Czytaj książkę: «Das Mädchen mit dem Flammenhaar»
Janet Borgward
Das Mädchen mit dem Flammenhaar
Die Rose von Kadolonné
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vaterfreuden
Wahlkampf
Verrat
Jodees Geschichte
Die verlorene Wahl
Im Auftrag des Eschs
Ein tödliches Tuch aus Staub und Sand
Quarantäne
Das Versprechen
Die Rose von Kadolonné
Neue Gaben
Sabotage
Auslese
Der zeitlose Raum
LeThorfinn
Geheime Wege
Feuer und Eis
Das Buch der Meister
Nandu Remdon Kadolonné – Göttliche Rose von Kadolonné
Acht Jahre später
Danksagung
Bisher von Janet Borgward erschienen
Impressum neobooks
Vaterfreuden
Das Mädchen mit dem Flammenhaar Die Rose von Kadolonné
Das Leben ist kein Tanz auf Rosenblättern …
Ehrfürchtig strich ich über die glatte Oberfläche meines Lesesteins aus geschliffenem schwarzem Onyx. Die Buchstaben flackerten leicht, bevor ein weiterer Passus aus den uralten Schriften erschien. Der Stein enthielt das gesammelte Wissen einer Zeit, in der Bücher noch nach altem Papier rochen. Die Seiten an manchen Stellen vergilbt und brüchig vom Alter. Doch das war längst Geschichte. Die Schreckensherrschaft der einstigen Herren von Kandalar nahm dem Volk die Bücher im Tausch gegen Blut.
Das ich über diesen einzigartigen Fundus verfügte, verdankte ich dem Mut meines Vaters, der den Lesestein stahl, um ihn unter größter Geheimhaltung an mich weiterzureichen. Wäre er von ihnen entdeckt worden, hätte es unser aller Tod bedeutet. Aber auch so brachten der Stein und das Wissen darin viel Leid über das Land. Er war wie das Leben selbst. Erzählte von Qualen und Freude, von Hass und Liebe, von der Verderbtheit der Menschen ebenso wie von dunklen Mächten. Der Lesestein beschrieb ein Stück weit auch meine Geschichte. Vergangenes und Zukunft. Man musste nur zwischen den Zeilen lesen – und ich war, was das betraf, ein wenig aus der Übung gekommen.
Jetzt nahm ich mir vor, diesem Geschenk Rechnung zu tragen, indem ich jenes Wissen darin nicht nur zu vertiefen suchte. Nach und nach wollte ich Abschriften anfertigen lassen. Ich geriet ins Schwärmen. Oh ja, es würde wieder Bücher geben in Kandalar, die ein jeder in Händen hielt und die …
„Warum verkriechst du dich im Dunklen?“
Ich erschrak derart, dass mir der Lesestein entglitt. Noch immer hatte ich mich nicht daran gewöhnt, dass Skyler sich lautlos wie eine Feder zu bewegen vermochte.
„Ah, du liest.“
Das Sonnenlicht, das durch sein Eintreten ins Zimmer fiel, überstrahlte einen kurzen Augenblick die Düsternis des Raumes. Er klopfte den Staub von den Lederstiefeln und schritt energisch zu den Öllampen, um sie heller zu drehen.
„Du verdirbst dir die Augen, Avery. Warum setzt du dich nicht auf die Bank vor dem Haus? Das Licht reicht noch für mindestens eine Stunde.“
Weil ich nachdenken muss, wollte ich sagen, behielt es aber für mich. Dabei schirmte ich meine Gedanken vor ihm ab, damit er nicht darin las, was in mir vorging. Was ich ihm mitzuteilen beabsichtigte wollte ich nicht kundtun, wenn er erschöpft von der Baustelle kam, die einmal unser neues Haus werden sollte. Ich wollte ihm einen festlich eingedeckten Tisch präsentieren. Ein verführerisches Kleid tragen, wo ich sonst nur Hosen bevorzugte, wenn ich ihm von der Neuigkeit berichtete, die bald unser Leben veränderte.
„Hast du Geheimnisse vor mir, Montai?”, raunte er und trat näher an mich heran.
Trotz der Gedankenabschirmung schien er wie immer in meinem Gesicht zu lesen, wie in einem offenen Buch. Nur er vermochte dies. Er zog mich in die Arme. Sein Gesichtsausdruck, eine Mischung aus Erwartung, Verführung und Zweifel. Ich roch die trockene Erde, die an ihm haftete, gemischt mit Schweiß und den Strapazen des Tages. Die von der Arbeit schwieligen Hände fuhren verlangend über den dünnen Stoff meines Arbeitshemdes.
„Willst du nicht erst ein Bad nehmen?“ Ein müder Versuch meinerseits, Zeit zu schinden.
„Gern, wenn du das Wasser mit mir teilst?“
Sein Atem streifte meine Wange, als er mein Haar zur Seite schob, um mir einen Kuss auf den Hals zu geben.
„Jeder Tümpel ist klarer, als das Badewasser, das du hinterlassen wirst.“
Ich löste mich aus der Umarmung. Gespielt streng begutachtete ich seine verdreckte Kleidung.
„Wie du meinst. Aber später will ich was Anständiges zu Essen haben, Weib! Ich habe einen Bärenhunger.“
Er packte mein Kinn und presste mir einen Kuss auf die Lippen, dass mir Hören und Sehen verging.
„Was beschäftigt dich so eingehend, Avery?“, fragte Skyler, nachdem er sich die Finger vom Fett der Dschellakeule leckte, wobei sich mir der Magen zusammenzog. Sowohl vom Geruch des Fleisches als auch vor dem, was ich ihm mitzuteilen hatte.
„Wovor hast du Angst, Montai?“ Seine Stimme klang urplötzlich alarmiert.
„Ich habe keine Angst. Nicht vor dir.“ Eigensinnig reckte ich das Kinn vor. „Wir bekommen ein Kind. Das heißt, Zwillinge.“
Jetzt war es heraus. Skyler hielt in der Bewegung inne. Seine peridotgrünen Augen begannen tellergroß zu werden.
„Zwillinge? Oh, Mem-Leschar. Was für ein Geschenk!“
Er zog mich in die Arme, vergrub sein Gesicht in meinen Haaren und flüsterte zärtliche Worte, von denen ich kein einziges verstand bis auf das letzte: Sass-Delor – Söhne.
„Töchter, Skyler. Wir erwarten Mädchen.“
Er ließ mich augenblicklich los, als hätte er sich verbrannt.
„Was sagst du da? Wie kannst du das jetzt schon wissen?“
„Jodee meinte …“
„Jodee? Woher weiß sie …“
„Weil sie Heilerin ist! Weil sie es wusste, bevor ich es auch nur ahnte!“
„Sie muss sich irren!“ Aufgebracht raufte er sich die langen Haare, dass sie ihm wie ein blauschwarzes Tuch um den Kopf herumwirbelten. Mit ausladenden Schritten stapfte er durch den Raum.
„Und wenn nicht? Spielt das eine Rolle?“
Meine Stimme gefror zu Eis. Die Temperatur im Raum sank für mich merklich herab. Ich erwartete, dass er sich freute. Doch offensichtlich ließen sich die alten Muster über die Wertigkeit einer Frau in den Köpfen der Männer nicht innerhalb von wenigen Jahren ändern. Erst recht nicht, wenn es sich dabei um einen ehemaligen Bowman handelte. Aber, bei den Göttern! In mir reiften die Früchte unserer Liebe heran! Da konnte er doch verdammt nochmal mehr Begeisterung zeigen!
„Avery, ich bin Statthalter von Gullorway, erster Botschafter Kandalars und, so die Götter es wollen, bald Esch von Kandalar. Man erwartet von mir männliche Erben.“
„Ich weiß wer und was du bist, Skyler. Schließlich bin ich nicht erst seit jener Nacht in den Höhlen von Merdoran mit dir verbunden.“
Meine Stimme bebte vor Zorn und Enttäuschung. Nur mit größter Anstrengung konnte ich die Feuerkugeln in meiner Hand zurückhalten, die mein derzeitiger Gemütszustand hervorbrachte.
„Wenn dir so viel daran läge, keine Töchter zu bekommen, hättest du Jodees Kapseln nicht gegen deine eigenen austauschen sollen.“
Ich stieß ihn fort und steuerte auf den Ausgang zu. Es wäre mir ein Leichtes gewesen, ihn an Ort und Stelle zur Bewegungslosigkeit zu verdammen, doch wollte ich nicht zu magischen Hilfsmitteln greifen. Stattdessen hob ich die Tür fast aus den Angeln, als ich sie mit voller Wucht hinter mir zuschlug. Tränen der Wut brannten mir in den Augen. Was bildete sich dieser Kerl ein? Ich war nicht sein Besitz. Nicht einmal seine Zugesprochene. In diesem Augenblick wünschte ich, ihm nie begegnet zu sein. Mühsam gegen den Wind ankämpfend, begab ich mich auf direktem Weg zu Jodee, meiner einzigen Zuflucht. „Hoppla! Was weht denn da für ein Sturmtief herein?“ Bei meinem ungestümen Eintreffen in ihrem Haus rannte ich die Heilerin fast um. Zwei Köpfe kleiner als ich stellte sie kaum ein Hindernis dar. „Ich … er … verdammt soll er sein!“ „Na, na, na, Liebes. Jetzt beruhige dich erstmal. Was ist denn so schlimm? Wo ist denn überhaupt Skyler?“ Sie sah an mir vorbei, als erwarte sie ihn. „Er ist es, der so schlimm ist. Boshaft, störrisch, hinterwäldlerisch, egoistisch, verbohrt, besitzergreifend – ein Wilder eben!“ Kraftlos sank ich auf den Stuhl, den Jodee mir wortlos unterschob. Jetzt waren wir auf gleicher Höhe. „Aha?“ Sie strich mir mit ihren kleinen kompakten Händen beruhigend über den Rücken, bis die Tränen versiegten, nicht aber die Flut meiner Worte. „Er will Söhne! Bin ich etwa seine Zuchtstute? Bestimmt er jetzt auch darüber?“ Und einer jähen Eingebung folgend: „Was hast du ihm für Kapseln gegeben?“, funkelte ich sie an. „Wieso sollte ich Skyler welche geben? Sie waren für dich bestimmt, Avery.“ „Mit welcher Absicht?“ „Das habe ich dir doch gesagt. Sie sollten dich vor …“ „Ungewolltem Kindersegen schützen“, unterbrach ich sie barsch. „Vielen Dank!“ Ich sprang auf, schüttelte ihre Hand ab. „Skyler gab mir aber eine Kräuterkugel mit den Worten Ne-me Labaschté – für immer mein, bevor er in der Höhle von Merdoran über mich herfiel wie ein …“ Ich stoppte meinen Ausbruch in dem Bewusstsein, dass ich im Begriff war, ihr mein Intimleben zu schildern. Dies ging eindeutig nur mich etwas an. „Das hat er gesagt?“ Sie fuhr sich nachdenklich durch die Flut geflochtener Zöpfe, die ihr dickes, krauses Haar bändigen sollten. Die darin eingearbeiteten Perlen tickten wie Holzklöppel aneinander. „Ich werde mit ihm reden!“ Jodee war nicht nur Heilerin, sie war auch meine beste Freundin. Seit ich damals in Greenerdoor ihre Bekanntschaft schloss, vereinte uns ein unsichtbares Band. Ich wusste, wenn sie sich Skyler vornahm, durfte er sich auf etwas gefasst machen. Auf sie hörte er. Verdammt! Sollte er nicht auch meinen Worten Glauben schenken? „Nein. Vielen Dank. Das kläre ich mit ihm“, presste ich mühsam beherrscht hervor. „Aber nicht heute.“ „In Ordnung. Ich bin sicher, er hat seine Worte unbedacht geäußert.“ „Wessen Freundin bist du?“, murrte ich. Sollte sie nicht auf meiner Seite stehen? „Eure. Daher maße ich mir an, euch zu kennen. Ihr kommt nicht voneinander los, auch wenn Skyler dafür meint, Hilfsmittel anwenden zu müssen.“ Schneeweiße Zähne strahlten mich entwaffnend an. „Ein Irrtum ist ausgeschlossen?“ „Wie meinst du das?“ „Ich bekomme Mädchen?“ „Ihr bekommt Töchter und es werden Schönheiten, wie sie Kandalar noch nicht gesehen hat.“ „Woher willst du das so genau wissen?“ Sie wies auf ihre Tätowierung am Arm, ein Auge, das Symbol der Seher, und sprach unumwunden weiter. „Glaube mir, Skyler wird alle Hände voll zu tun haben, die Männer von ihnen fernzuhalten.“ Ihr Lächeln wich einem herzhaften Lachen. „Das traue ich ihm durchaus zu“, knurrte ich. „Wahrscheinlich lässt er die Bewerber Drachen töten oder abstruse Rätsel lösen.“ „Er wird sie lieben, Avery. Alle beide.“ Da Skylers Stolz nicht zuließ mir nachzugehen, blieb ich über Nacht bei Jodee. Und auch über Tag ignorierte ich sein gedankliches ‚Anklopfen‘. Stattdessen widmete ich meine gesamte Aufmerksamkeit der Herstellung einer Tinktur, die offene Beine rascher heilen ließ. Ein Krankheitsmerkmal, das seit einigen Wochen nicht nur bei den älteren Menschen Gullorways auftrat. Unter ihrer Aufsicht stellte ich ein Extrakt her, dass ich mit abgekochtem Wasser im Verhältnis eins zu drei mischte, bevor ich es in Gläser abfüllte und luftdicht verschloss. „Hier. Nimm diese Beeren und“, sie ließ einige getrocknete Malvenblüten in den Mörser rieseln, „die hier. Du musst sie gleichmäßig zerstampfen. Die zerstoßenen Blüten der Malve ergeben einen wirksamen Tee gegen hohes Fieber. Mit ihnen lassen sich auch Ekzeme behandeln und Entzündungen jeglicher Art. Einen Bestand davon sollten wir immer im Hause haben. Mittels Kompresse auf die betreffende Körperstelle aufgetragen, heilt die Schwellung schneller ab.“ Sie brachte ein kleines Töpfchen aus einer ihrer Kitteltaschen hervor. Ich sog ihre Worte auf wie ein Schwamm, begierig darauf, alles zu erlernen, was Jodee mir an Wissen übertrug. Als ich Skyler eher spürte, als dass ich ihn hörte, kehrte ich ihm demonstrativ den Rücken zu, gab mich weiterhin geschäftig. Dabei behielt ich eine Hand am Mörser, den ich ihm entgegenschleudern würde, sollte er auch nur ein falsches Wort sagen. Dafür müsste ich mich noch nicht einmal zu ihm umdrehen. Ich würde ihn blind treffen. „Avery, es …“ Eine Tür glitt leise ins Schloss. Jodee hatte den Raum verlassen. Verräterin! „Ich habe zu tun.“ Meine Stimme war schneidend, als gelte es die Luft zwischen ihm und mir gewaltsam zu trennen. „Es tut mir leid. Ich war ein Narr.“ „War? So schnell ändert sich kein Bowman.“ „Du weißt, dass ich das nicht mehr bin.“ Vorsichtig trat er in mein Blickfeld. Seine Augen wirkten müde. Die Gesichtshaut fahl. Gut so. Offensichtlich hatte auch er eine schlaflose Nacht hinter sich. Betont langsam drehte ich mich zu ihm um. „Ja. Du hast es mir unmissverständlich zu verstehen gegeben. Erster Botschafter, Statthalter und bald Esch. Ich bin nur die Frau, die deine ungeliebten Töchter zur Welt bringen wird.“ „Du bist weit mehr als das, Avery. Und du bist eine Magierin, das weißt du.“ „Und? Nützt es mir etwa? Dich verzaubert bloß die Macht, die du ausüben kannst. Ich bin nur dein Werkzeug.“ Er sog scharf die Luft ein, sprach aber nicht dagegen. Ich kehrte ihm wieder den Rücken zu, bemüht, die aufkommenden Tränen zurückzuhalten. Verdammt. Würde das jetzt zur Gewohnheit werden? „Ich brauche dich, Avery. Mehr als mein Leben.“ Seine Stimme waberte dunkel und bedeutungsschwer durch den Raum, der mir mit einem Mal viel zu eng erschien. „Wozu? Du hast doch jetzt alles, was du wolltest. Bald liegt dir Kandalar zu Füßen. Du wirst schon einen Weg finden, Esch zu werden.“ Zwei stählerne Arme umschlossen mich wie Schraubstöcke. „Ich will meine Mädchen haben. Und ich will, dass du meine Frau wirst.“ Er hauchte mir einen Kuss aufs Haar. Aber so leicht ließ ich mich nicht besänftigen. Diesmal nicht. „Vielleicht will ich das aber nicht mehr.“ „Dann denk darüber nach.“ Der Druck ließ nach, Skyler verschwand lautlos. So hatte ich mir seine Entschuldigung nicht vorgestellt. „Und? Konntet ihr euren Streit bereinigen?“ Wie auf ein Zeichen betrat Jodee den Raum. Ein Jutesack hing über ihrer Schulter, prall gefüllt mit duftenden Kräutern, die sie unmöglich in der kurzen Zeit gesammelt haben konnte. Mir kam der Verdacht, dass sie dieses Gespräch eingefädelt hatte. Erneut flammte Zorn in mir auf, weil ich Skyler nicht dazu bewegen konnte, seine unbedachte Äußerung zurückzunehmen. „Verdammte Dickschädel! Alle beide.“ Mit einem übertriebenen Ächzen setzte sie den Kräutersack ab, als wöge er Tonnen. „Was hat er gesagt?“ Die Arme vor die mächtige Brust gekreuzt sah sie zu mir auf. Ich nagte an der Unterlippe. „Dass er seine Mädchen haben will und ich seine Frau werden soll. Verstehst du? Ich soll, er will. Das ist sein Hauptvokabular. Nie fragt er, was ich möchte.“ Mein Hals wurde eng, die Augen feucht. Ob die Hormone mich zu einem heulenden Etwas mutieren ließen? Ich wollte so nicht sein. Jodee neigte den Kopf zur Seite. Ihr Zeigefinger strich nachdenklich über ihre wulstige Oberlippe. „Soll ich ihn in eine pockige Kröte verwandeln?“ „Wenn du das für mich tun könntest, wäre ich dir auf ewig dankbar.“ Langsam löste sich die Anspannung in mir. „Aber es wäre mir lieber, er käme aus freien Stücken zu mir, anstatt immer nur Forderungen zu stellen.“ Ich griff nach meinem Sonnenhut und bewegte mich auf die Tür zu. „Du läufst ihm jetzt aber nicht hinterher oder?“ „Nein. Ich brauche einen klaren Kopf und frische Luft. Benötigst du noch mehr Kräuter?“, fragte ich scheinheilig. Jodee lachte, dass ihre beträchtliche Brust erbebte. „Beim besten Willen nicht.“ Ich nicke und verließ ihr bescheidenes Haus, in dem sie lebte, Kranke behandelte und Tinkturen ansetzte, für und gegen alles Mögliche. Wie immer, wenn ich nachdenken musste, trugen mich die Füße zum Mukonor. Aufgrund des seit Monaten ausbleibenden Regens war sein Pegel bedenklich niedrig. Immer seltener fanden sich daher Handelsschiffe bei uns ein. Nur hin und wieder legten Flöße an, die mit dem Niedrigwasser besser zurechtkamen. Überhitzt suchte ich einen Schattenplatz auf. Meiner hellen Haut bekam die intensive Sonne nicht. Den Kopf in den Nacken gelegt, schaute ich zum wolkenlosen Himmel auf. Wenn es doch nur endlich Regen gäbe! Die von mir geschaffenen Bewässerungssysteme liefen bald trocken und Gullorway würde aussterben, noch bevor die Stadt sich richtig entfaltete. Die ersten Bauern gaben bereits auf, wanderten in ertragreichere Regionen ab. Sank die Einwohnerzahl wieder unter zweitausend, verloren wir die mühsam erworbenen Stadtrechte. Skyler wäre nicht länger Statthalter. Skyler. Der Mann brachte mich noch um den Verstand, und dennoch kam ich nicht von ihm los. Er beherrschte mein Denken und dies nicht nur im übertragenen Sinne. Aufkommende Übelkeit bahnte sich passenderweise ihren Weg nach oben und wrang den Inhalt meines Magens aus wie einen nassen Lappen. Sollte das jetzt die nächsten Monate so weitergehen? Während ich würgend und spuckend an einem Baumstamm lehnte, malte ich mir im Kopf die wildesten Szenarien aus. Wie ich meine Mädchen allein großzog, weil Skyler als Botschafter durchs Land zog oder einen anderen Vorwand fand, mir aus dem Weg zu gehen, da ich keine Sass-Delors bekam. Oder, dass sie gar nicht erst zur Welt kamen, ich im Kindbett starb. Seine Worte in den Höhlen Merdorans brannten sich mir ebenso ins Gedächtnis, wie einst das Brandmal der Bowmen auf meinem Arm. „Du bist die Tochter einer Magierin, einer dunklen Magierin.