Czytaj książkę: «Die blauen Flügel»

Czcionka:

Jef Aerts

Die blauen Flügel

Mit Illustrationen von Martijn van der Linden

Aus dem Flämischen von Eva Schweikart


Für alle Riesen, groß oder klein

Inhalt

Tirie

Deltaflieger

Der Süden

Sendemast

Wir werden immer …

Der blaue Engel

Dank

Der Autor

Tirie



Es war der erste Tag der Herbstferien, und wir wollten nur noch schöne Dinge zusammen unternehmen. Wie zum Beispiel Kraniche beobachten.

Mein Bruder Jadran und ich liefen um die Wette den Waldweg zum See entlang. Er rannte in seinen Gummistiefeln vor mir her. Ich ließ ihn gewinnen. Alle ließen Jadran gewinnen. Auch wenn er stark war wie ein junger Wolf, sein großer, schwerfälliger Körper war langsam.

Und er konnte es nicht ertragen zu verlieren.

»Pass auf, Riese! Ich hol dich ein!«, rief ich, um ihn aufzustacheln.

Und Jadran ließ sich gern aufstacheln. Er rannte schwankend über die Steine bis zum sumpfigen Ufer. Wie meist hing sein Kopf leicht nach vorn, und sein Rücken war gekrümmt.

»Ich will sie als Erster sehen, Josh!«, keuchte er. »Ich seh immer alles als Erster, oder?«

Hinter dem Schilf erklangen trompetenartige Laute.

Krrru krrru krrru!

Jadran drehte sich um und winkte Mama und Murad zu, die Arm in Arm angeschlendert kamen. Yasmin trottete hinter ihnen her und gab sich alle Mühe, keine Kraniche zu sehen. Sie hatte ihren Schal weit hochgezogen, bis knapp unter die Brille.

»Ich hör sie schon!«, rief Jadran. »Das zählt auch, Mama, oder?«

Mama und Murad hoben gleichzeitig den Daumen. Und darüber mussten sie beide lachen, auch wieder gleichzeitig.

Murad und seine Tochter waren erst vorige Woche bei uns eingezogen. Das war nicht reibungslos abgelaufen. Es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis Jadran überhaupt mit Murad sprechen wollte. Am Abend vor dem Umzug hatte er die Wohnungstür mit einem Schrank verbarrikadiert. Was die Situation schließlich rettete, war das Versprechen, dass er künftig bei mir im Zimmer schlafen durfte – wir beide auf zwei Matratzen dicht nebeneinander.

Jadran folgte den Rufen der Kraniche, mit seinem staksigen Gang, das Kinn vorgeschoben und die großen Hände neben dem Körper baumelnd.

»Josh, pass bitte auf, dass er nicht zu weit geht!«, rief Mama gegen den Wind an. »Er darf nicht bis in den Sumpf!«

Ich sprintete hinter Jadran her. Er war sechzehn und konnte mich an einem Arm in die Luft heben. Aber obwohl fast fünf Jahre älter als ich, war er für Mama mein kleiner Bruder.

Jadran ahmte die Laute der Kraniche nach, während er auf das Schilf zustapfte. Bei jedem Schritt versanken seine Füße tiefer im weichen Untergrund.

Krrru krrru krrru.

Zwischen den Schilfrispen hindurch sahen wir die großen Vögel nach Futter picken. Es waren Dutzende, mit langen Beinen und buschigen Schwanzfedern. Am Kopf hatten sie rote Flecken, und ihre schwarz-weißen Hälse ruckten hin und her.

»Da sind sie!«, schrie Jadran viel zu laut. Er warf die Arme in die Luft und machte einen Satz in Richtung der Vögel. Kaltes Wasser spritzte in die Höhe. Jadran stand jetzt bis zu den Waden im Morast.

»Sei still, Riese«, flüsterte ich noch, aber es war schon zu spät. Sie hatten uns bemerkt.

Der Kranichalarm ging los.

Kaa kru-ie! Kaa kru-ie!

Hoch aufgerichtet und mit vorgereckten Köpfen standen die Vögel wie versteinert da. Nur ihre Schnäbel bewegten sich noch beim Ausstoßen der schaurigen Rufe.

»Du hast sie erschreckt!«, zischte ich.

»Ich mach doch nichts, oder?« Jadran bahnte sich weiter einen Weg durch das Schilf. »Keine Angst, Freunde. Ich komm jetzt.«

»Bleib stehen, Jadran!«, rief Mama vom Ufer aus.

Das bedeutete so viel wie: Halt ihn auf, Josh!

Ich zog meine Jackenärmel über die Hände, um mich nicht an den scharfen Blatträndern zu schneiden. Mein Bruder schlug wild mit den Armen und trat die Schilfstängel platt. Die Kraniche spreizten die Flügel und riefen immer lauter.

Kaa kru-ie! Kaa kru-ie!

»Nun warte doch, Riese!«, rief ich.

Jadran legte die Hände wie einen Trichter an den Mund. »Ich tu euch nichts! Ich tu keinem was!«

Und dann flogen sie auf, alle zugleich.

Es war ein Höllenlärm, ein wahres Federgewitter. Die Kraniche stießen aneinander und flatterten dann knapp über den Tannen möglichst schnell davon.

Erschrocken wich Jadran zurück und versank knietief in einem Schlammloch.

»Ganz ruhig«, beschwichtigte ich. »Tief einatmen.«

Mama und Murad eilten den befestigten Weg entlang auf uns zu. Yasmin hatte ihr Telefon hervorgeholt und filmte alles, einfach zum Spaß.

»Sie sollen hierbleiben!«, rief Jadran.

»Ist nicht schlimm«, sagte ich. »Sie kommen bald wieder.«

Jadran schlug mit den flachen Händen aufs Wasser. »Sie fliegen ganz fort, oder? Im Winter wohnen sie in Spanien, das hast du selber gesagt!« Die Entengrütze schwappte bis an seinen Po.

Inzwischen hatten die Kraniche gedreht und flogen in zwei Reihen so niedrig über den See hinweg, dass man ihre Flügel rauschen hörte.

Ich nahm Jadran bei der Hand und zog ihn aus dem Schlammloch, ehe seine Stiefel sich ganz festsaugen konnten.

»Schau mal, sie wollen noch was zum Abschied sagen.« Ich deutete zu den Vögeln, während ich meinen Bruder zurück ans Ufer lotste. »Kraniche schreiben Buchstaben an den Himmel, hast du das gewusst?«

Jadran schüttelte den Kopf, sah sich aber dennoch nach den Vögeln um, die nun höher aufstiegen.

»W!«, rief er.

»So können sie sich miteinander verständigen, von Finnland bis zum Mittelmeer.«

Jadran nickte und deutete hierhin und dorthin. »Da – ein I! Und dort – das ist bestimmt ein R, oder?«

Ich brachte Jadran zu dem Holzsteg, wo im Sommer die Boote dicht an dicht lagen. Am Rand stand Yasmin und filmte sich selbst mit den Kranichen im Hintergrund.

»Komm, komm, komm«, versuchte Jadran sie zurückzulocken.

