ermittlungsverfahren, so nennen die das glaub ich, ich seh ja keine Krimis, hat eine spezielle Dynamik. Mittendrin ist ein Scheitelpunkt erreicht. Davon merkt man als Betroffener erst mal gar nichts. Und von da an gibt es drei Wege. Entweder der Anfangsverdacht hat sich so richtig verdichtet, dann ist der Beschuldigte dran, es kommt eine fette Anklageschrift und er wird vor Gericht gezerrt. Der zweite Weg ist: Die ahnen, dass das alles nicht reicht für eine Verurteilung und stellen den Scheiß ein. Und der dritte, von dem ich nun überhaupt nichts geahnt hab, denn sonst hätt das mal schön bleiben lassen trotz der Dröhnerei von meiner sauberen Bekannten, der geht so: Die Karre, die sie da sozusagen den Berg hochgewuchtet haben, wird losgelassen und rumpelt vollrohr auf den zu, der die ganze Sache mit seiner Anzeige angeschoben hat. Da staunst du, was?

Genau so war das nämlich jetzt bei mir. Das Verfahren gegen die Brüllerin wurde eingestellt, weil sie ihrem Rammler und dem Ex geglaubt haben, und plötzlich hatten sie mich am Wickel wegen falscher Verdächtigung. Das muss man sich mal vorstellen.

Genau das mit der verkehrten Welt hab ich in dem ersten Gespräch mit der Anwältin gesagt, und ich hab auch gesagt:

"Ich hab Ihnen angemerkt, dass sie mir das nicht glauben wollten mit der Anklageschrift gegen mich, aber hier ist sie."

Und ich reich sie ihr rüber.

Sie liest und murmelt den Text, und der war wirklich unglaublich. Ich hab ihn hier, weil du mir das sonst auch nicht glaubst. Hier, ich les mal vor:

Der Museumswächter Stefan Kähler, geb. am 31.8.1971, Deutscher, nicht bestraft, wird angeklagt, einen anderen wider besseres Wissen bei einer Behörde einer rechtswidrigen Tat in der Absicht verdächtigt zu haben, ein behördliches Verfahren herbeizuführen,

indem er

bei der Polizeistation Rallstaett Strafanzeige gegen die Zeugin Melanie Raabe wegen fortlaufender Verletzung der Fürsorgepflicht mit der Begründung erstattete, sie habe etwa seit Mitte des Jahres 2012 allabendlich bei der Ausübung des Geschlechtsverkehrs unzumutbar hohe akustische Emissionen ins Werk gesetzt, die sich am Empfängerhorizont der minderjährigen Kinder der Zeugin Raabe als Schmerzensschreie dargestellt hätten, mit der Folge, dass die Kinder ihrerseits Schreie des Entsetzens ausgestoßen und sich sodann in den Schlaf geweint hätten.

Vergehen nach § 164 StGB.

Wenn du bisher nicht gewusst hast, was Juristendeutsch ist, dann weißt du´s jetzt.

Sogar die Anwältin musste sich ein Lächeln verkneifen, bevor sie die Anklageschrift einer Sekretärin zum Kopieren gab, ich sah das deutlich, und dann sagt sie so bemüht damenhaft:

"Man hätte es poetischer formulieren können, aber nicht präziser. Und den Juristen kommt es auf Genauigkeit an."

Und fügt hinzu: "Ich mach zwar nicht so oft Strafrecht, aber hier vertrete ich Sie gern."

Wir haben dann noch über die Kosten gesprochen, also dass meine Scheißrechtsschutzversicherung nicht einspringen würde, weil da im Kleingedruckten steht, dass es für absichtliche Straftaten keinen Rechtsschutz gibt, hast du das gewusst? Ja, und dass Pflichtverteidigung auch nicht drin wär. Das kriegste nur, wenn mehr als ein Jahr Knast droht. Verstehst du das? Man muss was richtig Schlimmes ausgefressen haben, dann zahlt der Staat deine Verteidigung. Wenns unter diesem Level ist, kannst du dich selbst verteidigen oder deinen Anwalt selbst bezahlen. Na gut, da musste ich halt 400 € abdrücken, als Vorschuss, sonst hätte sie sich gar nicht erst die Gerichtsakte bestellt.

Nicht zu ändern. Ich hab ihr noch gesagt:

"Im Museum haben wir manchmal Schulklassen, die rennen da durch die Säle, die Mädels kichern, die Jungs grölen, alle haben sie MP3- Stöpsel in den Ohren, die meisten sind am simsen, und wenn ich nicht aufpasse, schnipsen sie Popel an die Exponate. Ich kann mir lebhaft vorstellen, was los wär, wenn so eine Horde das Gericht besucht, wenn ich gerade dran bin. Die würden sich gar nicht mehr einkriegen."

Sie hat mich dann beruhigt, wollte mit dem Richter sprechen.

Dann kam die Hauptverhandlung. Meine Anwältin hatte mich gut vorbereitet, aber es war natürlich ungewohnt. Ich war ja vorher noch nie bei Gericht, und es ist auch ganz anders als im Fernsehen. Das wusst ich schon. Wir kamen also rein, zum Glück war da keine Schulklasse, nur ein paar alte Säcke, die offenbar nichts Besseres zu tun hatten. Sie unterhielten sich aufgeregt, als sie mich sahen. Einen hab ich an der Stimme wiedererkannt, das war der Ex, der mich am Telefon beschimpft hatte.

Ich guck nach vorn, um mit einem Blick in den Saal zu erfassen, was los ist, Das bin ich ja vom Arbeitsplatz gewohnt. Vorn sitzt der Richter, ein Typ, na ja, jünger als ich. Ich war ganz überrascht. Im Fernsehen sind das immer so Graumelierte. Oder haben gleich eine graue Perücke auf. Jedenfalls war er mir gleich sympathisch, weiß auch nicht warum. Gegenüber ein junges Mädchen, so knapp 30, bisschen mager, das seh ich trotz ihrer Robe, also deutlich näher an Giacometti als an Tizian, wenn du verstehst, was ich meine. Ganz sicher war ich mir nicht, denn die haben bei Gericht einen üblen Trick: Die Anklagebank ist immer vor dem Fenster, und wenn der Angeklagte guckt, wer ihn da fertigmachen will, ist meistens Gegenlicht und er kann kaum was erkennen. Das ist beabsichtigt. Der arme Kerl soll gleich ein bisschen verunsichert werden, und außerdem soll die Staatsmacht anonym rüberkommen, so nach dem Motto: Ist egal, wer hier sitzt, das Gewaltmonopol kriegt dich.

Na ja, und dann sitzt da am Ende des Richtertischs noch so eine bucklige Protokollführerin und sagt zum Glück keinen Ton.

