Czytaj książkę: «Bauer Bernhard Beamter Kafka»
Janko Ferk
Bauer Bernhard
Beamter Kafka
Dichter und ihre Zivilberufe

Inhalt
Cover
Titel
Zitate
Der Schriftsteller lebt nicht nur für die oder von der Literatur allein
Notiz zum Buch
Einleitung
Beinahe ein Plädoyer für den Dichter mit Zivilberuf
Hofrat Franz Grillparzer
Ein österreichischer Nationaldichter
Journalistin Berta Zuckerkandl
Die Salonière des weltoffenen Wien
Richter Anton Wildgans
Ein Jurist, Dramatiker und Lyriker
Beamter Franz Kafka
Gerechtigkeit und Weltliteratur
Arzt Arthur Schnitzler
Literarische und medizinische Diagnosen
Rechtsanwalt Albert Drach
Ein Schriftsteller mit unverwechselbarem Markenzeichen
Lehrerin Friederike Mayröcker
Die Magierin der österreichischen Lyrik105
Bauer Thomas Bernhard
Der Literaturklassiker im Vierkanthof
Übersetzerin Barbara Frischmuth
Die menschliche Schriftstellerin mit Weitblick
Landnahme und Fluchtnahme
Ein persönliches Nachwort
ANHANG
Kurzbiografien
Literatur
Primärliteratur
Briefe
Sekundärliteratur
Beiträge in Zeitschriften und Zeitungen
Internetliteratur
Bildnachweis
Impressum
Ich glaube, Du hast es nicht genug begriffen, daß Schreiben meine einzige innere Daseinsmöglichkeit ist.
Franz Kafka
Schnitze das Leben, aus dem Holz, das du hast.
Altrussische Weisheit
Der Schriftsteller lebt nicht nur für die oder von der Literatur allein
NOTIZ ZUM BUCH
Die österreichische Literatur hat einige Dichterinnen und Dichter, Epiker, Hörspielautoren, Lyriker oder Dramatiker mit „ziviler“ beziehungsweise „bürgerlich-geordneter“ Ausbildung hervorgebracht. Nicht jeder Dichter hat oder konnte immer als freier Schriftsteller leben. Vom Dichterjuristen im engeren Sinn, der sein Studium abschloss, wie Franz Kafka, bis zur Autorin-Übersetzerin, beispielsweise Barbara Frischmuth, gibt es einige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die auch in einem „zivilen“ Beruf reüssierten oder vielmehr sehr erfolgreich waren. Seit Goethes Zeiten waren freilich die meisten Doppelbegabungen als Dichterjuristen tätig.
Naturgemäß haben viele Schreibende auf Wunsch und wohl auch wegen der Sorge ihrer Eltern eine Lehre oder ein Studium, etwas „Anständiges“, wie landläufig gesagt wird, begonnen. Nach dem Ende der Ausbildung und der Etablierung im Beruf erlangt das „Schreiben“, nämlich das Verfassen von Dramen, Gedichten oder Romanen, bei vielen wieder verstärkte Bedeutung. Fiktionales Schreiben steht dabei entweder neben der beruflichen Tätigkeit oder tritt – bei entsprechendem Erfolg – ganz an seine Stelle.
In diesem Buch sollen anhand wichtiger österreichischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der Vergangenheit und Gegenwart gezeigt werden, dass sich zwei Karrieren, meist beide erfolgreich, verbinden lassen. Der Autor weiß, worüber er schreibt, er ist selber als Jurist, Lehrender und Schriftsteller tätig, was er wohl auch einem seiner Lehrer zu verdanken hat. Er ist ein freier Schriftsteller, aber ein freischaffender war er nie.
Vermutlich halte ich an dieser Stelle zum ersten Mal schriftlich fest, das heißt, ich bekunde und dokumentiere, dass mein verehrter Deutschlehrer, der wusste, dass ich „schreibe“, zwei oder drei Jahre vor der Matura begonnen hat, an mich geradezu zu appellieren, ein Studium zu absolvieren, sozusagen einen Brotberuf zu erlernen, und erst „neben“ diesem als Schriftsteller tätig zu sein. Heute bin ich dem promovierten Germanisten Anton Feinig für seine Ratschläge dankbar. Er war, nebenbei bemerkt, ein weiser Mann, dessen Lebenselixier die Musik war. Auch denke ich immer wieder an ein Motto meines friulanischen Dichterfreunds Hans Kitzmüller, der einmal gemeint hat: Wir leben nicht von der Literatur, sondern für sie.
Eines ist mir besonders unter die Haut gegangen: Als Student habe ich für ein literaturaffines Wiener Monatsmagazin ein Interview mit dem großartigen österreichischen Schriftsteller Bernhard Hüttenegger geführt, der betont hat, man könne nur in Würde schreiben, wozu die nötigen finanziellen Mittel unabdingbar seien. Meine spätere unumstößliche Erfahrung war, dass einem der erste Beruf die Würde für den zweiten verschafft und umgekehrt. Jedenfalls den nötigen Unterhalt, um – auch – für die Literatur leben zu können.
Und etwas geradezu Anekdotisches möchte ich ebenso aufschreiben: Matej Acceto, heute Professor an der Juridischen Fakultät der Universität Ljubljana, der auch schon zu einer Gastprofessur nach Harvard eingeladen war, studierte in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts an seiner Stammuniversität. In einem Blogspot berichtete er am 16. September 2006 über die Anfänge als Student, als er in den Gängen seiner Fakultät ein Plakat entdeckte, dessen Inhalt ihm immer noch präsent ist: „France Prešeren, Johann Wolfgang von Goethe, Franz Kafka, Alojz Gradnik, Carlo Goldoni, Marcus Tullius Cicero, Friedrich Schiller, Janko Ferk, … Alle waren Juristen und trotzdem oder gerade deswegen auch Dichter.“1 Nie habe ich gehört, gelesen oder gesehen, dass Rechtswissenschaften irgendwo in der Welt intelligenter angepriesen worden wären.
Vielleicht hat der Schriftsteller mit Zivilberuf sogar etwas weniger Angst vor dem weißen Blatt Papier …
Klagenfurt/Celovec, am 26. Oktober 2015 J. F.