Krrru krrru krrru-ie!

»Sie rufen mir was zu, oder?«

Yasmin stoppte unwillig die Aufnahme. »Sei nicht blöd!«

»Jadran ist nicht blöd!«, sagte ich.

Er drückte meine Hand immer fester. »Es ist meine Schuld.«

»Schscht«, machte ich.

»Alles ist immer meine Schuld, oder?«

Sein Arm zitterte. Meine Finger knackten.

»Nicht alles, Riese.«

»Wie viel denn?«

»Höchstens die Hälfte.«


Die Kraniche flogen noch einen letzten Bogen um den See, dann verschwanden sie in den Fetzenwolken. Ein Flugzeug zog einen Streifen über den Himmel, wo kurz zuvor noch ihre Buchstaben zu sehen gewesen waren.

Jadrans Hosenbeine tropften und waren voller Entengrütze. Im Gesicht hatte er Schlammspritzer.

»Mann, ihr seht vielleicht aus«, sagte Murad, und es klang fast wie ein Kompliment. Er selbst trug, wie immer, eine Hose mit Bügelfalten und blank geputzte Schuhe.

Mama nahm ein Papiertuch aus ihrer Tasche und fing an, Jadrans Wangen zu säubern. Er stand still wie ein kleines Kind, obwohl er sie um eineinhalb Köpfe überragte.

»Ab jetzt bleibst du bei uns und gehst nicht mehr einfach ins Wasser«, sagte Mama.

Ie-ju!, klang es plötzlich aus einem Gebüsch ein Stück weiter. Jadran stieß Mamas Hand weg. Das Taschentuch fiel auf den Boden und wurde ins Schilf geweht.

»Was ist das?«, fragte er.

Ie ie ie-ju!

Yasmin ging als Erste den piepsenden Lauten nach. Dabei hob sie die Füße weit hoch, damit ihre Sneakers nicht schmutzig wurden. Und wir ließen sie natürlich nicht allein gehen.

Mama rief: »Gerade eben sage ich noch, du sollst bei uns bleiben, Riese!«

Aber da waren wir schon losgerannt.

Die schrillen Laute kamen aus einem Haselstrauch. Ich schob die Zweige auseinander, damit wir näher herankamen, ohne uns die Kleider zu zerreißen. Im Laub wurde ein Vogel mit schmalem Körper und aufgesperrtem Schnabel sichtbar. Es war ein junger Kranich. Sein Gefieder war noch bräunlich und der Hals nicht so schön schwarz-weiß gestreift wie bei den älteren Tieren.

»Er hat Angst«, flüsterte ich.

Jadrans Oberkörper bebte vor Aufregung. »Sie haben ihn vergessen!«

»Schaut mal, er kann nicht weg«, sagte Yasmin.

Ich ging neben dem Vogel in die Hocke. Er trat nach mir, traf aber nicht. Ein Flügel hatte sich in einer Angelschnur verfangen.

»Er blutet!«, rief Jadran.

»Ach je«, sagte Yasmin.

Murad kam uns zu Hilfe. Er zeigte mir, wie ich den Kranich festhalten musste. Dann packte er mit der einen Hand dessen Beine und löste mit der anderen die Schnur. Unter dem linken Flügel war der Flaum blutverschmiert.

»Da steckt ein Angelhaken drin«, stellte Murad fest.

Ich hob mit der Hand den Flügel hoch, damit Murad den Haken aus der Wunde ziehen konnte. Blitzschnell pickte der junge Vogel nach mir.

»Au!« Yasmin zuckte zurück, als hätte er ihre Hand erwischt. Murad wickelte die Schnur auf und steckte sie zusammen mit dem Haken in seine Jackentasche. An seiner feinen Stoffhose klebte Blut und an den Schuhen Moos.

Einen Moment verharrte der Kranich still. Dann rappelte er sich auf und hüpfte aus dem Gebüsch. Mit einem Mal wirkte er riesengroß. Aufrecht stehend, reichte er mir bis zum Kinn. Leicht verdutzt trippelte er am Ufer entlang. Aber es waren keine anderen Kraniche mehr zu sehen. Da fing er so laut zu kreischen an, dass es in den Ohren wehtat.

Jadran machte eine ernste Miene. »Er ruft nach seiner Familie, oder?«

»Sie kommen bestimmt wieder und suchen nach ihm«, meinte Murad. »Tiere lassen ihre Jungen nicht einfach im Stich.«

Eine halbe Stunde standen wir da und schauten. Es begann schon zu dämmern, und der See erglühte im rostfarbenen Abendlicht. Aber die Kraniche kamen nicht wieder.

Jadran ahmte die Hüpfer des jungen Kranichs nach. Und wenn dieser die Flügel zu heben versuchte, machte Jadran auch das nach: Er streckte einen Arm aus und ließ den anderen schlaff hängen.

Trrrrrie!, machte der Vogel, als hätte er die Trillerpfeife eines Schiedsrichters verschluckt. Tri ri ri rie!

»Tirie!«, gluckste Jadran. »Tirie! So heißt er!«

Mama biss sich auf die Lippe. Wer Jadran kannte, wusste, was es bedeutete, wenn er etwas einen Namen gegeben hatte: Dieses Etwas hatte von da an einen festen Platz in seinem Kopf, und war es erst einmal drin, ging es nie wieder heraus. Jadran hüpfte hin und her und flatterte mit einem Arm. »Sein Flügel ist kaputt, oder?«

»Wir müssen einen Förster anrufen«, sagte ich schnell. »Der weiß bestimmt, was zu tun ist.«

Murad wischte mit einem Taschentuch von Mama an seinen Schuhen herum.

»Das scheint mir auch das Beste zu sein«, sagte er. »Schließlich ist es ja ein Wildtier.«

Jadran hatte keine Angst vor Wildtieren. Noch ehe jemand etwas sagen konnte, tanzte er mit großen Schritten auf Tirie zu.

Mama verlor ihren letzten Rest Munterkeit. Jadran hatte uns die vergangenen Wochen schon genug Sorgen bereitet.

»Ich kümmere mich um ihn!«, rief Jadran und begann, wie ein Hund hinter dem Vogel herzuschleichen.

»Lass ihn!«, rief ich.

Aber Jadran hatte schon die Arme ausgebreitet und trieb Tirie in die Enge, auf den Steg zu. Mit dem Fuß blockierte er den Fluchtweg und packte den Vogel dann von hinten. Der wiederum ließ sich einfach fangen.

Jadran fasste unter seinen Bauch und hob ihn hoch. Er streichelte den Vogelrücken, ordnete die Federn und knickte behutsam die Beine ein.

»Ganz ruhig, Tirie«, flüsterte er. »Ich nehm dich mit nach Hause.«

Der Wind hatte aufgefrischt. Er fuhr in die Haselsträucher und trieb über den Bäumen dunkle Wolken zusammen.

Mama und Murad berieten sich noch, was zu tun sei.

»Ich geh jetzt.« Yasmin sagte es halb zu ihrem Telefon, halb zu uns und steuerte auf den Waldweg zu.