Unten, wie gesagt, die Rentnerband und, hätt ich fast vergessen, die Zeugen, also meine Nachbarin, die macht so eine Geste, also täts ihr leid, aber das war ein bisschen spät. Neben ihr ihre 13-jährige Tochter, grüne Haare und total zugepierct. Und dann meine Ex-Bekannte, die an mir vorbei guckt.

Ich bleib vorsichtshalber stehen, so wie die Anwältin mir das gesagt hat, bis der Richter mir sagt, ich könnt mich setzen. Als nächstes droht er den Zeugen damit, was ihnen blüht, wenn sie ihn anlügen, und schickt sie wieder raus. Dann fragt er mich nach den Personalien und was ich verdiene und gibt der Staatsanwältin den Einsatz, damit sie die schwachsinnige Anklageschrift vorliest.

Na, das war die erste Überraschung. Meine Anwältin flüstert mir noch zu, es wär ne Referendarin, also eine, die frisch von der Uni ist, und dann hechelt sie rasend schnell den Text runter, alles ist ihr furchtbar peinlich, das Lampenfieber lässt die Stimme wackeln, und ich merk plötzlich: Die lispelt ja, und zwar so schlimm, dass die Zungenspitze bei jedem S-Laut richtig rausgeschossen kommt.

Als sie fertig ist, sagt der Richter, und endlich kommt er damit über – ich wusste das und werd schon ganz ungeduldig -, ich könnt ne Aussage machen, aber auch die Klappe halten. Sinngemäß. Ich sag also, ich will mich äußern, und lege los. Erzähl ihm, wie das so war, wie ich im Bett liege, und plötzlich gehen die Schmerzensschreie da oben los. Ich habs vorgemacht, ja, echt, ich hab dem Richter was vorgebrüllt, als hätt mir einer kochendes Wasser in die Unterhose gegossen, damit er sich vorstellen kann, was da abging. Er musste sich auf die Lippen beißen, aber als ich ihm schilderte, wie der 6-Jährige geweint hat - bei der 13-Jährigen war ich mir auf einmal nicht mehr so sicher, so ist das bei Gericht -, also wie der Kleine nach Mami geschrieen hat und mit seinen kleinen Fäusten an die Tür gebollert hat, wobei ich bis heute nicht weiß, ob das seine Kinderzimmertür war oder die vom Schlafzimmer, eine muss jedenfalls abgeschlossen gewesen sein, da wurde er wieder ernst. Das hat mir gefallen. Er stellte ein paar Fragen, ganz sachlich, z.B., wie oft, wie lange, und ob ich auf die Uhr geguckt hätte usw.

Dann der Auftritt meiner Ex-Bekannten. Der war leider gar nicht schön. Die Schlange bestritt nämlich, mich zu der Anzeige angestiftet zu haben. Beleidigte Unschuld. Anzeige? Warum sollte ich denn so was ins Spiel bringen? So schlimm war´s doch nun auch wieder nicht. So in der Art. Und als meine Anwältin fragte, woher denn bei einem Museumswärter Begriffe herkommen sollten wie Verletzung der Fürsorgepflicht, wenn nicht von ihr, kam nur ein schnippisches Woher soll ich das wissen? Meine Anwältin versuchte noch rauszukriegen, ob wir uns im Streit getrennt hatten, und hier kam immerhin ans Licht, dass sie rachig war, weil wir nicht im Bett gelandet waren. Alles in allem aber: Punkt für die Gegenseite.

Dann ließ der Richter die Gepiercte reinkommen und erzählen. Ob sie Angst um Mama gehabt habe und so. Tja, und dann kam die zweite Überraschung. Sie drückte sich gewählt aus, man merkte, dass sie auf´m Gymnasium war, so richtig höhere Tochter, grüne Haare hin, grüne Haare her. Auch inhaltlich war´s nicht das, was alle erwartet hatten. Sie sagte nämlich, ich hab´s nicht vergessen:

"Der Vorgang, der bei meiner Mutter derartige Stöhnlaute ausgelöst hat, die hier als Schmerzensschreien fehlinterpretiert worden sind" – sie sagte wirklich fehlinterpretiert – "ist mir aus eigenem Erleben durchaus bekannt, und der Hakan sagt, dass das bei mir ganz ähnlich klingt."

Aus dem Zuschauerraum war ein Schnaufen zu hören, das in einen Schrei überging, und der stammte natürlich vom Vater des Früchtchens. "Deine Mutter und ich", brüllte er, "haben dir immer gesagt, du sollst dich nicht mit Kanaken einlassen, und jetzt ... schämst du dich nicht? Wo wohnt der Typ? Der kriegt von mir was auf die Fresse. Wie alt ist ..."

Der Rest ging unter, weil der Richter mit der Faust auf den Tisch haute und ihn mit einem röhrenden Ruhe im Gerichtssaal! übertönte. Dann, wieder mit normaler Stimme:

"Herr Raabe, wir kennen uns ja noch aus der Zeit, in der ich Familierichter war, und ich erinnere mich recht genau an die Umstände, die zur Trennung von ihrer damaligen Ehefrau geführt haben. Sie hatten, mit Verlaub, damals die Chance, Ihre Ehe fortzuführen. Hätten Sie diese Chance wahrgenommen, hätten Sie auch Einfluss nehmen können auf die Partnerwahl Ihrer Tochter. Jetzt ist es ein bisschen spät, und ich könnte hier auch nur dann korrigierend eingreifen, wenn der Partner Ihrer Tochter erwachsen wäre."

Es herrschte eine Art verschämtes Schweigen, dann sagte die Tochter in die Stille hinein:

"Mann äy, Papa, mach hier nicht den Lauten, der Hakan ist 16, und außerdem kommt er nicht aus der Türkei, sondern aus Schweden, da gibt´s den Vornamen auch. Mit einem kleinen Kreis über dem ersten a. Brauchst also keine Angst zu haben, dass ich demnächst mipm Kopftuch rumlaufe."

"Vielleicht solltest du das wirklich", schnauzte der Vater, "dann sieht man wenigstens deine grünen Haare nicht."

"Schluss jetzt!" rief der Richter, "setzen Sie das bitte außerhalb des Gerichtssaals fort, wenn wir mit der Vernehmung der jungen Dame fertig sind. Noch ein Zwischenruf, und ich lass Sie raussetzen. Dann können Sie vor der Tür Erziehungsdebatten mit Ihrer geschiedenen Frau führen."

Und das Komische war: Der Richter wirkte überhaupt nicht erregt. Wurde nur laut, um sich Gehör zu verschaffen. Und war schlagfertig, hast du ja gehört.

Die Kleine wurde dann noch gefragt, ob ihr 6-jähriger Bruder geweint hätte, als die Mutter im sich im Liebestaumel befand; die Zeugin bejahte. Der Richter gab das Wort an die Referendarin von der Staatsanwaltschaft weiter. Diese schüttelte den Kopf und sagte:

"Nein, dath ith alles tthu unappetitlich."