ANMERKUNG
1
http://kontekst.blogspot.co.at/2006/09/pravo-in-literatura-na-pfneko.html (abgerufen am 14. 09. 2015)
Einleitung
BEINAHE EIN PLÄDOYER FÜR DEN DICHTER MIT ZIVILBERUF
Ein unbefangenes Urteil darf vorweggenommen werden: Eine Schriftstellerin und ein Schriftsteller, wenn auch keine österreichischen, haben sich in unserem Jahrhundert zweifellos als Dichterjuristen etabliert, nämlich Bernhard Schlink und seine streitbarere Kollegin Juli Zeh.
Aber was ist nun ein Dichterjurist? Der Begriff bezeichnet Dramatiker, Epiker oder Lyriker mit akademisch-juristischer Bildung. Den Terminus hat Eugen Wohlhaupter1 in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts etabliert und es verwenden ihn sowohl die Literatur- als auch die Rechtswissenschaft. Vom Dichterjuristen im engeren Sinn, der sein Studium, meist mit Promotion, abschloss, so zum Beispiel Johann Wolfgang von Goethe, Franz Kafka oder France Prešeren, lässt sich der Dichterjurist im weiteren oder weitesten Sinn unterscheiden, also jemand, der sein Studium abbrach, beispielsweise Jacob Grimm oder Peter Handke.
Das Thematisieren von Literatur und Recht überrascht nicht, zumal diese Materie in den vergangenen Jahren zu einem der innovativsten Forschungsfelder der Literaturwissenschaft geworden ist. Die Untersuchungen darüber sind im Übrigen naheliegend, weil das Medium – sowohl der Literatur als auch des Rechts – die schriftlich fixierte Sprache ist. Sie ist ein zentraler Gegenstand der Arbeit des Juristen, der während seines gesamten Berufslebens mit Wörtern, Sätzen und Texten konfrontiert ist. Zeit seines Lebens setzt er sich mit bestimmten Sprachprodukten auseinander und hat zwischen ihnen Verbindungen herzustellen. Autor und Jurist stehen gleichsam in einem Zielkonflikt, zumal das Recht normative Grenzen zu ziehen bestrebt ist, die die Literatur – als Kunst – wohl andauernd zu überschreiten versucht.
Die eingangs erwähnten Berufsgenossen Schlink und Zeh, die beide auf ganz andere Weise Fachgröße erlangten und die beide neben belletristischen bemerkenswerte theoretische Schriften veröffentlichen, stehen gleichsam exemplarisch für unser Jahrhundert und den Juristen, der schreibt. Dies ist allerdings nur eine Facette der Dichter mit Zivilberuf.
Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben natürlich auch viele andere Beschäftigungen und Broterwerbe, sie sind Ärzte, Germanisten, Historiker, Philosophen und nicht selten Journalisten oder Lehrer, sodass man zum Beispiel von Ärztedichtern oder Dichterärzten sprechen könnte. Doch ist der Konnex Schreiben und Jus, wie bereits erwähnt, wegen der Relevanz der Sprache in beiden Berufen mehr als naheliegend.
In diesem Band sollen nicht nur Dichterjuristen vorgestellt werden, Literatur über sie gibt es zuhauf, sondern ebenso Autorinnen und Autoren, die neben dem Schreiben einem anderen sogenannten Zivilberuf nachgehen oder ihn einige Zeit lang ausgeübt haben. Das Phänomen der Dichterin und des Dichters, der es nicht hauptberuflich ist und seinen Unterhalt aus einer anderen Beschäftigung finanziert, tritt ohne Zweifel weltweit auf. Dieser Band beschäftigt sich sowohl mit Autorinnen und Autoren der österreichischen Literaturgeschichte als auch der Gegenwartsliteratur, die eine Zeit lang oder das ganze Leben zwischen Beruf und Berufung gestanden sind.
In Alfred de Vignys Bühnendrama „Chatterton“2 aus dem Jahr 1835 wird das eine sogar mit der Ehefrau und das andere mit der Geliebten verglichen beziehungsweise gleichgestellt. Eine im Eigentlichen dramatische Darstellungsweise, die den Poeten, würde sie richtig sein, ein Leben lang in einen nicht zu lösenden Zielkonflikt treibt, obwohl der Schreibort eines ernsthaften Dichters nichts anderes ist als eine einzige Klosterzelle, buchstäblich eine Klause, in der eine Partnerin oder ein Partner wohl schwer Platz finden kann. Ein Zielkonflikt, vor allem aber eine große Leidenschaft, die viel bewirken und manchmal noch viel mehr zerstören kann.
Bernard Lahire bezeichnet diese Umstände als Doppelleben3, ein Begriff, mit dem ich mich nicht anfreunden kann, weil er zu abwertend und pejorativ ist, zumal er meist mit jenem Versteckspiel einhergeht, bei dem der gebundene (Ehe)Partner seinen heimlichen Geliebten vor der Welt … verdeckt. Die Dichterinnen und Dichter, die ich meine, haben aber weder ihre Profession noch ihre Bücher vor der Welt verheimlicht. Im Gegenteil. Sie waren fast durchwegs bemüht, erfolgreich zu sein.
Der Erzdichterjurist Franz Kafka ist natürlich – wie in jeder Hinsicht – die Ausnahme. Das Schreiben war ihm wichtiger als – beispielsweise – eine Ehe mit Felice Bauer oder Dora Diamant, aber dem Erfolg seiner Bücher ist er nie und nirgends nachgeeilt oder nachgejagt. Zuletzt und bis heute war es umgekehrt: Die weltweite Anerkennung und der unvergleichbare Erfolg waren – nach seinem Tod – hinter ihm her und sind nicht aufzuhalten. Millionenauflagen seiner Bücher und Übersetzungen in alle Kultursprachen der Welt sind beredte Zeichen.
Über Franz Kafka beziehungsweise seine Werke erscheint von Österreich über die Bundesrepublik Deutschland bis Japan, das eine erstaunliche Germanistengemeinde aufweist, nahezu wöchentlich ein sekundärliterarisches Buch, was sich in der heutigen digitalen Parallelwelt4,5 gut nachvollziehen lässt. Das soll unmissverständlich heißen, dass man – mit Disziplin und Leidenschaft – durchaus in zwei Berufen, beziehungsweise in Beruf und Berufung reüssieren kann.
Es gibt Schriftsteller mit und ohne Nebenberuf. Den Vollzeitschriftsteller, der von seiner Tätigkeit, wie es heißt, leben kann, und den Schriftsteller in seinem unsicheren ureigensten Beschäftigungsverhältnis, wobei für die Leidenschaft wohl nicht der Blick auf das Konto entscheidend ist. Allein in Österreich gibt es ungefähr viertausend Autorinnen und Autoren6, von denen mit Gewissheit nur eine Handvoll mit dem Schreiben einen würdigen Lebensunterhalt bestreiten kann. Diese Handvoll könnte man namentlich aufzählen.