Jadran drückte Tirie an seine Brust.

»Nicht so fest, Riese, sonst erstickt er«, sagte Mama.

»Er bleibt bei mir!«, rief Jadran. Eine Sekunde lang trafen sich unsere Blicke. Tief genug, um mir klarzumachen, dass wir den Vogel nicht einfach hierlassen konnten.

»Im Dunkeln dauert es nicht lange, bis ein Fuchs ihn schnappt«, sagte ich.

»Eine Bekannte von Murad ist Tierärztin«, sagte Mama. »Da bringen wir ihn hin.«

Murad nickte ermutigend.

Das also war der Plan.

Aber Jadran passte in keinen Plan. Er rührte sich nicht mehr von der Stelle. Seine Lippen wurden schmal. Und seine Brust hob und senkte sich heftig.

»Nicht!« Ich hielt mir die Ohren zu.

Jadran riss den Mund weit auf und kniff die Augen zu. Als er loslegte, duckte Tirie sich zusammen. Mama schaute rasch nach links und rechts. Aber zum Glück war sonst niemand am Ufer.

»Na gut, nimm ihn mit«, sagte sie rasch.

Jadran machte ein Auge auf. Und brüllte nur noch halb so laut.

»Aber morgen früh …«

Jadran wischte sich mit dem Ärmel Rotz vom Gesicht. Er streichelte Tirie, wiegte ihn wie ein Riesenbaby und ging dann an Yasmin vorbei in den Wald.

Schon nach wenigen Metern hatte er vergessen, dass gerade eben um ein Haar die Welt untergegangen wäre.


Ein junger Kranich passt nicht in einen Wäschekorb. Und auch nicht in den größten Umzugskarton. Mama wollte Tirie nicht im Bad oder auf dem Flur haben. Zu fünft war es in unserer Wohnung ohnehin schon eng genug.

Also musste Tirie auf den Balkon.

Wir breiteten Zeitungspapier auf dem Boden aus. Murad nahm unsere Socken vom Wäscheständer, klappte ihn zusammen und stellte ihn auf die Brüstung, wo er ihn mit einem Stück Wäscheleine festband. So bildete er eine Art Gitter, damit Tirie nicht vom siebten Stock herunterfallen konnte.

Jadran suchte nach etwas zu fressen für den Vogel, während wir uns um seine Verletzung kümmerten. Murad hob den Flügel hoch, ich schob den Flaum auseinander, und Mama besprühte die Stelle, wo der Angelhaken gesteckt hatte, mit Desinfektionslösung. Die Wunde blutete nicht mehr, und Murad meinte, sie sei nicht so schlimm, dass sie genäht werden müsste.

Jadran hatte die Kruste von einem Fischstäbchen gepult und schnitt es in kleine Stücke. Er füllte eine Plastikschüssel mit Wasser und trug alles auf den Balkon.

Wir ließen Tirie los.

Erst rannte er wie wild gegen die Brüstung an, um sich danach auf der Decke, die wir in einer Ecke bereitgelegt hatten, zusammenzukauern.

Eine ganze Weile standen wir am Fenster und beobachteten ihn. Mama und Murad viel zu eng aneinandergeschmiegt.

Jadran nahm meine Hand und drückte sie jedes Mal, wenn Tirie auch nur die kleinste Bewegung machte.

»Morgen hat er alles zugeschissen«, nörgelte Yasmin. »Und mit dem Wäscheständer vor der Nase ist es wie im Gefängnis.«

Dann verschwand sie in Jadrans Zimmer, das seit dem Umzug ihres war, und machte die Tür hinter sich zu. Sie musste dringend sein Poster mit den sieben Zwergen abhängen.

Die Straßen leerten sich. Bei den Geschäften wurden die Rollläden heruntergelassen, und langsam döste die Stadt ein. »Du musst etwas essen«, flüsterte Jadran. Er hatte die Balkontür ein Stück geöffnet und schob den Teller mit Fischhäppchen näher an den Vogel heran. »Mach schon. Ich hab für dich gekocht.«

Tirie schaute nicht einmal auf.

»Er ist böse auf mich.« Jadran trat gegen die Tür.

»Warum sollte er?«, fragte ich. »Du hast den Angelhaken doch nicht dort herumliegen lassen.«

Jadran schlug mit der Stirn an die Scheibe. »Ich hab seine Familie verjagt. Und jetzt ist er ganz allein!«

»Nicht ganz.«

Ich strich meinem Bruder über den Rücken.

Er bückte sich, nahm ein Stück Fischstäbchen und steckte es in den Mund.

Wir schliefen jetzt direkt nebeneinander. In mein Zimmer passten genau zwei Matratzen, ein Stuhl, über den wir unsere Kleider legen konnten, ein schmales Regal für meine Schulbücher und ein Schrank. Wenn Jadran im Schlaf mit dem Arm schlug, traf er mich ins Gesicht. Und er gab seltsame Geräusche von sich, eine Art Keuchen und Knurren. Wahrscheinlich träumte er lebhaft.

Trotzdem fand ich es schön, dass er bei mir war. Wenn ich allein schlief, bekam ich manchmal Albträume. Dann träumte mir, ich würde morgens aufstehen und alle Menschen wären von der Erde verschwunden.

»Du bist Jadrans Schutzengel«, hatte Mama zu mir gesagt, da war ich gerade acht. Ich machte damals meine erste Buchbesprechung für die Schule, und Jadran quälte sich noch mit seinen ungelenken Blockbuchstaben herum. »Wenn dein Bruder mal nicht zurechtkommt, musst du ihm helfen.«

»Jadran ist ein Riese«, sagte ich. »Wie kann ich ihm helfen?«

»Du bist auch ein Riese, Josh. Ein kleiner Riese, und zwar innerlich.«

»Jadran ist der Stärkste in der ganzen Gegend, er schlägt jeden beim Armdrücken, und ich …«

Da lächelte Mama nur und meinte, ich solle gut auf ihn aufpassen.

Ich rutschte noch näher zu Jadran und legte meinen Kopf auf seinen Bauch. Er sagte nichts, aber ich wusste, dass er wach war.

Wir machten eine Atembrücke. Wie jeden Abend, weil Jadran sonst nicht schlafen konnte. Erst gab ich das Tempo vor. Ich atmete tief ein, und er machte es nach.

Ein und aus. Brust und Bauch.

Pffff.

Sein Atem strich über mein Kinn.

Eigentlich war das Atemspiel Mamas Idee. Sie und Jadran hatten es schon gemacht, als ich noch ein Baby war. Ich lag zwischen ihnen im großen Bett. Sie versuchten, genauso schnell oder schmatzend oder seufzend zu atmen wie ich.

Zusammen atmen schafft eine Verbindung, sagte Mama, eine Verbindung, die weit über den einen Moment hinausgeht.

»Jetzt du, Riese.«

Jadran atmete stoßweise und zittrig. Und ich zitterte mit. Er ließ die Luft zwischen seinen Lippen brausen. Und ich brauste genauso laut. Aber schon bald wurde er viel zu schnell.

