Czytaj książkę: «Wir»
Jewgenij Samjatin
Wir
Impressum
Texte: © Copyright by Jewgenij Samjatin
Umschlag: © Copyright by Gunter Pirntke
Übersetzer: © Copyrigh by Walter Brendel
Verlag:
Das historische Buch, Dresden / Brokatbookverlag
Gunter Pirntke
Mühlsdorfer Weg 25
01257 Dresden
gunter.50@gmx.net
Inhalt
EINTRAGUNG NR. 1 bis 10
EINTRAGUNG NR. 11 bis 20
EINTRAGUNG NR. 21 bis 30
EINTRAGUNG NR. 31 bis 40
EINTRAGUNG NR. 1 bis 10
Eintrag Nr. 1
Übersicht: Eine Zeitungsnotiz. Die weiseste aller Linien. Ein Poem.
Ich schreibe hier genau ab, was ich in der heutigen Staatszeitung lese:
»In hundertzwanzig Tagen ist unser erstes Raketenflugzeug Integral vollendet. Es naht die große historische Stunde, da sich der Integral in den Weltraum aufschwingen wird. Vor einem Jahrtausend haben eure heroischen Vorfahren diesen Planeten dem Einzigen Staat Untertan gemacht. Ihr seid es, deren gläserner, elektrischer, Feuer speiender Integral die unendliche Gleichung des Alls integrieren wird. Eure Aufgabe ist es, jene unbekannten Wesen, die auf anderen Planeten — vielleicht noch in dem unzivilisierten Zustand der Freiheit — leben, unter das segensreiche Joch der Vernunft zu beugen. Sollten sie nicht begreifen, dass wir ihnen ein mathematisch-fehlerfreies Glück bringen, haben wir die Pflicht, sie zu einem glücklichen Leben zu zwingen. Doch bevor wir zu den Waffen greifen, wollen wir es mit dem Wort versuchen. Im Namen des Wohltäters wird sämtlichen Nummern des Einzigen Staates bekannt gegeben: jeder, der sich dazu befähigt glaubt, ist verpflichtet, Traktate, Poeme, Manifeste, Oden und andere die Schönheit und erhabene Größe des Einzigen Staates preisende Werke zu verfassen.
Diese Werke werden die erste Botschaft sein, die der Integral in den Weltraum trägt. Heil dem Einzigen Staat! Heil dem Wohltäter! Heil den Nummern!« Mit glühenden Wangen schreibe ich diese Worte nieder. Ja, wir werden diese herrliche, das ganze Weltall umfassende Gleichung integrieren! Wir werden die wilde, krumme Linie geradebiegen, sie zur Tangente, zur Asymptote machen. Denn die Linie des Einzigen Staates ist die Gerade. Die große, göttliche, weise Gerade, die weiseste aller Linien.
Ich, Nr. D-503, der Konstrukteur des Integral, ich bin nur einer der vielen Mathematiker des Einzigen Staates. Meine an Zahlen gewöhnte Feder vermag keine Musik aus Assonanzen und Rhythmen zu schaffen. Ich kann nur das wiedergeben, was ich sehe, was ich denke, genauer gesagt, was WIR denken. WIR — das ist das richtige Wort, und deshalb sollen meine Aufzeichnungen den Titel WIR tragen.
Aber sind sie nicht eine von unserem Leben, von dem mathematisch vollkommenen Leben des Einzigen Staates abgeleitete Größe, und wenn das stimmt, müssen sie nicht ganz von selber zum Poem werden? Ja, sie müssen es, ich glaube, ich weiß es.
Ich schreibe diese Zeilen und fühle meine Wangen dabei glühen. Das ist wahrscheinlich das gleiche, was eine Frau empfindet, wenn sie zum ersten Mal den Herzschlag eines neuen, noch winzig kleinen Menschenwesens in sich spürt. Dieses Werk — das bin ich, und doch bin ich es nicht. Viele Monate noch muss ich es mit meinem Blut nähren, bevor ich es unter Schmerzen gebären und dem Einzigen Staat darbringen kann. Aber ich bin bereit wie jeder von uns, oder fast jeder.
EINTRAGUNG NR. 2
Übersicht: Das Ballett. Die quadratische Harmonie. X.
Frühling. Aus der wilden, unbekannten Weite jenseits der Grünen Mauer weht der Wind gelben Blütenstaub herüber. Dieser süßliche Staub macht die Lippen trocken — man muss sie alle Augenblicke mit der Zunge anfeuchten —, alle Frauen, die mir begegnen, haben diese süßen Lippen (die Männer natürlich auch). Das verwirrt das logische Denken ein wenig.
Doch was für ein Himmel! Tiefblau, von keiner einzigen Wolke befleckt (was für einen jämmerlichen Geschmack müssen unsere Vorfahren gehabt haben, wenn diese dummen, unförmigen Dampfklumpen ihre Dichter begeistern konnten). Ich liebe einen sterilen, peinlich sauberen Himmel. Nicht ich allein, wir alle, ich täusche mich nicht, lieben ihn. An einem Tag wie heute ist die ganze Welt aus dem unzerbrechlichen ewigen Glas gegossen, aus dem die Grüne Mauer und alle unsere Gebäude bestehen. An solchen Tagen sieht man die blauste Tiefe dieser Dinge, nimmt unbekannte Größen, wunderbare Gleichungen wahr — man entdeckt sie im Allergewöhnlichsten, Alltäglichsten...
Heute morgen zum Beispiel war ich auf der Werft, wo der Integral gebaut wird. Plötzlich fiel mein Blick auf die Maschinen. Mit geschlossenen Augen, selbstvergessen, drehten sich die Kugeln der Regulatoren. Die blitzenden Hebel neigten sich nach rechts und nach links, stolz wiegte sich die Balancierstange in den Schultern, der Meißel der Stemmmaschine knirschte im Takt einer unhörbaren Musik. Da ging mir die Schönheit dieses prächtigen, von bläulichem Sonnenlicht überfluteten Maschinenballetts auf.
Unwillkürlich fragte ich mich dann: Warum ist das schön? Warum ist der Tanz schön? Die Antwort: Weil er eine unfreie, eine gebundene Bewegung ist, weil sein tieferer Sinn die vollkommene ästhetische Unterwerfung, die ideale Unfreiheit ist. Wenn es stimmt, dass unsere Ahnen in Augenblicken der höchsten Begeisterung sich dem Tanz hingaben (religiöse Mysterien, Militärparaden), dann kann das nur das eine bedeuten: der Trieb zur Unfreiheit ist dem Menschen angeboren, und wir in unserem heutigen Leben tun nur bewusst...
Ich werde unterbrochen, in meinem Numerator ist eine Klappe gefallen. Ich blicke auf: O-90, natürlich. In einer halben Minute ist sie bei mir, sie will mich zum Spaziergang abholen.
Die liebe O! Ich fand schon immer, dass sie genau wie ihr Name aussieht: sie ist zehn Zentimeter unter der Mutternorm, ganz rund, wie gedrechselt, und bei jedem Wort, das sie sagt, formt ihr Mund ein rosiges O. Am Handgelenk hat sie tiefe runde Grübchen wie ein Kind. Als sie in mein Zimmer kam, kreiste das Schwungrad der Logik noch in mir, und das Trägheitsgesetz wollte es, dass ich O von der Formel erzählte, die ich eben gefunden hatte, die Formel, die alles umfasst, uns, die Maschinen und den Tanz. »Wunderbar, nicht wahr?« fragte ich. »Ja, wunderbar, der Frühling!« antwortete O mit strahlendem Lächeln.
So etwas! Der Frühling... sie redet vom Frühling! Ach, diese Frauen... Ich schwieg.
Drunten auf der Straße. Der Prospekt ist von Leben erfüllt: bei solchem Wetter verwenden wir unsere persönliche Stunde nach dem Mittagessen gewöhnlich zu einem Ausgleichsspaziergang. Wie immer erklang aus sämtlichen Lautsprechern der Musikfabrik der Marsch des Einzigen Staates. In mustergültig ausgerichteten Viererreihen marschierten die Nummern im Takt zu den feierlichen Klängen — Hunderte, Tausende, alle in blaugrauen Uniformen, mit goldenen Abzeichen an der Brust — die uns vom Staat gegebene Nummer, die wir tragen. Und ich — wir vier in dieser Reihe, wir sind nur eine der unzähligen Wellen des gewaltigen Stromes. Zu meiner Linken geht O-90 (wenn einer meiner behaarten Ahnen diese Aufzeichnungen vor tausend Jahren geschrieben hätte, dann hätte er vielleicht »meine O-90« gesagt), rechts zwei andere, mir unbekannte Nummern, eine weibliche und eine männliche.
Strahlendes Glück des blauen Himmels, die goldenen Abzeichen blinken wie winzige Sonnen, nirgends ein Gesicht, das verdüstert ist, überall heller Glanz, alles aus einer leuchtenden, lächelnden Materie gewoben. Und die ehernen Takte: Tra-ta-ta-tam, tra-ta-ta-tam, sind sonnenbeglänzte eherne Stufen, mit jeder Stufe steigt man hinauf, immer höher hinauf ins schwindelnde Blau... Plötzlich sah ich alle Dinge wieder so wie heute morgen auf der Werft. Mir war, als erblickte ich dies alles zum ersten Mal in meinem Leben: die schnurgeraden Straßen, das lichtfunkelnde Glas des Straßenpflasters, die langgestreckten Kuben der durchsichtigen Wohnhäuser, die quadratische Harmonie der blaugrauen Marschblöcke. Nicht eine Generation nach der anderen war nötig gewesen: ich allein hatte den alten Gott und das alte Leben besiegt. Ich hatte das alles geschaffen, ich war wie ein Turm, und ich wagte nicht, die Ellbogen zu bewegen, damit die Mauern, Kuppeln und Maschinen nicht einstürzten und zersplitterten ... Im nächsten Augenblick — ein Sprung durch die Jahrhunderte, von Plus zu Minus. Mir fiel ein Bild im Museum ein (wahrscheinlich eine Assoziation der Kontraste): eine Straße des 20. Jahrhunderts, ein verwirrend buntes Gewühl von Menschen, Rädern, Tieren, Plakaten, Bäumen, Farben und Vögeln... Aber das hat es tatsächlich gegeben! Mir erschien das alles so unwahrscheinlich und absurd, dass ich mich nicht beherrschen konnte und in lautes Gelächter ausbrach. Sogleich kam das Echo — ein Lachen zu meiner Rechten. Ich blickte nach rechts und sah weiße, ungewöhnlich weiße, scharfe Zähne im Gesicht einer mir unbekannten Frau.
