Czytaj książkę: «Ulrike Woytich»

Czcionka:

Jakob Wassermann

Ulrike Woytich

Roman

Saga

Ebook-Kolophon

Jakob Wassermann: Ulrike Woytich. © 1923 Jakob Wassermann. Originaltitel: Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.

ISBN: 9788711488355

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

Zum Dritten Wendekreis

Die von den Jahren 1870 und 1920 umschlossene Geschichtsepoche bietet ein ungeheures Gemälde deutschen Daseins und bürgerlicher Welt. Aufstieg und Fall, Glück und Zerstörung, Verwirrung und Schuld, Sieg, Übermut und Niederlage. Das Auge ist erschreckt von der Verschlungenheit und Breite des Geschehens, und die Hand, die es formen will, erschlafft mutlos, denn welche Figur immer sie zu greifen, welches Gesicht immer sie sich anschickt festzuhalten, es bleibt beim Einzelnen und Zufälligen. Das gültige Zeugnis, der aufschliessende Sinn des Verlaufes scheint hier wie nirgends in den Zusammenhängen zu liegen, eben in der Wirrsäligkeit der Schicksale und gedrängten Vielfältigkeit der Bilder.

Vielleicht zu keiner Zeit sind Menschen so wissend und zugleich so ahnungslos, so zweckbeladen und so entherzt, so von Täuschungen umgittert und ohne Stern den Lebensweg entlang gerast wie die zwei oder drei Generationen dieses halben Jahrhunderts. Es ist, als stürmten sie mit Anspannung aller Nerven- und Geisteskraft, in erbittertem Wettlauf steil gegen einen Gipfel hinauf, und oben, von der wütenden Bewegung weitergetrieben, obgleich sie den tödlichen Abgrund vor den Füssen erblicken, gibt es kein Halten mehr: die Vordersten schaudern noch, die entfesselte Menge hinter ihnen hört nicht einmal den Angst- und Warnungsschrei, und alles stürzt in die Tiefe.

Wer zurückschaut von den Überlebenden, dem erstarrt das Blut in den Adern. Noch bindet ihn die Nähe, das Echo zittert noch, aus dem Todeskessel steigen Seufzer auf, er will die Fügung ergründen, um jeden Preis, er möchte seine unsterbliche Seele hingeben für einen Augenblick der Erleuchtung, es ist wie ein flehendes Hinauflangen zu Gott, seine Lippen flüstern das ewige unbeantwortbare Warum.

Der Chronist, über seinen Dokumenten grübelnd und entschlossen sich demütig zu beugen vor der Unerforschlichkeit der Rätsel, die die Gesamtheit der menschlichen Dinge darbietet, um so einschüchternder, wenn sie in seinen Tag und seine Gegenwart spielen und er den Leidensweg selbst gegangen ist, auf den er den besinnenden Blick zurückwendet, glaubte sich durch eine Erscheinung von jener deutenden Art begnadet. Es erschien ihm eine Gestalt, in der er etwas wie einen Kronzeugen sah oder spürte. Sie zog ihn an und er folgte ihr besessen; zuerst nur trüber Schatten, kaum unterschieden von Tausenden, gewöhnlich, niedrig, dumpf und höchst erdenhaft, strahlte sie plötzlich in einer Glut, die die ganze Sphäre erhellte, den Gang der Begebenheiten verständlich und geheime Verkettungen offenbar machte. Sie selbst erklärte nichts; das ist nicht die Art solcher Gebilde; sie verharren auch als weisende Geister in ihrem einmal für immer angewiesenen Lebenskreis; sie entfalten sich nur durch ihr Tun und Sein.

Ein Seltsames lag in der Verkündigung dadurch, dass es ein zweigeteilter Spiegel war, in dem sie dem Beschauer sich und ihr Schicksal und ihre Zeit und ihre Welt zeigte; im einen Spiegelteil die Jugend, im andern unvermittelt und ohne Zwischenbilder das Alter. Eine Brücke in der Finsternis verband die beiden; dreieinhalb Jahrzehnte waren wie ein Hauch; dieselbe Sonne stand noch am Himmel, derselbe Leib wandelte noch, aber das Geschick erfüllte sich.

Erster teil

Ulrike tritt auf den Plan

Der grosse Brand des Ringtheaters in der Dezembernacht des Jahres 1881 erschien vielen Bewohnern Wiens als ein düsteres Menetekel. Es mangelte nicht an Propheten, die das Ereignis als Vorspiel weit unheilvollerer Katastrophen betrachteten, und Wochen hindurch herrschte in der ganzen Stadt und in allen Schichten der Bevölkerung eine traurige, ja schuldbewusste Verzagtheit.

Nur mit Mühe war es Frau Christine Mylius gelungen, für die Erstaufführung von Hoffmanns Erzählungen ein Sperrsitzbillett zu bekommen. Auf alle ihre Erkundigungen hatte es geheissen, der Andrang sei so stürmisch, dass hunderte von Bewerbern abgewiesen werden müssten. Da es sich aber um eine Überraschung und ein Geburtstagsgeschenk für ihre Tochter Josephe handelte, den ersten Theaterbesuch der nun Fünfzehnjährigen, hatte sie weder Gänge noch Unkosten gescheut und wirklich hatte ihr am Morgen des unglücklichen Tages der beauftragte Zwischenhändler eine Karte gebracht, um sie ihr unter wichtigtuerischen Berichten und wortreichen Klagen über die Schwierigkeit der Beschaffung zu einem frech übertriebenen Preis zu verkaufen.

Christine hatte ihre Anstalten heimlich und allein betreiben müssen, denn nicht bloss Josephe sollten sie verborgen bleiben, da es doch ein Unerwartetes für sie sein sollte, sondern auch der Vater, die beiden älteren Schwestern und der Bruder durften es zunächst nicht erfahren; ersterer, weil er solche verschwenderischen Ausgaben nicht mit günstigen Augen betrachtete; die Geschwister, weil sie der von der Mutter bevorzugten Josephe gegenüber von eifersüchtigen Regungen nie frei waren und durch stumme Unzufriedenheit Christine das Vergnügen des Schenkens leicht hätten trüben können.

Ungewiss war freilich, ob sich Josephe freuen würde. Das in sich gezogene Wesen des Mädchens, seine scheue Abseitigkeit und Menschenflucht liessen befürchten, dass ein festlicher Theaterabend gar nicht im Bereich seines Wünschens lag, ja dass es eher zu meiden als zu erlangen suchte, was andern Genuss und Erholung war. Eben deshalb war aber Christine auf ihren Plan verfallen; sie wollte das Kind, für einige Stunden wenigstens, aus der gewohnten Umgebung entfernen, damit sich sein Gemüt aufhelle und sein Geist beschwingter werde. Nur gegen sie allein war Josephe aufgeschlossen; gegen alle andern verhielt sie sich schweigsam und vorsichtig abwartend.

Doch wurde sie angenehm enttäuscht. Als nach Tisch der Vater fortgegangen war, Esther und Aimée ihr Zimmer aufgesucht hatten, der siebzehnjährige Lothar von seinem Freund und Mitschüler Robert Elmenreich, der im selben Haus wohnte, zum gemeinsamen Weg ins Gymnasium abgeholt worden war, nahm sie Josephe bei der Hand, führte sie zu einer Konsole zwischen den Fenstern, auf der ein eichenes Kästchen stand, und gebot ihr, den Deckel zu öffnen. Das tat Josephe; im Kästchen lag ein Briefumschlag mit der Aufschrift: Zu Josephes Geburtstag, das Kuvert enthielt die Theaterkarte. Josephe lächelte glücklich; sogar die Augen unter den dichten Brauen lächelten; sie küsste die Hand der Mutter.

„Freust du dich?“ fragte Christine.

„Ja, ich freue mich sehr“, war die Antwort.

Christine empfahl ihr Schweigen. Das Geheimnis sollte bis zum Abend gewahrt bleiben; bei Tisch, wenn Josephe im Theater war, wollte sie es den andern mitteilen, da waren keine Einwände mehr zu befürchten. Lothar würde sie um zehn Uhr vom Theater abholen, hingehen könne sie allein. Gegen sechs begann sie sich im Zimmer der Mutter, damit die Schwestern nicht unversehens dazukommen könnten, zu frisieren und umzukleiden. Christine half ihr, zog die Falten und Bänder des neuen weissen Kleides zurecht, das auch ein Geschenk zum heutigen Tag war, und eins, zu dem Christine ihren Mann mit herzlicher Plage überredet hatte, nähte noch an einem Saum, wischte die seidenen Schuhe ab, strich den Sammetmantel glatt, musterte die plötzlich hübsch Gewordene, Errötende abermals, versicherte sich, dass in den Nebenzimmern kein Lauscher und Spion war, und entliess Josephe sodann mit einem zärtlichen Kuss auf die Stirn.

Ein paar Minuten nach halb acht, niemand war zu Hause, sie sass im Wohnzimmer bei der Lampe und stickte auf ein im Rahmen befestigtes Linnentaschentuch die Namensinitialen ihres Mannes, H. O. M., Helmut Otto Mylius, da hörte sie den Schall der Feuertrompete auf der Strasse. Widriger Ton; sie hob den Kopf und runzelte die Stirn. Rasche Pferdehufe knatterten über das Pflaster, Räder rollten eilig; sie stand auf und trat ans Fenster. Spritzenwagen rasten vorbei, um die wehenden Lichterbüschel der Fackeln funkelten die Helme der Feuerwehrleute, Menschen gestikulierten erregt und rannten in die Richtung, in welcher die Wagen fuhren. Auf einmal wurde die Tür aufgerissen, die Magd stürzte herein und rief: „Das Ringtheater brennt.“

Wie sie in den Mantel geschlüpft war, den Schal über den Kopf gezogen hatte, die Treppen heruntergekommen war, wusste Christine nicht; auch nicht, durch was für Gassen sie lief, ob sie im Vorüberhasten Leute fragte und was die antworteten. In der Nähe des Ringes angelangt, drängte sie sich mit den Zeichen des äussersten Entsetzens durch die bereits dicht gestaute Menge, deren erschrocken-bleiche Gesichter von den aus den Fenstern des Gebäudes brechenden Flammen grell bestrahlt wurden. Ihre Züge waren zerrissen, ihre Augen sinnlos, das Haar flatterte um die Stirn, die Kraft, mit der sie sich durch den Menschenblock schob und die ihr den Weg Versperrenden zur Seite stiess, war die einer Irren, verworrenes Gestammel, atemlose Seufzer kamen von ihren Lippen: „Um Gottes willen, ihr Leute, um Gottes-Christi willen, gute Menschen, lasst mich durch, meine Tochter, erbarmt euch, meine Tochter.“ So flehte sie, röchelte sie, schuf sich Bahn, fühlte, dass ihr der Mantel abgestreift wurde, dass das Kleid an den Ärmeln riss, der Rocksaum weggetreten wurde, zwängte sich mit entfesselter Energie zu einer der Nebenpforten des Theaters hin, aus der wurmig und übelriechend schwarzer Rauch quoll, indes links und rechts Leichen getragen wurden, Erstickte, Verkohlte, Ohnmächtige, und sich über die Treppe innen schreiende, jammernde, ineinandergekeilte, aneinandergekrampfte Körper wälzten.

Verstört starrte sie um sich; das Bewusstsein wollte schwinden; die Hitze versengte die Haut; der Qualm vermauerte den Blick; plötzlich stiess sie einen gellenden Schrei aus: Josephe! Wie eine Erscheinung war das Gesicht des Kindes vor ihr aufgetaucht und wieder verschwunden. Aber Josephe hatte den Ruf gehört; sie hob die Arme; sie wurde von einer jungen Person halb getragen, halb geschleppt; ihr Kopf lag mit geschlossenen Augen auf deren Schulter; Christine zerteilte, mit Wut fast, den Menschenstrom, der sich in der Sekunde wieder um sie gebildet hatte, folgte, ungewiss, ob sie weinen oder jubeln sollte, den aufgehobenen Armen, hatte dann das Kind umfasst, das ihr schluchzend an die Brust fiel, umklammerte leidenschaftlich mit den Fingern das geliebte Haupt, und so wurden sie von Vorwärtsstürmenden, panisch Flüchtenden aus dem Kreis gedreht, hatten wieder Raum und Luft, und die junge Person, der, wie sich bald herausstellte, Josephe ihre Rettung zu verdanken hatte, erbot sich, einen Wagen zu besorgen. Der Himmel glühte purpurn, die Atmosphäre war wie ein schwarzes Antlitz von einem beweglichen Funkenschleier verhängt.

Josephes Gewand hing in Fetzen, auch die Unterkleider waren nicht verschont geblieben; ein weiter Riss klaffte vom Hals bis zur Hüfte und liess die weisse Haut des Busens durchschimmern. Den Mantel hatte sie eingebüsst, und um sich gegen die Kälte zu schützen, presste sie die klaffenden Stoffenden an den Körper. Die Retterin hatte sich entfernt und ihnen eingeschärft, an derselben Stelle zu warten, bis sie den Wagen brächte; erschöpft und schaudernd schmiegte sich Josephe an die Mutter. Diese hatte sich gegen die Mauer eines Hauses gelehnt, gleichfalls schaudernd, streichelte ihr die Wangen und flüsterte wirre Zärtlichkeiten. Nach Verlauf einer Viertelstunde hielt ein Fiaker am Trottoir, die junge Person sprang flink heraus, bedeutete den beiden, dass sie einsteigen möchten, liess sich vom Kutscher Decken reichen, umhüllte ihnen die Beine und fragte, ob sie sie nach Hause begleiten dürfe, sie tue es gern und sei durch nichts behindert. Josephe berichtete nun in Hast, wie das Fräulein sie im ärgsten Tumult auf der Treppe, als sie schon keinen Atem mehr gehabt und nahe daran gewesen, niederzusinken und zerstampft zu werden, umschlungen, vor den grässlich drängenden schreienden und brüllenden Männern und Weibern beschützt und mit unbegreiflicher Kraft und Geschicklichkeit zum Ausgang gezerrt habe; ohne ihre Hilfe wäre sie verloren gewesen.

Christine, der Rede nicht mächtig, fasste nach den Händen der Retterin und drückte sie innig. In ihrem Blick lag die stumme Bitte und Aufforderung, dass sie mitkommen möge, und überschwenglicher Dank. Während der Fahrt stammelte sie: „Eine solche Schuld lässt sich ja im Leben nicht begleichen“, und da die Unbekannte, die schlank und ruhig ihr gegenübersass, wunderlicherweise fast ohne jede äussere Beschädigung, ohne merkliche Erregung auch, bescheiden abwehrte, fragte sie sie um den Namen. Sie nannte ihn; sie heisse Ulrike Woytich, sagte sie, sei erst seit kurzer Zeit hier und wohne bei ihrem Onkel, dem pensionierten Hofrat Klemens Woytich. Das alles kam rasch und beiläufig von ihren Lippen, als seien ihre persönlichen Verhältnisse nicht vom mindesten Belang. Um auch gleich davon abzulenken, erkundigte sie sich, ob die gnädige Frau aus dem Reich sei, und als Christine bejahte, nickte sie befriedigt und sagte, man höre es am Dialekt, liess auch den Einwand, dass die Familie bereits zwanzig Jahre in der Stadt ansässig sei, nicht gelten und behauptete, dergleichen Eigentümlichkeit bleibe unter allen Umständen haften, und ihr Ohr sei durch einen Aufenthalt im Ausland dafür geschärft; sie habe zwei Jahre in England und ein Jahr in Belgien zugebracht.

Sie erzählte nun, dass sie vor Beginn des Stückes von der ersten Galeriereihe aus mit dem Opernglas die Leute im Parkett gemustert habe, und da sei ihr unter allen Gesichtern dasjenige Josephes aufgefallen; deshalb sei es ihr wie eine Fügung erschienen, als sie das Fräulein dann auf der engen Treppe unter der gefährlichen Menschenlawine erblickt, und der Entschluss, ihr beizustehen, sei ganz instinktiv gewesen. „Sie haben aber doch einige Minuten, bevor überhaupt jemand im Theater eine Ahnung von dem Unglück hatte, Ihren Platz verlassen?“ wandte sie sich an Josephe, „warum denn?“ Diese musste es bestätigen und wunderte sich, ebenso wie ihre Mutter, über den Zufall, dass Ulrike Woytich von Anfang an ihr Augenmerk so bestimmt auf sie gerichtet hatte. Sie sagte, sie sei jählings von einem unerträglichen Herzklopfen befallen worden, derart wie sie es noch nie verspürt. Das Orchester hatte eben begonnen zu spielen, aber die verführerischen Klänge der Offenbachschen Musik konnten sie durchaus nicht beruhigen, im Gegenteil, sie fürchtete die Besinnung zu verlieren, und so eilte sie, so schnell sie es vermochte, in den Wandelgang hinaus. Während sie dort auf und ab ging, vernahm sie auf einmal ein Geräusch wie wenn ein Kieselsteinregen auf ein Glasdach schmettert. Im Nu brachen aus allen Türen schreiende Menschen, im Nu war sie mitten unter ihnen, aber wäre das Herzklopfen nicht gewesen, so wäre sie im Zuschauerraum zermalmt worden, denn drinnen, unter den Rasenden eingepfercht, hätte es für sie kein Entrinnen gegeben.

„So hast du also einen guten Engel in dir und einen ausser dir gehabt,“ sagte Christine; „es ist wunderbar, Josephe, bei all dem Schrecklichen sonst.“

Josephe lächelte etwas beengt und sah Fräulein Woytich unablässig mit gross aufmerksamen Augen an.

Der Wagen hielt am Hause. In Christine war eine Fülle von Besorgnissen entstanden. Zuvörderst hatte sie kein Geld bei sich, um die Fahrt zu bezahlen; der Kutscher würde gewiss nicht mässig in seiner Forderung sein und wie immer bei solchen Gelegenheiten seine Dienste mit dem öffentlichen Unglück multiplizieren. Sie wusste nicht einmal, ob sie die notwendige Summe oben im Schrank hatte; Helmut Otto war ihr noch das Wochengeld schuldig; er gab immer im letzten Augenblick; sie musste ihn demnach um die fünf oder sechs Gulden bitten, was eine missliche Sache war. Ausserdem war es ungewiss, ob er schon zu Hause war. Sie schaute hinauf; im Wohnzimmer war Licht, aber es brannte wahrscheinlich seit ihrem Fortgehen noch; alle Leute waren zum Feuer geeilt, in den Strassen im Umkreis standen sie Kopf an Kopf; es war anzunehmen, dass auch er hingegangen war. Schlimmer noch, wenn er oben wartete; dann musste sie ihm in der Bedrängnis und Hast gestehen, dass Josephe im Theater gewesen war; Fragen, Erörterungen, Vorwürfe waren zu gewärtigen, wenn sie das Geld für den Wagen verlangte; die ewige, jetzt durch die Sorge um Josephe vermehrte Bemühung, solche Szenen vor den Kindern zu verbergen. In Josephes blassem Gesicht zuckte die innere Erregung unverkennbar, so dass es am besten schien, sie gleich zu Bett zu bringen und jedes Zusammensein mit Vater und Geschwistern zu verhindern.

Indem sie dies alles überdachte und vor dem Wagen stehend beklommen in das beleuchtete Haustor schaute, erriet Ulrike Woytich ihre Verlegenheit und verschaffte sich durch drei, vier geschickte Fragen Aufschluss. Sie zog ihre Börse, kramte mit komisch geschäftigen Fingern darin, und es erwies sich, dass sie gerade soviel Geld bei sich hatte, um den Kutscher entlohnen zu können. Sodann hob sie Josephe von ihrem Sitz, umfasste sie, führte sie ins Haus und bestätigte Christines Angst, indem sie sie bat, voranzugehen und Anstalten zu treffen, dass Josephe ohne Störung und Aufenthalt zur Ruhe gebracht würde; sie habe heisse Hände und scheine zu fiebern.

Christine lief die Stiegen hinauf und Ulrike Woytich folgte mit Josephe langsam nach. Unterwegs schaute sie sich alles interessiert an, das Geländer, den Flur, die Mauern, die Türen und achtete trotzdem sorgfältig auf ihren Schützling. Mylius war zu Hause. Er wusste bereits alles, als Ulrike mit Josephe oben ankam. Christine war nicht die Frau, die eine ihr drohende Unannehmlichkeit hinausschieben konnte, schon gar in der Verfassung nicht, in der sie war. Sie hatte ihren Mann mit wenigen Worten unterrichtet und ihn auch gleich um das Geld ersucht. Er war nicht bei dem brennenden Theater gewesen, sondern hatte sich an den aufgeregten Erzählungen genügen lassen, die er auf der Gasse gehört; jetzt wartete er seit einer Stunde auf das Abendessen und war wegen der Verzögerung in übler Laune. Christines Mitteilung, die Art, wie sie ins Zimmer stürmte, ihr abgerissener und beschmutzter Anzug bestürzten ihn; zugleich konnte er den Ärger über die Heimlichkeit nicht unterdrücken, durch die Josephes Theaterbesuch ermöglicht worden war. Hieran knüpfte sich der Groll über die Geldausgabe; trotzdem das tyrannische Regiment, das er führte, den Seinen keinerlei freie Bewegung erlaubte, quälte ihn nicht selten das Misstrauen, dass man hinter seinem Rücken allerlei Verschwendung treibe, kleine und unschuldige Verschwendung allerdings, aber doch zu fürchtende, da ja alles Böse eine unscheinbare Wurzel hat.

Als nun Christine das von Ulrike Woytich ausgelegte Fahrgeld forderte, denn dieser Verpflichtung wollte sie sich zunächst entledigen, zauderte er, wand sich, zuckte die Achseln, schüttelte den Kopf, wollte den Betrag zu hoch finden, tauchte aber dann doch, bezwungen durch den verzweifelt flehenden Blick seiner Frau, die Hand in die Rockbrust und holte die Brieftasche hervor. Christine, von Ungeduld übermannt, entriss ihm den Schein mit einem Seufzer, in dem tausend seit Jahren zurückgehaltene Klagen vibrierten, eilte mit ungestümen Schritten in Josephes Zimmer (es hatte sich durch des Mädchens Anlage und das Verhältnis zu den Schwestern so gefügt, dass sie einen Raum allein bewohnte, während jene sich in eine grössere Kammer teilten), rief Therese, die alte Magd, befahl ihr, heisses Wasser zu bereiten, Universalmedizin in ihren Augen, zündete die Lampe an, liess die Vorhänge herab, öffnete das Bett, und als Ulrike und Josephe kamen, half sie der Tochter beim Entkleiden, indes Ulrike, die das Notwendige stets auf den ersten Blick erkannte, vor dem Ofen kniete und Feuer schürte.

Sie war noch damit beschäftigt, als die Tür aufging und Esther und Aimée eintraten. Ängstlich wegen der Verspätung, aber zum Bersten voll von geheimer Freude am aufregenden Geschehen, waren sie, wie auch Lothar, eben nach Hause gekommen. Die Freude steigerte sich zwar, als sie die Erlebnisse der Mutter und Josephes erfuhren, doch zugleich rief es ihren Verdruss hervor, dass Josephe hatte ins Theater gehen dürfen, wobei die Tatsache, dass sie dem Tod um Haaresbreite nah gewesen, auch jetzt noch Anlass zur Besorgnis gab, keinen sonderlichen Eindruck auf sie zu machen schien.

Lothar stand in der offenen Tür, ein verwundertes Lächeln in dem hübschen Knabengesicht. „Wie wars, Josephe?“ fragte er die mit geschlossenen Augen Liegende; „erzähl doch; es muss ja furchtbar interessant gewesen sein.“ Josephe antwortete nicht, Ulrike tat es an ihrer Stelle. „Machen Sie sich lieber nützlich, junger Mann,“ sagte sie kurz angebunden, aber nicht unfreundlich, indem sie sich von den Knien erhob und ihm den leeren Kohleneimer reichte; „gehen Sie in die Küche und füllen Sie mir den Eimer, wir müssen warm bekommen.“ Lothar schaute sie verdutzt an, schüttelte unmutig den Wald kastanienbrauner Locken, der sein Gesicht kokett umrahmte, nahm jedoch unter ihrem funkelnden Blick die Hände aus den Hosentaschen und gehorchte.

Auch Esther und Aimée sahen verwundert diese Fremde an, die so unbefangen und nachdrücklich in Gegenwart der Mutter hantierte und dem Bruder Befehle erteilte. Christine klärte sie mit einigen hastigen Worten auf, die gedrängt von leidenschaftlicher Dankbarkeit waren. Die jungen Mädchen staunten noch mehr. Sie hatten sich beide in die Fensternische geschmiegt, Unzertrennliche aus Gewohnheit und dumpfer Seelenstimmung. Das blasse sommersprossige Gesicht mit den messinggelben Zöpfen der zweiundzwanzigjährigen Esther dicht an dem dunkleren, obwohl ziemlich blutlosen, mit dem geflochtenen, kupfrig schimmernden Kranz um die Stirn der neunzehnjährigen Aimée gab einen Zusammenklang, der Ulrikes Aufmerksamkeit nicht entging und sie neugierig machte. Das gedrückte Wesen, der furchtsame Blick, die frierende Haltung, das eigentümlich Horchende in den Mienen, das alles gab ihr zu denken und zwang ihren raschen Geist zu Kombinationen. Dass sie auf der richtigen Spur war, erwies sich ihr beim Eintritt des Vaters. Beider Gesicht bekam sofort etwas Starres und Untertäniges, das den Ausdruck puppenhaft machte; auch Lothar, der den gefüllten Eimer hereinschleppte und unter überflüssigem Lärm beim Ofen verstaute, zuckte zusammen, als er den Vater im Zimmer gewahrte, und sah auf einmal aus, als könne er nicht bis drei zählen. Gute Zucht jedenfalls, sagte Ulrike zu sich selbst.

Mylius war eine Weile im Korridor auf und ab gegangen. Er wusste nicht recht, wie er sich benehmen sollte; ob das Befinden Josephes ihm erlaubte, wegen des noch immer nicht aufgetragenen Abendessens zu schmälen, oder ob es rätlicher war, sich zu gedulden, bis sich das fremde Fräulein verabschiedet haben würde. Besser dünkte es ihn zu schweigen und so zu tun, als habe er die Mahlzeit bereits hinter sich, da konnte sie keine Erwartung hegen, eingeladen zu werden. Nichts war ihm so verhasst wie Tischgäste. Er trat also ein, zeigte eine teilnehmende Miene, die seinem fahlen glattrasierten und auffallend kleinen Gesicht etwas Sauersüsses verlieh, verbeugte sich gegen Ulrike und reichte ihr mit unverständlichem Murmeln die Hand. Dann ging er zum Bett, blickte stirnrunzelnd auf Josephe nieder und sah fragend seine Frau an.

Christine fand, der Andrang in der engen Kammer sei zu gross; sie trieb alle hinaus und bedeutete ihnen, sie sollten sich einstweilen zu Tisch setzen, sie käme mit Fräulein Woytich später. Mylius räusperte sich; das Gefürchtete war also nicht mehr abzuwenden. Esther und Aimée kannten den Ton und erschraken; sie bewunderten die Kühnheit der Mutter. Als es endlich still war, beugte sich Christine zu Josephe und fragte, ob sie allein sein wolle. Josephe bejahte es, indem sie die Hand der Mutter an die Lippen zog. Da gingen auch Ulrike und Christine hinaus.

Ein Bild wollte nicht aus Josephes Sinnen weichen. Während sie im Wandelgang des Theaters gestanden und die erste Panik der aus dem Zuschauerraum Flüchtenden gegen sie angeprallt war, hatte sie etwas erlebt, das tieferen Eindruck auf sie gemacht hatte als die wüstesten Szenen nachher und ihre eigene Lebensgefahr dazu. Unter den Vordersten, die auf sie losstürmten, weil sie in der Nähe der Ausgangstüre war, befand sich ein Mann, der die Fäuste in die Luft gestreckt hielt, mit weitoffenem, doch nicht schreiendem Mund und vor Angst und Wut verglasten Augen nur danach trachtete, den andern zuvorzukommen; ein Mann mit weissem Bart und weissen Haaren, gut gekleidet, offenbar ein Angehöriger der oberen Stände. Er trug eine goldene Kette auf der schneeweissen Weste und eine Brillantnadel im Schlips. Man sah genau, dass das Gesicht sonst den Ausdruck der Ehrwürdigkeit hatte, dass die Augen gütig und wohlwollend zu blicken pflegten und dass ihm eine ruhige, imponierende Haltung eigen war. Davon war keine Spur mehr vorhanden. Statt dessen die raubtierartige Gier, allen zuvorzukommen, ein offener, verzerrter, von gelben Zahnstümpfen besetzter Mund, die aufgerissenen Augen eines Tollen, die gebogenen Entsetzensrunen auf der Stirn. Und diese Wut, diese unbegreifliche Wut, als hätte er die, die mit ihm im Laufe wetteiferten, mit den Fäusten niederschmettern mögen. Alles das vermochte Josephe noch mitzufühlen, bedauernd zwar und wie von einer Ferne; aber nun geschah es, dass er den Weg zur Treppe durch die sich stauenden Körper gänzlich verrammelt fand, dass er in seiner rasenden Angst die Brieftasche herausriss, einen Pack Geldnoten mit zitternden Fingern ergriff und im hochemporgereckten Arm nach allen Seiten hin mit schmeichelnden, winselnden Würgetönen anbot. Das war das Grässliche; Geld in diesem Augenblick! Es dünkte Josephe furchtbarer als alles andere, ein Äusserstes von Makel und Verworfenheit, neben dem die physische Not, die sie selbst bedrohte, kaum mehr in Betracht kam. Die siebzig Jahre, die der Greis vielleicht zählte, wurden zur Lüge in Josephes Augen; weisses Haar und die Würde, die es gab, Lüge; Freundlichkeit und Lächeln Lüge. Geld, wo eine Menschheit in Qual verging! Dass einer denken konnte, sich vom allgemeinen Jammer mit seinem Gelde loszukaufen! Es war die Hölle. Sie erinnerte sich, dass sie sich unter der Wucht dieses Bildes gegen den Gedanken an Rettung aufgelehnt und sich, mitten im Grauen kalt und schmerzlich besonnen, gesagt hatte: wozu soll mir noch das Leben dienen, wenn ein alter Mann im weissen Bart zum leibhaftigen Satan wird, nur um es zu behalten?

Die Trauer darüber verging nicht. Ihr war, als habe sie zu tief in den Abgrund des Lebens geschaut und könne nun nicht mehr ganz froh werden. Ein Zug von Gestalten wandelte in der Luft und alle schleppten sich leidvoll mit schweren Packen Geldes; Fahnen hingen starr, die aus riesigen Geldscheinen bestanden; die Blätter an den Bäumen klapperten wie Münzen; die Tapeten an der Wand sahen aus wie schmutzige Zehnguldennoten. Indem sie sich aus diesen Vorstellungen zu lösen und in der Finsternis der Seele ein Gebet zu formen suchte, öffnete sich lautlos die Tür und das heitere, jugendliche, wohlgebildete Gesicht ihrer Retterin zeigte sich. Ulrike wollte sich vergewissern, ob sie schlief oder einen Wunsch habe; sie steckte nur den Kopf herein und die glänzenden schwarzen Augen spähten gegen Josephes Lager.

Zuerst erschrak Josephe, und ihr Herz begann noch stärker zu pochen als unter dem Einfluss der peinigenden Fieberbilder; dann aber atmete sie befreit auf und nickte Ulrike Woytich dankbar lächelnd zu. Ulrike näherte sich ihr und hauchte einen schwesterlichen Kuss auf ihre Stirn.

Augen und Ohren, die guten Diener

Als Ulrike wieder ins Esszimmer kam, hatte Herr Mylius eben zu allem übrigen noch erfahren, dass sowohl Christines als auch Josephes Mantel bei dem Unglück in Verlust geraten seien. Da konnte er nicht mehr an sich halten und brach ungeachtet der Anwesenheit des fremden Gastes in lebhafte Verwünschungen des Leichtsinns aus, dessen sich Christine schuldig gemacht. Er erhob sich, warf die Serviette auf den Stuhl und seine kleinen farblosen Augen blitzten erbost.