"Eijeijei", bemerkte der Richter, "wenn diese Haltung anhält, hoffe ich, dass Sie Ihr Berufsziel außerhalb des Strafrechts verorten. Frau Verteidigerin, Sie haben das Wort. Es ist für mich tröstlich zu wissen, dass der Kampf ums Recht für Sie einen höheren Stellenwert hat als Näschenrümpfen."

Nach diesem Spruch ahnte ich, dass ich auf der Siegerstraße war. Meine Anwältin kriegte noch raus, dass die ältere Schwester den kleinen Bruder immer nach einer Weile getröstet hatte, wenn sie nicht gerade selbst Besuch von ihrem Freund hatte, ferner, dass sie aber auch dann darauf geachtet hatte, den Kleinen keiner Doppelbeschallung von Mutter und Schwester auszusetzen.

Die Mutter betrat den Saal. Der Richter kam gar nicht dazu, eine Frage zu stellen, weil sie gleich loslegte, und zwar so:

"Um das gleich mal klarzustellen, ich lasse mir von niemandem vorschreiben, wie ich mich beim Ficken zu verhalten habe, und für meine Kinder kann ich schon selbst sorgen. Die sind gut geraten, seit mein Ex nicht mehr dazwischenfunkt, und ..."

"Sie sind hier nicht angeklagt", unterbrach sie der Richter, "und brauchen deshalb keine Verteidigungsrede zu halten. Antworten Sie am besten einfach auf Fragen. Sonst erzählen Sie uns hier in Ihrer sagen wir mal volkstümlichen Ausdrucksweise womöglich noch was über Ihr Erfolge bei der Sexualerziehung ihrer Tochter."

Er wandte sich ab und rief:

"Frau Staatsanwältin!"

Weißt du, was das bedeutet, Liliane? Der Richter wollte sie nur kurz auf den Pott setzen und spaßeshalber – das hat mir meine Verteidigerin nachher klargemacht – ein Kreuzverhör in Gang setzen, natürlich auch, um die blöde Referendarin aus der Reserve zu locken oder sie zu blamieren.

Die erhob sich überflüssigerweise und fragte mit starrem Blick auf die Anklageschrift, und wurde dabei auch noch rot:

"Frau Ttheugin, trifft es tthu, dass Sie bei der Authübung deth Geschlechtthsverkehrth untthumutbar hohe akuthtische Emiththionen ..."

In diesem Moment wurde sie von meiner Anwältin unterbrochen, die zu meiner Überraschung geradezu fröhlich in den Saal rief:

"Frau Staatsanwältin, entspannen Sie sich. Fragen Sie doch einfach, ob sie beim Vögeln zu laut gezwitschert hat!"

"Beim Vögeln zu laut gezwitschert", schrie der Richter begeistert, "das gefällt mir sehr. Das muss ich mir merken. Frau Zeugin, wollen Sie bitte die Frage beantworten?"

"Klar war ich laut. Na und? Immer noch besser als der Angeklagte, dieser kleine Petzer, dem würd auch mal eine Frau gut tun, die beim Bumsen so richtig inbrünstig brüllt, aber das kommt nicht von alleine, da braucht man einen richtigen Kerl, und nicht so einen Schlappschwanz wie ihn oder meinen Ex ..."

Tumult im Gerichtssaal, kann ich dir sagen. Ich hab mich nicht angesprochen gefühlt, du weißt warum. Soll sie doch denken, was sie will. Aber der Ex, der ging richtig ab. Kam mit seiner Wampe nach vorne gewankt, schrie was von Schlampe und wollte ihr eine langen. Die von seinem Fan-Club liefen dazwischen und hielten ihn gerade noch zurück.

Der Richter ließ ihn abführen und brummte ihm einen Tag Arrest auf.

Kaum war wieder Ruhe, rief der Richter: "So, fünf Minuten Unterbrechung", und stand auf.

Irgendwie ahnte ich, was kommen würde. Er machte sich draußen vor der Tür an meine Anwältin ran, ich war in Hörweite. "Ich stell den Quatsch jetzt ein", sagte er, "Sie können sich denken, welcher Kollege das Hauptverfahren eröffnet hat; ich war im Urlaub. Also, § 153. Ihre Kosten trägt Ihr Mandant."

Und als sie protestierte (vergessen Sie nicht das verzweifelte Schluchzens des Sechsjährigen und wie das bei meinem Mandanten angekommen ist), flüsterte er – die Referendarin kam auch gerade aus dem Saal – "Wir haben noch die Aussage der enttäuschten Polizeibeamtin und die von der Brüllerin, die uns das alles eingebrockt hat, also ich wär vorsichtig, selbst wenn ich ihn freispreche, wer weiß, was die Berufungsinstanz draus macht. Wär doch schade, wenn das schief ginge. Immerhin hat Ihrer Zivilcourage gezeigt. Los, gehen Sie wieder rein, letzter Akt der Komödie."

Er wandte sich ganz kurz der Referendarin zu, ging auf dem Umweg über sein Beratungszimmer wieder an die Richterbank und verkündete im Sitzen:

"Das Verfahren wird mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung auf Kosten der Landeskasse eingestellt. Der Angeklagte trägt seine persönlichen Auslagen selbst."

Schon wieder Tumult im Zuschauerraum. "So gehen Sie mit unseren Steuergeldern um", schrie einer von diesen abgerissenen Langzeitarbeitslosen. Und meine Anwältin fragte mit schneidender Stimme: "Wann haben Sie denn zuletzt Steuern gezahlt?"

Da war Ruhe.

Ich kam wie betäubt aus dem Saal. Und dann hab ich meine Anwältin gefragt ob ich sie umarmen darf. Und sie sagte lachend:

"Na wenn Sie´s tun, denk ich mir nichts Böses."

Und ich frag mich nu seit Wochen, wie sie das gemeint hat.

Held

Das Schärfste war, ich hätte das Flugzeug beinahe noch verpasst. Ja, ich weiß, ich hätte sagen sollen "wir hätten" und so weiter. Typisch Mann. Wenn eine Frau dabei war, sagen wir immer "ich", als wollten wir vertuschen, dass wir nur noch bedingt zu haben sind. Bei euch ist es umgekehrt. Ihr sagt immer "wir", wo es nach dem Sinnzusam­menhang nahe liegen würde, "ich" zu sagen. Nur um zu signalisieren, dass ihr das Kunst­stück fertig gebracht habt, euch einen Trot­tel einzufangen. Merk dir das. Vielleicht kannst du es mal gebrauchen, wenn der Hauptunterschied zwischen Mann und Frau diskutiert wird.

