Czytaj książkę: «Der Ehrenmord»

Jan Eik
Der Ehrenmord
Kappes dritter Fall
Kriminalroman
Jaron Verlag
Jan Eik geboren 1940 in Berlin als Helmut Eikermann, ist seit 1987 freiberuflicher Autor und Publizist. Er schrieb zahlreiche Kriminalromane und -erzählungen sowie Hör- und Fernsehspiele. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u. a. «Der siebente Winter» (1989), «Der Geist des Hauses» (Ein Friedrichstadtpalastkrimi, 1998) und «Trügerische Feste» (2006). Im Jaron Verlag erschienen von ihm «Schaurige Geschichten aus Berlin» (2007) und «Der Berliner Jargon» (2009) sowie in der Reihe «Es geschah in Berlin …» «Der Ehrenmord» (2007) und «Nach Verdun» (2008, mit Horst Bosetzky).
Originalausgabe
2. Auflage 2010
© 2007 Jaron Verlag GmbH, Berlin
1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
ISBN 9783955520021
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
Widmung
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
FÜNFUNDZWANZIG
SECHSUNDZWANZIG
SIEBENUNDZWANZIG
ACHTUNDZWANZIG
NACHBEMERKUNG
Es geschah in Berlin…
Ebenfalls bei Jaron: Die Reihe «Berliner Mauerkrimis»
Für Clara (1886–1976) und Klärchen (1902–1985)
als später Dank für die Geschichten aus der Adalbertstraße
EINS
BRUNO ZWIETASCH fuhr mit einem unterdrückten Stöhnen aus einem unruhigen Albtraum. Normalerweise schlief er tief und traumlos. Normalerweise aber goss er sich auch abends keine acht Gläser Bier und ein paar Kümmel hinter die Binde. Das konnte er sich nicht leisten, schon gar nicht, wenn er mit seiner Wanda seit vierzehn Tagen festlag und noch immer keine Ladung in Sicht war. Drüben im Urbanhafen hatten sie ihn auch am Sonntag nur zum Besten gehalten, und aus Ärger darüber war er dann in einer der hundert Kneipen versackt und hatte kaum den Weg zurück zum Kanal gefunden. Erst allmählich war ihm aufgegangen, dass die dreisten Kerle im Hafen ein Schmiergeld erwarteten, und das und die Hitze dazu hatten seinen Groll so weit gesteigert, dass er noch mehr trinken musste, und sei es für die letzten Notgroschen.
Ein verrückter Sommer war das, mal heiß, mal kalt und mit Sturzregen, und seine einzige Hoffnung, dass der Wasserstand weiter fallen würde und die größeren Kähne nicht mehr genug Wasser unter dem Boden haben würden, war längst dahin. Seine Wanda, ein kleiner Oderkahn von gut 21 Meter Länge und kaum drei Meter Breite, tauchte voll beladen nur 78 Zentimeter tief ein. So viel Wasser führten Spree und Oder allemal, zumal vierzehn Tonnen Ladung erst einmal aufgetrieben sein wollten. Es schien, als brauche Schlesien in diesem Sommer keinerlei Stück- oder Schüttgut aus Berlin.
Die schmutzige Brühe in dem enggemauerten Kanal, in den sie ihn mit der Wanda abgeschoben hatten, stank vor sich hin. Normalerweise störte ihn auch das nicht. Als Schiffer war er an jede Art von Wassergeruch gewöhnt, und an den Mief in seiner engen Koje ebenfalls. Das Bullauge ließ sich ohnehin nur schwer öffnen. Als er es jetzt dennoch beinahe mit Gewalt aufriss, weil ihn der schwüle Dunst zu ersticken drohte, drang auch nicht der Hauch eines frischen Lüftchens zu ihm herein.
Ein Weilchen lag er noch schwer atmend, dann zwang er sich, an Deck zu steigen. Das Bier drückte auf die Blase.
Als er den spärlich behaarten Kopf aus der Luke schob, meinte er doch so etwas wie eine leichte Morgenbrise wahrzunehmen. Wie spät es sein mochte, war schwer auszumachen. Die Feder seiner Uhr war vor Wochen gesprungen, und Geld für eine Reparatur wollte er nicht aufwenden, solange Antek an Bord war, der nichtsnutzige Schwager, der stolz eine vergoldete Taschenuhr sein Eigen nannte. Aber jetzt war Anton Gomolla schon die dritte Nacht nicht heimgekehrt, hatte sich irgendwohin verdrückt, der Schubiak, und ihn und die Wanda alleingelassen im Unglück. Aber so war das eben mit den Katholischen, verwandt oder nicht - sie waren falsch von Natur aus.
Schwankend trat Bruno an die Bordwand, brachte mit Mühe sein steifes Glied aus der Hose und pisste mit weitem Strahl in das blasige Kanalwasser, auf dem allerhand Unrat schwamm. Er hustete, schickte dem Urin noch einen gehörigen Batzen Schleim hinterher und wollte sich gerade umwenden, als ihm etwas Größeres, Helles auffiel, das da in der trüben Brühe vor sich hin dümpelte.
Um es genau zu erkennen, war es noch zu dunkel. Bruno hob den Blick. Über den vierstöckigen Häusern an der breiten Uferpromenade glühte der erste rötliche Schein. Irgendwo klapperte ein einsamer Droschkengaul über das Pflaster. Zeit zum Aufstehen eigentlich auch für einen rechtschaffenen Schiffer, der sein Tagewerk vollbringen wollte. Aber nicht für einen, der nicht wusste, ob er heute oder übermorgen oder vielleicht nie mehr eine Ladung ins heimatliche Schlesien bekommen würde. Also ließ Bruno schwimmen, was da schwamm, und kroch schwerfällig in seine Koje zurück.
Zeiten waren das, dachte er im Einschlafen. Irgendwo auf dem Balkan hatten sie einen leibhaftigen Erzherzog erschossen. Die Männer in der Kneipe hatten von nichts anderem gesprochen und getan, als würden sie am liebsten morgen in den Krieg ziehen gegen Russland oder gegen wen auch immer. Von Paris war die Rede gewesen, obwohl das kaum auf dem Balkan liegen konnte.
Bruno hatte zu allem verständnislos geschwiegen. An seine Militärzeit dachte er ohne Freude zurück, und als ihm im Traum sein alter Spieß mit blutunterlaufenen Augen aus einem Jaucheteich entgegenglotzte, wunderte er sich nicht darüber.
Als er erwachte und mit dumpfem Schädel an Deck kroch, stand die Sonne hoch über den Häusern. In der Ferne ratterte die Hochbahn über den Viadukt. Hinter ihm bimmelte eine Straßenbahn über die nächste Brücke; Fuhrwerke ratterten beiderseits des Kanals über das Pflaster. Geschäftig rannten die Menschen die Straße entlang. Unter den Bäumen am Ufer spazierten Kindermädchen mit den ihnen Anvertrauten und achteten darauf, dass die Gören dem Gitter nicht zu nahe kamen, hinter dem die Mauer steil zum Wasser abfiel. Das war nicht tief, wie Bruno wusste, aber tief genug für ein Kind, um darin zu ertrinken.
Trotz der Hitze überlief Bruno unwillkürlich ein Schauer. Seine frühmorgendliche Beobachtung fiel ihm ein. Er hatte es nicht eilig, danach zu gucken, aber nach einem Weilchen ließ sich sein Unbehagen nicht länger unterdrücken, und er trat an die Bordwand. Das Bündel oder was immer es sein mochte, schwamm dicht unter dem Heck an der Oberfläche und war in all den Stunden kaum ein, zwei Meter weiter getrieben. Kein Wunder, dieser sogenannte Kanal besaß zwar einen hochgestochenen Namen und vertrackte Bögen und Ecken, um die man nur schwer herumgelangte, aber kein Gefälle für eine angemessene Strömung.
Das Bündel sah wie straff gespannter Stoff aus, zweifarbig, hell und dunkel, und ließ nichts Gutes vermuten. Dennoch griff
Bruno zögernd nach dem langen Bootshaken und fischte danach. Etwas Schwarzes durchbrach die schlierige Wasseroberfläche, dann etwas ehemals Weißes, und schließlich wehten gelbliche Strähnen in der trüben Brühe.
Bruno schluckte und zog eilig den Bootshaken ein. Seine böse Ahnung hatte ihn nicht getrogen. An der Kanalmauer, kaum drei Meter vom Rumpf seiner Zille entfernt, schwamm eine Frauenleiche.
ZWEI
HERMANN KAPPES ZIMMER lag zwar nach hinten raus, doch die Geräusche und die Gerüche, die aus dem engen Hof durch das weit offene Fenster hereinströmten, weckten ihn früh. Er würde nie begreifen, weshalb Hausfrauen sofort nach dem Aufstehen damit begannen, topf- und pfannenklappernd Kohl oder andere stark riechende Mittagsmahlzeiten zuzubereiten, aber es war eigentlich auch egal. Er war es gewohnt, früh aufzustehen, und er hoffte, dass ihn Mutter Mucke, seine Zimmerwirtin, nicht schon zu dieser Stunde mit ihrem Geschwätz und ihrer Neugier den Nerv rauben würde.
Nach seinem Geschmack ging man den Tag besser gemächlich an, frühstückte gut und machte sich rechtzeitig auf den Weg zur roten Burg am Alexanderplatz, um möglichst vor von Canow und Dr. Kniehase dort einzutreffen. Galgenberg, dem seine fünf Kinder sowieso wenig Schlaf gönnten, hatte dann bereits die Hälfte seines Tageblatts gelesen und fläzte sich hinter dem Schreibtisch, als hätte er die ganze Nacht im Präsidium verbracht. Kappe hatte den Kollegen im Verdacht, zumindest gelegentlich direkt aus der Kneipe zum Dienstantritt zu erscheinen, obwohl Galgenbergs korrekte Kleidung einen solchen Schluss eigentlich nicht zuließ.