Mit schriller Stimme stellte er die Frage, ob man glaube, dass er Millionär sei? Stumm ergebene Blicke; niemand war so verwegen, es zu glauben. Ob man der Meinung sei, dass er sein Geld auf dem Strassenpflaster finde oder in der Lotterie gewinne? Niemand war dieser Meinung. Ermahne er nicht zur Sparsamkeit Tag für Tag; drehe er nicht, wenn sichs um seine Person handle, jeden Kreuzer zehnmal um und bedenke, ob es wirklich unerlässlich sei, ihn auszugeben? Es konnte nicht geleugnet werden, das allgemeine Schweigen bestätigte es. Sei das Leben etwa so leicht zu verdienen? erarbeite sich so mir nichts dir nichts, was sechs Menschen und leider auch noch ein dienstbarer Geist an Kost, Wohnung und Kleidung beanspruchten? Gewiss nicht, man sah es sündenbeladen ein. Drei erwachsene Töchter! Wohin mit ihnen? Wer werde sie ausstatten? Welcher verrückte Idealist werde sich herbeilassen, sie ohne Mitgift zu heiraten? Denn er könne ihnen keine geben, er nicht, soweit habe ers noch nicht gebracht und werde es voraussichtlich kaum bringen. Esther und Aimée senkten traurig die Köpfe; sie begriffen die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage. Ein Sohn, der den Ernst des Lebens durchaus noch nicht erfasst habe und dem die Lehrer das schlechteste Prognostikon stellten: wieviel geschlagene Jahre werde er dem Vater noch zur Last fallen? Lothar blickte ratlos in die trübe Zukunft und schwor sich Besserung.

Da das harte Strafgericht ohne ein Zeichen des Widerspruchs oder der Auflehnung hingenommen wurde, legte sich Mylius’ Entrüstung allmählich. Er sei für alle und für alles verantwortlich, fügte er resümierend hinzu, er müsse es schaffen und sich plagen und müsse daher auf die geringe Erkenntlichkeit rechnen, dass man der Verschwendungslust nicht die Zügel schiessen lasse. Hierbei traf ein strenger Blick Christine. Das heutige Ereignis sei ein Fingerzeig des Schicksals. Gott habe sie warnen wollen, den schlimmen Gelüsten nicht nachzugeben; man möge sichs für künftige Fälle merken.

So predigend stapfte er mit seinen kurzen Beinen um den Tisch herum. Christine bat ihn sanft, sich zu beruhigen und zu setzen, das Fleisch auf seinem Teller werde kalt. (Er allein hatte Fleisch, für die übrigen war nur Gemüse gekocht.) Das Geschehene sei als eine Ausnahme zu betrachten, und sie verspreche, dass es nicht mehr vorkommen solle. Sie war bleich geworden und ihre Finger glitten nervös an der Kette des Schlüsselbundes entlang. Dass sie mit ihren mehr als fünfzig Jahren, als Mutter von vier Kindern und angesichts der Kinder, angesichts auch einer Fremden, die ein höchst begründetes Recht auf Rücksicht hatte, sich musste abkanzeln lassen wie ein Schulmädchen, war bitter. Sie empfand es zum erstenmal mit solcher Bitterkeit; vielleicht der Fremden wegen. Aber es musste ertragen werden; Abwehr hätte den unerquicklichen Hader nur verlängert. Niemals hatte sie sich verteidigt, niemals hatte sie aufgemuckt, niemals in den Kindern, durch Blick, Miene oder Stirnrunzeln nur, die bedingungslose Ehrfurcht, den schweigenden Gehorsam gegen den Vater zu ihren eigenen Gunsten zu beeinflussen versucht.

Indessen schien es, als erinnere sich Mylius der Gegenwart Ulrike Woytichs mit einiger Betretenheit. Er hielt in seinem Rundgang neben ihrem Stuhl inne und sagte mit dem sauersüssen Schmunzeln, das sein Gesicht in Momenten annahm, wo er liebenswürdig sein wollte: „Ich bitte um Vergebung, mein sehr geschätztes Fräulein; Sie werden es einem geplagten Familienvater gewiss nicht verübeln, dass er sich in Hitze redet, wo es sich ums Wohl und Wehe der Seinen handelt. Und um Ordnung, um Genauigkeit, um Disziplin und darum, dass nicht gedankenlos verschleudert wird, was er in siebenundzwanzig Fronjahren durch seiner Hände Arbeit erworben hat. Ich bin heute zweiundsechzig, mein verehrtes Kind; mit fünfunddreissig war ich noch ein armer Schlucker in einem hessischen Provinznest, der nie wusste, womit er am nächsten Tag seinen Hunger stillen sollte. Vor Hunger brauchen wir uns heute nicht mehr zu fürchten, aber um die Existenz gehts trotzdem in jeder Stunde, denn es ist eine tückische Zeit, und eh man sich besinnt, hat einen das Verhängnis in der Klaue, die Armut, die Not. So stehen die Dinge.“

„Ich gebe Ihnen ganz recht, Herr Mylius,“ antwortete Ulrike Woytich mit offen zu ihm erhobenem Blick, „wenn ich auch nicht gerade glaube, dass der liebe Gott das Ringtheater nur deswegen hat abbrennen lassen, um Ihre Familie vor Fehltritten zu bewahren. Aber sonst pflicht ich Ihnen von Herzen bei. Mein Onkel, der Hofrat, hat mir schon als Kind eingeschärft, dass nichts am Menschen so verdammlich ist, als wenn er achtlos mit Geld umspringt. Ausgeben, das kann jeder, erwerben, das ist schwer. Und etwas besitzen ist schliesslich doch das beste. Wer nichts besitzt, der mag sich lieber gleich begraben lassen; ein Hund wird mehr ästimiert als er.“

Mylius nickte anerkennend. „So ist es,“ sagte er; „Sie sind nicht auf den Kopf gefallen, mein schönes Fräulein. Etwas besitzen ist das beste. Man kann es nicht bündiger ausdrücken; es klingt wie die Legende auf einem alten Wappen.“ Er kicherte und zündete in erwachender guter Laune eine seiner übelduftenden Zigarren an.

„Die Verschwender wissen sich meistens nicht zu lassen vor Geringschätzung gegen die Sparer,“ fuhr Ulrike eifrig fort, „aber wenns ihnen dann schlecht geht, wenn ihnen das Wasser an den Hals steigt, vor wem kriechen sie, vor wem winseln sie, wem singen sie ihre Elogen, wem versprechen sie das Blaue vom Himmel? Dem verachteten Sparer. Der ist nun der Herr, und sie müssen sich noch für den Fusstritt bedanken, den er ihnen verabreicht.“

„So ist es, so ist es“, sagte Mylius entzückt, und Ulrike lachte.

Esther, Aimée und Lothar hatten sie ängstlich betrachtet, während sie redete. Des Vaters schweres Joch waren sie zu tragen gewohnt; dawider zu murren wäre ihnen vermessen erschienen; es abzuwerfen gab es keine Möglichkeit für sie; auch lag der Gedanke fern; zu befestigt war die Autorität, zu unnahbar die Person, zu mächtig der Wille, der sie seit ihrer Geburt regierte. Dass aber eine Fremde kam, um hinterrücks, ohne Fug und Grund noch an den Riemen zu ziehen, die ihnen die Brust umschnürten, erregte ihr Missfallen und ihre Besorgnis.

Plötzlich aber wurden sie auf etwas Seltsames aufmerksam, und zwar alle drei zugleich, von dem gleichen Instinkt geleitet. Da war ein Klang von freier Überlegenheit, ein Unterton von Spott und Schalkhaftigkeit, der sie veranlasste, genauer hinzuhorchen, genauer in das kluge muntere Gesicht zu schauen. Und sie empfingen einen Antwortblick, der sie erschreckte, weil er Ungeheures zu verheissen schien, einen Blick, der deutlich sagte: ich gehöre zu euch, ich schliesse ein Bündnis mit euch, lasst mich nur machen, ich verstehe diese Sache gründlich und kann euch gründlich helfen.

Ungläubig starrten sie und suchten zu begreifen und schlugen wie geblendet die Augen nieder.

Christine blieb davon unberührt. Sie hatte den schmerzlichen Eindruck, Ulrike sei durch Mylius gegen sie gestimmt worden, und als sie einige Minuten später, von Ulrike mit stummem Wink aufgefordert, mit ihr das Zimmer verliess, um zu Josephe zu gehen, legte sie, kaum dass sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, ihre Hand auf den Arm des jungen Mädchens und sagte hastig: „Sie werden doch nicht glauben, dass ich leichtfertig bin? Für so eine schlechte Mutter und Hausfrau werden Sie mich doch nicht halten, wie er mich im Zorn hingestellt hat? Es ist ja auch nicht seine wirkliche Meinung, kann ich Sie versichern. Er ist gerecht und über Unbotmässigkeit kann er sich nicht beklagen.“

Ulrike erwiderte leise: „Gnädige Frau, über Sie zu urteilen, steht mir nicht im geringsten zu. Aber vielleicht darf ich Ihnen sagen, dass Sie mir vom ersten Augenblick an eine Sympathie eingeflösst haben wie noch kein weibliches Wesen; ich habe nämlich im allgemeinen für Frauen nicht viel übrig, und dass ich Sie verehre. Ich wünsche mir nichts Lieberes als dass Sie mir erlauben, Sie möglichst oft zu besuchen.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte Christine; „das war ein gutes Wort. Gute Worte hör ich selten. Kommen Sie nur. Kommen Sie jeden Tag, so oft Sie können. Ich freue mich darauf.“

Sie gingen ein Stück über den Flur, an dessen Wänden Etageren mit Zinnfiguren angebracht waren. „Etwas müssen Sie gleich erfahren“, begann Christine wieder mit vorsichtig gedämpfter Stimme, „sonst könnten Sie am Ende doch der Ansicht sein, dass Mylius das Opfer seiner Familie ist: so sind die Verhältnisse nicht, wie er sie in seinem Pessimismus schildert, das kann Ihnen jeder Mensch in der Stadt bekräftigen. Sein Antiquitätengeschäft ist in ganz Europa bekannt, H. O. Mylius, erkundigen Sie sich, bei wem Sie wollen. Ich weiss natürlich nicht, ob Vermögen da ist und wieviel; darüber spricht mein Mann nicht mit mir, das geht gegen seine Grundsätze, die ich zu respektieren habe. Ich weiss nicht, ob er grosse Gewinne hat oder nicht, ich frage ihn nicht. Nur soviel weiss ich, dass er mich und die Kinder über das Gebührliche knapp hält. Solche Auftritte wie heute kommen ja selten vor, aber ganz zu vermeiden sind sie nicht. Er kann nicht anders, der arme Mann, es ist stärker als er, und ich sage es Ihnen nur, weil es leider nicht zu verhehlen ist und weil Sie noch manches davon erleben werden, wenn Sie nun trotzdem noch Lust haben sollten, zu uns zu kommen.“

„Das wär noch schöner, wollt ich mich durch so was abschrecken lassen,“ sagte Ulrike mit ihrer tiefen, Zutrauen erweckenden Stimme; „im Gegenteil, mir scheint, ich kann Ihnen da in vieler Beziehung nützlich sein. Erstens bin ich selber nicht auf Eiderdaunen gebettet; zweitens bin ich der geborene Blitzableiter; drittens bin ich entschlossen, für Sie durchs Feuer zu gehen, wenn Sie mich ein bisschen liebhaben wollen.“

Christine griff gerührt nach ihrer Hand, und sie betraten auf Zehen das Zimmer der schlafenden Josephe.

Es hätte der schüchternen Aufklärung Christines nicht bedurft. Ulrike hatte ihre Zeit nicht verloren. Ihre Beobachtungen hatten ihr die Gewissheit verschafft, dass sie sich nicht bei armen Leuten, nicht in einem wirtschaftlich sinkenden Wesen befand. Des Herrn Mylius Standrede konnte sie nicht irreführen; in dem Punkt besass sie untrügliche Witterung.

Zuerst allerdings hatte ihr die Wohnung den Eindruck der Kleinbürgerlichkeit gemacht. Wäre es dabei verblieben, so hätte sie die Flucht ergriffen; Kleinbürgertum war eben das, was sie zu meiden gesonnen war. Da stand und lag alles so eng und so dicht und so gezählt; die Räume dumpf und niedrig; es fehlte Bequemlichkeit, Freiheit, generöse Absicht. Zier und Behänge waren da, weil sie da sein mussten, nicht weil man sie schätzte oder hütete. Etwas Liebloses lastete über den Dingen.

Aber Ulrike sah, dass die Möbel, ohne gerade prunkvoll zu sein, solid und stattlich waren; keine Dutzendstücke, keine Vorstadterzeugnisse; die Teppiche: echtes Material; das Linnen: feinste Qualität; das Tischbesteck: massives Silber; die goldgerahmten Gemälde an den Wänden: Originale von Künstlern und alt. Sie sah da und dort Gegenstände von unbezweifelbarer Kostbarkeit: eine Nippesfigur, eine Bronze, einen Leuchter, eine Kristallschale, eine chinesische Vase. Freilich konnte sie der Alte aus seinem Laden hergeschleppt haben, um sie allenfalls hier feilzubieten und so auf billige Manier zu einer Ausschmückung zu gelangen, die dann wieder wandern musste. Doch den Gedanken verwarf Ulrike; er dünkte ihr nicht vereinbar mit dem Charakter des Mannes; der lieh nicht, auch sich selber nicht; der mogelte nicht; bei dem war alles unverfälscht und an der richtigen Stelle.

Täuschung war kaum möglich: hier war Wohlhabenheit, jene Gediegenheit des Besitzes, die man bei bescheidener äusserer Gebarung nur selten antrifft.

Nichts entging ihrem spähenden Auge, dessen Ausdruck sie jedoch so zu beherrschen wusste, dass niemand seine unermüdliche Wachsamkeit auch nur ahnen konnte. Sie verglich die Dinge mit den Menschen; sie riet den Dingen die Gewohnheiten der Menschen ab, Eigenschaften und Art. Sie betrachtete die beiden stillen jungen Mädchen, denen sie nur wenige Jahre im Alter voraus war; betrachtete sie in ihren unscheinbaren, fast ärmlichen Gewändern und wie geduckt sie waren, wie man spürte, dass sie um ihre gewürgte Jugend trauerten und sich ergeben durch die Tage schleppten ohne die leiseste Regung von Rebellion; den Sohn mit dem Gesicht eines reizenden Galgenstricks, voll Begehrlichkeit und heimlicher Gelüste, während ihn die Furcht vor dem Vater in Bann hielt und auf den vorgeschriebenen Weg zwang; die jüngste mit den glühend-fragenden Augen einer Schwärmerin; die Mutter, zarte, schüchterne Gestalt, beschwichtigend, versöhnend, verschleiernd, vermittelnd zwischen Mann und Kindern, dabei selbst geknechtet, mit einem Schein von Ratlosigkeit in den schönen Augen; zuletzt den Alten mit seinem pfiffigen Schmunzeln, das er sich wahrscheinlich im Beruf angewöhnt hatte, wenn er Käufer und Verkäufer beschwatzte, seinen vogelhaften Kopfbewegungen, seinem Tyrannengebaren und beständigen Gerüstetsein gegen Lebensdrang und Lebenslust und der verräterischen Angst, die dahinter flimmerte.

Mit dem Alten ist etwas los, sagte sich Ulrike kampflustig, der Alte hat ein Geheimnis; von welcher Beschaffenheit es ist, darauf zu kommen wird vielleicht nicht schwer sein, aber es ihm zu entreissen und Nutzen daraus zu ziehen, bedarf der Schlauheit und Geduld. Möglich dass sich die Mühe lohnt, überlegte sie weiter; es wäre ein Ziel für mich, endlich einmal was, das einem Spass machen könnte. Wer weiss, wohin es führt und welche Überraschungen einem da bevorstehen. Offenbar betrügt er die ganze Familie und spielt den armen Teufel nur, um sie nicht merken zu lassen, was für Reichtümer er in alter Stille zusammengescharrt hat; dergleichen wäre ihm wohl zuzutrauen; sie müssen darben und vor ihm zittern, indes er auf der gefüllten Geldtruhe hockt und sich ins Fäustchen lacht. Verhält es sich so, mein Guter, dann werd ich dir heimleuchten, dann hat dein Stündlein geschlagen.

Sie lächelte vor sich hin, in einen Plan verliebt, der sich, ungreifbar noch aber verlockend, in ihr formte.

In den nächsten Tagen horchte sie viel herum. Das Myliussche Geschäft war in der Himmelpfortgasse; bei gelegentlichen kleinen Einkäufen brachte sie geschickt einige Ladeninhaber in der Nähe über das, was sie von Mylius wissen konnten, zum Reden. Hierbei kamen ihr ihre guten Manieren zustatten, ihre gewinnende Herzlichkeit und Unbefangenheit, vor allem die humorige Art, womit sie insbesondere Leute aus dem Volk zu fassen verstand.

Eine andere Nachrichtenquelle war ein mit der Familie Mylius seit zwanzig Jahren im selben Haus wohnendes altes Fräulein, von dem sie zufällig erfahren hatte, dass es vorzeiten mit ihrem Onkel, dem Hofrat, bekannt gewesen war; der Bruder dieses Fräuleins von Elmenreich nämlich und der Hofrat waren in den fünfziger Jahren einmal in der gleichen Hofkanzlei gesessen; jetzt lebte der Sohn des verstorbenen Bruders bei ihr, Schulkamerad und Intimus von Lothar Mylius. Ulrike machte Fräulein von Elmenreich einen Besuch, nachdem sie sie am Tag vorher auf der Treppe so freudig begrüsst hatte, als wäre sie seit langem von der Sehnsucht verzehrt gewesen, ihr zu begegnen. Die Anknüpfung war leicht, der Hinweis auf den Hofrat entzückte die einsame Alte, die sofort ihre Erinnerungen auskramte, und da sie sich auch sonst äusserst mitteilsam zeigte, verhehlte sie ihrem jungen Gast nichts, was zu ihrer Kenntnis gelangt war.

Das erste Ergebnis von Ulrikes Kundschaftertätigkeit war ungefähr dies. Mylius wie auch seine Frau stammten aus dem Rheinhessischen. Er war der Sohn eines protestantischen Pastors, hatte Theologie studiert und dann Kunstgeschichte. Es war ihm nämlich eine kleine Erbschaft zugefallen, die ihm neben der Möglichkeit umzusatteln auch die bot, nach Italien zu reisen und einige Zeit in Rom zu leben. Dort hatte er dann abermals den Beruf gewechselt und war Kunsthändler geworden. In die Heimat zurückgekehrt, liess er sich in Frankfurt nieder und heiratete alsbald. Christine war aus einer alten, obschon verarmten Patrizierfamilie, eine geborene Vollprecht; ihr Vater war vor der Märzrevolution grossherzoglicher Staatsminister gewesen, ein Mann von Bildung und Geist. Als er starb, reichte die Hinterlassenschaft nicht einmal hin, um die Schulden zu tilgen, und Christine durfte sich nicht lang besinnen, als Mylius um ihre Hand anhielt. Doch mit der jungen Wirtschaft wollte es nicht vorwärts gehen, Mylius entschloss sich, die Gegend zu verlassen, und verlegte seinen Wohnsitz nach Wien. Er verzichtete auf den ausschliesslichen Handel mit Bildern und warf sich auf das Antiquitätengeschäft. Das war zu Anfang der sechziger Jahre. Zuerst schien es ihm auch in dem neuen Domizil nicht recht zu glücken, aber eines Tages hatte er den spekulativen Einfall, den ganzen beweglichen Besitz eines unlängst verstorbenen Grafen Zierotin, der der Letzte seines Geschlechtes war, zu erwerben; es gelang ihm unter günstigen Bedingungen, und seitdem hatte er sich langsam und stetig emporgearbeitet. Bei den vornehmen Herrschaften stand er allgemein in hoher Gunst; man schätzte seinen Geschmack, hielt sein Urteil in Zweifelsfällen für massgebend, wandte sich bei diskreten Verkäufen vor allem an ihn und rühmte seine geschäftliche Sauberkeit. Mit Hilfe dieser auserlesenen Klientel hatte er sich auch Absatzgebiete zu erschliessen vermocht, die nur wenig andern zugänglich waren; sein Name hatte bei der Aristokratie Englands und Frankreichs wie auch bei den reichen amerikanischen Sammlern einen guten Klang, und mit ziemlicher Regelmässigkeit schickte er grosse Sendungen von oft unermesslichem Wert ins Ausland.

Die Frage, ob er als vermöglicher Mann gelten dürfe, wurde von verschiedenen verschieden beantwortet. Die einen bejahten sie unbedingt. Sie sagten, er werde so seine Viertelmillion in Sicherheit gebracht haben. Gulden? eine Viertelmillion Gulden? Natürlich, warum denn nicht? Eine Viertelmillion Gulden. Andere bestritten dies und nannten eine weit geringere Summe, siebzig- oder achtzigtausend. Wieder andere, zum Beispiel der Handschuhfabrikant Schlitteis, der sein Gewölbe gegenüber dem Myliusschen hatte, verstieg sich zu schlechthin phantastischen Zahlen und behauptete, er müsse, niedrig veranschlagt, vier- bis fünfmalhunderttausend Gulden besitzen. Doch diesem lachte Ulrike ins Gesicht und sagte, er sei vielleicht ein begabter Märchenerzähler, an seinen geschäftlichen Blick hingegen glaube sie nicht; ein Mann von derartigem Reichtum werde was Besseres anzufangen wissen, als Tag für Tag in einem düstern Loch zu lauern und Bric-à-bracs zu verschachern; solche Verdrehtheit traue sie einem sonst leidlich vernünftigen Menschen nicht zu.

Fräulein von Elmenreich war der Ansicht, dass er nach bürgerlichen Begriffen allerdings wohlhabend zu nennen sei, dass aber bei der Besonderheit des Handels, den er treibe, sein Barvermögen kaum zu bestimmen wäre. Der Wert der Dinge sei schwankend; er müsse sie bisweilen unter dem Preis losschlagen; Berechnungen gingen oft fehl, Erwartungen würden getäuscht. Freilich käme es vor, dass gewisse Objekte ganz ausserordentlich im Preise stiegen; so habe sie selbst anno dreiundsiebzig, im Jahr des grossen Krachs, einen Gobelin um zweihundert Gulden verkauft, der heute unter Brüdern das Sechsfache wert sei. So oft sie daran denke, sei ihr das Weinen nah.

„Die Wahrheit zu gestehen, geh ich nie ohne Bangigkeit an Mylius vorüber,“ sagte das alte Fräulein; „hie und da treff’ ich ihn, etwa in der Dämmerung im Hausflur. Er grüsst, ich danke, das ist alles. Aber solche finstern Geldnaturen strömen einen bösen Zauber aus. Sie lieben den Fetisch in ihren Kassen, wie ein Mensch von Herz das Lebendige liebt, mit derselben Hingebung, derselben Leidenschaft. Von dieser gottlosen Liebe wird ihr Blut dick und schwarz und man spürt förmlich, wie sich die Seele in Ängsten windet. Da geht er dann hin, geht die Stiege hinauf, still wie ein Gespenst. Was er hat, macht ihn zittern, was er nicht hat, macht ihn zittern.“

„Ganz richtig,“ entgegnete Ulrike Woytich, „aber vor Gespenstern fürcht ich mich nicht. Gespenster nehm ich nicht an. Werden sie zudringlich, so rückt man ihnen an den dürren Leib und ruft: ‚Gelobt sei Jesus Christus.‘ Das halten sie nicht aus und verduften. Gruseln kenn ich nicht, das muss ich erst lernen wie der im Märchen, der extra dazu auszog.“

Wie sich Ulrike bald überzeugen konnte, genoss Mylius allenthalben den Ruf eines Mannes von Verlass und streng rechtlichen Grundsätzen. Anfangs hatte er es nicht eben leicht gehabt in der Stadt der Leichtherzigkeit, als protestantischer Zuzügling. Man war den Leuten seines Schlages und seiner Herkunft nicht grün. Verspottete man nicht ihre Genauigkeit, so beargwöhnte man ihren Fleiss; erregten sie nicht Anstoss durch die schroffe Absage an das mittuerische Wesen, so ärgerte man sich über die korrekte Führung. Doch mit der ihm eigenen Zähigkeit hatte er sich festgesetzt und Boden gewonnen.

Eigentliche Freunde hatte er nicht, vertrauten Umgang keinen. Das Familienleben galt als musterhaft und man rühmte die Artigkeit und Wohlerzogenheit der Kinder, die bescheidene Führung und das gefällige Wesen der Frau. Viele bedauerten freilich die Töchter. Sie durften auf keinen Ball gehen, keine Einladungen annehmen, Ausflüge nur machen, wenn sie nichts kosteten. Selbst die kleinste Eisenbahnfahrt musste erfeilscht und erbettelt werden. Josephe war die einzige, für die es keine Entbehrung war. In frühen Jahren schon wurde über ihre Frömmigkeit gesprochen und man wunderte sich darüber. Manche wollten nicht begreifen, wie eine Protestantin es überhaupt anstelle, fromm zu sein; Protestantismus, erklärten sie, sei doch gar kein Glauben, sondern Ketzerei und Leugnung, da seien die Juden noch besser dran. Aus den ersten Gesprächen mit Christine erfuhr Ulrike, dass das junge Kind auch die Mutter zu seinen Anschauungen bekehrt hatte; eine Zeitlang hatte Christine sie bei jedem Kirchgang begleitet, und sie gestand, dass es ihr selbst merkwürdig genug gewesen sei, da sie in aufklärerischen Tendenzen erzogen worden war und eine ganz andere Jugend gelebt hatte. Ihr Grossvater hatte Merck noch gekannt, den Freund Goethes; die Mutter hatte als junges Mädchen im Brentanoschen Kreise verkehrt und war mit Arnim, Görres und Friedrich Schlegel in einem Briefwechsel gestanden, der zu den gehüteten Schätzen des Familienarchivs gehörte; eines Besuches von Wilhelm von Humboldt bei ihren Eltern entsann sie sich mit Stolz.

Ihre geistige Verfassung, sie suchte es mit ihren Worten zu umschreiben, war Produkt und Nachklang jener innerlich bewegten Romantik, die dann plötzlich wie von einem Eissturm von der deutschen Erde fortgeweht war und einst ein anderes Deutschland hatte ahnen lassen als das unter Kanonendonner vor den Mauern von Paris erstandene. Aber diese Grundfarbe war längst verblasst in ihr; das ehemals lebendig Gewesene war keine Wirklichkeit mehr, nur Phantasiespiel, aus dem sie bei seltenen Anlässen den Mut schöpfte, sich zur Fürsprecherin ihrer Kinder zu machen, wenn es galt, ihnen eine Freude zu bereiten und dem Mann die Erfüllung eines Wunsches abzuschmeicheln. In allem übrigen herrschte eine grosse Stille in ihrem Dasein, eine schläfrige und unfrohe Stille; und so war es auch mit den Kindern, Josephe vielleicht ausgenommen, die ihr eigenes, verschlossenes und oft schwer erratbares Leben hatte; schläfrige und unfrohe Stille lagerte über ihnen. Wenn man am Morgen die Fenster in der Wohnung öffnete, wunderte man sich immer, dass unten auf der Gasse Menschen gingen, dass da draussen eine Welt war. Nach und nach nahm diese Welt den Charakter gefährlicher und feindseliger Fremdheit an. Mylius unterliess es auch bei keiner schicklichen Gelegenheit, vor ihr zu warnen, vor ihren Verführungen, ihrer Verderbtheit, ihrer Hohlheit und ihrer Mitleidlosigkeit. Es klang glaubhaft genug, und so war noch mehr Grund, sich ganz, ganz stille zu verhalten.

Alles das nahm Ulrike begierig zur Kenntnis. Ausbeute und Hinweis in Fülle. Das Feld lag offen da. Zunächst war, um die Hauptschwierigkeit aus dem Weg zu räumen, eine Auseinandersetzung mit Onkel Klemens nötig, dem Hofrat, der ihrer als Logiergast überdrüssig war, obgleich sie von den in England gemachten Ersparnissen lebte und in seinem Haus nur eine greuliche Mansarde bewohnte, in der die Mäuse rumorten und durch deren Fensterfugen der Sturmwind pfiff. Er hatte ihr Empfehlungen für Paris verschafft, sie sollte ehestens fort, nach seinem Willen möglichst weit fort, und nun musste sie ihn vertrösten und etwas ersinnen, um ihn nicht als Dränger hinter sich zu haben, bis ihr Plan eine taugliche Form gewonnen hatte.

Dabei ist die Frage noch nicht beantwortet: worin bestand eigentlich ihr Plan? was lockte sie? was trieb sie, ihre Kräfte zu sammeln, um in der einen vorgesetzten Richtung zu wirken? Wollte sie sich einnisten in dem friedlichen Bürgerquartier und mit Halbgefangenen eine magere Kost teilen? So gross war ihr Hunger nicht und so klein ihr Ehrgeiz nicht. Folgte sie einer Neigung, einer Herzenslaune, einer mitfühlenden Regung, einer neugierigen bloss? Es war ganz und gar nicht ihre Art, denn sie gab sich nicht für Geringes her, und es fiel ihr nicht im Traum ein, sentimentalen Anwandlungen zuliebe ihre Zeit und ihre Aussichten zu opfern.

Also hatte ihr unvergleichlicher Spürsinn in dieser bresthaft engen Welt Möglichkeiten des Gelingens und Emporkommens entdeckt, die den Augen minder scharfblickender Leute, wie du, Leser, und ich, Berichterstatter, es sind, sich entziehen? Ohne Zweifel war es so, denn darauf dürfen wir uns verlassen, dass Ulrike Woytich immer dort zu finden ist, wo es um die Hauptsache geht.

Zunder im trockenen Holz

Sie sagte sich, dass es unklug wäre, wenn sie gleich anfangs ihre neuen Freunde in zu rascher Folge besuchte. Sie liess sich jedesmal bitten, schob den Termin hinaus, beteuerte, sie wolle nicht aufdringlich sein, war bestürzt, als sich Christine darüber verstimmt zeigte, kam am versprochenen Tag doch nicht, liess sich wieder bitten, behauptete, Josephe vertrüge noch keine Gesellschaft, Esther und Aimée gingen ihr aus dem Weg, musste eines bessern belehrt werden und wurde endlich zur Zwanglosigkeit überredet. Es war vortrefflich abgestuft; sie warb keinen Augenblick, sie war die Umworbene, und da sie sich so spröd erwies, stieg sie natürlich im Wert.

Sich um Josephe zu bemühen, erkannte sie als das Wichtigste. Den Liebling Christines musste sie vor allem für sich einnehmen. Aber gerade bei ihr achtete sie sorgfältig darauf, sich keine Blösse zu geben, wartete ziemlich lange, ehe sie einen vertraulicheren Ton anschlug, und vermied beinahe zartsinnig, was das empfindliche Kind an eine Dankesschuld gemahnen konnte. Die seelische und körperliche Erschütterung, die Josephe bei dem Brand erlitten hatte, war nachhaltiger als man geglaubt; sie war noch scheuer geworden, noch in sich gekehrter, noch unzugänglicher. Ihrer Retterin mit Herzlichkeit zu begegnen, war ihr aufrichtiges Bestreben, aber Worte standen ihr nicht zu Gebot, wenigstens nicht in dieser Zeit, und dass ihre Stummheit missdeutet werden könne, verursachte ihr Pein.

Ulrike erriet den Zustand und besänftigte ihn. Sie hatte eine Art, dem Partner im Gespräch das Stich- und Gegenwort zu erlassen und es ihm anzudichten, die diesem die Illusion gab, er trage das beste Teil zur Unterhaltung bei, und damit verpflichtete und schmeichelte sie aufs feinste. Sie brachte Josephe Blumen mit. Sie verstand es, in der Küche in fünf Minuten exquisite kleine Leckerbissen zu bereiten, mit nichts, einem Löffel Mehl, einem Eidotter, einer Hühnerleber und ein paar Gewürzen, und servierte das Erzeugnis mit dem listigen Stolz eines italienischen Garkochs. Es war herzbezwingend. Solche Wohlgerüche hatten die Myliusschen Gemächer noch nie durchflutet. Therese schüttelte den Kopf, Lothar schnupperte und sog gierig den nahrhaften Dampf in die Nase; aber dann musste Luftzug veranstaltet werden, um die Spuren der kulinarischen Ausschweifung zu verwischen, bevor Mylius nach Hause kam.