Also ich kam, äh, wir kamen vom Peloponnes, aus der Gegend von Nafplia, und sind über den Kanal von Korinth, übrigens immer wieder ein unwirklicher Anblick. Sieht aus, als wär ein galaktischer Rambo gekommen und hätt´ mit einer 20-Kilometer-Kettensäge mal eben einen Keil in den Fels geschnitten. Meine Töchter, die sonst nicht so leicht zu beeindrucken sind, staunten mit offenem Mund und wollten gar nicht wie­der von der Brücke, zumal das Biest immer so sexy vibriert, wenn ein LKW drüberdonnert. Und eh die zu bewegen waren, wieder ins Auto zu kommen, ... na ja, du wirst es ja eines Tages auch noch erleben, wie das ist, so einen nölenden Sauhaufen um sich herum zu haben.

Jedenfalls hat das Zeit gekostet, und dann mussten wir vom Südwesten her nach Athen rein. Der Flugplatz ist im Osten, und dieser ganze verdammte Steindschungel hat keine Umgehungsstraße. Immerhin geht das mehrspurig lang durch, und wenn man nicht völlig bescheuert ist oder wegen der Staus die Nerven verliert, kommt man ohne Abbie­gerei bis zum Flughafen durch. Aber da kam meine Frau plötzlich auf die Idee, die lange Kurve durch die Innenstadt auf die Vouliagmeni abzukürzen. Die Stadtplan liegt ihr auf dem Schoß, aber nein, sie peilt kurz die Sonne an und verfügt "rechts ab". Das muss man sich mal vorstellen. Mitten in Athen faltet sie den Stadtplan zusammen, obwohl auf dem Ding alle Straßen schon brav für die Halbalphabeten in lateinischer Schrift stehen, und auf geht´s nach Ostost­nord oder wie das heißt, nach Sonne und Daumenpeilung. Hä? Stimmt, ich schweife ab, aber weißt du, was gleich kommt, stand im großen und ganzen schon im STERN, und ich red nicht gern drüber, das heißt ich kann´s nur, wenn ich jemanden zum anschmiegen habe ... natürlich, ich bin ein kleiner Erpres­ser, ... ja, so ist es gut.

Wo war ich? Ach ja, der Umweg. Auf einmal war natürlich ... jetzt benutz ich schon zum zweiten Mal dieses Knalldeppenwort natürlich, entschuldige, also dann war die Sonne weg, die Orientierung völlig im Eimer, es fängt an zu schiffen und weit und breit kein Straßenschild. Meine ältere Tochter vollführt von hinten eine halbe Rolle vorwärts auf den Beifahrersitz, um an den Stadtplan zu kommen, den meine Frau ihr verweigert hat, die jüngere fängt an zu plärren, der Stadtplan wird auseinandergerupft und mit Ratsch- und Knülleffekt gewendet, der Reservetank zeigt rot, ein LKW-Fahrer beschimpft mich ohne erkennbaren Grund als malaka, was das heißt, erzähl ich dir später, und ich wusste: In einer Stunde geht das Flugzeug, ich muss noch einchecken und den lahmarschigen Mietwagen zurückbringen. Mit einem Wort: Stress für Fortgeschrittene. Schließlich seh ich an der Ampel ein Bullenauto neben mir. Ich fege also alles zu­sammen, was mit in dieser Scheißsprache einf ... hm? Ja, weiß ich auch. Das Alt­griechisch, das sie mir in der Schule eingetrichtert haben, hat mir gefallen, aber im Laufe der letzten zwei Jahrtausende haben sie´s geschafft, aus jedem Umlaut ein i zu machen, statt endlich das einzuführen, was immer gefehlt hat, nämlich einen ordentlichen Zischlaut, und was dabei raus gekommen ist, ist eine richtige Vogelphonetik. Hör dir mal ´ne Griechin an. Klingt wie ´ne lispelnde Amsel, die die Melodie vergessen hat. Glaubst, ich übertreibe, ja? Also, ich mach dir vor, was ich den Bullen gefragt habe: Me sinchoriete, pu inä to odhos Vouliagmeni, para kaló? Und er dann: Withithithapsagigifewghomalakassassithassissou oder so ähnlich. Ich verstand natürlich kein Wort, startete schweißgebadet durch und bretterne einfach drauflos, bis Pauline, das ist die 13-jährige, einen Bauzaun wieder erkannte, auf dessen Plakaten ein Adele-Konzert angekündigt wurde, und da wusste ich, dass ich durch einen blinden Zufall auf dem richtigen Weg war. Der Flieger hatte 20 Minuten Verspätung, und an alledem sieht man, dass mehrere Zufälle zusammenkommen müssen, um einem Angsthasen zu der Erkenntnis zu verhelfen, dass auch er das Zeug zum Helden hat.

Wir wurden als letzte in den Warteraum ge­lassen, aber es waren vor uns noch zwei identisch gekleidete Typen in der Schlange, den Klamotten nach etwa unteres Management. Ich hörte, wir der eine dem anderen auf­fallend leise etwas Kehliges rüberfauchte, und dachte sofort: Für Holländer sind sie zu dunkel, also haben wir´s mit Geschirrtüchern zu tun. Weiter achtete ich nicht drauf, weil ich mich noch mit meiner Frau in der Wolle hatte wegen der unbekannten Abkürzung, aber am Rande meines Bewusstseins merkte ich doch, wie die Laxheit der Personenkontrolle bei mir Unbehagen auslöste. Die Geschirrtücher legten nur einen Teil ihres Handgepäcks auf´s Band, der erste wurde nur lustlos mit einer Hand abgetastet, weil sich dieser Schnauzbart mit der Suwlakiwampe gerade eine angesteckt hatte, und der mit dem Ringpieper war gerade Pinkeln gegangen. Als der erste Wüstensohn abgegrabbelt war, legten beide ihre Jacketts ab, und als ihnen bedeutet wurde, sie sollten sie wieder anziehen, hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass sie ihre Klamotten tauschten, na ja, wie gesagt, ich achtete nicht so drauf, nur, als die Flugplatzbullen uns dann einfach durchwinkten und gestisch klarmachten, wir sollte das Hand­gepäck wieder vom Röntgenband nehmen, hab ich mich dann doch gefragt, wofür diese uniformierten Säcke denn ihrer Ansicht nach bezahlt werden, zumal Athen ja schon in der Vergangenheit Hochkonjunktur bei den Hijackern hatte. Vielleicht fühlten sie sich unterbezahlt, vielleicht waren sie auch nur erschöpft vom Demonstrieren oder vom Wände-Vollmalen. Die Texte waren in der Tat eindrucksvoll, die Piktogramme auch. Meist ging es um die Anregung, Touristen zu fisten oder unserer Bundeskanzlerin einen Analkoitus angedeihen zu lassen. Ich habe auch noch nie so viele Hakenkreuze gesehen wie in Athen. Wir sind nämlich alle Nazis, weil wir so fies waren, ihnen die Milliarden in den Arsch zu blasen. Aber lassen wir das. Ich fahr da eh nicht mehr hin.