»Verzeihen Sie«, sagte sie, »aber Sie haben alles so entzückt betrachtet wie ein gewisser mythischer Gott an seinem siebten Schöpfungstag. Sie sehen aus, als wären Sie sicher, dass Sie und kein anderer auch mich geschaffen haben. Sehr schmeichelhaft für mich... « All das sagte sie ganz ernst, fast mit einem gewissen Respekt (vielleicht wusste sie, dass ich der Konstrukteur des Integral bin). Und dennoch — in ihren Augen oder in ihren Brauen war ein merkwürdig aufreizendes X; ich konnte diese Unbekannte nicht erfassen, sie nicht in Zahlen ausdrücken. Ich war sehr verlegen und versuchte verwirrt, mein Lachen logisch zu begründen. Es sei völlig klar, sagte ich, dass dieser Kontrast, dass diese unüberbrückbare Kluft zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit... »Aber warum soll diese Kluft unüberbrückbar sein?« unterbrach sie mich. Wie weiß ihre Zähne waren! »Man kann eine Brücke über sie schlagen. Stellen Sie sich vor: Trommeln, Bataillone, Menschen in Reih und Glied — das hat es auch damals gegeben, folglich... Nun, das ist doch ganz klar!« rief sie. (Was für eine seltsame Gedankenübertragung: sie gebrauchte die gleichen Worte, die ich vor dem Spaziergang niedergeschrieben hatte!) »Sehen Sie«, sagte ich, »wir haben die gleichen Gedanken. Wir sind eben keine Einzelwesen mehr, sondern jeder von uns ist nur einer von vielen. Wir gleichen einander so sehr... « »Sind Sie ganz sicher?«
Ihre hochgezogenen Brauen bildeten einen spitzen Winkel zur Nase, es sah aus wie ein exakt gezeichnetes X, und das verwirrte mich von neuem. Ich blickte nach rechts, nach links, wieder nach rechts... Da schritt sie, schlank, sehnig, geschmeidig wie eine Gerte, I-330 (jetzt erst sah ich ihre Nummer); links ging O, die so ganz anders war, nur aus Kreisen und Kurven zu bestehen schien, und am Ende unserer Reihe eine mir unbekannte männliche Nummer — zweifach gekrümmt wie ein S. Keiner glich dem anderen. Wir waren alle verschieden... Die I-330 hatte offenbar meinen zerstreuten Blick bemerkt, denn sie sagte seufzend: »O weh!« Dieses »O weh« war durchaus angebracht, doch wieder war etwas in ihrem Gesicht oder in ihrer Stimme... Ich entgegnete scharf: »Kein O weh! Die Wissenschaft schreitet voran, und es ist klar, dass wir alle, wenn auch nicht jetzt, so doch in fünfzig oder hundert Jahren... « »Dass wir dann alle die gleichen Nasen haben... « »Ja, die gleichen Nasen!« Ich schrie es fast. »Denn die Verschiedenheit der Nasen ist ein Grund zum Neid... Wenn ich eine Knollennase habe, und ein anderer... « »Was wollen Sie? Ihre Nase ist geradezu klassisch, wie man früher sagte. Aber wie ist es mit Ihren Händen... Zeigen Sie mir einmal Ihre Hände. Zeigen Sie sie doch!« Ich kann es nicht ausstehen, wenn man meine Hände betrachtet. Sie sind dicht behaart, haben einen richtigen Pelz. Das ist ein verrückter Atavismus. Ich hielt ihr meine Hände hin und sagte gleichgültig: »Affenhände.«
Sie sah sie an und dann mein Gesicht. »Das ist wirklich ein interessanter Zusammenklang.« Sie maß mich mit einem abschätzenden Blick und zog wieder die Brauen hoch.
»Er ist auf mich eingetragen«, flöteten die rosigen Lippen O.s voller Stolz.
Sie hätte lieber schweigen sollen. Ihre Bemerkung war überflüssig. Überhaupt, die liebe gute O... wie soll ich nur sagen... Es stimmt etwas nicht mit der Geschwindigkeit ihrer Zunge. Die Sekundengeschwindigkeit der Zunge muss stets ein wenig geringer sein als die Sekundengeschwindigkeit des Denkens; umgekehrt ist es von Übel. Vom Akkumulatorenturm am Ende des Prospekts schlug die Uhr fünf. Die persönliche Stunde war um. I-330 ging mit jener S-ähnlichen männlichen Nummer fort. Er hat ein Achtung gebietendes Gesicht, das mir irgendwie bekannt vorkommt. Ich war ihm schon begegnet, ich konnte mich im Augenblick nur nicht darauf besinnen, wo. Beim Abschied lächelte I mir rätselhaft zu. »Schauen Sie doch morgen einmal im Auditorium 112 herein«, sagte sie.
Ich zuckte die Achseln: »Wenn ich eine Order erhalte, ich meine, für dieses Auditorium, das Sie mir genannt haben... «
Mit einer Bestimmtheit, die mir unverständlich war, sagte sie: »Sie werden eine Order bekommen.« Diese Frau wirkte auf mich ebenso unangenehm wie ein unlösbares irrationales Glück, das unvermutet in einer Gleichung auftaucht, und ich war froh, dass ich mit der lieben O, wenn auch nur für kurze Zeit, allein blieb. Arm in Arm gingen wir bis zu der vierten Straßenkreuzung. An der Ecke musste sie links, ich rechts abbiegen. »Ich würde heute so gern zu Ihnen kommen und die
Gardinen herunterlassen. Gerade heute, jetzt, in diesem Augenblick... «, sagte O und sah mich schüchtern mit ihren runden, kristallblauen Augen an. Was sollte ich dazu sagen? Erst gestern war sie bei mir gewesen, und sie wusste genauso gut wie ich, dass unser nächster Geschlechtstag erst übermorgen war. Ihre Zunge war wieder einmal schneller als ihr Denken, ähnlich der (manchmal so schädlichen) Frühzündungen eines Motors. Zum Abschied küsste ich sie zweimal, nein, ich will genau sein, dreimal auf ihre wundervollen blauen, von keiner Wolke getrübten Augen.
EINTRAGUNG NR. 3
Übersicht: Der Rock. Die Mauer. Die Gesetzestafel.
Ich habe meine gestrigen Aufzeichnungen noch einmal durchgelesen, und es kommt mir so vor, als ob ich mich nicht klar genug ausgedrückt hätte. Uns Nummern ist das alles freilich sonnenklar. Doch wer weiß, vielleicht haben Sie, unbekannte Leser, denen der Integral meine Aufzeichnungen bringen wird, das große Buch der Zivilisation nur bis zu der Seite gelesen, bei der unsere Vorfahren vor 900 Jahren stehen geblieben sind. Es ist durchaus möglich, dass Sie nicht einmal solch elementare Dinge wie die Stunden-Gesetzestafel, die Persönlichen Stunden, die Mutternorm, die Grüne Mauer und den Wohltäter kennen. Ich finde es lächerlich und zugleich sehr schwierig, Ihnen dies alles auseinanderzusetzen. Es ist genauso, wie wenn ein Schriftsteller, nun, sagen wir des 20. Jahrhunderts, in seinem Roman erklären müsste, was ein Rock, eine Wohnung, eine Gattin ist. Übrigens, wenn sein Buch für unzivilisierte Völker übersetzt wurde, dann konnte man kaum ohne eine Anmerkung zu dem Wort Rock auskommen.
Wenn der Wilde Rock las, dachte er gewiss: »Wozu das? Das ist doch nur eine Last.« Ich glaube, auch Sie werden große Augen machen, wenn ich Ihnen sage, dass seit dem 200jährigen Krieg keiner von uns in dem Land jenseits der Grünen Mauer gewesen ist.
Aber, verehrter Leser, denken Sie nur einmal ein wenig nach: Die ganze Geschichte der Menschheit, soweit wir sie kennen, ist die Geschichte des Übergangs vom Nomadentum zu wachsender Sesshaftigkeit. Daraus folgt, dass die Lebensform der zähesten Sesshaftigkeit (nämlich die unsere) auch die vollkommenste ist (wiederum die unsere). Nur in prähistorischen Zeiten, als es noch Nationen, Kriege und Handel gab, als mehr als nur ein Amerika entdeckt wurde, zogen die Menschen sinn- und planlos von einem Ende der Welt zum anderen. Aber wozu, wer braucht das jetzt noch?
Ich gebe zu, die Gewöhnung an diese Sesshaftigkeit wurde nicht sofort und auch nicht ohne Mühe erreicht. Im 200jährigen Krieg, als alle Landstraßen zerstört und mit Gras überwuchert waren, musste es anfangs recht unangenehm sein, in Städten zu leben, die durch grüne Einöden voneinander abgeschnitten waren. Aber was hat das schon zu bedeuten? Nachdem der Mensch seinen Affenschwanz verloren, hat er wahrscheinlich auch nicht sofort gelernt, die Fliegen ohne dieses Hilfsmittel zu verjagen. Anfangs kam er sich ohne Schwanz zweifellos sehr kläglich vor. Anfangs hat er seinen Schwanz bestimmt schmerzlich vermisst. Jetzt aber — können Sie sich vorstellen, dass Sie einen Schwanz hätten? Oder dass Sie nackt auf der Straße herumliefen, ohne Rock (vielleicht tragen Sie noch einen Rock)} Mir geht es ebenso: Ich kann mir keine Stadt ohne die Grüne Mauer denken, kein Leben, das nicht in das Zahlengewand der Gesetzestafel gekleidet ist.
Die Gesetzestafel... Von der Wand meines Zimmers blicken ihre purpurnen Zahlen auf goldenem Grund mir wohlwollend-streng in die Augen. Unwillkürlich muss ich an das denken, was die Alten Ikone nannten, und ich möchte Verse schreiben oder beten (was übrigens das gleiche ist). Ach, warum bin ich kein Dichter, um dich würdig zu preisen, o Gesetzestafel, du Herz und Puls des Einzigen Staates! Wir alle (vielleicht auch Sie) haben schon als Schulkinder das größte aller uns erhaltenen Denkmäler der alten Literatur gelesen, den Eisenbahnfahrplan. Vergleichen Sie ihn einmal mit der Gesetzestafel, und Sie werden sehen: Das eine ist Graphit, das andere Diamant, beide bestehen aus dem gleichen Element, C, Kohlenstoff, aber wie durchsichtig-klar ist der Diamant, wie leuchtet er! Ihnen geht gewiss der Atem aus, wenn Sie die Seiten des Fahrplans entlangjagen. Die Stunden-Gesetzestafel hingegen verwandelt jeden von uns in einen stählernen sechsrädrigen Helden des großen Poems. Jeden Morgen stehen wir, Millionen, wie ein Mann zu ein und derselben Stunde, zu ein und derselben Minute auf. Zu ein und derselben Stunde beginnen wir, ein Millionenheer, unsere Arbeit, zur gleichen Stunde beenden wir sie. Und zu einem einzigen, millionenhändigen Körper verschmolzen, führen wir in der gleichen, durch die Gesetzestafel bestimmten Sekunde die Löffel zum Mund, zur gleichen Sekunde gehen wir spazieren, versammeln uns zu den Taylor-Exerzitien in den Auditorien, legen uns schlafen ... Ich will ganz offen sein: Die absolute, endgültige Lösung des Problems Glück haben selbst wir noch nicht gefunden: Zweimal am Tag, von 16 bis 17 und von 21 bis 22 Uhr, spaltet sich der gewaltige Organismus in einzelne Zellen auf — das sind die von der Gesetzestafel festgesetzten Persönlichen Stunden. Zu dieser Zeit sehen Sie folgendes Bild: Die einen sitzen hinter geschlossenen Gardinen in ihren Zimmern, andere gehen im Takt zu den ehernen Klängen des Marsches auf dem Prospekt spazieren, wieder andere sitzen am Schreibtisch, wie ich in diesem Augenblick. Aber ich glaube — man mag mich einen Idealisten oder Phantasten nennen —, ich glaube ganz fest daran, dass wir irgendwann, früher oder später, auch für diese zwei Stunden einen Platz in der allgemeinen Formel finden werden, dass dann die Gesetzestafel sämtliche 86.400 Sekunden des Tages umfassen wird. Viel Unwahrscheinliches habe ich von jenen Zeiten gelesen und gehört, da die Menschen noch in Freiheit, nicht organisiert und wie die Wilden lebten. Aber am unbegreiflichsten war es mir immer, wie der damalige Staat, so unvollkommen er auch gewesen sein mag, es dulden konnte, dass die Menschen ohne Verordnungen lebten, die denen unserer Gesetzestafel vergleichbar wären, ohne Pflichtspaziergänge, ohne genau festgelegte Essenszeiten, dass sie aufstanden und zu Bett gingen, wann es ihnen gerade einfiel; einige Historiker berichten sogar, dass damals die ganze Nacht Lampen in den Straßen brannten, dass die Leute nachts durch die Straßen gingen und fuhren.