Wie jeden Morgen stellte sich die Frage des Wegs, den er nehmen wollte. Seit die Kraftomnibuslinie 24 über den Moritzplatz, die Jannowitzbrücke und die Alexanderstraße direkt am Präsidium vorbeiführte, benutzte er diese am liebsten. Das kraftvolle Motorengeräusch erinnerte ihn an die Fliegerei, für die er schwärmte, obwohl er genau wusste, dass ihn schon auf dem Omnibusoberdeck ein seltsam beklemmendes Gefühl überkam. Deshalb blieb er lieber im Parterre stehen, und bei Regen stieg er gelegentlich in den Pferdeomnibus Nr. 7. Außerdem verkehrten direkt vor seiner Haustür in der Waldemarstraße drei Straßenbahnlinien, von denen die 22 und die 46 auf Umwegen ebenfalls zum Alex fuhren.
In letzter Zeit benutzte er sie nicht so häufig, bestand doch die Gefahr, dabei unverhofft auf Klara Göritz zu treffen. Dass er einmal Wert darauf legen würde, seiner großen Liebe möglichst nicht zu begegnen, hätte er sich selber nicht träumen lassen, aber im Augenblick war ihre Beziehung ein wenig getrübt, um es milde auszudrücken. Deshalb hatte er den vergangenen Sonntag draußen in Hoppegarten zuerst beim Galopprennen und später auf Börnickes Grundstück verbracht und sich von der todlangweiligen Hertha, seiner Cousine, anhimmeln lassen. Dann doch lieber Klara mit ihren Ansprüchen, lautete sein Fazit des verdorbenen Wochenendes, an dem ihm zudem Paul Börnicke mit seiner plumpen Kriegsbegeisterung auf die Nerven gegangen war. Den als Schwiegervater - nee!
Er und Klara waren ja nicht direkt verkracht miteinander, doch hatte der Dienst ihn in letzter Zeit einige Male gehindert, die Verabredungen mit ihr einzuhalten, und Klara hatte das prompt übelgenommen. Als er sie dann eines Abends unverhofft vom Kaufhaus Hertzog am Köllnischen Fischmarkt hatte abholen wollen, verließ sie den Personalausgang zu seiner Überraschung im trauten Gespräch mit einem stutzerhaft gekleideten Individuum, das Kappe mit seiner inzwischen gewonnenen Menschenkenntnis ohne zu zögern als einen Hochstapler oder Heiratsschwindler charakterisiert hätte, wäre der Kerl nicht zwangsläufig zum Personal des Kaufhauses zu zählen gewesen. Von seinem Platz im abendlichen Schatten der Petrikirche aus beobachtete er die beiden, die sich ganz ungezwungen gaben und lachend miteinander die Richtung zum Spittelmarkt einschlugen, wobei der Kavalier Klara beim Überqueren des Fahrdamms galant den Arm bot, den sie nicht ablehnte.
Ein heißer Stich durchfuhr Hermann Kappe. Für einen Moment war er versucht, den beiden im Eilschritt zu folgen, dem Stenz den steifen Hut vom Kopf zu schlagen und Klara zur Rede zu stellen - doch bezwang er sich rechtzeitig. Es geschah ihm ganz recht, dass sie sich so schnell tröstete, als wüsste sie von seinem jüngsten Abenteuer mit der reizvollen Zeugin eines brutalen Überfalls, das auf seinem Gewissen lastete. Wenn die Sache rauskam, war er außerdem seine Stellung im Präsidium los.
Wie hatte ihn diese niedliche Person aber auch angehimmelt und sich dabei alles andere als zurückhaltend erwiesen - ganz anders als Klara, die ihm ein wenig zu oft und ernsthaft von Verlobung und Ehestand sprach, statt ihm ihre Liebe mal eindeutig und praktisch zu bekunden. Auch andere Väter haben schöne Töchter, lautete eine der Galgenbergschen Weisheiten, deren tiefe Wahrheit Kappe bis dahin gerne bestritten hatte - zumindest was die Unfehlbarkeit der eigenen Person anging. Ihm wurde jetzt noch heiß, wenn er an die anschmiegsame Rieke dachte. Aber vielleicht war es nur der heiße Kaffee. ..
Da ihm Mutter Mucke nicht in die Quere kam, gelangte Hermann Kappe heute recht früh aus dem Haus und nahm gerade noch wahr, wie ein besonders korrekt gekleideter kleiner Herr das Nebenhaus verließ und die kurzen Beine zu eiligem Marschtritt auseinanderriss. Kappe kannte den Mann vom Sehen und wusste von seinem Nachbarn Trampe, dass er in der Ritterstraße im Keramikexport tätig war, weshalb ihn Trampe verächtlich als Nachttopp-Indianer bezeichnete. Der war bei den Preußen Spieß, behauptete Trampe außerdem, und die Kleinsten sind immer die Gemeinsten!
In letzter Zeit sprach Trampe noch häufiger und noch abfälliger vom Militär als sonst. Am Sonnabend hatte er versucht, Kappe zu überreden, ihn am Dienstag zu einer Massenversammlung gegen den Krieg zu begleiten. «Das klassenbewusste Proletariat erhebt im Namen der Menschlichkeit und der Kultur flammenden Protest gegen das verbrecherische Treiben der Kriegshetzer», hatte er aus seinem sozialdemokratischen Parteiorgan vorgelesen. «Kein Tropfen Blut eines deutschen Soldaten darf dem Machtkitzel der österreichischen Gewalthaber geopfert werden!»
Kappe hatte für den Dienstag vorsichtshalber dienstliche Unabkömmlichkeit vorgeschützt. Er hielt nichts von dem ganzen Kriegsgerede, das von Tag zu Tag zunahm. Was gingen ihn Österreich und Serbien an? Der Balkan war weit, und der Kaiser rasselte gerne mal mit dem Säbel, den er mit seinem verkürzten Arm nicht zu führen imstande war. Waren nicht der Zar und der englische König seine Cousins? Mit der Verwandtschaft zankte man sich bestenfalls, führte doch aber nicht gleich Krieg!
Es war ein sonniger Morgen, und so beschloss Kappe, den Weg zum Alex ausnahmsweise per pedes zurückzulegen. Er war kein großer Fußgänger vor dem Herrn - auch das ein ständiger Streitpunkt zwischen ihm und Klara, die am liebsten jeden Sonntag eine andere Wandertour in der Berliner Umgebung absolviert hätte, möglichst in Begleitung noch anderer Pärchen oder Leute, die Kappe durchweg gleichgültig, wenn nicht sogar unsympathisch waren. Am Ende lief es immer darauf hinaus, ihn mit neugierigen Fragen über seine Arbeit zu behelligen und ihn später, nach dem Genuss etlicher Gläser Bier, seiner berufsbedingten Schweigsamkeit wegen zu uzen.
Mit der Zeit hatte sich herausgestellt, dass alles, was Klara liebte - ins Theater Gehen, Tanzen, Wandern oder Schwimmen – Kappes Geschmack nur begrenzt traf. Im Theater, wenn es nicht gerade das Thalia oder das Rose-Theater waren, ermüdeten ihn langstielige Monologe, beim Tanzen ärgerte ihn, dass Klara sich von anderen Kerlen auffordern ließ, statt zu wandern, lief er sich in der Riesenstadt oft genug im Dienst die Hacken ab, und Schwimmen - er war der Sohn eines Fischers, der das Wasser nie höher als bis zu den Knien an sich heranließ. Sich in einer Badeanstalt anderen Menschen halbnackt zu präsentieren, wäre ihm alleine nie in den Sinn gekommen.
Dennoch ging er gerne mal am Luisenstädtischen Kanal entlang. Er warf dem dicklichen Nachttopfhändler, der nach rechts zum Elisabethufer abbog, einen letzten Blick hinterher, bevor er die Waldemarbrücke überquerte und der faulige Geruch des stehenden Gewässers ihm in die Nase stieg. Ein paar nach Teer und Unrat riechende Lastkähne schmorten in der Morgensonne. Kappe verlor alle Lust, seinen Weg zum fauligen Wasser des Engelbeckens fortzusetzen, und ging lieber gleich an der Rückfront der Markthalle vorbei zur Dresdener Straße. Hier war es ein wenig schattiger. Trotzdem wischte er sich erst mal den Schweiß aus dem Genick, als er in die breite Prinzenstraße einbog. Geschäft reihte sich hier an Geschäft, und dazwischen war jeweils eine Kneipe. Traute man den Reklametafeln, so befanden sich in manchen Häusern ein halbes Dutzend und mehr Läden, von den Werkstätten in den Höfen und von den Kellerlokalen, aus denen es muffig stank, ganz zu schweigen.
Mein Gott, wie viele Menschen schon am frühen Morgen auf so einer Straße herumwuselten! Die vollbesetzten Straßenbahnen bimmelten sich ihren Weg frei, Fuhrwerke ächzten knarrend daher, Droschkenkutscher knallten mit der Peitsche, der Pferdeomnibus bahnte sich seine Spur, und die Kraftwagen knatterten stinkende Wölkchen aus dem Auspuff, die sich mit dem warmen Mief der Stadt vermischten. Und dazwischen Händler mit ihren Karren und Hunderte von Fußgängern, die in alle Richtungen strebten, nur nicht in die von Kappe gewählte. Das versprach ja wieder ein Tag zu werden!
Wie oft hatte er sich danach gesehnt, wenigstens mal einen Sonntag alleine mit Klara zu verbringen, und seine Pläne dafür waren weit gediehen, denn jeden Sonntag besuchte die ebenso gestrenge wie neugierige Mutter Mucke den Gottesdienst in der Emmauskirche am Lauseplatz - eine einzigartige Gelegenheit, Klara in sein Zimmer zu schmuggeln. Doch Klara sperrte sich wider Erwarten mit aller Entrüstung, zu der so ein hochgekommenes Dorfmädchen fähig war. Wie anders dagegen die blonde Rieke, eine echte Berlinerin, die wusste, was einem im besten Saft stehenden Mann guttat. Dabei war sie verlobt, wie sich zu Kappes Kummer bald herausgestellt hatte. «Aber deswegen können wir uns doch trotzdem gelegentlich mal ein paar schöne Stunden miteinander machen», hatte sie ihm unverblümt angeboten, und er hatte empört abgelehnt. Eine Eselei, wie er inzwischen wusste. Was ging ihn der Verlobte an? Kümmerte sich Klaras Stenz vielleicht um Hermann Kappe?