Auch zu regelmässigen kleinen Spaziergängen suchte sie Josephe zu bewegen, doch vermochte sie sie nur ein- oder zweimal dazu, denn Spazierengehen war nach den Myliusschen Anschauungen ein Luxus, den sich nur Aristokraten und Komödianten gestatten durften, und Josephe wünschte sich an das Gesetz zu halten, welches das innere Leben der Familie bestimmte. Lieber wollte sie auf die angenehme Zerstreuung verzichten, die ihr Ulrikes munteres Geplauder bot. Oft horchte sie staunend; denn durch diese oder jene Bemerkung, ein hingeworfenes Wort bloss, gewann sie Einblick in Dinge, in Verhältnisse, die ihr völlig unbekannt waren und ihre Phantasie lebhaft beunruhigten.

„Sie verwöhnen mir das Kind, liebe Ulrike“, sagte Christine, und man sah ihr an, dass sie glücklich darüber war.

Ulrike antwortete, solch ein Geschöpf könne gar nicht genug verwöhnt werden; Josephe brauche Liebe, Wärme und Sorgfalt wie eine Blume im Winter; gern würde sie mit Josephe ein paar Tage ins Gebirge reisen, wenn sichs machen liesse; es wäre für ihre Gesundheit wie für ihren Gemütszustand gleich heilsam und besonders kostspielig wäre das Unternehmen ja nicht. Christine ergriff den Gedanken mit zaghafter Freude, aber sie konnte sich nicht entschliessen, mit Mylius darüber zu sprechen; es war leicht vorauszusehen, dass ein so verwegenes und die Ordnung durchbrechendes Projekt seinen heftigsten Unwillen herausfordern musste. Ulrike konnte sich nicht enthalten, ihr Vorwürfe über diese Schwäche und Feigheit zu machen, aber Christine erwiderte ernst, darin bestünde nun einmal ihr Leben; ihre Aufgabe sei es, Reibungen zu verhindern, Unfrieden zu ersticken und zu sorgen, dass sich nirgends Zündstoff bilde. „Es ist eine schwere Aufgabe, und ich spüre sie in allen Gliedern“, fügte sie hinzu.

„Ganz gewiss; die personifizierte Schutzvorrichtung; ob aber auch eine dankbare, wird die Zukunft lehren“, sagte Ulrike trocken.

„Kinder müssen an ihren Vater glauben wie Untertanen an ihren Fürsten und wie die Frommen an ihren Gott,“ fuhr Christine fort, „gerät der Glaube einmal ins Wanken, dann geht alles drunter und drüber.“

„Das wollen wir nicht hoffen,“ erwiderte Ulrike scheinbar erschrocken, „malen Sie nur nicht gleich den Teufel an die Wand. Also wird es nichts mit der kleinen Reise ins Gebirge?“

„Es kann leider nicht sein,“ sagte Christine, „vorläufig nicht. Übrigens hab ich mit Josephe selbst schon davon gesprochen und sie will absolut nichts davon hören. Sie weiss, dass es Schwierigkeiten und Kämpfe gäbe, und es wäre ihr unerträglich, sich als die Veranlassung dazu zu wissen.“

Von dem letzten Teil dieses Gespräches, das in Christines Zimmer stattfand, wurde Esther zufällig Zeugin und lauschte stumm, mit grossen Augen. Ulrike begab sich zu Josephe, der sie etwas vorzulesen versprochen hatte, und Josephe erwartete sie bereits. Sie sass mit einer Stickerei am Fenster und lächelte ihr freundlich entgegen. Es war zwölf Uhr vorüber, als sie begann, und mit Kraft und Verständnis las sie Stellen aus Amaranth, aus Stifters Hochwald, aus Hamerlings König von Sion; dann legte sie die Bücher beiseite und rezitierte auswendig, in englischer Sprache, zwei lange Gedichte von Tennyson und die Abschiedsstanzen aus Byrons Childe Harold.

Nach den letzten Versen erscholl beifälliges Händeklatschen, und sie fuhr bestürzt herum, wie wenn sie den Eintretenden nicht gehört hätte; sie hatte ihn aber wohl gehört: es war Mylius, der nun bedächtig den Kopf wiegte und mit bewundernd emporgezogenen Brauen sagte, ein solches Talent sei alles Lobes würdig; ob sie ausser der englischen noch eine andere Sprache beherrsche? Zu dienen, erwiderte sie leichthin, Französisch und Italienisch fliessend, Polnisch und Spanisch zur Not. Wann sie denn Zeit und Gelegenheit gehabt, das alles zu lernen? Da müsse sie doch unendlichen Fleiss drangesetzt haben? O nein, sagte sie; in den sechs Jahren, seit sie aus dem Elternhaus fort sei, habe sie mit so vielen Leuten aus aller Herren Länder zu tun gehabt, dass sie sich die Sprachen spielend angeeignet habe. Wenn man mit betrügerischen Agenten oder einer hochmütigen und schlechtgelaunten Lady oder Vicomtesse beständig um den letzten Schilling raufen müsse, flögen einem die Vokabeln schnell auf die Zunge und Syntax und Grammatik gäben sich von selber. Natürlich habe sie auch gelernt, aber der beste Lehrmeister sei das Schicksal.

„Also eine Perle“, meinte Mylius schmunzelnd.

„Eine Perle? möglich,“ versetzte sie lachend, „doch leider ohne Fassung und noch nicht mal aus der Muschel.“

„Immerhin, mein Kompliment,“ sagte Mylius; „eine junge Person wie Sie scheint mir berufen, in der Welt ihr Glück zu machen.“

Da Ulrike scharmant zu erröten wusste, schmeichelte die Anerkennung dem, der sie spendete, und erhielt ihn zugleich tributpflichtig. „Was sagen Sie zu Ihrem Vater?“ wandte sich Ulrike an Josephe, als Mylius das Zimmer verlassen hatte; „er ist ja gar nicht der Wauwau, für den man ihn ausgibt. Ein vollendeter Kavalier.“

„Wauwau? davon weiss ich nichts,“ erwiderte Josephe stirnrunzelnd; „dass er sich zu benehmen versteht, ist mir nichts Neues.“

Ulrike biss sich auf die Lippen.

Als sie am andern Nachmittag kam, war Christine mit Josephe ausgegangen. Esther und Aimée sassen am Tisch im Wohnzimmer und hatten einen abgegriffenen Schmöker aus der Leihbibliothek vor sich liegen, in den sie gemeinsam versunken waren. Wer früher mit der Seite fertig war, musste auf die andre warten. Sie erwiderten mürrisch, ohne emporzublicken, Ulrikes heiteren Gruss, und Lothar, der mit lächerlich grossen Schritten, die Hände auf dem Rücken, durch das Zimmer marschierte, schielte von Zeit zu Zeit grimmig nach ihr hin. Ulrike streifte die Handschuhe ab, musterte von ihrer schlanken Höhe herab alle drei erstaunt und fragte mit emporgezogenen Brauen: „Was ist los mit euch?“

„Nichts Besonderes“, fauchte der Knabe mit zänkischer, doch unsicher stotternder Stimme und pflanzte sich vor ihr auf, „wir wollens uns bloss nicht mehr gefallen lassen, dass Josephe alles haben soll und wir gar nichts. Sie ist ohnehin schon Mutters Schosskind, und jetzt wollen Sie auch noch eine Erholungsreise mit ihr machen. Wozu denn? Was mischen Sie sich denn in unsere Familienangelegenheiten? Wir erlauben das einfach nicht, verstehen Sie?“

Weiter kam er nicht; es gab einen Klatsch, und er hatte eine schallende Ohrfeige sitzen. Ulrike sagte gleichmütig: „Wenn sich die andre Backe beschwert, dass sie nichts gekriegt hat, kann sie auch was haben.“

Die Verblüffung des jungen Menschen war masslos. Er rieb die geschlagene Wange mit den Fingerspitzen und starrte Ulrike zornig und entsetzt an. Aber unter ihrem kühnen, spöttischen Blick wurde er von Sekunde zu Sekunde befangener, endlich schlug er die Augen nieder, schob die Hände in die Taschen und zuckte verlegen die Achseln.

Jetzt begann Ulrikes Kunststück. Ihn unterm Arm nehmend, fragte sie lachend, obs weh getan habe. Er nickte. „Das ist gescheit“, lachte sie. Errötend suchte er sich ihr zu entwinden, aber sie hielt ihn fest und neckte ihn mit seinem männlich-entschlossenen Auftreten, das ihr nur deshalb nicht imponiert habe, weil sie selber ein halbes Mannsbild sei und sich allerwegen habe ihrer Haut wehren müssen. Und sie erzählte im kollegialsten Ton ein paar lustige Episoden aus ihrem bewegten Wanderleben. Da wurde Lothar zahm. Er lauschte vergnügt und mit bewundernder Miene. Sie gingen dabei im Zimmer auf und ab, und Esther und Aimée, die ihren Augen nicht trauen wollten, vergassen weiterzulesen und blickten entgeistert drein, mit den Köpfen automatenhaft ihrem Auf- und Abschreiten folgend. Aus ihrem düsteren Staunen über die rasche Abtrünnigkeit des Bruders schloss Ulrike heimlich belustigt auf den Umfang der Verschwörung.

Als sie einmal so weit war, bedurfte es keiner grossen Anstrengungen mehr, Lothar völlig auf ihre Seite zu ziehen. Sie fand neben allem andern Wirken, das sich von Tag zu Tag breiter entwickelte, immer noch Zeit und Gelegenheit, sich mit ihm zu beschäftigen. Sie holte ihn schlau über seine Wünsche und Neigungen aus und unterstützte sie, ohne zu deutlich zu werden. Bloss indem sie sich wunderte, wusste sie den Geist der Widersetzlichkeit in ihm zu wecken. Wenn er plötzlich kühn in seinen Äusserungen wurde, warnte sie ihn, aber in solcher Art, dass ein Gelüst erst recht wachgerufen wurde. Sie liess durchblicken, wie leicht die eisernen Gebote, die ihn umschränkten, zu umgehen waren, dabei schien es, als bestärke sie ihn in seiner Furcht vor Übertretungen, so dass sie sich im gegebenen Fall immer rechtfertigen konnte. Sie lieh ihm kleine Geldbeträge. Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen, als er ihr verriet, dass er zwanzig Kreuzer Taschengeld in der Woche bekam. Damit liessen sich keine grossen Sprünge machen, sagte sie mitleidig und erzählte von jungen Lords und jungen Grafen, die mit Goldstücken um sich würfen wie gewöhnliche Menschen mit Zwetschenkernen. Sie verstand es, sittliche Entrüstung über eine solche Charakterbeschaffenheit zu äussern und zugleich einen verklärenden Schein um sie zu malen, in den Tadel einen Seufzer nach den verbotenen Früchten zu mischen, und hatte jedesmal das Vergnügen, zu beobachten, wie der Schlummer des Verlangens in wissenden Wunsch überging. Dann aber beschwor sie ihn, das Verderben zu meiden und ein gehorsamer Sohn und anständiger Mensch zu bleiben.

Er gelobte es treuherzig.

Da er ihr Schuldner geworden war, die Beträge liefen freilich nicht über zwei oder drei Gulden, geriet er auch in Abhängigkeit. Und da sie als Weib Eindruck auf ihn machte, war seine Unterwerfung freiwillig und enthusiastisch. In seinem Gemüt begann es zu brodeln und zu sieden; jeder Blick, jedes Wort Ulrikes nährte Unzufriedenheit mit dem Bisherigen; die Fesseln, die er kaum gespürt, weil sie gleichsam in die Existenz hineingewachsen waren, fingen an, zu drücken; die Regel und Gebundenheit der Tage erregte eine böse Ungeduld; er wollte über sich hinaus, über die Jahre hinaus, über die Vorschrift hinaus, das Blut war erhitzt, formlose Entschlüsse ballten sich.

Diesen gefährlichen Prozess vor den wachsamen Augen Christines zu verbergen, war für Ulrike nicht leicht. Aber sie hatte darin die Taktik der Taschenspieler, die durch unablässige Beweglichkeit und witziges Mundwerk die Aufmerksamkeit von ihrem Tun abzulenken wissen. Und es gelang ihr, Christine nicht bloss zu täuschen, sondern ihr auch die Meinung beizubringen, dass sich Lothar, seit sie ihm ihre kameradschaftliche Teilnahme zugewendet, sehr zu seinem Vorteil verändert habe, dass er umgänglicher, freier und zielbewusster geworden sei. Ursache genug, Ulrikes pädagogisches Talent zu preisen. Nicht selten musste Christine lächeln, wenn Lothar in den überschwenglichsten Ausdrücken von seiner neuen Freundin sprach; auch Josephe lächelte dann, zustimmend und erfreut wie ihre Mutter; nur Esther und Aimée waren nicht im selben Mass von Ulrikes Vollkommenheit durchdrungen; mit ihnen hatte auch Ulrike viel mehr Mühe als mit den andern; sie stiess da auf ein unbesiegliches Misstrauen, ein eingeborenes und allgemeines, nicht gerade auf die Person gerichtetes. Fast schien es Trägheit, tiefer geistiger Schlaf. Alle Versuche, die beiden aus ihrer dumpfen Ruhe zu scheuchen, waren gescheitert. Ulrike überlegte allerlei und griff endlich zum Nächstliegenden. Der Erfolg war unerwartet.

Eines Tages, kurz nach Tisch, kam sie und fand beide Schwestern wieder über einem Roman sitzend. Die Erlaubnis, sich dieser Leidenschaft hinzugeben, war ihnen täglich für eine Stunde erteilt, und mit dem Glockenschlag pflegten sie, auch in der spannendsten Stelle, aufzuhören. Lothar misshandelte im Zimmer nebenan das Klavier, er hatte einen freien Nachmittag; als er Ulrikes Stimme vernahm, erschien er sogleich. Ulrike fragte, wo die Mutter sei; Aimée gab keine Antwort; Esther entschloss sich erst nach einer Weile dazu; sie sagte, die Mutter sei mit dem Vater fortgegangen; sie seien beide zum Schuster, der eine bereits bezahlte Rechnung zum zweitenmal geschickt habe; darüber habe sich der Vater bei Tisch sehr aufgeregt.

Hinter die Schwestern tretend und sich zwischen ihnen herabbeugend, griff Ulrike nach dem Buch. Sie klappte es zu und las den Titel: Europäisches Sklavenleben von Hackländer. Da lachte sie in sich hinein, legte den Arm um beider Schultern und flüsterte, sie habe sich etwas Prächtiges ausgedacht, es müsse aber vorläufig Geheimnis bleiben und sie erwarte von ihnen Verschwiegenheit. Die neugierig Gewordenen sahen sie fragend an, und sie sagte so leise, dass Lothar, der eifersüchtig am Ofen lehnte, sie nicht verstehen konnte, sie wolle am nächsten Dienstag mit ihnen den Akademieball besuchen; sie habe sich alles schon zurechtgedacht, und wenn sie klug sein und ihr folgen würden, sei das Gelingen sicher.

In einem Nu waren die zwei Mädchen umgewandelt. Die Augen strahlten, in den Mienen war Leben und Hoffnung. Maskenredoute; sie hatten dergleichen nie gesehen; dass es möglich sein konnte, dabei zu sein, hatten sie nie zu denken gewagt. Sie mussten sich mit den Abenteuern in den Leihbibliotheksbüchern begnügen. Bedauerten sie auch, dass es nur eine törichte Tapete war, deren erlogene Farben sie narrten, so wurde ihre Phantasie doch heiss dabei; abends lagen sie seufzend in ihren Betten, warteten in den Schlaf hinein und sahen zu, wie die ausschweifenden Träume an der nüchternen Wirklichkeit zerschellten.

Doch ist Beziehung und daher Geschick auch im Unerfüllbaren; auch da zeigt sich das Wesen und gräbt im Finstern seinen Weg. Während Esthers Verlangen auf ausserordentliche Begebenheiten gerichtet war, die verworrenen Qualen und Freuden der grossen Leidenschaften, in denen sie sich als hingerissen Liebende und Opfernde erblickte oder als hoheitsvolle Gebieterin ungerührt an Anbetenden vorüberschritt, hingen die Gedanken Aimées an Bildern von verschwenderischer Pracht und exotischem Luxus, und sie war im Sinnen und Wünschen mit Festen, Aufzügen und grossartigen Entfaltungen so vertraut, dass sie bloss die Augen zu schliessen brauchte, um innerlich davon zu glühen.

Die erste Frage war natürlich: woher das Geld nehmen? „Lasst mich dafür sorgen,“ beruhigte sie die Verlockerin; „ich hab es schon genau erwogen, wir ziehen die Mutter ins Komplott, im schlimmsten Fall behelfen wir uns mit einer Anleihe.“ Es solle dies auch keineswegs die einzige Gelegenheit bleiben, verhiess sie bedeutungsvoll; sie wisse eine Geldquelle, die nur darauf warte, von einer berufenen Hand zum Fliessen gebracht zu werden. Esthers und Aimées Gesichter bedeckten sich mit dem zarten Rot der Erregung. Wie aber war das Ausbleiben am Abend und in der Nacht vor dem Vater zu verbergen? Nichts leichter als das. Ulrike lädt sie zu sich in ihre Behausung. Schliesslich: was solle man anziehen? Geliehene Kostüme? Gott bewahre; aus alten Fetzen liessen sich zu solchem Zweck die köstlichsten Gewänder schneidern.

Also gleich ans Werk, gleich ans Suchen. Lothar schaute pfiffig drein; aus aufgeschnappten Brocken hatte er erraten, was vorging. Dennoch erkundigte er sich, um von Ulrike in aller Form eingeweiht zu werden. Ulrike fuhr ihm mit der Hand durch die Lockenwildnis und antwortete, wenn er hübsch artig sein und Feuer schüren wolle, denn es sei wieder einmal barbarisch kalt bei Myliussens, werde man ihn ins Vertrauen ziehen. Er flammte auf unter ihrer Berührung, doch die Weisung, Feuer zu machen, flösste ihm Bedenken ein; Vater habe verboten, am Nachmittag zu heizen, sagte er; man müsse sich in acht nehmen, da es ihm bisweilen einfalle, den Bestand in der Kohlenkiste zu kontrollieren. Ulrike versetzte unwillig, es passe ihr aber nicht zu frieren; sie nehme die Verantwortung auf sich, und wenn Herr Mylius etwas dawider habe, werde sie ihm ein paar Zentner Kohlen schenken. Die aufrührerische Rede rief Bestürzung bei den Geschwistern hervor, aber nach einigem Zaudern gehorchte Lothar mit triumphierender Miene, denn seine Vorstellung von Ulrikes Macht war unbegrenzt. Ulrike fasste jedes der Mädchen an einem Arm; sie fegten durch alle Räume, kramten in allen Schränken, und lachend und jubelnd wurde da ein Stück Stoff oder Seide, dort ein Schleier, ein Spitzenrest, ein altes Band hervorgezogen.

Es dämmerte schon, da kam Josephe aus der Handarbeitsschule, gleich danach auch Christine. Man war betroffen, wollte aber nichts erklären; Ulrike kniete mit aufgehobenen Händen vor Christine, bat um blinde Bewilligung alles Vorhabens und um Generalpardon für die begangenen Missetaten. Christine liess sich erweichen; man versprach volles Geständnis beim Kaffee. Doch wollte Ulrike zur Feier des Tages selbst den Kaffee kochen, mit doppelter Bohnenration. Sie wagte sogar den Vorschlag, dass man das schöne Altnymphenburger Porzellan benutzen solle, Schaugepränge des Salons, und lachte ausgelassen über das dadurch hervorgerufene Entsetzen. Unter ihren ergötzlichen Sticheleien und paradoxen Argumenten fiel der Widerstand gegen das verbrecherische Beginnen, und die still verwunderte Josephe wurde beauftragt, das Porzellan herbeizutragen und den Tisch zu decken, indes die andern, auch Lothar, in die Küche stoben, um unter Plaudern und Scherzen den Kaffee zu bereiten. Selbst die mürrische Therese taute auf und steuerte, nicht immer freiwillig, zur Erlustigung bei. Lothar versicherte, dass er sich keines so herrlichen Tages entsinnen könne, es sei ihm so wohl wie noch nie.

„Aber bedenkt, dass wir reif für den Kerker sind,“ sagte Ulrike, von Dampf umwallt, die Pelzkappe, die sie im Übermut aufgestülpt, schief auf dem Kopf; „wenn ein Judas unter uns ist, sind wir verloren. Verdientermassen; wir prassen und schwelgen und missachten das Gebot des Herrn. Feuer im Ofen, wirklicher Kaffee im Topf, echtes Geschirr auf der Tafel: es schreit zum Himmel, der Jüngste Tag ist nah.“

Es schlug eben fünf Uhr, und mit dem letzten Schlag, wie wenn die gottlos-vermessene Rede sogleich bestraft werden solle, drehte sich in der Flurtür der Schlüssel im Schloss. Bleiche Angst: der Vater. Lothar spähte hinaus; sein stummes Zurückhuschen gab die Bestätigung. Therese bekreuzigte sich, Esther und Aimée versteckten sich hinterm Schrank. Lothar suchte einen Fluchtweg. Christine erschien mit verstörtem Gesicht.

Seine Heimkunft zu dieser Stunde war durchaus ungewöhnlich. Sein Wandel, sein Kommen, sein Gehen war von uhrenhafter Regelmässigkeit. Wie sich später erwies, hatte er in einem Vorort geschäftlich zu tun gehabt; da er aus Sparsamkeit auch weite Entfernungen zu Fuss zurückzulegen pflegte, war er müde geworden; der Rückweg führte ihn am Haus vorbei und er wollte eine halbe Stunde ausruhen.

Schon hörte man ihn dumpf grollen. Er hatte das Porzellan und den festlich gedeckten Tisch entdeckt. Josephe war es, die ihm Rede stehen musste. Auf einmal begann er mit ihr zu schreien; die Stimme überschlug sich; der Zorn machte sie schrill wie die eines Papageis. Josephe kam heraus und bewegte die Hände bittend gegen die Mutter.

Aller Augen hingen an Ulrike: jetzt, Anstifterin, steh uns bei. Und mit Erstaunen sahen sie Ulrike völlig gelassen. „Setzt euch um mich herum,“ sprach sie; „erst wollen wir uns einmal einschenken, umsonst wollen wir nicht gekocht haben. Nehmt nur die Tassen vom Anricht dort, wir brauchen sein feines Geschirr nicht, der Kaffee wird uns auch so schmecken, denn ich kann euch sagen, er ist ausgezeichnet. Setzt euch nur; jeder hat Platz, auch Sie, Frau Christine; setzen Sie sich zum Herd, da ists am wärmsten. Ich will euch nämlich was erzählen. Ich will euch die Anfänge von Ulrike Woytichs irdischer Laufbahn erzählen. Herr Mylius mag einstweilen drinnen wüten, das geniert uns nicht weiter, und wenn er uns sucht und zu uns kommt, mag er sich zu uns setzen; stören lassen wir uns nicht.“

Die Worte hatten eine solche Sicherheit, dass auf einmal niemand mehr Angst verspürte und sie nur in erregter Spannung warteten, was nun geschehen würde. Christine begab sich gehorsam auf die Bank beim Herd. Josephe liess sich an ihrer Seite nieder. Esther und Aimée setzten sich auf die zwei Stühle und lehnten die Köpfe aneinander. Lothar hüpfte auf die Kohlenkiste und baumelte befriedigt mit den Beinen. Therese stand stumm verwundert beim Fenster. Ulrike kauerte in der Mitte des Kreises auf dem Küchenschemel, eigentümlichen Spott in den Mienen, und strich bisweilen widerspenstige Haarsträhne von den Wangen, die die Herdfeuerhitze mit feuchter Purpurröte bedeckt hatte.

Jedes hielt die Kaffeetasse in der Hand, und immer, wenn sie einen Schluck getan hatten, lauschten sie gegen das Zimmer, aus welchem das Unheil brechen musste.

Ulrike erzählt

Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt,“ fing Ulrike an, „aber ich habe so viel erlebt, als hätt ich bereits fünfzig auf dem Rücken. Man sieht mirs nicht an, ich habe zähe Knochen, und eher brech ich mir den Wirbel nach hinten, als dass ich ihn nach vorn beuge. Sollt ich aufzählen, wie oft ich auf einer Bretterdiele statt in einem ordentlichen Bett geschlafen habe, so käm eine hübsche Summe heraus, aber das Jahr ist lang, und gibts Tage, wo man die Zähne in die Faust beisst, um das Schlimmste zu überstehen, so gibts wieder andre, wo einem die Sonne auf den Scheitel scheint, und man fühlt, dass man jung ist und stark und dass man zwei Arme hat, um sich damit zu regen, und ein Paar Augen, um damit zu schauen. Ihr Nesthäkchen, wie ihr dasitzt, wisst von alledem nichts, euch wird der Braten fertig aufgetragen und die Schuhe werden euch neu vom Schuster geliefert, wenn die alten zerschlissen sind, und wenn der Wind an den Fenstern rüttelt, denkt ihr höchstens: schlecht habens die Leute, die bei solchem Wetter sich draussen plagen müssen.“

Schon nach ihren ersten Worten hatte sie langsam schleichende Schritte vernommen. Sie stellte sich aber ahnungslos, obwohl sich die Aufmerksamkeit der Zuhörer teilte und sie unbehaglich dem Geräusch lauschten, dessen Ursprung ihnen bekannt war. Dann erschien Mylius im Rahmen der Tür; unter der drohend verzogenen Stirn glommen die kleinen Augen wie zwei trübe Phosphorflämmchen; der hässliche Ingrimm, der sich in seinen Zügen ausdrückte, liess Ulrike stutzen. Mit ratloser Wut schaute er über die gelagerte Gruppe, die Lippen bebten ihm und formten Fragen, und er stiess, ausser sich, hervor: „In drei Teufels Namen, was hat der Unfug zu bedeuten? Unfug drinnen, Unfug hier.“

Ulrike, die sich unterbrochen hatte, schaute ihn ruhig an und sagte: „Jetzt rede ich. Vielleicht interessiert Sie, was ich rede, dann können Sie zuhören, Herr Mylius, das Wort entziehen lass ich mir nicht; ich war vorher da, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wenn ich fertig bin, können Sie mir wegen strafwürdiger Aufsässigkeit die Türe weisen, das steht bei Ihnen, aber ich habe meinen Freunden da versprochen, dass ich ihnen meine Geschichte erzähle, das Versprechen will ich halten, und solange müssen Sie sich gedulden. Auf der Bank neben der gnädigen Frau ist noch ein Platz frei, darf ich Ihnen den anbieten?“

Mylius rang vergeblich nach Erwiderung. Die Kaltblütigkeit und Kühnheit, mit der er sich zurecht- und abgewiesen sah, beraubten ihn der Sprache. Dabei das heitere Lächeln, der sprühende Blick, die lebhaft herrische Geste: er war wie vor den Kopf geschlagen. Dergleichen war neu, es bestürzte ihn, und er wusste nicht, wie er sich benehmen sollte, um Würde, Autorität und Ansehen zu retten. Die vier Kinder starrten in ihre dampfenden Schalen, die Töchter furchtsam geduckt, Lothar gespannt lauernd; Christine war beklommen; die Magd am Fenster grinste verlegen. Dieses Grinsen machte ihn toll vor Ärger; er wollte abermals losbrechen, irgendetwas schreien, sich Luft verschaffen, doch Ulrike, die ihn im Auge behielt wie eine Schlangenbändigerin, hatte schon wieder begonnen. Er presste giftig die Lippen zusammen und entschloss sich zu schweigen und sich einstweilen zurückzuziehen. Wie aber die dunkelgetönte Stimme munter und beredt hinfloss, zwang es ihn gegen seinen Willen, ja zu seinem Verdruss, stehenzubleiben, dann hielten ihn die Worte fest, die sich zu Bericht und Bild gestalteten, der wilde Unmut legte sich, obschon die Brauen noch eine Weile finster geballt waren, es dünkte ihn, dass er sich nichts vergebe, wenn er, solange es ihm gefiel, an den Türpfosten gelehnt und ohne weitere Gemeinschaft zu suchen, ebenfalls zuhörte.

Als Ulrike dessen inne wurde, ging ein zufriedener Schimmer über ihr Gesicht.

„Ich bin aufgewachsen in Gegenden, wo die Hunde auf den Feldern langsam zu Wölfen werden“, setzte sie ihre Erzählung fort. „Mein Vater war österreichischer Offizier. Angewiesen auf den Sold und ohne die Protektion, die alle Dummköpfe und Schmarotzer in die Höhe bringt, schleppte er seine mühselige Existenz durch ein halbes Dutzend östliche Grenzgarnisonen. Er hatte spät geheiratet; es fehlten die Mittel; mit dreiundvierzig Jahren wurde er Major, mit fünfzig Oberst, dabei blieb es. Was ist so ein Oberst dorten in der Juden- und Woiwodenwildnis, besonders wenn er nicht von Adel ist und kein Vermögen hat und eine Frau und eine Horde Kinder an ihm hängen? Figur zum Bejammern.

Die Woytichs stammen aus Polen. In ihren Adern rinnt Musikerblut. Meines Vaters Vater war einer der wenigen Schüler von Paganini; Paganini, ein Zauberer, wie die Welt keinen zweiten gesehen hat, ihr wisst es vielleicht, soll ihn alle seine Hexereien und Kunststücke gelehrt und ihn geliebt haben bis an seinen Tod. Davon erzählte der Vater oft, wenn er in mitteilsamer Laune war, und es hat dann auch, wie ihr bald hören werdet, eine Rolle in meinem Leben gespielt. Der Vater selbst war Virtuose auf der Geige, obschon von der zuchtlosen Art. Manchmal während der Manöver spielte er den Kameraden in einer galizischen Schenke bis zur Morgenfrühe vor, dann schwemmte er die Melancholie um sein vertanes Dasein mit Wein fort.

Meine Mutter, sie ist dem Vater bald nachgestorben, war eine schöne Frau und ist in ihrer Jugend viel bewundert und umworben worden. Sie war auch eine starke Frau, aus einem starken Geschlecht, wovon ein Beweis ist, dass weder sechs Geburten noch die Armseligkeit der Verhältnisse etwas über sie vermochten. Sie verstand ihr Leben zu geniessen, und die Leute munkelten allerlei; es gab auch viel Zank und Streit zwischen ihr und meinem Vater, so dass das Familienleben bei uns jedenfalls kein erquickliches war; aber wenn ich mir ihr Bild zurückrufe, hab ich eine stattliche stolze Dame vor mir, und die Erinnerung an sie ist pures Vergnügen, was auch sonst dahinter liegen mag. Sie wird schon gewusst haben, was sie tat; darüber steht am wenigsten denen ein Urteil zu, die ihre Erbärmlichkeit im Finstern betreiben. Wen der Herrgott in grosser Form zugeschnitten hat, der verachtet das Krüppelpack, das Gut und Böse beständig ineinandermanscht, dass es sich ausnimmt, wie wenn einer das Tedeum und das Gaudeamus in einem Atem plärrt.

