Czytaj książkę: «Wahrheit oder Sylt»

Czcionka:

Jacob Walden

Wahrheit oder Sylt

Kriminalroman


Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © machh / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6808-7

Prolog

Sylt

Siebeneinhalb Monate danach

Seinen Trolley hinter sich her ziehend, verlässt er das winzige Flughafengebäude und tritt in den bleichen Sonnenschein, der sich noch nicht wie Frühling anfühlt. Kalt und feucht weht ihm der Wind ins Gesicht. Er fröstelt. Stets ist er aufs Neue überrascht, dass es hier so viel kälter ist als in Zürich – oder es einem zumindest so vorkommt. Wie so vieles anders scheint, als es ist. Die Wahrheit interessiert auf Sylt nicht, nur der Schein, der schöne Schein.

»Verdammte Nordsee, verdammte Insel«, murmelt er. Ginge es nach ihm, wäre sein erstes Mal auf Sylt vor zehn Jahren auch sein einziges Mal geblieben. Und eine sündhaft teure Villa in diesem grausigen Kampen hätten sie schon gar nicht gekauft.

Aber es geht nicht nach ihm, sondern nach Monika, seiner Frau, seiner Gattin, Herrin und Gebieterin, Walküre und Xanthippe.

Monika liebt die Insel, die raue Nordsee, den endlos langen Strand und den steten Wind, der ihr den Kopf frei blase, wie sie nicht müde wird zu betonen, und natürlich die exklusiven Boutiquen und Restaurants, in denen sie ihre Kreditkarten strapaziert, und die »Hobbithäuschen«, wie sie die reetgedeckten Anwesen nennt.

Ihm persönlich ist es schleierhaft, warum so viele Leute einen Narren an Sylt gefressen haben, trotz des unberechenbaren Wetters, das er nur als lästig empfindet.

Normalerweise fliegt er ausschließlich mit Monika und – sofern diese Lust hatten – seinen halbwüchsigen Kindern zwei Wochen in den Sommerferien hierher. Zum Glück kann er diese Aufenthalte mit geschäftlichen Treffen verbinden, sonst hätte er längst Depressionen bekommen.

Doch heute ist Monika weit weg und er trotzdem hier, tatsächlich das erste Mal ohne sie. Das hat sie nun davon. Hinter ihm kommt seine Praktikantin auf hohen Absätzen aus dem Flughafengebäude getrippelt.

Angelina ist sehr jung, sehr blond und sehr sexy und erst seit Kurzem in seiner Abteilung. Kurz entschlossen hat er sie gefragt, ob sie ihn auf eine Dienstreise nach Sylt begleiten wolle. Zunächst hat sie sich geziert. Fast schien es, als habe sie etwas gegen Sylt, was er ja gut nachvollziehen könnte. Im Grunde findet er mädchenhafte Zurückhaltung sehr erotisch. Es macht die Reise umso reizvoller. Sein Jagdinstinkt ist nach langer Zeit wieder zum Leben erwacht. Wann hat er dieses Gefühl das letzte Mal verspürt, diese Begierde gegen Widerstände?

Er hat ihr von seinem luxuriösen Anwesen in Kampen erzählt, von teuren Restaurants, und in Aussicht gestellt, ihr als Dankeschön für ihre Begleitung eine kleine Aufmerksamkeit von Bulgari zu schenken. Außerdem könne er sie dann gleich bei seinen dortigen Geschäftsfreunden und einigen besonderen Kunden einführen, das sei doch eine tolle Gelegenheit für sie. Daraufhin willigte sie mit einem verlegenen Lächeln ein.

Wenn alles glatt liefe, würde er noch etwas ganz anderes einführen, denkt er und grinst, als sie auf die Rückbank des Taxis gleiten.

»Kampen«, instruiert er den Fahrer. »Sie können uns am Ende des Wattweges absetzen.«

Die Reise ist nicht geplant gewesen, aber notwendig geworden. Er hat nicht mehr einfach so tun können, als sei alles in Ordnung. Seit zwei Monaten ist die halbjährliche Abrechnung seines Hausverwalters überfällig. Wahrscheinlich ist dieser schmierige Typ einfach abgehauen. Er hatte bei dem Kerl von Anfang an ein ungutes Gefühl gehabt, aber auf dieser Insel war es ja leichter, einen echten Piratenschatz zu finden als gutes Personal.

Angelina seufzt versonnen und drückt ihr Gesicht an die Scheibe, obwohl sie noch nicht einmal das Flughafengelände verlassen haben. Während des Flugs sind sie mithilfe einer kleinen Flasche Champagner zum Du übergegangen. Das ist doch schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, denkt er. Er wird ihr natürlich eines der Gästeschlafzimmer anbieten. Sie solle sich das beste aussuchen, wird er sagen, das schönste sei gerade schön genug für sie. Sie wird leicht erröten, so wie immer, wenn er ihr ein Kompliment macht. Und nach dem Dinner in der Sansibar (vielleicht Fondue? Oder doch besser ein Menü? Hauptsache, viel Wein dazu!) würde das Bett im Gästezimmer kalt bleiben. So sein Plan.

Die Wattseite Kampens liegt ausgestorben da, wie fast immer. Er kennt es gar nicht anders. Selbst im Hochsommer ist kaum jemand auf den Straßen, in den Gärten, vor den Häusern zu sehen. Doch nun wirkt alles noch viel verlassener. Als hätte eine nukleare Katastrophe alles Leben vernichtet und nur die Kulissen stehen gelassen, denkt er.

Das Schloss des taubenblau gestrichenen Hoftors klemmt. Korrosion, Flugrost, lange nicht geölt? Er runzelt die Stirn. Doch was hat er erwartet? Warum ist er denn hergekommen, mal abgesehen davon, um seine Praktikantin flachzulegen? Auch Angelina sieht mit Befremden auf das verwelkte Unkraut vom Vorjahr, das sich vor dem Hoftor sanft im Wind wiegt.

Höchstwahrscheinlich hat der Hausverwalter bei ihm und seinen anderen Kunden alles ausgeräumt, was sich zu Geld machen ließ, und sich nach Kolumbien oder Mexiko abgesetzt. Der Typ hatte ihm mal erzählt, woher sein Vater stammt, aber es interessierte ihn so wenig, dass er es im selben Augenblick schon wieder vergessen hatte.

Trotz dieser Erwartungen verschlägt es ihm fast den Atem, als das Hoftor endlich quietschend aufschwingt. Der einstige Golfrasen hat sich in eine buschige Wiese verwandelt. Die Hecken haben zig wilde Triebe gebildet, armlang zittern die Zweige im Wind. Das Fähnchen, das das Hole seines kleinen Putting-Greens markiert, ist umgefallen. Ein undefinierbarer Haufen, der sich bei näherem Hinsehen als ein kopfloser ausgeweideter Vogel entpuppt, liegt mitten in der Einfahrt.

Scheiß Katzen, elende Drecksviecher, denkt er und dreht Angelina schnell in eine andere Richtung. Ihr Gesichtsausdruck wird mit jeder Sekunde skeptischer, ihr sonst wie in Stein gemeißeltes Lächeln ist mehr und mehr nervöser Anspannung gewichen.

Er schämt sich. Verdammt, da bezahlt er diesem Carlos ein kleines Vermögen, jahrein, jahraus, damit immer alles picobello gepflegt ist, für den Fall, dass jemand spontan vorbeikommt, und nun, da dieser Fall das erste Mal überhaupt eintritt … Aber was hat er auch erwartet?

Hastig bugsiert er das Mädchen weiter in Richtung Haustür. Doch auf halber Strecke erstarrt er. Es muss etwas passiert sein, da ist er sich plötzlich ganz sicher. So einfach, dass Carlos sich abgesetzt hat, kann des Rätsels Lösung nicht sein. Das würde nicht erklären, was er jetzt sieht. Er lässt Angelina stehen und geht langsam, Schritt für Schritt, auf den Carport zu.

Der nicht mehr ganz neue – und deshalb nach Sylt degradierte – Porsche Cayenne steht da wie immer im Carport zwischen dem halben Klafter Kaminholz und den Mülltonnen, und doch ist etwas anders, unnormal. Sein Herz pocht. Angst legt sich wie zu enge Metallbänder um seinen Brustkorb.

Er starrt auf den vor Staub und Salz stumpf gewordenen Lack, auf den Möwendreck auf Dach und Scheiben. Verdammt, was haben diese geflügelten Ratten überhaupt in seinem Carport zu suchen? Ist es nicht mehr als genug, wenn sie draußen alles voll kacken? Was wird er im Inneren des Wagens entdecken? Ist da nicht irgendetwas hinter den abgedunkelten Scheiben des Fonds?

»Warum steht denn die Autotür offen?«, hört er Angelina hinter sich fragen. Ihre Stimme kiekst, und als er sich zu ihr umdreht, erkennt er ein nervöses Zucken in ihrem Gesicht. Just in diesem Moment flattert ihm etwas ins Gesicht, er schreit auf, schlägt um sich, taumelt zurück, eine Möwe fliegt kreischend in Richtung Watt davon. Sein Herz rast wie wahnsinnig. Er starrt auf die offen stehende Tür, auf den Vogelkot, der auch die hellbraunen Ledersitze über und über bedeckt, auf die Schatten auf den Rücksitzen. Und dann riecht er es. Er muss nicht mehr nachsehen, er weiß, was er im Inneren des Wagens sehen wird.

»Hast du dich verletzt?« Ihre Stimme scheint weit weg zu sein, er nimmt sie kaum wahr. Sie steht neben der offenen Fahrertür. Er will sie warnen, er will sie beschützen vor dem zu erwartenden Anblick, er stürzt zu ihr, doch zu spät, er kann sie nicht mehr davon abhalten, einen Blick in den Wagen zu werfen. Er muss sich abstützen, um nicht zusammen mit Angelina in den Wagen hineinzustürzen, seine Hand landet in einem dunklen, verkrusteten Fleck auf der Sitzfläche des Fahrersitzes, hastig rappelt er sich auf und sieht nun, was die ewig gierigen Möwen von den Gestalten auf den Rücksitzen übrig gelassen haben. Und dann fängt er an zu schreien, wie er noch nie zuvor in seinem Leben geschrien hat.

1

Irgendwo

Irgendwann

Die Schwärze vergraut. Schatten bilden sich und werden zu Konturen, zu Gegenständen.

Er blinzelt. Vorsichtig hebt er den Kopf.

Dröhnen.

Flackern.

Wo ist er?

Der Raum ist größer, als er überblicken kann. Unübersichtlich. Rechts ein Fenster, Jalousien mit horizontal gestellten Lamellen, dahinter nur Himmel, intensiv blau, unnatürlich blau. Links eine Glasfront, dahinter kaltes Neonlicht. Außerdem: eine Trennwand, eine Art Paravent. Niedrige Schränke, ein Tresen, leer.

Er ist sich absolut sicher, diesen Raum noch nie in seinem Leben gesehen zu haben.

Er lässt den Kopf wieder sinken. Das Dröhnen hört auf, das Flackern erlischt. Er versucht, seine nächste Umgebung zu erfassen, ohne noch einmal den Kopf heben zu müssen. Geräte. Schläuche. Kabel. Digitale Anzeigen, leuchtende Zahlen und Buchstaben, scheinbar zusammenhangslos.

Er stöhnt. Wo, verdammt, ist er hier gelandet? Und wie? Und warum? Er sucht in seiner Erinnerung nach einem Punkt zum Festhalten, zum Anknüpfen, Rekonstruieren.

Unfassbar laut explodiert das Gleiten der sich öffnenden Glastür in seinem Kopf. Ein Impuls fordert, die Augen zu schließen, sich zu verschließen vor dem unbekannten Ort, doch er kann nicht, ganz im Gegenteil, mit vor Angst geweiteten Augen starrt er in Richtung der Tür, von der sich nun Schritte auf ihn zubewegen.

2

Eine Frau mit graublonden Haaren beugt sich über ihn. Sie trägt ein sackförmiges hellblaues Oberteil, das jegliche Hinweise über ihre Figur verbirgt. Ihr aufgeschwemmtes Gesicht sieht müde aus. Die Augenringe sind dunkel und tief wie bei einem Junkie.

»Ruhig«, sagt sie mit rauchiger Stimme und legt eine kühle Hand auf seinen Unterarm. Er zuckt zusammen. »Alles in Ordnung.«

Sein Blick wird allmählich klarer. Er erkennt immer mehr Einzelheiten. Das schmucklose, weiß getünchte Zimmer, pastellfarbener Linoleumboden, ein mit transparenter Plastikfolie abgedecktes Krankenhausbett, dessen Fußende hinter dem Paravent hervorschaut. Die Zahlen, Buchstaben und Linien auf den Monitoren, die sich in unendlichen Zacken und Wellen wiederholen.

Nun bemerkt er auch den Schlauch, der in seiner Armbeuge verschwindet, eine Art Fingerhut an seinem Zeigefinger und einen Fremdkörper an seinem Penis. Vorsichtig tastet er an dem Fremdkörper herum und erkennt mit Schrecken, dass dieser sich nicht nur an seinem Penis befindet, sondern sogar in ihn hineinführt.

»Was ist passiert?«, bringt er mühsam hervor. Er spürt, wie sich Panik in ihm hochschaukelt, wie er innerlich hektisch wird, auch wenn sich sein Körper wie gelähmt anfühlt.

»Wie bin ich hierhergekommen?«

»Wir haben gehofft, Sie könnten uns das erzählen«, antwortet die Frau. »Im Moment wissen wir nicht einmal Ihren Namen.«

Er öffnet den Mund, selbstverständlich, seinen Namen, klar. Wenn er schon sonst nichts zu Protokoll geben kann, dann doch zumindest … Er sieht in die erwartungsvollen Augen der Krankenschwester, die auf seinen Mund starren, der den Namen ausspucken will, seinen Namen. Doch der Mund bleibt still.

»Ich hole den Arzt«, hört er schließlich die Schwester sagen. Ihre Stimme hat sich verändert. Sie wirkt jetzt abweisend, verächtlich, feindselig, oder kommt ihm das nur so vor?

»Helen hier«, sagt sie nach einigen Sekunden in ein schnurloses Telefon, das sie aus der Tasche ihres unförmigen Oberteils gezogen hat. »Er ist wach.«

3

Der Arzt ist noch jung, keine 30, schätzt er. Verschlafen und übernächtigt, die schlecht geschnittenen braunen Haare stehen in alle Richtungen. Der weiße Kittel und das Stethoskop verleihen ihm eine Aura von Autorität, die jedoch nicht vollständig seine Milchbubigkeit überdecken kann.

»Waldmann«, stellt er sich vor. »Ich bin der diensthabende Internist.« Erwartungsvoll sieht er ihm in die Augen. »Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«

»Ich weiß es nicht.« Flüstern, mehr nicht. Sein Mund fühlt sich an, als hätte er einen Prittstift gegessen.

Waldmann nickt. »Wie geht’s Ihnen?«

»Kopfweh. Durst.«

Waldmann nimmt eine Flasche vom Nachttisch und gießt Wasser in einen daneben stehenden Becher, auf den er einen Deckel mit schnabelförmiger Öffnung steckt.

»Nicht aufsetzen«, mahnt er. »Ich helfe Ihnen beim Trinken.«

Waldmann hält ihm den Becher an die Lippen. Er hebt vorsichtig den Kopf, nur ein Stückchen. Das Wasser in seinem Mund fühlt sich an, als müsse es dort eine Feuersbrunst löschen.

»Wissen Sie, wo Sie sind?«

»Krankenhaus?«

»Gut! Sehr richtig!«, lobt Waldmann. »Und zwar auf der Intensivstation. Aber keine Angst, bislang sieht alles gut aus. Wir haben uns allerdings etwas Sorgen um Sie gemacht.« Wieder Pause und erwartungsvoller Blick. Waldmann scheint darauf zu warten, dass er sich an irgendetwas erinnert, etwas erklären kann. Doch er kann nicht. Er hat keine Ahnung, nur einen alles verschleiernden Nebel im Kopf und diese Angst, die immer beklemmender wird.

»Wissen Sie, in welcher Stadt wir uns befinden?«

»Hamburg?«

»Warum Hamburg? Kommen Sie aus Hamburg?«

Er sieht den Arzt unsicher an. »Weiß nicht.«

»In Hamburg sind wir nicht. Sonst eine Idee?«

»Nein.«

»Vielleicht ungefähr die Gegend? Harz? Bodensee? Sauerland?«

Es summt kurz in seinem Kopf, ein Vibrieren, dann Pfeifen im linken Ohr. Schwindel. Er schließt die Augen. Blitzen. Licht, Sonne, ein Strand, Wasser, Wellen.

»Sylt?«, haucht er.

»Sehr gut«, lobt Waldmann erneut. »Und können Sie mir auch sagen, wie Sie auf Sylt ins Krankenhaus geraten sind?«

Wie in einem dunklen Keller, in dem die einzige Glühbirne durchgebrannt ist, tastet er sich an den spärlichen Bildern entlang, die der Schleier in seinem Kopf gerade freigibt.

Haus in den Dünen. Gesichter, die ihm vage bekannt vorkommen. Reden. Lachen. Geschrei. Aufregung. Wut. Etwas ist passiert, ist aus dem Ruder gelaufen. Er versucht, weiter in seine Erinnerung vorzudringen, doch je mehr er sich anstrengt, desto mehr verschwimmt alles in undurchsichtigem Nebel.

»Kommt die Erinnerung zurück?«, hört er den Arzt von weit entfernt fragen. »Wissen Sie wieder, wie Sie heißen?«

Er schüttelt den Kopf, was dieser mit erneutem Dröhnen quittiert. Ohnehin fühlt sich sein Kopf an, als wäre er viel zu weit weg, fast so, als wäre er durch einen Giraffenhals mit dem Rest des Körpers verbunden.

»Was ist das Letzte, woran Sie sich erinnern können?«, fragt der Arzt.

Schweigen.

»Mit wem sind Sie auf Sylt?«

Gesichter. Bekannte und weniger bekannte. Freundliche. Sympathische. Verzerrte. Abneigung. Ekel. Matze. Unwillkürlich zuckt er zusammen. Schmerz schießt durch seinen Kopf und von dort in den ganzen Körper. Er beginnt zu zittern.

»Freunde«, krächzt er. »Mit ein paar Freunden.«

Waldmann sieht ihn ernst an. »Was ist Ihnen eben eingefallen?«

»Nichts, nur …«

»Ja?«

»Nichts.«

Waldmann nickt langsam.

»Wo wohnen Sie auf Sylt?«

»Ein Haus in den Dünen, mit Reetdach, in der Nähe vom Strand.«

»Hmmm«, macht der Arzt und lächelt milde. »Ich fürchte, das bringt uns nicht wirklich weiter.«

»Hat niemand nach mir gefragt?«

Waldmann sieht ihn einige lange Sekunden stumm an.

»Okay«, sagt er schließlich. Er zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich neben das Bett. »Ich werde Ihnen jetzt erzählen, was wir über die Umstände wissen, die Sie hierher gebracht haben. Unterbrechen Sie mich, wenn das irgendwelche Erinnerungen bei Ihnen wachruft.«

4

»Heute Nacht gegen halb zwei rief eine Frau bei der Rettungsleitstelle an und meldete, dass sich an der Bushaltestelle Schauinsland in Wenningstedt zwei bewusstlose Personen befänden. Bevor die Rettungsstelle nachfragen konnte, legte sie auf, ohne ihren Namen zu sagen. Die Rettungsleitstelle hat versucht zurückzurufen, doch wie sich herausstellte, kam der Anruf von einer Telefonzelle ein paar 100 Meter von der Bushaltestelle entfernt. Die Sanitäter des Rettungswagens fanden Sie und eine weitere Person wie angekündigt bewusstlos im Wartehäuschen liegend vor.«

»Warum Wenningstedt?«

Der Arzt lacht. »Warum nicht? Ist das das Einzige, das Ihnen zu denken gibt?«

»Und warum Bushaltestelle?«

»Vielleicht wollten Sie nach Hause?«, schlägt Waldmann vor.

Schweigen. Ratlosigkeit.

»Setzen Sie sich nicht unter Druck. Meistens kommt die Erinnerung mit der Zeit zurück.« Der Arzt schenkt ihm ein Lächeln, das aufmunternd wirken soll.

»Es war jedenfalls großes Glück, dass Sie so schnell gefunden worden sind. Durch das heftige Gewitter hat es sich stark abgekühlt, und Sie waren nur notdürftig bekleidet.«

»Okay«, sagt er gedehnt. Sein Gehirn ringt um Bilder, Erinnerungen, irgendetwas.

»Die Sanis haben Sie dann hierher in die Nordseeklinik gebracht. In Ihrem Blut fand sich eine Alkoholkonzentration von zweieinhalb Promille. Ihre Zunge wies frische Bissspuren auf, wie sie typischerweise bei Krampfanfällen auftreten. Daher haben wir eine Computertomografie ihres Kopfes durchgeführt, die aber keine auffälligen Befunde erbracht hat. Sie waren einige Stunden in einer tiefen Bewusstlosigkeit.«

»Krampfanfälle? Wie ein epileptischer Anfall?«

»So in der Art. Aber im Rahmen einer schweren Alkoholintoxikation kann man noch nicht von Epilepsie sprechen. Oder ist bei Ihnen ein Epilepsieleiden bekannt?«

Aus dem Nebel in seinem Kopf taucht seine Mutter auf. Sie sieht frisch und erholt und um Jahrzehnte jünger aus als das abstoßende Bild, das er von ihr in seiner Erinnerung behalten hat.

»Als kleines Kind … meine Mutter … sie hat gesagt, dass ich mal einen … Anfall gehabt hätte. Ich sollte das jedem Arzt sagen. Das war ihr ganz wichtig.«

»Na, dann passt ja alles zusammen«, sagt der Arzt nickend. »Vielleicht haben Sie tatsächlich eine niedrigere Krampfschwelle als andere. Und irgendetwas hat dann gestern Abend die Sicherungen durchbrennen lassen.«

»Aber so etwas ist noch nie passiert!«

»Haben Sie gestern etwas anderes als Alkohol konsumiert?«

Er spürt, wie es in seinem Kopf heiß wird.

»Ecstasy, Kokain, Marihuana?«, schlägt Waldmann vor.

»Nein«, flüstert er. »Selbstverständlich nicht.«

»So selbstverständlich ist das überhaupt nicht«, sagt der Arzt und sieht sehr skeptisch aus. »Auf Sylt ist so einiges im Umlauf, vor allem in der Saison. Aber jetzt, da Sie wieder aufgewacht sind, ist es eigentlich auch egal. Zumindest aus medizinischer …«

»Wer noch?«, unterbricht er den Arzt. »Wer war der andere … an der Bushaltestelle?«

»Hmmm«, macht der Arzt nachdenklich, »das darf ich Ihnen nicht sagen. Schweigepflicht, Sie wissen schon.«

»Dann fragen Sie ihn!«, versucht er zu rufen, aber seine Stimme kommt noch immer nicht über ein heiseres Krächzen hinaus. »Sie können ihm von mir erzählen.«

»Ihr«, sagt der Arzt ruhig. »Es ist eine Frau. Und sie ist noch nicht wieder aufgewacht.«

»Wer ist es? Sagen Sie es mir!«

»Wir wissen von ihr genauso wenig wie von Ihnen. Sie hatten beide keine Papiere, keine Handys und auch sonst nichts dabei. Nur die Kleider, die Sie anhatten, und das waren, wie gesagt, auch nicht viele.«

»Wie sieht sie aus?«

»Wenn Ihnen dann ihr Name einfällt, verraten Sie ihn mir dann?«

»Ja. Natürlich.«

»Groß, schlank, etwa Mitte 20. Am auffälligsten sind ihre langen, welligen blonden Haare. Eine richtige Löwenmähne. Und … wie soll ich das jetzt sagen?« Er lacht verlegen. »Ziemlich große Brüste.«

Ein Bild, mehr nicht, das aber deutlich. Kein Name. Nur Gesicht. Gestalt. Er schweigt und zuckt lediglich mit den Schultern.

»Schade«, sagt der Arzt. »Was ist gestern Abend wirklich passiert? Was haben Sie sich alles reingezogen?«

»Ich habe keine Ahnung. Ehrlich!«

Waldmann seufzt und wendet sich zum Gehen.

»Wie geht’s denn jetzt weiter?«, krächzt er dem Arzt hinterher.

»Erst einmal müssen Sie hier bleiben. Aber da Sie jetzt wach sind, können Sie im Laufe des Tages auf die normale Station umziehen. Die Schwester wird Sie vorher vom Vitaldatenmonitor nehmen und Ihnen den Blasenkatheter ziehen. Morgen müssen ein paar Untersuchungen durchgeführt werden. Wenn alles okay ist, werden Sie in zwei, maximal drei Tagen draußen sein. Bis dahin werden sich sicher auch Ihre Freunde gemeldet haben. Dann werden wir bestimmt erfahren, wer Sie überhaupt sind.«

Es sollte beruhigend klingen, doch bewirkt das Gegenteil. Der Arzt lässt die Glastür hinter sich offen. Vom Flur ist ein Murmeln zu hören, leise Stimmen, unverständlich, doch irgendwie bedrohlich. Er ist sich sicher, dass die Stimmen über ihn reden.

5

Ein gebeugtes, hageres Männchen manövriert ihn in seinem Bett durch Gänge, in denen er sofort die Orientierung verliert.

Fahrstuhl. Mehr Gänge. Türen. Eine davon öffnet das Männchen, schiebt ein leeres, mit Plastikfolie überzogenes Bett hinaus und ihn hinein.

»Schwester kommt gleich. Alles Gute.« Das Männchen nimmt eine graue Mappe vom Fußende des Bettes und geht. Die Tür schließt sich, absolute Stille.

Auf einem Tisch in Reichweite eine Flasche Mineralwasser, ein eingeschweißter Plastikbecher. Begrüßungsritual, denkt er, wobei ihn eine Woge aus Angst überspült. Das abstrakte Aquarell über dem Tisch scheint auf ihn zuzukommen. Billiger Druck, schmuckloser weißer Rahmen. Blau und Orange verschwimmen zu undefinierbaren Formen und Figuren. Das Orange flackert. Das Orange droht. Das Orange schreit ihn an.

Er stöhnt und muss aufstoßen. Ein widerlich süß-saurer Geschmack flutet seinen Mund. Und plötzlich fühlt er etwas, eine Ahnung von Erinnerung. Gleißende Sonne, schnelle Bewegungen, schrilles Lachen, ein Impuls, Ambivalenz. Und Angst, immer wieder Angst.

6

Er taucht durch ein violettes Meer, in dem orangefarbene Wellen pulsieren. Seine Haut ist so glatt, dass das Violett nicht ganz zu ihm vordringen kann, sondern Millimeterbruchteile über seiner Haut abperlt.

Es ist angenehm in diesem Meer, ruhig und kühl.

Er ist unantastbar.

Unberührbar.

Mittendrin und doch wie in einem Kokon vor allem und jedem geschützt.

Aber hier gibt es sowieso nichts anderes als ihn und das pulsierende violett-orangefarbene Meer.

Er schreckt hoch und merkt, dass er einige Stunden geschlafen haben muss. Das Licht vor dem Fenster hat sich verändert. Unter dem Aquarell steht ein Tablett mit verschiedenen abgedeckten Tellern.

Dann erst bemerkt er den Mann. Er ist bullig wie ein Schwergewichtsboxer. Auf seiner Glatze glitzern Schweißperlen. Er steht neben dem Bett und blättert in einer Akte. Weiße unförmige Kleidung mit Namensschild, Blutdruckmanschette und Stethoskop um den Hals. Ein Pfleger.

»Na, ausgeschlafen?«, fragt der Mann.

Kopfschütteln. Das geht jetzt besser. Kein Dröhnen mehr. Doch sein Mund ist noch immer staubtrocken.

»Durst«, flüstert er.

Wortlos befreit der Mann den eingeschweißten Becher von der Plastikfolie, öffnet die Wasserflasche und gießt ihm ein. Mühsam rappelt er sich hoch und nimmt mit beiden Händen den Becher in Empfang. Gierig saugt er das Wasser ein.

»Gut gefeiert gestern, was?«

»Weiß nicht.«

»Ganz schön hinüber biste gewesen, als wir dich heut Nacht eingesammelt haben.«

Er starrt irritiert auf den spöttisch grinsenden Mund des Pflegers.

»Ich war der eine Sani«, fährt dieser fort. »Nebenjob. Sonst reicht das Geld nicht für die Insel der Schönen und Reichen.« Er malt ein paar Anführungszeichen in die Luft. »Solche wie dich haben wir in der Saison fast jeden Tag hier. Aber Junge, Junge, du warst mehr tot als lebendig. Und deine Freundin auch. Was habt ihr euch nur reingepfiffen, um alles in der Welt?«

»Ich weiß es nicht«, haucht er. »Ich kann mich an nichts erinnern.« Sani. Das Wort hallt in seinem Kopf nach. Sani, Sani, Sani.

»Schade auch, hätte mich ja mal interessiert.« Der Pfleger lacht. »Übrigens: Deine Schwester ist da. Soll ich sie reinlassen?«

7

Er hat keine Schwester. Auch wenn er momentan nicht viel weiß, das weiß er. Doch der Duft ist angenehm, vertraut. Er weiß, dass es Aromen von Jasmin, Pfirsich und Sandelholz sind. Er hat es einmal gegoogelt, vor Jahren, verliebt, unglücklich. Ein Parfum. Sunflowers.

Das Gesicht des Mädchens, das jetzt neben seinem Bett steht, kommt ihm vage bekannt vor. Kennt er sie? Sollte er sie kennen? Sani, Sani, Sani. Das Wort wabert in seinem Kopf. Dann trifft ihn die Erkenntnis wie ein Donnerschlag.

»Sunny!«, flüstert er.

»Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht, Sebastian!«, sagt sie und streicht ihm über die Wange.

»Ich lass euch dann mal alleine«, hört er den Pfleger aus dem Hintergrund. Das Mädchen bedankt sich höflich. Sekunden später fällt die Tür ins Schloss. Stille.

Das Mädchen hat lange, glatte blonde Haare, ist schlank und mag etwa 18 sein. Sie sieht übernächtigt aus. Dunkle Ringe zeichnen sich trotz Make-up unter ihren Augen ab.

»Sunny!«, sagt er nochmal.

Das Mädchen verzieht den Mund. »Das muss jetzt doch nicht mehr sein. Eigentlich möchte ich diesen Namen nie mehr hören.«

»Aber du bist Sunny, oder?«

»Ich bin Luna. Ich hab mich nur Sunny genannt. Erinnerst du dich nicht?«

»Nein!«

Sie runzelt die Stirn. »An was kannst du dich überhaupt erinnern?«

»Sylt. Ein Haus. Dünen. Ein paar Leute.«

»Ja und?«

»Nichts. Gar nichts. Bis eben wusste ich nicht einmal, dass ich Sebastian heiße. Kommt mir auch total fremd vor.«

»Nun ja.« Luna lacht leise. »Das könnte daran liegen, dass du gar nicht Sebastian heißt.«

»Aber …«

»Das war nur für den Pfleger«, flüstert sie. »Die wollten als Erstes deine Daten haben, Versichertenkarte und so. Ich hab gesagt, du hättest keine Karte, weil du privat versichert bist, und dass du Sebastian Krämer heißt und in Berlin wohnst.«

Er starrt sie verständnislos an. »Und warum das alles? Und wie heiße ich denn nun wirklich?«

»Karsten«, sagt Luna. »Du heißt Karsten. Und glaub mir, es ist besser, wenn niemand deinen richtigen Namen erfährt.«

»Warum?« Seine Stimme kiekst aufgeregt.

»Pst«, zischt Luna. »Nicht so laut. Der Pfleger meinte, du bräuchtest absolute Ruhe und dürftest dich nicht aufregen. Wenn du nicht ruhig bist, schmeißt er mich gleich wieder raus.«

»Karsten Straußberger«, flüstert Karsten. »Ich bin Karsten Straußberger, oder?«

Luna nickt. »So sieht’s aus.«

»Was ist passiert? Warum bin ich hier?«

»Du hattest einen Anfall.«

Karsten wartet auf weitere Ausführungen, doch Luna schweigt.

»Und warum bist du meine Schwester?«

»Sonst würden sie mir doch gar nichts erzählen. Wahrscheinlich dürfte ich gar nicht zu dir.«

»Clever.«

»Danke.«

Sie sieht hübsch aus, wenn sie lächelt, denkt er.

»Was ist alles geschehen gestern Abend?«, fragt Karsten. »Es war doch gestern? Oder?«

Luna nickt. Einen Augenblick lang scheint sie nachzudenken.

»Jetzt sag schon!«, drängt Karsten. »Hilf mir! Bitte!«

»Wir haben Party gemacht. Ziemlich viel getrunken. Flaschendrehen gespielt. Und dann ist alles außer Kontrolle geraten.«

Das Flackern. Es kommt schlagartig und aus dem Nichts. Ein eigenartiger Geruch sticht Karsten in der Nase. Eine bleierne Müdigkeit überfällt ihn. Luna verschwimmt vor seinen Augen, und Karsten taucht in bodenlose Schwärze.

8

Bremen. Stadtwerder

Davor

Ein Hauch von Verwesung. Süßlich und modrig. Er stieg aus der Kanalisation durch die Gullydeckel empor, vereinigte sich mit dem Geruch der Weser, die so wenig Wasser führte wie noch in keinem Sommer zuvor, und waberte schwer in der schmierigen Schwüle des Hochsommernachmittags. Über das Blau des Himmels hatte sich ein angegrautes Weiß gelegt, das trotz des Eindrucks von Schmutzigkeit grell in den Augen stach.

Hitze, Stille. Lethargisch, atemlos. Warten auf den großen Knall, das reinigende Gewitter, den erlösenden Regen.

Es hatte seit Wochen keinen Tropfen geregnet. Jeden Tag knallte die Sonne auf die Stadt und ließ die Menschen schmoren wie in einem Dampfgarer. Die Luft erhitzte sich auf fast 40 Grad im Schatten, und in den Nächten kühlte es kaum ab. Es wurde viel schwadroniert von einem Jahrhundertsommer, von Tropenhitze und Saharawinden. Jeden Tag meldeten die Medien neue Hitzerekorde und brachten Schauergeschichten von den Opfern der Temperaturen.

13. August, ein Donnerstag, Bremen.

An jenem Tag begann etwas, das wenig später Karstens Leben in Davor und Danach zerteilen wird wie mit einer Rasierklinge. Wie ein mit militärischer Präzision gezogener Scheitel.

Doch das weiß er in diesem Moment noch nicht, so wie Karsten im Moment sehr viel nicht weiß.

Karsten saß mit Lorenz direkt an der Weser am Strand des Café Sand und schwitzte. Abends wehte hier immer eine leichte Brise vom Fluss her. Doch jetzt am Nachmittag brannte die Sonne. Das Bier in den kleinen braunen Flaschen wurde schneller warm, als Karsten und Lorenz es trinken konnten.

Lorenz’ Handy piepste. »Die Mädels kommen«, sagte er nach einem kurzen Blick aufs Display. »Haben eine Überraschung für uns.«

»Aha. Und was?«

»Keine Ahnung. Überraschung eben.«

Lorenz und Karsten waren Freunde seit dem Kindergarten. Nach dem Abitur war Lorenz nach Heidelberg gezogen, um BWL zu studieren. Karsten war in Bremen geblieben und hatte halbherzig ein Jurastudium begonnen. Karsten sagte sich, dass die Entfernung ihre Freundschaft nicht verändert hätte, aber im Grunde wusste er, dass er sich da etwas einredete.

Nun waren Semesterferien. Lorenz war nach Bremen gekommen, um seinen Eltern Miriam vorzustellen, ein Mädchen, mit dem er seit Beginn des Sommersemesters zusammen war. Doch seine Eltern hatten den angekündigten Besuch vergessen und waren zum Golfen nach Schottland geflogen.

Wollte man Lorenz’ Eltern in einem Roman charakterisieren, dann müsste man nur diese Story erzählen, aber vermutlich würden dann alle denken: wie unrealistisch! Aber genau so waren Lorenz’ Eltern eben. Das hatte Karsten gedacht, als Lorenz und Miriam plötzlich vor ihm an der Gartenpforte standen.

Der Garten lag am Rande eines riesigen Parzellengebiets auf dem Stadtwerder, einer lang gestreckten Flussinsel in der Weser, mitten in Bremen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es den Gartenbesitzern wegen der Wohnungsnot erlaubt gewesen, kleine Häuser zum dauerhaften Wohnen hier zu bauen.

Die sogenannten Kaisenhäuser, benannt nach dem damaligen Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen, standen noch immer. Wenn ein Eigentümer auszog oder starb, mussten sie eigentlich abgerissen werden. Fünf Jahre nach dem Tod von Karstens Großvater hatte sich noch keine Behörde gemeldet, also stand das Haus nach wie vor. Der Garten war, da sich niemand um ihn kümmerte, auf malerische Weise zugewachsen und verwildert, was gegen die Vorschriften des Kleingartenvereins war, aber zum Glück niemanden interessierte.

Karsten und seine Freundin Franziska verbrachten hier die heißen Augustwochen. Lorenz und Miriam mussten sich nicht lange bitten lassen und gesellten sich dazu.

Karsten wusste nicht, wo sein Vater den Sommer verbrachte, er tauchte jedenfalls nicht auf, und das war Kars­ten auch herzlich egal. Sein Vater ertrug es nicht, sich zu Hause in Bremen aufzuhalten, insbesondere nicht in dem großen alten Haus in Schwachhausen, in dem sich seine Frau das Leben genommen hatte, was er als Verrat empfand und als eine besonders niederträchtige Weise, ihn zu verlassen.

Bereits kurz nach ihrem Selbstmord, der in der besseren Bremer Gesellschaft für viel Klatsch und Tratsch gesorgt hatte, zog er sich von seiner Eigenschaft als Partner einer großen Kanzlei für Wirtschaftsrecht zurück.

Mit Vitamin B und dank des Todes eines Parteikollegen ergatterte er ein Bundestagsmandat und einen unwichtigen Posten in einem unwichtigen Ausschuss und verschwand aus Karstens Leben kaum weniger gründlich als kurz zuvor seine Mutter.

Wären nicht die monatlichen Überweisungen gewesen, die Karsten ein komfortables Leben ermöglichten, hätte er fast vergessen können, dass sein Vater noch lebte.

Sie fühlten sich vom Schicksal zusammengeführt, der Halb- oder eigentlich Quasi-Vollwaise Karsten, der von seinen Eltern versetzte Lorenz mit seiner Freundin Miriam, und Franziska, die den Sommer immer noch lieber in der stickigen Unibibliothek verbracht hätte, als zu ihrer Familie in den Harz zu fahren.

So ließen sie sich also zu viert durch den Sommer treiben, Franziska und Karsten, Miriam und Lorenz. Sie schliefen, bis die Hitze sie weckte. Sie hingen im Garten herum und tranken sich bereits nachmittags einen an. Sie gingen schwimmen im Werdersee, sie dösten zwischen den Bäumen, krochen dem Schatten nach, lauerten träge auf den Abend, machten die schwüle Sommernacht durch.

Plötzlich wurde es eine Spur kühler und dunkler. Als Karsten blinzelte, sah er, dass sich jemand zwischen ihn und die Sonne gestellt hatte. Die breite Silhouette vor dem blassen Himmel hatte die Arme in die Seiten gestützt und strahlte eine gewisse Bedrohlichkeit aus.

»Kasi! Renzo!«, sagte eine näselnde Männerstimme betont beiläufig. »Hätte ich mir ja denken können, dass ihr immer noch hier abhängt.«

Trotz der Hitze bekam Karsten eine Gänsehaut. Etwas in ihm begann sich zu verkrampfen. Es war Matze.

»Schau an, der Parvenü«, bemerkte Lorenz ebenso beiläufig.

»Leck mich, Renzo.«

Matthias Opdervelde war mit seinen Eltern zu Beginn der Oberstufe nach Bremen gezogen. Matzes Vater hatte sich vom einfachen Kaufmann zu einem der größten Konservenfabrikanten Deutschlands hochgearbeitet.

Über Lorenz’ Vater, spezialisiert auf die Vermittlung von Luxusimmobilien, hatte er sich und seiner Familie ein schlossähnliches Anwesen auf einem hektargroßen Parkgrundstück in Oberneuland gekauft. Da allen Opderveldes jegliches Gefühl für Understatement völlig fehlte, gingen sie bald ihrer Umgebung gewaltig auf die Nerven. In der Nachbarschaft, in den Klubs und Vereinen protzten sie so sehr herum, dass sich alle peinlich berührt abwendeten und niemand mit ihnen gesehen werden wollte. Auch Matzes Bemühungen um Anschluss und Freundschaften scheiterten über kurz oder lang an seinem übersteigerten Geltungsbedürfnis.

»Was machst du denn hier?«, fragte Karsten. »Ich dachte, du wärst jetzt in München.«

»Bin ich ja auch«, antwortete Matze. »Bin gestern mit einem Kumpel hochgefahren. Bin ich froh, aus dem Süden weg zu sein. Ihr glaubt nicht, wie heiß es dort war in den letzten Wochen.«

»Och, wir können auch nicht klagen«, warf Lorenz ein.

»Wir haben hier seit Wochen über 30 Grad«, fügte Karsten hinzu.

»Jaja«, fiel Matze Karsten ins Wort, »wir müssen jetzt nicht übers Wetter reden. Aber das hier …« Er breitete die Arme aus und ließ sie über Strand, Fluss und Menschen gleiten, »ist ein Scheiß gegen München. In München fühlt man sich wie im Dampfbad, jeden Tag, rund um die Uhr. Hier ist es richtig kühl dagegen.«

»Auch diesmal können wir nicht gegen dich anstinken, Matze«, sagte Karsten betont gelangweilt.

Matze winkte ab. »Ich sag ja nur, ihr könnt froh sein, nicht die Hitze im Süden erleben zu müssen. Das ist was ganz anderes, eine andere Liga, eine andere Klimazone.«

»Wir haben verstanden, Matze«, sagte Karsten. »Herzlich willkommen im Kühlschrank Deutschlands. Hoffentlich holst du dir keinen Schnupfen.«

Matze drehte sich suchend um die eigene Achse, winkte und pfiff mehrmals. Kurz dachte Karsten, er wolle einen Hund herbeirufen, doch dann tauchte ein Typ mit schwarzen zurück gegelten Haaren neben Matze auf. Er war nicht allein. Miriam und Franziska waren bei ihm. Sie trugen bunte, blumig gemusterte Sommerkleider, oben eng und figurbetont, unten weit und luftig. Karsten hatte die Kleider noch nie an den beiden gesehen.

Miriam ging direkt zu Lorenz und küsste ihn auf den Mund. Franziska setzte sich dicht neben Karsten, legte ihre Hand auf seine Brust und sagte: »Hallo, Schatz.«

Einen Moment herrschte Schweigen. Dann begann Matze meckernd zu lachen.

»Na so was!«, rief er laut. »Ich war ja echt gespannt auf die Freunde der beiden, aber dass das ausgerechnet ihr zwei Dünnbrettbohrer seid!«

Er klatschte sich grölend mit dem anderen ab, der etwas verdutzt daneben stand.

»Darf ich vorstellen, das ist Ricky, Kollege von der Uni in München. Ricky, sag hallo zu Kasi und Renzo, meinen alten Schulfreunden.«

»Hi«, sagte Ricky. »Ich bin Enrico, aber für dieses Genie hier ist der Name anscheinend zu anspruchsvoll.«

»Jaja«, winkte Matze ab. »Sei nicht so eine verdammte Pussy.«

»Stellt euch vor«, schaltete sich jetzt Miriam ein, »Matze und Enrico haben uns nach Sylt eingeladen, ist das nicht cool?«

»Und als wir gesagt haben«, warf Franziska ein, »aber nur mit unseren Männern, da haben sie sofort Ja gesagt, obwohl sie euch gar nicht kannten.«

»Aber ihr kennt euch ja doch!«, stellte Miriam fest. »Das ist ja umso besser.«

»Ja«, brummte Karsten, »ganz super.«

»Wenn ich mal aufklären darf«, sagte Matze. »Wir sind auf der Durchreise. Ich muss nach Sylt, nach unserem Haus dort sehen. Es ist eingebrochen worden, und jemand von der Familie muss dem Hausverwalter auf die Finger schauen, ihr versteht. Und als wir diese beiden bezaubernden Damen in der Stadt getroffen haben, haben wir sie kurz entschlossen gefragt, ob sie uns begleiten möchten. Wie ihr seht, sind eure Mädels begeistert von der Idee. Wenn ihr auch mitwollt, könnt ihr das gerne tun, aber ihr müsstet separat fahren, sechs Leute krieg ich nicht ins Auto. So ein Cayenne ist zwar geräumig, aber alles hat Grenzen.« Er meckerte erneut.

»Danke, kein Interesse«, brummte Karsten.

»Na dann, zu fünft passt’s!«

Miriam und Franziska wechselten Blicke.

»Also entweder kommen wir alle mit oder keiner.«

»Und natürlich fahren wir vier auch gemeinsam hoch«, fügte Miriam hinzu.

Was bedeutete: Karsten würde fahren müssen. Miriam hatte kein Auto, Franziska besaß einen 20 Jahre alten Polo, der schon bei Tempo 80 auseinanderzubrechen drohte, und Lorenz fuhr einen klassischen Mini Cooper, der nun wirklich zu klein war für vier Erwachsene mit Gepäck. Die einzige sinnvolle Möglichkeit war der Audi A6, die ehemalige Familienkutsche der Straußbergers, mit der Karsten gelegentlich durch die Gegend fuhr.

»Wir können auch einfach hier bleiben«, sagte Franziska leise zu Karsten, als Matze und Enrico bereits gegangen waren. »Wenn dir das mit Matze immer noch so viel ausmacht …«

»Nein, wir fahren!«, sagte Karsten bestimmt. »Soll er doch sehen, dass wir bessere Freunde sind, als er jemals hatte und haben wird. Aber wenn er es wagt, sich an eine von euch ranzuschmeißen, dann wird er bluten, dafür sorge ich!«

»Huch, wie männlich!«, sagte Franziska und lachte.

»Was ist denn los?«, fragte Miriam stirnrunzelnd, als sie Karstens Gesichtsausdruck bemerkte. »Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.«

9

Westerland/Sylt. Nordseeklinik

Danach

Mit einem Ruck fährt er hoch. Er ist schweißgebadet. Sein Herz rast. Aber das Dröhnen in seinem Kopf ist weg, nur noch eine blasse Ahnung. Immerhin.

Luna, wo ist sie hin? Hektisch springt er auf und sackt beinahe vor dem Bett zusammen. Keuchend lehnt er an der Wand, spürt, wie das Pulsieren in seinen Ohren allmählich nachlässt, die Sternchen vor den Augen verschwinden. Vorsichtig tastet er sich an der Wand entlang, um die Ecke, zum Badezimmer.

Er erschrickt furchtbar, als wenige Sekunden nach der Beleuchtung lautstark die Lüftung anspringt.

Scheiße, warum bist du so nervös, denkt er. Du bist doch sonst nicht so schreckhaft. Als hättest du einen Geist gesehen, hatte Franziska gesagt. So fühlt er sich nun auch.

Luna. Sie wollte nicht mehr erzählen, hatte nur noch herumgedruckst. Er musste einfach eingeschlafen sein, noch während sie bei ihm saß. Warum? Warum ist er nur so dermaßen erschöpft?

Am Tisch setzt er die Mineralwasserflasche an die Lippen und trinkt sie aus, ohne abzusetzen. Einen Moment lang befürchtet er, alles wieder erbrechen zu müssen. Doch dann entfährt ihm ein fulminantes Rülpsen, und danach geht es ihm besser.

Sein Blick schweift durchs Zimmer. Auf dem Nachttisch liegt etwas. Er erstarrt. Ein Zettel.

Mit klopfendem Herzen beeilt er sich, seinen geschwächten Körper um das Fußende des Bettes herum zum Nachttisch zu manövrieren, stolpert über etwas, taumelt, flucht und fällt aufs Bett. Er erkennt seine Reisetasche, halb unters Bett gerutscht, doch dafür hat er jetzt keinen Blick. Er greift nach dem Zettel, ein kariertes Blatt Papier, DIN A4, aus einem Collegeblock gerissen, einmal in der Mitte gefaltet. Darauf mit blauem Kugelschreiber eine Mädchenschrift, unverkennbar, rund und verspielt, die i-Tüpfelchen sind kleine Kreise. Atemlos beginnt er zu lesen.

Lieber Karsten,

erhol dich noch gut und mach dir bitte keinen Kopf. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, aber wir können die Dinge nun mal nicht rückgängig machen. Aber wir haben alles in Ordnung gebracht, auch wenn das nicht wirklich möglich ist, aber eben so gut es ging. Also mach dir keine Sorgen.

Schade, dass wir uns nicht unter anderen Umständen kennengelernt haben! Aber man trifft sich ja immer zweimal!? Egal, was kommt: Ich bin auf deiner Seite!

Alles Liebe,

Luna

Karsten lässt das Papier sinken und starrt zwischen den Lamellen der Jalousien hindurch. Ein Stück entfernt ist ein Kiefernhain zu sehen. Karsten betrachtet die sich im leichten Wind bewegenden Wipfel. Von den gleichförmigen Bewegungen geht eine hypnotisierende Wirkung aus.

Auf meiner Seite? Egal, was kommt? Keine Sorgen machen? Alles in Ordnung gebracht? Und dann auch noch: auch wenn das nicht wirklich möglich ist? Was soll das bedeuten? Was will sie damit sagen? Und was alles sagt sie nicht?

Karsten liest den Brief ein zweites Mal. Erst jetzt fällt ihm der Pfeil ganz unten auf. Er wendet das Blatt. Eine weitere Nachricht, mit einem anderen Kugelschreiber geschrieben, offenbar in Eile, unverkennbar die gleiche Handschrift, aber nicht mehr Mädchenschönschrift, sondern schlampig hingekritzelt.

Wenn er sich bislang von einer Mauer aus Angst umgeben gefühlt hat, rollt nun eine Panikwelle wie ein Tsunami auf ihn zu.

Auf der Rückseite steht:

Sag niemandem deinen Namen! Verschwinde von hier! Dein Auto steht neben der Klinik. Schlüssel ist in der Reisetasche. Wenn du den Autozug hinter dich gebracht hast, werden sie dich kaum noch finden können. Hau so schnell wie möglich ab!!!

10

Bremen. Stadtwerder

Davor

Nachdem Matze und Enrico gegangen waren, waren auch Franziska, Miriam und Lorenz nicht mehr lange geblieben. Eine Geschäftigkeit setzte ein, die Karsten gegen den Strich ging. Alle hatten noch dies und das zu erledigen für die Fahrt nach Sylt am Tag darauf. Er nicht. Ein paar Sachen achtlos in eine Reisetasche zu werfen, hatte nicht mehr als zwei Minuten gedauert.

Am Himmel hingen nun dunkle Wolken. Selbst direkt am Fluss ging kein Wind mehr. Bleiern schwer stand die schwüle Luft zwischen Häusern und Bäumen. Karstens Klamotten klebten auf der Haut. Die elektrische Spannung schien auf beinahe haptische Weise greifbar zu sein.

Mit einem Bier setzte er sich auf den verdorrten Rasen im Schrebergarten. Allein zurückgelassen, ohne die anderen, fühlte sich Karsten leer und verlassen. Er dachte über den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit nach und war sich nicht schlüssig, welcher Begriff seine Befindlichkeit besser beschrieb. Auf jeden Fall hatte ihm die Begegnung mit Matze die Stimmung versaut, und die Aussicht auf ein Wochenende in seiner Nähe, in seinem Haus, von seinen Gnaden sozusagen, machte es noch schlimmer. Er hätte sich nicht so schnell breitschlagen lassen sollen. Oder?

Er sah Lorenz vor sich, wie er vorhin mit roten Flecken an Hals und Wangen am Strand vor dem Café Sand gesessen war. Aus Vorfreude und vor Aufregung, das war Karsten klar. Er wusste über Lorenz’ Erinnerungen an Sylt Bescheid. Die besten Sommerferien überhaupt seien es gewesen, damals, als er mit 16 wegen seines Asthmas in eine Rehaklinik für Kinder und Jugendliche geschickt worden war. Viel besser als die üblichen Ferien, in denen er sich mit seinen Eltern in Fünf-Sterne-Klubanlagen auf den Malediven oder Seychellen zu Tode langweilte. Auf Sylt hatte er sich das erste Mal frei und erwachsen gefühlt. Die meisten Patienten wirkten nicht schwer krank, so dass es sich mehr wie in einem Ferienlager als in einem Krankenhaus anfühlte.

Lorenz lernte ein Mädchen aus Süddeutschland kennen, küsste sie bei Sonnenuntergang am Meer, und in der letzten Nacht stahlen sie sich davon, um in einem Strandkorb miteinander zu schlafen. Es war nicht ihr erstes Mal, wohl aber seins, und natürlich würde er das nie vergessen. Und so würde Sylt auf ewig in Lorenz’ Erinnerung ein nostalgisches und verheißungsvolles Leuchten behalten. Wollte Karsten also seinem besten Freund die Gelegenheit rauben, nach Sylt zu fahren?

Die Welt schien vor gespannter Erwartung die Luft anzuhalten. Eine unwirkliche Stille hing zwischen den reglosen Wipfeln der Bäume. Der Himmel hatte sich immer mehr verdunkelt. In der Ferne, irgendwo über Niedersachsen, zuckten vereinzelte Blitze, ohne dass ein Donnern folgte.

Plötzlich kam Wind auf. Modrige und doch frische Luft wehte um Karstens Nase. Eine Ahnung von Kühle streichelte seine Haut und richtete die Haare auf seinen Unterarmen auf. Die ersten Tropfen klatschten dick und schwer auf den Boden. Dann riss der Himmel auf, als hätte jemand einen Knopf gedrückt, und eine Sintflut prasselte auf ihn herunter. Binnen weniger Sekunden war er komplett durchnässt. Ein Hochgefühl stieg in ihm auf. Das Gefühl von Einsamkeit oder Alleinsein verwandelte sich in Freiheit, in Glück. Einem Impuls folgend, riss er sich die durchgeweichten Klamotten vom Körper, sprang wie durchgeknallt nackt durch den Garten und ließ den Regen den Schweiß von seiner Haut waschen. Kleine Pfützen bildeten sich auf dem Rasen.

Als er die Gestalt bemerkte, fuhr er erschrocken zusammen.

11

Miriam fluchte. Ausgerechnet jetzt, auf dem kurzen Weg zwischen dem Fähranleger am Café Sand und dem Garten musste ein Wolkenbruch über ihr niedergehen. Binnen weniger Sekunden war sie völlig durchnässt. Immerhin hatte sie noch schnell die Regenpelerine über den großen Tourenrucksack ziehen können.

Sie hätte bei Lorenz bleiben sollen. Dann hätten sie jetzt miteinander in einem Laden oder einem Café den Starkregen vorbeiziehen lassen können. Nachdem sie ihre Wäsche in einem Waschsalon in der Stader Straße gewaschen und getrocknet hatten, wollte Lorenz unbedingt ein paar Klamotten einkaufen gehen. Doch Miriam war müde und wollte möglichst schnell zurück.

Sie stürmte durch den kleinen versteckten Seiteneingang in den Garten und duckte sich unter die hohen alten Bäume. Hierhin war der Regen noch nicht ganz durchgedrungen. Es tröpfelte nur ganz schwach durch die Baumkronen.

Lächelnd betrachtete sie den Baumstumpf, auf dem sie und Lorenz sich in den letzten Wochen fast täglich geliebt hatten. Ja, geliebt! Sie hatte diesen Begriff für Sex immer albern gefunden. Liebe war eine Sache, Sex eine andere, am besten kam beides zusammen, aber eben nicht zwingend. Doch seit sie mit Lorenz zusammen war, hatte sich tief in ihr etwas verändert. Lorenz war so ganz anders als ihre bisherigen Freunde. Er war nach den gängigen Maßstäben kein schöner Mann. Er war zu dünn für seine Größe, sein Haar wurde bereits schütter, die leicht gebogene Nase dominierte zu sehr das schmale Gesicht. Seine Bewegungen waren linkisch. Aber vielleicht fühlte es sich genau deshalb, wegen des nicht perfekten Äußeren, so tief und echt an, wie sie es bisher nicht gekannt hatte.

Miriam war es gewohnt und hatte nichts dagegen, dass viele Männer sie anstarrten, ihre Beine (die zu lang waren, um perfekt sitzende Jeans zu finden), ihren Hintern (der ruhig etwas runder hätte sein können), ihre Brüste (die sie selbst etwas zu groß fand) und ihre blonde Löwenmähne (zu kraus).

Lorenz hingegen hatte ihr zunächst kaum ins Gesicht, geschweige denn woandershin sehen können, damals, als sie sich auf dieser öden Semestereröffnungsparty über den Weg gelaufen waren.

Nach diesem Abend dauerte es ganze drei Monate, bis sie das erste Mal miteinander schliefen. So lang hatte sie zuletzt mit 15 bei ihrem allerersten Freund gewartet. Nachdem sie sich das erste Mal geliebt hatten (auf der überaus beengenden Rückbank seines Minis, was sie erneut ans 15-Sein erinnerte), war sie versucht gewesen, ihn zu fragen, ob das gerade sein erstes Mal gewesen war. Aber sie traute sich nicht.

Er streichelte sie so sanft und betrachtete ihren Körper wie eine wertvolle Skulptur. Und in diesem Sinne betrachtete sie von da an auch seine behutsame Art: als Kunstwerk, als Wunder, als Kostbarkeit. Miriam hatte Angst, mit Fragen nach Ex-Freundinnen und Sex etwas zu zerstören, also ließ sie es einfach sein. Das war ihre Art, ihm die ihr entgegengebrachte Behutsamkeit zurückzugeben.

Ansonsten war Zurückhaltung schnell Schnee von gestern, und Miriam lernte eine ganz neue Vertrautheit kennen, die sie zu ihrer Verwunderung nicht langweilte, sondern Liebe entstehen ließ, tief und rein und echt und das erste Mal in ihrem Leben.

Unter den Eschen wurde es immer ungemütlicher. Der Regen hatte sich seinen Weg durch die Zweige und Blätter gebahnt. Miriam fröstelte und sah an sich hinunter. Das weiße Oberteil klebte fast transparent am Körper. Egal. Karsten würde es verkraften. Er hatte sowieso schon viel mehr gesehen, genau hier, unter den Eschen.

Einerseits hatte ihr das gefallen. Sein fassungsloser Blick. Sie hatte gesehen, wie es ihn erregt hatte. Seine Shorts hatten es nicht verbergen können. Andererseits hatte sie ihn schon zuvor immer wieder dabei ertappt, wie er sie angestarrt hatte.

Diese Blicke, dieses Glotzen kannte sie nur zu gut, und es irritierte sie. Sie waren in diesem Sommer zu viert so sehr zusammengewachsen, dass ihr jeder Gedanke, der gleichzeitig Karsten und Sex beinhaltete, wie Inzest vorkam.

Miriam schlüpfte unter einem niedrigen Ast hindurch und drückte sich mit dem klobigen Rucksack zwischen einer Hecke und dem morschen Schuppen vorbei. Nun lagen die Wiese und das kleine Haus vor ihr.

Es regnete noch immer in Strömen. Sie wollte gerade leicht gebückt und so schnell wie möglich zur Haustür rennen, da stutzte sie. Sie sah, wie sich Pfützen auf dem Rasen gebildet hatten. Und sie sah Karsten. Mitten auf dem Rasen stand er, nein, er stand nicht, er sprang herum, oder tanzte er? Auf jeden Fall hatte er nichts an. Er war splitterfasernackt.

12

Die Gestalt stand vor den Eschen, wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie trug etwas Weißes, was ihn an ein Gespenst denken ließ. Seine Poren zogen sich zu einer fast schmerzhaften Gänsehaut zusammen. Dann erkannte er die Gestalt: Miriam.

Warum war sie schon da? Und warum allein? Hatten Lorenz und Miriam nicht noch Wäsche waschen wollen?

Miriam lächelte. Die Haare hingen ihr triefend nass ins Gesicht. Ihr kurzer Rock klebte an den Oberschenkeln. Auch aus der Entfernung waren deutlich ihre Brüste und Brustwarzen unter dem im Regen fast transparent gewordenen Top zu erkennen. Auf dem Rücken trug sie ihren riesigen Tourenrucksack, als wollte sie zu einer Himalaya-Expedition aufbrechen. Ein jägergrüner Regenschutz machte den Rucksack noch unförmiger, als er ohnehin schon war.

»Das war wohl ein Regentanz«, rief sie durch das Rauschen des Regens. Irgendetwas in ihrem Blick löste ein Ziehen in Karstens Bauch aus. Rasch legte er die Hände schützend vor seinem Unterleib übereinander wie ein Fußballspieler in der Mauer, der den Freistoß des gegnerischen Stürmers erwartet. Als sie das sah, lachte sie.

»Hat gewirkt«, rief Karsten zurück.

Miriam kam einige Schritte auf ihn zu.

»Was hat wie gewirkt?«, fragte sie und betonte die beiden Fragewörter überdeutlich. Dabei zog sie die Augenbrauen hoch und legte den Kopf schief.

Karsten spürte, wie das Regenwasser auf seinem Gesicht heiß wurde.

»Der Regentanz. Erfolgreich.«

»Du hast Talent«, bemerkte sie spöttisch. »Kann ich reingehen? Wenn du nichts dagegen hast, würde ich gerne den Rucksack abstellen.«

»Ist offen. Ich komme gleich nach.«

»Okay«, sagte sie und wandte sich zur Haustür. Dort drehte sie sich nochmals um.

»Ich geh unter die Dusche, ja?« Wieder legte sie den Kopf schief. Trotz des klobigen Rucksacks auf ihrem Rücken wirkte es anmutig.

Weder Karsten noch Miriam hatten die Gestalt bemerkt, die nun unter den Eschen stand und die Szene ganz genau beobachtete: Franziska.

13

Westerland/Sylt. Nordseeklinik

Danach

Karsten bemüht sich um Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit, als er den Gang hinunterschlendert. Er hat frische Kleidung aus seiner Reisetasche angezogen und versucht, seine verschwitzten, verklebten Haare zu ordnen. Mit einem Blick in den Badezimmerspiegel hat er versucht, sich selbst davon zu überzeugen, eher wie ein Besucher und nicht wie ein Patient auszusehen.

Eine geöffnete Tür. Stimmen. Eine Frau und ein Mann. Nicht zu schnell gehen, unauffällig bleiben. Das Foyer. Seine Schritte werden wie von selbst schneller. Er muss sich beherrschen, nicht loszurennen.

»Stehen bleiben!«, brüllt die dröhnende Stimme des Pflegers. »Wo willst du hin?«

Der Pfleger hat die Arme in die Seiten gestützt und kommt langsam auf Karsten zu. Er wirkt bedrohlich, wie ein Raubtier auf dem Sprung.

»Nur mal kurz raus«, antwortet Karsten und bemüht sich um eine feste Stimme. »Frische Luft schnappen.«

»Du hast Bettruhe«, sagt der Pfleger überdeutlich. »Halte dich dran, sonst muss ich dem Arzt Bescheid sagen.«

Bilder aus Filmen mit gefesselten Psychiatriepatienten schießen Karsten durch den Kopf. Ohne ein weiteres Wort geht er mit gesenktem Kopf zurück, den ganzen Gang bis ans Ende. Bevor er in die Stirnseite des u-förmig aufgebauten Trakts abbiegt, wo sich sein Zimmer befindet, sieht er sich um. Der Pfleger wartet an der offenen Tür des Personalraums und sieht ihm hinterher.

14

Eine Viertelstunde später kommt der Pfleger wortlos in Karstens Zimmer und holt das unangetastete Essenstablett ab. Karsten hat sich aufs Bett gelegt, vollständig bekleidet, und sieht zur Decke.

Der Pfleger ist schon fast wieder an der Tür, da dreht er sich um und sagt: »Hübsches Mädchen, deine Freundin.«

»Sie meinen meine Schwester?«

»Jaja, von mir aus.« Er lacht höhnisch. »Schwester!« Er wiederholt das Wort wie die Pointe eines guten Witzes. »Verarschen kann ich mich selbst.«

»Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen.«

»Och«, sagt er, »mir kann es ja egal sein. Aber irgendwas ist da doch faul. Da kommt ein Mädchen, das dich offensichtlich anhimmelt, und gibt sich als deine Schwester aus. Vor der Tür warten drei Leute auf die Kleine und schaffen es kaum, sich in die Augen zu sehen. Und genau einen Stock tiefer liegt das Mädel, das in der Nacht bei dir war, genauso abgeschossen wie du, nur dazu noch mit Blessuren, die ganz nach Vergewaltigung aussehen.«

Er macht eine gewichtige Pause und starrt Karsten bohrend an.

»Also, was habt ihr ausgefressen?«

»Ich kann mich an nichts erinnern.« Die Antwort kommt mechanisch. Karstens Stimme ist wieder ein Flüstern geworden.

»Jaja, schon klar«, sagt der Pfleger. »Ich bin ja mal gespannt, was im Drogenscreening rauskommt. Dann wird bestimmt auch mal die Polizei mit dir sprechen wollen.«

Wie vom Donner gerührt, starrt Karsten zur Tür, die hinter dem Pfleger ins Schloss gefallen ist.

15

Bremen. Stadtwerder

Davor

Miriam und Franziska saßen nebeneinander im Garten auf der verwitterten Bank, von der man auf das kleine Kaisenhaus sehen konnte. Sie hatten bereits einen Gin Tonic intus und den zweiten in der Hand. Sie hatten geredet. Belangloses Zeug. Jetzt schwiegen sie und beobachteten, wie die Nacht das letzte blaue Abendlicht vertrieb.

Etwas stand zwischen ihnen. Miriam musste so sehr an die bizarre Szene von vor einer Stunde denken, an den nackt im Regen tanzenden Karsten, dass Franziska ihre Gedanken schon fast hören musste, so kam es Miriam vor.

Sie hätte Franziska den Vorfall erklären können. Zumindest soweit der Vorfall zu erklären war. Was Karsten dazu bewogen haben könnte, nackt im Regen durch den Garten zu tanzen, konnte sie auch nicht sagen. Doch wer war sie, dass sie das kritisieren oder seltsam finden könnte? Solche Aktionen, wie nackt durch den Regen tanzen, würde man eher ihr zutrauen als Karsten. Nach den heißen Wochen ohne einen Tropfen Regen, nach diesem extrem schwülen Tag und nach der offensichtlichen Verstimmung, die Matze und Enrico bei Karsten hervorgerufen hatten, war es durchaus verständlich, einem solch befreienden Impuls nachzugeben. Oder etwa nicht? Miriam entschloss sich, Franziska nichts von Karstens Regentanz zu erzählen. Es war schließlich nichts passiert. Wenn sie davon erzählte, würde erst etwas daraus werden. So war es nichts, gar nichts.

Miriam konnte schon gar nicht mehr nachvollziehen, was Franziska und sie geritten hatte, in die Einladung nach Sylt einzuwilligen. Auf den ersten Blick war ihr klar gewesen, dass Matze und Enrico Blender waren, vermutlich reiche Söhnchen, die nichts besser konnten, als auf dicke Hose zu machen. Sie selbst hatte auch abgewinkt und auf ihre Freunde verwiesen. Franziska war es dann gewesen, die mit Matzes Cayenne zum Café Sand fahren wollte, um Lorenz und Karsten zu suchen und zu fragen. Ein Cayenne, Miriam lachte. Was für ein Klischee!

»Warum lachst du?« Franziska sah sie fragend an. Sie wirkte, als ob sie auch gerne lachen würde.

»Ich dachte nur gerade: Wenn ich hätte raten müssen, was für ein Auto Matze fährt, ich hätte sofort auf einen Cayenne getippt.«

Franziska schmunzelte und zuckte mit den Schultern.

»Meinst du, er hat nichts in der Hose und braucht ein dickes Auto zum Kompensieren?«, legte Miriam nach.

Franziska prustete. Sie hatte im falschen Moment einen Schluck aus ihrem Glas genommen. Hustend und lachend wand sie sich auf der wackelnden Bank.

»Kann doch sein«, sagte Miriam, jetzt auch lachend. »Das sagt man doch immer: je größer das Auto, desto kleiner der Pimmel!«

»Miriam!« Franziska tat empört, konnte aber ihr Lachen nicht unterdrücken. »So ’n Spruch aus deinem Mund?«

»Cheers!« Sie stießen an.

»Karsten und Matze haben ein Problem miteinander, oder? Weißt du was darüber?«

»Ganz lange Geschichte.« Franziska winkte ab.

»Erzähl doch mal!«, bohrte Miriam nach. »Oder soll ich ihn selbst fragen?«

»Nee, lass mal. Sonst ist er wieder tagelang schlecht drauf. Karsten ist im letzten Schuljahr ein paar Monate zweigleisig gefahren.«

Miriam musste ein Schmunzeln unterdrücken. Warum überraschte sie das nicht?

»Eigentlich wollte er mit seiner Freundin Schluss machen und mit seiner Affäre richtig zusammen sein, aber er hat es einfach nicht gebacken bekommen. Schuldgefühle und so weiter. Karsten war dann irgendwann kurz vorm Durchdrehen und hat sich schließlich – halt dich fest – ausgerechnet Matze anvertraut.«

»Ach nee!« Miriam lachte. »Der wirkt ja eigentlich nicht so wie ein Psychologe.«

»Nicht ganz«, nickte Franziska. »Aber jetzt kommt’s: Zwei Wochen, nachdem sich Karsten bei Matze ausgeheult hatte, waren Matze und Karstens Affäre plötzlich zusammen. Daraufhin konnte Karsten dann doch mit seiner Freundin Schluss machen, und bei der wiederum hat es auch nur zwei Wochen gedauert, bis sie einen Neuen hatte.«

»Oh je!« Miriam seufzte. Das ist ja wie in einer Soap.«

»Genau. Und Karsten war so runter mit den Nerven, dass er beinahe das Abi geschmissen hätte. Anscheinend musste Lorenz ihn jeden Tag zur Schule schleifen und ihn in den Arsch treten, damit es doch noch geklappt hat.«

Miriam sah auf. Karsten stand in der Haustür, nur wenige Meter entfernt, und sah sie ungläubig an. Wie lang stand er dort schon?

»Ihr redet über mich?«, fragte er leise.

Franziska sprang auf, lief zu ihm und umarmte ihn. Er ließ es etwas steif über sich ergehen.

»Miriam hat gefragt, was zwischen Matze und dir vorgefallen ist, da hab ich’s ihr erzählt.«

Karsten löste sich aus Franziskas Umarmung. »Und? Habt ihr euch gut amüsiert?«

»Gar nicht!«, widersprach Miriam. »Ganz schön üble Geschichte.«

»Schnee von gestern«, brummte Karsten. »War zwar hart, eine scheiß Zeit, aber es ist vorbei. Ich hab gelitten wie ein Hund, aber ich hab es überlebt.«

Miriam sah Franziska an, dann prusteten beide los.

»Was ist?«, fragte Karsten irritiert. »Hab ich was Komisches gesagt?«

»Oh, Kasi«, kicherte Franziska, »du bist ja so ein Held!«

»Ja!«, rief Miriam, »ein echter Überlebenskünstler!«

»Ich finde es eigentlich nicht so komisch«, sagte Karsten tonlos.

Miriam hörte auf zu lachen und sah Karsten aufmerksam an. Alle Farbe schien aus seinem Gesicht gewichen zu sein.

»Armer kleiner Kasi«, legte Franziska nach. »Die Welt ist so gemein zu dir!«

Und da brüllte Karsten plötzlich los: »Hört doch auf! Vergesst es einfach! Es geht euch beide eh einen Scheiß an!«

Tränen liefen über seine Wangen. Jetzt tat er Miriam plötzlich leid. Und auch Franziska hatte aufgehört zu lachen.

»Entschuldigung«, sagte Franziska sanft. »Wir wollten dir nicht wehtun.«

Karsten schwieg.

»Weißt du«, fuhr sie fort, »du machst ein ganz schön großes Drama um diese Sache.«

»Weißt du«, äffte Karsten wütend Franziska nach. »Das war die beschissenste Zeit meines Lebens. Ich hab noch mehr gelitten als nach dem Tod meiner Mutter.«

Miriam horchte auf. Karstens Mutter hatte sich umgebracht und Karsten sie gefunden, das hatte Franziska ihr mal erzählt. Anscheinend war seine Mutter depressiv gewesen und hatte Karsten alle möglichen Vorwürfe und ein schlechtes Gewissen gemacht.

»Ja«, sagte Franziska gedehnt, »das kann ja sein. Aber es ist jetzt schon ziemlich lang her. Und trotzdem reagierst du auf das Thema immer noch, als wäre es erst letzte Woche passiert. Du suhlst dich in Selbstmitleid. Dabei warst du ja auch nicht ganz unschuldig daran, wie es gekommen ist.«

»Darf ich die Geschichte dann wenigstens mal aus meiner Perspektive erzählen?«

16

Bremen. Oberneuland

Lange davor

Matze hatte zu seinem 18. Geburtstag geladen. Die halbe Oberstufe des Gymnasiums sollte kommen, dazu noch ein paar blasierte Typen aus seinen Golf- und Tennisvereinen, die zu laut lachten und dünne blondierte Mädchen mit teuren Handtäschchen im Schlepptau hatten.

In der weiß gekiesten Auffahrt des Anwesens überreichten Matzes Eltern das Geburtstagsgeschenk an ihren Sohn: den Schlüssel zu einem dort postierten nagelneuen schwarzen Porsche Cayenne Turbo S mit Vollausstattung. Danach verzogen sie sich, um die Nacht im Parkhotel zu verbringen.

Der Pavillon lag im hintersten Winkel des weitläufigen Gartens, der eher ein Park war. Es war dunkel und ruhig, Grillen zirpten, und die Geräusche der Party, die Musik, die Stimmen waberten vom wechselnden Wind getragen mal leiser, mal lauter von der Villa herüber.

Karsten telefonierte mit Julia, wie immer um diese Zeit. Sie musste an jedem einzelnen Abend, an dem sie nicht bei ihm war, mit ihm telefonieren und ihm haarklein von ihrem Tag berichten, egal, ob etwas Interessantes passiert war oder – wie fast immer – nicht.

Karsten hatte die Gestalt nicht bemerkt und erschrak, als sie plötzlich vom dunklen Garten in den Pavillon trat und das Feuerzeugflämmchen ihr Gesicht erhellte.

Carina. Sie war eine Stufe unter ihm. Er kannte sie vom Sehen, hatte aber nie etwas mit ihr zu tun gehabt. Sie strahlte etwas Unkompliziertes, Ungekünsteltes aus, ein Kumpeltyp, Marke »Mädchen zum Pferdestehlen«.

Durch sein Zusammenzucken erschrak wiederum sie, wodurch ihr der dicke Joint, den sie gerade angezündet hatte, zu Boden und Karsten vor die Füße fiel. Er griff nach ihm und nahm einen Zug. Stark, scharf, intensiv. Er musste husten. Sie nahm ihm mit spöttischem Grinsen die Tüte aus der Hand. Karsten sagte ins Telefon, dass er aufhören müsse, und legte auf.

»Zu doll?« Carina lachte. »Ich dreh keinen Tabak mehr rein, weil ich mit Zigaretten aufgehört habe. Und in den USA machen das alle so.«

»Ach ja?«, stieß Karsten hervor, immer noch hustend. »USA?«

»Ja«, sagte sie, »war gerade dort für ein halbes Jahr. Die kiffen dort alle ohne Tabak.« Sie hielt eine Flasche hoch.

»Dom Pérignon«, bemerkte sie. »Aus dem Privatkühlschrank im Keller. Trinkst du mit?«

»Ich denke, das tut jemandem, der einen Cayenne zum 18. bekommt, nicht weh.«

»Keine Sorge. Davon geht Matzes Familie nicht pleite.«

Carina kicherte leise und ließ den Korken in den dunklen Garten ploppen.

»Und wo genau warst du in Amerika?«

»Kalifornien. Direkt an der Pazifikküste zwischen L.A. und San Diego.«

»Hört sich gut an.«

»Ja, Glück gehabt.« Sie nahm einen Schluck aus der schweren Flasche und reichte sie ihm. In ihren Augen fingen sich Reflektionen weit entfernter Partylichter und ließen sie glitzern.

»Meine Gastfamilie war total locker. Der Vater ist Surflehrer und hat mir Wellenreiten beigebracht. Die Mutter ist Künstlerin und hat ein Atelier direkt an der Strandpromenade. Sie hat ständig Partys veranstaltet, auf denen die schrägsten Typen rumgelaufen sind. Ab und zu haben sie sogar mit uns gekifft. Und es war überhaupt kein Problem, wenn ich oder meine Gastschwester einen Typen über Nacht mitgebracht haben. Es war alles sehr entspannt.«

»Du hast einen Freund dort gehabt?«

»Nicht wirklich, nur ein paar kleinere Sachen.«

Trotz der Dunkelheit konnte Karsten erkennen, dass sie lächelte. Sie inhalierte tief und ließ den Rauch langsam aus der Nase quellen. Wo der Rauch die Balustrade des Pavillons erreichte, wurde er vom entfernten Scheinwerferlicht der Partybeleuchtung in Nebelschwaden verwandelt. Wie im Film, dachte Karsten.

Es vibrierte in seiner Hosentasche. Er zog das Handy hervor. Julia. Er drückte sie weg und schaltete das Handy aus. Carina sah ihn etwas schräg an.

»Und du?«, fragte sie nach einer Weile. »Bist du immer noch mit Julia zusammen?«

Lag es an der Frage an sich, am Tonfall, sanft, zart, oder an der für Karsten überraschenden Tatsache, dass sie überhaupt wusste, mit wem er zusammen war? An diesen Augenblick konnte sich Karsten noch Jahre später genau erinnern, denn in diesem Augenblick passierte etwas, das sein bisheriges Leben auf den Kopf stellen sollte.

»Hmmm«, machte er bestätigend.

»Macht ja nichts«, sagte sie und lachte neckend. Dann legte sie ihren Kopf schief und den Arm um seinen Hals, zog ihn zu sich und küsste ihn. Er wehrte sich nicht. Keine Spur.

Sie schliefen miteinander, während der fast volle Mond durch die Baumkronen blinzelte und die ungebräunten Stellen an Carinas Haut, wo sonst der Bikini saß, weiß aufleuchten ließ. Mit Carina zu schlafen, fühlte sich für Karsten an wie für einen Polarforscher der erste Sonnenaufgang am Ende der monatelangen Polarnacht.

Nach dieser Nacht kam sie regelmäßig zu ihm nach Hause. Julia hatte ohnehin unter der Woche keine Zeit, sie lernte unglaublich viel, dazu Klavier, Volleyball, Ballett, Treffen der Evangelischen Jugend. Und so kam es, dass Karsten unter der Woche eine leidenschaftliche Affäre mit Carina hatte und die Wochenenden bei Julia und ihrer Familie verbrachte und sich auch darauf freute. Es war eine kleine spießige Idylle, das Reihenhaus in Borgfeld, das Kaffee-und-Kuchen-Ritual mit ihren Eltern, Cluedo mit ihrem kleinen Bruder, die Besuche bei der Oma im Nachbarhaus, Julias Zimmer unterm Dach, in dem alles niedlich und putzig, artig und fein, akkurat und sauber war, genauso wie in den schnulzigen Teenie-Serien, die in Dauerschleife auf ihrem altersschwachen VHS-Rekorder liefen. Alles zusammen gab ihm, dem wohlstandsverwahrlosten Waisen, jene Familie, die er so nie gehabt hatte, und genau das machte es Karsten unmöglich, mit Julia Schluss zu machen. Es fühlte sich an, als müsste er mit der ganzen Familie Schluss machen, der einzigen Familie, die er noch hatte, nachdem seine eigene implodiert war.

Zunächst schien das alles für Carina in Ordnung zu gehen. Doch eines Tages, es war inzwischen Dezember geworden und nichts hatte sich geändert, das zweite Adventswochenende stand vor der Tür, Karsten lag mit Carina vor dem offenen Kamin im Wohnzimmer seines Elternhauses in der Benquestraße, es roch nach Holzfeuer, Glühwein und Sex, und alles war schön, vielleicht viel zu schön, fing sie unvermittelt an zu weinen.

»Ich halte das nicht mehr aus«, flüsterte sie. »Die Wochenenden sind so scheiße!«

Karsten spürte einen Kloß im Hals. Das schlechte Gewissen, das sowieso immer rumorte, besonders an den Freitagen und Sonntagen, überrollte ihn, und er sagte zu Carina, dass er mit ihr zusammen sein wollte, nur mit ihr, dass er mit Julia Schluss machen würde, dass es ihm aber unendlich schwerfiele, weil er Julia nicht verletzen wollte, dass sie, Carina, noch etwas Geduld haben müsste. Sie nickte, sagte aber nichts und lächelte auch nicht.

In der Folgezeit stritten Carina und Karsten viel. Sie weinte fast jeden Tag, an dem sie sich sahen. Sie konnte nicht verstehen, dass er es einfach nicht schaffte, mit Julia Schluss zu machen, Karsten verstand es ja selbst nicht, er zweifelte an sich und seinem Verstand, verzagte an seinen Gefühlen und seiner Unfähigkeit. Die gemeinsamen Wochenenden wurden seltener.

Es war nicht die beste Idee, sich in dieser Lage Matze anzuvertrauen, aber es war die Zeit, in der Karsten und Lorenz zu seinem Freundeskreis gehörten. Matze begriff herzlich wenig von Karstens seelischen Zwickmühlen, pfiff nur anerkennend durch die Zähne und sagte, er solle den Status quo genießen und es sich selbst nicht so schwer machen, heiraten wolle er ja wohl beide nicht, Karsten solle seinen Spaß haben. Die Erinnerung an Matzes Worte ließ Karsten noch heute die Faust in der Tasche zusammenballen. Und Matzes Verrat nur kurze Zeit später erzeugte einen abgrundtiefen Hass in Karsten, nicht auf Carina, er konnte sie nur zu gut verstehen, aber auch nicht nur auf Matze, sondern am meisten auf sich selbst.

17

Bremen. Stadtwerder

Davor

Karsten schwieg.

»Du solltest diese alte Geschichte endlich abhaken«, sagte Franziska nach einer Weile.

»Ja, verdammt«, rief Karsten ärgerlich. »Längst geschehen! Kannst du jetzt bitte, bitte damit aufhören? Sonst bleib ich doch noch hier, und ihr könnt euch ohne mich mit diesem Idioten und dem anderen Schleimscheißer vergnügen!«

»Oh Mann«, sagte Franziska und klang jetzt auch genervt. »Dass Matze ein Idiot ist, steht außer Frage. Aber das ist doch gar nicht der Punkt!«

»Was ist denn dann der Punkt?«, zischte Karsten. »Um was, verdammt noch mal, geht es überhaupt?«

»Es geht darum, dass du dich hinter der Geschichte von damals verschanzt. Du trägst sie wie einen Schutzschild vor dir her. ›Seht her, ich bin ja so verletzt worden. Ihr müsst mich mit Samthandschuhen anfassen, weil mein Herz gebrochen ist.‹ Hör auf damit! Hör auf mit dem verdammten Selbstmitleid! Zieh deine Lehren daraus, und weiter geht’s!«

Miriam sah sich um. Ihr war die Situation jetzt unangenehm. Das sollten Karsten und Franziska besser unter sich ausmachen. Sie stand auf, ging die wenigen Schritte zur Gartentür und starrte in die Dunkelheit. Die Nacht hing schwarz zwischen den Hecken und Büschen, in den Schrebergärten und auf den Wegen.

»Komm schon«, hörte sie Franziska hinter sich mit weicher Stimme sagen, »wie soll ich mich denn fühlen, wenn du noch in der Vergangenheit festhängst? Ich bin doch jetzt für dich da. Und ich will, dass es dir gut geht! Tut mir leid, dass wir gelacht haben. Aber wir hatten schon zwei Gin Tonic, und du warst gerade so melodramatisch wie in einem Rosamunde-Pilcher-Film!«

»Was hat Miriam dazu gesagt?«

Franziska machte ein unbestimmtes Geräusch. Miriam drehte sich um. Das konnte sie ja dann doch am besten selbst sagen.

»Sieh es mal so«, begann sie. Karsten und Franziska hatten sofort aufgesehen, etwas überrascht, als hätten sie ihre Anwesenheit in der Zwischenzeit völlig vergessen. »Du hattest doch sicher viele schöne Momente mit Carina, oder?«

Karsten nickte stumm.

»Wozu dann traurig oder wütend sein? Denk lieber an die Zeit, die ihr hattet, als an die, die ihr nicht hattet. Wäre nicht Matze gekommen, dann hätte sie vielleicht mit jemand anderem was angefangen, früher oder später, aber ganz sicher irgendwann.«

»Ich weiß, dass ich selber schuld bin! Aber das macht es nicht besser, sondern noch schlimmer!«

»Verzeih dir selbst, Karsten!«, sagte Miriam eindringlich. »Jeder macht mal Fehler. Du hattest damals Gründe. Heute würdest du dich sicher anders verhalten. Wenn du dir selbst verziehen hast, wird dir Matze scheißegal werden. Und du wirst deinen Frieden mit der ganzen Geschichte machen können.«

Franziska nickte bestätigend und strich Karsten über den Rücken.

»Themawechsel«, sagte Karsten bestimmt. »Ihr hört euch an wie bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten.« Hektisch wischte er sich über die Augen.

In der abendlichen Stille war jetzt ein sich näherndes schleifendes Geräusch zu hören, und plötzlich kam Lorenz durch die Gartentür, einen Hartschalenkoffer hinter sich her ziehend.

Lorenz, mein Lorenz, dachte Miriam, und ihr Herz machte einen Sprung. Wie war sie dankbar dafür, dass Lorenz so unbelastet von irgendwelchen Geschichten war. Oder zu sein schien. Sie hoffte es zumindest.

»Ist was?«, fragte Lorenz. »Was guckt ihr so komisch?«

»Wo warst du so lange, du Hund?«, rief Karsten und sprang auf, um ihm entgegenzugehen. »Ich musste mich hier mit zwei besoffenen Psychotanten rumschlagen! Was, verdammt, hast du so lange gemacht?«

18

Westerland/Sylt. Nordseeklinik

Danach

Drogenscreening. Das Wort hallt nach und breitet sich im diffusen Licht des abgedunkelten Zimmers aus wie eine Wolke. Er hat nichts genommen. Ganz sicher. So ist er nicht drauf, kein Interesse, noch nicht einmal Gras, das letzte Mal war damals mit Carina.

Und wenn Matze was in die Drinks gemischt hat? Zutrauen würde er es ihm. Was auch immer ihn ausgeknockt hat – die Wahrscheinlichkeit, dass es bei Laboruntersuchungen unentdeckt bleibt, geht wohl gegen null. Dagegen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Polizei für die Ergebnisse interessiert, umso höher. Oder?

Was würde dann mit ihm geschehen? Sie würden ihn doch nie im Leben so einfach gehen lassen! Würde er in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden? Entzugsstation? Oder Gefängnis? Untersuchungshaft?

War das der Grund, weshalb Luna noch schnell diese hastige Ergänzung auf die Rückseite ihres Briefes gekritzelt hat? Er muss hier wirklich raus! Irgendwie an diesem Monster von Pfleger vorbei!

Wie es wohl Miriam geht? Es muss Miriam sein, die einen Stock tiefer in einem Zimmer wie er ist, in einem Bett wie er liegt, zu wem soll Waldmanns Beschreibung denn sonst passen? Ob sie inzwischen wach ist? Ist Luna auch bei ihr gewesen? Hat auch Miriam ihr Gepäck und eine Warnung bekommen?

Was soll er jetzt tun? Einfach abhauen, so schnell wie möglich runter von der Insel, im Schutz seiner falschen Personalien auf Nimmerwiedersehen verschwinden? Doch was würde dann aus Miriam werden?

Drogenscreening. Vielleicht hat auch sie Gedächtnislücken. Vielleicht weiß sie aber auch etwas, das er nicht weiß? Etwas, das den Nebel in seinem Kopf ein weiteres Stück vertreiben kann?

Karsten seufzt. Er kann nicht weg, ohne Miriam zu befreien. Sonst würde die ganze Situation unkontrollierbar werden. Vielleicht würde Miriam seinen richtigen Namen sagen, und dann wäre es das gewesen mit auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Doch wie soll er sie da rausholen? Er kann ja schlecht auf die andere Station marschieren, an verschiedene Türen klopfen, bis er das richtige Zimmer gefunden hat, und dann mit Miriam einfach aus dem Krankenhaus spazieren.

Was hat der Pfleger gesagt? Genau hier einen Stock tiefer. Hat er damit gemeint, dass Miriam im Zimmer exakt unter seinem Zimmer liegt?

19

Niebüll. Autoverladungsterminal

Davor

Der Andrang an der Autoverladung in Niebüll war enorm. Als klar war, dass der angepeilte Zug ohne sie fahren würde, waren Karsten, Franziska, Miriam und Lorenz davon ausgegangen, den nächsten zu bekommen, doch es wurde nicht einmal der übernächste.

Zweieinhalb Stunden steckten sie im Wartebereich des Autozugs fest, zweieinhalb Stunden an der hässlichen Schleuse zwischen Sylt und dem Rest der Welt. Hitze flimmerte über Asphalt und zig Autodächern, die Luft war von Abgasen getränkt.

Als sich endlich die Schlange vor ihnen in Bewegung setzte, wurde der Audi auf die untere Ebene des Autozugs geleitet.

»Schade«, sagte Miriam enttäuscht. »Von oben kann man bestimmt superschön aufs Meer schauen.«

»Die SUVs lassen sie nach oben, die sind zu hoch für unten«, stellte Franziska fest. »Vielleicht hätten wir uns auch einen besorgen sollen. Passend zu Sylt.«

»Bloß nicht!«, sagte Lorenz. »Am Traktor erkennt man den Bauerntrampel. Sehr uncool.«

»Vielleicht fahren ja deshalb viele so ein Ding«, bemerkte Miriam. »Damit sie auf dem Autozug nach Sylt oben stehen dürfen.«

»Die wollen nicht nur auf dem Autozug oben stehen«, sagte Karsten. »Die wären auch sonst gerne ganz oben. Immer schön auf dicke Hose machen, dabei ist alles nur geleast. Alles Möchtegern und Gernegroß.«

»Siehe Matze«, sagte Lorenz lakonisch.

»Penisprothesen«, bemerkte Karsten. »Nichts anderes sind diese dicken Protzkisten.«

»Dein Vater fährt doch auch so ein Auto«, fiel ihm Franziska ins Wort.

»Eben«, antwortete Karsten bissig. »Der ist das beste Beispiel.«

»Was ist denn so schlimm an SUVs?«, fragte Franziska.

»Brauchen unnötig viel Sprit, nehmen mehr Platz weg, was in der Stadt echt nervt, und wenn dich so ein Riesending auf dem Fahrrad anfährt, hast du keine Chance«, zählte Miriam auf.

»Vor allem ist ein SUV das Gegenteil von Understatement«, sagte Lorenz, »und deshalb uncool.«

»Vor allem das Gegenteil von deinem Gammel-Mini«, kommentierte Franziska schnippisch. »Ihr seid doch bloß neidisch!«

»Neidisch?« Lorenz lachte. »Worauf? Auf die Profilneurose?«

»Wie bist du eigentlich drauf?« Karsten sah Franziska irritiert an. »Findest du diese Fettarsch-Autos etwa gut?«

»Ich fand das schon ganz nett gestern, im Cayenne durch die Stadt zu cruisen. Und ich bin allergisch gegen diese Mentalität, alles scheiße zu finden, was mit Luxus und Lifestyle zu tun hat. Vor allem, wenn man wie ihr mitten im Luxus aufgewachsen ist.«

»Genau deshalb dürfen wir das auch scheiße finden!«, rief Lorenz. »Wir können das beurteilen durch langjährige schmerzhafte Kindheitserfahrungen.«

»Aha«, schnappte Franziska. »Und weil ich so ein Proll aus dem Harz bin, ist meine Meinung weniger wert, oder was?«

»So ein Quatsch«, winkte Karsten ab. »Aber es ist doch ganz normal, dass man kritisch hinterfragt, womit man aufgewachsen ist. Tust du doch auch! Du fährst ja nicht einmal an Weihnachten nach Hause!«

Karsten biss sich auf die Zunge. Fransziska war empfindlich, wenn es um ihre Familie ging.

Warum sie nach Bremen gegangen war, um Jura zu studieren, konnte ihre Familie nicht verstehen. Ihrem Vater wäre es lieber gewesen, wenn sie wie ihre zwei Schwestern eine Ausbildung beim Friseur oder bei der Sparkasse gemacht hätte. Ihre Mutter hätte es gern gesehen, wenn sie ihren Jugendfreund geheiratet, schnell Kinder bekommen und ein Haus gebaut hätte – genau wie ihre Schwestern. Franziska galt nun als Abtrünnige, die sich für was Besseres hielt. Bei jedem Besuch fiel Franziska ein wenig mehr die Enge und Beschränktheit ihrer Familie auf, ihres Dorfs, ihres gesamten früheren Lebens.

Als nach einigen Semestern klar war, dass sie an der Uni nicht nur mithalten konnte, sondern sogar richtig gut war, hörte sie auf, nach Hause zu fahren. Aber ein wundes Gefühl blieb.

Der Zug hatte sich inzwischen in Bewegung gesetzt und Niebüll verlassen. Draußen zogen weite Felder und grüne Wiesen vorbei. Windräder drehten sich majestätisch im Südwestwind. Hinter Klanxbüll standen Schafe auf einem Deich, und dann waren sie plötzlich auf dem Hindenburgdamm. Es war gerade Flut, rechts und links weites Meer, das Wasser schwappte bis fast an den Damm heran und funkelte in der Nachmittagssonne.

Karsten öffnete das Fenster, doch statt sauberer, salziger Meeresluft drang nur der Dieselgestank der zwei Lokomotiven des Zuges herein.

20

Westerland/Sylt. Nordseeklinik

Danach

Die Tür des Stationszimmers scheint geöffnet zu sein, auch wenn er das mehr erahnen als sehen kann. Unschlüssig späht Karsten den Gang entlang. Was würde passieren, wenn ihn der Pfleger jetzt noch einmal entdeckte?

Unvermittelt fällt die Tür zum Stationszimmer laut ins Schloss. Um ein Haar hätte er vor Schreck aufgeschrien. Einen Moment lauscht er dem rasend schnellen, rauschenden Pochen in seinen Ohren. Jetzt oder nie!

Er hält die Luft an, als ob allein sein Atmen ihn verraten könnte. Unbemerkt erreicht er das leere Foyer. Hinter dem großen Tresen steht eine Tür sperrangelweit offen. Er hört die murmelnden Stimmen der Schwestern: Gartenbewässerung und Wohnungssuche und wer mit wem und warum. Kein Wort über Patienten. Wahrscheinlich hat die Übergabe noch gar nicht richtig angefangen. Gut, denkt Karsten, sehr gut. Je weniger Leute von ihm wissen, von seiner Geschichte und dem Drogenscreening, desto weniger Leute werden sich ihm in den Weg stellen. Vorsichtig schlüpft er ins Treppenhaus und lässt lautlos die Tür hinter sich ins Schloss gleiten.

21

Westerland/Sylt. Nordhedig

Davor

»Wir haben noch Zeit, soll ich euch mal die Klinik zeigen, wo ich damals war?«, schlug Lorenz vor.

»Wenn die am Strand ist«, meinte Miriam.

»Und ob.« Lorenz’ Augen leuchteten, und gegen Strand sprach nun wirklich gar nichts, ganz im Gegenteil. Die Sonne knallte vom Himmel und brannte auf der Haut, viel intensiver als in Bremen, und der Himmel war von einem fast unnatürlichen Blau, in das man am liebsten eintauchen wollte. Noch dazu war es heiß und stickig in Karstens altem Audi, in dem die Klimaanlage den Außentemperaturen nicht Paroli bieten konnte.

Obwohl Karsten wusste, dass ein Großteil von Westerland aus hässlichen Wohnsilos aus früheren Jahrzehnten bestand, hatte er nach Lorenz’ Erzählungen eine romantische Vorstellung von der Klinik gehabt. Er stellte sich diese glücklich machende Asthmaklinik wie einen alten Bauernhof vor, umgeben von einigen in den Dünen verstreuten reetgedeckten Häuschen und selbstverständlich direkt am Strand gelegen. Doch dann sagte Lorenz plötzlich vor einem mehrgeschossigen rostroten Zweckbau in einer stinknormalen Nebenstraße mitten in Westerland, Karsten solle anhalten, sie wären da. Lorenz hatte noch immer sein seliges Grinsen im Gesicht. Er lief vorneweg, konnte es kaum erwarten, ein asphaltierter Weg, volle Fahrradständer, Dünen, dann Treppen, und dann fegte der Anblick alle Bedenken und schlechten Gefühle weg.

Die gleißende, von Meer und Strand reflektierte Nachmittagssonne ließ sie die Augen zusammenkneifen und die Hände schützend an die Stirn legen. Hier roch es nun auch tatsächlich intensiv nach Meer, sauber, feucht und salzig. Ehrfürchtig blieben sie stehen.

»Was wollt ihr denn nun? Rein oder raus?«, hörte Karsten eine Stimme neben ihm.

»Ich mach das schon«, beeilte sich Lorenz zu sagen und gab der schlecht gelaunten Frau, die sich aus der Dunkelheit eines hölzernen Kabuffs gemeldet hatte, einen Zehneuroschein.

»Das reicht nicht«, sagte sie.

»Oha«, lachte Lorenz und reichte ihr noch einen Zehner.

»Eintritt für den Strand?«, fragte Miriam ungläubig.

»Kurtaxe«, erklärte er. »Das nehmen die hier ganz genau.«

Über die wenigen Stufen einer Holztreppe stiegen sie hinab zum Strand, stapften barfuß durch den warmen weichen Sand und ließen sich neben den Resten einer Strandburg nieder, die von der nahenden Abendflut bald vollends weggespült werden würde. Eine Gruppe Kinder tobte um zwei Volleyballnetze herum, die am Strand aufgestellt waren. Zwei Frauen mit sonnengegerbten Gesichtern standen am Rand. Mit stoischem Blick ließen sie die Kinder gewähren.

»Na, willst du nicht deinen Kindergärtnerinnen hallo sagen?«, stichelte Karsten in Lorenz’ Richtung. Er ignorierte es.

»Wer als Erstes …«, rief Franziska, aber Miriam und Lorenz waren schon losgerannt wie aufgekratzte Kinder. Karsten hatte es gar nicht bemerkt, dass sich die anderen in Windeseile umgezogen hatten, während er noch immer mit der Badehose in der Hand das Meer anstaunte, überwältigt. So lange war er nicht mehr am Meer gewesen.

Mit beeindruckender Wucht brandeten die Wellen an den Strand, brachen und zerliefen dann schaumig und ohne Hast über den glattgewalzten Sand. Woher kam bei so ruhigem Wetter dieser Wellengang? Vielleicht war das hier immer so. War Sylt nicht genau dafür bekannt und beliebt? Schwere See, dachte Karsten plötzlich, schwere See, mein Herz. Dieses alte Lied von Element of Crime. Heilte das Meerwasser nicht Wunden? Konnte die Nordsee auch in einem drin alles rund und weich und glatt spülen wie die kleinen Scherben und Holzstückchen, die man an Stränden wie diesem finden konnte?

Franziska und Miriam quietschten, Lorenz und Karsten brüllten, das Wasser, kalt für diesen endlosen heißen Sommer, kälter als erwartet, prickelte wunderbar auf der Haut. Die dunklen Gedanken verschwanden, als wären sie nie da gewesen. Sie blieben so lange im Wasser, bis sie Gänsehaut hatten, tauchten immer wieder durch die Wellen und wurden von ihnen zurück an den Strand getrieben. Sie ließen sich lang im Sand ausgestreckt von der Sonne trocknen und wieder aufwärmen. Gegen halb sieben brachen sie auf, um das Ferienhaus von Matzes Familie zu suchen. Sie taten es ein wenig widerwillig.

22

Westerland/Sylt. Nordseeklinik

Danach

Die Mauern der Klinik haben die Hitze der letzten Wochen gespeichert. Jenseits der Automatiktüren ist die Luft dagegen überraschend kühl und feucht. Es rauschen der Wind und das Meer, es muss ganz nah sein, vor dem tiefblauen Abendhimmel ein paar Möwen, kreischend. Es dämmert.

Karstens Augen scannen die geparkten Autos. Er braucht keine zwei Sekunden, um zu erkennen, dass sein Auto nicht im Innenhof der Klinik steht. Was nun?

Karsten muss sich zwingen, nicht loszurennen. Bloß nicht auffallen, ganz langsam gehen, egal wohin, Hauptsache weg. Haben sie auf Station schon bemerkt, dass er abgehauen ist? Suchen sie bereits nach ihm?

Er erreicht einen schmalen Mauerdurchlass, dahinter ein gläserner Unterstand. Ein übervoller Aschenbecher qualmt bedrohlich vor sich hin. Zwei Männer um die 70, unrasiert, schmuddelige Bademäntel, ausgetretene Hausschuhe. Sie verstummen mitten im Satz und starren ihn an. Er nickt. Einfach weitergehen.

Ein Nebengebäude, heruntergekommen, Fahrräder in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Ein dickes Mädchen in weißer Schwesternkleidung rennt aus der offen stehenden Tür und in Karsten hinein. Eine Entschuldigung murmelnd, hetzt sie weiter.

Als Karsten die Straße erreicht und auf dem breiten Radweg steht, hat er das Gefühl, bereits einen Marathonlauf hinter sich zu haben. Ein Polizeiwagen nähert sich von links. Karsten wendet sich nach rechts und biegt nach wenigen Metern erneut rechts ab auf einen asphaltierten Fahrweg. Hinter ihm rauscht der Polizeiwagen ohne zu bremsen vorbei.

In dem schmucklosen Neubau auf der rechten Seite des Weges, hinter einem der jalousiebewehrten Fenster im ersten Stock des Krankenhauses, muss er gerade noch gelegen haben. 200 Meter weiter leuchtet etwas hell in den Nachthimmel hinauf, gegenüber erkennt Karsten die Kiefern, die er durch die Lamellen der Jalousie gesehen hat.

Miriam. Hinter welchem Fenster ist sie? Vielleicht würde sie ihm sagen können, was in der letzten Nacht passiert ist. Aber auch wenn nicht, muss er sie da rausholen. Wenn er abhauen muss, muss sie es doch genauso!

Wer hat sie an dieser Bushaltestelle bewusstlos abgeladen, mitten in der Nacht, wie illegalen Sperrmüll? Das wird Miriam wahrscheinlich auch nicht wissen. Eigentlich müssen es ja die anderen gewesen sein. Aber warum? Oder ist alles ganz anders gewesen? Ist Miriam mit ihm zusammen weggegangen, geflohen sogar? Sind sie vielleicht sogar selbst in das Wartehäuschen der Bushaltestelle gegangen und dort einfach eingeschlafen? Aber warum in Wenningstedt?

Der Fahrweg endet an einem weiteren Radweg, dahinter Dünen. Von Westen aus betrachtet sieht die Klinik eher wie ein Hotel aus. Balkon an Balkon, weiße Handtücher über den Brüstungen, träge flatternd im Wind. Das Meer rauscht hier noch lauter von jenseits der Dünen.

An der nächsten Ecke stößt Karsten erleichtert auf eine große Freifläche, rechts die Klinik, links wieder ein Wäldchen. Der Platz ist komplett zugeparkt. Schon in der ersten Reihe, am westlichen Rand des Platzes, unter der tief hängenden Krone einer windschiefen Schwarzkiefer, findet er den Audi. Er kann gar nicht schnell genug die Fahrertür öffnen. Er lässt sich auf das zerschlissene Leder des Fahrersitzes fallen und atmet die stickige wunderbaumaromatisierte Luft ein. Eine warme Welle vertrauter Geborgenheit überschwemmt ihn und schwappt als Tränen in seine Augen, die er mit dem Handrücken beiseite wischt.

Er öffnet das Handschuhfach. Er hat gehofft, sein Handy dort zu finden, aber da ist nichts.

Was auf Sylt passiert, bleibt auf Sylt. Er sieht hoch und betrachtet die Kiefernzweige, die über die Windschutzscheibe wischen. Woher kommt jetzt dieser Satz? Er schüttelt den Kopf, und dann sieht er es plötzlich wieder deutlich vor sich, als habe jemand ein Fenster geöffnet.

23

Hörnum/Sylt. Süderende

Davor

Die Straße muss eine der schönsten der Welt sein, dachte Karsten, irgendwo musste es eine Liste geben, und auf dieser Liste der schönsten Straßen würde diese Straße zwischen Rantum und Hörnum ganz weit oben aufgelistet sein.

Schnurgerade zog sich das Asphaltband im gleißenden Sonnenlicht durch einsame Dünenlandschaft. Immer wieder blitzte blau das Meer zur Linken auf. Der Strandhafer, oder wie die Dünenpflanzen auch immer heißen mochten, wirkte wie ausgeblichen, was der Szenerie einen surrealen Hauch verlieh. Mitten im Nichts passierten sie eine ausgeschaltete Ampel und kurz danach einen riesigen Parkplatz, fast leer. Nur zwei alte Wohnmobile standen dort wie zufällig stehengeblieben, Surfbretter auf dem Dach, doch kein Mensch zu sehen.

»Paradiesisch«, seufzte Miriam.

»Ich dachte, Sylt ist so überlaufen im Sommer«, bemerkte Franziska. »Aber hier sieht’s ja ganz schön einsam aus.«

»Wenningstedt, Kampen, List und natürlich Westerland, da sind die meisten Touris«, sagte Lorenz. »Der Süden von Sylt ist ruhiger. Aber im Osten ist es noch ruhiger, am Nössedeich in Morsum oder in Archsum in den Wiesen.«

»Du kennst dich ja voll gut aus«, lobte Franziska.

»Wir haben mit der Klinik Ausflüge über die ganze Insel gemacht«, antwortete Lorenz. »Damals wäre ich lieber am Strand geblieben, aber eigentlich war es cool, dass sie uns Sylt gezeigt haben.«

»Wer weiß, wofür es gut ist«, bemerkte Karsten. »Wenn wir bei Matze vorzeitig raus müssen, dann ist es gut, einen Experten dabei zu haben.«

»Warum sollten wir denn bei Matze vorzeitig raus müssen?«, fragte Miriam. »Bist du nicht ein wenig arg paranoid?«

»Abwarten«, brummte Karsten. »Wir werden ja sehen.«

Die Straße machte eine langgesteckte Kurve, danach tauchten große schlichte Gebäude auf und in der Ferne ein Leuchtturm. Karsten bremste ab.

»Was sind denn das für Bunker?«, fragte Franziska.

»Bunker ist gar nicht so verkehrt«, antwortete Lorenz. »Das sind ehemalige Kasernen. Hier war früher ganz viel Militär stationiert. Im Zweiten Weltkrieg sollte von Sylt aus England erobert werden. Deshalb hat der Sylter Flugplatz auch eine Landebahn, auf der richtig große Passagierflugzeuge landen können.«

»Aber jetzt ist hier doch kein Militär mehr, oder?«

»Jetzt nicht mehr. Jetzt sind in den alten Kasernen Landschulheime und so Ähnliches untergebracht.«

Lorenz hatte die Navigationsapp seines Handys mit der Adresse gefüttert, die Matze ihnen gegeben hatte. Bislang war es immer nur geradeaus gegangen. Als sie im Ort eine scharfe Linkskurve erreichten, meldete sich die Computerstimme und wies sie an, dass sie rechts abbiegen sollten.

»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?«, fragte Karsten an Lorenz gewandt. »Hier geht’s doch schon wieder raus aus dem Ort.«

»Muss hier gleich sein«, meinte Lorenz. »Fahr mal langsam.«

Das hätte er nicht sagen müssen. Auf der schmalen Fahrbahn, mehr Weg als Straße, verhinderten Fußgänger und Radfahrer alles über Schritttempo.

»Stopp!«, rief Lorenz. »Zurück!«

Karsten gehorchte.

»Hier muss es sein! Fahr da mal hoch!«

»Da?« Karsten drehte sich zu Lorenz um. »Du verarschst mich doch, oder?«

»Wenn, dann Google. Fahr da mal hoch!«, insistierte Lorenz.

Karsten seufzte und lenkte den Audi auf einen noch schmaleren, mit rötlichen Steinen gepflasterten Weg, der ohne sichtbares Ziel mitten in die Dünen führte.

»Das muss es sein!«, rief Franziska und zeigte durch die Windschutzscheibe.

Im weiten Bogen führte ein Fahrweg hinauf auf eine hohe Düne. Von unten sah man ein Reetdach mit Gauben, der Rest des Hauses war durch die erhöhte Lage und eine Hecke aus Inselrosen vor Blicken geschützt.

»Ganz sicher?«, fragte Karsten. »Wenn ich da jetzt hochfahre, und das gehört anderen Leuten, die keinen Bock auf Besuch haben und ihre Dobermänner auf uns hetzen …«

»Spinner!«, lachte Lorenz. »Wir sind doch nicht im Getto.«

Im ersten Gang arbeitete sich der Audi den steilen Weg hinauf. Vor dem Haus stand Matzes Cayenne.

»Siehste!«, rief Lorenz triumphierend.

»Glück gehabt«, bemerkte Miriam spöttisch.

»Von Glück kann keine Rede sein«, murmelte Karsten, doch das hörte keiner der anderen. Er manövrierte den Audi zwischen Matzes Cayenne und einen kleinen Unterstand für die Mülltonnen.

Sie betraten die umlaufende Terrasse. An der rot geklinkerten Mauer stand in metallenen von Grünspan angegriffenen Buchstaben »Dünenburg«.

»Boah«, entfuhr es Miriam. »Das ist ja mal geil!«

Während der Blick auf das Haus von unten weitgehend versperrt gewesen war, war die Aussicht von oben überwältigend. Zu drei Seiten Meer, im Osten und Süden waren andere Inseln zu sehen, nach Westen erstreckte sich scheinbar endlos die offene See. Zahlreiche Reetdachhäuser verteilten sich wie zufällig hingewürfelt in den Dünen. Die Abendsonne tauchte die gesamte Szenerie in goldenes Licht und ließ die Nordsee in einer keilförmigen Spur bis zum Horizont funkeln wie Milliarden Diamanten.

Abrupt wurde die Haustür aufgerissen. Matze stand in der Tür.

»Wo bleibt ihr denn, verdammt?«, rief er. »Wir wollen endlich den Schampus aufmachen!«

Die verwaschene Aussprache ließ erahnen, dass er schon einiges intus hatte.

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Data wydania na Litres:
25 maja 2021
Objętość:
263 str. 6 ilustracji
ISBN:
9783839268087
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