Czytaj książkę: «Die Jagd nach der silbernen Feder»

Czcionka:


Jan Hanser

Die Jagd

nach der

silbernen Feder

Mit Illustrationen von

Harry Seifert


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abruf bar.

ISBN 978-3-86506-791-3

© Copyright 2015 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Titelgrafik und Innen-Illustrationen von Harry Seifert

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Satz: Brendow Web & Print, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.brendow-verlag.de


Für

Emil, Mio & Momme

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Geschichtenzeiten

Die Meute

Die Beute

Die Jagd durch das Felsenmeer

Die Schmugglerhöhle

Der Knochensammler

Auf Schmugglerpfaden

Am Königshof

Der junge Botenreiter

Im Versteck der Eselreiter

Die Schlacht um Avlar

In letzter Sekunde

Der Junge

Das Rudel

Ferris

Flucht über die Dächer

Der hohe Ofen

Gefährliche Neuigkeiten

Durch den Ostausgang und hinaus

Gefangen

Der Rat der Wölfe

Auf zum Siebengebirge

Die Schlacht

Die silberne Feder

Im Thronsaal

Danke

Zitat

Über den Autor

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GESCHICHTENZEITEN

Es gibt Tage, die sind wie gemacht zum Geschichtenerzählen. Auf einmal sind sie in meinem Kopf, die Geschichten. Dann müssen sie raus. Am besten möglichst bald, solange sie noch frisch und heiß und spannend sind. Dann warte ich sehnsüchtig auf den Abend, denn die eigentliche Geschichtenzeit ist bei uns zu Hause abends. Beim Zubettgehen.

Also, an solchen Geschichtenabenden kuscheln wir uns zusammen ins gemütliche Bett, meine drei Söhne und ich. Vielleicht lernt ihr sie eines Tages kennen. Es sind drei ganz famose Söhne. Aber welcher Vater würde das nicht von seinen Söhnen behaupten?

Wir ziehen uns die Decke bis an die Ohren und schalten die kleine Nachttischlampe an. Dann beginne ich zu erzählen.

Und während die Geschichten aus meinem Mund hinauswandern, gleiten sie in den Raum hinein und huschen schnurstracks in die Köpfe meiner Jungs. Das merkt man gar nicht so richtig, wie das passiert. Auf einmal sind sie da und wir sind mittendrin.

Spürst du, wie der Wind des anbrechenden Sommers die warme Decke anhebt? Siehst du das klare Leuchten der Sterne im tiefdunklen Himmel über dir? Dort oben, schau genau hin! Ganz deutlich hebt sich im Osten das Sternbild des großen Löwen hervor.

Der Junge, der in diesem Moment in rasendem Tempo über das flache Land reitet, fühlt den Wind auf seiner Haut und schaut hinauf zu den Sternen am Himmelszelt. Er ist wohl kaum älter als du. Seine Beine pressen sich fest in die Flanken des riesigen Tieres, auf dessen mächtigem Rücken er sitzt. Der Atem des Welfen geht regelmäßig. Seine Pfoten berühren den Boden sanft und in gleichmäßigem Takt und völlig lautlos. Fast scheint er zu fliegen. Nur eine Armeslänge entfernt reitet ein zweiter Junge, wohl nur wenig jünger als du. Seine Hände graben sich tief in das weiche silbrige Fell des zweiten Welfen, während die Büsche und Bäume neben ihm nach hinten wegfliegen.

Fühlst du, wie wir fast schon in einer anderen Welt sind? Aus den Hochhäusern werden massive Felswände, die die rechte Seite des Pfades begrenzen. Rau und von Rissen durchzogen säumen sie unseren Weg. Geduckte Büsche klammern sich mit ihren feinen Wurzeln an den kleinsten Spalt.

Die quadratische Rasenfläche da drüben, die beinahe so aussieht, wie du sie vielleicht vom Goethepark gegenüber kennst (vielleicht steht auf der, die du kennst, auch eines dieser überflüssigen Schilder „Betreten des Rasens verboten!“), scheint zuerst klein und dehnt sich dann doch nach Westen hin zu fast unendlicher Weite aus, entrollt sich, legt sich über Hügel und durch Gräben und bedeckt bald das ganze Land, durch das wir uns lautlos bewegen. Aus den wenigen Eichen, die die Friedhofsallee in meiner Stadt säumen, wird in diesem Moment im Nordwesten der mächtige und geheimnisvolle Wald der Wölfe. Manche nennen ihn auch „den alten Wald“, doch ihr werdet ihn als den „Wald der Wölfe“ in Erinnerung behalten. Wartet nur.

Hinter uns, dort, wo eben noch der kleine Spielplatz mit der roten Rutsche und dem quadratischen Sandkasten lag, glitzern goldene Sandkörner im Mondlicht und die Wellen des Südmeeres rollen mit sanftem Rauschen ans Ufer.

Ich könnte dir nun Piratengeschichten noch und nöcher erzählen. Doch darum soll es erst später gehen. (Vielleicht auch erst in einer ganz anderen Geschichte – wir werden sehen.)

Weit vor uns, nur sichtbar, wenn du deine Augen zusammenkneifst und ein wenig Fantasie mitbringst, streben die mächtigen und schneebedeckten Gipfel des Siebengebirges in den Himmel.

Und dahinter liegt, ihr ahnt es schon, das prächtige Schloss des großen Königs Lian mit seinen Zinnen, wehenden Wimpeln und hoch ragenden Türmen.

Und schon sind wir mittendrin. Mittendrin in dieser wundersamen Welt und mittendrin in unserer Geschichte. Bevor ich es vergesse: Die beiden Jungen heißen Jisah und Pepe. Ihre beiden Begleiter sind Welfen. Welfen sind die wohl treuesten und schnellsten Boten König Lians. Auf den ersten Blick werden sie von den meisten Erwachsenen für Wölfe gehalten. Das wäre euch natürlich nicht passiert. Auch wenn sie wirklich wie Wölfe aussehen.

Doch sie sind groß und mächtig wie Schlachtrösser und haben auf jeder Seite drei muskelbepackte Läufe. Ja, es sind wirklich drei. Auf jeder Seite!

Also, wie du bestimmt schon selbst nachgerechnet hast, insgesamt sechs Läufe.

Und jetzt, du wirst sagen: „Ist doch logo!“, sage ich dir, dass sie die schnellsten Tiere in diesem Teil der Erde sind.

Auf ihre Feinde – und auf die meisten Erwachsenen – machen sie einen ganz furchteinflößenden Eindruck. Ihre Zähne sind nicht niedlich. Ganz bestimmt nicht! Habt ihr vielleicht schon einmal ein niedliches Wolfsgebiss gesehen? Sicher nicht! Sie sind reißend und scharf und weiß. Ihre Lefzen sind blutrot und aus ihren Augen strahlt ein glühendes Feuer. Ihr Fell leuchtet bei Mondschein silbergrau und wer bei ihrem Anblick einen gehörigen Schrecken bekommt, der tut schon recht daran.

Ihr braucht natürlich keine Angst vor ihnen zu haben. Ein klein wenig Ehrfurcht vielleicht, das reicht. Denn Wald und Winter, so werden die beiden Welfen in dieser Zeit genannt, sind Freunde von Jisah und Pepe.



DIE MEUTE

Der Halbmond leuchtete schwach über unseren vier Freunden, als sie aus der zerklüfteten Felslandschaft heraustraten. Die Läufe der Welfen griffen weit aus. Lautlos folgten sie dem Flusslauf. Pepe hob den Kopf. Die Felsen flachten ab und verwandelten sich langsam in eine sanfte Hügellandschaft. Ihr Weg führte leicht abwärts. Die Welfen verlangsamten ihr Tempo.

Pepe konnte das Wasser riechen, bevor er es sah. Unter ihnen tat sich ein See auf. Alte Eichen wurzelten am Ufer, die Äste weit ausgestreckt.

Als sie das Gewässer erreichten, drehte Winter im Lauf seinen Kopf. „Lasst uns hier das Lager aufschlagen. Der Platz ist sicher“, sprach er mit seiner rauen und trotzdem wunderlich sanften Stimme.

Jisah nickte. Die Welfen wechselten in den Schritt und sie ritten gemächlich am Ufer des Sees entlang.

Kleine Wellen, aufgekräuselt von einem lauen Wind, plätscherten ans Ufer.

Am Stamm einer mächtigen Eiche glitten die Jungen von den Rücken ihrer Begleiter. Während die Welfen ihren Durst mit dem klaren Wasser des Sees löschten, erkundeten Jisah und Pepe die Umgebung.

Der See, auf dessen Grund eine unterirdische Quelle sprudelte, speiste die Bracht. Wie eine riesige silberne Schlange zog sie sich im Mondlicht durch die weite Ebene. Sie hatte einst dem Land, durch das sie fließt, seinen Namen gegeben. Oder war es umgekehrt? Ich weiß es nicht mehr.

Das Brachtland brachte um diese Jahreszeit sattes grünes Gras hervor. Wiesenden, Antilopen und Niftaffen grasten auf weitläufigen Weiden. Gänse, Bussarde, Stiefler und Eulen füllten die Luft und bevölkerten die unzähligen kleinen Tümpel. Auf wilden Obstbaumwiesen tummelten sich Kaninchen, Trampler und Eichhörnchen.

Die Ebene des Brachtlandes verwandelte sich im Westen langsam in ein hügeliges dichtbewaldetes Bergland, in dem auch, wie ihr ja schon wisst, der Wald der Wölfe lag. Nördlich, noch eine Tagesreise von den ersten Ausläufern des Siebengebirges entfernt, findet man die Stadt Avlar. Und im Osten? Nun, dort erhoben sich die eisernen Schlote von Ferris.

Die vier Gefährten entschieden sich, um den Stamm einer mächtigen Eiche zu lagern. Ihre Rinde war rissig und wenn man sich ganz dicht davorstellte, konnte man meinen, man blicke in eine winzige Welt voller Schluchten.

Ihr Astwerk breitete sich schützend über ihnen aus. Fast schien es, als würden ihre Blätter ihnen zuhauchen: „Ich halte Wacht. Ruht aus, Reisende.“

Friedlich und schwarz lag der See vor ihnen. Das gegenüberliegende Ufer war nicht weit. Jisah konnte Wasserrosen und Schilf erkennen. Einige Weiden ließen ihre Arme träge ins Wasser hängen und die noch munteren Frösche waren in ein nächtliches Konzert vertieft.

Nachdem sie ausgiebig von ihren Vorräten gespeist hatten, kuschelten sich Jisah und Pepe in Winters warmes Fell. Wald übernahm die erste Nachtwache.

So sicher von Welfen bewacht, schliefen Jisah und Pepe nach kurzer Zeit ein.

Allein die Frösche schienen noch wach zu sein. Ihr schräges Lied erfüllte die Frühlingsnacht und stieg zum friedlich scheinenden Halbmond hinauf.

Jisah fror. Er tastete mit seinen Fingerspitzen nach Winter. Seine Hände fuhren raschelnd über das trockene Laub. Langsam streckte er seinen Arm weiter aus. Verschlafen öffnete er die Augen und richtete sich gähnend auf. Winter lag drei Schritte entfernt unter dem tiefhängenden Blattwerk der Eiche und beobachtete Wald.

Sie sahen sich kurz an. Dann wandte auch Jisah seine Aufmerksamkeit Wald zu. Etwas schien ihn ganz in Anspruch zu nehmen. Jisah schlich auf allen vieren zu ihm.

Schweigend nickte Wald Jisah zu und lenkte seinen Blick zum gegenüberliegenden Ufer. Jisah schaute angestrengt in die Nacht hinaus. Er sah – nichts.

Plötzlich fiel ihm auf, dass das Froschkonzert verstummt war. Es herrschte völlige Stille um den See. Selbst die Bäume hatten aufgehört, ihre Äste im Wind zu wiegen. Schlaff hingen ihre Blätter herab. Jisah wurde noch aufmerksamer. Seine Muskeln spannten sich. Nichts zu hören war gefährlich. Sehr gefährlich! Warum waren die Frösche still?

Er strengte seine Augen an und blickte konzentriert zum anderen Ufer.

Dann, seine Pupillen begannen schon zu schmerzen, sah er die Schatten, die sich hinter dem Schilf bewegten.

„Hyänen“, hörte er Wald von der Seite flüstern.

