Czytaj książkę: «Schaurige Geschichten aus Berlin»
Jan Eik
Schaurige Geschichten aus Berlin
Die dunklen Geheimnisse der Stadt
Jaron Verlag
Erweiterte und aktualisierte Neuausgabe
1. Auflage dieser Ausgabe 2013
© 2003–2013 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin, unter Verwendung einer historischen Abbildung (Flugblatt zur Hinrichtung des »Hofjuden« Lippold, 1573, Ausschnitt)
ISBN 9783955521820
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort zur Neuausgabe
Rund um die Marienkirche
Die Hohenzollern und ihr Schlossgespenst
Aufruhr, Brände und andere Katastrophen
Huren, Hexen, Zauberer
Strafe muss sein
Gerechtigkeit ist ein schön’ Ding
Willkür gegenüber den Juden
Henkergeschichten
Friedhofs- und Grabgeschichten
Verrufene Orte
Aus gutem Hause
Berliner Polizeigeschichten
Berlins organisierte Unterwelt
Geschichten aus dem Untergrund
Eine schaurige Bilanz: Politische Verbrechen
Literatur
Personenregister
Vorwort zur Neuausgabe
Berlin ist sicherlich keine üblere Großstadt als andere Metropolen dieser Welt. Und trotz der Unmenschlichkeit der NS-Zeit gelten noch immer die »Goldenen Zwanziger« als Gradmesser für die dunklen Seiten der Stadt. Wer heute jedoch nach dem Berliner Verbrecherviertel sucht, »das sich zwischen Alexanderplatz und Schlesischem Bahnhof erstreckt«, wie Hardy Worm 1924 berichtete, erlebt eine herbe Enttäuschung. Dort langweilt eine der eintönigsten Gegenden der Stadt, gesichts- und kneipenlos, von Auto-Pisten zerschnitten und begrenzt.
Wo Berlin gegenwärtig schaurig ist, mag der Mutige selbst herausfinden. Wir wenden uns nach der guten alten Zeit, als es in der Stadt angeblich noch »richtich jemietlich zujing«, auch den schwerlich zu übertreffenden Schrecknissen des 20. Jahrhunderts zu. Versprochen ist ein Ausflug an die schaurigen Orte einer barbarischen Justiz, der Unruhen und der Katastrophen, die Berlin erschütterten, wo leicht zu erregende Bürger und despotische Fürsten, Hexen, Huren, Henker, stöhnende Mönche, weiße Frauen, Brandstifter, attentäterische Bürgermeister, pädophile Konditormeister und Polizeipräsidenten mancherlei Couleur neben gewöhnlichen und politischen Verbrechern, Tunnelgangstern und Serienmördern zu Hause waren und sind.
Der Verfasser hat wie alle seine Vorgänger aus alten und neueren Quellen geschöpft, die er der bildhaften Sprache wegen gerne zitiert. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie die eine oder andere Geschichte in abweichender Fassung lesen oder gehört haben. Für manches gilt ohnehin der alte Berliner Spruch: »Wer’t jloobt, wird selich, wer’t nich jloobt, kommt ooch in’ Himmel.«
Dass die »Schaurigen Geschichten« zehn Jahre nach der Erstauflage und fünf nach einer erweiterten Fassung neu erscheinen, verdankt der erfreute Autor ausschließlich dem anhaltenden Interesse der Leser, die wahrscheinlich gerne erfahren, dass es in Berlin schon immer so zuging, wie es eben zugeht.
Rund um die Marienkirche
Totentanz und Sühnekreuz
Die Berliner gelten von jeher als ein unruhiges und unzufriedenes Volk. Sie selber behaupten natürlich, dass erst die Zugewanderten Unruhe in die teils sandige, teils sumpfige Wüstenei der Schwesterstädte Berlin und Cölln brachten. Andererseits – was wäre aus Berlin (die Insel Cölln immer einbezogen) ohne die Neuankömmlinge aus allen Teilen des Reiches, aus Holland, Frankreich und der Schweiz, aus Polen, Litauen und Böhmen geworden? Nichts. Nicht einmal eine Millionenstadt – und die war Berlin schon am Ende des 19. Jahrhunderts – reproduziert ihre Einwohnerschaft aus eigenen Ressourcen. Wer weiß heute noch, dass um 1860 zu den 19 Millionen Preußen auch 2,5 Millionen Einwohner nichtdeutscher Nationalität zählten? Daran mussten sich die Berliner gewöhnen, die den wendischen Ureinwohnern der umgebenden Mark nicht einmal das Bürgerrecht eingeräumt hatten. Bürger konnte nur werden, wer zum städtischen deutschen, zum Teil adligen Patriziat und – eine Stufe niedriger – zu den Handwerksmeistern, Kaufleuten und anderen Besserverdienenden gehörte.
Auf jeden Fall waren die alten Berliner fromm und gottesfürchtig. Beides wiederum nicht allzu sehr. Fromm genug immerhin, um zu Ehren Gottes hohe Kirchen zu bauen, viel höher als jedes bürgerliche oder adlige Haus und vollständig aus Stein, während man selber in hölzernen oder Lehmfachwerk-Bauten hauste. Von diesen zumindest in hygienischer Hinsicht wahrhaft schaurigen Baulichkeiten ist keine mehr zu finden in der Stadt. Die Kirchen aber stehen noch, soweit sie nicht durch Feuers- oder Kriegsbrunst und Abriss vernichtet wurden, wie mehrfach die Cöllnische Petrikirche, über deren Standort und einstigen Kirchhof sich heute der Verkehr zwischen Mühlendamm und Gertraudenbrücke zehnspurig ergießt. Aber das soll sich – wie so vieles in Berlin – bald wieder ändern.
Fliegende Baumeister und Chorknaben
Die ältesten Berliner Kirchen sind die Nikolai- und die Marienkirche. In der Marienkirche entdeckte man 1860 eine Wandmalerei aus der Pestzeit um 1485, einen 22 Meter langen Totentanz. Seltsamerweise aber erinnern die Berliner Sagen und Geschichten, die sich um das Bauwerk ranken, mit keinem Wort an diesen schaurigen Zug, sondern vielmehr an das unscheinbare Steinkreuz, das links neben dem Eingang der Kirche steht. Da soll beispielsweise ein braver Dachdecker abgestürzt sein, an den das Kreuz erinnert. Vielleicht aber auch an den Baumeister, der sich mit dem Teufel einließ, um diese besonders schöne Kirche zu errichten. Als Beelzebub sich am Tag der Fertigstellung die versprochene Seele abholen wollte, stand der Baumeister auf dem Turm und sprach ein Dankgebet. Da verlor der Teufel seine Macht über ihn und stieß ihn voller Wut vom Turm. Ein Windstoß erfasste jedoch seinen weiten Mantel, so dass er sanft herabschwebte und unverletzt unten ankam. Zum Dank ließ er das Kreuz errichten.
Dieses Kreuz beschäftigte die Berliner in geradezu verdächtiger Weise; als Grund für seine Errichtung wurden vielerlei Geschichten erfunden, in denen der Teufelspakt des Baumeisters häufig eine Rolle spielt. Nach einer anderen, zumindest in der Einleitung recht realistischen Version soll der Meister die Baugelder beim Kartenspiel verloren und deshalb den Pakt geschlossen haben. Der Teufel gab ihm das Geld unter der Bedingung, dass ein absichtlicher Fehler beim Bau der Gewölbe am Einweihungstag zu deren Zusammensturz führe. Der Baumeister, oberschlau wie manche Leute sich nun einmal dünken, wollte den Teufel übers Ohr hauen und vermied jeden Fehler. Satanas lauerte ihm nach der Einweihung hinter dem Kirchenportal auf, griff sich den Wortbrüchigen und drehte ihm den Hals um. Zum Andenken an den getreuen Baumeister stifteten die dankbaren Berliner das Kreuz.
Oder geht es doch gar nicht um den Baumeister? Vielleicht gilt das Kreuz dem Zinkenbläser, der am ersten Sonntag nach der Vollendung der Kirche auf den Turm stieg und dort oben ein Lied zur Ehre Gottes blies. Den Teufel ärgerte das fromme Lied so sehr, dass er den Musikanten vom Turm stieß. Da blähte ein Windstoß dessen Mantel auf … Den Rest kennen wir vom Baumeister.
Von besonderem Einfallsreichtum zeugt die Fassung mit den drei hungrigen Chorknaben, die aus ganz irdischen Gründen auf den Turm stiegen, um Krähen- oder Dohlennester auszunehmen. Sie legten ein Brett aus der Turmluke, auf dem der eine mit einem Körbchen hinauskroch, während die beiden anderen als Gegengewicht im Turm hockten.
Die Eiersammlung muss sich gelohnt haben, denn unversehens gerieten die drei in Streit über die Aufteilung der Beute. Der mutige Eierdieb beanspruchte die Hälfte, die Bretthalter verlangten je ein Drittel, und um ihre Macht zu demonstrieren, sprangen sie vom Brett. Der aushäusige Knabe stürzte samt Brett in die Tiefe, segelte aber dank seines weiten Chorhemdes so sanft zu Boden, dass nicht einmal die Eier im Körbchen Schaden nahmen.
So weit die Sagen um das Steinkreuz. In Wahrheit hatten die alten Berliner mehr zu verstecken, als unter das Mäntelchen eines nesträuberischen Chorknaben passt. Im 14. Jahrhundert dräute der Kirchenbann über der Stadt, und daran waren deren ach so fromme Bewohner ausnahmsweise selber schuld. Zwischen den Einwohnern der Doppelstadt und ihren geistlichen Herren und Hirten bestand nie ein besonders inniges Verhältnis, die Berliner (die Cöllner immer stillschweigend eingeschlossen) hassten »der Pfaffen Gierigkeit und Unkeuschheit« und liefen nicht von ungefähr 200 Jahre später spornstreichs zu Luther über.
Propst Nikolaus
Das Ereignis, von dem das schlichte Steinkreuz neben dem Kirchenportal noch heute zeugt, hatte für damalige Verhältnisse einen weltpolitischen Hintergrund. Die in jenen Jahren im Babylonischen Exil in Avignon residierenden Päpste mischten sich schon damals gerne in die deutsche Innenpolitik ein und versuchten, Könige und Kaiser nach ihrem Gusto einzusetzen. Jakob de Oza, der sich 1316 selbst zum Papst Johannes XXII. ernannt hatte, wollte Friedrich den Schönen aus dem Hause Österreich zum deutschen König machen, während die deutschen Fürsten und die Bürger in den Städten den späteren Kaiser Ludwig von Bayern bevorzugten. Ludwig belehnte nach dem Tod des letzten askanischen Markgrafen Woldemar seinen achtjährigen Sohn mit der herrenlosen Mark Brandenburg. Der Heilige Vater hingegen sprach die Mark, die ihm nicht gehörte, dem Herzog Rudolf von Sachsen zu und verbot bei Androhung des Kirchenbanns allen märkischen Untertanen, einem anderen Landesherrn zu gehorchen. Der Berliner Rat ergab sich 1321 wahrscheinlich nicht ganz freiwillig dem mit den Askaniern verwandten Rudolf, »dem aber ein großer Teil der Bürgerschaft nicht geneigt gewesen zu sein scheint«.
Der Papst beließ es nicht bei drohenden Worten, sondern schickte 1325 den als Königshasser bekannten Bischof Stephan von Lebus zusammen mit Propst Nikolaus Cyriakus von Bernau zum Polenkönig, um ihn zu überreden, in die Neumark einzufallen, was der brave Katholik prompt tat. Als Propst Nikolaus anschließend seinen Berliner Amtsbruder Propst Eberhard besuchte, war er darauf aus, auch den Berliner Rat im Sinne der Kirche und gegen das markgräfliche Kind Ludwig zu beeinflussen. Derlei Einmischung schätzten die Berliner nicht. Als Nikolaus sich in einer donnernden Predigt in der Marienkirche auch noch drohend für die Zahlung des Peterspfennigs starkmachte, lehnte er sich, wie man heute sagen würde, entschieden zu weit aus dem Fenster. Gleich nach der Predigt fielen die aufgebrachten Pfarrkinder mit Knüppeln über ihn her, erschlugen ihn auf der Stelle und verbrannten den Leichnam vor der Kirche auf dem Neuen Markt.