»So verlierst du mich noch«, flüsterte ich, »und dann ist die ganze Brücke kaputt.«

Jadran gab sich größte Mühe, wieder in einen gemeinsamen Rhythmus zu finden.

»Ein«, keuchte er. »Ein-ein-ein!«

Ich saugte so viel Luft in meine Lunge, dass sie fast platzte. Und dann klappte es endlich wieder. Mein Kopf wippte auf Jadrans Bauch auf und ab.

Fort war das kleine Zimmer, fort der Wohnblock und das nächtliche Gemurmel der Stadt. Es gab nur noch meinen Bruder und mich in dem herrlich großen Bett.


In der Nacht stand Jadran zweimal auf, um nachzusehen, ob Tirie noch da war. Er presste das Gesicht an die Balkontür und hauchte Atemwolken aufs Glas. Ich hatte ziemliche Mühe, ihn wieder ins Bett zu bekommen.

Am Morgen aß er seine Cornflakes auf dem Balkon. Dort sah es verheerend aus. Das Zeitungspapier war zerfetzt. Tirie hatte die Trinkschüssel umgestoßen, und an der Wand klebte meterhoch die Vogelkacke. Aber das alles störte Jadran nicht. Er kniete an der Tür, seine Frühstücksschale und den Löffel vor sich auf dem Boden. Der Kranich stand zitternd an der Brüstung.

»Lass ihn doch«, sagte ich. »Er hat Angst.«

»Er muss essen, sonst stirbt er.« Jadran schnippte mit dem Löffel ein Cornflake zu dem Vogel hin.

Tirie nahm es nicht. Aber er schaute zu uns her. Und das war immerhin ein Anfang.

Den ganzen Vormittag blieb Jadran auf dem Balkon. Mama versuchte gar nicht erst, ihn davon zu überzeugen, dass wir Tirie wegbringen müssten. So stand Jadran ihr wenigstens nicht im Weg herum.

»Na gut«, sagte sie und schlüpfte in ihren Mantel. »Der Kranich kann noch eine Nacht bleiben.« Sie fasste Murad unter, und die beiden zogen los, um Bettwäsche zu kaufen.

Ich schaute für Jadran im Internet nach: Kraniche sind Allesfresser. Wenn sie brüten, fressen sie vor allem Insekten, Würmer und Frösche, aber selten Fisch. Und beim Vogelzug scharren sie auf abgeernteten Feldern nach Resten von Weizen und Mais.

»Cornflakes sind Mais.« Jadran grinste. »Jetzt noch Würmer.« Wir zogen unsere Schuhe an. Jadran nahm einen Kochlöffel, und ich holte ein leeres Marmeladenglas aus dem Schrank.

Ich rannte durchs Treppenhaus nach unten. Jadran fuhr mit dem Lift. Was er eigentlich von Mama aus nicht allein durfte. Schon gar nicht, wenn wir wetteten, wer am schnellsten war. Aber weil sie nicht zu Hause war, machten wir es einfach. Ich schwang mich aufs Treppengeländer und rutschte das letzte Stück hinunter.

Jadran stand bereits im Eingangsflur und wartete auf mich, stolz wie ein Pfau.

Vor unserem Haus war ein Beet mit Kamelien. Sofort fing Jadran an, mit dem Kochlöffel darin zu graben. Erdklumpen flogen herum. Wir klaubten Asseln, Tausendfüßer und Regenwürmer aus dem welken Laub. Unter einer losen Gehwegplatte entdeckte Jadran jede Menge Käfer. Schon bald wimmelte es in unserem Glas von Tierchen.

Aber als wir wieder ins Haus wollten, war die Tür zu, und wir hatten keinen Schlüssel mitgenommen.

Jadran klingelte Sturm.

»Ja?«, knarzte es aus der Gegensprechanlage.

Über den Klingelknöpfen befand sich nicht nur ein Lautsprecher, sondern auch eine Kamera. So konnte Yasmin oben in der Wohnung auf einem kleinen Bildschirm sehen, wer vor der Tür stand.

»Wir können nicht rein!«, rief ich.

Jadran drückte seine Nase an die Kamera.

»Geh mal ein Stück zurück, dann kann ich euch besser sehen«, sagte Yasmin.

»Tirie hat Hunger.«

»Ihr seid dreckig.« Es klang nicht freundlich, und das war es auch nicht.

»Mach auf!« Ich versteckte meine schwarzen Finger hinter dem Rücken.

Jadran hielt stolz das Glas mit den wimmelnden Tierchen in die Höhe.

Das machte keinen Eindruck auf Yasmin. »Du hast deine Jacke verkehrt zugeknöpft«, sagte sie zu ihm.

Er ließ das Glas sinken und schaute auf seinen Bauch.

»Lass ihn!«, zischte ich. »Das ist doch jetzt nicht wichtig!«

»Und bei dir sind die Haare total zerzaust.«

Ich knöpfte Jadrans Jacke auf und wieder richtig zu. Dann fuhr ich mir mit den Fingern durchs Haar. »So besser?«

Yasmin lachte lauthals, wie über einen guten Witz. Es klickte, und die Haustür ließ sich öffnen.

Ich fand es grausig, lebende Würmer an Tirie zu verfüttern. Sie zappelten in seinem Schnabel. Einen Tausendfüßer biss er mittendurch, ehe er ihn auffraß. Jadran setzte einen Käfer mit glänzendem Schild auf seine Handfläche und ließ ihn dann vor Tirie auf den Boden taumeln. Kein Tierchen bekam die Chance zu entwischen.

Nach zwanzig Insekten und Würmern machte Tirie einen sichtlich zufriedeneren Eindruck. Er plusterte sein Gefieder auf, krallte die Füße in die Decke und hielt ein Schläfchen.

Jadran ahmte ihn nach. Er stellte sich auf ein Bein und zog den Hals ein.

»Weck mich, wenn Mama kommt«, sagte er.

»Soll ich dir ein paar Würmer bringen?«, fragte ich.

Aber Jadran hatte bereits mit seinem Kranichschlaf begonnen.

Auf Zehenspitzen schlich ich wieder in die Wohnung.


Murad und ich spielten Flying Zombies. Ich hämmerte auf die Tastatur ein und hatte schon zehn Zombies zur Strecke gebracht, ehe Murad auch nur einen Mausklick machen konnte.

»Der letzte gehört dir«, sagte ich.

Murad ließ die ganze Zombiestadt hochgehen.

»Das sollten wir öfter machen«, sagte er.

Jadran mochte die neuen Bettbezüge nicht, die Mama gekauft hatte. Schon ihr Geruch machte ihn unruhig. Er musste davon niesen und trat die Bettdecke von sich.

»Komm«, flüsterte ich und klopfte neben mir auf die Matratze.

Jadran schob sein Kopfkissen an meines und rutschte ganz nah zu mir.

Ich bekam kein Auge mehr zu, er dagegen schnarchte sich selig durch die Nacht.

Am nächsten Morgen brachten wir Tirie seinen Namen bei.

»Tirie«, krächzte Jadran. Er war jetzt der Kranichpapa und warf ein paar Körner auf den Boden.