Auch Pepe und Winter kauerten nun neben ihnen. Gemeinsam beobachteten sie gespannt, was sich dort am gegenüberliegenden Ufer zusammenrottete. Pepe war der Erste, der die Stille mit seinem Flüstern durchbrach: „Es scheint eine ganze Meute zu sein.“

Die anderen nickten.

„Was sollen wir tun?“ Fragend sah Wald seine Gefährten an.

„Pepe und ich könnten uns leise um den See schleichen und auskundschaften, was diese Hyänen hier wollen“, antwortete Jisah und schaute in die Runde.

Pepe wandte sich Jisah zögernd zu. „Du willst mir jetzt nicht sagen, dass wir beide da rausschleichen sollen?“

Jisah zuckte mit den Schultern. „Warum nicht? Hast du Angst?“

„Geht nicht zu nah ran“, warnte Wald.

„Wir werden vorsichtig sein“, versprach Jisah grinsend und kaum dass er es gesagt hatte, nahm er Pepe bei der Hand und zog ihn lautlos hinaus ins Dunkel der Nacht.

Sie hielten sich nah am Wasser, Pepe dicht hinter Jisah. Der Boden war sandig und knirschte leise unter ihren Sohlen. Nach einiger Zeit, vielleicht so lange, wie du brauchst, um einmal durch den Lutherpark zu laufen, erreichten sie das dichte Schilf.

Vorsichtig kauerten sie sich nieder, schoben mit ihren Händen die Halme auseinander und lugten durch den Spalt.

Was sie sahen, verschlug ihnen den Atem. Die Hyänenmeute war riesig. Pepe versuchte, sie zu zählen, doch er gab schnell auf. Es schienen mehrere Hundert zu sein. Eine ganze Armee.

Sie lagerten in einem großen Kreis, Hyäne an Hyäne. In der Mitte stand ein Zelt aus grobem Leinen. Es hatte vier Ecken und war oben ganz flach. An der schmalen Seite befand sich ein Eingang, dessen Klappe nach oben aufgeschlagen war und von zwei Holzpfosten gehalten wurde. Ein matter Schein drang durch das Zelt, als wären Kerzen darin aufgestellt.

Eine großgewachsene Hyäne trat aus dem Eingang. Geschmeidig bewegten sich ihre Läufe. Ihre muskulösen Vorderbeine waren deutlich länger als ihre stämmigen Hinterbeine. Von ihrem massiven Kopf ausgehend, fiel ihr buschig behaarter Rücken sanft nach hinten ab. Im Zwielicht des Kerzenscheins hob sich die schwarze Mähne deutlich vom fleckigen Hellbraun des übrigen Felles ab. Sie überragte die anderen Hyänen im Lager fast um das Doppelte. Die beiden Jungen hielten den Atem an.

Dicht auf ihren Fersen folgte ein tiefschwarzer Wolfshund. Sein Fell glänzte im Mondlicht. Ein eiskalter Schauer durchlief Pepe. Jisah zitterte vor Aufregung.

Die Hyänen blickten in Richtung der beiden Tiere. Ein Zischen ging durch die Meute, es war bis zu Jisah und Pepe zu hören.


Die Hyäne, die aus dem Zelt getreten war, konnte nur der Anführer sein. Obwohl sie hundert Schrittlängen von ihnen entfernt stand, kam es ihnen so vor, als drangen ihre Blicke durch die Dunkelheit, über die Hyänen hinweg, durch das Schilf und bis zu ihnen. Pepe biss die Zähne aufeinander, bis sie knirschten.

Das riesige Tier warf seinen Kopf schüttelnd in den Nacken, riss sein Maul auf und stieß ein schreckliches Lachen in die Dunkelheit hinaus. Dabei entblößte es seine langen Reißzähne. Jeweils zwei Stück wuchsen auf jeder Seite des Ober- und des Unterkiefers. Die hinteren waren länger und spitzer. Selbst als die Hyäne ihr Maul wieder schloss, ragten sie wie Säbel aus ihren Maulwinkeln. (Ihr könntet jetzt denken, ich übertreibe. Aber nein, sie sah wirklich ganz furchterregend aus.)

Wie in Zeitlupe drehte sie sich im Kreis. Ihr Schädel wurde umrahmt von langem grauem Haar, das fast ihren ganzen gedrungenen Hals bedeckte. Unterwürfig duckten sich die Hyänen unter dem Blick ihres Anführers.

Dieser leckte sich mit der Zunge über die Flanken. Dann schien er leise mit dem Wolfshund zu sprechen, der sich kurz darauf zu einer Runde durch die Hyänen aufmachte. Ich nehme an, er wollte kontrollieren, dass alle Hyänen ihre richtigen Plätze in der Lagerordnung eingenommen hatten.

Jisah und Pepe verloren ihn in der Dunkelheit aus den Augen.

Dann streckte der Anführer seinen Hals noch einmal majestätisch zum Himmel und zog sich in sein Zelt zurück.

Jisah und Pepe atmeten durch.

„Was in aller Welt war das?“, flüsterte Pepe.

„Ich habe keine Ahnung“, antwortete Jisah.

Schweigend dachten sie nach.

„Wir finden es raus“, flüsterte Jisah kurzentschlossen und zwängte sich durchs Schilf.

„Bist du lebensmüde?!“, zischte Pepe. „Komm zurück!“

Doch Jisah war schon verschwunden.

Zögernd folgte Pepe ihm. Alleine zurückbleiben wollte er nicht. Seine Füße traten schmatzend ins schlammige Nass zwischen den Halmen. In seinem ganzen Körper breitete sich ein unbehagliches Gefühl aus. Kurz darauf lagen sie auf der anderen Seite des Schilfgürtels auf dem Boden. Ohne jegliche Deckung. Nur wenige Schritte von ihnen entfernt begann der äußerste Kreis der Meute.

So verbrachten sie eine ganze Zeit. Schweigend lagen sie nebeneinander. Stille senkte sich nun auch über das Lager der Hyänen. Sie schienen einzuschlafen.

Jisah hob leicht den Kopf und flüsterte in Pepes Richtung: „Du wartest hier. Ich schau mir das mal aus der Nähe an.“

Und wieder kam Pepe gar nicht erst dazu, zu protestieren, so schnell kroch Jisah auf allen vieren davon.

Den ersten Kreis zu überwinden empfand Jisah noch als recht leicht. Er war geübt im Schleichen und hatte schon früh gelernt, sich lautlos zu bewegen. Doch wo an den äußeren Ringen noch ein wenig Platz zwischen den einzelnen Leibern gewesen war, wurde es nun immer enger. Dicht an dicht lagen die Hyänen. Jisah war beunruhigt, weil er den schwarzen Wolfshund nicht sehen konnte. Trotzdem schlich er leise weiter. Fuß vor Fuß. Hand vor Hand … Mittlerweile hatte er die Hälfte der Strecke geschafft und blickte zurück. Wenn er jetzt einen Fehler machte, war er verloren. Das wusste er genau. Er presste sich flach in eine Mulde und verschnaufte.

Pepe lag immer noch regungslos am Rand der Meute. Wie ein Schlag fuhr der Schreck durch seinen kleinen Körper, als ihn eine feuchte Schnauze anstieß. Er schreckte hoch und drehte sich um.

„Leise“, raunte ihm Winter ins Ohr. „Warum seid ihr nicht längst zurück? Wo ist Jisah?“

Pepe wies mit einer Kopfbewegung zu den schlafenden Hyänen.

In diesem Augenblick erhob sich Jisah aus einer Mulde und setzte seinen Weg durch das Hyänenmeer langsam und behände fort.

Winter knirschte mit den Zähnen und blickte Pepe an. „Der Junge hat doch Ameisen im Kopf! Lauf sofort zurück zum Lager und packe mit Wald unsere Sachen. Schnell! Und leise! Wartet dort auf uns. Kommt nicht hierher. Wenn etwas schiefläuft …“ Winter blickte zur Meute, „ … und darauf verwette ich zwei meiner Läufe! –, treffen wir uns an den sieben kleinen Felsen hinter dem Siebengebirge. Sag das Wald! Hast du verstanden?“

Pepe nickte und verschwand im Schilf.

In dem Zelt flackerte Kerzenschein. Jisah hatte es fast erreicht, als er aus den Augenwinkeln einen Schatten wahrnahm.

Aha. Der Wolfshund bewegte sich geschmeidig am westlichen Flügel des Lagers. Jisah schlich geduckt weiter. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von der Zeltwand.


DIE BEUTE

Winter beobachtete Jisahs Alleingang mit einem mulmigen Gefühl. Er presste sich dicht ans Schilf, um mit seinem massigen Körper nicht aufzufallen. Sein Nacken war angespannt, seine Augen folgten dem Wolfshund, der schon seit geraumer Zeit ums Lager schlich und Nachtwache zu halten schien.

Der Wolfshund hob seine Schnauze und sog die klare, kalte Nachtluft ein. Dann warf er einen Blick über den See, wandte sich um und machte sich auf den Weg zum Zelt, indem er über die Leiber der Hyänen stieg.

Jisah atmete lautlos und schmiegte seinen Körper an den sandigen Boden. Er war fast unsichtbar und nur noch eine Armlänge von der Zeltwand entfernt. Er streckte sich, zog die Beine nach und spürte den groben Stoff an seiner Wange. Vorsichtig hob er die Zeltwand eine Handbreit an und spähte durch die Öffnung.

Der Boden des Zeltes war mit einem dunkelroten, kunstvoll geknüpften Teppich ausgelegt. In der Ecke standen eine silberne Schale mit Wasser und silberne Kerzenleuchter, in denen weiße Kerzenstummel brannten. Jisah sah den haarigen Rücken der schlafenden Hyäne direkt vor sich.

Pepe und Wald räumten lautlos das Lager. Ihre wenigen Habseligkeiten waren schnell zusammengepackt. Pepe verstaute sein Wurfmesser in Walds Satteltasche und lehnte sich gegen den Fuß der Eiche. Wald legte sich neben ihn, blickte ihn an und fragte: „Wie sah sie aus, diese Hyäne?“

Pepe berichtete von den Erlebnissen: „Sie war umringt von Hunderten Hyänen. Nachdem wir durchs Schilf gekrochen waren, trat sie aus ihrem Zelt, reckte den Kopf und stieß ein gräuliches Lachen aus. Sie hat säbelartige Reißzähne und ist größer als jede andere Hyäne.“

Wald unterbrach Pepe: „Hat sie einen Begleiter?“

„Ja“, antwortete Pepe gehorsam. „Einen schwarzen Wolfshund.“

Walds Gesicht furchte sich so sorgenvoll, dass es fast Ähnlichkeit mit der Rinde der Eiche bekam. Dann flüsterte er: „Hundrrit.“

„Hundrrit?“, fragte Pepe

„So heißt er. Er ist der grausame König der Hyänen“, antwortete Wald.

Jisah lag immer noch regungslos neben dem Zeltleinen und starrte auf den Rücken der Hyäne. Auf einmal flackerten die Flammen der Kerzen. Jemand hatte die Zeltöffnung angehoben! Jisah verringerte den Spalt und strengte seine Augen mächtig an. Der Schädel des schwarzen Wolfshundes erschien in der Öffnung.

Der Wolfshund sah sich im Zelt um. In der Mitte des Zeltes verharrte sein Blick und er schien etwas genau zu betrachten, das Jisah nicht erkennen konnte, weil die Hyäne ihm mit ihrem Rücken die Sicht versperrte. Jetzt bewegte sie sich, hob ihren Kopf und nickte dem Wolfshund zu. Daraufhin zog dieser sich zurück. Jisah lauschte seinen Schritten.

Die Hyäne schien wieder zu schlafen. Jisah strengte seine Ohren an und versuchte, alle anderen Geräusche zu ignorieren. Da hörte er, wie eine Pfote nach der anderen sanft den Boden berührte und – jäh durchfuhr ihn ein Schrecken – näher kam.

Jisah dachte nicht nach. Er hob die Zeltplane, machte sich so dünn wie möglich und zwängte sich mit einem leise schabenden Geräusch in das Innere des Zeltes. Er hielt die Luft an. Mit seinem Gesicht berührte er fast den Körper der Hyäne.

Einige Haare kitzelten ihn an Stirn und Nase. Reglos blieb er liegen. Vorsichtig versuchte er zu atmen. Die Hyäne roch wie ein nasser Runk.