Ich kann das einfach nicht fassen. Wie beschränkt ihre Einsicht auch war, sie mussten doch erkennen, dass dieses Leben Selbstmord war, ein langsamer Selbstmord. Der Staat (die Humanität) verbot, einen Menschen zu töten, verbot aber nicht, Millionen umzubringen. Einen zu töten, das heißt die Summe aller Menschenleben um 50 Jahre zu verringern, war ein Verbrechen, aber die gleiche Summe um 50 Millionen Jahre zu verringern, war keines. Ist das nicht lächerlich?
Jede beliebige zehnjährige Nummer unseres Staates kann dieses mathematisch-moralische Problem in einer halben Minute lösen; sie aber vermochten es nicht, nicht einmal all ihre Kants zusammen (weil keiner dieser Kants draufkam, ein System wissenschaftlicher Ethik zu schaffen, einer Ethik nämlich, die auf Substraktion, Addition, Division und Multiplikation beruht).
Und ist es nicht absurd, dass der Staat von damals (dieses Gebilde wagte sich Staat zu nennen) das Geschlechtsleben ohne jegliche Kontrolle ließ? Die Menschen konnten sich vergnügen, wann und wie sie wollten, und sie zeugten Kinder wie die Tiere, in blinder Lust, ohne sich um die Lehren der Wissenschaft zu kümmern. Ist das nicht lächerlich: Sie kannten sich in Gartenbau, Geflügelzucht, Fischzucht aus (wir haben zuverlässige Quellen darüber) und vermochten dennoch nicht, die letzte Sprosse dieser logischen Leiter zu erklimmen: die Kinderzucht. Sie kamen nicht auf unsere Vater- und Mutternorm. Alles, was ich bis jetzt geschrieben habe, ist so töricht und unwahrscheinlich, dass Sie, unbekannter Leser, mich vielleicht für einen üblen Witzbold halten. Sie werden denken, dass ich mich über Sie lustig mache und mit todernster Miene den größten Unsinn von mir gebe.
Aber erstens bin ich gar nicht fähig, einen Witz zu machen — jeder Witz ist eine unklare Funktion, also eine Lüge —, und zweitens behauptet die Wissenschaft des Einzigen Staates, dass das Leben unserer Vorfahren so und nicht anders war, und die Wissenschaft des Einzigen Staates kann sich nicht irren. Woher hätte damals, als
die Menschen in Freiheit, nämlich wie Tiere, wie Affen in Herden, lebten, die Staatslogik herkommen sollen? Was konnte man von ihnen erwarten, wenn man sogar noch in unseren Tagen irgendwoher aus der Tiefe, aus dem wilden Abgrund, das wilde Echo des Affen vernimmt? Zum Glück vernehmen wir es nur selten. Zum Glück sind das nur unbedeutende kleine Schäden, die wir leicht beheben können, ohne den ewigen Lauf der ganzen Maschine zu stoppen. Wenn wir einen verbogenen Bolzen entfernen müssen — dazu haben wir die geschickte, starke Hand des Wohltäters und die scharfen Augen der Beschützer... Übrigens, da fällt mir ein, diese S-ähnliche Nummer von gestern habe ich, glaube ich, einmal aus dem Beschützeramt herauskommen sehen. Jetzt begreife ich, warum ich unwillkürlich Ehrfurcht vor ihm empfand und warum mir so unbehaglich zumute wurde, als die sonderbare I-300 in seiner Gegenwart... Ich muss gestehen, diese I... Es läutet zum Schlafengehen: 22.30 Uhr. Bis morgen.
EINTRAGUNG NR. 4
Übersicht: Der Wilde und das Barometer. Epilepsie. Wenn...
Bis zum heutigen Tag war mir alles im Leben völlig klar (ich habe wohl nicht zufällig eine gewisse Vorliebe für das Wort klar). Heute aber... Ich kann es nicht fassen.
Erstens: Ich habe tatsächlich Order erhalten, zum Auditorium 112 zu kommen, wie sie mir sagte. Obgleich die Wahrscheinlichkeit dafür nur 1500 : 10,000.000 = 3 : 20.000 war (1500 = Anzahl der Auditorien, 10,000.000 = Anzahl der Nummern). Und drittens... Aber ich will alles der Reihe nach erzählen. Das Auditorium. Eine riesige, sonnendurchglühte Halbkugel aus massivem Glas. Zahllose kugelförmige, glattrasierte Köpfe. Ich blickte mich etwas beklommen um. Ob hier nicht irgendwo über den blauen Wogen der Uniformen ein rosiger Halbmond schwebte, die lieben Lippen von O? Da — eine Reihe ungewöhnlich weißer, scharfer Zähne... Nein, es war etwas anderes, das ich suchte. Heute Abend um 21 Uhr wird O zu mir kommen; der Wunsch, sie hier zu sehen, war also ganz natürlich. Ein Klingelzeichen ertönte. Wir erhoben uns, sangen die Hymne des Einzigen Staates, und auf dem Podium begann der goldfunkelnde Lautsprecher des Phonolektors: »Verehrte Nummern! Vor kurzem haben die Archäologen ein Buch aus dem 20. Jahrhundert ausgegraben. Der Autor erzählt darin von einem Wilden und einem Barometer. Der Wilde hatte entdeckt, dass, sooft das Barometer auf Regen stand, es tatsächlich regnete. Da der Wilde Regen haben wollte, kratzte er so viel Quecksilber heraus, bis das Barometer auf Regen stehen blieb.« Auf der Leinwand sah man einen federgeschmückten Wilden, der das Quecksilber aus dem Barometer entfernte. Gelächter. »Sie lachen, aber meinen Sie nicht auch, dass der Europäer jener Epoche weit lächerlicher war als dieser Wilde? Der Europäer begehrte ebenfalls Regen, aber wie hilflos war er dem Barometer gegenüber! Der Wilde hingegen besaß Mut, Energie und Logik, wenn auch eine recht wilde Logik: er stellte fest, dass es eine Verbindung zwischen Ursache und Wirkung gibt. Indem er das Quecksilber herauskratzte, tat er den ersten Schritt auf jenem großen Wege, den wir... «
Hier (ich wiederhole, ich will in diesen Aufzeichnungen die volle Wahrheit sagen), hier wurde ich gleichsam wasserdicht, undurchdringlich für die belebenden Ströme, die dem Lautsprecher entquollen. Plötzlich war mir, als wäre es sinnlos, dass ich hierher gekommen war (wieso sinnlos? Ich musste kommen, ich hatte ja den Befehl erhalten!). Alles erschien mir leer und hohl. Mit großer Mühe gelang es mir, mich wieder zu konzentrieren, als der Phonolektor bereits zum Hauptthema gekommen war, zu unserer Musik, zur mathematischen Komposition (die Mathematik ist die Ursache, die Musik die Wirkung), zur Beschreibung des kürzlich erfundenen Musikometers. «... Man dreht einfach an diesem Knopf und kann bis zu drei Sonaten in der Stunde komponieren. Welche Mühe machte das Ihren Vorfahren! Sie konnten nur dann schaffen, wenn sie sich in einen krankhaften Zustand, in >Begeisterung<, versetzten, was nichts anderes ist als eine Form der Epilepsie. Ich gebe Ihnen jetzt ein äußerst komisches Beispiel von dem, was man damals zuwege brachte. Sie hören Musik von Skrjabin, 20. Jahrhundert. Diesen schwarzen Kasten« — der Vorhang auf dem Podium teilte sich, wir sahen ein altmodisches Musikinstrument — »diesen Kasten nannte man damals Flügel, was wiederum beweist, wie sehr ihre ganze Musik .,.« Was er dann sagte, habe ich vergessen, wohl deshalb, weil... nun, ich will es offen gestehen, weil sie, I-330, zu dem schwarzen Kasten ging. Wahrscheinlich hatte mich ihr unerwartetes Erscheinen auf der Bühne verwirrt. Sie trug ein seltsames Kostüm, wie es damals Mode war, ein enganliegendes schwarzes Kleid; es betonte das Weiß der entblößten Schultern und Brüste und den warmen zuckenden Schatten dazwischen... und ihre blendend weißen, fast bösen Zähne ...
Sie lächelte uns zu. Ein bleckendes, beißendes Lächeln. Dann setzte sie sich und begann zu spielen. Es klang exaltiert, wild und wirr, wie alles aus jener Zeit — bar der Vernunft des Mechanischen. Und alle, die hier saßen, hatten recht: sie lachten. Nur einige wenige .. aber warum auch ich... ich?
Ja, die Epilepsie ist eine Geisteskrankheit, ein Schmerz... ein brennender, süßer Schmerz, wie ein Biss, und ich will, dass er tiefer in mich eindringt, dass ich ihn noch stärker spüre. Und da geht langsam die Sonne auf. Nicht unsere Sonne, die mit kristallblauem, gleichmäßigem Schein durch die gläsernen Wände dringt, nein, eine wilde, unaufhaltsam dahinjagende, alles versengende Sonne — nichts mehr bleibt von mir —, alles zerfällt in kleine Fetzen... Die Nummer links von mir sah mich kichernd an. Ich kann mich noch deutlich erinnern, dass an seinen Lippen ein winziges Speichelbläschen hing und zerplatzte. Dieses Bläschen ernüchterte mich. Ich war wieder ich. Wie die anderen hörte auch ich nur noch das wirre, tosende Rauschen der Saiten. Ich lachte, und alles war plötzlich so leicht und einfach. Was war geschehen? Nur dies: Der Phonolektor hatte jene unzivilisierte Epoche heraufbeschworen. Mit welchem Genuss lauschte ich dann unserer zeitgenössischen Musik (sie wurde zum Schluss als Kontrast gespielt). Die kristallenen chromatischen Tonleitern ineinander verschmelzender und sich wieder lösender unendlicher Reihen, die Akkorde der Formeln Taylors und MacLaurins, die schweren Ganztonschritte der quadratischen Pythagorashosen, die schwermütigen Melodien verebbender Schwingungsbewegungen... Welch erhabene Größe! Welch unerschütterliche Gesetzesmäßigkeit! Wie kümmerlich wirkte dagegen die eigenwillige, sich nur in wilden Phantasien ergehende Musik unserer Vorfahren!