Schon bald kam der Vogel zu uns, wenn wir seinen Namen sagten. Weil er noch nicht rufen konnte wie ein erwachsener Kranich, antwortete er mit einer Art Jammerlaut.

Triririri trrrrie.

»Tirie! Tirie!«

Es machte Spaß, gemeinsam mit Jadran den Vogel zu zähmen. Mein Bruder hatte lange keine so gute Laune mehr gehabt. Als Tirie zum ersten Mal ein Stück Brotrinde aus seiner Hand nahm, strahlte er. Und darum erlaubte Mama auch, dass der Kranich noch ein Weilchen blieb. Seine Wunde heilte gut. Ein paar Tage noch, dann könnten wir ihn zurück zum See bringen.

Es dauerte nicht lange, und Tirie hüpfte hinter uns her. Wenn Mama gerade nicht in der Nähe war, öffnete Jadran die Balkontür und stolzierte zusammen mit dem Vogel durch die Wohnung. Ich gab ihm Hinweise, wie er Tiries Bewegungen am besten nachahmen konnte: den Hals recken, den Bauch einziehen und auf Zehenspitzen trippeln.

Nur fliegen konnte Tirie noch nicht. Das heißt, er machte keinerlei Anstalten dazu. Er versuchte nicht einmal, seine Flügel auszubreiten.

»Wir müssen’s ihm beibringen«, sagte Jadran.

»Wir können nicht fliegen«, wandte ich ein. »Wie soll man jemandem etwas beibringen, das man selber nicht kann?«

»Wenn man ganz fest will, kann man alles.«

Das hatten sie ihm natürlich im Freiraum, seiner Spezialschule, eingehämmert. Dort wurde er mit Lob und Tipps überschüttet. Jadran hatte es richtig gut drauf, die Sätze der Betreuer ständig zu wiederholen.

»Wir sind viel zu schwer«, sagte ich.

Jadran warf mir einen vernichtenden Blick zu. »Wir brauchen Flügel!«

Damit meinte er nicht etwa selbst gebastelte Flügel aus Papier oder Karton. Er wollte große Flügel mit echten Federn. Er wollte Mamas blaue Flügel.

Die hatte sie getragen, als sie noch mit Papa in Musicals auftrat. Sie waren nach Maß angefertigt worden.

Aber seit Papa fort war, wollte sie nichts mehr von ihnen wissen.

Jadran war schon auf dem Weg in die Diele, um den Schlüssel zu holen, der über dem Schuhschrank hing. Denn die Musicalkostüme befanden sich im Keller. Und dort durfte Jadran nicht allein hin, das sah ich genau wie Mama. Also musste ich ihn davon abhalten. Oder mitgehen.

Mama selbst ging ungern in den Keller. Dort sei es wie in einer Zeitmaschine, sagte sie. Ehe sie sich’s versehe, hätte sie den falschen alten Karton aufgemacht und sei in einem früheren Leben gelandet. Einem früheren Leben, von dem sie glaubte, es beinahe vergessen zu haben.

Ich steckte den Schlüssel ein und ging vor Jadran her die Treppe hinab bis ganz nach unten.

Im Kellergeschoss roch es nach Schimmel und Mottenkugeln. Links und rechts gingen viele Metalltüren ab, aber ich wusste genau, welches unsere war.

Der kleine Kellerraum war bis an die Decke voll mit Kisten, Kartons, Stapeln von vergilbtem Papier und Sachen wie aus dem Secondhandladen. Ganz hinten befand sich ein Ständer, an dem große schwarze Kleidersäcke hingen.

»Wir hätten Mama erst fragen sollen«, sagte ich.

Aber Jadran ging bereits strahlend auf den Kleiderständer zu. Mamas Musicals hatte er immer toll gefunden. Bevor sie und Papa auseinandergingen, war er oft bei Aufführungen dabei gewesen. Er hatte hinten im Saal gesessen und alle Lieder mitgesungen. Sogar die Dialoge hätte er auswendig gekonnt, behauptete Mama, auch wenn er sie nur halb verstand.

Jadran ließ seine Finger über die Bügel gleiten.

»Weißt du, wo sie drin sind?«, fragte ich.

Er zögerte kurz und griff dann nach einem Kleidersack, der sich ziemlich ausbeulte.

Ich öffnete den Reißverschluss für ihn. Die Flügelspitzen fluppten heraus, als hätten sie seit Jahren auf diesen Moment gewartet. Jadran nahm die Flügel ganz aus der Hülle, lief damit durch den Gang zur Kellertür und hielt sie unter die Lampe.

Sie waren blau gefärbt, im schönsten Blau, das ich je gesehen hatte. An einem Gestell aus Draht waren viele Hundert echte Federn festgenäht. Ellenlange Schwungfedern, glänzende Deckfedern und an der Unterseite seidenweiche Flaumfedern. Jadran blies den Staub von den Flügeln. Er steckte eine Hand in die dicke Federschicht und glättete sie dann wieder. Anschließend nahm er die Flügel auf seinen Rücken und schob die Arme durch die Lederschlaufen.

Es war ein seltsamer Anblick: mein baumlanger Bruder mit den anmutigen Flügeln. Aber irgendwie standen sie ihm. Ich schnallte die schmalen Riemen um seine Handgelenke. Wenn er nun die Arme auf und ab bewegte, konnte er richtig flattern. Das tat er prompt.

Jadran flog vor mir her die Treppen hinauf. Oben rauschte er durch die Diele ins Wohnzimmer. Ich konnte kaum schnell genug alles Zerbrechliche in Sicherheit bringen.

»Aber Kinder, was soll das denn?« Beim Anblick der Flügel sprang Mama von ihrem Stuhl auf. Das Messer, mit dem sie Gemüse putzte, landete klirrend auf dem Boden.

»Ich bringe sie nachher wieder runter«, beeilte ich mich zu sagen.

Aber Mama hörte mich nicht. Mit großen Augen starrte sie Jadran an, der jetzt flügelschlagend am Balkonfenster stand.

»Auf und ab!«, rief er.

Bei jedem Flügelschlag bewegte Mamas Kopf sich hin und her, als wollte sie eine böse Erinnerung herausschütteln. Dann bückte sie sich nach dem Messer und schnitt weiter Brokkoli.

Der Vogel sah Jadran durch die Scheibe an.

»Gib ihm etwas zu fressen«, sagte ich. »Dann lernt er, dass Fliegen etwas Gutes ist.«

Und so begann die erste Übungsstunde. Jadran machte vor, was Tirie tun sollte, und ich gab ihm jedes Mal, wenn er seine Flügel ein wenig anhob, einen Käfer. Auf der Seite mit der Wunde ging es langsamer, aber der Flügel bewegte sich mit.

»Hopp!«, rief Jadran.

Happ, machte Tirie.

Yasmin trat in die Balkontür. Ihr Pony hing über den oberen Rand der Brille.

»Willst du auch mal probieren?«, fragte Jadran. »Du bist ein schöner Mamavogel, Yassi.« Mit nach hinten gerecktem Po als buschiges Schwanzgefieder trabte er vor ihr auf und ab.