Eine Unmutsfalte über der Nase, stiefelte Kappe die Neanderstraße hinauf in Richtung Janovenbrücke. Es hatte ein Weilchen gedauert, bis er sich Galgenbergs Ausdrucksweise angewöhnt hatte, aber inzwischen fiel es ihm schwer, wenigstens von Canow gegenüber die korrekten Bezeichnungen wie «Lausitzer Platz» oder «Jannowitzbrücke» zu gebrauchen. Als er diese überquerte, bereute er längst, zu Fuß gegangen zu sein, denn die Alexanderstraße zog sich noch einmal ein ganzes Stück bis zum Präsidium.
Dort angelangt, war er anscheinend tatsächlich der Erste in der Abteilung und fand noch drei Minuten Ruhe, sich von dem Weg zu erholen, bevor Galgenberg munter und kregel hereinstürmte, seinen Strohhut quer durch das Amtszimmer segeln ließ und ihn mit einer seiner öden Scherzfragen begrüßte: «Na, Kappe?
’N Satz mit Kandelaber?»
Genervt verzog Kappe das Gesicht.
«Meine Olle kann de Laberwurscht nich vertraren!»
Kappe grinste verkniffen. Hatte er nicht neulich in einer Kneipe auch so einen Spruch vernommen?
«’N Satz mit Telefonstangen», forderte er. «Na, Herr Kollege?»
Ratlos sah ihn Galgenberg an. «Was ist denn mit Ihnen los, Kappe? Meinen Sie den? Der Hund von mein Nachbarn hat Junge bekommen. Da kriege ich och ’ne Töle von.»
Kappe schüttelte den Kopf. «Die besten Teele von Stangenspargel sind die Köppe!», sagte er stolz.
Galgenberg schien beeindruckt. «Donnerwetter! Hätte ich Ihnen nicht zugetraut, Kappe. Sie machen sich!»
«Hat er wieder eine seiner genialen kriminalistischen Eingebungen?» erkundigte sich Dr. Kniehase, der im Hereinkommen Galgenbergs Lob vernommen hatte. «Oder wollen Sie sich etwa als Kriegsfreiwilliger stellen? Beim Portier fragen dauernd Männer an, wo man sich melden muss.»
«Is denn schon Kriech?», fragte Galgenberg scheinheilig. «Ich habe das Tageblatt heute noch nicht gelesen.»
Er warf die Zeitung auf den Tisch. Die Bemühungen zur Lokalisierung des Krieges. .., las Kappe. Das klang nicht sonderlich beunruhigend. Und die Überschriften, die Galgenberg gleich darauf zitierte, auch nicht: Günstigere Auffassung in Petersburg - Prestigepolitik, aber keine besondere Angriffslust. England vollkommen desinteressiert - Appell der französischen Presse an Kaiser Wilhelm.
Ein paar Seiten weiter fand Galgenberg etwas, das Kappe entschieden intensiver lesen würde als das Kriegsgetöse: Der Flug über den Atlantik. Er reichte Kappe das Blatt, der sich sofort in die ausführliche Meldung über den Leutnant Porte vertiefte, der in der nächsten Woche mit seinem Curtiß-Flugboot Amerika von Neufundland aus starten sollte.
Mit einem unerwarteten Ruck öffnete sich die Tür, und von Canow spazierte herein. «Na, meine Herren? Was meldet unsere vaterländische Presse?», erkundigte er sich jovial.
Nun gehörte die Zeitungslektüre nicht unbedingt zu den dienstlichen Obliegenheiten der Kriminalwachtmeister, doch Galgenberg wusste nur zu genau, was von Canow am liebsten hörte, und las wie aus der Pistole geschossen: «Kaiser Wilhelm hat gestern Abend sechseinhalb Uhr Bergen auf dem Kreuzer Rostock ohne vorherige Ankündigung verlassen. Er wird heute Nacht in Kiel erwartet. Die deutsche Flotte erhielt Befehl, sich an einer bestimmten Stelle. ..»
Von Canow hob die Hand. «Unsere stolze Flotte!», sagte er.
«Die wird den Engländer noch das Fürchten lehren!»
Er griff nach dem Tageblatt, das Galgenberg ihm eilfertig reichte. «Steht da gar nichts über die gestrigen Kundgebungen in Berlin?»
Er blätterte um und war beruhigt. «Ah ja, hier: Die Skandalszenen vor der russischen Botschaft. Massenansammlungen und Verkehrsstockungen Unter den Linden und in der Friedrichstraße. Das hätten Sie sich ansehen sollen, meine Herren! Kann sein, dass wir auch noch zur Bereitschaft abkommandiert werden, falls diese Begeisterung anhält. Und davon gehe ich aus. Jeder deutsche Mann kennt eben seinen Platz!»
Und schritt erhobenen Hauptes hinaus.
Keiner der drei sprach es aus, aber Kappe fiel nichts anderes ein als einer von Galgenbergs frechen Sprüchen: Hohle Köpfe trägt man leicht hoch.
DREI
MARTHA JUNGNICKEL, geborene Zeppenfeld, verwitwete Unrauh, war nahe daran, die letzten Nerven zu verlieren. Nur mit einer leichten Kittelschürze bekleidet, fegte sie schwitzend durch Flur und Küche ihrer düsteren Hinterhofwohnung und wusste nicht, wo ihr der Kopf stand. Wie jeden Morgen hatte Otto das Haus am frühen Morgen auf der Suche nach Arbeit verlassen, und auf der Chaiselonge in der einzigen Stube schlief Max grunzend seinen Rausch aus. Jedenfalls vermutete sie das, denn er war erst gegen Morgen hier aufgetaucht.
Im Flur - eigentlich nur ein totes Stück Gang zwischen Küche und Stube - stand Hugo quäkend in seinem Bettverschlag. Sie wusste nicht, womit sie ihn füttern sollte. Das Küchenspind war leer bis auf einen Mehlrest. Da half es nichts, dass sie zum x-ten Mal Tiegel und Tüten beiseite räumte. Sie hatte selber Hunger.
Durch das weit geöffnete Küchenfenster drang aus dem engen Hof nur der faulige Geruch der Müllkästen herein. Kein Hauch bewegte den feuchten Dunst, den die brodelnde Wäsche im Zinkbottich auf der Kochmaschine verbreitete.
Verzweifelt sank Martha auf den Küchenschemel. Was sollte nur werden? Sie hatte der Pankratzen in der Britzer Straße für heute die kleine Wäsche versprochen, konnte dort aber unmöglich mit dem quäkenden Gör anrücken. Die ehrpusselige Pankratzen wusste nicht einmal, dass Lina ein Kind hatte.
Dabei brauchte sie das Geld von der knickrigen alten Kuh.
Wenigstens ein paar lumpige Groschen! Max darum anzugehen war hoffnungslos. Wenn der erst am frühen Morgen in die mütterliche Wohnung fand, dann war das ein Zeichen dafür, dass er abgebrannt war bis auf den letzten Pfennig. Sonst nächtigte er lieber bei seinen Weibern oder wer weiß wo.
Max, den sie mit knapp siebzehn geboren hatte, war immer ihr Sorgenkind gewesen und geblieben, und auch jetzt, wo sie ihn am dringendsten gebraucht hätte, war wenig von ihm zu erwarten. Bei der Hitze verkaufte der Heringsbändiger, bei dem er gelegentlich aushalf, bestimmt keine Fische. Außerdem hätte Max dann längst mit dem in der Markthalle sein müssen.
Als Hugos Blöken die Schmerzgrenze ihrer Ohren überschritt, fuhr sie auf und hastete in den Flur. Halt’s Maul, hätte sie ihn am liebsten angeschrien und derb durchgeschüttelt, aber als das greinende Kind die dünnen Arme nach ihr ausstreckte und ein klägliches «Mam - mam» hören ließ, nahm sie den Jungen wortlos, wenn auch nicht gerade zärtlich, auf den Arm und ließ ihn an ihrem Finger saugen.
«Ja, brüll nur Mam-mam!», sagte sie. «Die hat dich längst vergessen, deine Mam-mam. Die sehen wir vorläufig nicht wieder.»
Ganz wohl war ihr bei diesen Worten nicht. Immerhin hatte sie selber die Tochter dazu gebracht, im Zorn die Wohnung zu verlassen. Nicht zum ersten Mal. Aber zum ersten Mal war sie drei Nächte lang nicht nach Hause zurückgekehrt.
Mit Hugo auf dem Arm betrat sie das Berliner Zimmer, in dem trotz der Größe des Raums die stickige Luft stand wie eine Wand. Sie schlängelte sich zum einzigen Fenster und riss es auf. Kaum drei Meter entfernt kramte Rataizik herum. Lauernd sah er zu ihr auf und grüßte spöttisch: «Morjen, Frau Jungnickel. Wolln Se Ihren Nachwuchs belüften?»
Der unverschämte Kerl hatte ihr gerade noch gefehlt. Ewig lungerte er vor ihrem Fenster herum mit seinen Glubschaugen. Und Lina hatte er schon ein paar Mal angefasst, wenn sie die Treppe saubermachte.
Wortlos wandte Martha sich ab und trat an Max’ Schlafstelle.
«Wach uff, du verlotterter Kerl!», fuhr sie ihn an. «Du jehst jetzt los und suchst Linan, hörste?»