“ „Und das bedeutet automatisch, dass ich auch Böses im Sinn habe oder haben werde?“ „Du vielleicht nicht, aber dein Kind, wenn es geboren wird. Unser Kind, wenn wir jemals eines haben sollten.“ „Sagt wer?“ „Dein Lesestein – liest du eigentlich nie darin?“ Vor ein paar Tagen fand ich die Passage, die Skyler zu meinen schien. Doch konnte man sie durchaus auch anders deuten. ‚Zwei Mädchen, eine jede die Kopie der anderen, ihr Antlitz den Göttern gleicht. Wenn sie erblicken das Licht der Welt, ein tödliches Tuch aus Staub und Sand der Menschheit Mantel ist‘. Für mich las es sich so, dass nicht die Mädchen selbst das Böse darstellten – was immer das sein mochte – sondern nur in eine Zeit hineingeboren wurden, in der dieses Ereignis stattfand. Wenn ich jedoch immer nur Teilabschnitte las, würde ich nie eine Antwort finden. Doch im Augenblick fühlte ich mich zu aufgewühlt. Ich verfügte nicht über die erforderliche Konzentration, zum Lesen einer verschlüsselten Botschaft, noch dazu, wo ich Skylers gedankliche Kontaktaufnahme abzuwehren versuchte. Der Nachmittagssturm nahm zu, zerrte an meinen Haaren und vertrieb die wenige Feuchtigkeit, die die Schatten des Waldes für sich aufsparten. Wie launisch doch die Natur war. Im Dschungel Greenerdoors regnete es oftmals wochenlang, was eine üppige Vegetation hervorbrachte, wohingegen Gullorway … „Hat man denn nirgends seine Ruhe?“, knurrte ich, aus meinen Grübeleien gerissen. Trotz des Rauschens trockener Blätter im Wind vernahm ich Skylers Schritte. Weil ich ihn hören sollte, wie ich mutmaßte. „Jedenfalls nicht vor mir.“ Er schwieg. Schien nach Worten zu suchen. Wie immer in solchen Augenblicken wirkte er unbeholfen, wo er sich sonst bestens darauf verstand Reden zu halten. „Ist dir noch übel?“, fragte er mit flüchtigem Blick auf die verräterischen Spuren auf dem Boden. „Im Moment mehr denn je.“ Ich sah ihm offen ins Gesicht. Selten verletzten mich seine Worte derart, wie die Reaktion darauf, Vater von Töchtern zu werden. „Was erwartest du von mir, Avery? Dass ich mich vor dir in den Staub werfe?“ Sein Brustkorb hob und senkte sich in rascher Folge vor unterdrücktem Zorn. „Das wäre zumindest ein Anfang!“, erwiderte ich unbeeindruckt. Kühl nahm ich ihn ins Visier. Wartete. Dann nickte er ergeben. Galant griff er nach meiner Hand und hauchte einen Kuss darauf. Er beugte das Knie vor mir und rief inbrünstig gegen den tosenden Sturm an. „Ihr Götter, vergebt mir, dass ich blind war für das Glück vor meinen Augen!“ Seine Augen sprühten geradezu Funken. Die theatralische Darbietung gelang ihm meisterlich. „Avery, kannst du mir meine unbedachten Worte verzeihen? Und falls ja, willst du meine Frau werden? Dann schwöre ich bei den Göttern und allem, was mir heilig ist, dich und unsere Kinder zu lieben und zu beschützen, vor den Dämonen dieser Welt und darüber hinaus.“ „Große Worte, Botschafter von Kandalar, Statthalter Gullorways. Aber bist du auch dazu bereit, wenn es Mädchen sind?“ „Gerade weil es Mädchen sind!“ Ein siegessicheres Lächeln huschte über seine Lippen. „So lautet meine Antwort …“, ich zählte lautlos bis zwanzig, spielte mit dem Saum meines Hemdes und richtete den Blick anschließend auf einen imaginären Punkt in die Ferne. „Ich muss es mir überlegen.“ Und fügte im Geiste hinzu: „Du verdammter Schurke.“„Das habe ich gehört.“ „Das kannst du nicht gehört, sondern nur in meinen Gedanken gelesen haben.“ „Hören sie mit?“, versuchte Skyler abzulenken und sah zu mir auf. Den Kopf horchend an meinem Bauch gepresst. „Wer?“, fragte ich zerstreut. „Unsere Zwillinge.“ „Wohl kaum. Sie sind ja erst wenige Millimeter groß.“ In einer fließenden Bewegung kam er wieder auf die Beine, nahm mich vorsichtig in die Arme, als sei ich aus Glas. Schweigend standen wir eine Weile einfach nur da. Ich spürte seinen aufgeregten Herzschlag durch das weiche Leder seines Hemdes, bis er mit meinem in Einklang schlug. „Hab Geduld mit mir, Avery“, hauchte er in mein Haar hinein. „Ich ertrage es nicht, von dir abgewiesen zu werden. Nach deiner Zeit bei den Javeérs …“ Seine letzten Worte verschluckte der Sturm. Ich zog den Kopf zurück, um ihm in die Augen schauen zu können. „Als ob dich das davon abhielte, deinen Willen durchzusetzen.“ Ich suchte in seinem Gesicht nach Bestätigung meiner Worte und traf nur auf Augen, die einen Glanz enthielten, wie ich ihn nie zuvor bei ihm sah. „Egal wie du dich entscheidest, du machst mich zum glücklichsten Mann von Kandalar, Montai. Ich wusste es vom ersten Augenblick, als ich dich sah.“ Seine Hände fuhren mit einer Zärtlichkeit über mein Gesicht, als wollte er sich jeden Zentimeter davon einprägen. „Warum vertraust du dann nicht einfach deinen Gefühlen?“ Er sah mich verständnislos an. „Ich weiß nicht, was du meinst, Avery.“ „Warum hast du mir in Merdoran deine Kapseln mit den Worten ‚für immer mein’ und nicht die von Jodee gegeben?“ Seine Hände ließen kaum merklich von meinem Gesicht ab und ergriffen meine zu Fäusten geballten Finger. „Weil ich Angst davor hatte, dich an jemand anderen zu verlieren.“ Seine Offenheit verblüffte mich. „Wer hätte das denn sein sollen? Etwa einer der uralten Javeérs?“ Mein Ton klang ruhig und bestimmt. Nie war ich seinen wahren Beweggründen näher denn in diesem zerbrechlichen Moment. „Und wenn es so wäre?“ Forschend sah er mich an. „Skyler, du hast selbst bei den Javeérs gelebt. Du hast sie gesehen. Alte Männer, die das Schicksal zwang, Jahrhunderte zu überleben. Es fällt mir schwer, dies zu glauben.“ Er atmete tief ein. „Aber dennoch Männer.“ Ein Lachen bahnte sich meinen Hals empor. Rasch wandte ich den Kopf zur Seite. War es tatsächlich möglich, dass der ach so starke Skyler tief in seinem Herzen unsicher war, was unsere Beziehung betraf? Mir die Javeérs als Nebenbuhler vorzustellen ging selbst in meinen wildesten Fantasien zu weit. „Das war es nicht, und das weißt du verdammt genau.“ „Nein. Du hast recht.“ Er schob seine Hand unter mein Kinn und zwang mich ihn anzusehen. „Ich wusste, dass ich dich für eine unbestimmte Zeit bei den Javeérs zurückließ und du mich dafür hassen würdest.“ „Es wäre immer noch meine Entscheidung gewesen, Skyler“, sagte ich leise. „Genau das bereitete mir ja Kopfschmerzen.“ Um Zeit zu gewinnen, betrachtete ich die wogenden Äste im Sturm. „Warum hast du mich überhaupt noch gefragt, ob ich deine Frau werden will, wenn es für mich nie einen anderen Mann geben wird außer dir? Wo mich diese verdammte Kapsel bereits an dich bindet?“ „Weil ich ein besitzergreifender Wilder bin?“ Ich holte aus und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Verwundert rieb er sich die daraufhin rotglühende Wange. Drohend richtete ich den Zeigefinger meiner Schusshand auf ihn. „Aber du wirst niemals meine Gefühle kontrollieren, du Schuft!“ Mit äußerster Vorsicht schob er die Hand beiseite, um sich aus der Schusslinie zu bringen. Meine Lippen begannen zu beben. „Und hör auf, in meinen Gedanken herumzuspuken! Auch ohne deine dämlichen Hilfsmittel komme ich nicht von dir los, weißt du das denn nicht?“ Ich brach in Tränen aus, bis mir Kopfschmerzen den Schädel zu spalten drohten. „Scht, scht, Montai.“ Er wog mich in seinen muskulösen Armen, obwohl mir der Rotz aus der Nase lief, den ich ungerührt an seinem Hemd abstreifte. „Es tut mir leid, Avery. Beruhige dich.“ Mit einem Ruck riss ich mich von ihm los. „Und versuche nie wieder eine schwangere Frau zu beruhigen, deren Hormone total verrücktspielen. Denn ich will mich aufregen!“ „Aha? Ja dann …“ „Ja, ich will deine Frau werden, verdammt! Und ich will gerne glauben, dass es wirklich mein Wunsch ist.“ „Ich danke dir, Montai.“ Er küsste meine immer noch bebenden Hände. „Aber ich will eine Heirat im engsten Kreis, für den Fall, dass du dir was Größeres ausgemalt hast.“ „Natürlich.“ Er nickte ergeben. Ein mühsam unterdrücktes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, bevor sich unsere Lippen trafen.
Wahlkampf
Skyler behielt Wort, was die Feierlichkeiten der Hochzeit betraf. Nur wenige Gäste nahmen an der Zeremonie mit anschließendem Festmahl teil. Orinon, der Dorfälteste Gullorways, vollzog unsere Trauung. Trotz des Freudentages bedrückte mich der Umstand, dass mein Vater nicht an unserer Tafel saß. Einst war er Gullorways Dorfältester und Berater. Doch sein Geständnis, dass ich einer Liaison mit einer dunklen Magierin entstammte, trieb einen unversöhnlichen Keil zwischen uns, der mit seinem Freitod ein unrühmliches Ende fand. Der unermessliche Schmerz darüber und die Schuld ihm nicht vergeben zu haben, wogen schwer in meinem Herzen.
Jodee, die ein Gespür für Stimmungen im Allgemeinen und meine im Besonderen besaß, drückte mir aufmunternd die Hand. Dennoch blieben mir die letzten Worte meines Vaters im Gedächtnis haften, dass Skyler nicht gut für mich sei, wenn er auch diese im Zorn ausgesprochen hatte.
„Du solltest an unserem besonderen Tag strahlen vor Glück, Montai“, raunte er mir ins Ohr und riss mich damit aus den trüben Gedanken. „Warum so nachdenklich? Bereust du es schon, meine Frau zu sein?“
Zärtlich hauchte er einen Kuss auf meine eiskalten Fingerspitzen. Ertappt schlug ich die Augen nieder vor dem intensiven Grün, dass mir stets bis in die Tiefen meiner Seele zu schauen schien. Ich versuchte mich an einem Lächeln.
„Stelle mir diese Frage in ein paar Jahren“, entgegnete ich selbstsicher.
Er schwenkte ein Kristallglas in den Händen und sah mich dabei über den Rand hinweg an. In einer sinnlichen Geste führte Skyler das Glas an die Lippen, nahm einen kräftigen Schluck, wobei er mich nicht aus den Augen ließ. Geschickt platzierte er den Kelch auf das festliche Tischtuch zwischen den Rosenblüten, ohne auch nur eine von ihnen zu zerdrücken. Er beugte sich vor, strich sanft über die Stelle auf meinem Arm, auf der sich noch vor wenigen Tagen das Brandzeichen der Bowmen abzeichnete. Mit seiner Erlaubnis durfte Jodee das Mal entfernen – sein Hochzeitsgeschenk an mich. Die Wundränder verschwanden allmählich und mit ihnen die unsichtbaren Fesseln, die mich einst an die Bowmen banden. Stattdessen schmückte jetzt ein kunstvoll gefertigter Armreif meinen Oberarm, den Skyler beim besten Goldschmied Kandalars anfertigen ließ. Zwei ineinander verschlungene, geflügelte Schlangen aus Rotgold, deren Augen aus den Splittern des Mondsteins bestanden.
„Man sagt, der Stein sei mit dem Mond verbunden.“ Seine Augen fixierten den Armreif. „Wie der Mond, so übt auch dieser Edelstein eine geheimnisvolle Faszination aus. Genau wie du, Mem-Leschar. Der Stein verstärkt, so winzig er auch sein mag, die Intuition seines Besitzers.“
„Und was bedeuten die geflügelten Schlangen?“ Fasziniert betrachtete ich die feinziselierte Schmiedekunst.
„Es heißt, dass die geflügelten Schlangen einst als Gottheiten der Nebelwälder von Sesslowarnes in den Kronen der Lebensbäume hausten. Sie beherrschten den Wind, die Luft und das Leben in den Wäldern.“
In einer ausladenden Geste breitete er die Arme aus, schloss seine rechte Hand zur Faust und versiegelte sie mit der linken, öffnete sie wieder und hauchte mir galant eine Kusshand zu. Ich musste unwillkürlich schmunzeln über diese zauberhafte Geste. So romantisch kannte ich ihn gar nicht. Er zog mich in seine Arme und bedeckte mich mit leidenschaftlichen Küssen.
„Also hoffst du darauf, dass ich den täglich wütenden Sturm Kandalars herabsetze?“, fragte ich leicht atemlos, mir peinlich bewusst, dass wir uns noch in Gesellschaft befanden. Skyler hingegen schien das Umfeld völlig auszublenden. Seine Hände wanderten über meinen Körper auf der Suche nach den verspielten Schnüren des keuschen Hochzeitskleides, um sie gekonnt zu öffnen, bis ein Räuspern ihn lächelnd innehalten ließ.
„Wohl dem, der diese Gabe beherrscht“, erwiderte er mit einem Lächeln.
„Die Schlangen symbolisieren eure ewige Liebe zueinander und das Leben, das daraus entstehen wird“, führte Jodee Skylers Auslegungen mit einem Augenzwinkern fort. Mit wedelnden Händen komplimentierte sie die wenigen Gäste aus dem Haus hinaus. „So, genug für heute. Wollen wir dem Paar die Gelegenheit geben, der Symbolik Rechnung zu tragen und die Ehe vor den Augen der Götter zu vollziehen, anstatt vor den unsrigen.“
Lachend, mit deftigen Ratschlägen für die Hochzeitsnacht, verließen die Gäste unser Heim. Bis auf das Klappern der Fensterläden im Wind wurde es still im Raum.
„Was siehst du mich so seltsam an?“, fragte ich, in Vorfreude auf unsere Hochzeitsnacht.
Ungezügelte Gier lag in seinen Augen. „Ich habe noch nie mit einer verheirateten Frau geschlafen, stelle es mir aber sehr aufregend vor.“
Dunkle Augenbrauen schossen in freudiger Erwartung nach oben. Er hob mich auf die Arme und trug mich ins Schlafgemach.
„Dann will ich dafür sorgen, dass es dir gut im Gedächtnis haften bleibt und dich nicht dazu verleitet, es anderswo zu erkunden.“
In der Nacht liebten wir uns, als gebe es kein Morgen. Die zerwühlten Laken des Bettes trugen nicht allein die Spuren unserer Leidenschaft. Verstohlen betrachtete ich Skylers vom Schlaf entspannte Gesichtszüge. Die mir zugewandte Schulter wies rote Kratzspuren auf, wo meine Finger sich im Zustand ungezügelter Ekstase in seine Schulterblätter hineingruben. Ich wollte ihn berühren, die Haut wieder unversehrt werden lassen, weil ich mich dafür schämte, ihm diese Male beigebracht zu haben.
„Vergeude nicht deine Kräfte“, nuschelte er hinter einem feinen Vorhang aus Haaren, die beim Sprechen leicht zu flattern begannen. Mit einer fahrigen Geste schob er die störende Strähne hinters Ohr, fuhr mit der Zunge über die von unseren Küssen noch geschwollenen Lippen.
„Hebe dir deine magischen Fähigkeiten für Sinnvolleres auf.“
Er zog mich in seine Arme und seufzte zufrieden, als ich mich unter seiner Berührung wohlig zu winden begann.
„Versprich mir, dass es immer so sein wird zwischen uns, wie in diesem Moment“, stieß ich atemlos hervor, als seine Lippen an meinem Rippenbogen entlangfuhren, wohlige Schauder hinterlassend.
„Ich verspreche es dir, Montai. Bei den Göttern, dich gebe ich nicht mehr her.“
Ich ertappte mich dabei, wie ich mich im Spiegel kritisch betrachtete, auf der Suche nach Veränderungen. Sah man es mir an, dass ich verheiratet war?
Läge die Entscheidung bei mir, verließen wir das Bett nur, um gelegentlich etwas zu essen oder die Fensterläden zu öffnen, damit der Wind frische Luft in unsere Schlafkammer wehte. Aber es ging nicht nach meinem Willen. Stattdessen belagerten Skylers Berater schon seit dem Morgen die Küche, die sie kurzfristig zu einem Gemeindesaal umfunktionierten. Die Anzahl der Personen ließ mich kaum zu ihm durchdringen. Überall lagen Schriftstücke verteilt, mit Vermerken darauf. In hitzige Diskussionen verstrickt, legten die Männer Strategien für die bevorstehende Wahl des Eschs fest, die in einem halben Jahr stattfinden sollte. Die erste Wahl dieser Art, die darüber entschied, wer zukünftig über Kandalar herrschte. Gewählt auf Lebenszeit.
Ich verstand Skylers innere Zerrissenheit nur zu gut. Inoffiziell galt er nach dem Tod seines Halbbruders Amarott als der legitime Nachfolger Mahilo-Eschs. Wenn er sich jedoch auf dieses Recht berief, verriet er ein ganzes Volk, das unter der Knechtschaft seines Stiefvaters unsägliches Leid erfuhr. Daher ließ er zunächst seine Berater zu Wort kommen.
„Was hast du herausgefunden, Relak?“
Skyler hielt die langen, muskulösen Arme auf die einzig freie Stelle unseres Küchentisches abgestützt, die Finger voller Tatendrang gespreizt. Als er mich wahrnahm, schenkte er mir ein aufmunterndes Lächeln.
„Gesell dich zu uns, Avery. Was Relak zu sagen hat, betrifft uns alle.“
Auf nüchternem Magen, inmitten ausdünstender Männerkörper, fühlte ich mich unbehaglich. Außerdem hielt ich mich nicht für die Politik berufen. Doch Skylers Arm umfing meine Taille bereits, um mich näher zu sich heranzuziehen. Sein flüchtiger Blick in meine Richtung drückte so viel Stolz und Wärme aus, dass ich mich nicht zu widersetzen vermochte. In den Gesichtern der anderen las ich hingegen Missbilligung, doch wagte niemand ihm die Stirn zu bieten.
„Nun, Relak?“, drängte er den jungen Mann.