»Ihr tickt wohl nicht richtig? Schwachköpfe seid ihr, alle beide!« Yasmin wich zurück und warf die Balkontür zu.

»So was sagt man nicht, Yasmin!«, rief Murad, der mit seiner Stoffhose in der Hand am Bügelbrett stand. »Entschuldige dich bei ihnen!«

Aber Yasmin sagte weder Entschuldigung noch sonst etwas.

Jadran ließ die Flügel sinken. »Sind sie denn nicht schön?«

»Doch, Riese. Sie sind wunderschön.«

Drinnen lief Murad hinter Yasmin her, um sie zusammenzustauchen. Schwachköpfe seien wir, hatte sie gesagt. Alle beide. Das klang schlimm. Und es stimmte überhaupt nicht. Trotzdem fühlte ich mich auf eine seltsame Art erleichtert. Yasmin zumindest machte keinen Unterschied zwischen meinem Bruder und mir.


Hinter unserem Wohnblock war eine Wiese. Dorthin wollten wir mit Tirie. Weil es mit dem Flattern immer besser ging, fand ich, es wäre jetzt an der Zeit, im Freien mit ihm zu üben. Jadran ging mit den Flügeln auf dem Rücken zum Lift und klapperte mit der Futterdose, damit Tirie uns folgte. Für jedes Stockwerk bekam der Kranich einen Wurm. Die ganze Zeit starrte er die aufleuchtenden Zahlen an.

Im dritten Stock hielt der Lift. Rasch bugsierte ich Tirie in eine Ecke und stellte mich mit Jadran wie eine Mauer vor ihn. So hatten wir es abgemacht, denn keiner durfte wissen, dass wir einen Kranich dabeihatten.

Frau Rafaelis stieg mit ihren Zwillingen an der Hand ein.

»Guten Morgen«, sagte Jadran übertrieben freundlich und versuchte unterdessen, den Vogel mit seiner weiten Hose zu verdecken. »Wie geht’s Ihnen?«

Frau Rafaelis lachte, ihre Mädchen dagegen guckten ängstlich den geflügelten Riesen an, der den halben Lift einnahm.

»Uns geht’s prima, Jadran. Und euch?«

Frau Rafaelis mochte meinen Bruder gern. Sie arbeitete in der Apotheke und schenkte ihm manchmal Zahnpastapröbchen, solche Minituben mit neuen Geschmacksrichtungen.

»Prima, danke!« Jadran grinste breit, damit sie sehen konnte, dass die Zahnpasta etwas nützte.

Tirie rieb sich an meiner Jeans. Ich kam fast um vor Nervosität.

»Ihr habt jetzt bestimmt viel zu tun nach dem Einzug von Murad. Scheint ein netter Mensch zu sein. Und eine hübsche Tochter hat er auch. Ist sie nicht ungefähr so alt wie du, Josh?«

Ping!, machte der Lift.

Die Mädchen drängelten, weil jede als Erste rauswollte.

»Die Flügel stehen dir prächtig«, sagte Frau Rafaelis noch zu Jadran. Sie tat, als hätte sie Tirie nicht gesehen.

Wir warteten, bis sie weg waren. Dann folgte Tirie Jadran wie ein Hündchen in den Eingangsflur. Er rutschte auf den glatten Fliesen aus, rappelte sich wieder auf und hüpfte dann mit uns ins Freie.

»Brav, Tirie. Komm, komm!«

Ich ging voraus, um nachzusehen, ob auch niemand auf der Wiese war.

»Die Luft ist rein!«, rief ich um die Hausecke.

Jadran ging jetzt nicht mehr krumm, sondern stolzierte mit erhobenem Kinn über den Betonstreifen, der um den Block herumlief. Ich kam mir noch kleiner vor als sonst.

Jadran gab mir die Futterdose und stieg auf eine Holzbank.

»Kru kru kru!«, tönte er und breitete die Flügel aus.

Tirie pickte an einem Klecks Mayonnaise neben dem Abfalleimer herum.

»Weg da! Davon wirst du krank!« Ich versuchte, den Vogel zur Bank hin zu scheuchen, aber das klappte nicht, weil er als Nächstes eine feuchte Brotrinde erspähte.

Jadran ließ sich nicht verdrießen. »Schau zu, wie ich’s mache!«, rief er, sprang von der Bank und rannte mit ausgebreiteten Flügeln über das Gras.

Tirie floh, so schnell er konnte, in die Gegenrichtung.

Jadran nahm im Sturzflug die Verfolgung auf.

»Halt!«, schrie ich.

Aber dieses Wort verstand der Kranichpapa nicht. Mit seinen langen Stelzen sauste er zum Fahrradschuppen und trieb dort sein Junges in eine Ecke.

»Los! Du kannst das! Du kannst das!«, rief er. Genau so wie seine Betreuer im Freiraum.

Tirie zitterte wie Espenlaub. Gleich haut er ab, dachte ich, und in der Stadt ist er verloren. Also musste ich etwas tun.

Ich stellte mich hinter Jadran und versuchte, seine Arme nach unten zu ziehen.

Er spannte die Muskeln an.

»So machst du ihm nur Angst«, sagte ich.

»Er muss fliegen! Seiner Familie nachfliegen!«

»Schon, aber du bist zu schnell.« Ich presste mich an seinen Rücken und strich ihm so lange über die Schultern, bis er zu flattern aufhörte. »Das ist genau wie beim Atmen, Riese«, sagte ich. »Du musst es in seinem Tempo machen.«

Mit der Futterdose lockten wir Tirie vom Fahrradschuppen weg. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir ihn so weit hatten, dass er auf die Bank sprang. Und als er erst einmal oben war, wollte er nicht mehr herunter.

Jadran schlug unaufhörlich mit den Flügeln. Manchmal bewegte er sich tänzelnd, dann wieder schoss er wie ein Düsenjäger über die Wiese. Aber Tirie hatte keine Lust. Sogar als er von der Banklehne purzelte, hielt er die Flügel an den Leib gedrückt.

»Das ist nicht hoch genug«, entschied Jadran.

Aber auch vom Müllcontainer aus klappte es nicht. Jadran hob Tirie hinauf, aber der rutschte auf dem glatten Deckel aus und wäre um ein Haar kopfüber heruntergefallen. Danach wollte Jadran auf das Dach des Fahrradschuppens klettern. Ich konnte ihn gerade noch davon abhalten.

Sein Blick wanderte zur Seitenfront unseres Wohnblocks. Dann trieb er Tirie unter heftigem Geflatter dorthin.

Mir war klar, was er vorhatte. Aber das ging auf keinen Fall. Es war streng verboten, die Feuerleiter zu benutzen. Sie war nur für Notfälle gedacht.

»Da!« Jadran wies mit einem Flügel auf die Metallplattform auf halber Höhe des Hauses, zwischen dem dritten und dem vierten Stock.

Ich schüttelte den Kopf. »Kraniche steigen immer vom Boden auf.«

Jadran schlug so wild mit den Flügeln, dass ihm Schweiß über die Schläfen rann. Staub wölkte auf. Er machte Sprünge, so hoch er es mit seinen dicken Waden schaffte.