In meinem fünften Jahr war ich mit der Mutter und meinem älteren Bruder Franz, der jetzt bei der Botschaft in Madrid ist, einen Winter lang hier in Wien. Die Mutter war krank und musste in einem Heim liegen, wir zwei Kinder wohnten beim Onkel Klemens und seiner Smirczinska, die ihm auch heut noch die Wirtschaft führt. Eines Tages, ich glaube, es war zu Weihnachten, schenkte er mir einen funkelnagelneuen Golddukaten. Es war ein Wunder, das damals viel beredet wurde, denn Geben und Schenken war seine Sache nie. Kurz, ich bekam den Dukaten, mit vielen kräftigen Ermahnungen, und von da ab musst ich jeden Sonntag nach dem Kirchgang zu ihm in sein Zimmer gehen und ihm den Dukaten vorweisen. Da sprach er dann von dem Wert des Goldstücks, was man sich dafür kaufen könne, wie es sich, zweckmässig verwendet, von selbst vermehre und sogar den Grundstock zu künftigem Reichtum zu bilden vermöge. Das verstand ich natürlich nicht, aber der goldene Dukaten wurde mir auf die Art ein verehrungswürdiges Ding; ich trug ihn eingenäht in ein Leinwandsäckchen auf meiner Brust, jahrelang, ich knüpfte meine Träume und meine Hoffnungen an ihn, es gab keine Versuchung, die mich hätte bewegen können, ihn auszugeben, es hätte kein Betrüger so schlau sein können, ihn mir zu entlocken, und kein Dieb so abgefeimt, ihn mir zu stehlen. Nicht als hätt ich damals und auch später das Geld blind vergöttert wie so manche, die sich eher das Herz herausschneiden lassen, als dass sie einer armen Seele mit dem, was sie errafft haben, eine Freude bereiten; eigentlich gings mir nur um den Dukaten: ein Bild von Hilfe und Verlass. Geld, ja Geld; soviel man nur gewinnen kann; um nicht leiden zu müssen, um nicht hungern zu müssen, um nicht demütig zuschauen zu müssen, wenn die andern vor der besetzten Tafel sitzen. Das erkannte ich früh; Schmalhans war Küchenmeister bei uns; es fehlte an allen Ecken und Enden; nichts war in gutem Stand; die Wäsche zerlumpt, Kleider gerade zur Notdurft; das Silber versetzt; Schulden über Schulden. Die Mutter kümmerte sich wenig, mit den Jahren ging sie immer trotziger ihre eigenen Wege, dem Vater glitt das Hauswesen aus den Händen, Dienstpersonen hatten wir längst keine mehr ausser dem Burschen, der kochte und die Zimmer aufräumte. Ein Bruder starb an Scharlach, ein Schwesterchen an der Auszehrung, ich musste sie pflegen und war zu der Zeit kaum zehn Jahre alt. Aber von Jahr zu Jahr wurden mir mehr Lasten aufgewälzt. Beim Umzug in eine andre Garnison war die Mutter jedesmal lang vorher verreist. Die Gläubiger drangsalierten mich; ich musste bei Fleischer und Bäcker um Verlängerung des Kredits betteln; ich musste sorgen, dass der Vater sein Essen bekam und die jüngeren Geschwister die Schule nicht versäumten. Oft sass ich die Nächte bis zum Morgen beim Strümpfestopfen und Hemden ausbessern, auf dem Tisch vor mir eine englische oder französische Grammatik. Ich will mich nicht rühmen, aber ich habe was geleistet bis zu meinem siebzehnten Jahr, das steht fest vor Gott und Menschen. Was dann kam, ist wieder ein Blatt für sich.

Um jene Zeit, meine beiden Brüder waren schon in der Kadettenschule, zu Hause war nur noch ich und meine Schwester Anastasia, ereignete sich die Geschichte mit Vaters Geige. Diese Geige war ein altes Instrument; er hatte sie von seinem Vater geerbt, dem Liebling Paganinis eben; mehr wussten wir nicht, mehr wusste er selber nicht. Später stellte es sich heraus, dass der Grossvater ein die Geige betreffendes wichtiges Dokument deponiert hatte, aber da er ganz plötzlich am Schlagfluss starb und während seines Lebens nie darüber gesprochen hatte, vermutlich weil er nicht wünschte, dass man in seiner Umgebung den Wert des Instruments erfuhr, damit es nicht zum Gegenstand von Habgier und Spekulation gemacht würde, wusste auch niemand, wo und bei wem sich dieses Dokument befand, ja nicht einmal, dass es überhaupt existierte. Er hatte die Geige ausdrücklich dem jüngeren Sohn vermacht und darüber erhob sich auch kein Zweifel oder Zwist. Mein Vater hatte Anrecht auf sie schon durch seine Fertigkeit im Spiel und hielt sie auch stets in Ehren.

Sooft er spielte, fiel sogar den unmusikalischesten Zuhörern der herrliche Silberton der Geige auf; ich selbst habe ihn nur zwei- oder dreimal spielen gehört und erinnere mich, dass ich ganz hingerissen war. Als er einst wieder vor den Kameraden spielte, trat ein junger ungarischer Offizier namens Ribeny auf ihn zu und ersuchte ihn, die Geige betrachten zu dürfen, da er, wie er behauptete, etwas vom Geigenbau und von alten Geigen verstehe und es ihn dünke, dass dies ein ungewöhnlich schönes und kostbares Instrument sei. Mein Vater reichte ihm die Geige, der andere besah sie lange, drehte sie um und um, beklopfte und behorchte sie, danach zog er meinen Vater beiseite und sagte, er möchte die Geige kaufen und biete ihm dreitausend Gulden. Da lachte mein Vater und antwortete, sie sei ihm nicht feil, und er wolle sich nicht von ihr trennen. Ribeny bot vier-, dann fünf-, dann sechstausend, aber mein Vater, obwohl er nachdenklich und ihm die Weigerung schwer wurde, wies ihn entschieden ab.

Eines Tages nun erhielt er einen Brief von seinem Bruder Klemens, dem Hofrat, der ihn in grosse Aufregung versetzte. Ich muss bemerken, dass Onkel Klemens, der um zwanzig Jahre älter war als er und heute ein Mann von sechsundsiebzig Jahren ist, für ihn fast ein höheres Wesen war, nicht bloss seiner Stellung und Vergangenheit wegen, sondern weil er schon als junger Mensch dazu erzogen worden war, sich ihm in allem zu fügen und unterzuordnen. Was Klemens sagte, war wie Spruch des obersten Gerichts; was Klemens tat, war Vorbild und nicht zu erschüttern. Onkel Klemens hatte Grossvaters Möbel geerbt, und unter diesen befand sich auch ein uralter Sekretär aus Nussbaumholz, so ein richtiges ehrwürdiges Stück, wie es oft in Familien von einer Generation auf die andre kommt. Bei einer Reparatur, die notwendig geworden war und zu der Onkel Klemens den Tischler gerufen hatte, wurde in dem Sekretär ein bisher verborgen gewesenes Geheimfach entdeckt, und darin lag das Dokument, durch das unbezweifelbar erwiesen wurde: erstens, dass die Geige eine echte Guarneri war; zweitens, dass Paganini selbst darauf gespielt und sie meinem Grossvater als Zeichen seiner Liebe geschenkt hatte. Hierdurch erhielt die Geige einen kaum schätzbaren Wert, wie ihr euch denken könnt, und es begann um sie ein langer und aufreibender Kampf, der meinen Vater schliesslich Gesundheit und Leben kostete.

Aller Einzelheiten kann ich mich nicht entsinnen, auch die Hauptsache, um die es ging, wurde mir erst nach und nach bekannt. Doch weiss ich, dass jede Woche zwei oder drei Briefe von Onkel Klemens kamen, von denen jeder meinen Vater aufs neue alterierte. Sein Bruder wünschte erst, forderte dann, befahl endlich, dass er die Geige ihm zur Verwahrung übergeben solle; sie sei bei ihm sicherer aufgehoben, und es verstehe sich von selbst, dass er als Repräsentant und Ältester der Familie die Befugnis habe, eine so kostbare Rarität unter seine Obhut zu nehmen, die meinem Vater all die Jahre her bloss aus dem Grund stillschweigend überlassen geblieben sei, weil man eben von ihrem eigentlichen Wert nichts geahnt hatte; jetzt aber müsse es als frivol und ungehörig bezeichnet werden, wenn er, ohne die möglichen Folgen, auch für seine Kinder, zu erwägen, das einzigartige Instrument den Zufällen und Widrigkeiten seines ruhelosen Lebens aussetze, von der Gefahr der Beraubung oder Verbrennung nicht zu reden.

Mein Vater weigerte sich standhaft. Es wurde ihm schwer, dem Bruder gegenüber Festigkeit zu bewahren, aber zunächst war die Sache stärker als die Person. Meine Mutter riet ihm, das Instrument aus dem Hause zu schaffen, es einem Freund zu übergeben und Onkel Klemens hinzuhalten. Ihre Meinung war, dass der Vater von seinem Bruder betrogen oder gar um die Geige gebracht werden solle, und sie hoffte, auf dem von ihr empfohlenen Weg den Verkauf zu erzwingen, denn an der Geige lag ihr nichts, das Geld aber war bei unseren Umständen eine beträchtliche Lockung. Mein Vater wollte nichts davon hören. Es schien, dass ihm die Geige immer lieber wurde, je umstrittener und bedrohter seine Eigentumsrechte waren. Da kam es zu nächtelangen, heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihm und der Mutter, und ich kann nicht verhehlen, dass sie ihn auf ihre Weise mehr als billig quälte und nichts unterliess, ihm das ohnehin schwere Leben noch schwerer zu machen. Dazu hatte er auf einmal Schwierigkeiten im Dienst, wurde durch allerlei Mahnungen und Reprimanden erbittert, was vordem nie geschehen war, und er musste seine Pensionierung befürchten, ein Gedanke, der ihn mit Verzweiflung erfüllte. Der Argwohn, dass Onkel Klemens dahinter steckte, war nicht abzuweisen, er hatte in gewissen Hof- und Militärzirkeln von früher her mächtigen Einfluss, und während mein Vater in seiner Gutmütigkeit noch schwankte, einem so hässlichen Verdacht Raum zu geben, erklärte ihm der Bruder in einem seiner Briefe ganz zynisch, dass er in der Tat der Urheber des Kesseltreibens sei. Gleich darauf kam er selbst, und zwar hatte er seinen Besuch auf einen Tag verlegt, wo er die Mutter abwesend wusste; sie fuhr sehr oft nach Krakau oder Pest.

Dieses Tages entsinne ich mich noch genau. Ich sehe Onkel Klemens noch vor mir, als wärs gestern gewesen, wie er zur Tür hereintrat in seiner hageren Länge, den Geierkopf vornübergebeugt, in der einen Hand den Stock mit der Elfenbeinkrücke und mit der andern sich beständig das Kinn reibend, wobei er seltsam lautlos lachte. Ich seh ihn in dem endlos langen, schäbigen Gehrock, den er heut noch trägt, und der hochgeschlossenen Samtweste. Der Vater war sehr bleich, als er ihn begrüsste; ich glaube, sie hatten einander seit einem Vierteljahrhundert nicht gesehen, denn mein Vater pflegte keine Reisen zu machen, und wie er vor ihm stand: es war ein Jammer; ich hätte ihm zurufen mögen: Mann, wo ist dein Rückgrat? Sie verschwanden dann in Vaters Zimmer, und es kam, wie es kommen musste. Der brieflichen Drangsal hatte der Vater widerstehen können, Aug in Aug mit dem Bruder war er wehrlos. Er lieferte ihm die Geige aus. Er hatte einen Revers gefordert und auch erhalten, aber das Papier ist auf rätselhafte Art in Verlust geraten. Onkel Klemens gab ihm auch dreitausendfünfhundert Gulden, als Abschlagszahlung hiess es; der Wert des Instruments belief sich, wie uns später Ribeny naiv versicherte und wie wir dann auch von anderer Seite erfuhren, mindestens auf das Zehnfache. In derselben Nacht noch verlor der Vater, der sonst nie eine Karte berührte, die ganzen dreitausendfünfhundert Gulden am Spieltisch, hauptsächlich an jenen Ribeny, was sonderbar genug ist. Danach ging es rasch bergab mit ihm; nach sechs Monaten starb er.

Die Mutter zog mit uns Töchtern nach Czernowitz, wo die Brüder lebten; sie kümmerte sich auch jetzt nicht viel um das Hauswesen, das nun in unverstellte Ärmlichkeit versank. Ich aber wollte in die Welt hinaus, ich hatte Vorsätze, den Wunsch vor allem, dass die Geschwister nicht ins Elend gerieten, und ausserdem liess mir die Geschichte mit der Guarneri-Geige keine Ruhe. Die Mutter und ich hatten oft darüber gesprochen, sie: erbittert und rachsüchtig, aber ohne Mittel und ohne Aussicht auf Entschädigung oder Wiedererstattung; wussten wir doch nicht einmal, was mit der Geige geschehen war und was der Vater mit Onkel Klemens vereinbart hatte, so dass ein Prozess zu nichts führen konnte; ich: entschlossen, nicht bloss den Hofrat aufzusuchen und ihn zu mahnen, dass sein Bruder vier unversorgte Kinder zurückgelassen hatte, sondern auch nachzuforschen, wo sich die Geige befand und unsere Rechte darauf geltend zu machen, sollte es mich gleich Jahre meines Lebens kosten. So ging ich also nach Wien.

Onkel Klemens war höchlichst verwundert, als ich ihm eines Novemberabends von seiner Smirczinska gemeldet wurde. Er fragte barsch, wozu ich gekommen sei, was ich bei ihm wolle. Ich antwortete, die Sehnsucht nach ihm hätte mich hergetrieben. Er merkte den Spott nicht und sagte, in seinem Hause sei kein Platz für landflüchtige Nichten, ich möge zusehen, wo ich einen Unterschlupf finden und mein Brot verdienen könne. Ich begriff, dass ich mich nicht einschüchtern lassen durfte; wenn ich als die zerknirschte Bittstellerin aus der Provinz zu ihm kam, die ihm für seine Fusstritte zitternd die Hand küsste, was er jedenfalls erwartete, war meine Sache keinen Schuss Pulver wert. Ich nahm mir also kein Blatt vor den Mund und schilderte ihm, in welchen Sorgen die Mutter steckte; dass Anastasia, Schmach für die Tochter eines Obersten und die Nichte eines k. k. Hofrats, sich als Küchenmagd oder Frisiermamsell verdingen müsse, wenn er sich ihrer nicht annehme; dass er in den Augen von aller Welt die Pflicht habe, meinen Brüdern fortzuhelfen, von denen der ältere weder Lust noch Neigung zum Soldatenberuf hätte, und die in ihrer Anstalt als mittellose Stipendiaten gerade noch geduldet seien; dass ich selber auf eine gnädige Unterstützung dankend verzichte und mich auf meine Manier durchschlagen würde, dass ich ihn aber aufgesucht hätte, um ihm den Standpunkt klarzumachen und ihn daran zu erinnern, dass es ausser ihm noch einige Woytichs gäbe, die vielleicht nicht ganz ohne sein Verschulden ins Unglück geraten seien, und ich nicht eher von seiner Schwelle weichen würde, bis ich die Gewähr und Sicherheit von ihm erhalten, er werde sich um die Bruderskinder gebührlich kümmern.

Das war ihm kurios zu hören. Er schaute mich an, als wolle er mich verschlingen oder zertreten. Er ging herum, die lange Pfeife im Mundwinkel, wie ein Gorilla im Käfig. Er werde kurzen Prozess mit mir machen, sagte er, und mich der Polizei übergeben. Ich lachte ihm ins Gesicht und antwortete ihm, er scheine zu vergessen, dass wir nicht mehr anno achtzehnhundertfünfzig lebten. Er ergrimmte und schrie: Kröte, scher dich fort, und die Smirczinska rang die Hände und schlug ein widriges Geheul auf. Ich lachte. Nachdem dies eine Weile gedauert hatte, änderte er den Ton. Er wolle sichs überlegen, wolle es beschlafen, sagte er. Die Smirczinska führte mich mit meinen Siebensachen in die Dachkammer. Am anderen Morgen schickte er mir einen altmodisch gefalteten Brief mit einer Zehnguldennote und der im umständlichsten Kanzleistil gehaltenen Aufforderung, mich ohne Zögern wieder nach Hause zu begeben. Ich strich den Zehnguldenschein glatt aufs Butterbrot und reichte es der vor Entsetzen sprachlosen Smirczinska. Onkel Klemens raste unten, ich lachte oben.

So fingen wir an. Er bekam Respekt. Widerwillig und Schritt für Schritt liess er sich zu Verhandlungen herbei. Das zog sich wochen- und monatelang hin. Er suchte mich einzufädeln, abzulenken, zu beschwichtigen, zu vertrösten. Ich gab nicht nach. Endlich erklärte er sich bereit, meinen Bruder Franz aufs Gymnasium zu schicken und ihm die Wege zum konsularischen Dienst zu öffnen; der Erfüllung von Franzens Wunsch, Musik zu studieren, wozu er grosse Begabung hatte, setzte er ein unüberwindliches Nein entgegen; er wolle keine Zigeuner in der Familie, sagte er; Severin, der jüngere, sollte bei den Kadetten bleiben; er wurde anständig ausstaffiert und erhielt ein monatliches Taschengeld; die Mutter bekam einen Zuschuss, so dass sie, rechnete man die Pension dazu, mit Anastasia standesgemäss leben konnte. Dies alles erreichte ich unter unablässiger Bemühung, täglichen stundenlangen Streitereien, unter Schimpfen, Geifern, Feilschen und Verwünschungen von seiner Seite und kaltblütiger Geduld von meiner, mit Listen, Bitten, Drohungen und Herumzanken überdies mit der Smirczinska, die an den Türen horchte, Ränke spann und vor Angst verging, ich könnte sie in der Gunst ihres Hofrats ausstechen.

Schwerlich hätte er sich so weit gefügig gezeigt, wenn er nicht aus meinem Benehmen den Verdacht geschöpft hätte, dass ich noch was anderes im Auge hielt, als was ich offen von ihm forderte. Es zeigte sich jetzt, wie klug ich daran getan, mit keiner Silbe von der Geige zu sprechen, obwohl sich die Versuchung oft genug geboten hatte. Er nun schien darauf zu warten. Er schien es zu fürchten. Er belauerte mich. Er witterte Unheil. Glaubte er mich arglos, so spürte ich, wie er frohlockte; meinte er mich nicht länger täuschen oder im ungewissen halten zu können, so wurde er wild und drohte wieder, mich auf die Strasse zu werfen. Aber ich verdiente mir nun durch Unterricht im Zeichnen und in Sprachen einiges Geld, so dass ich vor dem Schlimmsten nicht zu bangen brauchte; das wusste er und es imponierte ihm. Ausserdem las und lernte ich in meiner Dachkammer wie ein Student vor dem Examen; das vermehrte seine instinktive Furcht vor mir, denn im Grunde seiner Seele war ihm alles, was nach Buch und Bildung roch, ein ausgemachter Greuel.

Eines Tages nun war ich nicht wenig überrascht, als er selber auf einmal von der Geige zu reden anfing. Und zwar erst nach endlosen Umschweifen und anzüglichen Wendungen, die mir verbargen, worauf er hinauswollte. Er könne sich schon denken, was ich bei ihm suche, sagte er dann, aber damit sei es nichts, das möge ich mir aus dem Kopf schlagen, die Geige gebe er nicht her, die sei wohlverwahrt in seinem Hause, die lasse er nicht aus der Hand. Dabei streichelte er die Katze, die auf seinem Schoss sass, lachte in der gewohnten lautlosen Art und nickte mir schadenfroh zu. Er habe auch im Sinn, noch recht lang in ihrem Besitz zu bleiben, fuhr er fort, gering gerechnet noch fünfundzwanzig Jahre, denn auf fünfundneunzig werde ers bringen, das sei ihm geweissagt worden, des versicherten ihn auch Leibesbeschaffenheit und Blutkonsistenz, und daher könne es ihm niemand verargen, wenn er sich eines solchen Juwels nicht leichtsinnig entäussere, sondern es für die späten Tage in Reserve halte. Er habe das Ding von Fachleuten taxieren lassen, selbstverständlich unter Vorweis des Dokuments, und was die ausgesagt, habe seine kühnsten Erwartungen übertroffen, da könne sich die Familie dereinst gratulieren, in ferner Zukunft freilich erst, so um das Jahr neunzehnhundert herum. Und lachte wieder und schielte mich triumphierend von der Seite an.

Mir schien das alles kindisch-greisenhaftes Geschwätz, und ich glaubte, er habe einfach seine sonstige schlaue Überlegung eingebüsst. Nach und nach aber begriff ich, dass er eine Absicht dabei verfolgte, und die war, mir zu verstehen zu geben, dass er mein geheimes Streben durchschaut hatte und dass es zwecklos sei, ihn etwa überlisten zu wollen oder zu neuen Unterhandlungen zu verführen. Er wollte sich den steten Zwang zur Wachsamkeit und die Belästigung ersparen und mich durch das Unerwartete seiner Taktik verblüffen. Er wollte mich loswerden, da er ja spürte, dass mich kein anderes Interesse an seine Person fesselte. So entschloss er sich, wie die Diplomaten, wenn sie immer noch genug Hintertüren wissen, zu dieser trügerischen Offenheit.

Ich fragte mich nur: was soll ihm die Geige? Er legte keinen übermässigen Wert auf Geld und Lebensgenuss. Er war nicht geiziger und habsüchtiger als die meisten alten Männer. Er war nicht reich, vielleicht nicht einmal wohlhabend. Seine Bedürfnisse waren seit fünfzig Jahren die nämlichen, und dass er sie bis an sein seliges Ende würde befriedigen können, war ziemlich sicher. Warum also die Gier und Ungeduld zuerst, sich in den Besitz der kostbaren Geige zu setzen, und dann, als er sie hatte, das Sichgenügenlassen am blossen Haben? Er hatte sich daraufgestürzt wie eine Elster auf ein funkelndes Stück Metall und sie irgendwo in seinem Nest versteckt; denn dass sie sich wirklich im Haus und unter seinen Augen befand, bezweifelte ich keinen Moment. Weshalb zog er nicht greifbaren Nutzen daraus, wenn er schon den rechtmässigen Eigentümern verwehrte, ihre bedrängte Lage durch sie zu verbessern? Ich fand auf diese Fragen keine Antwort; es war ein Geisteszustand, den ich nicht enträtseln konnte, und ich sinne noch heute vergeblich dran herum. Aber einmal werd ichs schon erfahren.

Nun begann also ein neuer Kampf, sozusagen mit aufgedeckten Karten. Als er einsah, dass er seinen Zweck, mich zu entmutigen, nicht erreichte, wurde er wütend. Er verbot mir den Platz an seinem Tisch. Nichts konnte mir gleichgültiger sein. Ich verzehrte mein Wurstbrot in der Mansarde. Er schickte mir geharnischte Episteln herauf, alle wie mit Mönchsschrift gemalt; ich beantwortete sie nicht und liess die Smirczinska nicht mehr zur Türe herein. Dafür spionierte die hinter mir her, verbündete sich mit dem Hausmeister und hinterbrachte ihrem Herrn Botschaft von jedem meiner Schritte und jedem Gespräch, das ich mit Menschen führte. Da bekam der Alte Angst, dass ich etwas wider ihn anzettelte, und er befahl mich zu sich. Er verfluchte mein Leben und benahm sich wie ein leibhaftiger Teufel; fletschte die Zähne und schrie, dass die Leute auf der Gasse zusammenliefen. Meine Beherrschung und mein spöttisches Gesicht stachelten ihn noch mehr auf; er wollte mich nicht aus dem Zimmer lassen, versperrte die Tür und steckte den Schlüssel in die Tasche. Als er mich aber anpackte, da hatte ers zu bedauern und versuchte es nicht zum zweitenmal. Auch den Schlüssel musste er ausliefern. Am anderen Tag war er nicht wiederzuerkennen, so freundlich, dass mir bange wurde, und er sagte, dass er sich entschlossen habe, mir die Geige testamentarisch zu vermachen, bis jetzt habe er sie dem kaiserlichen Privatschatz zugedacht, doch knüpfe sich daran die Bedingung, dass die Smirczinska ein Legat von zehntausend Gulden erhalte; wenn ich mich dazu verstehen wolle, könne das Testament gleich aufgesetzt werden. Ich erwiderte, keinen roten Heller bekäme das Frauenzimmer von mir, und er meinte hämisch, das habe er ohnehin vermutet, und so müsse alles beim alten bleiben.

Es war, als ob man mit einem Werwolf rang, aber ich lernte menschliche Natur dabei kennen, das darf ich wohl behaupten, denn der eine Mann war ein Zusammengebrautes von vielen und ein Sinnbild für vieles. Eigentlich machte mir da eine ganze Zeit zu schaffen, eine Welt, die in Zersetzung war, etwas Finsteres, Tückisches und Gewalttätiges, dessen Griff ich bis ins Herz spürte. Ich sagte ihm einmal in aller Ruhe, seit ich mit ihm zu tun hätte, wüsste ich, was Österreich sei, seitdem verstünde ich erst unsere Geschichte und unser armes Volk. Den Blick, mit dem er mich danach anschaute, werd ich nicht vergessen; fast bereute ich das Wort. Es war das erstemal, wo ich die Empfindung hatte: du hast ihn getroffen.

Wie’s in der Bibel heisst: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn, so sprach ich zu ihm: erst gib mir mein Recht, dann wird dir deine Ruhe. Ich brach zu jeder Zeit des Tages und der Nacht bei ihm ein. Ich drohte ihm mit den Gerichten. Ich schickte ihm kleine Briefchen, die ihn in Schrecken versetzten. Ich beredete Leute, die zu ihm kamen und ihn fragten, ob er keine alten Geigen zu verkaufen habe. Ich legte Zeitungsausschnitte auf seinen Tisch, in denen von Mordanfällen auf hartherzige Greise berichtet wurde. Ich liess ihm sagen, dass ich um eine Audienz beim Kaiser angesucht hätte. Dieses letzte wirkte wie ein Zauber. Er kam und bat um Frieden. Wir schlossen endlich einen Pakt. Er sah, dass es kein anderes Mittel gab, sich von mir zu befreien, und ich wollte ja mein Leben nicht von ihm in Fetzen reissen lassen. Seine Forderung war, dass ich mir eine Stellung in der Welt machen solle; entweder durch Heirat oder sonstwie, die Art sei ihm gleichgültig, meinte er; aber Karriere sollte ich machen, ich hätte das Zeug dazu. Wenn mir dies klärlich und einwandfrei gelungen sei, wolle er mir nach zehn Jahren, nicht früher, nicht später, die Geige als unveräusserliches Eigentum überlassen, vorausgesetzt, dass ich dann auch die Sorge für seine Person und seinen Unterhalt auf mich nähme. Ausserdem erklärte er sich bereit, mir zum ersten Fortkommen dreihundert Gulden zu geben. Nun, ich hatte Zutrauen zu meinem Glück; dreihundert Gulden waren ein Vermögen für mich; ich willigte ein, die Bedingungen wurden schriftlich stipuliert, auch die, dass ich die Geige erben würde, falls ihn vor Ablauf der zehn Jahre der Tod ereilen sollte, und ich zog von dannen. So froh hatt ich ihn noch nie gesehen wie in der Stunde, wo ich ihm adieu sagte.

Es sind nun sechs Jahre von den zehn vergangen, aber meine Umstände haben sich bis heute nicht so geändert, dass der Vertrag zur Erfüllung reif wäre, und ich kann mir auch nicht denken, wie sie es je werden sollten. Hab ich auch nicht alle Hoffnung aufgegeben, von Karrieremachen ist weit und breit nichts zu sehen. Onkel Klemens aber lebt, bei trefflicher Gesundheit sogar, und ich meine, er wird recht behalten und ins neue Jahrhundert treten, von dem uns beinahe noch zwei Dezennien scheiden. Ich war drei Jahre in der Familie eines Grafen Lippa in Böhmen; schwere Jahre; dann ging ich in den Westen hinüber, bekam mit allerlei Sorten von Menschen zu tun, allerlei Narren, allerlei Bösewichtern, allerlei Dummköpfen, und wenn ich die Wahl habe, sind mir die Narren und die Bösewichter unbesehen lieber als die Dummköpfe. An denen geht die Menschheit nur nicht so geschwind zugrunde und ausserdem langweilen sie einen schon vorher zu Tod. Aber was ich in all den Jahren erlebte, das kann ich heut nicht mehr erzählen. Wie heisst es in ‚Tausend und eine Nacht‘? Schahrasad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Es graut nicht der Tag, sondern es wird Nacht, und das zwingt nicht weniger, Schluss zu machen.“

Ulrike erhob sich lächelnd und mit gravitätischer Verbeugung. Keiner ihrer Zuhörer stellte eine Frage oder sagte ein Wort, aber an den Augen, die erregt und verwundert auf sie gerichtet waren, erkannte sie, dass sie sie völlig gewonnen hatte, jeden in seiner Weise, auch Helmut Otto Mylius, der noch ganz wie zu Beginn am Türpfosten lehnte.

Ulrike handelt furchtlos, wo alle zittern

Esther gestand der Mutter den Plan mit dem Akademieball. Die ersten Vorbereitungen waren getroffen; man bedurfte nur der Zustimmung und Hilfe Christines.

Diese erschrak. Da war, was sie stets zu verhüten bestrebt gewesen, der Abweg, die Heimlichkeit. Aber ihr Einspruch war matt, weil sie sich bewusst war, mit Josephe ein schlechtes Beispiel gegeben zu haben; ausserdem hatten sich beide Mädchen in das freudige Vorhaben bereits so eingelebt, dass sie keiner Ermahnung mehr zugänglich waren. Die Erlaubnis des Vaters zu erwirken war ein aussichtsloses Beginnen, das musste auch Christine einräumen, also waren sie entschlossen, das Verbotene hinter seinem Rücken zu tun, und forderten von der Mutter stürmisch, dass sie es decke.

„Es läuft meiner Natur zuwider,“ sagte Christine in ihrer schüchternen Art zu Ulrike; „es ist der erste Keim zum Unfrieden und zur Lüge. Man kann freilich einwenden, dass den Mädchen das harmlose Vergnügen zu gönnen ist, ja, dass es ihnen gebührt. Sie sind nicht mehr in dem Alter, wo sie wie Gefangene leben können, das weiss ich. Aber bisher ist es mir gelungen, sie in Gehorsam und Ehrfurcht gegen ihren Vater zu halten; darin hab ich meine Pflicht gesehen. Es hat viel gekostet, allerdings; oft bin ich mir wie eine Zielscheibe vorgekommen, die von zwei Seiten beschossen wird. Dafür ist aber mein Gewissen rein.“

Ulrike hatte Mühe, ihre Ungeduld zu unterdrücken. Soviel Entsagung und Selbstüberwindung fiel ihr auf die Nerven. Wofür und für wen? fragte sie sich achselzuckend. Im allgemeinen konnte sie schon etwas wagen an Spott und Widerspruch. Christine hörte auf ihre Meinung; sie hatte sich langsam daran gewöhnt, dass in die steinernen Vorurteile Bresche geschlagen wurde. Sie staunte über den Mut und die meist ziemlich derbe Form der vorgetragenen Ansichten. Ohne dass sie es merkte, wurde sie nach und nach davon umstrickt und schlürfte das Gift der Auflehnung ein wie eine Medizin, deren kräftigende Wirkung man erst nach einem kleinen Schauer spürt.

Doch in diesem Fall verteidigte sie heiliges Gebiet, und Ulrike erkannte, dass sie vorsichtig sein musste. Sie wählte daher, um die neue Sprengmine zu legen, einen andern Weg als den geraden. Sie liess sich Christines Erziehungsgrundsätze erklären, hörte ungemein interessiert zu und brachte jeden einzelnen durch schlaue Fragen und mit advokatorischer Geschicklichkeit ins Wanken. Indem sie beizustimmen schien, wies sie die Unhaltbarkeit geglaubter Dogmen nach. Sie zergliederte die Charaktere der Kinder und zeigte scharfsinnig, wie jedes einzelne unter der Zuchtrute eine innerliche Krümmung erleide. Ihre Worte waren so eindringlich, dass Christine erblasste.

Sie fing an, die Dinge anders zu sehen. Um junge Menschen zu führen, war es vielleicht notwendig, ihnen, wenn auch nicht die Freiheit selbst, so doch einige Illusion der Freiheit zu geben. Geschah das nicht, so verhärteten sich die Herzen und die angesammelten Explosivstoffe zertrümmerten alle Fesseln, auch die wohltätigen. Besonders leuchtete Christine das Urteil Ulrikes über Mylius ein, und sie bewunderte den klaren Blick der Freundin; ein Mann von primitiver Anlage, den Arbeit und bürgerlicher Ehrgeiz verhindern, die kleinen Forderungen des Tages zu erkennen; er verschliesst sich ihnen vorsätzlich, und sein Zorn richtet sich nicht so sehr dagegen, dass ein Betrug verübt wird, sondern dagegen, dass er den Betrug erfährt. Vielleicht wünscht er, dass man ihn ein bisschen täuscht, da er ja viel zu verständig ist, um anzunehmen, dass fünf erwachsene Menschen unaufhörlich nach seiner Pfeife tanzen. Nur durch offenen Widerpart will er nicht gereizt werden, das beleidigt seine Eigenliebe und stört seine häusliche Bequemlichkeit.