Nun gut, schließlich waren wir dann in der Luft und ließen die üblichen Belehrungen über uns ergehen, du weißt schon, die Show mit dem Model, das einem beibringt, wie man in das Mundstück seiner Schwimmflügelchen bläst, und ich löste den Sitzgurt, sagte was Versöhnliches zu meiner Frau, schlug die erste deutsche Zeitung seit zwei Wochen auf, atmete tief durch und dachte so was wie "endlich drei Stunden kein Generve". Und genau da ging der Terz los.

Hinter mir schreit einer was auf Arabisch. Die Klotür kracht. Ich drehe mich um, und was seh ich? Eins der beiden Geschirrtücher. Wie bitte? Na kennst du denn die Bilder nicht von den Jungs mit den Feudeln auf der Birne, die wie die Tücher zum Abtrocknen in der Küche ... aber wenn du drauf bestehst, nenn ich sie Kufiya. Sonst denkst du am Ende noch, ich hätte rassistische Vorurteile. Also der Kamelficker hat ´ne Kalaschnikow in den Händen, die er sich offenbar auf dem Klo zusammengebastelt hat. Er guckt starr nach vorne. Ich wende meinen Kopf wieder und muss mit ansehen, wie ganz nah am Cockpit in der ersten Reihe unauf­gefordert zwei weitere Wüstensöhne auf­springen. Der eine zeigt den Leuten seine schicken Handgranaten, der andere brüllt nach dessen Wink auf deutsch: "Im Namen der Antisatanischen Heilsfront zur Befreiung Jerusalems, zu meinem Bedauern muss ich mitteilen, dass uns die Zionisten zwingen, die­ses Flugzeug zu beschlagnahmen," - er sagte wirklich beschlagnahmen - "bis die Situation, für die wir nicht verantwortlich sind, geklärt ist. Wir werden deshalb die Reiseroute ändern. Von der Notwendigkeit dieser Änderung wird soeben der Flugkapitän durch einen Kameraden unserer Organisation überzeugt. Ich bin nicht legitimiert, das Reiseziel zu benennen. Das erfahren Sie zu gegebener Zeit. Seien Sie versichert, dass jeder Widerstand zwecklos ist, denn ..." und so weiter, kurzum, er hatte den Ton ei­ner amtlichen Verlautbarung, der immer un­gewollt zynisch klingt, er war sehr be­stimmt, allerdings ohne diplomatische Höflichkeit, aber mit einer homöopathischen Prise Antipanicum, also er gab sich wirk­lich Mühe, während der andere eher gelang­weilt die Stewardessen in der Küche ein­pferchte, warum, habe ich bis heute nicht begriffen, wahrscheinlich, weil die Jungs Amateure waren. Stewardessen sind doch be­währte Hilfstruppen wider Willen.

Die Beweisaufnahme hat ergeben, dass die Kindheit und Jugend des Angeklagten völlig normal verliefen. Ein unwiderlegliches In­diz hierfür ist schon die Tatsache, dass seine drei Geschwister bürgerliche Berufe erlernt haben, Familien gegründet haben und strafrechtlich in keiner Weise in Erscheinung getreten sind. Die Verteidigung mag hier also nicht das beliebte broken-home-Syndrom strafmildernd ins Feld führen. Der Angeklagte hat selbst, und auch das spricht für eine gelungene Sozialisation, eine höhere Schule besucht und anschließend ein Universitätsstudium begonnen.

Das Publikum reagierte gelinde gesagt nicht sehr begeistert auf die Rede, die Frauen kreischten, die Männer stöhnten und fluch­ten und aus einer Gruppe dänischer Passa­giere kamen Töne, die über den seichten Rülpsklang ihres Idioms deutlich hinauswiesen, ja ja, ich weiß, ich hab´s mit dem Klang der Sprachen.

Die Kids, ja ja die, die fingerten fahrig nach der Fernbedienung. Aber aus dem Kanalwechsel wurde diesmal nichts. Alles live. Und unplugged. Das kannten die gar nicht. Meine Frau flüsterte, dass wir jetzt alle zusammenhalten müßten, meine Pauline fragte gefährlich laut, was das denn für Arschlöcher wären, und ich sagte gar nichts und musste grinsen, weil ich, glaub´s mir oder lass es bleiben, an die schweinekomischen Befreiungssplittergruppen im Leben des Brian denken musste. Außerdem, aber das fand ich nicht zum Lachen, kam mir der eine Typ bekannt vor. Immer dieser quälende Gedanke: Den kenn ich doch. Einer von diesen italienischen Pizzabäckern, die untereinander arabisch sprechen und in Wirklichkeit ... Ich weiß nicht, ob es dir genauso geht, immer wenn ich einen kenne und nicht weiß woher, stellt sich heraus, dass er irgendwo bedient oder an der Kasse steht ... aber ich kriegte es nicht auf den Schirm. Und ich dachte weiter, aber dafür muss ich ein bisschen ausholen ... interessiert dich nicht, was ich dachte, hm? Willst Action, keine Angst, die kommt noch ... nein? Na schön. Ich weiß, es klingt nicht sonderlich wahrscheinlich, dass einem in so einer Situation dermaßen viel durch den Kopf schießt, vielleicht ist es auch zum Teil Einbildung, im nachherein in die Erinnerung reingeflickt, zusammenkonstruiert, aber muss nicht sein, also er da vorne erzählte uns in seinem angelernten Bürokratendeutsch, dass es um die Freipressung von heiligen Kriegern ginge, die in Italien wegen eines Anschlags auf den ägyptischen Botschafter in Haft wären. Der ägyptische Botschafter hätte, na klar, bis zu seinem unerwarteten Tod die ehrlose Existenz eines zionisti­scher Agenten geführt.

Das war da gerade erst passiert, und wir hatten keine Ahnung, weil wir in dem Ur­laubskaff am libyschen Meer keine deutschen Zeitungen gekriegt hatten. Zum Schluss hatte er noch eine gute Nachricht: Es würde alles nicht lange dauern, weil es zum Stil seiner Organisation gehörte, die früher anders geheißen habe - auch ein origineller Ein­fall, wie ich fand - , sich nicht auf lange Verhandlungen einzulassen oder häppchen­weise langwierige Geiselerschießungen durchzuführen, sondern nach einem kurzen Ultimatum gleich das ganze Flugzeug ein­schließlich der heiligen Krieger in die Luft zu sprengen, aber dazu, keine Sorge, werde es nicht kommen, weil angesichts dieser seriösen Ankündigung die berechtigten Forderungen der Organisation in der Regel sofort erfüllt würden. Es war mir peinlich, noch nie von Jungs gehört zu haben, die die gesamte Eskalationstreppe einer Entführung in einem einzigen Sprung zu nehmen pflegen. Am Ende hatten sie vorher etwas so Publicityfeindliches angestellt wie die Entführung von Taxis in Burkina Faso, wer konnte das schon ahnen?