Wie sonst gingen alle in Viererreihen durch die breiten Türen des Auditoriums hinaus. Eine mir wohlbekannte, zweifach gekrümmte Gestalt huschte vorüber; ich grüßte respektvoll.
In einer Stunde würde O zu mir kommen. Ich war in einem Zustand angenehmer und zugleich nützlicher Erregung. Zu Hause ging ich sofort zur Hausverwaltung, zeigte mein rosa Billett vor und erhielt die Genehmigung, die Vorhänge herabzulassen. Dieses Recht haben wir nur an Geschlechtstagen. Sonst leben wir in unseren durchsichtigen, wie aus leuchtender Luft gewebten Häusern, ewig vom Licht umflutet. Wir haben nichts voreinander zu verbergen, und außerdem erleichtert diese Lebensweise die mühselige, wichtige Arbeit der Beschützer. Wäre es anders, was könnte dann alles geschehen! Gerade die sonderbaren, undurchsichtigen Behausungen unserer Vorfahren können es bewirkt haben, dass man auf diese erbärmliche Käfigpsychologie verfiel: »Mein Haus ist meine Burg!«
Um 22 Uhr ließ ich die Vorhänge herunter, und da trat O auch schon ins Zimmer. Sie war ein wenig außer Atem und hielt mir ihr rosiges Mündchen und ihr rosa Billett hin. Ich riss den Talon ab — und dann... Erst im allerletzten Augenblick, um 22.15 Uhr, löste ich mich von dem rosigen Mund.
Ich zeigte ihr meine Aufzeichnungen und sprach von der Schönheit des Quadrats, des Würfels und der Geraden, wobei ich mich exakt und gewählt ausdrückte. Sie hörte schweigend zu, und plötzlich tropften Tränen aus ihren blauen Augen und fielen auf mein Manuskript (Seite 7). Die Tinte färbte sich wasserblau und zerfloss. Ich muss die Seite also noch einmal schreiben. »Lieber D, wenn Sie nur... wenn... «
»Was, wenn?«
Die alte Leier; sie möchte ein Kind haben. Oder ist es vielleicht etwas Neues, weil... weil jene andere... ? Sie ist freilich... Nein, das kann nicht sein, es wäre zu unsinnig.
EINTRAGUNG NR. 5
Übersicht: Das Quadrat. Die Herren der Welt. Eine angenehm-nützliche Funktion.
Wieder drücke ich mich unklar aus, wieder spreche ich mit Ihnen, lieber Leser, als wären Sie — nun, sagen wir, mein alter Schulfreund R-13, der Dichter mit den wulstigen Negerlippen, den alle kennen. Sie aber leben auf dem Mond, auf der Venus, auf dem Mars oder dem Merkur, wer weiß, wo und wer Sie sind.
Also, stellen Sie sich ein Quadrat vor, ein lebendiges, schönes Quadrat. Und es soll von sich, von seinem Leben erzählen. Sehen Sie, dem Quadrat würde es nie einfallen, davon zu sprechen, dass alle seine vier Seiten gleich sind, das sieht es schon gar nicht mehr, so selbstverständlich erscheint es ihm. Ich bin die ganze Zeit in einer ähnlichen Lage. Nehmen wir zum Beispiel die rosa Billetts und alles, was damit zusammenhängt: für mich ist das so selbstverständlich wie die vier gleichen Seiten für das Quadrat, Ihnen jedoch erscheint es vielleicht raffinierter als ein Newtonsches Binom.
Nun, hören Sie zu. Irgendein alter Philosoph hat, natürlich rein zufällig, ein kluges Wort gesagt: »Liebe und Hunger regieren die Welt.« Ergo: um die Welt zu beherrschen, muss der Mensch die Beherrscher der Welt bezwingen. Unsere Vorfahren haben einen hohen Preis gezahlt, um den Hunger auszurotten, ich meine den 200jäh-rigen Krieg, den Krieg zwischen Stadt und Land. Wahrscheinlich hielten die wilden Heiden nur aus religiösen Vorurteilen hartnäckig an ihrem Brot fest. (Dieses Wort wird heute nur noch als Metapher gebraucht, die chemische Zusammensetzung dieses Stoffes ist uns nicht bekannt.) Aber fünfunddreißig Jahre vor der Gründung des Einzigen Staates wurde unsere heutige Naphtha-Nahrung erfunden. Es waren freilich nur 0,2 Prozent der Bevölkerung der Erde übrig geblieben. Doch dafür erstrahlte das von tausendjährigem Schmutz gereinigte Antlitz der Erde in neuem, ungeahntem Glanz, und diese 0,2 Prozent genossen das Glück im Paradies des Einzigen Staates. Es bedarf wohl keiner Erklärung, dass Glück und Neid Zähler und Nenner jenes Bruches sind, den wir Zufriedenheit nennen. Welchen Sinn hätten die unzähligen Opfer des 200jährigen Krieges gehabt, wenn es in unserem Leben noch immer einen Grund zum Neid gäbe? Und doch existiert er noch, da es immer noch »Knollennasen« und »klassische Nasen« gibt (ich erinnere an das Gespräch auf dem Spaziergang), weil viele um die Liebe der einen werben, während um die andere sich keiner kümmert.
Nachdem der Einzige Staat den Hunger besiegt hatte, führte er einen Krieg gegen den zweiten Beherrscher der Welt, die Liebe. Schließlich war auch dieser Feind geschlagen, das heißt, organisiert, mathematisch festgelegt, und vor rund 300 Jahren trat unsere Lex sexualis in Kraft. Jede Nummer hat ein Recht auf eine beliebige Nummer als Geschlechtspartner.
Alles weitere war dann nur noch Technik. In den Laboratorien des Amtes für sexuelle Fragen wird man sorgfältig
untersucht, der Gehalt an Geschlechtshormonen wird genau bestimmt, und dann erhält jeder eine seinen Bedürfnissen entsprechende Tabelle der Geschlechtstage und die Anweisung, sich an diesen Tagen der Nummer Soundso zu bedienen, und man händigt ihm zu diesem Zweck ein Heftchen mit rosa Billetts aus.
So gibt es nun keinen Grund mehr zum Neid, denn der Nenner des Bruches Zufriedenheit ist Null geworden — und der Bruch wird zur großartigen Unendlichkeit. Das, was bei unseren Vorfahren eine Quelle unzähliger, sinnloser Tragödien war, haben wir zu einer harmonischen, angenehm-nützlichen Funktion gemacht, ebenso wie den Schlaf, die körperliche Arbeit, die Nahrungsaufnahme, die Verdauung und alles übrige. Darin zeigt sich, wie die große Kraft der Logik alles reinigt, was sie berührt. Ach, mögen auch Sie, ferner unbekannter Leser, diese göttliche Kraft erkennen und lernen, ihr in allem zu folgen. Seltsam, ich habe heute von den Gipfelpunkten der Menschheitsgeschichte geschrieben, ich habe die ganze Zeit die reinste Höhenluft des Geistes geatmet, doch in mir selbst ist alles düster, von dunklen Wolken, von Spinnweben verhangen, irgendein vierfüßiges X hat von mir Besitz ergriffen. Vielleicht kommt das nur von meinen Händen, ich hatte sie so lange vor Augen, meine behaarten Hände, die wie Pfoten aussehen. Ich spreche nicht gern von ihnen, ich liebe sie nicht, sie sind ein Überbleibsel aus jener längst vergangenen, unzivilisierten Epoche... Eigentlich wollte ich dies alles ausstreichen, weil es nicht zum Thema gehört, aber dann habe ich mich entschlossen, es doch stehenzulassen. Meine Aufzeichnungen sollen wie ein Seismograph selbst die geringfügigsten Schwankungen meines Gehirns registrieren, denn mitunter sind solche Schwankungen eine Warnung...
Nein, das ist ja absurd, ich hätte es durchstreichen müssen: wir haben alle Elemente gebändigt, es kann keine Katastrophe mehr geben.
Jetzt ist mir plötzlich alles ganz klar: dieses seltsame Gefühl kommt nur von der sonderbaren Lage, in der ich mich Ihnen gegenüber befinde. Es gibt kein X in mir (das ist unmöglich), im Gegenteil, ich befürchte, dass in Ihnen irgendein X zurückbleibt, lieber Leser. Aber ich glaube, Sie werden mich deswegen nicht verurteilen. Sie werden verstehen, dass es für mich viel schwieriger ist, zu schreiben, als es für alle Schriftsteller in der ganzen Geschichte der Menschheit je gewesen ist. Die einen schrieben für ihre Zeitgenossen, die anderen für ihre Nachkommen, aber keiner hat für seine Vorfahren oder für Wesen geschrieben, die seinen ungesitteten Ahnen aus grauer Vorzeit glichen...
EINTRAGUNG NR. 6
Übersicht: Ein Zufall. Das verfluchte klar. 24 Stunden.
Ich wiederhole: Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, in meinen Aufzeichnungen nichts zu verschweigen. Darum muss ich an dieser Steile bemerken — so betrüblich es auch ist —, dass selbst in unserem Staat der Prozess der Verhärtung, der Kristallisation des Lebens noch nicht abgeschlossen ist. Wir sind noch einige Schritte vom Ideal entfernt. Das Ideal ist dort, wo nichts mehr geschieht (das ist klar), bei uns hingegen... Was sagen Sie dazu: Heute las ich in der Staatszeitung, dass übermorgen der Tag der Gerechtigkeit auf dem Platz des Würfels stattfindet. Also hat wieder irgendeine Nummer den Lauf der großen Staatsmaschine gehemmt, wieder ist etwas Unvorhergesehenes, nicht Vorausberechnetes geschehen. Auch mit mir ist etwas geschehen, zwar in der Persönlichen Stunde, das heißt, in jener Zeitspanne, die für Unvorhergesehenes bestimmt ist, dennoch...
Ich kam um 16 Uhr, genau gesagt, 10 Minuten vor 16 Uhr, nach Hause. Plötzlich rasselte das Telefon. »D-503?« fragte eine weibliche Stimme. »Ja.«
»Ich bin's, I-330. Ich hole Sie gleich ab, wir gehen zusammen zum Alten Haus. Einverstanden?« I-330... Diese I hat etwas Aufreizendes, sie stößt mich ab, erschreckt mich fast. Aber gerade darum sagte ich ja. Fünf Minuten später saßen wir im Flugzeug. Ein majolikablauer Maihimmel. Die warme Sonne folgte uns summend in ihrem goldenen Flugzeug, ohne uns einzuholen und ohne zurückzubleiben. Aber dort, vor uns, hing eine milchig-weiße Wolke, hässlich und rund wie die Backen eines antiken Cupido, und das störte mich. Das vordere Fenster des Flugzeuges war geöffnet, ein scharfer Wind wehte, meine Lippen wurden trocken. Unwillkürlich feuchtete ich sie an und dachte an nichts anderes. In der Ferne tauchten trüb-grüne Flecken auf, das Land jenseits der Mauer. Dann erfasste mich ein leichter Schwindel, es ging hinab, immer tiefer, einen steilen Hang hinunter: wir landeten vor dem Alten Haus. Das morsche, düstere Gebäude ist rings von einer gläsernen Hülle umschlossen, sonst wäre es natürlich längst eingestürzt. Vor der Glastür hockte ein uraltes Weib; ihr Gesicht war über und über mit Runzeln bedeckt, der Mund bestand nur aus Falten, er sah aus wie zugewachsen, und man konnte nicht glauben, dass sie ihn noch öffnen könne. Doch die Alte sagte:
»Na, Kinderchen, wollt ihr euch mein Häuschen ansehen?«, und ihr verrunzeltes Gesicht strahlte. »Ja, Großmutter, es hat mich wieder einmal hierher gezogen«, antwortete I.
Die Runzeln lachten: »Ja, die Sonne! Ach, du Teufelsmädchen! Ich weiß schon, ich weiß! Na gut, geht nur hinein, ich will in der Sonne sitzen bleiben... « Meine Begleiterin war offenbar kein seltener Gast in diesem Haus. Ich wollte etwas von mir abschütteln, es war wohl immer noch jenes bedrückende Bild — die Wolke am blanken Majolikahimmel.
Als wir die breite, dunkle Treppe hinaufgingen, sagte I: »Ich habe die alte Frau sehr gern.« »Warum?«
»Ich weiß nicht. Vielleicht ihres Mundes wegen. Vielleicht auch aus keinem besonderen Grund. Ich habe sie einfach gern.«
Ich zuckte die Achseln. Lächelnd fuhr sie fort: »Ich fühle mich schuldbewusst. Selbstverständlich darf es kein >Einfach-Gernhaben< geben, sondern nur ein Gernhaben, das begründet ist. Alle Urelemente müssen... « »Klar«, sagte ich, ertappte mich sogleich bei diesem Wort und blickte I verstohlen an. Hatte sie es bemerkt oder nicht?
Sie blickte zu Boden, ihre gesenkten Lider glichen heruntergelassenen Vorhängen. Dabei fiel mir ein: Wenn man abends um 22 Uhr durch die Straßen geht, sieht man in den hellerleuchteten, durchsichtigen Glashäusern hier und dort dunkle Zimmer mit zugezogenen Gardinen, und dahinter... Was sie dann wohl tut? Warum hat sie mich heute angerufen, und was soll das alles bedeuten? Ich öffnete eine schwere, undurchsichtige, knarrende Tür, und wir traten in einen dunklen Raum (so etwas nannten
unsere Vorfahren Wohnung). Ein seltsames Musikinstrument stand dort, ein Flügel, und in dem ganzen Zimmer war der gleiche regellose Wirrwarr von Formen und Farben wie in der alten Musik. Eine weiße Decke, dunkelblaue Wände, alte Bücher in roten, grünen, orangefarbenen Einbänden, gelbe Bronzen — zwei Leuchter und eine Buddha-Statuette —, die Linien der Möbel epileptisch verzerrt, zuckend, in keine Gleichung zu bringen. Nur mit größter Anstrengung vermochte ich dieses Chaos zu ertragen. Meine Begleiterin hingegen hatte offenbar eine kräftigere Konstitution.
»Diese Wohnung gefällt mir am besten von allem im Alten Haus«, sagte sie, und plötzlich schien sie sich auf irgend etwas zu besinnen; ihr Lächeln — ein Biss, die scharfen weißen Zähne blitzten: »Sie ist die hässlichste aller Wohnungen von einst.«
»Der hässlichste aller Staaten von einst«, verbesserte ich sie. »Jener Tausenden von mikroskopisch kleinen Staaten, die beständig miteinander Krieg führten, grausam wie...«
»Ja, ich weiß... «, unterbrach mich I ernst. Wir gingen durch ein Zimmer, in dem Kinderbetten standen (in jener Epoche waren die Kinder noch Privateigentum). Und dann ein Raum nach dem anderen — blitzende Spiegel, riesige Schränke, unerträglich bunte Sofas, ein ungeheurer Kamin, ein großes Mahagonibett. Unser schönes durchsichtiges, unzerbrechliches Glas sah ich nur in Form von armseligen, trüben Fensterscheiben. »Seltsam, hier haben die Menschen >einfach so< geliebt, geglüht, sich gequält...« (wieder schlug sie die Augen nieder), »welch eine sinnlose, unwirtschaftliche Verschwendung menschlicher Energie — nicht wahr?« Damit sprach sie meine eigenen Gedanken aus, doch in ihrem Lächeln las ich die ganze Zeit dieses aufreizende X. Hinter ihren gesenkten Lidern ging irgend etwas vor, das mich aus dem Gleichgewicht brachte.
Ich wollte ihr widersprechen, wollte sie anschreien, aber ich musste ihr zustimmen — sie hatte recht. Wir blieben vor einem Spiegel stehen. In diesem Augenblick sah ich nur ihre Augen. Da kam mir der Gedanke: Der Mensch ist genauso unzivilisiert wie diese scheußlichen Wohnungen; sein Kopf ist undurchsichtig, nur zwei kleine Fenster gestatten einen Blick ins Innere: die Augen. Anscheinend hatte sie meine Gedanken erraten, denn sie wandte sich um:
»Nun? Das sind meine Augen.« (Sie sagte das natürlich nicht laut, sondern nur mit den Blicken.) Vor mir zwei traurig-dunkle Fenster, dahinter ein unbekanntes, fremdes Leben. Ich sah nur, dass dort drinnen ein Feuer brannte, irgendein Kamin, und da waren Gestalten, ähnlich wie...
Es war ganz natürlich: ich sah mein Spiegelbild in ihren Augen. Aber dieses Spiegelbild war unnatürlich und glich mir ganz und gar nicht (das kam gewiss von der bedrückenden Umgebung) — ich fühlte deutlich ein Entsetzen, fühlte mich gefangen, in diesem Käfig eingeschlossen, vom wilden Wirbel des einstigen Lebens fortgerissen. »Ach«, sagte I, »gehen Sie doch bitte für eine Minute ins Nebenzimmer.«
Ich ging hinaus und setzte mich. Von einem Bücherbrett lächelte mir das stupsnasige, asymmetrische Gesicht eines antiken Dichters entgegen (ich glaube, es war Puschkin). Wie kommt es nur, dass ich hier sitze und dieses Lächeln gelassen hinnehme? Ja, warum bin ich überhaupt hier? Woher kommt dieser sonderbare Zustand? Diese aufreizende, abstoßende Frau, dieses seltsame Spiel.
Nebenan klappte eine Schranktür, Seide rauschte leise, es kostete mich große Selbstbeherrschung, nicht hineinzugehen und ihr sehr harte Worte zu sagen. Doch da kam sie schon. Sie trug ein kurzes, altmodisches gelbes Kleid, einen schwarzen Hut und schwarze Strümpfe. Das Kleid war aus dünner Seide, ich konnte hindurchsehen und erkennen, dass die Strümpfe bis übers Knie reichten. Ihr Hals war entblößt, ich sah den Schatten zwischen ihren Brüsten...
»Das soll wohl originell sein, aber glauben Sie denn wirklich...«
»Ja«, unterbrach mich I, »originell sein heißt, sich von den anderen unterscheiden. Folglich zerstört die Originalität die Gleichheit... Das, was in der idiotischen Sprache unserer Ahnen banal sein bedeutete, das heißt bei uns: seine Pflicht erfüllen. Denn... «
Ich konnte nicht mehr an mich halten. »Das brauchen Sie mir gar nicht erst zu sagen... «
Sie trat zur Büste des stupsnasigen Dichters, schlug die Augen nieder und sagte, diesmal anscheinend ganz ernst (vielleicht um mich zu besänftigen), etwas sehr Kluges: »Finden Sie es nicht höchst sonderbar, dass die Leute einmal solche Gestalten geduldet haben? Nicht nur geduldet, dass sie sie sogar verehrt haben? Welch sklavischer Geist! Nicht wahr?«
»Klar... das heißt, ich wollte... « (O dieses verfluchte klar!)
»Schon gut, ich verstehe. Und diese Dichter waren mächtiger als die gekrönten Häupter jener Zeit, Warum hat man sie nicht isoliert, nicht ausgerottet? Bei uns...« »Ja, bei uns...«, begann ich. Plötzlich lachte sie spöttisch. Ich erinnere mich, dass ich am ganzen Leib zitterte. Am liebsten hätte ich sie gepackt, und ich weiß nicht mehr, was... Ich musste irgend etwas tun. Ich öffnete mechanisch mein goldenes Abzeichen und sah auf die Uhr. 10 Minuten vor 5.
»Meinen Sie nicht, dass es Zeit ist für uns?« sagte ich so unbefangen wie möglich.
»Und wenn ich Sie bitten würde, mit mir hier zu bleiben?« »Wissen Sie, was Sie damit sagen? In zehn Minuten muss ich im Auditorium sein.«
»Alle Nummern sind verpflichtet, an dem Kurs für Kunst und Wissenschaft teilzunehmen«, sagte I mit meiner Stimme. Dann blickte sie auf und sah mich an; hinter den dunklen Augenfenstern glühte das Feuer. »Ich kenne einen Arzt vom Gesundheitsamt, er ist auf mich abonniert. Wenn ich ihn bitte, schreibt er Ihnen ein Attest, dass Sie krank waren. Nun?« Ich begriff endlich, wohin dieses ganze Spiel führte. »Auch das noch! Sie wissen wohl, dass ich, wie jede anständige Nummer, eigentlich sofort zu den Beschützern gehen müsste und... «
»Aber uneigentlich« — sie lächelte spöttisch — »wüsste ich zu gern, ob Sie hingehen oder nicht.« »Sie bleiben hier?« Ich griff nach der Türklinke. Sie war aus Messing, wie meine Stimme. »Einen Augenblick bitte. Darf ich?«
Sie ging zum Telefon, wählte eine Nummer — ich war so aufgeregt, dass ich sie mir nicht merkte — und sagte: »Ich erwarte Sie im Alten Haus. Ja, ich bin allein.« Ich drückte auf die kalte Messingklinke: »Gestatten Sie, dass ich Ihr Flugzeug nehme?« »Natürlich, bitte... «
Am Ausgang träumte die Alte wie eine Pflanze in der Sonne vor sich hin. Wieder wunderte ich mich, dass der zugewachsene Mund sich öffnete und sprach:
»Und Ihre Freundin — ist sie allein im Haus?« »Ja, allein.«
Die Alte schüttelte schweigend den Kopf. Selbst ihr schwaches Hirn schien zu begreifen, wie tollkühn, wie wahnwitzig diese Frau handelte.
Punkt fünf Uhr war ich in der Vorlesung. Da fiel mir plötzlich ein, dass ich der Alten nicht die Wahrheit gesagt hatte — I war jetzt nicht allein. Vielleicht quälte und lenkte gerade dies mich jetzt ab, dass ich die Alte gegen meinen Willen belogen hatte. Ja, sie war nicht allein.
21.30 Uhr — ich hatte eine freie Stunde. Ich hätte noch heute zu den Beschützern gehen und Anzeige erstatten können. Aber diese dumme Geschichte hatte mich müde gemacht. Außerdem beträgt die gesetzliche Frist für eine Anzeige zweimal vierundzwanzig Stunden. So hatte es noch Zeit bis morgen.
EINTRAGUNG NR. 7
Übersicht: Die Augenwimper. Taylor. Bilsenkraut und Maiglöckchen.
Nacht. Grün, orange, blau, ein Flügel aus Mahagoni, ein zitronengelbes Kleid. Ein bronzener Buddha. Plötzlich hob er die metallenen Lider — und Saft entströmte ihm. Auch aus dem gelben Kleid rann Saft, an dem Spiegel hingen kleine Tropfen, das große Bett und die Kinderbettchen tröpfelten, und im nächsten Augenblick werde auch ich... Ein banger, süßer Schreck überkommt mich... Ich wachte auf. Gleichmäßiges bläuliches Licht, das Glas der Wände leuchtete, die gläsernen Stühle, der gläserne
Tisch. Das beruhigte mich, mein Herz pochte nicht mehr so ungestüm. Sanft, Buddha... was für ein Unsinn! Mir ist klar, dass ich krank bin. Früher habe ich nie geträumt. Träumen — das soll bei unseren Vorfahren etwas ganz Normales und Alltägliches gewesen sein. Ihr ganzes Leben war ja ein entsetzliches Karussell: Grün-orange Buddha-Saft. Wir aber wissen, dass Träume eine gefährliche psychische Krankheit sind. Und ich weiß: Bis zu diesem Tag war mein Gehirn ein chronometrisch regulierter, blitzender Mechanismus ohne das geringste Stäubchen, jetzt aber...
Ja, ich spüre in meinem Gehirn einen Fremdkörper wie ein feines Wimpernhaar im Auge; man fühlt sich im ganzen recht wohl, aber dieses Haar im Auge — nicht für eine Sekunde lässt es sich vergessen. In meinem Kopfkissen ertönte ein heller, kristallklarer Ton: 7 Uhr, aufstehen. Durch die gläsernen Wände rechts und links sah ich gleichsam mich selbst, mein Zimmer, meine Kleider, meine Bewegungen — tausendfach wiederholt. Das gab mir neuen Mut, ich empfand mich als Teil eines gewaltigen, einheitlichen Organismus. Und welch exakte Schönheit: keine überflüssige Geste, Neigung, Drehung. Ja, dieser Taylor war zweifellos der genialste Mensch der alten Zeit. Er kam freilich nicht darauf, seine Methode auf das ganze Leben auszudehnen, auf jeden Schritt, auf sämtliche vierundzwanzig Stunden des Tages, er vermochte nicht, sein System von einer zu vierundzwanzig Stunden zu integrieren. Dennoch — wie konnten die Menschen von damals ganze Bibliotheken über einen gewissen Kant schreiben, während sie Taylor, diesen Propheten, der zehn Jahrhunderte vorausblickte, kaum erwähnten! Das Frühstück war zu Ende. Wir hatten die Hymne des Einzigen Staates gesungen und marschierten in Viererreihen zum Lift. Die Motoren summten leise, es ging rasch nach unten, tiefer, immer tiefer, und ich spürte einen leichten Schwindel...
Da war wieder dieser unsinnige Traum oder irgendeine unklare Funktion, die von diesem Traum herrührte. Gestern, als wir mit dem Flugzeug landeten, hatte ich das gleiche Gefühl. Im übrigen ist das nun alles vorbei: Punkt.
Und es ist sehr gut, dass ich ihr gegenüber so entschieden und schroff war.
In der Untergrundbahn fuhr ich zur Werft, wo der noch unbewegliche, noch nicht vom Feueratem durchglühte schlanke Leib des Integral auf Stapel lag und in der Sonne blitzte. Ich schloss die Augen und träumte in Formeln: in Gedanken rechnete ich noch einmal aus, wie groß die Anfangsgeschwindigkeit des Integral sein musste. In jedem Atom einer Sekunde verändert sich die Masse des Integral (es gibt Explosionshitze ab). Ich gelangte zu einer höchst komplizierten Gleichung mit transzendentalen Größen.
Wie im Traum sah ich, dass sich jemand neben mich setzte, mich leicht mit dem Ellbogen anstieß und »Verzeihung« murmelte.
Ich öffnete die Augen, und zuerst war mir, als jagte etwas durch den Raum (eine Assoziation vom Integral): ein Kopf — er flog, weil er abstehende, rosige Ohren hatte, die wie Flügel aussahen. Dann die Kurve des gebeugten Nackens, der krumme Rücken, zweifach gebogen, wie ein S...
Und durch die gläsernen Mauern meiner algebraischen Welt drang wieder ein Wimpernhaar; es ist doch sehr unangenehm, dass ich heute... »Bitte sehr, bitte sehr.« Ich lächelte meinem Nachbarn zu und verbeugte mich. Auf seinem Abzeichen funkelte die Nummer S-4711 (darum also hatte ich ihn von Anfang an mit dem Buchstaben S in Verbindung gebracht! Es war ein vom Bewusstsein nicht registrierter visueller Eindruck). Seine Augen blitzten, sie waren zwei spitze Drillbohrer, die sich schnell drehten und immer tiefer in mich eindrangen; im nächsten Augenblick würden sie auf den Grund stoßen und das sehen, was ich sogar vor mir selbst verbarg...
Mit einemmal wusste ich, was das Wimpernhaar bedeutete: Er war ein Beschützer, und es war am einfachsten, wenn ich ihm sofort alles sagte.
»Wissen Sie, gestern war ich im Alten Haus...»Meine Stimme klang fremd und gepresst. Ich räusperte mich.
»Das ist ja ausgezeichnet!« entgegnete er. »Das gibt uns Material für sehr lehrreiche Schlüsse.« »Aber ich war dort nicht allein, ich begleitete die Nummer I-330, und da... «
»I-330? Gratuliere! Eine sehr interessante, begabte Frau. Sie hat so viele Verehrer.«
Jetzt fiel es mir ein, er hatte sie damals auf dem Spaziergang begleitet. Vielleicht war er sogar auf sie abonniert. Nein, ich konnte ihm nichts davon sagen, das war unmöglich, soviel war mir klar.
»Ja, das stimmt! Sehr interessant.« Ich lächelte, immer breiter und törichter, und fühlte, dass dieses Lächeln meine ganze Nacktheit und Torheit offenbarte ... Die Bohrer fraßen sich in mich hinein, dann schnellten sie zurück. S lächelte zweideutig, nickte mir zu und ging zur Tür. Ich entfaltete meine Zeitung (mir war, als blickten alle mich an). Eine Notiz sprang mir in die Augen, die mich so sehr erregte, dass ich darüber das Wimpernhaar, die Bohrer und alles übrige vergaß. Es war nur eine kurze Notiz: »Wie aus wohlinformierten Kreisen verlautet, wurden erneut die Spuren einer bisher nicht fassbaren Organisation entdeckt, deren Ziel die Befreiung der Nummern von dem wohltätigen Joch des Staates ist.« Befreiung? Es ist wirklich erstaunlich, wie stark die verbrecherischen Instinkte im Menschen sind. Ich sage ganz bewusst: verbrecherisch. Denn die Freiheit und das Verbrechen sind so eng miteinander verknüpft wie... nun, wie die Bewegung eines Flugzeugs mit seiner Geschwindigkeit: ist die Geschwindigkeit eines Flugzeugs gleich Null, bewegt es sich nicht. Ist die Freiheit des Menschen gleich Null, begeht er keine Verbrechen. Das ist völlig klar. Das einzige Mittel, den Menschen vor dem Verbrechen zu bewahren, ist, ihn vor der Freiheit zu bewahren. Kaum ist uns das gelungen, da kommen ein paar erbärmliche Narren...
Nein, ich begreife einfach nicht, warum ich nicht sofort, gestern noch, zu den Beschützern gegangen bin. Heute suche ich sie bestimmt auf, gleich nach 16 Uhr. Um 16.10 Uhr verließ ich das Haus, und an der nächsten Ecke begegnete ich O. Gut, dass ich sie treffe, sie kommt mir wie gerufen, dachte ich, sie hat einen gesunden Menschenverstand. Sie wird mich gewiss verstehen und mir helfen.
Aber ich brauchte ja gar keine Hilfe, ich war fest entschlossen.
Die Schornsteine der Musikfabrik bliesen donnernd den Marsch des Einzigen Staates, den gleichen, täglichen Marsch. Wie beglückend ist diese alltägliche Wiederholung!
O nahm meinen Arm: »Wir wollen Spazierengehen.« Die runden blauen Augen waren weit geöffnet, sie glichen blauen, klaren Fenstern, und ich konnte ungehindert hindurchblicken, ohne an etwas hängenzubleiben. Dahinter verbarg sich nichts, nichts Fremdes, nichts Überflüssiges jedenfalls.
»Nein, ich habe keine Zeit, ich muss... « Ich sagte ihr, wohin ich gehen wollte. Zu meiner großen Verwunderung sah ich: der kreisrunde, rosige Mund wurde zum Halbmond, dessen Spitzen nach unten zeigten zeigten, als hätte sie Säure getrunken. Ich fuhr auf:
»Ihr weiblichen Nummern seid anscheinend unheilbar von Vorurteilen verseucht, ihr seid völlig unfähig, abstrakt zu denken! Entschuldigen Sie, aber das ist einfach dumm!«
»Sie gehen zu den Spionen... pfui! Aber ich, ich war im Botanischen Museum und habe Ihnen Maiglöckchen mitgebracht... «
Warum dieses »aber ich«? Typisch weiblich. Wütend (ja, ich war wütend, ich gebe es zu) nahm ich die Maiglöckchen.
»Na, riechen Sie einmal an Ihren Maiglöckchen. Gut, ja? Also haben Sie wenigstens so viel Logik, festzustellen: Maiglöckchen riechen gut. Aber können Sie von dem Geruch selbst, von dem Begriff Geruch, sagen, er sei gut oder schlecht? Sie können es nicht? Es gibt Maiglöckchengeruch und es gibt den widerlichen Geruch des Bilsenkrauts; beides ist Geruch. Der Staat unserer Vorfahren hatte Spione — und wir haben auch welche. Ja, Spione. Ich fürchte dieses Wort nicht. Denn es ist klar, dass der Spion damals ein Bilsenkraut war, während er bei uns ein Maiglöckchen ist. Jawohl, ein Maiglöckchen!« Der rosige Halbmond zuckte. Ich glaubte, sie lächelte, jetzt aber weiß ich, dass mir das nur so vorkam. Und ich sagte noch lauter:
»Ja, Maiglöckchen! Da gibt es nichts zu lachen, gar nichts!« Runde, glatte Kugelköpfe kamen vorüber; sie wandten sich erstaunt um. O nahm mich zärtlich am Arm: »Sie sind heute so merkwürdig. Sie sind doch nicht krank?« Der Traum — das gelbe Kleid — der Buddha... Richtig, ich musste zum Gesundheitsamt gehen. »Ja, ich bin wirklich krank«, sagte ich sehr erfreut (ein unerklärlicher Widerspruch: wieso freute ich mich?). »Dann müssen Sie sofort zum Arzt gehen. Sie wissen doch, Sie haben die Pflicht, gesund zu sein — es wäre lächerlich, wenn ich Ihnen das klarmachen wollte.« »Sie haben natürlich recht, liebe O, völlig recht!« Ich ging nicht zu den Beschützern. Es half nichts, ich musste mich zum Gesundheitsamt begeben. Dort wurde ich bis 17 Uhr festgehalten. Am Abend kam O zu mir (übrigens ist dort abends ohnehin geschlossen). Wir zogen die Gardinen nicht zu, sondern lösten Aufgaben aus einem alten Mathematikbuch, denn eine solche Beschäftigung beruhigt und klärt den Geist. O-90 saß über ihrem Buch, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, und stieß vor Anstrengung mit der Zunge gegen die linke Wange. Wie kindlich, wie bezaubernd das war! Auch in mir war alles gelöst, exakt, einfach...
Sie ging. Ich war wieder allein. Ich holte zweimal tief Atem (das ist sehr gut vor dem Schlafengehen), und plötzlich spürte ich einen seltsamen Geruch, der mich anwiderte...
Bald wusste ich, woher er kam — in meinem Bett war ein Maiglöckchenstängel versteckt. Alles in mir empörte sich, alles war von neuem aufgerührt. Es war wirklich sehr taktlos von ihr, mir diese Maiglöckchen ins Bett zu stecken... Nun, ich bin nicht zu den Beschützern gegangen. Aber es ist nicht meine Schuld, dass ich krank bin.
EINTRAGUNG NR. 8
Übersicht: Die irrationale Wurzel. R-13. Das Dreieck.
Vor langer Zeit, ich ging noch zur Schule, begegnete ich zum ersten Mal √-1. Ich kann mich noch genau an alle Einzelheiten erinnern, an den hellen, kugelförmigen Schulsaal, an Hunderte von runden Knabenköpfen, an Plapa, unseren Mathematiklehrer. Wir hatten ihm den Spitznamen Plapa gegeben; er war schon ziemlich abgenutzt, und wenn der diensthabende Schüler ihm den Stöpsel in den Rücken steckte, sagte der Lautsprecher immer »Pla-pla-pla-schschsch —«, und dann begann sofort die Mathematikstunde. Einmal erzählte uns Plapa von irrationalen Zahlen, und ich entsinne mich noch deutlich, dass ich mit den Fäusten auf den Tisch hämmerte und schrie: »Ich mag √-1 nicht! Reißt √-1 aus mir heraus!« Diese irrationale Wurzel wuchs in mir, sie war ein Fremdkörper, ein furchtbares Gewächs, das an mir zehrte, mich verschlang. Man konnte diese Wurzel nicht definieren, sie auch nicht unschädlich machen, weil sie außerhalb der Ratio war.
Und nun meldete sie sich plötzlich wieder, diese Wurzel. Ich las meine Aufzeichnungen durch und erkannte, dass ich mich selbst zum Narren gehalten, mich selbst belogen hatte, nur um √-1 nicht zu sehen. Es ist alles dummes Zeug, dass ich krank bin usw. — ich hätte sehr wohl zu den Beschützern gehen können. Vor drei Tagen noch hätte ich gewiss nicht lange überlegt und wäre sogleich hingegangen. Warum aber jetzt... warum? Heute geschah das gleiche wie gestern. Punkt 16 Uhr stand ich vor der blitzenden Glasmauer. Über mir flammten die goldenen Buchstaben des Schildes in der Sonne. Durch die gläsernen Wände sah ich in dem Gebäude eine lange Reihe blaugrauer Uniformen. Ihre Gesichter strahlten wie die Lampen in den Kirchen der alten Zeit. Sie waren gekommen, um eine große Tat zu vollbringen — um ihre Lieben, ihre Freunde und sich selbst auf dem Altar des Einzigen Staates zu opfern. Und ich — es trieb mich, zu ihnen zu eilen, es ihnen gleichzutun. Doch ich vermochte es nicht, meine Füße waren tief in das gläserne Pflaster eingesunken, ich stand wie angewurzelt, stumpf vor mich hinstarrend, unfähig, mich von der Stelle zu rühren... »He, Mathematiker, träumst du?«
Ich fuhr zusammen. Ich erblickte lackschwarze, lachende Augen und wulstige Negerlippen. Der Dichter R-13, mein alter Freund, stand vor mir, und neben ihm die rosige O. Ich wandte mich verärgert ab (wenn sie mich nicht gestört hätten, wäre es mir vielleicht gelungen, √-1 mit Stumpf und Stiel auszureißen und hineinzugehen). »Ich träume nicht, ich habe nur etwas eingehend betrachtet«, sagte ich schroff.
»Nun ja, mein Lieber, Sie sollten nicht Mathematiker sein, sondern Dichter! Kommen Sie doch zu uns, den Poeten. Wenn Sie wollen, arrangiere ich das sofort.« R-13 spricht unglaublich viel und schnell, die Worte sprühen nur so aus dem wulstigen Mund heraus; jedes p ist eine Fontäne.
»Ich bin ein Diener der Wissenschaft und werde es bleiben«, entgegnete ich mit finsterem Gesicht. Ich liebe solche dumme Späße nicht, ich verstehe sie nicht einmal; aber R-13 hat die hässliche Angewohnheit, Witze zu machen.
»Gehen Sie mir mit Ihrer Wissenschaft! Diese Wissenschaft ist nichts als Feigheit! Ihr wollt einfach das Unendliche mit einem Mäuerchen umgeben und fürchtet euch, hinter diese Mauer zu blicken. Ja! Und wenn ihr hinüberseht, dann kneift ihr die Augen zu!«
»Die Mauern sind der Anfang jener menschlichen...«, begann ich. R spritzte mir eine ganze Fontäne ins Gesicht, O lachte übermütig. Ich winkte ab: Lacht nur, das macht mir nichts aus. Mir war nicht zum Lachen zumute. Ich musste irgend etwas tun, um diese verfluchte √-1 zu betäuben.
»Wie wäre es«, sagte ich, »wir gehen auf mein Zimmer und lösen Rechenaufgaben.« (Ich dachte an die stille Stunde von gestern; vielleicht würde sie heute wiederkehren.)
O sah R an, dann richtete sie ihre klaren, runden Augen auf mich, und ihre Wangen nahmen das zarte Rosa unserer Billetts an.
»Heute?... Ich habe ein Billett für ihn« — sie deutete mit dem Kopf auf R —, »und am Abend ist er beschäftigt, so dass... «
Die feuchten, wie Lack glänzenden Lippen schnalzten: »Wir kommen auch mit einer halben Stunde aus, nicht wahr, O? Ihre Rechenaufgaben interessieren mich nicht. Gehen wir doch zu mir und unterhalten uns ein wenig.« Ich hatte Angst, mit mir allein zu bleiben, oder, genauer gesagt, mit diesem neuen, mir fremden Menschen, der durch einen seltsamen Zufall meine Nummer trug — D-503. Ich folgte R. Es fehlt ihm zwar der exakte Rhythmus, er hat eine verdrehte, lächerliche Logik, dennoch sind wir Freunde. Nicht umsonst haben wir uns vor drei Jahren diese reizende, rosige O ausgesucht. Das verbindet uns noch stärker als die gemeinsame Schulzeit. Wir saßen in Rs Zimmer. Auf den ersten Blick sah alles genauso aus wie bei mir: die Gesetzestafel, gläserne Stühle, Tisch, Schrank und Bett aus Glas. Doch kaum war R hereingekommen, da hatte er die beiden Sessel zurechtgerückt — und die Flächen waren wie weggefegt, das feste, dreidimensionale Ordnungssystem zerstört, alles wurde uneuklidisch.
R ist immer noch der gleiche wie früher. In Taylor-Kunde und Mathematik war er stets der Letzte in der Klasse. Wir erzählten von dem alten Plapa, wie wir seine gläsernen Beine mit kleinen Dankesbriefen beklebt hatten (wir liebten Plapa sehr). Dann sprachen wir von unserem Religionslehrer. (Im Religionsunterricht haben wir natürlich nicht die Zehn Gebote unserer Vorfahren gelernt, sondern die Gesetze des Einzigen Staates.) Er hatte eine ungewöhnlich laute Stimme, sie drang wie Sturmesheulen aus dem Lautsprecher, und wir Kinder wiederholten den Text mit schreienden Stimmen. Einmal hatte ihm der freche R-13 gekautes Löschpapier ins Sprachrohr gestopft, und bei jedem Wort schossen Papierklümpchen heraus. R wurde selbstverständlich bestraft, es war auch wirklich ein hässlicher Streich gewesen, aber wir lachten alle — ich muss gestehen, ich auch.
»Und wenn er lebendig gewesen wäre wie die Lehrer in alten Zeiten, dann hätte er erst gespuckt...« Eine Fontäne spritzte über die dicken, schnalzenden Lippen. Die Sonne drang durch Decke und Wände und spiegelte sich im Fußboden. O saß auf Rs Knien, in ihren Augen schimmerten kleine Sonnenflecke. Mir war warm geworden, und ich verabschiedete mich. Die irrationale Wurzel rührte sich nicht mehr.
»Na, wie steht's mit dem Integral? Können wir bald zu den Marsmenschen fliegen und sie beglücken? Beeilt euch, sonst schreiben wir Dichter so viele Verse, dass euer Integral nicht mehr hochkommt. Jeden Tag von 8 bis 12 Uhr...« R-13 schüttelte den Kopf und kratzte sich auf dem Rücken. Er hatte einen viereckigen Rücken, der wie ein hinten aufgeschnallter Koffer aussieht (ich musste an ein altes Bild denken: Im Reisewagen). Ich wurde mit einemmal lebendig:
»Ach, Sie schreiben auch für den Integral? Über welches Thema? Was haben Sie zum Beispiel heute geschrieben?« »Heute habe ich keinen Strich getan, ich war mit anderen Dingen beschäftigt...« »Womit?«
R machte ein düsteres Gesicht: »Womit, womit? Nun, wenn Sie es unbedingt wissen wollen — mit einem Urteilsspruch. Ich habe ein Urteil poetisiert. Da hat so ein Idiot, einer von unseren Dichtern... Zwei Jahre saß er neben mir, war ganz normal, und auf einmal fängt er an zu schreien: >Ich bin ein Genie, für mich gibt es kein Gesetz!< und ähnlichen Unsinn... Na ja... ach!« Die dicke Unterlippe hing herab, der Lack der schwarzen Augen wurde stumpf. R-13 sprang auf, kehrte uns den Rücken zu und starrte durch die gläserne Wand. Ich blickte auf seinen Rücken, der wie ein fest verschlossener Koffer war, und dachte: Was mag er wohl jetzt in diesem Koffer suchen?
»Zum Glück sind die vorsintflutlichen Zeiten der Shakespeares und Dostojewskijs — oder wie man sie damals nannte — vorbei«, sagte ich betont laut. R wandte sich mir zu. Die Worte sprühten, sprudelten wie immer aus seinem Mund hervor, doch mir schien, dass seine Augen allen Glanz verloren hatten. »Ja, lieber Mathematiker, zum Glück, zum Glück! Wir sind vollkommen glückliche arithmetische Durchschnittsgrößen... Wie heißt das doch bei euch? Von Null zu Unendlich integrieren, vom Kretin zu Shakespeare... Ja, so ist das!«
Ich weiß nicht, warum mir plötzlich I-330 einfiel, ihre Stimme; irgendein hauchdünner Faden verband sie mit R-13. Aber was für ein Faden? Wieder regte sich die irrationale Wurzel. Ich öffnete mein Abzeichen: 17.35 Uhr. O hatte laut Billett noch 45 Minuten Zeit. »Ich muss gehen...« Ich küsste O, drückte R die Hand und ging zum Lift.
Draußen überquerte ich die Straße und blickte zurück: In dem hellen, sonnendurchfluteten Glasblock waren hier und dort undurchsichtige, blaugraue Zellen, Zellen eines rhythmischen, taylorisierten Glücks. Ich spähte zum 7. Stock hinauf, wo sich das Zimmer von R-13 befand; die Gardinen waren zugezogen.
Liebe O... Lieber R... In ihm ist etwas, das ich nicht recht begreife. Und trotzdem bilden ich, er und O ein Dreieck, wenn auch kein gleichschenkeliges, so doch ein Dreieck. Wir sind, mit den Worten unserer Vorfahren ausgedrückt (vielleicht verstehen Sie, lieber Leser, auf fernen Planeten diese Sprache besser als die unsere), eine Familie. Und es tut wohl, für eine kleine Weile auszuruhen, sich in einem einfachen, starken Dreieck von allem abzuschließen.
EINTRAGUNG NR. 9
Übersicht: Liturgie. Jamben und Trochäen. Die eiserne Hand.
Ein strahlend klarer Tag. An solch einem Tag vergisst man seine Sorgen, Unzulänglichkeiten und Gebrechen, alles ist kristallen, ewig, wie unser neues Glas... Auf dem Platz des Würfels. Sechsundsechzig riesige konzentrische Kreise — die Tribünen. Und Sechsundsechzig
Reihen — die Gesichter leuchten still wie die Lampen in den Kirchen der Alten, die Augen spiegeln den Glanz des Himmels wider, oder vielleicht auch den Glanz des Einzigen Staates. Blutrote Blumen, die Lippen der Frauen. Zarte Girlanden, Kindergesichter in der vordersten Reihe, ganz nahe dem Ort der heiligen Handlung. Tiefe, feierliche, gotische Stille.
Die uns erhaltenen Schilderungen beweisen, dass unsere Ahnen während ihrer Gottesdienste nichts dergleichen erlebten. Doch sie dienten einem dummen, unbekannten Gott — und wir verehren eine weise, bis in die kleinsten Einzelheiten bekannte Gottheit. Ihr Gott gab ihnen nichts außer einem ewigen, qualvollen Suchen, ihm fiel nichts Besseres ein, als sich aus einem unbekannten Grund für sie zu opfern — wir aber bringen unserem Gott, dem Einzigen Staat, ein Opfer dar, ein genau durchdachtes, vernünftiges Opfer. Ja, dieses Opfer war eine feierliche Liturgie für den Einzigen Staat, eine Erinnerung an die schweren Tage und Jahre des 200jährigen Krieges, der erhabene Feiertag des Sieges der Masse über den einzelnen, der Summe über die Zahl... Auf den Stufen des sonnenblitzenden Würfels stand ein einzelner. Sein Gesicht war weiß, nein, nicht weiß, es hatte keine Farbe mehr, es war gläsern, durchsichtig wie die Lippen. Nur die Augen waren zwei schwarze Schlünde, sie sogen gierig jene Welt ein, zu der er noch vor wenigen Minuten gehört hatte. Das goldene Abzeichen mit der Nummer hatte man ihm abgenommen, seine Hände waren mit einem Purpurband zusammengebunden (das ist eine uralte Sitte. Sie ist gewiss damit zu erklären, dass die Menschen einst, als dies alles nicht im Namen des Einzigen Staates geschah, sich berechtigt glaubten, Widerstand zu leisten, und darum mit Ketten gefesselt wurden).
Oben auf dem Würfel, neben der Maschine, reckte sich stumm wie aus Erz gegossen jener, den wir den Wohltäter nennen. Sein Gesicht war von unten nicht zu erkennen, man sah nur seine strengen, majestätischen, quadratischen Umrisse. Aber die Hände... Sie erinnerten an Hände, wie man sie bisweilen auf Photographien sieht; weil sie der Kamera zu nahe sind, werden sie riesig und verdecken alles andere. Diese schweren Hände, die noch müßig auf den Knien ruhten, waren wie Stein, die Knie konnten kaum ihr Gewicht tragen... Plötzlich hob sich die eine ganz langsam — eine gemessene, strenge Geste —; der gehobenen Hand gehorchend, löste sich eine Nummer von den Tribünen und schritt zu dem Würfel. Ein Staatsdichter, dem das Glück beschieden war, den Feiertag mit seinen Versen zu weihen. Der göttliche, eherne Rhythmus dröhnte über die Tribünen hin und über jenen Narren mit den gläsernen Augen, der dort auf den Stufen stand und die logischen Folgen seiner Wahnsinnstat erwartete... Feuersbrunst. In den Jamben erzittern die Häuser, sprühen als flüssiges Gold empor, stürzen donnernd zusammen. Die grünen Bäume krümmen sich, sinken, das Harz fließt — und schon sind sie schwarze, verkohlte Skelette. Und da erschien Prometheus (damit sind natürlich wir gemeint):
Und zwang das Feuer in Maschin' und Stahl, das Chaos in die Fesseln des Gesetzes.
Alles war neu, stählern: die Sonne war Stahl, die Bäume, die Menschen. Plötzlich kam ein Wahnsinniger und »befreite das Feuer von seiner Kette« — und wieder wird alles zugrunde gehen...
Leider habe ich ein schlechtes Gedächtnis für Verse, aber an diesen erinnere ich mich noch: eine lehrreichere und schönere Metapher kann es kaum geben. Wieder eine langsame, strenge Bewegung, und ein zweiter Dichter stand auf den Stufen des Würfels. Ich wäre beinahe von meinem Sitz aufgesprungen — war das ein Spuk? Nein, er war es, mein Freund mit den wulstigen Lippen... Warum hat er nichts davon verraten, dass ihm die große Ehre... Seine Lippen zuckten, sie waren aschfahl. Ich begriff: vor dem Wohltäter, vor den Beschützern zu stehen, das ging fast über die Kraft, dennoch, wie konnte man sich nur so erregen...
Schneidende, rasche Trochäen, messerscharf. Beilhiebe. Sie kündeten von einem unerhörten Verbrechen, von gotteslästerlichen Versen, in denen der Wohltäter mit Namen belegt wird, wie... Nein, ich bringe es nicht über mich, die Worte zu wiederholen.
R-13 war totenbleich; mit niedergeschlagenen Augen (ich hätte nicht vermutet, dass er so schüchtern ist) stieg er die Stufen hinab und setzte sich auf seinen Platz. Eine halbe Sekunde lang sah ich ein Gesicht neben ihm — ein scharf umrissenes schwarzes Dreieck —, und im gleichen Augenblick war es wie weggewischt: meine Augen, Tausende von Augen, waren auf die Maschine dort oben gerichtet. Die übermenschliche Hand machte eine dritte Bewegung. In einem unsichtbaren Wind schwankend, stieg der Verbrecher hinauf, eine Stufe, noch eine — ein Schritt, der letzte seines Lebens — und er lag, das Gesicht zum Himmel gekehrt, den Kopf zurückgeworfen, auf seinem letzten Lager. Schwer, ehern wie das Schicksal, schritt der Wohltäter um die Maschine herum, legte die riesige Hand auf den Hebel... Totenstille. Aller Augen hingen an dieser Hand. Welch feurig glühender Sturm, welch innerer Aufruhr — das Werkzeug, die Resultate von 100.000 Volt zu sein! Welch großes Los! Eine unendliche Sekunde. Die Hand hatte den Strom eingeschaltet und sank herab. Die unerträglich helle Schneide des Strahls blitzte auf — ein Zittern, ein kaum vernehmliches Geräusch in den Röhren der Maschine. Der ausgestreckte Körper war in eine dünne, leuchtende Rauchwolke gehüllt — und da zerschmolz er vor unseren Augen, zerfloss, löste sich mit erschreckender Schnelligkeit auf. Nichts blieb von ihm als eine kleine Pfütze chemisch reinen Wassers, das noch eben rot im Herzen pulsierte... All das war höchst einfach, jedem von uns vertraut. Es war nichts weiter als die Dissoziation der Materie, die Spaltung der Atome des menschlichen Körpers. Dennoch war es jedes Mal von neuem ein Wunder, ein Zeichen der übermenschlichen Macht des Wohltäters. Dort oben, vor Ihm, standen zehn weibliche Nummern mit glühenden Wangen und vor Erregung halbgeöffneten Lippen. Die Blumen in ihren Händen schwankten sacht im Wind. (Diese Blumen stammten natürlich aus dem Botanischen Museum. Ich kann an Blumen nichts Schönes finden, wie auch an allen anderen Dingen der unzivilisierten Welt, die wir längst hinter die Grüne Mauer verbannt haben. Schön ist nur das Vernünftige und Nützliche: Maschine, Stiefel, Formeln, Nahrung usw.)
Nach altem Brauch schmückten diese zehn Frauen die noch nasse Uniform des Wohltäters mit Blumen. Mit dem majestätischen Schritt eines Oberpriesters stieg Er langsam die Stufen herab, ging langsam an den Tribünen vorbei — die Frauen streckten Ihm die Arme wie zarte weiße Zweige entgegen, donnernde Hochrufe, ein Sturm aus Millionen von Kehlen. Dann die gleichen Rufe für die Beschützer, die irgendwo unsichtbar in den Reihen sitzen.
Wer weiß, vielleicht hat die Phantasie der Menschen von einst unsere Beschützer vorausgeahnt, als sie die wohlwollend-strengen Schutzengel schuf, die jedem Menschen von seiner Geburt an zugesellt waren. Etwas von der alten Religion, etwas Reinigendes, wie Sturm und Gewitter, war in der ganzen Feier spürbar. Ihr, die ihr diese Zeilen lesen werdet, kennt ihr solche Augenblicke? Ihr tut mir leid, wenn ihr sie noch nicht erlebt habt...
Darmowy fragment się skończył.