Tirie hüpfte hierhin und dorthin, flog aber nicht.

Jadrans Mund wurde schmal. »Vom Boden aus klappt’s nicht!«

»Du musst ein bisschen mehr Geduld haben, Riese«, sagte ich. »Komm, wir gehen jetzt rein. Und morgen probieren wir es wieder.«

Jadran glaubte nicht an morgen. Für ihn war alles jetzt. Er zog eine Grimasse und steuerte auf die Feuerleiter zu. Ich rannte ihm nach und zerrte an seiner Hand.

»Lass das! Mama wird sonst böse!« Und damit meinte ich nicht nur böse auf ihn. Sondern vor allem auf mich. Wenn ich es nicht schaffte, Jadran von seinem Plan abzubringen, war ich ein lausiger Schutzengel.

Aber ihn kümmerte es nicht, ob Mama böse würde. Er schubste mich einfach weg.

Also musste ich mir etwas einfallen lassen. Doch was auch immer es war, es würde falsch sein.


Ich befand mich zwischen Jadran und der Feuerleiter und hatte das Gefühl, die Grashalme wie Nägel unter meinen Schuhsohlen zu spüren. Jadran fuchtelte drohend mit seinen Riesenhänden. Aber ich gab nicht nach.

»Lass mich das machen«, sagte ich. »Ich bin nicht so schwer wie du und …«

»Ich bin nicht zu schwer!« Jadran hob die Nase wie einen Schnabel in die Luft und zog den Bauch so weit ein, dass die Rippen vorstanden.

»Gib mir die Flügel.«

Jadran fixierte mich aus dem Augenwinkel. »Nimmst du Tirie dann mit?« Er ließ die Hände sinken.

Ich nickte und löste die Riemen um seine Handgelenke. Er schlüpfte aus den Lederschlaufen und rannte los, um den Kranich zu holen. Mamas Flügel waren viel zu groß für mich. Die Schwungfedern reichten mir bis zu den Knien.

Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

Ich verabredete mit Jadran, dass er unten warten sollte, und begann mit dem Aufstieg. Mit einer Hand umfasste ich das kalte Metall der Leiter, mit der anderen drückte ich Tirie an mich. Sein langer Hals war im Weg, und er trat immer wieder tückisch nach mir, aber ich ließ ihn nicht los.

Sprosse um Sprosse suchte ich mit den Füßen Halt. Der Wind fuhr unter Mamas Flügel und blies mir die Federn ins Gesicht.

Nicht runterschauen, dachte ich, bald ist es vorbei.

Von unten wirken zehn Meter nicht sonderlich hoch, aber als ich die Plattform erreichte, hatte ich wacklige Knie, und mir wurde schwindlig. Ich stellte Tirie ab und hielt mich am Geländer fest.

»Riese!«, schrie ich nach unten. »Ich bin da!«

Aber es kam keine Antwort, und auf der Wiese war niemand zu sehen. Ein Motorrad röhrte vorbei.

Erst dann merkte ich, dass die Leiter vibrierte. Und ich hörte keuchende Atemzüge.

»Puuuh!« Jadrans Gesicht tauchte am Rand der Plattform auf. Es war rot angelaufen und schwitzig. »Ganz schön hoch, oder?«

Ich trat ein paar Schritte zurück und wollte schreien, dass er sich nicht an unsere Abmachung gehalten hatte, und ihn sofort wieder hinunterschicken. Aber ich traute mich nicht. Denn jedes Wort konnte verkehrt sein, konnte seine Lunte entzünden.

Ich dachte an das, was ich bei Mama schon oft gesehen hatte: drei Sekunden die Augen zumachen, tief Luft holen und dann möglichst ruhig mit ihm reden.

»Halt dich mit beiden Händen fest, Riese.«

Tirie hatte keine Höhenangst. Seine spitzen Krallen klackerten auf dem Metallboden.

»Du musst die Flügel bewegen«, sagte Jadran, »damit Tirie sieht, wie es geht.«

»Das ist hier zu gefährlich«, wandte ich ein.

»Dann mach ich’s eben.« Jadran packte meinen Arm und wollte mir die Flügel abnehmen.

»Lass das!« Ich riss mich los und trat an den Rand der Plattform. Dann streckte ich die Arme seitlich aus.

Jadran dirigierte Tirie zu mir hin und redete dabei auf ihn ein: »Schau zu, mein Vögelchen. So geht Fliegen. Flügel spreizen und dann springen. Verstehst du?« Und zu mir sagte er: »Auf und ab, Josh. Immer auf und ab.«

Es war schaurig tief, und ich hatte Mühe, die riesigen Flügel ausgebreitet zu halten.

»So, jetzt ist es genug«, flüsterte ich. »Tirie hat’s kapiert.«

»Hat er nicht!«

»Vielleicht ist er noch nicht so weit …«

Zornig stampfte Jadran auf. »Mach endlich, Josh! Los!«

Im nächsten Moment erklangen von unten laute Rufe. Ich sah Yasmin über die Wiese rennen, anscheinend suchte sie uns. Sie sah hinter dem Fahrradschuppen nach, und als sie den Metallboden unter Jadrans Füßen dröhnen hörte, schaute sie hoch. Einen Augenblick lang mit offenem Mund.

»Was treibt ihr da?«, rief sie dann.

Ich legte die Flügel an und trat ein Stück zurück.

»Tirie lernt fliegen!«, brüllte Jadran. »Schau!«

Neben mir stand Tirie und hatte beide Flügel gehoben, auch den verletzten. Endlich ahmte er mich nach.

»Siehst du!« Jadrans tiefe Stimme hallte zwischen den Hochhäusern. »Ich hab’s doch gesagt. Ich sag immer alles, oder?« Nun breitete Tirie die Flügel weit aus, was er noch nie zuvor getan hatte. Sein Körper schwankte im Wind, es sah aus, als würde er gleich emporgehoben.

Yasmin winkte mit beiden Armen. »Eure Mutter ist nach Hause gekommen. Was, wenn sie euch so sieht?!«

»Komm, Jadran«, murmelte ich. »Gleich gibt’s Essen.« Damit konnte Mama ihn sogar aus der Badewanne locken.

Pwie ie ie! Flügelschlagend hüpfte Tirie auf der Plattform herum. Pwie ie!

»Er fliegt fast«, zischte Jadran. »Wir dürfen jetzt nicht aufhören.«

Wieder schloss ich die Augen und zählte bis drei. Dann ging ich auf Tirie zu. Jadran durfte auf keinen Fall explodieren. Nicht hier, zehn Meter über dem Boden.

Ich schluckte. »Gut. Ein Mal noch. Und dann gehen wir runter, abgemacht?«

Zwei Paar Flügel öffneten sich und begannen zu schlagen.

»Stärker!«, schrie Jadran. »Schneller, Kleiner!«

Er stand jetzt dicht hinter mir und Tirie. Ich hörte ihn keuchen. Ein letztes Mal schwenkte ich die blauen Flügel.

»Nicht!«, schrie Yasmin.

»Los! Du kannst das!«, rief Jadran triumphierend. »Wenn man es ganz fest will, kann man alles!«

Und dann versetzte er mir einen solchen Stoß, dass ich von der Plattform in die Tiefe stürzte.

Deltaflieger



Das Bett, die zwei Stühle und der Schrank – alles war weiß. Die Vorhänge waren grün, aber auch der Himmel sah wie ein blütenweißes Laken aus.

»Willst du Wasser?«, fragte Mama.

Aber ich hatte keinen Durst. Ich war noch zu benommen von der Narkose.

Mama hatte mir in groben Zügen erzählt, was passiert war. Ich war aus zehn Metern Höhe in die Tiefe gestürzt und lag wie tot im Gras. Yasmin war weinend losgerannt, um Hilfe zu holen. Währenddessen war Jadran ausgerastet. Schließlich hatten sie ihn durch ein Fenster im dritten Stock hereingezerrt.

»Ich hab ihn ermordet!«, brüllte er, als der Krankenwagen mit Blaulicht angerast kam. »Ich hab meinen Bruder ermordet!«

Es brauchte vier Sanitäter, um mich auf die Trage zu heben und gleichzeitig Jadran zu bändigen. Zum Glück hatten sie Beruhigungstabletten dabei, denn allein mit Worten wäre nichts zu machen gewesen. Von den Tabletten wurde Jadrans Zunge dick, und er bekam einen Zombieblick.

Ich wurde ins Krankenhaus gebracht. Stundenlang war mein Bein operiert worden, und danach hatte ich fast rund um die Uhr geschlafen.

»Ist Tirie geflogen?« Meine Stimme klang heiser und wie von weit her, als gehörte sie jemand anderem.

Mama seufzte, und es war, als zöge damit eine dunkle Wolke ins Zimmer. »Dreimal um die Wiese, hat Yasmin gesagt.«

Frau Doktor Mbasa stand in der Tür. Sie war groß und hatte sehnige Arme. Ihre dunklen Locken schauten unter der Kappe hervor.

»Du hast viel Glück gehabt, Josh.« Sie lächelte, wie nur Ärzte es können, mit einem liebevollen Zug um den Mund und ansonsten unbewegter Miene. »Deine Wirbelsäule hat keinen Schaden genommen. Und die Beine sind auch noch dran.«

Meine Beine.

Ich schob meine Hand unter die Bettdecke und fühlte ein dünnes Krankenhaushemd und jede Menge Verband und Pflaster. Mein rechtes Bein war von der Leiste bis unter die Wade eingegipst. Und um den linken Fußknöchel hatte ich eine dicke Bandage.

»Drei Brüche und ein Wunder«, sagte Mama leise.

»Morgen bekommst du einen Rollstuhl«, sagte Frau Doktor Mbasa. »Und dann wird geübt. Glaub mir, ich mache einen Rollstuhlchampion aus dir.«

Meine Haut unter dem Gips zog sich zusammen. Mama sagte, die Operationswunde sei mit zwölf Stichen genäht worden.

»Wann kann ich wieder laufen?«, fragte ich.

»Da musst du noch ein bisschen Geduld haben«, meinte Frau Doktor Mbasa. »Aber wenn der Winter vorbei ist, rennst du wieder in die Schule.«

»Das sind ja ein paar Monate!«

Mama fand es auch zu lang, das sah ich ihr an, aber sie sagte nichts. Stattdessen stand sie auf und stopfte mir ein Kissen in den Rücken.

Um sechs kamen Murad und Yasmin, um Mama abzulösen.

Jadran saß draußen im Auto, er hatte nicht aussteigen wollen.

»Hallo«, sagte Murad.

Und »Hallo« sagte auch Yasmin.

Ich grüßte nicht zurück.

Yasmin hängte ihren Wollschal über die Heizung. Bald roch das ganze Zimmer nach nassem Schaf.

»Ich habe was Feines mitgebracht.« Murad zauberte ein Karamellbonbon nach dem anderen hervor.

Mama ging Kaffee holen. Als sie wiederkam, gab sie Murad den Plastikbecher. Dann rückte sie einen Stuhl ans Kopfende meines Betts und klopfte auf die Sitzfläche, um ihm deutlich zu machen, dass er dort sitzen sollte. »Ich schaue inzwischen nach Jadran«, sagte sie. »Später rufe ich dich noch mal an, kleiner Riese.« Sie gab mir einen Kuss, der so laut schmatzte, als wäre es ein Abschied für Jahre.

Yasmin fummelte an ihrer Jacke herum. Sie starrte den Gipshügel unter der Decke an. Ihr Pony war nachgeschnitten. Zwischen den schwarzen Fransen und ihren Augenbrauen war fast ein Zentimeter frei.

»Hast du Schmerzen?«, fragte sie.

Ich zuckte mit den Schultern.

»Heute Nacht habe ich von dir geträumt«, fuhr Yasmin fort. »Du hast die Flügel angehabt und bist wie eine Rakete losgeschossen.«

Wir tranken lauwarmes Krankenhauswasser und lutschten Murads Karamellbonbons. Yasmin spitzte ein wenig die Lippen. Ich ertappte mich dabei, dass mir das ziemlich gut gefiel.

»Die Flügel habe ich in euer Zimmer gelegt«, sagte Yasmin.

»Deine Mutter wollte sie wegwerfen, aber ich dachte …«

Das Karamellbonbon klebte an meinen Zähnen fest. Darum lächelte ich mit geschlossenem Mund.

Murad rückte noch ein wenig näher an mein Bett. Auf dem Flur ratterte es, wahrscheinlich eine Schwester mit einer Karre.

»Bist du sehr böse auf Jadran?«, fragte Murad.

»Er ist mein Bruder.«

»Ich an deiner Stelle würde rasen vor Wut. Aber du nimmst das Ganze ziemlich gelassen.«

Gelassen fühlte ich mich ganz und gar nicht. Gerädert, das traf es besser. Ich schob die Hand unter das Krankenhaushemd. Mein Bauch war hart und kalt, als wäre der Gips bis zum Nabel hochgewandert.

»Jadran hat geglaubt, dass ich fliegen kann«, sagte ich.

Murad zog die Augenbrauen hoch. Ich sah ein paar graue Haare darin.

»Du hast es, glaube ich, nicht leicht mit Jadran. Er ist manchmal so fürchterlich …«

»Fröhlich!«, ergänzte ich rasch. Ich konnte es nicht leiden, wenn andere über Jadran redeten, als wäre er ein Problem, für das man sich eine Lösung ausdenken musste.

»Stimmt, fröhlich ist er oft.« Murad lachte. »Aber wenn das mal nicht so ist, kannst du mich jederzeit …«

Ich fühlte mich wie eine Gipsmumie. Murad trank einen Schluck aus meinem Becher und legte dann eine Hand aufs Bett, dicht neben meine.

»Hast du gewusst, dass Kraniche voll eklig rülpsen?«, fragte ich.

Darmowy fragment się skończył.

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135 str. 10 ilustracji
ISBN:
9783825162030
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