Berlin und Cölln hatten durch den daraufhin vom Magdeburger Erzbischof verhängten Bann »viel Verdrießlichkeit und Kosten zu erleiden«: Die Glocken verstummten, und die Kirchen blieben geschlossen, es fanden keine Taufen und Eheschließungen statt, den Sterbenden blieb die Letzte Ölung versagt. Da auch der Umgang mit den Gebannten verboten war und viele Kaufleute die Städte mieden, stockten Handel und Gewerbe. Nur die grauen Franziskaner in ihrem Berliner Kloster fügten sich nicht dem erzbischöflichen Interdikt, »dessen sich die Geistlichkeit, besonders der Bischof von Brandenburg bediente, die Städte auf schändlichste Art ums Geld zu bringen«. Der Bischof nahm 750 Mark Silber als Buße entgegen, verzettelte aber unter dem Vorwand, eine päpstliche Bulle wäre notwendig, die Sache bis 1345, indem er alle Bürger einzeln nach Brandenburg zitieren und jeden für die Absolution bezahlen ließ. Erst nachdem der Propst Gerwin zu Bernau und der Bruder des Erschlagenen mit beträchtlichen Summen abgefunden waren, erteilte er endlich 1347 die völlige Absolution. Der Vertrag forderte neben einem Altar in der Marienkirche ein mit einer ewigen Lampe versehenes Sühnekreuz von zwölf Fuß Höhe am Ort der Untat, etwa an der heutigen Ecke Spandauer-/Karl-Liebknecht-Straße, beim sogenannten »Lampenschmied«.
Das heutige Kreuz neben dem Kirchenportal misst kaum vier Fuß Höhe. Man nimmt an, dass es sich um eine spätere Replik des – vermutlich hölzernen – Originals handelt, das 1726 der Bebauung der Spandauer Straße weichen musste. Seitdem steht das Steinkreuz auf einem niedrigen Sockel am heutigen Platz.
Die Hohenzollern und
ihr Schlossgespenst
Der Grüne Hut und die Eiserne Jungfrau
500 Jahre hat sie in Cölln an der Spree gestanden, die Zwingburg der Hohenzollern, deren Geschichte im Jahre 1448 mit einer vorsätzlichen Flutung der Baugrube begann. Doch nützte aller Aufruhr den Bürgern nichts – wie so oft in der Berliner Geschichte. Kaum drei Jahre später zog der eiserne Kurfürst Friedrich II. (nicht zu verwechseln mit seinem Nachfahren, dem gleichnamigen preußischen König Friedrich II.) auf der Burg ein.
Für die Berliner blieb das Gemäuer ein schauerlicher Ort. Stand doch an der Spreeseite bis zum Abriss des Schlosses im Jahre 1950 als einziger Rest der alten Burg ein kleiner Turm mit spitzem, von Grünspan schimmerndem Kupferdach. Der Grüne Hut diente bis 1648 als Gefängnis für das angeblich heimliche Gericht der Hohenzollern, und ganz unten im Turm stand die Eiserne Jungfrau: eine Frauengestalt aus Eisen, die weitgeöffneten Arme als Schwerter ausgebildet, der Leib links und rechts mit Messern versehen. War nun jemand zum Tode verurteilt, so musste er auf eine steinerne Platte dicht vor die Jungfrau hintreten und sie küssen. Durch ein Räderwerk schlossen sich die Arme, pressten ihn gegen die Messer und zerschnitten seinen Körper. Eine Klappe öffnete sich, der zerstückelte Leichnam fiel in die Spree und diente dort den Fischen und Krebsen als Nahrung.
Die Jungfrau war wohl in Wahrheit eine aufklappbare Maschine mit Dornen zum Peinigen durch quälenden Druck, die noch 1718 im Inventarverzeichnis des Gefängnisses im Stadthof vom Magistrat aufgeführt wurde. Ob sie der Große Kurfürst, der in seinem Schloss kein Gefängnis dulden wollte, beim Umbau des Grünen Huts 1648 in die Stadtvogtei neben dem damaligen Dom umsetzen ließ, ist nicht bekannt.
Die Weiße Frau – Gräfin von Orlamünde
Noch berüchtigter als die unheimliche Eiserne Jungfrau war unter den Schaurigkeiten Berlins ein anderes weibliches Wesen, dessen Geschichte untrennbar mit dem Hohenzollernschloss verbunden ist: die Weiße Frau.
Nach älteren Quellen soll es sich bei dieser Dame um die verwitwete Gräfin Kunigunde von Orlamünde-Plassenburg gehandelt haben, die in Liebe zu dem Nürnberger Burggrafen Albrecht dem Schönen entbrannt war, der sich jedoch zurückhielt. »Gern wollt ich dem schönen Weib mich zuwenden«, soll er geäußert haben, »wenn nicht vier Augen wären« – womit er seine Eltern meinte. Die verliebte Gräfin bezog den Ausspruch auf ihre beiden Kinder und beschloss, sie zu töten, indem sie ihnen mit einer goldenen Nadel ins Hirn stach. Nach anderen Quellen beauftragte sie ihren Bediensteten Hayder mit dem Mord.
Natürlich wandte sich der Burggraf nun vollends von ihr ab und heiratete eine andere. Viel zu spät bereute die Gräfin ihr scheußliches Verbrechen, unternahm eine Pilgerfahrt nach Rom, stiftete das Kloster Himmelsthron und verbrachte dort den Rest ihrer Tage mit Bußübungen. Im nahen Kloster Himmelskron bewahrte man noch im 17. Jahrhundert die angeblichen Gebeine der beiden Kinder auf, bevor sie infolge häufigen Vorzeigens zu zerfallen drohten und in einer steinernen Truhe bestattet wurden. Kein Wunder, dass die Mörderin nicht einmal nach ihrem Tode Ruhe fand und »als weiße Frau umgehen muss, bis ihre Zeit erfüllt ist«.
Den Geist der Gräfin von O. zeichnete nach ihrem Tode eine gewisse Reiselust aus. 1486 trat sie als Weiße Frau erstmalig im alten Schloss zu Bayreuth auf und wurde zwei Jahre später in den düsteren Gängen und Gewölben der Plassenburg gesichtet. 1540 stellte der dortige Schlossherr Markgraf Albrecht Alkibiades das Gespenst und warf es die steile Wendeltreppe hinunter. Unten lag sein Kanzler Christoph Straß mit gebrochenem Genick …
Die Weiße Frau – die schöne Gießerin
Wen wundert es, dass die echte Weiße Frau daraufhin den beschwerlichen Weg nach Berlin wählte, um sich ausgerechnet im Schloss der zahlreichen Ururgroßnachkommen ihres einst Angebeteten festzusetzen? Im Cöllner Schloss ist ihr Auftreten seit 1598 bezeugt. Da allerdings war sich alle Welt einig, dass es sich nicht um die längst vergessene Gräfin von Orlamünde handelte, sondern um die schöne Gießerin Anna Sydow, Witwe des Artilleriehauptmanns und Stückgießers Matthias Dieterich aus Burgund. Sie war die langjährige Favoritin des Kurfürsten Joachim II., der sie mehr liebte »als alle seine anderen Gespielinnen, von seiner angetrauten Ehefrau gar nicht zu reden«. Sie begleitete Joachim auf allen Reisen und Jagden und spielte auch sonst gerne die Landesmutter.
Mindestens zwei Kinder gingen aus dieser Verbindung hervor. Der Tochter Magdalena von Brandenburg verlieh der Vater den Titel einer Gräfin von Arneburg und sorgte sich sehr um ihre Aussteuer.
Joachim Hektor trat 1539 entgegen seinem dem frommen und fruchtbaren Vater geleisteten feierlichen Eid zum Luthertum über. Ohnehin war ja ein Hohenzoller, Joachim Nestors Bruder Albrecht nämlich, Schuld an der Reformation. Der hatte sich bereits als 24-Jähriger zum jüngsten Erzbischof von Magdeburg und Kurfürsten von Mainz emporgekauft. Die Augsburger Fugger liehen ihm das Geld dafür. Damit er es zurückzahlen konnte, privilegierte der Papst Albrecht zum Ablasshandel, unter der Bedingung, dass die Hälfte der Einnahmen für den Bau des Petersdoms nach Rom floss. Der nicht sonderlich fromme Erzbischof holte den wegen Ehebruchs zum Tode durch Ersäufen verurteilten und vom Sachsenherzog zu ewiger Haft begnadigten Dominikaner Tetzel aus dem Grimmaischen Turm zu Leipzig und ernannte ihn zum »Untersuchungsrichter der ketzerischen Entstellungen« und zum obersten Ablasskrämer. War es ein Wunder, dass sich der Doktor Luther in Wittenberg gegen Tetzels freches Gebaren empörte und die halbe Christenheit aufschrie? Erzbischof Albrechts und Joachim Nestors Vetter Markgraf Albrecht von Hohenzollern, letzter und jüngster Hochmeister des Deutschritterordens, war 1525 der erste Herrscher, der die neue Religion in seinem eben vom Polenkönig gelehnten Herzogtum Preußen zur Staatsreligion erhob.
Joachim sorgte sich nicht nur um seine uneheliche Tochter Magdalena und um die drei Kinder der Anna Sydow aus deren erster Ehe. Mit Recht misstraute er vor allem seinem ältesten Sohn Johann Georg. Am Sonnabend nach Pfingsten 1561 ließ er diesen in Zechlin eine Urkunde ausstellen, in der Johann Georg Folgendes versicherte:
Unsre liebe getreue Anna Sydows … jederzeit schützen handhaben und vertheidigen … Wir nehmen sie samt Kindern Haab und Gütern in Unsern sonderlichen Schutz, und versprechen auch alles wie obstehet, und Wir solches Unserm Herrn und Vater mit Hand und Mund angelobet haben …
Kaum aber war der Herr und Vater nach einer Wolfsjagd in der Nacht zum 3. Januar 1571 im Jagdschloss Köpenick verblichen, ließ der wortbrüchige Sohn die Sydow verhaften, aller ihrer Güter und Kleinodien berauben und auf die Festung Spandau bringen, »wo sie bis an ihren Tod (im Jahre 1575) sehr hart gehalten worden sein soll«.
Die durch Joachims Prunksucht und Mätressenwirtschaft verarmten Landeskinder sahen darin eine durchaus gerechte Strafe. Neben dem kurfürstlichen Münzjuden Lippold war ihnen die schöne Gießerin am meisten verhasst. Auch aus der glänzenden Aussteuer der mit einem Grafen von Eberstein verlobten Tochter Magdalena wurde nichts. Johann Georg fragte seinen verkrüppelten Schreiber Andreas Kohl mit herbem Spott: »Willst du mein Schwager werden?« Der lehnte nicht ab. Nach Kohls Tod lebte die kurfürstliche Halbschwester als bürgerliche Witwe in Berlin.
Sosehr das Volk die Gießerin verabscheute, verknüpfte es ihr Schicksal dennoch mit der Sage von der Weißen Frau, »die seit Jahrhunderten im Schloss zu Cölln umgeht und sich vor jedem Todesfall in der Hohenzollern-Familie zeigt«. Zu ihrer Zeit eine berühmte Schönheit, avancierte Anna Sydow 23 Jahre nach ihrem Tode zum berühmtesten Gespenst Brandenburg-Preußens. Sie fände, so behauptete der Volksglaube, in Spandau keine Ruhe, ja, sie sei in Wahrheit im Jagdschloss Grunewald unter der Treppe eingemauert worden. Selbst in einem Privatgebäude in Charlottenburg ginge sie um. Man bemerke dort im Trauerzimmer eine sanfte Erschütterung, die silbernen Wände würden von einer unsichtbaren Macht in einer lebhaften hellgrünen Farbe erleuchtet, süße, harmonische Töne vermischten sich zu einer fröhlichen Melodie …
Die Weiße Frau war kein fürchterliches Gespenst. Lautlos schwebte sie dahin und erfüllte die ihr vom Schicksal zugedachte Aufgabe, die Todesbotin der Hohenzollern zu sein.
Zum ersten Mal zeigte sich die weiße Gestalt in Cölln 1598, acht Tage vor dem Tod des 73-jährigen Johann Georg, dem Anna Sydow ihr bitteres Ende verdankte. Kurfürst Johann Georg war der fruchtbarste aller Hohenzollernherrscher, deren 20 es auf immerhin 165 anerkannte Nachkommen brachten. Das letzte von Johann Georgs 23 Kindern wurde erst nach dem Tod des Vaters geboren.
Auch vor dem Ableben von Johann Georgs Enkel, dem abergläubischen Kurfürsten Johann Sigismund, geisterte das Gespenst herum: »Dies, der Wein und dunkle Gedanken veranlassten den Zermürbten, die Regierung seinem Ältesten zu übergeben und das bessere Jenseits aufzusuchen …«
Es half nicht, dass Johann Sigismund aus Furcht vor der Weißen Frau ins Haus seines Kämmerers Anton Freytag an der Langen Brücke zog – er hatte nur noch sechs Wochen zu leben.
Die Weiße Frau wird aktenkundig
Mit der Leichenrede des Dompredigers Berger von 1619 geriet das Gespenst in die schriftlichen Annalen des Hauses Hohenzollern:
Es hat sich die Weiße Frau in leidtragender Gestalt auf dem Churfürstlichen Schlosse sehen lassen vor Personen allerhand Standes und Alters, daß also an ihrer Erscheinung nicht zu zweifeln ist.
Aus dem 17. Jahrhundert stammen die meisten Meldungen über das Gespenst, das sich gewöhnlich ruhig und anständig benahm. Nur wenn man sie durch frechen Übermut reizte, wurde die Dame zornig. Ein hoher Kavalier erzählte, dass er bei Ihrer kurfürstlichen Durchlaucht einstmals wegen wichtiger Affären ziemlich spät im Gemach gewesen, da sei das weiße Weib in Gestalt einer Beschließerin über den Saal gegangen. Sein Page, aller Warnungen ungeachtet, sei ihr nachgelaufen und habe sie angefasst mit den Worten: »Mutter, wo wollt ihr hin?« Der Vorwitzige bekam mit dem Schlüssel einen solchen Schlag an die Ohren, dass er bewusstlos zu Boden stürzte, während das Gespenst über ihn hinwegschritt. Zitternd wagten sich die anderen hervor und trugen den Pagen in seine Kammer, wo er trotz ärztlicher Bemühungen am dritten Tag den Geist aufgab. Man darf den Satan nicht reizen, schlussfolgerten die Todesmutigen, und so flüchteten sie alle, wenn im Schloss nur entfernt etwas Weißes schimmerte.
Einem schwachen Vater folgt mitunter ein noch schwächerer Sohn: Georg Wilhelm, der nächste Kurfürst, war schon bei seiner Huldigung mit 24 Jahren ein kranker Mann, der an der hohenzollernschen Erbkrankheit litt, einer schweren Wassersucht. Er starb 1640 mit nur 45 Jahren, vermutlich vom eigenen Kanzler Schwarzenberg vergiftet. Die wahre Herrscherin in Berlin blieb bis 1625 seine harte und herrschsüchtige Mutter Anna von Preußen, die älteste der fünf Töchter des Herzogs Albrecht Friedrich der Blödsinnige. Sie brachte den ohnehin nahe verwandten Hohenzollern immerhin das spätere Königreich Preußen als Morgengabe mit. Um den Stammbaum des Hauses Hohenzollern noch unübersichtlicher zu gestalten, heiratete ihre jüngere Schwester Eleonore Johann Sigismunds Vater Joachim Friedrich, starb aber bald darauf.
Kaum fünfzig Jahre später zog eine weitere schaurige Person ins Berliner Schloss ein: die ebenso gescheite wie ehrgeizige und rachsüchtige zweite Gemahlin des blatternarbigen Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, eine verwitwete Herzogin von Braunschweig-Lüneburg. Die Schwarze Dorothea ging wegen verschiedener unerwarteter Todesfälle und Koliken in der Herrscherfamilie – wahrscheinlich unverdientermaßen – als Giftmischerin in die Geschichte ein. Immerhin starben plötzlich und unerwartet zwei Kurprinzen, und der dritte, überraschend zum Kronprinzen aufgestiegen, hielt sich nach einer höchst unbekömmlichen Tasse Kaffee vorsichtshalber von ihr fern. Dafür stand ihm am Ende seiner Tage noch eine besonders eindrucksvolle Begegnung mit der Weißen Frau bevor.
Ein mutiger Hohenzoller
Etliche Jahre vorher wollte der Oberkämmerer und Saufkumpan des Großen Kurfürsten, Oberst Curt von Burgsdorff, ein trinkfester Mann von unbändiger Stärke, das schleierumwogte Hausgespenst endlich einmal mit eigenen Augen sehen. Er wolle ihm schon Bescheid stoßen!
Wunschgemäß begegnete ihm denn auch, nachdem er eines späten Abends den Kurfürsten zu Bette geleitet hatte, auf einer kleinen Treppe die Weiße Frau. Der erschrockene Oberst fasste sich und rief mit kerndeutsch-adligem Charme »Du alte sakramentarische Hure, du, hast du noch nicht genug Fürstenblut gesoffen? Willst du noch mehr haben?« und stürmte auf die zarte Gestalt ein. Die aber packte ihn mit unerwarteter Kraft am Kragen und warf ihn die Treppe hinunter. Der Kurfürst hörte es poltern, schickte vorsichtshalber jedoch nur den Kammerpagen hinaus, der dem zerschundenen Burgsdorff auf die Beine half. So mutig waren die Hohenzollern, wenn es darauf ankam.
Die Geschichte ist in verschiedenen Versionen und Datierungen überliefert und wird mitunter Burgsdorffs Bruder, dem Oberstallmeister Ehrenreich von Burgsdorff, zugeschrieben, der ein gleichermaßen großer Saufaus war wie Curt. Auch vor dem Dahinscheiden des Großen Kurfürsten trat die Weiße Frau in Erscheinung und zeigte sich diesmal dem Hofprediger Brunsenius gar am helllichten Tag.
Der Schiefe Fritz und die Mecklenburgische Venus
Irrtümlich wird Burgsdorffs Abenteuer gelegentlich mit dem Sohn des Großen Kurfürsten, Preußens erstem König Friedrich I., in Zusammenhang gebracht. Der Schiefe Fritz, wie er auch genannt wurde, war ein stilles, verwachsenes und dementsprechend gehemmtes Kind mit großem Kopf und auffallend großer Nase. Als Dreißigjähriger trat er 1688 die Nachfolge seines berühmten Vaters an, krönte sich dreizehn Jahre später in Königsberg selbst zum König in Preußen und starb 1713. Friedrich war ein gläubiger Fürst, er glaubte nicht nur an Geister wie die Weiße Frau.
Immerhin wurde Friedrichs Aberglaube belohnt: Brandenburg-Preußens erster König war der einzige Hohenzoller, dem die Weiße Frau vor seinem Tode nicht nur virtuell erschien – was ihn zu Tode erschreckte, hatte er ihr doch ein christliches Begräbnis ausrichten lassen. Im Jahre 1709 fand sich nämlich beim Schlossbau in den Fundamenten der früheren Burg ein eingemauertes schneeweißes weibliches Skelett, von dem Friedrich wie alle anderen glaubte, es sei das der Weißen Frau. Er ließ die Gebeine auf dem Domfriedhof beisetzen. Der süße Trost, er habe dadurch das Gespenst zur Ruhe gebracht, erfüllte sich leider nicht.
Das Unheil geschah ein Jahr nach der Geburt und Taufe seines Enkels Friedrich im Januar 1712. Dieser Friedrich, den die Welt einmal als den Großen kennenlernen sollte, war bereits der dritte Enkel, auf den Preußens erster König seine Hoffnungen setzte. Mit der Kinderpflege haperte es im Berliner Schloss offensichtlich. Der erste Thronfolger überlebte den Lärm der Kanonenschüsse bei seiner Taufe nicht, einem zweiten zerdrückte bei gleicher Gelegenheit die überschwere Goldkrone das Köpfchen. Reichlich Kummer also für den selbst von mannigfaltigen Leiden geplagten Monarchen.
Eines Nachmittags ruhte er in seinem Armsessel, als ihn eine grauenhafte Erscheinung aus dem Schlummer riss. Vor ihm stand eine hohe weiße Gestalt mit wild herabhängenden Haaren, die blutigen nackten Arme und Hände gen Himmel gereckt. Das Weib starrte ihn mit irren Augen an, aus denen der Wahnsinn glühte, und warf sich mit Zetergeheul auf ihn. Schreiend überhäufte sie ihn mit Vorwürfen über sein lasterhaftes Leben, bis ihn eine gnädige Ohnmacht erlöste.
Der Schreck, so wird berichtet, verschlimmerte die Krankheit des 55-jährigen Monarchen. Er wurde zu Bett gebracht und verließ es nicht wieder. »Ich habe die Weiße Frau gesehen, ich werde nicht wieder besser werden!«, klagte er. Seine Krankheit dauerte sechs Wochen. Er fühlte selbst, dass sie tödlich war, aber er wollte nicht glauben, dass jene grauenhafte Erscheinung niemand anderes gewesen sei als seine eigene Gemahlin Sophie Luise von Mecklenburg-Schwerin, genannt die Mecklenburgische Venus. Mit ihr war Fritz seit 1708 in dritter Ehe verheiratet. Die 24-jährige Prinzessin galt keineswegs als besonders sittenstreng, wurde angesichts ihres Ehemanns jedoch zur unerbittlichen Lutheranerin, die sich in Andächtelei vertiefte, »bis endlich über dem Grübeln ihr Verstand sich verwirrte, ihre Vernunft zerrüttet ward«. Diesmal war die Geisteskranke der Bewachung und ihren Hofdamen entkommen, durch eine geschlossene Glastür zu ihrem entsetzten Gemahl vorgedrungen und hatte ihn im wahrsten Sinn des Wortes zu Tode erschreckt.
An Friedrichs Gemahlinnen erinnern heute Stadtteile in Berlin: Zu Ehren der zweiten, Sophie Charlotte, trägt Charlottenburg seinen Namen, nach der Mecklenburgischen Venus sollte die nördliche Vorstadt Berlins Sophienvorstadt heißen. Sophie Charlottes Sohn Friedrich Wilhelm I., Preußens prügelnder Soldatenkönig, setzte durch, dass es bei der Spandauer Vorstadt blieb. Die Spandauische Kirche in der Sophienstraße aber heißt noch heute Sophienkirche.
In Sachen Weiße Frau bewies der unrühmlich bekannte Soldatenkönig allerdings einigen Realitätssinn. Er erwischte das Gespenst beim Hemdzipfel und prügelte es mit seinem Knotenstock unbarmherzig durch. Natürlich hatte er den Richtigen ertappt: einen dreisten Grenadier, der in dieser Verkleidung ungestört zu seiner Angebeteten im Flügel der Hofdamen schweben wollte.
Das Ende der Weißen Frau
Gut hundert Jahre lang blieb es still um die Weiße Frau, obwohl sie angeblich 1786, vor dem Tod des Alten Fritz, und elf Jahre später, vor dem seines Neffen Friedrich Wilhelm II., aufgetaucht sein soll. In der Franzosenzeit unternahm das patriotische Gespenst angeblich eine Tournee nach Bayreuth, wo es beinahe Napoleon erschreckt hätte. Vielleicht schon auf dem Weg dorthin erschien die Weiße Frau im Schloss von Rudolstadt dem Prinzen Louis Ferdinand am Vorabend der Schlacht von Saalfeld im Oktober 1806, in der er prompt den Tod fand.
In Berlin erinnerte man sich erst 1840, als Friedrich Wilhelm III. in seinem 43. Regierungsjahr erkrankte, des treuen Schlossgeistes und der traurigen Bedeutung des Jahres ’40 in der Geschichte der Hohenzollern: 1440, 1640 und 1740 waren die jeweils regierenden Herrscher gestorben. Nun erwischte es also Friedrich Wilhelm III., den farblos-nüchternen »zweiten Soldatenkönig«, einen mittelmäßigen, eher bürgerlichen Menschen. »Unser Dämel sitzt in Memel«, hatten die Berliner 1806 nach der Flucht des Königspaars vor Napoleon gelästert. Er wurde an der Seite der hochverehrten Königin Luise (gestorben 1819; auch nach ihr heißt ein Stadtteil in Mitte und Kreuzberg) beigesetzt. Dabei war er seit 1824 in morganatischer Ehe mit der katholischen Gräfin Auguste von Harrach verheiratet.
Von der Weißen Frau war nur noch in der Überlieferung die Rede. Bald sank auch das Schloss in Trümmer, und ein Leipziger Tischlergeselle erteilte den Befehl zum endgültigen Abriss. Ob Walter Ulbricht außer seiner Lotte ein weiteres Gespenst begegnet ist, wenn er auf der Tribüne am Spreeufer die Grüße der jubelnden Massen entgegennahm, ist nicht überliefert. In dem bei Tag und Nacht hell erleuchteten Lampenpalast war es wohl endgültig vorbei mit den guten wie den bösen Geistern, spätestens die Asbestsanierung haben sie nicht überlebt.
Die Keller auf dem Schlossplatz wurden ausgegraben, doch man fand weder die vermissten Sarkophage der ersten Hohenzollern noch eine Spur der Weißen Frau. Selbst in den noch vorhandenen Tropfsteingewölben unter dem einstigen Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Spreekanal mag es unheimlich sein – Hohenzollern-Gespenster gehen dort nicht um. Und welcher Geist hinter der Schlossfassaden-Kopie im Humboldtforum herrschen wird, muss sich erst erweisen.
Aufruhr, Brände und andere
Katastrophen
Der Berliner Unwillen
Die Quellenlage über die ersten Jahrhunderte Berliner Geschichte ist schlecht; nicht einmal ihre Gründungsurkunde haben die alten Berliner gerettet. Schuld daran waren vor allem die immer wieder auftretenden Brände im ausgehenden Mittelalter, die selbst die steinernen Kirchen nicht verschonten.
Im Jahre 1376 brannte ein großer Teil von Berlin nebst einem Teil des Rathauses sowie der Nikolai- und der Marienkirche ab. Auch bei dem verheerenden Feuer am 10. August 1380 meinte man, den Brandstifter zu kennen: den Ritter Erich Valke von der Lietzenitz auf Saarmund.
Es war der schwerste Brand in der Stadtgeschichte, und als man Valke zehn Jahre später endlich fing, tötete man ihn sofort. Damit nicht genug, man machte dem Toten formal den Prozess. Sein abgeschlagenes Haupt wurde auf dem Oderberger Tor in der heutigen Rathausstraße ausgestellt.
Zur Zeit der ersten Hohenzollern verschärfte sich der Widerspruch zwischen den die Städte beherrschenden Patriziern, dem »borgermeister und seinen ratmannen«, und den Handwerken, die endlich an der städtischen Selbstverwaltung beteiligt sein wollten. Die Situation gipfelte schließlich im sogenannten Berliner Unwillen von 1447/48.
1442 baten die Handwerker »ihren« Kurfürsten Friedrich Eisenzahn um Hilfe, was dem gerade recht kam. Er wollte die Privilegien der Städte Berlin und Cölln ohnehin beschneiden, löste kurzerhand die Verwaltung auf und ließ sich die Schlüssel der Stadttore aushändigen. Dann setzte er einen neuen Rat ein, in dem die Handwerker wesentlich vertreten waren. Dafür schränkte er die Rechte der Städte ein und forderte einen Bauplatz für die kurfürstliche Burg, zu der er am 31. Juli 1443 an der nördlichen Stadtbefestigung von Cölln den Grundstein legte. Doch während Friedrich in Pommern Krieg führte und ihn verlor, vereinigten sich Berlin und Cölln, zum Widerstand entschlossen. 1447/48 kam es zum bewaffneten Aufstand gegen den Kurfürsten. Die Bürger öffneten im Februar 1448 die Wehre des Mühlendamms und überschwemmten das kurfürstliche Baugelände. Sie entwaffneten Friedrichs Söldner, vertrieben seine Zöllner und Mühlenmeister und plünderten die kurfürstliche Kanzlei im Hohen Haus an der Klosterstraße.
Friedrich Eisenzahn machte seinem Namen alle Ehre. Er zog mit einer fränkischen Streitmacht heran, und 600 Mann zu Pferde besetzten die Stadt. Sodann erhob er Klage gegen die aufrührerischen Städter, insbesondere gegen einzelne Bürger aus der Oberschicht. Es hagelte Verbannungsurteile, Enteignungen und Geldbußen. Aus den freien Stadtbürgern waren unversehens kurfürstliche Untertanen geworden. Zum Zeichen dafür erhielt der Bär im Stadtsiegel, über dem nun der Adler hockte, ein Halsband. Drei Jahre später bezog der siegreiche Kurfürst 1451 seine Residenz zu Cölln.
Ereignisse dieser Art verzeichnet die Berliner Stadtchronik nicht eben häufig. Meist heißt es nur lapidar: »Anno 1484 ist das Rathaus zu Berlin zum andern mahl abgebrannd …«
Der Calvinistentumult in Cölln
Ein gewichtiges Ereignis ist zu Beginn des 17. Jahrhunderts verzeichnet. Im Jahre 1615 brachte der Calvinistentumult ganz Cölln in Aufruhr. Zu Weihnachten 1613 war der Kurfürst Johann Sigismund, der seit 1608 residierte, zum reformierten calvinistischen Glauben übergetreten, während seine Frau Anna von Preußen und Jülich-Cleve-Berg (1576–1625) und ein Teil der Geistlichkeit am Luthertum festhielten, das seit 1525 in Preußen und seit 1539 auch in Brandenburg Staatsreligion war. Die herrschsüchtige Anna war die älteste Tochter des schwachsinnigen Hohenzollern-Herzogs Albrecht Friedrich, der dem von seinem Vater Albrecht I. begründeten Herzogtum fünfzig Jahre lang (1568–1618) vorstand und selbst in offiziellen Dokumenten »unser gnädiger blöder Herr« heißt.
Die Berliner waren offensichtlich nicht so leicht von ihrem neugewonnenen lutherischen Glauben abzubringen. Im März und April 1615 kam es in ganz Cölln zwischen dem Schloss und der Petrikirche zur gewaltsamen Konfrontation zwischen den Lutheranern und den Calvinisten. Der Diakon Stüler hielt eine anticalvinistische und damit gegen den Landesherrn gerichtete Predigt und floh anschließend vorsichtshalber. Am traditionellen blauen Montag, auf dessen Einhaltung die Berliner Handwerksgesellen hartnäckig bestanden, versammelten sie sich zusammen mit etlichen Landsknechten vor der Petrikirche und zogen am Abend bewaffnet in die Brüderstraße. Die ersten Schüsse fielen, und die Glocken läuteten Sturm. Vor dem Schloss wurde der Statthalter des Kurfürsten, der Markgraf von Brandenburg-Jägerndorf, als Hurensohn beschimpft und bei Handgreiflichkeiten verletzt.
Am nächsten Tag waren die Rädelsführer geflohen. Nach langen Verhandlungen akzeptierten die Parteien das vom Leipziger Schöppenstuhl abgesegnete Urteil, das einen Kompromiss darstellte. Den Cöllnern und Berlinern blieb die Religionsfreiheit erhalten.
Der zersprungene Pulverturm
Einen breiten Raum nimmt in Jakob Schmidts Sammlungen Berlinischer Merck- und Denckwürdigkeiten der zersprungene Pulverturm ein, eine Katastrophe von beachtlichen Ausmaßen. Berlin war zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine Garnisonstadt mit über 4000 Mann Militär. Obwohl nach dem Dreißigjährigen Krieg ausgedehnte Stadtbefestigungen um Berlin, Cölln und den Friedrichswerder herum errichtet worden waren, deren Spuren sich noch heute im Berliner Stadtbild finden, standen noch immer Teile der ältesten Befestigungsanlagen von Cölln und Berlin. So wurden die beiden Türme der nördlichen Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert in der Burgstraße an der Spree und am Spandauer Tor als Pulvertürme genutzt.
Im Sommer 1720 sollte nun der Pulverturm beim alten Spandauer Tor abgebrochen werden, nachdem der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. 1717–19 die neuen königlichen Pulvermühlen und das Pulvermagazin nach Moabit an die Spree vor dem Unterbaum hatte verlegen lassen – auf das Areal des späteren Lehrter Bahnhofs. Zwei Dutzend Artilleristen räumten den Turm aus; der Explosionsgefahr wegen trugen sie nur Filzsocken und durften nicht rauchen.
Ein zeitgenössischer Stich, der auch die Post, die in dem fatalen Moment vorbeifuhr, und den blessierten Wallschmied abbildet, dessen Haus getroffen wurde, vermittelt zusammen mit der ausführlichen Bildlegende einen treffenden Eindruck von dem schrecklichen Vorgang. Es handelt sich dabei um den wahrhaften Bericht über die Explosion, der sich wie folgt liest:
Prospect desjenigen Theils der Stadt Berlin, ohnweit dem Spandauer Thor, wie selbiger bei dem erbärmlichen Unglück, so daselbst am 12. August 1720, zwischen 10 und 11 Uhr vormittags durch Zerspringung eines Pulverthurms passiret, anzusehen war. Dieser Thurm zersprung in fünf Stücke, wovon die dick gemauerte Spitze das Kirchen Haus und Lazareth in den Grund darnieder schlug. Das eine Theil warf in dem damals von Herrn Obrist von Glasenapps Wohnung das halbe Dach und eine Ecke des Hauses nieder, das andere Theil schlug die halbe Garnison-Schule zu Boden, und machte in der Kirche eine große Öffnung. Das dritte Theil schlug des Herrn Hofraths Kühnens Hauses Obertheil und die Ruppiner Herberge nieder. Das vierte Theil traf die Hospital Ecke, auch die Heilige Geist Kirche. Der jämmerlich ertödteten Menschen waren in Summe 72 Personen, worunter 35 Soldaten Kinder, so in der Schule höchst erbärmlich zerquetschet worden ferner des Rectoris 12jähriger Sohn, so eben im unglücklichen Augenblick bei der Schule gewesen, des Küsters Kind samt ihm … Die etlichen 40 Verwundeten sind mehrentheils wieder genesen.
Nicht einmal das Fernsehen könnte exakter sein in der Berichterstattung. Im Übrigen wurde noch 24 Stunden danach ein sechsjähriges Kind lebend unter den Trümmern hervorgezogen; einen Fremden in der Ruppinischen Herberge barg man erst nach drei Tagen unverletzt. Der König selbst, der willens gewesen war, die Soldaten im Pulverturm zu beaufsichtigen (und mit dem Stock anzutreiben), entging dem Tod nur dadurch, dass er sich auf der Wachtparade verspätet hatte. Die Vorsehung hatte in die deutsche Geschichte eingegriffen. Immerhin war der Soldatenkönig tief erschüttert, und das wollte bei dem Mann etwas heißen!
Der Ort der Explosion befand sich etwa auf der Straßenmitte der heutigen Spandauer Straße, dort, wo sie als Straße An der Spandauer Brücke quer über den einstigen Standort der abgerissenen Garnisonkirche – der heute wieder Garnisonkirchplatz heißt – abbiegt.
Explosionen kamen bei der Pulverherstellung häufiger vor, weshalb die Pulvermühlen und Magazine 1716 vor die Stadt ins unbesiedelte Moabit verlegt wurden. Als im Oktober 1760 russische Truppen für fünf Tage Berlin besetzten (die nächsten Russen blieben 49 Jahre), erhielt ein Offizier mit 25 Mann den Befehl, diese preußischen Pulvermühlen zu demolieren. Der Trupp rückte weisungsgemäß ab und »verunglückte spurlos«, wie die Chronik düster zu berichten weiß.
In Berlin aber stürzten Türme auch ohne die Einwirkung von Explosivstoffen ein. Das berühmteste Baudesaster war der Abriss und Einsturz von Schlüters Münzturm auf dem Schlossplatz an der Hundebrücke. Das vorauszusehende Ereignis kostete den Baumeister seinen Job, dabei war der Berliner Baugrund wirklich nicht der beste. Die Kuppel auf dem Turm der Parochialkirche stürzte 1698 ein, im August 1734 traf es den Turm der neuerbauten Petrikirche. Dennoch liebten die preußischen Herrscher hoch aufragende Bauten und wollten auch die 1701 auf dem Gendarmenmarkt erbauten Kirchen mit Kuppel nach römischem Vorbild geschmückt sehen. In der Nacht zum 28. Juli 1781 fiel der Turm der Neuen Kirche (heute der Deutsche Dom) mit Getöse in sich zusammen.
Die Hochzeitskatastrophe von 1823
Die bleiernen Jahre nach den Befreiungskriegen waren keine glückliche Zeit für die preußische Metropole und ihre Einwohner. Die Hochzeit des Kronprinzen, des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV., mit der katholischen bayrischen Prinzessin Elisabeth am 29. November 1823 sollte das erste große Fest seit langer Zeit werden. Zugleich fand die Einweihung der Schinkelschen Schlossbrücke mit ihrem kunstvollen Geländer statt, die sich noch ohne die Figuren an Stelle der alten Hundebrücke über den Kupfergraben schwang. Vor dem Zeughaus hatte man eine Säulenhalle für 300 Ehrenjungfrauen errichtet. Noch war die neue Brücke für den Wagenverkehr gesperrt. Bei der abendlichen Illumination kam das Gerücht auf, überhaupt niemand dürfe die Brücke passieren. Die Menschenmenge, voller Angst, etwas von dem Schauspiel zu verpassen, drängte panikartig zum Kupfergraben, wo eine schmale Notbrücke die einzige Verbindung zum Lustgarten bot. Der Platz und die Brücke waren dem Ansturm nicht gewachsen. Das Geländer zum Spreekanal am Zeughaus hielt nicht stand; die Menschen wurden von den Nachdrückenden ins eisige Wasser gestoßen. Schreie gellten durch die Dunkelheit. Alle wollten sehen, was vorn passiert, und drängten immer mehr über die Uferkante. Das Fazit: dreißig zertretene, ertrunkene, erfrorene Kinder und Frauen. Kein gutes Omen für die Ehe des künftigen Königs, die denn auch kinderlos blieb.
Schon im Juli 1709 hatte der Einsturz der Cavalierbrücke (in der Nähe der heutigen Liebknecht-Brücke) 18 Menschenleben gefordert, von den Geretteten »sind die meisten bald darauf gestorben …«. Versammelt hatten sich die Berliner damals, um das Feuerwerk zu Ehren des Sieges Peters des Großen über die Schweden zu sehen.
Am 29. Juli 1817 brannte das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt vollständig aus; in der Nacht vom 18. zum 19. September 1843 erleuchtete der Brand des königlichen Opernhauses Unter den Linden die Stadt taghell. Beide Gebäude wurden schnell wiederaufgebaut.
Die Zeiten wurden immer unruhiger. 1845 gab es am Hamburger Tor in der heutigen Torstraße Steinwürfe gegen die Ordnungsmacht, 1846 die Kartoffelrevolution am Oranienburger Tor. Berlin näherte sich unaufhaltsam der Märzrevolution von 1848, deren Erfolge so mager ausfielen wie die aller Revolutionen in Deutschland.
Böse Zungen sprechen von zwei wesentlichen Ergebnissen: Der König wurde gezwungen, den Hut vor den gefallenen Märzkämpfern zu ziehen, und am Brandenburger Tor brannte der hölzerne Zirkusbau nieder. Die Reaktion schien endgültig zu triumphieren. Es sollten weitere vierzig Jahre vergehen, bis endlich auch Bismarcks rigide Sozialistengesetze der Vergangenheit angehörten. Daran, dass Berlin die Hauptstadt einer stockreaktionären Monarchie blieb, änderte auch das nichts.
Neue Zeiten, neue Katastrophen und Unruhen
Mit dem beginnenden Bauboom der Gründerjahre hielt in Berlin die Schlamperei beim Hausbau Schritt. 1865 starben innerhalb von drei Wochen 33 Menschen bei Neubaueinstürzen, was endlich zu einer Verschärfung der Baukontrollen führte. Dennoch forderte auch die moderne Technik ihren Preis. Am 2. September 1883, also immerhin 45 Jahre nach Einführung der gefährlichen Dampfrösser, erlebte die Stadt im Bahnhof Steglitz ihr erstes großes Eisenbahnunglück, das 43 Todesopfer forderte. Bei der Hochbahn hingegen vergingen nur sechs Jahre, bis es zu einem ersten Unfall kam. Am Bahnhof Gleisdreieck – zu dieser Zeit wirklich noch ein solches – fuhr am 26. September 1908 ein Zug einem anderen in die Flanke und stieß einen Waggon vom Viadukt in die Tiefe. 18 Passagiere starben dabei, und mehr als 20 wurden schwer verletzt.
Das erste Tunnelunglück am 9. Mai 1917 zwischen Alexanderplatz und Schönhauser Tor (Rosa-Luxemburg-Platz) ging mit dreißig Verletzten und einer großen Panik etwas glimpflicher aus.
Obwohl von Luftverkehr noch nicht die Rede sein konnte, kam es auch über der Stadt zu ersten Unfällen. Seit 1884 existierte das Ballon-Detachement der Schöneberger Eisenbahntruppen, das als spätere Luftschifferabteilung ab 1901 in Tegel stationiert war.
Anlässlich der Großen Gewerbeausstellung 1896 in Treptow führte der Leipziger Buchhändler Dr. Hermann Wölfert sein Luftschiff Deutschland vor, das nach mehreren geglückten Probefahrten am 12. Juni 1897 nach einer Vergaserexplosion abstürzte. Wölfert und sein Mechaniker starben. Fünf Monate später gelang dem Unteroffizier Jagels mit dem starren Luftschiff eines Holzhändlers aus Agram die Jungfernfahrt auf 350 Metern Höhe, bevor das Gefährt auf dem unbebauten Schöneberger Südgelände strandete. Graf Zeppelin war ein aufmerksamer Beobachter des Vorfalls. Er war auch mutig genug, 1911 in Karlshorst mit dem halbstarren Luftschiff SSL 2 der Siemens-Schuckert-Werke aufzusteigen. Im gleichen Jahr forderte der Motorflug in Johannisthal sein erstes Todesopfer. Vom dortigen Flugplatz riss der Wind am 4. März 1912 ein Parseval-Luftschiff samt Sicherungsseil und daranhängendem Ballonmeister mit sich. Erst hinter dem Karlshorster Luftschiffhafen blieben das Luftschiff und die Leiche des unglücklichen Ballonmeisters in den Baumkronen hängen. Am 17. Oktober 1913 schließlich explodierte das Luftschiff L 2 über Adlershof und verursachte den Tod von 25 Menschen.
Am Boden sorgten eher Feuer und Explosionen für mittlere Katastrophen. So stand das prächtige und moderne Hotel Kaiserhof schon wenige Tage nach seiner Eröffnung im Oktober 1875 in hellen Flammen. Allerdings war der Bau mit 2,75 Millionen Mark gut versichert, was Anlass zu mancherlei Verdächtigungen bot …
Weniger Schaden richtete im Mai 1894 das sogenannte Kaiserfeuer auf einem Bauernhof in Gatow an, wo Seine kaiserliche Majestät Wilhelm II. höchstpersönlich gerade mit seiner Dampfjacht Alexandria aufkreuzte und gemeinsam mit der Mannschaft das Großfeuer bekämpfte. Als ein ungläubiger Spandauer Feuerwehrmann äußerte: »Mann, det jloobste doch selber nich, dettste Wilhelm bist!«, bewies es ihm der Kaiser durch stramme Befehle – und vermutlich durch seinen zu kurzen Arm.
Am 7. Januar 1898 brannte die gerade modernisierte Borsigmühle an der Spree in Moabit. Kein Wasser vermochte die haushohen Flammen zu löschen. Die gesamte Spreefront des Riesenbaus stürzte zusammen mit dem großen Kran und einigen tausend Tonnen Roggen in den Fluss. Das Restgemäuer brannte noch 14 Tage und wurde schließlich gesprengt. Die Firma Borsig gab den Standort auf und zog nach Tegel. Die Tanklager auf dem Nobelshof im östlichsten Winkel von Rummelsburg wurden dagegen noch weitere fünfzig Jahre genutzt, nachdem dort im November 1910 drei Millionen Liter Benzin explodiert waren und wochenlang brannten.
Die soziale Lage breiter Bevölkerungsschichten war nahezu unerträglich und führte zu immer neuen Unruhen. 1863 kam es zu Mieterunruhen am Moritzplatz, im März 1872 behinderte ein Streik den Bau der Siegessäule, und im Juni desselben Jahres kam es nach der Zwangsexmittierung eines Tischlers zu den Blumenstraßenkrawallen, bei denen 102 Polizisten zumeist durch Steinwürfe und 160 Zivilisten durch Säbelhiebe verletzt wurden. Die erregten Massen zerstreuten sich erst nach zwei Tagen, als das Polizeipräsidium mit dem Einsatz von Militär drohte. 33 »Aufrührer« wurden zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt.
Im Sommer 1885 streikten in Berlin 12 000 Maurer für höhere Löhne und für den Neunstundentag, fünf Jahre später waren es 40 000 Arbeiter, die für den Zehnstundentag in den Streik traten. Als die Polizei beim Moabiter Aufstand im September 1910 gegen streikende Kohlenarbeiter vorging, wurden zwei Menschen getötet und Hunderte verletzt. Bereits im Februar desselben Jahres hatte der Polizeipräsident von Jagow Versammlungen unter freiem Himmel verboten, vermochte damit aber am 6. März nicht, den Treptower Wahlrechtsspaziergang von 150 000 bis 200 000 Berlinern gegen das Dreiklassenwahlrecht zu verhindern. Die Polizei sprach von 15 000, die dem Aufruf der Sozialdemokraten gefolgt waren. Der Vorwärts erwartete spöttisch, dass Jagow die Zahl nochmals halbieren würde, um schließlich zu verkünden, »dass seine Reiter ihre wilden Angriffe nur gegen das gewöhnliche Sonntagspublikum im Treptower Park verübt haben«.
Von der Kriegseuphorie zu Bombenkrieg und Vernichtung
Dass der Beginn des Ersten Weltkrieges in der Reichshauptstadt eine allgemeine Kriegseuphorie auslöste, ist bekannt. Zeitgenössische Quellen bieten ein differenzierteres Bild, fanden doch noch in der Woche vor der Mobilmachung an 28 Versammlungsorten in der Stadt machtvolle Friedenskundgebungen der Sozialdemokraten statt, deren Teilnehmer anschließend von der Polizei in heftige Auseinandersetzungen verwickelt wurden. Auch vor den Sparkassen kam es zu Unruhen, Tausende wollten über ihre Guthaben verfügen, und Berlins Taschendiebe sorgten für ihren persönlichen Anteil daran.
Rasch verflog bei den skeptischen Berlinern die tatsächlich vorhandene Kriegsbegeisterung. Schon im Mai 1915 demonstrierten Frauen vor dem Reichstag für den Frieden, im Oktober brachen die ersten Unruhen wegen der Lebensmittelknappheit aus. Die Rationierung und der Kohlrübenwinter 1916/17 verschärften die Situation. Am 16. April 1917 folgten 300 000 Arbeiter dem Aufruf der Metallarbeitergewerkschaft zum Generalstreik, im Januar 1918 streikten die Munitionsarbeiter. Am 9. November schließlich wurde die deutsche Republik gleich zweimal ausgerufen; die Kontrahenten Sozialdemokratie und Spartakusbund (seit Januar 1919 Kommunistische Partei KPD) verstrickten sich in Auseinandersetzungen, die im Januar und März 1919 zu bewaffneten Kämpfen mit zahlreichen Toten unter den Linken führten. Von nun an gehörte Gewalt endgültig zum festen Repertoire politischer Konfrontation.
Von allen Bränden in Berlin ist der des Reichstags am 27. Februar 1933 in nachhaltigster Erinnerung geblieben. Ihn und seine Folgen zu beschreiben, bedarf es einer ganzen Bibliothek. Die These von der Alleintäterschaft des Holländers van der Lubbe hat sich noch immer nicht überzeugend gegen die Version der SA-Brandstiftung durchgesetzt. Kapital jedenfalls schlugen die Nationalsozialisten aus dem Brand, der ihnen Anlass zur Verhaftung Tausender Andersdenkender bot. Nur zehn Wochen danach zeigten sie bei einem nächsten Feuer, wes Ungeistes Kind sie waren. Am 10. Mai 1933 brannten auf dem Opernplatz die Bücher jüdischer, kommunistischer und linksbürgerlicher Autoren – ein schauriges Flammenzeichen für das Kommende. Die unterirdische Bibliothek auf dem heutigen Bebelplatz erinnert an die Bücherverbrennung.
Ihre nächste Brand- und Vernichtungsaktion bezeichneten die Nationalsozialisten euphemistisch als »Reichskristallnacht« – ein Pogrom gegen alle jüdischen Kultstätten und Geschäfte, dem beinahe alle Synagogen in der Stadt zum Opfer fielen. 12 000 Juden wurden in die KZ verschleppt; die systematische Vertreibung und Vernichtung begann.
Als am 1. September 1939 Hitlers Truppen in Polen einmarschierten, hielt sich der Kriegsjubel in Grenzen, obwohl die Berliner kaum ahnen konnten, was da auf sie zukam. Selbst als im August 1940 die ersten Bomben fielen, glaubten die meisten noch an einen deutschen Sieg. Die Bilanz nach vier Jahren Luftkrieg war ebenso schaurig wie verheerend: Die Bomben hatten mindestens 55 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt hinterlassen. Spätere Schätzungen reichen sogar bis zu neunzig Millionen Tonnen, von denen allein zwanzig Millionen in Mitte und Friedrichshain lagen.
Nachkrieg
Verglichen mit den Kriegsschrecken nehmen sich die Unglücksfälle und Brände der Nachkriegszeit beinahe harmlos aus. Grobe Fahrlässigkeit führte am 5. Juli 1951 zu einem tragischen Dampferunglück in Treptow, dessen schreckliche Folgen sich durch politische Halsstarrigkeit noch verschlimmerten. Der Schiffseigner des Ausflugsschiffs Heimatland hatte den Dieselmotor seines Dampfers gegen einen Benzinmotor ausgetauscht, der nach nur 300 Metern Fahrt infolge eines Vergaserbrandes explodierte. Von den 127 Personen an Bord – mehrere Schulklassen aus Prenzlauer Berg auf einem Ausflug nach Hessenwinkel – verbrannten oder ertranken 30 Kinder und zwei Erwachsene. Nach West-Berliner Angaben lag die Zahl der Opfer bei 49. Das Ost-Berliner Löschboot traf zu spät ein, und die Feuerwehr aus Schöneweide durfte weisungsgemäß nicht durch den Westsektor fahren. Die aus dem Westen angebotene Hilfe wurde ignoriert. Gerettet wurden viele der Überlebenden von einem anderen Schiff aus und von den Arbeitern, die in der Nähe mit dem Bau des »Tausendfüßlers« beschäftigt waren – der bis zum Bau der Elsenbrücke einzigen offiziell für Ost-Berlin nutzbaren Spreebrücke zwischen Schöneweide und der Innenstadt.
Der Eigner und Kapitän der Heimatland, nach heutigen Vermutungen nur bedingt für den Austauschmotor verantwortlich, wurde wegen vorsätzlicher Transportgefährdung in einem besonders schweren Fall zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. An das größte Unglück in der Geschichte der Berliner Schifffahrt erinnern ein am Treptower Hafen aufgestellter Gedenkstein und der Grabstein für die meisten der Opfer auf dem Zentralfriedhof in Friedrichsfelde.
Unfälle und gefährliche Vorkommnisse mit Soldaten der Besatzungsmächte kamen in Ost und West vor. Am 16. Juni 1978 peitschten plötzlich Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße Schüsse, als der schwerbewaffnete sowjetische Deserteur Abukirow von seinen Verfolgern gestellt wurde. Bei Gransee hatte er den »Barkas« eines Waldarbeiters als Fluchtfahrzeug in den Westen gekapert.
Das größte Flugzeugunglück in der Geschichte der DDR-Luftfahrt ereignete sich im August 1972, als eine vom Flughafen Schönefeld nach Bulgarien gestartete Maschine vom Typ IL 62 bei Königs Wusterhausen abstürzte und alle 165 Insassen ums Leben kamen. Die lange geheim gehaltene Ursache: ein Konstruktionsfehler des sowjetischen Flugzeugs.
Beim Anflug auf denselben Flughafen Schönefeld stürzte am 12. Dezember 1986 etwa drei Kilometer vor der Landebahn eine TU 134 der Aeroflot in ein Waldstück bei Bohnsdorf. Bilanz: 72 Tote, darunter eine Schulklasse. Die für die »Luftkontrollzone Berlin« verantwortlichen Alliierten konstatierten »menschliches Versagen« als Unglücksursache. Die Flüsterpropaganda der Ost-Berliner Nachrichtenagentur FAMA wusste es besser: Die Ursache hieß Wodka.
Zu guter Letzt leistete sich der 19-jährige Soldat Wladimir Gregorenko, den seine Braut verlassen hatte, noch eine Kapriole, die ein paar Jahre früher böse ausgegangen wäre. Am frühen Morgen des 19. November 1990 rasselte er in einem schweren sowjetischen Schützenpanzer über Avus und Kudamm, donnerte über rote Ampeln und rammte in der Bülowstraße einen VW-Bus der Polizei.
Nach halbstündiger Irrfahrt verließ er an der Waltersdorfer Chaussee das Stadtgebiet. Bei Potsdam gelang es einem russischen Unteroffizier, den Sehschlitz des Schützenpanzers mit seiner Jacke zu verstopfen. Wladimir wanderte in den Knast.
Als besonders gefährlich hat sich auch in Berlin die Erdgasversorgung herausgestellt. Mehrfach manipulierten Kriminelle die Zuführungen zu Wohnhäusern und verursachten schwere Unglücke. Die schwerste Explosion ereignete sich am 4. August 1998 kurz nach sechs Uhr in der Lepsiusstraße 57 in Steglitz, bei der ein viergeschossiges Wohnhaus völlig zerstört wurde. Die traurige Bilanz: sieben Tote, eine gerettete Person, ein geretteter Hund und eine gerettete Katze.
Huren, Hexen, Zauberer
Eine unabhängige Justiz?
Wer da glaubt, unsere Altvorderen hätten es sich mit der Justiz leichtgemacht, der irrt. Betrachtet man allerdings die Zeit, die einst zwischen der Tat, der Anklage, dem Urteil und dessen Vollstreckung verging, so können wir Späthinteren von so kurzen Zeiträumen nur träumen.
Joachim Nestor belieh 1508 den Rat von Berlin und Cölln mit der oberen und unteren Gerichtsbarkeit, die vorher als Lehen in den Händen von Einzelpersonen gelegen hatte. 1536 mussten die Städte das untere Stadtgericht für 2250 Gulden erneut vom kurfürstlichen Küchenmeister Hans Tempelhof erwerben.
Bei todeswürdigen Verbrechen war es im 16. Jahrhundert üblich, das Urteil vom Schöffenstuhl in Brandenburg sprechen oder zumindest bestätigen zu lassen. Auch als das Berliner Kammergericht zwischen 1617 und 1632 zeitweilig Strafprozesse führte, schickten die überlasteten Räte die Akten gerne nach Brandenburg. Ab 1611 gestattete ein Landtagsabschied, dass in peinlichen Sachen fortan auch das Urteil von der Frankfurter Juristenfakultät geholt werden dürfe – um die Landesuniversität zu fördern!
Natürlich war die Justiz nicht unabhängig. Der Kurfürst musste die Urteile bestätigen und griff häufig genug direkt oder durch seine Räte ein. Als 1624 beispielsweise 13 Soldaten Pferde gestohlen hatten und erklärten, sie hätten keinen Raub begehen wollen, gedachten die Schöffen und Richter, sie nicht ohne klares Geständnis hinrichten zu lassen. Der Dompropst und die Kurfürstin verwandten sich für die Diebe, und Kurfürst Georg Wilhelm begnadigte fünf von ihnen.
Die Strafen waren im Allgemeinen drakonisch. Jedoch verschwanden die mittelalterlichen Gottesurteile allmählich, bei denen die Angeklagten, um ihre Unschuld zu beweisen, furchtbaren Prüfungen ausgesetzt wurden, die sie nur mit der besonderen Gnade Gottes bestehen konnten. In Berlin mussten die Beschuldigten ohne Brandverletzungen ein glühendes Eisen von bestimmtem Gewicht neun Schritte weit tragen, unverletzt einen Ring oder Stein aus einem Kessel siedenden Wassers fischen oder im Zweikampf gegen den Prozessgegner den Sieg davontragen.
Der Todeswürfel
Die häufig überlieferte Berliner Sage vom Todeswürfel verlegt ein solches Gottesurteil noch in die Zeit des Großen Kurfürsten. Da habe in Berlin ein wohlhabender Waffenschmied gelebt, der eine wunderschöne Tochter besaß. Zwei Leibtrabanten des Kurfürsten, Heinrich und Rudolf, entbrannten in Liebe zu der liebreizenden Jungfrau, die sich jedoch anfangs für keinen zu entscheiden vermochte. Erst als der stillere Heinrich durch eine überraschende Erbschaft plötzlich zu Geld gekommen war und er überdies den alten Waffenschmied eines Abends vor den Misshandlungen roher Gesellen zu schützen wusste, wandte sie sich ihm zu. Rudolf, mit heftigerem Charakter, verging fast vor glühender Eifersucht und schlich den beiden auf Schritt und Tritt nach. Als er sie eines Abends beim Abschied am Brunnen belauerte, brachten ihn die Liebkosungen, die das Mädchen Heinrich gewährte, derartig in Wut, dass er mit dem Schwert auf die Ärmste einstach, kaum dass Heinrich verschwunden war.
Man fand das Mädchen in seinem Blut liegend. Der Mordverdacht fiel zwar sofort auf Rudolf, dessen Eifersucht bekannt war, aber auch Heinrich, der noch kurze Zeit zuvor mit dem Mädchen gesprochen hatte, kam als Täter in Frage.
Der unglückliche Vater verlangte vom Kurfürsten die Bestrafung des Verbrechers. Der ließ auch wirklich die beiden Trabanten verhaften. Beide leugneten die Tat entschieden und legten auch auf der Folter kein Geständnis ab. Der Kurfürst wollte deshalb kein Urteil fällen, sondern stellte die Entscheidung Gott anheim. Er befahl, die beiden sollten um ihr Leben würfeln; wer den höheren Wurf tat, sollte als unschuldig gelten.
Vor der Front der angetretenen Leibtrabanten wurde eine Trommel aufgestellt, dabei stand ein Geistlicher, und unweit davon wartete der Sarg auf den Unterlegenen. Vergeblich forderte Heinrich noch einmal von seinem Kameraden, sich schuldig zu bekennen. Der nahm wortlos die beiden Würfel und warf zwei Sechsen auf das Trommelfell. Damit war Heinrich so gut wie gerichtet. Doch der ließ sich nicht beirren, flehte zu Gott, er möge ein Zeugnis seiner Unschuld ablegen, und warf die Würfel so heftig auf die Trommel, dass der eine in zwei Teile zersprang, die eine Sechs und eine Eins zeigten. Auch der zweite zeigte die Sechs, so dass nun 13 Augen auf der Trommel lagen. Rudolf, von diesem offenbaren Gericht Gottes ergriffen, stürzte wie vom Blitz getroffen zu Boden und leugnete seine Schuld nicht länger. Der Kurfürst verurteilte ihn zu ewigem Gefängnis, um ihm Zeit zur Reue zu lassen, doch er verfiel im Kerker dem Wahnsinn und erhängte sich. Auch Heinrich wurde seines Lebens nicht mehr froh. Er suchte und fand den Tod in der Schlacht. Der zersprungene Todeswürfel aber wurde noch lange in der Kunstkammer des königlichen Schlosses in Berlin aufbewahrt.
Der Kaak
Die Strafen des Stäupens (Züchtigen mit Ruten) und des Prangerstehens im Halseisen an der Schandsäule wurden für Verurteilte, denen Schimpf und Schande angetan werden sollte, gleich unter dem Kaak an der Gerichtslaube des alten Berliner Rathauses vollzogen. Die noch heute vorhandene Kopie des Kaak stellt einen großen Vogel mit Flügeln, Eselsohren und einem verzerrten Menschengesicht dar. Die Gerichtsstube lag über der Durchfahrt zur Ratswaage, darüber befand sich im Dachboden die Folterkammer. Im Keller des Rathauses gab es ein Gefängnis, den sogenannten Krautgarten. Hinrichtungen durch das Schwert fanden jahrhundertelang vor beiden Rathäusern statt, bis sich im Jahre 1694 die Anwohner des Berliner Rathauses wegen der damit verbundenen häufigen Verkehrsstörungen beschwerten. Erst dann wurde das Hochgericht auf den Neuen Markt verlegt.
Die Gerichtslaube, ein Anbau am alten Berliner Rathaus, ist heute gleich zweimal als Rekonstruktion vorhanden. Da sie 1872 dem Neubau des Roten Rathauses im Wege war, versetzte man das offene Gebäude in den Schlosspark Babelsberg. Hundert Jahre später passte es den Bauherren des Nikolaiviertels ins historisierende Konzept, eine Gaststätte in der Poststraße als zweite Kopie der Gerichtslaube zu errichten.
Das Hurenhaus
Mag die Gerichtslaube in alten Zeiten das Ihre zur Unterhaltung der Berliner beigetragen haben – andere Häuser liefen ihr dabei vermutlich den Rang ab, und der Rat hatte auch daran seinen Anteil. Bereits um 1400 wird von einem Freudenhaus berichtet, von dem der Rat jährlich zwei Schock Groschen kassierte. Zwanzig Jahre später ist das Hurenhaus zu Berlin ganz eingerissen und neu aufgebaut worden. Die feilen Dirnen darin durften nicht durch Winkelhurerei auffällig werden, darüber wachte der für sie verantwortliche Scharfrichter. Der hatte um 1580 alle Frauen, die außerhalb des Freudenhauses Unzucht trieben, aus der Stadt zu trommeln. Wo sich das Haus einst befand, weiß der Chronist Schmidt zu berichten:
Die jetzige Rosen-Strasse hat Anfangs die Huren-Strasse geheißen. Das liederliche Frauen-Volck hat der Strasse den Nahmen zuwege gebracht, denn es wurden dieselbigen an einen Karren mit zwey Rädern geschlossen, und mussten den Gassen Unflath in die dazu gemachten Grufften zwischen den Wall und Mauer fahren. Weil hernach einige Hoff-Trompeter anbaueten ward sie die Trompeter Strasse, da aber dieselbigen ausgestorben, die Rosen-Strasse genennet.
Im Jahre 1603 sandte Kurfürst Joachim Friedrich ein »Mandat an alle Pfarrern, bey Verlust ihres Pfarr Amts auff den Concubinat acht zu haben gegen Unzucht und Hurerey«. Erfolg war dem Papier anscheinend nicht beschieden. Kurfürst Friedrich III., der spätere König, verschärfte 1690 die Strafen gegen die öffentliche Unzucht.
Der Soldatenkönig erließ am 31. März 1718 gar ein »Allgemeines Edict wegen Abstellung des Voll-Sauffens, und daß die Trunckenheit in denen Delictis nicht entschuldigen sondern die Strafe vermehren soll … Weil unter dem Vorwand des Gesundheit-Trinckens ein grosser Mißbrauch vorgehet.«
Gehurt und gesoffen wurde dennoch weiter, Berlin war nicht umsonst eine Stadt der Bierbrauerei und allgemeinen Zecherei, und an feilen Damen fehlte es nicht einmal in der besten Gesellschaft.
1795 wies Berlin mit seinen 173 000 Einwohnern 66 registrierte Bordelle mit 257 polizeilich inskribierten Dirnen auf, streng preußisch geführt nach dem königlichen Lusthaus-Reglement und eingeteilt in drei Klassen. Die Stuben waren nummeriert; das Mobiliar bestand aus einem Feldbett und einem Leuchter!
Bald standen etwa hundert Freudenhäuser mit je fünf bis neun Lustdirnen unter Aufsicht der Polizei. Die Frauen mussten sich regelmäßigen Gesundheitsuntersuchungen unterziehen. Strafen setzte es nur noch, wenn jemand zu Schaden kam oder öffentliches Ärgernis erregte.
Jeder Bordellwirt musste »monatlich für jede Lohnhure, die er hält, sechs Groschen« in die Heilungskasse zahlen. Dafür sollte »jede infizierte Lohnhure sofort in die Charité« eingeliefert werden, und die – 1726 im unbenutzten Pesthaus von 1710 eingerichtet – leistete nach dem Urteil eines Zeitgenossen »mehr für die Dezimierung der Berliner Bevölkerung als die Guillotine in anderen Städten«. Dies vor allem, als sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Berlin die Syphilis seuchenartig ausbreitete.
Hexenverbrennungen
Wie überall in Deutschland ging man in alten Zeiten nicht nur den Dirnen an die Wäsche. Auch im protestantischen Brandenburg fanden Hexenverbrennungen statt, war doch selbst der Doktor Luther der Meinung, Hexen müsse man verbrennen und in solchen Fällen mit der Strafe eilen, ohne auf die Bedenklichkeiten der Juristen zu hören.
Der erste Fall einer Bestrafung wegen Zauberei ist aus dem Jahr 1390 überliefert. Eine alte Frau sollte einer anderen zwei Giftbeeren gegeben haben und erlitt deswegen den Tod durch das Feuer. Ein ähnlicher Fall ereignete sich 1423, als ebenfalls eine alte Frau verbrannt wurde. Die Chronik scheint hier lückenhaft, denn angeblich erst 1552 wurde wieder eine Zauberin angeklagt und verbrannt. Als die Flamme des Scheiterhaufens hochschlug, sei ein Reiher darin verschwunden und mit einem Stück vom Pelze (?) der Hingerichteten davongeflogen. Im Jahr darauf verbrannte man zwei »Zauberhuren, weil sie ein gestohlenes Kind zerstückelt und gekocht hätten, um mit dem daraus gewonnenen Zaubermittel Theuerung (!) im Land anzurichten«.
Carions Weissagung
Die Hohenzollern waren besonders abergläubisch. Joachim Nestor hatte für seinen Astrologen Carion eine Sternwarte einrichten lassen und galt selbst als halber Zauberer. Carion weissagte sogar den Namen des Schutzengels des Prinzen Johann: »Bathsitihadel«. Es fand sich keiner, der einen anderen Namen für den Engel kannte.
Zu jener Zeit kursierte eine berühmte Weissagung, im Februar 1524 würde die Welt untergehen. Carion jedoch ermittelte einen Fehler in der Berechnung und prophezeite die Sündflut für den 15. Juli 1525. Es war ein strahlender Sommertag. Der Hofstaat zog dennoch mit Kisten und Kasten auf die höchste Erhebung von Berlin, den heutigen Kreuzberg. Allmählich breitete sich dumpfe Gewitterschwüle aus, und der Himmel bezog sich. Dann jedoch brach die Sonne durch, und die Wolken lösten sich auf. Nachdrücklich forderte die Kurfürstin Elisabeth zur Rückkehr auf. Unter dem Gespött, noch mehr aber unter dem Gemurre der Berliner zog die Kavalkade in die Stadt ein. Als sie auf den Schlossplatz einbog, schoss plötzlich ein Feuerstrahl aus den neuerlich aufgezogenen Wolken.
Joachim sank betäubt zusammen, der Regen stürzte wie aus Kannen vom Himmel. Als der hohe Herr zu sich kam, lag der Kutscher tot aus dem Wagen herausgeschleudert auf dem unbefestigten Platz. Außer ihm hatte der Blitz vier der acht Pferde erschlagen. »Sunsten hat das Wetter keinen Schaden mehr getan …«, merkt ein Chronist an. Es trifft eben immer die Falschen.
Am zweiten Weihnachtstag desselben Jahres hörte Joachim in der Kirche der schwarzen Brüder vor dem Schloss die Weihnachtspredigt. Der rotgesichtige Mönch auf der Kanzel erging sich in wüsten Drohungen gegen Luther, donnerte mit den Fäusten auf das Holz – und brach vom Schlag gerührt zusammen. Die Kurfürstin Elisabeth zog es vor, bald darauf ins lutherische Sachsen zu entfliehen.
Die letzte preußische Hexe
Ein Edikt des Großen Kurfürsten befahl 1679 den Kriminalrichtern Berlins mit Nachdruck, alle Hexen der Mark zur Verantwortung zu ziehen. Hexenprozesse blühten auf, als sie anderswo bereits abflauten; noch 1692 wurde in Berlin Daniel Krösing wegen ausgestoßener Gotteslästerungen enthauptet.
Erst der Soldatenkönig machte den Hexenprozessen ein Ende. Ein junges Mädchen, Dorothea Steffin, hatte angeblich am Wedding vor den Toren Berlins einen vornehmen jungen Mann in blauem Rock und gestickter Weste kennen und lieben gelernt. Sie traf ihn auf der Langen Brücke in Berlin wieder, schlief wiederum mit ihm und schloss angeblich einen Pakt mit ihm. Er sei der Teufel, erklärte er und ließ sie ein Dokument mit ihrem Blut unterzeichnen.
Im Kalandshof wegen ihres unsittlichen Lebenswandels eingesperrt, gestand die Steffin nach einem Selbstmordversuch ihre Beziehung zum Teufel. Damit wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen. Gemäß den modernen Ansichten eines Thomasius wurde sie jedoch von einem Richter und einem Arzt vernommen und begutachtet und wand sich dabei in Krämpfen. Im Prozess konnten sich die Reformisten unter dem Kammergerichtsrat Wagner durchsetzen. Da Friedrich Wilhelm I. sich das Urteil beziehungsweise dessen Bestätigung vorbehalten hatte, wurde der Fall dem Staats- und Kriegsminister Samuel von Cocceji, dem späteren Rechtsreformer und Großkanzler des Alten Fritzen, vorgetragen. Cocceji, wie schon sein Vater ordentlicher Professor der Rechte an der Universität zu Frankfurt an der Oder, entschied, Dorothea Steffin habe am Leben zu bleiben.
Am 10. Dezember 1728 erging das Urteil:
Obwohl es das Ansehen habe, daß die Inquisitin wegen des Bündnisses mit dem Teufel mit dem Feuer oder doch mit dem Schwerte zu strafen sei, zumal sie einen höchst unsittlichen Lebenswandel geführt habe, so könne doch das Bündnis mit dem Teufel auch Effekt der Schwermütigkeit sein … Damit sie aber durch ein liederliches Leben und Versuchen des Selbstmordes nicht ferner in dem Wege des Satans sich verstricken könne, sei sie lebenslänglich in das Spandauer Spinnhaus zu bringen und zu leidlicher weiblicher Arbeit anzuhalten, ihr auch dort Arznei und geistlicher Zuspruch zu erteilen. Von Rechts wegen.
Die neue Sittlichkeit
Der weniger geschätzte Gatte der allseits beliebten Königin Luise, der Lady Di der Freiheitskriege, beschloss um 1810, die Straßen Berlins von allen Lusthäusern zu säubern, was natürlich nicht gelang. Fortan konzentrierte sich das unausrottbare Gewerbe im schmuddeligen Viertel Hinter der Königsmauer, also etwa zwischen Bahnhof Alexanderplatz und Fernsehturm, und gelangte dort, der strengen Reglementierung endlich entronnen, zu unerwarteter Blüte. Außerdem boten bald »Frey-Dirnen« überall in der Stadt ihre Dienste an. Als 1846 für die nächsten 140 Jahre der Betrieb von Bordellen verboten wurde, hatte sich das horizontale Gewerbe mit seinen etwa 15 000 Prostituierten längst anderweitig etabliert, und die gestrenge Polizei übersah geflissentlich die »Lasterhöhlen«, in denen die Herren aus höchsten Kreisen verkehrten. Die Berliner Sittenlosigkeit, die Nutten und ihre Luden, erlangte sprichwörtlichen Ruhm, schätzte man doch in den Goldenen Zwanzigern mehr als 25 000 illegale Prostituierte.
Die Szene überdauerte Weltkriege und Inflation und lebte im Nachkriegsberlin neu auf. Offiziell beschränkte sich die Prostitution nun allerdings auf den West-Berliner Frontstadtsumpf. Im Osten gingen die Damen (und ausgewählte Knaben) in höchst geheimer Mission und mit staatlicher Duldung und Anleitung ihren devisenträchtigen Diensten nach, galt es doch, nicht weniger als das sozialistische Vaterland im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit vor dem nimmermüden Klassenfeind zu schützen.
Strafe muss sein
Spandau: Das Zuchthaus und der Juliusturm
Die Festung sowie das Zucht- und Spinnhaus sind untrennbar mit der märkischen Kleinstadt Spandau verknüpft. Heute weiß kaum noch jemand, wo sich das berüchtigte Zuchthaus eigentlich befunden hat. Da werden die Zitadelle mit dem Juliusturm genannt oder sogar das ehemalige Festungsgefängnis an der Wilhelmstraße, das 1987 fünf Wochen nach dem Tod des letzten von den Alliierten verurteilten Kriegsverbrechers abgerissen wurde.
Die Spandauer Chronik berichtet, dass der schaurige Ort mitten in der Altstadt gelegen hat und vormals ein Schloss war, welches sich der italienische Festungsbaumeister Graf Rochus Guerini zu Lynar gebaut hatte. Im Lynarschen Schloss nächtigte der Schwedenkönig Gustav Adolf zweimal. Beim zweiten Mal, unterwegs vom Schlachtfeld bei Lützen ins heimatliche Stockholm, benötigte er kein Bett. In seinem Sarg schlief er bereits den ewigen Schlaf.
Lynars Nachkommen verkauften das Schloss 1686 an den Großen Kurfürsten. Der ließ darin ein Manufaktur- und Spinnhaus einrichten, eine Art früher Justizvollzugsanstalt, wie es sie zeitweise auf der Packinsel in der Spree vor der Südspitze Cöllns gab. In Spandau nahm das mehrfach umgebaute und um ein danebenliegendes Brauhaus erweiterte Gebäude schließlich die gesamte Fläche zwischen Kloster- (heute Carl-Schurz-), Charlotten-, Jüden- und Moritzstraße ein.
Über die Bedingungen in dem gefürchteten Zuchthaus geben zwei beiläufige Bemerkungen in der Spandauer Chronik Auskunft. 1820 wurde der »allgemein beliebte und geachtete Oberinspektor Luft« von einem Strafgefangenen, der wegen eines Streits mit Peitschenhieben bestraft werden sollte, durch zwei gutgezielte Messerstiche getötet. Zehn Jahre später revoltierten die männlichen Gefangenen. »Zur Unterdrückung des Aufruhrs mußten die Wachmannschaften von der Waffe Gebrauch machen, wobei drei Strafgefangene getötet und acht verwundet wurden …«
Der Juliusturm in Spandau ist das älteste im heutigen Berliner Stadtgebiet vorhandene Bauwerk. Seine Verliese dienten von alters her als Gefängnis. Schon um 1400 hieß es bedrohlich: »einen mit dem Julius bestrafen«. Sogar einer der Quitzows – eine unrühmlich bekannte Raubrittersippe aus der Prignitz – soll in dem einstigen Bergfried eingesessen haben. Der blieb von der alten Askanierburg übrig, nachdem 1560 die Zitadelle errichtet worden war. Das Festungsgefängnis befand sich fortan im sogenannten »Kavalier« der Nordwest-Bastion Kronprinz. Dieser Ort war gemeint, wenn die kurfürstliche Order lautete: »Nach Spandow bis zur Beßerung.« Staatsverbrecher wie die schöne Gießerin Anna Sydow, die 1675 im Juliusturm starb, der Flottenadmiral des Großen Kurfürsten, der Staatsminister von Danckelmann und der Turnvater Jahn gehörten zu den unfreiwilligen Insassen.
Schwarzenbergs Tod
Abgesehen von seinen schaurigen Stätten hat Spandau auch düstere Geschichte aufzuweisen – beispielsweise die des Grafen Schwarzenberg, von dem viele glaubten, er sei keines natürlichen Todes gestorben. Der verhasste Schwarzenberg war während des Dreißigjährigen Krieges kurfürstlicher Statthalter gewesen und kam beim Amtsantritt des Großen Kurfürsten in Bedrängnis. Zusätzlich verwickelte er sich in eine unlautere Geschichte. Kriegsrat von Zastrow, der als Gast bei ihm weilte, geriet an Schwarzenbergs Tafel mit dessen Kammerjunker von Lehndorff aneinander. Zastrow gab dem Kammerjunker eine Ohrfeige, der griff zum Degen und erstach ihn vor Schwarzenbergs Augen. Mit der heimlichen Hilfe seines Herrn gelang es dem Mörder zu entfliehen.
Schwarzenberg starb drei Wochen später am Schlagfluss. Er wurde einbalsamiert und in der Spandauer Nikolaikirche beigesetzt. Der Abscheu der Berliner, die ihn für einen Verräter in österreichischem Sold hielten, galt ihm noch nach seinem Tode. Es hieß, der junge Kurfürst hätte ihn heimlich verurteilt und hinrichten lassen. Sein später lose im Sarg aufgefundener Schädel schien das zu bestätigen. 1777 ließ der Alte Fritz deshalb die Leiche untersuchen. Doktor Heim befand alle Wirbel für intakt, womit die Hinrichtungsthese zwar widerlegt, aber nicht aus der Welt war.
Die Schließung des Spandauer Zuchthauses
Das Spandauer Zuchthaus wurde 1872 aufgelöst und anschließend weitere 25 Jahre als »Schlosskaserne« genutzt, denn die Festung Spandau war eine Stadt des Militärs und der Kasernen. Die gewaltigen Festungsanlagen westlich der Altstadt wurden erst 1903 aufgelassen.
Fünf Jahre nach der Auflösung des Zuchthauses baute man 1877 das neue, hochsichere Festungsgefängnis an der Wilhelmstraße, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Kriegsverbrechergefängnis zu unseligem Ruhm gelangte. Die NS-Größen Baldur von Schirach, Albert Speer und Rudolf Hess saßen hier unter alliierter Kontrolle ihre verdienten Strafen ab.
Der Juliusturm geriet noch einmal ins Gerede, seit man nach 1871 hinter seinen dicken Mauern den Reichskriegsschatz von 120 Millionen Mark in geprägten Goldstücken aufbewahrte, Teil jener von Frankreich gezahlten »Kriegsentschädigung«, der Preußen den Reichtum der Gründerjahre verdankte. Nach dem nächsten Krieg zahlte man mit dem Gold einen Teil der in Versailles auferlegten Reparationen zurück. Zum Schutz des Goldes im Juliusturm wurde 1882 –88 das heute noch existierende Fort Hahneberg als letzter Festungsneubau in Deutschland errichtet.
Die Berliner Hausvogtei
Nach diesem Ausflug in die bis 1920 selbständige Stadt Spandau wenden wir uns der Berliner Kerkerszene zu. Für die Streitigkeiten zwischen den Hofbediensteten und zwischen Junkern und Bürgern war der kurfürstliche, später königliche Hausvogt zuständig. Seine Hausvogtei befand sich ursprünglich im Schloss. Um 1700 wurde das Arrestlokal des Hofgerichts in die Unterwasserstraße auf dem Werder verlegt. Es war ein schmaler Bau mit rechteckigem Grundriss und kurzer Front zum Werderschen Markt, direkt neben der späteren Münze. Bei deren Erweiterung zog die Hausvogtei 1750 an ihren endgültigen Standort auf der einstigen Bastion III der Festungsanlage, ein Stallgebäude des alten Jägerhofs zwischen der Einmündung der Oberwall- und der Niederwallstraße. Auf zwei Höfen wurden Gefängnisse mit Dunkelzellen eingerichtet. Der Journalist Ernst Dronke hat sie kennengelernt:
Blechblenden gehen von der unteren Fensterwand schräg hinauf bis in Fensterhöhe, durch den oben entstandenen Raum fällt das Tageslicht auf eine Stelle des Gemachs eines Quadratfußes, und der Gefangene … sitzt in diesem grausamen Halbdunkel vereinsamt …
Solche Blechblenden waren im sowjetischen Militärgefängnis in der Lichtenberger Magdalenenstraße noch bis 1955 üblich, und im »U-Boot«, dem Stasi-Knast in Hohenschönhausen, litten Hunderte Gefangene bis 1961 unter schlimmeren Bedingungen als in der Hausvogtei.
In der Hausvogtei saßen Fritz Reuter, der Attentäter Tschech, von dem noch zu berichten ist, und der preußische Messias und Wunderheiler Rosenfeld. Erst 1891 wurden die Gebäude abgerissen für einen Neubau der Reichsbank. Der heutige Hausvogteiplatz zeigt noch den unregelmäßigen Grundriss der alten Festungsbastion.
Die Berliner Stadtvogtei
Im Kalandshof, der vorher Eigentum der Marienkirche und bis 1540 Sitz der Kalandsbrüder gewesen war, richtete die Stadt 1698 das Stadtgefängnis ein. Der Hof lag nordöstlich der Marienkirche in der Klosterstraße, Ecke Neue Gasse. Die Kalandsbruderschaft war wegen übler Sauferei und ähnlicher Delikte aufgelöst worden.
Knapp hundert Jahre später reichten die finsteren Verliese des Kalandshofs nicht mehr aus. Deshalb bezog die Stadtvogtei 1791 die Hofgebäude am Molkenmarkt 1–2 bis hinunter zur Spree. Im ehemaligen Schwerinschen Palais, das heute noch am Molkenmarkt steht, befand sich seit 1794 auch das Kriminalgericht.
In der Stadtvogtei herrschten Zustände wie in einem Gefängnis der Stalin-Ära. Ernst Dronke kann auch hier als Zeuge gelten:
In einem Gemach liegen oft mehr als zehn Personen zusammen auf dem Fußboden … Auf den Gängen und in den Gemächern herrscht ein pestilenzialischer Geruch, vor welchem selbst die Gefängniswärter bei der Morgeninspektion tiefsten Ekel empfinden. Für die Bedürfnisse der sämtlichen Gefangenen ist ein einziger Nachteimer bestimmt.
Die Stadtvogtei wurde mehrfach erweitert, entsprach aber dem gewaltigen Wachstum der Stadt nicht mehr. Man betrieb deshalb um 1870 Nebenstellen in der Perleberger Straße in Moabit und weit draußen im Osten in Rummelsburg. Der trostlose Bau am Spreeufer vor dem Mühlendamm aber bestimmte lange das Bild Berlins, so wie das neue backsteinerne Polizeipräsidium als größter Bau Berlins seit 1889 den Alexanderplatz dominierte. In den Resten der Stadtvogtei saßen auch nach 1945 noch Häftlinge ein, und die Haftanstalt in der Dircksenstraße neben dem Polizeipräsidium blieb bis Anfang der fünfziger Jahre in Betrieb.
Vater Philipp und die aufblühende Berliner Kerkerszene
Eine weitere berüchtigte Adresse war die Militärarrestanstalt Lindenstraße 36/36 a, »Vater Philipp« genannt, im südlichen Flügel des Kasernenbaus an der Ritterstraße. Dort befanden sich 134 Arrestzellen, zehn Gerichtszimmer und dazu die Wohnung des preußischen Platzmajors von Berlin, den Friedrich Wilhelm III. bei seiner Flucht nach Memel als einzigen Militär samt allen Waffen im Zeughaus in Berlin zurückgelassen hatte. Der Bau wurde 1904 für ein neues Postamt abgerissen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts brach in der aus allen Nähten platzenden preußischen Metropole, die 1871 zur Hauptstadt des Deutschen Reiches wurde, ein wahrer Bauboom für Gefängnisse aus. In Moabit entstand in der Lehrter Straße schon 1842–47 ein Gefängnisbau in moderner »philadelphischer« Strahlenform mit drei kreisrunden Spazierhöfen. Er war für die Verbüßung von Zuchthausstrafen bis zu vier Jahren in Einzelhaft gedacht, obwohl die Einzelhaft dem Strafgesetzbuch widersprach. Zu ihrer halbstündigen Freistunde wurden die Gefangenen mit Kapuzen über dem Gesicht in die getrennten Käfige im Hof geführt, ähnlich denen, die hundert Jahre später die Staatssicherheit der DDR für ihre Häftlinge benutzte. Das Zellengefängnis Moabit, wie es offiziell hieß, diente seinem Zweck bis zum Januar 1955, dann zogen 300 Häftlinge – darunter 56 Lebenslängliche – in den für rund eine Million Mark mit 308 Einzelzellen und 2 4 Gemeinschaftszellen für je drei Insassen errichteten Zuchthaus-Neubau nach Tegel.
Von den 306 in Moabit registrierten Widerstandskämpfern des 20. Juli erlebten nur 35 das Ende der NS-Diktatur. Albrecht Haushofer und 17 weitere politische Häftlinge wurden in der Nacht des 23. April 1945 auf dem heutigen Vorplatz des Hauptbahnhofs von den SS-Wachmannschaften erschossen. Drei Tage später besetzte die Rote Armee das Gefängnis, entließ alle Häftlinge und nahm das verbliebene Wachpersonal fest.
In den Jahren 1868–76 baute die Stadt Berlin das Strafgefängnis Plötzensee. Nach der Reichsjustizreform von 1875 wurde 1877–82 das Kriminalgericht Moabit mit dem dahinterliegenden Untersuchungsgefängnis errichtet. Dieses alte Kriminalgericht brannte im Zweiten Weltkrieg aus und wurde 1953 abgerissen. Seitdem dominiert das strahlenförmig angelegte Untersuchungsgefängnis die Ecke Alt-Moabit/ Rathenower Straße.
Die Statistik weist für das Jahr 1896 für Berlin ohne Köpenick, Spandau und die umliegenden Landgemeinden insgesamt 5006 Gefangene aus – eine Zahl, die der von 2007 sehr nahe kommt. Im Oktober 1898 nahm in der heutigen Seidelstraße in Tegel ein weiteres Gefängnis den Betrieb auf. Bald folgten Gefängnisse auch in den umliegenden, erst 1920 eingemeindeten Stadtteilen, die zum Teil noch heute vorhanden sind. Das Lichtenberger Stadtgefängnis zwischen Alfred- und Magdalenenstraße diente in den NS-Jahren als Frauengefängnis, aus dem im März 1945 zwei als Dachdecker beschäftigte Häftlinge flohen. Der eine hieß Erich Honecker und heiratete wenig später eine ehemalige Gefängnisaufseherin. Aus der sogenannten »Magdalene« machte die sowjetische Militäradministration eines ihrer Speziallager; im ehemaligen Betsaal des Stadtgefängnisses sprach das SMA-Tribunal seine drakonischen Urteile aus. 1953 vermachten die Sowjets den Knast dem gegenüberliegenden Ministerium für Staatssicherheit, das darin bis Ende 1989 eine Untersuchungshaftanstalt und ein Vernehmungszentrum mit speziellen Räumen für auswärtige Besucher und Rechtsbeistände einrichtete. Einige Jahre stand der U-förmige Bau leer, dann wurde er erweitert und dient heute als JVA »Alfred« wieder als Frauengefängnis.
Der Ochsenkopf
Am Rummelsburger See warten noch immer die kargen Ziegelbauten einer bis 1990 genutzten Strafanstalt auf eine sinnvolle Nutzung. Dort entstand 1853 zunächst ein Hilfsstrafgefängnis, 1854–59 dann das Friedrich-Waisenhaus der Stadt Berlin, bevor 1877 die »Städtische Arbeits- und Bewahranstalt« hierher verlegt wurde, der sogenannte Ochsenkopf. Der Ochsenkopf war ursprünglich das Zunftzeichen am ersten Berliner Arbeitshaus von 1742, dem ehemaligen Schlächtergewerkshaus Belle-Alliance-Platz 11. Ab 1758 erhob sich der neuerbaute Ochsenkopf am Alex, ein großes graues Haus in der Alexanderstraße 1–4 mit langgestreckten Fronten zum Alexanderplatz und zur Straße gewandt, das mehrere Höfe umschloss und bis zum Ufer des Spreearms reichte, der hier die Königstadt durchschnitt. Ursprünglich errichtet, um die Haus- und Straßenbettelei zu steuern, wurde es schnell zum Depot der unter Polizeiaufsicht stehenden »liederlichen, sich umher treibenden Dirnen und der zu einer Korrektionsstrafe verurteilten Personen; ein Arbeits- und Aufenthaltshaus außerdem für die Armen und Elenden, Wahn- und Blödsinnigen, Siechen und Kranken«. Erst nach 1863 wurden die städtische Irrenanstalt an der Waisenbrücke und das Siechenhaus in der Neuen Friedrichstraße eingerichtet und die Prostituierten in die Stadtvogtei eingewiesen.
Darmowy fragment się skończył.