Jisah spürte, wie der Wolfshund an der Außenseite des Zeltes schnüffelte. Dann hörte er sein Knurren und eine harte Schnauze stieß ihn durch die Zeltwand hindurch in den Rücken. Jisah sprang auf und blieb wie erstarrt stehen, leicht gebeugt, weil das Zelt zu niedrig war, und mit eingezogenem Bauch, weil er weder der Zeltwand noch der Hyäne zu nahe kommen wollte. Da berührten seine Fußspitzen schon den Schwanz der Hyäne. Er hörte, wie der Wolfshund ums Zelt jagte. Sein Körper straffte sich und sein Blick fiel auf einen Gegenstand, der in der Mitte des Zeltes lag.

Es war eine kunstvoll gearbeitete Schatulle, etwa so groß wie das Buch, das du gerade in der Hand hältst. Ihr Körper wölbte sich an den Seiten wie ein dicker brauner Bauch nach außen. Unten hatte sie vier winzige runde Füße. Der Deckel war mit wunderschönen Schnitzereien verziert. Jisah meinte, drei Federn zu erkennen, deren Kiele sich kreuzten. Darüber war etwas in einer geschwungenen Schrift geschrieben, die Jisah nicht lesen konnte. Ein Schloss gab es nicht.

Ohne zu wissen, was er tat, sprang er über die Hyäne. Vor der Schatulle ging er in die Hocke. Die Hyäne bewegte ihre Schnauze und entblößte zwei ihrer Reißzähne. Hinter sich hörte er die Schritte des Wolfshundes. Rasch öffnete Jisah die Schatulle. Die Hyäne bewegte ihre Augenlider. Die Schatulle war mit rotem Samt ausgekleidet. In ihr lag eine unscheinbare graue Feder. Die Plane des Zelteinganges raschelte. Jisah schnappte sich die Feder, sprang über den massigen Leib der Hyäne und presste sich flach auf den Boden. In diesem Moment schlug das Leinen zur Seite und der schwarze Wolfshund brach durch den Eingang.

Von jetzt an ging alles so schnell, dass ich kaum mit dem Erzählen hinterherkomme. Es dauerte so lange wie der Moment, in dem du einmal zwinkerst. So muss es zumindest Jisah vorgekommen sein und mir wurde es auch so berichtet.

Der schwarze Wolfshund erblickte die offene und leere Schatulle. Er knurrte laut, fletschte seine Zähne und seine harten Augen schienen jeden Winkel des Zeltes gleichzeitig zu durchdringen. Im selben Moment, oder vielleicht auch schon kurz vorher, erwachte die Hyäne. Jisah rollte sich zur Seite und verschwand unter der Zeltwand. Er atmete stoßweise aus und presste die Luft aus seinen Lungen. Dann blickte er in den tiefschwarzen sternenbehangenen Himmel. Die Luft war klar und kalt.

Er fuhr auf. Jisah rannte und sprang, sprang und rannte. Sein Herzschlag erfüllte ihn von den Fußspitzen bis zum Hals. Sein Kopf prickelte, als lebte ein Ameisenvolk darin. (Und Winter würde sagen, wenn ihr ihn fragen würdet, dass da wirklich eines lebt!) Ein langer Schritt über eine der schlafenden Hyänen. Die nächste Hyäne übersprang er. Sie drehte sich im Moment seiner Landung. Er trat auf ihre Läufe und sie sprang jaulend auf. Hinter ihm, aus dem Zelt, klang ein tiefes, langsam ansteigendes Grollen, das sich zu einem wutentbrannten Gebrüll steigerte und dann plötzlich endete.

Jisah pumpte aus seinem Körper heraus, was er zu leisten im Stande war. Er konnte sich selbst nicht erinnern, ob er jemals so schnell gerannt war. Er schlug Haken, wich aus, stemmte ein Bein in den Boden, sprang ab, weiter, als er je glaubt hatte, springen zu können. Immer mehr Hyänen um ihn herum erwachten. Er sah eine riesige Masse vor sich, die wie in Zeitlupe in Bewegung geriet. Hinter sich vernahm er ein gleichmäßiges Schnaufen. Dann spürte er den heißen Atem in seinem Nacken.

Winter richtete sich ruckartig auf. Er stand dicht am Schilf und beobachtete scharf, wie Jisah über die Leiber der Hyänen sprang. Jede einzelne Hyäne schien er im selben Moment im Auge zu haben. Er sah, wie Jisah sprang, landete, weiterrannte. Dann hätte das Geschehen fast seine Wahrnehmung überrannt, so schnell passierte alles. Doch Welfen haben Augen wie Luchse.

Der schwarze Wolfshund jagte aus dem Zelt. Ihm folgte das schreckliche Grollen Hundrrits. Es schwoll an, wurde tiefer und rasselte, erhob sich zu einem wilden Getöse und blieb dann abrupt in der Luft stehen. Stille.

Der Wolfshund nahm die Verfolgung auf. Aus Winters Blickwinkel war er mindestens doppelt so schnell wie Jisah und die Hyänen machten ihm Platz. Der Wolfshund spannte seine Muskeln an, seine Hinterläufe stießen in den sandigen Boden, sein drahtiger Körper straffte sich und schnellte durch die Luft.

Da erwachten auch endlich Winters Beine. Er startete durch und flog, beinahe aus dem Stand, über die Leiber der Hyänen.

Eine keuchend knurrende Hyäne entblößte ihr Gebiss und hielt Jisahs Lauf auf. Jisah stockte, stolperte und fiel über seine eigenen Füße. Seine Hände fassten in Sand und Fell, er rutsche mit dem Gesicht über den Boden. Dann sah er einen schwarzen Schatten über sich. Weiße Zähne blitzten auf. Jisah drehte sich auf den Bauch und rollte sich zur Seite. Der Wolfshund landete neben ihm, drehte sekundenschnell seinen Kopf. Seine Augen waren zorngerötet, seine Reißzähne entblößt. Seine Schnauze bebte und sein Kopf bewegte sich ruckartig.

Winters Vorderpfoten kamen mit Wucht neben Jisahs Kopf auf dem sandigen Boden auf. Sein Hinterleib rutschte erst seitlich weg, aber das mittlere Paar seiner Läufe beschleunigte schon wieder, während Jisah sich verzweifelt an das Fell des Welfen klammerte, sich auf seinen Rücken schwang und ihm die Arme um den Hals schlang. Seine Beine zitterten. Winter tat das, wofür er geschaffen wurde. Er rannte.

Jisahs Herz raste immer noch zum Zerspringen. Der Atem des Welfen pendelte sich langsam ein. Die Bäume und Sträucher flogen so schnell an Jisah vorbei, dass er sie nur als huschende Schatten wahrnahm. Hatte ich bereits erwähnt, dass Welfen die schnellsten Tiere in diesem Teil der Erde sind? Nun, wie auch immer. Nur, falls ihr mir vorhin nicht geglaubt habt. Hier ist der Beweis.

Als sie die Meute hinter sich gelassen hatten, griff Jisah unter sein Hemd.

Die Feder war da.

Winter verlangsamte sein Tempo und blieb unter den ausladenden Ästen einer Tanne stehen. Weit vor ihnen lag das hügelige Vorland, an dessen Ende sich das Siebengebirge dunkelblau vom Himmel abhob. Ein frischer Nachtwind zerzauste ihre Haare und ließ Jisah frösteln. Der kernige Geruch frischgetrockneten Heus durchzog, zart wie seidene Fäden, die Luft.

„Warum bleibst du stehen?“ Jisah keuchte die Frage in Winters Ohr.

„Was hast du getan, Junge?“ Unsanft stieß Winter die Worte durch seine Reißzähne. Er drehte seinen Kopf nach hinten und blickte Jisah an. „Hast du den Verstand verloren?“

Hinter sich glaubte Jisah den rasselnden Atem der Hyänen zu hören. Doch was er wirklich hörte, war das Geräusch von Hunderten von Pfoten, die auf dem Boden aufschlugen und einen Rhythmus erzeugten, der dem Hufgetrappel von Wildpferden sehr ähnlich war.

„Jetzt lauf schon!“, japste Jisah.

„Was hast du getan, Jisah?“

Jisah blickte hektisch nach hinten. „Ich war in dem Zelt. Da lag nur eine Feder rum. Nichts Besonderes. Hab sie eingesteckt.“ Jisah zuckte mit den Schultern.

Ein Grollen durchlief Winter. „Ich sollte dich ihnen zum Fraß vorwerfen, Junge! Eine Feder, sagst du?“

„Ja, sie war in einer komischen braunen Schatulle.“

Ein paar Sekunden lang war Winter wie erstarrt. „Wir müssen sicher sein, dass sie unserer Spur folgen“, antwortete er hektisch. „Sie dürfen nicht Wald und Pepe folgen. Die beiden haben – so wie du dummer Junge – keine Ahnung, in welcher Gefahr sie schweben. Wald wird der Bracht folgen. Das ist der einfachste Weg zum Siebengebirge. Darum reisen wir in einem Bogen zuerst nach Osten und schlagen uns bis nach Ferris durch, wo wir …“

Winter konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Wildes Kriegsgeheul verriet ihnen, dass die Meute ihre Spur entdeckt hatte. Sie jagte jetzt in wildem Durcheinander geradewegs auf die Tanne zu.


DIE JAGD DURCH DAS FELSENMEER

Wald und Pepe brachen auf. Pepe war noch immer vom Schrei der Hyäne aufgewühlt. Wald hatte nicht viele Worte gemacht. Schweigend ritten sie durch weitläufiges und saftiges Heideland. Die Bracht schlängelte sich mit tiefem Glucksen rechts von ihnen durch ihr breites Bett. Eine Herde Wiesenden hob kurz skeptisch die Köpfe, als die beiden Gefährten an ihnen vorbeiritten. Kaninchen stoben auseinander und ein Fuchs bellte ihnen heiser nach. Wald wandte seinen Lauf näher zur Bracht und ging einige Schritte ins Flussbett hinein, um ihre Spuren zu verwischen.

Hier floss der Fluss träge und flach. So konnten sie ohne größere Kraftanstrengung durch die Strömung laufen. Auf dem Grund des Flusses schimmerten Kieselsteine im Licht des Mondes. Die Strömung kräuselte sich, wo größere Steine unter der Wasseroberfläche lagen. Forellen stoben auseinander, wenn Walds Läufe ins Wasser eintauchten. Pepe fühlte die Feuchtigkeit von unten heraufsteigen. Am Horizont deuteten dunkle Linien die Vorläufer des Siebengebirges an.

Sie entschieden, noch während der Nacht einen möglichst großen Abstand zwischen sich und die Meute der Hyänen zu bringen.

Nach ungefähr einer Stunde erreichten sie eine kleine, von niedrigem Gebüsch eingegrenzte Bucht. Wald stieg aus dem Wasser. Pepe glitt vorsichtig von Walds Rücken, damit sich dessen Pfoten nicht zu tief ins Kiesbett eingruben. Hinter Wald gehend, setzte er sanft einen Fuß vor den anderen. So hinterließen die beiden eine Spur, die nur ein geübter Fährtenleser würde entdecken können. Wind und Wetter würden den Rest erledigen und in kürzester Zeit sämtliche Abdrücke unsichtbar machen.

Die Bucht mündete in einem ausgetretenen Pfad. Pfennigkraut, Sumpfdotterblumen und Schilf säumten seine Ränder. Pepe stieg auf Walds breiten Rücken.

Bereits nach wenigen Metern knickte der Pfad unsanft nach Norden ab und schlängelte sich am Ufer der Bracht entlang. Sie folgten dem Pfad bis zum Monduntergang. Als sie eine kleine Felsplatte erreichten, die den Pfad wieder mit dem Fluss verband, war der Mond völlig verschwunden und die Morgendämmerung würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die ersten Frösche begannen zu quaken und ein Auerhahn kündigte mit seinem Geschrei das Anbrechen eines neuen Tages an. Noch war es dunkel.

Während sie nebeneinander auf der rauen Felsplatte standen und das kühle Wasser der Bracht ihre Füße umspülte, wurde Pepe sich sicher, dass sie jeden Verfolger abgehängt hatten. Wenn es überhaupt welche gegeben hatte.

Pepe schwang sich auf Walds Rücken. Den Fluss entlang ging es durch das erwachende Land. Aus den Bäumen und Büschenklang das erste Morgenlied der Vögel. Das gleichmäßige Hämmern eines Spechtes drang aus einer kleinen Waldgruppe von links zu ihnen herüber. Pepe sah ein Spinnennetz, in dessen Fäden der Tau die ersten Sonnenstrahlen einfing. Wie Hunderte tropfenförmiger Diamanten schwebten sie im reinen Licht des anbrechenden Morgens. Kurz nach Sonnenaufgang zwang sie ein dichtes Brombeergebüsch, die Ufer der Bracht zu verlassen und sich westlicher zu halten.

Pepe überredete seinen Gefährten zu einer kurzen Rast, um eine Handvoll Beeren zu pflücken. Das war nicht schwer, denn Welfen lieben, wie ich nebenbei erwähnen möchte, Beeren über alles. Natürlich geht ihnen nichts über ein saftiges Stück Fleisch oder knusprig gebratenen Speck mit Salbei, Eiern und Butterkartoffeln, doch beim Anblick von Johannisbeeren, Blaubeeren, Himbeeren, Myrbeeren und all den Beeren, die es im Brachtland in Hülle und Fülle gibt, lacht ihr Herz.

Pepe glitt von Walds Rücken herunter und stakste durch die fast kniehohen Gräser. Gemütlich machte er sich daran, eine Brombeere nach der anderen in Walds Satteltasche verschwinden zu lassen.

„Du solltest auch auf deinen Gefährten achten“, schmunzelte Wald ihn an. „Weißt du nicht mehr? Die erste Regel lautet …“

Pepe grinste: „Ich hab verstanden, Wald!“

Ab nun wanderte nur noch jede zweite Brombeere in die Satteltasche. Alle anderen fanden den direkten Weg in Walds hungriges Maul. Er schmatzte genüsslich. Pepe reckte sich. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und beugte sich weit nach vorne, um für seinen Freund nur die süßesten und dicksten Beeren aus dem stacheligen Buschwerk zu angeln.

Zufrieden lag Wald im Gras. Pepe lehnte sich an seinen breiten Rücken und schob sich eine Beere nach der anderen in den Mund.

„Pssst … schau mal da drüben“, flüsterte Wald ihm zu. „Wir werden beobachtet.“

Pepe wandte vorsichtig den Kopf und entdeckte einen jungen Fuchs, dessen Kopf keck hinter einem abgestorbenen Baumstamm hervorlugte. Misstrauisch hatte der Kleine seine lange Stirn zusammengezogen und seine großen Ohren weit aufgestellt. Pepe konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Rötlich schimmerndes Fell umschloss die schmale weiße Fuchsschnauze, die von einer zierlichen schwarzen Nase gekrönt wurde. Pepe blickte in dunkle bernsteinfarbene Augen. Leicht umwehte der Wind das zarte Buschwerk hinter dem Fuchs. Pepe blinzelte. Der Fuchs war verschwunden.

Walds Maul entwich ein sattes und zufriedenes Grunzen. Müde und doch angetrieben von dem Wunsch, den Treffpunkt im Siebengebirge möglichst bald zu erreichen, brachen die beiden Gefährten mit prall gefüllten Taschen auf.

Nach einer halben Stunde begann das Gelände abzufallen und der Boden wurde steiniger. Vereinzelte Felsbrocken, die schroff aus dem Boden ragten, begannen nun ihren Weg zu säumen. Dichtes pelziges Moos überwucherte das Gestein. Karge Fichten drängten aus dem felsigen Boden hervor und klammerten sich mit ihrem dünnen, zähen Wurzelwerk – wie mit knöchernen Fingern – in die feinsten Ritzen.

Mit jedem Schritt zog sich das üppige Weideland zurück. Langgewachsene Halme schmiegten sich um dicht gestreute Gesteinsbrocken in allen Größen und Formen. Sie ritten auf dem abfallenden Weg in eine Schlucht hinein, deren Wände sich zusehends höher und höher in den Himmel reckten. Feuchte Felsformationen erhoben sich und dämpften das Licht und die Wärme der Sonne. Nur vereinzelt wagten sich einige zarte Strahlen in die Tiefe der Schlucht und schimmerten in braun goldenen Tönen auf den klammen Felswänden. Ein Duft von nasser Erde und modrigem Laub tränkte die Luft. Dichte Farnbüschel duckten sich in die aufsteigenden Felswände hinein und breiteten ihr zarten, weit gefächerten Blätter aus.

Vorsichtig setzte Wald einen Lauf vor den anderen. Es mochte wohl eine halbe Stunde vergangen sein, als die Schlucht sich langsam und kaum merklich zu einem riesigen grünbraunen Trichter weitete. Bald schon erreichten sie einen alten Buchenwald. Die schmalen Stämme wuchsen kerzengerade zwischen den Steinen in den Himmel. Hellgrünes mattes Licht drang durch das Laubwerk und durchflutete sanft die sich vor ihnen ausbreitende, dicht bemooste Felsenlandschaft. Pepe stieg ab. Der Boden war von großen runden Felsbrocken aller Größen bedeckt. In der Ferne meinte Pepe das leise Glucksen eines Baches zu vernehmen. Brocken an Brocken scharten sich die Felsen. Sie fielen in sanfte Steintäler ab, schmiegten sich aneinander, lagen hoch aufgetürmt, erhoben sich und sanken, wogten, schienen seltsam bewegt und hielten doch versteinert inne.

Kreuz und quer über den Felsen lagen umgestürzte Bäume, manche flach, andere aufragend wie Spieße. Von dichtem Moos und Pilzen überzogen schienen sie ihre letzte Ruhe gefunden zu haben.

Pepe lachte hell in Walds Ohr: „Es sieht so aus, als hätten sich hier zwei Riesen amüsiert.“ Er zeigte mit seinem Arm auf die wild verstreuten Baumstämme. „Wahrscheinlich haben sie sich die Zeit mit einer Runde Gigantenmikado vertrieben.“

„Hör mir auf mit Riesen.“ Schmunzelnd schüttelte Wald den Kopf.

Wald ging nur noch im Schritttempo. Ein Weg war nicht mehr auszumachen. Tiefe Klüfte und Spalten, nur von losem Zweigwerk und feuchtem Laub abgedeckt, taten sich rechts und links eines jeden Fußtritts auf. Die Buchen lichteten sich zusehends. Bald schon erreichten sie den Waldrand. Vorsichtig traten sie aus dem Schutz der Bäume heraus.

Vom gleißenden Licht der Sonne geblendet, verengte Pepe seine Augen zu Schlitzen. Vor ihnen breitete sich ein gigantisches Felsenmeer, durchflutet vom hellen Licht des späten Vormittages, in seiner ganzen Weite aus. Staunend und mit offenstehenden Mündern hielten die beiden Gefährten inne.

Pepe entdeckte Felsbrocken, die aussahen wie erstarrte Robben. Ein riesiger schlafender Walfisch lag reglos versteinert zwischen klippenartig aufragendem Gestein. In seiner Phantasie sah Pepe mächtige Walrösser, Riesen mit abgetrennten Schädeln und liegende Säulen, wie aus riesigen Vorhallen längst vergangener Zeiten. Du hättest wahrscheinlich noch so viel mehr entdecken können. Hast du schon einmal im Gras gelegen und in den Wolken die tollsten Dinge entdeckt? Ganz bestimmt! Ja, so erging es auch Wald und Pepe. Sie kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

In der Mitte des Felsenmeeres entsprang ein kleiner Bach, der sich, in der Sonne glitzernd, durch sein schmales Kiesbett schlängelte. Wenige knorrige Büsche krallten sich mit langen dünnen Fingern in die Felsen. In der Ferne – Pepe meinte, es müsse im Westen sein – gaben die Felswände eine schmale Klamm ins Freie preis. Dort hindurch schlängelte sich, in sein tiefes Bett eingegraben, das glitzernde Bächlein. Mit zusammengekniffenen Augen ließ Pepe seinen Blick durch das Rund der Schlucht schweifen. Es schien ihm, als würden vereinzelte Pfade in einem halsbrecherischen Zickzackkurs die Steilwände hinunterführen. Sie waren kaum einen Fuß breit und immer wieder versperrten Gesteinsbrocken diese kleinen steilen Stege.

Es wird ein heißer Tag werden, dachte Pepe und wischte sich mit seinem Ärmel den Schweiß aus der Stirn. Er stieg von Walds Rücken und schwitzend begannen sie, über die gewaltigen Kieselsteine zu klettern. Wald war dieser Weg gar nicht recht und er knurrte unzufrieden vor sich her: „Klettern ist was für kleine Jungs und Affen. Ich brauche weites Land. Welfen sollten laufen und nicht klettern.“

Eine halbe Stunde lang quälte Wald sich von Felsbrocken zu Felsbrocken. Seine Laune besserte sich, als auch er endlich die Quelle des kleinen Bächleins erreichte, das munter aus einer dunklen Felsspalte sprudelte. Hier würden sie im kühlen Schatten der Felsen rasten können. Pepe, der schon lange vor Wald angekommen war, stand bis zu den Knien im Wasser und hielt seinen erhitzten Kopf ins Nass. Das Wasser war glasklar, eiskalt und schmeckte ein wenig nach Rost. Köcherfliegen und Hautflügler bevölkerten die Luft um die Quelle. Kleine Fische schwammen im sandigen Bachbett und Wasserschnecken klebten an glitschigen Kieseln.

Sie löschten ihren Durst und füllten ihre Trinkflaschen auf. Nun bemerkten die beiden auch den Hunger, der sich knurrend in ihren leeren Mägen ausbreitete. Pepe kramte in seinen Taschen und holte die Brombeeren hervor. Dann leerte er die Satteltaschen und fand ein wenig Brot, Äpfel und geräucherten Schinken. Zu ihrem Glück hatten sie auch den Proviant von Winter und Jisah bei sich. Doch der schmeckte ihnen nicht so recht. Lieber hätten sie nur halb so viel gegessen und dafür mit ihren beiden Freunden das Mahl geteilt. Die Beeren jedoch waren köstlich und Pepe begann neuen Mut zu fassen.

Jetzt, wo ihre Kehlen feucht und ihre Bäuche voll waren, wurde er schläfrig. Langsam fielen seine Augen zu. Durch die Schlitze seiner Augenlieder sah er über sich den blauen, wolkenlosen Himmel. Die scharfe Kante der Schlucht schnitt das Blau des Himmels ab und fiel in hellem Grau steil in die Tiefe. Er schloss die Augen. Sein Atem verlangsamte sich. Schläfrig lehnte er seinen Hinterkopf an die kühle Wand. Als er sie Sekunden später wieder öffnete, meinte er Schatten oben auf der Felsenkante wahrzunehmen. Er strengte seine Augen an. Dann hörte er das Grollen abstürzender Steine von der rechten Seite. Er krabbelte auf allen vieren hinter dem Felsen hervor und starrte auf die Felswand. Von der Sonne geblendet zog er sich schnell wieder hinter den schützenden Stein zurück. Als er einen Moment später seinen Kopf mit zu Schlitzen verengten Augen um die Ecke schob, durchfuhr ihn ein eiskalter Schrecken.

In mörderischem Tempo jagten Hyänen auf den Zickzackpfaden die Steilwand hinab. Immer wieder rutschten ihnen die Beine weg und sie stießen grobe Brocken in die Tiefe. Die Vorderen wurden von dem herabstürzenden Geröll fast erschlagen und mehr als einmal verfehlten die faustgroßen Brocken die Hyänen nur um Haaresbreite. Sie strauchelten, stolperten, schürften sich ihre Schnauzen auf dem Boden blutig und stürzten sich fast zu Tode. Schon erreichten die Ersten das Felsenmeer am Grund der Schlucht.

Viel flinker, als Wald es mit aller Anstrengung hinbekommen hatte, jagte das Rudel über die Felsen.

Sie kamen direkt auf ihren Lagerplatz zu.

„Wie haben die uns gefunden?“, schrie Pepe. Doch Wald raunte nur: „Beeil dich! Schnell! Wirf mir die Sättel über, zurr sie fest, dann lauf!“

Eilig versuchte Pepe, Wald die Satteltaschen umzubinden. Doch seine Hände zitterten so sehr, dass es ihm fast nicht gelingen wollte.

Pepe sah weitere Hyänen. Aus der Ferne sahen sie aus wie kleine Ponys, die am Rande des Abgrundes mit den Nüstern auf dem Boden nach einem Weg suchten. Kaum hatten sie ihn gefunden, begannen sie, sich auch auf der linken Seite des Kraters in die Tiefe zu stürzen. Einige der Hyänen begannen ihren Abstieg viele Meter vor Wald und Pepe und schlingerten die Wand hinab, um die beiden Gefährten einzukesseln.

Die Klamm am Ende des Felsenmeeres schien Pepe unerreichbar.

Wie unzählige schwarze Punkte strömten die Hyänen nun auf allen Pfaden den Steilhang hinab. Geschickt von Brocken zu Brocken springend, begannen sie, auf die beiden Freunde zuzujagen.


Geröll schlug mit ohrenbetäubendem Lärm von beiden Flanken des Kessels auf das Felsenmeer ein, zersprang am Boden und bald zog von den Steilwänden her eine Staubwolke auf die beiden Fliehenden zu.

Fluchend begann Wald zu klettern. Seine sechs Pfoten krallten sich in die Felsen, fanden keinen Halt, rutschten ab, wirbelten durcheinander. Schmerzhaft schlug er mit dem Hals auf einer kleinen Kuppe auf. Seine Knochen knackten und seine Augen brannten vor Staub und Schweiß. Er konnte seine Stärke nicht ausspielen. Beim Versuch, einen kantigen Felsbrocken zu besteigen, riss er sich eine Kralle aus. Sein klägliches Jaulen hallte von den Wänden des Kessels zurück.

Pepe sprang von Felsen zu Felsen. „Renn schneller! Klettere! Spring!“, trieb er Wald an.

Wald wurde von wildem Zorn gepackt. Er stieß ein dröhnendes Fauchen aus den Tiefen seiner Kehle hinaus und begann, von einem größeren Felsbrocken zum nächsten zu springen. Seine Muskeln spannten sich. Seine sechs Läufe stießen sich ab, die vier hinteren legten sich glatt an seinen Hinterleib an, seine Vorderpfoten waren zur Landung ausgestreckt. Langgestreckt flog er durch die Luft und landete wuchtig mit den Vorderpfoten auf dem nächsten Felsen. Mit seinen hinteren Läufen stemmte er seinen Körper nach oben und der Kraftakt begann von vorne.

Es war eine mörderische Jagd, doch Wald holte zu Pepe auf. Der Abstand zur Hyänenmeute vergrößerte sich um wenige Meter. Mit heraushängenden Zungen und wild springend hetzte die Meute über die glatten Steine. Die Hyänen hatten bereits einen Halbkreis um Pepe und Wald gezogen und begannen in diesem Augenblick, ihn zuzuziehen.

Als Pepe nicht mehr glaubte, noch einen Sprung tun zu können, sah er etwas am rechten Ende des Felsenmeeres. Fast verborgen hinter dem Schleier aus Staub stand eine kleine gekrümmte Gestalt. Pepe verharrte ein Augenzwinkern lang. Sie schien ihm hektisch zuzuwinken.

„Nach rechts!“, brüllte er in Walds Richtung, der in diesem Moment zu einem gewagten Sprung ansetzte. Ihre Blicke kreuzten sich für Sekunden. Auch Wald hatte die Gestalt gesehen und gemeinsam jagten und sprangen sie auf die kleine Höhle zu.

Pepes Gedanken überschlugen sich, während er mit letzter Kraft sprang, kletterte und rannte. Konnten sie diesem Mann vertrauen? Woher kam er so plötzlich? Vertrauenerweckend sah er nicht aus. Was führte er im Schilde? Ihm blieb keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Wie sehr wünschte er sich Winter und Jisah jetzt her! Winter pflegte immer zu sagen: „Zwei haben es besser als einer und vier sind stärker als zwei.“

Schlitternd, verschwitzt und mit Staub bedeckt, erreichten sie den niedrigen Höhleneingang.

„Schnell“, schnaubte der bleiche Mann, ergriff mit seinen trockenen, knöchernen Händen Pepes Arm und zerrte ihn ins Dunkel. Flinker als Pepe es ihm zugetraut hätte, rammte er die schwere eisenbeschlagene Tür ins Schloss. Im selben Augenblick erreichten die Hyänen die Tür. Wutentbrannt sprangen sie dagegen, kratzten mit ihren Krallen über das alte Holz und jaulten fürchterlich.

Mit einem schabenden Geräusch schob der unheimliche Mann einen rostigen Riegel vor.

„Folgt mir!“ Kratzig und rau drang seine Stimme durch die Dunkelheit, als würde man mit einem Schleifpapier über ein Stück Eichenholz fahren. Pepe schauderte. Kalter Schweiß rann seinen Rücken hinab.


DIE SCHMUGGLERHÖHLE

Jisah stieß seine Knie in Winters Flanken und warf einen gehetzten Blick über die Schultern. „Lauf!“, schrie er.

„He! Nur die Ruhe, Junge. Erstens hast du uns die Suppe eingebrockt und zweitens weißt du, dass ich schneller bin“, brummte Winter, schüttelte unwillig den Kopf und bäumte sich auf. Nachdem er sich ein letztes Mal nach den heranjagenden Verfolgern umgedreht hatte, jagte er los.

Lange, taubenetzte Grashalme streiften Jisahs Füße. Dicht über dem Boden lagen Nebelschwaden. Wabernd umzingelten sie die vereinzelt auftauchenden Büsche. Sie jagten zwischen geduckten Obstbäumen mit knorrigen, verwundenen Stämmen und ausladendem Astwerk hindurch. Weich hoben und senkten sich die sanften Hügel des Brachtlandes unter Winters Läufen.

Jisah passte sich Winters Rhythmus an und verschmolz mit seinem Rücken. Jetzt waren sie eins. Mit weit ausladenden Schritten flog Winter in den anbrechenden Morgen hinein. In regelmäßigen Abständen drehte Jisah sich um. Dann sah er die langgestreckten Hälse der Hyänen aus den Nebelschwaden herausragen. Sie waren ihnen dicht auf den Fersen. Jisah spürte Müdigkeit und Hunger in sich heraufsteigen. Für einen kurzen Augenblick schloss er die Augen.

Als er sie wieder öffnete und erneut hinter sich sah, konnte er keine Hyänen mehr erblicken. Winter neigte seinen Kopf leicht nach hinten und sagte leise:

„Du hast geschlafen, Junge.“

„Lange?“, brummte Jisah und hob den Kopf.

Die Sonne begann ihre ersten Strahlen über den östlichen Horizont zu senden.

„Nur so lange, wie ich gebraucht habe, um einen sicheren Abstand zwischen uns und die Meute zu bringen“, antwortete Winter und verlangsamte sein Tempo. „Wir sollten uns bald eine kurze Rast gönnen!“

Wie ein glutroter Feuerball stand die Sonne wenige Meter über dem Boden, und Winter und Jisah ritten, Lauf vor Lauf, mitten in den Sonnenaufgang hinein. Jisah konnte nicht einmal mehr raten, wie viele Kilometer sie schon zurückgelegt hatten.

Jeder Knochen seines Körpers schmerzte und das nagende Hungergefühl ließ ihn zittern. Als er meinte, keinen einzigen Meter mehr reiten zu können, erreichten sie ein schmales Tal. Bald stiegen die Hügel zu ihrer rechten Seite an, wurden felsiger und strebten mit jedem Schritt, den sie zurücklegten, steiler in den Himmel. Jisah ließ seinen Blick über die Felswand schweifen. Als sie das Tal fast durchquert hatten, entdeckte er eine Felsspalte. Sie zog sich vom Boden durch den Felsen in die Höhe und schien einen sicheren Unterschlupf zu gewähren.

Winter ritt auf die Felsspalte zu. Kurz vor ihr kam er zum Stehen. Sie zog sich wie der Eingang zu einer Schlucht nach oben. Aber es war eine Höhle, deren Dach sich weit oben schützend über ihnen wölbte.

„Lass uns bitte eine Pause machen“, keuchte Jisah. „Ich kann nicht mehr!“

Winter nickte und schlich ins Halbdunkel.

Nach nur wenigen Metern ließen sich die beiden nieder. In der Höhle war es kalt und klamm. Jisah fror. Wie gerne hätte er nun in seine Satteltasche gegriffen, etwas gegessen und getrunken.

„Wir können hier nicht lange bleiben“, flüsterte Winter.

Jisah nickte schläfrig und kuschelte sich in Winters warmes Fell. Doch kaum waren seine Augen zugefallen, da sprang Winter schon wieder auf. „Schnell! Komm mit“, raunte er. Stolpernd folgte Jisah Winter, der tiefer in die Höhle eindrang. Die beiden hielten den Atem an und lauschten. Es klang, als näherte sich Hufgetrappel.

„Das sind keine Hyänen“, raunte Jisah Winter zu. Winter nickte.

Die Hufschläge näherten sich, wurden lauter und kamen direkt vor der Höhle zum Verstummen. Leises Stimmengewirr drang an ihre Ohren. Dann setzten Hufe auf steinigem Boden auf und die Geräusche hallten von den hohen Wänden zurück.

Jisah und Winter pressten sich dicht hinter einen Felsvorsprung. Jisah wagte einen Blick um die Ecke. Der Eingang der Höhle war von Eseln und kleinwüchsigen bärtigen Männern bevölkert. Sie trugen schlabbrige Stoffhosen, die nach unten enger wurden und in den Schäften hoher Lederstiefel steckten. Ihre Hemden waren bunt und flatterig. Die Esel standen am Eingang der Höhle und scharrten mit den Hufen. Schon waren einige Männer dabei, ein Feuer zu entfachen.

Jetzt fiel Jisah auf, dass der Boden rußschwarze Flecken hatte. „Diese Männer scheinen öfter hier zu sein“, flüsterte er Winter zu.

„Pssst“, zischte Winter.

Kochgeschirr wurde aus Satteltaschen gekramt und Trinkflaschen machten die Runde. Nach einigen Minuten hatten sich die Männer um das Feuer niedergelassen. Bald durchzog der köstliche Geruch nach gebratenem Speck und geröstetem Brot die Höhle. Jisahs Bauch krampfte sich schmerzhaft zusammen. Winter stieß Jisah von hinten an. „Lass mich auch mal!“ Er drängte Jisah zur Seite. Als er sich Jisah wieder zuwandte, flüsterte er: „Es sind Eselreiter. Schmuggler. Ein wildes und gefährliches Volk. Sie sollten uns besser nicht entdecken. Denn wahrscheinlich …“, Winter zeigte ins Dunkel der Höhle hinein, „ … sitzen wir mitten in einem ihrer geheimen Lager.“

Und wieder lugte Jisah neugierig um die Ecke und beobachtete die Schatten, die der Feuerschein an die Wand warf. Die Eselreiter erzählten sich gegenseitig wilde Geschichten und lachten rau. Fett tropfte von ihren Fingern und sie schlangen das Brot mit groben Bissen hinunter. Einer der Reiter wischte sich die Hände an seiner Hose ab, stand auf und holte eine Fidel aus der Satteltasche seines Esels. Bald durchzogen lustige Töne die Höhle und die Gespräche verstummten.

Müde und satt lehnten sich die Eselreiter mit ihren Rücken gegen die Felswände.

Unterdessen wurde Jisah unruhig. Die Hyänen würden ihr Versteck bald aufgespürt haben.

Jisah hatte seine Sorge Winter gegenüber gerade ausgesprochen, als ein spitzer Hornstoß ertönte. Kurz darauf durchriss ein weiteres Warnsignal die Luft. Der Fidelspieler hielt inne. Stille breitete sich in der Höhle aus. Die Eselreiter lauschten aufmerksam. Jisah griff unter sein Hemd, um nach der Feder zu fühlen. Er hob seinen Kragen und blickte darunter. Sie leuchtete in einem matten silbernen Licht. Er blinzelte. Das Leuchten war noch da. Verwundert schüttelte Jisah den Kopf. Vorne in der Höhle brach Aufregung aus. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Zwei weitere Hornstöße schallten aus der Ferne in die Höhle hinein. Die Eselreiter sprangen auf. Nur Sekunden später vernahm Jisah lautes Hufgetrappel. Ein junger Eselreiter erreichte den Eingang der Höhle. Jisah sah seine Silhouette. Es war ein Junge, etwa so alt wie er selbst. Noch bevor die Beine seines Reittieres völlig still standen, sprang er ab. Atemlos keuchend schlitterte er in die Höhle hinein.

„Sie sind direkt hinter mir!“, stieß er aus. „Hyänen! Eine ganze Meute“, fuhr er keuchend fort.

Hektisch sprangen die Schmuggler auf. Becher fielen scheppernd zu Boden. Einer der Schmuggler begann eilig, mit seinen schweren Stiefeln das Feuer auszutreten.

In diesem Augenblick verließen Winter und Jisah ihre Deckung. Sie traten aus dem Versteck hervor. Sofort waren alle Blicke auf sie gerichtet. Stille breitete sich aus. Dann schnellten die Köpfe zurück zum Eingang, wo der kleine Junge, noch immer völlig außer Atem, an seinen Esel gelehnt stand. Winter reckte seinen Kopf und sprach leise, aber bestimmt: „Sie jagen nicht euch. Sondern uns!“

Ohne genau zu wissen, was er tat, griff Jisah unter sein Hemd und zog die Feder hervor. Ihr silberner Schein erleuchtete die gesamte Höhle.

Die Stille war greifbar. Jisah stand nur da. Alleine neben Winter. Die Feder in der linken Hand. Alle Blicke waren auf ihn und auf die Feder gerichtet.



DER KNOCHENSAMMLER

Zögernd folgten Wald und Pepe, immer noch völlig außer Atem, der gekrümmten Gestalt ihres bleichen Führers. Pepe bemerkte, dass dieser humpelte. Schwer stützte sich der Höhlenbewohner auf einen langen Stab. Mit einem dumpfen Dröhnen setzte er ihn Schritt für Schritt neben sich auf. In der linken Hand hielt er eine funzelige Grubenlampe. Als Pepe den Stab im Zwielicht der Lampe genauer betrachtete, fiel ihm auf, dass er nicht aus Holz, sondern aus einem sehr großen, sehr alten Knochen zu sein schien.

„Was ist das für ein Mensch?“, flüsterte Pepe Wald atemlos ins Ohr.

Völlig erschöpft lehnte er sich gegen die kalte Höhlenwand. Wald rang nach Atem und keuchte: „Ein Knochensammler.“

„Oh, Sie sprechen über mich?“ Der Knochensammler drehte sich um. „Ich habe mich nicht vorgestellt. Wie unhöflich von mir. Ich bedauere es zutiefst. Entschuldigen Sie bitte, hohe Herren. Ich meine fast, auch Sie hätten es ein klein wenig eilig gehabt. Wie auch immer.“ Er wischte mit seiner Hand durch die Luft und die Grubenlampe flackerte. „Mein Name ist Geiswind. Geiswind, der Knochensammler.“

Pepe warf einen fragenden Blick in Walds sorgenvolles Gesicht.

Der Knochensammler umklammerte seinen Knochen und senkte den Kopf. „Ja, ja“, murmelte er halblaut, „die feinen Herren halten nicht viel von unsereins. Ja, ja. Es muss wohl so sein.“ Er schüttelte seinen Kopf und Pepe befürchtete beinahe, dass ihm dieser vom Hals fallen würde. Die Haut des Alten war fast durchsichtig, dünn und zerknittert. Nur über seinen hohen Wangenknochen spannte sie sich. Sein graues Haar war von verblassten roten Strähnen durchzogen. Es fiel ihm bis über die Schultern und rahmte einen Bart ein, der, struppig wie ein Sanddornbusch, über sein Gesicht wucherte. Er war nur wenig größer als Pepe und seine ganze Gestalt wirkte eingesackt. Vielleicht ist er einmal ein stolzer Mann gewesen?, dachte Pepe und betrachtete Geiswinds langen dunklen Mantel.

„Wir müssen weiter. Geht dicht hinter mir“, sagte der Knochensammler mit seiner trockenen Stimme und wandte sich zum Gehen.

„Halt! Wohin führst du uns, Mann?“, unterbrach Wald seinen Gang.

Geiswind drehte sich erneut um. Wald blickte ihm direkt in die Augen.

„Dieser Stollen wurde in den uralten Zeiten von Zwergen gegraben.“ Er hielt inne, um sich eine rote Strähne aus dem Gesicht zu wischen. „Auf der Suche nach Eisenerz trieben sie ihre Schächte durch das halbe Brachtland. Das Felsenmeer verdankt seinen Ursprung diesen alten Stollen. Sie wurden marode, stürzten ein und verwandelten die Landschaft.“

Wald verzog misstrauisch das Gesicht.

„Keine Sorge“, antwortete der Knochensammler. „Dieser Bereich ist stabil.“ Wie zur Bestätigung stieß er seinen Knochen hart auf den steinernen Boden. Ein dumpfes Dröhnen hallte durch den unterirdischen Gang. Dann streckte Geiswind seinen Arm aus und leuchtete mit der Grubenlampe in die Tiefe des Stollens. Pepe sah nur Schwärze. Der Knochensammler fuhr fort: „Etwa zwei Stunden strammen Fußmarsches weiter vorne gibt es eine Steige. Sie führt zu einem unterirdischen Seitenarm der Bracht. Dort könnt ihr mein altes Floß nutzen und zum Hauptfluss zurückgelangen …“

Wald ging einen schnellen Schritt auf Geiswind zu. „Wieso sollten wir dir trauen?“, unterbrach er den Alten unwirsch.

Geiswind senkte den Kopf. Wie ein Zischen schoss es aus seinem faltigen Mund: „Ich kann euch gerne wieder die Tür nach draußen öffnen. Entscheidet euch.“

In den Augen des Knochensammlers blitzte ein Funkeln auf, das Pepe nicht deuten konnte. So sehr er sich anstrengte, er konnte in der Tiefe dieser schwarzen Seele nichts lesen.

„Ich warne dich!“, knurrte Wald. „Führ uns durch den Berg! Und keine Fallen! Verstanden? Wir brauchen unsere Knochen noch!“

Die Wände der Schächte blieben so eng wie zu Beginn. Wald schienen seine sechs Läufe in dieser Umgebung eher hinderlich als dienlich zu sein. Seine Laune verschlechterte sich zusehends. In stummem Marsch gingen sie hintereinanderher. Die Lampe des Knochensammlers hatte von Anfang an nur dämmrig geleuchtet und nach knapp einer Stunde schien ihr Licht langsam zu erlöschen.

„Es ist gleich so weit“, krächzte Geiswind. Als die eiserne Grubenlampe zu flackern anfing, blieb er stehen, wandte sich nach rechts und kramte in seinem Mantel. Mit einem rostigen Schlüssel schloss er eine kleine hölzerne Tür auf, die sich knarrend öffnete. Der Knochensammler trat einen Schritt zur Seite und ließ Pepe und Wald im letzten Flackern der Lampe eintreten. Dann herrschte Dunkelheit. Sie hörten Geiswind schnarren und scharren und kurz darauf erleuchteten drei Öllampen den Raum.

Pepe blickte um sich und entdeckte eine beeindruckende Knochensammlung. Da standen mehrere Wiesendschädel an die Wände gelehnt und daneben riesige Oberschenkelknochen der längst ausgestorbenen Waldschrate. Auf einem hölzernen Schemel lag der flache Schädel eines Nebelparders neben dem gedrungenen Schädel eines Brillenbärs. Körbe voller Ellenbogen und kleine Schälchen mit Haifischzähnen bedeckten den Boden des Raumes. Hühnerknochen hingen, an Schnüren aufgereiht, unter der Decke und Töpfe voller Knochenstaub und Knorpelasche reihten sich ringsum auf den Regalen.

Während die beiden Gefährten sich erschöpft setzten, entzündete der Knochensammler ein kleines Kohlenfeuer. Er nahm einen leeren eisernen Topf aus einem der unzähligen Regale und füllte ihn mit Vogelknochen, die er von der Decke klaubte. Dann goss er kristallklares Wasser darauf und stellte den Topf auf die glühenden Kohlen. Er bewegte sich so flink, als würde er dieses Ritual mehrmals täglich durchführen.

Schließlich setzte sich auch er ans Feuer. Aus den Tiefen seiner Manteltasche kramte er eine winzige Flöte, schlicht aus einem Rinderknochen geschnitzt, heraus. Pepe lauschte den tiefen traurigen Tönen, die aus der Flöte krochen und die dunkle Luft mit ihrem trüben Klang beschwerten. Seine Augen wurden schwer.

„Nicht einschlafen!“ Wald stieß ihn von der Seite an. Pepe fröstelte. Er wusste nicht, wie lange der Knochensammler gespielt hatte. Doch als dieser offenbar meinte, er hätte genug Trübsinn in seine dunklen Gänge hinausgeflötet, nahm er den Topf mit den Knochen vom Feuer und füllte die Brühe in drei matte Schalen. Eine Handvoll Feigen kam aus seiner Manteltasche zum Vorschein, die er mit seinen langen dürren Fingern neben die Schälchen legte.

Die Suppe schmeckte fad und wässrig, aber wider Erwarten nicht schlecht. Die Feigen waren trocken, aber voller Geschmack. „Was gäbe ich jetzt für ein Stück Speck und Ziegenkäse“, grunzte Wald, verschlang die heiße Suppe jedoch gierig.

Satt, erschöpft und schläfrig lehnten sie sich mit dem Rücken an die kalten Felswände. Doch der Knochensammler erhob seine rauchige Stimme: „Zeit, aufzubrechen.“

Er füllte seine Grubenlampe und die Gefährten brachen schweigend auf. Sie marschierten zügig durch die dunklen verlassenen Schächte. Nach einer guten Stunde erreichten sie eine schmale Stiege, die abwärtsführte. Geiswind leuchtete mit seiner Grubenlampe in den dunklen, steil abfallenden Schacht und grunzte: „Brecht euch bloß nicht die Knochen.“

Langsam und vorsichtig stiegen sie abwärts. Nach einigen Metern vernahm Pepe ein fernes Gluckern. Mit jedem Schritt wurde das Glucksen lauter, kam näher, und als er meinte, schon neben einem Bach zu stehen, erreichten sie ein hohes Gewölbe. Pepe konnte die Decke nicht ausmachen. Die Höhle schien sich weit auszustrecken. Ganz in ihrer Nähe floss träge ein schwarzer Fluss. Das Licht der Grubenlampe schimmerte schwach auf seiner Oberfläche.

Geiswind führte sie etwa hundert Schritte flussaufwärts und kniete am felsigen Ufer neben einem alten Floß nieder. „Hier ist es.“ Er band den verwitterten Strick, der das Floß am Ufer hielt, los. „Steigt auf. Aber Vorsicht! Es hat schon bessere Tage gesehen.“

Skeptisch betrachtete Wald die modrigen Planken. „Das ist nicht dein Ernst, Knochensammler?“ Seine Augen durchbohrten Geiswind.

Geiswinds knöcherne Schultern zuckten. Die Grubenlampe flackerte. „Habt ihr eine Wahl?“ Er musterte Pepe. „Folgt dem Fluss. Passt auf. Die Strömung ist schnell. Mit etwas Glück erreicht ihr gegen Morgen den Ausgang.“

Die modrigen Planken ächzten, als Wald seine schweren Vorderpfoten auf ihnen platzierte. Das Floß neigte sich zur Seite. Pepe folgte ihm vorsichtig.

„Gib uns wenigstens deine Lampe!“ Bittend sah er den dürren Knochensammler an. Geiswind wühlte in seiner Tasche, kramte einen Kerzenstummel heraus und entzündete ihn an der Lampe. Dann reichte er Pepe seine Grubenlampe und stieß das Floß mit seinem Knochen ab. „Die Lampe hat genug Öl bis zum Ausgang. Greif unter dich, Junge. Dort findest du einen Stecken. Ihr werdet ihn brauchen, um euch abzustoßen.“

Wald drehte sich bedächtig um die eigene Achse. „Ich habe dich gewarnt, Knochensammler. Du solltest keine Spiele mit uns treiben!“ Sein Ruf hallte zum Ufer. Keine Regung war im Gesicht des Alten zu erkennen. Dann, das Floß hatte sich schon um fünf Längen vom Ufer entfernt, sah Pepe ein Lächeln über das Gesicht des Knochensammlers huschen. Auch dieses konnte er nicht deuten.

Die Strömung packte das Floß und trug sie schnell aus dem Gewölbe hinaus. Die Kerze Geiswinds wurde kleiner und verschwand. Der Nebenarm der Bracht trug sie in einen niedrigen Tunnel hinein. Pepe kauerte fast liegend auf dem Floß, um sich nicht an den spitzen Felsen zu stoßen, die aus der niedrigen Decke ragten. Die Nässe zog sich durch seine Kleidung und weil er sich nicht bewegen konnte, begann er nach kurzer Zeit erbärmlich zu frieren. Er konnte seine Fußspitzen und seine Hände vor Kälte kaum noch spüren.

Misstrauisch blickte Wald in die Schwärze und murmelte: „Sollte mich wundern, wenn das gutgeht. Entweder wir brechen uns auf dieser letzten Reise das Genick und der dürre Vogel sammelt später unsere Knochen auf. Oder aber er ist der erste ehrliche Knochensammler, den ich in meinem Welfenleben getroffen habe. Dann, aber ich halte das nicht für wahrscheinlich, kommen wir hier wirklich an einem Stück hinaus.“

Pepe und Wald kauerten wie versteinert am Boden des Floßes und verloren jedes Zeitgefühl. Die nasse Fahrt schien sich über Stunden zu ziehen. Pepe wusste nicht mehr, ob es draußen Tag oder Nacht war. Der schwache Schein der eisernen Grubenlampe erleuchtete immer nur den nächsten Meter und sie schienen in einem endlosen Labyrinth aus schwarzem Wasser und herabragenden Felsen gefangen zu sein.

Pepe spürte, dass die Strömung stärker und ihr Floß von der Flussmitte zum linken Ufer gezogen wurde. Er meinte, in der Ferne ein leises Rauschen zu hören. Pepe richtete sich auf und hob den Stecken an. Täuschte er sich oder war das Rauschen lauter geworden? Glitschig lag der feuchte Knochen in seiner Hand. Doch – da. Das Rauschen schwoll an und wurde bald zu einem ohrenbetäubenden Tosen.

Pepe kroch gebückt auf den vorderen Teil des Floßes. Das alte Floß schwankte bedrohlich. Kniend begann Pepe sich mit aller Kraft gegen die Strömung zu stemmen und versuchte, das Floß zurück in die Mitte des Flusses zu steuern.

Wald blickte beunruhigt in die tanzenden Schaumkronen vor sich. „Bring uns zurück in die Mitte, Pepe!“, keuchte er. „Schaffst du das?“

Pepe blickte sich hektisch um. Der Fluss schien sich zu teilen. Während der Hauptstrom weiter beharrlich geradeaus floss, hatte sich das Bild zu ihrer Linken verändert. Eine Nebenströmung hatte sie erfasst und zog sie unwiderstehlich mit sich.

Ihr Floß schwankte bedrohlich, als Wald versuchte, sich aufzurichten. „Pepe!“, brüllte er. „Du musst uns in die Mitte bringen!“

Pepe war wie versteinert. Walds Brüllen drang nur wie ein leises Flüstern in seine Ohren. Gebannt starrte er auf den Schlund, der sich auf der linken Seite öffnete. Nicht weit vor ihnen stürzten die Wassermassen mit einem Höllenlärm in die Tiefe. Seine Ohren dröhnten. Aus den Augenwinkeln und wie in Zeitlupe sah er Wald ins Wasser springen. Er verlor das Gleichgewicht, schwankte nach hinten, tat einen Schritt und stürzte auf die Knie. Walds Kopf tauchte neben dem Floß auf und wie durch einen Nebel nahm er wahr, dass Wald etwas rief.

„Hilf mir!“, brüllte Wald. „Stoß uns ab!“

Jetzt war Pepe hellwach. Nur noch wenige Bootslängen trennten ihn von dem Schlund. Nur noch Sekunden trennten ihn und Wald von einem Sturz in die undurchdringliche schäumende Schwärze. Wald drückte mit der Macht seines stämmigen Körpers gegen das Floß und Pepe stieß den langen Knochen mit aller Kraft dicht neben ihm in den Grund des Flusses. Der Stecken griff. Pepes Arme brannten. Wieder und wieder stieß er den Stab ins schwarze Nass. Dann, Pepe hatte die Hoffnung schon tausendmal aufgegeben, vergrößerte sich der Abstand zu dem Schlund und der Sog ließ nach. Sie waren aus der Strömung heraus.

„Das hätte dem Knochensammler gefallen“, keuchte Wald mit der Schnauze auf dem Floß. „Hübsch zerschellt wären wir da unten in der Tiefe.“

Pepe stieß das Floß mit einem letzten Ruck ab und zog den Stecken ein. Wald paddelte neben ihm. Pepe schloss die Augen. „He, sieh nach vorne!“, hörte er Wald neben sich. Pepe versuchte seine Augenlieder aufzuschlagen. Sie waren schwer wie Blei und ihn beschlich das albtraumhafte Gefühl, sie nie wieder öffnen zu können. Doch als er sich mit aller Kraft zwang und sie einen Schlitz weit aufdrückte, sah er einen hellen Sonnenschein am Ende des Tunnels. Das schreckliche Tosen lag hinter ihnen. Der Strom floss wieder ruhig und gluckerte friedlich.

„Gleich haben wir es geschafft“, murmelte Wald. „Ich glaube, du musst abbremsen, Pepe.“

Pepe ging in die Knie und verlangsamte mit dem Knochen die Fahrt.

Wald tauchte unter dem Floß hindurch und schob es mit kräftigen Paddelstößen langsam ans linke Ufer. Nass, durchfroren und müde erreichten sie die warme helle Öffnung, durch die sich der Fluss ins Freie ergoss.

Zitternd vor Kälte verließen Wald und Pepe das Floß und fanden Platz auf einem kleinen Felsvorsprung. Pepe verknotete das Floß mit dem modrigen Seil. Völlig erschöpft standen die zwei auf dem nassen Felsen, der aus der Höhle hinaus ins friedliche Tal hineinragte. Das kalte Wasser umspülte ihre Knöchel. Rechts von ihnen, aber weit genug weg, um ihnen nicht mehr gefährlich werden zu können, ergoss sich der unterirdische Seitenarm mit kräftigen Stromschnellen und Strudeln in einem breiten Wasserfall ins weite Flussbett der Bracht.

Die Sonne hatte den Horizont gerade erst erklommen und spiegelte sich auf der glitzernden Oberfläche des Flusses in Tausenden Farben. Das freundliche Zwitschern munterer Vögel klang durch das Rauschen des Wassers hindurch. Forellen tummelten sich im kristallklaren Flussbett und Libellen begrüßten den neuen Morgen mit schnellen Flügen dicht über der Wasseroberfläche.

Vor ihnen lag die weite Ebene des Brachtlandes, gespickt mit Obstbäumen, ausladenden Eichen und durch Hecken begrenztem Weideland. Pepe atmete tief ein.

Als Wald in die Weiten des Brachtlandes blickte, kannte er kein Halten mehr. „Spring auf, Junge!“, rief er ungeduldig.

Kaum saß Pepe auf seinem Rücken, stieß sich Wald mit seinen Hinterläufen vom Felsvorsprung ab. Er flog langgestreckt durch die Luft. Pepe klammerte sich an seinen Hals. Dann setzte er mit den Vorderläufen auf dem Boden auf. Er federte den waghalsigen Sprung ab und landete den Bruchteil einer Sekunde später auch mit seinen Hinterläufen. Wald drehte sich um und blickte nach oben zum Felsvorsprung.

„Verfluchter Knochensammler“, murmelte er. „Damit hättest du nicht gerechnet!“

Pepe klammerte sich an Walds warmes Fell. Der Welfe warf den Kopf in den Nacken, stieß einen kehligen Jauchzer aus und ließ seine Läufe weit ausgreifen. Immer schneller und schneller jagte er durch das satte Grün des morgendlichen Brachtlandes.

Die Sonne wärmte Pepes durchfrorenen Rücken und die kühle Morgenluft erfrischte sein Gesicht.

Hinter einem Felsen, nicht sichtbar für unsere Freunde, lugte das bleiche Gesicht des Knochensammlers hervor. Geiswind, der Knochensammler, blickte Wald und Pepe nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Er stützte sich schwer auf seinen Knochen und seufzte. Den linken Arm schützend gegen das Sonnenlicht vor Augen haltend, machte er sich achtsam an den Abstieg.


AUF SCHMUGGLERPFADEN

Jisahs Hand begann zu zittern. Er ergriff nun auch mit der rechten Hand die Feder und presste sie fest gegen seine Brust. Keiner der Schmuggler rührte sich. Wie gebannt starrten sie auf die leuchtende Feder.

Doch vor der Höhle machte sich Unruhe breit. Hektisch warf der junge Reiter einen Blick über die Schulter und zischte: „Sie sind da.“ Das Leuchten erlosch.

„Weg mit der Feder!“, raunte ein alter Eselreiter und seine schmalen Lippen zitterten. Mit drei Schritten stand er neben Jisah, der die Feder unter seinem Hemd verschwinden ließ.

„Kommt mit“, zischte der Alte und griff Jisah bei der Hand. Zu den Eselreitern gewandt, flüsterte er: „Berichtet den Hyänen, ihr hättet einen Jungen und einen Welfen in Richtung des Südmeeres reiten sehen.“

Stolpernd folgte Jisah dem Alten, der seine Hand immer noch fest umklammert hielt, tiefer in die Höhle hinein. Winter lief dicht hinter ihm. Nach weniger als hundert Schritten endete die Höhle plötzlich vor einer grauen Felswand. Der Eselreiter sah nach oben, ging einige Schritte nach rechts und führte sie in einen schmalen Gang, der sich kaum sichtbar zwischen den Felsen auftat. Jisah bemerkte, dass ihr Weg leicht anstieg. Bereits nach wenigen Schritten erreichten sie eine niedrige Öffnung.

Vor ihnen tat sich ein runder Raum auf, groß genug, um vierzig Männern Platz zu bieten. Aus groben Stämmen waren Schlafpritschen an den Wänden entlang aufgeschlagen worden. Eine Feuerstelle in der Mitte, Kochgeschirr und allerlei Ausrüstung, Zaumzeug und Waffen zeugten davon, dass die Schmuggler hier regelmäßig ihr Lager aufschlugen. Der Alte wies Jisah an, auf einer der Pritschen Platz zu nehmen. Dann ging er in die Hocke und verschnaufte.

Lockiges graues Haar fiel ihm knapp über die Ohren. Sein Gesicht schien fast jugendlich. Er strahlte Würde und Reife aus, ohne alt oder gar greis zu wirken. Jisah griff an den Kragen seines Oberhemdes und zog ihn von sich weg, um einen Blick auf die Feder zu werfen. Und wieder strahlte sie ein sanftes und beruhigendes silbernes Licht aus.

Direkt hinter ihnen betrat der kleine Eselreiter die Höhle, der die Nachricht von der Ankunft der Hyänen gebracht hatte. „Die Hyänen haben uns Glauben geschenkt!“

Der Alte nickte. „Gut gemacht, Tiago.“

Tiago grinste. Der Alte blicke ihn zärtlich an und sagte: „Sendet ihnen Späher hinterher. Ich möchte wissen, wo sie sind, wohin sie sich bewegen, und vor allem, wie viele es sind.“

Tiago antwortete, während er sich auf dem Absatz umdrehte: „Ich meine, es sei eine ganze Meute gewesen. Ich sage den anderen Bescheid.“

„Und sage ihnen“, fügte der Alte hinzu, „dass der Schutz dieser beiden Boten Lians für uns nun das Wichtigste ist. Sie werden es verstehen.“ Er lächelte geheimnisvoll. Der Junge, der Tiago genannt wurde, nickte Jisah und Winter scheu, aber freundlich zu und verschwand.

Winter wandte sich an den Alten:

„Danke, dass Ihr uns geholfen habt.“

„Mir scheint“, antwortete der Alte, „als sei dies erst der Anfang gewesen.“ Er schüttelte den Kopf, wobei ein glückliches Grinsen sich auf seinem Gesicht breitmachte. „Die silberne Feder. Dass ich das noch erleben darf. Hoch lebe Lian!“

Er erhob sich langsam. Als er stand, blickte er in Jisahs Augen und fragte: „Wie heißt du, Junge?“

„Ich werde Jisah genannt“, flüsterte Jisah, der immer noch völlig entkräftet war. „Ich bin ein Botenreiter.“

Der Alte blickte Winter fragend an. Winter beantwortete seinen Blick und sprach mit kraftvoller Stimme: „Mein Name ist Winter. Auch ich stehe in Lians Diensten.“

Der Alte nickte nachdenklich. Dann antwortete er: „Mein Name ist Romm. Früher nannten sie mich ‚Romm, der Ehrfürchtige‘. Heute nennen sie mich“, nachdenklich fuhr er sich durch den stoppeligen Bart, „den König der Schmuggler. Doch mehr dazu später. Wir müssen los. Es wird höchste Zeit, etwas zu unternehmen.“

Romm führte Jisah und Winter den schmalen Weg zurück und in den vorderen Bereich der Höhle hinein. Nur noch der Geruch nach kaltem Rauch ließ erahnen, dass hier vor wenigen Minuten ein lustiges Feuer gebrannt und die Eselreiter eine kräftigende Pause eingelegt hatten. Jisah blickte in stumme Gesichter. Etwas unheimlich waren ihm diese bärtigen Gefährten schon. Sie standen entlang der Felswände und warteten darauf, dass Romm das Wort ergriff. Romm blickte in die Runde. Dann sprach er: „Ich hatte nur kurz Zeit zum Nachdenken. Doch was in diesen Augenblicken geschieht, so erscheint es mir, erfordert, dass wir alle zusammenhalten.“

Die Umstehenden nickten.

„Ihr wisst, worum es geht?“, fuhr Romm fort.

Wieder nickten die Eselreiter. Diesmal entschlossener.

„Wir müssen dafür sorgen, dass diese beiden Boten sicher ihr Ziel erreichen.“

„Wie soll das gehen?“, warf ein graubärtiger Schmuggler mit rotem Halstuch in die Runde. „Seit Monaten bereiten uns die Hyänen Probleme. Sie scheinen das gesamte Brachtland zu bevölkern. Wie hässliche, lachende Zugvögel ziehen sie umher und verbreiten Angst und Schrecken.“

„Du stellst die richtige Frage, Semli“, antwortete Romm und strich sich mit den Fingern durchs Haar. „Wir müssen eben noch vorsichtiger sein. Wir bringen sie in unser Dorf. Dort sind sie zunächst sicher. Dann können wir weitersehen.“

Ein tiefes Raunen machte die Runde. „Das ist viel zu gefährlich“, warf einer ein und ein anderer rief: „Wir müssen an unsere eigenen Familien denken. Wenn die Hyänen unser Dorf entdecken, dann …“ Er konnte den Satz nicht zu Ende bringen.

Da trat Tiago in den schmalen Höhleneingang. Romm wandte sich ihm zu. „Was bringst du für Nachrichten, Junge?“

Tiago berichtete atemlos: „Die Hyänen jagen in Richtung Süden. So, wie wir es geplant hatten. Doch einige von ihnen machen weiter das Umland unsicher.“ Er machte eine Pause, atmete einmal tief durch und zog seine schmale Stirn in Falten. „Sie scheinen uns doch nicht ganz getraut zu haben.“

„Wie auch immer“, entgegnete Romm bestimmt. „Das sind erst einmal gute Nachrichten. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Er blickte fragend in die Runde. Die Anspannung war greifbar.

„Er soll uns noch einmal die Feder zeigen!“, flüsterte der Schmuggler, den Romm Semli genannt hatte. Romm nickte Jisah zu.

Der griff unter den Augen der Eselreiter unter sein Oberhemd. Vorsichtig ertastete er den Schaft der Feder. Ihre Fahne glitt sanft wie Samt durch seine Finger. Dann kehrten seine Fingerspitzen zum Schaft zurück und er zog die Feder aus seinem Hemd hervor. Schüchtern hielt Jisah sie vor sich, fest umklammert und an seine Brust gedrückt.

Romms Augen ruhten auf der Feder und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Dann löste er seine Augen und blickte in die Runde. „Sie ist es wirklich, Männer. Es ist die silberne Feder. Die Feder, die Hundrrit Lian vor langen Zeiten raubte.“ Er hielt inne. Staunend und ungläubig wanderten die Blicke der Eselreiter zwischen der Feder, Jisah, Winter und Romm hin und her. Zaghaft und ehrfürchtig erhob Semli die Stimme: „Meinst du, Romm …“ Er zitterte. „Meinst du, eine neue Zeit wird anbrechen?“

„Das liegt nun in unserer Hand“, antwortete Romm. „Werden wir diesen beiden helfen?“

Die Ausrüstung der Eselreiter war schnell zusammengepackt. Routiniert verstauten die Schmuggler ihr Hab und Gut in den Taschen ihrer Esel. Keiner unter ihnen hatte sich geweigert, Jisah und Winter zu helfen. Im Gegenteil. Nach Romms Frage hatte sich eine heilige Stille ausgebreitet. Ein Eselreiter nach dem anderen nickte. Danach verloren sie keine Worte und keine Zeit. Es gab Wichtigeres zu tun.

Als von außerhalb der Höhle das vereinbarte Hornsignal ertönte, brachen sie auf. Die Eselreiter hatten über die Jahre, die sie als Schmuggler lebten, eine geheime Sprache entwickelt. Über ihre Hörner konnten sie sich kilometerweit verständigen. So warnten sie sich vor Gefahren, gaben bekannt, dass ein Pfad sicher war oder gratulierten sich dann und wann auch mal zum Geburtstag. So wenig Jisah davon auch verstand, begriffen hatte er doch, dass ein einmaliges Hornsignal anscheinend so viel bedeutete wie: Der Pfad ist sicher. Ein zweimaliges Hornsignal schien vor Gefahr zu warnen.

Jisah hatte das schon richtig beobachtet. Was er natürlich nicht wissen konnte, war, dass es viele verschiedene Arten gab, ein Signal zweimal hintereinander zu blasen. Doch auch für uns wäre die Hornsprache der Schmuggler viel zu kompliziert. Belassen wir es also dabei. „Gefahr“ und „Weg frei“. Diese beiden Signale zu verstehen, das reicht.

Jisah und Winter wurden von den Eselreitern in die Mitte genommen. Rechts und links von ihnen, vor ihnen und hinter ihnen drängten sich die Leiber der Esel. So waren sie fast völlig vor neugierigen Blicken abgeschirmt. Jisah ritt direkt neben Tiago, der auf einem freundlich wirkenden grauen Esel saß. Jisah blickte Tiago an.

„Wie heißt dein Esel?“

Tiago strich seinem grauen Gefährten über die Mähne.

„Sein Name ist Gustav.“

Der Esel schnaubte: „Brrr … das hätte ich ihm auch selbst sagen können.“

Gustav wandte sich Jisah zu und Jisah blickte in ein aufgewecktes, freches Gesicht.

„Weißt du denn nicht, dass es unhöflich ist, über andere zu sprechen, während sie direkt neben einem reiten? Dafür, dass sie hier so ehrfürchtig über dich tuscheln, scheinst du mir doch recht dumm zu sein.“

„Lass gut sein, Gustav!“, sagte Tiago beschwichtigend. „Er wusste es nicht besser.“

Über Winters Gesicht zog sich ein breites Grinsen.

Jisah schwieg. Es dauerte einige Minuten, bis er sich wieder ein Herz nahm. Zaghaft wandte er sich an Tiago: „Ich habe einen riesigen Hunger. Winter sicher auch. Habt ihr noch Proviant dabei?“

Tiago griff lächelnd in seine Satteltasche. „Warum hast du das nicht früher gesagt?“

Er zog eine große Ecke geröstetes Fladenbrot und eine saftige Keule hervor. Jisah ließ Winter zuerst zubeißen. Dann verschlang er gierig die Reste der Keule und das Fladenbrot. Als er aufgegessen hatte, reichte Tiago ihm seine Wasserflasche. „Trink, Jisah, wir haben noch eine lange Strecke vor uns.“

Ihr Weg führte sie zu einem kleinen Fichtenwäldchen. Als sie ins grünschimmernde Licht des Waldes eintraten, löste sich die Anspannung aus der Herde der Eselreiter. Sie folgten einem schmalen ausgetretenen Pfad. Tiago begann zu berichten: „Das ist unsere übliche Route. Sie ist recht sicher. Wir haben hier einige Verstecke, die uns Schutz bieten. Trotzdem müssen wir vorsichtig sein. Seit einigen Monaten wagen sich Hyänen bis in diese hintersten Winkel. Sie scheinen sich zu sammeln. Immer wieder stoßen wir auf größere Meuten, die sich Richtung Norden bewegen.“

„In die Richtung des Schlosses?“, unterbrach ihn Jisah.

„Wenn du damit Lians Schloss meinst, dann würde ich ja sagen.“ Tiago nickte.

Schweigend ritten sie weiter. In unregelmäßigen Abständen ertönte von weiter vorne der einfache Hornstoß, welcher der Herde signalisierte: Der Weg ist frei. Zweimal hörte Jisah auch das doppelte Signal. Einmal drang es aus östlicher Richtung an sein Ohr. Es schien aus recht weiter Ferne zu kommen. Doch als das doppelte Signal ein zweites Mal ertönte, nun ziemlich dicht aus dem Westen, ließ Romm die Eselreiter anhalten. Sie lauschten angestrengt. Doch außer dem Rauschen der Wipfel war nichts zu hören. Mucksmäuschenstill standen die Esel auf dem Waldboden und gaben keinen Laut von sich.

Romm schickte eine kleine Gruppe von vier Reitern als Vorhut aus, um nach dem Rechten zu sehen. Der Rest wartete. Jisah wurde ungeduldig. Tiago hingegen saß völlig ruhig auf Gustav und streichelte sanft dessen Mähne.

„Hei, Tiago, dauert das noch lange?“, flüsterte Jisah Tiago zu.

„Pssst, du musst stillhalten. Keinen Mucks.“

Jisah schaute wieder nach vorne. Auf einmal ertönten aus der Richtung der Vorhut laute Stimmen.

„Grrruuurrrr, aus dem Weg, Schmuggler! Mach Platz!“

Jisah sah, dass Romm sich zu ihnen umdrehte. Sein Hemd flatterte. Er blickte Tiago an und wischte mit der Hand durch die Luft. Tiago drückte seinem Esel die Füße in die Flanken und zog seine Zügel nach rechts. „Sachte, sachte“, motzte dieser, blickte Winter an und zischte: „Kommt! Schnell!“

Jisah sah aus dem Augenwinkel und verdeckt durch ein Gebüsch gerade noch, dass die Vorhut der Eselreiter vor einer Meute Hyänen zurückwich. Mit stierem Blick und nach vorne gestreckten Hälsen trieben sie die Esel fauchend vor sich her. Stolpernd wichen die Esel nach hinten aus, während ihre Reiter versuchten, sie zu beruhigen.

Tiago führte sie nur wenige Meter. Dann raunte er: „Hier hinein!“ Er drängte Winter und Jisah in den hohlen Stamm einer mächtigen alten Eiche und schlüpfte selbst flink hinterher. Gustav ruckte sich und zuckte sich und zwängte sich schnaufend als Letzter in das Versteck.

„Ausgerechnet hier“, grummelte er. „Ich hasse dieses Versteck.“ Er schüttelte unwirsch den Kopf. „Und alles wegen eines ungezogenen Bengels mit einer Feder.“

„Lass schon gut sein“, zischte Tiago. „Du verrätst uns noch mit deinem ewigen Gemeckere.“

Alle vier hielten den Atem an und lauschten. Die Rinde der Eiche war dünn und rissig. So konnte Jisah durch eine feine Spalte hindurchlugen. Die Hyänen zogen misstrauisch an der Vorhut der Eselreiter vorbei.

Eine der größeren, sie schien der Anführer zu sein, wandte sich an Romm: „Eselreiter, sprich! Wir sind auf der Suche nach einem Dieb. Einem verschlagenen Jungen und einem gefährlichen Welfen. Wenn ihr sie gesehen habt, so seid ihr verpflichtet, uns Auskunft zu geben.“

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
249 str. 16 ilustracji
ISBN:
9783865067913
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