Max hörte nicht oder tat wenigstens so. Dafür erschien für einen Augenblick Rataiziks Rundschädel unterhalb des Fensterbretts. Martha legte Hugo auf dem Fußboden ab, hastete zum Fenster und beugte sich weit hinaus. «Kümmern Sie sich man um Ihren eigenen Dreck, Herr!», fuhr sie den Mann an, der gebückt zwischen den rostroten Müllkästen unter dem Fenster stand, als suche er etwas. «Sonst fällt mir am Ende noch versehentlich der Inhalt von mein’ Nachtjeschirr aus’t Fenster!»
Rataizik richtete sich auf und grinste ihr frech ins Gesicht.
«Denn passen Se mal uff, dass Ihn’ nich noch wat andret aus’m Fensta fällt, junge Frau!», antwortete er mit einem anzüglichen Blick auf den Ausschnitt ihrer Schürze. Unwillkürlich raffte Martha den dünnen Stoff über dem üppigen Busen zusammen und knallte mit der anderen Hand das Fenster zu. Sein scheinheiliges «Was is denn man mit Ihre Lina los?» hörte sie gar nicht mehr.
Das hatte man davon, wenn man Parterre wohnte. Hochparterre nannte sich das hier, weil im Hausflur vier Stufen nach oben führten und unter den Fenstern deswegen noch Platz für die Müllkästen blieb.
«Du stehst jetzt uff!», brüllte sie den Sohn an und versetzte ihm eine derbe Kopfnuss. «Ick hab et satt mit euch! Eena immer fauler als der andere, und sich bei Muttan durchfressen, det könnta! Aber wo unsereins det Brot hernimmt, intressiert die Herren nich!»
Das war zumindest Otto gegenüber ungerecht, wie sie wusste, und aus Wut darüber schlug sie noch einmal zu, wenn auch nur mit halber Kraft.
«Steh uff, und such Linan!»
Max wehrte ihre Hand ab wie eine lästige Fliege, bevor ihm zum Bewusstsein kam, dass die eigene Mutter seinen Schlaf störte. Er stieß mit derber Faust nach ihr und murrte: «Such doch deine dämliche Lina aleene! Wirst schon wissen, bei wem se sich verkrochen hat.»
«Weiß ich eben nicht!», entgegnete Martha Jungnickel ungewohnt kleinlaut und weinerlich. Sie zog einen wackligen Stuhl mit durchgesessenem Korbgeflecht heran und ließ sich darauf nieder. Hugo kroch zu ihr, zog sich am Schürzensaum hoch und stieß wieder sein jämmerliches «Mam - mam» hervor.
«Maxe! Es handelt sich schließlich um deine eijene Schwester. ..», beschwor Martha ihren Ältesten.
«Höchstens zur Hälfte», brummte der. «Lass mir bloß mit die in Ruhe!»
Das fehlte Martha gerade noch, an den längst dahingegangenen Richard Jungnickel erinnert zu werden, der ihr außer Lina nur einen Batzen Schulden hinterlassen hatte und die böse Erinnerung an all die Weibsbilder, mit denen er sich abgegeben hatte, bevor er eines kalten Herbstabends besoffen vom Kutschbock gefallen und von dem Fuhrwerk überrollt worden war, das ihm nicht einmal gehörte.
Sie schluckte, weil der Unfall sie an die verschwundene Tochter erinnerte, und sagte zu Max: «Als sie klein war, hast du sie jemocht. ..»
«Ja, und wenn se uff mir jehört hätte, jings ihr heute blendend, und du brauchtest dir nich mit det Jör abzuplaren. Aber dämlich wie ihr Weiber seid, hat se den ersten besten uff de Treppe rübersteigen lassen. ..»
Mit einem Schritt stand Martha am Kanapee, und ihre Hand fuhr ein weiteres Mal in Max’ Gesicht. «Versündje dir nich, du Lude!», keifte sie. «Du wolltest sie uffn Strich schicken, du Strolch!»
«Na und?» Max richtete sich auf. Tiefe Kratzspuren zierten seinen ausgemergelten Oberkörper. «Da hätte se wenigstens ’n paar Sechser vadient bei ihr Vergnüjen. Aber sie macht’s ja lieber umsonst, die feine Dame! Wer weeß, vielleicht hat se ja ’n reichen Kober mit orntlich Asche erjattert. War doch immer ihr Traum!»
«Und lässt mir hier mit det Jör alleene? Nee, mein Lieba! So eene is meine Lina nich! Ick sahre dir, et is wat passiert, und wir müssen ihr suchen!»
«Denn such ma scheen.» Max schloss die Augen und ließ sich auf seine Schlafstätte zurücksinken, als ginge ihn die ganze Angelegenheit nicht länger etwas an.
«Komm, mein Kleena.» Beinahe zärtlich hob Martha ihr greinendes Enkelkind auf und ging zur Tür. «Denn müssn wa uns ehm bei die Blauen nach deine Mutter erkundigen. Die wer’n schon wissen. ..»
«Biste meschugge?» Mit Schwung warf Max das Bettzeug von sich und stand auf. Nackt und bleich und drohend stand er da, die langen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Ängstlich klammerte sich Hugo an Marthas geschwollenes Bein und beguckte Maxens langgezogenes Glied.
«Bei die Blauen! Wat Bessret fällt dir wohl nich ein, wie? Willste, dass die hier komm’ und allet koppstellen, dein Spinde durchwühlen und inne Nachbarschaft rumhorchen?» Er äffte das Gerede nach: «Bei die Jungnickeln is nämlich de Tochter verschwunden! Wer weeß, wo die ihr hinjetan ham. .. Diese Leute is doch alles zuzetraun!»
«Na, wat soll ick denn machen? Du hilfst mir ja nich, det Mädel zu suchen.»
Max warf seine langen Locken nach hinten und strich sie mit beiden Händen glatt. «Mensch, wat gloobste denn, wat ick die janze Nacht jemacht habe? Überall bin ick rumjekrochen und habe rumjefraacht. ..»
«Nenn mir nich Mensch! Ick bin immer noch deine Mutta! Haste wenichstens wat rausjekricht?»
«Nich die Bohne. Keena will ihr jesehn ham.»
«Aber es war schon die dritte Nacht!», jammerte Martha. «So lange is se noch nie wechjebliem.»
«Eenmal is keenmal.» Ungeniert kratzte sich Max die Hoden.
«Noch sind ja die Nächte warm.»
«Und wer hat dir so zerschrammt in die warmen Nächte?» Anklagend wies die Mutter auf die Nagelspuren auf seiner Brust.
Max’ Miene verfinsterte sich. Doch dann überzog ein breites Grienen sein Gesicht. «Allet aus reine Liebe, nischt weiter», sagte er stolz. «Manchmal sind die Mädels wie doll und verrückt.»
Martha schüttelte den Kopf. «Doll und verrickt - det werd ick hier ooch noch mal.»
VIER
GEGEN MITTAG war die Temperatur so weit angestiegen, dass Galgenberg nicht nur sein Jackett ausgezogen, sondern sogar die Hemdsärmel zweimal umgeschlagen hatte - ein geradezu unerhörter Vorgang, wie Kappe fand. Sie hatten das Fenster geschlossen und die schweren Vorhänge vorgezogen, aber die Hitze war aus dem engen Hof längst eingedrungen und erschwerte jede Tätigkeit. Kappe hockte apathisch hinter dem Schreibtisch und tat, als brüte er über seinem Bericht. In Wahrheit dachte auch er darüber nach, sich wenigstens etwas Luft zu verschaffen, als Dr. Kniehase zur Tür hereintrat und ihn mit einem maliziösen Lächeln musterte.
«Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie noch immer in der Gegend des seines Geruchs wegen unrühmlich bekannten Luisenstädtischen Kanals wohnen, mein lieber Kappe?», fragte er anzüglich.
Kappe missfiel allein schon der Ton der Frage. Aber was half es? Er musste nicken. «Waldemarstraße», fügte er vage hinzu.
Kniehase griente und sah dabei aus wie ein Hamster, der ein Loch im Getreidespeicher entdeckt hat. «Na, dann kommen Sie mal», sagte er. «Da wollen wir beide mal einen netten kleinen Ausflug unternehmen. Ich hole nur meine Photo-Utensilien.»
Er überließ es Kappe, den schweren Photokoffer zu schleppen. Sie verließen das Gebäude durch die übliche Seitenpforte, und Kniehase schlug auch richtig den Weg nach rechts zur Jannowitzbrücke ein. Statt jedoch die nächste Haltestelle anzusteuern, überquerte er an der Ecke leise vor sich hin pfeifend die Alexanderstraße. Ob Kappe ihm folgte, schien ihn nicht zu interessieren.
Erst vor dem Postamt an der Magazinstraße wandte er sich halb um und sagte: «Habe noch ein paar dringende Briefe abzusenden. Warten Sie ruhig hier.»
Verblüfft blieb Kappe in der knallenden Sonne zurück. Der hatte vielleicht Humor! Außerdem war er sich ziemlich sicher, dass es sich bei den dringenden Briefen um Kniehases Privatkorrespondenz handelte. Aber das ging ihn nichts an.
Unruhig schritt er vor dem Postgebäude auf und ab und hatte sich gerade entschlossen, doch in die kühle Schalterhalle einzutreten, als Kniehase forsch heraustrat und es tatsächlich wagte, ihn zur Eile anzutreiben: «Nun aber los, Kappe! Das wird heute vielleicht noch ein langer Tag!»
Kappe stiefelte einen halben Schritt hinter ihm. «Dann ist es aber besser, wir nehmen jetzt den Omnibus oder die Straßenbahn», sagte er.
«Nehmen wir», entgegnete Kniehase, schritt aber unbeirrt auf der falschen Straßenseite weiter und bog in die Blumenstraße ein. An der Haltestelle für den Kraftomnibus Nr. 2 blieb er stehen und sah sich nach Kappe um.
«Der fährt aber nicht in die Luisenstadt», wandte der ein.
