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Menschen der Tiefe

Jack London

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Hopfenpflücker

Die Frau am Meer

Zweierlei Recht

Der Bodensatz

Der Lohn der Arbeit

Das Ghetto

Kaffee- und Logierhäuser

Die Unsicherheit des Lebens

Selbstmord

Die Kinder

Eine Vision in der Nacht

Die Hungerklage

Trunksucht, Mäßigkeit und Sparsamkeit

Verwaltung der Gesellschaft

Impressum

Vorwort

Die in diesem Buche niedergelegten Erfahrungen machte ich im Sommer 1902. Mit einem Gefühl, das am ehesten dem verglichen werden kann, welches einen Entdeckungsreisenden beseelt, stieg ich in die Unterwelt Londons hinab. Ich wollte lieber mit eigenen Augen sehen, als mich von Leuten belehren lassen, die nichts gesehen, oder von solchen, die vor mir schon alles gesehen und erlebt hatten. Außerdem hatte ich gewisse einfache Voraussetzungen, nach denen ich das Leben in dieser Unterwelt zu beurteilen gedachte: Was Leben, körperliche und geistige Gesundheit fördert, ist gut; was dem Leben entgegenarbeitet, es vernichtet, verkrüppelt, verfälscht, ist schlecht.

Ich gestehe dem Leser, daß ich vieles sah, was von Übel war, und doch darf man nicht vergessen, daß die von mir geschilderten Zeiten in England als »gute Zeiten« galten; Hungersnot und Obdachlosigkeit, die ich beobachtete, sind chronische Leiden, die selbst in Zeiten der höchsten Blüte nie aufhören.

Auf den Sommer, von dem ich spreche, folgte ein harter Winter. Arbeitslose versammelten sich täglich zu mächtigen Prozessionen, und zuweilen zog ein ganzes Dutzend solcher Heere auf einmal durch die Straßen und rief nach Brot. Justin McCarthy, im Januar 1903 Korrespondent der New-Yorker Zeitung »Independent«, schildert die Situation folgendermaßen:

»Die Arbeitshäuser können nicht mehr von den notleidenden Scharen aufnehmen, die sich Tag und Nacht vor den Toren ansammeln und Brot und Obdach fordern. Alle wohltätigen Einrichtungen haben bei dem Versuch, die notleidenden Bewohner von Dachkammern und Kellerräumen in den Gassen und Winkeln Londons am Leben zu erhalten, ihre Mittel aufgebraucht. Die Quartiere der Heilsarmee in den verschiedenen Distrikten Londons werden allnächtlich von Heerscharen Arbeitsloser und Hungernder belagert, denen man weder Nahrung noch Unterkunft verschaffen kann.«

Man hat behaupten wollen, daß die Kritik, die ich an den Verhältnissen in England übe, zu pessimistisch sei. Ich behaupte im Gegenteil, daß ich der optimistischste aller Optimisten bin. Aber man kann den Wert der Menschen nicht nach den politischen Zusammenschlüssen der Nationen beurteilen, sondern nur nach den Individuen. Die Gesellschaft wächst weiter, während die politischen Maschinerien entzweigehen und unbrauchbar werden. In England sieht man in bezug auf Männlichkeit und Weiblichkeit, Gesundheit und Glück einer lichten, lächelnden Zukunft entgegen. Aber in einem großen Teil der politischen Parteien, die jetzt das Land zu seinem Unglück leiten, sehe ich nichts als einen Haufen Gerümpel.

Piedmont, Kalifornien.

Jack London.

Der Abstieg

Das ist überhaupt unmöglich«, sagten meine Freunde zu mir, als ich mich entschlossen hatte, in das Londoner East End hinabzusteigen, und sie um Rat und Hilfe bat. Und als sie nachgedacht hatten, fügten sie mit einem peinlichen Versuch, sich in den Gedankengang eines Irrsinnigen zu versetzen, dessen Empfehlungen offenbar besser waren als sein Geisteszustand, hinzu:

»Sie wenden sich am besten an die Polizei, um einen Führer zu erhalten.« »Aber ich möchte die Polizei nicht in diese Sache hineinmischen«, protestierte ich. »Ich will East End mit eigenen Augen sehen, ich will wissen, wie die Menschen dort leben, warum und wofür sie leben. Kurz, ich will selbst unter ihnen leben.«

»Sie wollen doch nicht dort wohnen?« sagten alle, und die Unzufriedenheit stand deutlich auf ihren Gesichtern geschrieben.

»Vergessen Sie doch nicht, daß es dort Orte gibt, wo ein Menschenleben nicht zwei Schilling wert ist.«

»Diese Orte suche ich gerade«, warf ich ein.

»Aber es ist unmöglich«, lautete die Antwort immer wieder.

»Das wollte ich nicht wissen«, unterbrach ich sie kurz, abgestoßen von dem Mangel an Verständnis bei diesen Menschen. »Ich bin hier fremd und bin gekommen, um mir alles von Ihnen erzählen zu lassen, was Sie von East End wissen, damit ich ein wenig Bescheid weiß, ehe ich hingehe.«

»Aber wir wissen nichts von East End. Es liegt irgendwo dort drüben.« Und sie wiesen mit der Hand in der Richtung, wo man bei seltener Gelegenheit einmal die Sonne über London aufgehen sehen kann.

»Wollen Sie denn, daß ich mich an Cook wende?« meinte ich.

»Warum nicht?« antworteten sie erleichtert. »Cook wird wohl Bescheid wissen.«

Aber Herr O. Cook, in Firma O. Thomas Cook & Son, Pfadfinder und Reiseführer, dieses lebende Adreßbuch für die ganze Welt, der Helfer aller verirrten Reisenden erster Klasse, der mich ohne Bedenken im Augenblick mit Leichtigkeit und Expreß nach dem dunkelsten Afrika und ins innerste Tibet hätte schicken können, Herr O. Cook kannte nicht den Weg nach dem Londoner East End, das nur einen Steinwurf vom Ludgate Rondell entfernt liegt!

»Das ist nicht möglich«, sagte der lebende Katalog über Routen und Preise in Cooks Cheapside-Bureau. »Das ist so – hm – so ungewöhnlich.«

»Wenden Sie sich an die Polizei«, fertigte er mich ab, als ich an meiner Forderung festhielt. »Wir pflegen Reisenden East End nicht zu zeigen, niemand hegt den Wunsch danach, und wir wissen gar nichts über diese Gegend.«

»Lassen Sie es gut sein«, unterbrach ich ihn, um nicht von diesem Strom von Weigerungen aus dem Bureau gespült zu werden. »Sie können doch etwas für mich tun. Ich möchte gern, daß Sie im voraus wissen, was ich unternehmen will, so daß Sie gegebenenfalls imstande sind, mich zu identifizieren.«

»Schön, falls Sie ermordet werden sollten, werden wir die Leiche erkennen.«

Er sagte das so zuversichtlich und kaltblütig, daß ich plötzlich meinen starren, verlassenen Leichnam auf einer Steinplatte liegen sah, über die unaufhörlich kaltes Wasser rieselte, während er sich über mich beugte und betrübt und ruhig erklärte, daß dies die Leiche des verrückten Amerikaners sei, der durchaus East End sehen wollte.

»Nein, nein,« antwortete ich, »ich meine nur, daß Sie wissen sollen, wer ich bin, für den Fall, daß ich in Konflikt mit der Polizei gerate.«

»Dann müssen Sie sich schon in unsere Zentrale bemühen«, erklärte er. »Das ist etwas so Ungewöhnliches«, entschuldigte er sich.

Der Mann, den ich in der Zentrale antraf, räusperte sich, blinzelte mit den Augen und erklärte: »Wir haben es uns zur Regel gemacht, nie irgendwelche Auskunft über unsere Klienten zu erteilen.«

»Aber in diesem Fall bittet ein Klient Sie, es gegebenenfalls über ihn zu tun.«

Wieder räusperte er sich und blinzelte mit den Augen.

»Ja, ich weiß wohl, daß es etwas Ungewöhnliches ist, aber –« warf ich schnell ein.

»Das wollte ich eben sagen, es ist etwas Ungewöhnliches, und ich glaube nicht, daß wir Ihnen dienen können.«

Ich verließ ihn indessen mit der Adresse eines Detektivs in East End, und hierauf begab ich mich zum amerikanischen Konsul. Und in ihm fand ich endlich einen Mann, mit dem man reden konnte. Er blinzelte und räusperte sich nicht, hob nicht die Brauen und zeigte weder Mißtrauen noch Erstaunen. Im Verlauf einer Minute erklärte ich ihm mein Vorhaben, das er gleich als Tatsache hinnahm. Und in der nächsten Minute bat er mich um Auskunft über Alter, Größe und Gewicht und notierte mein Signalement. In der dritten Minute, als wir uns die Hand zum Abschied reichten, sagte er: »Also schön, Jack. Ich werde an Sie denken und Ihrer Fährte folgen.«

Ich atmete befreit auf. Jetzt hatte ich meine Schiffe hinter mir verbrannt, und es stand mir frei, mich in die menschliche Wildnis zu stürzen, von der niemand etwas zu wissen schien. Aber gleich darauf stieß ich auf eine neue Schwierigkeit in Gestalt meines Droschkenkutschers, eines graubärtigen, ungeheuer dekorativen Herrn, der mich mehrere Stunden lang in seinem Cab in der City herumgefahren hatte.

»Fahren Sie mich nach East End«, befahl ich, in den Wagen steigend.

»Wohin?« fragte er erstaunt.

»Irgendwohin in East End, fahren Sie!«

Der Wagen fuhr einige Minuten ziellos weiter. Dann hielt er plötzlich an. Die Klappe über meinem Kopf öffnete sich, und der Kutscher blickte völlig verwirrt zu mir herunter.

»Darf ich mir die Frage erlauben,« sagte er, »wo Sie hin wollen?«

»Nach East End. Keine bestimmte Stelle. Fahren Sie mich ein bißchen herum.«

»Aber nach welcher Adresse?«

»Also hören Sie doch!« rief ich. »Fahren Sie nach East End, und zwar sofort!«

Offenbar begriff er nicht, aber er zog den Kopf zurück und trieb das Pferd brummend an.

Es gibt keine Straße in London, wo man den Anblick der Armut meiden kann, weil etwa fünf Minuten von jedem beliebigen Punkt ein Armenviertel liegt; die Gegend aber, durch die mein Cab jetzt fuhr, war eine einzige große Spelunke. Die Straßen waren mit Menschen einer anderen Rasse bevölkert, von kleinen Menschen, die niedergebrochen und benebelt aussahen. Wir rollten dahin durch Meilen von Mauersteinen und Schmutz, und jede Querstraße zeigte eine ebenso lange Allee von Mauern und Elend. Hier und dort torkelte ein betrunkener Mann oder eine betrunkene Frau, und die Luft war direkt unrein von Streit und Zank. Auf einem Platz suchten alte Männer und Frauen tastend im Schmutz nach Gemüseabfällen, verfaulten Kartoffeln und Bohnen, während kleine Kinder wie Fliegen um einen Haufen verfaulten Obstes schwärmten und ihre Arme bis zu den Schultern in die breiige Masse bohrten, um kleine Stücke herauszufischen, die nur teilweise in Fäulnis übergegangen waren, und die sie sofort verzehrten.

Auf dem ganzen Wege sah ich nicht eine Droschke, und danach zu urteilen, wie die Kinder hinter meinem Wagen herliefen, muß er ihnen eine Offenbarung aus einer anderen und besseren Welt gewesen sein. So weit ich sehen konnte, erblickte ich nur die soliden Steinmauern, die schleimigen Bürgersteige und die staubigen Straßen; und zum erstenmal in meinem Leben fühlte ich einen Hauch von Furcht vor der großen Masse. Man kann sie mit der Furcht vor dem Meere vergleichen, die elenden Schwärme straßauf und straßab erschienen mir wie die Wogen eines unermeßlichen, übelriechenden Meeres, das um mich her wogte und über meinem Kopf zusammenzuschlagen drohte.

»Stepney, Bahnhof Stepney«, rief der Kutscher.

Ich sah mich um. Es war wirklich ein Bahnhof, zu dem der Kutscher in seiner Verzweiflung gefahren war, als dem einzigen Ort in dieser Wildnis, von dem er je hatte reden hören.

»Nun, und?« fragte ich.

Er murmelte etwas Unverständliches, schüttelte den Kopf und sah sehr besorgt drein.

»Ich bin hier selbst ganz unbekannt«, stammelte er. »Wenn Sie nicht nach dem Bahnhof Stepney wollen, so weiß ich wahrhaftig nicht, wo ich Sie hinfahren soll.«

»Ich will Ihnen sagen, was ich will. Fahren Sie weiter und versuchen Sie, einen Laden zu entdecken, wo alte Kleider verkauft werden. Wenn Sie einen sehen, dann fahren Sie noch ein bißchen weiter, biegen um die nächste Ecke, halten dann und lassen mich aussteigen.«

Ich konnte merken, daß er um sein Geld zu fürchten begann. Aber kurz darauf hielt er an und sagte, ein Stückchen weiter in der Straße sei ein Altkleidergeschäft.

»Wollen Sie mich nicht zuerst bezahlen?« bat er. »Ich bekomme sieben Schilling sechs.«

»Jawohl,« lachte ich, »und dann kriege ich Sie nicht mehr zu sehen.«

»Es wird wohl eher so sein, daß ich Sie nicht mehr zu sehen bekomme, wenn Sie mich nicht vorher bezahlen«, rief er.

Eine Schar zerlumpter Zuschauer hatte sich schon um den Wagen gesammelt, und deshalb lachte ich nur und begab mich nach dem Laden.

Die größte Schwierigkeit hier war, dem Verkäufer begreiflich zu machen, daß ich wirklich alte Kleider haben wollte. Aber nach fruchtlosen Versuchen, mir neue und ganz unmögliche Jacken und Hosen aufzuschwatzen, brachte er einen Haufen gebrauchtes Zeug ans Tageslicht, während er mir geheimnisvolle und vielsagende Blicke zuwarf, um mich verstehen zu lassen, daß er mich durchschaute. Er meinte meine Furcht vor Entdeckung gut ausnutzen zu können. Offenbar hielt er mich für einen Mann in der Klemme oder einen Schwerverbrecher von jenseits des Ozeans, jedenfalls für einen Mann, der um jeden Preis der Polizei entgehen wollte.

Aber ich stritt mit ihm über den unverschämten Unterschied zwischen Preis und Wert seiner Ware, bis er völlig verzweifelte und schon den schwierigen Kunden an die Luft setzen wollte. Schließlich wählte ich ein Paar derbe, aber stark abgetragene Hosen, eine verschlissene Jacke, an der nur noch ein Knopf saß, ein Paar Nagelschuhe, die offenbar beim Kohlenlöschen getragen waren, einen Lederriemen und eine sehr schmutzige Sportmütze. Mein Unterzeug und meine Socken waren warm und neu, aber von der Art, wie sie sich jeder amerikanische Landstreicher unter gewöhnlichen Verhältnissen verschaffen konnte.

»Ich muß schon sagen, Sie haben einen harten Schädel«, sagte er mit unverhehlter Bewunderung, als ich ihm die zehn Schilling gab, über die wir uns schließlich für die ganze Geschichte geeinigt hatten. »Sie sind sicher nicht zum erstenmal in der Petticutgasse. Ihre Hosen sind ihre fünf Schilling wert, und jeder Dockarbeiter würde zwei Schilling sechs für die Latschen geben, gar nicht zu reden von Jacke, Mütze, dem neuen Heizerhemd und allem übrigen.«

»Was bieten Sie mir denn dafür?« frage ich plötzlich. »Ich habe Ihnen zehn Schilling für den ganzen Kram gegeben, und Sie sollen ihn ohne weiteres für acht wiederhaben.«

Aber er schüttelte nur lachend den Kopf. Wenn ich ein gutes Geschäft machte, so hatte er offenbar noch ein besseres gemacht.

Ich fand meinen Cabkutscher, wie er und ein Schutzmann die Köpfe zusammensteckten, als der letztere mich aber scharf in Augenschein genommen und namentlich dem Bündel, das ich unter dem Arm trug, große Aufmerksamkeit geschenkt hatte, ging er seines Weges und überließ es dem Kutscher, selbst mit mir fertig zu werden. Der Kutscher wollte nicht weiterfahren, ehe er nicht die sieben Schilling sechs Pence, die ich ihm schuldete, erhalten hatte. Dann war er aber auch bereit, mich bis ans Ende der Welt zu fahren, und entschuldigte sich eifrig bei mir wegen seines Benehmens, indem er erklärte, daß man in einer Stadt wie London oft die merkwürdigsten Kunden fände.

Indessen mußte er sich damit begnügen, mich nach Highbury Vale in London-Nord zu fahren, wo mein Gepäck stand. Hier entledigte ich mich am nächsten Tage meiner Schuhe (mit Trauer sagte ich ihrer Leichtigkeit und Bequemlichkeit Lebewohl), meines weichen, grauen, reinen Anzuges und – nun ja, all meiner Kleider, worauf ich das Zeug des andern, mir gänzlich unbekannten Mannes anzog. Wie schlecht mußte es ihm gegangen sein, wenn er diese Lumpen für die elenden paar Schillinge verkaufte, die er von dem Trödler bekommen haben konnte.

In die Achselhöhle meines Heizerhemdes nähte ich ein Goldstück ein – eine verhältnismäßig geringe Summe in Anbetracht des Umstandes, daß es mein letzter Notgroschen sein sollte; und dann zog ich das Hemd an. Hierauf setzte ich mich und philosophierte über die guten fetten Jahre, die meine Haut weich gemacht und meine Nerven direkt unter die Haut gebracht hatten, denn das Hemd war hart und rauh, wie aus Haar gemacht. Ich bin sicher, daß der strengste Asket nicht mehr leidet, als ich in den folgenden vierundzwanzig Stunden litt.

Die andern Kleidungsgegenstände zog ich schnell an. Nur mit den Stiefeln hatte es seine Not. Sie waren steif und hart wie aus Holz, und erst nach einer langwierigen Bearbeitung des Oberleders glückte es mir, meinen Fuß hineinzubekommen. Einige wenige Schillinge, ein Messer, ein Taschentuch, etwas braunes Papier und etwas Shagtabak in der Tasche stolperte ich die Treppe hinunter und verabschiedete mich von meinen unkenden Freunden. Als ich ging, konnte die »Stütze«, eine freundliche Frau in mittleren Jahren, ein Lächeln nicht beherrschen, ihre Lippen trennten sich, und aus ihrer Kehle kam das seltsame Geräusch, das wir als Lachen bezeichnen.

Kaum stand ich auf der Straße, als ich auch schon den Unterschied fühlen sollte, den die Kleider schufen. Alle Zuvorkommenheit bei den einfachen Leuten, mit denen ich in Berührung kam, war verschwunden, in einer Sekunde war ich zu einem der ihren geworden. Meine alte, an den Ellbogen durchgeriebene Jacke war das Kennzeichen meiner Klasse, und meine Klasse war die ihre. Wir waren von derselben Art, und an Stelle der ehrerbietigen, etwas zu respektvollen Aufmerksamkeit, die sie mir bisher erwiesen hatten, trat jetzt Kameradschaft. Der Mann im Arbeitszeug und mit dem schmutzigen Tuch um den Hals sagte nicht mehr »Herr« zu mir. Jetzt hieß es »Kamerad«, ein schönes, herzliches Wort mit einem Klang von Wärme und Freude, den das andere Wort nicht besitzt. »Herr« – das Wort schmeckt nach Machtherrschaft und Autorität. Es ist ein Ausdruck der Untertänigkeit gegenüber dem besser Situierten. Man bittet um seine Gnade, mit andern Worten: eine Art Bettelei. Dies erinnert mich an eine Annehmlichkeit, die ich empfand, wie ich so in meinen Lumpen dahinging, an etwas, das dem reisenden Amerikaner selten begegnet: ich entging der langweiligen Trinkgeldplage und konnte mit den Leuten auf gleichem Fuß verkehren. Ja, noch ehe die Sonne unterging, hatten die Verhältnisse sich gänzlich verändert, und ich sagte sehr höflich: »Danke, Herr«, zu einem Herrn, dessen Pferd ich gehalten hatte, und der einen Penny in meine ausgestreckte Hand fallen ließ.

Ich entdeckte auch andere Veränderungen, die die Folge meines Kleiderwechsels waren. Wenn ich sonst den Schutzmann nach dem Wege fragte, sagte er stets: »Autobus oder Droschke?« Jetzt hieß es: »Wollen Sie gehen oder fahren?« Jetzt war es auch selbstverständlich, daß man mir auf dem Bahnhof Fahrkarten dritter Klasse gab.

Aber für das alles fand ich Ersatz. Zum erstenmal sah ich das englische Volk von Angesicht zu Angesicht und lernte es kennen. Wenn ich an Straßenecken und in Wirtshäusern mit Arbeitern und Müßiggängern sprach, redeten wir wie natürliche Menschen miteinander, und sie hatten keinen Hintergedanken, einen Vorteil aus mir zu ziehen.

Und als ich endlich nach East End gelangte, war ich froh, als ich merkte, daß die Angst vor der Menge mich verlassen hatte. Jetzt gehörte ich selbst zur Menge. Das unermeßliche, übelriechende Meer war über meinem Kopf zusammengeschlagen, oder ich war sanft hineingeglitten, und es hatte nichts Fürchterliches an sich – außer dem Heizerhemd.

Johnny Upright

Ich werde nicht Johnny Uprights Adresse nennen. Es mag genügen, daß er in der respektabelsten Straße von East End wohnt – einer Straße, die man in Amerika für sehr armselig ansehen würde, die aber in Ost-London eine reine Oase bedeutet. Auf allen Seiten ist sie von konzentriertester Unsauberkeit umgeben, von Straßen, die von einer elenden, schmutzigen Jugend wimmeln. Aber ihre eigenen Bürgersteige sind verhältnismäßig frei von spielenden Kindern, und sie sieht direkt verödet aus, so wenige Menschen verkehren in ihr.

Jedes Haus in dieser Straße steht Schulter an Schulter mit dem Nachbarhaus, genau wie in den andern Straßen von East End. Die Häuser haben jedes nur einen Eingang. Sie sind achtzehn Fuß breit, und hinter jedem liegt ein kleiner, von einer Mauer umgebener Hof, von dem man, wenn es nicht regnet, ein Stückchen grauen Himmels sehen kann. Man vergesse nicht, daß wir jetzt East-End-Luxus betrachten. Einige von den Bewohnern dieser Straße sind so wohlhabend, daß sie sich eine »Sklavin« halten können. Johnny Upright hat eine solche, und ich kenne sie sehr gut, denn sie war die erste Bekanntschaft, die ich in diesem seltsamen Teil der Welt machte.

Ich kam in Johnny Uprights Haus und wurde von der Sklavin empfangen. Ihre Stellung war bedauernswert und verachtet, aber sie betrachtete mich mitleidig und geringschätzig. Sie zeigte deutlich, daß sie unsere Unterhaltung so sehr wie möglich abzukürzen wünschte. Es war Sonntag, und Johnny Upright war nicht zu Hause, so daß es nichts mehr zu sagen gab. Aber ich blieb stehen und diskutierte mit ihr, ob das alles war, was sie mir zu sagen hätte, bis ich die Aufmerksamkeit von Frau Johnny Upright erregte und sie in die Tür trat. Ehe sie mich jedoch eines Blickes würdigte, begann sie mit dem Mädchen zu schelten, weil sie die Tür nicht geschlossen hatte.

Nein, Mr. Johnny Upright sei nicht zu Hause und empfinge zudem nicht am Sonntag. Ich sagte, das sei sehr schade. Ob ich denn käme, um Arbeit zu erhalten? Nein, im Gegenteil, ich sei eigentlich gekommen, um mit ihm über ein Geschäft zu reden, das Vorteile für ihn haben könnte.

Da erhielt alles ein anderes Aussehen. Der Herr sei in der Kirche, käme aber in einer Stunde heim, und dann könnte ich sicher mit ihm reden.

Ob ich nicht so freundlich sein wolle, näherzutreten? – nein, das bat die Dame doch nicht, obwohl ich es mit meiner Bemerkung, daß ich in der Wirtschaft an der Ecke warten wolle, darauf abgesehen hatte. Ich begab mich daher an die Ecke, aber die Wirtschaft war während der Kirchzeit geschlossen, und so setzte ich mich mangels etwas Besserem auf eine Treppe in der Nähe, um zu warten. Und hier fand mich die Sklavin, als sie mir mürrisch und erstaunt mitteilte, daß die gnädige Frau mir erlaubte, in der Küche zu warten.

»Es kommen so viele und wollen Arbeit haben«, erklärte Frau Johnny Upright. »Ich hoffe deshalb, daß Sie es mir nicht übelnehmen werden, wie ich Sie empfing.«

»Durchaus nicht, durchaus nicht«, antwortete ich herablassend, um doch einmal meine Lumpen mit Würde zu tragen. »Das sehe ich vollkommen ein. Ich kann mir denken, daß Sie von Arbeitsuchenden überlaufen werden.«

»Furchtbar«, erwiderte sie mit einem beredten Blick und führte mich dann – nicht in die Küche, sondern ins Eßzimmer, was ich als Ergebnis meines vornehmen Auftretens betrachtete.

Dieses Eßzimmer lag im selben Stock wie die Küche, etwa vier Fuß unter der Straße, und war selbst jetzt, mitten am Tage, so dunkel, daß meine Augen sich erst daran gewöhnen mußten. Ein matter Lichtschimmer sickerte durch ein Fenster herein, dessen Oberteil in Straßenhöhe lag, und ich stellte fest, daß ich bei der Beleuchtung eine Zeitung lesen konnte.

Und während ich hier auf Johnny Uprights Heimkehr warte, will ich erklären, was ich wollte. Ich wünschte in der Zeit, da ich mit den Bewohnern von East End zusammen wohnen, essen und schlafen sollte, eine Zuflucht in der Nähe zu haben, die ich hin und wieder aufsuchen konnte, um mich zu überzeugen, daß es noch gute Kleider und Sauberkeit gab. Hier wollte ich auch meine Post empfangen, meine Aufzeichnungen machen und hin und wieder in anderen Kleidern Streifzüge nach zivilisierten Gegenden unternehmen.

Aber ich stand einem schwierigen Problem gegenüber. Ein Logis, in dem mein Eigentum sicher sein sollte, erforderte eine Wirtin, der ein Mann, welcher ein solches Doppelleben führte, verdächtig sein mußte; und eine Wirtin wiederum, die sich nichts daraus machte, daß ihr Mieter derart lebte, konnte keine Garantie für die Sicherheit meines Eigentums bieten. Um diese Schwierigkeit zu überwinden, suchte ich Hilfe bei Johnny Upright. Als Detektiv mit einer Erfahrung von einigen dreißig Jahren bei dauerndem Dienst, in East End weit und breit bekannt unter dem Namen, den ein verurteilter Verbrecher ihm gegeben hatte, war er eben der Mann, eine ehrliche Wirtin für mich zu finden und sie in bezug auf mein seltsames Tun und Lassen zu beruhigen.

Seine beiden Töchter kamen vor ihm aus der Kirche. Prächtige Mädel in ihrem Sonntagsputz, mit all der seltsam zarten Anmut, die für die echte Londonerin charakteristisch ist, einer Schönheit, die eigentlich nur ein Versprechen auf unbestimmte Zeit und verurteilt ist zu entschwinden wie die Farbenpracht des Sonnenuntergangs. Sie betrachteten mich mit freimütiger Neugier, als sei ich ein seltsames Tier, und ignorierten mich dann den Rest der Wartezeit hindurch vollkommen. Dann kam Johnny Upright selbst und ging mit mir nach oben, damit wir miteinander reden könnten.

»Sprechen Sie lauter«, unterbrach er mich gleich. »Ich bin so schrecklich erkältet und höre nicht gut.«

Ich dachte unwillkürlich, wo wohl der Gehilfe verborgen sein mochte, der die Aufgabe hatte, alles, was ich jetzt laut verraten sollte, aufzuschreiben, und noch heute weiß ich nicht, ob Johnny Upright wirklich erkältet war oder einen Gehilfen im Nebenzimmer hatte, obgleich ich seither viel mit ihm zusammengekommen bin und über die Sache nachgedacht habe. Soviel aber steht fest, daß er, obgleich ich ihm offen jede Auskunft über mich und mein Vorhaben erteilte, seine Meinung erst aussprach, als er mich am nächsten Tage gut gekleidet in seiner Straße angefahren kommen sah. Da wurde ich herzlich von ihm begrüßt und mußte mit ihm ins Eßzimmer gehen und mit seiner Familie Tee trinken.

»Wir sind einfache Leute,« sagte er, »nicht sehr verwöhnt, und Sie müssen versuchen, sich in unser anspruchsloses Leben zu finden.«

Die Töchter erröteten und waren verwirrt, als sie mich begrüßten, und er tat nichts, um es ihnen zu erleichtern.

»Ha! ha!« lachte er herzlich und schlug auf den Tisch. »Die Mädel glaubten, Sie wären gestern gekommen, um ein Stück Brot zu erbetteln! Ha! ha! ho! ho! ho!«

Sie leugneten es gekränkt mit wütenden Blicken und schuldvoll geröteten Wangen, als wäre es die Höhe wahren Feingefühls, durch Lumpen hindurch einen Mann entdecken zu können, der nicht in Lumpen zu gehen brauchte.

Und während ich hier saß und Brot mit Marmelade aß, entwickelte sich eine lustige Szene. Die Töchter meinten, daß ich beleidigt sein müßte, weil sie mich für einen Bettler gehalten hatten, während der Vater meinte, es sei ein großes Kompliment für meine Tüchtigkeit, daß die Verkleidung so gut geglückt wäre. Ich genoß das alles, wie ich das Brot und die Marmelade und den Tee genoß, bis der Augenblick kam, da Johnny Upright mit mir gehen sollte, um ein Logis für mich zu suchen, was ihm sechs Häuser weiter in seiner eigenen respektablen, wohlhabenden Straße glückte, in einem Hause, das seinem eigenen Hause glich wie ein Tropfen Wasser dem anderen.

Meine Wohnung und die einiger anderer

Für Ost-Londoner Verhältnisse war das Zimmer, das ich für sechs Schilling wöchentlich mietete, wirklich komfortabel. Aber mit amerikanischen Augen gesehen, war es schlecht möbliert, ungemütlich und klein. Als ich die Einrichtung durch einen gewöhnlichen Schreibmaschinentisch vermehrt hatte, konnte ich mich kaum darin umdrehen. Am besten ließ es sich durch eine Art Schlängeln ausführen, das große Gewandtheit und Geistesgegenwart erforderte.

Als ich eingezogen war oder vielmehr mein Eigentum hingeschafft hatte, zog ich meine »Wanderkleidung« an und machte mich auf den Weg. Da ich mich nun einmal schon mit der Mietsfrage beschäftigt hatte, sah ich mir Wohnungen an, wobei ich immer den Gedanken festhielt, daß ich ein armer junger Mann mit Frau und vielen Kindern wäre.

Meine erste Beobachtung war, daß nur sehr wenige Häuser leer standen. Ich ging tatsächlich meilenweit in allen Richtungen, um ein einziges leeres Haus zu finden – ein entschiedener Beweis dafür, daß die Gegend übervölkert war.

Da es klar ist, daß ich als armer junger Mann mit Familie kein ganzes Haus in diesem wenig einladenden Stadtteil mieten konnte, begann ich mich nach unmöblierten Zimmern umzusehen, in denen ich Frau und Kinder, Hab und Gut zusammen unterbringen konnte. Es gab nicht viele, ich fand sie immer nur einzeln, denn ein Zimmer sieht man für genügend an, daß die Familie eines armen Mannes darin kochen, essen und schlafen kann. Als ich nach dem Preis für zwei Zimmer fragte, warf der Hauswart mir einen Blick zu, wie der, mit dem eine gewisse Person Oliver Twist ansah, wenn er um mehr bat.

Ich erfuhr bald, daß man ein Zimmer nicht nur für einen armen Mann und seine Familie als genügend ansah, sondern daß verschiedene Familien, die ein einziges Zimmer bewohnten, noch Platz übrig hatten, um ein oder zwei Untermieter aufzunehmen. Wenn man ein solches Zimmer für drei bis sechs Schilling wöchentlich mieten kann, so ist es nur recht und billig, daß sie einem gutempfohlenen Schlafburschen für acht Pence oder einen Schilling gestatten, sich in der Stube aufzuhalten. Zuweilen kann er sich sogar von seiner Wirtin für einige wenige Schillinge mit beköstigen lassen. Über diesen Punkt konnte ich jedoch keine Aufklärung erlangen, da ich mich ja für einen Familienversorger ausgab.

In den Häusern, die ich untersuchte, gab es keine Badeeinrichtung, und ich erfuhr, daß sich in keinem der vielen tausend Häuser, die ich passiert hatte, eine solche befand. In Anbetracht des Umstandes, daß ich Frau und Kinder hatte, und daß noch ein paar Untermieter das Zimmer mit uns teilen sollten, mußte es eine schwierige Angelegenheit sein, in einer Blechwanne in der Stube zu baden. Aber – dafür sparte man ja Seife; jedes Ding hat sein Gutes, und der liebe Gott sitzt ja immer noch in seinem Himmel.

Ich mietete indessen nicht, sondern kehrte in meine und Johnny Uprights Straße zurück. Bei dem Gedanken an meine Frau, meine Kinder, meine Schlafburschen und die kleinen Zellen, in denen ich sie alle untergebracht hatte, war meine Vorstellung allmählich so eingeengt, daß es eine Weile dauerte, ehe ich mich wieder an all den Raum in meinem eigenen Zimmer gewöhnt hatte. Dessen Dimensionen waren erstaunlich. War dies wirklich das Zimmer, das ich für sechs Schilling die Woche gemietet hatte? Unmöglich! Aber meine Wirtin, die anklopfte, um sich nach meinen Wünschen zu erkundigen, verscheuchte allen Zweifel.

»Ach ja,« antwortete sie mir, »diese Straße ist die allerletzte. Alle andern waren noch vor acht bis zehn Jahren wie sie, und alle Bewohner waren sehr respektabel. Aber die andern haben uns verjagt. Wir in dieser Straße sind die einzigen, die noch übrig sind. Es ist schrecklich!«

Und dann setzte sie mir näher auseinander, wie die Übervölkerung gekommen war, die die Mieten in die Höhe getrieben und das Niveau herabgedrückt hatte.

»Sehen Sie, Leute wie wir sind ja nicht gewohnt, uns so zusammenpferchen zu lassen wie die andern. Wir brauchen mehr Raum. Die andern, die Eingewanderten und die allergewöhnlichsten Leute können gut zu fünf oder sechs Familien in diesen Häusern wohnen, und dann können sie natürlich zusammen mehr bezahlen als wir ... und stellen Sie sich vor, daß noch vor wenigen Jahren die ganze Nachbarschaft so nett war, wie man es nur wünschen konnte!«

Ich betrachtete sie. Hier stand ich einer Frau aus der besten englischen Arbeiterklasse gegenüber, einer Frau mit Anzeichen von Verfeinerung, aus der Klasse, die dazu verurteilt war, langsam von dem widerlichen, fauligen Menschenstrom fortgeschwemmt zu werden, den die Oberklassen aus dem inneren London vertreiben. Dort werden Banken, Fabriken, Hotels und Kontorhäuser gebaut, während die Armen obdachlos gemacht und nach Osten gedrängt werden, Woge auf Woge überschwemmt und verunreinigt Stadtteil auf Stadtteil, die bessere Arbeiterklasse wird als Pioniere zur Besetzung der Grenzen vorausgejagt oder vom Strom verschlungen – wenn nicht in der ersten Generation, dann in der zweiten und dritten.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Reihe an Johnny Uprights Straße kommt. Das weiß er auch selber gut.

»In einigen Jahren«, sagte er, »ist mein Mietvertrag abgelaufen. Mein Wirt gehört unserer eigenen Klasse an, er hat nie einen einzigen Mieter in seinen Häusern steigern wollen, denn dann hätten wir nicht wohnen bleiben können. Aber er kann ja jeden Tag verkaufen oder sterben; für uns ist das dasselbe – ein Wucherer bekommt das Haus, er richtet eine Werkstatt ein auf dem kleinen Stückchen Garten hinter dem Hause, wo ich meinen Weinstock gepflanzt habe, und dann vermietet er an ebenso viele Familien, wie das Haus Zimmer hat. Dann ist Johnny Upright hier erledigt!«

Und in Gedanken sah ich Johnny Upright und seine gute Frau, seine hübschen Töchter und sein schlampiges Dienstmädchen wie so viele andere Schatten durch das Dunkel gen Osten gejagt, das brüllende Großstadtungeheuer auf den Fersen.

Johnny Upright ist nicht der einzige Flüchtling. Ganz an der Grenze der Großstadt wohnen kleine Kaufleute, Geschäftsführer und tüchtige Kontoristen. Sie wohnen in kleinen, villenartigen Häusern mit kleinen Blumengärten, wo sie jedenfalls Platz haben, sich zu regen und zu atmen. Sie brüsten sich vor Stolz, wenn sie an den Abgrund denken, dem sie entgangen sind, und sie danken Gott, weil sie nicht sind wie so viele andere ... Aber seht! auf sie zu kommt Johnny Upright, das Großstadtungeheuer auf den Fersen. Die Mietskasernen schießen wie durch Zauberschlag hoch, die Gärten werden bebaut, die Villen in viele Wohnungen geteilt, und die dunkle Nacht Londons läßt ihren schwarzen Vorhang über die Szene sinken ...

Ein Mann und der Abgrund

Kann man bei Ihnen mieten?«

Ich sagte diese Worte sehr gleichgültig zu einer dicken älteren Frau, in deren schmutzigem Kaffeehaus in der Nähe von Limehouse ich saß.

»Ja, das kann man!« antwortete sie kurz. Mein Äußeres entsprach vielleicht nicht den Anforderungen, die an ihr Haus gestellt wurden.

Ich sprach nichts weiter, sondern genoß schweigend meine Scheibe Schinken und meinen dünnen Tee. Sie bewies mir auch weiter kein Interesse, bis ich bezahlen wollte und ganze zehn Schilling aus der Tasche holte. Da blieb die erwartete Wirkung nicht aus.

»Ja,« fuhr sie jetzt fort, »ich habe ein hübsches Heim, und ich glaube, es wird Ihnen gefallen. Sind Sie gerade von einer Reise zurückgekommen?«

»Was nehmen Sie für ein Zimmer?« fragte ich und ignorierte ihre Neugier völlig.

Sie sah mich mit sichtbarer Überraschung von oben bis unten an.

»Ich vermiete nie ganze Zimmer, nicht einmal an meine festen Mieter, geschweige denn an vorübergehende.«

»Dann muß ich mich wohl nach etwas anderm umsehen«, sagte ich sichtlich enttäuscht.

Aber der Anblick meiner zehn Schilling hatte seine Wirkung getan, und sie sagte:

»Ich kann Ihnen ein gutes Bett geben, und Sie schlafen mit zwei andern Männern, achtbaren und zuverlässigen Menschen, zusammen.«

»Aber ich will nicht mit andern zusammenschlafen«, wandte ich ein.

»Das brauchen Sie auch nicht, es sind drei Betten, und das Zimmer ist nicht klein.«

»Wieviel?« fragte ich.

»Zwei Schilling sechs die Woche für einen ordentlichen Menschen. Die beiden andern werden Ihnen gut gefallen, das weiß ich. Der eine arbeitet auf einem Lager, er wohnt seit zwei Jahren bei mir, und der andere seit sechs Jahren. Nächsten Sonntag werden es sechs Jahre und zwei Monate. Er ist an einem Theater angestellt,« fuhr sie fort, »er ist ein stiller, ruhiger Mann und hat in der ganzen Zeit, die er bei mir wohnt, nie einen sitzen gehabt. Er ist sehr zufrieden mit der Wohnung, er sagt, sie sei die beste, die er finden könnte. Ich beköstige sowohl ihn wie den andern.«

»Da kann er wohl noch obendrein Geld zurücklegen«, sagte ich naiv.

»Wie können Sie das glauben! Aber sonst würde sein Geld überhaupt nicht reichen.«

Meine Gedanken wanderten hin zu meinem weiten amerikanischen Westen, unter dessen unendlichem Himmel Tausende von Städten von der Größe Londons Platz hätten. Und hier war ein Mann, ein ehrlicher, zuverlässiger Mann, der sein Zimmer mit zwei andern teilte, zweieinhalb Dollar im Monat dafür bezahlte und die Erfahrung gemacht hatte, daß dies die vorteilhafteste Lebensweise für ihn war. Und hier war ich selbst – kraft der zehn Schilling, die ich in der Tasche hatte, war ich imstande, mit meinen Lumpen bei ihm einzudringen und mein Bett neben dem seinen aufzuschlagen. Die menschliche Seele ist einsam, und sie muß zuweilen wahrlich noch einsamer werden, wenn drei Betten in einem Zimmer stehen und ein vorübergehender Gast mit zehn Schilling in der Tasche sich in eines davon legen darf!

»Wie lange wohnen Sie schon hier?« fragte ich.

»Dreizehn Jahre. Und glauben Sie nicht auch, daß Ihnen die Wohnung gefallen wird?«

Während sie sprach, hantierte sie in der kleinen Küche herum, wo sie das Essen für ihre Zimmerherren bereitete. Sie war bei meinem Eintritt beschäftigt gewesen und ließ nicht einen Augenblick während der Unterhaltung von ihrer Arbeit. Sie war offenbar eine von den Frauen, die morgens um halb sechs aufstehen und spät abends zur Ruhe gehen, die bis zum Umfallen arbeiten; und der Gewinn dieses dreizehnjährigen Fleißes waren graues Haar, ärmliche Kleider, hängende Schultern, eine schlechte Figur und unaufhörliche Mühe in einem häßlichen, ungesunden Kaffeehaus in einer zehn Fuß breiten Gasse.

»Kommen Sie wieder, um es sich genauer anzusehen?« fragte sie gespannt, als ich ging.

Und als ich mich zu ihr umwandte, verstand ich ganz die Wahrheit des alten Wortes: Tugend trägt ihren Lohn in sich.

Ich trat wieder zu ihr und fragte: »Haben Sie je Ferien gehabt?«

»Ferien!«

»Ja, einen Ausflug aufs Land, um für ein paar Tage frische Luft zu schöpfen, sich richtig auszuruhen.«

»Ach, du lieber Gott!« lachte sie und hielt zum erstenmal in ihrer Arbeit inne. »Ferien? Zum Vergnügen? Wie können Sie das denken! – – Heben Sie doch die Füße!« Die letzten Worte rief sie mir scharf zu, da ich gerade über die morsche Schwelle stolperte.

In der Nähe des Westindiadocks stieß ich auf einen jungen Burschen, der traurig in das schlammige Wasser starrte. Er hatte eine Heizermütze über die Augen gezogen, und seine ganze Kleidung zeugte davon, daß er zur See gefahren war.

»He, Kamerad!« rief ich, um eine Unterhaltung einzuleiten. »Kannst du mir sagen, wie ich gehen muß, um nach Wapping zu kommen?«

»Hast du dich auf einem Viehschiff hierher gearbeitet?« fragte er. Er hatte offenbar sofort meine Nationalität entdeckt.

Und dann kam das Gespräch in Gang und wurde in einem Wirtshaus bei einigen Gläsern Halb-und-Halb fortgesetzt. Bald waren wir so befreundet, daß er, als ich einen ganzen Schilling in Kupfermünzen aus der Tasche zog und sechs Pence für Nachtlogis beiseitelegte, liebenswürdig vorschlug, lieber für das ganze Geld Bier zu trinken.

»Mein Kamerad hatte gestern Pech,« erklärte er, »und die Polente schnappte ihn. Du kannst dich also ruhig auf mich verlassen. Was meinst du dazu?«

Ich sagte ja, und als wir für einen ganzen Schilling Bier in uns hineingegossen und die Nacht in einem elenden Bett in einem jämmerlichen Hause verbracht hatten, kannte ich ihn gut. Meine geringen Erfahrungen zeigten mir, daß er auf seine Weise typisch für eine gewisse breite Schicht Londons, die am schlechtesten gestellte, war.

Er war geborener Londoner. Sein Vater war Heizer und Säufer gewesen. Das Heim seiner Kindheit waren die Straßen und die Docks. Er hatte nie lesen gelernt und es auch nie entbehrt – eine überflüssige und unnütze Beschäftigung für einen Mann in seiner Lage.

Er hatte eine Mutter und eine Unzahl schmutziger Brüder, die alle in ein paar Löchern zusammengepfercht gewesen waren, wo sie von schlechterem und weniger Essen lebten, als er im allgemeinen für sich ergattern konnte. In der Regel kam er deshalb nur heim, wenn er Pech gehabt und selbst nichts zu essen hatte. Anfangs hatte er auf den Straßen Lumpen gesammelt und gebettelt. Dann hatte er zwei Fahrten als Kajütsjunge, hierauf einige wenige Reisen als Kohlentrimmer gemacht, und jetzt war er befahrener Heizer – er hatte es so weit gebracht, wie er es in seinem Leben bringen konnte.

Er hatte sich auch auf seiner Laufbahn eine Lebensphilosophie geschaffen, die vielleicht häßlich und abstoßend, aber doch von seinem Standpunkt aus ganz logisch und klug war. Als ich ihn fragte, wofür er eigentlich lebte, antwortete er ohne Zögern: »Um mich zu besaufen.«

Eine Seereise – denn ein Mann muß ja leben und dafür sorgen, daß er etwas zu leben hat –, dann Abmusterung und dann ein tüchtiger Rausch. Dann folgt eine Reihe kleinerer Räusche rings in Wirtshäusern, wo man einige Kameraden wie mich mit ein paar Pfennigen in der Tasche trifft. Und wenn nichts mehr zu machen war, dann wieder zur See. So formte sich sein Dasein.

»Aber wie steht es mit Weibern?« fragte ich, als er seine Lobrede auf den Rausch als einziges Endziel des Daseins beendet hatte.

»Mit Weibern!« Er hieb das Glas hart auf den Tisch und sagte eifrig: »Von Weibern lasse ich die Finger, das hat mich das Leben gelehrt. Das lohnt sich nicht, Kamerad. Es taugt nichts. Was sollte ein Mann wie ich mit Weibern? Willst du mir das sagen? Ich denke nur an meine Mutter, das genügt – wie sie die Gören verdrosch und den Alten ärgerte, wenn er ab und zu mal heimkam. Es war ihre Schuld, sie verstand nicht, ihn glücklich zu machen. Dann denke ich noch an so viele andere Weiber. Wie behandeln sie einen armen Heizer, der mit ein paar Groschen heimkommt? Nein, was er in der Tasche hat, ist gerade genug zum Vertrinken, aber Frauenzimmer! Die nehmen ihm das Geld ab, ehe er auch nur ein einziges Glas gekriegt hat. Du kannst mir glauben, ich weiß Bescheid. Ich hab' mir die Finger verbrannt und weiß, was es wert ist. Ich sage dir, wo Frauenzimmer sind, gibt es immer Schererei – Geschrei und Prügelei und Messerstecherei, Polente und Gericht und schließlich einen Monat Zwangsarbeit – ohne Lohn, wenn du losgelassen wirst.«

»Aber Frau und Kinder,« fuhr ich fort, »ein eigenes Heim. Denk', du kommst von der Seereise heim, und kleine Kinder krabbeln dir auf die Knie, und deine Frau ist froh und glücklich und gibt dir einen Kuß, während sie den Tisch deckt, und alle Kinder wollen dich küssen, wenn sie ins Bett sollen. Der Teekessel summt, während du erzählen mußt, wo du gewesen bist, und was du gesehen hast. Und sie erzählt von all den Kleinigkeiten, die geschehen sind, während du fort warst und – –«

»Ja, quatsch' nur weiter!« rief er und ließ seine Faust schwer auf meine Schulter fallen. »Was denkst du dir eigentlich? Eine Frau, die küßt, Kinder, die krabbeln, ein Teekessel, der summt! Alles das für vier Pfund zehn Schilling monatlich, wenn du Heuer hast, und für nichts, wenn du keine Arbeit hast? Soll ich dir sagen, was du für vier Pfund zehn kriegst? – ein brummiges Weib, dreckige Gören, keine Kohlen, die den Kessel summen lassen. Der Kessel selbst im Leihhaus – das kannst du kriegen. Ich glaube, das genügt, daß du dich schnell auf See zurückwünschst. Eine Frau! Wozu? Um dich unglücklich zu machen? Kinder? Glaub' mir, es ist besser ohne das. Sieh mich an. Ich kann mein Bier trinken, wann ich will, und habe weder Frau noch Kinder, die nach Futter brüllen. Ich bin zufrieden mit meinem Bier und Kameraden wie du und Aussicht auf neue Heuer und neue Fahrt. Laß uns noch ein paar Glas trinken. Halb-und-Halb, das ist alles, woraus ich mir etwas mache.«

Ich brauche wohl kaum mehr von der Unterhaltung mit diesem nur zweiundzwanzigjährigen Burschen zu berichten. Ich glaube, seine Lebensphilosophie und die ökonomischen Ursachen, auf denen sie aufgebaut ist, hinreichend beleuchtet zu haben. Er hatte nie Heimweh gehabt. Das Wort Heim erweckte nur unangenehme Vorstellungen in ihm – die niedrigen Löhne, die sein Vater und andere Männer in entsprechenden Stellungen hatten, waren ihm Grund genug, Frau und Kinder als unangenehme Anhängsel und Ursachen zum Unglück der Männer zu verfluchen. Als unbewußter Hedonist völlig amoralisch und materialistisch, suchte er sich soviel Genuß wie möglich im Leben zu verschaffen und fand ihn im Rausch.

Jung dem Trunke ergeben, früh zum Wrack geworden; körperlich unfähig für die Arbeit eines Heizers. Rinnstein oder Arbeitshaus, und dann fertig. Er sah übrigens diese ganze Laufbahn ebenso klar vor sich wie ich. Aber sie flößte ihm keinen Schrecken ein. Von seinem ersten Atemzug an hatte seine Umgebung an seiner Verhärtung gearbeitet, und er ging seiner elenden, unabwendbaren Zukunft mit einer Kaltblütigkeit und Gleichgültigkeit entgegen, aus der ich ihn nicht zu rütteln vermochte. Und doch war er kein schlechter Mensch. Er war weder erblich verderbt, noch brutal. Er war geistig normal und hatte ungewöhnliche Körperkräfte. Seine Augen waren blau und rund, lange Wimpern beschatteten sie, und er hielt sie offen. Lachen und ein tiefer Humor lagen in ihnen. Stirn und Gesichtszüge waren im allgemeinen regelmäßig, Mund und Lippen hübsch, wenn auch schon von Bitterkeit geprägt. Sein Kinn war schwach, aber nicht zu schwach; ich habe manche Männer in höheren Stellungen mit einem unbedeutenderen Kinn gesehen. Seine Kopfform war schön. Der Kopf saß so gut auf einem vollendeten Hals, daß ich nicht über seinen Körper erstaunt war, als er sich abends entkleidete. Ich hatte viele Männer sich in Kasernen und Sportsälen entkleiden sehen, Männer mit gutem Blut und guter Erziehung, aber nie einen, der nackt vorteilhafter wirkte als dieser zweiundzwanzigjährige Trunkenbold, dieser junge Gott, der dazu verurteilt war, im Laufe von vier oder fünf Jahren vernichtet zu sein, ohne der Welt Nachkommen zu schenken und ihnen seine Körperkraft zu vererben.

Es schien Entweihung, ein solches Leben zu vergeuden, und doch mußte ich ihm recht geben, daß man sich nicht für vier Pfund zehn Schilling in dieser Stadt London verheiraten konnte, ebenso wie ich einräumen mußte, daß der Theaterarbeiter glücklicher war, wenn seine Einnahmen in einem Loch, das er mit zwei andern Männern teilte, reichten, als wenn er eine elende Familie mit ein paar Untermietern in einem billigen Zimmer zusammengepfercht und nie Geld genug gehabt hätte.

Und mit jedem Tag, der ging, wuchs meine Überzeugung, daß es ein Verbrechen ist, wenn Menschen der Tiefe sich verheiraten. Sie sind die Steine, die der große Baumeister weggeworfen hat. Das Gebäude der menschlichen Gesellschaft hat keinen Bedarf für sie. Alle Kräfte der Gesellschaft richten sich gegen sie, bis sie verschwinden. Unten in der Tiefe leben sie, schwach, töricht und unbrauchbar; wenn sie Leben schaffen, ist es so elend, daß es von selbst verschwindet. Die Welt arbeitet über ihnen, und sie können und wollen nicht teil daran haben. Außerdem braucht die Welt sie nicht. Es gibt Unzählige, die weit besser geeignet sind, zuzupacken, die sich oben am Rande festklammern und wie wahnsinnig kämpfen, um nicht hinabzugleiten.

Kurz, der Abgrund von London ist ein riesiges Schlachthaus. Jahr um Jahr schickt das Land einen Strom von starken, lebenskräftigen Menschen, aber sie vermehren sich nicht. Mit der dritten Generation sterben sie aus. Auch Autoritäten auf diesem Gebiet behaupten, daß es kaum einen einzigen Londoner Arbeiter gibt, dessen Großeltern in London geboren sind.

A. C. Pigou hat gesagt, daß die betagten Armen und der »Bodensatz«, die siebenundeinhalb Prozent von der Bevölkerung Londons ausmachen, das heißt 450 000 dieser Geschöpfe einen kläglichen Tod in der Tiefe von Londons sozialem Abgrund sterben. Und wie sie sterben, davon zeugt unter anderm folgende Notiz in einer Morgenzeitung:

Verwahrlost.

Gestern hielt Dr. Wynn Westcott in Shoreditch ein Verhör über den Tod der siebenundsiebzigjährigen Elizabeth Crews in der Oststraße Nummer 32 in Holborn ab. Alice Mathieson erklärte, die Wirtin der Verstorbenen zu sein und sie zuletzt am Montag gesehen zu haben. Die Verstorbene wohnte ganz allein. Francis Birch, der Armenvorsteher des Stadtteils, in dem die Verstorbene fünfunddreißig Jahre lang gewohnt hatte, erklärte, daß die alte Frau, als er zuletzt hingerufen worden war, in einem furchtbaren Zustand dagelegen hatte, daß Ambulanz und Träger nach ihrer Entfernung hätten desinfizieren müssen. Dr. Chase Fennell erklärte als Todesursache Blutvergiftung infolge einer Wunde, die die Verstorbene am Körper hatte, und die von Verwahrlosung und unsauberer Umgebung stammte. Das Gericht erkannte auf diese Todesursache.

Das Erschütterndste an diesem Ereignis ist die »hübsche« Art, wie das Gericht die Sache behandelt. Daß eine siebenundsiebzigjährige Frau an Verwahrlosung stirbt – optimistischer kann man es wohl nicht betrachten. Die alte Frau war also wohl selbst schuld an ihrem Tode.

Vom »Bodensatz« hat Pigou gesagt: »Entweder ist es Mangel an Körperstärke, Intelligenz oder Willenskraft oder, weil alles drei fehlt, sind sie schlechte, unwillige Arbeiter und können sich nicht selbst versorgen. Oft sind sie so minderwertig, daß sie nicht rechts und links unterscheiden können und nicht einmal die Nummer des Hauses wissen, in dem sie wohnen. Ihre Körper sind kraftlos, ihre Gefühle verkrüppelt, und sie kennen kaum ein Familienleben.«

Vierhundertfünfzigtausend sind viele Menschen. Der junge Heizer war nur einer von ihnen, und er brauchte eine ganze Weile, um das wenige zu erzählen, das er zu erzählen hatte. Ich möchte sie nicht gern alle auf einmal erzählen hören ... Ob Gott sie anhört?

Am Rande des Abgrunds

Ich empfing natürlich zuerst nur einen allgemeinen Eindruck von Ost-London. Später erfaßte ich die Einzelheiten; und hier und da fand ich in diesem Chaos von Elend auch Stellen, wo bis zu einem gewissen Grade das Glück herrschte – ganze Häuserreihen, in denen Handwerker wohnten, die ein gemütliches Familienleben führten. Abends kann man Männer in den Türen sitzen sehen, die Pfeife im Munde und Kinder auf den Knien, die Frauen schwatzend, und Scherz und Lachen gehen um. Die Zufriedenheit dieser Menschen ist geradezu auffallend; im Vergleich mit dem Elend, das sie umgibt, sind sie ja wohlhabend.

Aber dennoch ist ihr Glück rein tierischer Art, die Zufriedenheit des vollen Magens. Ihre ganze Auffassung vom Leben ist materialistisch. Sie sind schwer, träge und phantasielos. Der Abgrund scheint giftige, betäubende Gase zu entwickeln, die zum Rande aufsteigen und die droben einhüllen und töten. Religion ist ihnen unbekannt; das Unbekannte enthält weder Schrecken noch Freude für sie. Der gefüllte Wanst, die Abendpfeife sowie der übliche »Halb-und-Halb« – das ist alles, was sie vom Dasein verlangen oder träumen.

Das wäre jedoch noch nicht das Schlimmste, aber die zufriedene Schlaffheit, in die sie verfallen, ist der Zustand, der der völligen Auflösung vorangeht. Sie kennen keinen Fortschritt, der Stillstand ist dasselbe für sie wie der Sturz in den Abgrund. Vielleicht beginnen sie nur den Fall und überlassen es ihren Kindern und Enkeln, ihn zu vollenden. Die Menschen erreichen immer weit weniger, als sie fordern, und so wenig fordern diese Menschen, daß das wenige, das sie erlangen, nicht genügt, sie oben zu halten.

Im allgemeinen ist das Leben in der Stadt der menschlichen Natur zuwider, das Leben in London aber ist in dem Maße unnatürlich, daß der Durchschnittsarbeiter zugrunde gehen muß. Körper und Geist werden unaufhörlich untergraben. Sowohl körperliche wie moralische Widerstandskraft werden gebrochen, und der gute Arbeiter vom Lande wird schon in der ersten Generation in der Stadt zum schlechten Arbeiter; in der zweiten Generation hat er Unternehmungslust und Draufgängertum verloren und ist tatsächlich außerstande, dieselbe Arbeit auszuführen, die sein Vater leisten konnte – er ist auf dem Wege zum Abgrund.

Schwächt nichts anderes ihn, so bricht die Luft, die er einatmet, bald seine Widerstandskraft, so daß er nicht mehr imstande ist, die Konkurrenz mit dem frischen, lebenskräftigen Strom aufzunehmen, der ständig vom Lande nach London hastet, um zu vernichten und vernichtet zu werden.

Ohne bei den Krankheitskeimen zu verweilen, mit denen die Luft in East End geschwängert ist, will ich mich hier nur mit dem Rauche beschäftigen. Sir William Thiselton-Dyer, der Direktor des Botanischen Gartens in Kew, hat den Einfluß des Rauches auf die Pflanzen untersucht und nachgewiesen, daß nicht weniger als vierundzwanzig Tonnen festen, aus Ruß und teerhaltiger Kohlenlösung bestehenden Stoffes sich allwöchentlich auf jeder englischen Quadratmeile in und um London niederschlagen. Kürzlich entfernte man vom Gesims unter der Kuppel der St.-Pauls-Kathedrale ein festes Stück kristallisierten schwefelsauren Kalks, der sich durch die Wirkung der atmosphärischen Schwefelsäure auf den kohlensauren Kalkstein gebildet hatte. Und all diese atmosphärische Schwefelsäure muß der Londoner Arbeiter tagein und tagaus sein ganzes Leben lang einatmen.

Es ist unwiderlegbar, daß die Kinder im Heranwachsen zermürbt werden. Ohne Kraft und Ausdauer werden sie zu einem knieweichen, engbrüstigen, schlaffen Geschlecht, das einschrumpft und zugrunde geht in dem rohen Kampf ums Dasein mit den vom Lande herzuströmenden Horden. Eisenbahner, Fuhrleute, Omnibusführer, Getreide- und Holzträger und alle, die auf Körperkraft angewiesen sind, sind stark vom Lande gekommen; in der Polizei der Hauptstadt sind rund 12 000 Männer vom Lande gegen 3000 in London geborene.

Wenn ich die kleinen Seitengassen mit den satten Handwerkern in den Türen durchschritt, taten sie mir fast mehr leid als die vierhundertfünfzigtausend Verlorenen, die unten im Abgrund sterben. Die sterben doch, während diese hier noch die langsame vorausgehende Qual vor sich haben, die Qual, die vielleicht zwei, drei Generationen dauern kann. Und doch ist das Material gut. Es besitzt alle menschlichen Möglichkeiten. Unter den richtigen Bedingungen könnte es noch Jahrhunderte lang leben und große Männer, Helden und Meister hervorbringen, die die Welt vorwärts führen.

Ich sprach mit einer Frau, einer ausgezeichneten Repräsentantin derer, die schon aus den kleinen hübschen Seitengassen verdrängt und auf dem Wege zum Abgrund sind. Ihr Mann arbeitete als Gasmonteur und war Mitglied der Maschinistengewerkschaft; daß als Maschinist nicht viel mit ihm los war, konnte man schon daraus ersehen, daß er keine ordentliche Arbeit erhalten konnte; er besaß weder genügend Energie noch Tüchtigkeit, um sich eine feste Stellung zu schaffen oder zu halten. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, und alle vier Familienmitglieder wohnten in ein paar Löchern, die man nur optimistisch Zimmer nennen kann, und für die sie sieben Schilling die Woche bezahlten. Sie hatten keinen Herd und mußten sich ihr ganzes Essen auf einem kleinen Gaskocher bereiten. Da sie nichts besaßen, genossen sie nicht den üblichen Kredit für ihren Gasverbrauch, sondern mußten einen Automaten haben, der ihnen ein gewisses Quantum lieferte, so oft sie ein Pennystück hineinsteckten. »Für einen Penny Gas ist im Augenblick verbraucht,« erklärte sie mir, »manchmal habe ich das Essen noch nicht halb fertig gekocht.«

Seit vielen Jahren lebten sie an der Grenze der Not. Tag für Tag waren sie halb satt von Tisch aufgestanden. Ist man erst auf dem Wege abwärts, dann zehrt schon chronische Unterernährung an den Kräften und beschleunigt die Katastrophe.

Und dabei rackerte diese Frau sich ab. Von halb fünf morgens bis in die Nacht hinein nähte sie Tuchröcke mit Ansätzen und zwei Volants für sieben Schilling das Dutzend. Tuchröcke mit Ansätzen und zwei Volants – bedenkt wohl – für sieben Schilling das Dutzend!

Der Mann mußte, um überhaupt Arbeit nehmen zu können, der Gewerkschaft angehören, und die verschlang einen Schilling sechs Pence wöchentlich. Wenn Streik war und er zu den Glücklichen gehörte, die nicht davon berührt wurden, hatte er zeitweise bis zu siebzehn Schilling an die Streikkasse der Gewerkschaft abführen müssen.

Die älteste Tochter hatte für einen Schilling sechs Pence die Woche als Lehrmädchen in einer Nähstube gearbeitet. Als die stille Zeit kam, wurde sie entlassen, obwohl ihr Lohn so niedrig angesetzt war, weil sie etwas Ordentliches lernen und hinterher fest angestellt werden sollte. Dann war sie drei Jahre bei einem Fahrradhändler gewesen, der ihr fünf Schilling die Woche gab; sie hatte einen Weg von zwei Meilen bis zu ihrer Arbeitsstelle, und wenn sie zu spät kam, wurde es ihr vom Lohn abgezogen.

Für die Eltern war das Spiel aus, sie hatten den Boden unter den Füßen verloren und rollten dem Abgrund zu. Aber die Töchter? Welche Möglichkeit hatten sie, dem Abgrund zu entgehen, der ihnen seit ihrer Geburt entgegenklaffte – unter solchen Verhältnissen, von Unterernährung geschwächt, ausgesogen, sowohl geistig wie moralisch und körperlich?

Während ich dieses niederschreibe, hallt die Luft bald seit einer halben Stunde wider von einer rücksichtslosen, rohen Schlägerei in einem Hofe, der an den meinen stößt. Als ich es zuerst bemerkte, dachte ich, es wären ein paar Hunde, die sich anbellten und knurrten; es dauerte eine Weile, bis ich mir klar darüber wurde, daß Menschen, sogar Frauen, dieses unheimliche Geräusch hervorbringen konnten. Betrunkene Frauen im Kampf! Häßlich zu denken, noch schlimmer anzuhören. Es kann etwa folgendermaßen vor sich gehen:

Zuerst ein unbestimmbares Durcheinander, bei dem man nur unterscheidet, daß eine Menge Frauen gleichzeitig aus voller Kraft ihrer Lungen durcheinander rufen; dann eine Pause, in der ein Kind weint und man ein junges Mädchen hört, das mit tränenerstickter Stimme zu Worte zu kommen sucht. Eine Frauenstimme erhebt sich plötzlich, hart und durchdringend: »Du hast mich geschlagen! Du hast mich geschlagen!« Man hört einen Schlag, der wütende Kampf nimmt seinen Fortgang.

Die Hoffenster der umliegenden Häuser sind von begeisterten Zuschauern besetzt. Das Geräusch von Schlägen, von Flüchen, die einen schauern machen können, dringt zu mir. Ich bin froh, daß ich die Kämpfenden nicht sehen kann.

Wieder eine Pause. »Du läßt das Kind in Ruhe!« Das Kind, das nur ein paar Jahre ist, schreit vor Angst. »Warte nur! Warte nur!« wird ein dutzendmal in schriller Stimme wiederholt. »Ich schmeiß dir diesen Stein an den Kopf!« Und nach dem Schrei zu urteilen, der jetzt ertönt, hat der Stein offenbar den Kopf getroffen.

Für einen Augenblick tritt Ruhe ein; eine der Kämpfenden ist offenbar kampfunfähig gemacht. Wieder kann man das weinende Kind hören, wenn auch sein Schreien vor Angst oder Erschöpfung schwächer geworden ist. Kurz darauf erheben die Stimmen sich wieder:

»Na –?«

»Na!«

»Na –?«

»Na!«

»Na –?«

»Na!«

Dann scheinen sich beide über die gegenseitige Ansicht klar geworden zu sein, und der Kampf beginnt von neuem. Die eine der Kämpfenden erlangt die Übermacht und verfolgt offenbar ihren Sieg, nach dem Mordgeschrei der andern zu urteilen. Der Schrei ertönt immer schwächer, als würde er von einem würgenden Griff zurückgedrängt.

Neue Stimmen; ein neuer Angriff von der Seite; der würgende Griff erschlafft wohl, so daß der Ruf »Mord!« wieder eine Oktave höher erklingt – wahnsinnige allgemeine Verwirrung, alle beteiligen sich am Kampfe.

In der nächsten Pause hört man eine neue Stimme, die eines jungen Mädchens: »Ich will meiner Mutter helfen«; und dann, vier- oder fünfmal hintereinander: »Ich tue, was ich will, verstehst du!« »Das möchte ich sehen!« Wieder rast der Kampf, an dem Mütter und Töchter und alle Umstehenden sich beteiligen. Meine Wirtin ruft ihre jüngste Tochter von der Hintertreppe herein, und ich denke darüber nach, welche Wirkung alles das wohl auf die moralische Auffassung des jungen Mädchens haben kann.

Ein Blick in die Hölle

Wir waren drei, die die Mile-End-Straße hinabschlenderten, und einer von uns war ein Held. Er war ein schlanker neunzehnjähriger Jüngling, so zart und fein, daß es aussah, als könne ein Kind ihn umwerfen. Er war ein junger, flammender Sozialist, im ersten Kreißen der Begeisterung und reif zum Märtyrertum. Als Redner und Leiter hatte er sich an einer Menge gefährlicher Protestversammlungen beteiligt, die zugunsten der Buren abgehalten waren und das heitere England erschütterten. Unterwegs hatte er mir erzählt, wie er verschiedentlich von dem drohenden Pöbel in Parks und Straßenbahnen belagert worden – wie er auf die Rednertribüne gestiegen war, wenn seine Parteigenossen einer nach dem andern von der Menge heruntergerissen und mißhandelt worden waren, und wie man die Kirche, in der er und drei andere Zuflucht gesucht, gestürmt hatte; inmitten eines Regens von Wurfwaffen und Scherben zerbrochener Scheiben hatten sie der Menge standhalten müssen, bis eine Abteilung Schutzleute ihnen zu Hilfe kam; er hatte von plötzlichen Kämpfen in der Dunkelheit auf Treppen, Galerien und Balkons erzählt, von zerbrochenen Fenstern, eingestürzten Treppen, heruntergerissenen Leitern und zerbrochenen Köpfen und Gliedern, und zuletzt hatte er mich angesehen und mit einem schmerzlichen Seufzer gesagt: »Wie ich euch starke Männer beneide! Ich bin so ein Knirps und tauge zu nichts, wenn es zum Kampf kommt.«

Und ich, der ich mit Kopf und Schultern meine beiden Begleiter überragte, mußte an meinen eigenen üppigen Westen und die kerngesunden Männer denken, die ich selber dort beneidet hatte. Aber dennoch: wenn ich den Knirps mit dem Mut eines Löwen betrachtete, fühlte ich, daß es solche Männer waren, die, wenn die Gelegenheit kam, Barrikaden bauten und der Welt zeigten, daß Männer noch zu sterben verstanden.

Da sagte mein anderer Begleiter, ein achtundzwanzigjähriger Mann, der eine unsichere Existenz in einer finsteren Werkstatt fristete: »Ich bin doch ein Kerl. Nicht so einer wie die andern in der Werkstatt; die haben auch Respekt vor mir. Ich wiege hundertfünfundzwanzig Pfund.«

Ich schämte mich direkt, ihnen zu erzählen, daß ich hundertfünfzig Pfund wog, und begnügte mich damit, ihn im stillen zu betrachten. Armseliger, verkrüppelter kleiner Mensch! Er hatte eine ungesunde Hautfarbe, sein Körper war gebückt und verzerrt, die Brust eingefallen, die Schultern von der langen Arbeitszeit unwiderruflich gebeugt, der Kopf saß nicht, wo er sitzen sollte, sondern hing vornüber. Ein Kerl – er?

»Wie groß bist du?« fragte ich.

»Fünf Fuß zwei Zoll«, antwortete er stolz. »Und die andern in der Werkstatt ...«

»Zeig' mir die Werkstatt«, sagte ich.

Es sollte zu dieser Zeit niemand in der Werkstatt sein, aber ich wollte sie doch gern sehen. Wir ließen die Leman-Straße liegen, bogen links in die Spitalfield-Straße ein und kamen hierauf in die Fryingpan-Gasse. Ein Haufen Kinder kroch auf dem schlüpfrigen Bürgersteig herum, wie Frösche auf dem Grunde eines ausgetrockneten Teiches.

In einer schmalen Haustür saß eine Frau mit einem Säugling an der Brust, die so entblößt war, daß es der Mutterwürde alle Heiligkeit raubte. Wir mußten über sie hinwegschreiten, um hineinzugelangen, und in dem finsteren, engen Gang hinter ihr mußten wir gleichsam durch ein Gewimmel kleiner Kinder waten, bis wir eine noch engere und finsterere Treppe erreichten. Die Treppe hatte drei Absätze, jeder drei Fuß groß und mit allerlei Abfall überhäuft.

Sieben Räume hatte dieses sogenannte Haus. In sechs von ihnen kochten und brieten, aßen, schliefen und arbeiteten über zwanzig Menschen beiderlei Geschlechts und jeden Alters. Durchschnittlich maßen die Zimmer acht Fuß nach jeder Seite, vielleicht neun nach der einen. Wir betraten den siebenten Raum, in dem fünf Mann arbeiteten. Er war sieben Fuß breit und acht lang, der Arbeitstisch nahm den größten Teil des Raumes ein. Auf diesem Tisch standen fünf Leisten, und fünfzehn Mann hatten kaum Platz genug, um zusammen zu arbeiten, denn der übrige Raum war von Pappe, Leder, Bündeln von Kappen und einer reichhaltigen Auswahl an Material zur Zusammensetzung von Oberleder und Sohlen besetzt.

Im anstoßenden Zimmer wohnte eine Frau mit sechs Kindern. In einem andern Loch wohnte eine Witwe mit ihrem sechzehnjährigen Sohn, der an Tuberkulose dahinsiechte. Die Frau verkaufte Brustbonbons auf der Straße, wie man mir erzählte, und konnte meistens nicht so viel verdienen, daß sie dreiviertel Liter Milch kaufen konnte, die der Sohn täglich haben sollte. Dieser schwache, sterbende Sohn bekam nur einmal wöchentlich Fleisch zu schmecken, und die Beschaffenheit dieses Fleisches kann man sich nicht vorstellen, wenn man nie Schweinefutter gesehen hat.

»Es ist schrecklich, wie er hustet«, meinte mein Freund. »Wir hören ihn den ganzen Tag hier, wenn wir arbeiten. Es ist ganz entsetzlich.«

In bezug auf diesen Husten und diese Brustbonbons offenbarte sich mir eine neue Gefahr, die auf die Kinder des Armenviertels lauerte.

Wenn mein Freund Arbeit hatte, schaffte er also in diesem sieben zu acht Fuß großen Zimmer. Im Winter mußte er fast den ganzen Tag Licht brennen, und die Lampe verschlechterte noch die dunstige Luft, die nie erneuert, sondern immer wieder eingeatmet wurde.

In besonders guten Zeiten konnte dieser Mann etwa dreißig Schilling die Woche verdienen.

»Aber das können auch nur die Tüchtigsten von uns«, erklärte er mir, und dann müssen wir auch dreizehn bis vierzehn Stunden täglich schuften. Du solltest nur sehen, wie wir uns abrackern. Wir triefen von Schweiß. Dir würden die Augen schmerzen, wenn du sähest, wie uns die Stifte aus dem Munde fliegen – wie aus einer Maschine. Sieh nur meinen Mund!«

Ich sah ihn an. Seine Zähne waren von dem beständigen Reiben der Metallstifte ganz abgestumpft, dazu schwarz und faulig.

»Ich putze sie,« sagte er, »sonst wären sie noch viel schwärzer.«

Er erzählte mir, daß die Arbeiter sich selbst Oberzeug, Stifte und kleinere Zutaten halten und Miete und Licht und Gott weiß was bezahlen mußten.

»Aber wie lange dauert diese Hochsaison, in der ihr ganze dreißig Schilling die Woche verdienen könnt?«

»Vier Monate«, antwortete er und erklärte mir weiter, daß sie durchschnittlich nur ein halbes bis ein Pfund wöchentlich verdienen. In dieser Woche hatte er bisher vier Schilling verdient. Und trotz allem hatte ich den Eindruck, daß er gute Arbeit leistete.

Ich sah zum Fenster hinaus, das nach dem hinteren Hof des Nachbarhauses gehen sollte. Aber es gab keinen Hof, das heißt, er war mit einstöckigen Schuppen bebaut, Viehställen, in denen Menschen wohnten. Die Dächer der Schuppen waren die reinen Misthaufen. An einigen Stellen lag der Schmutz, der aus dem zweiten und dritten Stock heruntergeworfen war, mehrere Fuß hoch. Ich konnte Fische und Knochen, Gemüse und Lumpen, alte Stiefel, Scherben und den sonstigen üblichen Abfall der menschlichen Schweinekoben unterscheiden.

»Es ist das letzte Jahr, daß wir diese Arbeit haben; jetzt schaffen sie sich Maschinen an, die uns überflüssig machen«, sagte der Arbeiter traurig, als wir wieder über die Frau mit den schamlos entblößten Brüsten hinwegschritten und uns den Weg durch das Gewimmel wertlosen jungen Lebens bahnten.

Hierauf besuchten wir die kommunalen Gebäude, die auf der Seite des Armenviertels errichtet waren, wo Arthur Morrisons »Kinder Jagos« gelebt hatten. Obwohl die Häuser jetzt mehr Bewohner als früher beherbergten, waren sie doch weit gesünder. Jetzt wohnten hier nur bessergestellte Arbeiter und Handwerker. Die früheren Bewohner waren nach andern Vierteln ausgewandert.

»Aber jetzt pass' auf,« sagte mein Freund, der so schnell arbeitete, daß es einem vor den Augen flimmern konnte, »jetzt werde ich dir die Lungen Londons zeigen. Hier ist der Spitalfield-Park.« Er sagte das Wort »Park« mit ironischer Betonung.

Der Schatten der Christuskirche fiel quer über den Spitalfield-Park, und im Schatten der Christuskirche sah ich um drei Uhr nachmittags etwas, das ich nie wieder sehen möchte. Blumen gibt es nicht in diesem Garten, der kleiner ist als mein Rosenbeet daheim. Hier wächst nur Gras. Aber rings um den Park steht ein Gitter mit eisernen Stacheln, wie man es um alle Londoner Parks findet, damit keine obdachlosen Männer und Frauen nachts im Grase schlafen können.

Als wir hineinkamen, stießen wir auf eine Frau von etwa fünfzig Jahren, die mit schleppenden Schritten dahinstolperte, während zwei sackleinene Bündel, eines vorn und eines hinten, über ihre Schulter hingen. Es war eine Vagabundin, eine heimatlose Seele, zu sehr an die Freiheit gewöhnt, als daß sie ihren wankenden Körper über die Schwelle des Armenhauses hätte schleppen wollen. Wie die Schnecke trug sie ihr Heim auf dem Rücken. In den beiden Bündeln hatte sie all ihr Eigentum, ihre Kleider und was sie sonst als Weib wertschätzte.

Wir gingen den schmalen, kiesbestreuten Weg hinab. Die Bänke zu beiden Seiten zeigten einen Haufen elender, verzerrter Menschlichkeit, der sicher einen Doré zu einem teuflischeren Fluge inspiriert haben würde, als seine Phantasie je auf der Leinwand gebar – ein Chaos von Lumpen und Schmutz, alle Arten ekelhafter Hautkrankheiten, offene Wunden, Beulen, Unanständigkeiten und lauernde Mißgestalten sowie tierische Züge.

Ein rauher Wind blies, und diese Geschöpfe schlotterten in ihren Lumpen, wie sie dalagen und schliefen oder zu schlafen versuchten. Hier sah man ein Dutzend Weiber verschiedenen Alters von zwanzig bis siebzig. Da lag ein neun Monate altes Kind und schlief auf der harten Bank, ohne Kopfkissen und ohne Decke, und keiner achtete darauf. Dort saß ein halbes Dutzend Männer, schlief aufrecht oder aneinandergelehnt; an einer anderen Stelle sah man eine Familiengruppe, ein schlafendes Kind in den Armen seiner schlafenden Mutter, während der Mann, so gut er konnte, einen ausgetretenen Schuh ausbesserte. Auf einer Bank schnitt eine Frau mit einem Messer die Fransen von ihren Lumpen, während eine andere mit Nadel und Faden einige Risse an den ihren nähte. Dicht dabei hielt ein schlafender Mann eine schlafende Frau in den Armen, etwas weiterhin lag ein Mann mit dickem Rinnsteinschmutz auf den Kleidern und schlief, den Kopf im Schoße einer Frau, die etwa vierundzwanzig Jahre alt zu sein schien und wie er schlief.

Das allgemeine Schlafen interessierte mich. Warum schliefen neun Zehntel von ihnen? Das ging mir erst später auf. Das von den Machthabern geschriebene Gesetz besagt, daß die Obdachlosen nachts nicht schlafen dürfen. Auf dem Bürgersteig am Eingang der Christuskirche, deren steinerne Säulen sich in stattlichen Reihen vom Himmel abheben, lagen die Männer reihenweise und schliefen oder träumten. Sie waren alle zu schlaff, um aufzuwachen oder neugierig zu werden, als wir kamen.

»Eine von den Lungen Londons,« sagte ich, »nein, eine faule, eine furchtbar stinkende Wunde.«

»Ach, warum hast du mich hierhergeschleppt?« fragte der warmherzige junge Sozialist voller Seelenqual und Ekel.

»Die Frau dort«, sagte unser Führer, »würde sich für drei Pence oder für zwei oder für eine Scheibe alten Brotes verkaufen.«

Er warf das leicht hin. Was er mehr sagen wollte, weiß ich nicht, denn unser kranker Freund rief:

»Um Himmels willen, laßt uns von hier fortkommen!«

Der Held mit dem Viktoria-Kreuz

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es gar nicht leicht ist, Zutritt zu einem Asyl für Obdachlose zu erlangen. Ich habe es jetzt zweimal versucht, und in kurzem werde ich einen dritten Versuch machen. Das erstemal versuchte ich es um sieben Uhr, mit vier Schilling in der Tasche. Damit beging ich zwei Fehler. Erstens muß man, wenn man hinein will, von Subsistenzmitteln entblößt sein, und da man genau visitiert wird, muß man dafür sorgen, daß man wirklich kein Geld hat; vier Pence, geschweige denn vier Schilling, genügen, um disqualifiziert zu werden. Zweitens kam ich zu einer falschen Zeit. Sieben Uhr abends ist zu spät, um sich noch ein Armenhausbett zu verschaffen.

Ich muß zunächst Leuten in besseren Verhältnissen erklären, was ein Asyl für Obdachlose ist. Es ist ein Gebäude, in dem Obdachlose, bettlose, geldlose Menschen, wenn sie Glück haben, ihre müden Glieder ausruhen und am nächsten Tag die Unterkunft abarbeiten können.

Mein zweiter Versuch, in eine solche Herberge einzudringen, schien besser glücken zu wollen. Ich brach schon am Nachmittag mit dem begeisterten jungen Sozialisten und noch einem Freunde auf und hatte nur drei Pence in der Tasche. Sie begleiteten mich nach dem Asyl von Whitechapel, auf das ich von Anfang an meine Blicke gerichtet hatte. Obwohl es erst kurz nach fünf war, stand schon eine lange, traurige Reihe bis um die Ecke des Gebäudes, soweit man sehen konnte.

Sie boten einen traurigen Anblick, all diese Männer und Frauen, die in der kalten, grauen Dämmerung darauf warteten, daß das Armenhaus sie für die Nacht aufnehmen sollte, und ich gestehe, daß mir der Mut zu sinken begann. Mir fielen plötzlich eine Menge Gründe ein, daß ich eigentlich ganz anderswo hätte sein sollen. Mir ging es wie dem Knaben vor der Tür des Zahnarztes. Etwas von meinem innern Kampf muß sich wohl auf meinem Gesicht widergespiegelt haben, denn plötzlich sagte ein Leidensgefährte: »Keine Angst, es wird schon gehen.«

Ich wurde sogleich belehrt, daß sogar drei Pence ein zu großes Vermögen waren, und um jedes Hindernis zu entfernen, trennte ich mich von meinen drei Kupfermünzen. Dann verabschiedete ich mich von meinen Freunden, schlich mich klopfenden Herzens die Straße hinab und stellte mich am Ende der Reihe auf.

Einen traurigen Anblick bot dieses lange Queue armer Menschen, die schon auf der Schwelle des Todes wankten, wie traurig, kann man sich gar nicht vorstellen.

Vor mir stand ein kleiner Mann von schwerem Körperbau: gesund und frisch trotz seinem Alter, mit festen Zügen und einer Haut, die Sonne und Wind wie Leder gegerbt hatten; es stand auf seinen Zügen geschrieben und leuchtete aus seinen Augen, daß er Seemann war. Wie gut ich geraten hatte, sollte ich bald erfahren.

»Ich kann es nicht mehr aushalten«, klagte er seinem Nebenmann. »Es endet noch damit, daß ich ein Fenster zerschlage, eine von den großen Spiegelglasscheiben, dann kriege ich doch wenigstens vierzehn Tage; und dann habe ich doch ein ordentliches Bett und besseres Essen, als man hier kriegt.« Nachdenklich, traurig und resigniert, fügte er hinzu: »Dann nehmen sie mir allerdings den Tabak weg.«

»Jetzt laufe ich seit zwei Nächten auf der Straße herum«, fuhr er fort. »Letzte Nacht wurde ich bis auf die Haut durchnäßt, und man ist ja nicht mehr jung; eines Morgens werden sie wohl meinen Kadaver wegfegen können.«

Plötzlich wandte er sich zu mir um und sagte heftig: »Sorg' dafür, daß du nicht alt wirst, mein Junge. Stirb jung, sonst geht es dir, wie es mir ergangen ist. Jetzt bin ich siebenundachtzig, und ich habe meinem Lande als ein Mann gedient. Ich erhielt drei Schnüre als Dienstauszeichnung und das Viktoria-Kreuz – und dies Leben ist nun der Lohn für alles. Wenn ich nur tot wäre! Ich wünschte, ich krepierte, das könnte keinen Tag zu früh kommen.« Die Tränen begannen ihm in den Augen zu schimmern, aber ehe der andere ihm noch ein paar Trostworte gesagt hatte, begann er schon ein heiteres Seemannslied zu trällern, als ob es keine gebrochenen Herzen in dieser Welt gäbe.

Jetzt war er in Gang gekommen, und da, während wir vor der Tür der Herberge warteten, erzählte dieser Mann, der jetzt zwei Nächte auf der Straße zugebracht hatte, was ich hier berichten werde.

Er war als Knabe in die englische Marine eingetreten und hatte seinem Lande vierzig Jahre lang treu und redlich gedient. Namen, Daten, Chefs, Häfen, Schiffe, Feldzüge und Kämpfe rollten von seinen Lippen, aber ich entsinne mich ihrer nicht, denn es ist schwer, sich vor der Tür des Armenhauses Notizen zu machen. Er hatte den ersten chinesischen Krieg, wie er es nannte, mitgemacht, hatte zehn Jahre lang der ostindischen Kompagnie gedient und war wieder während des großen Aufruhrs als Marinesoldat in Indien gewesen, hatte am Kriege in Birma und am Krimkriege teilgenommen und im übrigen unter der englischen Flagge auf dem ganzen Erdball gekämpft.

Dann geschah es. Anfangs nur eine Bagatelle: Vielleicht hatte dem Leutnant das Frühstück nicht geschmeckt, oder er war am Abend spät zu Bett gekommen, oder seine Gläubiger waren zudringlich geworden, oder er hatte einen Rüffel von seinem Vorgesetzten erhalten. Genug, er war an diesem Tage schlechter Laune. Der Seemann hatte mit einigen Kameraden in der Vortakelung zu tun.

Nun muß man immer daran denken, daß der Seemann vierzig Jahre lang in der Flotte gedient, drei Schnüre für gute Führung erhalten hatte und für Auszeichnung im Kampf mit dem Viktoria-Kreuz geehrt worden war, so daß er wohl kein schlechter Seemann gewesen sein kann. Der Leutnant war gereizt und benutzte Schimpfwörter, die sich auf die Mutter des Seemanns bezogen. In meiner Knabenzeit pflegten wir uns wie kleine Teufel zu schlagen, wenn jemand in dieser Weise unsere Mutter beleidigte; und in dem Lande, aus dem ich stamme, haben viele Männer ihr Leben lassen müssen, weil sie andere derart beleidigten.

Der Leutnant gebrauchte also ein häßliches Wort gegen den Seemann, und zufällig hielt dieser gerade eine eiserne Stange in der Hand. Augenblicklich versetzte er dem Leutnant einen Schlag an den Kopf, daß er über Bord stürzte.

Und nun die eigenen Worte des Seemanns: »Mir war plötzlich klar, was ich getan hatte. Ich kannte das Reglement und sagte mir: Jetzt ist es aus mit dir, Jack, fertig, mein Junge! Und dann sprang ich kopfüber hinterher, um zu versuchen, uns beide zu ertränken. Und das wäre mir auch geglückt, wenn nicht gerade die Offiziersjolle vom Flaggschiff vorbeigekommen wäre. Wir waren beide aufgetaucht, und ich hielt ihn fest und schlug auf ihn los. Und das eben wurde mein Verhängnis. Würde ich ihn nicht geschlagen haben, so hätte ich sagen können, daß ich ihm nachgesprungen war, um ihn zu retten, als ich gesehen, was ich angerichtet hatte.«

Ein Schiedsgericht, oder wie es bei der Marine heißt, trat zusammen. Des Urteils erinnerte er sich Wort für Wort, wie er es sich immer wieder in bitteren Stunden wiederholt hatte. Und die Strafe, zu der man, um Disziplin und Respekt vor Offizieren, die nicht immer Gentlemen waren, aufrechtzuerhalten, den verurteilte, den die menschliche Natur zum Verbrecher gemacht hatte, bestand in folgendem: zum gemeinen Matrosen degradiert zu werden, alles Prisengeld, das er zugute hatte, und das Anrecht auf Pension einzubüßen, das Viktoria-Kreuz zurückzugeben, Soldat zweiter Klasse zu werden nebst fünfzig Schlägen sowie zwei Jahren Gefängnis.

»Ich wünschte, ich hätte mich damals ertränkt, weiß Gott!« schloß er, als die Reihe vorrückte und wir um die Ecke kamen.

Endlich konnten wir die Tür sehen, wo die Obdachlosen in kleinen Abteilungen eingelassen wurden, und dann sollte ich eine neue, überraschende Erfahrung machen: Da Mittwoch war, sollte keiner von uns vor Freitag morgen losgelassen werden, und – ich weiß nicht, was ihr fühlt, ihr Tabaksfreunde der ganzen Welt – in der ganzen Zeit sollten wir Tabak entbehren. Was wir bei uns hatten, sollten wir vor dem Eintritt abgeben. Es hieß, daß man es zuweilen wieder erhielt, wenn man das Haus verließ.

Der alte Seemann lehrte mich einen Trick. Er öffnete seinen Tabaksbeutel und entleerte das bißchen Inhalt in ein Stück Papier, das er dann zusammenfaltete und in einer Socke ganz unten im Schuh verschwinden ließ. Mein Tabak ging sofort denselben Weg, denn vierzig Stunden ohne Tabak ist schlimm; darin muß mir jeder Raucher recht geben. Wir rückten immer weiter vor und näherten uns langsam, aber sicher dem Eingang. Als wir ein eisernes Gitter passierten, rief der alte Seemann einem Mann auf der anderen Seite zu:

»Wieviel werden noch aufgenommen?«

»Vierundzwanzig«, lautete die Antwort.

Wir begannen eifrig zu zählen; vor uns standen vierunddreißig. Enttäuschung und Verzweiflung malten sich auf allen Gesichtern rings um uns. Es sind schlechte Aussichten, ohne einen Penny in der Tasche einer schlaflosen Nacht auf den Straßen Londons entgegenzugehen. Aber wir hofften immer noch, bis der Torwächter uns verjagte, gerade als wir alle zehn den Eingang erreicht hatten.

»Schluß!« Das war alles, was er sagte, als er die Tür zuschlug.

Wie ein Blitz schoß der alte Seemann trotz seinen siebenundachtzig Jahren fort, um zu sehen, ob es anderswo eine Chance gäbe. Ich blieb stehen und beriet mich mit einigen Männern, die sich auf derartige Herbergen verstanden. Sie meinten, es sei am besten, nach dem Arbeitshaus in Poplar, eine Stunde von hier, zu gehen, und das taten wir denn. Als wir um die Ecke bogen, sagte der eine von ihnen: »Ich hätte heute gut hineinkommen können. Um ein Uhr kam ich hier vorbei; da fingen sie gerade an, sich aufzustellen. Sie sind alle beim Aufseher gut angeschrieben, und es sind immer dieselben, die jede Nacht aufgenommen werden.«

Der Kutscher und der Zimmermann

Den Kutscher mit dem regelmäßigen Gesicht, dem Backenhart und der glattrasierten Oberlippe hätte ich in Amerika für alles mögliche halten können, vom Arbeiter bis zum gutsituierten Landmann. Der Zimmermann – ja, in ihm würde ich gleich den Zimmermann erkannt haben. Das konnte man an seiner mageren, muskulösen Gestalt, seinem scharfen, schnellen Blick und seinen Händen sehen, die das Werkzeug in siebenundvierzigjähriger Mühsal und Plackerei gekrümmt hatte. Das Unglück dieser beiden Männer war, daß sie alt geworden und daß ihre Kinder, die ihnen hätten helfen können, gestorben waren. Die Jahre hatten sie gezeichnet, und jüngere und stärkere Menschen hatten sie vom Arbeitsmarkt verdrängt.

Diese beiden, die sich unter denen befanden, die vom Asyl in Whitechapel abgewiesen waren, gingen jetzt mit mir zusammen auf dem Wege nach Poplar. Sie rechneten kaum noch auf diese Chance, aber es war die einzige; entweder Poplar oder noch eine Nacht auf der Straße. Die Frage, ob sie ein Bett erhalten würden, beschäftigte die beiden sehr, denn sie waren »bald fertig«, wie sie sagten. Der Kutscher, der achtundfünfzig Jahre alt war, hatte seit drei Nächten weder Obdach noch Schlaf gehabt, während der fünfundsechzigjährige Zimmermann fünf Nächte hindurch auf der Straße zugebracht hatte.

Oh – ihr lieben, guten Menschen mit reichlichem Fleisch und Blut, mit weichen Betten, die allabendlich in luftigen Zimmern auf euch warten – wie soll ich euch begreiflich machen, was ihr leiden würdet, solltet ihr auch nur eine einzige lange Nacht auf den Straßen Londons zubringen? Ihr würdet meinen, daß Tausende von Jahrhunderten vergingen, ehe der Morgen im Osten zu dämmern begänne; ihr würdet vor Schmerz in jeder Muskel laut weinen, ihr würdet erstaunt sein, daß ein Mensch so leiden und doch leben kann. Und wenn ihr euch auf eine Bank setztet und eure Augen vor Müdigkeit zufielen, verlaßt euch darauf, daß augenblicklich ein Schutzmann käme und euch wach rüttelte und brutal aufforderte, weiterzugehen. Man darf sich auf Bänken ausruhen, aber wenn Ruhe dasselbe wie Schlaf ist, muß man weitergehen, seinen müden Leib durch die endlosen Straßen schleppen. Wollte man in seiner Verzweiflung einsame Gassen oder dunkle Passagen suchen und sich niederwerfen, so würde sich der allgegenwärtige Schutzmann wieder zeigen. Es ist seine Arbeit, Obdachlose aufzustöbern. Wenn aber der Tag graute, und der böse Traum zu Ende wäre, so würdet ihr euch heimschleppen, um wieder zu Kräften zu kommen, und bis zu eurem Todestage würdet ihr Scharen bewundernder Freunde von diesem Erlebnis erzählen. Es würde zu einem Ereignis werden. Eure kleine achtstündige Nacht könnte zu einer Odyssee werden, und ihr selbst zu einem reinen Homer.

Wie anders erging es den Obdachlosen, die ich nach dem Asyl in Poplar begleitete. Und in dieser Nacht erging es fünfunddreißigtausend Frauen und Männern in London wie diesen.

Denkt nicht daran, wenn ihr gerade zu Bett gehen wollt; seid ihr so weichherzig, wie ihr sein solltet, ihr würdet vielleicht nicht gut schlafen. Alte Männer von sechzig, siebzig, achtzig Jahren, schlecht ernährt, ohne Saft und Kraft, gehen dem Tag entgegen, ohne Ruhe gehabt zu haben, wanken den Tag hindurch herum, um ein paar Brocken zu finden, bis die kalte Nacht sie wieder umfängt – und das fünf Tage und Nächte nacheinander.

Oh – ihr lieben, guten Menschen mit eurem reichlichen Fleisch und Blut, wie solltet ihr es verstehen können? Zwischen dem Kutscher und dem Zimmermann ging ich die Mile-End-Straße hinab. Die Mile-End-Straße ist ein breiter Damm, der das Herz Londons mitten durchschneidet, und hier gingen außer uns mindestens zehntausend Menschen. Ich erwähne das zum Verständnis des Folgenden.

Während wir dahinwanderten, wurden meine Kameraden bitter und verfluchten das Land. Ich fluchte mit ihnen, wie ein amerikanischer Landstreicher es getan hätte, wenn er in ein fremdes und schreckliches Land geraten wäre. Es war mir geglückt, sie glauben zu machen, daß ich Seemann war, und sie dachten, ich hätte mein Geld durchgebracht und meine Kleider verloren, wie es einem Seemann an Land so oft begegnet, und wartete jetzt auf Heuer. Das erklärte auch meine Unkenntnis von englischen Verhältnissen im allgemeinen und von Asylen im besonderen.

Der Kutscher konnte kaum mit uns Schritt halten. Er sagte, es käme daher, daß er den ganzen Tag noch nichts zu essen bekommen hätte. Aber der Zimmermann – mager und hungrig, in einem grauen, zerlumpten Überzieher, der traurig im Winde flatterte – ging mit weiten, rastlosen Schritten, ein Gang, der mich an Wölfe oder Coyoten gemahnte.

Sie hielten beide den Blick auf das Pflaster geheftet, hin und wieder bückte sich einer von ihnen und hob etwas auf. Ich glaubte, es wären Zigarren- oder Zigarettenstummel, die sie auflasen, und dachte zuerst nicht weiter darüber nach. Dann aber merkte ich, was sie vorhatten.

Sie lasen von den schleimigen, bespienen Bürgersteigen kleine Stücke Apfelsinenschalen, Äpfelschalen und Weintraubenschlauben auf, die sie verzehrten. Die Kerne zerbissen sie, um den Inhalt herauszubekommen. Sie fanden Brotkrumen, nicht größer als Erbsen, Apfelkerne, so schmutzig, daß man nicht mehr erkennen konnte, was es war, und alles steckten sie in den Mund, kauten und verschluckten es. Das geschah zwischen sechs und sieben Uhr nachmittags am 20. August im Jahre des Herrn 1902 im Herzen des größten und mächtigsten Reiches, das je in der Welt existiert hat.

Die beiden Männer sprachen miteinander. Sie waren nicht dumm, nur alt. Aber die Därme voller Rinnsteinschmutz, sprachen sie über die rote Revolution. Sie sprachen, wie Anarchisten, Fanatiker und Landstreicher sprechen würden. Und wer kann sie deshalb tadeln? Ich gestehe, daß ich trotz meinen drei guten Mahlzeiten täglich, meinem warmen Bett, zu dem ich heimgehen konnte, wenn ich wollte, meinen sozialen Anschauungen, meinem festen Glauben an Entwicklung und Veränderlichkeit aller Dinge – daß ich trotz alledem die Lust verspürte, rot wie sie zu reden. Die Toren! Es sind gar nicht Leute ihres Schlages, die Revolution machen. Und wenn sie gestorben und zu Staub verwandelt sind, was nicht sehr lange dauert, werden andere Toren von blutiger Revolution reden, während sie Abfall von dem bespienen Bürgersteig auf dem Wege von Mile End nach dem Arbeitshaus auflesen.

Da ich Ausländer und jung war, erteilten Kutscher und Zimmermann mir gute Ratschläge, ihre Worte waren klar und deutlich: ich sollte sehen, so schnell wie möglich aus dem Lande zu kommen.

»Ja, so schnell, wie Gott mir helfen wird.«

»Der Zufall kann einen Mann zum Verbrecher machen«, sagte der Zimmermann. »Sieh mich an, ich bin alt, Jüngere stehlen mir die Arbeit, meine Kleider werden immer schlechter, und das macht, daß ich schwer etwas zu tun kriege. Ich gehe ins Asyl, um ein Bett zu bekommen. Wenn ich nicht um zwei, drei Uhr nachmittags da bin, werde ich nicht hineingelassen. Du hast selbst gesehen, wie es geht. Aber wie soll ich mir Arbeit suchen? Wenn ich wirklich ins Asyl hineingelange, so behalten sie mich morgen den ganzen Tag. Ich komme erst übermorgen heraus. Was dann? Dann sagt das Reglement, daß ich in keinem Asyl im Umkreis von zehn Meilen aufgenommen werde, und ich muß mich beeilen, um rechtzeitig anderswohin zu kommen. Wann soll ich da auf die Arbeitssuche gehen? Und wenn ich jetzt nicht ins Asyl gehe, sondern versuche, etwas zu tun zu kriegen, so wird es Abend, ehe ich es weiß, und dann stehe ich da – ohne zu wissen, wo ich schlafen soll. Kein Schlaf und nichts zu essen, da soll es dann am nächsten Morgen gut gehen. Ich kann in einem Park schlafen. Gewiß. (Ich mußte an die Christuskirche beim Spitalfield-Park denken, als er das sagte.) So steht es. Ich bin alt und habe keine Aussicht, je wieder in die Höhe zu kommen.«

»Hier ist früher ein Schlagbaum gewesen«, sagte der Kutscher. »In alten Zeiten, als ich noch fuhr, habe ich hier oft Chausseegeld zahlen müssen.«

Nach einer längeren Pause sagte der Zimmermann: »Ich habe seit zwei Tagen nichts zu essen gehabt als drei Brötchen. Zwei davon aß ich gestern, das dritte heute.«

»Ich habe heute gar nichts gekriegt«, sagte der Kutscher. »Ich bin ganz elend. Meine Beine tun so weh.«

»Das Brot, das man in der Penne kriegt, ist so hart, daß man es nicht herunterkriegt, wenn man nicht einen halben Liter Wasser dazu trinkt«, sagte der Zimmermann, um mich zu warnen. Und als ich ihn fragte, was »Penne« sei, antwortete er:

»Die Penne, das ist so ein Wort, das der Pöbel gebraucht.«

Was mich am meisten erstaunte, war, daß es ein Wort wie Pöbel in seinem Wortschatz gab. Ehe wir uns trennten, hatte ich erkannt, daß seine Sprache durchaus nicht gewöhnlich war.

Ich fragte sie nach der Behandlung, die meiner wartete, wenn es mir glückte, ins Asyl in Poplar eingelassen zu werden, und ich erhielt viele interessante Auskünfte. Zuerst würde ich ein kaltes Bad erhalten, und zum Abendbrot würde ich sechs Unzen Brot und drei Teile Grütze kriegen, drei Teile sind drei Viertel eines Halblitermaßes, und die Grütze besteht aus drei Maß Hafermehl in dreieinhalb Eimern warmen Wassers verrührt.

»Und dazu Milch und Zucker und einen silbernen Löffel«, sagte ich.

»Nee, da brauchst du nicht bange zu sein. Du kannst Salz kriegen. Ich hab' schon erlebt, daß man gar keinen Löffel kriegte, man mußte den Teller hoch halten und sich die Grütze in den Mund laufen lassen. So macht man's da.«

»In Hockney bekommt man doch eine gute Grütze«, sagte der Kutscher.

»Ja, prachtvoll«, bestätigte der Zimmermann, und dann wechselten sie einen beredten Blick.

»In St. Georg ist es nur Mehl und Wasser«, sagte der Kutscher.

Der Zimmermann nickte, er war offenbar überall gewesen.

»Und was dann?« fragte ich. Ich erfuhr, daß man dann zu Bett geschickt würde.

»Es ist wohl nicht immer alles da«, berichtete der Kutscher.

»Nee, das stimmt; und das Brot kann so sauer sein, daß man es kaum runterkriegt. Anfangs konnte ich nichts davon essen, jetzt könnte ich gut zwei Portionen bewältigen.«

»Ja, und ich drei«, sagte der Kutscher. »Heut habe ich nicht einen Bissen in den Mund gekriegt.«

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9783754178997
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