Christine musste lachen. „Es ist möglich, dass Sie recht haben“, sagte sie; „aber recht haben heisst nicht recht tun, heisst nicht einmal im Recht sein.“

„Nun, wie man sich bettet, so liegt man“, gab Ulrike zurück. „Sie liegen schlecht, und dass Sie das harte Lager nach dem verlogensten aller Sprichwörter als ein gutes Ruhekissen bezeichnen, geht über meinen Horizont. Ich bin eine hausbackene Person und verstehe nichts von den seelischen Feinheiten, die einen edelgeborenen Menschen dazu bringen, sich irgendeiner Tyrannei zu beugen. Die Gewaltnaturen sind den Fügsamen in jedem Betracht überlegen, denn sie tun, was ihnen nützlich ist und was ihnen Spass macht, haben ihr Schäfchen im Trockenen, eh man noch recht weiss, dass es regnet, und die Sanften, die Geduldigen haben das Nachsehen. Schön; wems behagt, der mag sich damit abfinden.“

Christine gab nach. Das Zimmer der zwei Schwestern wurde zur Schneiderinnenwerkstatt. Christine, Josephe, Esther, Aimée und Ulrike nähten und hantierten von morgens bis abends. Esther und Aimée fanden keinen Schlaf mehr und hatten eingefallene Wangen und fahle Augen. Noch war das Geld nicht beschafft, das sie zum Ballbesuch brauchten; es handelte sich um ungefähr dreissig Gulden insgesamt. Die Summe von Fremden auszuborgen, hatte Christine energisch abgelehnt; das Wirtschaftsgeld darum zu schmälern, konnte sie sich nicht entschliessen; sie hätte es Mylius bei der Verrechnung gestehen müssen, und er sollte ja nichts erfahren. Etwas zu versetzen weigerte sie sich ebenfalls, und so war guter Rat teuer. Während man dies und das erwog und sich einander seine Befürchtungen mitteilte, verhielt sich Ulrike still und verzog die Miene nicht. Aimée heftete die Augen fragend auf sie, wie um sie zu mahnen und zum Sprechen aufzufordern, denn Ulrike hatte ja gesagt, sie sollten sich keine Sorgen machen.

Plötzlich begann sie, indem sie vor sich hinlächelte: „Wisst ihr, von wem ich das Geld kriege?“

Niemand wusste es, wie sich denken liess.

„Das ist doch ganz klar,“ sagte Ulrike in harmlosem Ton, „von Herrn Mylius natürlich.“

Allseitiges Staunen, ja Erschrecken. „Wie? vom Vater? Sie träumen wohl? Wachen Sie auf, Ulrike.“

„Nicht auf der Stelle krieg ichs, nicht heut und morgen,“ fuhr Ulrike gleichmütig weiternähend fort; „ich werde nicht etwa jetzt zu ihm gehen und sagen: so und so, ich brauche dreissig Gulden, die jungen Damen wollen mit mir auf den Ball. Das wäre das dümmste von der Welt. Man muss es anders anpacken. Wie, wird vorläufig noch nicht verraten. Aber mit einer Bagatelle lass ich mich dann nicht abspeisen, da gehts ums Ganze, das könnt ihr ruhig glauben.“

Man lauschte atemlos, zwischen Zweifel und Hoffnung. Ulrike musterte prüfend ihre Arbeit, schlug das linke Bein über das rechte und fing mit ihrem pfiffigen Lächeln wieder an: „Die Sache liegt also sehr einfach. Frau Christine hat das Geld nicht, ihr Mädchen habt es nicht, der Herr Papa wird es hergeben, aber nicht gleich: daraus folgt wie das Amen aufs Vaterunser, dass Ulrike einstweilen die Nothelferin machen wird. Unterbrechen Sie mich nicht, Frau Christine, und sagen Sie nicht nein, sonst leg ich Nadel und Schere hin und verschwinde auf Nimmerwiedersehn. Ich greife meine Ersparnisse an, was ists denn Grosses? Sollen Ersparnisse etwa nicht angegriffen werden? Ist das ein Myliussches Hausgesetz? Sollen sie im Kasten liegen, bis man sich einen Altjungfernkranz dafür kaufen und übers Bett hängen kann? Was könnt ich besseres mit ihnen tun, als sie meinen Freunden zur Verfügung stellen? Deshalb sind sie ja noch nicht verloren. Ich habe an zwanzig Pfund aus England mitgebracht, das sind zweihundertvierzig Gulden. Was ich davon für euch ausgebe, wird bei Heller und Pfennig verrechnet. Und nun kein Wort mehr drüber. Schluss. Es ist widerwärtig, immerfort von Geld zu reden.“

Christine wollte trotzdem noch Einwendungen erheben, wurde aber von Ulrike kurz, beinahe schroff abgewiesen. „Sie sind einfach überstimmt,“ sagte sie; „denn ich denke, es sind alle andern meiner Meinung, sogar Josephe. Nicht wahr, Josephe,“ wandte sie sich schmeichelnd an diese, „Sie finden auch, dass Ihre Mutter mich beleidigt, wenn sie aus einem Freundschaftsdienst eine Ehrensache macht?“

„Verzeihen Sie, Ulrike, das war die Absicht nicht“, beeilte sich Christine errötend zu versichern.

Josephe schwieg, und ob sie Ulrike oder der Mutter recht gab, war in ihren Zügen nicht zu lesen, die bei allem Reiz verträumter Mädchenhaftigkeit eine gewisse Starrheit stets behielten. Nur in den Augen war ein Strahl leidenschaftlichen Forschens, als wolle sie das ihr so heiter, so werbend zugekehrte Gesicht Ulrikes durch und durch ergründen, als frage ein in ihr verborgener wachsamer Geist: wer bist du und was hast du im Sinn?

Unvergesslich war der Eindruck, den ihr die Erzählung von Ulrikes Kindheit und Jugend gemacht. Noch nie hatte sie so gewaltig gespürt, was das Schicksal ist. Die Brust hatte sich ihr wie von einer Flamme gespaltet und sie hätte vor Ulrike knien mögen, nur weil es ihr so wahr dünkte, so unerbittlich und grausam, so wie sie eben das Menschenlos empfand. Sie floh dann in ihre Kammer und betete mit der ihr eigenen Art, Gebete, vielmehr Anrufungen und Fragen formlos aus der inneren Bedrängnis zu reissen. Sie stellte sich Gott gegenüber wie zum Kampf, und in ihrem Munde wurde der Name Gottes ein Wort zum Staunen, ein Wort zum Schaudern. Du hast mich geschaffen und du hast sie geschaffen, so ungefähr bedrängte sie Gott, warum mich mit der leichten Last und sie mit der schweren? Bist du in ihr auch ein Inwendiges, warum hast du sie mit soviel mehr Finsternis umgeben als mich? Warum bin ich denn ich und nicht sie? Warum bleibt das so ehern unwandelbar, das Josephe-Sein, das Ulrike-Sein?

Man sieht, sie griff in ihrer naiven Erschütterung an die Wurzel der Dinge. Und es war nicht bloss der seelische Sturm, nicht bloss das fortwirkende Dankbarkeitsgefühl, das sie so nah an Ulrike trieb, es war auch der Zweifel, immer wieder auftauchender dumpfer Zweifel, mit dem sie kämpfte und der sie zwang, sich mit ihr zu beschäftigen.

Sie sah, dass irgend etwas anders wurde im Haus, dass Mutter und Schwestern plötzlich andere Worte hatten, andere Mienen, dass die Farbe des täglichen Lebens verändert war, zuerst kaum merklich, doch von Tag zu Tag deutlicher wahrnehmbar, und von alledem war Ulrike die Urheberin. Es war nichts Böses, nichts, was schlechthin hätte missbilligt werden können, aber eine dunkle und fremde Macht war es, etwa wie wenn man aus einer gewohnten und natürlichen Bewegung in eine neue und den Gliedern unwillkommene gerissen wird. Licht und Schatten waren nicht mehr wie früher verteilt; Alleinsein war nicht mehr dasselbe; Gespräch mit der Mutter nicht mehr dasselbe; Arbeit und Schlaf nicht mehr dieselben, und es gab fast keinen Gedanken mehr, der sich nicht quälend und beunruhigt an Ulrike kettete.

Doch niemand in Josephes Umgebung erriet etwas von dieser Verwirrung ihres Gemütes, auch Christine nicht.

Am dritten Tag waren die seidenen Dominos für Esther und Aimée fertig; der eine war weinrot, der andere teerosengelb. Für beide waren Gewänder Christines zerschnitten worden, die seit Jahren im Schrank hingen und die sie nicht mehr trug. Das Zubehör war unter alten Resten herausgesucht und mit Geschicklichkeit und Geschmack verwendet worden. Ulrike hatte ihrerseits auch ein altes Samtkleid in ihren geringen Beständen entdeckt und so gut es gehen wollte zurechtgeschneidert.

Sie war damit schon am Montag vormittag zustande gekommen und nahm es gleich mit nach Hause. Dann half sie den Schwestern bei der Arbeit, und am Dienstag, gegen Mittag, war der letzte Nadelstich getan. Die Verabredung war so: beim Mittagessen hatten Esther und Aimée dem Vater mitzuteilen, dass sie für den Abend zu Ulrike geladen seien; mochte er sich darunter vorstellen, was ihm beliebte, bei der Harmlosigkeit der Sache würde er sich schnell beruhigen. Am Nachmittag sollten sie ihre Besorgungen machen; sie mussten noch passende Strümpfe und ein paar Kleinigkeiten kaufen; Geld hatte ihnen Ulrike bereits gegeben. Nach dem Abendessen sollten sie sich in ihrem Zimmer umziehen, selbstverständlich unter Anwendung aller Vorsicht; vielleicht dass Josephe Wache hielt; dann hatten sie sich in einen Einspänner zu setzen und zum Hause Dorotheergasse Nummer zehn zu fahren, wo Ulrike sie Punkt neun Uhr erwarten würde.

Alles lief wider Vermuten gut ab, und trotz des Lampenfiebers der Mädchen: die Erlaubnis zu dem abendlichen Besuch ward erteilt, wennschon unter Brummen und Nörgeln. Mylius zog sich zur Siesta zurück, Esther und Aimée gingen fort, Josephe begleitete eine halbe Stunde nachher die Mutter zum Zahnarzt.

Unbedachterweise, im Glauben auch, die Mutter bleibe als Aufpasserin in der Wohnung, hatten die Schwestern ihre Dominos in der gemeinsamen Schlafstube über eines der Betten gebreitet, und als Mylius sich von der Mittagsrast erhob und wahrnahm, dass niemand zu Hause war, geriet er in schlechte Laune, denn er hatte es nicht gern, wenn alle ausser dem Haus waren. Sei es, um zu spionieren, sei es nur, um sich Bewegung zu machen, er trat einen Gang durch sämtliche Räume an, und als er in das Zimmer von Esther und Aimée kam, sah er sogleich die beiden Kostüme. Sah, dass sie neu waren, sah, dass sie zu einem verdächtigen Zweck bereit lagen. Eine Weile verharrte er und dachte nach; plötzlich hatte er die Erleuchtung: der angebliche Besuch bei der Woytich am Abend war ihm ohnehin nicht ganz geheuer vorgekommen. Also war etwas im Werk; also geschah Verwerfliches und ohne sein Wissen; das roch von weitem nach Lustbarkeit, nach Vergnügungstaumel, nach Geldverschleuderung. Er stiess einen leisen Pfiff aus, ergriff die beiden Gewänder, legte sie geschickt zusammen, holte einen grossen Bogen braunes Papier aus dem Flur, machte ein kunstgerechtes Paket und nahm dieses unter den Arm, um es in seinen Laden zu schaffen und zu verschliessen. Während er die Stiege hinunterging, schmunzelte er grimmig.

Als Esther und Aimée gegen fünf Uhr heimkamen und die Dominos nicht vorfanden, hatten sie noch kein Arg; sie dachten, die Mutter habe sie vorsichtshalber verwahrt. Ziemlich missmutig harrten sie auf deren Rückkehr, und es wurde halb sieben, bis Christine und Josephe endlich kamen. Zum Schrecken der beiden erklärte Christine, dass sie die Kostüme nicht weggeräumt, nicht einmal angerührt habe. Therese wurde gerufen und verhört. Sie wusste nichts. Aimée schrie: „Der Vater! nur er kann es gewesen sein.“ Die ganze Wohnung wurde durchsucht, Schubladen aufgerissen, Schränke entleert, unter den Betten Nachschau gehalten, in Küche, Flur, Vorratsraum, Magdkammer alles um- und umgewühlt: vergeblich. Esther irrte bleich von Stube zu Stube; Aimée warf sich aufs Sofa und brach in unstillbares Weinen aus; um diese war Josephe mitleidig bemüht, jene zu beschwichtigen, war Christines Bestreben. Als Lothar nach Hause kam und Zeuge des Jammers wurde, schlug er vor, Josephe solle in Vaters Laden und ihn geradezu fragen; was Schlimmeres, als dass er sie wieder gehen heisse, könne ihr nicht passieren. Er selbst, in einer Beklommenheit und Hast, die noch auf anderes deutete als brüderliche Teilnahme, erbot sich, in die Dorotheergasse zu laufen und Ulrike zu holen. Josephe war bereit, obgleich ihr bei dem Auftrag nicht wohl war; ihr Verhältnis zum Vater war das einer gespannten Scheu; er war ihr ein wenig fremd, aber sie begegnete ihm mit der zartesten Rücksicht und Achtung; indem sie alles vermied, was sein Missfallen erregen konnte, kostete sie auch jede Annäherung einen Entschluss.

Als sie in die Himmelpfortgasse kam, war es sieben Uhr vorüber und das Gewölbe schon gesperrt. Man wusste, dass Mylius in der Zeit zwischen sieben und acht Uhr in einem kleinen Kaffeehaus an der Bäckerstrasse zu sitzen pflegte; er trank dort, stets einsam, eine Schale schwarzen Kaffee und las die deutschen Zeitungen. Josephe mochte nicht unverrichteter Dinge zurückkehren; sie ging zur Bäckerstrasse, stand alsbald vor der Eingangstür des Kaffeehauses, wollte warten, schritt auf und ab. Doch wurde ihr unbehaglich, als vorübergehende Männer sich umdrehten und sie anstarrten; sie trat an eines der Fenster, wo der Vorhang nicht bis an den Rahmen zugezogen war, und lugte hinein. Wie sehr erstaunte sie, als sie an einem der kleinen Tischchen den Vater in Gesellschaft Ulrikes erblickte. Sie sassen einander gegenüber, und Ulrike redete mit der Fülligkeit ihrer Gebärden, der Unbekümmertheit ihrer Haltung, den blitzenden Augen, dem heitern, immer ein wenig mokanten Lächeln auf ihn ein. Der Vater hörte zu, im Sessel zurückgelehnt, mit einer gewissen Höflichkeit, ja Verbindlichkeit, die Josephe an ihm nicht kannte und die seinem Gesicht einen für sie neuen Ausdruck verlieh.

Sie machte sich wieder auf den Heimweg und begriff ihre Bestürzung nicht recht. Sie begriff nicht, was ihr an dem Anblick so ungewöhnlich und beängstigend gewesen war. Und sie begriff endlich nicht, weshalb sie nicht einfach hineingegangen war, um ihre Bestellung auszurichten. Zu ihrer Rechtfertigung sagte sie sich, es sei ja nun alles in bester Ordnung; da der Vater und Ulrike gemütlich beisammen sassen, brauchten die Schwestern nicht mehr zu bangen. Dabei fiel ihr ein, wie nichtig der Gegenstand dieses Bangens im Grunde war, und das vermehrte ihre Verstimmung.

Doch sonderbar, Josephe konnte zu Hause nicht sagen, was sie gesehen. Sie zürnte sich selbst, aber die Lippen waren ihr wie versiegelt, als ob ein drohender Bote sie zum Schweigen aufgefordert hätte, und sie berichtete nur, dass der Laden geschlossen gewesen sei, was den Kummer und die Wut der Schwestern nicht eben verringerte.

Freilich war Josephe auch sonst, wo es sich um Mitteilungen im Familienkreis handelte, von einer fast trotzigen Zurückhaltung. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass man den Menschen nicht dient, wenn man sich über ihr Tun und Lassen verbreitet, und dass es besser ist zu warten und zuzusehen, als sich voreilig in ihre Angelegenheiten zu mischen. In diesem Fall hatte ihr zudem ein unerklärliches Etwas in Ulrikes Miene Furcht eingeflösst, sie zu verraten oder überhaupt von ihr zu sprechen.

Ein paar Minuten nach Josephe kam auch Lothar mit der Kunde, Ulrike sei nicht daheim. Eine gelbe alte Person habe ihn bös angefahren und ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Hierdurch schien er gereizt und erklärte, gleich wieder hingehen und Ulrike am Haustor erwarten zu wollen. Er stiess die Worte atemlos heraus und war augenscheinlich in Verzweiflung, dass er Ulrike nicht getroffen hatte. Jetzt fiel Christine seine Fahrigkeit und sein rastloser Blick auf, aber ehe sie ihn fragen konnte, war er schon wieder fort.

Er hatte seiner Freundin ein schlimmes Geständnis zu machen. In seinem plötzlich erwachten Lebenshunger und den Begierden, die Ulrike allerdings mit Plan und Absicht in ihm geschürt, durch Geldmangel lästig eingeengt, hatte er, um sich zu helfen, zu einem verbrecherischen Mittel seine Zuflucht genommen und in einem unbewachten Augenblick im Geschäft des Vaters eine silberne, auf dem Deckel mit einem Smaragd besetzte Dose entwendet. In der begründeten Furcht, die Tat könne entdeckt werden, wenn er das gestohlene Gut an einen Händler in der Stadt verkaufte, hatte er die Dose seinem Freund Robert Elmenreich als Pfand gegeben, wofür ihm dieser seine gesamten Ersparnisse ausgehändigt hatte, an vierzig Gulden. Schon vorher hatte er kleine Beträge von ihm ausgeliehen, so dass er ihm im ganzen achtundvierzigeinhalb Gulden schuldig war. Weil nun Robert nach einigen Tagen selbst in Bedrängnis geriet, verlangte er das Geld zurück, und zwar mit unangenehmer Dringlichkeit. Lothar wusste nicht, wie er sichs verschaffen sollte; der andere drohte, das Pfand zu veräussern; Lothar stellte ihm die Gefahr eines solchen Schrittes vor und dass er als Hehler mitbezichtigt werden würde, da hatte ihm Robert Elmenreich, der für sein Vermögen zitterte, kurzweg erklärt, er werde die Dose Herrn Mylius übergeben und von ihm sein Geld fordern. Lothar kannte den Kameraden zur Genüge, um überzeugt zu sein, dass er den Vorsatz ausführen würde. Er sollte vierundzwanzig Stunden Frist haben; diese Zusicherung hatte er am Nachmittag von Robert erhalten, und nun war Ulrike seine letzte Hoffnung.

Ungeduldig ging er vor dem Haus in der Dorotheergasse auf und ab. Schon wollte er noch einmal in der Wohnung nachfragen, ob sie nicht inzwischen heimgekehrt sei, da kam sie mit ihren raschen Schritten auf ihn zu und blieb verwundert stehen. Zuerst berichtete er ihr, was zu Hause vorgefallen war. Sie schüttelte den Kopf, schaute auf die Uhr und sagte, sie werde gleich mit ihm gehen. Er hielt sie zurück. Er bat, sie möge ihm einen Augenblick Gehör schenken und mit ihm unters Tor treten. Sie horchte auf, witterte Unheil, zog ihn ins Haus, und er beichtete.

Ulrike schwieg eine Zeitlang. Den Übeltäter ein bisschen zappeln zu lassen, empfahl sich. So hatte es kommen müssen, so hatte sie vielleicht gewollt, dass es kam. Genaue Rechenschaft gab sie sich nicht. Es war eine dunkle Tatsache, die im Bereich der Kombinationen gelegen war und die ihr Fäden in die Hand spielte.

Sie fragte, was er mit dem Geld angefangen. Zögernd zählte er auf: soundsoviel habe er beim Konditor verbraucht, soundsoviel für heimliche Kaffeehausbesuche, soundsoviel für ein verbotenes Buch, soundsoviel für Handschuhe und eine neue Krawatte, die er zu Hause nicht einmal zeigen durfte.

„Kindskopf,“ sagte Ulrike; „und was sonst? Denken Sie nach.“ Ihr durchdringender Blick fing seinen fliehenden und unter Erröten und Erblassen bekannte er, er sei bei einem Mädchen gewesen, einer Statistin vom Carltheater, bei der ihn ein Mitschüler eingeführt.

Ulrike lachte verächtlich, und ihr Gesicht wurde finster. „Sind Sie mir böse?“ erkundigte sich Lothar mit zuckendem Mund.

Ulrike erwiderte: „Es ist nicht nett und es ist nicht sauber, wenn ein so hübscher Bursch zu Frauenzimmern geht, die er für ihre Liebe bezahlt. Pfui!“

Mit gefalteten Händen flehte er, sie solle ihm verzeihen. Sie solle ihm in seiner Not beistehen, sie sei der einzige Mensch, zu dem er Vertrauen habe; weise sie ihn ab, so sei er verloren und müsse sich erschiessen. Ulrike lachte ihn aus. Er war aber so reizend in seiner Bekümmernis, so pagenhaft schmiegsam als zerknirschter Sünder, dass sie ihn tröstete und aufrichtete und sagte, sie werde sichs auf dem Weg überlegen, jetzt müssten sie vor allem zu Esther und Aimée, damit denen in ihrem Unglück geholfen werde.

Während sie eilig an seiner Seite durch die beschneiten Gassen schritt, dachte sie an das Beisammensein mit Mylius, von dem sie eben kam. Sie hatte sein abendliches Retiro ausgespäht; sie wollte ihm einmal Aug in Aug gegenübersitzen, ihn einmal zeugenlos beobachten und daraus für die Zukunft ihre Schlüsse ziehen. Ein Unterfangen, das nicht den Schatten eines Argwohns in ihm wecken konnte. So war sie von ungefähr an seinen Tisch getreten, irrender Gast, hatte sich überrascht gestellt, ihn hier zu finden, sich bei ihm niedergelassen und ihre ganze Plaudergabe entfaltet, um ihn zu fesseln und mit einem Wort oder Blick aus sich herauszulocken. Vergeblich. Ebensogut hätte sie versuchen können, einen hundert Zentner schweren Felsblock vom Fleck zu rücken. Er hatte sein säuerliches Schmunzeln, nickte ihr bisweilen gnädig oder teilnehmend oder amüsiert zu, zeigte auch wohl sonst, dass ihm ihre Gesellschaft nicht gerade missfiel, aber einen andern Erfolg hatte ihre Bemühung nicht gehabt.

Trotzdem war sie befriedigt. Sie hätte nicht sagen können wodurch; doch gab es einige kleine listige, perfide Wahrnehmungen, die ihr Bürgschaft zu bieten schienen, dass der Felsblock nicht immer und ewig träge ruhen bleiben würde.

Das gab den Ausschlag für ihr Verhalten gegen Lothar, und nachdem sie alles reiflich erwogen, sagte sie, als sie im Myliusschen Hause angelangt waren und die Treppe hinaufgingen, zu dem ängstlich auf ihren Bescheid Harrenden, sie werde ihm die achtundvierzig Gulden vorstrecken, er solle sich das Geld morgen mittag bei ihr abholen und ihr dann die Dose bringen, von der sie vermutete, dass sie wertvoller war als dieser Betrag. „Wirklich? wahrhaftig und wirklich?“ rief er erlöst und hob das Gesicht mit strahlendem Ausdruck zu ihr. Sie mahnte ihn mit den Augen zur Vorsicht und erwiderte in hofmeisterndem Ton, sie hoffe, dass ihn ihre Gutwilligkeit vor weiteren Torheiten der Art bewahre. Er versprach es mit Eifer.

Um acht Uhr, pünktlich wie immer, war Mylius zum Abendessen nach Hause gekommen. Esther und Aimée erhoben sich; jede trat hinter ihren Stuhl; jede sah ihn an, furchtsam, bleich, schweigend. Sie wagten die Frage nicht zu stellen, die solche Fülle des Lebens für sie barg, Glanz und Wunder einer festlichen Nacht. Bittend kehrten sich Esthers Augen zur Mutter. Christine näherte sich ihrem Manne und flüsterte halb mutlos, halb im voraus begütigend: „Du hast die Ballkleider der Kinder weggenommen?“

Mylius, äusserst verwundert tuend, antwortete mit hochgeründeten Brauen: „Ballkleider? Die jungen Damen hatten Ballkleider? Ei was! Sieh doch, sieh doch. Vielleicht wieder ein kleines Feuersbrünstchen gefällig? Oder soll gar bei mir im Hause ein Ball gegeben werden? Davon hatte ich keine Ahnung. Das überrascht mich sehr. Ich habe allerdings ein paar närrische bunte Fetzen liegen sehn und sie in mein Kontor geschafft, das ist richtig. Ist nichts dran passiert, habe sie gut aufgehoben, und wenn wirklich der Ball stattfindet, kann ja sein, dass sich das so trifft, sollt ihr sie haben. Jetzt will ich in Frieden essen und wünsche nicht mit euern Spässchen behelligt zu werden.“

Man wusste und hatte es oft erfahren, dass es keinen Appell gab, wenn er in diesem Ton und mit dieser Miene redete. Die schlimmen Folgen, Untersuchung und Strafe, Taschengeldentziehung, Verdikt, einen Tag lang in der Küche zu essen, kamen dann hinterher. Esther und Aimée stürzten aus dem Zimmer, die Hände vors Gesicht gepresst, Christine sass unschlüssig und leidvoll auf ihrem Platz; Josephe, neben ihr, schaute mit grossen Augen vor sich hin. Ein verstohlener Blick traf bisweilen den Vater, um erschrocken wieder abzugleiten. Sie erwartete, dass er von Ulrike sprechen würde, in deren Gesellschaft er noch vor einer Viertelstunde gewesen. Welchen Grund hätte er haben sollen, es vor der Mutter zu verhehlen? Aber er schwieg. Das ruhige Behagen, mit dem er sich der Mahlzeit widmete, dünkte ihr kaum auszuhalten. Um die glattrasierten Lippen zuckte das undeutbare Schmunzeln, und er schwieg. Ihr Gerechtigkeitsgefühl lehnte sich auf. Sie dachte: da er mit Ulrike so freundlich war, wie ich es gesehen, warum verwehrt er den Schwestern, was doch ihre und Ulrikes gemeinsame Sache ist? Warum hat er Ulrike nicht mitgeteilt, dass er den Plan zunichte gemacht hat? Das ist seiner nicht würdig. Und andererseits, warum hat Ulrike, die so offen und aufrichtig ist, ihm nicht alles gestanden, wär es auch nur, um die Mutter vor einer Demütigung zu bewahren? Warum müssen die Dinge verworren und hässlich sein, während sie einfach und erfreulich sein könnten, wenn die Menschen ein bisschen darüber nachdenken würden, was sie tun?

Josephe atmete und webte in einer klaren inneren Welt, in der kein Falsch und kein Arg war, deren Schwelle die Erfahrungen des Lebens noch nicht befleckt hatten.

Es läutete. Aufgeregtes Wispern war vernehmbar, gleich danach traten Ulrike und Lothar ein. Nach flüchtigem Gruss setzte sich Ulrike an den Tisch, Mylius gerade gegenüber. Sie kreuzte die Arme über der Brust und sagte lächelnd: „Die Kostüme werden wir herausgeben, nicht wahr?“

Mylius wiegte den Kopf und erwiderte: „Daran ist nicht einmal zu denken.“

Vielleicht war es seine in solchen Momenten besonders hervortretende heimatliche Mundart, das behäbig-breite Hessische, das Ulrikes Heiterkeit erweckte; sie lachte belustigt auf und sagte: „Ich weiss es ganz gewiss.“

„Da bin ich neugierig, wie Sie das fertigbringen“, antwortete Mylius, ohne die Augen vom Teller zu erheben.

Ulrike beugte sich vor. „Ziemlich einfach, will ich hoffen, da ich es doch mit einem redlichen Manne zu tun habe. Die Dominos gehören nämlich mir. Ich habe den Stoff bezahlt, ich habe die Arbeit bezahlt, ich bezahle die Gelegenheit, zu der sie dienen.“

Mylius schwieg verstockt.

„Verstehen Sie, Herr Mylius, bezahlt!“ sagte Ulrike beinahe drohend; „bezahlt! das Wort wird Ihnen doch was gelten: bezahlt!“ Dabei klopfte sie mit dem Daumennagel auf das Tischtuch und zeigte ihre untadeligen weissen Zähne.

Etwas betroffen versetzte Mylius: „Bedaure. Kann Ihnen die Kleider unmöglich ausliefern. Sind im Laden. Habe sie dort eingeschlossen. Muss bitten, sich bis morgen zu gedulden.“

Ulrike stand auf. „Das ist starker Tabak,“ rief sie; „unmöglich? Eine erbauliche Rechtsordnung wäre mir das. Und ich sage Ihnen, dass ich die Dominos haben muss und zwar gleich. Ich brauche sie und zwar heute Abend noch. Und muss ersuchen, sich gütigst hinzubemühen und sie zu holen. Tut mir leid, Sie zu inkommodieren, aber es hängt was dran, es hängt Licht, Musik, Freundschaft, Freude dran, lauter Dinge, die Sie verachten mögen, die für mich aber Gewicht haben. Vielleicht wiegen sie nur einen schönen Atemzug, vielleicht nur einen glücklichen Gedanken, doch lass ich mir auch das nicht rauben; ich will, was mein ist, haben.“

Mylius entgegnete nichts mehr. Sein Gesicht wurde finster, der Unterkiefer mahlte verlegen. Ein scheuer Blick schoss unter den gesenkten Lidern hervor und streifte Ulrike. Die Niederlage, die er vor Frau, Sohn und Tochter erlitt, war schwer zu verwinden. Aber wie Ulrike vor ihm stand, Kopf zurückgeworfen, die schwarze Pelzkappe studentenhaft schief auf den vom Sturm und schnellen Gehen zerzausten Haaren, die Wangen flammend, das Auge herausfordernd, der üppige Mund halb geöffnet, fühlte er sich widerwillig bezwungen, fast mehr noch von ihrer seltsam spöttischen Leidenschaftlichkeit als von ihrer Kraft und Entschlossenheit. Er erhob sich, murmelte etwas Unverständliches, trat ans Fenster, klimperte mit den Schlüsseln und Münzen in der Hosentasche, lachte zornig und befangen gegen die schneebeschlagenen Scheiben und sagte endlich in unfreundlichem Ton: „Na schön; wenn Sie darauf bestehen, mag es also sein.“ Und ging.

Kaum war die Korridortür hinter ihm ins Schloss gefallen, wandte sich Ulrike an Lothar und gebot ihm, die Schwestern zu rufen. Aber Esther und Aimée kamen schon.

„Rafft alles zusammen, was ihr braucht, und geht in die Dorotheergasse,“ sagte Ulrike hastig und befehlend zu ihnen; „wartet auf der Treppe bis ich komme, oder nein, geht in die Mansarde hinauf, da habt ihr meinen Schlüssel. Ich werde hier unten am Haustor auf euren Vater warten, damit es keine weitern Verzögerungen und Inquisitionen gibt, ihm die Kostüme abnehmen und so schnell wie möglich bei euch sein. Nicht fragen, nicht danken, marsch, adieu.“ Die Mädchen winkten der Mutter frohbewegt zu, und Ulrike schob sie zur Tür hinaus.

Dann kehrte sie sich zum Tisch, schnitt von dem Laib Brot ein mächtiges Stück ab und biss herzhaft hinein. Christine, von deren Lippen keine Silbe gekommen war, seit Ulrike das Zimmer betreten hatte, schaute sie schüchtern-staunend an und sagte: „Was sind Sie für ein merkwürdiger Mensch, Ulrike.“

Ulrike antwortete kauend: „Warum denn? Ich weiss wirklich nicht, was ich für ein Mensch bin. Ich denke nie darüber nach. Ich weiss nur, dass ich schreie, wenn man mich zwickt, und dass ich mich da kratze, wos mich juckt. Das wichtige im Leben ist, dass man den Leuten, die allen Platz für sich alleine haben wollen, begreiflich macht, dass man auch auf der Welt ist. Solang ich meine Lungen zum Schnaufen und meine Zunge zum Reden habe, geb ich mich zu niemandes Schindluder her.“

Christine wollte Fleisch und Gemüse für sie aufwärmen lassen, aber sie wehrte ab und sagte, dazu sei keine Zeit mehr. Sie reichte ihr die Hand, nickte Josephe freundlich zu, gab Lothar einen Klaps auf die Schulter, und fort war sie.