«Habe ich behauptet, wir müssten in die Luisenstadt?», fragte Kniehase zurück. «Keine Angst. Da kommen Sie noch früh genug hin. Jetzt geht’s erst mal an einen angenehm kühlen Ort, mein lieber Kappe. Warten Sie’s nur ab.»
Seestraße stand an dem Omnibus, und natürlich musste Kniehase auf das offene Verdeck steigen. «Kommen Sie, Kappe, hier oben ist die Luft frischer», rief er auch noch, so dass Kappe ihm widerstrebend folgen musste, wobei ihm der Koffer zusätzliche Nöte bescherte. Wohin dieser Geheimniskrämer Kniehase mit ihm wollte, war ihm noch immer ein Rätsel.
Vorsichtig manövrierte er sich zu der Mittelbank auf dem Deck und ließ sich neben Kniehase nieder. Zu seinem Schrecken gewahrte er, dass der Bus nach links abbog und die Waisenbrücke überquerte. Auch das noch! Er schloss die Augen, um nicht hinunter auf das Wasser blicken zu müssen, und hoffte, Kniehase würde es nicht bemerken.
«Machen Sie ruhig noch ein Schläfchen», sagte der großmütig. «Wir fahren noch eine ganze Weile.»
Kappe schämte sich, doch die brennende Sonne und der Lärm in den staubigen Straßen überwältigten ihn wie eine Lähmung. Als er die Augen wieder öffnete, überquerten sie gerade den Spittelmarkt.
Mehr als eine halbe Stunde verging, bevor sie endlich die Linden passiert hatten, unter denen halb Berlin unterwegs zu sein schien.
Erst hinter der Weidendammer Brücke überkam Kappe eine plötzliche Ahnung, wohin die Reise ging. Und richtig. Am Oranienburger Tor kletterten sie von ihrem Hochsitz und bogen gleich darauf in die Hannoversche Straße ein. Das hatte ihm nach dieser Fahrt wahrhaftig noch gefehlt. Da leuchtete auch schon der gelbe Klinkerbau in der Sonne: das Leichenschauhaus.
Seit seiner ersten Berliner Leiche war er nun schon einige Male hier gewesen, aber dass er sich an das Haus und dessen eigenartige Atmosphäre gewöhnt hatte, konnte er wirklich nicht behaupten.
Um seine Beklommenheit zu überspielen, wandte er sich betont sachlich an Kniehase: «Wen hat man denn aus dem Luisenstädtischen Kanal geborgen?»
Kniehase hob die Schultern. «Wir werden sehen», sagte er sibyllinisch.
Ein spitzbärtiger junger Mediziner mit goldumrandetem Kneifer, der sich als Doktor Levinson vorstellte, erwartete sie. «Das hat ja gedauert!», merkte er kritisch an. «Da sind wir ja schneller in Paris, wenn’s ernst wird!»
Kniehase musterte ihn säuerlich. «Ist die Frau nicht sowieso tot?», fragte er. «Die rennt uns doch nicht weg.»
«Na, beinahe wäre sie weg gewesen.»
Der Doktor eilte ihnen mit langen Schritten voraus und öffnete einladend die Tür zum Sektionsraum. Kappe roch die Leiche, bevor er sie auf dem Metalltisch wahrnahm.
«Die Herren von der Feuerwehr waren nämlich der Meinung, es handle sich um eine ordinäre Wasserleiche. Doch weit gefehlt!» Doktor Levinson schlug das Tuch zurück, und Kappe sah zuerst das lange goldblonde Haar, bevor er das aufgedunsene Gesicht der jungen Frau wahrnahm, auf dem sich blutunterlaufene Flecke abzeichneten.
«Sehen Sie selbst - die Cyanosis und die konjunktivalen Blutungen sprechen eine eindeutige Sprache», erklärte der Pathologe ebenso lebhaft wie unverständlich und legte dabei den zerschundenen Hals der Leiche frei. «Knorpel eingedrückt. Dazu Blutungen in der Mundschleimhaut und etwas schwächer in der Halsmuskulatur. Von einem etwas älteren Bluterguss unter dem rechten Auge und etlichen Flecken am ganzen Körper einmal abgesehen. Blaue Flecke zum Beispiel an den Oberschenkeln.» Und schon schlug er das weiße Tuch über den strammen, kurzen Beinen der Frau zurück.
Eine dicke Fliege brummte durch den Raum. Bei aller Beherrschung hielt es Kappe nicht länger neben der Leiche. Er hielt den Atem an und machte mit weichen Knien einige Schritte zum Fenster. Als er sich wieder umwandte, fiel sein Blick auf eine weite Schale mit blutig-hellem Inhalt.
Er stöhnte hörbar auf. Levinson, der seine Ausführungen keinen Augenblick unterbrochen hatte, maß ihn mit einem spöttischen Kneiferblitzen. «Das ist ein Fötus», sagte er belehrend. «So haben Sie auch mal ausgesehen - etwa drei Monate nach Ihrer Zeugung.»
«Sie war also schwanger?», vergewisserte sich Kniehase. Levinson nickte. «So ist es. Und es wäre nicht ihre erste Geburt gewesen. Sie hat übrigens auch unmittelbar vor ihrem Tod noch koitiert.»
«Eine Vergewaltigung?», erkundigte sich Kniehase, dem das alles nichts auszumachen schien.
Der Doktor zuckte die Achseln und spreizte seine Hände. «Ich glaube kaum. Die Verletzungen sind sämtlich älteren Datums.»
Er bedeckte die Leiche wieder mit dem Tuch und wandte ihr den Rücken zu. «Ein wahres Glück, dass ich heute Dienst habe und nicht einer von diesen. .. Nun ja, lassen wir das. Sie ist jedenfalls unzweifelhaft erdrosselt worden und nicht ertrunken. Mit höchster Wahrscheinlichkeit mit jenem Seidentuch erwürgt, das sie noch um den Hals trug.»
Er griff nach einem bunten Tuch, das auf dem Tisch neben der unsäglichen Schale lag. Kniehase bat um ein Behältnis und fragte: «War das Tuch verknotet?»
Levinson runzelte die Stirn. «Nicht fest», sagte er. «Vermutlich hat es ihr der Täter wieder umgelegt, bevor er die Leiche ins Wasser stieß.»
«Oder die Täterin», gab Kappe zu bedenken. Eifersucht war schließlich auch ein Mordmotiv.
«Das glaube ich kaum», widersprach der Doktor scharf. «Es handelt sich bei der Toten um eine dralle, kleine Person mit kräftigen Händen.»
«Irgendwelche Abwehr- oder Kampfspuren?», wollte Kniehase wissen.
«Nichts dergleichen.»
Kniehase hob die Schultern. «Tja, wenn Sie sich tatsächlich so sicher sind. ..», sagte er.
«Absolut sicher. Wir werden selbstverständlich noch den Mageninhalt und die Lunge genauer untersuchen, doch wird das kein anderes Ergebnis erbringen.»
«Und wie lange, glauben Sie, hat sie im Wasser gelegen?»
«Schwer zu sagen bei diesen Temperaturen. Nicht länger als zwei, drei Tage, meine ich. Vielleicht haben Sie ja ’ne passende Vermisstenmeldung. ..»
Eine halbe Stunde später hatte Kniehase seine Photos gemacht, und sie verließen den gelben Klinkerbau. Mit widerstrebenfeuchten Wäschesack mit der Kleidung der Toten. Schmuck oder irgendetwas anderes, was auf ihre Identität hingedeutet hätte, war nicht bei ihr gefunden worden.
Der nachmittägliche Verkehr auf der überfüllten Friedrichstraße schleppte sich stockend dahin. «Wollen wir nicht auf die Busfahrt verzichten und die zwei Stationen mit der S-Bahn fahren?», schlug Kappe vor, obwohl ihm Wäschesack und Photokoffer eine Last waren. Kniehase war einverstanden, doch als sich kurz darauf eine grellgeschminkte Kokotte an seinen Arm hängte und ihm mit deutlichen Worten nahelegte, doch erst mal etwas Kaltes mit ihr zu trinken und dann. .., verfluchte er Kappes Idee. Energisch schubste er die Frau beiseite und schnauzte Kappe an:
«Sie wissen anscheinend nicht, was das hier für eine Gegend ist! Jetzt sprechen einen die Nutten schon am hellerlichten Tag an, als fürchteten sie, dass wir morgen alle ins Feld ziehen!»
Kappe, den vertrackten Beutel weit von sich haltend, hielt es für angebracht zu schweigen.
FÜNF
OTTO UNRAUH war ein eher schmächtiger, in den Schultern allerdings breit auslegender junger Mann mit kurzem Haar und kantigem Gesichtsprofil, zu dem das eingedellte Nasenbein nicht recht passen wollte. Entgegen allen Hänseleien, es wäre ihm bei einer der üblichen Auseinandersetzungen unter den «Scharfen» vom Moritzplatz gebrochen worden, verdankte er es dem Sport, dem er sich mit Leib und Seele verschrieben hatte, dem Boxen nämlich. Fast jeden Abend verbrachte er in dem heruntergekommenen Tanzsaal der Sportklause in der Alexandrinenstraße, in der auch die «Scharfen Jungs» vom Moritzplatz verkehrten, die ihn durchaus respektvoll zu den ihren zählten. Er trank ein, zwei Bier, trainierte mit Sprungseil und Sandsack, guckte den anderen im Ring zu und diente in letzter Zeit häufiger mal dem einen oder anderen für ein paar Sechser als Sparringspartner. Geld brauchte er immer, und mit Arbeit sah es mau aus. Mit Boxkämpfen übrigens auch. Nur hin und wieder gelang es ihm, seine gefürchtete Linke einzusetzen. In der Riege galt er nur als Vertretung. Außer einer ausgeleierten Turnhose besaß er ja nicht mal vernünftige Sportkleidung.
Fragte man ihn nach seinem Beruf, so bezeichnete er sich als Stubenmaler - eine Profession, die auch sein Vater ausgeübt hatte, bevor ihn die Lungenschwindsucht mit knapp 33 Jahren dahingerafft hatte. Das käme von dem giftigen Blei in den Farben, hatte in der Schule ein Lehrer erklärt. Otto hatte da seine Zweifel. Man aß die Farbe schließlich nicht.
Es war inzwischen zwei Monate her, dass er die letzte Stube gemalert und tapeziert hatte. Den meisten Leuten in der Gegend ging es wie ihm: Sie hatten kein Geld. Die goldenen Jahre der prächtigen Neubauten schienen endgültig vorbei zu sein.
Otto scheute keine Arbeit. Im Urbanhafen kannte man ihn und wusste, dass man bedenkenlos die schwersten Säcke auf seine breiten Schultern laden konnte. Aber im Augenblick gab es wenig zu laden. «Is sich wie abjeschnitten», murrte der Schieber achselzuckend in seinem breiten Ostpreußisch. «Wird Zeit, dass der Kriech anfangt.» Und irgendwann, als Otto am späten Nachmittag noch einmal nachfragte, schob er eine beiläufige Bemerkung nach, die Otto wie ein Tiefschlag in die Magengrube traf: «Hast jeheert? Heut morjen ham se ne Marjell ausn Luisenstädtschen jezoren. Mit janz langes blondes Haar. ..»
Im Nu stand Otto vor dem Riesenkerl, der ihn um einen halben Kopf überragte. «Sag das noch mal!», forderte er. Der Mann, der seit Jahren den Kolonnenschieber für den Lademeister spielte und sich seiner Macht über die Hilfskräfte bewusst war, guckte ihn verständnislos an. «Was is denn mit dich, du Lorbass? Wird ja wohl nicht deine Braut jewesen sein, oder?»
«Hast du sie gesehen? Ich meine die. ..» Er suchte nach einem anderen Wort als Leiche. «.. . das Mädchen?»
«Äich nich. Hat mir ejner von die Schiffers erzählt, die da mit ihre Kähne im Kanal liejen. ..» Er wies hinüber zur Kanaleinfahrt am anderen Ufer.
Um welchen Schiffer es sich handelte, wusste er angeblich nicht. Um einen von den Oberschlesiern, mit einem gewissen Antek als Bootsmann. Mehr war von ihm nicht zu erfahren.
Otto, von bangen Ahnungen überwältigt, stürzte los. Im Laufschritt überquerte er die Admiralbrücke und war schon drauf und dran, nach links zum Kanal abzubiegen, als ihm zum Bewusstsein kam, dass seine Sorge vielleicht unbegründet sein könnte. War es nicht besser, vorher in der Adalbertstraße vorbeizugehen? Möglicherweise war Lina im Laufe des Tages aufgetaucht.
Zu Hause im Hinterhof jedoch traf er nur seinen Bruder Max an, der sich gerade ausgehfertig machte. «Musste dir noch jedulden, Bruderherz», sagte der mit milder Nachsicht, «bevor de det Aas verdientermaßen eens uffs Maul haust.»
Nie wieder, hatte Otto längst beschlossen, würde er sich von seiner Wut überwältigen lassen und die Schwester schlagen. Immer hatte er sie verehrt und beschützt, sein blondes Engelchen, auch vor Max, gegen den er manchen bösen Verdacht hegte. Aber als sie dann so mir nichts, dir nichts schwanger wurde und statt einer vernünftigen Auskunft über den Vater oder Vergewaltiger - oder wie immer man einen Kerl nennen wollte, der sich heimtückisch über ein fünfzehnjähriges Kind hermachte - nur schnippische, um nicht zu sagen rotzfreche Antworten lieferte, war ihm ein paar Mal die Hand ausgerutscht. «Ich hasse euch alle», hatte Lina gekreischt, «dich mit deinem Glauben an die Jungfrau Maria und Maxe, das olle Schwein, sowieso!»
Und Max hatte seinem Ruf alle Ehre gemacht, ölig gegrient und gesagt: «Nu sei wenichstens jetz uff Draht, und schnapp dir die Kerle. Et jibt jenuch, die machens jerne mit ’ner Schwangeren.»
Das alles ging Otto durch den Kopf, während er Max beobachtete, der vor dem Spiegel stand und sich Pomade ins Haar klatschte. «Was würdest du denn sagen, wenn sie tot wäre?»
«Na herzlichen Jlückwunsch!» Max drehte sich um und lachte unbekümmert. «Denn kannst du dir ja künftig um det Balg kümmern, Onkelchen.»
Er blieb vor Otto stehen. Die Zeiten, wo er dem Jüngeren mal ganz auf die Schnelle seine körperliche Überlegenheit bewiesen hatte, waren vorbei.
«Wo ist Hugo überhaupt?», fragte Otto.
«Mutta wirdn wohl mitjenomm’ ham bei de Wäsche.»
Max ging zur Tür, die aus dem Berliner Zimmer direkt ins Treppenhaus führte. «Wie kommsten überhaupt dadruff, det se nich mehr leben tut?»
«Sie haben heute morgen ’ne Wasserleiche aus dem Kanal gezogen. Eine mit langen blonden Haaren. ..»
«Ach du jrüne Neune!» entfuhr es Max. Das war sein einziger Kommentar.
SECHS
ES WAR EIN BÖSES ERWACHEN für Anton Gomolla, als die mollige Emmi plötzlich in panischer Hast ins herrschaftliche Schlafzimmer stürmte und ihn anschrie: «Du musst sofort verschwinden! Ab in die Küche und weg durch die Hintertür!»
«Was ist passiert?», erkundigte er sich und fuhr dabei vorsichtshalber schon in seine Hosen. So aufgeregt kannte er die eher phlegmatische Emmi gar nicht. Es musste einen triftigen Grund geben, ihn aus dem Paradies zu vertreiben, in dem er sich gerade wohl zu fühlen begann. Vor gut einer Woche hatte er das späte Mädchen kennengelernt, und vor drei Tagen war er endgültig bei ihr in der Achtzimmerwohnung geblieben, Beletage am Luisenufer mit Blick auf den Kanal. Wenn er sich aus dem Fenster lehnte, konnte er die Wanda an der Ufermauer erkennen. Aber er lehnte sich nicht aus dem Fenster. Niemand durfte merken, dass er sich hier bei Emmi eingenistet hatte, bis die Herrschaft aus der Sommerfrische in Heringsdorf zurückkehren würde.
«Die schicken vorher ein Telegramm», hatte Emmi ihn und sich selber beruhigt, und da das schmale Lager in ihrer niedrigen Dienstbotenkammer für zwei wirklich nicht ausreichte, waren sie der Bequemlichkeit wegen umgezogen ins eheliche Schlafzimmer des Herrn Professor und seiner Frau Gemahlin.
Die jedoch, beunruhigt von den sich täglich mehrenden Tartarenmeldungen über den bevorstehenden Krieg, beschlossen plötzlich und unerwartet und ohne es telegrafisch anzukündigen, die Heimreise anzutreten. Nun standen sie nebst ihrer gelangweilt den Sonnenschirm drehenden Tochter Mechthild, in wortreiche Verhandlungen mit dem Droschkenkutscher verwickelt, unten vor der Haustür. Der Mann verlangte für das Hinauftragen des umfangreichen Gepäcks glücklicherweise mehr, als der knickrige Herr Professor Nothnagel zu zahlen bereit war, sodass Emmi genügend Zeit blieb, den zeitweiligen Liebsten eilig durch Korridor, Küche und Hinterausgang zu bugsieren und im Schlafzimmer Laken und Kissen abzuziehen, als wäre sie beim Bettenbeziehen überrascht worden.
Die professoralen Verhandlungen waren zu keinem Ende gelangt, als Anton Gomolla über die gewendelte Hintertreppe und durch den Dienstbotenausgang im Hof das Haus verließ und sich aufrechten Ganges und mit einem höflichen Lüpfen seiner nicht ganz neuen Schiffermütze an dem Gepäckgebirge vor Haustür und Vorgarten vorbeischlängelte.
«Halt, junger Mann!», fuhr ihm die sonore Stimme des Professors ins Genick, gerade als er glaubte, der Gefahr endgültig entronnen zu sein. Einen Augenblick dachte er an Flucht, dann siegte seine angeborene Unerschrockenheit. Was wollte der ihm denn?
Herr Professor Nothnagel begehrte nichts anderes als seine Hilfe, und unter diesen veränderten Bedingungen war auch der Droschkenkutscher bereit, dem Gepäcktransport in den ersten Stock näherzutreten. Als Erstes wuchteten sie den schweren Reisekorb nach oben, wo die in der Tür auftauchende Emmi fast der Schlag traf, als sie Antons ansichtig wurde. Sein beruhigendes Augenblinzeln schien sie kaum wahrzunehmen.
Zwanzig Minuten später und um eine Mark reicher - wenig genug für die Schlepperei - schlenderte Anton gemächlich über die Oranienbrücke und näherte sich unaufhaltsam der Wanda, die im Licht der hellen Nachmittagssonne schwarz und nutzlos an der Kaimauer des Kanals lag.
Schwager Bruno stand im Heck und erklärte mit weit ausholenden Gebärden einem Fremden etwas, das offensichtlich das schmuddlige Kanalwasser betraf. Anton konnte es nur recht sein, dass da noch jemand anwesend war, so dass Bruno seinen ersten Zorn wohl oder übel würde zügeln müssen. Vielleicht, und das wäre die glücklichste Lösung, wollte der Mann ja auch eine Ladung in Auftrag geben. Obwohl der eigentlich nicht danach aussah. Er wirkte eher wie ein. .. «Cholera!» entfuhr es Anton, obwohl er sich geschworen hatte, nicht polnisch zu fluchen, um den Schwager nicht zusätzlich gegen sich aufzubringen. Aber wenn das kein verkappter Greifer war, dann hatte er, Anton Gomolla, noch nie einen gesehen.
Zur Flucht war es zu spät, denn Bruno hatte ihn längst entdeckt und wies jetzt mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf ihn, der sich vergeblich im Schatten der Bäume zu verkrümeln versuchte.
«Antek!», rief Bruno und schien erfreut über sein Auftauchen.
«Komm her, du wirst schon erwartet!»
So ein verräterischer Hund! Aber was wollte man von einem Deutschen und noch dazu einem Evangelischen anderes erwarten, und sei es der eigene Schwager? Er hatte seine Schwester von Anfang an vor dem gewarnt.
Mit einem flauen Gefühl im Magen schritt Anton über die schmale Planke an Bord.
Eigentlich hatte er ja ein fast reines Gewissen, von ein paar hoffentlich längst vergessenen Stückchen in der Heimat mal abgesehen. Hier in Berlin hatte er sich so gut wie nichts zuschulden kommen lassen, und die Sache mit Emmi schien auch gut ausgegangen zu sein. Also erst mal hören, was der junge Kerl überhaupt wollte.
Der kam gleich zur Sache, kassierte, eins fix drei, Antons zerlumpte Flebben und fragte: «Na, wo haben wir denn die letzten drei Nächte verbracht?»
Zwietasch, das falsche Aas! Musste dem Greifer brühwarm mitteilen, dass er nicht auf der Wanda geschlafen hatte. Als ginge ihn das was an! Am Ende würde der es auch in der Heimat rumerzählen, und die schwarze Maria würde Antek die Hölle heiß machen. ..
«Antworten Sie gefälligst!», fuhr Kappe den bedrippt vor ihm Stehenden an. Dass den das schlechte Gewissen plagte, sah ein Blinder mit dem Krückstock.
«Ja, also. ..», begann Gomolla langsam in seinem harten Deutsch, «das ist nämlich so. ..» Umständlich zog er die Mütze vom Kopf. «Ich habe da einige Landsleute begegnet und sie geholfen. Bei der Arbeit - Sie verstehen?»
Kappe nickte und wartete. Er war sich sicher, dass dieser Gomolla sich die Geschichte gerade erst ausdachte, weil er etwas zu verbergen hatte. Etwas, das mit dem toten Mädchen zusammenhing? Hatte er sie vor Tagen ermordet, war einfach abgehauen und jetzt in der Hoffnung zurückgekehrt, niemand hätte die Leiche gefunden? Zumindest nicht hier im Kanal, direkt hinter der Wanda? Andererseits hätte ein Schiffer eine Leiche wohl kaum unmittelbar neben dem eigenen Kahn ins Wasser geworfen. Auch an der Wanda hing eine Nussschale von Beiboot, mit dem Gomolla wenigstens ein Stück den Kanal hätte entlangstaken können. Außerdem gab Zwietasch an, den Schwager nie länger alleine auf der Wanda gelassen zu haben.
Kappe verfolgte Gomollas langatmig vorgetragene Ausflüchte nur mit halbem Ohr und unterbrach ihn schließlich: «Nun erzählen Sie mal - wie hieß denn die junge Frau, deretwegen Sie so plötzlich verschwunden sind?»
Antek starrte ihn offenen Mundes an. Wie konnte der etwas von Emmi wissen, die er doch erst vor ein paar Minuten verlassen hatte?
«Ich verstehe nicht, wen Sie meinen. ..», stotterte er.
«Oh, Sie wissen schon. So eine kleine, dralle Person. Noch ziemlich jung. ..»
Das klang nicht unbedingt nach Emmi. Drall war sie gewiss. So nannte man das hier. Aber jung? Antek schüttelte den Kopf.
«Mit langen blonden Haaren», fuhr Kappe fort und spürte förmlich, wie der Mann aufatmete.
«Ich kenne keine Frau mit blondes Haar», sagte er fest und blickte Kappe treu in die Augen.
«Na schön, wie Sie wollen. Dann begleiten Sie mich jetzt am besten zum Präsidium, und dort werden wir das alles genau aufschreiben.»
«Nein.» Angstvoll sah sich Antek nach seinem treulosen Schwager um, doch der tat, als kenne er ihn gar nicht. «Ich will nicht ins Gefängnis! Ich habe nichts getan!»
«Nur in den vorläufigen Gewahrsam», beruhigte ihn Kappe, «bis wir geklärt haben, wo Sie sich tatsächlich aufgehalten haben.»
Die Aussicht, mit einem widerspenstigen Delinquenten noch einmal den weiten Weg zum Alex unternehmen zu müssen, missfiel ihm. Seine offizielle Dienstzeit war seit einer halben Stunde beendet. Gomollas Vernehmung samt Protokoll würde unweigerlich an ihm hängenbleiben. Also konnte er auch bis morgen damit warten.
Er musterte Gomolla von oben bis unten und tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die schmuddlige Hemdbrust. «Sie bleiben heute Nacht hier. Und Sie entfernen sich keinen Schritt von ihrem Kahn, verstanden? Sonst. ..» Er machte eine unmissverständliche Geste des Kassierens.
Gomolla nickte eifrig.
«Morgen um zehn melden Sie sich im Polizeipräsidium bei der Kriminalabteilung. Bei Herrn Galgenberg», fügte er hinzu. Sollte der ruhig auch was für sein Geld tun, wo er immer so stolz auf seine Vernehmungskünste war.
Kappe wandte sich zum Gehen. Die Furcht, wieder über das schmale Brett balancieren zu müssen, wollte er sich nicht anmerken lassen. «Sie sind verantwortlich, dass er sich morgen pünktlich meldet!», ordnete Kappe an.
Zwietasch salutierte. Schließlich hatte er gedient und wusste, was sich gehörte.
Gomolla aber erkundigte sich kleinlaut: «Und was ist mit Papieren?»
«Kriegen Sie morgen wieder», antwortete Kappe. «Aber nur, wenn alles in Ordnung ist.»
Anton Gomolla hob die Schultern. «Ich weiß gar nicht - was ist passiert?»
Das wird dir dein Schwager schon erzählen, dachte Kappe, und der legte auch gleich in voller Lautstärke los: «Sie haben eine Wasserleiche gefunden. Heute Morgen. Eine junge Frau mit langen blonden Haaren.»
Du selber hast sie gefunden, dachte Kappe, doch er konzentrierte sich darauf, mit eiligen Tippelschritten die Planke zu überqueren und sich über das rettende Ufergeländer zu schwingen. Den jungen Mann, der ihn dabei beobachtete, bemerkte er erst, als der ihn ansprach.
«Ist das wahr mit der Leiche?» fragte er mit rauer Stimme.
«Wird wohl so sein», entgegnete Kappe knapp. Es war nicht seines Amtes, die Neugier jedes Passanten zu befriedigen. Doch war etwas an dem jungen und ärmlich gekleideten Burschen - außer der gebrochenen Nase –, das ihn für einen Augenblick zögern ließ.
«Vermissen Sie jemanden?», fragte er.
«Na ja - nicht direkt. Oder eigentlich doch. Ich werde mal den Schiffer fragen.. .»
«Moment mal!» In Kappe, der vor einer Minute beschlossen hatte, es für heute gut sein zu lassen, erwachte der Kriminalwachtmeister, als der er sich sofort zu erkennen gab, worauf der Bursche sich erst einmal umwandte, als suche er einen Fluchtweg. «Also – wer sind Sie und wen suchen Sie?»
«Bloß meine Schwester. Sie wird schon wieder auftauchen. ..»
Nach langem Hin und Her erfuhr Kappe, dass er es mit Otto Unrauh aus der Adalbertstraße 101 zu tun hatte, der seine sechzehnjährige Halbschwester Lina Jungnickel suchte, von der er zögernd eine recht genaue Beschreibung abgab. «Sie hat lange blonde Haare. Aber die trägt sie nicht offen», schloss er.
Kappe nickte bedächtig. «Sie werden in die Hannoversche Straße fahren müssen», sagte er mit belegter Stimme. Es dauerte einen Augenblick, dann verstand Otto.
«Haben. .. Sie die Tote gesehen?», erkundigte er sich tonlos. Kappe nickte.
«Das übersteht Mutter nicht», sagte Otto, drehte sich um und wollte davontrotten.
SIEBEN
AUGUST PANKRATZ, 31 Jahre alt und seines Zeichens wohlsituierter Oberbuchhalter mit Prokura im Comptoir der Cohn & Friesackschen Handelsgesellschaft mbH in der Ritterstraße, feine Gläser, Porzellane, Steingut etc., nahm seine Abendmahlzeit täglich in der elterlichen Wohnung in der Britzer Straße ein. Nichts ging über Mutters Küche, oder besser: über die der Köchin Frieda, der August von Kindheit an einen ansehnlichen Schmerbauch verdankte. Auch deswegen tat ihm der feierabendliche Marsch von der Ritterstraße aus am Ufer entlang, quer über den Wassertorplatz unter der Hochbahn hindurch und links hinein in die Britzer, ebenso gut wie der anschließende Verdauungsspaziergang zurück zur Waldemarstraße, wo er ein möbliertes Zimmer bewohnte. Gewöhnlich kam er dort allerdings erst spät an; einladende Kneipen lagen am Wege, und auch sonst hielt ihn mitunter die eine oder andere Annehmlichkeit auf.
Es hatte lange gedauert, bei Vater und Mutter die eigene Bleibe durchzusetzen, doch nach Vaters Schlaganfall, der dem Alten die linke Körperhälfte auf Dauer lähmte, hatte es August nicht länger in der hochherrschaftlichen, nunmehr endgültig von der hysterischen Mutter beherrschten Wohnung gehalten. Dorthin mal ein Mädchen, ja eventuell sogar eine Dame mitzubringen, war gänzlich unmöglich, obwohl zu Mutters täglichen Klagen die besonders laute über die nicht vorhandenen Enkelkinder gehörte, die stets anhielt, bis Augusts warnender Blick sie traf. Für die Zeit des Abendessens hatte er sich ausdrücklich Ruhe für seine vom Büroalltag angegriffenen Nerven ausbedungen.
«Ich kann auch in einer Gastwirtschaft essen!», drohte er, obwohl er dafür viel zu sparsam war. Aber nachdem nun auch Gustav, sein jüngerer Bruder, sich endgültig mit ihr zerstritten hatte und ausgezogen war, fürchtete Mutter nichts mehr, als den Kontakt auch zu ihrem Kronsohn zu verlieren.
Nur einmal hatte sie es gewagt, in seiner Junggesellenbehausung in der Waldemarstraße aufzutauchen und festzustellen, dass seine Wirtin eine viel zu junge Person zweifelhafter Reputation war, aber die wohlproportionierte Frau Wanierke hatte sich zu wehren verstanden und natürlich nichts über eventuelle Besucherinnen verlauten lassen.
August war sparsam, wie seine Konten bei Sparkasse und Köpenicker Bank bewiesen, wusste aber sein Geld an der richtigen Stelle anzulegen. «Schweigen ist Silber», pflegte er zu sagen, wenn er seiner Schlummermutter, die seine pünktlichen Zahlungen schätzte und ihm inzwischen manche vertrauliche Geste nachsah, ein zusätzliches Geldstück überreichte, das ihren Gehör- und Gesichtssinn für eine gewisse Zeit benebelte. «Man war ja auch mal jung. ..», merkte sie dabei nicht ohne Koketterie an und erhielt dafür das prompte Kompliment, dass sie das doch wohl noch immer sei. Frau Warnieke war eine füllige Person von 35 Jahren, die sich ihrer Reize durchaus bewusst war. Eines Abends hatte sie ihn, mit einem seidenen Nachthemd nur leicht bekleidet, in seinem Zimmer heimgesucht, weil sie angeblich mit der Lampe nicht zurechtkam, und es war nicht bei der Lampenreparatur geblieben.
Am nächsten Morgen hatte er getan, als sei nichts Ungewöhnliches geschehen, und auch sie hatte mit keinem Wort auf die vergangene Nacht angespielt, deren Ereignisse sich allerdings in unregelmäßigen Abständen wiederholten. August Pankratz fand es an der Zeit, dass diese Art von Vertraulichkeit ein Ende fand. Es war nicht gut, wenn jemand so viel über ihn wusste. Mehrfach hatte er darüber nachgedacht, das Domizil zu wechseln, fühlte sich jedoch insgesamt bei der Wanierken recht wohl. Nun erforderten die Ereignisse auf dem Balkan mit großer Wahrscheinlichkeit sowieso eine grundlegende Änderung seiner Lebensumstände; da blieb die Kündigung des Zimmers noch das Geringste, was es zu bedenken galt.
August befand sich seit Tagen in einer geradezu euphorischen Stimmung, die ihn am Sonntag in die Innenstadt getrieben hatte, wo er auf Tausende Gleichgesinnte stieß und mit ihnen gemeinsam die Linden entlangparadierte. Auch heute Abend hatte er wieder vor, zur Friedrichstraße zu fahren und sich inmitten der patriotisch gestimmten Menge zu erbauen.
Seine Mutter indessen - als hätten sie keine eindeutige Vereinbarung über ihre Tischgespräche getroffen - schwätzte unaufhörlich daher, während er schweigsam den wohlgeratenen Sauerbraten samt Rotkohl und Klößen in nicht zu kleinen Happen in sich hineinschaufelte und es vermied, den Blick in Richtung Vater zu erheben, der sich mit seiner zitternden Rechten um ein Gleiches bemühte. Soße und Rotkohlsaft rannen ihm dabei aus dem links herabgezogenen Mundwinkel.
«Kannst du dir vorstellen, dass diese Person hier plötzlich mit einem Kind auf dem Arm erscheint?!», fragte die Mutter voller Empörung. «Angeblich das Balg einer nichtsnutzigen Nachbarin.»
August stieß nur einen brummenden Laut aus, der ebenso gut Zustimmung wie Ablehnung - und nur die war gemeint - bedeuten konnte.
«Weißt du, was ich glaube?», fuhr die Mutter ungerührt fort und sandte einen schnellen Blick herüber zu ihrem Ehemann, der hilflos mit der Gabel auf dem Teller herumfuhr. Sie senkte die Stimme, als sei der Vater nicht nur halb gelähmt, sondern auch schwerhörig. «Es ist der Bankert ihrer Tochter! Die bringt sie nämlich nie mehr mit. Angeblich hat sie eine Stellung angetreten. ..»
Verächtlich stieß sie die Luft aus.
August horchte auf. «Von wem redest du eigentlich?», erkundigte er sich unfreundlich.
«Na, von wem wohl? Von der Waschfrau, der Jungnickeln aus der Adalbertstraße!»
August hustete und hielt sich die Serviette vor den Mund.
«Ach, die. ..», sagte er langgezogen. «Kommt denn die immer noch ins Haus?»
«Ja, was glaubst du denn, wer deine Wäsche besorgen soll? Und seine. ..» Die abfällige Handbewegung zum Vater hin war deutlich genug. «Was der verbraucht, wird immer mehr.»
August verzichtete auf einen Kommentar. Mitunter tat ihm der Alte zwar leid, aber was der sich als Familienoberhaupt den Söhnen gegenüber an Drohworten und Tiraden, ja an Wutausbrüchen und niederträchtigen Strafen geleistet hatte, konnte und wollte er nicht vergessen. Unwillkürlich fuhr seine Zungenspitze zum oberen falschen Schneidezahn, den er einer solchen Attacke verdankte. Und Gustav war es noch schlimmer ergangen.
«Du erinnerst dich gewiss an das süße blonde Ding, das sie früher immer mitbrachte. Gustav hatte wohl ein Auge auf sie geworfen. .. Er hatte ja schon immer so einen gewissen Hang zum Ordinären. ..» Lauernd sah sie ihn an. «Weißt du etwas von Gustav? Lebt er etwa - mit irgendeiner Person zusammen. ..?
Der Vater stieß ein paar Laute aus, die wohl seine tiefe Abneigung gegen den Geschmack seines jüngeren Sohn ausdrücken sollten. Weder August noch die Mutter reagierten darauf. Resigniert verstummte der Alte und machte sich über das Kompott her.
Gewiss, August erinnerte sich an das dralle blonde Mädchen, verspürte aber nicht die geringste Lust, ausgerechnet mit seiner Mutter über diese Person oder über seinen Bruder Gustav zu sprechen.
Sie hingegen ließ sich nicht in ihrem Redefluss aufhalten.
«Die beiden Söhne von der Jungnickeln - das heißt, die sind von ihrem ersten Mann –, die sollen ja auch recht missraten sein, sagt man allgemein. Frau Professor Nothnagel. ..»
Unwillkürlich hob August den Kopf, was die Mutter als ein warnendes Zeichen auffasste, nicht auch noch Mechthild, die schon etwas altbackene Tochter der Familie Nothnagel zu erwähnen, von der sie lange Zeit gehofft hatte, sie einmal als Schwiegertochter in die Arme schließen zu dürfen.
Zu ihrer Überraschung jedoch fragte August mit einer Spur von echtem Interesse: «Sind denn die Nothnagels schon von der See zurück?»
«Heute Mittag eingetroffen. Die politische Lage, meint der Herr Professor. Die Frau Professor wäre mit Mechthild gerne noch geblieben.»
«Hmm. ..», machte August nur und zwirbelte selbstvergessen die linke Spitze seines martialischen Schnauzbarts.
Die Mutter, Augusts Empfindlichkeit bezüglich der Nothnagelschen Familie eingedenk, kehrte lieber zu ihrem ursprünglichen Thema zurück. «Frau Professor ist jedenfalls der Meinung, sie ließe eine solche Person wie die Jungnickeln sicherheitshalber gar nicht erst in ihre Wohnung, weil die vielleicht bloß alles. .. ausbaldowere, und die Herren Söhne dann später. ..»
August unterbrach sie. «Mach dir keine unnötigen Sorgen. Demnächst rücken die Kerle sowieso ins Feld, da vergehen ihnen die Flausen!»
«Es gibt Krieg, nicht wahr?»
«Selbstverständlich. Glaubst du, wir ließen unsere österreichischen Brüder im Stich?»
«Ja, ja. Aber was wird aus eurer Firma? Liefert ihr nicht viel nach Petersburg?»
«Darum muss sich der Cohn gefälligst selber kümmern», entgegnete August. «Dem geht jetzt schon der Hintern auf Grundeis, weil Porzellan und Krieg ihm nicht so recht zusammenpassen wollen. Dabei vergisst er, dass man das Zerschlagene hinterher wieder ersetzen muss. Das wird ein Bombengeschäft, vor allem in Frankreich und in den neuen Kolonien, die wir dann beherrschen werden.»
«Na, wenn du meinst. ..»
Endlich stand ihr Mundwerk mal ein Weilchen still, und er fand Zeit, ein wenig nachzudenken. Wie sich doch alles fügte! Nun war es endgültig an ihm, noch etwas Grundlegendes zu erledigen, das er nicht länger vor sich her schieben durfte. Ein deutscher Mann, der kurz davor stand, ruhmreich in den Krieg zu ziehen, hatte gefälligst auch seine häuslichen und familiären Verhältnisse in jeglicher Beziehung zu ordnen, und das gedachte er zu tun.
Als er sich erhob, fragte die Mutter beinahe zaghaft: «Wirst du denn auch in den Krieg ziehen?», und er antwortete markig: «Wie es die Pflicht jedes echten deutschen Mannes ist!»
«Und Gustav?»
August hob die Achseln. Der Bruder war schon immer ein bisschen schwach auf der Brust gewesen. «Mach dir um den keine Sorgen. In spätestens acht Wochen sind wir sowieso alle wieder aus Paris zurück!»
Er blickte ein letztes Mal zu seinem Vater. «Und dann trinken wir alle gemeinsam echten französischen Champagner!», rief er dem gestrengen Antialkoholiker zu.
Der Alte ließ nur ein unverständliches Gurgeln hören.
Darmowy fragment się skończył.