Etwa fünfundzwanzig von Skyler ausgewählte Männer stellten den Stadtrat. Ehemalige Bowmen, Männern aus den umliegenden Clans sowie der zehn größten Städte Kandalars.
Relak fuhr sich über das stoppelige Kinn, als müsse er seine Antwort jetzt, wo ich mit im Raum saß, besonders abwägen.
„Nun ja, es wird berichtet, dass Banden übers Land ziehen, die …“, er räusperte sich, sein Blick huschte zu Skyler, als habe er Angst vor dessen Reaktion. „Die Frauen rauben und sie zwingen, sich ihnen anzuschließen. Im Namen der Bowmen, auf Befehl Skylers.“
In der zum Bersten gefüllten Küche trat betroffene Stille ein. Alle Augen hefteten sich auf Skylers angespannten Körper, der wie zum Sprung bereit dastand. Doch er nickte nur mit unergründlicher Miene. Ein kalter Schauder durchfuhr mich, als ich die Tragweite begriff, die diese Information nach sich zog.
„Was Relak damit sagen will, ist“, erklärte Skyler, und sah dabei jeden Einzelnen in der Runde an. „Das dies der einstigen Vorgehensweise der Herren von Kandalar und der Bowmen entsprach.“
Ausrufe der Empörung wurden laut, gefolgt von deftigen Flüchen. Skyler hob gebieterisch die Hand. Es dauerte einen Moment, bis sich die Gemüter wieder beruhigten.
„Ich blicke nicht mit Stolz auf die jüngste Geschichte zurück, zu der die Bowmen, deren Anführer ich war, ihren Teil beitrugen. Doch ich versichere euch, dass niemand, ich wiederhole, niemand, in meinem Auftrag derartiges durchführt.“
„Das ist ja ungeheuerlich.“
„Man sollte meinen, dass diese Zeiten vorbei sind.“
„Gibt es Beweise für diese Anschuldigungen?“
Alle redeten durcheinander. Skylers Arm, der eben noch meine Taille umfasste, glitt ein Stück höher und strich mir wie nebenbei über den nackten Oberarm, bevor er mit der flachen Hand auf die Tischplatte schlug, um sie zur Räson zu bringen. Erschrocken zuckte ich zusammen.
„Es steht euch frei, diese an den Haaren herbeigezogenen Anschuldigungen zu glauben oder sie als das zu erkennen, was sie in Wahrheit sind: Eine verleumderische Hetzkampagne, um mich in Misskredit zu bringen. Ich muss euch nicht daran erinnern, dass wir uns mitten im Wahlkampf befinden. Jeder wird versuchen, die Konkurrenten aus dem Spiel zu stoßen. Freie Wahlen sind für Kandalar eine völlig neue Situation, nach einer über sechshundertjährigen Zeit der Tyrannei.“
Er löste sich von der Tischplatte und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Eine imposante Erscheinung von knapp zwei Metern.
„Daher habe ich euch mit Bedacht in den Kreis meiner Vertrauten gewählt. Ihr wisst, wie die Menschen in Ludimnis, Scarles oder der Goldenen Stadt Timno Theben denken, um nur einige zu nennen. Ich will ein einheitliches Kandalar schaffen, in dem jeder Bürger, bis hinunter zum Knecht und Bettler, das Recht auf ein friedliches Leben hat. Und auch wenn es in den meisten Köpfen noch nicht verankert ist schließt dies mit ein, dass Frauen keine willenlose Handelsware mehr darstellen.“
Zur Bekräftigung seiner Worte griff er nach meinem Arm und schob den Armreif mit dem Daumen hinunter.
„Keine Frau wird mehr als das Eigentum eines Mannes gebrandmarkt. Dafür verbürge ich mich.“
Er küsste die blasse Narbe auf meinem Arm und schob den Reif wieder darüber.
„Was ich damit sagen will, ist, dass es nicht leicht sein wird, über Jahrhunderte gepflegte Strukturen von heute auf morgen aufzubrechen. Doch ein Anfang ist gemacht.“
Verhaltene Lacher folgten. Allmählich nahm die Anspannung im Raum ab.
„Aber zurück zum Wahlkampf. Jeder Statthalter wird in den nächsten Wochen und Monaten darauf bedacht sein, sich selbst ins beste Licht zu rücken und Rivalen auszustechen. Ein Kampf ohne Regeln, um daraus als Esch hervorzugehen. Ihr habt euch in diesem Kampf bereits für mich entschieden. Nun gilt es, ungeachtet der Intrigen, die bereits gestreut wurden oder noch gesät werden, vereint aufzutreten. Denn was ich bin oder sein werde, bin ich nur durch euch, die ihr die Stimmen der Menschen von Kandalar vertretet.“
Ehrfürchtig verneigte er den Kopf vor den hier Anwesenden. Ein Jubel entbrannte.
„Ta-Sedem, Skyler“, stieß einer nach dem anderen aus, die Faust dabei zweimal auf die Seite des Herzens schlagend.
Ta-Sedem – für oder mit dem Herrscher. Ein Wort aus der alten Zeit.
„Ta-Sedem, Skyler“, ließ auch ich mich von der Woge der Begeisterten mitreißen. Wie selbstverständlich schlug ich meine Faust ebenso auf die Seite des Herzens.
„Ich danke dir, Montai“, berührte mich Skylers Stimme in Gedanken und an seine Männer gewandt: „Habt Dank.“ „So, ich könnte jetzt was zu Essen vertragen. Wie steht es mit euch?“, fragte ich in die Runde. Wie als Antwort auf meine Frage knurrte mir der Magen. „Eine gute Gelegenheit, die Räumlichkeiten unseres neuen Hauses in Augenschein zu nehmen. Ich schlage vor, wir setzen unsere Besprechung dort fort. Treffen wir uns in einer halben Stunde am Bauplatz zu einem improvisierten Mahl und jeder bringt etwas zu essen mit. Somit können wir gleich feststellen, ob ich die Küche groß genug eingeplant habe oder die Baumeister Änderungen vornehmen müssen.“ Lachend verließen sie nacheinander zügig den Raum. „Was habe ich doch für eine bezaubernde Frau“, umschmeichelte mich seine sanfte Stimme, kaum, dass die Männer aus dem Haus waren. Seine Hände ruhten auf meiner Schulter und schoben sich unter die Träger meines Leinenkleides. Ich spürte seinen erhitzten Körper hinter mir wie einen glühenden Ofen. „Wie schön du bist.“ Spielerisch wickelte er eine kupferfarbene Locke um den Finger, küsste die freigewordene Stelle auf meinem Nacken. Genießerisch bog ich ihm meinen Hals entgegen. „Wenn die Zeit nicht zu knapp wäre, wüsste ich, was ich jetzt lieber täte“, knurrte er. „Stattdessen muss ich mit einer Bande störrischer Männer ein Picknick in einem halb fertigen Haus abhalten.“ Seufzend rückte er die Träger meines Kleides wieder an ihren Platz zurück. „Nun denn.“ Wehmut stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Lass uns ein paar Lebensmittel für ein ordentliches Mahl einpacken.“ Obwohl ich ursprünglich andere Pläne verfolgte, gab ich nach. Ich griff nach einer Tonschale mit Brombeermarmelade, packte Butter und ein dunkles Krustenbrot in einen Korb, dazu Schinken, Räucherwürste und zwei Sorten Käse, nebst ein paar Pfannkuchen vom Vortag. Ich füllte Wasser in einen Krug, den ich mit einem Deckel verschloss, um nichts zu verschütten, und packte kurzentschlossen noch ein paar eingelegte Gurken dazu. „Was?“, ich sah ihn fragend an. „Wie viel Personen hast du eingeplant?“ Skyler hob belustigt eine Braue in die Höhe. „Zwei. Die anderen mögen sich selbst etwas mitbringen.“ Ich drückte ihm den Korb in die Hand, der unter der Last knarrte wie ein Handkarren. „Können wir los? Ich habe einen Bärenhunger.“ Als wir an der Baustelle eintrafen, waren die meisten Ratsmitglieder bereits vor Ort. Augenblicklich legten die Handwerker ihre Arbeit nieder. Unser Eintreffen bot ihnen eine willkommene Pause. Für den Bau des neuen Hauses waren sowohl Bambuselemente aus Greenerdoor als auch Steine aus den Ellar Hills verbaut worden. Ein geräumiger Keller mit gekalkten Wänden sowie das Erdgeschoss, waren bereits fertiggestellt, die erste Etage zur Hälfte errichtet. Ich wusste, dass Skyler den Rohbau nicht nur aufsuchte, weil er wissen wollte, ob die Küche groß genug war. Es bereitete ihm einfach Freude, das Gebäude wachsen zu sehen, dass sowohl die eigensinnige Bauweise Greenerdoors als auch Gullorways harmonisch miteinander verband. Auch ohne bauliches Verständnis waren die großzügig bemessenen Räume bereits jetzt deutlich auszumachen. Skyler verschwand aus meinem Blickfeld und kam kurz darauf mit einem Fass Bier zurück, das er unter den sehnsuchtsvollen Blicken seiner Ratsherren an die Handwerker weiterreichte. Der Baumeister dankte und lud sich das Fass pfeifend auf die Schulter. Dann folgte er seinen Männern nach draußen. Rasch waren ein paar umstehende Bretter und Holzblöcke als Tafel hergerichtet, der mitgebrachte Proviant für ein prächtiges Mahl darauf verteilt. Verstohlen wanderten die Blicke der Männer durch den unfertigen Raum. „Wird künftig noch ein Gemeindehaus von Nöten sein oder tagt der Rat der Stadt in diesen bescheidenen Räumlichkeiten?“, fragte Dannis, ein Scout aus Timno Theben, spöttisch. Unermüdlich kauend, mit prall gefüllten Backen wie ein Hamster vor dem Winterschlaf, bediente er sich großzügig von unseren Gaben. Von der Goldenen Stadt mochte er übermäßigen Prunk zwar gewöhnt sein, diesen jedoch mit unserem künftigen Zuhause gleichzusetzen, kam einer Beleidigung nach. Nur ich wusste von Skylers Traum, seine verlorene Heimat mit der meinen zu verbinden, was sich in dem Baustil manifestierte. Sein oftmals unruhiger Geist sehnte sich nach einem Rückzugsort, der ihn nicht einengte. Deshalb wählte er diesen Platz am Rande der Stadt, umgeben von altem Baumbestand, der das Grundstück wie einen Schutzwall umgab. Nur mit Mühe hatte ich ihn vorerst davon abbringen können, ein Baumhaus zu errichten. Skyler kaute genüsslich zu Ende, ließ sich mit der Antwort Zeit. „Selbstverständlich wird es auch künftig ein Gemeindehaus geben. Doch für ein Mahl unter Freunden richte ich es gerne ein, dieses in meinen Räumlichkeiten abzuhalten.“ Das saß. Dannis verschluckte sich, wurde abwechselnd puterrot und kreidebleich. „Wie sollten wir also vorgehen?“, setzte Skyler das Gespräch fort. Während ich meine Mahlzeit mit Heißhunger verzehrte, gab ich mich als stille Beobachterin. Irgendwie verdächtigte ich Skyler ja, dass dies der Grund für meine Anwesenheit war. Er traute kaum jemandem. Meines Wissens genossen derzeit nur Ethan, ein Clanführer des Nordens, der eine Herberge zweifelhaften Rufs führte, Jodee und ich diesen Vorzug – und mich band er zusätzlich mit einer Kapsel an sich. Mit einem Mal befiel mich eine unendliche Traurigkeit. Was bewog einen Menschen dazu, nichts und niemandem zu trauen? War das Ziel, Esch von Kandalar zu werden, diesen Preis wirklich wert? Dabei konnte ich mich genausogut an die eigene Nase packen. Wen zählte ich denn zu meinen Freunden, neben Jodee? Jodee. Irgendwie liefen alle Fäden bei ihr zusammen. Sie bildete das Bindeglied zwischen Skyler und mir, dem einzigen Menschen, dem wir beide blind vertrauten. Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder den Männern zu. Dabei begann ich ihre Gesten zu analysieren, statt ihren Worten Bedeutung beizumessen. Das überließ ich Skyler. Bereits nach wenigen Augenblicken beobachtete ich bei einigen von ihnen, dass ihr Körper eine andere Sprache vermittelte als die Worte, die aus ihren Mündern flossen. Bei Jared, einem Scout aus Ludmins beispielsweise. Wortgewaltig sicherte er Skyler die Gefolgschaft seiner Männer zu, anstatt dem Statthalter von Ludimnis zu folgen. Dabei wedelte er hektisch mit den Armen, fasste sich von Zeit zu Zeit ans rechte Ohrläppchen, eine Geste, die seine Worte Lügen strafte. Auch sah er meist an Skyler vorbei, als stünde da noch jemand hinter ihm, den er davon überzeugen wollte. Oder Dannis. Äußerte er sich eben noch abfällig über unsere großzügig bemessenen Räumlichkeiten, drehte er sich nun wie ein Fähnchen im Wind. So wusste er aus erster Hand, wie er betonte, von Neuigkeiten aus Timno Theben die besagten, dass der derzeitige Statthalter die Gunst der Bürger zusehends verlor. Der Grund hierfür sei eine Beziehung, die er neben seiner Angetrauten zu einer Geliebten und ihren neunzehn- und siebzehnjährigen Töchtern gleichermaßen unterhielt. Während er diesen Klatsch blumig ausschmückte, lehnte er sich auf dem Schemel zurück, die Fingerspitzen aufeinandergepresst, dass man die Knochen knacken hörte. Ethan hingegen wirkte völlig entspannt. Seine Augen ruhten auf Skyler, ohne ihn anzustarren. Er klagte nicht an und stellte dessen Worte niemals infrage. Für ihn galt es in Zeiten wie diesen, nicht böswilligen Äußerungen zweifelhaftem Wahrheitsgehaltes Glauben zu schenken. Die wortreichen Schilderungen der Ratskollegen entlockten ihm nur ein müdes Lächeln. Seine Gestik drückte aus, dass ihn das Gesagte nicht überzeugte. „Das Geschwätz von Waschweibern gehört wohl kaum in diese Runde“, tat er Dannis‘ Bericht ab. Hitzige Debatten entbrannten. Nur mit Mühe verschaffte sich Koray Gehör. „In diesen Zeiten ist es nicht leicht, an wahre Informationen zu gelangen“, echauffierte er sich, die schweißnasse Stirn mit einem fleckigen Tuch betupfend. Ein abgenagtes Hühnerbein flog in die Mitte des Tisches. Seine wurstigen Finger griffen bereits nach einem weiteren. „Die Götter allein wissen, was mir noch alles blüht, wenn man mich dabei zu fassen bekommt, wie ich hier am Tisch mit euch sitze, um treuherzig über die Geschehnisse in Faronbendras zu berichten.“ „Machen wir uns nichts vor: Wir alle sind hier, weil wir uns erhoffen, nach den Jahren der Tyrannei in Skyler endlich einen würdigen Anführer zu finden“, räumte Ethan ein. „Einem Esch, der mit Avery an seiner Seite und uns als sein Sprachrohr, für Kandalar eine starke Allianz hinter sich weiß. Daher verstehe ich eure Ängste ehrlich gesagt nicht. Warum sich bei der Berichterstattung vor der Wahrheit verschließen? Die Stadtväter sind nicht befugt, euch den Kopf vom Rumpf zu trennen, nur weil ihr eine andere Meinung vertretet.“ „Ach nein? Wie nennst du es dann, wenn sie meinen Hof anzünden, Frau und Kinder in der brennenden Scheune festhalten, weil ich es gewagt habe mich gegen den Statthalter Faronbendras zu stellen?“ Vor Schreck über das soeben Gehörte glitt mir das Besteck aus der Hand, ein Geräusch wie ein Donnerschlag in der nun entstandenen Stille. Skyler und Ethan wechselten rasch Blicke miteinander. „Verzeih, davon wusste ich nichts“, gab Ethan entschuldigend zur Antwort. „Wer hat das getan, Koray?“, ergriff Skyler das Wort. „Ich habe sie nicht gesehen, Skyler, weil sie mir mit dem Knüppel eins übergebraten haben“, erklärte er mit bebender Stimme, im Begriff, die Beherrschung zu verlieren. Zitternd schob er seine verschwitzen Haare, die ihm wie ein Helm am Kopf hafteten, beiseite und ließ eine blutverkrustete Beule erkennen. „Doch sie hatten dafür gesorgt, dass ich rechtzeitig mein Bewusstsein erlangte, um das verzweifelte Hämmern der vom Feuer Eingeschlossenen zu hören, bis ihre Schreie mir fast den Verstand raubten.“ Die letzten Worte waren nur noch geflüstert. Seine Hand, die das angenagte Hühnerbein hielt, hämmerte wie Trommelschläge auf die Tischplatte ein, teilnahmslos in die Ferne blickend. Bei seinen ergreifenden Worten spulten sich Bilder in meinem Kopf ab, wie ich sie selbst vor wenigen Jahren erlebte. Nur zu gut verstand ich, was Koray gerade durchmachte. Von Gefühlen überwältigt, erhob ich mich, um ihn tröstend in die Arme zu schließen. Dies brachte ihn gänzlich aus der Fassung. Er vergrub den Kopf an meiner Brust und begann hemmungslos zu schluchzen. Ich hörte Stühle rücken. Einer nach dem anderen verließ diskret den Raum, doch nicht ohne vorher Korays Schulter stärkend zu klopfen oder einfach nur Trost spendende Worte zu murmeln. Ein jeder von ihnen griff in seine Geldkatze, brachte ein paar Münzen hervor, die er auf dem leeren Teller neben ihn fallen ließ, bis nur noch Skyler, Ethen und ich zurückblieben. Als Koray allmählich die Fassung zurückerlangte, wagte er nicht, Skyler in die Augen zu sehen. Ergriffen nahm ich meinen Platz neben Skyler wieder ein. Eine Entschuldigung murmelnd verließ schließlich auch Ethan den Raum. „Es tut mir leid, was dir widerfahren ist, Koray. Ich weiß, dass keiner meiner Worte deinen Verlust je zu lindern vermag. Aber sei versichert, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Koray saß in sich zusammengesunken da. Als einziges Zeichen seines inneren Aufruhrs war das stetige Zittern seiner Hände wahrzunehmen. Skyler erhob sich und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, woraufhin er sich versteifte, die Hände zu Fäusten geballt. „Was kannst du denn schon tun?“, stieß er aufgebracht hervor. „Ich kenne weder ihre Namen noch ihre Gesichter.“ Die fleischigen Finger verhakten sich ineinander, als müsse er sie davor bewahren, etwas Unkontrolliertes damit anzustellen. Skyler brachte wieder etwas Abstand zwischen sie beide. „Ich will dich nicht bedrängen, Koray. Aber solltest du darüber reden wollen, lass es mich wissen, hm?“ Koray sah ihn flüchtig an, als wolle er noch etwas sagen, dann stand er wortlos auf und verließ den Raum. Skyler wartete, bis er außer Hörweite war, bevor mir sein Zorn entgegenschlug. „Wie konntest du ihn derart kompromittieren, Avery?“ „Ich? Was habe ich denn getan?“ „Ihn vor allen Ratsmitgliedern wie eine Amme an deine Brust zu nehmen, so dass er die Fassung verlor. Jetzt werden sie ihn für verweichlicht halten.“ „Bist du sicher, dass die anderen ihn so sehen, oder ist es eher die Eifersucht, die an dir nagt?“ Nur mühsam hielt ich meine Wut zurück. Uns gegenseitig anzuschreien machte keinen Sinn. „Du solltest mich inzwischen besser kennen, Avery.“ Seine peridotgrünen Augen sprühten Funken. Ich fragte mich, wem von uns beiden hier die Hormone durchgingen. „Offensichtlich nicht. Denn ich hätte dir mehr Mitgefühl für das Leid deiner Mitmenschen zugestanden.“ Schwungvoll erhob ich mich, wobei ich den Holzklotz unter mir umstieß, der mir als Schemel diente. „Selbstverständlich liegen mir ihre Ängste und Nöte am Herzen.“ Seine Stimme klang wieder milder. „Was erwartest du dann von mir? Dass ich wie ein einfältiges Schaf an deiner Seite sitze, brav meinen Mund halte und dich anhimmele?“ „Ganz sicher nicht. Du weisst, weswegen ich dich dabeihaben wollte. Weil du eine ausgezeichnete Beobachterin bist. Weil du in den Gesten der Menschen liest, so wie ich in deinem Gesicht jede Gefühlsregung ablesen kann.“ „Wenn du so gut darin bist, dann weißt du ja auch, was ich gerade empfinde.“ Ich presste meine Lippen aufeinander und funkelte ihn zornig an. „Ach, Avery.“ Er zog mich in seine Arme und strich mir sanft übers Haar. „Ich möchte ja nur, dass du nicht die Mutter aller bist. Sie sind gestandene Männer, deswegen habe ich sie ja ausgewählt. Wenn du sie jedoch wie kleine Jungen behandelst …“ „Auch ein erwachsener Mann sollte hin und wieder seinen Schmerz zeigen dürfen.“ Ich wand mich aus seiner Umarmung. „Was haben dir ihre Gesten überhaupt verraten?“, fragte er beiläufig. „Du bist ein erwachsener Mann und besitzt sicherlich mehr Menschenkenntnis als ich. Daher werde ich mich künftig wieder meinen Aufgaben widmen, statt die Gefühle gestandener Männer mit Füßen zu treten.“ Ich drängte mich an ihm vorbei. „Und was glaubst du, ist deine Aufgabe?“, rief er mir nach. „Heilerin zu sein, Skyler!“
„Ich will hoffen, dass du nicht nur hier vorbeischaust, wenn ihr beide euch streitet, Avery.“
Jodee maß mich streng, die Hände energisch in die Seiten gestemmt.
„Nein, es ist alles geklärt zwischen uns. Wie kann ich dir behilflich sein?“ Es lag mir fern, unseren Konflikt vor ihr offenzulegen.
Ihre dunklen Augen ruhten skeptisch auf mir. Doch kräuselten sich ihre vollen Lippen bereits zu einem angedeuteten Lächeln.
„Schön. Fangen wir also an, aus dir eine respektable Heilerin zu machen, wenn du denkst, dass dies deine wahre Bestimmung ist.“
Sie nickte mir aufmunternd zu, nahm ihre Tasche vom Haken, in der sie allerlei Heilkräuter und sonderbare Instrumente aufbewahrte und forderte mich auf, ihr zu folgen.
„Wohin gehen wir?“, fragte ich sie, als sie mich durch die staubigen Straßen Gullorways aus der Stadt hinaus zu den Feldern führte.
„Hm“, brummte sie nur.
„Was, hm?“
„Ich will dir etwas zeigen.“
Sie hielt an einem abgelegenen Feld.
„Warum hast du mir nicht gesagt, dass du einen Gewaltmarsch durch die Mittagssonne planst, dann hätte ich mir Wasser und vor allem einen Sonnenhut mitgenommen“, murrte ich.
„Entschuldige. Wasser habe ich dabei, aber an den Hut habe ich nicht gedacht.“
Sie kramte in ihrer Tasche herum und reichte mir stattdessen einen Seidenschal.
„Lege dir den einstweilen um Kopf und Schultern, ja?“
Ich griff nach dem angenehm kühlen Stoff und befolgte ihren Rat.
„Also, was tun wir hier draußen? Ich sehe keine Menschenseele, die unserer Hilfe bedarf. Wer vernünftig ist, zieht sich während der Mittagshitze in den Schatten zurück.“
Statt einer Antwort richtete sie ihren Blick stur geradeaus, die Augen gegen das gleißende Licht zusammengekniffen, als suche sie nach etwas. Ihre Schritte waren inzwischen nicht mehr so energisch. Schließlich blieb sie vor einer Ansammlung Disteln stehen, deren violette Blüten aus dem dornigen Gestrüpp hervorbrachen, als buhlten sie um unsere Aufmerksamkeit.
„Ringdisteln“, erklärte sie, sich dabei mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn wischend. Sie reichte mir auffordernd den Wasserschlauch, bevor sie selbst einen Schluck nahm.
„Sie helfen bei Schädigung der Leber und hemmen die Aufnahme von Toxiden in der Leberzelle. Und sie fangen hoch aktive und zellschädigende freie Radikale ab.“
„Was denn für Radikale? Meinst du Schläger?“ Ich lachte über diese seltsame Formulierung.
Jodee fiel donnernd in mein Lachen ein und schlug sich dabei auf die kräftigen Schenkel.
„Nein, Liebes. So nennt man aggressive Sauerstoff-Verbindungen, die die Körperzellen schädigen können. Durch die lange Dürre in unserem schönen Gullorway treten bereits Mangelerscheinungen bei der Bevölkerung auf. Uns fehlt frisches Obst und Gemüse, da es meist nur kümmerlich wächst, oder schon vor der Ernte verwelkt.“
Mit einer kleinen Harke grub sie die Ringdisteln aus dem steinharten Erdreich aus.
„Die Früchte im Mörser zerstoßen und mit sechzig prozentigem Kumbrael oder anderem reinem Alkohol versetzt ergibt eine Tinktur, die vier Wochen in einem Glas aufbewahrt werden muss. Hilf mir mal.“
Sie bat mich, eine Leinentasche offenzuhalten, um die Disteln darin zu füllen. Inzwischen glühten mir Gesicht und Arme wie Feuer. Schweiß rann aus sämtlichen Poren. Mein dünnes Leinenkleid klebte mir am Körper. Doch Jodee blieb unermüdlich in ihrem Handeln, als könne ihr die Hitze nichts anhaben.
„Der sich bildende Satz muss täglich geschüttelt werden“, klärte sie mich auf. „Nach vier Wochen entsteht eine Art Öl, welches man durch einen Filter gießen muss, damit die Rückstände im Sieb verbleiben.“ Sie erhob sich schwerfällig und gefährlich wankend, hatte sich aber sofort wieder in der Gewalt. Jodee trank gierig aus dem Wasserschlauch und hielt mir den Rest entgegen.
„Was ich damit sagen will, ist, wir haben hier die Möglichkeit eine Pflanze anzubauen, die uns Heilmittel und vitaminreiches Nahrungsergänzungsmittel zugleich ist. Verstehst du?“
Ich nickte lahm.
„Gut. Dann sammeln wir die Gewächse ein. Einige davon halten wir für Neupflanzungen zurück.“
Ich half ihr bei dieser Arbeit, bis mir Blitze vor den Augen zu zucken begannen.
„Jodee, können wir wohl mal eine Pause einlegen oder Schatten aufsuchen? Ich fühle mich nicht gut.“
„Oh. Entschuldige. Wie unaufmerksam von mir. Du hast ja einen feuerroten Kopf. Lass uns zurückgehen, dann gebe ich dir etwas gegen deinen Sonnenbrand. Du siehst tatsächlich wie eine überreife Tomate aus.“
Als wir Jodees Haus erreichten, war mir so übel, dass ich mich vor der Eingangstür erbrach. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er in einen Schraubstock gespannt. Mir schmerzte der Nacken. Erschöpft ließ ich mich auf einen Stuhl sinken.“
„Hier, trink das.“
Schuldbewusst sah sie mich an, goss mir einen Becher Wasser ein, den ich zitternd ergriff und in einem Zug leertrank. Als ich nach dem zweiten greifen wollte, wurde mir schwarz vor Augen und ich verlor das Bewusstsein.
„Was hast du mit ihr angestellt?“, hörte ich Skylers besorgte Stimme wie durch Watte.
„Ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass sie keinen Sonnenschutz dabeihat“, antwortete Jodee kleinlaut.
„Musstest du mit ihr unbedingt in der Mittagshitze dieses Unkraut ausgraben?“, fuhr er sie an.
Ich spürte zwei angenehm kühle Hände an meiner Wange und kurz darauf ein nasses Tuch auf der Stirn. Blinzelnd öffnete ich die Augen.
„Was ist denn los?“, fragte ich benommen.
„Einen Sonnenstich hast du, und zwar einen ordentlichen. Wenn das deine Vorstellung einer Heilerin entspricht …“ Kopfschüttelnd winkte er ab.
„Ich habe da so gewisse Kräfte“, setzte ich zu einem lahmen Scherz an.
„Die wirst du auch benötigen, falls du dein Hirn nicht bereits verkocht hast.“
„Skyler“, bemühte sich Jodee, ihn zu beschwichtigen.
„Und gerade von dir hätte ich mehr Vernunft erwartet“, fuhr er sie ungewohnt schroff an. „Meine Frau ist schwanger, du erinnerst dich?“
Plötzlich flog die Tür auf und Mattwill stürmte herein.
„Jodee! Avery! Wir brauchen eure Hilfe! Schnell! Es geht um Koray.“ Sein jugendliches Gesicht war aschfahl.
„Geh nur, Jodee. Ich komme gleich nach.“
Während Jodee mit Mattwill nach draußen hasteten, setzte ich mich auf und konzentrierte mich auf meine Heilung. Mit Bedacht, da ich wusste, dass dieser Prozess auch genau das Gegenteil bewirken konnte. Es gelang mir nur schwer, mich darauf zu konzentrieren, da ich Skylers Ungeduld in den Augen las. Allmählich ließ der Kopfdruck nach. Die Übelkeit blieb. Ich fühlte mich soweit wiederhergestellt, dass ich mich erheben konnte, ohne wie eine Betrunkene zu torkeln.
„Wollen wir?“, fragte ich ihn und erhielt ein Kopfschütteln zur Antwort. „Frauen.“
Da Mattwill bei seinem Eintreffen nicht davon sprach, wo Koray zu finden sei, sandte ich meine Sinne nach ihm aus. Ich spürte eine Mischung aus Chaos und Resignation. Schließlich lieferte uns die Ansammlung neugieriger Gaffer den Fundort.
„Zurück! Tretet zurück, verdammt! Lasst die Heilerinnen ihre Arbeit verrichten!“, fuhr Skyler die Schaulustigen an, die gerade soweit zurückwichen, dass wir uns zu dem am Boden liegenden hindurchzwängen konnten. Aber wir trafen zu spät ein. Jodee kniete neben Koray, der mit verrenkten Gliedern in einer Blutlache lag, sein Körper von zahlreichen Messerstichen durchbohrt.
„Wer tut so etwas?“, stammelte ich.
Skyler warf mir einen scharfen Blick zu, der mich zu Besonnenheit mahnen sollte. In einer schlichten Geste fuhr er über Korays starre Augen, um die Lider zu schließen.
„Ungeheuerlich, wenn man sich nicht mehr auf die Straße wagen kann!“
„… am helllichten Tag!“
„Wo soll das noch hinführen?“
Die Menge geriet in Aufruhr, bis Skylers donnernde Stimme sie übertönte.
„Hat jemand gesehen, wer das getan hat?“ Er sah in die Runde. Verhaltenes Murmeln, doch wusste niemand etwas. „Keiner von euch will etwas gesehen haben, am helllichten Tag? Dann seid ihr sicher alle zur Hilfe geeilt, um dem Sterbenden beizustehen?“ Betretenes Schweigen und ausweichende Blicke.
„Ich kam gerade aus meinem Haus, als ich Koray aus einem Seitenweg taumeln sah“, meldete sich Mattwill betroffen zu Wort. „Ich habe zwar ein paar dunkelgekleidete Gestalten in unterschiedliche Richtungen davonrennen sehen, aber ich könnte nicht beschwören, dass sie was damit zu tun hatten.“
Jodee richtete sich resigniert auf. Stattdessen kniete ich mich widerwillig zu der Leiche nieder.
„Nein! Berühr ihn nicht!“ Energisch hielt Skyler mich zurück.
„Keine Angst, das werde ich nicht.“
Ich schloss die Augen, fuhr mit meinen Händen über Korays sterbliche Hülle, ohne ihn anzufassen. Befangen spürte ich die entweichende Wärme seines leblosen Körpers. Konzentriert lauschte ich auf die schwindenden Botschaften, die wie das rasche Flattern zahlreicher Flügelschläge zu mir drangen, begleitet von einem penetranten Summen in einer Frequenz, dass ich glaubte, mir platze das Trommelfell.
„Strafe … Verräter … aber ich habe doch nichts … dafür bezahlen.“Ich schnappte nur Wortfetzen auf. Als sie endeten, fühlte ich mich so erschöpft, als hätte ich einen Lauf von einem Ende zum anderen der Stadt hinter mich gebracht. Langsam begann sich mein Blick zu klären. Erwartungsvoll half mir Skyler wieder auf die Beine. Die Menge wich widerwillig zurück, eine Gasse bildend, durch die wir Korays Leiche fortschaffen konnten. „Sollte sich doch noch jemand erinnern, egal an was, bitte ich dies dem Rat oder mir mitzuteilen!“ Skyler gab noch einige Anweisungen, woraufhin sich ein paar der Männer rasch entfernten, um kurz darauf mit Harken und Reisigbesen zurückzukehren. Sie bearbeiteten den vom Blut dunkel gefärbten Lehmboden, bis nichts mehr auf die schändliche Tat hindeutete. Dann winkte er Mattwill zu sich, raunte ihm etwas ins Ohr. Er nickte und eilte davon. Allmählich begann sich die Menge aufzulösen. Das Schauspiel war zu Ende. „Ich konnte nichts für ihn tun, Skyler.“ Nervös legte Jodee sich ihre sorgsam geflochtenen Zöpfe wie einen Schal um den Hals. „Ich weiß, du hast dein Bestes gegeben. Lasst uns gehen.“ Schweigend begaben wir uns auf den Heimweg. Der Schrecken saß tief. „Was hast du gehört?“, fragte Skyler mich, kaum dass wir unser Haus betraten. Ich schilderte ihm die wenigen Worte, aus meiner Vision. „Konntest du in Erfahrung bringen, wer gesprochen hat?“ „Drei unterschiedliche Stimmen, wobei ich eine Koray selbst zuordnen würde. Sicher bin ich mir nicht. Ich habe so etwas noch nie vorher getan, Skyler. Den Geist eines Verstorbenen befragt.“ Mir sträubten sich noch jetzt die Nackenhaare, wenn ich nur daran dachte. Bei den Javeérs lernte ich diese Fähigkeit, doch niemand bereitete mich darauf vor, wie es sein würde, die Stimme eines Toten zu hören. Ich wusste nur, dass es innerhalb weniger Minuten geschehen musste, bevor die Informationen für immer verloren gingen. Dennoch empfand ich es als großes Unrecht, dies zu tun. „Und was hast du in ihm lesen können, Jodee?“ Es war das erste Mal, dass Skyler Jodee in ihrer Funktion als Seherin in meiner Gegenwart befragte und nicht als Heilerin. Unwillkürlich sah ich zu dem tätowierten Auge auf ihrem Oberarm. Und als hätte Skylers Frage einen Hebel umgelegt, warf sie ihren Kopf in den Nacken. Die langen Rastalocken flogen klackend nach hinten. Die Augäpfel rollten nach oben, bis praktisch nur noch das Weiße darin zu sehen war. „Ich habe dich gewarnt“, sprach sie mit einer Stimme, die nicht die ihre war. Tief und bedrohlich, wie die eines Mannes, der es gewohnt war, Befehle zu erteilen. Es mutete erschreckend an, die Worte aus ihrem Mund fließen zu hören, als bediene sich jemand anderes ihres Körpers. „Wer sich gegen mich stellt, stirbt.“ „Sagt wer?“, wandte Skyler sich an die Geisterstimme aus Jodees Mund. Ihr Kopf ruckte mit einem unangenehmen Knacken in seine Richtung. Ein boshaftes Lachen erklang, dann floss der Haarschopf wieder ihren Rücken hinab. „Finde es selbst heraus – wenn du noch lange genug lebst.“ Scheppernd stolperte ich gegen einen Stuhl. Jodee erwachte daraufhin aus ihrer Trance, massierte sich den Nacken, als sei er verspannt. Skyler wirkte ungehalten, da mein Missgeschick den gruseligen Wortwechsel vorzeitig beendete. „Wessen Stimme haben wir soeben gehört? Und wie hast du das angestellt, Jodee?“, sprudelte es aus mir hervor. Sie sah kurz zu Skyler auf, als müsse sie sich erst seine Erlaubnis holen. Er nickte kaum merklich und in dem Moment wurde ich gewahr, wie wenig ich von den beiden wusste. Von Jodee, meiner einzigen Freundin und Skyler, meinem Mann. Ich fühlte mich plötzlich ausgeschlossen. Angriffslustig reckte ich das Kinn nach vorn und verschränkte die Arme vor der Brust. „Jodee, ich höre!“, forderte ich sie auf. „Nun, ähnlich wie du, vermag ich es, Dinge zu sehen. Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit.“ Sie fuhr sich nervös mit der Zungenspitze über die vollen Lippen. „Ich weiß nicht, woher ich diese Gabe besitze.“ Versonnen strich sie über ihr Tattoo, ein Auge, dass sie als Seherin auswies. „Mein Zugesprochener erkannte dieses Potential in mir. Und später war es Skyler. Niemand außer euch weiß davon.“ „Und so soll es auch bleiben.“ Er sah mich eindringlich an. „Wie du am eigenen Leibe erfahren hast, Avery, bedeuten solche Gaben oftmals einen Fluch für den, der sie besitzt. Wie der tragische Vorfall mit Koray zeigt, schrecken unsere Widersacher vor nichts zurück, um nach der Macht zu greifen.“ Wie ein Heerführer schritt er durchs Zimmer, verharrte einen Moment vor dem Fenster, als suche er die Antworten in der Ferne. Mit undurchdringlicher Miene wandte er sich wieder um. „Koray wird nicht das letzte Opfer im Kampf um die Herrschaft Kandalars bleiben. Vielen ist es ein Dorn im Auge, dass ich mich um das Amt des Eschs bewerbe. In den Augen der Stadtväter bin ich bloß ein Emporkömmling, ein Wilder, nicht würdig ein Land zu regieren. Bestenfalls gut genug, ihnen Pöbel und Unruhestifter vom Leib zu halten.“ Er trat energisch aus dem Schatten hervor. „Euch hingegen wissen sie nicht einzuschätzen, kennen euch nur als Heilerinnen und“, sein durchdringender Blick ruhte auf mir, „die Sage von dem Mädchen mit dem Flammenhaar scheint ihren Mythos verloren zu haben, jetzt, wo es die Herren von Kandalar nicht mehr gibt.“ Zärtlich strich er mir über die Wange. „Die Menschen vergessen schnell, wem sie ihr Leben verdanken, wenn es ihnen wieder besser geht. Nutzen wir also diesen Vorsprung, bevor sie beginnen, ihr Gehirn wieder einzusetzen. Sei also meinetwegen Heilerin, wenn du willst, Avery.“ Seine Kiefer mahlten aufeinander. „Ich interpretiere die letzten Gedanken, die ihr aus Korays schwindendem Geist eingefangen habt dahingehend, dass er getötet wurde, weil er sich auf meine Seite schlug. Da er aus Faronbendras stammte, könnte es sein, dass der oder die Auftragsmörder ebenfalls von dort kamen.“ „Was ist mit deinem Rivalen Woodrow oder jedem anderen aus den zehn wahlberechtigten Stadtbezirken Kandalars?“, gab ich zu bedenken. „Dann müssen wir Gullorway ebenfalls in Betracht ziehen.“ Spöttisch schnellte eine Augenbraue in die Höhe. Ich zuckte mit den Schultern. „Gut. Sehen wir zu, dass wir Koray wenigstens ein angemessenes Begräbnis verschaffen.“
Das Bestattungsritual verlief am nächsten Tag ohne weitere Zwischenfälle.
„Du bist mir noch eine Antwort schuldig, Avery“, wandte sich Skyler an mich, als wir wieder daheim waren.
„Zu welcher Frage?“ Ich lehnte mit verschränkten Armen am Türrahmen und beobachtete ihn verzückt dabei, wie er sich aus seiner festlichen Kleidung schälte.
„Gestern Morgen, als du die Ratsmitglieder beobachtet hast. Was hast du in ihren Gesten gelesen?“
Ich dachte kurz nach. „Jared, das ist der Scout aus Ludimnis, richtig?“
Skyler nickte, ließ sich aufs Bett sinken und klopfte auffordernd neben sich. Nur zu gern schlüpfte ich unter die Bettdecke, um mich an ihn zu schmiegen.
„Auch wenn er dir versicherte, dass seine Männer ergeben hinter ihm stehen, statt hinter dem Statthalter von Ludimnis, verrieten mir seine Gesten das Gegenteil. Bei Dannis war es ähnlich. Er neidet dir unser neues, großzügiges Haus und fällt im gleichen Moment über den in Ungnade gefallenen Statthalter Timno Thebens und seine Weibergeschichten her, um dir zu schmeicheln. Ethan dagegen schätze ich hundertprozentig loyal ein.“
„Ich wusste, dass ich auf deine Fähigkeiten bauen kann.“
Seine Fingerspitzen fuhren nachdenklich an meinem Kinn entlang, zeichneten die Konturen meiner Lippen nach.
„Du siehst den Menschen hinter seinen Worten.“
„Außer bei dir. Da muss ich mich in deinem Kopf aufhalten, wenn ich aus dir schlau werden will.“
Er stützte sich auf seine Ellenbogen und betrachtete mich versonnen. „Was könnte ich dann jetzt wollen? Ohne – dass du meine Gedanken liest.“
„Eine einfache Aufgabe. Diesmal stehen dir deine Gedanken ins Gesicht geschrieben.“
Mein Herz pochte in freudiger Erwartung.
„Ist das so?“
„Eindeutig.“
Verrat
Die folgenden Wochen und Monate verliefen ereignislos. Korays Meuchelmörder blieben unentdeckt. Selbst in meinen Visionen gelang es mir nicht, ihren Auftraggeber zu bestimmen. Ob aus Timno Theben oder anderen Städten, sie mochten genauso gut aus den umliegenden Dörfern oder Clans angeworben worden sein. Bei guter Bezahlung waren die Menschen zu fast allem bereit, erschienen wie dunkle Schatten und verschwanden ebenso unerkannt.
Während Skyler sich weiterhin auf seine Wahl als Esch vorbereitete, dazwischen die Bauarbeiten unseres Hauses beaufsichtigte, damit wir bald dort einziehen konnten, spannte Jodee mich ein. Endlich schien ich am Ziel meiner Träume, auch wenn noch Welten davon entfernt, eine Heilerin von ihrem Format zu sein. So saugte ich das Wissen, dass sie mich lehrte, auf wie ein Schwamm. Zusätzlich bildete sie weitere Frauen als Helferinnen aus, da wir unmöglich zu zweit eine ausreichende Versorgung für eine Stadt dieser Größenordnung abdecken konnten. Selbst diese Zahl war lächerlich gering, doch deutlich höher als in anderen Provinzen. Sobald die Frauen und Mädchen über die grundlegenden Dinge der Heilkunst verfügten, sollten sie wiederum weiteren helfenden Kräften ihr Wissen vermitteln.
Wenn ich keine Kräuter ansetzte, Hausbesuche absolvierte oder mich mit theoretischen Fragen der Heilkunst beschäftigte, begab ich mich auf die Felder, um den Anbau von Jodees Disteln zu überwachen. Ich pflanzte neue Gemüsesorten an, perfektionierte die Bewässerungsanlagen. Mein Leben war ausgefüllt.
Skyler sah ich meist erst am Abend, da ihn sein Amt als Statthalter Gullorways stark beanspruchte. Nur noch selten begleitete ich ihn zu Ratssitzungen, sehr zu seinem Unmut, da ihm mein Urteil im ‚Menschenlesen‘, wie er es nannte, fehlte.
„Heute hätte ich dich gern an meiner Seite gesehen, Avery.“
Sein nachlässig über die Stuhllehne geworfener Ratsherrenumhang glitt zu Boden. Als ich ihn aufheben wollte, durchfuhr mich ein stechender Schmerz. Pulsierendes Ziehen in der Leistengegend zwang mich in die Knie.
„Was ist mit dir, Avery?“
Skyler eilte zu Hilfe. Wirkte sein Gesicht eben noch angespannt von dem langen Tag, las ich jetzt Sorge darin.
„Ich … weiß es nicht.“ Unwillkürlich legte ich die Hände schützend auf die inzwischen nicht zu übersehende Wölbung meines Bauches. Das Ziehen wurde intensiver.
„Ich hole Jodee!“ Skyler lief bereits zur Tür.
„Warte, es geht sicherlich gleich vorüber.“
„Keine Widerrede!“
Er hastete nach draußen. Schwindel erfasste mich, kaum, dass ich mich in Krämpfen windend erhob. Haltsuchend packte ich nach der Stuhllehne. Mit zitternden Händen goss ich mir einen Becher voll Wasser ein. Die kühle Flüssigkeit belebte meine Sinne und der Schwindel ging vorüber. Als Skyler mit Jodee hereinstürmte, hatte ich mich wieder einigermaßen in der Gewalt.
„Beschreib mir die Anzeichen!“, verlangte Jodee, indes ihre Hände über meinem Bauch schwebten. Sie wirkte entspannt, also schien es nichts Dramatisches zu sein. Skyler hingegen gab das reinste Nervenbündel ab. So kannte ich ihn gar nicht.
„Setz dich hin oder bereite das Geflügel vor, dass ich draußen zum Abhängen gesehen habe, aber stehe mir hier nicht im Weg rum, Skyler!“
„Wie schlimm ist es?“, fragte ich sie, kaum dass Skyler den Raum verließ.
Jodee tätschelte mir beruhigend die Hand.
„Alles gut, würde ich sagen.“ Sie strahlte übers ganze Gesicht.
Skyler kam zurück. In der einen Hand zwei schlaffe Hühner, in der anderen einen Holzeimer, sah er mit unruhigem Blick zu uns herüber.
„Wäre gut, wenn du die Federn von den dürren Dingern rupfst. Vielleicht bleibt dann noch was zu essen übrig“, wies Jodee ihn an und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.
Es war offensichtlich, dass sie ihn beschäftigen wollte, weil er sie nervös machte. Ich bewunderte sie für ihre Courage, binnen Sekunden das Zepter in die Hand zu nehmen, uns beide dabei im Auge behaltend wie eine Glucke. Skyler schob missmutig einen Topf mit Wasser auf die Kochstelle, uns weiterhin beobachtend.
„Es ist nichts, worüber ihr euch sorgen müsstet.“
Sie warf einen knappen Blick über die Schulter zu Skyler hin. Dann richtete sie ihre kugelrunden, fröhlichen Augen wieder auf mich.
„Nach meinen Berechnungen bist du jetzt Anfang des fünften Monats, schätze siebzehnte oder achtzehnte Schwangerschaftswoche. Was du eben empfunden haben dürftest, waren die ersten Wehen. Dein Körper trainiert sozusagen schon für den Ernstfall.“
Wie sie es sagte, klang es unspektakulär. Beruhigend.
„Das wird sich in den nächsten Wochen noch einige Male wiederholen. Kein Grund, sich zu fürchten. Eure Mädchen müssten jetzt in etwa so groß sein“, sie maß mit ihren kleinen Händen eine Handspanne. „Dein Bauch wird nun immer runder werden, wobei ich mich frage, wie du es anstellst, weiterhin so schlank zu bleiben. Isst du überhaupt genug?“
Ihr kritischer Blick glitt über meine Statur.
„Nun“, setzte ich an.
„Skyler?“
Er zuckte wortlos mit den Achseln und schwenkte das Huhn im siedend heißen Wasser, damit sich die Federn später leichter abrupfen ließen.
„Isst sie genug?“, fragte sie mit Nachdruck.
Skyler schüttelte den Kopf, als frage er sich, was er hier überhaupt tat, blieb ihr aber die Antwort schuldig. Ungehalten zog er das Geflügel aus dem Wasser, rückte sich einen Schemel zurecht und begann es zu rupfen.
„Hm“, brummte Jodee und wieder an mich gewandt: „Es ist wichtig, dass du dich ausgewogen ernährst. Da du kein Fleisch isst, musst du mehr als sonst Fisch, Geflügel, Linsen und grünes Blattgemüse zu dir nehmen, um den Eisenhaushalt aufrechtzuerhalten. Kriegst du das hin, Avery?“
Ich nickte ergeben, obgleich sich eine neue Welle im Unterleib einstellte, stärker diesmal. Allmählich bekam ich eine Vorstellung von dem Ernstfall, den mein Körper trainierte.
„Hast du Blutungen?“, fragte Jodee unumwunden.
Ich sah sie erschrocken an.
„Was? Nein.“
„Gut. Aber du solltest dir weniger Arbeit zumuten, mehr Pausen einlegen und vor allem die Beine von Zeit zu Zeit hochlegen.“
Sie zwinkerte mir aufmunternd zu, wobei sie mir einen Teil der Sorgen abnahm. Zum Abschied nahm sie mich kurz in den Arm.
„Bald wirst du deine Mädchen spüren können“, raunte sie mir zu und verließ mit schwingenden Hüften das Haus.
Ich nahm mir das andere Huhn aus dem Wasser und gesellte mich schweigend zu Skyler. Die Küche sah aus, als wären die Viecher in unseren Händen explodiert. Überall flogen Federn herum. Plötzlich musste ich lachen über dieses groteske Bild.
„Hoffentlich werden unsere Mädchen nicht solch hässliche Glucken wie die hier.“
Ich hob den nackten Hals des Huhns in meiner Hand und wackelte spielerisch damit. Skylers Mundwinkel entspannten sich ein wenig.
„Du hast mir einen mächtigen Schrecken eingejagt, Avery.“
„Das tut mir leid. Es ist alles so neu für mich.“
„Wie fühlst du dich sonst?“
Ich horchte auf. In dieser Frage lag mehr als bloße Sorge um meine körperliche Verfassung.
„Gut, soweit. Warum fragst du?“
Er zupfte sich eine lästige Haarsträhne von der Stirn, um sie sich hinters Ohr zu klemmen. Die zahlreichen Piercings darin reflektierten das Licht der untergehenden Sonne und ließen ihn verwegen aussehen.
„Ich muss morgen nach Timno Theben aufbrechen.“ Er sagte das so beiläufig, als rede er vom Wetter. „Die Wahlen stehen kurz bevor und werden in der Golden Stadt abgehalten. Ich lasse dich nur ungern in einem kritischen Zustand zurück.“
„Schon morgen? Warum Timno Theben?“ Ging es nicht noch weiter weg? Ärger überkam mich. Ich wollte ihn in meiner Nähe wissen. „Außerdem kann ich dich doch begleiten.“
„Ich brauche dich hier, Gen-Dom!“
„Gen-Dom?“, hakte ich nach.
„Heilerin. Wie gesagt, bei der heutigen Ratssitzung hätte ich dich gerne dabeigehabt.“
Gewissenhaft rupfte er das Huhn zu Ende, ohne mich dabei anzuschauen. Die Arbeit ging ihm flink von der Hand.
„Das ist nicht der wahre Grund, richtig?“ All meine Sinne standen auf Alarm. „Ist etwas vorgefallen?“
„Leart ist tot. Man hat ihn auf dem Speicher seines Hauses gefunden. Erhängt.“
Ich schlug mir vor Schreck die Hand vor den Mund und ließ das Huhn zu Boden gleiten. Leart war mit seiner jungen Familie vor einem knappen Jahr nach Gullorway gezogen. Er hinterließ ein nicht mal einjähriges Mädchen und seine schwangere Frau.
„Und Annie?“
Skyler schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Sie hat das Kind verloren, kurz nachdem sie Leart fand. Es geht ihr nicht gut.“
Er sah mich an, Smaragd Augen, dunkel und bedrohlich, bevor sie wieder das klare Grün eines Peridots annahmen. Jetzt verstand ich seine übertriebene Sorge von soeben. Ich wischte mir die Hände an einem Küchentuch ab und schloss ihn in meine Arme.
„Oh Fra-Leschart. Sag mir, ist es das wert?“
„Noch vor Wochen hätte ich gesagt, ja. Für ein freies Kandalar, für dich, für mich, für unsere Kinder.“
Leidenschaftlich presste er mich an seine stählerne Brust, dass mir die Luft wegblieb.
„Er hat sich nicht selbst getötet, musst du wissen.“
Verständnislos sah ich ihn an.
„Jemand hatte ihm mit einem spitzen Gegenstand ‚Verräter‘ in den Arm geritzt.“
Ein Schauder durchfuhr mich. Ich hatte es in Korays letzten Gedanken gelesen. Von wem mochten sie stammen?
„Verstehst du?“ Er hob mein Kinn an. „Irgendjemand versucht meine Anhänger zu dezimieren, Angst und Schrecken zu verbreiten, um sie gegen mich aufzuwiegeln.“ Er fasste mich grob bei den Schultern. „Ich bin umgeben von Feinden, von denen ein jeder der Mörder sein könnte.“
„Woher willst du wissen, dass es einer von den Ratsmitgliedern ist?“
Er lockert den Griff wieder, strich mit dem Daumen entschuldigend über die Druckstellen, als könne er sie auf diese Weise fortwischen.
„Ich weiß es natürlich nicht mit Bestimmtheit. Deshalb wollte ich dich heute dabeihaben, weil du in ihren Gesten und Gedanken liest.“
In meinem Kopf herrschte Aufruhr.
„Es wäre viel zu gefährlich, das zu tun. Früher oder später würden sie es bemerken.“
„Ich weiß, dass du es kannst, ohne dass dein Gegenüber davon etwas mitbekommt.“
Sein Vertrauen in meine Fähigkeiten ehrte mich, doch wollte ich den Bogen nicht überspannen. Es behagte mir schlichtweg nicht, dass er sich ohne mich auf den Weg begeben wollte.
„Wer begleitet dich nach Timno Theben?“, fragte ich daher.
„Zwei Männer aus dem Rat und eine Hand voll Wachen. Ich will keine zu große Aufmerksamkeit erregen. Aber dich allein hier zu wissen …“
„Ich kann selbst auf mich aufpassen, Skyler, wenn es das ist was dir Sorgen bereitet“, gab ich mich zuversichtlich.
„Ist das so? Du gibst ja noch nicht einmal auf deinen eigenen Körper acht!“
In seiner Stimme schwang eine Mischung aus unterdrückter Wut und Angst mit.
„Ich gelobe Besserung, versprochen. Schließlich werde ich die künftige Guhlant sein oder etwa nicht?“, bemühte ich mich, die angespannte Situation zu entschärfen.
„Das wirst du, bei den Göttern, das wirst du.“
Seine Lippen pressten sich verzweifelt auf die meinen. Ich erwiderte seine Küsse, sanfter, beruhigend. Wir taumelten zum Küchentisch hinüber, wie betrunkene. Hände, die wie Schlingpflanzen umeinander griffen, Haut, die aneinander rieb. Ich spürte die unnachgiebige Tischplatte in meinem Rücken, einen Holzteller, der mir ins Rückgrat bohrte.
„Entschuldige“, nuschelte Skyler in mein Haar hinein, brachte den Teller hinter meinem Rücken hervor, fegte ihn scheppernd vom Tisch.
Wie ein Orkan fegte er über mich hinweg. Ließ mich erbeben, eins ums andere Mal. Sein erlösender Schrei drang mir durch Mark und Bein, wie die Urgewalten einer vergangenen Zeit. Als sich der innere Sturm legte, richtete er sich wieder auf und sah mich entschuldigend an.
„Verzeih mir Montai, ich …“
Ich ließ die Beine hinabgleiten und kam umständlich wieder zum Stehen.
„Da ist nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest, Fra-Leschart.“
Sanft küsste ich ihn auf die Nasenspitze. Jede Faser seines Körpers wollte ich mir einprägen. Wäre es heute das letzte Mal, dass ich ihn sah, wollte ich mich so an ihn erinnern: stark, unerschütterlich. Mein Mann, der Vater unserer Kinder.
Da ich wusste, dass Skyler Abschied hasste, war ich nicht verwundert, seinen Platz neben mir im Bett leer vorzufinden. Er brach irgendwann in den frühen Morgenstunden auf. Nur ein flüchtig gehauchter Kuss, zärtlich gemurmelte Worte, Sekunden eines süßen Traums.
„Du stiehlst dich also einfach davon“, unternahm ich einen Versuch, ihn mittels meiner Gedanken zu erreichen. Es dauerte Ewigkeiten, wie mir schien, bis er antwortete. „Es ist nicht leicht für mich, ohne dich zu sein, Montai, das weißt du, oder?“Wie ein warmer Strom durchflossen seine Worte meine Synapsen. „Aber ich freue mich, wenn du mich in Gedanken aufsuchst.“Unwillkürlich musste ich lächeln. Es war, als stünde er direkt vor mir, so deutlich vernahm ich seine Stimme in meinem Kopf. „Sei vorsichtig, ja? Ich behalte dich im Auge.“„Ich dich auch.“Tatsächlich konnte ich seinen intensiven Blick beinahe spüren. Ich fühlte mich geborgen, obwohl er nicht bei mir war. Ich schwang die Beine aus dem Bett und schlüpfte in ein einfaches Leinenkleid mit einem Kittel darüber. Auf Jodees Anraten hin, ließ ich mir einige Kleidungsstücke anfertigen, die mir im Hinblick auf meine bevorstehende Leibesfülle in den folgenden Monaten genügend Bewegungsfreiheit versprachen. Dennoch sehnte ich schon jetzt den Tag herbei, in Hosen bekleidet umherzulaufen, die mir wie eine zweite Haut waren. Ich bereitete mir rasch ein Frühstück zu. Im Anschluss daran überprüfte ich die Vorräte und begab mich zu Jodee, um mit ihr die offenen Aufgaben zu besprechen. „Du kannst gern während Skylers Abwesenheit bei mir wohnen, wenn du magst. Dann musst du nicht alleine speisen. Außerdem erfreue ich mich daran, jemandem zum Reden zu haben“, bestürmte Jodee mich, kaum dass ich ihr Haus betrat. „Gern. Und wenn du mal einen Wohnungswechsel benötigst …“ Sie lachte herzhaft. „Danke, aber ich lebe am liebsten in meinen eigenen vier Wänden. Apropos eigene vier Wände. Sollte euer neues Heim jetzt nicht bald fertig sein?“ Sie bündelte Kräuter und hing sie an einem Gestell unter der Decke zum Trocknen auf. Zwischenzeitlich rührte sie mit einer hölzernen Zange in einem Bottich herum, in dem Leinenstreifen kochten, die sie als Verbandmaterial benutzte. Ich kannte Jodee nur in Bewegung. Selten gönnte sie sich Ruhe. „Ja. Ich werde später vorbeischauen, damit die Handwerker keine Pause bis zu Skylers Rückkehr einlegen.“ „Gut. Aber nimm dir einen der Herren aus dem Rat mit, besser zwei. Sie müssen sehen, dass die Geschäfte weiterlaufen, auch wenn Skyler nicht in der Stadt ist. Hat er Vorkehrungen für die Zeit seiner Abwesenheit getroffen?“ „Er wird ja nicht ewig fortbleiben“, wich ich ihrer Frage aus. Tatsächlich hatten wir nicht darüber gesprochen, wie seine Vertretung zu regeln sei. Jodee sah mich ungläubig an. „Du meinst, er hat sich einfach nach Timno Theben begeben, ohne diese Dinge mit dir zu besprechen?“ Eine haarlose Augenbraue formte sich zu einem ausgeprägten, umgedrehten U. „Er schien sehr in Eile zu sein. Die Wahlen finden in knapp einem Monat statt. Er ist nur wegen mir länger geblieben.“ Sie sah mich weiterhin skeptisch an. „Selbst, wenn Skyler Tag und Nacht durchreiten würde, benötigt er fast zwei Wochen“, verteidigte ich seinen überstürzten Aufbruch. „Hm. Jedenfalls kann es nicht schaden, wenn du präsent bist, bevor jemand anderer seine Abwesenheit nutzt, um an seinem Stuhl zu sägen.“ „Ich werde mich später im Gemeindehaus sehen lassen“, ließ ich mich hinreißen. Jodees kohlrabenschwarze Augen ruhten auf mir. Der Humor darin war verflogen. „So lange würde ich nicht warten. Ich schätze, das ist seine Art dir zu sagen, wo dein Platz ist. Verstehe mich nicht falsch, Avery, aber er scheint sich immer noch nicht damit abzufinden, dass du deinen eigenen Kopf hast und Heilerin sein willst. In erster Linie bist du die Frau des Statthalters von Gullorway und Botschafters von Kandalar. Sollte er als Esch zurückkehren, bist du die Guhlant an seiner Seite. Er hat dich ins kalte Wasser geworfen, würde ich sagen.“ Selten kommentierte sie Skylers Absichten mit solcher Deutlichkeit. Es ärgerte mich mal wieder von ihm ferngesteuert zu werden. „Was soll ich deiner Meinung nach unternehmen?“ Meine Stimme klang eisiger als beabsichtigt. „Wie würde Skyler jetzt vorgehen?“, stellte sie mir eine Gegenfrage, ohne sich ihre gute Laune nehmen zu lassen. Ich beneidete sie um ihre Gelassenheit. „Womöglich einen Berg von Bettelbriefen lesen, seine Ratsmitglieder herumkommandieren, die Baustelle beaufsichtigen und Annie besuchen.“ „Annie?“ Jodee stutzte. Wusste sie noch nichts von dem tragischen Ereignis? Kurz setzte ich sie ins Bild. „Das gefällt mir überhaupt nicht.“ Nachdenklich kratzte sie sich am Kopf. „Wir ändern die Reihenfolge und besuchen Annie sofort!“ Sie griff nach der Ledertasche, die heilende Medizin für Notfälle enthielt und forderte mich auf, ihr zu folgen. Mittlerweile besaß ich einen ebensolchen Beutel, um neben den mir eigenen Fähigkeiten gerüstet zu sein. Wir durchliefen die staubigen Straßen Gullorways, die sich allmählich zu füllen begannen. Pferdekarren rumpelten an uns vorbei, vom Bäcker wehte ein angenehmer Duft nach frischem Brot zu uns herüber. „Geh schon vor, ich nehme noch einen Laib Brot mit und komme nach“, beschloss Jodee und stapfte zum Bäcker hinein. Annies Haus lag eingepfercht zwischen dem des Färbers und des Zimmermanns. Noch bevor mich der strenge Geruch der Färbemittel erreichte, stachen mir die leuchtenden Farbtöne der zum Trocknen aufgehängten Stoffe ins Auge. Auf mein Klopfen hin öffnete die Frau des Färbers, eines ihrer Kinder an der Hand und einen Säugling auf dem Arm tragend. „Den Göttern sei Dank, dass du vorbeischaust“, begrüßte sie mich. Sie wirkte erschöpft. „Annie ist oben, will nicht reden und nicht essen, das arme Ding. Kommst du klar?“ „Ja. Jodee ist auf dem Weg. Danke, dass du dich um sie gekümmert hast. Grüße mir deinen Mann.“ Sie nickte knapp und stahl sich erleichtert an mir vorbei. Oben hörte ich das Weinen eines Kindes. Mit Schritten wie Blei trat ich die abgewetzten Holzstufen hinauf. Ich fand Annie in ihrem Bett vor, die Haare um den verschwitzten Kopf verwirbelt, den Blick starr zur Decke gerichtet. Bei meinem Eintreffen schwoll das Babygeschrei an. In einer hölzernen Kiste am Fußende entdeckte ich die Urheberin dafür. „Du bist“, ich überlegte kurz, dann fiel mir der Name des Mädchens wieder ein. „Hannah, richtig?“ Ich besaß keinerlei Erfahrung im Umgang mit Kleinkindern, hoffte aber, dass meine Anwesenheit beruhigend auf Mutter und Kind wirkten. „Wie fühlst du dich, Annie?“, wandte ich mich an die junge Frau. Sie mochte höchstens siebzehn sein, doch hinterließ das Leben bereits erste Spuren in ihrem Gesicht. Die Wangenknochen wirkten eingefallen, die Haut fahl. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. „Wie würdest du dich fühlen, wenn du deinen Mann und dein ungeborenes Kind verloren hättest?“ Schmerzerfüllte Augen glitten zu meinem gewölbten Bauch. Eine einsame Träne bahnte sich ihren Weg über ihr hohlwangiges Gesicht, bevor sie den Kopf wegdrehte. „Es tut mir leid, Annie“, flüsterte ich. Unbeholfen drückte ich ihre eiskalten Hände, strich ihr die Haare aus dem Gesicht. “Mir fehlen die Worte, doch ich teile deinen Schmerz.“ Ich nahm sie in den Arm. Sie ließ es geschehen. Hoffnungslosigkeit und Trauer in mich aufnehmend, bemühte ich mich zuversichtlich zu klingen. Herannahende Schritte, dann tauchte Jodee im Türrahmen auf. „Essenszeit. Ich habe frisches Brot, Honig und ein paar Haferflocken mitgebracht.“ Trotz der angespannten Lage verbreitete sie Optimismus. „Avery, nimm Hannah mit in die Küche! Mach einen Topf Milch mit Honig warm und gebe ein paar Haferflocken dazu. Mutter und Kind können bestimmt etwas zu essen vertragen. Was sagst du dazu, Annie?“ „Wenn du meinst.“ „Gut. In der Zwischenzeit würde ich dich gerne genauer untersuchen.“ Annie blickte müde drein, auch wenn sie nicht mehr so resigniert. Ich hatte ihr ein wenig von meiner Heilung übertragen. „Avery?“ Jodees Stimme klang ungeduldig. „Bin schon unterwegs.“ Ich hob Hannah aus ihrem improvisierten Bett, griff nach einer Lumpenpuppe mit nur einem Arm, die neben der Kiste lag. „Komm, wir kochen dir und Mama etwas Leckeres zu essen.“ Hannah ließ sich widerstandslos von mir forttragen. Die Puppe unter dem Arm geklemmt, fasste sie mit der freien Hand nach meinen Haaren und zog interessiert daran. Ich setzte sie auf dem Küchenboden ab und bereitete das einfache Mahl zu. Auf der Suche nach Tellern und Löffel, plapperte ich unnützes Zeug vor mich hin, nur, um nicht an das denken zu müssen, was Annie widerfahren war. Erleichtert sah ich sie wenig später gemeinsam mit Jodee die Treppe herunterkommen. Wir nahmen um den Tisch herum Platz. Hannah begann wieder zu weinen, woraufhin Annie sie erschöpft auf den Schoß hob. Lustlos tunkte sie ein Stück Brot in ihren Teller, ohne jedoch etwas zu sich zu nehmen. „Du musst essen und viel trinken, Annie“, mahnte Jodee. „Du hast viel Blut verloren und musst wieder zu Kräften kommen.“ „Wozu? Die Götter haben mir alles genommen.“ „Du hast ein Kind, das dich braucht, und wir brauchen dich auch“, wandte ich mich sanft an sie. „Du nimmst einen Platz in unserer Gesellschaft ein, die nur funktionieren kann, wenn alle zusammenhalten.“ Während des Essens bemühten Jodee und ich uns um eine unbeschwerte Konversation, doch bald schon hüllte uns der Mantel aus Trauer wieder ein. Ich setzte dazu an, den Tisch abzuräumen, weil ich nicht länger untätig herumsitzen wollte. „Lass gut sein, Avery“, wandte Annie ein. „Wir sind für dich da, wenn du etwas benötigst. Ich werde heute Abend nochmals nach dir sehen!“, versicherte ich ihr. „Ich weiß nicht.“ „Aber ich weiß es!“ Ich warf Jodee einen auffordernden Blick zu, die sich daraufhin erhob. „Du hast gehört, was die Frau des Statthalters gesagt hat. Stoße sie nicht vor den Kopf, hm?“ Sie tätschelte ihr zum Abschied die Wange. Die Hand am Türgriff hörte ich ein leises „Ich denke darüber nach.“ Es war also noch nicht alles verloren. „Nächster Punkt der Tagesordnung: Du gehst zum Gemeindehaus, ich beaufsichtige die Helferinnen und nehme mich der Heilungsbedürftigen an“, verfügte Jodee. Ich hielt inne. Die Mittagshitze trieb mir den Schweiß auf die Stirn. „Wie steht es wirklich um Annie? Wird sie es schaffen?“, fragte ich besorgt. Jodee zog mich in den Schatten eines Hauses. „Ja. Aber es braucht Zeit, auch wenn du sie mit deinen heilenden Kräften unterstützt. Gut, dass du besonnen vorgegangen bist. Die Menschen stehen der Magie oftmals ängstlich gegenüber und Angst hat Annie genug erfahren in den letzten Stunden. Sehen wir uns, wenn du die stellvertretenden Aufgaben des Statthalters erfüllt hast?“ Sie sah mich aufmunternd an. „Wie viele Nächte willst du wachbleiben, um auf mich zu warten?“ Sie lachte herzlich und ich fiel ebenso darin ein. Beschwingt gingen wir jeder unserer Wege. Kaum, dass ich die Tür zum Gemeindehaus aufstieß, drangen hitzig debattierende Männerstimmen an mein Ohr. Ich atmete tief durch. Erhobenen Hauptes stolzierte ich auf die Tür zu und erlebte eine Überraschung. Woodrow, Statthalter von Alebas stand wild gestikulierend am Ende des Tisches, dessen Platz Skyler gebührte. Die Männer starrten mich mit offenen Mündern an, als ich mitten in Woodrows Redefluss hineinplatzte. Obwohl in der Kleidung einer Heilerin gewandet, schritt ich wie eine Königin auf ihn zu, darauf hoffend, dass er mir meine Unsicherheit nicht ansah. „Hast du dich verirrt, Woodrow-Statthalter von Alebas?“ Ich benötigte keinerlei magische Kräfte, ihn beiseite zu fegen. Allein mein Zorn verlieh mir Größe und offenbar eine gewisse Präsenz. Unwillkürlich wich er vor mir zurück. Nur am Rande nahm ich seine imposante Erscheinung wahr, eindrucksvoll in der Robe eines Statthalters gekleidet. Ich blickte prüfend in die Runde. „Und ihr wollt die Vertrauten meines Mannes sein, wo ihr, kaum dass Skyler seinen Stuhl verlässt, einen Fremden seinen Platz einnehmen lasst?“, spie ich verächtlich aus. Im Zorn wuchs ich über mich hinaus. Vierzehn Augenpaare starrten mich in allen Facetten ihrer derzeitigen Gefühlsregung an. „Ich gehe mal nicht davon aus, dass dieser Besuch als Interessenaustausch zwischen den Städten gilt?“ „Wir wussten ja nicht, dass du …“ „Skyler hat nichts davon gesagt wer …“ „Ich bin die Frau des Statthalters von Gullorway und ersten Botschafters Kandalars!“, fuhr ich sie an. „Und in dieser Funktion vertrete ich meinen Mann. Wer also meint, sich darüber hinwegsetzen zu wollen, wird sich bei Skylers Rückkehr verantworten müssen!“ Meine Worte blieben nicht ohne Wirkung, wenn ich auch nicht daran glaubte, dass sie Skylers Format besaßen. Woodrow trat beiseite, sich spöttisch vor mir verneigend. „Verzeih mir mein unhöfliches Auftreten, Avery …“ „Nein, ich verzeihe nicht“, fiel ich ihm ins Wort. „Du kannst draußen warten, bis der Rat mich in Kenntnis gesetzt hat, was der Grund dieses unangekündigten Zusammentreffens ist!“ Unnachgiebig sah ich ihn an. Er presste die Zähne aufeinander und verließ um Würde bemüht den Raum. Nur mit Mühe unterdrückte ich ein Zittern. Ich durfte jetzt keine Schwäche zeigen. „Ich höre!“ Ich bemühte mich, das schmerzhafte Pochen in meinem Unterleib zu ignorieren. Würdevoll ließ ich mich auf Skylers Stuhl nieder. Meine Finger umschlossen die Armlehnen, ertasteten die geschnitzten Schlangenköpfe darauf – geflügelte Schlangen, Skylers Symbol. Allmählich beruhigte ich mich. „Ornion, ich frage dich als Dorfältesten Gullorways, weil ich in dir die Weisheit sehe, die mich deine Ratskollegen momentan vermissen lassen.“ Ich blendete alle Gedanken dahingehend aus, ob meine Handlungsweise in diesem Moment die richtige darstellte. Wenn ich schon ins kalte Wasser geworfen wurde, wie Jodee es nannte, musste ich versuchen mit dem Kopf an der Oberfläche zu bleiben, in alle Richtungen strampeln, bis ich das rettende Ufer erreichte. Ornion leckte sich nervös über die Lippen, spielte auf Zeit. Sein schütteres Haar reichte ihm bis knapp auf die Schultern. Silbrig weiß wie die Farbe des Mondes in einer klaren Nacht. Wenn auch jenseits der fünfzig, wirkte sein Blick wach und aufmerksam. „Avery, Frau des Statthalters von Gullorway und ersten Botschafters Kandalars“, er verneigte sich höflich. „Ich muss mich im Namen meiner Ratskollegen entschuldigen. Wir hätten dich natürlich zu unserer Zusammenkunft mit einberufen müssen. Doch erforderten die Geschehnisse der letzten Tage ein rasches Handeln und du warst nicht auffindbar.“ Lüge. Ich las es in seinen Gedanken, obwohl es mir widerstrebte, dies zu tun. Doch wenn ich der männlichen Domäne an der Tafel einen Schritt voraus sein wollte, musste ich zu dieser List greifen. „Jeder hier am Tisch weiß, wo ich wohne und dass ich als Heilerin tätig bin. Es wäre ein Leichtes gewesen, meinen Aufenthaltsort herauszubekommen. Hast du noch etwas anderes vorzubringen als diese billige Ausrede, Ornion?“ Der alte Mann ließ sich nicht anmerken, ob ihn meine Zurechtweisung erboste. „Wir wissen, dass du als Heilerin einen bedeutenden Beitrag in unserer Stadt leistest. Es erschloss sich uns bisher nicht, dass du auch an den Ratssitzungen interessiert bist. Die letzten Monate sahen wir dich nur selten hier.“ Ein begründeter Vorwurf. „Wie du siehst, sitze ich hier. Was war nun der Grund für eure Zusammenkunft und Woodrow-Statthalters Eindringen?“ Ich ließ mich nicht aus der Reserve locken. „Die beiden Todesfälle. Koray und Leart.“ „Was hat Woodrow damit zu schaffen, dass er auf Skylers Platz sitzt?“ „In seiner Stadt wurden ebenfalls Männer getötet. Ein wohlhabender Kaufmann aus Abylane, ein Scout aus Timno Theben und sein Schwager.“ Entsprach dies tatsächlich der Wahrheit? Ich traute Woodrow ebenso zu, Skylers Abwesenheit zu nutzen, um seine Gefolgsleute gegen ihn aufzuwiegeln. „Gibt es dafür Beweise?“, fragte ich, selbst erschrocken, wie kalt meine Stimme klang. Ich hatte Woodrows Intrigen und Ränkeschmieden nicht vergessen. Bei unserem letzten Aufeinandertreffen gingen wir nicht als Freunde auseinander. Wenn Skyler von seiner Anwesenheit wüsste, käme dies einer kriegerischen Handlung gleich. „Nur sein Wort.“ In diesem Moment bedauerte ich, dass Skyler den blauen Garbet, den Botenvogel der dunklen Magier, zu den Javeérs zurücksandte. Durch ihn wären wir in der Lage gewesen, zu sehen, was er sah. Im Moment blieb mir nur Orinons Wort. „Holt Woodrow herein! Ich will von ihm hören, was sich zugetragen hat!“ Rasch erhob sich Milow, um meiner Aufforderung Folge zu leisten. Bis jetzt lief alles gut. Keiner, der sich mir widersetzte. Woodrow trat ein. Seine Miene spiegelte sein Missfallen, auf meinen Befehl hin herbeizitiert zu werden und wie ein Bittsteller auftreten zu müssen. „Beliebt es der Frau des Statthalters von Gullorway nun, Gehör zu finden für die Probleme anderer Städte?“ Seine bissige Äußerung ließ ich augenscheinlich von mir abprallen, wenn sie mich auch im Herzen traf. „Unter Einhaltung der Etikette und allgemeiner Höflichkeitsregeln sehe ich darin kein Problem. Bitte.“ Ich wies auf einen freien Stuhl am Ende des Tisches. Widerstrebend nahm er darauf Platz. „Was ist also der Grund dafür, dass sich der Statthalter von Alebas nach Gullorway aufmacht, anstatt zu den Wahlen nach Timno Theben?“ Woodrow legte eine selbstgefällige Miene auf. „Ich bin nicht so machtversessen wie dein Mann, Avery. Mir genügt es, Statthalter von Alebas zu sein.“ Einen Moment war ich versucht, den Ratsmitgliedern am Tisch die Augen darüber zu öffnen, wie er zu diesem Amt gelangte, doch ich war kein Richter und wollte es auch nicht sein. „Ist das so?“ Gern hätte ich auch in seinen Gedanken gelesen. Da Woodrow aber um meine Gabe wusste, gelang es ihm, sein Innerstes vor mir zu verschließen. Dennoch, Trauer las ich nicht in seinen Zügen. „Auch Alebas wurde von Meuchelmördern heimgesucht, als Warnung, nicht dem falschen Mann zu dienen.“ Sowohl Skyler als auch Woodrow waren ehemalige Bowmen. Hatte man deshalb ihre Anhänger als Opfer ausgesucht? Oder wollte man nur, dass dieser Eindruck entstand? „Unter den Getöteten befand sich auch mein Schwager. Daher sah ich es als meine Pflicht an, die Nachbarstädte aufzusuchen, um mich mit ihnen über die vorherrschende Bedrohung auszutauschen, Avery.“ „Mein Beileid zum Verlust deines Schwagers, Woodrow-Statthalter.“ Bewusst wählte ich die formelle Anrede, um ihn in seine Schranken zu weisen. „Wann ist dieses Unglück denn geschehen?“ „Vor eineinhalb Wochen“, kam seine Antwort viel zu schnell, wie ich fand. „Und in der knappen Zeit hast du – pflichtbewusst wie du bist – Faronbendras, Gambel und Abylane bereits aufgesucht, Woodrow-Statthalter?“, köderte ich ihn. „So ist es.“ „Dann besitzt du wohl Flügel.“ Er fuhr von seinem Sitzplatz auf. Augenblicklich spürte ich die Gefahr, die von ihm ausging, bannte ihn an Ort und Stelle fest, doch nur so weit, dass es den anderen verborgen blieb. Ron, der neben mir saß, sprang ebenfalls auf. Die Hand am Dolch, den er am Gürtel trug, trat er beschützend an meine Seite. Seine edle Geste rührte mich. „Ich spare mir die Frage, wie du in der knappen Zeit von den Morden in Gullorway erfuhrst.“ Schwankend erhob ich mich, die Tischkante umfassend. Steckte etwa Woodrow hinter den feigen Verbrechen an Koray und Leart? Ging er in seiner Rache wirklich soweit, den Tod seines Schwagers in Kauf zu nehmen, nur, um Skyler aus dem Rennen zu werfen? All diese Gedanken rasten mir in Windeseile durch den Kopf und ich las in Woodrows Augen, dass er dies wusste. Ich musste handeln. „Ruft die Wachen! Nehmt ihm die Waffen ab!“ Allmählich ließ es sich kaum noch leugnen, dass Woodrow sich nicht freiwillig unbeweglich gab. Gegen die Festsetzung ankämpfend trat seine Halsschlagader deutlich hervor. „Habt ihr mich nicht verstanden? Ihr sollt die Wachen holen! Sofort!“ Erst bei meiner zweiten Aufforderung kamen sie in Bewegung. Sie waren es nicht gewöhnt, Befehle von einer Frau entgegenzunehmen. Meine Hände begannen bereits gefühllos zu werden. Lange konnte ich ihn nicht mehr bannen. Die Schwangerschaft schwächte mich zusätzlich. Ich sah Woodrows ungewohnt boshafte Augen auf mir ruhen, wusste, dass er auf Zeit spielte, um mich zu entkräften. Endlich schlug die Tür auf, die Wachen preschten herein, überwältigten den Mann, der wie ein Fels in der Brandung dastand, und legten ihn sogleich in Ketten. Erst da lockerte ich meinen mentalen Griff. „Bringt ihn in den Kerker. Ich traue ihm nicht über den Weg.“ Mein Atem kam stoßweise. Als Woodrow an mir vorbeigeführt wurde, spie er vor mir aus. „Das wird dir noch leidtun“, zischte er so leise, dass nur ich ihn verstand. „Gib acht auf deine ungeborene Brut. Es sind gefährliche Zeiten.“ Wie versteinert stand ich da, konnte nicht fassen, dass er mir drohte. Mit weichen Knien ließ ich mich auf den nächstbesten Stuhl sinken, kaum dass er hinausgeführt wurde. All mein Mut, den ich noch vor wenigen Augenblicken besaß, war verflogen. „Ich will, dass Woodrow Tag und Nacht bewacht wird! Vermutlich ist er nicht allein hierhergekommen. Man wird versuchen, ihn zu befreien.“ Erschöpft rieb ich mir die Schläfen. „Geht es dir gut, Avery-Statthalterin?“ Ich zuckte zusammen, als Nisar mich mit diesem Titel ansprach. Auch die anderen bekundeten mir ihren Respekt. „Ja, danke. Es geht schon.“ In Wahrheit zweifelte ich daran, ob all dies nicht meine Kräfte überstieg. Ich war nicht fürs Kämpfen oder Regieren geboren. Heilen war meine Bestimmung. Doch wie die Dinge im Moment lagen, hatte ich keine andere Wahl. Während ich ihren Auslegungen von Woodrows Auftreten lauschte, plante ich im Stillen, einen Schutzwall um sein Verlies zu legen, damit ihm jeglicher Fluchtversuch misslang und er auch von niemandem sonst befreit werden konnte. „Wir sind jedenfalls dankbar dafür, dass du so besonnen gehandelt hast, Avery-Statthalterin“, schloss Orinon seinen Bericht. Zustimmendes Gemurmel bestätigte seine Feststellung. Ich nickte beifällig. „Wie sollen wir weiter vorgehen?“ Da war sie, die Frage, vor der ich mich fürchtete. Ich sah mich nicht als Anführerin, wollte nicht Schicksal spielen für eine ganze Stadt. „Wir müssen Augen und Ohren offenhalten, mehr denn je. Zum derzeitigen Zeitpunkt haben wir weder Kenntnis darüber, ob er in jemands Auftrag handelte oder auf eigene Rechnung. Bis wir Genaueres wissen, bleibt er unser Gefangener. Sendet Späher aus, die seine Aussagen prüfen. Möglich, dass anderen Orts Ähnliches vorgefallen ist. Verdoppelt die Wachposten an den Stadtmauern ebenso wie innerhalb der Stadt. Ich will, dass jeder der hinein oder hinaus geht, genauestens kontrolliert wird. Wir müssen den Bürgern Gullorways ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, auch wenn ihr Statthalter nicht vor Ort ist. Und ich will über sämtliche Aktivitäten in Gullorway sowie der näheren Umgebung informiert werden! Sind wir uns darüber einig?“ Zustimmendes Gemurmel. Zögernd schlug ein jeder seine Faust zweimal gegen die Brust. Vorerst akzeptierte man mich als Skylers Vertretung. Dennoch konnte die Stimmung jederzeit umschlagen.
Obwohl völlig erschöpft, gönnte ich mir keine Ruhe. Stattdessen stattete ich Woodrow einen Besuch ab, nicht nur um mich von seiner ordnungsgemäßen Verwahrung zu überzeugen. Von zwei Männern bewacht, hatte man ihn in einem Trakt des Gefängnisses untergebracht, indem er verborgen vor den Augen der anderen Häftlinge blieb. Niemand brauchte vorerst zu wissen, dass wir den Statthalter von Alebas als Gefangenen festhielten. Bei meinem Eintreffen zögerten die Wachen kaum merklich, bevor sie beiseitetraten.
„Haltet euch bereit!“, wies ich sie an, bevor ich die Tür hinter mir schloss.
Ich entdeckte Woodrow im Halbdunkel seiner Zelle. Er hockte auf einer Pritsche. Ein Teller mit unberührtem Essen und ein Krug Wasser standen in Reichweite.
„Will sich die Frau des Statthalters von Gullorway persönlich von der sicheren Unterbringung ihres Gefangenen überzeugen?“ Er warf mir einen spöttischen Blick zu. „Keine Angst, mit mir allein in einem Raum zu sein, Avery?“
„Wir sind nicht im selben Raum. Du bist hinter Gittern und in Ketten gelegt, Woodrow.“
„Dennoch fürchtest du mich.“ Trotz der misslichen Lage behielt er den arroganten Tonfall bei. „Warum sonst errichtest du einen Schutzwall?“
Mein Handeln war ihm also nicht verborgen geblieben.
„Aus welchem Grund hast du das getan, Woodrow? Ist dein Hass auf Skyler so groß?“, ging ich zum Gegenangriff über.
„Was wird mir denn zur Last gelegt?“
„Stell dich nicht dümmer als du bist. Du weißt genau, wessen man dich bezichtigt.“
„Spielst du dich jetzt auch als Richterin auf?“
Er sah zu mir herüber. Trotz der Einschränkung, die ihm die Ketten boten, gab er sich betont lässig.
„Es liegt mir fern, zu richten.“
„Stimmt. Du kannst dich ja magischer Mittel bedienen. Vielleicht warst du es am Ende selbst, die die Morde begangen hat? Fließt in deinen Adern nicht auch das Blut der dunklen Magier, Mädchen mit dem Flammenhaar?“
Seine Worte trafen mich bis ins Mark.
„Du wirst deine Fähigkeiten nicht ewig verbergen können. Selbst euren einfältigen Ratsmitgliedern dürfte nicht verborgen geblieben sein, dass ich mich ohne Widerstand entwaffnen ließ, wohingegen mir die Augen fast aus dem Kopf hervorquollen.“
Ich bemühte mich, Ruhe zu bewahren, obwohl mir das Herz bis zum Hals schlug.
„Die Sage von dem Mädchen mit dem Flammenhaar dürfte den Menschen wohl noch vertraut sein“, ließ ich mich hinreißen.
„Jeder legt sich die Geschichte zurecht, an die er glauben will, nicht wahr? Zumal sie noch in keinem Buch nachzulesen ist, oder täusche ich mich da?“
„Es wird wieder Bücher geben, so wahr ich hier stehe.“
„Ja, so wahr du dort stehst, mit dickem Bauch.“ Ein seltsamer Ausdruck trat in seine Augen. „Zwei Mädchen, eine jede die Kopie der anderen, ihr Antlitz den Göttern gleicht. Wenn sie erblicken das Licht der Welt, ein tödliches Tuch aus Staub und Sand der Menschheit Mantel ist“, rezitierte er den Sagentext.
Mir wurde die Kehle eng. Schwindel erfasste mich. Ich war nicht in der Lage, mich seinen Worten zu entziehen.
„Trägst du Zwillinge in deinem Bauch, Avery? Skylers Frucht? Dann Gnade der Menschheit, wenn Skyler als Esch zurückkehrt.“
Taumelnd verließ ich den Kerker, um seinen Worten zu entkommen. Sein boshaftes Lachen begleitete mich, als ich an den Wachen vorbei nach draußen stürmte. Erst vor Jodees Haus hatte ich mich wieder einigermaßen gefasst.
„Was ist los?“, fragte sie, kaum dass ich den Raum betrat.
Zum Glück traf ich sie allein an. Ich berichtete von der unfreiwilligen Ratssitzung, von Woodrows Erscheinen und meinem Verdacht, dass er die Morde angezettelt habe, wenn nicht gar selbst begangen.
„Hm. Wo ist er jetzt?“
„Im Stadtverlies. Ich … habe einen Schutzwall errichtet.“
„Sehr gut“, lobte Jodee und rieb die Handflächen aneinander. Ihre weißen Zähne blitzten anerkennend auf. „Und was ist mit seinen Waffen?“
„Habe ich ihm abnehmen lassen.“
„Ausgezeichnet.“ Sie nickte zustimmend. „Wo werden sie aufbewahrt?“
„Ich hatte den Wachen befohlen …“
„Geh sie holen! Wir nehmen sie sicherheitshalber hier unter Verschluss. Vor allem, den Stab, den Woodrow stets am Gürtel trägt, genau wie Skyler.“
Ich sah sie verständnislos an.
„Ich habe lange genug bei den Bowmen gelebt, um ihre Tricks zu kennen. Also?“
„Bin schon unterwegs.“
Es widerstrebte mir zwar, mich abermals zum Gefängnis zu begeben, doch vertraute ich Jodees Intuition. Überrascht sahen mich daher die Wachen an, als ich so kurz nach meinem Fortgehen erneut eintraf.
„Wo bewahrt ihr die Waffen des soeben eingelieferten Gefangenen auf?“, fragte ich ohne Umschweife.
„Wozu willst du das wissen?“, begehrte einer von ihnen auf.
„Bist du taub? Als die Frau des Statthalters frage ich dich: Wo sind seine Waffen?“
„In der Waffenkammer, wo sonst? Gleich die Ecke herum, aber …“
Er erhob sich, um mich am Weitergehen zu hindern.
„Danke, ich finde allein dorthin.“
Mit einem unguten Gefühl folgte ich seiner Beschreibung. Die Rüstkammer wurde nur von einer einzelnen Wache geführt. Schläfrig hockte er hinter dem Schreibtisch, den Kopf auf die Hände gestützt. Bei meinem Eintreten richtete er sich betont gelangweilt auf.
„Was gibt’s?“, fragte er träge und gähnte mich ungeniert an. Nachlässig glitt ihm der Umhang von den Schultern, als er die verspannten Glieder streckte.
„Weißt du, wer ich bin?“
„Natürlich. Du bist die Frau des Statthalters.“
Er grinste mich frech an.
„Und warum liegst du dann halb auf dem Tisch, anstatt dich zum Gruß zu erheben?“
Es missfiel mir zwar, derart herrisch aufzutreten, doch wenn ich ernstgenommen werden wollte, war dies unerlässlich.
„Ähm …“ Er straffte die Schultern. Zarte Röte überzog sein Gesicht. „Was kann ich denn für dich tun, Avery-Statthalterin?“ Skeptisch hob er eine Augenbraue in die Höhe.
„Gib mir die Waffen, die ihr dem Gefangenen abgenommen habt.“
Er runzelte die Stirn, als müsse er über diese schwierige Aufgabenstellung erst nachdenken.
„Wozu? Sie sind sicher verschlossen, wie alles andere auch“, gab er selbstgefällig zur Antwort.
„Ich frage kein zweites Mal!“
Drohend trat ich einen Schritt vor. Ich hatte Skyler oft genug in Situationen wie diesen beobachtet, um zu wissen, wie er sich Respekt verschaffte. Doch als Frau, noch dazu schwanger, schien es nicht dieselbe Wirkung zu haben. Blitzschnell griff ich in die Falten meines Kittels und brachte meinen Dolch YEMAHL zum Vorschein. Seit den vergangenen Ereignissen trug ich ihn stets bei mir. In einer fließenden Bewegung landete mein Wurfmesser nur knapp neben dem Ellbogen des Mannes in der Tischplatte. Erschrocken fuhr er aus dem Stuhl empor und wankte zurück.
„Kein Grund, mit dem Messer nach mir zu werfen“, stammelte er und griff nach dem Schlüsselring greifend. Er schloss das Gitter einer kleinen Kammer auf, wobei er mich wachsam im Auge behielt. Ich zog den Dolch aus der Holzpatte, ließ ihn wieder unter meinem Gewand verschwinden.
„Nun?“
„Das ist alles, was wir bei ihm gefunden haben.“
Er breitete ein wahres Arsenal auf dem Tisch aus, als wolle er es zum Verkauf feilbieten. Flüchtig warf ich einen Blick darauf. Etwas fehlte.
„Und der Stab?“
„Welcher Stab?“ Die Gesichtsfarbe wechselte zu Zinnoberrot. „Er sah nicht wie eine Waffe aus, da habe ich ihn hier eingeschlossen.“
Ich glaubte ihm kein Wort. Mit zitternden Fingern wählte er einen anderen Schlüssel aus, um die Schublade vor seinem Schreibtisch zu öffnen. Papier raschelte.
„Ist er das?“ Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.
Ungeduldig entriss ich ihm den Stab aus den Fingern. Unfreiwillig kam ich ihm dabei so nah, dass ich seinen fauligen Atem roch. Würgend drehte ich mich fort.
„In diesem besonderen Fall nehme ich die Waffen an mich.“
„Das kannst du nicht …“, widersetzte er sich.
„Sagt jemand, der sich das beste Stück daraus beiseitelegt? Wie lautet dein Name, Wachmann?“
Ohne Eile rollte ich die Waffen samt Stab in seinem Umhang ein. Es brauchte niemand zu sehen, dass ich sie besaß.
„Mein Name? Ähm“, er leckte sich nervös über die Lippen. „Momen.“
„Den Mantel lasse ich dir später zurückbringen – und, ich behalte dich im Auge, Momen.“
Raschen Schrittes verließ ich den Raum. Als ich draußen war, lehnte ich mit rasendem Herzen und schweißgebadet an der Mauer des Kerkers. Der Nachmittagssturm zerrte mir an Kleider und Haaren. Gierig nach Sauerstoff pumpte ich meine Lungen voll, bis ich glaubte, mich mit meiner Last fortbewegen zu können, ohne einzuknicken.
„Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen. Setzt dich erst mal, Avery.“
Jodee musterte mich besorgt.
„Was schleppst du da überhaupt unter deinem Arm mit dir herum?“
„Woodrows Waffen. Den Stab habe ich auch.“ Ich grinste.
„Und bei den Göttern, iss etwas! Wenn Skyler erfährt, dass ich dich den ganzen Tag ohne Essen herumlaufen lasse, macht er mich einen Kopf kürzer.“
„Dann bleibt ja nicht mehr viel“, versuchte ich mich an einem lahmen Witz.
„Eben.“
Sie stellte eine Schale vor mir hin, füllte sie mit einer sämigen Fischsuppe, die mir das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Hungrig fiel ich über die Suppe her.
„Noch einen Teller?“
Belustigt über meinen Appetit hielt sie die Schöpfkelle in der Hand.
„Ja, bitte. Es schmeckt köstlich.“
„Einen gesegneten Appetit hast du jedenfalls. Ich habe noch eine Portion für Annie übrigbehalten, die ich ihr gleich vorbeibringen wollte.“
„Das kann ich doch erledigen.“
„Du ruhst dich aus“, bemühte sie sich, streng zu klingen. „Aber zuvor erklärst du mir, was jetzt schon wieder vorgefallen ist.“
Genussvoll wischte ich mit einem Kanten Brot den Teller aus und lehnte mich gesättigt zurück. Erst dann sah ich mich in der Lage, die Geschehnisse wiederzugeben.
„Ich kann das nicht mehr, Jodee“, schloss ich meinen Bericht nach dem Vorfall mit den Wachen im Gefängnis ab. „Ich kann Skyler nicht längere vertreten. Ich bin nur seine Frau.“
„Und künftige Guhlant!“
„Noch bin ich es nicht.“
„Doch, das bist du.“
„Nein, Jodee.“ Ich schüttelte resigniert den Kopf. „Heilerin, vielleicht. Aber eine Herrscherin? Niemals. Ich kann mir nur Respekt verschaffen, indem ich zu magischen Hilfsmitteln greife, und das ist gefährlich.“
„Es kann nicht schaden, den Menschen von Kandalar deine Stärke zu zeigen, solange du es nicht übertreibst.“ Sie tätschelte beruhigend meine Hand.
„Jodee, es schmeckt mir nicht von der Macht zu kosten, wie Skyler es zu gefallen scheint.“
„Du wirst dir doch jetzt wohl nicht Woodrows Worte zu Herzen nehmen?“
„Nein, natürlich nicht“, log ich. „Aber gewisse Bedenken sind nicht von der Hand zu weisen. Was, wenn die Sage sich erfüllt wie auch alles andere darin?“
„Als da wären?“
„Du weißt, wovon ich spreche, was geschehen wird, wenn unsere Zwillinge das Licht der Welt erblicken.“ Gequält sah ich sie an. „Jodee, ich habe Angst vor der Geburt.“
„Es ist völlig normal, dass du dich davor ängstigst. Schließlich ist es das erste Mal für dich“, bemühte sie sich um Zuversicht.
„Das allein ist es nicht. Was, wenn wirklich ein Unglück geschieht, nachdem sie geboren wurden?“
Ich wollte nicht die Schuld daran tragen, dass die Geburt unserer Mädchen anderen Menschen schaden konnte.
„Avery, wie sollen zwei unbefleckte Säuglinge ein Unglück heraufbeschwören?“, bemühte sie sich, meine Bedenken zu zerstreuen.
„Weil in ihnen nicht nur Skylers und mein Blut fließt, sondern auch das der dunklen Magier.“
Es war mir nicht entgangen, dass sie kaum merklich zögerte. Was wusste sie?
„Avery, du bist das Mädchen aus der Sage. Durch dich wurden die Menschen von Kandalar von der Knechtschaft der Herren von Kandalar befreit.“
„Nicht durch mich. Es war Skyler, der gegen sie antrat.“
„Nicht so bescheiden. Hätten die Götter etwas anderes für dich und Skyler vorgesehen, stünde dies in deinem Lesestein.“
„Du weißt davon?“, fragte ich sie überrascht.
„Natürlich. Als du bei den Bowmen warst und Skyler von Woodrow den Stein verlangte, fragte er mich nach dessen Bedeutung, obwohl er es längst wusste.“ Sie kicherte verschmitzt. „Wie auch immer. Ihr seid füreinander bestimmt, das Volk von Kandalar zu führen.“
„Warum gabst du mir dann die Kapseln, um mich vor einer Schwangerschaft zu schützen?“
„Weil du Skylers Kinder austragen solltest – niemands sonst.“ Ihre Stimme klang ganz ruhig, während sie mich beobachtete.
„Und wenn ihm jemand zuvorgekommen wäre?“
„Hätte, wäre, wenn … Dafür hat er dir doch eine andere Kapsel gegeben, nicht wahr?“
„Du wusstest, dass sie mich an ihn bindet?“
„Ja.“
Ihre offene Antwort traf mich wie ein Pfeil.
„Welche Geheimnisse teilt ihr sonst noch miteinander, von denen ich nichts weiß?“
In meinem Herzen drohte sich ein Eisklumpen zu bilden, der unaufhörlich wuchs. Sie war meine Freundin, oder etwa nicht?
„Natürlich bin ich das.“
Und dennoch las sie in meinen Gedanken, wenn ich sie nicht abschirmte.
Jodees Geschichte
Von schwarzer Hautfarbe zu sein galt von jeher als exotisch. Etwas, was die Männer fernab der Küste und der Grenzen Kandalars nicht kannten und daher besitzen wollten. Männer wie die Herren von Kandalar und die Bowmen gleichermaßen. Darüber hinaus über heilende Kräfte zu verfügen, Dinge zu sehen, die den meisten verwehrt blieben, ließen Jodee und ihren Clan der Jaggesam zu Verfolgten einer aussterbenden Rasse werden. Sie lernte früh, ihre Fähigkeiten für sich zu behalten, nicht aufzufallen, wo allein ihr Äußeres markant genug war. Ihre Haut, schwarz wie Ebenholz. Von kleinwüchsiger Statur, fragil, mit Augen, die vor Energie nur so sprühten und einen verborgenen Humor dahinter vermuten ließen. Sie lachte zu laut und zu oft. Es war ihre Art, sich zu schützen, wenn sich all das Leid vor ihrem inneren Auge abspulte – vergangenes und bevorstehendes.
In Nerang aufgewachsen, an der nördlichsten Grenze zu Kandalar gelegen, war sie die Älteste von fünf Geschwistern. Mit elf übernahm sie unfreiwillig die Rolle ihrer Eltern, die von den Häschern der Herren von Kandalar in die undurchdringlichen Nebelwälder von Sobso getrieben wurden und die sie daraufhin nie wieder zu Gesicht bekam. Fortan lebte sie mit ihren Brüdern und Schwestern ständig auf der Flucht vor den Sklavenjägern der fernen Inseln und der Herren von Kandalar – als einzige Überlebende der Jaggesam. Das Dorf war niedergebrannt, die Felder verwüstet, jeglicher Lebensgrundlagen beraubt. Man wollte sie aushungern, weichklopfen, um sich ihrer Fähigkeiten zu bemächtigen. Um sie zu diskreditieren, wurden Lügenmärchen verbreitet. Ungeheuerliche Gräueltaten schrieb man ihr und ihren Geschwistern zu, obwohl sie nur Kinder waren, die ums nackte Überleben kämpften.
Letztendlich waren die Verräter wohl unter den wenigen Vertrauten auszumachen, die ihnen noch blieben. Als Jodee dreizehn Jahre zählte, musste sie, ohnmächtig vor Wut, mitansehen, wie ihre Brüder und Schwestern verschleppt, versklavt, am Ende gar getötet wurden. Ob man sie aus Angst, Schwäche oder reinem Egoismus verriet, vermochte sie nicht zu sagen, sooft sie auch darüber nachgrübelte. Am Ende blieb nur sie zurück.
Halb irre vor Hunger und Verzweiflung schlug sie sich durch die Wälder nach Kandalar. Allein ihrem inneren Antrieb verdankte sie es, dass der Tod sie nicht bezwang. Einer Stimme, die ihr befahl, nach Gullorway aufzubrechen und ihre schützende Hand über ein rothaariges Mädchen zu halten, dass einst Kandalar retten sollte.
Abgemagert bis auf die Knochen, nur noch ein Schatten ihrer selbst erreichte sie den Mukonor. Völlig entkräftet gelangte sie ans gegenüberliegende Ufer. Starr vor Dreck, die Kleidung in Lumpen um die mageren Glieder schlotternd. Das Haar verfilzt, in einer unbändigen Mähne wie ein übergroßes Vogelnest auf dem Kopf sitzend, kauerte sie am Ufer, wartete auf den Tod, der unweigerlich folgen musste.
Ihr Leben verdankte sie nicht zuletzt spielenden Kindern, die sie eher durch Zufall fanden und die Eltern zu Hilfe holten. Diese fragten nicht nach dem wie und warum für ihr unverhofftes Auftauchen. Stattdessen trugen sie Jodee ins Dorf Gullorway. Sie war am Ziel.
Dehydriert, unterernährt und stinkend wie eine Jauchegrube gab man ihr zuerst ein wenig zu trinken. Helfende Hände flößten ihr ein paar Löffel ungewürzten Eintopf zwischen die aufgesprungenen Lippen ein. Anstatt sie mit Fragen zu bestürmen, steckte man sie in einen wohltuenden Bottich lauwarmen Wassers, der nach Kräutern duftete, bis sie dem Äußeren nach halbwegs wieder einem Menschen glich. Sie trugen Kleidungsstücke ihrer Töchter zusammen und gaben sie ihr anstandslos, verbrannten die ihren dagegen in einer Tonne. Man schor ihr den Kopf und trösteten sie, es seien doch nur Haare, die bald wieder nachwuchsen.
Zu schwach, um sich der Prozedur zu widersetzen, ließ Jodee all dies über sich ergehen. Ohne ein einziges Wort. Es würde schon seine Richtigkeit haben, sprach sie sich Mut zu. Warum sonst führte sie das Schicksal ausgerechnet zu jenem abgelegenen Ort?
Mit der Zeit kam sie wieder zu Kräften und mit der Genesung kamen die Fragen. Erst langsam, dann fordernd. Niemand vermochte sich einen Reim darauf zu machen, wozu ein Mädchen in ihrem Alter von einem fernen Land allein den Weg zu ihnen nach Gullorway auf sich nahm. Jodee schwieg beharrlich. Schließlich befanden die Dorfältesten, dass sie keinerlei Gefahr für die Bewohner Gullorways darstellte. Sie war nur ein Kind, das offenbar Schreckliches erlebt hatte.
Jodee fand ein neues Heim bei einem kinderlosen Paar, das sie als Geschenk der Götter betrachtete, hatten sie diese doch vergebens um eigene Kinder gebeten.
Obwohl Jodee reserviert blieb, selten mit anderen Kindern spielte, erwarb sie sich allmählich den Respekt der Dorfbewohner. Sie scheute keine harte Arbeit, trotz ihrer zierlichen Statur. Hilfsbereit unterstützte sie die Bauern auf den mageren Feldern, gab ihnen Tipps, wie sich diese oder jene Pflanze besser anbauen ließ.
Aufgrund ihrer Herkunft verfügte Jodee nicht nur über ein unerschöpfliches Wissen über Heilkräuter. Allein ihre Nähe wirkte sich beruhigend und heilsam auf die Bewohner aus. Bald schon fragte man sie um Rat, zu der einen oder anderen Krankheit. Dabei galten ihr Kräuter und Tinkturen in Wahrheit oft nur als Beiwerk, um davon abzulenken, dass sie auch ohne diese Hilfsmittel zu heilen vermochte.
Mit den Jahren glaubte sie nicht mehr daran, jenes Mädchen mit den roten Haaren in Gullorway zu finden. Der Hunger ließ sie wohl damals an der der Schwelle zum Tode die unbekannte Stimme hören.
In manchen Nächten jedoch, wenn dunkle Träume sie heimsuchten, wachte sie schweißgebadet auf. Irgendetwas warnte sie. Von einer inneren Angst getrieben, weckte sie sogar eines Nachts ihre Stiefeltern auf. Jodee wusste keine Erklärung dafür. Nur, dass die gefürchteten Herren von Kandalar auf dem Weg nach Gullorway waren. Meist fielen sie in großer Zahl in Dörfer und Städte ein auf der Suche nach verbotenen Büchern oder Schriften. Allein ihnen war es erlaubt, solche zu besitzen. Sie trieben Steuern ein, kidnappten Frauen im gebärfähigen Alter oder plünderten und brandschatzten aus purer Lust daran.
So galt es allein Jodees Verdienst, dass die Dorfältesten Gullorways Vorkehrungen für das Eintreffen der tyrannischen Herrscherboten trafen. Auf ihr Anraten hin versteckte man Frauen und Kinder in dem unterirdischen Stollen eines ehemaligen Bergwerks am Ortsausgang. Den Zugang verbarg man hinter Gestrüpp und morschen Bäumen. Die weisen Männer des Dorfes ließen die Jäger Mahilo-Eschs im Unklaren, was die Abwesenheit der übrigen Dorfbewohner betraf. Wütend darüber, unverrichteter Dinge kehrtmachen zu müssen, brannten sie einen Schuppen mit Saatgut nieder. In ihrer Raserei knüppelten einen alten Mann zu Tode, der es wagte, sie als grausame Tyrannen zu beschimpfen. In Wahrheit opferte er sich in dem Wissen, dass eine Krankheit ihn sowieso in Kürze dahinraffte. Er gab sein Leben für das vieler unschuldiger Frauen und Kinder.
Diese und ähnliche Überfälle, die in unregelmäßigen Abständen nicht nur Gullorway heimsuchten, ließen die Siedler nie vergessen, wer die Macht im Land besaß. Die Herren von Kandalar. Sie stahlen ihnen Frauen und Kinder, weil sie selbst mit den Jahren zeugungsunfähig geworden waren. Eine Nebenwirkung ihrer Vorstellung davon, willenlose Geschöpfe wie Gelblinge zu erschaffen.
So dankbar Jodees Warnungen und Ratschläge angenommen wurden, so sehr wuchsen allmählich Misstrauen und Zweifel. Woran mochte es denn liegen, dass sich die Besuche der Herren von Kandalar häuften, seit sie unter ihnen weilte? Wie war es zu erklären, dass nur sie von den bevorstehenden Überfällen wusste, wo sie doch angeblich keinen Kontakt zu den Herrschenden besaß? Stets gelang es ihren Stiefeltern und den Dorfältesten, die Zweifel und Ängste der Bewohner zu zerstreuen. Doch wie lange noch?
Als Jodee das achtzehnte Lebensjahr zählte, richtete sich das Interesse der Dorfbewohner einem neuen Erdenbürger. Einem rothaarigen Mädchen mit Namen Charise, der Tochter des Dorfältesten Aris. Rotes Haar war so unwahrscheinlich wie Schnee im Sommer. Es weckte die Erinnerung an eine uralte Sage, die von einem Mädchen mit Flammenhaar erzählte, das die Menschen von der Schreckensherrschaft, der Herren von Kandalar, befreien würde. Hoffnung breitete sich unter den Bewohnern aus.
Dennoch verspürte Jodee nicht den Drang, ihre geheime Aufgabe dahingehend zu erfüllen, dieses Kind zu schützen. Obwohl der Säugling rotes Haar besaß, dünn und spärlich auf dem runden Schädel verteilt, spürte sie nichts von seiner besonderen Aura. In den Visionen, die sie in letzter Zeit immer häufiger heimsuchten, war es nie dieses Kind, das ihren Schutz bedurfte. Stattdessen schob sich ein sanftmütigeres Wesen, mit flammend rotem Haar und weichen Locken in ihren Kopf. Doch, wo sollte sie nach diesem Kind suchen, wenn es nicht Charise war? Jodee teilte ihre Bedenken und Gefühle mit niemandem, aus Angst, erneut in den Fokus der Bewohner zu geraten. So beobachtete sie nur stillschweigend.
Im Laufe der Jahre zu einer jungen Frau gereift, fand Jodee sich damit ab, Heilerin zu sein. Die Bemühungen ihrer Zieheltern, einen geeigneten Heiratskandidaten zu finden, wies sie mit dem ihr eigenen Humor unter der Begründung zurück, für so etwas keine Zeit zu haben.
Als Charise zwei Jahre zählte, sollte sie einen Bruder bekommen. Jodee wusste es, längst bevor sich die Nachricht einer erneuten Schwangerschaft von Aris‘ Frau herumsprach. Und sie besaß auch Kenntnis darüber, dass Aris bei einer Reise nach Perges eine Affäre mit einer Frau einging, die ebenfalls sein Kind erwartete.
Die Monate vergingen. Als Jodee von Aris zu dessen Haus gerufen wurde, weil seine Frau viel zu früh in den Wehen lag, überraschte es sie nicht sonderlich, dass er statt die Hebamme nach ihr rief. Sie war die Heilerin des Ortes, der man außerordentliche Fähigkeiten zugestand und diese Geburt versprach problematisch zu werden. Sie half der Frau, derweil Aris unter dem Vorwand verschwand, in einer dringenden Angelegenheit als Dorfältester unabkömmlich zu sein. Als er zurückkehrte, wirkte er verändert und um Jahre gealtert. Er konnte Jodee nicht in die Augen sehen und wusste, dass sie den wahren Grund dafür kannte. Sie las die Qual und Verzweiflung über das Unvorstellbare darin. Eine unbekannte Macht die ihm befahl, den soeben zur Welt gekommenen Sohn, schwach und nicht lebensfähig, gegen das Neugeborene seiner Mätresse einzutauschen und als den seinen anzunehmen.
Mit zitternden Händen nahm er seiner völlig entkräfteten Frau den toten Sohn aus den schlaffen Armen und verschwand mit ihm in die Dunkelheit hinaus. Wenig später kehrte er zurück. Lehm und Blattreste klebten noch an seinen Schuhen, für die er nicht einmal die Zeit fand, um sie zu reinigen. Stattdessen trug er einen Weidenkorb mit dem in Decken gehüllten Kuckuckskind. Hastig bemühte er sich, die verräterische blaue Feder darin – das Symbol der dunklen Magier – an sich zu nehmen. Nicht schnell genug für Jodees flinke Augen.
Ihre Blicke trafen sich. In seinem lag ein unausgesprochenes Flehen, ihn nicht zu verraten. In ihrem las er stumme Anklage, ob der unglaublichen Tat. Einen Moment war sie versucht, das rosige Bündel aus dem Korb ins Jenseits zu befördern. Doch was konnte ein Kind für die Wurzeln seiner Mutter?
Es war ein winziges Mädchen. Unschuldig reckte es ihr die dünnen Ärmchen im Schlaf entgegen. Obschon älter als einen Monat wirkte sie, als wäre sie eben erst zur Welt gekommen. Avery, so der Name des Mädchens, kam eindeutig zu früh zur Welt. Ihre Ankunft, vorherbestimmt und von langer Hand geplant, durch die Ränkeschmiede einer dunklen Magierin.
Letztendlich überzeugten Jodee nicht nur die verschwitzten roten Löckchen, die an ihrem Kopf klebten, sondern die besondere Aura, die sie bereits jetzt umgab. Die Erkenntnis, dass sie das Mädchen fand, dessen Leben es zu schützen galt, brach wie ein Gewitter über sie herein. Also fantasierte sie nicht, als sie vor vielen Jahren die Stimme hörte, die ihr befahl, nach Gullorway zu gehen.
Aris beschwor Jodee, Stillschweigen über die wahre Herkunft des Kindes zu bewahren, um Kandalars Willen und sie gab ihm ihr Wort.
In den folgenden Wochen wich Jodee kaum von Averys Seite. Selbst die Mutter glaubte bald daran, statt eines Sohnes eine Tochter zur Welt gebracht zu haben – wenn Jodee dazu auch einige Korrekturen in ihrem Gedächtnis vornahm.
Die Mädchen wuchsen heran. Charise zu einem störrischen, eifersüchtigen Wesen, Avery zu einem wissbegierigen Kind, das vor nichts zurückschreckte.
Zu dieser Zeit häuften sich die Besuche der Herren von Kandalar wieder. Gerüchte über die Existenz rothaariger Mädchen waren ihnen zu Ohren gekommen. Man musste ihrer habhaft werden, bevor sie Unheil anrichteten. Fortan trugen Charise und Avery Kopfbedeckungen und wurden bei der geringsten Gefahr in Sicherheit gebracht.
Während Charise darunter litt, ihr Haar unter einer Haube verbergen zu müssen, so stumpf und glanzlos es auch war, trug Avery es mit Fassung. Die dicken Locken, kupferfarben, mit rötlichem Gold durchzogen, verloren sich unter der Kopfbedeckung in einem kaum zu bändigenden Wirrwarr, der zu ihrem ungestümen Wesen passte. Jodee hatte das zierliche Mädchen inzwischen liebgewonnen.
Dann kam der Tag, an dem Jodee sich allein in den nahegelegenen Wald auf die Suche nach Kräutern und Wurzeln begab. Ein Spähtrupp des Eschs wurde auf sie aufmerksam, ohne dass ihre Sinne sie warnten.
„So allein im Wald, schönes Kind?“
Sie wusste es in dem Moment, als sie die Stimme des Reiters hörte. Ihr Leben war in Gefahr! Drei Männer in schwarzen Roben, mit den Insignien der Herren von Kandalar auf ihren Schwertern hielten auf sie zu. Jodee flüchtete in den Wald hinein. Dabei Haken schlagend wie ein Hase, verfluchte sie ihre viel zu kurzen Beine, die es ihr nicht erlaubten, große Sprünge zu bewirken. Die Männer machten sich einen Spaß daraus, sie durch den Wald ans gegenüberliegende Ufer des Mukonors zu hetzen, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrach.
„Was für ein hübsches Ding. Schaut euch nur ihre Haut an, so zart, so andersartig.“
„Sie hat zwar keine roten Haare, wie Mahilo-Esch es verlangt, aber sie sieht mir nach einer Jaggesam aus“, meldete sich ein zweiter Mann zu Wort und schwang sich elegant vom Pferderücken. „Hätte nicht gedacht, dass es noch jemandem von dieser Rasse gibt. Noch dazu eine Zuchtstute.“
„Für eine einwandfreie Linie ist sie ein wenig klein geraten, findest du nicht?“, fragte der erste Sprecher und glitt ebenfalls aus dem Sattel, um Jodee aus der Nähe zu begutachten.
„Größe spielt keine Rolle. Sie hat genau das richtige Alter“, urteilte der zweite Redner und glotzte ihr unverhohlen auf die viel zu großen Brüste.
Jodees Blick huschte ängstlich zu dem dritten Mann im Bunde, der bisher überhaupt noch nichts gesagt hatte. Instinktiv wusste sie, dass er der Schlimmste von ihnen war. Er trieb sein Pferd auf sie zu, wobei die Hufe des Tieres ihr gefährlich nahekamen. Ein wenig unbeholfen, stieg er aus dem Sattel und schritt humpelnd auf sie zu. Mit undurchdringlicher Miene sah er auf sie herab.
„Wenn sie das ist, wonach sie aussieht, kann sie uns eine Weile nützlich sein. Steh auf, Weib!“
Mit unglaublicher Brutalität zog er sie an den Haaren empor. Sie wagte nicht, in seinen Gedanken zu lesen, aus Angst, dass er es bemerkte.
„Wenn dir dein Leben lieb ist, sorge dafür, dass mein Bein wiederhergestellt wird!“
Er zog sie an ihrem Haarschopf so dicht zu sich heran, dass Speichel Tröpfchen auf ihre Wange spritzten, die er bei seiner zischenden Aussprache von sich gab. Blitze explodierten vor ihren Augen, als ihre Füße den Kontakt zum Boden verloren.
„Du bist doch Heilerin, Jaggesam, oder?“
Sein Atem wehte ihr entgegen wie der Schlund eines Grabes. Ihr Grab, wenn sie nicht tat, was er von ihr verlangte. Vor Schmerzen konnte sie kaum einen klaren Gedanken fassen.
„Oder?“, fragte er mit Nachdruck und rammte ihr ein Knie in den Unterleib.
„Ja!“, schrie sie gequält.
Er lächelte zufrieden.
„G-u-t“, sagte er gedehnt, in der schleppenden Sprechweise der Herren von Kandalar. Mit einem diabolischen Grinsen ließ er sie los.
„W-was soll ich t-tun?“
Jodee brachte vor Angst kaum ein vernünftiges Wort heraus.
„Hörst du nicht zu?“ Eine schallende Ohrfeige ließ ihren Kopf zur Seite schnellen. „Heile mein Bein!“
„Du musst ihr auch das richtige Bein zeigen!“, forderte ihn der erste Sprecher mit einer obszönen Geste auf und nestelte bereits an seinem Hosenbund herum.
„Halt dich gefälligst zurück, bis ich mit ihr fertig bin! Dann könnt ihr sie meinetwegen haben.“
Er schälte sich umständlich aus der Hose heraus. Starr vor Entsetzen fiel Jodees Blick auf das zerfetzte Bein, welches von zwei stümperhaften Schienen zusammengehalten wurde, wo Haut und Sehnen zu einer verklumpten Masse verschmolzen. Übelkeit bahnte sich ihren Rachen empor. Nur mit Mühe unterdrückte sie den Impuls, sich vor seinen Füßen zu erbrechen.
„Du sollst mir nicht auf die Eier starren, sondern das Bein zusammenflicken.“
Er zwang Jodee auf die Knie.
„Wird’s bald?“
Unter hämischem Gelächter der Männer befolgte Jodee seinen Befehl. Zitternd wie Espenlaub erspürten ihre Hände die Verletzung, ohne ihn jedoch zu berühren. Verdammt sollte er sein für das, was er ihr und ihresgleichen antat. Ja, sein Bein würde heilen. Vorerst. Und binnen Wochen würde es von den Zehen an aufwärts zu verfaulen beginnen, bis sein gesamter Körper nur noch ein einziger fauliger Klumpen war.
„Braves Mädchen.“ Breitbeinig stand er vor ihr, ohne sich seine Hose wieder überzustreifen. „Zeig mir, wozu du sonst noch taugst.“
Darmowy fragment się skończył.