Als Christine und Josephe dann allein in der Stube waren, Lothar hatte sich im Salon trotz der Kälte ans Klavier gesetzt und klimperte in hoffnungsvollem Tempo einen Gassenhauer, trat Josephe zur Mutter, beugte den Kopf und sagte leise: „Mir ist sehr bang, Mutter.“

Christine, die die Regung nicht verstand, schaute sie besorgt an und streichelte ihr das Haar.

Monolog und häuslicher Sturm

Ulrike hatte noch nicht fünf Minuten am Haustor gewartet, als sie Mylius schon mit seinem Passgängerschritt durch den Schnee der Gasse herauftappen sah. Unter dem Arm trug er die eingepackten Kleider. Sie sehend, prallte er zurück, fasste sich aber schnell, klopfte den Schnee von dem Paket, reichte es ihr und sagte mürrisch: „Pfui, was für ein Wetter. Einen alten Mann in der Nacht wegen der Fetzen fortjagen. Mangel an gutem Willen können Sie mir jedenfalls nicht vorwerfen, meine geehrte Dame.“

„Die Suppe haben Sie sich selber eingebrockt, folglich mussten Sie sie auch auslöffeln“, erwiderte Ulrike ungerührt; „warum ziehen Sie denn übrigens keine Handschuhe an? Haben Sie keine? Trägt das Geschäft nicht soviel? Und der dünne schäbige Mantel da; besitzen Sie denn keinen wärmeren? Reicht der Profit nicht zu einem Pelz? Schämen Sie sich nicht, so am eigenen Leib zu knickern? Oder wenn ich Sie bedauern soll, dass Ihnen die Verhältnisse den Luxus nicht erlauben, sich vor der Winterkälte zu schützen, dann muss ich fragen: wozu schuftet ein Mensch wie Sie sein lebelang? Wozu verkriecht er sich hinter seinen Gewölbemauern jahraus, jahrein und plagt sich ärger als ein Kuli, wenn er bloss knapp das Schmalz für den Braten erschwingen kann? Dann gilt mein Bedauern nicht dem alten Mann, so hoch bei Jahren sind Sie nicht und so gebrechlich noch weniger, sondern dem Mann überhaupt, ders zu nichts Rechtem gebracht hat und dems vielleicht an Genie fehlt, vielleicht an Glück. Das ist meine ehrliche Meinung, Herr Mylius, und nun gute Nacht, mir frieren die Füsse an.“

Sie wollte gehen, aber sein Blick hielt sie fest. Er schaute zu ihr auf, denn er war erheblich kleiner als sie, hatte die Hände auf dem Rücken, sein Luchsgesicht zog sich zusammen, und der Blick war scharf, ängstlich, argwöhnisch, unschlüssig. Die fragende Kopfbewegung Ulrikes schüchterte ihn ein, und plötzlich stotterte er: „Ich hätte ein paar französische Geschäftsbriefe zu schreiben, dürfte ich da um Ihre Hilfe bitten? Wäre Ihnen sehr dankbar.“

Ulrike antwortete, sie stehe ihm gern zur Verfügung und werde morgen gegen Abend in seinen Laden kommen. Mit kurzem Gruss entfernte sie sich. Der kleinlaute, bedrückte Ton des Mannes lag ihr im Ohr und gab ihr zu denken.

Mylius ging in die Wohnung hinauf. Christine und Josephe hatten sich bereits zurückgezogen. Lothar sass in der Küche, wo es noch leidlich warm war, und schrieb an einer Schularbeit. In der grossen Stube auf- und abschreitend, sagte Mylius vor sich hin: „So eine Person; jagt einen mir nichts dir nichts auf die Gasse. Verfährt mit einem, als wäre man ihr Schuhputzer. So haben wir nicht gewettet, meine Dame. Besinnen Sie sich. Sie könnten sonst zu Ihrer Überraschung erfahren, wer H. O. Mylius ist. Ja, das könnten Sie. Ist nicht ganz ausgeschlossen.“

Es geschah nicht selten, dass er laut mit sich selber redete, schon deswegen, weil er mit niemand auf der Welt von seinen Angelegenheiten hätte reden können oder wollen. Misstraute er doch jedem auf ihn gerichteten Blick.

„Wahrscheinlich glaubt sie, man sei so ein armer Teufel, der gerade nur für den nächsten Tag zu beissen hat“, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort; „oder einer von den hunderttausend kleinen Strebern und Zapplern, die an der Oberfläche mitschwimmen und an jedem Monatsersten knieschlotternd vor dem Abgrund winseln, den sie der Familie verhehlen müssen. Schadet nichts. Soll sich nur den Kopf zerbrechen. Bin immer am besten gefahren, wenn ich die guten Leute habe an mir herumraten lassen. Da haben Sie den Beweis für die Richtigkeit meines Prinzips, hochgeehrtes Fräulein. Schweigen; hinterm Berg halten; Schweigen. Wittern die Menschen Geld, so ist ihre Phantasie wie ein losgelassenes Feuer. Jeder Lump, klappert man mit Goldstücken vor seinen Ohren, wird anspruchsvoll. Es gibt keinen Kerl, dem nicht sofort schwummerig ums Herz wird, wenn man nur den Kassaschlüssel zwischen den Fingern dreht. Geh ich auf den Markt als ein Mann, dem man reichliche Mittel nachsagt, schon heftet sich der Betrug an meine Fersen, und ich muss für jegliches Ding doppelt und dreifach bezahlen. Und riecht erst die eigene Familie Lunte, ists mit der Seelenruhe aus. Man erlebts ja Tag für Tag; Blutegel, die sie sind; die Gier frisst sie mit Haut und Haar, die Gelüste verbrennen ihnen das Hirn; Geld, Geld, Geld, schreien einem ihre Augen zu. Ein Tierbändiger wäre nötig, sie zu zähmen. Man kann sichs ja ausmalen, wie sies treiben würden, wenn sie wüssten, wenn sie nur den blassen Schimmer hätten. Da muss man gewaltig auf der Hut sein, liebe Dame.“

Eine Zeitlang schien es, als zähle er seine Schritte, dann begann er wieder zu sprechen. „Immerhin, einen Menschen sollte es geben, nur einen, der Bescheid weiss. Wozu hätte man sonst wirklich gesammelt und gespart, wozu sich die Genüsse des Lebens verweigert? Genüsse des Lebens, das ist natürlich Unsinn. Kein Lebensgenuss, der nicht in dem Leben enthalten wäre, das man durch Zwang seiner Natur führt. Geniesse ich etwa nicht? Sind die Früchte, die ich gepflückt habe, etwa eingebildet? Ist nicht alles da, alles verbucht, alles greifbar, verwertbar, Zeugnis meiner Umsicht und Berechnung und unwiderleglich mein eigen? Brauch ich wen, damit er es bestätigt oder anerkennt oder bewundert oder mir Rats erteilt? Einen Aufpasser, einen Kritiker, einen Denunzianten am Ende? Habe mich bis jetzt ganz wohl befunden in meinem Heimlichen, warum soll es einen geben, der Bescheid weiss? Der müsste schon verdammt viel Grütze im Kopf haben, um zu begreifen. Wie könnt ich seinen Trugschlüssen zuvorkommen, das falsche Bild auslöschen, das er sich sofort macht? Er sieht einen Kapitalisten in der Tarnkappe, einen Zinseszinsenhamster und Kuponaufhäufer, der zähneklappernd die verborgene Schatzkammer bewacht und seinen Lebenszweck darein setzt, den Staat, die Mitbürger, Weib und Kinder über seine wahren Umstände zu täuschen. Da wären Sie auf dem Holzweg, mein Fräulein. Kein Literatur-Geizhals steht vor Ihnen, kein Bühnenwüterich mit Krallen und zerrissenen Pantoffeln, kein Onkel Klemens, der sich eine spionierende Smirczinska auf den Nacken lädt. Das ist alles ganz anders; viel schwerer ist das, viel verwickelter, viel unsäglicher.“

Er nickte vor sich hin, dann starrte er in die Luft, als verfolge er einen Gedanken, der ihn geierhaft umkreiste. „Es müsste aber einmal eine Probe gemacht werden, trotzdem,“ sprach er weiter; „setze man den Fall, ein Bildhauer meisselt eine schöne Statue, ein Maler schafft ein wunderbares Gemälde. Sinnt und bosselt und werkt daran Jahr für Jahr und kein Menschenauge hat es je gesehn, ist er dann ein Tor, ein Prahlhans, wenn ers endlich zeigen möchte? Die Frage ist nur, ob der, den er auswählt, des Vertrauens auch würdig ist, ob nicht hinterher die blutige Reue sich meldet. Schwer zu beantwortende Frage; gefährlicher Entschluss. Diese Person; betrachten wir sie einmal. Gehen wir mit ihr ins Gericht. Was ist es für eine Person? Was ist die Ursache, dass es mich vom ersten Augenblick an gereizt hat, ihr, gerade ihr und keinem andern reinen Wein über mich einzuschenken? Ein hergelaufenes Frauenzimmer, möglicherweise sogar eine Abenteuerin. Familie nicht eben schlecht, aber ohne Zweifel deklassiert. Schlau, verteufelt schlau; geriebener Weiberverstand; zähe Art; will sich durchsetzen um jeden Preis; unheimlich resolut. Weiss, was die Sachen wert sind, weiss, was die Menschen wert sind. Nennt alles beim richtigen Namen. Sieht allem Ungemach mutig ins Gesicht. Angenehme Figur; prächtige Haltung; fester Händedruck; Augen wie vom Herrgott selber eingesetzt, damit sie das Miserable in der Welt vom Nützlichen und Tüchtigen sondern sollen. Gut, da wären wir. Da liegts wohl, was mich lockt. Möchte diese Augen sehen, wenn ihnen klar wird, was es mit H. O. Mylius für eine Bewandtnis hat. Müsste sein, wie wenn man in der Nacht einen Holzstoss anzündet. Da würden sie aufhören, geringschätzig zu blicken, die Augen. Warum ziehen Sie keine Handschuhe an? haben Sie keine? trägt das Geschäft nicht soviel? Mitleid! zum Lachen. Nur eines Wortes bedürfte es, und sie würde verstummen, masslos verstummen würde sie; zittern würde sie und verdammt bescheiden den hübschen Kopf hängen lassen. Schluss mit Ironie und Mitleid. Mitleid! zum Lachen. Da hätte man sie gepackt und niedergezwungen. Das wäre ein Sieg. So was zu erleben, lohnte der gehabten Mühe. Aber es ist noch nicht an dem. Vorsicht, alter Mylius, Vorsicht. Erst sieh zu, ob du keine zum Himmel schreiende Dummheit begehst. Nicht dich hinreissen lassen. Bleib dir treu. Erwäge jedes einzelne Wort, das du sprichst, dass es schliesslich auch ein Scherzchen gewesen sein und zurückgenommen werden kann. Gib dich nicht unbedacht in eine fremde Hand.“

Es war elf Uhr geworden, und nachdem er über den Flur Lothar mit seiner Keifstimme zugerufen hatte, er solle die Lampe auslöschen und zu Bett gehen, begab er sich selbst zur Ruhe. Doch floh ihn der Schlaf. Spöttisch-mitleidig auf ihn gerichtete Augen hielten die seinen durch viele Stunden wach.

Derweil liess die Urheberin solch ungewöhnlichen Aufruhrs es sich angelegen sein, alle ungestümen Erwartungen ihrer Schutzbefohlenen zu erfüllen, und sie lernte kennen, was entflammtes Blut ist in behüteten jungen Geschöpfen und die Begierdenwut, die sich in Träumen angesammelt hat.

Die beiden waren kaum zu zügeln und stürzten sich bedenkenlos in das Element, dessen Breite und Tiefe ihnen so gross dünkte wie ihr Hunger. Sie redeten wirr; sie schweiften trunken umher; sie ergriffen jede sich bietende Hand und bedauerten es, wenn sie sie wieder lassen mussten, weil eine andere sich ausstreckte. Blicke versetzten sie in schwindelnde Unruhe; alles war betäubend neu, Ankündigung eines noch seligeren Zustandes, Lockung, Gefahr und Dramatik. Dabei waren sie furchtsam, besonders Aimée, deren etwas verschlagene Lüsternheit durch Stolz und Sprödigkeit gehemmt war. Um so verlangender brannten die Augen hinter der Maske. Esther äusserte sich offenherzig: „Der Gedanke, dass man in dieser Welt nur der Gast für ein paar erbärmliche Stunden sein darf, könnte einen rasend machen. Was für eine Existenz führt man Tag für Tag! Helfen Sie mir aus dem Sumpf, Ulrike, und ich will Ihnen bis an mein Lebensende dankbar sein.“

„Was nicht ist, kann noch werden“, antwortete Ulrike gelassen und machte ihre stillen Glossen zu diesem bemerkenswerten Ausbruch von Temperament. Sie dachte zynisch: die könnte man alle zwei dem Teufel verkuppeln, und sie würden seinen Schwanz für einen Regenbogen halten.

Sie für ihre Person langweilte sich. Die etwas zahme Ausgelassenheit ringsum liess sie kalt; der Schaum trug sie nicht, sie sah nur den schalen Bodensatz, das Zweck- und Vernunftlose, daher erregte die leidenschaftliche Sucht ihrer Gefährtinnen, dieses Neulingsfieber, ihren heimlichen Hohn. Doch erinnerte sie sich, dass sie nicht bloss zur Betreuung da war, sondern auch zur Belehrung. Die Erde, einmal umgepflügt, musste auch gedüngt werden. Es sollte etwas wachsen. Es war für künftige Ernte zu sorgen.

Von beiden, der einen links, der andern rechts, mit Fragen bestürmt über Menschen und was zwischen den Menschen an Begebenheiten lag, hielt sie mit ihrer Wissenschaft nicht zurück, und als sie mit den Kenntnissen zu Ende war, phantasierte und dichtete sie frisch drauflos. Sie brauchte dabei nur zu fürchten, dass sie die Wirklichkeit nicht erreichte; sie zu überbieten war nach allem, was sie von der menschlichen Gesellschast erfahren hatte, ziemlich schwer. Die käuflichen Frauen, die abenteuernden Männer, die Spieler, die Verführer, die Bankrotteure, die kupplerischen Matronen, die kahlköpfigen Wüstlinge, die ordengeschmückten Streber, notorische Verschwender und Schuldenmacher in glänzenden Uniformen, Aristokratinnen mit zweideutigem Ruf, Träger und Trägerinnen erlauchter Namen, denen die Fama wenig Erlauchtes nachzusagen wusste, alle bekamen ihren Steckbrief und führten vor den Augen der erstaunten Novizen die ränkevolle Komödie auf, die man die grosse Welt nennt. Binnen kurzem hatte sich vor den zwei atemlosen Zuhörerinnen ein so monströses Gemälde von Verirrungen, Verbrechen, Niedrigkeiten, Lügen, Grausamkeiten, privaten und öffentlichen Sünden entrollt, dass ein geschickter Verfasser von Hintertreppenromanen ein Dutzend Bände damit hätte füllen können, ohne seine Einbildungskraft im mindesten zu vergewaltigen, und was Esther und Aimée betraf, so empfanden sie denselben wohlig-gruselnden Kitzel, den hervorgerufen zu haben den Ehrgeiz besagten Autors vollauf befriedigt hätte.

Denn es lag ja Ulrike nicht daran, nach Moralistenart abzuschrecken; sie verstand es und zielte darauf hin, das Laster schmackhaft zu machen und die Verderbnis in reizenden Farben zu malen. Alles, was da wogte und flatterte, liebte und hasste, lächelte und scherzte, war weit entfernt von der gültigen Regel des Wohlverhaltens; alles, was sich abspielte, vor und hinter den Kulissen, spottete der bürgerlichen Begriffe von Mass und edlem Betragen. Straflosigkeit war zugesichert; ja man bedeckte sich mit Ruhm und genoss die Bewunderung des Publikums, wenn man sich darin vor andern hervortat. Dies liess Ulrike durchblicken, und ihre Schülerinnen lauschten gläubig und andächtig.

Sie erlaubte ihnen, sich für eine Weile auf eigene Faust zu vergnügen. Während dieser Zeit kauerte sie sich in eine Logenecke und schlief. Als sie erwachte, war es schon spät, und sie begab sich mütterlich besorgt auf die Suche. Sie fand ihre Freundinnen in einer lärmenden Gesellschaft junger Herren, bedenklich munter, ja in nicht ganz einwandfreier Geistesverfassung, mahnte zum Aufbruch, begleitete die beglückt Erschöpften nach Hause und nahm die Ergüsse ihres überströmenden Dankes mit leisem Sarkasmus entgegen.

Zu Mittag kam Lothar, um sich die versprochenen achtundvierzig Gulden zu holen, und eine Stunde später brachte er die Dose. Er zerdrückte ihr beinahe die Hand vor Dankbarkeit, auch der, aber es war doch ein anderes; da leuchtete sie ein ihr gemässeres Wesen an, Wille, der dem ihren verwandt war. Da hatte sie ein Rad in Schwingung versetzt, das lief sicher und schnell seine kühne Bahn. Sie ertappte ihre Gedanken, wie sie naschhaft um das Bild des Jünglings kreisten, aber sie schüttelte sie ab und der gemeine Alltag stellte seine Forderung.

Ihre Barschaft überzählend, sagte sie sich, dass sie damit den unterschiedlichen Seitensprüngen der Myliusschen Sprösslinge nicht mehr lange Vorschub leisten könne und es nötig war, sich eine Hilfsquelle zu erschliessen oder ohne Umstände geradezu aufs Ziel zu marschieren. Die Ereignisse zeigten ihr den Weg.

Als sie am späten Nachmittag in die Myliussche Wohnung kam, fand sie alle verstört. Christine erzählte ihr, was geschehen war.

Das alte Fräulein von Elmenreich war höchst aufgeregt zu Mylius in den Laden gekommen und hatte ihm mitgeteilt, dass Lothar ihrem Neffen achtundvierzig Gulden fünfzig Kreuzer schuldig sei, und dass bisher alle Versuche, das Geld von ihm zurückzuerhalten, vergeblich gewesen wären. Längst schon sei ihr das bedrückte Wesen Roberts aufgefallen, heute habe sie ihn ins Gebet genommen und er habe ein Bekenntnis abgelegt. Sie sei nicht reich genug, um den Verlust einer solchen Summe verschmerzen zu können, und wende sich daher an den Vater. Mylius, in fassungslosem Entsetzen, hatte sie, keines Wortes mächtig, angestiert (die Törin war nachher, als ihr klar wurde, was sie getan, zu Christine geeilt, um ihr Bericht zu erstatten); plötzlich hatte er zu schreien begonnen: er wolle mit der Sache nichts zu schaffen haben, er leugne die Verpflichtung zu zahlen, jedenfalls müsse er die Angelegenheit gründlich untersuchen, sie möge an einem andern Tag wieder vorsprechen. Kaum war sie wieder daheim, als ihr Robert verkündete, Lothar habe inzwischen das Geld gebracht. Mylius aber war in unmässigem Zorn nach Hause gekommen, hatte sich, den Stock in der Faust, über Lothar förmlich gestürzt, hatte ihn in das eheliche Schlafzimmer gezerrt, schreiend zur Rede gestellt, die Antworten nicht abgewartet und ihn so fürchterlich geschlagen, dass der Stock zerbrochen war und der Knabe schliesslich wie leblos dalag. Die Tür hatte er verriegelt; Christine, Esther und Aimée rüttelten daran und riefen, weinten, flehten; umsonst; erst als er ausgetobt, erschien er wieder mit blutunterlaufenen Augen und schweisstriefenden Haaren. Die drei Frauen brachten Lothar in seine Kammer, betteten ihn dort und wuschen Kopf und Gesicht mit kaltem Wasser. Dann hatte sich Christine zu ihrem Mann begeben, der allein bei Tische sass und mit noch immer verzerrten Mienen die Suppe schlürfte, die ihm Therese unterdessen aufgetragen, und hatte ihm, an allen Gliedern bebend, doch mit ruhiger Bestimmtheit erklärt, solche Misshandlung eines Kindes überschreite seine Befugnis, vom menschlichen Gefühl ganz zu schweigen, und sie sei nicht gesonnen, dergleichen weiterhin zu dulden. Stets habe sie, ob sie eines Sinnes mit ihm gewesen oder nicht, sich vor den Kindern und um der elterlichen Autorität willen zu ihm bekannt, auch wo er nach ihrem Dafürhalten zu scharf ins Gericht gegangen sei und seine erzieherischen Prinzipien allzu unerbittlich ins Werk gesetzt habe. Dies aber sei die Grenze, an diesem Punkt trennten sich die Wege und ende die Solidarität.

Da sie in ihrer dreiundzwanzigjährigen Ehe eine so entschiedene Sprache zum erstenmal führte, schaute Mylius ausserordentlich verwundert empor. Er runzelte die Brauen, sah eine Weile wie suchend herum und murmelte durch die Zähne: „Wenn da nicht wieder das verdammte unruhstiftende Frauenzimmer dahintersteckt, will ich Zwillich heissen. Reden Sie keinen Unsinn, Frau Mylius. Geben Sie lieber acht, dass aus Ihrem Söhnchen kein Taugenichts wird.“

Christine wusste, dass Ulrike die Helferin gewesen war. Der Ausdruck ihres Dankes war nicht frei von Scham. Sie wusste auch von dem Diebstahl der Dose. Ausser sich vor Kummer wie vor Zorn über die grausame Züchtigung hatte Lothar es ihr zugeschrien; sie solle es dem Vater nur sagen, auch das; er fürchte sich nicht; wer ihn so geschlagen, könne ihn auch umbringen, der Unterschied sei nicht gar so gross.

Düster sinnend sagte Christine: „Ein ganz anderer Mensch. Nie hätte er gewagt, so zu mir zu sprechen. Und das Schreckliche ist, dass ich ihm in meinem Innern das Verbrechen nicht einmal so verübeln kann, wie ich müsste. Denn Verbrechen ist es und bleibt es. Da handelt sichs bloss um den ersten Schritt, hernach gibts kein Halten mehr. Ich fürchte, ich komme selber auf die schiefe Bahn; ich weiss schon nicht mehr, wie ich recht tue.“

„Um den Buben haben Sie keine Angst,“ beruhigte sie Ulrike etwas kalt; „der ist von guter Art und man kann ihn lenken. Ich habe mir sagen lassen, dass ganz ehrenwerte Staatsbürger in ihrer Jugend manchmal ein wenig über die Schnur gehauen haben. Das sind so moralische Masern. Seien wir froh, dass der verräterische Lump nichts von der Dose geschwatzt hat. Malen Sie sich aus, was geschehen wäre, wenn Herr Mylius das wüsste! Es graut einem beim blossen Gedanken.“

„Freilich ists ein Glück“, gab Christine zu: „aber was machen wir jetzt mit der verhängnisvollen Dose?“

„Die behalt ich vorläufig als Pfand,“ erklärte Ulrike lachend; „es wird sich schon eine Gelegenheit bieten, sie ihm wieder zuzuschanzen, ohne dass ers merkt. Es kommt ja vor, dass die Höhlenmenschen in ihrer Höhle schlafen.“

Christine stand am Fenster und mit Ulrike nur halb zugekehrtem Gesicht sagte sie traurig: „Wie gering Sie von ihm denken! Ich müsste ihn ja verteidigen. Zwanzig Jahre hab ich ihn vor mir verteidigt und ihm ein Postament gebaut. Wenn ich zulasse, dass Sie hart über ihn urteilen, ist meine Schwäche daran schuld, nichts anderes.“

Ulrike unterdrückte ein zufriedenes Lächeln. „Ich denke durchaus nicht gering von ihm,“ erwiderte sie; „im Gegenteil, ich denke sehr hoch von ihm. Ich halte ihn für einen Riesen an Kraft. Er ist so stark, dass er nicht bloss Sie und Ihre vier Kinder, sondern noch ein paar hundert arme Zwerglein ausserdem in den Sack steckt, ohne mit der Wimper zu zucken. Nicht die Schwäche ists, die Sie verhindert, eine Lanze für ihn zu brechen, o nein; ein Gefühl der Menschen- und Frauenwürde ists, wie ich glaube und hoffe, das jetzt, nicht ganz ohne mein Zutun, in Ihnen erwacht ist. Um was dreht sich denn das alles eigentlich? Nennen wir doch das Ding beim rechten Namen: worum geht denn die beständige Müh und Plage? Um zwei Gulden, um drei Gulden, um fünf Gulden, um dreissig Gulden. Herrgott, dazu sind Sie die Frau nicht, dazu geben Sie sich nur her, weil Sie sich einmal drauf eingeschworen haben; Ihr inneres Gewissen will nichts damit zu schaffen haben.“

Christine sagte hierauf: „Es kann wahr sein, es kann falsch sein, ich wills nicht untersuchen, ich darfs nicht untersuchen. Jawohl, ich hab mich drauf eingeschworen. Und was beschworen ist, muss gehalten werden, einmal für ewig.“

Die letzten Worte hatte Josephe gehört, die eingetreten war. Sie blieb stumm an der Tür stehen, und der Blick, mit dem sie die Mutter anschaute, war von so inniger, so schwingender Liebe erfüllt, dass Ulrike, als wäre sie geblendet davon, unwillkürlich die Augen abwandte.

Sie ging in Lothars Kammer. Er lag angekleidet auf dem Bett und rührte sich nicht, seit Stunden. Das weisse Tuch um die Stirn verlieh den entfärbten Zügen einen Liebreiz, dessen er sich trotz seines Zustandes wahrscheinlich bewusst war. Ulrike berührte seine Hand. Er öffnete die Augen und sah sie an. Der Starrkrampf der Erbitterung löste sich, die Lippen bewegten sich. Ulrike schaute sich vorsichtig um. Es war niemand im Zimmer. Da beugte sie sich herab, küsste ihn auf den Mund, und während sich sein Gesicht mit freudigflammender Röte bedeckte, flüsterte sie: „Ich geh jetzt zu ihm. Ich werde dich rächen. Steh auf. Sei ein Mann.“

Danach huschte sie fort.

Ulrike entringt dem Schatzhüter sein Geheimnis

Es war dreiviertel sieben vorbei, als Ulrike den Myliusschen Laden betrat. Der Angestellte, ein kahlköpfiger, leidend aussehender Mensch mit einer blauen Brille, rüstete sich zum Weggehen. Ein alter Diener trug die Verschlussbretter für die Tür und die Schaufenster hinaus. Im Hintergrund des langen Raumes tauchte spähend Mylius auf. Da die meisten Gasflammen schon verlöscht waren, herrschte unangenehm bleiches Zwielicht. Doch Mylius erkannte sie sogleich, kam mit seinem torkelnden Gang, die Hände in den Taschen, auf sie zu und grüsste verdrossen.

Wenn es ihm recht sei, möchte sie jetzt die Briefe schreiben, sagte sie; früher habe sie leider nicht Zeit gefunden; wie sie sehe, werde aber das Gewölbe geschlossen, es sei also wohl nicht mehr möglich?

Mylius zog die Uhr und überlegte. Ulrike erkannte sehr genau, dass er auf sie gewartet hatte und längst mit sich im reinen war. Sehr freundlich, dass sie sich erinnere, antwortete er; für ihn sei es nicht zu spät, für ihn gebe es keine Feierstunde; ob sie sich in sein Privatbureau bemühen wolle?

Er wies nach hinten und sie folgte ihm. Dem Diener gebot er, die Lichter im Gewölbe brennen zu lassen, den Gasometer werde er selbst zudrehn. Dann ging er noch einmal hinaus und gab ihm mit leiser Stimme einen Befehl. Wieder in dem engen, von zwei grünbeschirmten Lampen erleuchteten Kontor angelangt, entnahm er einer Pultlade ein paar vollbeschriebene Blätter und reichte sie Ulrike. Es waren die deutschen Texte zu den Briefen, die sie übersetzen sollte. Sie liess sich auf einem der beiden Schraubstühle nieder, dem Platz des Bebrillten offenbar, denn Mylius sass auf der gegenüberliegenden Seite des Doppelpultes, und fing an zu lesen. Das eine Schriftstück betraf den Verkauf der Einrichtung aus einem herzoglichen Schloss, das andere die Erwerbung zweier Bilder, eines Watteau und eines Turner. In beiden Fällen handelte es sich um bedeutende Summen. Mylius hatte den Stummel einer ausgebrannten Virginiazigarre im Mund, er rauchte aus Sparsamkeit meist kalt, addierte halblaut Zahlen in einem Heft und schien Ulrikes Anwesenheit vergessen zu haben. Doch entging es ihr nicht, dass er bisweilen einen forschenden Blick auf sie warf.

Sie legte die Blätter weg. Es würde zu lange dauern, wenn sie das heute noch machen sollte, sagte sie; es seien ja ganze Prozessschriften; darauf sei sie nicht gefasst gewesen.

„Fangen Sie heute wenigstens an, morgen ist auch ein Tag,“ antwortete Mylius unzufrieden; „oder haben Sie die Lust schon verloren? Hätte mirs denken können. Junge Damen haben was anderes im Sinn.“

„Stimmt diesmal zufällig,“ sagte Ulrike; „aber es ist nichts Erfreuliches. Erlauben Sie, dass ich ohne Umschweife davon rede. Wollen Sie mir zuhören oder soll ich warten, bis Sie mit dem Zusammenzählen fertig sind?“

Mylius hob den Kopf. „Bitte höflichst, Verehrteste,“ sagte er mit unangenehmem Glitzern im Blick, „was steht zu Diensten?“

„Wüsst ich nur, wie ichs vorbringen soll,“ begann Ulrike mit einem fast salbungsvollen Ton von Bescheidenheit; „ich meine die Geschichte mit Lothar. Unterbrechen Sie mich nicht, begehren Sie nicht auf, es kann mir nicht einfallen, mich in Ihre Erziehungsmassregeln zu mischen. Es war ein leichtsinniger Streich, und der Bub hat die Lehre verdient, die ihm zuteil geworden ist. Wenn einer meiner Brüder so was angestellt hätte, der Vater hätte ihn zu Brei zerschlagen. Ein belgischer Baron Saville, den ich kannte, hat seinen zwanzigjährigen Sohn, weil er sich mit Wucherern eingelassen hatte, vier Monate lang bei Wasser und Brot in das Verliess seiner alten Burg gesperrt; erst die Polizei musste ihn befreien. In London hab ich einmal zugesehn, wie ein Metzger einem verhungerten Köter, der ihm eine frisch-abgeschnittene Hammelrippe vom Hackblock stibitzte, das Beil nachschleuderte und ihm den Schädel zerspaltete. Der Mann war in seinem Recht. Hammelrippen sind heilig, besonders in England, und müssen verteidigt werden. Jeder wehrt sich wie er kann. Hierzulande ist man wehleidiger als anderswo; so eine Mutter hierzulande schreit gleich Zetermordio, wenn man das Söhnchen unsanft beim Schopfe packt. Ich hab was übrig für die Leute à la Saville, und die Köter, die auf Diebstahl ausgehn, sind mir verhasst.“

„Bravo, mein Fräulein, an gesundem Menschenverstand fehlt es Ihnen wahrlich nicht“, entgegnete Mylius, ohne den heimlichen Hohn in Ulrikes Worten zu spüren. „Alte Erfahrung: mit einem Menschen, der etwas von der Welt gesehn hat, lässt sich reden. Ich sage Ihnen, der Junge hat den Teufel im Leibe; was ist zu tun? Den Teufel hat man bekanntlich schon in alten Zeiten durch Prügel ausgetrieben. Man muss das Leck verstopfen, will man das Schiff vorm Sinken bewahren.“

„Ist wahr,“ nickte Ulrike, und der bescheidene Ton wurde geradezu unterwürfig; „bei Ihnen kann man lernen. Immerhin, das Malheur war geschehen, der angerichtete Schaden musste gutgemacht werden. Der Stock, so nützliche Dienste er geleistet haben mag, ist noch kein Zahlmeister, und die Ehrenreichs brauchten ihr Geld. Frau Christine hatte das Geld nicht, also hab ich mich zur Hilfe erboten und es vorgestreckt. Seien Sie nur ganz getrost, ich werde Sie nicht darum mahnen, ich weiss, dass es Ihnen schwer fiele, einen solchen Betrag unvorbereitet aus dem Geschäft zu nehmen; ich kenne das, habe ja selbst in den engsten Verhältnissen gelebt, man ist nicht alle Tage bei Kasse, Schulden da und dort, erst schindet man sich um den Taler, dann fliegen zwanzig zum Schornstein hinaus. Das verfluchte Geld; wie edelmütig könnte der Mensch sein, wäre nicht das Geld. Zu danken haben Sie mir nicht, ich tu es aus Freundschaft, Zinsen verlang ich keine. Sie unterschreiben einen Zettel: ich schulde an Ulrike Woytich oder deren Rechtsnachfolger achtundvierzig Gulden fünfzig Kreuzer, die ich zurückerstatten werde, sobald ich in der Lage bin. Sie können auch in Raten zahlen; wie Sie wünschen, wie es Ihnen am besten passt. Nur möchte ich bitten, dass Sie über unsere Verhandlung zu Hause schweigen. Es ist Ihnen doch nicht lästig, dass ich so offen mit Ihnen rede?“

Die Frage klang ausserordentlich treuherzig, und Ulrike griff gleich nach einem Stück Papier und dem Federhalter, um den Schuldschein auszufertigen. Sie wusste, dass es nicht dazu kommen würde. Mylius schob den Stummel vom rechten Mundwinkel in den linken und biss mit den kleinen gelben Zähnen grimmig in das zerkaute Ende. Ulrike tat, als bemerke sie es nicht. „Es ist eben schwer für einen Mann,“ sagte sie elegisch, wie zu sich selbst; „mein Gott, in heutiger Zeit. Zahlreiche Familie, Ladenmiete, Wohnungsmiete, Steuern, Gehälter, ein gewisser Schein von Wohlhabenheit und Kreditfähigkeit muss aufrechterhalten werden; ein paar hundert Gulden will man zurücklegen für Krankheitsfälle oder Extratouren; das alles aufzubringen, ist keine Kleinigkeit. Wenn man ein junger Mensch ist, na ja, da verträgt man einen Puff, da schlüpft man so mit durch, aber in gesetzten Jahren und mit solcher Last und soviel Existenzen auf dem Buckel, da ist es bitter.“ Sie seufzte. „Könnt ich Ihnen nur helfen!“ brach sie aus und schlug auf das Pult, „wär ich doch kein Frauenzimmer!“

Mylius erhob sich. Er schritt eine Weile zwischen dem eisernen Ofen und dem Geldschrank hin und her, und Ulrike beobachtete ihn neugierig. Plötzlich blieb er stehen, wandte sich zu ihr und sagte lakonisch: „So ein einfältiges Geschwätz hab ich all meine Tage nicht gehört.“ Er kicherte.