Ich ersuche das hohe Gericht in aller Form, sich auch weiterhin, das heißt auch bei der Urteilsfindung, von den ernstzunehmenden Drohungen der Organisation, die den Ange­klagten entweder als ihren Märtyrer sterben sehen oder ihn in Freiheit wissen will, unbeeindruckt zu zeigen. Was die Rechtsfolgen der Tat anlangt, so können wir dieser sauberen Organisation weder den einen noch den anderen Gefallen tun. Nach unserem Strafgesetzbuch bleibt eine dritte Lösung, und ich betone: nur eine.

Dann kamen die üblichen entsetzten Warum-gerade-wir-wir-haben-mit-der-Sache-doch-überhaupt-nichts-zu-tun-Zwischenrufe. Der Sprecher kommentierte sie angenehm lakonisch:

"Sie haben halt Pech gehabt, das ist alles."

Das gefiel mir außerordentlich. Der gesamte Nahostkonflikt, der ganze verdammte heilige Krieg, hat bestimmt noch nie eine derart ehrliche Äußerung hervorgebracht. Natürlich war die Ausgangssituation irre: Tjaereborg-Reise. Deutsche Charter-Gesell­schaft. Unter den Passagieren Deutsche, Dänen, Schweden und sogar Finnen, die in diesen Dauerbrenner bekanntlich so wenig involviert sind wie die Schildkröten der Galapagos-Inseln. Also was interessiert die der islamische Fundamentalismus, die Poli­tik der ägyptischen Regierung und das ita­lienische Strafprozessrecht? Und was juckte uns das? Aber in den vorangegangenen Ent­führungsgeschichten, das ist ja das Inter­essante, ließen sich Terroristen auf solche Fragen ein. Rechtfertigten sich umständ­lich, machten Propaganda, als käme es drauf an, unter den Geiseln neue Mitglieder für ihren Verein zu werben, und erklärten den staunenden Urlaubern, dass sie letztlich alle mitschuldig wären. Dass der hier das alles nicht tat, gefiel mir, äh, ach so, ja, ich sagte es schon. Er kam also nicht mit der üblichen Kurzanalyse des Nahostkonflikts, mit seinem verschimmelten Heimatrecht, der Declaration, die Balfour nur verfasst hätte, weil die Zionisten sonst seine Kinder geschlachtet hätten, dem UN-Teilungsplan von 1947, der mit Stimmenkauf und Bestechung zustande gekommen wär, dem amerikanischen Rüstungs- und Dollar-Tropf, an dem Israel hänge, der feindseligen Haltung der arabischen Nachbarn gegenüber den Palästinensern und dem unbegründeten deutschen Schuldkomplex, sei doch Hitler erwiesenermaßen Halbjude gewesen und der Holocaust das Resultat des jüdischen Selbsthas­ses. Er sagte auch nicht, was sonst immer kommt, nämlich dass man einen universellen Kampf gegen die Mächte der Finsternis führe, auch in den Reihen der Palästinenser, und dass es in diesem Kampf keine Zivilisten mehr gäbe, denn die Kinder des Satans seien die Soldaten des Satans von morgen. Er ließ den ganzen Scheiß weg und sagte einfach nur: Pech.

Den ägyptischen Botschafter in Italien er­schießen, das wäre mir vor ein paar Jahren noch so unfassbar anachronistisch vorgekom­men wie der Mordanschlag auf den Papst durch diesen bescheuerten Türken oder der von Galtieri angezet­telte Falklandkrieg, entschuldige, das war ja alles schon vor deiner Zeit, aber man hat sich ja schon an anachronistische Massaker ge­wöhnt. Guck dir das Gemetzel in Syrien an. Gar nicht so weit von hier. Aber ich schweife wieder ab.

Als er fertig war, fing das Geschirrtuch, das nur arabisch sprach und offenbar zum mittleren Al-Qaida-Management gehörte, wieder an, einen zu erzäh­len, und der von eben übersetzte, wobei man ihm anmerkte, dass er nicht begeistert war. Es ging darum, dass im Rahmen des erforder­lichen Selbstreinigungsprozesses der Passagiere dringend die Insignien des Satans entfernt werden müssten, und sie würden jetzt herumgehen und die zionistischen oder sonstwie gottlosen Symbole einsammeln. Ich wusste nicht genau: Hat der Typ nun wirklich ´ne Panne oder spekuliert er auf goldene Kruzifixe und Dollarnoten?

Die Staatsanwaltschaft hat trotz erheblicher Bedenken der Teileinstellung des Verfahrens wegen räuberischen Diebstahls nach § 154 StPO zugestimmt, weil dieses Vermögensdelikt trotz aller kriminellen Energie, die seine Ausführung erkennen lässt, vom Strafrahmen her hinter dem zurückbleibt, was der Angeklagte für das von ihm zu verantwortende Tötungsdelikt zu erwarten hat.

Wie auch immer - auf seinen Wink hin fing der Bursche vom Heck damit an, systematisch die Passagiere zu flöhen. Der Sprecher mit entsicherter Kalaschnikow ging zu ihm und blieb fortan in seiner Nähe. Der Obermacker räumte die andere Gangseite ab, von vorne nach hinten. Auf diese Weise tauschten er und sein Kumpan von hinten letztlich ihre Plätze, während der Sprecher sich nachher wieder nach vorne verfügte. Der Typ, er sich von hinten in Richtung Cockpit durchklaute, sprach ein spastisches Englisch. Ich sah, wie er Parker-Kugel­schreiber einsammelte, offensichtlich, weil deren Logo dem Judenstern ähnelt. Das hatt´ ich schon mal gelesen. Meine Frau und ich guckten uns an und hoben die Achseln. Nichts Satanisches am Körper zu sehen. Ich holte schon mal die American-Express-Karte aus meiner Brieftasche. Die sollten sie haben. Der Filzer kam.

"Hello Cohn", grunzte er und grabschte sich die Karte.

Und ich: "My name is Petry."

"You look jewish, Petry Cohn."

"Thank you for the compliment."

"Which nationality?"

"German."

"German zionist."

"No, german tourist."

Ich muss das Kindergartenniveau verlassen, dachte ich, und da fiel mir spontan was ein.

"Well, Sir," sagte ich aufgesetzt freund­lich, "I must admit, that the 256th part of mine is jewish. My great grandfather´s grandpa had a great grandpa too, and this guy had married a jewish lady. Do you want me to explain, which part of my body is jewish?"

Er blickte etwas irritiert drein.

"You want to bullshit me?" fragte er ver­dächtig leise.

Ich wandte mich an den Sprecher. "Erklären Sie ihm bitte, dass der große Zeh an meinem linken Fuß jüdisch ist. Ich beschneide ihn sogar ab und zu."

Der Sprecher hatte den Tu´s-nicht-Blick, als ich ihm das sagte. Mit seinen Augen stimmte etwas nicht. Die Pupillen waren vergleichsweise riesig.

Von ausgeprägten Wahrnehmungsstörungen oder Verkennungen etwa infolge hirnorganischer Veränderungen oder einer Alkoholhalluzinose kann, um das gleich an dieser Stelle anzu­merken, nach den insoweit überzeugenden Ausführungen des Sachverständigen überhaupt keine Rede sein.

Ich dachte spontan: Der Typ steht unter Strom. Er übersetzte. Der Grunzer kuckte mich an und haute mir wortlos eine rein. Einfach so mit der Faust auf die linke Wange - buff.

"Behave yourself, jewish pig", murmelte er, und dabei guckte er schon meine ältere Tochter an. Wir auch, und - ach du Scheiße, der Sheriff-Stern auf der Weste. Natürlich auch ein Emblem des Zionismus. Und der Arsch sagt ihr nicht etwa, sie solle es abmachen und es ihm geben, sondern rupft ihr das Ding einfach von der Weste, und diese Weste hatte sie gerade erst von ihrem eigenen Geld gekauft. So ein hübsches teures Westchen, für dessen Erwerb sie in den Ferien gearbeitet hatte, in unserem Garten, aber immerhin. Na ja, denk ich, sie wird sich wieder einkriegen, vielleicht kann man´s nähen, aber sie blickt ihn mit sprühenden Augen an, mir wird schon ganz schwummerig, ich weiß ja, was passieren kann, wenn Pauline so guckt, und sie zieht hoch - qngchrchrchrchrchr - richtig lang und schmutzig, und wlupp, hat der Hijacker den Rotz am linken Jochbein. Nie habe ich meine Tochter so geliebt wie in diesem Au­genblick. Der Schnodder läuft dem Typen mit höhnischer Langsamkeit auf die Wange. Na­türlich hatten wir alle verschärftes Herz­klopfen. Der Grunzer wischt sich den Sabber von der Backe und sagt sehr beherrscht und kalt:

"If you do tings like datt again, I rape you and also your modder and play pingpong with your daddy´s balls, understand?"

Meine Tochter hat verstanden und guckt mich mit dem Willst-du-dir-das-bieten-lassen-Blick an, während meine Frau mir gegen den Unterschenkel tritt, um mir den Mund zu verbieten, aber da brach es schon aus mir raus, und natürlich musste ich Idiot auch noch seinen Scheiß-Akzent nachahmen:

"Listen cocksucker, you should better con­tinue to rape your fadder and your bloody brodders, as your fucking modder taught you in de name of Allah, you dirty son of a bitch."

Er beugt sich zu mir runter, sein Augenzucken wird schlimmer, ich rieche den stinkenden Atem eines Magenkranken, er entsichert hörbar seine Kalaschnikow, ich denke, er wird ja wohl nicht vergessen, dass ein Schuss in einer fliegenden Maschine verheerende Folgen auch für ihn haben kann, und er faucht:

"I promis you, you are de first one, I kill, when we arrive at La Valetta."

Damit hatte er sich verraten. Malta also. Das denk ich als erstes. Also nicht etwa so was wie: Erst mit fünf Frauen geschlafen und schon sterben oder Die Bausparverträge sind noch nicht einmal zugeteilt oder Ihr müßt doch erst meine Frau fragen oder Ich wollte doch eigentlich noch einen Sohn zeugen oder schließlich Für welche Variante des ewigen Lebens entscheide ich mich und wie komm ich jetzt noch mit dem zuständigen Gott ins Geschäft. Wirklich. Mein erster Gedanke, wenn man es so nennen darf, war "Hähä, La Valetta." Obwohl ich damit eigentlich nicht viel anfangen konnte. Nur so was wie da re­den sie wenigstens englisch und die wollen die Ginos vor ihrer Haustür demütigen und dann dauert´s ja nicht so lange.

Und erst dann, glaub´s mir oder lass es, fiel mir ein: Was machen die mit meiner Frau und den Töchtern, wenn sie mich erst mal durch Rausstupsen auf die Landebahn entsorgt ha­ben? Daran entzündeten sich, wie du dir denken kannst, die widerwärtigsten Phanta­sien. Als die mich beim Wickel hatten, spürte ich, wie ein mir in seiner Intensi­tät völlig unbekannter, sozusagen vulkani­scher Zorn in mir hochkochte, und die Lava dieser Wut wälzte sich über meine Todes­angst, bevor diese sich richtig entfalten konnte. Ja, lach nicht. Weißt du, es war nicht nur der Zorn über die Anmaßung, mich totmachen zu wollen, sondern etwas, was ich komischerweise noch viel empörender fand, nämlich die Selbstverständlichkeit, mit der sie davon ausgingen, dass sie mich wie einen Hammel würden abschlachten können. Ihr werdet euch noch wundern - das war von diesem Moment an mein Grundgefühl.

Sicher kann man - wie bei den meisten Kapitalverbrechen - auch in diesem Fall dem Angeklagten eine antisoziale Persönlichkeitsstörung attestieren, eine Charakterneurose, eine Soziopathie oder was es sonst noch so an schönfärberischen Umschreibungen für die Abscheulichkeit einer Person gibt - allein, Krankheitswert haben die Gefühlskälte, Grausamkeit und Mitleidslosigkeit des Angeklagten nicht. Sonst könnten wir gleich 9 von 10 Mördern für zurechnungsunfähig erklären. Ohne einen beklagenswerten Charakter morden schließlich die wenigsten.

Meine Kinder und meine Frau guckten erfreulicherweise nicht mehr so, als erwarteten sie etwas von mir, sondern zeigten sich unerwartet liebevoll. Die Nachbarn auf den angrenzenden Sitzreihen zeigten diese merkwürdige Hochachtung, die man zum Tode Verurteilten entgegenbringt, und überspielten dabei auch ihre Verständnislosigkeit für meinen schauder­haften Leichtsinn.

Ich sah mich nach Verbündeten um. Auf den Sitzen, die an den Gang grenzten, saßen meistens Frauen, Halbwüchsige und alte Leutchen. Nur einer kam beim Blick in die vorderen Sitzreihen der Statur nach als Mitwirkender für ein Handgemenge in Frage. Ich sah zunächst nur den Schultergürtel und den Nacken, und dann drehte er kurz den Kopf zur Seite, und ich erkannte ihn. Ich hatte mit ihm mal an der Hotelbar gesessen. Nach dem ersten Liter Retsina hatte er mir seinen Frust darüber anvertraut, dass seine Freundin ihn vor die Wahl gestellt hatte, entweder seines Dschungel-Survival-Trips oder ihrer zu entsagen. Geiler Genitiv, was? Jedenfalls langweilte er sich gräss­lich. Im Rahmen einer kleinen Flucht zog er die wegen Schmelzwasser noch geschlossene Samariá-Schlucht von unten durch, war spätabends wieder da und kriegte Zoff mit seiner Herz-Dame. Kurz nach Mitternacht brach er an der Bar in Tränen aus, fing sich aber wieder, gewann eine Wette, indem er einen nahezu gestreckten Salto rückwärts vom Tresen vollführte, und zerlegte mit einem einzigen Handkantenschlag ein Barhockerbein, weil er sich darüber geärgert hatte, dass das Ding nicht ordentlich verleimt war. Fortan nannte sie ihn Karate-Tom. So´n Typ war das. Ich hatte nach dieser Nacht kaum noch Kontakt zu ihm, weil mir seine hilflose Macho-Nummer ein bisschen sehr fremd war, aber als ich ihn im Flieger wiedererkannte, war ich froh.

Also, ich will´s kurz machen, nach einer Weile kriegten wir Blickkontakt, und durch Augenbewegungen und ebenso vorsichtige wie sparsame Gesten gelang es mir schließlich, ihm klarzumachen, dass ich mit seiner Hilfe meinen Henker erledigen wollte, und er ka­pierte auch, dass das in Höhe seiner Sitz­reihe geschehen sollte. Über die weitere Arbeitsteilung konnte mit Kopfbewegungen Einigkeit erzielt werden. Übrigens war das natürlich leichtsinnig von den Entführern. Sie hätten die sozusagen wehrfähigen Männer entweder auf die Fensterplätze nötigen oder ihnen Handfesseln verpassen müssen. Sie waren nicht besonders gut vorbereitet und fühlten sich mit Allahs Hilfe sicher. Mit zu viel Gottvertrauen kommt man eben nie aus dem Amateurstatus heraus. Ein Glück.

Ich versuchte mich zu entspannen, und ver­sprach meiner Frau, mich direkt nach der Landung bei dem Henker in wohlgesetzten Worten zu entschuldigen. Sonst war nicht viel. Ich wartete auf den Landeanflug. Da wollt ich´s hinter mich bringen, weil ich glaubte, dass sie da am allerwenigsten mit einer Revolte rechnen würden. Nun gut. Das Flugzeug begann, an Höhe zu verlieren. Ich kniff die Schließmuskeln zusammen, stand auf und ging mit weichen Knien einige Meter in Richtung Cockpit. Achmed Grunz, der Henker, saß vorne auf einer Stewardessen-Sitz­klappe. Er blickte hoch.

"Wott do you wont?"

"I´ve got to take a piss."

"Use de lavatory at de odder end, Cohn."

"Sorry, it´s occupied."

Ich ging noch drei Schritte und war fast auf der Höhe von Karate-Tom.

"Stop immidschátly or I shot you down."

Erwartungsgemäß hat der Angeklagte für sich Sonderrechte mit einer Begründung gefor­dert, die so absurd ist, dass sogar sein Verteidiger, der ja in einer wenig benei­denswerten Lage ist und nach jedem Stroh­halm greifen muss, um die Position seines Mandanten zu verbessern, sich diese Taktik bisher erkennbar nicht zueigen machen wollte. Der Angeklagte versteht sich, so sagt er, als politischen Widerstandskämp­fer. Er behauptet, Mitglied einer bisher nicht in Erscheinung getretenen Terrororganisation zu sein, deren Ziele hier nicht diskutiert zu werden brauchen, zumal sie mit Verlaub indiskutabel sind. Außerdem gilt im Lichte unserer Verfassung: Selbst subjektiv ehrenwerte und objektiv uneigennützige Motive rechtfertigen keinen Mord. Die Argumentation des Angeklagten wäre allenfalls dann beachtlich, wenn er für sich den Kombattantenstatus in Sinne der einschlägigen Genfer Konvention beanspruchen könnte, wie das die sogenannte RAF vor 40 Jahren dreisterweise versucht hat. Ein solcher Vorstoß erschien dem Angeklagten, der sonst nicht durch Bescheidenheit hervorgetreten ist, denn doch zu kühn.

Er kam näher, Karate-Tom stellte unauffäl­lig sein Bein in den Gang und Achmed Grunz strauchelte. Zum Glück nur ein bisschen, sonst hätte der Tritt, den ich mindestens eine Stunde lang mental vorbereitet hatte, womöglich seine Eier gar nicht mehr er­reicht. Er kam kaum dazu aufzujaulen, denn Karate-Tom verpasste ihm einen beinharten Handkantenschlag ins Genick.

Die allermeisten Passagiere hatten noch nichts begriffen, nur der Obermacker von hinten kam planmäßig herbeigehechelt, wobei er nach vorn stolperte, weil das Flugzeug etwas steiler runterging. Ich hatte Achmed Grunz schon die Pistole aus dem Gürtel ge­zerrt, mich im Bücken umgewandt und den Kopf kurz hinter einem Sitz in Deckung ge­bracht. Dann kam ich raus und schoss dem Geschirrtuch aus kürzester Distanz zentral auf die Brust. Natürlich flatterte der Lauf, weil ich überhaupt keine Übung mehr hatte - du musst dir vorstellen, mit so ei­nem Ding hatte ich zum letzten Mal beim Barras geschossen, und zwar verdammt schlecht, und außerdem war ich natürlich am Zittern, als er mit der Kalaschnikow auf mich lostaumelte. Und dann auch noch die Angst, einen Passagier zu treffen. Aber ich hatte Schwein. Er kippte nach vor und hätte mich dabei beinahe noch unter sich begraben.

Natürlich herrschten jetzt allgemeines Ge­schrei und hysterisches Gekreische. Ich hörte die Stimmen meiner Familie heraus. Das tat gut. Aber viele waren noch völlig verdattert. Du musst dir vorstellen, alles hatte sich bis dahin in höchstens fünf Sekunden abgespielt, und ich rappelte mich hoch zwischen einem Toten, einem Halbtoten und dem zum Glück sehr gesunden Karate-Tom und sah, was ich erwartet und befürchtet hatte: Der Sprecher schoss probehalber mit seiner Maschinenpistole in die Gepäckfächer. Wir hatten das Glück, dass wir noch mit den an­deren ziemlich verknäult waren, sonst hätte er, dachte ich damals, gleich in uns rein­geballert. Ich sah ihn an und spürte, dass auf seiner Emotionsskala die Nadel zwischen Wahnsinn und Angst hin- und herraste, und ich sah etwas in seiner ausgestreckten linken Faust und hörte ihn überraschend schrill brüllen, während das Flugzeug schon über der Landebahn war:

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
220 str.
ISBN:
9783844227529
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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