Für die anderen, die mit dem Schreiben kein finanzielles Auslangen finden können, sind eine wichtige Einnahmequelle literarische Lesungen7 und Preise8, da die Auflagen ihrer Bücher meist nicht besonders hohe Honorare einspielen. Dazu kommt die Unart sogenannter „Bezahl-Verlage“, natürlich auch österreichischer, ein Buch nicht ohne finanzielle Eigenleistung des Autors oder den Erwerb einer gewissen Anzahl von Exemplaren durch ihn herauszubringen, wovon aber jedem ernsthaften Schriftsteller unbedingt abzuraten ist. Gute Literatur setzt sich – und das stelle ich mit Überzeugung fest – von allein durch.
Eine rechtliche und vor allem sozialrechtliche Absicherung für den „freien Schriftsteller“ mit der Zusicherung eines staatlichen Minimal- oder Mindesteinkommens wird derzeit rechtspolitisch nicht einmal in Erwägung gezogen. Thomas Bernhard beispielsweise hat jede Subventionierung eines Schriftstellers strikt abgelehnt, Preise9 hat er dennoch angenommen. Natürlich stellt sich die Frage, ob dies überhaupt eine Lösung wäre. Die erste Fragestellung ergibt sich schon bei den Kriterien für die Gewährung eines solchen gesicherten Einkommens. Viele weitere wären ebenso ungelöst.
Zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich10 hat das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur eine Studie in Auftrag gegeben, die die Schriftstellerinnen und Schriftsteller berücksichtigt. Eine Grundschwingung, die in verschiedenen Zusammenhängen – den Fragebögen und persönlichen Gesprächen oder Experteninterviews – immer wieder zum Ausdruck kam, war das gesellschaftliche Image von Kunst und Kunstschaffen in Österreich.
Die zeitgenössische Kunst, konstatiert der Bericht aus dem Jahr 2008, erfahre zu wenig Interesse, der Wunsch nach einer eigenständigen Kunstszene mit internationalem Profil sei zu schwach und den Kunstschaffenden werde zu wenig zugetraut. Die Wertschätzung ihrer Arbeit sei zu gering. Als zeitgenössischer Künstler habe man es schwer – und gut dürfe es einem schon gar nicht gehen. Die Untersuchung kommt zum Schluss, dass qualitätsvolle künstlerische Arbeit auf individueller Ebene einer ökonomischen Grundlage und sozialen Absicherung bedürfe, um eine Kontinuität des Arbeitens herstellen zu können, die wiederum wesentliche Voraussetzung der künstlerischen Entwicklung sei.11
An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Literaturen der österreichischen Volksgruppen, so der Kärntner Slowenen und burgenländischen Kroaten, die ein wesentlicher Teil der österreichischen Dichtkunst sind, bis heute keinen einzigen freischaffenden Autor hervorgebracht haben, obwohl die Kärntner slowenische auf den Lyriker Gustav Januš12 und den Prosaisten Florjan Lipuš13 verweisen kann, die beide von Peter Handke ins Deutsche übersetzt wurden. Vielleicht ist darin ein unbewusster Beweggrund jüngerer Kärntner slowenischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu sehen, dass sie zweisprachig, auf Deutsch und Slowenisch, veröffentlichen. Aufgrund einer im Jahr 1990 erschienenen Lyrikanthologie14, die vom Verlag hervorragend ediert und vom Herausgeber außergewöhnlich gestaltet wurde, kann man feststellen, dass die österreichischen Volksgruppen bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten auf insgesamt neununddreißig – darunter nicht wenige namhafte – Lyrikerinnen und Lyriker verweisen konnten. Der Herausgeber hat in vorbildlicher Weise Autorinnen und Autoren der burgenländischen Kroaten und Ungarn, Jenischen, Juden, Kärntner Slowenen, Roma und Tschechen berücksichtigt. Eine aktuelle Bestandsaufnahme dieser Art wäre nicht weniger aufschlussreich.
Die Kärntner slowenische Literatur des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts schreiben achtzig Autorinnen und Autoren15, die in fast allen Fällen zumindest eine eigenständige Buchpublikation vorweisen können, einzelne Schriftsteller haben mehr als dreißig Bücher veröffentlicht.
Natürlich übersehe ich nicht, dass in Österreich wenigstens eine soziale Altersversorgung16 durch die „Literar-Mechana“ existiert und dadurch wiederkehrende Leistungen für die Alters-, Berufsunfähigkeits- oder Hinterbliebenenversorgung sowie Beiträge für eine freiwillige Krankenversicherung in Zig-Millionenhöhe erfolgen. Dies kann jedoch nicht die allein selig machende Perspektive für eine junge Frau oder einen jungen Mann sein, die vor der Entscheidung stehen, als Schriftstellerin oder Schriftsteller zu leben, weshalb wohl Doppel„karrieren“ entstehen. Mit diesen beschäftigt sich das vorliegende Buch. Mit exemplarischen jedenfalls.
In diesem Zusammenhang kann man wenigstens eines für die Dichterinnen und Dichter mit Neben- oder Zivilberufen bemerken: In finanzielle Notlagen sind sie nicht geraten, einige waren sogar wohlbestallt, was die weitere ausdrückliche Schlussfolgerung nach sich zieht, dass ein Künstler nicht am Hungertuch nagen muss, um kreativ zu sein.
Eine abschließende Bemerkung erscheint mir erforderlich. Bei der Arbeit an diesem Buch habe ich mich mit jeder Schriftstellerin und jedem Schriftsteller individuell, spezifisch und subjektiv befasst, handelt es sich doch um unvergleichliche Individualisten und Individuen, sodass die einzelnen Aufsätze sich in Art, Inhalt und Umfang merklich unterscheiden. Mein Bestreben war es, einfach gesagt, jeder Dichterin und jedem Dichter angemessen gerecht zu werden. Gesamtwerke zu erfassen und zu kommentieren konnte dabei nicht mein Ziel sein. Die Reihenfolge der Dichterinnen und Dichter richtet sich nach deren Geburtsjahr und reicht über drei Jahrhunderte, nämlich von Franz Grillparzer, der im achtzehnten Jahrhundert geboren wurde, bis zur jüngsten Schriftstellerin, Barbara Frischmuth.
Zu erkennen ist mit Gewissheit, dass ein Literaturheiliger meine Arbeit und die Untersuchungen geprägt hat, nämlich Franz Kafka, den ich seit meinen Gymnasialjahren in besonderer Weise studiere. Er war der Angel- und Drehpunkt der Idee für die Frage nach den Zivilberufen der Dichter und Dichterinnen. Auch Beruf und Berufung Anton Wildgans’ haben mich naturgemäß besonders interessiert.
Die traurigste Konstatierung ist aber jene, dass durch den unfassbaren und unsagbaren Wahnsinn der Zeit von 1938 bis 1945 Österreich besonders viel geistiges Potenzial verloren hat, das nie wieder zu ersetzen sein wird, und dass Berta Zuckerkandl sowie Albert Drach schlimmstes Leid erfahren haben. Franz Kafkas Schwestern sind in den Vernichtungslagern umgekommen. Die Fragezeichen nach den angenommenen Sterbejahren, die ich im Kapitel über Franz Kafka bewusst setze, bedeuten alles – und sagen nichts.
ANMERKUNGEN
1
Vgl.: Yvonne Nilges (Hg.): Dichterjuristen. Studien zur Poesie des Rechts vom 16. bis 21. Jahrhundert. Würzburg 2014, S. 9f.
2
Alfred de Vigny: Chatterton. Paris 1986: „Mein Zimmer verwandelte ich in eine Klosterzelle.“, S. 96
3
Bernard Lahire: Doppelleben. Schriftsteller zwischen Beruf und Berufung. Berlin 2011
4
http://search.obvsg.at/primo_library/libweb/action/search.do?dscnt=0&vl%281UI0 %29=contains&tab=default_tab&srt=rank&ct=search&mode=Basic&dum=true&tb=t&indx=1&vid=ONB&fn=-search&search=1&vl%28freeText0%29=Kafka%2C+Franz&image-Field.x=0&imageField.y=0 (abgerufen am 11. 04. 2015)
5
https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=-Kafka%2C+Franz (abgerufen am 11. 04. 2015)
6
http://www.literaturhaus.at/index.php?id=6541 (abgerufen am 11. 04. 2015)
7
Die Höhe der Honorare für Lesungen ist in Österreich sehr unterschiedlich und bewegt sich durchschnittlich zwischen 100 und 500 Euro. Sehr bekannte Autorinnen und Autoren haben individuelle Honorarforderungen, die weit höher sein können.
8
Der österreichische Anton Wildgans-Preis ist mit 15.000 Euro dotiert, der Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis mit 25.000 Euro und der bundesdeutsche Georg Büchner-Preis, mithin die angesehenste Literaturauszeichnung des deutschsprachigen Raums, mit 50.000 Euro. Die Höhe der Preise wird von Zeit zu Zeit dem Geldwert angepasst. Der Wildgans-Preis war lange Zeit mit 100.000 Schilling dotiert, was heute 7.267,28 Euro entsprechen würde.
9
Thomas Bernhard: Meine Preise. Frankfurt am Main 2009
10
http://www.kunstkultur.bka.gv.at/Docs/kuku/medienpool/17401/studie_soz_lage_kuenstler_en.pdf (abgerufen am 19. 04. 2015). Der Bericht wurde von L&R Sozialforschung in Kooperation mit Gerhard Wohlfahrt unter Mitarbeit von Anna Mostetschnig im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur erstellt und im Oktober 2008 veröffentlicht.
11
http://www.kunstkultur.bka.gv.at/Docs/kuku/medienpool/17401/studie_soz_lage_kuenstler_en.pdf, S. 165. (abgerufen am 19. 04. 2015)
12
Gustav Januš: Gedichte. 1962 – 1983. Aus d. Slowenischen v. Peter Handke. Frankfurt am Main 1983
13
Florjan Lipuš: Der Zögling Tjaž. Roman. Deutsch v. Peter Handke u. Helga Mračnikar. Salzburg – Wien 1981
14
Gerald Nitsche (Hg.): Österreichische Lyrik und kein Wort Deutsch. Innsbruck 1990
15
http://www.slolit.at/autoren/index (abgerufen am 19. 04. 2015). Anm. d. Verf.: Eine aktuelle Quelle über die Anzahl anderer österreichischer Volksgruppenautoren ist derzeit nicht zugänglich und wäre rein spekulativ.
16
http://www.literar.at/mitglieder/sozialfonds-und-ske (abgerufen am 11. 04. 2015)

Hofrat
Franz
Grillparzer
EIN ÖSTERREICHISCHER
NATIONALDICHTER
ÖSTERREICHISCHER DRAMATIKER. Der Dichter des neunzehnten Jahrhunderts mit großem Nachruhm, Franz Grillparzer, wurde am 15. Jänner 1791 in Wien geboren, wo er am 21. Jänner 1872 gestorben ist. Bekannt geworden ist er vor allem als Dramatiker. Heute bezeichnet ihn die Literaturgeschichte als österreichischen Nationaldichter, weil seine Werke für unsere Nation Identität gestiftet haben.
Grillparzer war der Sohn des Rechtsanwalts Wenzel E. J. Grillparzer (1760 – 1809) und seiner Ehefrau Franziska, geborene Sonnleithner (1767 – 1819). Franz war der älteste von vier Söhnen. Seine Kindheit und Jugend waren traurig, zumal der strenge Vater die Erziehung Dienstboten überließ. Er studierte an der Universität Wien Rechtswissenschaften und war Zeit seines Lebens im Nebenberuf Dichter, wozu ihn Joseph Schreyvogel (1768 – 1832), der damalige Direktor des Burgtheaters, anregte.
Nach Abschluss seines Studiums im Jahr 1811 verdingte er sich zuerst als Privatlehrer, was für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich war. 1813 wurde er Beamter und trat als Konzeptspraktikant bei der k. k.1 Hofkammer2 in den österreichischen Staatsdienst ein.
ARCHIVDIREKTOR. Im Jahr 1821 bewarb sich der Schriftsteller ohne Erfolg um die Stelle eines Skriptors in der kaiserlichen Privatbibliothek. Er wurde 1821 ins Finanzministerium versetzt und 1832 schließlich Archivdirektor der k. k. Hofkammer.3 Damals war Grillparzer schon ein bekannter Dichter. Das Amt bekleidete er bis zur Versetzung in den Ruhestand.
Das Direktorenzimmer des Wiener Hofkammerarchivs in der Johannesgasse 6. Hier arbeitete Franz Grillparzer als Direktor von 1832 bis zu seiner Pensionierung 1856.
Zu Grillparzers Tätigkeit sei ausgeführt, dass ein Archivar Schriftgut, das einem Archiv von öffentlichen und privaten Verwaltungen zur langfristigen Aufbewahrung übergeben wird, bewertet, erschließt und sichert. Die Bewertung des archivreifen Materials erfolgt nach wissenschaftlichen Kriterien. Übernimmt das Archiv Schriftgut, ändert sich die Rechtseigenschaft desselben, aus dem Registratur- wird Archivgut. Nach der Übernahme wird das Material inhaltlich erschlossen. Zu Grillparzers Zeiten wurde das Material – im Gegensatz zu den heutigen Computerprogrammen – naturgemäß händisch bearbeitet.
SCHRIFTGUT. Der Dichter konnte als Archivdirektor seinem Nebenberuf nachgehen, zumal sich seine Amtsgeschäfte in Grenzen hielten, was seine Tagebucheintragungen belegen. Am 18. Februar 1829 vermerkte er beispielsweise, dass er vor dem Mittagessen zwei Stunden gearbeitet habe. Und am nächsten Tag hieß es, er habe keine Arbeit vorgefunden. In dieser Zeit schreibt Grillparzer seine wichtigsten Werke und nimmt sich vor, im Amt auch poetisch zu arbeiten.
Die Tätigkeit als Archivar beziehungsweise Direktor konnte sogar gefährlich sein. So berichtet der Dichter ganz unpoetisch von einem Vorfall am 7. April 1832, bei dem er aus einem Faszikel in der obersten Reihe der Akten ein Dokument entnehmen wollte. Dabei geriet er aus dem Gleichgewicht und stürzte von der obersten Sprosse der Leiter zu Boden. In seinem Tagebuch schrieb er dann, dass es einem Wunder gleiche, nur einige Hautabschürfungen und Quetschungen erlitten zu haben.
Die geistige Bildung Franz Grillparzers erfolgte in der Zeit der Französischen Revolution und der Napoleonischen Epoche, als in Österreich noch der Josephinismus4 fortlebte. Persönlich neigte er dem Konservatismus zu, bemerkte jedoch den geistigen Druck und die Errungenschaften des Sturm und Drang.
BEETHOVEN. Grillparzer stand in Kontakt mit dem Komponisten Ludwig van Beethoven (1770 – 1827), die Künstler begegneten sich mehrmals. Im Jahr 1823 verfasste Grillparzer für ihn das Opernlibretto „Melusine“, das der Komponist allerdings nicht vertonte. Die Erinnerungen Grillparzers an den großen Künstler zählen in der Beethoven-Biografik zu den relevantesten Quellen. Als Beethoven starb, verfasste der Dichter die Trauerrede, die während der Beerdigung von Heinrich Anschütz, einem Hofburgtheater-Schauspieler, vorgetragen wurde.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass sich Grillparzer während seines ganzen Lebens mit Musik befasst hat. In Aufzeichnungen und Tagebüchern finden sich viele Gedanken zur Musik und über Komponisten seiner Zeit, so über Liszt, Rossini, Wagner und Weber. Seine Novelle „Der arme Spielmann“ ist ein Schlüsseltext zur Musikästhetik des neunzehnten Jahrhunderts.
POETISCHE ANFÄNGE. Die Romantik beeinflusste die poetischen Anfänge Grillparzers. Bezeichnend war seine Vorliebe für die spanischen Dramatiker. Der Schicksalstragik ist seine „Ahnfrau“ geschuldet. Von diesen Einflüssen konnte sich der Dichter bald emanzipieren, die Verhältnisse in seiner Heimat waren jedoch prägend. „Die Ahnfrau“ wurde im Jahr 1817 mit großem Erfolg aufgeführt und auf allen deutschen Bühnen gespielt. Schon 1818 folgte mit „Sappho“ ein völlig andersartiges Werk.
Die menschliche Leidenschaft als edle und ungeahnte Kraft ist in Grillparzers Weltsicht ausgeschlossen, weshalb er in die Tradition der Stoffgestaltung und Formenschönheit der klassischen Dichtung treten konnte. Seine dichterische Stärke lag in der Darbietung und Erklärung der Liebe, so in „Des Meeres und der Liebe Wellen“.
TRILOGIE. Grillparzer zählte etwa ein Jahrzehnt lang zu den wichtigsten österreichischen Dramatikern, als vom Jahr 1821 an im Wiener Hofburgtheater seine Trilogie „Das Goldene Vlies“ mit großem Erfolg aufgeführt wurde.
Am Hofburgtheater feierte er in dieser Zeit einige weitere große Erfolge. Ab dem Jahr 1825 wurden die Tragödien „König Ottokars Glück und Ende“, „Ein treuer Diener seines Herrn“, „Des Meeres und der Liebe Wellen“ und das Drama „Der Traum ein Leben“ aufgeführt. Außerhalb der Reichshauptstadt stieß er auf eine weniger günstige Rezeption. Die nach dem Jahr 1830 in den deutschen Staaten maßgebliche Kritik war dem Wiener Dramatiker feindlich gesonnen. Die Vorzüge seiner Dichtung wurden nicht besprochen, die Mängel hingegen scharf hervorgehoben.
EWIGER BRÄUTIGAM. Der Autor „Des Meeres und der Liebe Wellen“ ehelichte seine Jugendliebe Katharina Fröhlich nie, er blieb bis zum Tod ihr Bräutigam. Grillparzers Cousin Hippolyt von Sonnleithner attestierte ihm, dass ihm zum Heiraten der Mut fehle. Der „ewigen Braut“ hinterließ er sein gesamtes Eigentum und sie übergab seinen literarischen Nachlass der Stadt Wien.
Im familiären Umfeld ist Grillparzer nicht von Schicksalsschlägen verschont geblieben. Im Jahr 1817 nahm sich sein Bruder Adolf das Leben, während der Dichter im Nebenzimmer an der „Sappho“ arbeitete. Zwei Jahre später erhängte sich seine Mutter in der gemeinsamen Wohnung.
Grillparzer unternahm – wie vor ihm schon Goethe – größere Reisen: nach Italien im Jahr 1819, nach Deutschland 1826, nach Paris zehn Jahre später und schließlich 1843 nach Athen und Konstantinopel. Während dieser Reisen verglich er die heimatlichen Zustände mit jenen in den besuchten Ländern.
ERGEBENHEIT. Die Loyalität des Dichters stand immer außer Zweifel, dennoch hatte er mit dem Druck unter dem Wiener Polizeipräsidenten und Verantwortlichen für die staatliche Zensur, Josef von Sedlnitzky (1778 – 1855), zu kämpfen. Viele seiner Gedichte wurden sozusagen verhindert, der Kaiser selbst versuchte sogar, den Druck des Dramas „Ein treuer Diener seines Herrn“ zu hintertreiben.
Der Dichter hatte zum Theaterleben seiner Heimatstadt ein zwiespältiges Verhältnis und war in seinem Wesen ein Eigenbrötler, was sich beispielhaft anhand der Ereignisse rund um die Uraufführung seines Stücks „Der Traum ein Leben“ im September 1834 belegen lässt. Dazu hält Karl Ludwig Costenoble in seinem Tagebuch fest: „Graf Czernin hat die Besetzung von ‚Traum ein Leben‘ dem Ermessen Grillparzers überlassen, der für die Rolle des Intriguanten den Heldenvater Anschütz in Vorschlag brachte. Als Deinhardstein ihn auf diesen Missgriff aufmerksam machte und meinte, dass die Rolle dem La Roche gebühre, erwiderte Grillparzer: ‚I kenn’ den La Roche nit. Seit zehn Jahr’n geh i in kein Theater. I wähl’ nur die Schauspieler, die i kenn!‘“5
ABFUHR. Im Jahr 1838 erlebte der Dramatiker gleichsam eine große Niederlage. Das Lustspiel „Weh dem, der lügt“ fiel bei der Uraufführung im Hofburgtheater durch, worauf Grillparzer beschloss, nicht mehr öffentlich in Erscheinung zu treten, aber weiterzuarbeiten. Danach verfasste er noch die Dramen „Libussa“, „Die Jüdin von Toledo“, „Ein Bruderzwist in Habsburg“ sowie das Fragment „Esther“ und zahlreiche lyrische Dichtungen. Erwähnt seien auch die Erzählungen „Das Kloster bei Sendomir“ und „Der arme Spielmann“. Einzelne Texte veröffentlichte Grillparzer seit dem Jahr 1848, beispielsweise das Lobgedicht „An Radetzky“6.
Das Bewusstsein, wie groß Franz Grillparzer als Dichter war, entstand in Österreich erst um 1850, hingegen nicht im übrigen deutschen Sprachraum. Erst als alterndem Mann wurden ihm Anerkennungen und Ehrungen zuteil. Zum Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften wurde er 1847 ernannt, ebenso wurde er mit Orden ausgezeichnet. Ein Ehrendoktorat der Universität Leipzig wurde ihm 1859 anlässlich des „Schillerfests“ verliehen. Zum lebenslangen Mitglied des österreichischen Herrenhauses wurde er 1861 und 1864 zum Ehrenbürger von Wien.
HOFRAT. Als er in den Ruhestand versetzt wurde, wurde ihm der zutiefst österreichische Titel Hofrat verliehen. Neben Anton Wildgans ist er bis heute der einzige – namhafte – Schriftsteller mit diesem Amtstitel. Er war wohl ein treuer Diener seiner Herren …
Der Titel „Hofrat“ war in den Jahren von 1765 bis 1850 für die höchsten österreichischen Beamten vorgesehen. In den Ministerien wurde er in der Folge abgeschafft und im Jahr 1873 für leitende Beamte der nachgeordneten Dienststellen neuerlich eingeführt. Heute wird er als ehrende Auszeichnung beispielsweise an Gymnasialdirektoren oder Richter verliehen.
Interessant ist, dass der Hofrat sowohl das Ende des Kaiserreichs als auch des Zweiten Weltkriegs überstanden hat. Den kaiserlichen Hof gibt es nicht mehr, wohl aber die österreichischen Hofrätinnen und Hofräte.
Hofrat Franz Grillparzer wurde einundachtzig Jahre alt und starb 1872 in seinem Wohnhaus in Wien, Spiegelgasse 21. Begraben wurde er auf dem damaligen Währinger Ortsfriedhof, dem heutigen Schubertpark. Nachdem der Friedhof aufgelöst worden war, überführte man Grillparzers Gebeine auf den Friedhof Hietzing, wo sie in einem Ehrengrab wiederbestattet wurden.
ANMERKUNGEN
1
Die Bezeichnung „kaiserlich-königlich“, kurz „k. k.“, stand im Kaisertum Österreich bis zum Österreichisch-Ungarischen Ausgleich im Jahr 1867 für die Ämter des gesamten Reichs. In der Österreichisch-Ungarischen Monarchie bezog sich die Abkürzung nur noch auf die westliche Reichshälfte (Cisleithanien). Für gemeinsame Einrichtungen beider Reichshälften wurde in den Jahren von 1867 bis 1918 die Bezeichnung „k. u. k.“ verwendet, wobei das erste k. („kaiserlich“) für den „Kaiser von Österreich“ und das zweite k. („königlich“) für den „König von Ungarn“ stand. Der Monarch führte beide Titel in Personalunion.
2
Im Frühjahr 2015 wurde im ehemaligen Hofkammerarchiv das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek eröffnet. Das Amtszimmer des k. k. Archivdirektors Franz Grillparzer ist mit seinen Biedermeiermöbeln erhalten. Siehe: Die Presse (Wien), 18. April 2015, S. 25
3
Die „Hofkammer“ war die Vorgängerin des Finanzministeriums, wurde aber erst ab dem Jahr 1848 mit diesem Begriff bezeichnet.
4
Der Begriff wird von Kaiser Joseph II. (1741 – 1790) abgeleitet, der im Sinn des aufgeklärten Absolutismus herrschte und viele Reformen einleitete.
5
Carl Ludwig Costenoble: Aus dem Burgtheater. 1818 – 1837. Band 2. Wien 1889. S. 205
6
„Glück auf, mein Feldherr, führe den Streich!/Nicht bloß um des Ruhmes Schimmer,/In deinem Lager ist Österreich,/Wir andern sind einzelne Trümmer.“

Journalistin
Berta
Zuckerkandl
DIE SALONIÈRE
DES WELTOFFENEN WIEN
BEMERKENSWERTE PERSÖNLICHKEIT. Studiert man die Geschichten und Handbücher der österreichischen oder deutschen Literaturhistoriker, auch der namhaften und jener, die sich spezifisch mit der österreichischen Literatur um die vorletzte Jahrhundertwende befassen, wird man Berta Zuckerkandl, eine interessante Figur und eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten der Wiener Moderne, nicht finden, was darin begründet sein mag, dass diese Geschichtswerke von Männern geschrieben worden sind. Anders in der digitalen Parallelwelt, in der Professor Google in weniger als einer Sekunde zwölftausendfünfhundert Ergebnisse liefert, wobei sich viele Inhalte naturgemäß überschneiden oder überhaupt kongruente Dubletten sind.
Verwunderlich, zumal Berta Zuckerkandl ihrem einundsiebzigjährigen Leben erstaunlich viele Inhalte gegeben hat, war sie doch nicht nur Schriftstellerin, sondern vor allem Journalistin und sozusagen nebenbei noch Friedensaktivistin, Geheimdiplomatin, Kritikerin und insbesondere die letzte bedeutende Wiener Salonière. Dazu notierte sie einmal: „Auf meinem Diwan wird Österreich lebendig.“1
MULTIPLE DAME. Bekannt ist die vielseitige Wiener Dame, surft man im Internet alle Kurven ab, nicht nur unter dem geläufigen Namen Berta Zuckerkandl, sondern noch unter anderen: Weitere Namensformen sind Berta Szeps, Berta Zuckerkandl-Szeps, Bertha Szeps und Berthe Szeps. Geboren wurde sie jedenfalls und urkundlich nachgewiesen als Bertha Szeps.
Zur Welt kam Berta Zuckerkandl am 13. April 1864 als Tochter des assimilierten Juden und liberalen Zeitungsverlegers Moritz Szeps (1835 – 1902), der das Neue Wiener Tagblatt leitete, und seiner Ehefrau Amalia (1836 – 1912), geborene Schlesinger, in Wien. Berta war die Zweitälteste und hatte zwei Brüder sowie zwei Schwestern.
UMFASSENDE BILDUNG. Unterrichtet wurden sie und ihre ältere Schwester Sophie von Hauslehrern. Die Bildung war wegen der engagierten Pädagogen umfassend. Berta Zuckerkandl wuchs sehr früh mit dem Beruf ihres Vaters auf, wodurch ihre Nähe zum Journalismus entstand. Sie begleitete ihn zu seinen Terminen und war für die Notizen darüber zuständig. Bei diesen Gelegenheiten lernte sie in- und ausländische Persönlichkeiten kennen, mit vielen baute sie Freundschaften auf.
Moritz Szeps war ein Freund und Vertrauter des Kronprinzen Rudolf. Berta Zuckerkandl konnte nach dem Zerfall der Monarchie berichten, Rudolf hätte in Prag eine Affäre mit einer jungen Jüdin gehabt. Seine Enkelin, Stephanie Windisch-Graetz, bestätigte die Beziehung und bezeichnete sie sogar als seine einzige und große Liebe. In Österreich-Ungarn wäre es allerdings unvorstellbar gewesen, dass der habsburgische Thronfolger eine Jüdin ehelicht.
Einige der Feinde Moritz Szeps’ waren nicht weniger berühmt: Einer der leidenschaftlichsten war der Fackel-Herausgeber Karl Kraus.
HEIRAT. Als Zweiundzwanzigjährige heiratete Berta Szeps am 15. April 1886 Emil Zuckerkandl (1849 – 1910), einen österreichisch-ungarischen Anatomen und physischen Anthropologen, nach dem das „Zuckerkandl-Organ“, die „Zuckerkandl-Faszie“2 sowie die retrotrachealen Schilddrüsenanteile, das „Zuckerkandlsche Tuberculum“, benannt sind. Zur Zeit der Heirat war er Universitätsprofessor in Graz, weshalb die junge Ehefrau zu ihm in die steirische Landeshauptstadt zog.
Die Braut wollte vom Professor vor der Heirat wissen, weshalb er seinen seltsamen Namen nicht ändere. Er soll entgegnet haben, dass es dafür längst zu spät sei, weil er schon als Neunzehnjähriger und angehender Anatom im menschlichen Körper einen bis dahin unbekannten Knochen3 entdeckt habe, der nach ihm benannt worden sei. Die Namensfrage war damit eine für allemal erledigt.
Als Zuckerkandl im Jahr 1888 eine Professur für Anatomie in Wien erhielt, kehrte Berta in ihre Geburtsstadt zurück. In Wien angekommen, führt sie in ihrem Haus wie ihre Mutter die Tradition des Salons fort. In ihren gastlichen Gesellschaftsräumen traf sich die kultivierte Wiener Oberschicht, die fortschrittlich gesinnt war und gegen geistiges Banausentum auftrat. Am Programm standen Gespräche, Lesungen und Musik. Wien kannte damals nicht nur den literarischen, sondern auch den politischen und wissenschaftlichen Salon – Einrichtungen, die vom achtzehnten bis zum zwanzigsten Jahrhundert gepflegt wurden. Eingeladen waren Maler, Musiker, Politiker und Schriftsteller sowie manch anderer interessante Geist.
Die Veranstalterinnen der Salons galten als Mäzene. Als Gastgeberinnen betätigten sich wohlhabende Frauen, die meist adelig waren. Eine dieser bekannten Salonièren war eben Berta Zuckerkandl, weshalb sie auch „Mäzenin und Muse“ genannt wurde.
SALONIÈRE. Ihren ersten Salon eröffnete sie in der Villa ihres Ehemanns in der Döblinger Nußwaldgasse. Döbling wurde erst im Jahr 1892 als neunzehnter Wiener Bezirk eingemeindet. Ab dem Jahr 1917 verlegte sie den literarisch-intellektuellen Treffpunkt in das Palais Lieben-Auspitz in der Oppolzergasse beim Burgtheater. Heute befindet sich am Haus eine Gedenktafel4, die darauf hinweist, dass sie als Tochter jüdischer Eltern flüchten musste, als Hitler-Deutschland Österreich 1938 „anschloss“, was Zigtausende Österreicherinnen und Österreicher am nahe gelegenen Heldenplatz bejubelten. Es ist nicht bekannt, ob Berta Zuckerkandl in ihrem Salon das frenetische Gejohle akustisch miterleben musste.
In ihrem Salon verkehrte ein anderes Österreich: das geistige, gebildete und künstlerische. Hier fanden sich unter anderem die Schriftsteller Franz Theodor Csokor und Arthur Schnitzler ein sowie der Regisseur Max Reinhardt, der Komponist Johann Strauß (Sohn), Gustav Klimt und die Kärntner Maler des „Nötscher Kreises“, Sebastian Isepp und Anton Kolig.
ALMA UND GUSTAV. Im Jahr 1901 lernte Alma Mahler-Werfel bei ihr Gustav Mahler kennen. Alma und Berta waren über lange Jahre engste Freundinnen.5 Eine exemplarische Begegnung ihres Salons war auch das Treffen Gustav Klimts und Auguste Rodins. Besonders verbunden war Berta Zuckerkandl mit der „Secession“ und „Wiener Werkstätte“, weil sich deren Entstehung auch auf ihre journalistische Unterstützung gründete. Ihr Salon war sozusagen eine Schaltstelle des Fin de Siècle.
Berta Zuckerkandl war nicht nur mit der Wiener Gesellschaft verwoben. Ihre Schwester Sophie heirate Paul Clemenceau, den Bruder des späteren französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau. Bei ihren Besuchen in Paris lernte sie im Salon ihrer Schwester neben anderen Maurice Ravel und Auguste Rodin kennen.
SIXTUS-AFFÄRE. Berta Zuckerkandl hatte besonders gute Verbindungen nach Frankreich, wodurch sie selbst sogar in die sogenannte „Sixtus-Affäre“6 verwickelt wurde. Im Jahr 1917 traf sie in geheimer Mission in Genf zweimal ihre Schwester Sophie, die ihren Schwager Georges Clemenceau und den Kriegsminister Paul Painlevé darüber informierte, dass Österreich-Ungarn über einen Separatfrieden verhandeln wolle. Den Fortgang des Kriegs konnten die beiden Schwestern aber nicht verhindern.
Nicht nur die Monarchie erbat ihre Dienste. Auch die Erste Republik der Zwischenkriegszeit und der Ständestaat bemühten Berta Zuckerkandls Kontakte in Paris. Österreich war daran interessiert, für das verarmte Land französische Investoren zu finden. Die Bundeskanzler Ignaz Seipel und Engelbert Dollfuß wandten sich an sie um Hilfe. Erwähnt werden muss, dass sich Berta Zuckerkandl journalistisch gegen die Zerschlagung der Arbeiterbewegung durch Engelbert Dollfuß im Jahr 1934 gewandt hat, was für ihre Haltung selbstverständlich war.
KULTURJOURNALISTIN. Berta Zuckerkandl, die wegen ihrer Verbindungen als Geheimdiplomatin eingesetzt werden konnte, schrieb für das Neue Wiener Journal und die Wiener Allgemeine Zeitung. Ihre Ressorts waren die Kunst und das Theater. In der Wiener Allgemeinen Zeitung veröffentlichte sie eine täglich erscheinende Kunstkolumne. Besonders engagierte sie sich für Gustav Klimt. Zuckerkandl galt als publizistische Wegbereiterin der „Secession“ und der „Wiener Werkstätte“ sowie als Mitbegründerin der „Salzburger Festspiele“.
Hugo von Hofmannsthal hat in ihrem Salon zum ersten Mal öffentlich aus seinem „Jedermann“ gelesen. Neben dem deutschsprachigen Theater galt ihr Interesse der französischen Dramatik. Sie übersetzte Theaterstücke Marcel Achards, Jean Anouilhs, Jacques Bosquets und Paul Géraldys ins Deutsche.
ÖSTERREICH INTIM. Als beispielhaftes Werk der Schriftstellerin sei auf ihre Erinnerungen mit dem Titel „Österreich intim“7 verwiesen, die im Jahr 1970 von Reinhard Federmann postum herausgegeben und 2013 neu aufgelegt wurden. Sie schreibt über die Welt, in der sie lebte und in deren kulturellem Zentrum sie ein Faktor war. In direkter Rede wird festgehalten, was beispielsweise Gustav Mahler und Arthur Schnitzler, der sie zum Schreiben der Memoiren animiert hatte, gesagt haben. Sie verkehrte in den Kreisen des Kaiserhauses und konnte etliche intime Details festhalten. Viele berühmte Namen fallen, Sigmund Freud, Gustav Klimt, Arnold Schönberg, Otto Wagner, Franz Werfel, Stefan Zweig, kein großer fehlt. Das Buch ist keine kontinuierliche Erzählung, sondern eine Zusammenstellung einzelner Artikel, die sich zu einem Mosaik über eine reiche Epoche fügen. Berta Zuckerkandls Erzählweise ist pointiert. Die Charaktere zeichnet sie mit wenigen Worten lebendig. Die vielen Anekdoten sind so etwas wie literarische Zeitgeschichte.
Im unseligen Jahr 1938 half Paul Géraldy Berta Zuckerkandl bei der Flucht nach Paris, wozu er eigens nach Wien kam. Zehn Jahre davor hatte der damals höchst renommierte Wiener Zsolnay Verlag seine „Dramen“8 in der Übersetzung Berta Zuckerkandls veröffentlicht. Die geschickte Netzwerkerin konnte ihr Talent auch in der französischen Hauptstadt nutzen und hielt engen Kontakt zu vertriebenen Österreicherinnen und Österreichern, so zu Franz Werfel, bis er in die Vereinigten Staaten von Amerika übersiedelte.
WIDERSTAND. Berta Zuckerkandl war in Frankreich als Trägerin des Ordens der Ehrenlegion9 vor einer Internierung geschützt. Ihr Sohn Fritz war bereits nach Algier emigriert, die Mutter folgte ihm im Jahr 1940. In der algerischen Hauptstadt konnte sie als Rundfunkjournalistin arbeiten und rief über den Sender die Daheimgebliebenen zum Widerstand gegen Hitler und die Nationalsozialisten auf.
Die beabsichtigte Emigration in die Vereinigten Staaten von Amerika gelang ihr nicht. Auch ihre Heimatstadt sah sie nie wieder. Im Jahr 1945 kehrte sie, nachdem sie die Niederlage der nationalsozialistischen Barbarei noch erleben durfte, nach Paris zurück, war jedoch schwer krank und starb am 16. Oktober 1945. Berta Zuckerkandl wurde auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise beigesetzt.
Wien dachte ihr eine späte, jedoch schöne Ehre zu. Im Jahr 2009, einhundertfünfundvierzig Jahre nach ihrer Geburt, wurde im neunten Gemeindebezirk der „Berta-Zuckerkandl-Weg“ nach ihr benannt.
Darmowy fragment się skończył.