Ulrike machte ein erstauntes und beleidigtes Gesicht.

„Kommen Sie mal mit mir,“ fuhr er fort und winkte ihr mit dem Finger; „ich will Ihnen mal was zeigen.“ Er ging voran und führte sie quer durch das vordere Gewölbe, in dem die Lichter brannten, in einen finstern Raum, der seitlich davon lag. Er zündete zwei Gasflammen an und sagte in gönnerhaftem und humoristischem Ton: „Jetzt passen Sie auf, Sie unschuldsvolle Seele. Sehen Sie den Schrank da?“ Er deutete auf ein riesiges wurmstichiges Möbelstück, das schwarz neben der Tür aufragte.

„Ja; ein alter Kasten, gewiss,“ antwortete Ulrike harmlos; „auf dem Trödelmarkt gibts viele von der Art. Was ists mit ihm?“

Mylius lachte. „Es ist ein Augsburger Schrank aus der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, Herzchen. Ich habe ihn auf einer Auktion in Stuttgart um achtzehntausend Mark erstanden. Er ist mehr als das doppelte wert. Die geschnitzten Engel sind allein eine Kostbarkeit.“

„Achtzehntausend Mark?“ rief Ulrike mit dem Ausdruck vollkommensten Unglaubens; „was soll denn an dem verräucherten Brettergestell achtzehntausend Mark kosten? Mir können Sie leicht einen Bären aufbinden. Um das Geld kann man ja das ganze Zeug, das da herumsteht, beim Juden erhandeln.“

Mylius lachte bloss. Er geriet nun in eine wunderliche Geschäftigkeit. Er schleppte einen Stuhl mit geschnitztem Wappen herbei und sagte, der sei aus dem Palazzo Strozzi in Florenz und für Sammler eine begehrenswerte Rarität. Wenn sie ihm fünftausend Gulden dafür biete, sei er ihm noch nicht feil. Er führte sie zu einem Reitsattel, der eine verschossene Samtdecke und Verzierungen aus Elfenbein hatte und aus der Zeit der Maurenherrschaft in Granada stammte; dafür habe er siebentausend Gulden auf den Tisch gelegt. Er zeigte ihr eine Bronzefigur von Riccio, Kopf des schlangenhaarigen Neides, und meinte, wer die besitze, könne sich ins Fäustchen lachen; er wies ihr Medaillen von Pisanello und Miniaturen von Füger und Isabey und sagte, die repräsentierten, wie sie sie da sehe, ein ganz stattliches bürgerliches Vermögen. Während sie noch in Betrachtung stand, kam er mit einem Becher, bei dessen Anblick sie stutzte, denn er war aus purem Gold und Mylius sagte, es sei ein Gefäss von Jamnitzer, einem berühmten Meister der deutschen Renaissance, und sei nicht für fünfzigtausend Gulden zu haben. Dann zog er sie am Ärmel zu einer Vitrine; in dieser befand sich etwas Merkwürdiges, ein winziges Bett mit entzückend geschnitzten Elfenbeinengeln und einem Baldachin, von dem ihr Mylius mitteilte, er sei aus echtem Genueser Samt, einem der seltensten Stoffe der Welt; das Ganze sei das Puppenbett einer burgundischen Prinzessin aus der Zeit Karls des Kühnen, ein Museumsstück von unermesslichem Wert, das er durch Zufall an sich gebracht.

Ulrikes Augen bekamen einen gierigen Glanz, den sie zu verbergen bestrebt war. Allmählich war ihr die Lachlust vergangen. Das Puppenbett der burgundischen Prinzessin gefiel ihr. Sie konnte den Blick nicht losreissen. Sie prägte sich die Formen und Figuren ein. Es erwachte ein neuer Instinkt in ihrer Brust, ein neues, aus Aberglauben, Verlangen, Scheu und Wertahnung gemischtes Gefühl für die schmückenden Dinge, die leblosen, mit Vergangenheit beladenen, an Vergangenheit gebundenen Dinge, von denen ein jedes einzig in seiner Art war, jedes den Wunsch der Wissenden ausmachte, jedes ein Stück Reichtum in sich trug und infolgedessen Schutz und Sicherheit verschaffte gegen die Not und gegen die Gewöhnlichkeit. Das Puppenbett der burgundischen Prinzessin mit den zierlichen Säulchen und dem Samtbaldachin wurde ihr zum lockenden Bild einer unbekannten Welt, und beinahe hätte sie die Hände ausgestreckt, um es zu nehmen und zu behalten, so unabweisbar hatte sie die Empfindung: das ist für mich bestimmt, das gehört mir und gehört zu mir.

Sie hütete sich aber, hiervon etwas merken zu lassen, auch lenkte Mylius’ Gebaren ihre Aufmerksamkeit völlig auf seine Person. Er kramte in Truhen, Fächern, Schubladen, schleppte Dutzende von Gegenständen herbei, erklärte, deutete, bewunderte, forderte sie auf zu bewundern, nannte Preise, berichtete, wo er dies entdeckt habe, welche Geschichte hinter jenem lag, wer es veräussert habe, wer es zu erwerben trachte, nannte Namen von Herzogen und Herzoginnen, Fürsten und Fürstinnen, Grafen, Baronen, grossen Herren aller Länder, zitierte Gespräche mit ihnen, schilderte die Mühen und Listen, deren es bedurft, um eine Schale, ein Service, einen alten Schreibtisch, eine Schmiedearbeit, ein Gemälde in seinen Besitz zu bringen. Er war verwandelt, ein Mensch von anderer Kategorie als der, den sie in ihm zu sehen gewohnt war; seine Miene hatte etwas still Verliebtes und Gehobenes wie bei einem Trophäenträger; das allein schon hätte Ulrike Vorstellung und Begriff von dem Wert der aufgehäuften Altertümer gegeben, auch wenn sie minder weltläufig und unbelehrter gewesen wäre, als es ihr passte, sich zu stellen. Sein Lächeln war gutmütig-spöttisch, als wollte er sagen: du hast dich getäuscht, Armselige, bekenne nun deine traurige Ignoranz. Er hatte gleitende, geschmeidige, streichelnde, sachtreue Bewegungen, die Hände umfassten das einzelne mit stolzer Sorgfalt. Da war ein Ding, das einer Königin zu eigen gewesen war; da eines, an dem das Schicksal eines grossen Geschlechtes hing; da eines, das von der Verarmung eines ehemals glänzenden Hauses zeugte; da eines von unbekannter Herkunft, bedeutend und anziehend nur für Kenner. Mylius betastete sie, schätzte sie ab, klammerte sich mit den Blicken an sie, kannte ihre verborgenen Merkmale, ihre geheimen Fehler, wusste um ihre Einzigkeit oder ob der Wert verringert war durch Duplikate, Pendants und Nachahmungen, hielt Zwiegespräche mit ihnen, als seien sie lebendige oder schlummernde Geschöpfe, warf eine Anekdote hin, die an diesem haftete, ein historisches Ereignis, das jenes erhöhte und beleuchtete, einen langwierigen Prozess, der um ein drittes geführt worden war. Da war eine mit Halbedelsteinen besetzte Kette aus erstaunlicher Silberfiligranarbeit; wie er sie wog; wie er sie bedächtig auf die Stoffunterlage breitete; er sagte, sie sei einst Eigentum der schönen Fürstin Sapieha gewesen; als wenn er sie um den Hals der Fürstin legte, war die Gebärde, als wenn mit der Kette auch die Fürstin selbst sein geworden wäre und er Macht hätte über ihre abgeschiedene Seele oder sie auferstehen lassen könnte aus dem Grab.

Es war Äusserung von Macht. Zum erstenmal erfuhr Ulrike zu innerst und im tiefsten Kern, was Besitz ist. Dieser Mann besass! Alle diese Gegenstände waren sein, weil er in allen lebte, in allen herrschte, sie alle durchdrang, durchwirkte, durchblutete. Dieser alte Mann war unnahbar, unangreifbar durch Besitz, und durch Besitz wuchs er in ihren Augen zu gewaltiger Grösse.

Aber sie hätte sichs nie verziehen, wenn sie das geringste hiervon hätte wahrnehmen lassen. Was sie da sah und gesehen hatte, galt nicht und entschied nicht für sie. Ihr war nötig Einblick, Überblick, Zahl, Bestimmtheit, Mass und Unbezweifelbarkeit. Mit ihren aufgestachelten Sinnen witterte sie aufs schärfste, dass alles, was er ihr dargeboten und gewiesen, etwas anderes verbarg, Wichtigeres noch, dass es nur das Fundament war, über dem sich ein Gebäude erhob, dessen Umfang und Höhe sie nicht zu erkennen vermochte, weil er es wie ein Zauberer den Blicken der Menschen entrückt hatte, zu dem er ihr aber den Zutritt je früher freigeben würde, je blinder sie sich stellte.

Es war indessen acht Uhr geworden, und Ulrike sagte, sie müsse nach Hause, sie wolle ihn nicht länger stören. Mylius schüttelte den Kopf. Er habe seiner Frau Botschaft durch den Diener geschickt, dass er spät oder gar nicht zum Essen kommen würde, antwortete er; habe ausrichten lassen, er habe eine Besprechung mit einem Geschäftsfreund, der morgen früh wieder abreise. Warum das? fragte Ulrike verwundert, es laufe ja seiner ehrwürdigsten Gewohnheit entgegen; man wisse ja, dass er in Jahren nicht den Abend ausserhalb der Familie verbracht habe; was ihn denn eigentlich verhindere, nach Hause zu gehen? Es sei nun so, antwortete er, plötzlich mürrisch geworden; er habe sichs schon gestern vorgesetzt, als sie ihm ihr Kommen angekündigt, und als sie in den Laden getreten, sei es beschlossen gewesen. Es wäre etwas zwischen ihm und ihr, das hätte erledigt werden müssen. Also ihretwegen? fragte Ulrike noch verwunderter; es schmeichle ihr natürlich ungemein; sie könne sich nicht denken, worauf er es beziehe; meine er den Trödelladen, mit dessen Inhalt er sie eben bekannt gemacht, sie sagte es in absichtlich geringschätzigem Ton, so müsse sie gestehen, es habe sie interessiert, mal so was zu besichtigen, aber damit seien sie ja nun fertig, und er brauche zu Hause das Essen nicht versäumen. Mylius schien geärgert; er entgegnete, um sein leibliches Wohl möge sie sich nicht sorgen, er habe ein paar Brote in die Tasche gesteckt und werde sie jetzt mit ihrer Erlaubnis verzehren. Er zog ein nicht ganz sauberes Päckchen aus der Rocktasche, wickelte es auf, es enthielt drei mit Wurst belegte Semmeln, und reichte es ihr auf der flachen Hand. Sie dankte; sie ihrerseits müsse heim, sagte sie und schickte sich an, durch den vorderen Raum ins Kontor zu gehen, um Mantel und Hut zu holen.

Dieser ganze banale Wortwechsel war von Ulrike aus eine höchst geschickt inszenierte Komödie.

Mylius folgte ihr langsam. Er verwandte kein Auge von ihrem Gesicht. Sein Blick war unruhig und finster. Als sie nach dem Mantel griff, sagte er: „Sie irren. Wir sind durchaus noch nicht fertig.“

„Wieso?“ fragte sie, erschrocken tuend, „soll ich vielleicht noch mehr Trödel bestaunen? Genug für heute.“

Mylius würgte den Bissen, den er im Munde hatte, hinunter und sagte erbost: „Trödel? Trödel? Das Wort scheint Ihnen Spass zu machen. Sie haben also nicht begriffen, was der Trödel ist und was dahintersteckt? Ist in dem geehrten Köpfchen zu wenig Platz also. Das geehrte Köpfchen kann nicht fassen, dass der Trödel eine ungeheure Lebensarbeit veranschaulicht und in sich schliesst? Schade. Hätte das geehrte Köpfchen für klüger gehalten.“

„Lassen Sie mein Köpfchen gefälligst aus dem Spiel“, fuhr ihn Ulrike missmutig an. Dann, nach einer Pause, sagte sie, es sei Maulwurfswesen. Staub sei es, Wurmfrass, Verfall, Überbleibsel, Allerweltshausrat. Dass Hunderttausende in dem Ramschmagazin steckten, wolle sie nicht leugnen, dürfe sie auch nicht bezweifeln, aber das sei, wie wenn man Goldkörner aus einem Berg graben wolle. Wer habe was von den Hunderttausenden? Er allein habe Freude davon. Doch das sei Narrenfreude nur, denn er gönne sich ja nicht die Butter aufs Brot. Es seien auch bloss eingebildete Werte, abhängig vom Belieben der Sonderlinge und der ridikülen Laune reicher Dummköpfe. Heute Mode, morgen Moder. Eine Zufallswoge treibe den Preis empor, eine andere stürze ihn. Handel sei soviel wie Borg; man setze die Dinge gegeneinander zum Pfand. Das sei nichts Festes, nichts wobei man sagen könne: das und das hab ich, keiner kann mirs streitig machen und keiner wegnehmen, darum muss ich nicht zittern in der Nacht, nicht Diebe und Feuer fürchten, es steht da wie ein Turm. Ihr imponiere bloss das Feste; sie sei für den Turm und nicht für Ramsch. Und wenns noch zehnmal soviel Trödel wäre und hundertmal so kostbar, es könne ihr nichts bedeuten, nicht mehr als schillernde Seifenblasen, die ja auch aus trübem Wasser entstünden. Er wiege sich vielleicht in der Illusion, er schwimme in Reichtümern, aber sie wisse recht gut, dass er sich selber keinen Glauben beimesse und es in seinem Innern für eitel Blendwerk halte. Wie käme es denn sonst, dass er ein Leben führe wie ein Armenhäusler und den eigenen Sohn wegen jämmerlicher fünfzig Gulden zuschanden schlage? Er möge ihrs nicht übelnehmen, aber sie müsse reden, wie ihr der Schnabel gewachsen sei, und ihr widre nun einmal gründlich vor der Armenhäuslerluft um ihn herum. Ihr widre einerseits, andererseits daure er sie, daure sie die Frau, dauerten sie die Kinder.

Mylius entgegnete nichts. Er ging hin und her, hin und her, unablässig. Die Stimme, die da sprach, verursachte ihm eine ungewohnte Pein. Sie durchwühlte ihn; es war, als schabe sie ihm die Haut vom Leibe, aber er erinnerte sich nicht, je eine so sonderbare Lust beim Anhören einer Stimme verspürt zu haben. Sie versetzte ihn in einen Rausch von Zorn und Hass, doch Zorn und Hass mündeten in jene Lust. Er fühlte manchmal ähnliches, wenn er unerkannt eines seiner Häuser betrat, die irgendwelchen Strohmännern zugeschrieben waren, aber in Wirklichkeit ihm gehörten, ihm vom Dach bis zum Keller, und wenn ihn niemand grüsste, niemand beachtete, während doch jeder einzelne in Devotion erstorben wäre, hätte er gewusst, wer der unscheinbare Fremdling war. Darauf eben war seine Existenz gegründet, ihr Verführerisches, ihr Gefährliches, auf das Harun-al-Raschid-Sein, das heimliche König-Sein, Fülle der Gewalt zusammengepresst in einen unscheinbaren Kern, so dass Wirklichkeit schon beinahe Traum wurde und die Stunden des Tages sich in Zauberspiegel verwandelten, die der Welt eine armselige Lüge, ihm aber die berückende Wahrheit zeigten.

Die Stimme war ein Verdichtetes von vielen Stimmen auf dem dreieinhalb Dezennien langen Weg zum Ziele. Er hatte keiner das Ohr geliehen; er hatte es verstanden, hart und fest zu bleiben. Man konnte behaupten, sein Herz habe sich nicht geregt in dreieinhalb Jahrzehnten; seine Sinne hatten einem zugefrorenen See geglichen. Diese Stimme rief ihn anders an; er konnte nicht umhin, ihr zu lauschen. Sie verhiess etwas; sie hatte ein dunkel-ehernes Metall; und wenn es bloss wäre, dass man sie vor Erstaunen verstummen machen konnte: herrlichster Augenblick. Er ging hin und her, hin und her, lauernd, furchtsam, unschlüssig. Da sagte Ulrike: „Vergessen Sie nicht, den Schuldschein zu schreiben; dass ich eine Sicherheit haben muss, werden Sie einsehen.“

Erst verzerrte sich sein Gesicht vor Ärger, dann kicherte er. Er schritt zum Geldschrank, öffnete die angelehnte schwere Stahltür, entnahm ihm ein grüngegittertes Körbchen, das mit Silbergeld angefüllt war, stellte es auf das Pult und zählte mit ungeduldig stossenden, gehässigen Handbewegungen achtundvierzig Gulden fünfzig Kreuzer vor Ulrike hin, immerfort boshaft kichernd, da er wusste und wünschte, dass ihr die Unterbringung so vieler Münzen lästig fallen würde.

Ulrike zählte nach, langte nach ihrem Stoffbeutel und schob seelenruhig das ganze glockentönende Geld hinein.

Nun herrschte eine Weile Schweigen. Mylius setzte sich auf seinen Drehstuhl und verschränkte die Arme. Er knirschte ein wenig mit den Zähnen und fragte plötzlich, indem er sie starr ansah, ob sie ihn für einen sehr einsamen Menschen halte. Sie besann sich und bejahte, doch in einer Art, als denke sie an etwas anderes. Ob sie eine Vermutung über den Grund dieser Einsamkeit habe? Sie runzelte die Stirn und war eine Sekunde lang über den Zweck des Verhörs im unklaren, aber nur eine Sekunde lang; eine minder scharfsinnige Person hätte durch Befremdung oder zur Schau getragene tugendhafte Frostigkeit einen kaum mehr gutzumachenden Fehler begangen. Sie entschloss sich, wieder die bescheidene, gelehrige Miene zu zeigen, und lächelte aufmerksam. Mylius sagte, seine Einsamkeit rühre her von der Furcht; Furcht vor den Menschen, Furcht vor ihrem Neid, ihrer Neugier, ihrer Habsucht, ihrer Begehrlichkeit.

Er hielt inne, um den Eindruck seiner Worte zu beobachten. Ulrike sagte nichts. Die Finger der rechten Hand spielten mit dem Korallenkettchen am Gelenk der linken. Ihre Augen waren gesenkt, das Herz klopfte heftig.

Er wisse nicht, ob sie Vertrauen verdiene, fuhr er fort; wäre er überzeugt, dass er sich auf ihre Verschwiegenheit verlassen könne, Verschwiegenheit, die unbrechbar sein müsste wie Gold, so würde er ihr etwas eröffnen, was er noch keiner Menschenseele eröffnet. Sie werde also begreifen, dass es sich um ein Vertrauen höchsten Grades handle, ein erprobtes und bewiesenes; aber obschon er sie für ein ungewöhnliches Frauenzimmer halte, ungewöhnlich durch Schicksal wie durch Charakter, in dem Punkt habe er seine Bedenken, das mache ihn zaudern.

„Soll ich mich selber rühmen?“ fragte Ulrike; „hab ich ein anderes Zeugnis als mein Gesicht und meine Augen? Und wenn ichs hätte, wärs glaubwürdiger als die? Für die Welt ist der Mensch, was er scheint, aber wer die richtige Nase hat, wird dann auch nicht enttäuscht von dem, was er ist. Ich seh mir die Leute immer besser an, als sie mich ansehn, dadurch bleibt mir ein Vorteil in der Hand. Verschwiegenheit ist zuweilen ein gutes Geschäft, zuweilen ein schlechtes. Ich kann von einem schlechten erzählen. Meine erste Stellung in Brüssel war bei einer Baronin Desmarest; sie lebte mit ihrem Mann im Scheidungsprozess, und es war noch ungewiss, wem die Kinder zugesprochen würden. Die Frau hatte die geringeren Aussichten, die Kinder, zwei engelschöne Geschöpfe, die der Baron über die Massen liebte, befanden sich aber noch bei ihr. In der Angst, sie zu verlieren, fasste sie den Entschluss, sie aus dem Hause zu geben; das geschah in grosser Heimlichkeit. Sie brachte sie zu ihrer alten Amme in ein Dorf bei Rouen, und ich begleitete sie auf der Reise, war also der einzige Mensch, der den Aufenthalt der Kinder kannte. Die Baronin war eine äusserst launenhafte Dame; die Trennung von den Kindern und die Angst vor dem Gerichtsbeschluss, der dann auch wirklich zu ihren Ungunsten ausfiel, verstörte ihr Gemüt, und das gute Einvernehmen zwischen mir und ihr endete eines Tages mit einem Streit, den sie vom Zaun brach und in dessen Verlauf sie mich gröblich beleidigte. Sie hatte es darauf angelegt, dass ich Knall und Fall das Haus verlassen musste, da sie seit der Scheidung in bedrängten Umständen war und sich schämte, mir zu gestehen, dass sie mir nicht einmal mehr den Gehalt bezahlen konnte. Ich hatte keine fünf Franken im Vermögen, ein anderer Posten wollte sich nicht finden, ich führte wochenlang ein Leben zum Gotterbarmen, und es kam vor, dass ich in Tagen nicht ein Stück Brot zu essen hatte. Also Hunger, nackter blöder Hunger. Da erschien eines Morgens der Baron Desmarest bei mir; weiss der Himmel, wie er es fertig gebracht hatte, meine Wohnung zu entdecken. Er wollte mich dazu bewegen, dass ich ihm verriet, wo die Kinder hingeschafft worden waren, nach denen er seit dem gerichtlichen Spruch unablässig, aber vergeblich, gesucht hatte. Ich weigerte mich. Die erste Unterredung war nur kurz, doch er kam wieder. Er erschöpfte sich in Bitten und Argumenten, er bot mir Geld, eine beträchtliche Summe, er versprach, meine Zukunft sicher zu stellen, er weinte und tobte vor mir, ich liess mich auf nichts ein und sagte, das könne ich vor der Mutter nicht verantworten. Wie die Geschichte ausging, weiss ich nicht; es gelang mir ein paar Tage darauf, ein Unterkommen zu finden, und ich war nun doppelt froh, dass ich mich nicht verkauft hatte. Eher noch hätt ichs für die guten Worte tun können als für Geld; ich mochte nicht, vielleicht aus Eigensinn nicht, vielleicht aus esprit de corps nicht, denn die Männer haben fast immer Unrecht gegen die Frauen, auch wo das Recht auf ihrer Seite ist. Sie sehen also, schweigen kann ich; ich muss nur wissen, was auf dem Spiel steht.“

Mylius nickte mehrmals düster versonnen. „Freilich,“ murmelte er, „um Bagatellen verlohnt sich kein Eid. Auch besteh ich nicht auf einem Eid. Ein Handschlag ist oft besser und bindet stärker. Was auf dem Spiel steht? Weiss nicht. Ich weiss bloss, dass mich die Last zu drücken anfängt. Das Netz wird eng; der Fäden sind zu viele. Bisweilen verlangt mich nach einem Menschen, zu dem ich sagen kann: da und da haperts, was soll geschehen? da und da hab ich meine liebe Not, ich tue das und das, ists gut so? Der oder die Betreffende brauchte nicht zu antworten. Nötig ist, dass er hört und versteht. Haben Sie draussen im Laden die marmorne Grabstele gesehn? Es soll der römische Kaiser Septimius Severus sein, behaupten die Archäologen. Vor den postier ich mich manchmal hin und red ihn an. Frag ihn zum Beispiel, ob ich den Anbau zu dem Haus auf der Rossauerlände dazukaufen soll; ob die Sägemühle bei Mönchskirchen nicht mehr Nutzen abwerfen würde, wenn man das Stauwerk höher legte; ob es geraten ist, den Duborczinschen Wald zur Hälfte schlagen zu lassen; bricht Krieg aus, ist der ganze verloren. Wenn ich nachts aufwache, stürmen die Gedanken wie ein Rudel Wölfe auf mich ein. Der Verwalter auf dem Landskroner Gut scheint kein ehrlicher Mann zu sein; ein anderer, unter dessen Namen der Gleichenberger Meierhof gekauft worden ist, fordert Provision über die Gebühr und man muss ihm den Standpunkt klar machen; statt für fünfzehntausend Pfund englische Konsols hätte man vielleicht nur für zehntausend kaufen und für den übrigen Betrag afrikanische Minenpapiere anschaffen sollen, die jetzt soviel versprechen; der Verkauf der Petroleumaktien war übereilt, sie steigen sicher noch im Kurs; so muss man alles mit sich selber abmachen. Wen sollte man einweihen? Die Frau? die würde mit den Ohren von allen ihren Kindern hören, und bin ich nicht jetzt schon der Rabenvater, der seine Familie darben lässt, weil er kein Gefühl für sie hat? Sie selber haben mirs ja eben an den Kopf geworfen. Aber die mag ich nicht zu Mitwissern haben, die von mir zehren wollen. Was ich aufgerichtet habe, ist für künftige Zeiten aufgerichtet, es ist mein, verstehen Sie? ausschliesslich mein. Da gibt es keine Blutsbande, keine väterliche Schwäche, keine sentimentalen Rücksichten, das lass ich mir nicht wegdisputieren, sie haben zu leben, sie haben ein Dach überm Kopf, das andere ist mein. Aber nehmen wir an, ein Mensch gräbt im Dunkeln, im Innern der Erde fördert er gigantische Schätze und ist sich dessen bewusst; trotz dieses Bewusstseins kommt es wie Geistesverwirrung über ihn und er verliert den Massstab, den Blick, er wünscht, dass ein Strahl Licht auf sein Getanes fällt, dass einer, den er achtet und der ihn nicht erkennt, die Meinung über den einsamen Wühler gründlich ändern muss und zur Einsicht kommt: der alte Mylius, aufgepasst, ist kein Stück Dreck am Weg, das man mit dem eleganten Fussspitzchen beiseite schleudern kann; ihr täuscht euch, ein Block ist er, ein Berg ist er, ein Gebirg ist er, aufgepasst, sonst rennt ihr euch die Schädel ein. Sehen Sie, das ist mein Fall. Neun Millionen Gulden hab ich mir errungen, errungen, so darf ichs wohl nennen; und Sie, mein liebenswürdiges Kind, halten mich für einen Bettler, dem man achtundvierzig Gulden fünfzig Kreuzer mitleidig borgen muss.“

Er stiess ein meckerndes Gelächter aus, und Ulrike, die überzeugt war, dass er plötzlich verrückt geworden sei, sah ihn an und musste gleichfalls lachen.

„Nun, was sagen Sie jetzt?“ fragte er, indem er sich vor ihr aufstellte, die Arme auf die Hüften gestemmt, den Kopf zurückgeworfen.

„Ich sage, dass Sie ein bisschen übergeschnappt sind und dass Sie sich ins Bett legen und ein beruhigendes Pulver nehmen sollten“, antwortete Ulrike unwillig.

„Dacht es mir“, nickte Mylius grinsend. „Solche Zahl hat etwas als ob einen der Donner anrührte. Dacht es mir, dass Sie glauben würden, es sei in meinem Uhrwerk da oben nicht recht richtig. Ist auch ganz in der Ordnung so, denn für Aufschneiderei und Zungengeläufigkeit eines Möchtegern und Gernegross könnte das nicht mehr gelten. Liegt schon jenseits der Grenze. Würde mich an Ihrer Stelle nicht anders verhalten. Aber Gott sei Dank gibt es ja Beweise, und sogar unumstössliche Beweise. Was hätte es auch für einen Sinn gehabt zu reden, wenn ich nicht dokumentarisch belegen könnte, was Ihnen so ungeheuerlich, so hirnverbrannt scheint, meine Gute, meine Teure.“

Er liess sein unleidliches Kichern hören, ging abermals zum Geldschrank, holte aus dem oberen Fach ein umfängliches blaues Kuvert heraus und entnahm diesem einige Bogen Papier, die er mit zitternden Fingern auseinanderfaltete und Ulrike dicht vor die Augen hielt. „Was ist das?“ fragte er heiser und gebieterisch; „was ist das? Ein Testament, nicht wahr? Ausgefertigt, eigenhändig unterschrieben, notariell beglaubigt und mit dem Amtssiegel versehen: wann? Am zweiten Januar dieses Jahres. Gut. Was steht hier, am Schluss der fünften Seite, das da, was als Endresultat mit roter Tinte doppelt unterstrichen ist, was steht da? Lesen Sie! Lesen Sie laut!“

Ulrike las gehorsam vor: „Gesamtstand meines Vermögens am heutigen Tage Summa Summarum: neun Millionen einhundertdreiundzwanzigtausend Gulden.“

Ulrikes Gesicht wurde so weiss wie das Blatt vor ihr. Die Stimme brach und verlor sich in ein rauhes Gurgeln. Die Augen nässten sich, wie sie oft unter dem Einfluss des Grauens oder der tragischen Erschütterung feucht werden. Sie schaute Mylius leeren Blickes an, verstummt, regungslos, atemlos.

Diese Wirkung hatte Mylius erwartet, genau diese hatte er ersehnt. Seine Züge vergrösserten sich, ein fast irres Leuchten der Freude war in ihnen, etwas wie die glückliche Befriedigung eines Liebenden, der endlich Erhörung gefunden hat; er zog einen Stuhl ganze nahe zu Ulrike heran, setzte sich, blätterte hastig in den zusammengehefteten Bogen, deutete mit dem knochigen Zeigefinger auf einzelne Stellen, und seine Stimme klang sonderbar zärtlich, während er redete. „Sie sehen, meine hochgeschätzte Dame und Freundin, wie diese nicht unbeträchtliche Ziffer zustande gekommen ist. Es gesellt sich eben eines zum andern, sachte, sachte, keiner merkts, auf einmal läufts in die Milliönchen. Schöne Milliönchen, brave Milliönchen. Hat mans in Jahren und Jahren mit Fleiss und Geduld und Wachsamkeit und Sparsamkeit und Spürsinn bis zur ersten gebracht, dann folgt die zweite, die dritte, die vierte und so weiter bald nach wie die Schäfchen dem Leithammel. Da haben Sie zunächst den Überschlag über das Ramschmagazin, wie Sie es zu betiteln beliebten; hier: Abteilung Mobilien und Liegenschaften. Eindreiviertel Millionen. Ist natürlich nur eine ungefähre Schätzung, da es sich um fliessende Werte und veränderlichen Bestand handelt, doch eher zu niedrig als zu hoch gegriffen. Dann die Häuser. Drei Häuser in der Stadt, darunter das, in dem die Wohnung ist, und das, in dem wir uns befinden; zwei in der Vorstadt. Grundbücherlich auf Decknamen eingetragen, doch mittelst sicherer Verträge insgeheim auf mich überschrieben. Eine Million achtmalhunderttausend. Der galizische Wald, zehntausend Joch: zwei Millionen. Das Gut, die Meierei, das Schloss Gleichenstein, der ehemalig gräflich Weissenwolffsche Besitz, in Summa: zwei Millionen zweimalhunderttausend. Zuletzt: Wertpapiere, Renten-titres, Aktien, Promessen, Pfandbriefe, Obligationen, Schuldverschreibungen und Wechsel, in Summa: eine Million dreimalhundertdreiundsiebzigtausend. Capito, mein Fräulein Ulrike Woytich?“

Er schaute sie betroffen an, denn was ihm antwortete, war kein menschlicher Laut, sondern ein eigentümliches Krächzen; zugleich brach aus ihren weitgeöffneten Augen eine diabolische Flamme, etwas Verheerendes, Gelbes, Jaguarhaftes, das seinen zärtlichen und wortreichen Fiebereifer plötzlich dämpfte. Noch war das unbegrenzte Erstaunen in ihren Mienen; der ungläubige Schrecken, der ihm schmeichelte; das Nichtfassenkönnen, Nichtausdenkenkönnen; die Starrheit wie bei der Erscheinung eines Phänomens, für das keine Einbildungskraft zureichte; aber alles dies sammelte sich, ohne dass sie die Regung zu beherrschen oder zu verschleiern vermochte, zu jenem masslosen Blick aus dem innersten Innern. Sie stand auf. Sie stotterte, ihr sei nicht wohl; er möge draussen aufsperren und sie fortlassen; sie müsse an die Luft; sie könne nicht mehr zuhören, nicht mehr sprechen; sie müsse erst alles überdenken und sich zurechtfinden. Dabei warf sie den Mantel über, nahm sich nicht die Zeit, den Hut aufzusetzen, griff nach dem vom Silbergeld beschwerten Beutel und lief wie gehetzt in das vordere Gewölbe. Mylius folgte ihr aufgeregt und ängstlich verwundert, kehrte aber zurück, um auch seinen Mantel und Hut zu holen, da schrie sie wie ausser sich: „Aufmachen! sofort aufmachen!“ und erschrocken gehorchte er.

Nun war sie auf der Strasse. Sie rannte ein paar Schritte. Dann blieb sie stehen und presste die Hände gegen die Brust. Dann rannte sie wieder. Achtlos trat sie in Schneepfützen; das Wasser spritzte empor. Dann blieb sie abermals stehen, drückte die Schultern zusammen und flüsterte inbrünstig, drohend, überwältigt, fliegenden Atems: „Neun Millionen Gulden!“

Eine Weile starrte sie stumm die nächtlich verödete Gasse entlang, dann sagte sie mit dunkler voller Stimme: „Jetzt, Ulrike, nimm alle Kraft zusammen. Jetzt gibts Arbeit und Lohn für dich.“

Indes ein wildes Lächeln ihre Lippen kräuselte, setzte sie ihren Weg fort, äusserlich ruhiger, doch erfüllt von stürmischen Gedanken und Erwägungen.

Eine halbe Stunde danach, es war zehn Uhr, läutete sie an der Wohnung des Hofrats.

Hier wird nicht geträumt

An den Gewohnheiten des Alten gemessen war es spät. Das ungestüme Ziehen der Glocke scheuchte zuerst die Smirczinska auf; sie erschien im Nachtkittel, struppig und erbost, und wollte Ulrike nicht einlassen. Der Streit artete in ein Handgemenge aus, der Lärm lockte den Hofrat herbei, gespenstisch hager stand er im grünen Schlafrock aus der Türschwelle. Ulrike drang mit Gewalt in sein Zimmer. Er maulte, doch wies er die keifende Smirczinska zur Ruhe. „Was fällt der Nachteule ein?“ schrie Ulrike; „bin ich so heruntergekommen, dass ich mich von diesem wackligen Knochengerüst beleidigen lassen muss? Schaffen Sie Ordnung zwischen mir und ihr, Onkel Klemens, sonst nehm ich den erstbesten Stuhl und schlag ihn an ihrem polnischen Querkopf entzwei.“

Der Hofrat maulte stärker. Er stelzte mit vorgestrecktem Hals wie ein schwarzer Storch um den Tisch herum und verschlang Luft. Sperrstunde, Bettzeit, Schlafenszeit; nichts war ihm so verhasst wie Störung. Ein Begriff von widerwärtig einschneidender Sinnfälligkeit: Störung. Ein österreichischer Begriff, Medusenfratze des Beamten. Was Ketzerei dem religiös Gläubigen, das war ihm Störung. Das, worauf man nicht vorbereitet war; was aus dem Gleichgewicht brachte; was nicht haargenau wie gestern war, mit einem Wort das Andere, das Neue.

Er hatte die Amtsherrschermiene in den Ruhestand hinübergetragen, diesen weltenalten Ausdruck von Reskriptverfassern und Aktenbestattern, den die Menschheit kennt wie ihre Zuchthäuser und ihre Friedhöfe. Wenn er am Fenster seiner düstern Wohnung sass und trübsinnig auf die Gasse blickte, auf die steinerne Madonna in der Mauernische gegenüber, auf den Bäckerladen und die Schusterwerkstatt, auf die Hüte, Mützen, Regenschirme und stapfenden Füsse der Passanten, hatte er noch immer das Gefühl, als bestehe das alles, weil er es erlaubt hatte, und als bedürfe es nur einer Urgenz oder eines Marginales, um es aus dem Fluss zu bringen. Dass er es nicht tat, hatte seinen Grund gleichsam darin, dass Störung vermieden werden musste.

Schon unter Metternich war er im Kanzleidienst gewesen. Er hatte noch, demütig gekrümmt, das schlau und süss lächelnde Diplomatengesicht des alten Gentz gesehen. Er hatte sich unter den bestellten Wächtern befunden, als die Revolutionsraben des Jahres 30 den ehrwürdigen Bau der Monarchie umkrächzten und dank den umsichtigen Vorkehrungen unverrichteter Dinge wieder in ihre gallischen Sümpfe zurückschwirren mussten. Er hatte im Jahre 48 die höchst gefährlichen Meutereien bändigen und ersticken geholfen, und als die Studenten aufs Glacis zogen, hatte er dafür plädiert, dass man die renitente Krapüle mit Kartätschen nach Hause schicke. Denn was war es? Störung. Er war unter Alexander Bach öffentlicher Zensor gewesen, hatte dabei täglich vor Augen gehabt, wessen die zuchtlosen Geister sich erfrechen, wenn man sie über Papier und Druckerschwärze unbehindert schalten lässt, und dem Literaten- und Zeitungsschmiererpack den Nerv abzuschneiden, war ihm Wonne gewesen.

Es gab nur einen einzigen Menschen in der Welt, der sich rühmen durfte, einen gewissen Einfluss auf ihn erlangt zu haben: Ulrike. Wodurch es gekommen war, wusste er nicht zu sagen, oder er hatte es vergessen; auch gestand er sichs nicht ein. Wenn er bloss ihre Schritte hörte, wurde ihm unbehaglich zumute, und am liebsten hätte er sich versteckt. Unter ihrem heftigen und durchbohrenden Blick befiel ihn eine Schwäche, deren er nicht Herr zu werden vermochte; ihr Auftreten, ihre Sprache, ihre boshaften Anspielungen, ihre unbekümmerte, ja unverschämte Kritik erregten seinen stummen, aber wirkungslosen Grimm. In ruhiger Gelassenheit hätte er seine Tage hinbringen können, wäre sie nicht gewesen; auch wenn sie fern war, erbitterte ihn der Gedanke an sie, an ihr respektloses Einbrechen in seine Existenz, an die Möglichkeit ihres plötzlichen Auftauchens, an die Störung, die sie in seinen Lebensabend gebracht hatte.

„Was ist nun wieder los?“ knurrte er sie an, als sie mit ihrer frech-gefälligen Fratze, wie er es im stillen nannte, vor ihm sass; „überfällt man einen alten Menschen bei nachtschlafender Zeit? Wozu treibst du dich noch in Wien herum? Befreie mich endlich von deinen lästigen Scherereien und Quertreibereien; mach dass du mir aus den Augen kommst; du hast um vier Wochen Frist gebeten, die sind um, die Mansarde wird am Ersten vermietet.“

„Ich brauche Ihre Mansarde nicht, Onkel, ich werde mich wo anders einquartieren“, antwortete Ulrike gleichmütig.

„Wo anders? Was soll das heissen? Willst am Ende hier bleiben? nicht nach Paris gehn?“

Sie nickte freundlich.

„Daraus wird nichts,“ brauste er auf, „du musst fort, schnür dein Bündel und schau, dass du fortkommst.“

„Echauffieren Sie sich nicht, ich bleibe hier,“ erwiderte Ulrike kühl; „in Ihrer Nähe, Onkel, unter Ihrem Schutz. Die Familie Mylius wird mich höchstwahrscheinlich bei sich aufnehmen. Sie wissen ja von meiner Beziehung zu den Leuten, ich hab Ihnen ja davon erzählt. Inzwischen hat sich mancherlei ereignet, und besonders was heute passiert ist, möcht ich Ihnen nicht vorenthalten, in Ihrem eigenen Interesse nicht.“ Auf einmal lachte sie vor sich hin, ergriff den mit Silbergeld gefüllten Beutel und schleuderte ihn mit ganzer Kraft gegen die Tür. Draussen ertönte ein unterdrückter Schrei.

Der Hofrat fuhr zusammen. Er wollte zornig werden, aber der klirrende Klang des Wurfgeschosses machte ihn betroffen. „Es scheint, du hast da einen Beutel voller Geld“, sagte er und sein pergamentgelbes Gesicht zeigte Argwohn und Erstaunen.

Ulrike hob den Beutel auf, schüttete die achtundvierzig Silbergulden auf den Tisch, ordnete sie in zwei Reihen, zog die Dose mit dem Smaragd hervor, die sich ebenfalls in dem Beutel befand, und legte sie an die Spitze der Kolonne. „Wie hoch schätzen Sie das Döschen, Onkel?“ fragte sie; „Sie verstehen sich doch auf dergleichen.“

Der Hofrat nahm die Dose, betrachtete sie von allen Seiten, öffnete sie, roch hinein, wog sie, faltete die Stirn und entgegnete: „Zwei- bis dreihundert mag sie wert sein; zweihundert gut und gern. Woher hast du sie? Vom alten Mylius etwa? Hast vielleicht ein Techtelmechtel mit dem alten Mylius? Wär gar nicht so dumm. Wär wirklich gar nicht so dumm.“ Er lachte das lautlose Lachen, bei dem sich die Muskeln des Unterkiefers schmerzhaft verzerrten.

„Können Sie dreissigtausend Gulden flüssig machen, Onkel?“ fragte Ulrike, die rüde Anzüglichkeit nicht beachtend; „haben Sie Lust, zehn Prozent dafür einzustreichen, also dreitausend glatt zu verdienen, ohne den Finger zu rühren?“

Der Hofrat riss die Augen auf. „Ich? Dreissigtausend Gulden? Ich? Mich dünkt, meine liebe Nichte, du bist schwachsinnig geworden. Dreissigtausend Gulden! Ich!“

„Hören Sie mir zu, bevor Sie mich anblasen,“ sagte Ulrike stirnrunzelnd; „es sind meine verwandtschaftlichen Gefühle, die mich veranlassen, Ihnen als erstem das Geschäft vorzuschlagen; wo ein so sicherer Gewinn in Aussicht steht, find ich Geldgeber soviel ich will.“

„Was hat sie da wieder ausgeheckt, heilige Mutter Gottes“, brummelte der Hofrat verstört.

„Hören Sie zu.“ Flüsternd begann sie zu berichten. Sie beugte sich hüben über den Tisch, der Hofrat beugte sich drüben über den Tisch. Die Hängelampe beschien den braunen Scheitel und den eisgrauen. Bisweilen knackte ein Möbel, bisweilen rieselte Kalk hinter der schlottrigen Tapete. Es war eine lange Erzählung. Der Hofrat lauschte mit steinernen Mienen und erloschenen Augen, doch bei der Gipfelung mit dem Testament und den neun Millionen am Schluss sprang er vom Sessel empor. Er drehte sich ein paarmal um seine Achse, was einen schauerlich-komischen Anblick bot, denn der grüne Schlafrock umflatterte ihn dabei und die Pantoffeln klappten wie bei einem Geistertanz. Er stiess unartikulierte Laute aus und brachte endlich die Worte hervor: „Entweder lügt sie wie der Satan, oder das ist die tollste Geschichte, die man je vernommen hat, seit die Welt erschaffen ist.“

„Dass Sie mich wieder verdächtigen, tut mir nicht weh und ich trags Ihnen nicht nach,“ sagte Ulrike; „toll ist die Geschichte ohne allen Zweifel. Fazit: die Frau wird von mir erfahren, wie es steht. Sie wird sich keinen Augenblick besinnen, ihr Leben den Verhältnissen entsprechend einzurichten, schon wegen der Kinder. Der Alte findet sich vor einer vollzogenen Tatsache, und ich stell ihm eine Falle, eine richtige Fuchsfalle, aus der es kein Entkommen gibt. Er wird sich entschliessen müssen, seine Schatzkammer aufzusperren, aber bis dahin brauchen wir Geld, viel Geld.“

Der Hofrat starrte stumm. Von solchen Vermögen war ihm kaum eine sagenhafte Kunde geworden. Es war das Unwahrscheinliche und das Unbegreifliche. Er wusste von Rothschild; aber Rothschild war eben Sage, etwas sehr Fernes, teuflisch Grossartiges und letzten Endes Unglaubhaftes. Die reichsten Leute, die er kennen gelernt, verfügten höchstens über eine Viertelmillion. Zu seiner Zeit war man mit einer Viertelmillion ein bestaunter Krösus gewesen. Die Zahl, die Ulrike genannt hatte, verursachte ihm Schwindel. Er schaute das junge Mädchen immerfort an, mit einem strengen und bösen Blick, und erwartete, dass sie unversehens in ihr herausforderndes Gelächter ausbrechen würde. Es wäre ihm beinahe lieb gewesen. Als es nicht geschah, fing er an, leise und seltsam zu stöhnen. Er habe kein Geld, sagte er; wie sie auf den frevlerisch unnatürlichen Gedanken gerate, dass er soviel Geld habe, er mit seinen dreitausend Gulden Pension und den Zulagen, die nicht der Rede wert seien. Schändlich, dass sie ihm mit solchem Ansinnen komme, schändlich, seinen Frieden mit so frivolen Hirngeburten zu stören.

Ulrike stand auf, wie um zu gehen, und antwortete schnöde, er möge sein Geld ihretwegen in den Rauchfang hängen. Da fuchtelte er mit den Armen, schritt um den Tisch herum und verlangte mit drohender Stimme, dass sie schwöre. Sie solle schwören, es sei die reine Wahrheit, die sie berichtet, schwören, sie habe das Testament und die genannte Zahl mit eigenen Augen gesehen. Ulrike erhob die Hand zum Schwur. „Halt!“ rief er, „halt! schwöre bei der Seele deiner Mutter, schwöre Silbe für Silbe, was ich dir vorsage.“ Er sagte ihr den Schwur vor und sie sprach ihn nach, indem sie auf die Zimmerdecke schaute, als betrachte sie eine Fliege. Trotz dieses Schwurs verfiel der Hofrat wieder in sein seltsames Stöhnen: er habe das Geld nicht; wo solle er dreissigtausend Gulden hernehmen? wo um Christi willen, das möge sie ihm sagen.

Aber Ulrike schien weiteren Erörterungen abgeneigt; sie wünschte dem Greis mit einem kleinen Knix gute Nacht und verliess schnell die Stube. Ihr genügte sein verzweifeltes Schnappen nach der Angel; sie wusste, dass sie den aufgeregt zappelnden Fisch fangen würde. Geld; Hexenwort; es brauchte nur ausgesprochen zu werden, und die armen Menschlein wurden rabiat, die Unerbittlichsten, die Prinzipienfestesten. Kein Charakter war so umpanzert, dass er gegen die giftig-süsse Trunkenheit gefeit war. Verächtliche Welt; leicht durchschaubare.

Kaum hatte sie sich in der kalten und zugigen Dachkammer entkleidet, als sie vorsichtiges Pantoffelschlurfen auf der steinernen Stiege vernahm. Sie lauschte, lachte in sich hinein, schlüpfte eidechsenflink ins Bett und zog die Wolldecke bis ans Kinn. Der Hofrat schlich an ihre Tür. Er hüstelte, krabbelte ein wenig mit den Fingern, dann wisperte er ihren Namen. „Wer da?“ fragte sie grob. Er näherte den Mund der Türfuge und sagte, dreissigtausend könne er nicht aufbringen, beim besten Willen nicht; wenn er alles zusammenscharre, was er besitze, kämen zwölftausend heraus; zwölftausend könne er gegen einwandfreie Sicherstellung geben, das genüge ja für den Anfang, später werde man sehen. Ulrike antwortete, es sei zu wenig, und blies die Kerze aus. Sie solle sichs noch einmal überlegen, krächzte er. Da entgegnete sie höhnisch, sie wisse ein einfaches Mittel für ihn, sich Geld zu verschaffen; er möge die Guarnerigeige verpfänden; eins zum andern, das reiche dann. Er stiess einen leisen Fluch aus, und die Schritte schlurften wieder treppabwärts.

Ulrike hatte ihre guten Gründe, den Hofrat als Darlehensgeber zu gewinnen. Vor allem erwog sie dabei sein hohes Alter; starb er, fiel das Geld an sie und ihre Geschwister. Ferner mangelte es ihr an Beziehungen zu den Kreisen, die sich mit derlei Geschäften befassten; fand sie auch den Weg zu ihnen, so war zu befürchten, dass unangebrachter Eifer und beflissene Recherchen ihre Absichten durchkreuzten.

Als sie am andern Morgen hinunterkam, eröffnete ihr die Smirczinska anklagend, der Hofrat sei krank und liege im Bett. „Was fehlt Ihnen, Onkel?“ erkundigte sie sich, an das altmodische Bett tretend, das in einem tiefen Alkoven stand, mit einem Himmel aus verschossener blassgelber Seide.

Er schwieg böse. In der Nacht gegen vier Uhr war er aufgewacht, und sogleich hatte es begonnen, das Grauenhafte. Von Zeit zu Zeit überfiel ihn die Angst vor dem Tod wie purpurner, klebriger Wahnsinn. So schlimm wie heute war es nie gewesen. Der Tod war in seiner widerlichsten Gestalt erschienen, laut brüllend. Je mehr die Dämmerung heranrückte, je deutlicher sah er ihn: einen nackten, haarigen, fettglänzenden, zähnefletschenden Unhold.

Was willst du von mir? keuchte der Hofrat; da sind andere; da ist der Mylius mit seinen neun Millionen, ein nahrhafter Bissen; was bin dagegen ich? Der Unhold turnte auf den unteren Bettrand und feixte. Seine proletarischen Manieren regten dem Hofrat die Galle auf. Warum darf das sein? haderte der Hofrat, warum ist das gestattet? neun Millionen! Ihn lässt du ungeschoren im Genuss seiner Millionen und mich molestierst du, mich, der keinen Tag von seinem Leben entbehren kann? Der Unhold schüttelte sich vor Schadenfreude. Von Wut und störrischer Bangigkeit erfüllt, begann der Hofrat zu betteln: wenn du mich noch ein paar Jährchen in Ruhe lässt, verschaff ich dir den Mylius; ich und die Ulrike, wir bringen ihn zur Strecke, es soll dein Schade nicht sein, ich bezahle dich mit gemünztem Gold dafür; auch musst du mir gehorchen; ich bin die Obrigkeit, bin kaiserlicher Beamter; so lang ich in Amt und Würden sass, war ich stets dein heimlicher Parteigänger; wirst dich noch erinnern, dass ich dir zu mancher unerwarteten Zubusse verhelfen habe. Dies schien dem Burschen einzuleuchten; er glotzte eine Weile und verflüchtigte sich in den bleigrauen Februarmorgen.

Da sah der Hofrat, dass er stärker war als der Tod, aber der überstandene Schrecken fesselte ihn noch ans Bett. Er heftete den wasserfahlen Blick auf Ulrike, und er bewunderte, beneidete dieses Stück saftstrotzender, rücksichtsloser Jugend; er fürchtete sich vor ihr und beneidete sie um den frischen Atem, das klare Auge, die junge Stimme; mit fröstelndem Verlangen tastete er in sein abgewelktes Leben hinaus. Er habe alles noch einmal bedacht, fing er an; er traue der Sache doch nicht; es sei doch zu riskant; ob sie sich an den Namen des Notars erinnere, der das Testament beglaubigt. Ulrike bejahte; sie habe sich den Namen sofort eingeprägt; der Notar Helmbauer am Tiefen Graben sei es; bei dem sich zu erkundigen, sei aber nicht nur zwecklos, da er das Amtsgeheimnis zu wahren habe, sondern auch schädlich, da er Argwohn schöpfen und gegen Mylius plaudern könne; überdies habe sie ja geschworen, ob das für nichts gelte? Larifari, polterte der Hofrat, es hätten schon grössere Herrschaften falsch geschworen. Helmbauer, fuhr er fort und legte den Finger an die Nase, den Mann müsse er kennen, freilich kenne er ihn, den Notar Helmbauer am Tiefen Graben, seit vierzig Jahren kenne er den; er werde ganz einfach hingehen und den Mann kollegial interpellieren; so und so; einer von seinen Freunden sei im Begriff, sich mit einem sicheren Mylius, Antiquitätenhändler in der Himmelpfortgasse, auf eine weitläufige Transaktion einzulassen, und er möchte Auskunft haben, ob besagter Mylius für hunderttausend Gulden gut sei.

Hiermit war Ulrike einverstanden. Auf einmal war der Alte wieder gesund. Er machte in Eile Toilette und trat in seinem bis an die Schienbeine reichenden Gehrock, der ihm das Aussehen einer von der Witterung geschwärzten Telegraphenstange verlieh, den Gang zum Notar an.

Ulrike ging ruhlos durch die drei Zimmer, unablässig spähend. Nur ein einziges Mal, vor sechs Jahren, als sie aus der Heimat gekommen, war es ihr gelungen, allein in der Wohnung zu bleiben. Auch damals hatte sie gespäht, gesucht, in alle Winkel geschaut, die Tapeten beklopft, die Schubladen geöffnet; umsonst. So war auch heute ihr Suchen umsonst.

Sehr befriedigt kehrte der Hofrat zurück. Die Kriegslist hatte Erfolg gehabt. Der Notar hatte ihn erkannt und respektvoll bekomplimentiert. Auf seine Frage hatte er gelacht und ihm, den Mund an seinem Ohr, zugeflüstert: „Gut für das Vielfache, Herr Hofrat; bitte mich nicht blosszustellen, es geschieht aus alter Freundschaft, dass ich Ihnen Auskunft gebe und unter strengster Diskretion; gut für das Vielfache, unter uns gesagt.“

Noch immer blieben Bedenken. Jedes Für und Wider wurde bis in die letzten Verästelungen pedantisch zerpflückt. Gewinnsucht und Verlustangst hielten einander die Wage. Am längsten dauerte der Streit über die Höhe der Summe. Mit weniger als zwanzigtausend Gulden wollte sich Ulrike nicht begnügen. Am dritten Abend gab der Hoftat endlich nach, ächzend und Verwünschungen ausstossend, als sei er bereits um das Geld betrogen. Seine Bedingungen waren, dass zuvor eine Zusammenkunft mit Frau Christine Mylius in deren Wohnung stattfinden und sie den Schuldschein in seiner Gegenwart unterschreiben müsse; ferner, dass die Zinsen bei Auszahlung des Kapitals abzuziehen seien.

Als man soweit war, erschien laut aufheulend die Smirczinska. Aus Vermutungen und erlauschten Brocken hatte sie sich eine ziemlich richtige Vorstellung von dem, was im Werke war, gebildet. Sie stürzte dem Hofrat zu Füssen und beschwor ihn winselnd, von dem verderblichen Vorhaben abzulassen. Angewidert von dem Melodram, bedeutete ihr Ulrike, wenn sie nicht augenblicks verschwinde, werde sie ihr erhitztes Geblüt mit einem Eimer Wasser abkühlen.

Der Hofrat schien gerührt. Er sagte jesuitisch salbungsvoll: „Lass das gute Kind. Sie hat ihre Ahnungen. Sie hat mir immer ganz zutreffend prophezeit, wenn mir ein Unglück bevorstand. Als ich im Jahre fünfundsechzig mit dem Statthaltereirat Gayling von Altheim, Gott hab ihn selig, nach Perchtoldsdorf fahren wollte, hat sie mich im letzten Moment zurückgehalten. Und was geschah? Der Statthaltereirat wurde im Wagen am hellichten Tag vom Schlage getroffen. Wie leicht hätte es sein können, dass er mich erwischt hätte, der Schlag, wie leicht! Du siehst also, liebe Nichte, die Person ist wegen ihrer Apprehensionen zu schätzen.“

„Das seh ich freilich,“ antwortete Ulrike mit trockenem Ärger; „den Statthaltereirat Gayling von Altheim wird derselbe Teufel geholt haben, der hoffentlich Ihre Smirczinska samt den Apprehensionen auch bald holen wird. Und mich vielleicht dazu“, schloss sie lachend, als sie die fromm entrüstete und entsetzte Miene der Smirczinska gewahrte.

Ein schütteres Grinsen zuckte über das Gesicht des Hofrats. Er gönnte der Smirczinska den Hieb. Sie war ihm lästig, wie ihm seit jeher alle Menschen lästig waren, die er gezwungen war, täglich zu sehen. Er hatte sie im Verdacht der Erbschleicherei und hasste sie insgeheim. Er sagte grämlich: „Hackt euch einander die Augen aus, wenns euch freut, aber ich will nichts wissen davon. Nur Leute, die weder Glauben noch Religion besitzen, tragen fortwährend ihre Händel vor die Ohren anderer Menschen.“

Die Smirczinska ging händeringend hinaus. Wenn er mit der Religion anfing, verlor sie die Fassung. Der Hofrat schaute Ulrike streng an, streckte die rechte Hand flach über den Tisch und sagte: „Es sei also. Es ist entschieden. Die Sache wird gemacht.“

„Gut,“ erwiderte Ulrike, „Sie müssen nur warten, bis ich Ihnen Nachricht gebe, dass alles soweit ist. Es kann noch ein paar Tage dauern.“

Der Hofrat nahm ein Stück Papier und einen Bleistift, murmelte vor sich hin, schrieb Zahlen auf, rechnete und vertiefte sich so in diese Beschäftigung, dass er Ulrikes Gegenwart völlig vergass. Nach einer Weile erhob er sich, zog unter der geblümten Weste ein an einer Nickelkette befestigtes Schlüsselchen hervor und begab sich in das dritte Zimmer, in dem sich in zwei Glasschränken die Sammlung seiner Stöcke und Uhren befand. Aber es musste noch etwas anderes darin sein; wahrscheinlich der Geldaufbewahrungsort, nach seinem sonderbaren Wesen zu schliessen; da er weder einer Bank noch einer Sparkasse traute, hatte er sicher den grössten Teil seines Barbesitzes im Hause. Und vielleicht war dort auch das langgesuchte Versteck; Ulrike lief es heiss über den Rücken. Er schien ungewöhnlich zerstreut; er liess die Tür offen und Ulrike, die sich schattenstill machte, sah, dass er in die Ecke schritt und den goldgerahmten Wandspiegel von seinem Platz rückte. Der Spiegel bewegte sich wie eine Schranktür in Scharnieren. Da jauchzte es in Ulrike, aber als der Hofrat erschrocken innehielt, sich ihrer entsann, zurückkehrte und die Tür schloss, nicht ohne einen misstrauischen Blick auf sie zu werfen, schaute sie unschuldig gegen das Fenster.

Ehe sie schlafen ging, steckte sie den Schlüssel zur Flurtür zu sich. Und in der Nacht, es war ungefähr zwei Uhr, kam sie in blossen Strümpfen herunter, sperrte leise auf, schritt auf Zehen über den Gang, öffnete leise die Stubentür und horchte lange. Das den Fenstern gegenüberliegende Dach war von friedlich schimmerndem Mondlicht übergossen. Sie liess sich lautlos auf dem Sofa nieder und wartete, bis sie die Atemzüge des Greises durch die halboffene Tür seines Schlafzimmers als die eines Schlummernden unterscheiden konnte. Dann erhob sie sich und ging hinein. Auf dem Nachttisch im Alkoven brannte ein Öllämpchen, dessen Schein ihr half, die Kleider des Alten, die über die Stuhllehne gebreitet waren, nach dem Schlüsselchen abzusuchen. Als sie es fand und samt der Kette loslöste, zitterten ihr die Hände bei der Bemühung, ein Klirren zu vermeiden, und sie blickte scheu auf den Schläfer. Er lag auf dem Rücken; das Gesicht war zitronengelb, die Unterlippe hing in welthassender Schlaffheit herab.

Nun schlich sie unhörbar zurück, doch um ins dritte Zimmer zu gelangen, musste sie die Tür aufklinken, und dies erforderte grösste Vorsicht. Sie wusste, dass der Schlaf des Alten wie ein dünnes Membran war, das beim geringsten Geräusch zerriss. Endlich stand sie vor dem Spiegel. Der Widerschein des Mondlichts vom Dach drüben gab genügend Helligkeit, auch hatte sie Augen, die im Dunkeln an Sehschärfe zunahmen. Sie gewahrte sogar ihr Gesicht im Spiegel, und es erschien ihr so unbekannt, dass sie beinahe zurückgebebt wäre.

Der Spiegel wurde beweglich, wenn man einen Metallhebel unten verschob. Dies entdeckte sie schnell. Die Tapete dahinter zeigte ein längliches Viereck, etwa fünfzig Zentimeter hoch und dreissig breit. Sie sperrte auf. In der Tiefe des eingemauerten Schrankes, den sie mit dem ganzen Arm durchsuchte, lag in einem Lederfutteral die Geige. Sie zog sie heraus, streifte die Hülle ab und hielt das Instrument in Händen.

Sie hielt und betrachtete es lange. Es fühlte sich eigentümlich warm an, eigentümlich zart und glatt wie ein winziger Menschenleib. Es war als vibriere das Holz unter ihren Fingern und als seien die beiden symmetrischen Öffnungen neben dem Steg zwei erloschene Augen. Da fühlte sie eine fremde, unendlich düstere und schwere Bewegung in ihrer Brust. Sie, die von keinem Menschenleid und Schicksalshauch wahrhaft angerührt wurde, die mit Kälte und Gebundenheit zielentschlossen durch die Welt der Kreaturen schritt und sich gewöhnt hatte, deren Not und Qual nur rechnend in sich aufzunehmen, bedurfte der grössten Selbstbeherrschung, um beim Anblick der Geige nicht in Tränen auszubrechen und zu weinen wie ein Kind. Es war eine fremdartige und wohl auch unerforschliche Gewalt, die da wirkte; sie empfand es wie Abschied; Abschied von Erinnerungen, von einem Land der Seele, an dem auch sie einst teilgehabt, und das nun versank für immer. Jeder Mensch steht einmal vor seinem inneren Kreuzweg, an dem er sich unwiderruflich entscheiden muss.

Darmowy fragment się skończył.

21,80 zł
Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
600 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711488355
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki