Czytaj książkę: «Right in your heart»
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Kapitel 1 – 9x19 mm Luger
Kapitel 2 – Abflug
Kapitel 3 – Theo
Kapitel 4 – Der Gockel
Kapitel 5 – Ein heißes Fahrgestell zum Abendessen
Kapitel 6 – Sexfrust und Morgenspaziergang
Kapitel 7 – Zum Frühstück Kopfzerbrechen
Kapitel 8 – Seelenstriptease
Kapitel 9 – Ebbe und Flut der Gefühle
Kapitel 10 – Pop-Culture-Reference – oder: Was ist Romantik?
Kapitel 11 – Ein Erwachen wie im Traum
Kapitel 12 – Rambo II
Kapitel 13 – Abschied
Kapitel 14 – Sonderauftrag
Kapitel 15 – Sehnsucht
Kapitel 16 – Expendables
Kapitel 17 – Takeoff
Kapitel 18 – Dunkelheit
Kapitel 19 – Palmyra
Kapitel 20 – Allein ein Traum
Kapitel 21 – Von Bangen und Hoffen
Kapitel 22 – Traum und Wirklichkeit
Kapitel 23 – Licht und Finsternis
Kapitel 24 – Der erste Kuss
Kapitel 25 – Eine Therapie für zwei
Kapitel 26 – Ein neuer Abschied
Kapitel 27 – Ein Chef zum Verlieben
Kapitel 28 – Von sich öffnenden und schließenden Türen
Kapitel 29 – Bitchface
Kapitel 30 – Ein wenig durch den Wind
Kapitel 31 – Ey Mann, ich verkauf mein Auto nicht!
Kapitel 32 – Rote Rosen und blaue Wunder
Kapitel 33 – Panikattacken und andere Süßigkeiten
Kapitel 34 – Zu schön, um wahr zu sein
Kapitel 35 – Die Frage
Kapitel 36 – Kein sanfter Tod
Kapitel 37 – Bis ans Ende aller Tage?
Kapitel 38 – Hass und Liebe
Epilog
Anhang/Danksagungen
Right in your heart – Liebe kennt keine Gnade
Text: © by Isabella Kniest, 9184 St. Jakob im Rosental, Österreich
Cover: © Background by Covervault.com, Design by Isabella Kniest
Verwendete Pinselvorgaben, Grafiken: © by http://hawksmont.com, © by www.obsidiandawn.com
Verwendete Schriftarten: Armalite Riffle, Adobe Caslon Pro, Special Elite © by http://www.apache.org, Marvelous Sans Standard,
E-Mail: swevennovel@gmail.com
Website: https://swevennovel.jimdofree.com
Erstveröffentlichung des Textes als E-Book (ASIN: B01IAMRIT0): 11. Juli 2016 unter dem Titel And now I see – Alles, was ich brauche, bist du
1. Auflage des Taschenbuchs (ISBN-13: 978-1982940058, ASIN: 1982940050): 04. Dezember 2018 (vollständige Überarbeitung des Textes)
1. Auflage des Hardcovers (ISBN-13: 979-8480302639, ASIN: B09MC1FFX4): 27. November 2021 (geringfügige Korrekturen, Buchsatz, Infotext, Cover)
2. Auflage des Taschenbuchs (ISBN-13: 979-8491186723, ASIN: B09MBGJ6WJ: 27. November 2021
Weitere Korrekturen des Covers/Textes: 14. April 2020, 26. Juni 2021, 06. Januar 2022
Nun noch das übliche rechtliche Geplänkel:
Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Ereignisse und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Ereignissen sind rein zufällig. Eventuell erwähnte Markennamen sind Eigentum ihrer jeweiligen Inhaber und wurden rein zu schriftstellerischen Zwecken benutzt.
Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Anhang und den Danksagungen am Ende des Buches.
Ein paar wichtige Worte in eigener Sache!
Diejenigen, die einen meiner Romane gelesen haben, wissen, dass ich diesen Teil des Buches gern als eine Art Ablassventil benutze. Heute allerdings muss ich etwas gänzlich anderes loswerden.
Für jedes Buch recherchiere ich sehr viel im Internet. Während einer dieser Recherchen war ich über einen mich schockierenden Artikel gestoßen. Darin ging es um Männer, die vor Selbstzweifel, Panik und Unsicherheit Viagra einnehmen, sobald sie mit einer äußerst attraktiven Frau (sprich »Anwärterin zur große Liebe«) Sex haben wollen. Erst dachte ich, es ginge womöglich um etwas betagtere Männer … aber weit gefehlt! Die besagten Personen befinden sich in meinem Alter, also zwischen dreißig und vierzig Jahren.
Da begannen meine Neuronen zu feuern.
Weshalb muss sich ein gesunder, im besten Alter befindlicher Mann ein Potenzmittel einwerfen, das: 1. gar nicht mal so ungefährlich ist, und 2. nie wirkt, wie man es gerne hätte?
Aber die wichtigste Frage lautet: Weswegen machen sich Männer einen derartigen Druck?
Sex ist etwas Wunderschönes, das man einzig mit jemandem machen sollte, dem man vertraut. One-Night-Stands hin und her – wahrhaftig befriedigender Sex ist und bleibt ausnahmslos mit einem fixen Partner. (Damit will ich jedoch nicht andeuten, dass Sexbeziehungen/Affären/One-Night-Stands/flüchtiges Kennenlernen per se schlecht sind. Nur am Rande erwähnt.)
Warum also benötigt ein junger, gesunder Mann Viagra? Wenn die Sympathie passt und Vertrauen und Akzeptanz vorherrschen, wozu diese Zweifel? Liebe Männer – sollte es denn welche unter meiner kleinen Leserschaft geben –, lasst euch nicht unter Druck setzen! Wenn eine Frau tatsächlich meint, ihr seid Schlappschwänze, weil ihr keinen hochbekommt, ist eine solche Drecksfotze es erst gar nicht wert, geliebt beziehungsweise beachtet zu werden. Ein Körper ist keine Maschine. Dass ein Mann immer kann, ist der größte Blödsinn, den die Gesellschaft im Umlauf gebracht hat. Genauso die Annahme, eine Frau brauche Stunden, bis sie erregt sei. Wenn ihr euch auf eure Partnerin einlasst, ihr sie liebt und sie euch liebt, müsst ihr keine zwei Stunden herumfummeln. Ein nettes Wort, eine zarte Berührung, mehr braucht es nicht – außer sie steht auf BDSM oder wie dieser ganze Schrott heißen mag.
Die nächsten Zeilen gelten Frauen und Männern gleichermaßen: Versagensängste sind irrelevant. Ein liebender, verständnisvoller, einfühlsamer Partner wird sich niemals über ein »Missgeschick« lustig machen – ob es nun ein nicht erigierter Penis oder eine nicht feucht werdende Vagina ist. Manchmal will es eben nicht, selbst wenn man noch so geil ist. Da muss die Schuld nicht sofort beim Partner gesucht werden. Stress, Krankheiten, Angst können Gründe sein, weshalb es nicht klappen will. Insbesondere psychischer Druck (ich muss hart werden, sonst bin ich ein Versager … die Frau muss während der Penetration kommen, sonst bin ich ein Versager … ich als Frau muss kommen, sonst bin ich frigide) raubt einer grundsätzlich erregenden Stimmung sämtlichen Zauber.
Vergesst niemals: Sex ist kein Leistungssport. Ein Orgasmus ist zwar schön, sollte jedoch niemals an oberste Stelle gestellt oder erzwungen werden.
Was sagt es auch aus, wenn es beim Sex ausschließlich um einen Höhepunkt geht?
Sex stellt den intimsten Ausdruck von Zuneigung dar. Da soll die Liebe im Vordergrund stehen, kein Orgasmus-Wettk(r)ampf.
Ein jeder Mensch, der seinen Körper gut genug kennt, kann sich einen Höhepunkt selbst besorgen. Gefühle der Geborgenheit und Einigkeit dagegen entstehen ausschließlich durch den Austausch von Zärtlichkeiten. Exakt darum geht es in einem Liebesspiel. Erst diese Empfindungen machen Sex zu dieser tollen Sache, von der alle Welt schwärmt. Wenn ihr das im Hinterkopf behaltet, kann Sex erst gar nicht enttäuschend sein.
Und noch ein wichtiger Punkt, dem anscheinend nach wie vor zu wenig Beachtung geschenkt wird: Sprecht offen über eure Wünsche und Vorlieben! Wenn euer Partner euch nicht auf die Weise anfasst, wie ihr es gerne haben wollt, macht den Mund auf! Dazu gehört ebenfalls die Aufrichtigkeit, zu sagen, wenn man nicht erregt ist. Das gilt besonders den Frauen – keinen Orgasmus vorspielen! Niemals! Ernsthaft. Das ist das Bescheuertste, was eine Frau tun kann und stellt, meiner Meinung nach, einen ähnlichen Verrat dar wie ein Seitensprung.
Das wäre es mal von dieser Stelle.
Um Missverständnissen vorzubeugen, nachfolgend einige wichtige Informationen für jeden potentiellen Leser/Käufer:
Erstens.
Ich bin Selfpublisher. Korrektorat, Lektorat, Coverdesign, Buchsatz, E-Book-Gestaltung, Kapitelverzierungen – alle diese Arbeiten werden ausschließlich von mir selbst durchgeführt. Für ein fehlerfreies Buch kann ich somit nicht garantieren. Dafür jedoch einer jeden Seite, einem jeden Kapitel, einem jeden niedergetippten Wort, einer jeden Szene und Aussage meine gesamte Aufmerksamkeit und Liebe gewidmet zu haben. Jeder Satz beinhaltet mein Herzblut, meine Gefühle, meine Lebensauffassung – ein Stück meiner selbst. Wenn ich ein Buch zur Veröffentlichung freigebe, präsentiert es meinen aktuellen Wissensstand. Aus diesem profanen Grund überarbeite ich meine Bücher in zeitlich zwar längeren dennoch regelmäßigen Abständen. Werde ich mir hingegen über Rechtschreib-, Kommasetzungs- oder Grammatikfehler bewusst, korrigiere ich diese stets sofort in all meinen Manuskripten und aktualisiere sie auf allen käuflichen Plattformen. Sollte Ihnen, lieber Leser, eine solche Vorgehensweise zu amateurhaft oder zu billig anmuten, bitte ich Sie, mein Buch nicht zu erstehen. Falls Sie sich nun unsicher sind oder die Vermutung in Ihnen erwächst, ich könnte Schund verkaufen, bitte ich Sie, zuerst die Leseprobe zu lesen und sich dann zu entscheiden. Ist Ihnen meine Fehlerquote zu hoch, werde ich Ihnen nicht böse sein, wenn Sie mein Werk nicht in den Warenkorb legen.
Schreiben ist mein Hobby. Weder strebe ich Reichtum noch Berühmtheit an. Menschen zu bereichern, ihnen den intellektuellen und seelischen Horizont zu erweitern und eine andere Sichtweise zu offenbaren – das ist mein einziges Bestreben. Deshalb bin ich finanziell außerstande, ein Lektorat und Korrektorat oder Coverdesign auszulagern. Besäße ich die Möglichkeiten, würde ich keine Sekunde zögern und meine Werke einem Experten übergeben.
Zweitens.
Trotz mehrerer Rechtschreibreformen verwende ich die alte Schreibweise der unterbrochenen direkten Rede.
Ein Beispiel: Nach der neuen Richtlinie müsste ich schreiben »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab, »als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«
Ich hingegen schreibe »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab. »Als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«
Wie man sieht, ist mir die korrekte Schreibweise bestens bekannt. Ich entschied mich jedoch bewusst dafür, diese Regel aus persönlichen und ästhetischen Gründen zu brechen.
Drittens.
Da ich Österreicher bin, schleichen sich zwangsläufig viele österreichische Begriffe in meine Texte ein. Begriffe, die von deutschen Landsleuten unwissentlich als Fehler angesehen werden können.
Ein Beispiel: In unseren Breitengraden spricht man nicht von Kasse, sondern von Kassa. Dies ist kein Tippfehler und hat auch nichts mit einer Rechtschreibschwäche oder läppischen Korrektur meinerseits zu tun.
Viertens:
Die unscheinbaren Wörter »welche«, »welcher«, »welches« gelten in der schriftstellerischen Zunft als schlechter Stil.
Ein Beispiel: Sie betrat den Secondhandladen, welcher sich neben der stark befahrenen Hauptstraße befand.
Erfahrene Lektoren und Autoren werden nun schreien, wüten, sich in Wänden verbeißen oder höhnisch lachen. Denn diese Benutzung des Wörtchens »welcher« stellt das Todesurteil schlechthin dar und ist ein Zeichen dafür, den Text eines armseligen Amateurs/Pseudoschriftstellers vor sich liegen zu haben. Dennoch werde ich diesen literarischen Toilettengriff immer wieder wagen. Warum? Weil er einen Teil meines persönlichen Stils darstellt. Weder benutze ich diese Pronomen als erzwungenes Synonym für »die, der, das«, noch möchte ich damit intelligent oder belesen anmuten. Sie sind schlicht eine Farbnuance, um das Bild detaillierter darzustellen. Ein Bild von sensiblen oder sich altmodisch benehmenden Protagonisten. Ein Bild von Respekt und Ehrerbietung vergessener Werte.
Fünftens:
Abgesehen von wenigen Ausnahmen verfasse ich manchmal längere, manchmal kürzere Vorwörter, die sich nahtlos an das Impressum anschließen. Stets behandeln diese Texte ein oder mehrere in der Geschichte erwähnte Themen. Gewisse Passagen enthalten meine persönliche Erfahrung/Haltung/Meinung/Ausbildung/Lebensauffassung, gewisse Passagen enthalten einen an die Gesellschaft gerichteten Appell. Falls der geneigte Leser sich dadurch persönlich angegriffen oder beleidigt fühlt, kann ich nur sagen, dass mich das nicht im Geringsten kümmert. Texte und Geschichten verfasse ich nicht, um Leser zu beleidigen, sondern um nachdenklich zu stimmen. Wer sich daran stört, soll mein Buch in Gottes Christi willen nicht weiterlesen oder eben erst gar nicht kaufen.
Abschließend danke ich jedem Leser, der diese Information durchgelesen hat. Und ich danke jeden, der sich nicht beleidigt fühlt und entscheidet, erst nach der Leseprobe sein endgültiges Urteil zu fällen.
Für denjenigen, der mein Licht sehen wird
Für all diejenigen, die stolz genug sind, nicht jedem Trend hinterherjagen zu müssen; genügend Demut in sich tragen, um sich selbst nicht gar so wichtig zu nehmen; ausreichend Vernunft besitzen, um die Realität mit allen Licht- und Schattenseiten zu erkennen; die nötige Objektivität aufbringen, um die Gesellschaft im Allgemeinen und ihr Gegenüber im Speziellen korrekt einzuschätzen. Aber vor allem die erforderliche Weisheit und Stärke in sich vereinen, um zwischen Wesentlichkeit und Belanglosigkeit zu unterscheiden und Mut, Ehrlichkeit, Einfühlungsvermögen und Gerechtigkeit gedeihen zu lassen.

Er hielt meine Hand – ein strahlendes Lächeln lag auf seinen Lippen. Der Wind wehte mir die Haare ins Gesicht. Beinahe konnte ich die warme Meerluft fühlen, solchermaßen erinnerte es mich an unseren Urlaub. An unser erstes Zusammentreffen. Wie viel hatte sich verändert. Wie viel würde sich noch ändern? Zum Guten? Zum Schlechten? Ich suchte seine Augen. Verspielt funkelte das Goldbraun in der spätherbstlichen, allmählich von bedrohlich wirkenden Regenwolken verdeckenden Nachmittagssonne. Verspielt wie einst – frei und unbekümmert. Und doch zeigte es mir etwas Unbekanntes. Etwas gänzlich Neues. Eine Tiefe, eine Erkenntnis, welche sich mir damals, im Schein der aufgehenden Sonne, nicht offenbart hatte.
Dieser Augenblick bewies mir abermals, wie richtig meine Entscheidung gewesen war. Gleichgültig wie viel sich noch ändern möge, ich würde an seiner Seite bleiben. Ich hatte es ihm versprochen. Und noch nie war es mir so leicht gefallen, ein Versprechen einzuhalten, wie dasjenige, welches ich ihm gegeben hatte – im Auge des Terrors, im Schatten der Angst.
Sein Lächeln verwandelte sich in ein schmutziges Grinsen. »Lust auf einen kleinen Kampf?«
Glucksend ließ ich den Blick über den leeren Strand schweifen. »Vergiss es. Der Wind ist mir definitiv zu kalt.«
Er trat hinter mich, schlang die Arme um meinen Oberkörper und raunte mir ins Ohr. »Aber hier ist niemand außer uns. Und sollten unerwartet Leute auftauchen – dort hinten im hohen Gras würde uns niemand vermuten.«
Augenschließend und völlige Sicherheit empfindend lehnte ich mich an seine gestählte Brust.
»Du kannst mich nicht überreden.«
»Der Sand?«, ahnte er.
»Der Sand.«
»Damals hat er dich auch nicht gestört.«
»Wer weiß … Womöglich hat er mich gestört, aber ich habe dir nichts gesagt.«
Ein tiefes Kichern ließ mich erschauern.
»Ist dir kalt, oder passiert das meinetwegen?«, kam es mit der alten seit den Sommermonaten kontinuierlich zunehmenden Schlagfertigkeit zurück.
»Sowohl, als auch.« Meine Stimme war ein einziges Flüstern.
Wie schön es war, endlich wieder unbeschwert herumzublödeln. In der Vergangenheit waren diese Zeiten viel zu kurz geraten. Lediglich kleine Lichtblicke hatten sie dargestellt, ehe über uns eine neue Katastrophe hereingebrochen war.
»Dann gehen wir in unser Hotel zurück?«, holte er mich aus den Gedanken.
»Und was machen wir da?«
»Es so lange treiben, bis wir unsere Augen nicht mehr aufhalten können.«
Eine schaurig-schöne Vorstellung.
»Wie damals?«
Er küsste mir den Nacken. »Exakt. Wie der Morgen danach … Darf ich dich wieder von hinten nehmen?«
»Klar, sofern du es auf die Art machst wie an jenem Morgen, habe ich nicht die geringsten Einwände.«
»Dann fangen wir mit einer heißen Dusche an, gehen darauf ins Bett über und zum Nachtisch können wir es ja einmal im Stehen machen … an der Minibar … Das Licht dort bringt deine Muskeln unglaublich schön zur Geltung.«
Dieser Verrückte!
»Du bist unmöglich«, säuselte ich und betrachtete die stürmische Ostsee.
»Nein, ich bin lediglich gut … und du stehst drauf.«
Ich drehte mich zu ihm um und fasste nach seiner Hand. »Gut, dann gehen wir, Sexgott.«
Ein außerordentliches Grinsen trat in Erscheinung. »Mach dich auf was gefasst. Morgen kommst du erst gar nicht mehr aus dem Bett.« Er beugte sich zu mir, legte die Lippen auf meine. »Womöglich bringe ich dich sogar so weit, dass du für den restlichen Urlaub nicht mehr vernünftig gehen kannst.«
Gleichermaßen schlagartig, wie er diese erotische Aussage ausgesprochen hatte, machte er einen heftigen Rückzieher – wie zu oft in den vergangenen Wochen geschehen. »Habe ich wohl nicht übertrieben? Du weißt, ich will dich damit in keiner Weise bedrängen.« Seine Miene spiegelte sich sekündlich vergrößernde Verzweiflung wider. »Du kennst mich ja – ich liebe es einfach, dir diese schmutzigen Sachen zuzuraunen.«
»Das weiß ich doch!« Kopfschüttelnd schenkte ich ihm ein sanftes Lächeln. »Ich habe dir gesagt, es ist Ordnung … Du bist nicht sie.« Für einen Moment der Erinnerung fachte diese verdammte fürchterliche Angst auf. Zum Glück verschwand sie ebenso schnell. »Außerdem musste ich nie das durchmachen, was du durchgemacht hast.«
»Ach, Kleine.« Behutsam umfasste er mein Gesicht, welches von meinen wehenden Haaren umspielt wurde. »Du sagst es mir andauernd … dennoch kommt es mir vor, es würde dir mehr ausmachen.«
Ich legte meine Hände auf seine.
Ja, es war schrecklich gewesen. Ja, ich hatte ein paar Wochen gebraucht … nun allerdings war dieses mich ständig begleitende beklemmende Gefühl verschwunden. Natürlich – Erinnerungen brachten mir diese Empfindungen zurück. Und doch konnte ich damit gut umgehen – genauso wie er es gelernt hatte, das Erlebte zu akzeptieren und mit seiner Vergangenheit abzuschließen.
»Mit deiner Liebe … mit deiner Zärtlichkeit hast du mir meine Ängste schneller genommen, als ich es selbst jemals für möglich gehalten habe.«
Diese von mir unendlich geliebte Unbeschwertheit begann seine kummervollen Züge aufzuhellen. »Wirklich? Es macht dir ernsthaft nichts mehr aus? Ich darf wirklich und ohne mir Sorgen zu machen, dir meine sexistischen Fantasien anvertrauen?«
Ich nickte. »Sprich so schmutzig, wie du willst … du weißt, wie sehr mir das einheizt.«
Damit entlockte ich ihm ein gigantisches Grinsen. »Na dann, auf ein Neues: Ich werde dich derart fertigmachen – du wirst den restlichen Urlaub nicht mehr aus den Federn kommen.« Er befeuchtete die Lippen – vermutlich vor sexueller Vorfreude, oder weil ihm etwas anderes Verruchtes eingefallen war. »Meinen Namen schreien … das war gestern, Kleine. Wenn ich dich dahin gebracht haben werde, wo ich dich haben will, wirst du erst gar nicht mehr schreien können.«
»Na, das hoffe ich«, entgegnete ich kichernd und mit flirrenden Schmetterlingen im Bauch. »Nichts anderes erwarte ich mir von dir.«
Als Antwort schlang er die muskulösen Arme um mich, presste mich an sich und schenkte mir einen leidenschaftlich wie zärtlichen Kuss, der mir selbst die winzigsten angedeuteten Sorgen der letzten Monate aus den Gedanken verbannte.
»Du weißt aber schon«, murmelte ich ihm in den Mund. »Was du mir hier androhst, kann ich mit dir genauso machen – und ich werde es machen.«
»O Scheiße, ja!« Er zog mich Richtung Hotel zurück. »Dann mach mich heute fertig. Mach mich so fertig, wie du willst …«
Unser Gelächter wehte mit dem an Kraft zunehmenden Wind hinaus aufs Meer, über die mit schneeweißen Schaumkronen bestückten Wellen, welche sich höher und höher auftürmten.
Und wie die Wellen anwuchsen, wuchsen in mir Hoffnung und Zuversicht für unsere Zukunft.
Nun begann ein neues Leben.
Ein Leben zu zweit. Ein Leben in Liebe.

Zehn Monate zuvor
Wenn man bedenkt, dass eine 9x19 Luger mit einer Geschwindigkeit von bis zu 580 Metern pro Sekunde auf ihr Ziel zurast, dabei eine Energie von bis zu 700 Joule aufbringt, kann ich es nicht nachvollziehen, weshalb gegenüber Männern vergleichsweise wenig Frauen eine Waffenbesitzkarte beantragen. Was gibt es denn bitte schön Besseres, als seinen Frust am Schießstand abzulassen – wie wild durch die Gegend zu ballern?
»Volltreffer«, kommentierte Dan einen jeden einzelnen meiner Schüsse.
Ich war äußerst lange nicht mehr beim Training gewesen.
Wozu auch?
In meiner Abteilung wurden gute Schießfähigkeiten ohnehin nicht sonderlich gebraucht.
»Und noch einer.«
Darüber hinaus kamen Einsätze mit aktivem Schusswaffengebrauch äußerst selten vor.
»Noch ein Zehner.«
In meinen Augenwinkeln durfte ich beobachten, wie mein Kollege seinen Lockenkopf sachte schüttelte. »Mann, Evina, wieso triffst du andauernd?«
Es war schon eigenartig.
Dan war mit Schusswaffen aufgewachsen. Sein Vater hatte ihn im zarten Alter von sechs Jahren an Faustfeuerwaffen herangeführt. Dennoch traf er bloß halb so viel wie ich.
Ich hingegen hatte eine richtige Pistole zum ersten Mal mit achtzehn Jahren in den Händen gehalten – mächtig Schiss inklusive.
Das bewies einmal mehr: Selbst Dinge, die man später erlernte, konnte man perfektionieren. Man benötigte lediglich etwas Talent und Geduld.
Oder, wie in meinem Fall, viel Munition.
»Oh!«, rief mein Kollege versucht erstaunt aus, nachdem ich meinen letzten Schuss abgefeuert hatte. Der Schwerpunkt lag auf »versucht«, gelang es ihm doch nicht wirklich, den schadenfrohen Klang, welcher üblicherweise in harten Vernehmungen zum Einsatz kam, zu unterdrücken. »Ein Neuner.«
»Fuck!« Frustriert entnahm ich das leere Magazin und warf dieses und die mit offenem Verschluss befindliche Glock 17 auf den Tresen. »Zur Hölle noch mal!«
Da heute glücklicherweise alleine mein Kollege und ich uns im Keller gelegenen Schießstands des in die Jahre gekommenen Polizeipräsidiums austobten, durfte ich den lästigen Ohrenschützer und die juckenden Ohropax entfernen.
Dan wirkte entgeistert. Dies war gut an seinem unverwechselbaren Mienenspiel zu erkennen: ein Nach-Oben-Ziehen des vorderen Teils seiner dezent geschwungenen mittelbraunen Augenbrauen.
Das wiederum sah jedes Mal zum Brüllen komisch aus.
Heute allerdings konnte ich nicht darüber lachen.
»Was ist los?«
»Na was wohl!« Ich gestikulierte durch die Luft und verzog das Gesicht. »Eine verkackte Neun!«
Ein neues Kopfschütteln folgte. »Du bist doch nicht mehr ganz dicht.«
Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Nur, weil ich besser sein will, als der verdammte Durchschnitt?«
Schließlich musste ich besser sein, wollte ich in meinem Leben noch irgendwann etwas erreichen!
Er ergriff meine Schultern und schüttelte mich einmal kräftig durch. »Du bist besser als der Durchschnitt.«
»Und trotzdem sitze ich noch immer hier in Hintertuxing und ärgere mich im besten Fall mit alkoholisierten Vollidioten herum!«
Oder mit senilen alten Säcken, die ihre Krankenpflegerinnen auf dem Balkon aussperrten, splitterfasernackt aus dem Haus stürmten, die Haustür verschlossen, den Schlüssel irgendwo ins nahe gelegene Gebüsch warfen und mit wehenden knorrig-faltigen Armen durch die Gegend hüpften und dabei schrien: »Ich bin frei … ich bin frei!«
»Das nächste Mal schaffst du den Aufnahmetest«, versicherte er. »Bedenke, erst zwei Frauen haben es in die Spezialeinheit geschafft. Du brauchst dich deshalb nicht verrückt zu machen.«
Das tat ich aber. Und wie!
Seit meinem sechzehnten Lebensjahr träume ich davon, in das Einsatzkommando Cobra aufgenommen zu werden.
Gut, ich gebe es gerne zu: Zu Beginn meiner beruflichen Karriere war ich vollkommen zufrieden gewesen, den polizeilichen Aufnahmetest überstanden und meinen Abschluss mit Auszeichnung gemacht zu haben, woraufhin ich einige Jahre glücklich und stolz in diesem kleinen Kaff für Recht und Ordnung sorgen durfte. Letztlich lag es an der permanenten Unterforderung, welche mich zu langweilen begann – und der Wunsch, einen vernünftigen, sprich aktiven und gefährlichen Job auszuüben, drängte sich Schritt für Schritt in den Vordergrund zurück. Ergo: Ich bewarb mich um einen Posten bei der österreichischen Spezialeinheit.
Ich trainierte wie eine Verrückte, dennoch versagte ich bei einer der vier K.O.-Prüfungen: eine Distanz vom dritten bis zum fünften Stock eines Kletterturms mithilfe einer Stahlstrickleiter unter fünf Minuten zu überwinden …
Ich brauchte fünf Minuten und zehn Sekunden.
Verfickte zehn Sekunden!
»Ja, ich weiß.« Ich bemühte mich erst gar nicht mehr, meinen Frust zu verstecken.
Zu lange und zu sehr nagte mein Versagen an meinem Ego.
Ich war nun einmal ein Perfektionist. Steckte ich mir ein Ziel, dann erreichte ich dies üblicherweise beim ersten Versuch.
»Nichtsdestoweniger kotzt es mich an … Es kotzt mich alles an.«
Dans Züge nahmen einen eigenartigen Ausdruck an. »Was du brauchst, ist ein vernünftiger Mann.«
Ja, genau! Sicher doch!
Aber weshalb wunderte ich mich überhaupt? Schließlich sprach Dan dieses Thema bei einer jeden passenden Gelegenheit an. Er suchte regelrecht danach, um mich mit solcherlei Aussagen auf die Palme zu bringen. Insbesondere dann, wenn ich schlechter Laune war.
Idiot.
Nun … andererseits waren sämtliche Kollegen unseres Stützpunktes verheiratet und/oder mit zwei bis drei Kindern bestraft worden.
Ich bildete die einsame Ausnahme.
Der Single-Fels in der Mini-Van fahrenden Familiensippen-Brandung.
Alter Schwede …
Der Gedanke, selbst einmal auf tobende und weinende Mini-Ichs aufzupassen und den lieben langen Tag zu Hause zu sitzen und Hausarbeiten zu verrichten … Oh, Gott!
Nein, danke!
Eine solche Karriere strebte ich nicht an!
Ich war nicht zur Polizei gegangen, um eine Familie zu gründen und auf nervende Kinder aufzupassen, während mein ach so braver Ehemann sich mit Lorbeeren schmückte!
Nein, ganz bestimmt nicht!
Ich wollte Erfolg, Anerkennung und in meiner spärlichen Freizeit mein Leben genießen. Eine Beziehung hatte da keinen Platz – und würde niemals einen Platz finden … konnte schlichtweg keinen Platz finden.
Ich fasste nach meiner Waffe. »Hör mir bloß auf mit dem Scheiß! Schließlich bin ich die Einzige von euch, die nicht in einer erbärmlichen Beziehung steckt.«
Seine Züge härteten sich. »Ganz genau! Du bist die Einzige! Es wird Zeit, dass du langsam sesshaft wirst.«
Sesshaft.
Alleine das Wort löste Brechreiz aus. Und Dans schadenfrohes Gegrinse erweckte überdies das Bedürfnis, ihm einen harten linken Haken zu verpassen.
Voll auf die Fresse.
Ich atmete tief durch und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Glock in meiner Hand.
Beruhige dich, Evina. Es bringt nichts. Lass dich von solchen infantilen Neckereien nicht aus der Reserve locken.
»Wechseln wir das Thema.«
Selbst für mich klang meine Stimme äußert aggressiv.
»Nein.«
Offenkundig wollte mein lästiger Kollege wahrhaftig Prügel kassieren.
»Mich interessiert deine romantische Einstellung überhaupt nicht, okay?« Um mein Gesagtes zu unterstreichen, besah ich Dan auf die finsterste mir mögliche Weise. »Und wenn du noch einmal mit dem Blödsinn kommst, dann –« Ich hielt ihm die Glock vors Gesicht. »Ziehe ich dir diese unpraktische Waffe über deinen Lockenkopf.«
Meine Drohung entlockte ihm ein niedliches Schmunzeln, welches meine Wut nicht sonderlich abmilderte.
»Wenn du einmal jemanden Besonderes begegnest, dann wirst du deine Meinung schon ändern. Inklusive Kinderwunsch. Wetten?«
»Das passiert nie.«
Seine Mundwinkel zuckten. »Das habe ich auch gesagt.«
»Aber ich bin nicht du! Ich hasse Kinder! Ernsthaft, ich halte das nicht aus.«
»Wetten wir! Du wirst Mama, hundertprozentig!«
Nun wurde es mir richtig schlecht.
Aber okay. Wenn er wetten wollte, dann bitte schön.
»Gut.« Ich steckte das leere Magazin in die dafür vorgesehene Tasche meines Funktionsgürtels. »Worum wetten wir?«
Er grinste. »Tausend Schuss Munition – Kaliber .45.«
Natürlich! Das hätte ich mir gleich denken können.
Vor einiger Zeit hatte sich Dan eine Smith & Wesson SW 1911 bestellt. Und .45 Patronen waren bekannterweise nicht eben günstig.
»Okay. Abgemacht … Hast du deine Waffe eigentlich schon erhalten?«
Er verneinte. »Erst nächste Woche. Verschärfte Einfuhrbestimmungen aufgrund anhaltender Terrorgefahr.«
»Ahh, okay. Verstehe.«
Ein weiteres Mal blickte ich auf meine Glock 17.
Schön war etwas anderes.
»Wann werden wir im Dienst wohl endlich unsere eigene Waffe tragen dürfen? In den USA ist das gang und gäbe.«
Dan füllte sein Magazin auf. »In unserem Leben sicherlich nicht mehr.«
»Weshalb überhaupt eine Glock? Die ist schlichtweg gemeingefährlich! Jedenfalls die Sache mit dem Verschluss. Einmal hätte ich mir beinahe den halben Daumen weggerissen.« Ich hielt die Mündung Richtung Zielscheibe, führte ein volles Magazin ein und betätigte den Verschlussfanghebel. Dann sicherte ich sie. »Diese Waffe ist absolut nichts für Anfänger. Obwohl jeder Depp das Gegenteil behauptet.«
»Das stimmt, der Verschluss ist echt scheiße. Aber dafür gibt es verbreiterte Griffe.«
»Die einem Mann mit vernünftigen Händen –« Ich besah die zierlichen Händchen meines ein Meter siebzig großen Kollegen und steckte meine Waffe in das rechte Holster. »Trotzdem nicht viel nützen würden.«
»Hey!«, kam es beleidigt von der Seite. »Kritisierst du etwa gerade meine Körpergröße?« Theatralisch sicherte er seine Waffe und steckte sie weg. »Du kritisierst echt meine Körpergröße?«
Dan und seine Komplexe!
Weshalb regte er sich eigentlich auf?
Er war mit einer wunderschönen Frau verheiratet, die ihm zwei Kinder geschenkt hatte. Daneben besaß er ein schickes Massivhaus mit zweitausend Quadratmetern Grund sowie einen beheizten Pool. Da brauchte er sich wahrhaftig nicht über irgendwelche unbedeutenden Äußerlichkeiten aufzuregen.
Zumal großgewachsene Männer heutzutage Mangelware darstellten.
»Nun.« Ich überlegte absichtlich lange. »Nein, eigentlich nicht. Ich stelle hier ausschließlich eine Tatsache fest.«
»Ja, sicher doch!«, presste er sichtlich pikiert hervor. »Was sonst!«
Ich verkniff mir ein Grinsen. »Sei keine Muschi.«
»Dann kritisiere mich nicht.«
Ich stieß einen gut hörbaren Seufzer aus. »Das ist aber Fakt! Du bist zierlicher. Deshalb kommst du mit der Glock super zurecht. Wenn jedoch ein Mann mit einer vernünftigen Körpergröße … sagen wir einmal über die eins achtzig – ein solches Ding in die Hand nimmt, ist sie verschwunden und die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger mit ziemlicher Sicherheit weggerissen.«
Dan krauste die Stirn. »Dann sollen sich diese Adonise doch eine CZ besorgen.«
»Und damit wären wir wieder beim eigentlichen Thema: Ich will endlich meine eigene Waffe benutzen!«
Er griff nach seiner auf der Garderobe hängenden Jacke. »Deine Wilson?«
Ich nickte. »Ja. Sie liegt super in der Hand.«
»Kostet aber auch eine Stange.«
Die Schulter zuckend zog ich mir meine Lederjacke über und steuerte die Tür an. »Dafür steht sie für Qualität.«
»Hey! Warte Mal!«
Ich drehte mich zu ihm um.
»Was ist mit der Zielscheibe?«
»Die wechselst du aus.«
»Du hast mich aber beleidigt«, gab er angenervt zurück.
»Und du hast damit angefangen. Außerdem muss ich heute pünktlich zu Hause sein.«
Verdruss wich Verständnis. »Ach ja, dein erster Urlaub seit …?«
»Seitdem ich zum Arbeiten angefangen habe«, beendete ich seinen Satz. »Morgen um diese Zeit stecke ich die Füße in den weißen Sand und schlürfe irgendwelche Sundowner.«
Mein Kollege seufzte. »Das erinnert mich an meine Flitterwochen.«
O Gott!
Jetzt fing er neuerlich mit diesem romantischen Gesülze an!
Ehe ich ihm etwas Schnippisches an den Kopf werfen konnte, härtete sich seine Miene. »Evina.«
»Ja?«
»Du weißt bestimmt noch, was du über einen Partner gesagt hast, oder?«
»Wie … was?« Ich runzelte die Stirn. »Was meinst du?«
»Tu nicht so! Du sagtest zu mir, wenn du jemanden triffst, bei dem du dir hundertprozentig sicher bist, lässt du diesen Mann nie mehr los.«
O Mann …
Ja, das hatte ich ihm einmal in einer meiner seltenen schwachen Stunden meines Lebens erzählt – nämlich nach drei Gläsern Whiskey, um genau zu sein.
»Worauf willst du hinaus?«
»Du hast das ernst gemeint … also lass dich dann auch echt darauf ein.«
Ich drehte mich einmal im Kreis. »Bisher habe ich niemanden gefunden. Oder siehst du hier jemanden, der zu mir passt?«
Seine Lippen formten ein breites Grinsen. »Nun, vielleicht im Urlaub?«
»Ja, sicher. Ganz bestimmt!« Kopfschüttelnd drückte ich die Türschnalle hinunter.
»Na, ist schon gut«, entgegnete Dan kichernd. »Schönen Urlaub. Und bring mir irgendetwas mit.«
Zum Abschied warf ich ihm mein glückseligstes Lächeln hin – und er rief mir schnell zu: »Wenn du einen alleinstehenden Mann auf diese Weise anlächelst, kannst du dir sicher sein, von demjenigen sofort geheiratet zu werden.«
Auf diesen Schwachsinn erwiderte ich erst gar nichts mehr, sondern tat das einzig Richtige: Ich eilte zu meinem Spind.
Die Malediven.
Wie lange hatte ich für diesen Urlaub gespart?
Jahre. Ernsthaft. Jahre.
Und nun war es endlich so weit! In zwei Stunden ging mein Flug. Meine Koffer gepackt hatte ich bereits gestern. Jetzt musste ich bloß vernünftig essen, mich kurz runterduschen, das Handgepäck zurechtlegen – und es konnte losgehen.
Die schwarze Tasche umgehängt und mich bei den restlichen Kollegen verabschiedet, die sich bezüglich mangelnder Arbeit im Kaffeezimmer eine kleine Pause genehmigten, trat ich aus dem weiß gestrichenen Gebäude – und atmete die kalte Januarluft tief ein.
Sie roch metallisch und schwer.
Die Nacht hatte sich längst über das Land gelegt. Sterne sah ich bedauerlicherweise keine. Diese wurden von dichten Schneewolken verdeckt. Das aufgeregte Bellen eines in der Nachbarschaft wohnenden Hundes wurde zum Teil vom Lärm der überdurchschnittlich viel befahrenen, aber einzigen Hauptstraße dieses langweiligen Kaffs verschluckt.
Eine Welle Vorfreude verdrängte meinen restlichen Frust und brachte meine Beine in Bewegung.
Fünf Tage Sommer, Sonne, Strand und Meer.
Und erst die daraus resultierenden Urlaubsfotos! Wie sehr freute ich mich, das kristallklare Wasser, den weißen Sandstrand und die kleinen ins Meer gebauten Bungalows zu fotografieren!
Ich öffnete meinen Wagen, einen schwarzen Honda Civic aus Neunzehnhundertsechsundneunzig, warf die Tasche auf den Beifahrersitz und startete den laufruhigen 1,6 Liter Ottomotor.
Nahezu geräuschlos fuhr ich aus der Einfahrt Richtung Bank.
Ich brauchte etwas Bargeld. Zwar würde ich auf der Insel überwiegend mit Kreditkarte bezahlen, darüber hinaus hatte ich vor zwei Tagen fünfhundert Euro in Dollar umwechseln lassen. Angesichts Murphys Gesetz wollte ich dennoch keine Risiken eingehen und einen Notgroschen in der eigenen Währung dabei haben.
Womöglich verlor ich meine Kreditkarte, oder sie wurde kaputt. Vielleicht musste ich sogar eine Übernachtung aufgrund unerwarteter Wetterturbulenzen in Wien oder Deutschland in Kauf nehmen. Im Januar stellten Schneestürme und Kälteeinbrüche schließlich keine Seltenheit dar.
Sicher war sicher. Im Leben musste man auf alle Eventualitäten vorbereitet sein – speziell in meinem Job.
Ich parkte neben der Filiale und stieg aus.
Fühlte sich der Sandstrand auf den Malediven genauso an wie in Italien? War er grober, feiner, fester, leichter?
Mit meiner Brieftasche in den Händen betrat ich das Geldinstitut.
Ein fünfundzwanzigjähriger schwarzhaariger und äußerst fleißiger Bankangestellter Namens Sandro grüßte mich fröhlich.
Er schob wohl wieder Überstunden.
Braver Junge.
Er war der Einzige der Bank-Sippe, welcher beinahe jeden Tag bis spät in die Nacht schuftete.
»Sag mir mal, Sandro …« Ich schob die Bankkarte in den Geldautomaten. »Wie gelingt es dir eigentlich, ständig so gut drauf zu sein und trotzdem dermaßen viel zu arbeiten?«
»Ich hab eine nette Freundin.«
Ich atmete hörbar aus.
Was hatte alle Welt mit diesem Beziehungsscheiß?
Ich musste froh sein, alleine zu leben. Kein Stress, keine Putzerei, kein Wäschewaschen, kein Fremdgehen …
O ja! Und keine üblen Launen, die durch die männliche Ansicht entstand, ich würde nie Lust auf Sex haben.
»Mir können Männer gestohlen bleiben!« Ich tippte den Code ein. »Alleine lebt es sich bedeutend leichter.«
»Wenn du den Richtigen triffst«, kam es schlagfertig zurück. »Wirst du deine Meinung ändern, glaub’s mir.«
Und mir wurde es neuerlich übel, zudem begann mein Schädel zu brummen.
Hatten heutzutage allesamt die Weisheit mit Löffeln gefressen, oder was?
»Ich bleibe alleine. Das kannst du mir glauben.« Ich wählte fünfhundert Euro an und das Gerät begann zu arbeiten. Nach einigen Sekunden wurden fünf Einhunderter-Scheine aus einem kleinen unter dem Bildschirm befindlichen Schlitz herausgeschoben.
»Und, wann fliegst du weg?«
Ich steckte das Geld in die Brieftasche und blickte zu dem hoffnungsfrohen Romeo. »Noch heute.«
Er warf mir ein breites Lächeln zu. »Na, dann wünsche ich dir viel Spaß und Erholung … Und vielleicht triffst du dort ja jemanden.«
Innerlich schnitt ich eine Grimasse.
Es wurde schlimmer und schlimmer …
»Ich treffe gar keinen. Dafür werde ich schon sorgen!«
Sein Lächeln verwandelte sich in ein Grinsen. »Du wirst dich echt nie ändern.«
»Natürlich nicht. Was hast du denn erwartet?«
»Einen Sinneswandel.« Sein Unverständnis drückte er durch ein nahezu unmerkliches Kopfschütteln aus. »Man kann nicht ewig alleine bleiben.«
»Ich bin zweiunddreißig!«, gab ich schroff zurück und trat zum Tresen. »Nicht sechzig! … Ich bin keine alte Oma. Außerdem fehlen dir über zehn Jahre Lebenserfahrung, um derlei Meldungen zu schieben. Deshalb glaub mir, wenn ich dir sage: Man kann lediglich alleine glücklich werden.«
»Ich verstehe dich doch«, versuchte Sandro im entschuldigenden Tonfall zu beruhigen. »Dessen ungeachtet ist das Leben viel schöner, wenn man einen Partner hat. Jemand, mit dem man gemeinsam Dinge unternimmt – seine Freizeit verbringt. Das braucht jeder. Sogar du!«
»Nein. Solche Dinge brauchen bestenfalls Muschis.«
»Hey! Ich bin keine Muschi!«
»Hier Anwesende ausgeschlossen«, fügte ich augenrollend hinzu.
»Nope.« Er mutete richtig angefressen an. »Das lasse ich dir nicht durchgehen!« Für einen Augenblick hielt er inne. »… Außer, du reagierst so frustriert, weil du unausgeglichen bist.« Damit formten seine Lippen ein neues breites Grinsen, welches ich ihm am liebsten aus seiner geschniegelten Visage geschlagen hätte.
Anstatt die Nerven zu verlieren, steckte ich die Autoschlüssel in die Hosentasche. »Du meinst wohl etwas Ähnliches wie Sex, oder?«
Sandro schnippte mit den Fingern. »Ganz genau!«
Ein frustriertes Grummeln drang aus meinem Mund. »Denkt eigentlich die ganze Ortschaft, ich sei sexuell frustriert, oder wie?«
»Wie kommst du denn darauf?« Sandro klang ernsthaft überrascht, sein anwachsendes Feixen strafte sein Schauspiel jedoch Lügen.
»Ihr seid alle total bescheuert. Ernsthaft!« Dies kundgetan, setzte ich an, mich Richtung Ausgang zu begeben. Da betrat eine vermummte Person die Filiale – vom Körperbau her höchstwahrscheinlich ein Mann – mit einer Pistole in der Hand, welche er selbstredend auf mich richtete.
Ganz klasse!
Echt Super!
Es wurde immer besser heute …
Und von einer Sekunde auf die andere kippte mein Schalter um. Dies bedeutete im Detail: Sämtliche unwichtigen Dinge wurden ausgeblendet, mein Gefühl wurde auf ein soziopathisches Niveau heruntergeschraubt und mein beschleunigter Herzschlag sowie meine erhöhte Atemfrequenz verringerten sich. Dadurch hielt sich mein Körper davon ab, in einen Ausnahmezustand zu verfallen. Hyperventilation hätte mir in einer solchen Situation nämlich wenig unterstützt.
»Auf den Boden, oder ich knall dich ab!«, brüllte der Saftsack mit leicht slawischem Akzent und fuchtelte mit der Waffe wild durch die Luft.
Dabei erhaschte ich einen Blick auf seinen Finger, welchen er einen Tick zu fest auf dem Abzug hielt.
Glock 17, Gen 4. Gesicherte Waffe.
Sehr interessant.
»Hey, Pussy! Auf den Boden, habe ich gesagt!«
Offensichtlich war der Pseudo-Bankräuber ein wenig nervös.
Ich fasste nach der Dienstwaffe unter meiner Lederjacke und entsicherte sie, währenddessen ich sie auf den Kerl richtete. »Jetzt legst du dich auf den Boden, Muschi, oder ich vergesse mich.«
Es trat eine Pause ein.
Die Sekunden vergingen und vergingen.
Der Sack machte weiterhin keine Anstalten, meinen Anweisungen Folge zu leisten.
Damit wurde ich wütend.
Richtig wütend.
Unheimlich wütend.
Als wäre dieser Tag nicht stressig genug gewesen. Als hätte ich mir nicht genügend dumme Sprüche anhören müssen!
Und nun sollte ich überdies meinen Flieger verpassen – aus dem einzigen Grund, weil ein verfickter Balkan-Vollidiot glaubte, er könne eine Bank ausrauben … in meinem Kaff, in meiner Freizeit, und bei einem überstundenschiebenden Sandro?!
»Hey, Fucker!« Ich nahm des Balkan-Depps Brustkorb ins Visier. »Willst du mir echt den Tag versauen? … Ja? Echt?« Langsam drückte ich den Abzug durch. »Dann tu es. Versau mir meine ersten Urlaubsstunden … dann versau ich dir dein Leben.«
Seine Hand fing zu zittern an.
Ich bemerkte eine Bewegung seines Daumens.
Ein brachialer Stoß Adrenalin jagte mir in die Blutbahn.
Die Waffe war scharf.
Sollte ich abdrücken? Ihm direkt ins Herz schießen?
Der darauffolgende elendige Papierkram hätte mir meinen Urlaub komplett zunichtegemacht.
Nein.
Eine andere Option musste her.
Ich ließ mich fallen, zielte auf seinen Oberschenkel und drückte ab.
Ein ohrenbetäubender Knall hallte durch das Foyer. Im Anschluss daran folgte ein Schmerzschrei – und der Typ brach zusammen.
»Sandro, hast du die Polizei informiert?«
Ich rappelte mich auf, stürmte zu dem sich am Boden windenden und schreienden Jugo-Sack, kickte die neben ihm liegende Glock zur Seite, sicherte meine Waffe und steckte sie weg.
»Sandro?«
Zum Glück führte ich auch außer Dienst stets meine Achter mit mir. Jedoch nicht aufgrund irgendwelcher Sexpraktiken meinerseits. Derlei kranken Scheiß konnten sich diese Fifty-Shades-Of-Grey-Groupies geben. In meinem Fall war diese Gewohnheit alleine meinem Sicherheitsbewusstsein geschuldet.
Mit diesem heutigen Tag hatte sie sich bezahlt gemacht!
Ha!
Seit Jahren hatte ich mir deshalb blöde Meldungen seitens Dan anhören müssen.
Nun würde die Retourkutsche folgen!
Mit geübter Eleganz zog ich die Handschellen aus der Innentasche meiner Lederjacke hervor und legte sie dem winselnden Balkan-Deppen an.
Dieser begann tatsächlich zu schluchzen.
»Na, da haben wir wohl einen ganz Harten.«
Erst auf Achtzigerjahre-Badboy machen und dann zum Heulen anfangen … das waren mir die Liebsten!
»Ich brauche doch gar keinen anzurufen«, vernahm ich Sandro endlich. »Schließlich bist du eh schon da.«
Ich riss dem Bankräuber die Sturmhaube vom Schädel. »Mach keine Witze und melde das der Zentrale.«
Der Kriminelle zeigte mir eine hässliche Visage – zusammengewachsene Augenbrauen, wulstige Lippen sowie eine rattenähnliche Gesichtsform –, welche sich durch die Schmerzen ungleich hässlicher verzog.
»Hab ich schon«, kam es von hinten. »Bin ja nicht blöd.«
Gott, die jungen Leute heutzutage!
»Fotze«, würgte mein neuer Freund wimmernd hervor. »Du blöde Fotze.«
Ich zog den Arsch hoch – und er stieß einen neuen Schmerzschrei aus.
Der Typ war unerwartet leicht. Hatte wahrscheinlich mit der geringen Körpergröße von nicht einmal einem Meter sechzig zu tun.
Waren heutzutage eigentlich sämtliche Männer so groß wie Frauen aus den Siebzigern?
»Halt einfach deine Fresse.« Ich verstärkte meinen Griff. »Sonst breche ich dir überdies einen Arm, Hurensohn.«
»Hey! Keine Kraftausdrücke!«, schimpfte Sandro merklich angepisst. »Du bist Polizistin – und kein Assi. Du hast eine Vorbildfunktion.«
Wie bitte?!
Ich drehte mich zu dem hübschen Jüngling. »Alter, was ist eigentlich los mit dir? Du hättest erschossen werden können. Hast du das schon kapiert?«
Und der regte sich über meine Umgangsformen auf?!
»Klar.« Sichtlich unberührt zuckte dieser die Schultern. »Aber es ist ja nichts passiert.«
Ich wollte etwas erwidern, da wurde ich von vertrautem Sirenengeheul unterbrochen. Und keine zehn Sekunden später flutete Blaulicht das weiß gestrichene Foyer.
»Ist ja nichts passiert«, wiederholte ich Sandros irrsinnige Meldung und schleppte den Jammerlappen eines Kriminellen nach draußen. »Die Jugend heutzutage spielt definitiv zu viele Ballerspiele.«
Ich trat vor die Tür – und konnte bloß den Kopf schüttelnd.
Die gesamte Polizeistation stand vor mir – mit teils glücklichen, teils leicht verängstigten Gesichtern.
Das passierte, wenn eine Polizeidienststelle an permanentem Arbeitsmangel litt.
Dieser Anblick bestätigte meine Vermutung, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis man unseren Posten aus Kostengründen dichtmachen würde.
Meine Kollegen liefen zu mir – Tom, dieser Idiot, die Waffe gezogen.
»Bist du verletzt?«, fragte Dan besorgt.
Ich zeigte ihm ein sarkastisches Lächeln. »Nein, das siehst du doch. Aber der.« Damit übergab ich meinem Kollegen den Ausländer. »Den Bericht kriegt ihr von meinem Urlaub aus per Mail zugeschickt. Ich hab nämlich keine Zeit für ein Aufnahmeprotokoll.« Ich nickte Richtung Bank. »Und das Wichtigste hat sowieso Sandro gesehen.« Wütend schaute ich zu Tom. »Und du, Tom. Steck die Waffe endlich weg, du Depp. Die Drecksarbeit ist längst erledigt.«
Sein Augenausdruck wechselte von besorgt zu stinkig. »Wir haben nur einen Alarm bekommen. Wir wussten nicht, was los ist, also komm mal wieder runter.«
Scheiße.
Er hatte recht. Das war ein wenig übertrieben gewesen.
Ich rieb mir die Stirn.
Lagen Dan und Sandro doch nicht komplett im Unrecht, wie ich es mir die ganze Zeit einzureden versuchte?
Aber womöglich war ich alleine vom harten Training überarbeitet. Jeden Tag fünf Kilometer Schwimmen und eine Stunde Klettern konnte ziemlich an die Substanz gehen.
»Sorry. Hast ja recht … Tut mir leid … Also.« Damit winkte ich der versammelten Mannschaft. »Ich bin dann mal weg.«
Und ihr habt wenigstens etwas zu tun, vervollständigte ich im Geiste und eilte zu meinem Wagen.

Zwar hatte ich die Koffer gepackt, dafür die Wäsche aufzuhängen vergessen. Fuck. Irgendetwas übersah ich andauernd. Somit in Rekordzeit das Gewand aufgehängt, welches für die nächsten Tage friedlich vor sich hin trocknen konnte. Hauptsache sämtliche Elektrogeräte waren ausgeschaltet. Einen Wohnungsbrand wollte ich nicht herbeibeschwören. Apropos Wohnung: Ich bewohnte eine von meinem Arbeitsort exakt zehn Kilometer entfernte sechzig Quadratmeterwohnung. Sie war vielleicht nicht sonderlich groß, dafür punktete sie durch eine sonnige ruhige Lage und freundliche Mieter sowie einen Gratisparkplatz und ein großes Kellerabteil.
Was wollte ich noch?
Ja, genau!
Essen.
Ich griff nach der durchsichtigen mit Eierreis gefüllten Plastikbox, welche ich mir von meinem Lieblingschinesen mitgenommen hatte, und öffnete diese.
Ein köstlicher Geruch von Sojasoße, Hühnerfleisch und Ei wehte mir entgegen. Geschickt brach ich die Holzstäbchen auseinander und begann zu essen.
Es gab kein chinesisches Gericht, das ich ohne Stäbchen aß.
Weshalb?
Aus Prinzip. Und um die eigene Komfortzone stets aufs Neue zu durchbrechen.
Immerhin konnte man – und sollte man auch – ab und zu etwas nicht auf die übliche Weise tun. Das Leben war langweilig genug. Da vermochten ein paar kleine Besonderheiten, wie Stäbchenessen, das Geschirr mit der nicht dominanten Hand abschrubben oder alle drei Monate einen unbekannten Ort besuchen, den Alltag kräftig aufzuwerten. Darüber hinaus erweiterte man seinen Horizont und behielt seine Flexibilität.
Andererseits konnte diese Macke genauso gut durch mein Singledasein entstanden sein.
Ich trank einen Schluck Orangensaft.
Tatsache war: Es gab niemanden, mit dem ich meine Freizeit verbringen durfte. Daher blieb mir gar nichts anderes übrig, als mir ständig neue Freizeitbeschäftigungen auszudenken, zumal mich die meisten meiner Hobbys schnell langweilten: Laufen – obgleich hier ebenso mein gesundheitlicher Aspekt, schmerzende Knie und Fußgelenke, eine Rolle gespielt hatte – Fahrradfahren, Kochen, Basteln, Malen, Stricken.
Stricken!
Wie ich auf diesen Schwachsinn gekommen war, entzog sich meiner Kenntnis.
Das Fotografieren wiederum hatte ich beibehalten.
Da das Ausdauertraining, Schießtraining und die Selbstverteidigung übermäßig viel Zeit in Anspruch nahmen, blieb aber ohnehin keine Zeit für weitere Interessen.
Nun, ich hatte mich für dieses Leben entschieden, und es bislang keine einzige Sekunde bereut. Da durften die einsamen Stunden nicht wirklich schwer wiegen.
Nachdem ich den Reis verschlungen hatte, wusch ich das Glas ab, trocknete die Spüle, duschte mich und packte den restlichen Kram ein. Für den insgesamt dreizehnstündigen Flug zog ich mir eine schwarze Anzughose und ein schwarzes Hemd an. Dazu schwarze flache Schuhe. Meine rückenlangen braunen Haare ließ ich offen. Es tat gut, einmal ohne strengen Dutt herumzulaufen.
Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, dann verließ ich die Wohnung.
Um 18:00 Uhr erreichte ich den Klagenfurter Flughafen, um 18:35 hoben wir ab und um 19:25 landeten wir ohne Komplikationen in Wien.
Ich nahm das rege Treiben in der großen Halle des Flughafens in Augenschein.
Dutzende Geschäftsmänner schritten geschäftig von einem Terminal zum nächsten. Ausländer schauten sich verwirrt um. Einige Pärchen, deren weibliche Hälften mir giftige Blicke zuwarfen, eilten an mir vorbei Richtung Ausgang.
Welch wundervolle Begrüßung.
Wien.
Erst einmal hatte ich unserer Hauptstadt einen Besuch abgestattet.
Damals war ich durch die Aufnahmeprüfung der Cobra gerasselt. Demgemäß wenig Lust hatte ich empfunden, länger zu bleiben und irgendwelche Touristenattraktionen alleine und von Pärchen umzingelt anzugaffen sowie von ebendiesen glücklich liierten Idioten angegafft zu werden.
Neidig-gefrustete Blicke von mich musternden Weibern standen an oberster Stelle meiner »Das-halte-ich-beim-besten-Willen-nicht-aus-Liste«. Wie eben erlebt. Noch viel bescheuerter wurde es jedoch, wenn solche Zicken meine Musterung abgeschlossen hatten und daraufhin ihren Lebensgefährten an sich zogen, um diesen einen stürmischen Kuss zu verpassen. In der Art: »Der gehört mir. Such dir einen eigenen Freund.«
Als ob mich solche Schlappschwänze interessierten!
Männer mit derart komplexbehafteten Weibern an ihrer Seite waren meiner Meinung nach ohnehin nicht ganz dicht und daher beziehungsuntauglich.
Nun, was soll’s.
Wer sagte denn, Leute würden vernünftige und anständige Individuen darstellen?
Ich jedenfalls nicht …
Der zweite Flug startete um 21:45. Genügend Zeit, um sich einen letzten österreichischen Kakao zu gönnen.
Während ich die hektische Szenerie durchquerte, hielt ich nach einem Lokal Ausschau.
Ein braunes Schild, auf dem in geschwungenen weißen Buchstaben »Café« geschrieben worden war, lenkte meine Schritte in die linke Richtung.
Mein Handy vibrierte.
Wahrscheinlich war das diese bescheuerte Facebook-App, die mir sagen wollte, ich hätte viel mehr Freunde auf Facebook, als ich dachte.
Leicht genervt zog ich das Smartphone hervor – da wurde ich angerempelt.
Taschendieb, war mein erster Gedanke.
Sofort brachte ich mich in eine Art Kampfstellung: Trolley losgelassen, den Griff um die Handtasche verstärkt, den Großteil meiner Aufmerksamkeit auf den Rempler gerichtet. Den Rest meiner Konzentration benutzte ich, um die mich umgebende Szenerie zu beobachten.
Taschendiebe arbeiteten oft im Team. Eine Unachtsamkeit und Trolley oder in Hosentaschen steckende Portemonnaies gehörten für immer der Vergangenheit an.
Der vermeintliche Kriminelle, ein Mann mit leicht zurück gegelten dunklen Haaren und einer Sonnenbrille auf der Nase, war jedoch längst dabei, unbeeindruckt an mir vorüber zu schreiten.
Und meine Synapsen feuerten.
Weshalb trug dieser Idiot eine Sonnenbrille bei Nacht? Warum zeigte er dieses übertrieben verschmitzte Macho-Gelächle? War er solchermaßen in Gedanken vertieft oder war die Aktion Absicht gewesen?
Und sofern Letzteres zutraf, was wollte dieser dunkelhaarige Johnny Bravo damit bezwecken?
»Sorry, Kleine«, kam es mit satter tiefer Stimme salopp wie selbstbewusst über seine Lippen. Seine Schrittgeschwindigkeit verlangsamte er nur geringfügig.
Obgleich ich Johnnys Augen nicht erkennen konnte, hatte ich das Gefühl, er würde mir bis in die tiefsten Winkel meiner Seele blicken.
Unauffällig und in sekundenschnelle nahm ich seine überraschend große und maskuline Statur in Augenschein. Er trug ein dunkles Hemd, darüber eine kurze Lederjacke und eine hautenge Jeans, der es nicht einmal im Ansatz gelang, seine muskulösen Beine zu verstecken. Schwarze Lederstiefel rundeten sein lässiges Outfit ab. Die selbstbewusste Körperhaltung, das unverbindliche Grinsen und der gepflegte kurz geschnittene zarte Bart, welcher seine leicht kantigen Gesichtskonturen ungleich stärker zur Geltung brachte, verliehen ihm eine schwer zu ignorierende Ausstrahlung.
Ich musste mir eingestehen: Er sah verdammt attraktiv aus … unwahrscheinlich attraktiv.
»Geiler Arsch.«
Mir wurde es schlecht.
So viel zum ersten Eindruck.
»Hat auch viel Zeit und Mühe gekostet«, gab ich angewidert zurück, drehte mich um, packte den Trolley und marschierte weiter.
So ein aufgeblasener Gockel!
Derlei Situationen verdeutlichten mir abermals, weshalb ich mich mit Männern außerhalb meines Jobs nicht abgab!
Dumme Kommentare und übermäßiges Selbstbewusstsein, welches im Endeffekt in Arroganz mündete, brauchte ich wahrhaftig nicht, um glücklich zu werden.
Was du brauchst, ist ein Mann!, echote Dans Aussage mir durch den Verstand.
Ja genau. Womöglich noch einer, wie dieser Rempler vorhin?
Mit Sicherheit nicht!
Kopfschüttelnd betrat ich die Café-Lounge.
Was ich bestenfalls benötigte, war jemand, auf den ich mich verlassen konnte.
Ein guter Kumpel. Ein Partner. Ein Back-up – eine starke Schulter zum Anlehnen.
Ein Macho, wie der vorherige würde mir diese Bedürfnisse niemals befriedigen. Eher noch würde ich mir damit mehr Probleme aufhalsen …

Der Flug startete planmäßig und verlief – sofern man von dem kleinen Missgeschick eines sehr betagten Mannes absah – recht unspektakulär: Die halbe Zeit schlief ich, und wenn ich wach war, zog ich mir ein paar Songs eines italoamerikanischen Sängers namens Slim Man rein, dessen wunderbare an Vollmilchschokocreme erinnernde Stimme mich in richtige Urlaubslaune versetzte.
Gut, die Texte waren allesamt relativ schmalzig und schnulzig und kitschig … dennoch. Irgendetwas hatte dieser Mensch an sich. Etwas, das ihm offenkundig ebenso in seine Songs unterzubringen gelang: etwas, wie Seele.
Um 5:20 Uhr Ortszeit landete die Boeing in Dubai. Nun musste ich drei Stunden warten, ehe mich mein nächster vierstündiger Flug nach Male brachte.
Die Wartezeit nutzte ich, um meinen Polizeibericht zu schreiben. So ein MacBook Air mit seiner zwölfstündigen Akkulaufzeit konnte da ziemlich praktisch sein.
Flott tippte ich mein kleines Abenteuer nieder – und keine halbe Stunde später klickte ich auf den Senden-Button des Mail-Programms.
Nun hieß es: warten. Darum zückte ich Barry Eislers Tokyo Killer und begann zu lesen.
Eben war Rain dabei, einen dieser verfickten Arschsäcke umzubringen, da vernahm ich den Aufruf für meinen Flug. Widerwillig packte ich das Buch weg, ergriff mein Zeugs und begab mich zum Boarding.
Alsbald ich auf meinem Platz saß, steckte ich mir die Ohrenhörer ein, wählte Slim Man’s Album Thousand Miles Away an und schloss die Lider.
Die vier Stunden rasten dahin, und mir nichts dir nichts befand ich mich in der Einwanderungsbehörde von Male und füllte ein Formular aus. Und dreißig Minuten später saß ich im Wasserflugzeug Richtung Urlaubsparadies.
Nachdem wir zwei Inseln angeflogen und Passagiere abgesetzt hatten, war endlich meine an der Reihe.
Bereits aus der Luft sah Naladhu, das halbmondförmige, südlich gelegene Male-Atoll, schlichtweg traumhaft aus.
Der Pilot landete und wir wurden aufgefordert, das Flugzeug zu verlassen.
Mit sanfter Vorfreude setzte ich meinen ersten Schritt auf den ellenlangen magnolienfarbenen Steg. Der Geruch von Meerwasser, Kerosin und Holz stieg mir in die Nase, evozierte erste richtige Urlaubsgefühle.
Mitreisende folgten: Ein japanisches Pärchen – ich tippte auf Flitterwochen – ein kaukasischer Berufsfotograf und ein weiteres, um die sechzig angesiedeltes hellhäutiges Pärchen.
Während wir die Koffer ausgehändigt bekamen, richtete ich den Blick zur exotischen Insel, welche sich wie auf den Fotos des Reiseveranstalters präsentierte: azurblauer Himmel, grüne Palmen, strahlend weißer Sandstrand und zwischen all der Schönheit braune Schilfdächer der Bungalows.
Samt Trolley und Handgepäck setzte ich mich in Bewegung.
Die zärtlichen Wellen des türkisfarbenen, klaren Indischen Ozeans funkelten in der nachmittäglichen Sonne. Eine warme Brise wehte mir meinen lockigen, kinnlangen Pony ins Gesicht und bewies mir: Ich hätte mir die Haare doch zusammenbinden sollen.
Ich hasste es, wenn sich meine Mähne verselbstständigte und mir vor die Augen flog. Speziell in solchen Momenten, wenn sich die Natur dermaßen perfektionistisch in Szene setzte.
Bleib locker, mahnte ich mich. Genieße besser die Aussicht. Was sagt es über dich aus, wenn du dich über verwehende Haare aufregst?
Auf der Insel angekommen wurde unsere kleine Gruppe von einer dauerlächelnden weiblichen Reiseleitung empfangen, welche uns mit den wichtigsten Informationen betraute: Dass man sich vor neugierigen Haien und Rochen nicht zu fürchten brauche, wann Schnorchelausflüge und andere Touristenattraktionen auf dem Plan stünden – einschließlich der Rochenfütterung, diese wurde täglich um 17:30 Uhr abgehalten – und ein paar administrative Angelegenheiten, die mich im Grunde genommen nicht wirklich interessierten, von meinem Hirn dennoch abgespeichert wurden.
Wieder mehr Beachtung schenkte ich den Essenszeiten: Gefrühstückt wurde zwischen 7:30 Uhr bis 10:30 Uhr. Mittagessen gab es von 12:30 Uhr bis 14:00 Uhr. Zwischen 16:00 Uhr und 17:00 Uhr hatte man die Möglichkeit, sich kleine Snacks zu holen. Zu Abend gegessen wurde von 18:30 Uhr bis 20:30 Uhr. Und wen nach all der Fresserei noch immer Hunger plagte, konnte einen Mitternachtssnack an der Bar einnehmen.
Zum Abschluss erfuhr ich die Lage meines Wasserbungalows. Dieser befand sich fünfzig Meter von der Rezeption entfernt – umringt vom glitzernden Ozean.
Erschöpft und ausgelaugt betrat ich mein neues Domizil. Ich ließ das Handgepäck auf den Boden fallen, rollte den Trolley dazu und zog mir die Schuhe aus.
Der Wohnbereich fiel unerwartet groß aus.
Eine weißgepolsterte Couch zu meiner Linken, ein runder Holztisch mit Glasplatte und dazu passende Stühle, eine Holzkommmode zu meiner Rechten, luftig cremefarbene Vorhänge sowie ein holzähnlicher Duft verscheuchten Stress und Frustration endgültig und beschenkten mich stattdessen mit reiner urlaubsmäßiger Glückseligkeit.
Barfuß durchquerte ich den Raum und huschte nach links – in das, meines Erachtens nach, schönste Bad der Welt: Eine Steinwanne, eine Regendusche und einen direkten Abstieg ins Meer wurden mir hier ebenso geboten wie zwei riesige Spiegel, Steinwaschbecken und einen Durchgang zur Terrasse, in der ein rechteckiger Pool mit Meerwasser angelegt worden war. Konkret bedeutete das: Ich konnte im Meer baden, ohne überhaupt ins Meer zu gehen. Sehr praktisch, sollte man sich vor Haien fürchten, welche durch das klare Salzwasser bereits von Weitem zu erkennen waren. Da ich glücklicherweise an keinerlei Ängsten litt, konnten sich diese anmutigen Meeresbewohner sicher sein, mich in den nächsten fünf Tagen des Öfteren in ihrer natürlichen Umgebung anzutreffen.
Ich trat zur weiß gestrichenen Holzbalustrade und ließ den Blick über den Ozean schweifen – und was sah ich? – einen kleinen hellhäutigen Hai, der quickfidel an meinem Domizil vorbei Richtung Strand schwamm.
Ich bekam Herzklopfen vor Freude, Glück und Unglauben.
Diese Insel war tatsächlich ein Paradies auf Erden!
Kein Wunder, weshalb derart viele Leute ihre Flitterwochen auf den Malediven verbrachten.
Durch diesen Gedanken legte sich mein überschäumender Gemütszustand, und stets zu vergessen versuchende Erlebnisse drängten von den tiefsten Winkeln meiner Seele empor.
Verfluchte Scheiße!
Weshalb hatte ich mich mit diesem Vollidioten eingelassen?
Wie blöd war ich gewesen, mich von seinem Aussehen blenden zu lassen?
Sowie seinem Gemaule: »Du bist so hübsch. Du bist so klug. Du bist eine echte Traumfrau.«
Ja ne, is’ klar!
Deshalb betrog er mich ja mit einer Putzfrau – kaum fünf Monate später.
Klasse.
Die Überlegungen auf die Seite schiebend ging ich zurück ins Bad und weiter ins Schlafzimmer. Ein schneeweißes Himmelbett war inmitten des sonnendurchfluteten Raumes platziert worden. Zahllose Fenster boten mir einen atemberaubenden Blick aufs Meer und die Insel. Dennoch wollte sich eine neue Freude nicht mehr wirklich einstellen.
»Verdammt!«, fluchte ich laut. »Jetzt lässt du es noch zu, von diesem Arschloch, das du schon seit vier Jahren nicht mehr gesehen hast, deinen Urlaub zu verhunzen!«
Ich atmete einmal tief durch.
Ändern konnte ich nichts mehr daran. Es war passiert. Weshalb? Ich wusste es nicht, und ich verstand es nicht. Ich hatte keinen blassen Dunst, was ich falsch gemacht hatte. Tausendmal hatte ich mir dieselben Fragen gestellt: War ich nicht sein Typ? War ich zu hässlich? War ich nicht gut im Bett? War ich zu introvertiert? Zu extrovertiert? Zu aufbrausend?
Nun, erfahren würde ich es nie mehr. Und ständig darüber nachzudenken half mir ebenso wenig, wie mir durch diese Sache diesen teuren Urlaub komplett verderben zu lassen.
Bedauerlicherweise gab es da einen weiteren Grund, welcher mich dieses Drama nicht aufarbeiten ließ: Dieser Drecksack war mein Erster gewesen. Mein erster Freund.
Dabei hatte ich bis achtundzwanzig gewartet, mich davor erst gar nicht auf irgendwelche Idioten eingelassen – in der Hoffnung, den Richtigen zu begegnen. In der Hoffnung, glücklich zu werden.
Und was passierte?
Ich musste mich in diesen verlogenen Bastard verlieben!
Mit Beziehungen hatte ich im Allgemeinen kein sonderliches Glück: Entweder wurde ich von fürchterlichen Unsympathlern angesprochen, meine Versuche nette Männer näher kennenzulernen, wurden mit Ignoranz beantwortet oder aber, die Objekte meines Begehrens waren verheiratet, schwul oder anderweitig vergeben.
Diese Umstände schmerzten und demonstrierten mir auf unmissverständliche Weise, dass ich alleine besser dran war.
Eines war nämlich klar: Solange ich alleine durchs Leben schritt, konnte mich niemand verletzen.
Wie sagte Sherlock so treffend: »Alone protects me.«
Und dann meinten meine Kollegen und Bekannten, ich solle sesshaft werden!
Ernsthaft?
Was denn, heiraten? Und Kinder kriegen? Sich mit noch mehr Sorgen überladen? Ich hatte genügend Stress mit meiner eigenen Psyche. Sollten diese taktlosen, gefühllosen, verfluchten Männer besser anderen auf den Sack gehen! Es existierten genügend dumme Pussies, die ihnen auf Schritt und Tritt hinterher putzten und die Beine breitmachten, sobald die Herren der Schöpfung riefen.
Nein, mit mir nicht, Freunde! Mit mir nicht. Nie mehr!
Ich packte den Trolley aus und startete die Canon EOS 5D Mark III.
Fotos.
Eine Fotosession würde mich auf andere Gedanken bringen. Das hatte bislang immer geholfen.

In der deutschen Botschaft in Dubai.
Gelaber. Andauernd dieses gottverdammte, diplomatische, schleimige Gelaber! Das linke Bein auf dem rechten Oberschenkel gelagert, fuhr sich Theo durchs kastanienbraune Haar, welches sich durch zu wenig Gel und zu viel Luftfeuchtigkeit allmählich zu locken begann. Wie er das hasste! Und diese gottverdammte Hitze – der er im klimatisierten Büro des deutschen Botschafters zum Glück für eine kurze Zeit entfliehen durfte.
Unauffällig lockerte er die Krawatte.
Bedeutend lieber hätte er das schwarze Leinenhemd getragen.
Seine Gedanken schweiften zurück zu dem kleinen Spießrutenlauf quer durch die pulsierende Stadt Dubais. Dreimal das Taxi gewechselt (zweimal hatte sich dieser idiotische Fahrer verfahren!) und drei verschiedene Einkaufszentren aufgesucht, um durch Hinterausgänge in stark frequentierte Gassen unterzutauchen, ehe er letztendlich verschwitzt und erschöpft in der Botschaft eingetroffen war.
Eine einzige Tortur war das gewesen! Eine einzige Tortur. Und die ganzen Mühen lediglich aufgrund verfickter Terroristen … und eines bescheuerten Berichts.
»Ja, das war ein außerordentliches Manöver!«
Der Schlipsträger mit der dunklen Hornbrille und den Schweinsaugen laberte seit einer halben Stunde mit seinem Boss im BKA in Berlin.
Erst ging es um das typisch diplomatische Geplapper, dann um gewisse Kleinigkeiten, denen man in Zukunft mehr Beachtung schenken musste, – wollte sich Theo mit der Justiz nicht ernsthafte Probleme einhandeln – und schließlich erklangen die Lobeshymnen.
Theo vermutete, dass sein Boss dem Diplomaten auf seine typisch sarkastisch-intellektuelle Weise nähergebracht hatte, was es bedeutete, in der Abteilung für Terrorismusbekämpfung zu arbeiten, und wie schwer es war, die Regeln einzuhalten, sich dem Gesetz und dem Protokoll zu beugen, wenn – sagen wir einmal – durchgeknallte, aber vor allem radikalisierte Muslime oder anderer Abschaum dir an den Kragen wollten.
»Selbstverständlich«, schleimte der Botschafter. »Ich kann nicht in Worte fassen, wie dankbar die arabische Regierung Ihnen und Ihrer Abteilung ist. Herr Böhm hat ausgezeichnete Arbeit geleistet.«
Natürlich hatte er ausgezeichnete Arbeit geleistet! Schließlich machte er seinen Job immer gut! Er war besser als die restlichen Luschen seiner Abteilung!
Theo lehnte sich zurück und betrachtete sich in der spiegelnden drei Meter hohen wie breiten, mit bunten Mosaiksteinchen verzierten Wandverglasung.
Obzwar er den schwarzen Anzug nicht ausstand, musste er sich eingestehen, verdammt gut darin auszusehen.
Und das Wichtigste: Die Frauen standen drauf.
»Ich bin Ihnen natürlich ebenfalls zum Dank verpflichtet«, sprach der Lackaffe übertrieben freundlich in den schwarzen Hörer.
Wie lange hatte der Botschafter geübt, um dermaßen speichelleckermäßig zu klingen?
Wahrscheinlich gab es da einen Kurs, den ein jeder politisch-motivierte Sack erfolgreich ablegen musste, ehe dieser irgendein Amt antreten durfte – hörten sich diese Typen doch allesamt gleich an. Selbst Mimik und Gestik erschienen ident.
Angewidert widmete sich Theo wieder seinem Spiegelbild.
Verdammt, diese verfluchten Locken!
Seitdem er zu denken in der Lage war, verabscheute er sie.
Im Laufe der Jahre hatten sie sich zum Glück ein wenig verändert. Hatte er anfangs noch wie David Hasselhoff ausgesehen – und das war wahrhaftig eine einzige Qual gewesen! – zeigte sein Haupthaar nun leichte Wellen mit vereinzelten großzügigen Locken, nicht diese Korkenzieherlocken, die ihn an griechische Gottheiten erinnerten.
Er bekam das Grausen.
Seine Mutter hatte seine Locken heiß geliebt, dementsprechend selten war sein Haar geschnitten worden. Das wiederum hatte Theo zum Gespött der gesamten Schule gemacht.
»Na Rapunzel … hey Tarzan … seht mal, da kommt Schmachtlocke.«
Verfluchte Rotznasen!
Wenigstens seine Mutter hatte ihm einen netteren Kosenamen verpasst: mein kleiner Engel.
Er musste lächeln.
Wenn sie wüsste, wie viele Frauen dieser kleine Engel bereits flachgelegt hatte, und in den nächsten Tagen noch würde …
Dubai.
Heiße Nächte. Geile Bräute. Exklusive Hotels.
Wenn er schon hier war, konnte er sich zumindest ein paar hübsche dunkle Frauen aufreißen. Konträr dazu verbot der muslimische Glaube alles, was Spaß machte. Das hatte er während seines allerersten Einsatzes vor zwei Wochen auf amüsante Weise erfahren müssen.
Eine wunderschöne junge Frau mit anständigen Kurven, dunklen Augen und vollen Lippen hatte ihn für den Bruchteil einer Sekunde angeblickt – und er selbstverständlich packte die Gelegenheit beim Schopf und sprach sie an.
Und damit ging’s los: Erstens verstand sie kein Englisch, genauso wenig Französisch und noch weniger Deutsch oder Italienisch, zweitens wurde er von einem ziemlich behaarten und fetten Typen angelabert, der, wie sich später herausstellte, der zukünftige Ehemann des heißen Fegers werden sollte.
Das würde er nie verstehen. Weshalb wurden die hübschesten Frauen stets mit den hässlichsten Typen verheiratet?
Wie auch immer.
Fetti war von seinem Flirtversuch logischerweise nicht eben begeistert. Aufgrund dessen – und vermutlich bezüglich irgendwelcher Ehrenkodexe oder eines Ramadanblödsinns – wollte dieser ihm seine Grenzen aufzeigen, indem er und seine drei Cousins oder Brüder – ganz genau wusste Theo das nicht, jedoch ähnelten diese ekelhaften Typen sich wie ein Ei dem anderen – fluchend und mit erhobenen Fäusten auf ihn losgingen.
Nun, Theo reagierte selbstredend diplomatisch: Er nahm die Beine in die Hand. Obwohl er einem guten Kampf üblicherweise ebenso wenig widerstehen konnte wie einer hübschen Frau, war Rückzug in dieser Situation die einzig vernünftige Entscheidung gewesen, hätte ihm eine Schlägerei bestenfalls strafrechtliche und dienstliche Konsequenzen eingehandelt.
Er hätte auf seinen Kollegen hören sollen.
Und dennoch, diese dunkelhaarige Schönheit hätte er gerne vernascht.
Die Sprachbarriere wäre sogar zu etwas zunutze gewesen! Damit hätte er sich eine Menge hohles und kitschig-romantisches Gelaber seinerseits wie Vorwürfe, Kritik und/oder uninteressantes zum Besten gebendes Allgemeinwissen ihrerseits erspart. Lediglich eine heiße Nacht und kein Wiedersehen – keine Verpflichtungen, keine Dramen, keine Sorgen.
Besser ging’s doch gar nicht!
»Natürlich. Ich werde es dem Scheich mit Geneigtheit ausrichten.«
Worum ging es jetzt wohl wieder? Bestechungsgelder für billigeres Öl?
Theos Blick wanderte zu der mächtigen bauchigen dunkelroten Vase, welche sich selbstbewusst in der linken Ecke des bestimmt siebzig Quadratmeter großen Büros präsentierte.
Ein teures Machwerk irgendeines durchgeknallten Künstlers?
Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit.
Er schaute etwas genauer hin. Irgendwie erinnerte diese ihn an den roten Topf, bepflanzt mit der Amaryllis, welchen er seiner nunmehrigen Ex-Frau zu ihrem ersten Jahrestag geschenkt hatte.
Mann, das war ein Gezeter gewesen! Hatte sie sich offenbar etwas Ähnliches wie einen Diamantring gewünscht … oder irgendeine andere hochpreisige Aufmerksamkeit.
Gut, sein Gehalt war nicht der Schlechteste, allerdings bedeutete das nicht automatisch, zu den Top Ten Verdienern Deutschlands zu zählen.
Weshalb wollten Weiber andauernd das Teuerste vom Teuersten? Konnten die nicht einmal mit einer Kleinigkeit zufrieden sein?
Darüber hinaus hatte er ihr ständig Geschenke mitgebracht: Blumen, Schokolade, Kinotickets … und das gänzlich ohne spezielle Anlässe.
Also, was wollte sie denn noch?
Er fuhr sich durchs Haar.
…
Ein Kind, schoss es ihm in den Sinn. Ja, stets hatte sie sich ein Kind gewünscht. Bloß konnte er es sich absolut nicht vorstellen, ein liebender Vater zu werden. Zumal ihn sein Beruf ständig zum Reisen verpflichtete.
Er schloss die Lider.
Dieses gottverdammte Kindthema war eine einzige Qual gewesen!
Jedes Mal, wenn er nach einem anstrengenden Auftrag nach Hause gekommen war, hatte sie ihm mit diesem Quatsch in den Ohren gelegen.
Ein Beispiel gefällig?
»Ich will ein Kind. Mach mir ein Kind. Ich will nicht länger alleine zu Hause rumhocken, während du durch die Weltgeschichte tingelst. Ich brauchte eine Aufgabe. Eine Frau braucht ein Kind!«
Monatelang ging es auf diese Tour durch. Solchermaßen lange, bis er ihr Folgendes vorgeschlagen hatte: »Besorge dir einen Hund. Dann musst du Gassi gehen, mit ihm spielen und ihn füttern. Da hast du grundsätzlich die gleiche Verantwortung zu tragen wie mit einem Kind.«
Zu seinem Pech war sie über diesen Vergleich nicht so erbaut gewesen, wie er sich dies erhofft hatte.
Nun gut, er musste zugeben, es hatte wohl ein wenig hart geklungen …
Dennoch … es stimmte!
Weshalb ein Kind? Dermaßen viel Verantwortung! Nachwuchs machte man sich nicht angesichts möglicher Langeweile! Ein Kind klebte dir bis zu deinem Lebensende am Arsch! Wieso begriffen diese dummen Puten das nicht?
Tja, letzten Endes brachte sie ihren Willen trotzdem durch, indem sie schlichtweg – und ohne sein Wissen oder Einverständnis – die Pille abgesetzt hatte.
»Ich bin schwanger«, hatte sie in den Hörer geflötet.
Diese Erinnerung entfesselte ihm selbst jetzt einen eisigen Schauer.
Und kein halbes Jahr später waren sie getrennte Leute gewesen.
Er überlegte.
Wie alt war sein Sohn jetzt? Vier? Fünf? Er wusste es nicht – und es interessierte ihn nicht. Schließlich wollte Mara keinen Kontakt mit ihm, genauso wenig wie Unterhalt.
Ihm war es sehr recht. Er verabscheute Verpflichtungen.
Alle zwei Wochen einen Hosenscheißer besuchen und die heile Familienwelt vorspielen konnte er sich ohnehin nicht vorstellen. Er wollte frei sein – und das war er nun. Seit über drei Jahre.
Jeder Tag ein einziger Genuss.
Dachte er da an seine Ehe zurück, fragte er sich immer öfter, weshalb er sich auf diesen Quatsch eingelassen hatte.
Weil sämtliche seiner Kollegen verheiratet waren? Weil Mara seine Hemden gebügelt hatte? Weil der Sex geil war?
Nein.
Weil er ein einziger Idiot gewesen war! Weil er aufgrund einer bescheuerten Mini-Midlife-Crisis ausgelöst durch seinen dreißigsten Geburtstag die nackte Panik ereilt hatte. Damals hatte er ernsthaft vermutet, sein Leben wäre vorbei – mit den Frauen wäre es vorbei. Hätte er bloß gewusst, dass seine besten Jahre erst vor ihm lagen! Er hätte sich niemals auf eine Ehe eingelassen.
Klar, sie hatten eine schöne Zeit verbracht. Mara war hübsch, experimentierfreudig im Bett – sofern sie denn einmal Lust hatte, wohl angemerkt – und kümmerte sich vorbildlich um den Haushalt. Ansonsten lebten sie in zwei verschiedenen Welten: Sie träumte von einem Ehemann, der jedes Wochenende zu Hause verweilte und mit Kind und Kegel in den Park fuhr, um Picknicks abzuhalten. Er dagegen wollte eine Frau, auf die er sich verlassen konnte. Eine Frau, die hinter ihm stand und an der auch er sich lehnen durfte, wenn es ihm schlecht ging. Ein Kumpel, mit dem man die Höhen und Tiefen des Lebens bestritt.
Dass seine Ex-Frau lediglich das Hausmütterchen spielen wollte, wäre noch irgendwo verkraftbar gewesen, wogen die Vorteile, die sich dadurch ergaben, relativ hoch: ein warmes Essen auf dem Tisch, frisch gewaschene Wäsche und eine saubere Wohnung. Anders wurde es, wenn sie ihm mit dem ewig gleichen Palaver in den Ohren lag: »Du hast keine Zeit, du bist nie da, du willst nur Sex, du hörst nicht zu, du willst keine Kinder, du, du, du …«
Und was hasste er mehr als Vorwürfe? Exakt! Klagende, frustrierte, fremdgehende Weiber.
Betrogen.
Nach drei Jahren Ehe betrogen.
Das war wie ein Schlag ins Gesicht gewesen.
War das Kind bereits ein Schock … doch ihn zu allem Überfluss betrügen – ja, das schmerzte.
Wahnsinnig.
Zugegeben, sie hatten keine Bilderbuchehe geführt, aber ihn deshalb betrügen? Wenn sie es leid war, sich mit ihm herumzuplagen, weshalb hatte sie nicht einfach die Scheidung eingereicht?
Aber das i-Tüpfelchen folgte erst: Ein Versicherungsvertreter! Ein gottverdammter Versicherungsvertreter seiner Hausbank hatte sie gefickt!
Der schiere Gedanke daran entfachte in ihm eine leichte Übelkeit.
Erst regte sie sich auf, er wolle zu viel Sex – und dann ging sie ihm fremd!
Verstehe einer die Weiber!
Seufzend lehnte er sich zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt.
Es stimmte zwar, in seiner Sturm- und Drangphase hatte er nichts anbrennen lassen – wahrhaftig gar nichts. Eines hatte und würde er jedoch niemals tun: Seine Partnerin betrügen. War er in einer Beziehung, gab es keine anderen Frauen. Punkt. Das hatte schlichtweg etwas mit Respekt und Anstand zu tun.
Ginge es ihm um reinen Sex, ließe er sich schließlich erst gar nicht auf eine Beziehung ein. Dann lebte er wie jetzt: frei und ungebunden.
»Ich werde Ihnen die restlichen Bescheide per Mail zukommen lassen«, riss der Botschafter ihn aus seinen Gedanken.
Nun, wie auch immer. Was geschehen war, war geschehen. Jetzt genoss er sein Leben. Und wie! Jeden Tag eine andere Frau … Alleine in Dubai musste er ernsthaft aufpassen. Die Gepflogenheiten dieses Landes waren ihm einfach noch zu unbekannt.
Zugegebenermaßen hatte sein Kollege John ihm vor der Kulisse nackt tanzender Weiber und zwischen einigen wohlschmeckenden Whiskeys einen kurzen Überblick verschafft. Bedauerlicherweise war ihm von diesem Briefing nichts in Erinnerungen geblieben, außer ein paar arabische Beleidigungen und das sexy Dekolleté einer rassigen Brasilianerin.
Aber wer konnte auch ahnen, dass er ein zweites Mal hierher beordert werden würde? Zu seinen Aufgabengebieten zählten üblicherweise die USA und Europa.
»Ja, ich werde es ihm ausrichten.«
Theo richtete seine Aufmerksamkeit zurück zum Botschafter, der noch ein paar Mal nickte, ehe dieser endlich den Hörer auflegte.
»Sie haben hervorragende Arbeit geleistet«, wiederholte dieser zuckersüß. »Und ich bedaure die Unterbrechung Ihres Urlaubs zutiefst.«
Du kannst mich mal am Arsch lecken, dachte er und warf dem Heini ein unverbindliches antrainiertes Lächeln zu. »Ist schon in Ordnung. So ist das nun mal, wenn man für Interpol arbeitet, nicht wahr?«
Ich hätte ein ganz gewöhnlicher Polizist bleiben sollen. Keine verkackten Aufträge am anderen Ende der Welt, keine Urlaubsunterbrechungen, keine Idioten, die einem den Kopf wegschießen wollen. Vielleicht wäre mir dann sogar diese blöde Ehe erspart geblieben.
»Wir haben eine kleine Entschädigung für Sie.«
Nun wurde er hellhörig.
Er setzte sich auf. »Tatsächlich? Ich habe noch nie eine Entschädigung erhalten … wenn ich ehrlich bin.«
Weshalb hatte er das gesagt? Da wirkte er ja wie ein kleines Kind, das um Aufmerksamkeit und Mitleid bettelte!
Anscheinend benötigte er einen etwas längeren Urlaub, als vier Tage in einem Wiener Hotel und anschließendem Flug nach Dubai, um dort einen verdammten Bericht abzuliefern, welchen sein Boss – und Gott hab ihm gnädig, wenn er zurück war – dem Botschafter per E-Mail locker flockig hätte zukommen lassen.
Aber nein.
Da Theo den terroristischen Anschlag durch stundenlange Recherche und ebenso lange Verhöre aus diesem Abschaum von IS-Drecksfotzen herausgekitzelt und den Einsatz in Dubais Flughafengebäude angeführt hatte, musste er persönlich auftauchen und Bericht ablegen, und zu allem Überfluss diesen schweißtreibenden langen Aufklärungsgang absolvieren.
»Dann wird es höchste Zeit,« entgegnete der Botschafter und griff nach einem Kuvert, um es ihm über den wuchtigen Mahagonitisch zu reichen. »Machen Sie sich ein paar schöne Tage.«
Theo runzelte die Stirn.
Vielleicht hatte diese ganze Sache doch etwas Gutes.
Er griff danach und öffnete es: ein Ticket und Bargeld.
»Mit Ihrem Einsatz und Engagement haben Sie dutzende, ja wenn nicht hunderte Menschenleben gerettet und darüber hinaus einen weltweiten Skandal verhindert. Terrorwarnungen in Dubai hätten dem Scheich nicht sonderlich gut gefallen.«
Ungläubig schüttelte Theo den Kopf. »Ich habe lediglich meinen Job gemacht. Das ist wirklich nicht nötig.«
Durfte er das Geschenk überhaupt annehmen? Womöglich wollte der Botschafter ihn bestechen? Womöglich wollte die Abteilung ihm etwas anhängen?
Nein.
Er befand sich doch nicht in einem Agentenfilm der Neunzigerjahre!
»Vielen Dank.« Er warf dem Diplomaten ein ehrliches freundliches Lächeln zu. »Damit habe ich wirklich nicht gerechnet.«
Der alte Mann erwiderte das Lächeln. »Nichts zu danken. Und ich hoffe, wir sehen uns nicht mehr.« Es trat eine Pause ein. »Sie wissen, wie ich das meine, oder?«
Theo grinste. »Absolut. Keine Sorge.« Damit erhob er sich. Der Botschafter tat es ihm gleich.
Sie schüttelten sich die Hände, dann verließ Theo die Botschaft.
Urlaub.
Weiber, Strand, Meer und Sauferei! Yes!

Das Meer. Unendliche Weiten. Und mittendrin eine kleine unscheinbare Insel mit neunzehn Hotelzimmern, einem Restaurant und derart viel Ruhe … allmählich wurde es mir unheimlich. Ich saß auf meiner kleinen Terrasse und beobachtete die funkelnden Sterne. Ein zarter, die Seele liebkosender Duft von Holz und Meerwasser lag in der Luft.
Seufzend strich ich mir das Haar aus dem Gesicht und ließ die letzten Stunden Revue passieren: Erst hatte ich mir die Rochenfütterung angesehen. Dadurch war es mir möglich gewesen, ein paar wunderschöne Aufnahmen dieser anmutigen Tiere zu machen. Nach dem Abendessen fing ich noch ein paar Fotos der untergehenden, von cremefarbenen Schleierwolken eingehüllten Sonne ein. Alsbald sich die Nacht über die Insel legte, war ein Lagerfeuer entzündet worden, dessen hektisch in den schwarzen Himmel züngelnde Flammen mich unweigerlich in meine Kindheit zurückversetzt hatten. An mein erstes Osterfeuer. Knapp für Jahre alt war ich gewesen. Dennoch muteten die Bilder solchermaßen klar an wie eben erst erlebt.
Vaters warme Hand, die meine hielt. Eine Hand, die Sicherheit, Schutz und Liebe bedeutete … gleichermaßen wie Einsamkeit, Verlust und Strenge.
Es war eigenartig, wie unwichtige Kleinigkeiten dich an längst vergangene Erlebnisse erinnerten. Ob ein Feuer, ein Auto, ein Kleidungsstück, ein Duft oder ein Song.
Ich erhob mich.
Es wurde Zeit, ins Bett zu gehen. Schließlich wollte ich morgen zeitlich aufstehen, um Bilder vom leeren Strand einzufangen.
Erschöpft, dafür mit leichtem Herzen legte ich mich ins weiche Himmelbett und blickte hinaus auf das dunkelblaue Meer.
In diesem Moment fühlte ich mich behüteter als in den Armen meines vermaledeiten Ex in unserer ersten Nacht.
Das musste ein gutes Omen sein.
Ehe ich einschlief, ging mir nur noch ein Gedanke durch den Sinn: Ich will für immer hierbleiben.

Sonnenstrahlen weckten mich, kitzelten meine Nase, sodass ich erst einmal Niesen musste. Noch etwas benommen drehte ich mich zum Nachtkästchen und warf einen verschwommenen Blick auf das Handy: 10:00 Uhr. Damit nahm mein Verstand seine Arbeit auf. Fuck. Ich wollte doch den Sonnenaufgang fotografieren!
Nun, dann eben morgen.
Mit bleiernen Schritten stolperte ich ins Bad, entleerte meine Blase und richtete mich fürs Frühstück her. Dazu stellte ich mich unter die Dusche, putzte mir die Zähne und zog mir eine lange weiße Leinenhose und ein gleichfarbiges kurzärmeliges Hemd über. Meine Haare band ich locker zusammen. Ich griff nach meinem Zimmerschlüssel und rauschte Richtung Restaurant.
Da es auf der Insel bloß neunzehn Hotelzimmer gab – zehn davon stellen Wasserbungalows dar – traf man dementsprechend wenig Urlauber an. Das wiederum bot den größten Genuss überhaupt! Keine Kinder, alleine einige Pensionisten und ein paar verliebte Pärchen, die ich weitestgehend ignorierte.
»Good morning!«, begrüßte mich der Berufsfotograf.
Ach ja, der Fotograf. Den gab es auch noch.
Mit ihm hatte ich gestern einen kurzen Plausch geführt. Er war vierzig, lebte in London und arbeitete für ein Reisemagazin, das sich auf Inselparadiese spezialisiert hatte. Michael, so sein Name, hatte ebenfalls für fünf Tage gebucht. Der einzige Unterschied zu mir: Er musste nichts bezahlen. Ich hatte mein komplettes Erspartes hingeblättert.
So war das Leben.
»Did you sleep well?«
Ich schenkte ihm ein Lächeln. »I couldn’t remember a night I have slept that peacefully before.«
Bereits gestern hatte er mir einige unterschwellige Avancen gemacht. Beim Rochenfüttern zum Beispiel war er äußerst nahe zu mir getreten, um mir bei den Kameraeinstellungen zu helfen. Des Weiteren lächelte er stets eine Idee zu viel. Darüber hinaus suchte er ständigen Blickkontakt.
Ich musste zugeben, ich fühlte mich geschmeichelt. Immerhin sah er überaus passabel aus: grünblaue Augen, eine normale Figur – mit einem angedeuteten Wohlstandsbäuchlein – und diese umwerfende einladende Art gepaart mit seinem strahlenden Lächeln.
Dennoch.
Ich war nicht aus auf einen One-Night-Stand oder eine Fernbeziehung. Überdies zeugte ein weißer Rand an seinem Ringfinger von einem Ehering, welchen er mit ziemlicher Sicherheit in seinem Koffer versteckt hielt.
Darauf hatte ich absolut keinen Bock. Niemals würde ich mit einem Mann ins Bett springen, dessen ihn inniglich liebende Ehefrau zu Hause sehnsüchtig wartete.
Ein wenig Flirten allerdings – das ging immer. Außerdem lenkte es ab. Sonst wäre es mir ohnehin langweilig geworden.
»May I ask you if you want to sit with me?«
»Yes, that’s nice. Thank you.« Ich setzte mich zu ihm – und er warf mir ein breites Lächeln zu.
»You are looking incredible today.«
Typischer englischer Charmeur. »Thank you.«
»What do you want to drink?«, unterbrach uns ein Kellner.
Ich bestellte einen Kakao, Michael einen Tee.
Wie britisch.
»I will go snorkeling today. Do you want to come with me?«
Ich verneinte. »I am not into diving or snorkeling. I just want to relax or swim – at least today.«
Er wirkte betrübt. »Aww, that’s bad. I really hoped we could spend more time together.«
»Maybe tomorrow?«
Michael nickte. »All right. Tomorrow.« Mahnend erhob er den Zeigefinger. »But don’t dare to turn me down again.«
Ich schmunzelte. »I promise.«
Offensichtlich würde mir der Kleine länger erhalten bleiben.

Nach dem Frühstück warf ich mich auf eine hölzerne Liege, vergrub die Füße im schneeweißen Sand und schloss die Augen. Erst gestern hatte mich aufgrund meines vermaledeiten Ex schlechte Laune geplagt. Heute hingegen empfand ich diese Sache wie vor dreißig Jahren erlebt. Wie es schien, war dieser Urlaub tatsächlich dringend nötig gewesen. Das Geräusch eines Wasserflugzeugs verscheuchte meine Überlegungen. Wurden neue Urlauber angeliefert? Hoffentlich nicht noch mehr Frischverheiratete. Das ewige Geschmuse und Geturtel ging mir gigantisch auf den Sack.
Klar, ich freute mich für diese Leute. Es war immer schön, wenn es den Menschen gut ging. Und doch, es störte mich – und es tat weh. Möglicherweise lag dies an dem Umstand, selbst niemals glücklich verliebt gewesen zu sein und sich durchwegs alleine durch das Leben plagen zu müssen.
Nein. Es war besser so. Das Alleinsein schützte mich vor weiteren Enttäuschungen.
Seufzend nahm ich das Wasserflugzeug in Augenschein.
Soweit es die grelle Sonne zuließ, erkannte ich zwei aussteigende Pärchen.
Ich kniff die Augen zusammen.
Und ein einzelner Mann.
Ein weiterer Fotograf vielleicht? Oder womöglich jemand, der zur Abwechslung seine Scheidung feierte?
Ich musste über meinen eigenen bescheuerten Gedanken schmunzeln.
Falls solche Feiern überhaupt stattfanden, wäre dieser Typ wohl eher nach Spanien geflogen. Ballermann stellte in einem solchen Fall zweifelsohne die bessere Wahl dar.
Ich atmete tief durch, beendete die Gedankenspiele und schloss die Lider – plante noch ein wenig die kommenden Tage durch. Heute würde ich ausschließlich relaxen. Das bedeutete, Massagen und kleine Nickerchen, morgen ein wenig schwimmen und ein paar Fotos. Und übermorgen folgte das Highlight schlechthin: Einige Stunden auf einer einsamen kleinen Insel verbringen.
Für gewöhnlich wurde dieses Abenteuer von Frischverliebten in Anspruch genommen. Und seien wir uns ehrlich: Was gab es Schöneres, als mit dem meistgeliebten Menschen auf einer winzigen Insel alleine Zeit zu verbringen?
Keine anderen Urlauber, kein Hotelpersonal … bedingungslose Privatsphäre.
Sex auf dem weißen Sandstrand?
Mir wurde es etwas warm.
Das hätte sogar mir gefallen.
Nun. In meinem Fall ging es nicht um Sex, sondern um Fotos der verschiedenen Muster des Sandes – entstanden durch Ebbe und Flut. Hier, auf Naladhu wäre es mir natürlich ebenso möglich gewesen, dieses Naturschauspiel einzufangen. Allerdings störten mich die den Sand mit ihren Füßen aufwirbelnden und mir andauernd vor die Linse tretenden Urlauber.
Auf einer verlassenen Insel irgendwo im Nirgendwo konnte ich stundenlang auf einem Platz hocken und die Wellen beobachten, wie diese schöne Linien in den Sand malten.
Einen ruhigeren Fotoausflug konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen: keine Leute, keine Pärchen, kein Geplapper – einzig ich und meine Kamera.
Mit aufkommender Vorfreude fiel ich in einen tiefen Schlaf.

Und erwachte friedlich und ausgeruht. Und zum Glück nicht verbrannt, dem Schatten nach zu urteilen, welcher gefährlich weit weggewandert war. Wie lange hatte ich geschlafen? Schätzungsweise an die zwei oder drei Stunden. Ich stand auf, ergriff mein Handtuch und machte mich auf den Weg zurück zum Bungalow. Falls ich richtig vermutete, müsste das Mittagessen längst im Gange sein.
Lächelnd betrachtete ich die sattgrüne Vegetation. Zu Hause war ich die Pünktlichkeit in Person. Hier hingegen schaffte ich es nicht einmal, rechtzeitig zum Essen zu erscheinen, geschweige denn den Sonnenaufgang zu fotografieren –
»Na, den Arsch kenne ich doch von irgendwo her«, verscheuchte eine tiefe Stimme jegliche Überlegungen.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich kapierte, was damit gemeint war und von woher diese Äußerung überhaupt kam: nämlich von rechts hinten.
Ich drehte mich um –
Und blickte einem mir bekannt vorkommenden, shirtlosen und breit grinsenden Macker mit Sonnenbrille ins Gesicht.
Der Typ vom Flughafen?!
Konnte das die Möglichkeit sein?
»So einen Arsch vergesse ich nicht«, posaunte er weiter.
»Der Gockel?« Skeptisch zog ich die Augenbrauen zusammen. »Nein. Das glaube ich jetzt nicht!«
Für den Moment eines Wimpernschlags nahm ich seine unverschämt gut aussehende Gestalt in Augenschein: Ein überwältigendes Sixpack – oder genauer gesagt Eightpack – durchtrainierte, wohlgeformte, lange Beine und ein Bizeps, bei dem selbst Jean Claude van Damme vor Neid erblassen würde …
Weshalb sahen Machos eigentlich immer dermaßen gut aus?
Dann fiel mir ein weiteres Detail auf: Dieses Mal schien der Typ kein Haargel verwendet zu haben.
Glücklicherweise!
Das leicht lockige Haar stand ihm um Welten besser.
»Der Gockel?«, äffte er meine Worte hörbar beleidigt nach. »Ich bin kein Gockel!«
Lässig-elegant nahm er die Sonnenbrille ab –
Und mir jagten gefühlte tausend heißkalte Schauer über den Leib.
Diese Augen.
Solch wunderschöne Augen.
Sie waren braun – jedoch kein einfaches langweiliges Braun. Nein. Hellbraun, ja beinahe Gold schimmerten sie im Licht der Sonne. Und erst ihr Ausdruck, in welchem sich unbeschreiblich viele Charakterzüge widerspiegelten. Darunter Kraft, Selbstbewusstsein, Mut, Beharrlichkeit, Spontanität, Verwegenheit, Courage –
Ein zweiter Schauer ausgelöst durch die Entdeckung weiterer und weitaus ergreifenderer Eigenschaften, unter anderem Aufrichtigkeit, Sanftheit, Loyalität, Ergebenheit, raubte mir schier den Atem.
Meine Fresse!
Sah ich richtig, oder bildete ich mir das Ganze ein?
Wer war der Typ? Und weshalb versteckte er solch wunderschöne Augen hinter billigen Sonnengläsern?
Doch die wichtigste Frage lautete: Was tat er hier?
Die Brille lässig in der rechten Hand haltend musterte er mich intensiv – ja, ebenso … nein … speziell diese gewissen weiblichen Örtlichkeiten jenseits meines Kopfes.
»Ich zähle mich zur Riege der letzten richtigen Männer«, erklärte er stolz. »Nicht diese metrosexuellen Schwuchteln, die länger im Bad brauchen als ihre Tussenfreundinnen.«
So sollte ein Mann auch sein, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf – und ich versteifte.
Verdammt!
Nicht noch einmal!
Ein bescheuerter Ex-Freund reichte mir zur Genüge. Einen zweiten wollte ich wahrhaftig nicht in meinem Lebenslauf unter »Beziehungen, die mir meine Seele abtöten« auflisten müssen.
»Auf gut Deutsch«, gab ich gespielt unbeeindruckt zurück. »Sie sind ein Macho.«
Irgendetwas blitzte in seinen Augen auf. »Ihr Frauen steht doch drauf.« Er machte einen Schritt auf mich zu. »Auf selbstbewusste Männer, die zeigen, wo es langgeht.« Ein weiterer Schritt. »Wilder, hemmungsloser Sex, bei dem der Mann die Zügel in die Hände nimmt.«
Schluckend reckte ich mein Kinn. »Ich stehe nicht auf Fifty Shades of Grey.«
Er zeigte mir ein verschmitztes Grinsen. »Aber anscheinend auf einen echten Kerl.«
Obgleich ich solche aufgeblasenen, selbstverliebten Macker zum Tode nicht aushielt, hatte dieser etwas an sich, das mich erreichte. Irgendetwas, das in mich drang.
Eines war aber klar: Weder lag es an dem bescheuerten Gelaber, dem Aussehen, der Selbstsicherheit noch der Stimmlage.
Bloß, was genau –
Abrupt fiel es mir auf: Seine Wirkung hatte Schuld daran.
Zwar verhielt sich Mr. Bravo wie ein Macho. Seltsamerweise strahlte er das exakte Gegenteil aus: Loyalität, Achtung und Respekt.
Wie der Ausdruck in seinen Augen vorhin.
»Schon möglich.« Ich stemmte die Hände in die Hüften. »Aber bestimmt nicht auf Sie!«
»Ganz sicher?« Ein weiterer Schritt.
Ich wich zurück. »Lieber einen George-Clooney-Waschlappen, anstatt einen draufgängerischen Macker.«
Ich durfte erst gar nicht anfangen, für diesen Sack Sympathien zu entwickeln – dies passierte mir nämlich jedes Mal ohne mein Zutun oder meine Einwilligung. So geschehen bei meinem Ex – und anderen männlichen Egoisten, die mich wie eine heiße Kartoffel hatten fallenlassen, ehe überhaupt etwas passiert war.
Johnny verzog das Gesicht. »O Mann! Ihr Weiber steht echt alle auf die gleichen Langweiler.«
»Besser für uns. Dann fallen wir wenigstens nicht auf aufgeblasene Machotypen herein.«
Sein Blick wurde giftig. Dies war äußerst gut an seinen hübsch geschwungenen sich bedrohlich nach unten ziehenden Brauen zu erkennen, durch welche seine strahlenden Augen eine längliche Form annahmen, was wiederum diesen verdammten Feschak nochmals attraktiver machte.
»Ist schon witzig. Auf der einen Seite verlangt ihr nach einem Macho, auf der anderen nach einem Softi, der mit euch In den Schuhen meiner Schwester ansieht und Heulkrämpfe erleidet. Ein solcher Mensch existiert in Wirklichkeit aber nicht. Also entscheidet euch besser einmal.«
Grundgütiger!
Ich unterdrückte einen aufwallenden Brechreiz.
Psychologische Weiberfilme und Drecksschnulzen, die im Cineplexx unter die Rubrik Ladys Night fielen, stellten für mich die größte Qual des Jahrhunderts dar – von Hämorrhoiden, Menstruationskrämpfen und Blasenentzündungen einmal abgesehen.
Ich zeigte ihm einen Vogel. »Wer zieht sich schon diese bescheuerten Schinken rein? Das ist ja Folter!«
Er gestikulierte zu mir. »Na du, wahrscheinlich.«
Ja, ging’s denn noch?!
»Erstens wissen Sie nichts über mich und zweitens sind wir noch lange nicht per Du!« Dies gesprochen machte ich auf dem Absatz kehrt und steuerte meinen Bungalow an.
Was bildete sich dieser Kerl ein?!
Mich als eine solche elendige, verweichlichte, heulende, nichtsnutzige Dreckstusse abzustempeln … am liebsten hätte ich ihm seine gut aussehende Fresse poliert!
Meine Wut wuchs und wuchs. Das Herz hämmerte, meine Wangen fühlte sich zunehmend heißer an.
Ich betrat den Holzsteg.
Das hatte mir gefehlt! Für die restlichen vier Tage mit diesem Volldouche bestraft zu werden!
Das durfte einfach nicht wahr sein!
Hörbar atmete ich durch, rieb mir über die Stirn und sammelte mich.
Nicht aufregen. Einfach nicht aufregen. Es hätte beträchtlich schlimmer kommen können.
Jetzt blieb einzig zu hoffen, dass dieser Arsch die meiste Zeit irgendwelchen sportlichen Aktivitäten frönte. Der Körperbau schloss jedenfalls darauf. Oder womöglich liebte er es, zu tauchen und zu schnorcheln.
Was auch immer er tat, Hauptsache er verbrachte den gesamten Tag nicht neben mir auf der Sonnenliege!

Theo konnte es noch immer kaum fassen. Das heiße Fahrgestell vom Wiener Flughafen! Und wie heiß! Verdammt heiß! Einem solchermaßen durchtrainierten Körper begegnete man äußerst selten. Und erst der sexy dunkelrote knappgeschnittene Bikini … ein einziger Männertraum. Konnte das tatsächlich Zufall sein? Oder war sie etwa ein Spion, den man auf ihn angesetzt hatte? Die letzte Aktion hatte ihm nicht eben Freunde eingebracht – weder in Dubai noch in anderen von Terroristennetzwerken umsponnenen Großstädten der Welt.
Wie Wien.
Diese Hauptstadt stellte – unmittelbar nach Berlin – eine inoffizielle Hochburg dar. Brüssel lag zwar an erster Stelle, wenn es um Terrorangriffe und Terroristendichte in Europa ging. Dessen ungeachtet wurde von allen Herren Ländern aus koordiniert.
War das Vollblutsweib womöglich ein Spitzel? War sie auf ihn angesetzt worden? Hatte sie ihn bereits von Wien aus verfolgt?
Nein.
Dann hätte sie nach ihm eintreffen müssen. Des Weiteren wusste niemand Bescheid über seinen Urlaub auf den Malediven – bis vor wenigen Stunden nicht einmal er selbst. Kurzfristiger hätte seine Auszeit niemals ausfallen können.
Er schüttelte den Kopf.
Was dachte er da überhaupt?
Hier gab es keine Terroristen!
Es wurde wirklich Zeit, auf andere Gedanken zu kommen und den Stresspegel abzubauen – die Seele baumeln lassen, schlafen, sich von einer hübschen, vollbusigen Schönheit massieren lassen …
Außerdem: Eine mauerverbeißende Zicke wie diese war niemals Agent, Spitzel oder Terrorist. Die war günstigstenfalls sexuell frustriert oder frisch geschieden.
Aber falls dies zutraf, was machte sie dann, in Gottes Willen, hier auf den Malediven?
Und was zum Henker tat er eigentlich hier?
Er blickte sich um.
Verliebte Pärchen und alte Säcke, wohin man sah …
Dabei wollte er Party und Sex!
Scheiße.
Und die einzige Möglichkeit eines One-Night-Stands musste selbstverständlich in Form dieser Furie daherkommen!
Fuck.
Weshalb musste das Leben stets derartig grausame Züge annehmen?
Seufzend machte er es sich auf seiner Liege bequem.
Mehr konnte er jetzt ohnehin nicht tun.
Doch!
Beten.
Beten, dass diese Frustrierte sich nicht jeden Tag auf dem Strand herumtrieb.
Da würde nämlich er liegen. Den ganzen Tag – und zur Abwechslung ein wenig Schwimmen und ein paar Eigengewichtsübungen absolvieren.
Hoffentlich liebte sie es zu tauchen und zu schnorcheln. Schließlich gab es genügend Möglichkeiten, wie sie ihre Freizeit verbringen konnte. Nur bitte nicht neben ihm am Strand liegen!
Bitte Gott!

Bis zum Abendessen vertrieb er sich die Zeit mit Schlafen. Dementsprechend gering fiel sein Appetit aus. Gemütlich schlenderte er in das aus hellem Holz gefertigte Restaurant, dessen Innenräume von der untergehenden Sonne nahezu betörend erleuchtet wurden. Ein wahrhaftig perfekter Anblick, um diesen ersten Urlaubstag gebührend ausklingen zu lassen.
O ja, er liebte das – romantische Farbenspiele der Sonne, Schneegestöber, das weiche graubläuliche Licht eines langen Regentags, üppig gedeihende Pflanzen oder puristische Architektur.
Innerlich verzog er das Gesicht.
Das klang jetzt doch etwas zu schwul … zumal er nichts von Liebesgeständnissen oder Heiratsanträgen vor einem atemberaubenden Sonnenuntergang hielt. Vielmehr ging es ihm um den Genuss des Augenblicks. Diese wenigen Sekunden, die dich mit reiner Glückseligkeit beschenken – vom Sex einmal abgesehen. Wie die eben durch die schneeweißen, bodenlangen Vorhänge dringenden orangefarbenen Strahlen der untergehenden Maledivensonne vermengt mir dem Geruch köstlicher Fressereien …
Und mit einem Schlag war all die Romantik verflogen.
Da stand sie, die Zicke des Monats – mit einem weißen im Wind wehenden Strandkleid, welches ihre ewig langen Beine, die trainierten Oberarme und den Schwanenhals selbstredend perfekt in Szene setzte. Getoppt wurde ihr Erscheinen durch die lockigen sich wie ein Wasserfall über ihre Schultern bis zu ihren Hüften ergießenden Haare.
Verdammt noch mal!
Weshalb musste ausgerechnet sie dermaßen betörend aussehen?! Konnte sie nicht klein, fett und verrunzelt sein? Oder überhaupt auf einer anderen Insel urlauben?
Alsbald sie ihm gewahr wurde, schleuderte sie ihm einen tödlichen Blick zu und setzte sich zu einem der letzten freien Tische.
Ganz klasse!
Dabei hätten sie miteinander ein paar unvergessliche Nächte verbringen können. Bei einem trainierten Körper wie dem ihren wäre ein One-Night-Stand tausendmal schöner ausgefallen als mit irgendwelchen notgeilen Thekenweibern, die man am nächsten Morgen nicht einmal mehr recht wiedererkannte. Ergo: Bei ihr hätte er das Licht nicht auszuschalten brauchen.
Scheiße.
Aber andererseits …
Womöglich sollte er es trotzdem versuchen? Womöglich hatte sie einen schlechten Tag? Womöglich konnte noch etwas daraus werden, wenn er seine, zugegebenermaßen derben, dafür in der Vergangenheit durchgehend erfolgreichen Machosprüche beiseitestellte?
Offensichtlich stand sie nicht auf Großspurigkeit – womit er überhaupt kein Problem hatte. Falls es ihm gelang, sie mit ein paar schleimigen Komplimenten und etwas Charme um den Finger zu wickeln, würde er es eben auf diese Weise versuchen.
Was hatte er großartig zu verlieren?
Es lockte eine geile Nacht. Und mehr als eine Abfuhr konnte er sowieso nicht kassieren.
Außerdem: Was sollte er sonst tun? Neben seinen Nickerchen und Trainingseinheiten blieb viel Zeit, um sie zu umwerben – oder sie zu verarschen.
Er trat zu ihr, die Hände in die Hosentaschen seiner naturfarbenen Strandhose gesteckt. »Ist der Tisch noch frei?«
Ihre gesamte Körperhaltung brachte Abweisung zum Ausdruck. »Nein. Ich sitze hier, falls Sie das noch nicht bemerkt haben.«
»Deshalb frage ich ja.«
Sie wirkte ungleich angepisster. »Ein ganzer Saal gefüllt mit Tischen und Sie wollen sich ausgerechnet zu mir setzen? Weshalb? Um mich erneut blöd von der Seite anzumachen?«
Das war der Beweis. Sie stand tatsächlich nicht auf billige Sprüche.
Diese Erkenntnis reizte ihn wesentlich mehr. »Nein. Ich wollte mich zu dir setzen, weil es hier vor Pärchen wimmelt und ich mich schlecht zu diesen setzen kann.«
Sie nickte nach links. »Da hinten ist noch ein freier Tisch. Nehmen Sie den.«
»Ich möchte mich aber mit jemandem unterhalten.«
»Dann hätten Sie nicht alleine auf Urlaub gehen sollen. Erst recht nicht auf die Malediven.«
O Mann!
Die war ein echt harter Brocken.
Dann eben auf die andere Art.
Ohne weiter nachzufragen, ließ er sich auf den Holzstuhl mit der Bastsitzfläche ihr gegenüber nieder.
»Hallo?! Geht’s noch?« Nun wirkte sie richtig angefressen. »Was tun Sie da?«
»Ich setze mich zu dir.«
»Na, das hätte ich jetzt nicht für möglich gehalten.«
»Du hast gefragt.« Er konnte sich ein abschließendes Lächeln nicht verkneifen, worauf sie ihm am liebsten einen Stuhl über den Schädel gezogen hätte – solchermaßen fuchsteufelswild wie sie ihn anfunkelte.
Hach, wie er es liebte, Weiber mit derlei Aussagen auf die Palme zu bringen!
»Sie kommen aus Berlin, oder?«
Anscheinend hatte ihn sein Dialekt verraten.
»Ja.«
Dabei hatte er durch das viele Reisen und Kennenlernen verschiedenster Kulturen einen erheblichen Teil seiner typisch deutschen Art und Sprechweise verloren.
»Dann verstehen Sie bestimmt Deutsch, nehme ich an?«
Okay … jetzt erhielt er die Retourkutsche, die er ihr jedoch sogleich zurückschickte. »Ja, neben Französisch, Italienisch und Englisch.«
Für eine Millisekunde huschte etwas Ähnliches wie Überraschung über ihre eleganten, feinen Gesichtszüge, ehe frische Wut in Erscheinung trat. »Dann noch einmal, damit Sie es kapieren: Ich möchte alleine sitzen. I want to sit here on my own. Ci siamo capiti?«
Es wurde ihm heiß.
Wow.
Dass sie mehrere Fremdsprachen beherrschte, damit hatte er – zugegebenermaßen – nicht gerechnet. Englisch, okay – aber Italienisch? Womöglich sprach sie sogar Französisch …
Eine Gänsehaut überrannte ihn, ausgelöst durch reine sexuelle Vorfreude.
Sich auf Französisch gegenseitig schmutzige Worte zuraunen, während er es mit ihr trieb – hemmungslos, bedenkenlos, zügellos.
Scheiße, ja!
Das hatte er sich ständig mit seiner Ex gewünscht. Diese sprach nämlich fließend Französisch und Spanisch. Aber nein, die Dame wollte nie. Die verschiedensten Stellungen, ja. Ein paar unanständige Meldungen in den Raum werfen, nein.
Theo blickte dem Vollblutsweib tief in die mit ewig langen Wimpern umsäumten blaugrauen Augen. Augen, die ihn sekündlich abstoßender musterten.
Sie konnte so verbissen dreinschauen, wie sie wollte, nun ließ er sich nicht mehr verjagen. Denn offenbar war sie keine reine angeberische Tusse mit Sexfrust, sondern eine intelligente Tusse mit Sexfrust! Und falls die Sache mit dem Sexfrust tatsächlich zutraf, konnte es des nächtens wahnsinnig heiß hergehen. Falls sie es dermaßen nötig hatte, müsste sie ziemlich schnell kommen … das wiederum bedeutete weniger Rücksicht, mehr Genuss – geilster Sex überhaupt!
»Ma chérie –«
»Ich spreche kein Französisch, also ersparen Sie mir das schwülstige Gelaber und gehen Sie einfach.«
Scheiße, nein!
Damit konnte er die Französischnummer abhaken.
Verfluchte Scheiße!
Andererseits … drauf geschissen auf französisches Geraune! Im Endeffekt konnten sie es dennoch hemmungslos miteinander machen.
»Nope. Du hast mich neugierig gemacht.« Er lehnte sich auf die Tischplatte – und sie wich blitzartig zurück.
Interessante Körperreaktion.
War sie womöglich schüchtern, und keifte aus diesem Grund übertrieben laut?
»Weshalb so abweisend? Bloß wegen der Aussage am Nachmittag?«
Genervt schaute sie Richtung Bar. »Unter anderem.«
»Und sonst?«
Sie drehte sich zu ihm zurück und taxierte ihn – wie konnte es anders sein – abschätzig und abstoßend. »Lassen Sie es einfach. Ich bin nicht auf einen One-Night-Stand aus.«
Es traf ihn.
Gewaltig.
Dabei sollte es das nicht!
Mein Gott, Theo, dann will sie eben keinen Fick. Weswegen reagierst du derart kindisch?
Scheiße noch mal!
Hatte er etwa ein leichtes Burn-out? Oder irgendwelche anderen psychischen Probleme? Bisher hatte ihn eine Abfuhr nicht im Geringsten gekratzt!
Er schob die bescheuerten Gedanken zur Seite.
»Bist du verheiratet?«
Ein vernichtender Blick war Antwort genug.
Diese Aussage durfte er wohl als einen weiteren Griff ins Klo bezeichnen.
»Sehe ich etwa aus, dass ich auf diesen altmodischen Kram stehe?«, zischte sie. »Außerdem: Hätte ich einen Partner, würde ich bestimmt nicht alleine auf Urlaub gehen, oder?«
Sein Zorn, ob ihrer Abweisung, der Kaltschnäuzigkeit und der Arroganz, begann zu wachsen.
Na gut!
Wenn die freundliche Schiene nicht funktionierte, dann eben auf die altbekannte Harte.
»Sexfrust.«
Vor Wut fingen ihre Wangen zu glühen an. »Was?!«
»Sex-frust«, wiederholte er bewusst langsam und eine jede Silbe betonend. »Du leidest offensichtlich an Sexfrust. Und glaub mir – da hilft alleine eines: Wilder Sex mit einem Unbekannten.«
Ja genau, mit ihm!
Darauf antwortete sie gar nicht mehr. Stattdessen lief ihr Gesicht knallrot an.
Er musste sich eingestehen, sie sah dadurch richtig niedlich aus.
»Wir könnten echt viel Spaß haben.«
Ihre Augen weiteten sich.
Theo deutete zu den Wasserbungalows. »Mein Zimmer ist dort hinten. Falls du Lust hast, können wir uns einen schönen Abend machen. Mit Sex in der Badewanne oder im Pool. Im Bett ist aber genauso in Ordnung. Oder in der Regendusche … ist mir alles recht.«
»Geht’s noch?« Ihre Stimme hatte einen überraschend rauen Klang.
Machte sein Vorschlag sie etwa dermaßen an, oder fühlte sie sich einfach vor den Kopf gestoßen?
Egal woran es lag, er musste sie weiter anstacheln. Womöglich hatte er noch Chancen. Chancen auf eine relaxende Nacht mit einem oder unter Umständen sogar zwei Höhepunkten, die seinen Verstand für eine kurze Zeit außer Gefecht setzen würden.
»Über uns der Sternenhimmel«, raunte er. »Und du unter mir. Das würde mir gefallen.«
Ohne etwas Weiteres zu verlauten, erhob sie sich und eilte davon – das dichte Haar wehte elegant hinter ihr her.
Fuck.
Irgendwie hatte er sich den Ausgang dieses Gespräches anders vorgestellt.

Scheiße, scheiße, scheiße! Mein pochender Unterleib löste heißkalte Schauer aus, die mir manchmal langsam manchmal schnell über den Rücken jagten. Das konnte einfach nicht wahr sein! Das durfte nicht wahr sein! Nein, nein, nein. Ich riss mir das Kleid vom Leib und stellte mich unter die Dusche – unter eine eiskalte Dusche. Jedoch fiel der Schock dermaßen schmerzhaft aus, sodass ich das Wasser nach nicht einmal zehn Sekunden warm drehte.
Wie konnte ein wildfremder Mann mich solcherart erregen? Und das lediglich durch ein paar blöde und ohnehin nicht erstgemeinte Aussagen!
Vier Jahre.
Verfickte vier Jahre hatte ich keinen Sex mehr gehabt, ebenso wenig einen richtigen Flirt oder ein Date. Und dann tauchte plötzlich dieser sexy Typ mit seiner tiefen Stimme und diesen hypnotisierenden Augen auf und raunte mir schmutzige Sachen zu!
Ob dieser gedanklichen Zusammenfassung begannen meine Wangen erneut zu prickeln.
Die Stirn gegen die kühlen Fliesen gelehnt schlang ich die Arme um meinen Oberkörper.
In drei Teufels Namen! Wieso?!
Über uns die Sterne – und du unter mir.
Diese Worte waren mir wie ein Blitz in den Unterleib gefahren – erregten mich … es wurde mir schwindlig dabei.
Und damit schaltete das wundervolle Krampfen eine Stufe höher.
Nein, nein, bitte Gott, nein!
Das musste aufhören!
Auf die Unterlippe beißend versuchte ich mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren: Das schöne Meer, meine Waffen – die sexy Wilson –, mein Auto … doch keine Minute verging und sein verschmitztes Lächeln sowie sein strahlender Augenausdruck tauchten vor mir auf.
Scheiße!
Ich wollte es nicht, wirklich nicht.
Letzten Endes gelang es mir trotzdem nicht mehr, meine vermaledeiten Gedanken unter Kontrolle zu bringen …
Nackt im Pool mit ihm. Leidenschaftliche Küsse, die zu vereinigten Körpern führen. Er in mir, über uns die leuchtenden Sterne, während wir einem gemeinsamen Höhepunkt zusteuern …
Das Pulsieren und Ziehen dort zwischen meinen Beinen verschlimmerte sich zusehends. Hitze überrollte mich wie eine Feuerwalze. Sehnsucht und Begierde krampften mir das Herz zusammen.
Gott … seitdem ich über Liebe und Beziehungen Bescheid wusste, sehnte ich mich nach einem erfüllten Sexleben. Nach Leidenschaft und hemmungslosen Liebesspielen. Nach bedingungsloser Liebe und Einigkeit …
Jäh ertappte ich mich dabei, wie ich mir laut seufzend die Finger in den nassen Leib schob. Zentimeter um Zentimeter. Dann ging’s zurück und vor, zurück und vor. Ich schloss die Lider – stellte mir vor, es wären Johnnys Finger, die sich da in mir bewegten.
Wie würde er mich anblicken, wenn er kurz davorstünde, zu kommen? Welcher Ausdruck läge in seinen goldenen Augen?
Keuchend presste ich den Handballen gegen die Klit, und ein wunderbares Prickeln sauste Richtung Oberkörper.
Wie würde es sich anfühlen, wenn er sich in mich stieße? Wild … sanft … seine Arme um mich geschlungen, seinen glühenden trainierten Körper gegen den meinen geschmiegt … seine tiefe vor Lust stöhnende Stimme … rhythmische uns in Ekstase versetzende Bewegungen …
Abermals presste ich dagegen – und erschauerte.
Lange, intensive Küsse … Seine Hände in meinen Haaren … »Ich will dich. Alleine dich. Keine andere.«
Ein letztes Pressen gegen meine Perle, und die Welle brach. Bebend hielt ich die Luft an, drückte mich gegen die Fliesenwand, sog dieses intensive Gefühl mit einer jeden Faser auf.
O Gott.
Wieso war es derart schwer geworden, alleine durchs Leben zu gehen? Weshalb brach meine Sehnsucht andauernd durch?
Außer Atem und zittrig duschte ich mich zu Ende, trocknete mich ab und verkroch mich ins Bett.
Ich fühlte mich erschlagen, depressiv und einsam.
Wieso jetzt? Wieso hier?
Wieso hatte meine Beziehung nicht funktionieren können?
Nie wollte ich mich austoben oder irgendwelchen krankhaften sexuellen Praktiken frönen. Einfach geliebt werden. Das war alles. Keine Spielchen, keine Zwänge, keine Vorwürfe, keine Manipulationen. Einfach lieben und geliebt werden. Den anderen akzeptieren, wie er war. Mit Haut und Haar.
War das zu viel verlangt?

Alles nur nicht ausgeruht erwachte ich in der einsetzenden Dämmerung. Zumindest war es mir nun möglich, den Sonnenaufgang und den zu dieser Zeit hoffentlich verlassenen Strand zu fotografieren. Unterdessen ich mich wusch, änderte ich meine Meinung. Ich fühlte mich schlichtweg zu ausgelaugt, um eine Zwei-Kilo-Kamera und ein Stativ herumzuschleppen.
Lieber war mir ein ruhiger Spaziergang. Ich trat nach draußen, schlenderte den verlassenen Steg entlang, der fünf der zehn Wasserbungalows miteinander verband. Außer sanfte gegen die Stegpfeiler klatschende Wellen, das leise Summen der Stromerzeuger sowie hier und da ein lautes Geschrei der scheuen indischen Koel, welches der leichte Wind vom Dickicht aus zu mir trug, lag die Insel in nahezu heiliger Stille. Die drei kleinen Holztreppen überbrückte ich mit einem beherzten Sprung in den kühlen vom Zwielicht gräulich schimmernden weichen Sand. Ich atmete die salzige frische Luft ein, fühlte meine sachte im Wind wehenden und meinen freien Rücken kitzelnden Haare. Der zarte Stoff meines weißen Strandkleides umspielte meine Beine, nötigte mich, mich im Kreis zu drehen. Eine Pirouette, zwei, drei. Ich empfand keinerlei Schwindel.
Das Training hatte meinen Gleichgewichtssinn äußerst gutgetan. Hätte ich solche Drehungen in meiner Jugendzeit vollführt, wäre ich längst orientierungslos durch die Gegend getaumelt …
Mein Blick glitt gen Himmel. Zarte Punkte waren zu erkennen, die mit jeder Minute an Strahlkraft verloren.
»Du wirkst wie eine Fee.«
Mir wurde es kalt. Eisig kalt. Und letztlich heiß. Glühend heiß.
Nein.
Alles, bloß das nicht!
Langsam drehte ich mich um.
Nein. Es war keine Einbildung. Wäre auch zu schön gewesen.
Der Typ, dessen Namen ich noch nicht einmal kannte, mich dennoch mehr erregte als irgendjemand sonst in meinem Leben zuvor, schritt grinsend auf mich zu.
»Was machst du so früh unterwegs? Konntest du nicht schlafen?«
Jäh rief mein Verstand sämtliche meiner Selbstbefriedigungsgedankenspiele ab.
Scheiße.
»Ja«, würgte ich irgendwie hervor und rang um Fassung und Selbstkontrolle.
Seine Gesichtszüge verloren etwas von ihrer Härte. »Ich kenne nicht einmal deinen Namen.« Er streckte mir die Hand entgegen. »Darum mache ich mal den Anfang. Ich heiße Theo.«
Allein mit knapper Not gelang es mir, nicht zurückzuweichen und diese äußerst zögerlich zu ergreifen.
Ein enormes Prickeln erfasste mich.
Zweimal Scheiße.
Beruhig dich. Beruhig dich. Er ist niemand. Gar niemand. In drei Tagen siehst du ihn nie mehr wieder.
Dieser Gedanke verpasste mir einen weiteren Schlag – einen unangenehmen Schlag.
Dreimal Scheiße.
»Warum auf Englisch?«, brachte ich im kratzigen Tonfall und unter großer Anstrengung hervor.
Seine Lippen formten ein breites Lächeln. »Das klingt lässiger.« Er hielt ein, verzog das Gesicht. »Theodor.« In typischer Deutsch-Manier sprach er seinen Namen angeekelt aus. »Das hört sich nach einem alten pensionierten Sack der Nachkriegszeit an.«
Ich musste kichern. »Echt jetzt?«
»Ja«, erwiderte er sachlich und ließ das Lächeln nochmals anwachsen. »Schon vergessen? Ich bin ein Macho. Der Name würde nie zu einem Macho passen, oder?«
Ungläubig zog ich die Augenbrauen hoch.
Mit einem derartigen Sinn für Humor hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.
»Meinst du das jetzt ernst?«
»Absolut.«
»Oder willst du dich bei mir auf irgendeine perfide Art einschleimen?«
Theos Augen verengten sich. »Ich wollte dir damit eigentlich ein Friedensangebot machen.«
»Friedensangebot? Waren wir denn im Krieg?«
Er wirkte belustigt. »Wie du dich verhalten hast, ja.«
Da musste ich ihm, leider Gottes, recht geben. Ich hatte einen Tick zu aufbrausend reagiert.
Lag wahrscheinlich an meinem Sexfrust.
»Okay. In Ordnung. Dieser Punkt geht an dich.«
»Und wie heißt du?« Theo beäugte mich eindringlich, wodurch eine stürmende Adrenalinwelle in mir ausgelöst wurde.
Gar nicht gut.
»Evina.«
Sein Händedruck verstärkte sich geringfügig – dadurch bemerkte ich erst, dass wir uns nach wie vor die Hände hielten. Anscheinend wurde ihm diese kleine peinliche Tatsache ebenfalls erst jetzt gewahr, warf er mir doch einen verwirrten Blick zu und zog gleichzeitig die Hand zurück.
»Evina also.« Schlagartig blitzte Schelm in seinen Augen auf. »Das klingt wie Vagina.«
Bevor diese Äußerung von meinem Gehirn gänzlich verarbeitet worden war, hatte ich Theo bereits eine gescheuert, den Rückmarsch angetreten und ihm die einzig passende Charakterbeschreibung zurückgerufen: »Arschloch.«
Dieser verfluchte Drecksack! Was erlaubte der sich eigentlich?!
Erst auf freundlich machen, und mich dann verarschen!
Es war so typisch!
»Hey, warte!«
Und da war er schon, packte mich an der Schulter, infolgedessen ich seine Hand ergriff und diese ruckartig zurückbog.
Vor Überraschung – oder angesichts der Schmerzen? – stieß er einen unterdrückten Schrei aus. In der Zeit hatte ich ihn zu mir gezogen, mein linkes Bein zwischen seine gehakt und ihn auf den Boden der Tatsachen – sprich mit der Visage voraus in den Sand – gestoßen. Zum Abschluss kniete ich mich auf seinen Rücken.
Halleluja!
Bestand der Typ aus Stahl, oder was? Selbst mit meinem Knie spürte ich eine jede Erhöhung, einen jeden Muskelstrang.
Wie viele Trainingseinheiten musste er dafür täglich absolvieren? Und was machte der Typ dann beruflich? Bodygard, Bodybuilder oder Türsteher?
Meine Aufmerksamkeit fiel auf sein lockiges, leicht zurückgekämmtes Haar.
Solch einen Sparring-Partner hätte ich gerne für zu Hause gehabt. Ein durchtrainierter Körper, ein hübsches Gesicht und bescheuerte Meldungen, die mich anstachelten, ihn wieder und wieder zu verdreschen.
Und darauffolgend heißer Sex.
Über diesen wahrhaftig behämmerten Einfall schüttelte ich bloß den Kopf und konzentrierte mich auf das Hier und Jetzt.
»Scheiße!«, erklang es winselnd-laut unter mir.
Ich bog seinen Arm weiter nach hinten und ein Stück nach oben. »Fass mich noch ein einziges Mal an und du musst mehr über dich ergehen lassen, als durch mich deine elendige Fresse in den Sand gesteckt zu bekommen, kapiert?«
»… Schei … ße«, stammelte er. »… okay.«
»Und falls du mich ein weiteres Mal beleidigst.« Um meiner Drohung die nötige Authentizität zu verleihen, zog ich nochmals an seinem Arm. »Mache ich dich erst recht fertig.«
»Okay … oh … kay.«
Damit ließ ich von ihm ab.
Keuchend und mir todbringende Blicke zuwerfend erhob er sich.
Mit diesem Angriff hatte er nicht im Geringsten gerechnet.
Gut so.
Theo wischte sich den Sand aus dem Gesicht – genauer gesagt, aus seinem Bart. »Du bist gut.« Seine Stimme klang heiser, rau … sexy.
Wie hörte sie sich wohl an, wenn er kam?
»Das war noch gar nichts.«
Seine Mimik zeigte offenkundige Streiteslust. »Dann würde ich dich gerne einmal in richtiger Aktion erleben.«
»Das, mein Freund, würdest du nicht überleben.«
Eben wollte ich mich umdrehen, da packte er erneut nach mir und zog mich zu sich. Ich reagierte – zu langsam. Dadurch gelang es ihm, mir von hinten seine Arme durch meine Achseln zu schlingen.
Durch ruckartige Bewegungen versuchte ich noch, ihn davon abzuhalten, seine Hände hinter meinem Kopf zu verschränken – vergeblich. Er war schneller und brachte mich mit einem gezielten Tritt auf die Knie.
»Ja, du bist wirklich gut«, säuselte er mir ins Ohr.
Erregung vermengt mit Zorn und Adrenalin lief mir heißkalt den Rücken hinab.
»Jedoch niemals solchermaßen gut wie ich.«
Scheiße!
»Lass mich los! Verdammt noch einmal! Lass mich los!«
Oder ich würde ihn …
Ja, was würde ich …?
Gar nichts konnte ich tun!
»Verfickte Scheiße! Lass mich los!«
Seine Antwort? Ein genüssliches »Nein«.
Und meine? »Fick dich!«
»Ich glaube eher, du wolltest sagen: Fick mich.«
Völlig sinnfrei versuchte ich, mich aus seinem eisernen Griff zu befreien: Dies beinhaltete unter anderem nutzlose Versuche, nach seinen Händen zu greifen und mit lauten, wilden Flüchen wie Drecksack, Arschloch, Hundesohn, um mich zu werfen.
»Hey … hey.« Samtweich schnurrend gab er diese Erwiderung von sich. »Wenn du mich weiterhin beleidigst, lasse ich überhaupt nicht mehr von dir ab.«
Verfluchter Scheißdreck!
Und als wäre diese Situation nicht längst peinlich und erniedrigend genug, musste er seinen durchtrainierten und sich unwahrscheinlich heiß anfühlenden Körper teilweise an meinen Rücken pressen, wodurch sich mein krudes Hirn kleinweise verselbstständigte und mir allerlei erotische Bilder lieferte: er mich zu Boden gedrückt, seine Hand unter meinem Sommerkleid, meinen Oberschenkel massierend … dann langsam weiter zwischen meine Beine gleitend und letztlich seine Finger in meinen Leib schiebend.
»Nun«, riss Theo mich aus den Tagträumen. »Wie wäre es mit einer kleinen morgendlichen Zärtlichkeit?«
Diese Worte brachten meinen Körper in einen Ausnahmezustand. Ein heftiges Zittern ergriff Besitz von mir, welches ich zwanghaft zu unterbinden versuchte. Des Weiteren breitete sich eine verstandabdrehende Hitze in meinen Wangen und meinem Unterleib aus.
Sex mit ihm …
Wäre er ein guter Liebhaber?
Scheiße Evina, was denkst du da?! Der Typ würde dich genauso ausnutzen wie dein verfickter Ex.
Exakt.
Doch das würde niemals mehr passieren.
Keine Beziehung, auch keinen One-Night-Stand – nichts würde ich zulassen.
Selbst wenn ich vor Verlangen durchdrehte …
Ein weiteres Mal derart gekränkt zu werden, hätte ich nicht überlebt.
»Eher ziehe ich es vor, mein Leben lang alleine zu bleiben, bevor ich es mit dir treibe!«
Und keine Sekunde später bereute ich meine Aussage.
War ich ernsthaft derart verzweifelt? Hatten mich die letzten einsamen Jahre solcherweise verkorkst?
Weswegen konnte ich nicht zugeben, dass Theo recht hatte … ich endlich wieder berührt werden wollte?
Weswegen spielte ich der gesamten Welt vor, ich würde niemanden brauchen, wenn es niemals der Wahrheit entsprochen hatte?
»Weshalb reagierst du so heftig?«, vernahm ich ihn sanft fragen. »Da stimmt doch was nicht.«
Mir wurde es kalt. »Lass mich einfach in Ruhe.«
Und er ließ mich tatsächlich los.
Ich wollte mich von ihm entfernen, mein Ego hingegen hatte andere Pläne: Ich schlug zurück. Mit einem Kopfstoß gegen sein Kinn und nachfolgend perfekt platziertem Schlag meines Ellbogens in seinen Magen.
Taumelnd landete er auf dem Rücken.
Ich wollte ihm einen weiteren Schlag in die Fresse verpassen – dieses Mal mit der Faust –, zu meinem Pech blockte er mich elegant ab, packte mich blitzschnell an den Armen und zerrte mich zu ihm zu Boden. Breit lächelnd drückte er mich in den kühlen, feuchten Sand und fixierte meine Hände über meinem Kopf.
Da erhob sich jäh die Sonne, schickte ihr rot-oranges Licht über das Meer – und die Zeit stand still.
Theos Haare leuchteten kupferbraun, seine Augen funkelten wie pures Gold.
Es raubte mir den Atem.
»Das gefällt mir.« Er lehnte sich zu mir. »Ich stehe auf widerspenstige Frauen. Das macht mich heiß.«
Ich wusste wahrhaftig nicht, was ich entgegenbringen konnte.
Schließlich gefiel es mir ebenfalls!
Seit jeher war ich streitlustig und aufbrausend – und ebenso schnell erregte es mich, wenn jemand mich herausforderte, erst recht in der Abteilung Kampfsport.
Und bei einem solchen Körper wie dem seinigen? Da konnte man bloß auf schweinische Gedanken kommen, oder?
»Sollen wir uns noch ein wenig zusammenschlagen oder überspringen wir das Ganze und gehen in meinen Bungalow?«
Mein Ego schaltete sich erneut ein – und meine Vernunft, oder besser gesagt, mein Verstand. »Nein. Ich habe dir gesagt, ich stehe nicht auf One-Night-Stands, kapiert?«
»Irgendwie kann ich dir nicht recht glauben.«
»Glaub, was du willst.«
Ich versuchte mich unter ihm herauszuwinden.
»Nein, nein«, tadelte er spielerisch. »Vergiss es. Du stehst erst auf, wenn ich dich lasse.«
Dies gesprochen, setzte er sich rittlings auf meinen Bauch.
Fuck!
»Okay.« Seufzend entspannte ich mich. »Was willst du?«
Er zog seine rechte Braue nach oben. »Na, Sex. Worüber unterhalten wir uns die ganze Zeit?«
»Gibt es, von Sex einmal abgesehen, noch etwas anderes für dich?«
»Ich bin im Urlaub. Ich bin Single und ich habe verdammt viel Stress abzubauen. Also, nein. Weswegen auch? Sonst habe ich alles, was ich mir wünsche.«
»Lediglich eine Nutte fehlt dir?«
Männer waren wirklich alle die Gleichen!
Seine wohlgeformten Augenbrauen zogen sich bedrohlich nach unten. »Ich brauche keine Nutte! Ich wollte ein wenig Spaß. Ist das ein Verbrechen?«
»Und falls du keinen Gratissex bekommst, was dann?«
Theos Lippen deuteten ein Lächeln an. »Dann mache ich es mir eben selbst.«
O Gott.
Wie sah es aus, wenn er sich selbst anfasste? Wie fasste er sich an? Würde er es sich sitzend, liegend oder stehend machen?
Heiße Lust brauste mir durch den Leib.
Wie würde er reagieren, wenn ich es wäre, die ihm seine Härte massierte?
Hör auf, Evina! Hör auf, darüber nachzudenken.
»Woran hast du eben gedacht?« Ein breites wissendes Grinsen seinerseits trieb mir die Schamesröte ins Gesicht.
Hatte ich ihm irgendeinen Grund geliefert, zu erkennen, welche schmutzigen Gedanken in meinem Kopf herumgeisterten?
Schlagartig kapierte ich: Die heißen Wangen waren Beweis genug!
»Du unanständiges Ding«, säuselte er mit dieser tiefen sexy Stimmlage. »Ich glaube, du hast es faustdick hinter den Ohren. Du sagst zwar, du willst nichts von Sex wissen, dabei spielt sich da viel mehr in deinem Köpfchen ab … es wird mir bereits deshalb heiß.«
»Red keinen Unsinn!«, fauchte ich und errötete selbstredend beträchtlich heftiger. »Lass mich einfach in Ruhe!«
Ich musste hier weg!
Sofort!
In meinen Bungalow – und für die restlichen Tage nicht mehr vor die Tür treten.
Ich drehte den Kopf zur Seite, zum Meer. »Lässt du mich jetzt endlich gehen?«
»Was bekomme ich dafür?«
Mein Blick sprang zu Theo zurück. »Was meinst du damit?«
Sein blitzender Augenausdruck und das immense Grinsen entfesselten mir stechende Schauer. »Ich will eine Entschädigung.«
»Bitte was?!«
»Eine Entschädigung für die Körperverletzung, die nach §223 des Strafgesetzbuches normalerweise mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet wird.«
Meine Alarmglocken schrillten.
Er kannte sich mit den deutschen Strafgesetzen aus!
War er etwa Polizist?
»Aber für mich reicht ein Candle-Light-Dinner am Strand, das selbstverständlich du zahlst.«
Nach wie vor geschockt ob seiner Aussage, stimmte ich zu, ohne genauer nachzudenken.
»Super!« Fröhlich-beschwingt erhob er sich. »Heute Abend. Vergiss nicht, zeitig zu buchen!«
Dies gesprochen zog er von dannen.
Und mir gelang nichts weiter, als liegen zu bleiben und mich selbst zu verfluchen.
Immer und immer wieder.
Was, zur Hölle, hatte ich da verbockt?!

Als er sie in der Dämmerung erblickt hatte, wollte er sie erst gar nicht ansprechen. Sogar die entgegengesetzte Richtung wollte er einschlagen, um seinen Morgenspaziergang ohne unangenehme Zwischenfälle durchziehen zu können, die in Form von zickenden Aussagen einer frustrieren Tussi dahergekommen wären. Aber dann begann sie sich zu drehen. Wie eine Ballerina. Sie sah atemberaubend schön dabei aus. Ihr wehendes Haar. Das weiße Kleid, welches sich um ihre Silhouette schmiegte, sich immer weiter aufbauschte und ihm einen zweiten Blick auf ihre gestählten Oberschenkel ermöglichte. Der Ausdruck Sexy beschrieb nicht im Ansatz, wie betörend sie in dem Moment angemutet hatte. Sie war eine Erscheinung – erinnerte ihn an eine Nymphe aus eines der vielen Märchen, welche seine Mutter ihm in seiner Kindheit vorgelesen hatte.
In diesem heiligen Augenblick hatte ihn ein gänzlich unbekanntes Gefühl erfasst. Ein Gefühl, das ihm beim besten Willen nicht einzuordnen und weitaus weniger zu verdrängen oder gar zu ignorieren gelungen war.
Solange sie sich drehte, hielt es in ihm inne – in seiner Seele. Es krallte sich regelrecht fest, beschenkte ihn mit Schwerelosigkeit.
Irgendwann hielten Evinas Beine still, und damit war das Gefühl gleichermaßen schnell verschwunden, wie es aufgetaucht war.
Was, verfickt noch mal, war da mit ihm los gewesen?
Was es auch war, diese Empfindung hatte seine Beine in Bewegung gebracht, ihn zu ihr aufschließen lassen.
… Das Licht in ihren Augen, als sie sich zu ihm umgedreht hatte …
Für eine Sekunde wirkte sie zermürbt, doch sobald er ihr sein ehrliches – und offen gesagt – unfreiwilliges durch ihre Erscheinung entstandenes Lächeln zugeworfen hatte, war dieses Licht, dieses Funkeln regelrecht explodiert. Von einer Sekunde auf die andere war Evina wie ausgewechselt gewesen. Das mauerverbeißende Miststück war komplett in den Hintergrund geraten.
Und dann der kleine Kampf!
Niemals hatte er vermutet, sie könnte dermaßen hart zuschlagen.
Ihre Technik war gut, verlangte jedoch ein wenig Ausbau …
Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus.
Was könnte er ihr alles beibringen!
Und jetzt hatte er sie zu einem Date überredet!
Yes!
Er war der Beste! Unbestrittener Flirtkönig!
Weshalb sie ihm aber so mir nichts dir nichts zugestimmt hatte, verstand er nach wie vor nicht.
Er hatte mit bedeutend mehr Gegenwehr gerechnet.
Egal. Date war Date. Er hatte es geschafft!
Womöglich wurde noch etwas aus seinem erhofften One-Night-Stand …
Und damit drifteten seine Gedanken zurück zu dem Zeitpunkt, während sie mit dem Rücken im Sand unter ihm gelegen und sich dieser sinnliche wie erotische Ausdruck in ihrem Gesicht widergespiegelt hatte.
Was war ihr da durch den Sinn gegangen?
Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, jemals einen solchen betörenden Schlafzimmerblick gesehen zu haben.
Meine Fresse!
Bereits aus dem Grund hätte er sie am liebsten am Strand vernascht – sie geliebt im aufgehenden Schein der Sonne, im nassen Sand … das warme Salzwasser auf der Haut … zarte Wellen, die auf ihre heißen Körper treffen … ihre vor Ekstase halbgeschlossenen Lider … ihr stöhnender Mund …
Es wurde ihm heiß.
Und nun hatte er wahrhaftig ein Date mit ihr!
Teilweise konnte er es nach wie vor nicht fassen.
Frohgemut trat er ins Restaurant, ließ den Blick über die vielen Holztische gleiten.
Evina war noch nicht anwesend.
Ließ sie das Frühstück etwa aus? Bei ihrem muskulösen Körper schwer vorstellbar. Muskeln brauchten Energie. Viel Energie – und wesentlich mehr Training …
Vielleicht konnten sie ihren Morgensport gemeinsam ausüben? Über den weißen Strand joggen, ein paar Liegestütze auf dem Steg … und darauffolgend leidenschaftlicher Sex im Pool.
Einen der vielen freien Tische ansteuernd überkam ihm eine neue Idee: Sparringpartner.
Evina als sein Sparringpartner! Besser würde es gar nicht mehr gehen!
Scheiße, ja!
Irgendwie musste er sie überreden. Schließlich konnte er ihr noch unwahrscheinlich viel beibringen – und ihr dabei näherkommen.
Er ließ sich nieder und bestellte ein Glas Wasser.
Ein wenig Jiu-Jitsu – sich gegenseitig zu Boden drückende, schwitzende Körper, sanftes Stöhnen, eifrige Hände … Finger in ihrem Körper und an seinem Tiger …
Er wandte sich zum drei Meter entfernten ewig langen Buffettisch, auf welchem sich eine Köstlichkeit nach der anderen aufreihte.
Am liebsten hätte er ein ganzes Schwein verdrückt, dermaßen hungrig hatte ihn das frühmorgendliche Zusammentreffen gemacht. Nichtsdestoweniger wollte er auf Evina warten. Möglicherweise würde ein gemeinsames Frühstück hilfreich sein, mehr über sie in Erfahrung zu bringen, um sie heute Abend zu einer schönen Nacht zu zweit zu überreden.
Entspannt lehnte er sich zurück.
Der Sex mit ihr würde gewaltig werden. Da war er sich sicher. Bestimmt ging sie ab wie eine Rakete …
Jäh tauchte seine Buhlschaft auf.
Ihr weißes Kleid hatte sie gegen ein ultrakurzes sonnengelbes getauscht.
Wie herrlich die helle Haut ihrer muskulösen Beine in der Morgensonne funkelte … die ellenlangen Haare und die großen runden Augen …
Die billigen Weiber von Germanys Next Topmodel und Co, ja selbst Victoria Secret Laufsteg-Beautys vermochten es da nicht im Ansatz mit ihr mitzuhalten!
Es stimme zwar, Evina war übermäßig trainiert – ihre Oberschenkel schienen aus reiner Muskelmasse zu bestehen – dadurch wirkte sie aber zu keiner Zeit plump oder bullig, vielmehr graziös wie eine Turnerin oder Balletttänzerin.
Eine einzige Augenweide.
»Darf ich mich zu dir setzen?«
Sie klang niedergeschlagen.
Zwei Gedanken schossen ihm durch den Sinn.
Erstens: Weshalb wollte sie sich freiwillig zu ihm setzen? Zweitens: Warum wirkte sie bedrückt?
Ganz egal, Theo! Sie hat anscheinend angebissen! Das musst du ausnutzen!
Nein.
Alles mit der Ruhe! Diese Sache musste er langsam angehen, ansonsten würde Evina schneller verschwinden, als er zu schauen imstande war. Das hatte ihre Reaktion gestern eindeutig bewiesen.
Doch ihre bedrückte Stimmung – die musste sich schleunigst ändern!
»Ja, sicher.« Er machte eine ausladende Geste mit seinen Armen. »Such dir einen Stuhl aus.«
»Es gibt nur einen«, antwortete sie belegt und ließ sich langsam nieder.
Diese Aufheiterung hatte offenkundig nichts gebracht.
Er blickte in ihre wunderschönen graublauen Augen. »Was ist los?«
Sie mutete sekündlich deprimierter an. »Nichts Wichtiges.«
»Das stimmt nicht. Du hast was.« Theo stützte die Unterarme auf den minimalistischen Holztisch ab. »Gibt es schlechte Nachrichten? Ärger mit einem Verehrer?«
Die Sache mit dem Sexfrust hatte er heute Morgen schnellstens verworfen.
Selbst wenn er bisher ausschließlich ihren Namen kannte, eines war gewiss: Evina konnte sich vor Anträgen und Einladungen kaum retten. Darum hielt sie ihn solchermaßen auf Distanz. Darum die Kaltschnäuzigkeit. Darum das zickige Getue. Mit Sicherheit ging ihr diese ganze Flirterei unbeschreiblich auf den Sack.
Bestimmt musste sie zu Hause reihenweise Männer verjagen. Verehrer, die ihr jeden Tag Rosen schickten, sie zum Dinner einluden, sie nach der Arbeit abholten und weiß Gott, was sonst alles taten, um in ihrer Nähe verweilen zu dürfen.
Etwas anderes war schlichtweg nicht vorstellbar. Nicht bei ihrem umwerfenden Aussehen und diesem harten rechten Haken.
Wer wusste, wie viele Heiratsanträge sie in der Vergangenheit erhalten hatte …
Wie auch immer.
Für ihn bedeutete dies: Wollte er ihr nahekommen, musste er sich wirklich bemühen. Keine billigen Anmachsprüche, keine sexistischen Meldungen, keine patzigen Bemerkungen.
Evina wollte erobert und respektiert werden.
Darum hieß es, die Zähne zusammenbeißen und das Ego ein klitzekleines Bisschen beiseiteschieben. Zumal dieses Traumweib für Männer, die es nach einmaligen Abenteuern dürstete, verständlicherweise schon lange kein Interesse mehr hegte.
Und er mittlerweile auch nicht mehr …
Das wiederum machte ihm Angst. Große Angst.
Dennoch.
Irgendetwas an ihr verzauberte ihn. Etwas, das ihm das Gefühl gab, das Richtige zu tun. Ein Gefühl, das sagte: Lass sie dir nicht entgehen! Eine Frau wie Evina begegnest du kein zweites Mal!
Selbst jetzt mit diesem bekümmerten Angesicht strahlte sie pure Erotik aus.
Ihr Ausdruck wechselte von Ich-bin-fertig-mit-der-Welt zu Geh-mir-nicht-auf-die-Nerven.
Nicht einmal ein Du-Arschloch-Blick?
Allmählich machte er sich echte Sorgen.
Bis jetzt hatte sie ihn jedes Mal brutal angefahren – oder wenigstens versucht, ihm aus dem Weg zu gehen.
»Irgendetwas ist doch los. Die letzten Male hast du mich ständig attackiert, als ginge es um dein Leben – und jetzt? Nichts. Gar nichts. Was hast du? Hat unser frühmorgendliches Meeting daran Schuld?«
Oder hatte sie ihre Tage?
Schwerfällig schüttelte sie den Kopf.
»Na dann sag einfach, was los ist, Herrgott! Ich will mein Frühstück nicht vor einer gefrusteten Frau hinunterschlingen.«
Nun, im Grunde genommen stimmte diese Meldung nicht ganz. Konkret wollte er sich nicht länger darüber das Gehirn zermartern, weshalb ein Traumweib wie Evina eine derartige Laune an den Tag legte.
Sie musste strahlen wie die aufgehende Sonne. Nichts anderes wollte er sehen.
»Verdammt!«, fluchte sie unerwartet und mit erhobener Stimme, jedoch eben noch leise genug, um nicht von den restlichen Gästen gehört zu werden. »Dann sag ich es dir halt: Ich habe lediglich fünfzig Liegestützen zusammengebracht, okay? Fünfzig!« Abschließend schlug sie mit der Handinnenfläche auf den Tisch, sodass dieser heftig wackelte.
Theo fühlte sich wie vom Blitz gestreift.
Fünfzig Liegestützen absolvierte sie? Und darüber regte sie sich auf?
»Ich verstehe jetzt nicht ganz … das ist doch fabelhaft!«
Fassungslosigkeit legte sich über sie. »Normalerweise mache ich mindestens siebzig, okay?!«
Nun blieb ihm der Mund offen.
»Siebzig?!« Eine heiße prickelnde Welle preschte ihm über Hintern und Rücken. »Und was steht sonst auf deinem Fitnessplan, sofern die Frage gestattet ist?«
Einige Augenblicke lang zögerte sie. »Fünf Kilometer Schwimmen, Ausdauertraining, Eigengewichtsübungen und Selbstverteidigung.«
»Warte, warte.« Er machte beschwichtigende Handgesten.
Das musste sein Hirn erst einmal verdauen.
»Noch mal von vorn.« Mit Zuhilfenahme seiner Finger wiederholte er ihre Auflistung – sein Herz pumpte dabei derart wild, es raubte ihm schier den Atem. »Erstens: Schwimmen? Dann Ausdauertraining, Selbstverteidigung und Eigengewichtsübungen? Stimmt das? Habe ich das richtig verstanden?«
Die nüchterne Antwort?
»Ja.«
Damit flippte sein Herz erst recht aus.
Einer Powerfrau wie Evina zu begegnen war gewöhnlich so wahrscheinlich, wie ein einziges Mal im Leben Lotto zu spielen und den Hauptgewinn zu knacken! Ergo: Vor ihm saß ein Wunder – ein einziges, ultraheißes, männermordendes Wunder.
Himmel, Arsch!
Und er hatte stets vermutet, seine Kolleginnen mit deren Zirkeltraining und dem bescheuerten Joggingprogramm gepaart mit Zumba und Pilates-Einheiten wären harte Hunde!
Falsch gedacht! Das waren allesamt Pussies!
Er schickte ein Dankesgebet gen Himmel.
Da war sie. Die perfekte, vollkommene Frau!
Meine Frau.
Beinahe hätte es ihn vom Stuhl geworfen.
Was dachte er denn da? Was ging jetzt wieder ab?
Dreh nicht durch! Sie soll lediglich ein One-Night-Stand sein. Nicht mehr und nicht weniger. Oder willst du dich etwa mit einer derart launischen Frau tagtäglich herumärgern?
Ja, falls sie es ist, vielleicht schon.
»Weshalb dieses Training?« Die beschleunigte Atmung konnte er nun nicht mehr erfolgreich unterdrücken.
Bitte sag nicht, du bist Polizistin. Das kannst du nämlich nicht sein. So etwas kann nicht sein.
»Ich will bei der Cobra anfangen.«
Adrenalin wurde ihm in die Venen gepumpt, brachte seinen Körper zum Glühen.
Die Spezialeinheit Österreichs.
Die Profiliga.
Scheiße!
Er benetzte sich die Lippen, versuchte, seinen Puls auf ein geregeltes Maß zurückzuschrauben …
Und versagte hoffnungslos.
»Verdammt … echt jetzt? Du willst in diese Spezialeinheit? Weshalb?«
Er liebte Frauen, die wussten, wohin sie wollen. Die eine Karriere anstrebten, sich in einem Männerberuf behaupteten …
Und Evina?
Sie war das Paradebeispiel!
Die ideale Partnerin.
Sie beide wären das perfekte Team. Privat wie beruflich. Sie könnten sich gegenseitig unterstützen, miteinander trainieren und kämpfen.
»Weil ich den Dienst in der Polizeistation nicht mehr ertrage«, kam es pragmatisch aus ihrem Mund.
Und er erstarrte.
Sie war Polizistin!
Verdammte Scheiße!
»Wie –« Er wollte weitersprechen, hielt sich jedoch davon ab, da ein Kellner Evinas Getränkewunsch aufnahm. Nachdem der lästige kleine Mann verschwunden war, versuchte er es noch einmal. »Du arbeitest als Polizistin? Wo?«
Von einem Schlag auf den anderen wechselte ihre Stimmung. »Das geht dich nichts an. Ich kenne dich nicht. Glaube ja nicht, ich würde dir hier meinen Lebenslauf präsentieren.«
Er wollte mehr über sie erfahren – musste mehr über sie erfahren.
Wie sie ihn nun allerdings ansah, stellte dies eine schier unmöglich zu meisternde Herausforderung dar.
Womöglich half es ein wenig, wenn er ihr mehr über sich selbst verriet?
»Ich arbeite für Interpol.«
Ihre großen runden ihn skeptisch musternden Augen wuchsen an. »Interpol?«
Er nickte. »In Berlin.«
Zwar schien Evina weiterhin ruhig bis niedergeschlagen sowie kritisch und vorsichtig. Kleine Anzeichen, wie die in die Serviette bohrenden Finger ihrer linken Hand, das Nagen an ihrer Unterlippe sowie die beschleunigte Atmung, welche sie durch gelegentliches Luftanhalten herunterzusetzen versuchte, schlossen auf hohe nervliche Belastung.
Nun stellte sich die Frage: Weshalb diese Reaktion? Stand sie auf anständige Kerle, die einen verantwortungsvollen und manchmal gefährlichen Beruf ausübten? Oder hatte sie ihn schlichtweg einem gänzlich anderen Job zugeordnet?
»Und du?«
Allem Anschein nach rang sie weiterhin mit einer für Polizisten typischerweise stark ausgeprägten Skepsis fremden Menschen gegenüber, lenkte sie ihre Aufmerksamkeit doch auf die Tischplatte vor sich.
»Ganz normaler Polizist in einem Kärntner Kaff.«
»Du meinst Polizistin.«
Seine Richtigstellung brachte sie dazu, sich wieder ihm zuzuwenden, ihn verwirrt zu mustern und ein »Hä?« hervorzubringen.
»Na, Polizistin. Du bist ja kein Mann, oder?«
Evina seufzte. »Ich hasse dieses elendige Gendern. Darum nehme ich ausnahmslos die männliche Form. Bei allem.«
Keine Gleichberechtigungsscheiße? Herrschaft! So konnte man sich täuschen!
Theo stützte den rechten Ellbogen auf dem Tisch ab und bettete das Kinn auf die Handinnenfläche. »Echt? Das finde ich unheimlich sexy.«
Ruckartig erhob sie sich. »Ich hole mir etwas zu essen.«
»Warte.« Er tat es ihr gleich. »Ich komme mit.«
Schulterzuckend marschierte sie los.
»Ich finde dieses Binnen-I genauso bescheuert«, laberte er aufs gerade Wohl, um das Gespräch nicht abbrechen zu lassen. »In früheren Zeiten wusste man schließlich ebenfalls, dass sämtliche Geschlechter gemeint waren.«
Selbst solche wie Intersexuelle.
Evina griff nach einem weißen Teller und lud sich etwas Rührei drauf. »Ja? … Nicht schlecht.« Sie hörte sich ziemlich monoton an. »Die meisten meiner Kollegen nehmen diesen Beschiss viel zu ernst. Und schrecklicherweise ist das noch Gesetz.« Ein Brötchen und Konfitüre komplettierten ihr Frühstück. »Das habe ich nie verstanden. Schließlich hat Gleichberechtigung nichts mit irgendwelchen Bezeichnungen zu tun. Gleichberechtigung sollte für gleiche Bezahlung und gleichen Stellenwert stehen.«
Es wurde ihm etwas mulmig.
Dann ging es ihr doch um diesen Quatsch!
Verflucht!
Er nahm sich zwei Brötchen, etwas Schinken und eine Kelle Rührei – für den Muskelaufbau – und ging zurück zum Tisch. Evina folgte ihm mit etwas Abstand.
»Dich interessiert das nicht, stimmt’s?«, hörte er sie sagen. »Für dich sind Frauen bestenfalls Objekte, die man benutzt. Mehr als einen Fick nicht Wert.«
Ein kalter Schauer jagte ihm von seinem Haaransatz bis in die Zehen. »Whoa, whoa! Wie kommst du auf den Mist?«
So dachte sie von ihm? Kam er etwa dermaßen asozial rüber?
Sie setzten sich.
»Weil es dir rein um Spaß geht«, stellte sie fest. »Keine Verantwortung, ausschließlich Freiheit, Sex und Erfolg.«
Die Wahrheit war: Ja, er liebte es, Frauen flachzulegen. Dessen ungeachtet bedeutete dies nicht, irgendjemanden auszunutzen oder nicht ernst zu nehmen. Er nahm jede Frau todernst. Sie brachten Kinder auf die Welt, sie kümmerten sich um all die Dinge, die Männer nicht tun wollten, manchmal zeigten sie größeres Verantwortungsbewusstsein als manch ein Mann … obwohl er dies natürlich niemals laut zugegeben hätte.
»Bloß, weil ich dich gerne zu einem One-Night-Stand überreden möchte?«
»Ja«, entgegnete sie kühl. »Und weil du eben dein Gesicht verzogen hast, als leide ich an einer hoch infektiösen, eitrigen Hautkrankheit.«
»Das habe ich nicht!« Er belegte ein Brötchen mit Schinken. »Da hast du irgendetwas falsch aufgefasst.«
»Verarsch mich nicht. Dich interessiert der Stellenwert der Frau in der Gesellschaft einen Scheißdreck. Gib’s einfach zu.«
Auf eine derartige Weise hatte er niemals über Frauen gedacht! Niemals!
Aber was brachte es, ihr dies bis ins kleinste Detail zu erklären? Wie sie reagierte – da glaubte sie ihm höchstwahrscheinlich ohnehin kein Wort.
»Falls ich Ja sage, gibst du dann Ruhe?«
Sie zog die Augenbrauen zusammen. »Nein.«
Mit dem Brötchen in der Hand lehnte er sich zurück. »Dann sage ich gar nichts.«
Das Gespräch entwickelte sich erneut in eine völlig falsche Richtung.
Er musste einlenken, sonst würde ihr Zusammensein abermals in einer Katastrophe enden.
»Wieso fängst du eigentlich andauernd zum Streiten an? Kannst du dich ausschließlich aufregen, oder was? Gibt es sonst nichts in deinem Leben?«
Sein Hauptanliegen war nach wie vor, sie flachzulegen. Er wollte mit ihr eine schöne Zeit verbringen, seinen Urlaub genießen – und nicht über die Emanzipation diskutieren.
Gott.
Davon bekam er Kopfschmerzen!
Sie bestrich ihr Gebäck mit Erdbeerkonfitüre. »Ich streite nicht. Ich sage einfach, was wahr ist.«
»Aber ständig dieser aggressive Ton! Kein Wunder, weshalb du frustriert durch die Welt läufst.«
Hätte Evina die Fähigkeit besessen, Feuer und Gift zu spucken – sie hätte es getan und ihn in ein Häufchen Asche verwandelt. »Meinst du, mich spricht deshalb niemand an? Weil ich aggressiv rüberkomme und mich nicht wie ein verschüchtertes Prinzesschen aufführe?«
Wie bitte?!
Sie sollte von niemandem angesprochen werden?
Das glaubte sie doch selbst nicht!
»Nein«, erwidere er. »Ganz und gar nicht.«
Er zwang sich weiterhin zur Ruhe.
Es brachte nichts, die Nerven zu verlieren. Sie war nun einmal aufbrausend. Möglicherweise legte sich diese Charaktereigenschaft, wenn sie ihm etwas mehr vertraute.
»Ich vermute, du hast die Nase voll von flirtenden Männern und Machos, die dich besitzen wollen. Deshalb reagierst du jedes Mal abweisend und wütend.«
Ihre leicht erschrockenen Gesichtszüge ließen ihn kurzzeitig innehalten.
Hatte er mit seiner Vermutung ins Schwarze getroffen?
»Einzig deshalb bist du frustriert. Hier geht es nicht um Sexfrust, sondern um Männerfrust. Sie kotzen dich alle an mit ihrem präpotenten Gequatsche.«
Würde er sich damit ein paar Bonuspunkte verdienen?
»Ich verstehe dich da sogar. In deiner Situation würde ich sicherlich ähnlich reagieren.«
Das musste jetzt ziehen!
Jede Frau liebte es, Recht oder Verständnis zu erhalten! Jetzt musste sie anbeißen!
Er sah es bereits vor sich: Das leidenschaftliche, zügellose Liebesspiel in seinem weißen Himmelbett – sie mit diesem geilen Blick in ihrem erhitzten Gesicht unter ihm, während er sich rhythmisch-fordernd in sie stieß.
Komm schon! Gib endlich nach! Du willst Sex mit mir, ich weiß es!
Es dauerte lange, bis sie ihm antwortete. »Ja, es stimmt.«
Ha!
Sie legte die angebissene Hälfte ihres Brötchens auf den quadratischen Teller vor sich. »Mich frusten Männer. Aus exakt dem Grund brauchst du dich nicht weiter zu bemühen, mich mit deiner vorgespielten Freundlichkeit ins Bett zu locken.« Mit Eiseskälte in ihren schönen Augen taxierte sie ihn angewidert. »Hast du es so lange nicht mehr gemacht? Bist du derart notgeil?«
Er wollte etwas erwidern – sie unterbrach ihn. »Ich muss ehrlich sein: Für einen winzigen Moment glaubte ich, ich hätte hier meine Ruhe. Eine Auszeit. Insgeheim habe ich mir sogar erhofft, nette Leute zu treffen und womöglich neue Freundschaften zu schließen. Wärst du nämlich nicht ein derart penetranter, überheblicher, sexbesessener Weiberer, hätten wir eventuell ein paar lustige Tage verbringen können. Aber das … das ist echt das Allerletzte.« Wort um Wort vergrößerten sich ihre Wut und ihr Frust. Er sah es in ihrem Angesicht und er hörte es in ihrer belegten Stimme. »Ich hätte es mir von Anfang an denken können, dass diese Sache zu einem Desaster ausartet … tut es schließlich andauernd bei mir.« Sie trank einen Schluck, stellte die Tasse lautstark zurück und stand auf. »Das Dinner kannst du vergessen. Und für die restlichen zwei Tage will ich meine Ruhe vor dir.«
Damit verließ sie ihn.
Mit einem jeden Schritt, der die Distanz zwischen ihnen vergrößerte, fühlte er sich elender und verlorener.
Als sie schließlich komplett aus seinem Sichtfeld verschwunden war, überkam ihn ein noch niemals zuvor empfundenes intensives Gefühl der Leere.
Fuck.
Er besah die zweite Hälfte seines Brötchens.
Der Appetit war ihm vergangen.
Laut ausatmend stützte er das Kinn gegen seine Faust.
Weshalb empfand er derart heftig?
Üblicherweise würde er Evina vergessen und es bei der Nächstbesten probieren.
Er nahm die besetzten Tische in Augenschein.
Abgesehen von verliebten Pärchen und Rentnern fand er zu seinem Bedauern keine anderen Singledamen vor.
Womöglich fühlte er sich deshalb durch den Wind?
Der letzte Sex lag länger zurück … und hier konnte er seine gesamte aufgestaute Energie alleine auf eine einzige Frau richten – und die wollte nichts von ihm wissen.
Entweder musste er sie ignorieren, das würde bereits bezüglich der Örtlichkeit scheitern. Eine schätzungsweise sechstausend Quadratmeter große Insel bot nicht viele Möglichkeiten, Evina erfolgreich aus dem Weg gehen zu können.
Des Weiteren wollte er sie nicht ignorieren.
Besonders jetzt nicht!
Sie war Polizistin! Ein Umstand, welchen er sich ein Leben lang sehnlichst gewünscht hatte: Eine Freundin … Partnerin, die denselben Beruf ausübte wie er!
Besser ging es nicht. Besser konnte und würde es niemals mehr werden!
Durch ihren Job verstand sie seine Launen, seine Reisebereitschaft und seine selbst für ihn manchmal altmodischen Werte: Loyalität, Respekt, Ehre, Zusammenhalt, bedingungsloses Vertrauen. Oder um es mit Rambos Worten auszudrücken: »Ich decke dir deinen Arsch – und du deckst meinen.«
Theo beendete sein Frühstück und erhob sich.
Bei seiner Aufgekratztheit würde sich ein erneuter Appetit nicht mehr einstellen. Da war es besser, eine Runde zu drehen und nachzudenken.

Mit den Händen in den Hosentaschen schlenderte er den weichen Sandstrand entlang. Er betrachtete die üppige Vegetation, die einzelnen Strandliegen und Palmen, die in der Ferne stehenden Bungalows und Strandhäuser, den azurblauen Himmel und das weite, glitzernde Meer. Der Ausblick erinnerte ihn stark an eine Wolkenlos-Folge. Ein kicherndes, etwas weiter links flanierendes Pärchen leitete seine Gedanken zurück zu Evina – und ihre für ihn unverständlichen Reaktionen.
Weshalb war sie andauernd sauer? Dermaßen viel Wut … und dann diese Kälte und beinahe erzwungene Distanz, als rechnete sie jede Sekunde mit einem Suckerpunch – jemand, der ihr in den Rücken schoss oder stach.
Herrgott!
Was stimmte mit dieser Frau nicht?
Und was konnte er jetzt noch tun, um ihr näherzukommen?
…
Wie sie aufgestanden und weggegangen war …
Sein Herz zog sich zusammen.
Fuck und nochmals Fuck!
Er raufte sich die Haare.
Was hatte sie mit ihm angestellt?
Derart rührselig und überdreht hatte er sich noch bei keiner Frau zuvor gefühlt. Besonders nicht bei einer ihm gänzlich Unbekannten …
Er war schließlich der Macho! Er wollte Spaß … und Sex … und saufen … und …
Eine Partnerin.
Eine andere Hälfte zum Anlehnen.
Jemand, der da war … ohne viel zu sagen … wo ein Blick reichte, um ihn zu beruhigen.
Jemand, in dessen Arme er sich fallenlassen durfte.
Evina.
Wenn sie es nicht war, gab es niemanden mehr, bei dem dieser zugegebenermaßen infantile Wunschtraum wahr werden würde.
Je mehr er über sie nachdachte, desto größer wurde das Verlangen, sie bei sich zu wissen.
Dieses Gefühl wiederum hatte er das letzte Mal …
Nein.
Auf diese Weise hatte er noch nie empfunden.
Er hatte sich auf Weiber eingelassen … aber sein Herz verloren? Nein, niemals. Niemals so sehr, wie es hier im Begriff war, zu geschehen.
Laut ausatmend setzte er sich in den Sand.
Die funkelnden kleinen Wellen des Ozeans schienen mit Diamanten bestückt. Es erinnerte ihn an seine Kindheit, in der seine Mutter und er des Öfteren ans Meer gefahren waren.
Lignano Sabbiadoro.
Am liebsten war ihm die Ebbe gewesen – hunderte Meter weit ins Meer hinausspazieren. Die Sandformationen unter seinen Füßen. Die kleinen Krebse, die ihm jedes Mal in die Zehen kniffen. Die vielen bunten Muscheln, die man heutzutage nicht mehr fand. Die warme Sonne auf der Haut … Die Strahlen hatten sich damals noch nicht solchermaßen aggressiv angefühlt – und hatten ungleich weniger geblendet.
Einst hatte er stundenlang in der Mittagshitze gespielt. Heute hielt er es nicht einmal dreißig Minuten aus, dann muteten Kopf und Augen wie ausgedorrt an.
Er seufzte.
Die Vergangenheit.
Die ruhige, friedliche, empfindliche Vergangenheit.
Eine Zeit, die er irgendwie andauernd vergessen wollte, ihm andererseits den letzten wahren Seelenfrieden schenkte.
Diese innere Ruhe … dieses Nicht-Nachdenken … dieses Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit. All das begann hochzuklettern, sobald er Evina ansah.
Seit heute Morgen.
Seit ihrem Tanz.
Seit dem Kampf.
Seit er ihren süßlichen Duft wahrgenommen, ihre zarte Haut gefühlt und sich in ihren wunderschönen graublauen Augen verloren hatte.
Du willst einen Fick, schaltete sich seine innere Stimme ein. Was denkst du da lange nach? Wen interessiert der ganze Beschiss?
Ja, bisher.
Aber jetzt …
Theo streifte sich die vom sanften Wind ins Gesicht gewehten Haare nach hinten.
Er musste aktiv werden … oder er würde zu einem sentimentalen Spinner mutieren.
Nun gut …
Er überlegte.
Sex? … Ja.
…
Beziehung? …
…
…
…
Ja … Wieso nicht?
JA, weshalb, zur Hölle, denn nicht?! Wenn es passte, wieso sollte er sich diese Chance entgehen lassen?
Das schlimmste, was ihm passieren konnte, war abzublitzen und weiterhin alleine durchs Leben gehen zu müssen.
…
Evina.
…
Er musste es versuchen.
Ein letztes Mal. Wenn sie ihm dann einen Korb verpasste, würde er sie in Ruhe lassen müssen.
Ja.
Ein letztes Mal.
Mit einem zuversichtlichen Lächeln erhob er sich und marschierte zurück Richtung Bungalows.
Und mit einem jeden Schritt sackte ihm das Herz ein kleines Stück weiter Richtung Hose.
Hoffentlich schlug sie ihm die Tür nicht gleich vor der Nase zu …

Am liebsten hätte ich den Urlaub gecancelt. Ein paar Minuten später fiel mir eine bessere Idee ein: Theo zusammenschlagen und dann den Urlaub canceln. Und noch etwas später wollte ich lediglich heulen und mich ins Bett verkrümeln. Was war bloß los mit meiner Gefühlswelt? In der Vergangenheit hatte ich mich stets im Griff gehabt. Ich weinte äußerst selten – und wenn es denn einmal geschah, dann allein zu Hause unter der Dusche. Des Weiteren sprach ich nahezu gar nicht über persönliche Vorlieben oder Meinungen meinerseits. Niemals ließ ich mich auf fremde Personen ein, hielt sämtliche Beziehungen – ob beruflich oder privat – ausnahmslos kühl.
Ich blieb auf Abstand.
Immer!
Immer, verdammt noch mal!
Die einzige Ausnahme bildete Dan: Ihm hatte ich private Dinge anvertraut. Und zum Glück zeigte er jedes Mal großes Verständnis und Seriosität. Dass ich jedoch einen fremden Typen – unerheblich, ob Interpolbulle oder nicht – derart nahe an mich lassen würde, sodass ich mir überdies eine Beziehung mit diesem vorzustellen begann, bildete den Tiefstpunkt in der Geschichte meines erbärmlichen Daseins! Die Sache mit der Selbstbefriedigung hätte mich längst warnen müssen! Ich war drum und dran mich in diesen Idioten zu verlieben – oder wenigstens, ihn übermäßig sympathisch zu finden.
Ach, was!
Das tat ich doch längst!
…
Wohin hatte sich meine Härte verabschiedet? Hatte ich sie zu Hause gelassen? Hatte das romantisch-exotische Ambiente Schuld? Oder war ich letzten Endes wirklich nur notgeil?
Mit Tränen in den Augen absolvierte ich meine letzten zwanzig Liegestütze, die ich zuvor nicht mehr durchgehalten hatte.
Erst versagte ich beim Sport und zu allem Überfluss zeigte ich Schwäche bei fremden Männern!
Dieser Urlaub entwickelte sich allmählich zu einem Albtraum. Ein Albtraum mit schöner Hintergrundkulisse.
Außer Atem zog ich mir meinen dunkelblauen Bikini an und stieg hinab in den türkisfarbenen in der Sonne silbern funkelnden Pool.
Das Meerwasser fühlte sich ziemlich kühl an, hervorgerufen durch meinen erhitzten Körper.
Möglicherweise gelang es der Kälte, meinen Verstand zu reaktivieren und diese bescheuerten Bilder von wilden Nächten mit Theo zu vertreiben. Das Verlangen, nachzugeben und es mit ihm zu treiben, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.
Ging das überhaupt: Sex ohne Liebe?
Nein. Nicht in meinem Fall.
Finge ich etwas mit ihm an, würde ich mein Herz verlieren – das wiederum brächte mich letzten Endes um.
Ergo: Ich musste handeln.
Ich musste meine aufwallenden Gefühle abschalten, ehe es zu spät war. Ich durfte mich nicht mehr mit ihm abgeben. Keine Sekunde mehr. Am besten mit niemandem mehr.
Die Idee mit der Abreise wurde zusehends attraktiver.
Wie auch immer ich mich entschied, zumindest bis morgen blieb ich.
Ich wollte unbedingt die verlassene Insel besuchen. Da hatte ich ohnehin Ruhe vor Theo und könnte meine wirren Gedanken ordnen, stundenlang aufs Meer glotzen, mich von den Wellen hypnotisieren lassen …
Ich atmete tief durch.
Ja, womöglich würde mir diese Abwechslung helfen.
Ausgelaugt von dem Gefühlschaos lehnte ich mich zurück und beobachtete zarte über das Firmament ziehende Schleierwolken.
Die Zeit bis zum Mittagessen würde ich im Bungalow verbringen. Ich konnte und wollte nicht mehr hinaus und Theo über den Weg laufen. Die Gefahr war zu groß. Darüber hinaus hätte unser Treffen wahrscheinlich erneut in einer Katastrophe gemündet.
Ich stieß mich von der Wand ab, glitt zur gegenüberliegenden zum Meer zeigenden Seite, legte die Arme auf den verfliesten Poolrand, verschränkte sie und stützte das Kinn darauf ab.
Anmutig und erhaben lag der kristallblaue Ozean in friedlicher Ruhe vor mir. Sanfte Wellen glitzerten in der Sonne. Kleine Haie, deren Haut silbergrau schimmerte, schwammen auf der Suche nach Futter gemächlich Richtung Strand.
Mein Blick schweifte zu dem Punkt, an welchem Horizont und Wasser sich zu vermischen begannen … und meine Gedanken drifteten ab – in die Vergangenheit … in eine Zeit, die mich am stärksten geprägt hatte.
Geboren worden war ich in Kärnten. Im zarten Alter von sechs hatte meine Mutter, damals eine aufstrebende Rechtsanwältin, einen reichen Geschäftsmann meinem Vater und mir vorgezogen.
Seit diesem Tage kümmerte sich mein Vater um mich. Bis zu seinem Tode sollte sich an diesem Umstand nichts ändern.
Mein Vater hatte meine Mutter abgöttisch geliebt. Niemals wäre es ihm gelungen, sich in eine andere Frau zu verlieben, geschweige denn ein zweites Mal zu heiraten. Anstatt sich selbst glücklich zu machen, steckte er all seine Kraft in meine Erziehung.
Er war streng, aber gerecht.
Mir mangelte es an nichts. Ich erhielt vernünftiges Essen, gewaschene Kleidung und Süßigkeiten. Wünschte ich mir etwas Besonderes, wie zum Beispiel neues Spielzeug, musste ich Leistung erbringen.
Ohne Leistung gibt es nichts auf dieser Welt, hatte er stets zu sagen gepflegt.
Und er behielt behalten. Wie in allen Dingen.
Wenn sich mein Notendurchschnitt verschlechterte, erhielt ich keine Geschenke. Wenn mir Fehler passierten, gab es Hausarrest.
Geschlagen jedoch hatte er mich nie. Nicht ein einziges Mal, allerdings hatte ich ihm auch niemals Anlass dazu gegeben.
Beinahe ausschließlich brachte ich sehr gute Noten mit nach Hause – meine Abschlüsse bestand ich regelmäßig mit ausgezeichneten Erfolgen. Darauf war er jedes Mal unglaublich stolz.
Dann hatte ich nicht bloß Materialistisches erhalten, ebenso hatte er mich mit Umarmungen und berührenden Worten beschenkt.
Niemals hatte er gezögert, um mir zu verdeutlichen, wie viel ich ihm bedeutete.
Aber selbst bei Misserfolgen hatte er mich stets anzuspornen versucht. Er war kein Vater, der seine Kinder runtermachte, wenn diese nicht funktionierten.
Wie gesagt, er war zwar streng, dafür gerecht – und niemals herzlos.
Seit jeher wollte er aus mir eine selbstständige Frau machen. Es war ihm zuwider, seine Tochter mit blöden Zicken spielen zu sehen.
Für mich war es ein Leichtes, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Schließlich nervten all diese barbiepuppenspielenden Mädchen mich mindestens gleichermaßen wie quengelnde, unerzogene Kinder.
Mein Vater wollte, dass ich einen verantwortungsvollen Beruf erlernte. Darum entschied ich mich für die Polizei.
Wie glücklich ich ihn damit gemacht hatte! Welche unwahrscheinliche Freude er ausgestrahlt hatte, als ich ihm erzählte, wie einfach es mir gefallen war, die Aufnahmeprüfung zu bestehen.
Diese Augenblicke waren mir die liebsten. Das waren die Momente, für die ich lebte: andere glücklich zu machen … sie nicht zu enttäuschen.
Mein Vater starb, da hatte ich eben mein einundzwanzigstes Lebensjahr erreicht.
Ein einfacher Herzinfarkt hatte ihn mir genommen.
Ich wusste, ich hatte ihn niemals enttäuscht. Diese Gewissheit gab mir die nötige Kraft, um weiterzumachen. Dessen ungeachtet hatte der Verlust ein einschneidendes Erlebnis dargestellt. Die Gewissheit, von einem Tag auf den anderen vollkommen allein durch die Welt zu gehen, hatte mich für einige Zeit regelrecht gelähmt. Es gab keine weiteren Verwandten, mit welchen ich in Kontakt stand, und bedeutend weniger Freunde oder gute Bekannte. Nichtsdestotrotz hatte ich gekämpft – und gesiegt.
Doch je länger ich alleine auf der Straße des Lebens dahinschritt und über meine Kindheit sinnierte, desto einsamer fühlte ich mich.
Schlussendlich wurde ich mir der bitteren Tatsache bewusst: Mein Leben lang hatte ich für meinen Vater gelebt. Ich hatte dafür gekämpft, ihn glücklich zu machen. Mit meinem Fleiß hatte ich versucht, sein Herzensleid zu lindern, ihm eine gute Tochter zu sein. Manchmal hatte ich mich sogar dabei ertappt, mich für seine gescheiterte Beziehung schuldig zu fühlen – zu glauben, meine Geburt hätte meine Mutter dazu bewogen, uns zu verlassen.
Mit der neuen Freiheit und dem fehlenden Druck seitens meines Vaters verschwanden die Schuldgefühle. Stattdessen taten sich mehr und mehr Zweifel auf: Habe ich mich durch dieses Für-jemanden-anderes-Leben selbst enttäuscht? Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Wie will ich meine Zukunft gestalten? Was wünsche ich mir vom Leben?
Mein Vater hatte mir eingebläut: »Lass dich nicht auf eine Beziehung ein. Lediglich dann, wenn du dir hundertprozentig sicher bist. Und nicht einmal dann! Männer brechen dir das Herz. Sie spielen mit dir. Es gibt nicht viele, die es ernst meinen. Wenn du das im Hinterkopf behältst, wirst du niemals unglücklich werden. Glaub mir.«
Und ich hatte ihm geglaubt.
Und ich hatte mich daran gehalten.
Bis ich auf Jake traf. Dieses verfickte Arschloch. Meine Alarmglocken hatten geschrillt, dennoch hatte ich sie ignoriert.
Ich hatte wahrhaftig angenommen, mir würde es niemals passieren, betrogen zu werden. Ich war mir hundertprozentig sicher gewesen. Denn im Verborgenen hatte ich stets vermutet, irgendwann den Partner fürs Leben zu finden – glücklich zu werden, eine wundervolle Beziehung zu führen.
… mit einem rücksichtsvollen liebenden Mann an meiner Seite das Leben gemeinsam bestreiten …
Ich hatte es mir innigst gewünscht, ja schier eingebildet – ich ignorierte alles um mich herum. Kein Betrug, kein Missverständnis, keine Probleme waren für mich vorstellbar gewesen. Zu wunderbar hatte sich die Verliebtheit angefühlt, zu glücklich war ich gewesen, nicht mehr ignoriert zu werden, Komplimente zu erhalten, geküsst zu werden.
Alleine diesen einen liebevollen Mann hatte ich vor mir gesehen. Ein Mann, an den ich mich anlehnen durfte …
Dass exakt dieser Wunsch mir das Genick brechen würde, hatte ich nicht eine Sekunde lang in Betracht gezogen.
Und mein Vater hatte recht behalten.
Männer logen und betrogen. Ebenso wie Frauen. Sie waren allesamt dieselben verlogenen, egoistischen, abartigen Drecksäcke.
Lediglich alleine konnte man glücklich werden.
Eine meine Seele herausreißende Empfindung brach über mich herein.
Ja, ausschließlich alleine konnte man glücklich werden.
…
Bloß, wie sollte ich mein Glück finden, wenn ich nicht mehr wusste, wie ich weitermachen sollte?
Dermaßen viele Dinge hatte ich ausprobiert, hatte alles versucht, um mich abzulenken. Dennoch überkam mich von Zeit zu Zeit dieses schreckliche Gefühl – diese bohrende Einsamkeit, dieses brennende Verlangen nach Liebe und Verständnis … nach einem Zuhause.
Es stimmte, ich besaß alles, um mich glücklich fühlen zu können: Einen Job, eine Wohnung, ein Auto, warmes Wasser, gutes Essen … aber diese zwischenmenschlichen Gefühle, die fehlten manchmal … nein … sie fehlten andauernd … unbeschreiblich.
Und je länger ich mich auf der Insel aufhielt, desto intensivere Ausmaße nahmen diese an. Zu Hause waren sie abgeschwächter – möglicherweise hatten mein Job und das Training mich stark genug gefordert …
Weshalb musste das Verlangen nach Nähe und Geborgenheit sich derart heftig anfühlen?
Ich starrte auf die Wellen, überlegte, wie es sein würde, wenn Theo kein Macho gewesen wäre …
Er wäre der perfekte Partner.
Ein Mann, an den ich mich anlehnen durfte, wenn ich es brauchte, ein ähnlicher Job mit den gleichen Prioritäten, und anscheinend weiteren Gemeinsamkeiten: Der Spaziergang, den er in der Früh machen wollte … sein Frühstück – ich vergötterte Schinken und Eierspeise – seine kämpferischen Fähigkeiten. Dies waren Dinge, die ich schätzte, Dinge, die ich mochte, Dinge, die ich liebte.
Verfluchte Drecksscheiße!
Tränen raubten mir die Sicht auf das glitzernde Meer.
Weshalb musste die Einsamkeit stets schmerzen?
Es klopfte an der Tür.
Ein weiteres Mal Scheiße!
Die Beweise meiner Schwäche von den Wangen wischend stieg ich aus dem Pool, trocknete mich behelfsmäßig ab und lief zur Eingangstür.
Ohne nachzudenken, öffnete ich sie.
Heute weiß ich: Das würde ich niemals wieder tun!
»Hey, Kleine. Was hältst du von einer Runde Kickboxen auf der anderen Seite der Insel?«
Theo stand da, in all seiner Pracht: Das offene strahlend weiße Leinenhemd, die kurze naturfarbene Hose und die gewellten Haare, welche der Wind ihm in die goldenen Augen wehte.
Abermals raubte es mir den Atem.
Weshalb?
Keine Ahnung.
Seine Stirn gekraust trat er einen Schritt zu mir. »Du siehst noch schlechter aus. Was ist los?«
Weshalb interessierte es ihn, wie es mir ging? Tat er das ebenfalls, um mich ins Bett zu bringen?
Irgendwie wurde ich aus diesem Menschen nicht schlau. Und das Allerschlimmste: Bei ihm schrillten keine Alarmglocken.
Dabei war es offensichtlich!
Er wollte keine Beziehung. Er wollte einen Fick. Mehr nicht.
Ich versuchte, die Tür zuzumachen – und wurde von ihm geschickt daran gehindert.
Mit beiden Händen drückte er das Türblatt in meine Richtung. »Ich glaube … wir sollten ernsthaft vernünftig miteinander reden.«
»Ich kenne dich nicht«, erwiderte ich und hielt mit aller Kraft dagegen. »Ich werde dir nichts über mich erzählen. Also lass es.«
Einerseits mutete er wütend an, andererseits besorgt. »Gut.« Damit hob er die Hände in einer beschwichtigenden Geste in die Höhe – allerdings nicht ohne einen Fuß gegen das Türblatt zu stellen. »Ich gebe es zu: Ich wollte dich überreden, eine Nacht mit mir zu verbringen – wie ich es dir von Anfang an sagte … Aber jetzt.« Damit deutete er Richtung Boden. »Ich stehe hier, um mit dir zu reden – ganz vernünftig und ehrlich. Ich will wissen, was mit dir los ist. Du reagierst extrem seltsam.« Er stockte, überlegte. »Dabei interessiere ich mich normalerweise nicht für mysteriöse und kratzbürstige Weiber.«
Kratzbürstig?!
»Ich bin Single«, fuhr er fort, ehe ich etwas einwerfen konnte. »Will meinen Spaß und fertig.«
Zeigten seine Wangen etwa einen Anflug von Pink?
»Aber bei dir bin ich schlichtweg zu neugierig. Du lässt mir keine Ruhe. Außerdem begegnen wir uns andauernd … und würden uns weiterhin begegnen. Da bleibt mir gar keine andere Wahl, als dich immer wieder anzusehen und zu rätseln, weshalb du derart eigenartig rüberkommst.«
Es entstand eine Pause, in welcher sein Blick sich kontinuierlich intensivierte. Und logischerweise tat sich flugs eine Hitzewelle in mir auf.
»Ich bin ein typischer Single-Mann. Ich liebe es zu flirten, heiße Nächte mit scharfen Weibern zu verbringen und manch einem männlichen Konkurrenten den Schädel einzuschlagen. Davon einmal abgesehen bin ich aber sicherlich kein herzloses, berechnendes, egoistisches Arschloch, das auf Frauenfang geht und auf Gefühlen anderer herumtrampelt.«
Er atmete hörbar durch.
Anscheinend fiel ihm diese Stellungnahme schwer.
»Ja, ich will Sex mit dir. Nein, ich will dich nicht verletzen, solltest du dich davor fürchten. Es geht mir wirklich nur um eine einmalige Sache. Das sage ich dir ganz offen. Ich werde dir nicht die große Liebe vorspielen, damit ich es mit dir treiben kann. Ebenso wenig werde ich dich anlügen oder dir nicht ernst gemeinte schleimige Komplimente zusäuseln.« Ein Hauch von Argwohn huschte ihm über seine Gesichtszüge. »Und solltest du, in sexueller Hinsicht, überhaupt nichts von mir wollen, könnte ich –« Mahnend erhob er den Zeigefinger. »Könnte ich es mir sogar vorstellen, dich als eine gute Freundin anzusehen. Ein Kumpel, verstehst du?« Für den Bruchteil einer Sekunde wandte er sich zur Seite. »… So etwas habe ich nämlich nicht … um ehrlich zu sein.« Theo schnitt eine Grimasse. »Jetzt klinge ich wie eine verweichlichte, eierlose Fotze.« Er schüttelte seine Gestalt. »Ekelhaft.«
Zuallererst wollte ich heulen – und das einzig aufgrund seiner entwaffnenden Ehrlichkeit.
Allmählich verstand ich mich selbst nicht mehr …
Anstatt zu weinen, fing ich aber zu lachen an – unbeschwert und ungezwungen.
Es fühlte sich herrlich an.
Wann hatte ich das letzte Mal aus vollem Herzen gelacht?
Wahrscheinlich vor drei Jahren …
»Hey, das ist nicht witzig. Ich vollführe hier einen Seelenstriptease alleine für dich und du lachst mich aus! Da kann ich auf eine Freundschaft mit dir getrost scheißen!«
Seelenstriptease. Das war zum Brüllen!
Lachend schüttelte ich den Kopf. »Tut mir leid.«
Theo wurde zusehends mürrischer. Dies bekundeten seine sich zu Schlitzen verengenden Augen. »Dann lach nicht so bescheuert! Schließlich sind wir keine Kinder!« Dies gesprochen drückte er die Tür auf und trat ein, infolge dessen ich kichernd einen Schritt auf die Seite machte.
»Hörst du endlich auf, oder soll ich gehen?«
»Gut. Okay. Ist schon in Ordnung. Ich lache dich jedenfalls nicht aus, solltest du das glauben.«
»Diesen Eindruck erweckst du aber«, konterte er beleidigt und stellte sich in die Mitte des Wohnraumes.
Währenddessen ich ihn dabei beobachtete, wie er sich in meinem Domizil umschaute, hallte mir seine letzte Äußerung nochmals durch den Sinn: »Ja, ich will Sex mit dir. Nein, ich will dich nicht verletzen.«
Sofern er dies ernst meinte, besaß er augenscheinlich mehr Hirn als der Pöbel’sche Durchschnitt. Dies wiederum entfachte eine erst kürzlich abgestorbene Hoffnung, mich in ihm womöglich nicht gänzlich geirrt zu haben.
Vielleicht sollte ich ihm eine Chance einräumen … eine Freundschaft wäre mir in jedem Fall Willkommen.
»Hier sieht’s genauso aus, wie in meiner Bude«, riss er mich aus meinen Überlegungen. »Zumindest mit einer anderen Einrichtung hatte ich gerechnet.«
Ich schloss die Tür und trat zu ihm. »Worüber willst du mit mir reden?«
Theo drehte sich um – zeigte mir ein verschmitztes, unheilschwangeres Grinsen. »Zuallererst werde ich mir meine Sachen ausziehen.«
»Bitte was?!«
Bevor ich etwas Weiteres erwidern konnte, hatte er das Hemd bereits auf die Seite geworfen und die schwarzen Schlappen wegggekickt.
Scheiße!
Was wollte er damit bezwecken?!
»Ich habe dir gesagt«, brachte ich zittrig entgegen. »Ich mache es nicht mit dir. Was soll das also werden?«
Wenn er nun nackt vor mir stünde, was würde ich tun? Ihm um den Hals fallen oder ihn zusammenschlagen?
»Darum geht es nicht.«
Er zog die Short runter –
Und ich atmete auf.
Gott sei Dank präsentierte er mir eine schwarze eng anliegende Badeshorts, die, nebenbei erwähnt, seinen knackigen Hintern unverschämt gut in Szene setzte.
»Ich will mit dir im Pool sitzen und reden.«
»Und auf der Couch geht das nicht?«
»Nein, das ist langweilig.« Die Hose landete auf seinem Hemd, dann fasste er nach meiner Hand und zerrte mich hinaus.
Ich ließ ihn gewähren.
Vorerst.
»Sogar der Pool sieht ident aus. Interessant.«
Mit einem sanften Lächeln und meinen Körper von oben bis unten begutachtend glitt er ins Wasser – ich folgte.
»Ach ja, hübscher Bikini. Modelst du nebenbei?«
Was?
Modeln?
»Nein. Wie kommst du darauf?«
Verblüffung verdrängte Freude und restlichen Schelm. »Willst du mich verarschen?«
»Nein.« Ich schaute gen Himmel, dann zurück zu ihm. »Ich glaube nicht. Weshalb auch?«
»Aber du siehst umwerfend schön aus. Das müssen dir bestimmt hunderte Leute vor mir gesagt haben.«
Frische Hitze jagte mir durchs Gedärm.
Zwar war ich mir über meine schlanke Gestalt im Klaren, jedoch hübsch gefühlt – das hatte ich mich nie. Fernerhin hatten mir äußerst wenige Menschen Komplimente gemacht.
»Nein … das passiert sehr selten«, gab ich nach einigem Zögern zu. »… Mein Ex war einer der wenigen, der mir Komplimente gemacht hat. Und der hat mich letzten Endes betrogen.«
Gerne hätte ich meinen Hinterkopf gegen den Poolrand geschlagen.
Wie kam ich auf die Idee, Theo dieses intime Detail aus meinem Leben zu verraten? Wieso erzählte ich derlei Dinge? War ich nicht mehr ganz bei Trost? War irgendeine Krankheit dabei auszubrechen? Eine Psychose? Ein Burn-out? Eine Depression? Schizophrenie?
Theo wirkte ernsthaft betroffen. »Wie kann dich ein Mann betrügen? Spinnt der denn?«
Ich rang um Fassung. »Nun … ich glaube –«
»Dieses Arschloch gehört niedergedroschen und abgestochen!« Sein intensiver Blick drang mir bis in die Seele vor. »Hast du ihm wohl eine verpasst?«
»Was … wie? … Nein.« Hilflos gestikulierte ich mit den Händen. »Ich war geschockt gewesen. Schließlich waren wir erst fünf Monate zusammen. Ich habe nicht damit gerechnet. Überhaupt nicht.«
Seine Augen wuchsen an. »Und danach. Hast du ihn wenigstens danach geschlagen?«
Seine Äußerung raubte mir die Sprache.
Kein Mann zuvor hatte auf eine solche Weise reagiert. Keiner. Kein Einziger!
»Ich bin Polizist«, presste ich irgendwann mit größter Mühe hervor. »Ich kann nicht einfach irgendwelche Leute niederschlagen! Schließlich sind wir nicht in einem Achtziger-Jahre-Film mit Robert De Niro oder Sylvester Stallone.«
Ein niedliches Grinsen stahl sich auf seine Lippen. »Ja, stimmt natürlich. Dennoch. Dem Typen würde ich eine Lektion erteilen, die er im Leben nicht mehr vergisst.«
»Dann wärst du der Erste, der das für mich tun würde.«
»Bitte was?!« Geschockt, fassungslos, ungläubig suchte er nach einer Erwiderung, hielt dann aber inne.
Und mich überkamen neue Zweifel.
Sollte ich weitersprechen? Sollte ich ihm noch mehr verraten? Konnte ich ihm tatsächlich trauen? Immerhin kannte ich ihn kaum.
Von einer Sekunde auf die andere legte sich meine Angst, und Ruhe breitete sich aus.
Weswegen zweifelte ich?
Eigentlich war es komplett egal! Denn einmal ernsthaft: Was konnte Theo mir antun? Neben blöde Bemerkungen schieben … gar nichts!
Außerdem: Ich hatte ihm ohnehin längst Erlebnisse anvertraut, über die alleine Dan Bescheid wusste.
Ich sammelte Mut und schob sämtlichen Stolz zur Seite. »Ich habe, wie du, keine Kumpel, okay? … Und ich habe keine Verehrer. Da hast du etwas missverstanden. Genauso wenig sieht es mit richtig guten Freunden aus. Ein paar nette Kollegen, ja, aber das war’s schon.«
»Aber … aber … deine Verehrer …« Theo erweckte den Eindruck, unmittelbar vor einem Hirnschlag zu stehen. »Die … die dir Rosen schenken.« Er schluckte. »Männer, die dir den letzten Nerv rauben, weil sie dir ständig nachsteigen …«
Was faselte der Typ da?
»Äh, sorry, aber ich verstehe jetzt gar nichts mehr.«
Er befeuchtete die Lippen, fuhr sich über den Bart und richtete seine Aufmerksamkeit zum Horizont. »Ich dachte die gesamte Zeit, du wärst frustriert, weil du dich andauernd mit Verehrern herumplagen müsstest.«
Hä?!
»Du warst es doch, der zu Beginn meinte, ich würde an Sexfrust leiden! Oder habe ich da etwas falsch aufgefasst?«
»Nein, das stimmt wohl.« Er wandte sich wieder mir zu. »Ich dachte, du wärst sexuell frustriert. Dann allerdings habe ich mir deinen Körper genau angesehen – und erst deine Kampftechnik! Da wurde mir klar, das kann unmöglich der Fall sein. Du bist eine Spitzenfrau. Ein jeder Mann muss sich um dich reißen.«
Eine Gänsehaut jagte mir über den Körper.
»Ist das dein Ernst? Denkst du das wirklich? Oder willst du mich damit rumkriegen?«
Kopfschüttelnd lehnte er sich zurück und legte die muskulösen Oberarme auf den Poolrand. »Ich schwöre es dir – hoch und heilig. Ich will mich nicht einschleimen oder dir etwas vorspielen. Absolut nicht! Allerdings hätte ich nichts gegen einen One-Night-Stand einzuwenden.« Er zwinkerte mir zu. »Wie vorhin erwähnt.«
Gefühlswellen jagten mir durch den Körper, denen ich nicht mehr lange Herr bleiben würde. Gefühlswellen, entstanden durch Vermutungen und Hoffnungen.
Lag es im Bereich des Möglichen, dass Theo diese Nummer ausschließlich abzog, um von einer überdurchschnittlichen Empfindsamkeit abzulenken?
Ängstigte er sich vor Verletzungen, Kummer und Betrug?
Spielte er den harten, sexsüchtigen Macker, um sich vor Enttäuschungen zu schützen?
»Du bist kein Macho«, stellte ich mit erzwungener Ruhe fest.
Erst wirkte er betroffen, dann hellte sich seine Miene auf. »Tja, manchmal bin ich ein softer Macho.«
Ein softer Macho? Was sollte das bitte schön sein?
Ich kicherte meine auftretende Unsicherheit weg. »Du spinnst.«
»Nein, ich bin einfach ehrlich zu dir. Ich will nämlich wissen, warum du derart griesgrämig reagierst. Ist es deines Ex wegen?«
Ich zögerte.
Äußerst lange.
»Sag schon. Ich lache dich nicht aus.«
»Wurdest du ebenfalls betrogen?«, warf ich ein, um einer Antwort auszuweichen.
In seinen Augen blitzte etwas auf. »Wenn du mir verrätst, ob dein Ex Schuld an deinem Frust hat, gebe ich dir eine Antwort.«
Grübelnd blickte ich auf das glitzernde Salzwasser.
Sollte ich …? Sollte ich nicht …?
Ach, drauf geschissen!
»Nun … ja. Er hat mich tief verletzt. Dabei war ich kein junger Hüpfer mehr. Ich habe lange darauf gewartet, eine Beziehung einzugehen … und dann geht mir sofort der erste Freund fremd.«
Theo sprang regelrecht in die Höhe. »Was?! Er war dein Erster?«
Wasser schwappte über den Poolrand, mein Herz setzte kurzfristig aus.
Er lehnte sich zu mir. »Wann ist das gewesen?«
»Mit achtundzwanzig.«
Sein Gesichtsausdruck nahm beträchtlich verstörtere Ausmaße an. »Wie alt bist du dann?«
»Zweiunddreißig.«
»Halleluja!« Sein Ausruf ließ mich unwillkürlich zusammenzucken. »Du bist schon so alt!«
»Hey! Ich bin nicht alt!«
Seine Aussage schmerzte.
Außerordentlich.
Sah ich etwa derart alt … verbraucht aus?
O Scheiße!
Meinten deshalb alle, ich müsse sesshaft werden, da ich auf dem Singlemarkt in wenigen Jahren keine Chancen mehr hatte?
»Ich dachte, du wärst vielleicht fünfundzwanzig, oder –« Perplex hielt er ein. »Steh auf! Ich muss dich noch mal komplett sehen … Das kann einfach nicht sein.«
Meine Wangen erhitzten.
Theo schätzte mich so viel jünger?
Das war unwahrscheinlich beruhigend. Und es schmeichelte mir ungemein.
»Du kannst mich mal!«, entgegnete ich gespielt bestürzt, dafür mit einem Lächeln. »Was glaubst du eigentlich?! Geht es hier alleine darum, wie ich aussehe?«
Unter keinen Umständen durfte er bemerken, wie nah mir seine Aussage ging.
Unter keinen Umständen!
»Ja aber –« Sichtlich nervös vollführte er Handgesten. »Du siehst dermaßen jung aus … Das habe ich nie für möglich gehalten.«
Plötzlich schoss mir etwas durch den Verstand: Entstand seine Aufgekratztheit etwa durch mich? Theo, der Macho – nervös in Gegenwart einer Frau?
…
Falls meine Vermutung stimmte, sprach Theos Reaktion eindeutig für einen vernünftigen und beziehungsfähigen Charakter und gegen einen One-Night-Stand verehrenden Proleten.
»Langsam wirst du mir unheimlich.« Ich brachte etwas Abstand zwischen uns.
»O nein!« Theo rutschte mir nach. »Ich bin nicht unheimlich. Ich erkenne lediglich, wie falsch ich dich eingeschätzt habe.« Er überlegte. »Das wiederum bedeutet: Ich lag mit dem Sexfrust richtig.«
Ich errötete und senkte den Blick. »Ja. Wahrscheinlich.«
Scheiße!
Wieso sagte ich das wieder?!
»Aber was hast du dann gegen einen One-Night-Stand einzuwenden?« Seiner nonchalanten Stimmlage nach zu urteilen, berührte mein Geständnis ihn nicht sonderlich. »Wir könnten uns eine tolle Nacht machen. Keine Verpflichtungen, kein Stress.«
Ich wandte mich nach links – einerseits, um ihm nicht mehr in diese wunderschönen Augen sehen zu müssen, andererseits, um meine erhitzten Wangen zu verstecken. »Ich kann das nicht.«
Unerwartet fasste er nach meinem Kinn und drehte mein Gesicht zu sich zurück. »Wieso nicht? Verhütest du nicht? Hast du keinen Gummi mit? … Ich habe genügend dabei, da brauchst du dir keine Gedanken zu machen.«
»Ja … nein –« Verzweifelt suchte ich nach Erwiderungen. »Ich habe keinen Gummi mit, aber daran liegt es nicht.«
»Woran dann?«
Ich räusperte mich. »Erstens … erstens hatte ich noch keinen One-Night-Stand und zweitens –«
»Du hattest noch nie …?!« Er runzelte die Stirn. »Das kann gar nicht sein –«
»Und zweitens will ich das nicht.«
»Ja … aber weshalb?«
Abermals zögerte ich.
Wenn ich ihm meinen Wunsch – meine Sehnsucht – anvertraute, wie würde er reagieren?
Würde er mich verstehen? Oder würde er glauben, ich wäre eine bescheuerte Pussy, die heiraten und Kinder auf die Welt setzen und sich von ihrem Mann aushalten lassen wollte?
Verflucht!
Irgendwie musste ich ihm meine Sachlage darlegen, ohne mich in einem falschen Licht zu präsentieren.
Das Letzte, das ich wollte, war ein Mann, der mich in die Schublade Hausmütterchen steckte.
»Ich … ich kann nicht mit jemandem ein Techtelmechtel anfangen, den ich nicht kenne und der nichts für mich empfindet.«
»Aber ich empfinde etwas für dich«, erwiderte er keck. »Ich finde dich attraktiv.«
»Mir geht es um ein wenig mehr. Mehr Gefühle. Mehr Zwischenmenschliches. Einfach um … Liebe.«
Endlich war es raus …
Grund zur Freude kam dennoch keine auf – das lag an meinem auftretenden Stolz und der peinlichen Gewissheit, nun einen ähnlichen Seelenstriptease wie Theo vorzuführen …
Das gefiel mir nicht. Ganz und gar nicht.
Doch seltsamerweise erleichterte es mich.
Verdammte Scheiße!
Es war zum Verrücktwerden!
Jedes Mal, wenn Theo in meiner Nähe weilte, spielte meine Gefühlswelt verrückt …
Ich rieb mir über die Nase.
Wie sollte ich nun weiter vorgehen?
Da Theo nichts einwarf und mir selbst nichts einfiel, um mein Gesagtes abzumildern oder das Thema in eine andere Richtung zu lenken, ignorierte ich jegliche Zweifel und fuhr fort. »Ich will ausschließlich mit jemandem schlafen, der sich mit mir eine Beziehung wünscht. Ich will Geborgenheit und Sicherheit. Reiner Sex interessiert mich nicht. Für einen Orgasmus brauche ich keinen Mann, verstehst du?«
Kein Wort brachte er über die Lippen, dafür sagten seine Züge genug: »Noch ein Heimchen am Herd mit Harmoniebedürfnis.«
Verdammt noch einmal!
»Aber glaub jetzt ja nicht, ich würde Kinderwünsche oder Ähnliches hegen.«
Ich durchtrennte die Luft mit meiner rechten Hand. Gleichzeitig verfluchte ich mich tausendmal im Geiste.
Weshalb hatte ich damit angefangen?
Man sprach niemals über Sehnsüchte. Niemals! Erstens wurde man ohnehin falsch verstanden, zweitens interessierte es niemanden, drittens machte man sich lächerlich.
Verkackte Scheiße!
Immer dasselbe … immer dasselbe!
Beruhige dich, dachte ich. Jammern bringt dich nun nicht mehr weiter.
Jetzt hieß es ausschließlich, den Schaden weitestgehend zu begrenzen.
»Ich will arbeiten, meinen Job gut machen, ich will zur Cobra und erfolgreich Terroristen und anderen Abschaum bekämpfen … Einen One-Night-Stand hingegen – das brauche ich nicht. Was ich brauche, ist ein Mann und Partner, auf den ich mich verlassen kann … bei dem ich mich anlehnen darf.« Ich hielt inne – fluchte gedanklich weiter – und überlegte. »Ich will keine Mutter sein, ich will ein gleichberechtigter Partner in einer erfolgreichen, schönen Beziehung sein. Nicht mehr und nicht weniger.«
Dies gesprochen blickte ich ihm tief in seine mich intensiv musternden goldenen Augen.
Es war mir beim besten Willen nicht zu sagen möglich, was er von mir hielt. Seinen geweiteten Pupillen nach zu urteilen würde ich jedoch nicht lange auf eine Antwort seinerseits warten müssen.
»Damit habe ich nicht gerechnet«, beendete er sein eisernes Schweigen keine Sekunde später und mit ungewöhnlich leiser Stimmlage. »Als du begonnen hast, dachte ich, du wünschst dir diesen Irrsinn mit Ehe und Kindern.« Um seine Abscheu dahingehend zum Ausdruck zu bringen, verzog er das Gesicht auf eine schier urkomische Weise. »Aber dann … von Wort zu Wort … wurde es besser. Du hast da Dinge aufgezählt, die ich gut nachvollziehen kann.« Kurzzeitig stockte er. »Denn ehrlich gesagt, wünschte auch ich mir eine solche Beziehung. Zu meinem Pech kam bei mir bloß eine Scheidung raus – und ein Sohn, der wahrscheinlich nicht einmal meiner ist … zumindest hoffe ich das.«
Ich war baff.
Er war verheiratet gewesen? Und hatte ein Kind, von welchem er nicht einmal wusste, ob er der Vater war?
»Das ist ja furchtbar.«
Er zuckte die Achseln. »So schlimm ist es nicht. Ich muss nämlich keinen Unterhalt zahlen … Dennoch kotzt es mich an. Die letzten Jahre, die ich als Single unterwegs bin, ärgere ich mich, wie ich drei Jahre meines Lebens verpfuschen konnte … Die Ehe mit meiner Ex-Frau war der komplette Reinfall gewesen.«
»Dann geht’s uns beiden wohl ähnlich.«
»Ja.« Ein neues Mal hielt er inne. »… sie hat mich nämlich ebenfalls betrogen.«
Nun wurde es ernsthaft unheimlich.
»Sagst du das etwa, um es mir recht zu machen?«
Er funkelte mich an. »Glaub mir, bei einer derartigen Sache mache ich bestimmt keine Scherze … Sie hat mich mit einem Versicherungsvertreter meiner eigenen Bank betrogen!« Trauer und Wut härteten seine hübschen Gesichtszüge. »Wer weiß, womöglich ist das Kind sogar von diesem Hurensohn!«
»Das … das ist echt scheiße … sorry.«
»Aber dafür habe ich mich nun richtig ausgetobt.« Er versuchte, glücklich zu wirken – die Betonung lag auf »versuchte«. Richtig zufrieden mutete er keineswegs an. »Die letzten Jahre tat ich ausnahmslos das, was ich wollte. Ich habe mich keinen gesellschaftlichen Zwängen gebeugt, keine Chancen ungenützt gelassen.« Er seufzte. »Manchmal ist es dennoch hart.«
Und damit wurde es interessant.
»Speziell dann, wenn man einmal alleine zu Hause hockt und merkt, wie sehr die Nähe eines netten Partners fehlt.« Jäh versteifte sich sein Körper und Theo begann wilde Handgesten zu vollführen. »Aber … das ist natürlich blödes Memmengerede. Wahrscheinlich liegt es an dem Wetter hier oder dem Ambiente … oder so. Letztlich ist es immer besser, alleine seinen Weg zu gehen.«
Ohne darüber nachzudenken, legte ich meine Hand auf seine linke Schulter – und Theo warf mir einen unmöglich zu deutenden Blick zu.
Es wurde Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen.
Fakt war: Ich hatte mich jahrelang belogen – und Theo sich ebenso.
»Ich glaube, wir wissen beide, wie die Wahrheit wirklich aussieht.«
Seine Lippen verzogen sich zu einem griesgrämigen Lächeln. »Ich würde dir gerne widersprechen, doch irgendwie funktioniert das nicht. Und irgendwie befinde ich mich eben in einer dermaßen bescheuerten Verfassung, sodass ich dir Sachen erzähle, die ich nicht einmal meiner Mutter erzählt hätte.«
»Das ist verrückt.« Ich nahm meine Hand von ihm, worauf er danach fasste und mich zu sich zog.
Ich konnte nichts dagegen tun – vielleicht wollte ich auch nichts dagegen tun … Auf alle Fälle schlang Theo die Arme um mich und legte seine Lippen auf meine.
Es wurde mir glühend heiß, mein Herz raste und mein Unterleib pochte. Das schönste Empfinden allerdings war diese Vollständigkeit, die sich in mir ausbreitete.
Ich fühlte mich komplett, lebendig, glücklich.
Das erste Mal seit Jahren rauschte mir pures Glück durch die Adern. Es riss mich hinfort, nahm mir alle Sorgen, Ängste und Zweifel, welche sich seit dem Seitensprung meines Ex in meinem Herzen einquartiert hatten. Als Konsequenz dieser Gefühlsstürme schaltete sich meine Vernunft zur Gänze ab.
Ich musste zugeben, Theo hätte mich nehmen können. Er hätte einfach alles mit mir anstellen können.
Das Einzige, was er jedoch tat, war mich zu küssen.
Langsam, unvergleichlich langsam tanzten seine weichen Lippen über meine.
Ich vermochte ein leises Seufzen ebenso wenig zu unterdrücken wie meine Arme um seinen Nacken zu schlingen.
Sein Oberkörper an meinen gepresst, spürte ich einen jeden einzelnen seiner stahlharten Muskeln, die heiße glatte Haut und seine zärtlichen Hände, die mich auf seinen Schoß zogen und im Anschluss daran meinen Hintern sanft kneteten.
Wie gerne hätte ich laut aufgestöhnt!
Doch ich hielt mich zurück.
Ich wollte ihn nicht zu sehr anstacheln oder ihn zu etwas verleiten, das wir womöglich bereuen würden – obgleich ich mir insgeheim nichts anderes mehr wünschte …
Irgendwann bemerkte ich seine Zunge und wie diese mich zu erforschen begann. Liebevoll berührte sie die meine, liebkoste meinen Gaumen, tänzelte mir über die Lippen. Das durch seinen kurzen Bart ausgelöste Kitzeln in meinem Gesicht kurbelte meinen Puls nochmals kräftig an … und seine fähigen Hände – Himmel, Arsch! Dieses Geschick, diese Behutsamkeit, diese fokussierte Vehemenz … Wenn Theo einer Frau nicht innerhalb einer Minute einen Höhepunkt zu entfesseln gelang, fraß ich einen Besen.
Ein liebliches Saugen an meiner Unterlippe trieb mein Verlangen in schwindelerregende Höhen.
Verflucht.
Ich wollte ihn. Ich wollte ihn … jetzt sofort … Er sollte mich nehmen, gegen die Poolwand pressen, mir den Bikini vom Leib reißen und sich in mich stoßen …
Theo indessen machte ausschließlich mit seinem Kussspektakel weiter.
Nahezu in Slow Motion verwöhnte er mich – lutschte, saugte, knabberte … offensichtlich wollte er unseren Kuss zu einer Art Kunst erheben.
Ein Akt der puren Einigkeit und Liebe – intimer als jeder Geschlechtsverkehr.
Eben wollte er sich zurücklehnen, da ergriff ich die Initiative und nagte an seiner Unterlippe. Zärtlich, beinahe zögerlich schob ich meine Zunge in seinen Mund, umfasste seine Kinnbögen, kraulte seine weiche Gesichtsbehaarung.
Ein unterdrücktes Stöhnen drang aus seiner Kehle – schlug brachial in meinem Unterleib ein.
Theo klang noch unendlich viel schöner … satt, rau, heiser, entschlossen, wild, untergeben, willig …
»Warte.« Keuchend ließ er von mir ab – und damit verschwanden Einigkeit und Vollständigkeit gleichermaßen schnell wie sie aufgetaucht waren.
Ich seufzte seinen Namen – sehnsüchtig, begierig.
Ich wollte Theo noch nicht loslassen. Ich wollte ihn nie mehr loslassen.
Nach Atem ringend blickten wir uns an.
»Ich habe es dir gesagt«, presste er mühsam hervor. »Ich will dich nicht verletzen. Ich bin kein Arschloch. Doch falls wir es jetzt miteinander machen, würdest du dir mehr erhoffen, oder?«
Seine Worte zogen mir das Herz zusammen und trieben mir Tränen in die Augen.
»Warum hast du mich dann geküsst?«
Theo starrte mich eine angefühlte Ewigkeit an. Seine Pupillen huschten unruhig hin und her.
»Ich weiß es nicht.«
Er rutschte weiter zurück.
Mit einem jeden verdammten Zentimeter fühlte ich mich verlassener, einsamer, hoffnungsloser.
Verdammt noch einmal!
Das konnte nicht wahr sein!
»Ich weiß nicht, wieso, doch ich sehe, wie sehr du Geborgenheit suchst … das wiederum kann ich dir nicht geben.«
»Aber vorhin hast du –«
»Das heißt gar nichts.« Er vollführte eine aggressive Handgeste. »Ich will frei sein. Ich will … ich –« Er erhob sich und verließ den Pool. »Tut mir leid. Das hatte ich echt nicht so geplant.«
Flott drehte er sich um und schritt Richtung Wohnzimmer.
»Warte!« Ich jagte ihm hinterher, riss ihm seine eben aufgehobenen Klamotten aus den Händen und warf sie auf die Couch.
Einerseits erkannte ich große Wut, andererseits lag da mehr in seinem Mienenspiel – etwas Tiefgründiges, etwas Undefinierbares.
»Was wird das?«
»So schnell lasse ich dich sicherlich nicht gehen.«
Wenn du dir hundertprozentig sicher bist, dann lass den Mann, der dir etwas bedeutet, nicht mehr los.
»Ich will dir nicht das Herz stehlen und darauf herumtreten.« Der deprimierte wie verzweifelte Unterton in seiner Erwiderung traf mich mitten in die Seele. »Das habe ich einmal getan.« Abrupt verstummte er – und reine Verzweiflung brach über ihn herein. »Bei einem Mädchen. Ich war blutjung gewesen. Sie hat sich Hals über Kopf in mich verliebt.« Er blickte zu Boden, legte die rechte Hand auf seine rechte Gesichtshälfte. »Sie hatte mich genauso angeblickt wie du eben. Sie wollte mich. Sie wollte mit mir zusammen sein. Und ich habe diesen Umstand ausgenutzt und sie flachgelegt … Dann bin ich abgehauen.« Eine lange Pause entstand. »Ein paar Wochen später erfuhr ich über ihren Selbstmordversuch.« Langsam fand sein Blick zurück zu mir. »Tabletten. Sie stopfte sich mit Schlaftabletten voll. Gott sei Dank fand ihre Mutter sie rechtzeitig.« Unvermittelt liefen Tränen über seine Wangen, welche er schnellstmöglich wegzuwischen versuchte. »Das habe ich nie gewollt. Nie hatte ich vermutet, es würde ihr derart nahegehen.« Er atmete tief durch, straffte die Gestalt. »Aus diesem Grund sind mir One-Night-Stands lieber. Ich will niemanden mehr enttäuschen. Am Allerwenigsten dich. Darum halte dich besser fern von mir.«
Mein Herz stand kurz davor zu zerreißen.
Das war es, was ihn von einer neuen Beziehung abhielt – nicht der Betrug, sondern die Angst, eine Frau zu verletzen!
Mein Gott!
Ich nahm ihn in eine feste Umarmung.
Sein Leib antwortete mit einem heftigen Zittern, welches Theo schnellstmöglich unterdrückte.
»Lass mich los, wenn du nicht willst, dass wir eine große Dummheit begehen.«
»Und wie könnte diese Dummheit aussehen?«
Eine Stille erhob sich.
Theos Körper begann zu glühen – und mein Verstand zu rasen.
»Wilder, hemmungsloser Sex hier auf dem Holzboden«, entgegnete er heiser und legte seine Arme auf meinen Rücken. »Glaub’s mir. Lange kann ich mich nicht beherrschen – und dann würde ich dich verletzen. Doch ich will dich nicht verletzen. Absolut nicht. Darum lass mich los.«
»Wieso willst du keine Beziehung eingehen? Des Betrugs oder des Mädchens wegen?«
Er blieb still.
»Hat dich deine Ex-Frau jemals richtig geliebt? Hast du sie jemals richtig geliebt? Oder stellte es vielmehr eine Vernunftehe dar, aufgebaut auf Ängsten, eine Frau erneut zu verletzen?«
Theo selbst verlor weiterhin kein Wort, dafür antwortete sein Leib mit einem zweiten heftigen Zittern.
Das sagte genug.
»Und dir geht es lediglich um einen einfachen One-Night-Stand? Sonst nichts?«
»Ja.« Er klang alles, nur nicht überzeugend.
»Gut, dann halten wir es anders: Bleiben wir gute Bekannte.«
Möglicherweise würde er seine Meinung im Laufe der Zeit ändern. Oder wir würden tatsächlich bloß einfache Freunde werden.
All meiner Unsicherheit zum Trotz tippte ich auf Ersteres.
Sein emotionaler Zusammenbruch bewies, wie sehr er sich eine Partnerin wünschte, wie sehr er jemanden suchte und brauchte.
Genau wie ich.
Einziger Unterschied: Im Gegensatz zu mir verdrängte er diese Tatsache tausendmal heftiger.
»Das kann nicht gut gehen«, murmelte er und drückte mich fester an sich. »Das wird ein weiterer Rohrkrepierer. Irgendetwas wird schieflaufen. Irgendetwas. Ich spüre es.«
»Und ich spüre, dass du mehr von mir willst als reinen Sex. Gib es einfach zu.«
»Nein … nein, das geht gar nicht. Das stimmt nicht. Ich kenne dich erst zwei Tage. Das liegt bestimmt am Stress und den vergangenen Aufträgen … das … das kann nicht sein …«
Offensichtlicher ging es nun wirklich nicht!
»Dann begehen wir eine Dummheit.«
Theo wollte mehr – und ich wollte ihn.
Weshalb sich länger zieren?
Und sofern es unerwarteterweise doch bei einer einzigen Nacht bliebe, musste ich eben mit den Konsequenzen leben.
Aber davon einmal abgesehen – ich litt an meiner Einsamkeit. Ich ertrug es nicht mehr, mich tagein tagaus alleine durchs Leben zu quälen. Selbst wenn es eine reine Sexbeziehung werden würde – Hauptsache ich durfte endlich wieder Körperwärme spüren. Theo war kein verlogenes Arschloch. Er besaß Einfühlungsvermögen. Weshalb sollte ich ein paar zärtliche Nächte in den Wind schlagen? Ich war mir sicher, solch einem liebevollen Liebhaber würde ich nie mehr begegnen. Erst recht nicht einen dermaßen gut aussehenden und alleinstehenden Mann wie Theo. Dachte ich genauer darüber nach, sah es in meinem Kaff für zwischenmenschliche Bindungen ohnehin gänzlich schwarz aus. Es gab keine Singles mehr. Die waren allesamt verheiratet. Da hätte ich nicht einmal jemanden gefunden, wenn ich es gewollt hätte – weder für eine einmalige Sache noch für etwas Fixes.
Theo lehnte sich zurück. »Das geht nicht.«
»Wieso?«
»Weil ich mir unsicher bin, ganz einfach.«
»Ich werde dir keine Szene machen«, versicherte ich. »Ich werde mich nicht umbringen.«
»Darum geht es nicht.«
»Worum geht es dann? Aber sag mir nicht, du bekommst jetzt keinen mehr hoch, weil du durch den Wind bist.«
»Und wenn es so wäre?«
»Dann sage ich: Du lügst.«
Trotzig hob er das Kinn an. »Woher willst du das wissen?«
»Weil dein Freund da unten hart wie Stein ist.«
Seine Wangen zeigten einen Anflug von Pink. »Scheiße.«
»Ich gebe es zu: Ich bin frustriert«, gestand ich. »Vier verdammte Jahre hatte ich keinen Sex mehr. Vier Jahre!« Mein Gesagtes unterstrich ich, indem ich meine rechte Hand in die Höhe hielt – vier Finger ausgestreckt. »Und dann kommst du angetanzt, mit deinem perfekten Körper und diesen verruchten Dingen, die du mir da andauernd zuhauchst – und dann! Dann zeigst du mir diese zerbrechliche Seite.« Ich hüstelte. »Wärst du ein gewöhnlicher bescheuerter Macho, hätte ich dich längst rausgeworfen! Dann hätte ich mich heute Morgen erst gar nicht zu dir gesetzt. Ich stehe nämlich wirklich nicht auf Machos. Überhaupt nicht.«
»Wieso hast du dich zu mir gesetzt? Zu dem Zeitpunkt wusstest du nichts über mich.«
Verunsicherung tat sich in mir auf.
»Weil ich über unser morgendliches Zusammentreffen nachgedacht habe.«
»Und welche Rückschlüsse hast du da bitte gezogen?«
»Du wolltest einen Spaziergang machen, stimmt’s?«
Theo wölbte eine Augenbraue. »Ja, schon. Warum? Ist das wichtig?«
»Ja, denn das tut ein Macho bekanntlich nicht. Der schläft länger, wartet dann beim Buffet, um Weiber aufzureißen.«
Seine Lippen deuteten ein Lächeln an. »Und was wäre, wenn ich auf diese gänzlich selbstlose-weicheimäßige Weise reagiert hätte, weil ich dich unbedingt flachlegen wollte?«
»Das dachte ich zunächst auch. Allerdings hast du etwas komplett anderes ausgestrahlt. Ebenso während unserer ersten Begegnung auf der Insel.«
»Diesen Arsch kenne ich doch«, rezitierte er schmunzelnd.
»Genau. Zwar deutet eine solche Aussage auf einen Macho hin, dennoch kamst du anders rüber.« Ich überlegte. »Bei dir scheinen es stets zwei Seiten zu sein. In etwa: Du sagst Schwarz, meinst aber Weiß. Alleine deshalb habe ich Interesse gehegt. Alleine deshalb habe ich dem Dinner zugestimmt, alleine deshalb habe ich mich zu dir gesetzt.«
»Und wie hättest du normalerweise reagiert?«
»Normalerweise? … Da hätte ich dich heute Morgen richtig niedergeschlagen. Und dann wäre ich weitergegangen.«
Er zog die Augenbrauen hoch. »Ernsthaft?«
»Ernsthaft.«
Er kicherte. »Du bist die verrückteste Frau, die mir jemals untergekommen ist.«
»Nicht bloß verrückt – gefühlsmäßig komplett daneben«, korrigierte ich und trat einen Schritt zurück. »Aber jetzt ganz im Ernst. Ich hasse dieses verdammte Schauspiel dermaßen! Jeden Tag muss ich den glücklichen Single vorspielen. Jeden Tag muss ich meinen Kollegen vorlügen, wie sehr mich Beziehungen ankotzen. Jeden Tag wache ich auf und denke mir: ›Wieso muss ich alleine sein?‹, es kotzt mich unbeschreiblich an.«
»Mich auch«, flüsterte er. »Mich auch.«
Mir wurde es heiß.
Dann wollte er tatsächlich eine Beziehung!
Es war alles Show gewesen.
Er spielte genauso wie ich!
»Bitte sag mir die Wahrheit: Du willst nicht mehr auf diese Weise weitermachen, oder?«
Langsam nickte er. »Irgendwie nicht. Irgendwie schon. Ich genieße die kurzen Affären, die One-Night-Stands, das Partymachen. Doch, es stimmt.« Er zögerte. Sehr lange. Unwahrscheinlich lange. »Es ist, wie du sagst: zum Kotzen.« Ein Räuspern unterbrach ihn. »Wenn man mit siebenunddreißig nach wie vor alleine um die Häuser zieht, wenn ich mir anhören muss, wie meine Kollegen über ihre Familien schwärmen, über tolle Urlaube und schöne Nächte mit ihren Frauen prahlen – es tut weh. Das hätte ich ebenfalls gerne. Andererseits vermute ich, dass viele meiner Kollegen immens übertreiben. Meine Ehe beispielsweise war nicht eben der Oberburner gewesen. Klar, manche Pärchen sind bestimmt glücklich. Aber ein jedes Einzelne? Ich denke nicht. Sonst wäre die Scheidungsrate nicht dermaßen hoch … Und ich habe keinen Bock auf eine zweite Scheidung.«
»Ich habe genauso wenig Bock, abermals belogen und betrogen zu werden. Deshalb halte ich großen Abstand. Besonders bei maulenden Männern.« Ich schluckte. »Wie du dich bis eben verhalten hast, war nämlich mein Ex gewesen.«
»Ach du Scheiße! Deshalb hatte ich keine Chance!«
»Genau. Selbst wenn ich One-Night-Stands nicht abgeneigt wäre – mit dir hätte ich mich nicht abgegeben.«
»Jetzt verstehe ich dich.«
»Wie auch immer.« Ich strich mir eine feuchte Strähne meines Haars zurück. »Begehen wir eine Dummheit und schauen wir, wie es weitergeht … oder bleiben wir erst einmal Freunde und springen letztlich erst in die Kiste?«
Er fing zu lachen an.
Es ging mir durch und durch.
Sein Lachen klang voll und warm, ehrlich und herzlich – und wie seine Augen dabei funkelten …
Es dauerte etwas, bis er sich beruhigt hatte.
»Gut.«
Diese Stellungnahme war natürlich äußerst aufschlussreich.
»Was heißt das?«
Er warf mir ein verschmitztes Grinsen zu. »Gut, dass ich ein Candle-Light-Dinner gebucht habe – auf deinen Namen.«
Ich stemmte die Fäuste gegen meine Hüften. »Du hast was gemacht?!«
»Willst du mir deshalb eine Szene machen?« Seine Fröhlichkeit verschwand zur Gänze. Dafür härtete Skepsis seine Züge. »Dann möchte ich erst gar nicht wissen, was du tust, wenn wir es wild miteinander treiben und ich daraufhin verschwinde.«
Ich konnte ein Kichern nicht verdrücken. »Du hast echt Panik, ich könnte eine Vorzimmerdrachenseite an mir haben, stimmt’s?«
Nach einigen Sekunden stillen Schweigens bejahte er. »Irgendwie schon … dennoch.« Sein Blick nahm einen flehenden Ausdruck an. »Du hast mir die Visage in den Sand gedrückt, schon vergessen?«
»Und du hast mich beleidigt und mich angefasst.«
»Und wenn ich dich jetzt anfasse?«
»Dann würde ich es zulassen.«
Er trat einen Schritt näher. »Im Ernst? Du willst jetzt Sex mit mir?«
Ich zögerte, doch letztlich gab ich das Offensichtliche zu: »Ja, das will ich.«
»Ernsthaft? Jetzt, hier?« Er zeigte auf den Holzboden. »Da, auf dem Boden vor dem Tisch?«
Mit heißen Wangen bejahte ich.
Theo legte seine Hände auf meine Schultern, zog mich zu sich – und mein Körper reagierte sofort, indem frische gigantische Hitze in meinem Unterleib einschlug.
Was würde Theo mit mir anstellen? Was würde folgen?
Eben war er dabei, seine Lippen auf meine zu legen – da tätigte er einen brutalen Rückzieher.
»Nein«, flüsterte er und besah mich dabei auf eine mich schier wahnsinnig machende Weise. »Nein. Jetzt gehen wir es einen Schritt langsamer an.«
Ich rang nach Atem. »Das bedeutet?«
»Ich habe dir in nicht einmal einer halben Stunde mein halbes Leben erzählt. Dabei habe ich nicht einmal einen Tropfen Alkohol intus. Das ist komplett wahnsinnig!« Er atmete tief ein, blickte zur Seite, schüttelte den Kopf, schnitt eine Grimasse und ließ die Luft hörbar entweichen. »Ursprünglich kam ich zu dir, um dich ein letztes Mal zu einem kleinen sexuellen Abenteuer zu überreden.« Damit wandte er sich wieder mir zu, furchte die Stirn. »Und jetzt sieh an, was ich mache! Ich versuche das exakte Gegenteil. Was hast du mit mir angestellt?«
»Das Gleiche frage ich mich. Vor dir hätte ich mir niemals eine einmalige Sache vorstellen können – und jetzt? Jetzt will ich es unbedingt.«
Ein sanftes Lächeln trat in Erscheinung. »Das muss wohl etwas bedeuten, wenn es uns beiden gleich ergeht.«
Ich nickte stumm.
»Dann machen wir es jetzt auf meine Art.«
»Und wie sieht die aus?«
»Ich will mehr über dich erfahren.« Seine Hände glitten über meine Oberarme nach unten und zurück.
Diese unbedeutende Berührung reichte aus, damit es mir die Haare aufstellte.
»Wie wäre es mit einem richtigen Strandspaziergang? Im Anschluss daran ein wenig Schwimmen … und darauf ein Dinner.«
»Sprich: total unmachomäßig?«
Er zog eine Augenbraue hoch. »Solltest du damit spießermäßig meinen … muss ich dir fürchterlicherweise recht geben.«
Ich kicherte. »Okay, damit bin ich einverstanden … sehr sogar.«
Obwohl ich nach wie vor gerne eine Dummheit begangen hätte …
Er nahm meine Hand in seine. »Dann los.«

Es wurde unheimlich, um Evinas vorhin verwendeten Begriff aufzufassen. Ja, selbstverständlich hatte er ihr näherkommen wollen. Er hatte sie flachlegen wollen – im Pool, im Wohnzimmer, auf der Terrasse … Herrgott! Wäre es ihm erlaubt gewesen, hätte er es sogar zwischen Eingangstür und Angel getrieben. Dieser Körper, diese Eleganz, diese gefühlvolle Seite … vier Jahre Abstinenz!
Meine Fresse!
Damit erklärten sich sämtliche ihrer Launen …
Sanfte Erregung huschte ihm durch den Leib.
Bestimmt war Evina längst klitschnass da zwischen den Beinen.
O ja, es war gut gewesen, es nicht zu überstürzen. Zum Einen, um sie besser kennenzulernen, zum Anderen, um ihr Verlangen weiter anzufachen.
Eine notgeile Frau – was gab es Besseres auf dieser Welt?
Er musste schmunzeln.
Ursprünglich hatte er vermutet, Evina würde ihn aus dem Bungalow werfen oder ihm den Kopf abreißen …
Stattdessen hatte sich dieses Treffen in eine Kummerkatenonkel-Sitzung verwandelt!
Was war in ihn gefahren, sodass er ihr all diese intimen Details verraten hatte?
Zuerst seine Ex.
Gut, diese Information hätte er ihr früher oder später bestimmt enthüllt.
Dann allerdings folgte die Sache mit Sandra – das Mädchen, das er beinahe in den Selbstmord getrieben hätte!
Er konnte sich nicht erinnern, dieses Erlebnis jemals irgendjemandem zuvor anvertraut zu haben – weder Mara noch irgendwelchen Verehrerinnen. Darüber hinaus hatte er Ewigkeiten nicht mehr daran gedacht.
Zu sehr erfüllte ihn Reue …
Verdrängung war da die einzige Option gewesen.
Wie auch immer …
Durch diese plötzliche Gesprächigkeit seinerseits hatte er kurzzeitig befürchtet, durch den kleinen Mückenstich auf seiner Wade irgendeinen Erreger aufgefangen zu haben. Dann hatte er das herrliche Essen verdächtigt. Zum Schluss hatte er die romantische Umgebung dafür verantwortlich gemacht, bis er endlich begriff, wen die Schuld tatsächlich traf: Evina.
Evina war es – abermals!
Sobald er ihr in die Augen blickte, kletterte dieses seltsame Gefühl in ihm hoch – erweckte Erinnerungen an Fehlleistungen, Sehnsüchte, Wünsche sowie Empfindungen aus Kindheitstagen.
Und wie sie selbst darauf los plapperte, ging es ihr offenkundig keinen Deut besser.
Und was sie erzählte!
Über ihre Mutter, die sie und ihren Vater im Stich gelassen hatte. Ihre Kindheit, die ausschließlich daraus bestand, es dem Vater recht zu machen. Die Angst, von anderen verletzt zu werden. Das Misstrauen gegenüber Fremden. Die schmerzenden Gefühle, die dann und wann über sie hereinbrachen …
Manchmal mutete es an, sie würde aus seinem Herzen sprechen …
Das konnte man bloß unheimlich nennen.
»Die Wahrheit ist«, entgegnete Evina. »Seit Lebzeiten suchte ich Geborgenheit. Da ich aber ebenso wahnsinnige Panik vor Betrug und Verletzungen fürchte, habe ich mich entschieden, alleine zu bleiben.«
Sie und Theo flanierten den weißen Sandstrand entlang. Zarte Wellen kitzelten ihre Füße und ein lauwarmer Wind spielte mit ihren Haaren.
»Ich habe mir eingeredet, im Alleinsein mein Glück zu finden. Funktionieren wollte es bedauerlicherweise nie.«
»Dennoch verstehe ich nicht, weshalb du One-Night-Stands feindlich gegenüberstehst. Liebe hin oder her – genieße deine Freiheit, deine Jugend. Das gehört zum Leben dazu. Solange man ungebunden ist, kann man tun, was man will.«
Ihr kritischer Gesichtsausdruck ging ihm durch und durch. »Ich kann das nicht. Für mich müssen wahre Gefühle im Spiel sein. Außerdem hätte ich in meinem langweiligen Dorf ohnehin niemanden gefunden. Die sind allesamt verheiratet.«
»Und Kollegen?«
»Alle unter der Haube. Mit Kind und Hund und Katze und Minivan.«
Er lachte. »Das typische langweilige Landleben, hm?«
»Ja. Einfach schrecklich! Das hat mich nie interessiert.«
»One-Night-Stands aber ebenso wenig.«
»Stimmt. Wie gesagt brauche ich keinen Mann, um zu kommen. Falls ich mit jemandem ins Bett springe, dann alleine mit demjenigen, der sich eine Beziehung mit mir wünscht.« Ihr Blick intensivierte sich. »Deshalb frage ich dich noch einmal: Geht es dir wirklich nicht um ein kurzes Abenteuer? Du scheinst nicht recht zu wissen, was du möchtest. Andererseits will ich dich zu nichts drängen. Genauso wenig höre ich Hochzeitsglocken – solltest du das von mir denken. Ich will bloß halbwegs in Erfahrung bringen, ob du dir mehr vorstellen kannst als einen einfachen Fick.«
Das letzte Wort erschreckte ihn. Dabei benutzte er es selbst oft. Bei Evina hingegen – da klang es abwertend. Es hörte sich nicht einmal nach Spaß an.
Er musste sich eingestehen: Bei ihr wäre er nicht mehr in der Lage gewesen, diesen Begriff zu benutzen.
Evina war zu besonders. Sie spielte in einer anderen Liga. Und das Wichtigste: Bei ihr konnte und wollte er sich eine längerfristige Bindung vorstellen.
»Gehen wir es einfach ruhig an.«
»Sicher.« Nickend griff sie sich an die Stirn. »Ich klinge wie eine Frau, die alles auf einmal will, stimmt’s?«
Er warf ihr ein Lächeln zu. »Ja, zum Teil schon.«
»Tut mir leid. So wollte ich nicht rüberkommen. Ich habe bloß Schiss, das ist alles … und ganz ehrlich?«
Neugier flammte in ihm auf.
»Wie ich es vorhin gesagt habe, könnte ich es mir vorstellen, mit dir einen One-Night-Stand zu haben. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn es mehr wird.«
Theo fasste nach ihrer Hand. »Deshalb möchte ich es ruhiger angehen.« Er lehnte sich zu ihr, gab ihr einen kurzen Kuss und zog sie ins Meer. »Und jetzt lassen wir das Grübeln und gehen eine Runde schwimmen.« Seine Arme um ihre Hüften geschlungen, ließ er sich ins Wasser fallen – und landete mit dem Hintern im Sand.
»Nun … tief ist es hier nicht«, stellte er lachend fest.
Das Wasser ging ihm eben einmal bis zu den Achseln – sitzend.
Evinas süßes Kichern entfesselte in seiner Magengegend ein leichtes Prickeln. »Ich glaube, jetzt fängt die Ebbe an.« Sie drückte ihn etwas nach hinten, legte ihre Arme um seinen Nacken – wie Saphire funkelten ihre blaugrauen Augen in der Sonne. »Wir müssen ein wenig weiter hinaus, dann klappt es vielleicht mit dem Schwimmen.«
»In Ordnung.« Er schob seinen rechten Arm unter ihre Kniekehlen und legte den linken um ihren Oberkörper.
»Du wirst jetzt nicht –«
Ehe sie weitersprechen konnte, hatte er sich bereits mit ihr in den Armen erhoben.
Neues, aufgeregtes Kichern drang aus ihrem Mund. »Was wird das?«
»Ich trage dich in tiefere Gewässer.«
Sie sich an seinen Oberkörper gepresst, schritt er bedächtig hinaus. Und tatsächlich, keine zehn Meter weiter war es ihm möglich, sich mit ihr ins Wasser gleiten zu lassen, ohne erneut im Sand stecken zu bleiben.
Langsam ließ er sie los, sie hingegen antwortete mit einer innigen Umarmung – und einem innigen Kuss, der ihm den Atem raubte.
Meine Fresse!
Diese Zärtlichkeit … diese Umsicht … und erst ihre Unsicherheit, die sie zu unterdrücken versuchte …
Das machte ihn schlicht und einfach geil.
Unvermittelt ließ sie von ihm ab.
»Ist es in Ordnung für dich?« Zweifel in Form von zusammengezogenen Augenbrauen traten in Erscheinung. »Oder klammere ich dir zu viel?«
Was?!
»Wie kommst du denn darauf?«
»Nun … mein Ex-Freund wollte nie kuscheln oder herumblödeln. Deshalb dachte –«
»So ein Boofke! Weshalb war der überhaupt mit dir zusammen? Da mache ich mit meinen One-Night-Stands mehr, als der in einer Beziehung!«
Diese Welt war vollgestopft mit Arschlöchern …
Evinas Miene spiegelte reine Fassungslosigkeit wider. »Ernsthaft? Ich … das –«
Um ihre ohnehin nichtssagende Stotterei zu beenden, erwiderte er ihren Kuss.
Dieses Mal ließ er sich wieder mehr Zeit.
Wie köstlich sie schmeckte! Wie gut sie sich anfühlte! Ihr heißer Körper, die kuscheligen Haare, ihre knackige Kehrseite, die sanften Lippen … ihre Zunge, die zögerlich die seine berührte, ihre lieblichen seinen Bart kraulenden Finger, welche irgendwann weiterwanderten, ihm durchs Haar glitten …
Es war, als würde Theo von etwas hinfortgezogen werden.
Lag dies an den Gezeiten, oder hatte es mit Evina zu tun?
Er verscheuchte den Gedanken und konzentrierte sich lieber auf diesen erregenden Kuss, der ihn allmählich seiner Sinne zu berauben drohte.
»Wenn du mich auf diese Weise weiter küsst –«, keuchte sie glückstrunken. »Werde ich ernsthaft nicht mehr lange warten können.«
Er lehnte seine Stirn an ihre. »Ich werde dir noch dermaßen einheizen – du wirst mich anbetteln, es heute Abend mit mir zu machen.«
»Also darum geht es!« Mit einem gezielten dennoch behutsamen Tritt und einem Stoß gegen seinen Oberkörper brachte sie ihn aus der Balance und unter Wasser, infolge dessen er sie an ihrer Taille packte, auftauchte und eine überraschend leise Evina über seinem Kopf hielt, welche sich an seinen Schultern festkrallte und die Beine horizontal von sich streckte – wie eine Rock 'n' Roll Akrobatin.
Er hatte gedacht, sie würde wenigstens irgendetwas von sich geben – und wenn es einfache Schimpfworte gewesen wären. Völlige Stille hingegen? Das überraschte ihn – dabei wollte er sie überraschen, ihr ein verschüchtertes Japsen oder Piepsen entlocken.
»Du bist wahnsinnig leicht. Und dein Gleichgewichtssinn scheint sehr ausgeprägt.«
»Lass mich wieder runter.« Evina hörte sich äußerst verschüchtert an.
Dann hatte er sie doch überrumpelt!
Meine Fresse!
Da zeugte ihre Reaktion aber von verdammt guter Selbstbeherrschung!
»Mit den Beinen voraus, in Ordnung?«
»Ja.«
Bedächtig setzte er sie zurück ins Wasser – und sie? Sie begann unvermittelt zu lachen – bekam sich nicht mehr in den Griff.
»Was ist jetzt los?«
»Das war –« Sie hielt sich die Hand vor den Mund, kicherte, wieherte, prustete. »Einfach komplett irre.«
»Wieso?« Ihr herzhaftes Lachen entlockte ihm selbst ein Kichern. »Weshalb ist das witzig?«
»Das hat mich an Dirty Dancing erinnert.« Ein weiterer Lachanfall unterbrach sie. »Dabei habe ich den Film nie gesehen.«
»Woher willst du dann wissen, ob diese Hebefigur wie in dem Film ausgefallen ist?«
Er musste zugeben, er hatte sich den Schinken ebenso wenig gegeben. Schließlich verabscheute er alles, was mit Tanzen in Verbindung gebracht werden konnte. Liebesschnulzen standen ähnlich tief im Kurs … und dann sollte er sich einen Tanzfilm mit einer Lovestory ansehen?
Nein. Danke!
»Na, dieses bescheuerte Hochheben«, erklärte sie. »Das wird in einer jeden Programmvorschau gezeigt. Und ebenso oft wird der Umriss dieser Szene als Titelcover verwendet.«
Jetzt verstand er. »Natürlich … klar.«
Sie warf sich ihm um den Hals, und er hätte beinahe wieder die Balance verloren.
Um Evina in ihre tiefgründigen, hypnotisierenden Augen blicken zu können, drückte er sie ein wenig von sich weg. »Dein Lachen ist ansteckend.«
Sie zog die Brauen hoch. »Dabei hast du gar nicht richtig gelacht.«
»Nun.« Theo fuhr ihr durchs Haar. »Normalerweise bringt mich niemand schnell zum Lachen. Insbesondere nicht Quatsch veranstaltende Frauen.« Ehe Evina zu einem Protest ansetzen konnte, fügte er schnell hinzu: »Du weißt, ich bin ein Macho.«
»Ein softer Macho«, vervollständigte sie glucksend.
Theo nahm ihre Hand in seine. »Schwimmen wir etwas weiter hinaus, oder sollen wir lieber spazieren?«
»Wie wäre es mit einem Wettschwimmen? Wer zuerst bei den Bungalows eintrifft?«
Er drehte sich zu den rundlichen an die dreihundert Meter entfernten Häuschen. »In Ordnung. Allerdings weiß ich nicht, ob wir schnell genug sind, um vor der Ebbe anzukommen.«
»Probieren wir es. Sonst können wir den Rest immer noch laufend zurücklegen.«
»Gute Idee.«
Und damit ging’s los.
Evina zischte ab wie eine Rakete. Sie kraulte, als ging es um ihr Leben. Dies wiederum fachte seinen ausgeprägten Ehrgeiz massiv an.
Eine Frau würde ihn unter keinen Umständen schlagen! Vor allem nicht in seiner Spitzendisziplin.
Er spannte seine Muskulatur an, steckte sämtliche Kraft in eine jede Armbewegung, fokussierte sich alleine auf die zwischen ihm und den Wasserbungalows liegende Distanz.
Atmung, Bewegung, Puls – er fühlte sich eins mit dem Meer, eins mit sich und der Umgebung.
Langsam aber sicher holte er Evina ein.
…
Sonnenuntergänge nach einem Gewitter … Mamas Fürsorge … die harte Ausbildung … Sehnsucht nach Liebe …
Diese eigenartige Empfindung entwickelte sich. Sie dehnte sich aus, füllte sämtliche Tiefen und Untiefen seiner Seele.
Nach wie vor misslang es ihm, sie zu benennen oder einzuordnen. Lediglich eines wusste er mit Sicherheit: Ausschließlich durch Evina entstand sie.
Theo versuchte, sie näher zu bestimmen – konzentrierte sich auf sein Innerstes, erspürte eine jede winzige Veränderung dieser zusehends anwachsenden schleierhaften Emotion. Sein Blick schweifte zu Evina und die nach wie vor beträchtliche Distanz zwischen ihnen.
Allmählich nahm die Emotion Konturen an – sie veränderte sich, verstärkte sich, festigte sich, wurde vertrauter …
Er hatte sie bereits gespürt. Vor einer halben Ewigkeit …
Der raue an seinen Knien schürfende Sand war es, welcher ihn aus den Überlegungen riss.
Scheiße.
Gar nicht gut.
Die nächste automatische Armbewegung nach vorn war ihm nicht mehr abzustoppen möglich – und damit rammte er die Hand in den Meeresboden.
Fluchend kniete er sich nieder.
Wo war er andauernd mit seinen Gedanken?
Derart abgelenkt war er nie gewesen … nicht einmal in seinen Kindheitstagen!
»Verfluchte Scheiße!«, hörte er Evina toben. »Bescheuerte Ebbe!«
Er wandte sich ihrer im niedrigen Wasser hochstemmenden und mit den Armen gestikulierenden Gestalt zu.
Es war zum Brüllen!
Ihr Bikini und Oberkörper waren von oben bis unten mit Sand verdreckt, selbst in ihrem Gesicht fand sich etwas von den weißen Körnern wider.
Hatte sie etwa mit dem Gesicht gebremst?
Er fing zu lachen an – und sie besah ihn giftig.
»Das ist nicht witzig!« Wutendbrand stapfte sie auf ihn zu. »Du siehst auch nicht eben besser aus!«
Er schaute auf sich herab. »Nun, wenigstens sind meine Shorts nicht voller Sand.«
»Dafür deine Haare.«
»Wie soll das gehen? Ich habe nicht mit dem Kopf gebremst – wie du.«
Evina bespritzte ihn mit Wasser. »Wie es aussieht, hast du dafür lieber dein Ohr benutzt.«
Was?!
Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, berührte seine Ohren.
Tatsächlich. Auf der rechten Seite spürte er etwas Raues.
»Siehst du?«
Etwas Sand vom Meeresboden ergreifend erhob er sich. »Hast recht gehabt.« Dies ausgesprochen, packte er sie und schmierte ihr den Sand in die Haare.
»Hey! Spinnst du?!«
Etwas Abstand zwischen einer fuchsteufelswilden Evina und ihn gebracht, musterte er sie eindringlich. »Jetzt passt du wenigstens wieder zu mir.«
Unvorstellbar schnell – und mit einem angedeuteten Lächeln auf den Lippen – trat sie zu ihm und hakte ihre Beine zwischen seine. Zu guter Letzt verpasste sie ihm einen Stoß – und er landete im knietiefen Wasser.
Breit grinsend setzte sie sich auf seinen Bauch. »Jetzt sind wir gleich.«
Theo legte seine Arme um ihre Hüften. »Du gibst nicht nach, oder?«
»Kein bisschen.«
»Umso besser.«
Sie kicherte. »Dann wird es nicht langweilig, oder?«
»Ganz genau.«
»Ich schlage vor, wir duschen uns erst einmal und führen den Spaziergang im Anschluss daran fort. Der Sand reibt nämlich an Stellen, an denen er nichts verloren hat.«
Theo musste lachen. »Mir geht’s ähnlich.«
»Dann komm.«
Sie stand auf und reichte ihm die Hand, welche er gerne ergriff.
Während sie zurückmarschierten, hatte sich dieses mysteriöse Gefühl nochmals verstärkt. Dadurch war es ihm endlich möglich, es zu benennen: kindliche Unbefangenheit.
Keine Scham, keine Zweifel, keine Sorgen, keine Ängste, keine Zwänge geißelten sein Herz. Er fühlte sich frei und unbeschwert. Wie in seinen frühesten Kindheitstagen. Eine Zeit, in welcher er die Welt ohne Vorurteile betrachtet hatte, und hundertprozentiges Vertrauen selbstverständlich gewesen war.
Hiermit war auch endlich geklärt, weshalb er andauernd an seine Kindheit denken musste und all die lang verdrängten Erinnerungen an die Oberfläche seines Verstands kletterten.
Diese Erkenntnis machte ihn einerseits wahnsinnig glücklich, andererseits bereitete sie ihm Unbehagen.
Verrennte er sich da in etwas, das ihm letztlich den Kopf kosten würde? Oder hatte er eben das größte Glück auf Erden gefunden?
Evinas knackige Kehrseite schob seine Grübeleien beiseite.
Über diese Dinge konnte er sich später das Gehirn zermartern! Nun wollte er die Zeit mit ihr genießen.
»Wie wär’s mit einer gemeinsamen Dusche?«
Blinzelnd drehte sie sich zu ihm. »Ich dachte, du wolltest es ruhiger angehen?«
»Will ich wohl … aber fragen kostet bekanntlich nichts.« Er bedachte sie mit einem Lächeln, welches sie sofort erwiderte. »Nun … habe ich keine Chance?«
»Leider nein.«
Er seufzte. »Aber Sex willst du?«
Kichernd verneinte sie. »Vorhin hätte ich es gemacht. Aber jetzt … du hast recht, wir sollten es langsam angehen.«
»Verdammt! Jetzt könnte ich mir selbst in den Arsch treten.«
Sie lachte – und er nahm ihre wunderschöne, kurvenreiche, muskulöse Gestalt in Augenschein.
Ein Traumweib …
»Na gut, Kleine. Dann treffen wir uns dort, wo wir heute Morgen übereinander gestolpert sind.«
Nickend und mit einem Okay gab sie ihm ihr Einverständnis, und sie setzten sich in Bewegung Richtung Rezeption, um die Zimmerschlüssel abzuholen.

Wie ausgemacht trafen wir uns vor dem Holzsteg, spazierten eine halbe Ewigkeit durchs seichte Meer und sprachen über unsere Jobs. Er erzählte mir von seinen Anti-Terrorismus-Aufträgen, die Suche nach entführten und vermissten Personen, die überdurchschnittlich langweilige Büroarbeit, spannende Auslandsaufenthalte, die Zusammenarbeit mit verschiedensten Regierungen und das erbauende Gefühl, wenn ein Fall erfolgreich gelöst werden konnte.
Ich erzählte ihm von senilen Rentnern, alkoholisierten Obdachlosen und schießwütigen Balkan-Arschlöchern.
Doch all das interessierte mich nicht mehr sonderlich. Theos Präsents war es, die ich genoss. All die interessanten privaten Details seines Lebens, seine Mimik und Gestik, der Klang seiner Stimme …
Je mehr Zeit ich mit ihm verbrachte, desto sympathischer wurde er mir.
Wie ich vermutet hatte, versteckte er sämtliche Gefühle hinter dieser Machofassade, die ihn, so dachte er wahrscheinlich, vor Verletzungen beschützte.
Genau wie ich!
Seit jeher hatte ich den harten Hund gemimt, meine gefühlvolle Seite hinter selbstbewussten Sprüchen verborgen …
Was waren wir beide dumm gewesen!
»Darf ich mitkommen?« Theo beaugapfelte mich hoffnungsvoll. »Mit dir auf einer gottverlassenen kleinen Insel … etwas Besseres könnte ich mir nicht vorstellen.«
Um mir meinen kleinen Inseltrip für morgen zu reservieren, hatten wir einen Abstecher zur Rezeption gemacht.
»Nun … eigentlich wollte ich das gerne alleine erleben. Ich brauche etwas Zeit zum Nachdenken. Sei mir nicht böse, okay?«
Eine attraktive asiatische Frau mit zusammengebundenen glänzend schwarzen Haaren notierte meine Daten in einem Kalender und informierte mich über die Abfahrtszeit.
Betrübt seufzend willigte Theo ein. »Keine Sorge, ich bin dir nicht böse … Schön gewesen wäre es dennoch.« Gedankenverloren wanderte sein Blick gen Rezeptionsdecke. »Stell dir vor: wir beide alleine dort. Was wir alles machen könnten.«
»Sex auf dem Strand wahrscheinlich, oder?«, vermutete ich grinsend.
»Exakt.«
»Aber der ganze Sand, der da in die unmöglichsten Körperöffnungen dringt … darauf bin ich nicht scharf.«
»Und mit einer Decke?«
»Tut mir leid. Den Ausflug mache ich alleine. Wir könnten aber einen Zweiten für übermorgen ansetzen.«
Er überlegte. »Als deinen Urlaubsabschluss sozusagen?«
»Ja … wieso eigentlich nicht?«
»In Ordnung. Dann geht der zweite Ausflug auf mich.«
Meine Herzfrequenz erhöhte sich.
»Super! Ich freue mich.«
Theo wollte wahrhaftig mit mir auf der verlassenen Insel Zeit verbringen! Und er zahlte sogar!
Heilige Scheiße!
Es wurde besser und besser!

Welche Filme siehst du dir gerne an?«, fragte ich einen mir gegenüber sitzenden und ein würzig duftendes Wok-Gericht mit Essstäbchen verspeisenden Theo.
»Action, Spannung, Thriller … solche Sachen. Und du?«
»Exakt dasselbe.«
Dramen, Liebesfilme und Fantasy hielt ich beim besten Willen nicht aus.
»Der Kopfgeldjägerfilm –« Theo lehnte sich etwas zu mir. »Mit Robert De Niro –« Er beäugte mich sekündlich intensiver. »Ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme.«
Wollte er etwa …?
Ich legte die Stirn in Falten. »Du meinst Midnight Run?«
Gleichermaßen schnell wie Überraschung in seinem Gesicht aufblitzte, unterband er jegliche Gefühlsregung und stopfte sich ein undefinierbares gebratenes Gemüse in den Mund. »Na gut, das war nicht sonderlich schwer.«
»Willst du mich testen?« Mit den Einweg-Bambus-Essstäbchen, welche sich unerwartet glatt und wertig anfühlten – für die Gäste auf den Malediven war offenkundig nichts zu teuer – fasste ich ein Stück Curryhuhn auf. »Wenn dem so ist … nur zu.«
Erst grinste er mich verspielt an, dann überlegte er angestrengt.
»Hmm … okay, wie wäre es hiermit: Sylvester Stallones Rolle handelt von einem alkoholkranken Polizeibeamten.«
Flott streckte ich den linken Arm nach oben. »Klare Sache: D-Tox.« Dies gesprochen machte ich eine Kunstpause und zog leicht an meiner Palpebra inferior. »… I. C. U.«
»Fuck!« Nun versuchte er seine Verblüffung erst gar nicht mehr zu verstecken. »Du bist gut.«
Kichernd ordnete ich ihn an, fortzufahren.
»El Alles.«
»Willst du mich beleidigen? Deadpool.«
Er kaute, schluckte. »Na gut … eine Aussage aus einer Komödie.«
»Ich bin bereit.«
»Du trauriges, pickliges, inzuchtgeschädigtes, unfähiges Stück Scheiße.«
»Nix zu verlieren.«
Er warf die Arme in die Höhe. »Meine Fresse! Das gibt’s nicht!«
Ich griente ihn an. »Frag mich weiter.«
»Langsam wirds schwierig.« Er fuhr sich über den Bart, grübelte. »Hmm … wie ist das: die drei Muscheln.«
Mir wurde es äußerst warm.
Dieser Streifen war einer meiner liebsten mit Stallone. Ein Klassiker des Actionfilm-Genres.
»Demolition Man.«
Kopfschüttelnd und hilflose Handgesten machend lehnte er sich zurück. »Allmählich gehen mir die Ideen aus.«
»Dann frage ich dich zur Abwechslung.«
»Gerne.« Lässig-selbstbewusst wölbte er eine Augenbraue. »Aber gib dir Mühe.«
»Ts … unterschätz mich nicht andauernd.«
»Das tue ich gar nicht.«
»Ach ja?« Mit den Stäbchen deutete ich auf diesen ausweichenden Mistkerl. »Bislang hat sich das für mich anders angehört.«
»Typisch Frau.« Ein ungeheures Grinsen konnte er sich ebenso wenig verkneifen wie die Tatsache akzeptieren, sich einmal nicht im Recht zu befinden. »Fasst Dinge auf, die auf eine derartige Weise nie gesagt wurden.«
Dieser kleine Saftsack!
»Offenbar braucht dein Ego etwas Auslauf.«
Ein herzliches Lachen seinerseits brachte mein Herz zum Klopfen. »Gut, der geht auf dich. Dennoch hast du dich noch nicht bewiesen.«
»Das folgt unmittelbar … nämlich jetzt. In welchem Film kommen folgende Namen vor: Marcus, Aurelio, John, Daisy.«
Unversehens riss er die Augen weit auf, lehnte sich mit den Unterarmen auf den Tisch und krallte sich am Holzplattenrand fest.
Und ich hatte meine schwere Mühe damit, nicht ruckartig zurückzuweichen.
»John fucking Wick!«, stieß er nach einigen Sekunden der Perplexität hervor. »Der Film ist der Wahnsinn! Der totale Wahnsinn! Ich liebe den!«
Ich schluckte den Rest meines Hühnchens hinunter, maßregelte meinen ausflippenden Puls.
Beruhige dich, Evina. Es ist bloß ein Film. Das sagt noch gar nichts aus.
…
Aber ich vergötterte den Streifen.
Und wenn es mit Theo in einer derartigen Tour weiterginge, würde ich diesen Pseudo-Macho bald ebenfalls vergöttern … obwohl ich mich in Zurückhaltung üben wollte.
Ja, Theo wurde in allen Belangen ein Traummann, dennoch bedeutete dies nicht, mich Hals-über-Kopf in ihn zu verlieben – gleichgültig, wie viele Gemeinsamkeiten wir teilten oder welche Erlebnisse uns geprägt hatten!
Ein wenig Wachsamkeit war nie verkehrt …
Um mein Pokerface zumindest halbwegs aufrecht zu erhalten, nippte ich an meinem Kokossaft.
»Ja? Echt? Du magst ihn?«
»Hey! Was glaubst du denn!« Theos Augenbrauen zogen sich leicht nach unten. »Das ist einer der besten Actionfilme des Jahrhunderts … Die Musik, die Kampfszenen – speziell das Gun Fu und die ruhigen Sequenzen – das ist Kunst, Mann!«
Ja, wahrhaftige Kunst – ebenso wie dieser Mann vor mir – Perfektion in Reinsubstanz …
Scheiße …
Ich räusperte mich. »Die Wahrheit ist: Ich liebe diesen Film ebenfalls. Sofern ich mich nicht gänzlich irre, habe ich ihn sicherlich an die fünf Mal angesehen. Und ich könnte ihn mir noch zehn Mal geben.«
»Echt jetzt?!« Ein breites Grinsen brachte Theo zum Strahlen. »Du bist ernsthaft der Wahnsinn! Einfach der Wahnsinn!«
»Na ja, jetzt übertreibst du.«
»Ganz und gar nicht!« Vehement schüttelte er den Kopf. »Ich kenne keine Frau, die diesen Film mag. Keine Einzige!«
Ich sollte die Einzige sein? Die einzige Frau …?
Überdimensionale Glückseligkeit rauschte mir durch die Adern.
»Na, zum Glück! Dann existieren wenigstens nicht viele Weiber, die mir Konkurrenz machen können.«
Obgleich ich Theo bereits übermäßig viel über mich anvertraut hatte, schimpfte ich mich im Geiste für diese unbedachte Aussage.
Stopp …
Weswegen begann ich erneut zu hadern?
Theos niedliches kehliges Kichern vernichtete meine Grübeleien. »Da geb ich dir recht. Und ich bin heilfroh, dass du es bist, die diese Ausnahme bildet.«
Wärme kroch mir in die Wangen. »Ich hoffe, du wirst diese Aussage nicht irgendwann bereuen.«
Elegant fasste Theo einen kleinen Knäuel Glasnudel auf. »Weshalb sollte ich das?«
Wie er mit den Essstäbchen hantierte – das war, gelinde gesagt, purer Sex. Ein waschechter Asiate hätte nicht mehr Professionalität an den Tag gelegt.
Diese Tatsache wiederum ließ diesen verdammten Interpolbullen ungleich erotischer erscheinen …
»Du bist eine klasse Frau. Und wenn wir schon dabei sind: Gerne entschuldige ich mich nochmals für meine bescheuerten Bemerkungen.« Dramatisch legte er die linke Hand aufs Herz. »Ich werde nun restlos und gnadenlos offen sein – und das soll etwas bedeuten, schließlich bin ich ein Macho …« Er grinste mich an. »Ich habe mich wirklich komplett in dir getäuscht.«
»Ha!« Mit den Stäbchen deutete ich auf mein sexy Gegenüber. »Also doch!«
»Siehst du?« Er streckte die Arme in einer lobpreisenden Weise von sich. »Und damit hast auch du dich in mir getäuscht.«
Dieser Seitenhieb hatte ja kommen müssen …
»Na gut …« Ich neigte mein Haupt in Demut. »Ich gebe dir ebenso recht. Damit sind wir quitt und wir vergessen alles, was vorgefallen ist, okay? Keine Egospielchen, Schuldzuweisungen und Vorurteile mehr.«
Nickend bejahte er. »Damit kann ich gut und gerne leben.«
»Dann setzen wir unser Ratespiel fort.« Ich trank einen weiteren Schluck süßlich-exotischen Saft. »Wie ist es hiermit: Abr-a-ham Lin-coln.«
Ich betonte eine jede Silbe, normalerweise genug, um zu wissen, wer damit gemeint war.
Theo runzelte die Stirn. »Das sagt mir nichts.«
»Kein bisschen?«
»Nope.«
»Ist aus The Hateful Eight von Quentin Tarantino.«
»Ah … Deshalb!« Er gab der Tischplatte einen sanften Klaps. »Den Film wollte ich gerne im Kino ansehen, leider hat mir zu der Zeit eine heikle Auslandsmission dazwischengefunkt.«
Solche Missionen schienen des Öfteren vorzukommen …
Wie viel Zeit verbrachte Theo dann eigentlich in Deutschland?
»Der Streifen ist cool – hat aber den typischen Quentin-Humor –«
»Der manchmal heftig ausfallen kann«, beendete er meinen Satz. »Man muss solche Anspielungen und Gewaltdarstellungen mögen.«
»Wie stehst du dazu?«
Er zuckte die Achseln. »Geht so. Manchmal passt es, manchmal ist es übertrieben. Aber im Namen der Kunst kann ich es gerne tolerieren … und du?«
»Ich sehe es ähnlich. Explizite Gewalt kann man als Stilmittel verwenden – speziell bei John Wick gefällt mir der Einsatz. Quentin hingegen übertreibt es meistens maßlos. Trotzdem gefallen mir seine Filme.«
Theo nickte – mutete auf eine verrückte Art zufrieden an.
Gefiel ihm meine Denkweise?
»Soll ich dir eine andere Frage stellen?«
»Ich bitte darum.«
»In Ordnung … wie ist das: Wir zwei gegen den Rest der Welt.« Ich stockte. »Ach ja, das Zitat stammt aus einer aktuellen Serie. Neuauflage eines Klassikers.«
Nun war ich gespannt.
Würde er die Serie kennen? Soweit ich wusste, standen eher Frauen drauf – des Hauptdarstellers wegen.
Theo überlegte fieberhaft, seiner tief gefurchten Stirn nach zu urteilen.
Es sah witzig wie interessant aus.
»Könnte das aus Sherlock sein?«
Ich legte die Stäbchen auf den Teller. »Echt jetzt? Du ziehst dir Sherlock rein?«
Er würgte ein Stück Fleisch hinunter – verzog dabei das Gesicht auf eine urkomische Weise. »Weshalb nicht?« Hüstelnd fasste er nach seinem Kokossaft und trank einen großen Schluck.
»Nun ja … auf Benedict Cumberbatch stehen ausschließlich Weiber – dachte ich zumindest.«
Er gluckste. »Mein Fall ist er zwar nicht – selbst dann nicht, wenn ich schwul gewesen wäre –«
Das entlockte mir ein lautes Lachen.
»Die Serie an sich ist aber sehr gut.« Er stellte das Glas zurück und nahm ein neues, dieses mal beträchtlich kleines Stück Fleisch zwischen die Stäbchen. »Schnell, intelligent, eine geile Kameraführung. Und der Soundtrack ist ohne jeden Zweifel erhaben.«
»Du sprichst mir hier aus der Seele – ein weiteres Mal.«
Das Gespräch fühlte sich herrlich an – ähnlich wie mit Dan.
Mit ihm diskutierte ich gerne über verschiedenste Filme und Serien, jedoch empfand ich niemals derart berauschende, ja überwältigende Fröhlichkeit wie in diesem Augenblick.
Bestimmt hatte diese anwachsende Vertrautheit zwischen Theo und mir Schuld daran – und diese eigenartige Verbundenheit, welche sekündlich an Kraft zunahm. Ein Gefühl, das ich in dieser Form niemals zuvor empfunden hatte. Etwas, das mich auffing, mich behütete und beschützte.
Etwas, wie Zuhause und Familie.
Ein mich auf eine unmöglich zu beschreibende Weise beäugender Theo holte mich in die Realität zurück – und mein Gehirn rotierte.
Hatte ich damit zu viel gesagt?
Ich wollte bei Gott keine weitere Kummerkastenonkelsitzung herbeibeschwören – und bedeutend weniger wie ein sentimentaler Spinner anmuten.
Ich war Polizist – ich hatte eine Vorbildfunktion … um es wie Sandro auszudrücken.
Zugegeben, vielleicht fehlte mir der letzte Schliff, wenn es um Umgangsformen ging, in der Abteilung »Mentale Stärke« dagegen hatte ich stets eine top Performance hingelegt.
Unversehens verschwand Theos eigenartiges Mienenspiel und das mir mittlerweile vertraut werdende Grinsen trat in Erscheinung. »Hast du noch weitere Rätsel?«
Ich grübelte. »Hmm … Ich bin dein Vater.«
Er legte die Stirn in Falten – und ich begann zu kichern. »Bloß ein Scherz. Den Scheiß kennt eh ein jeder Depp.«
Schmunzelnd schob er sich das zuvor erfasste Stück Fleisch in den Mund.
Und ich schob jedweden Gedanken beiseite und fuhr fort: »Für den nächsten Film habe ich kein Zitat, dafür ein Standbild.«
Neugier ließ Theo wie ein Kind erstrahlen.
»Ein Soldat in einer fremden Welt, der zum ersten Mal eine Gefühlsregung empfindet: Trauer. Diese drückt er in Form einer einzelnen Träne aus, welche schüchtern über seine Wange fließt.«
Zum wiederholten Male zeigte mein Gegenüber baren Schock.
»Du meinst doch nicht –« Er schluckte stark, hielt längere Zeit inne. »Soldier mit Kurt Russell oder?«
Mein Herz setzte einen Schlag lang aus.
»Du hast den Film gesehen?«
Mit einem merkwürdig starren, an übermäßigen Drogenkonsum erinnernden Gesichtsausdruck nickte er mir lethargisch zu.
Nein …
Das gab’s nicht! Das gab’s nicht … Das gab’s einfach nicht!
Tief atmete ich durch, krallte mich nun selbst in bester Theo-Manier am Tisch fest. »Den kennt doch nahezu kein Mensch!«
Theos geistesabwesende Erscheinung wurde jäh von einem mir meine Seele erwärmendem Licht verdrängt, welches seinen goldenen Augen einen atemberaubenden Glanz schenkte. »Ich bete diesen Film an! Ich meine … ich –« Theo vollführte unbeholfene Gesten mit den Armen. »Ich kenne keinen Science-Fiction-Actionfilm mit einer derartig poetisch-berührenden Ausdrucksweise.« Ein leises Seufzen unterbrach seine Erklärung. »Ich habe den Film extra in den USA gekauft, weil die deutsche Version komplett verstümmelt wurde.«
Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte.
Theo kannte Soldier … Theo kannte Soldier … und er verstand den Subtext! Er verstand den verfluchten Subtext …
Für die nächsten Momente blickten wir uns stumm an.
Ich wollte einen klaren Gedanken fassen, wollte irgendetwas erwidern – Theos wunderbares Seelenlicht löschte sämtliche Überlegungen und ließ ausnahmslos Platz für einen einzigen sich unendlich wiederholenden Satz: »Ein Mann fürs Leben … Theo ist ein Mann fürs Leben.«
»Hast du noch eine Frage auf Lager?«
Leicht benebelt ob meiner kruden Gedanken schüttelte ich den Kopf. »Jetzt fällt mir nichts mehr ein. Sorry.«
Das war nun eindeutig zu viel für meine Nerven.
Er lächelte. »Macht nichts. Dieses Spiel hat mir ohnehin neue gewaltige Eindrücke vermittelt.«
»Mir ebenso.«
Irrsinnig viele … unter anderem den Eindruck, wahrhaftig meinen Traummann gefunden zu haben.
Nun blieb einzig zu hoffen, dass ich meine Einschätzung nicht noch einmal korrigieren musste …

Den Rest des Essens plauderten wir über aktuelle Themen. Im Anschluss daran traten wir einen weiteren Strandspaziergang an. Wir alberten im seichten Meer herum, veranstalteten kleine Wettrennen und beobachteten einen Einsiedlerkrebs dabei, wie sich dieser in einem leeren Meerschneckenhaus einquartierte.
»Hast du Lust auf etwas Körperkontakt?«
Wir waren eben auf den Rückweg zu den Bungalows, da musste Theo mir eine solche freche Frage stellen …
Eine hefige Hitzewelle erfasste mich.
Wollte Theo sich nicht mehr länger gedulden? Konnte er sich nicht mehr länger gedulden? Oder ging ihm etwas vollkommen anderes durch den Sinn?
»Was genau schwebt dir denn vor?«
»Ein wenig Kampfsport.« Ein verschmitztes Lächeln umspielte seine Lippen. »Gib es zu: Du dachtest eben an Sex.«
Dieser Arsch!
»Wahrscheinlich hast wohl eher du es dermaßen nötig.«
»Aber du bist diejenige mit dem Sexfrust.«
»Und jetzt?« Ich blieb stehen. »Werden wir ewig weiter diskutieren, wer im Recht liegt?«
»Kommt darauf an.« Mit den Händen in den Hosentaschen trat er ganz nah an mich heran – ich vernahm sein zartes Aftershave, spürte nahezu seine Körperwärme. »Bedeutend lieber wäre es mir aber, wenn wir diesen Punkt überspringen und einfach mit dem Training beginnen.«
Es klang verlockend …
Auf der anderen Seite würde er mir damit im günstigsten Fall einheizen.
»Ich weiß nicht …«
»Du bist gut, dennoch erfordert deine Technik den nötigen Feinschliff. Ich würde dir gerne ein paar Kniffe und Tricks zeigen.«
Aber wenn er mir ähnlich nahekam wie heute Morgen …?
Ach, drauf geschissen! So oder so wollte ich Sex mit ihm, was war da gegen ein kleines Vorspiel einzuwenden?
»Okay. Und wo?« Ich blickte mich um. »Hier liegen mir eindeutig zu viele Pärchen.«
Er präsentierte mir ein gigantisches Grinsen. »Dir gehen schweinische Gedanken durch den Sinn, stimmt’s? … Wie. Heute. Morgen.«
Verfluchter Mistkerl!
»Ernsthaft jetzt!«, empörte ich mich. Sosehr ich ein perfektes Schauspiel darlegen wollte, es gelang mir nicht, eine sanfte Wärme aus meinem Gesicht zu verscheuchen. »Ich will lediglich nicht von fremden Leuten beobachtet werden, wie wir uns mit verschiedenen Griffen zu Boden bringen. Zudem könnten wir sie damit stören.«
Schelm brachte seine Augen zum Funkeln und Wind sein lockiges Haar zum Wehen. »Ja, ja … dermaßen viele Ausreden.«
»Hör mir bloß auf!«
Er kicherte. »Wie wäre es mit der Hinterseite der Insel? Da trifft man bedeutend weniger Leute an, dafür herrscht mehr Dschungel vor. Bestimmt finden wir dort ein ruhiges Plätzchen für unsere Trainingsstunde … und mögliche andere körperliche Ertüchtigungen.«
Eine prickelnde Vorfreude rauschte mir durch den Leib – und mein Hirn schaltete in den Kopfkino-Modus.
Ein kleines Kräftemessen – wir uns gegenseitig zu Boden bringend … ich auf seinem Bauch sitzend und er mir den Hintern knetend … zärtliche Küsse … seine sich in meine Haare vergrabenden Finger …
Ich räusperte mich. »Einverstanden.«
»Na denn.« Theo griff nach meiner Hand und lief los.
Ich hatte schwere Mühe, mit ihm Schritt zu halten.
»Wieso rennst du wie ein Verrückter? Wir haben alle Zeit der Welt.«
»Das stimmt zwar, allerdings will ich keine Sekunde länger warten, um dich aufs Kreuz zu legen.«
Dieser Prolet!
»Vergiss es. Derart leicht wie heute Morgen mache ich es dir sicherlich nicht mehr!«
Unsere Füße trugen uns über den warmen Sandstrand, weiter durch den exotischen Mini-Dschungel auf die gegenüberliegende Seite.
»Da wären wir«, meinte er gut gelaunt. »Sieht doch superfriedlich aus.«
Die Rückseite der Insel zeigte ein ähnliches Bild wie die Vorderseite. Alleine der schmälere Strand und das wesentlich wüstere grüne Dickicht, von welchem sich einzelne schalenförmige Blätter sowie große und kleine Palmen träge Richtung Boden bogen, bewiesen: Hier würden wir selten auf Urlauber stoßen.
»Stimmt. Es sieht verwilderter aus.«
»Wildromantisch?«, vermutete er grinsend.
»Ich halte nicht viel von Romantik.«
»Ach ja?« Keck zog er eine Augenbraue hoch. »Ich bin einmal so frei und vermute, du verstehst etwas gänzlich Falsches darunter.«
Ich legte den Kopf schief. »Meinst du?«
»Ja … Wahrscheinlich denkst du, Romantik hat mit Kerzenschein und Rosenschenken zu tun, stimmt’s?«
Eine leichte Übelkeit erfasste mich.
»Ja, unter anderem.«
Es gab nichts, das mich mehr anwiderte – abgesehen von Herzchen und Teddybären …
Theo vollführte eine Handgeste. »Na, siehst du. Und exakt das ist es nicht, was Romantik bedeutet.«
Damit war meine Neugier geweckt.
Ein Macho wollte mir in Sachen Romantik meinen Horizont erweitern?
Mit diesem Kerl wurde es im Sekundentakt witziger und verrückter.
»Was bedeutet es denn? Schließlich ist es exakt das, was Filme, Werbung und Bücher vorgaukeln: kindische Geschenke, selbstgeschriebene Gedichte, Rosensträuße und Plüschherzen. Und nicht zu vergessen: die vielen peinlichen Kosenamen, wie Bärli, Schatzi, Mausi, Hasi.«
Ein herzliches Lachen drang aus seiner Kehle. »Aus dem Grund schaue ich mir Liebesfilme und Romantikkomödien nicht an.« Behutsam legte er die Hände auf meine Schultern, blickte mir tief in die Augen … nein … in die Seele. Er hypnotisierte mich, erforschte mich. »Vergiss alles, was du über Romantik zu glauben denkst.« Schlagartig hakte er sein Bein zwischen meine und brachte mich geschickt zu Fall.
Es ging dermaßen schnell – es gelang mir nicht einmal zu reagieren.
Verflucht!
Das war mir noch nie passiert! Noch nie in meinem gesamten Leben!
Ich unter ihm liegend und er auf mir sitzend setzte er seine Erklärung fort – selbstbewusst und mit diesem siegessicheren durch meine Unachtsamkeit entstandenen Feixen auf den Lippen. »Die Dinge, die du mir eben aufgezählt hast, nennt man Kitsch. Romantik hingegen beschreibt eine Lebenseinstellung. Eine Betrachtungsweise … Ästhetik. Ein Romantiker erkennt die schönen Dinge. Er genießt das Leben. So wie ich das seit Jahren tue … und du anscheinend nicht.«
»Aber … aber ich genieße mein Leben.«
Theos warmer Hintern sowie sein Anblick – das teilweise in sein Gesicht fallende lockige braune Haar und der unter seinem Leinenhemd hervorblitzende durchtrainierte Oberkörper – machten es mir bei Gott nicht leicht, fokussiert zu bleiben.
Nun … korrekter sollte es heißen: Wie eine Wahnsinnige verdrängte ich Bilder eines mich im von der Sonne erwärmten Sand leidenschaftlich liebenden Theos …
Ein misstrauischer Blick seinerseits unterstützte mich ein wenig in diesem Kampf.
Ich räusperte mich, atmete tief durch. »Nun … so gut es mir möglich ist.«
Abermals vollführte er diese Ich-habs-dir-doch-gesagt-Handgeste. »Du musst noch einiges lernen.«
»In Ordnung. Zeig es mir.«
Verspielt und mit unverwechselbarer Kampfeslust nickte er mir zu. Darauffolgend erhob er sich, reichte mir seine Hand und zog mich hoch. »Zuallererst fangen wir mit deiner Gedankenlosigkeit an. Du musst stets deine Umgebung kontrollieren. Nichts darf deiner Aufmerksamkeit entgehen.«
Wie bitte?!
Das konnte nicht sein Ernst sein!
Ich war, verdammt noch einmal, Polizist! Ich wollte zur Cobra! Ich war keine Pussy, die sich nicht darum scherte, ob sie in einem Café mit dem Rücken zur Tür saß oder des Nachts mit Netzstrümpfen und High Heels alleine durch ein Getto-Stadtteil stakste!
Für gewöhnlich war ich niemals abgelenkt. Erst recht nicht, wenn ich trainierte oder an fremden Orten unterwegs war.
Ich war gut … nein … sehr gut! Ich war ein Kämpfer, ein Beschützer und Jäger!
Heute Morgen hatte Theo mich überrumpelt … jetzt ebenso –
Eine warme Brise erfasste uns, wehte Theos Hemd zurück, infolgedessen sein brutales Eightpack samt perfekter Brustmuskulatur die Gelegenheit nutzte, um sich mir sexy und selbstbewusst zu präsentieren …
Verdammt noch einmal!
Ich war nicht abgelenkt …
Nein.
Ich war am Ende mit meinen Nerven!
Verfluchte Scheiße!
Ich litt an Sexfrust! Ich litt an Einsamkeit!
Theo stand halb nackt vor mir – ein Mann, der mich geküsst hatte und es heute mit mir machen wollte …
Hatte Theo all diese Tatsachen vergessen?
Konnte sich dieser Kerl überhaupt im Geringsten vorstellen, wie schwer ich es hatte?!
Gegenfrage: Würde es ihm ähnlich leichtfallen, sich zu konzentrieren, wenn er seit Jahren keinen anständigen Sex gehabt hätte und er von einer üppigen Blondine mit Hotpants und Tanktop eine Unterweisung in Selbstverteidigung erhielte?
Wohl kaum.
Mit erzwungener Coolness vollführte ich eine Handgeste. »Gut … und weiter.«
Überraschend wollte Theo nach meinem Arm fassen. Ich antwortete mit Gegenmaßnahmen im Sinne von Abblocken und Zurücktreten.
Sein rechter Mundwinkel zuckte leicht nach oben. »Du lernst schnell.«
Lernen?
Himmel, Arsch!
Ich war einer der Jahrgangsbesten der Polizeiakademie gewesen! Ich hatte Männer verdroschen – zwei Gewichtsklassen über meiner …
Nicht aufregen, Evina, mahnte ich mich. Nicht aufregen. Exakt das will er mit seinen blöden Meldungen erreichen.
Hochkletternde Wut unterdrückend neigte ich mein Haupt nach rechts. »Sehen wir weiter.«
Damit attackierte er mich mit einem rechten Faustschlag Richtung Magen, welchen ich geübt auswich, seine Hand packte und diese nach hinten drehte.
Er reagierte, indem er sein rechtes Bein zwischen meine hakte, sein Körpergewicht zurück, sprich zu mir, verlagerte und mit der linken Hand nach hinten griff, um meine Taille zu umfassen.
Durchwegs sah Theo atemberaubend gut dabei aus.
Sein lässig-wacher Gesichtsausdruck, der bis aufs Äußerste angespannte muskelbepackte Körper, die im Sonnenlicht golden funkelnden Locken …
Wie würde seine Rückenmuskulatur aussehen, wenn er sich in mich stieße? Wie würde er mich anblicken, wenn er kam?
Konzentrier dich, verdammt!
Scheiße …
Ich überlegte – und kapierte sofort, was er vorhatte: Er wollte sich mit mir zu Boden werfen und mich während des Falls unter sich ziehen.
Das Resultat wäre gewesen: eine unter Theo liegende Evina …
Gar nicht gut!
Ich musste unbedingt versuchen, ihn auf die Seite zu drängen.
Bedauerlicherweise machten mir die Schwerkraft und Theos Bein einen gehörigen Strich durch die Rechnung.
Oder … womöglich war es einfach Pech, schlechtes Karma, oder es lag an Theos Anwesenheit, seiner Ausstrahlung und meinen mich sekündlich heftiger erregenden verruchten Gedankenspiele …
Gleichgültig, woran es gelegen hatte – es kam, wie es kommen musste.
Wir krachten zu Boden.
Verständlicherweise landete Theo daunenweich, nämlich auf mir.
Ich hingegen schlug teilweise mit Rücken und Hüfte auf dem sandigen Boden auf. Zu allem Überfluss drückte Theos gewaltiges Körpergewicht mir sämtliche Luft aus den Lungen.
Nun, ein Gutes hatte diese Situation dennoch: Die Pornofilmchen meines Unterbewusstseins verschwanden zurück ins Meta-Nirwana meiner selbst.
»Scheiße!«, würgte ich keuchend hervor. »Du bist schwer!«
Theo rollte sich auf die Seite. »Tut mir leid. Habe ich dich verletzt?«
Ich stemmte mich hoch. »Nein, nein. Es geht schon.«
Im Laufe meiner Ausbildung hatte ich weitaus härtere Schläge und Verletzungen kassiert …
»Warte.« Eben war ich dabei, mich gänzlich aufzurichten, da schlang ein neben mir sitzender Theo die Arme um meine Taille und zog mich zu sich. »Das muss ich erst selbst überprüfen.«
Dies kundgetan trafen seine Lippen auf meine.
Und die Zeit hielt an.
Seine Zunge drang mir zärtlich wie herrisch in den Mund, seine Hände berührten nahezu eine jede Stelle meines Leibs – zuerst die Beine, dann folgten Bauch, Brüste, Hals, Arme, Rücken, Po … und zu guter Letzt – allerdings bloß für einen winzigen Augenblick – fasste er mir in den Schritt.
Es war mir unmöglich, ein Aufkeuchen zu unterbinden.
»Theo … was … was … was machst du?« Meine Augenlider kaum anzuheben vermögend, versuchte ich ihn zu fokussieren.
Seine Nähe, der Kuss, mein Verlangen … ich war berauscht. Von Sinnen. Aber vor allem notgeil.
Ja, ich war notgeil – und wie.
Ich verzehrte mich nach seiner Zärtlichkeit, seinem kindlich-verlorenen nach Selbstsicherheit kämpfenden Wesen, seiner Stimme und seiner gefühlvollen Seite. Ich verzehrte mich nach schlaflosen Nächten, Küssen und Orgasmen.
Ich wollte ihn in mir spüren, ich wollte von ihm genommen und geritten werden – er sollte mir meine verfluchte Seele aus dem Leib vögeln.
Verdammt noch einmal?! Was zum Geier dachte ich da?!
»Wie gesagt«, zog Theo mich aus meinen mich feucht machenden Überlegungen. »Du bist zu sehr abgelenkt. Aber wenigstens habe ich dich nicht verletzt.«
»Woher … woher willst du das wissen?«
»Meine kleine Abtastrunde hat nichts Auffälliges gefunden.«
Ich krauste die Stirn. »Ernsthaft jetzt?«
»Du hast nicht vor Schmerzen aufgestöhnt –« Ein freches Wölben der rechten Augenbraue folgte. »Okay, zwar aufgekeucht … das allerdings lag an einer anderen Sache.«
Und mein Gesicht begann zu prickeln. »Du Arsch! Das war ein einziger Vorwand gewesen! Gib’s zu!«
Theo zeigte mir seine strahlend weißen Zähne. »Und ich würde es jederzeit wieder tun.«
Mit Wut und Erregung im Bauch drückte ich ihn in den Sand, hockte mich auf ihn und packte seine Unterarme. »Und jetzt?«
Samt mir rollte er sich auf die Seite – und damit abermals auf mich.
Scheiße!
»Du bist zu leicht. Folglich kannst du mich niemals zu Boden drücken.« Er hauchte mir einen Kuss auf die Nase. »Deshalb –« Flugs erhob er sich. Gleichzeitig zog er mich mit einer eleganten Bewegung auf die Beine zurück. »Zeige ich dir ein paar Griffe, die dir helfen werden, wenn du es mit dir überlegenden Gegnern zu tun hast.«
Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht und bemühte mich mit aller Kraft, meine mich lahmlegende Lust beiseitezuschieben. »Na gut.«
Meiner Meinung nach kannte ich sämtliche geläufigen Abwehrtechniken, welche man benutzte, um stärkere Gegner erfolgreich außer Gefecht zu setzen …
Der softe Macho brachte sich in Position und gab mir mit einem Handzeichen zu verstehen, dass ich ihn angreifen solle.
Damit war die erste Lehrstunde eingeläutet.
Theo war gut.
Er wusste über dieselben Tricks und Kniffe Bescheid, welche ich anwandte. Neues beibringen konnte er mir somit nicht. Ungeachtet dessen war es ein Heidenspaß.
»Gibt es eigentlich irgendwelche Techniken, die du nicht kennst?«, fragte Theo verwundert, während er mich mit dem Gesicht voran in den Sand zu drücken versuchte.
Seine Beine hatte er zwischen meine gehakt und seine Hüfte mit etwas eindeutig zu Hartem gegen meinen Po gepresst. Ich hielt mit aller Kraft dagegen – Extremitäten ausgestreckt, Rücken durchgebogen.
»Ich … also … ich –«
Keuchend und schluckend versuchte ich, mich aus seinem eisernen, mich unwahrscheinlich erhitzenden Griff zu befreien.
Mit dem Ergebnis: Ich versagte auf ganzer Linie.
»Weißt du –« Er drückte sich fester an mich, gleichzeitig begann er meinen Oberschenkel zu kneten.
Eine heiße mich lähmende Welle Begierde wurde dadurch ebenso ausgelöst wie die Gewissheit gegeben, dass mein Sparringpartner tatsächlich gegen eine mächtige Erektion ankämpfte.
»Romantik bedeutet, jede Sekunde in deinem Leben auszukosten.« Seine raue Stimmlage kribbelte mir im Magen und Unterleib. »Auf die schönen Dinge Wert zu legen, das Leben mit einem jeden Atemzug zu genießen.«
Seine zärtliche Kneterei wanderte unaufhaltsam stadteinwärts.
O mein Gott!
»Theo –« Weder vollbrachte ich es, vernünftig zu sprechen, noch zu denken. Ausschließlich seinen Namen unaufhörlich zu wiederholen war mir möglich.
Vier Jahre keine Berührungen … vier verdammte Jahre … alleine einen einzigen Freund, der mich betrog und mir niemals die Zärtlichkeiten geschenkt hatte, nach welchen ich mich mein Leben lang gesehnt hatte …
Vier verdammte Jahre …
Je näher Theo meiner Weiblichkeit kam, umso sehnsüchtiger wimmerte ich seinen Namen vor mich hin.
Nein …
Ich betete ihn.
Wie ein Mantra …
Ich betete, bettelte und hoffte auf mehr … viel mehr …
Bitte, dachte ich. Berühr mich, streichle mich, fass mich verdammt noch einmal richtig an!
Schließlich war es so weit.
Meine bebenden Hände vergruben sich im Sand – seine Hand wanderte unter meinen Bikini.
O Gott … er tat es. Er tat es!
Ich stöhnte – zwar leise, dennoch.
»Du bist ja klatschnass«, raunte er mir heiser ins Ohr, während zwei seiner flinken Finger über meine pochenden Schamlippen glitten.
Wie gerne hätte ich mich entspannt! Mich fallengelassen … in seine Arme …
Mein Ego hingegen hatte andere Pläne.
Ich hielt die Körperspannung bei.
Wenigstens ein einziges Mal wollte ich die Oberhand behalten – völlig belanglos, ob dies nun vernünftig oder logisch anmutete.
Oder nicht.
»Romantik bedeutet, der Schönheit einen hohen Stellenwert zu geben.«
Seine mich kitzelnden Fingerkuppen und sein glühender Körper löschten selbst meine letzten spärlichen Gedanken.
»Zur Schönheit zählt mehr als körperliche Attraktivität.«
Zwei Finger schoben sich in mich.
Alleine mit Aufbringung meiner gesamten Willensstärke hielt ich mich davon ab, zusammenzubrechen, meine Beine zu spreizen und ihn anzuflehen, es hier und jetzt mit mir zu treiben.
Unaussprechlich behutsam, langsam, ja lieblich drangen sie in mich ein, erforschten mein brennendes Inneres.
»Theo«, würgte ich atemlos. »Bitte … Theo … Theo … Theo … hör … hör besser auf.«
Nein, mach weiter … mach weiter … besorg es mir endlich, fick mich … ich will dich, ich will dich …
»Schönheit kann man in einer Meinung sehen, in der Sprache oder der Lebenseinstellung. Ein gutes Essen kann ebenso schön anmuten. Oder ein Fahrzeug, ein Naturschauspiel.« Alsbald Theos Finger tief genug vorgedrungen waren, ging es zurück – und vor, zurück und vor, zurück und vor.
Gleißende Emotionen schossen mir blitzartig durch Vagina und Unterbauch bis hinauf in die Brüste.
»Theo … Theo … Th –«
Ein sattes Stöhnen beendete mein Stottern. Ich schloss die Lider, hielt die Luft an, biss mir auf die Unterlippe.
Bitte hör nicht auf. Bitte hör nicht auf …
Anscheinend gefiel Theo es, wie ich stammelnd und willenlos unter ihm nach nicht mehr vorhandener Selbstbeherrschung rang. Wie sonst war es zu erklären, dass seine Bewegungen an Geschwindigkeit zulegten und sein bestes Stück beträchtlich härter wurde?
Diese wahnsinnigen, mittlerweile meinen gesamten Körper vereinnahmende Gefühlsstürme machten mich taub, stumm und blind.
Es war surreal. Es war peinlich. Es war verrückt. Es war wundervoll.
»Und du bist unglaublich schön, Evina.«
Ein zärtliches Pressen gegen meine Perle erfolgte –
Mein Unterleib schien zu kollabieren.
Ich wusste nicht, ob ich stöhnte oder stillschwieg. Ich bemerkte lediglich, wie die Kraft aus meinen Händen und Armen verschwand und ich mich deshalb mit Unterarmen und Knien abstützen musste.
Das mich willenlos machende Empfinden dieses Höhepunkts brachte mich dazu, den Hintern in die Höhe zu recken und die Stirn gegen den Sandboden zu drücken.
Während meine Weiblichkeit wild zuckte und mein Herz zu zerspringen drohte, hielt Theo die Finger weiterhin tief in mich eingeführt.
Er hatte mich im wahrsten Sinne des Wortes in der Hand …
»Du hast dich gewaltig angefühlt da unten«, hörte ich ihn irgendwann wispern. »Deine Muskeln waren wie Drahtseile.« Langsam ließ er von mir ab. »Haben deine einsamen Jahre daran Schuld, oder reagierst du andauernd so heftig?«
Ich rang nach Luft und Erklärungen.
»Keine Ahnung.«
Gott, das war unvergleichlich schön gewesen … niemals zuvor hatte sich ein Orgasmus gleichermaßen hart wie sanft angefühlt.
Behäbig setzte ich mich auf, verlagerte das Gewicht auf meine rechte Pobacke.
Wie brachte Theo es zustande, mich mit zwei nichtssagenden Fingern und ebenso wenigen Worten dermaßen in Ekstase zu versetzen?
Wie war das möglich?
»Wie hast du das gemacht?« Nach wie vor um Atem ringend wandte ich mich ihm zu. »Auf eine solche Weise hat sich das noch nie angefühlt.«
»Ich weiß nicht … ich habe nichts Besonderes getan.«
Zärtlich nahm er mich in den Arm und lehnte sich mit mir an die neben uns in den Himmel wachsende Palme.
Ohne darüber nachzudenken, kuschelte ich den Kopf an Theos Schulter. »Das war unglaublich schön.«
»Du warst unglaublich schön«, korrigierte er. »Das müssen wir unbedingt wiederholen.«
»Und was ist mit dir?«
Ein leises Kichern, von dem mir aufs Neue kribbelig wurde, drang mir ins Ohr. »Du willst es mir besorgen?«
»Willst du es nicht?«
»Klar, das hätte ich gern … aber ehrlich gesagt, stoße ich mich lieber in deinen gestählten Körper, bevor du an mir herumfummelst.«
Unwillkürlich erschauerte ich.
Ja, das würde mir noch bedeutend besser gefallen …
»Dermaßen hart, wie du eben gekommen bist, dermaßen heftig, wie sich deine Muskeln zusammenzogen … so gewaltig kann sich keine Hand oder ein Blowjob anfühlen.«
Ich errötete. »Meinst du?«
Theo legte seine rechte Hand auf meine Wange, drehte mein Gesicht zu sich und schenkte mir einen zärtlichen Kuss. »Solchermaßen sicher wie in dieser Sache war ich mir noch nie in meinem Leben, Kleine. Soll bedeuten: Wir belassen es dabei.«
»Hältst du noch durch?«
Ein breites Grinsen erschien. »Keine Sorge. Meine gesamte Geilheit – und glaub mir, die fällt nicht gering aus – bewahre ich mir für heute Abend auf.«
Mein Unterleib zog sich freudig zusammen.
»Ja, Kleine«, sprach er gedämpft und beschenkte mich mit einem weiteren Kuss. »Du kannst dich freuen. Das wird die Nacht der Nächte.«
Nun konnte ich mir ein Kichern nicht mehr verkneifen. »Jetzt spricht der Macho aus dir.«
»Ich hoffe, es gefällt.«
Glucksend stimmte ich ihm zu. »Das macht mich echt an.«
»Dann warte mal ab, was heute Abend passieren wird. Ich hoffe jedenfalls, diese kleine Einlage hat dir nicht schon gereicht.«
»Keine Sorge. Da befindet sich noch genügend Pulver im Fass.«
Meine Erwiderung brachte ihn zum Lachen. »Das Gleiche kannst du von mir erwarten. Nach einem Höhepunkt ist bei mir noch lange nicht Feierabend.«
»Dann geht’s dir wie mir.«
Wir verfielen in weiteres herzliches Gelächter – und damit legten sich Erleichterung und eine bleierne Müdigkeit über mich.
»Theo?«
»Ja?«
Die Augen schließend schmiegte ich mich an seine Brust. »Ich bin erledigt.«
»Du meinst befriedigt?«
»Wenn du es sagst, dann wird es wohl stimmen.«
»Whoa … keine Widerworte?«
»Keine Widerworte«, versicherte ich ihm.
Er setzte mir Küsse auf den Kopf. »Dann würde ich sagen, wir entspannen uns ein wenig.«
»Ich glaube, ich lege mich lieber ein bisschen hin.«
»Exakt das meinte ich damit.«
»In meinem Bungalow«, vervollständigte ich.
»Oh.«
Stille kam auf – eine Stille gefüllt mit Meeresrauschen und Blätterrascheln.
»Willst du mit?«
Sein harter Herzschlag sagte eindeutig Ja.
»Nein«, erwiderte er nach einiger Zeit. »Sonst halte ich mich womöglich wirklich nicht mehr zurück.«
Reue überkam mich.
»Macht es dir wohl nichts aus?«
Er hatte einen Orgasmus ebenso verdient … und ich wollte mehr …
»Ach wo denn! Ich wollte sowieso ein wenig schwimmen – in meinem Pool. Du musst nicht die ganze Zeit dabei sein.«
»Ein wenig Abstand ist gut, stimmt’s?«
Diese von mir laut ausgesprochene Feststellung tat mir in der Seele weh …
Neue Stille.
»Ja, genau.«
Offensichtlich hatte ich mir ein wenig zu viel erhofft …
»Okay, dann gehen wir zurück.«
Dabei wollte ich nicht zurück.
Ich wollte hierbleiben … ich wollte bei ihm sein … seinen angenehmen würzigen Körpergeruch einatmen, die Wärme seiner Haut spüren …
Mein Gott … dieser Moment war über die Maße perfekt …
Der sanfte mit meinen Haaren spielende Wind … Theos mir über die Schenkel streichelnde Hände …
Romantik … War das Romantik? …
»Dann müssen wir aber aufstehen«, riss Theo mich aus einem mich überkommenden Schlaf.
»Hast recht.«
Behäbig richtete ich mich auf.
Theo griff mir helfend unter die Arme – im wahrsten Sinne.
»Soll ich dich tragen?«
Ich verneinte. »Es geht schon. So fertig hast du mich jetzt auch nicht gemacht.«
»Schade.«
Die Lider halb geschlossen blickte ich in sein hübsches mich angrinsendes Gesicht.
»Aber heute Abend mache ich dich fertig. Keine Sorge.«
»Sei nicht zu wild. Sonst hast du morgen nichts mehr von mir.«
»Du bist niedlich.« Kichernd zog er mich ganz nah zu sich und wir setzten uns in Bewegung.
Für die nächsten Augenblicke schritten wir schweigend durch den Dschungel.
»Hätte mir jemand gesagt, wir beide würden heute derartigen Spaß miteinander haben, hätte ich denjenigen für verrückt erklärt.«
Ich nickte zustimmend. »Da wär’s mir nicht anders ergangen.«
Alsbald die Rezeption vor uns auftauchte, stieß Theo einen dramatischen Seufzer aus. »Ich will dich nicht loslassen.«
»Dabei hast du eben erst gesagt, dir würde etwas Abstand gefallen.«
»Ja … nun –« Er räusperte sich. »Das war gelogen.«
Hatte er etwa ähnlich empfunden, wie ich vorhin? Hatte er sich gleichermaßen geborgen und sicher gefühlt?
Die Schlüssel abgeholt – und seltsame Blicke des Portiers geflissentlich ignoriert – begleitete Theo mich bis zur Tür.
»Sehen wir uns beim Candle-Light-Dinner, oder noch davor?«
»Ich denke, ich brauche nicht sonderlich viel Schlaf. Zwei Stunden werden bestimmt genügen.«
»Wo soll ich auf dich warten?«
»Wie wäre es mit der Rezeption?«
»In zweieinhalb Stunden?«
Ich bejahte. »Und sollte ich doch verschlafen, dann klopfe einfach an meine Tür.«
»Das mache ich gerne.« Er begann zu grienen. »Ich klettere sogar über die Sichtschutzwand, wenn es nötig ist.«
»Das kann ich mir gut vorstellen.«
»Also dann.« Er gab mir einen nicht enden wollenden Kuss, von dem mir die Knie weich wurden. »Wir sehen uns später.«
»Ja, bis später dann.«
Er drehte sich um und marschierte Richtung Bar.
Offenkundig wollte er sich die Zeit eher mit ein paar Drinks vertreiben, anstatt mit Schwimmen.
Was schmeckte ihm? Zog er Whiskeys einem Bier vor, oder stand er eher auf Wein?
Alsbald ich die Tür des Bungalows versperrt hatte, brach die Müdigkeit über mich ein wie ein morsches Dach eines hundertjährigen Hauses. Schnell wusch ich den Bikini aus und legte diesen hinaus zum Trocknen. Dann stellte ich mich unter die Dusche, erschlug während des Abtrocknens ein paar Schaben und kroch letztlich mehr tot als lebendig unter die Bettdecke.
Es dauerte keine zwei Minuten, bis Gevatter Schlaf mich überkam – ja, mich regelrecht überwältigte.
In meinem gesamten Leben hatte ich mich noch nie solchermaßen müde gefühlt.

Zärtlich strich jemand mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Hand fühlte sich warm an. Ein wenig rau – männlich. Ich roch Aftershave. Nicht stark – angenehm. Fingerkuppen glitten mir über die Wange, weiter über den Hals, zu meinen Brüsten – über meine Brüste.
O gütiger Gott! Verfluchte Scheiße!
Reflexartig packte ich nach dem Arm, spannte den Körper an – bereit zuzuschlagen.
»Keine Angst, ich bin es.«
Diese tiefe sanfte Stimme … von irgendwoher kannte ich sie …
Ich öffnete die bleischweren Augenlider – und schaute in strahlendes Gold.
»Du hast einen verdammt guten Schlaf.« Theo blickte zur Terrasse. »Und ein nicht vorhandenes Sicherheitsbewusstsein.«
Theo …? Ich …? Sicherheitsbewusstsein …?
Was …?! Ich und kein Sicherheitsbewusstsein? Ich war die Sicherheit in Person!
»Was redest du da …« Gähnend blinzelte ich den Schlaf davon. »Ich habe ein enormes Sicherheitsbewusstsein.«
»Ja, deshalb lässt du die Terrassentür offenstehen, oder?«, entgegnete er streng und wandte sich mir zu. »Evina, ernsthaft! Wie kommst du auf den Leichtsinn? Lediglich, weil der Bungalow ins Meer gebaut wurde, deutet das noch lange nicht auf eine Einbruchsicherheit hin – wie meine Anwesenheit gut beweist.«
»Wie bist du eigentlich hier rein gekommen?« Ich stockte. »Und wie spät ist es überhaupt?«
Mein Date lächelte verschmitzt. »Das erzähle ich dir ein andermal. Aber um wenigstens eine Frage zu beantworten: Es ist längst dunkel. Du hast an die fünf Stunden geschlafen.«
»Ach du verfickte Scheiße!«
»Whoa, whoa!« Er vollführte beschwichtigende Handgesten. »Einer solchen Unwichtigkeit wegen musst du nicht wie eine Verrückte fluchen.« Unversehens und mit einem in die Breite wachsenden Lächeln stützte er sich auf der Matratze ab und beäugte mich auf diese mich kribbelig machende Weise. »Obwohl ich fluchende Frauen ja total sexy finde. Das hat so was … schmutziges.«
»Du Depp!« Ich gab ihm einen Klaps auf den gestählten Oberarm, und er machte einen Schritt zurück.
»Das Dinner wartet bereits.«
Nach wie vor vom Schlaf betäubt richtete ich mich auf. »Tut mir leid. Ich wollte echt nicht zu spät kommen.«
»Nun.« Er schaute sich um. »Dafür habe ich dich wecken dürfen. Das entschädigt vieles.«
Schwerfällig stieg ich aus dem Bett und begab mich auf wackeligen Beinen ins Bad.
»Soll ich dir bei irgendetwas behilflich sein?«, hörte ich ihn fragen.
»Nein, nein.«
Ich stützte mich am Waschbeckenrand ab.
Scheiße … war ich fertig!
Die fünf Stunden hatten nicht einmal im Ansatz gereicht.
»Evina?«
Gähnend fuhr ich mir übers Gesicht. »Ja?«
»Darf ich einmal in deinen Wäscheschrank schauen?«
Mein Spiegelbild runzelte die Stirn. Es sah total bescheuert aus …
»Wieso?«
»Ich würde dir gerne ein Kleid heraussuchen.«
Schlaftrunken fasste ich nach der Zahncreme. »Weshalb das?«
»Weil ich es toll fände, wenn du ein Kleid tragen würdest, das ich dir ausgesucht habe.«
Hatte das ebenfalls mit Romantik zu tun?
Ich schniefte. »Wenn du es gerne möchtest, tu dir keinen Zwang an.«
Irgendwie hatte ich das Gefühl, nach wie vor zu träumen …
Ich drückte die Zahncreme auf die Bürste und putzte die Zähne. Dann wusch ich mir das Gesicht, cremte es ein, trat hinaus … und bemerkte erst jetzt, dass ich splitterfasernackt vor Theo stand. Grundsätzlich liebte ich es, nackt zu schlafen – vorzugsweise im Sommer. Nun allerdings wäre mir ein T-Shirt oder meinetwegen sogar ein abturnendes altmodisches Omanachthemd in greifbarer Nähe sehr lieb gewesen …
»Du siehst umwerfend aus.« Ein ehrliches wie wertschätzendes Lächeln seinerseits erhöhte mir den Puls. »Eine einzige Augenweide.«
Weshalb war mir meine Blöße nicht eher aufgefallen?
Träumte ich womöglich tatsächlich? Oder lag es schlichtweg an dieser fürchterlichen, bleischweren Müdigkeit?
Unversehens wurde ich mir eines weiteren winzigen Details bewusst: dem eleganten, schwarzen und perfekt sitzenden Anzug, welchen Theo trug.
»Hier.« Er reichte mir mein dunkelblaues Minikleid mit dem tiefen Rückenausschnitt. »Würdest du dieses anziehen?«
»Ja, sicher.« Ich nahm es ihm ab, drückte es an meinen Oberkörper und trat zur kleinen weiß lackierten Kommode, in welcher ich meine mitgenommene Unterwäsche untergebracht hatte. »Hast du auch einen besonderen Wunsch, was meine Dessous betrifft?«
Freudestrahlend gesellte er sich zu mir. »Ich darf ernsthaft in deiner Reizwäsche herumwühlen?«
Reizwäsche?
Unter Reizwäsche verstand ich Pornofilmchen-Outfits, jedoch sicherlich keine elegant geschnittenen BHs und Höschen …
Nun, wen scherte es?
Ich gab ihm mein Einverständnis.
»Das wird von Minute zu Minute besser!« Er zog die Lade auf und linste neugierig hinein. »Scheiße … das ist ein einziger feuchter Männertraum.« Keine Sekunde dauerte es, bis er nach einem roten String fasste und diesen in die Höhe hob. »Wow, der ist purer Sex! Zieh den an!«
»Der passt farblich doch gar nicht zum Kleid.«
»Aber das Rot! Rot bedeutet Sex und Leidenschaft! Du musst das anziehen!«
Alter Schwede …
»Na denn. Dazu der BH.« Ich gähnte ein weiteres Mal, nahm die Unterwäsche in die Hand und setzte an, ins Bad zurückzugehen.
Theo hielt mich zurück, indem er meinen Oberarm sanft umfasste. »Du kannst dich gerne vor mir anziehen.«
Ja klar … das konnte er aber so was von vergessen!
»Nein, nein … für den Moment hast du genug gesehen.«
Sichtlich beleidigt ließ er mich los. »Dafür werde ich dich später ausziehen.« In seiner Erwiderung schwang etwas Endgültiges mit. »Alleine auf meine Art – da dulde ich keine Widerrede.«
Das wiederum schlug mir sofort in den Unterleib ein – erweckte einen heißen, prickligen Schauer, der mir die Schamesröte ins Gesicht trieb … und manch Feuchteres zwischen die Beine …
Das Fingern am Strand.
Mein gigantisches Verlangen, von Theo genommen zu werden.
Der irrsinnigste Orgasmus meines Lebens …
»Damit bin ich einverstanden.« Flott marschierte ich zurück ins Bad und schloss die Tür.
Himmel, Arsch!
Was würde der heutige Abend bringen? Worüber würden wir uns unterhalten? Wie viele neue Dinge würde ich über ihn in Erfahrung bringen? Aber vor allem: Was hatte Theo mit mir vor? Was wollte er in sexueller Hinsicht anstellen?
Mit einem zusehends intensiver werdenden Wimmeln in der Magengegend trat ich ins Wohnzimmer.
Theo ließ seinen anerkennenden Blick langsam über meinen Körper gleiten.
Anscheinend wollte er einen jeden einzelnen Quadratzentimeter genauestens begutachten.
Gefiel ich ihm wahrhaftig so sehr?
Nun, ich musste gestehen, das dunkelblaue eng anliegende Kleid setzte mich wahrhaftig gut in Szene. Darüber hinaus besaß es diesen eleganten asymmetrischen Ausschnitt, der eine weibliche Oberweite weder zu viel noch zu wenig betonte. Kurz gesagt: Es akzentuierte die weibliche Schönheit, ohne billig zu wirken.
Theo trat vor mich hin, nahm mein Gesicht in seine Hände und gab mir einen unendlichen Kuss.
Damit war meine mental gestellte Frage beantwortet.
Sein zartes Aftershave vermischt mit seinem leicht würzigen Körpergeruch stieg mir in die Nase, raubte mir meinen eben erst reaktivierten Verstand.
»Gehen wir, Kleine.« Liebevoll nahm er meine Hand in seine und führte mich hinaus. »Wir hatten heute von Romantik gesprochen, nicht wahr?«
Ja, auf eine mir orgasmusbringende Weise.
Räuspernd drehte ich mich zu ihm. »Ja, weshalb meinst du?«
»Ich bin neugierig, wie dir das Dinner gefallen wird. Meiner Ansicht nach haben sich die Leute damit echte Mühe gegeben.«
»Nun … zahlen muss ohnehin ich.«
Ein in meine Seele dringender Blick evozierte einen sanften Schweißausbruch. »Dafür zahle ich es dir heute Nacht bis auf den letzten Cent zurück. Bereits aufgrund des umwerfenden Kleids und der Unterwäsche.« Er zwinkerte mir zu. »Während deines Nickerchens habe ich mir einige schöne Ideen einfallen lassen.«
Ob seiner Aussage sprachlos, konzentrierte ich mich auf das beruhigende Geräusch der klatschenden Wellen gegen die Holzpfeiler des lang gezogenen Stegs, auf welchem wir Richtung Strand flanierten.
»Freust du dich darauf?«
»Auf die heutige Nacht?«, fragte ich nach wie vor leicht durcheinander.
»Nein.« Er kicherte. »Ich meinte das Dinner, du unanständiges Ding!«
Mir ging es heiß den Rücken runter.
»Sag mir Theo … träume ich noch?«
Ich musste das Thema wechseln.
Ich musste Gewissheit erlangen.
Denn allmählich wurde dieser Tag zu schön, um wahr zu sein …
Er lächelte. »Weshalb?«
»Es mutet alles ein wenig eigenartig an, seitdem du mich geweckt hast.«
»Eigenartig schlecht oder eigenartig schön?«
»Definitiv Letzteres.«
Seine linke Hand legte sich auf meinen Kinnbogen – und seine Lippen auf meine. »Ich vermute, dann hat es bestimmt mit dem Orgasmus zu tun. Ein Solcher kann sehr entspannend wirken. Speziell dann, wenn man – wie du – eine lange Zeit ohne Sex auskommen musste und ein Mann – wie ich – es dir besorgen durfte … am Strand … unter Palmen … während eines intensiven Trainings …«
Glucksend schüttelte ich den Kopf. »Du bist echt irre.«
Ein Draufgänger mit unerwartetem Tiefgang …
»Und es gefällt dir.«
»Stimmt … aber sag mal, hast du dich absichtlich so in Schale geworfen?«
»Na, was glaubst du denn!« Theo warf mir sein berühmt-berüchtigtes verschmitztes Grinsen zu. »Zu einem Candle-Light-Dinner kann ich schlecht in Bermudas auftauchen!«
Unsere nackten Füße wurden vom abkühlenden Sand empfangen, trugen uns über den mit erhellenden Fackeln dekorierten Strand.
»Du siehst fabelhaft aus. Ich muss gestehen: Nie hätte ich vermutet, dass ein Anzug dir dermaßen gut passen würde. Du schienst auf mich eher der lässige Typ zu sein.«
Nun, jetzt nicht mehr.
Elegant gefiel Theo mir noch tausendmal besser …
Für einen Augenblick schaute er an sich herab. »Nun, bisher hatte ich mit diesem Outfit die besten Chancen beim weiblichen Geschlecht. Lediglich die Krawatte habe ich heute weggelassen. Die engt mich zu sehr ein.«
»Das halb offene Hemd lässt dich sowieso sexier aussehen, als ein Kulturstrick das jemals zusammenbringen kann.«
Sein herzliches Lachen erfüllte die Luft, und brachte mein Herz für einen Sekundenbruchteil aus dem Rhythmus.
War das alles wahrhaftig real?
Ich dumme Kuh!
Jetzt begann ich erneut zu zweifeln!
Ich schob die bescheuerten Gedanken zur Seite und blickte zum Himmel.
Obwohl die Nacht längst vollständig hereingebrochen war, wurde die Gegend von einem leichten Hintergrundleuchten in Szene gesetzt. Ich erkannte Sterne, dennoch sah ich Theos Gesicht und den grauen Strand. Ja, beinahe jedes einzelne Sandkorn hätte ich zählen können.
Ich blieb stehen und drehte mich zurück, um die ganze Schönheit dieses kleinen Paradieses zu bewundern.
Das Meer, dessen zärtliche Wellen den glitzernden Sand liebkosten, erstrahlte im selben Türkis wie am Tage und reflektierte das fahle Licht der Sterne. Der Himmel selbst zeigte ein tiefes Blau, welches sich nach Westen hin ein wenig aufhellte. Feine geflockte Wölkchen verliehen ihm den nötigen Kontrast, um normalerweise sofort die Kamera auszupacken und los zu fotografieren.
»Sieh dir das an«, hauchte ich ehrfürchtig. »Diese Kulisse ist nahezu unwirklich.«
Wie eines von Kagayas CG-Bildern …
»Das nennt man Romantik«, flüsterte Theo mir ins Ohr. »Und obwohl ich ein Macho bin – das allerdings hat mich seit jeher fasziniert: die Sterne, der Himmel, das Meer.«
»Falls das Romantik bedeutet, dann bin ich ab jetzt ebenfalls Romantiker.«
Er gluckste. »Und ich bin ein Macho-Romantiker.«
»Was soll das denn bitte schön sein?« Lachend drehte ich mich zu ihm um und blickte ihm in seine mich liebevoll musternden Augen.
Theo war wie ausgewechselt.
Nichts mehr erinnerte an diesen maulenden Proleten, welchen er erst gestern noch dargestellt hatte.
»Du hast dich komplett verändert.«
Er runzelte die Stirn. »Ja, dieser Eindruck kommt auf, wenn man mich mit Gemaule und blöden sexistischen Sprüchen erlebt … aber ich kann auch anders.«
Seine Worte entfachten frische Bedenken.
»Du machst das aber nicht, um mir zu gefallen, oder?«
»Auch«, gab er grinsend zurück. »Aber nicht ausschließlich.«
Es hatte den Anschein, dass Theo viel mehr sagen wollte, es aus irgendeinem Grund aber nicht zusammenbrachte. Stattdessen intensivierte sich sein Blick fortwährend, drang mir ein weiteres Mal bis in die Seele ein, schenkte mir vollkommene Geborgenheit.
Die vom Meerrauschen, gelegentlichen Vogelrufen, das Knistern der Fackeln und von weit her dringendem Gelächter der Urlauber gefüllte Stille nahm schier greifbare Ausmaße an. Sie schien sich um mich zu wickeln, mich hinfortzuziehen …
Irgendwann wandte sich Theo zur Seite und der Zauber verschwand.
Eine sanfte Brise, die mir meine offenen Haare ins Gesicht wehte, lenkte Theos Aufmerksamkeit zurück zu mir.
Behutsam strich er mir ein paar Strähnen hinter die Ohren, glitt mit den Fingern über meinen Hals, um diese letztendlich in meinen Haaren zu vergraben.
»Ich muss dir etwas sagen«, begann er nach weiteren endlos langen Sekunden des Schweigens und Anstarrens. »Ich mag dich. Wahrhaftig … Das ist einmal das eine.« Er verdrehte die Augen. »Ist irgendwie verständlich … sonst hätte ich mich nicht weiter um dich bemüht.« Ein hörbares Ausatmen folgte. »… Nun … das andere ist … ja, äh … ich bin mir nicht sicher, wie ich es sagen soll …« Er räusperte sich, überlegte. »Du hast etwas an dir … irgendetwas … ja, nun … es zwingt mich in die Knie. Ich meine –« Er ließ von mir ab, kratzte sich am Hinterkopf. »Grundsätzlich bin ich ein Draufgänger – komplett. Verstehst du? … Ich liebe es, von Frauen angehimmelt und bewundert zu werden … bei dir hingegen, da will ich von dir gemocht werden. Ich will es dir recht machen … du sollst dich bei mir wohlfühlen … es soll dir gut gehen.« Mit beiden Händen fuhr er sich übers Gesicht und durch die lockigen, leicht zurück gegelten Haare. »Und da ist noch etwas … Ich … ich … verdammt –« Ein weiteres nervöses Räuspern erklang. »Wie ich mich die letzten Stunden dir gegenüber verhalten habe … bin ich seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen.« Er wölbte eine Augenbraue. »Sex und Spaß? Ja! Langes Herumgetue, ein Bemühen um eine Frau? Nein! … Die letzten Jahre habe ich mich ausschließlich ausgetobt, genossen – ohne Rücksicht auf Verluste.«
Das war der letzte Beweis!
Theo lag wahrhaftig etwas an mir! Ich war kein einfacher Urlaubsflirt mehr!
Was war ich eine blöde Fotze!
Theos sich verändernder Gesichtsausdruck schob meine Überlegungen zur Seite. »Aber so unglaublich toll, wie ich es andauernd hinstelle, war es nicht.« Tiefe aufrichtige Trauer erschien. »Ich meine … natürlich war der Sex gut. Sofern man die Augen schließt und sich vorstellt, es sei ein richtig heißer Feger, der da auf dir oder unter dir liegt, geht’s natürlich doppelt schnell … aber meistens … tja, da war es nicht eben berauschend.« Er hielt ein, fasste sich an die Stirn. »Warum, verflucht noch einmal, erzähle ich dir das überhaupt?«
Ich blinzelte – musste erst einmal selbst die Sprache wiederfinden.
»Deine Ehrlichkeit macht mich wahnsinnig glücklich.« Ich lächelte ihn an. »Das hätte ich nie von dir erwartet …«
»Genau das ist die andere Sache!« Eine sanfte Handgeste unterstrich seine Nervosität. »Du bringst mich andauernd dazu, dir alles geradewegs heraus zu sagen. Einfach alles! Das ist irre!«
Mir ging es nicht anders.
Lediglich durch außerordentliche Kraftaufbringung gelang es mir, mich manchmal davon abzuhalten, meine Gedanken und Gefühle laut auszusprechen.
Geistesabwesend schaute Theo gen Himmel. »Und da ist noch etwas.«
Mit prickelig-sturmdurchbrauster Glückseligkeit in meiner Seele schlang ich die Arme um ihn. »Was denn?«
Er erwiderte die Umarmung. »Bei dir fühle ich mich, wie ich mich vor vielen Jahren einmal gefühlt habe – frei, geliebt, verstanden. Das ist, gelinde gesagt, krass. Ich kann dir nicht erklären, wie schön sich das anfühlt … Früher, als Kind, da war ich sehr ruhig, introvertiert, sogar etwas schüchtern … später legte sich das ziemlich schnell und ich fing an, das Leben in vollen Zügen zu genießen – aufgrund der Annahme, etwas zu verpassen, und vieles verpasst zu haben.«
Wie bitte?
Theo, der Macho, war schüchtern gewesen?
Mein Gott!
Damit erklärte sich die nicht zu seiner Körpersprache passende Ausstrahlung!
»So geht es mir zurzeit«, gestand ich.
Ich war zweiunddreißig, hatte erst eine Beziehung hinter mir, nichts erlebt … ausschließlich geackert, gelernt sowie es anderen recht zu machen versucht.
»Ja?« Theo lehnte sich zurück. »Dann verstehst du, weshalb ich mein Leben auf diese Weise lebte?«
Ich bejahte. »Und mit einer jeden Stunde, die wir miteinander verbringen, verstehe ich dich besser. Niemals hätte ich hinter deiner Fassade einen solchen einfühlsamen Charakter vermutet. Niemals. Weit mehr allerdings hat mich die kurze Zeit überrascht, in der du dich mir geöffnet hast. Ich dachte, jemand wie du würde sehr lange brauchen, um sein wahres Gesicht zu zeigen.«
»Du ebenso!«, konterte er lächelnd. »Du warst, als ich dich traf, ein einziges mauerverbeißendes Miststück.«
»Alter! Geht’s noch?!«
Er kicherte. »Aber jetzt bist du das exakte Gegenteil. Lag das alleine am Sexfrust?«
»Jetzt reicht’s langsam!« Lächelnd machte ich einen Schritt zurück. »Du bist wohl doch nicht komplett anders geworden.«
Und ich musste mir eingestehen, diese freche Seite machte ihn erst richtig interessant.
Theo fasste nach meiner Hand und wir setzten uns wieder in Bewegung.
»Natürlich nicht. Schließlich bin ich immer noch ich: ein softer Macho mit Hang zur Romantik. Wie erwähnt.«
Ich wollte etwas erwidern, da rückte der mit einem weißen Tischtuch geschmückte und gedeckte Tisch in mein Blickfeld. Zwei Stühle waren mit weißen Stoffhutzen überzogen worden, und vier Fackeln beleuchteten die Szenerie.
»Das driftet allmählich ins Kitschige ab, findest du nicht?«
Theo grinste. »Das habe ich mir ebenfalls gedacht … andererseits geht es ums Essen. Blenden wir den Rest einfach aus.«
Lachend ließen wir uns auf die Stühle nieder, und ein Kellner nahm unseren Getränkewunsch entgegen.
»Das wird mir nicht schwerfallen«, entgegnete ich, alsbald wir wieder alleine waren. »Bei solch einem interessanten Mann wie du benötige ich keine Malediven, damit sich irgendeine romantische Stimmung aufbaut.«
»Ja?« Sein Grinsen wuchs an. »Das klingt verdammt gut! Sollten wir uns nämlich einmal im hektischen Berlin oder in deiner verschlafenen Klitsche treffen, brauchen wir uns zumindest keine Sorgen bezüglich eines Alltagsschocks zu machen.«
»Ha! Meine Rede!«
Darauf brachen wir in lautes Gelächter aus.
Es war ein köstlicher wie witziger Augenblick.
Wenn ich darüber nachdachte, waren mit Theo bislang alle Momente schön oder witzig oder schlichtweg grandios gewesen.
Wie ich mich in den letzten Stunden gefühlt hatte, hatte ich mich nie zuvor in meinem Leben gefühlt. Die Emotionen, die Geborgenheit, das Adrenalin … seine Küsse und die zärtlichen Berührungen.
Irgendwie mutete es nach wie vor unfassbar an.
War es das, was Menschen unter Verliebtheit verstanden? Fühlte Liebe sich auf eine solche Weise an?
Oder bildete ich mir sämtliche Empfindungen ein? Womöglich erwachte ich morgen und müsste feststellen, dass Theo gar nichts mit mir zu tun haben wollte …
Womöglich ging es ihm doch einzig und allein darum, mich ins Bett zu bringen …
Nein!
Seine Tränen und die Angst, eine Frau abermals zu verletzen, konnten kein Schauspiel gewesen sein. Besonders nicht das stammelnde Geständnis vorhin.
Bestimmt hinterfragte ich zu viel.
Fakt war: Ich hatte Theo längst in mein Herz gelassen. Ginge es ihm um ein Spiel, hätte es mir sowieso das Genick gebrochen … bevorstehender Sex hin oder her!
Somit blieb ausnahmslos zu hoffen und zu beten, dass sich Theo mit mir wahrhaftig auf mehr einlassen wollte.

Das Abendessen verlief durchwegs heiter und entspannt. Dennoch kletterte eine leichte Nervosität in mir hoch, hervorgerufen durch das Wissen, die Nacht mit ihm zu verbringen. Wie würde der Sex werden? Das Fingern und seine Küsse hatten sich unglaublich angefühlt. Das wiederum brachte mir frische Unsicherheit. Er hatte mit weiß Gott wie vielen Frauen geschlafen, durfte auf einen unglaublichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Ein Erfahrungsschatz, der mir verwehrt blieb.
Konnte ich Theo genug bieten?
Was, wenn ich versagte … was, wenn er sich nicht wohlfühlte … was, wenn ich etwas machte, das ihm missfiel … was, wenn ich ihn nicht befriedigte?
»Machen wir noch einen Spaziergang?«, holte Theo mich in die Gegenwart. »Ich denke, das viele Essen liegt mir sonst die ganze Nacht im Magen.«
»Ja, gerne.« Mit einem erzwungenen Lächeln erhob ich mich. »Mir geht’s nicht anders.«
Er gesellte sich zu mir.
Dieses Mal fasste ich nach seiner Hand und ging los.
»Nenne mich kindisch, blöd und bescheuert – aber ich muss dir ehrlich gestehen, ich grüble nach wie vor die gesamte Zeit, ob ich mich noch immer in einem Traum befinde … Ich fühle mich unglaublich wohl mit dir. Es scheint vertraut und richtig. Auf der anderen Seite kann ich es nicht glauben.« Ich machte eine Stopp-Geste mit meiner Hand. »Versteh mich bitte nicht falsch. Ich bin kein melodramatischer Irrer. Diese Wellenlänge zwischen uns … die mutet schlichtweg zu schön an. Speziell, nach alldem, was ich in der Vergangenheit durch Egoismus und Ignoranz der männlichen Spezies erlebt habe.«
Theo atmete hörbar durch. »Weißt du –« Für eine längere Zeit hielt er inne. »Mir geht’s irgendwie … ähnlich.«
Ich blieb stehen, besah ihn eingehend.
Er wirkte skeptisch, verunsichert und verloren.
Hegte er ähnliche Zweifel wie ich? Vermutete er, ich würde es mit ihm nicht ernst meinen?
»Diese Situation, unser Treffen … es ist verrückt.« Er gestikulierte mit seiner linken Hand. »Ich meine … erst freute ich mich auf ein wenig Entspannung und viel Sex und Sauferei – und dann tauchst du auf.«
»Und alles steht kopf?«, vermutete ich leise.
»Und alles steht kopf«, wiederholte er nickend, lehnte sich zu mir und beschenkte mich mit einem Kuss. Ein Kuss, der sagte: »Ich will nicht mehr nachdenken. Einzig spüren will ich dich und diese Nacht mit dir auskosten und sehen, was der Morgen bringt.«
»Komm«, hauchte er und zog mich Richtung Bungalows. »Ich will nicht mehr länger warten … Bist du einverstanden?«
Mir wurde es eiskalt und glühend heiß.
Ja, ich wollte es! Und wie ich es wollte!
Mein Körper schrie längst nach ihm.
Ich wollte ihn die ganze Nacht.
Darauf geschissen, was morgen sein würde! Darauf geschissen, ob ich es richtig oder falsch machen würde. Darauf geschissen auf mein eingebläutes Mantra: »Lediglich alleine kannst du glücklich sein.«
Lange genug hatte ich gewartet. Lange genug hatte ich mich verstellt. Lange genug hatte ich gelitten.
Jetzt sollte es endlich anders werden!
»Solange du mich nicht total fertigmachst oder mir wehtust«, erwiderte ich nervös. »Kannst du mit mir anstellen, was immer du willst.«
Er beschleunigte seinen Gang … und irgendwann sprinteten wir über den Strand, als würde dort in einem der Bungalows der größte Gewinn unseres Lebens warten.
Nun stellte sich die Frage: Wurde die bevorstehende Nacht wahrhaftig zum Jackpot unseres Lebens? Oder ging es hier um reine Geilheit?
»Gehen wir zu mir«, schlug er vor. »Ich habe Kondome.«
Ein Schwall Adrenalin beschleunigte meinen Puls. »In Ordnung.«
An seinem Bungalow angekommen fischte er die Schlüssel aus der Hosentasche. »Nimmst du eigentlich die Pille?«
»Nein. War ja nicht nötig gewesen.«
Wir traten ein und er verschloss die Tür. »Hast du wirklich nichts mit einem anderen Mann angefangen, außer mit diesem Drecksack von Ex?«
Bejahend und mit leicht zitternden Händen schaltete ich die Beleuchtung ein. »Wie gesagt, ich stehe nicht auf One-Night-Stands. Außerdem fürchte ich mich vor Krankheiten.«
»Aber ein Kondom schützt dich.« Er trat nah an mich heran. »Dafür ist es da.«
»Das stimmt zwar. Nichtsdestoweniger kann etwas schiefgehen.«
Behutsam nahm er mein Gesicht in seine Hände. »Da hast du natürlich genauso recht.«
»Hattest du nie Angst davor, irgendetwas aufzuschnappen oder von einer plötzlichen Vaterschaft zu erfahren?«
Beinahe unmerklich zog er eine angewiderte Schnute. »Als meine Ex-Frau damals sagte, sie sei schwanger, bekam ich einen halben Herzinfarkt.« Erschrocken wie wütend ließ er von mir ab, ging einen Schritt zurück. »Verflucht! Jetzt geht das wieder los!«
Ich war verwirrt. »Was meinst du?«
»Ich erzähle dir Dinge über irgendwelche abturnenden Erlebnisse!« Kopfschüttelnd griff er sich an die Stirn. »Ich will Sex mit dir! Und nicht über meine Vergangenheit sinnieren.«
»Ist doch egal.« Ich nahm ihn in meine Arme. »Sprich weiter. Sex können wir immer haben. Die Nacht ist jung – und wir haben es dringend nötig. Somit brauchen wir nicht lange, um uns in Stimmung zu bringen, oder?«
Ein leises Kichern erklang. »Da muss ich dir wohl abermals recht geben.« Liebevoll – und ausgesprochen eindringlich – begann er, meinen Hintern zu kneten. Es stellte mir die Haare auf und erhöhte meinen Blutdruck signifikant. »Und wenn wir ohnehin dabei sind, kann ich dir gleich eine weitere abturnende Frage stellen?«
Wellen der Erregung breiteten sich in mir aus.
»Sicherlich.« Ich blickte ihm tief in die Augen – verlor mich in ihnen. »Was immer du willst.«
Wenn er meinen Hintern auf eine derartigen Weise weiter bearbeitete, würde nicht einmal die bescheuertste Frage der Welt mir meine Hitze nehmen …
»Willst du ernsthaft keine Kinder?«
Seufzend verneinte ich. »Absolut nicht. Ich will keine Mutter werden. Niemals.«
Skepsis legte sich auf seine Züge. »Ernsthaft?«
»Ernsthaft.«
»Ich will dich damit nicht langweilen«, gab er entschuldigend zurück. »Aber du weißt, wie Frauen sein können, oder?«
O ja …
Ich selbst kannte keine Frau, die nicht verrückt nach Kindern war.
»Ich verstehe genau, was du meinst. Aber ich bin definitiv kein typisches Mütterchen. Bitte glaub mir das.«
Neckisch wanderten seine Hände etwas tiefer, jedoch nicht tief genug, um meine Unterwäsche zu erspüren.
»Dann flippst du nicht aus, wenn ich dir jetzt sage, dass ich keine Kinder mehr zeugen kann?«
Mein Mund klappte auf. »Du hast aber nicht …«
»Jepp. Vorsicht ist besser als Nachsicht.«
»Wie lange liegt der Eingriff zurück?«
Ein sanftes Lächeln huschte über seine Lippen. »Drei Jahre.«
»Somit ist es unumkehrbar.«
Theo nickte. »Ich bin siebenunddreißig. Glaubst du ernsthaft, ich will noch einmal Vater werden? Windeln wechseln?« Angewidert schüttelte er sich. »Sicherlich nicht! Außerdem können Frauen mir dadurch nicht mehr klammheimlich Kinder andrehen.«
»Wie deine Ex …« Ich stockte. »Nun … wahrscheinlich.«
»Ja … das war mir eine Lehre.«
»Glaube ich dir gerne. Aber warum hast du mich dann wegen der Pille gefragt?«
»Damit wollte ich herausfinden, ob du eventuell Kinderwünsche hegst.«
Aber wie …
Ach! Natürlich … Er dachte, wenn ich die Pille nahm, würde dies meine Aussage bezüglicher meines nicht existenten Kinderwunsches nochmals bekräftigen.
»Dir ist aber klar: Ich könnte die Pille jederzeit absetzen.«
»Ja sicher, das weiß ich!« Er nahm die Hände von meinem Po und kratzte sich am Hinterkopf. »Wie soll ich das sagen … äh … Ich hatte kurzzeitig die Vermutung, du könntest ausschließlich ein Kind wollen – nichts anderes.«
Ach du heiliger Bimbam!
Ich lachte. »Das hast du ernsthaft in Erwägung gezogen?«
»Ja.« Peinlich berührt drehte er sich zur Seite. »Hätte ja sein können. Ein kostengünstiger Samenspender – was will man mehr?«
»Meine Fresse, Theo!« Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und drehte es bedächtig zu mir. »Ich bin zu Hundertprozent auf keine Familie aus. Ich will eine erfüllende Beziehung. Kinder würden da bestenfalls stören.« Meine Wangen erwärmten sich – allerdings nicht, weil Theo mich erneut leidenschaftlich berührte, sondern aufgrund meines dummen Wunschtraumes, welchen ich ihm anvertrauen wollte. »Bitte lach mich jetzt nicht aus, aber … na ja …« Kurzzeitig blickte ich zu Boden, dann zurück in sein wunderschönes Angesicht. »Seit jeher dachte ich, man würde mit seinem Partner die gemeinsame Freizeit verbringen, auf Urlaub fahren, vielleicht sogar gemeinsame Hobbys ausüben … oder einfach mal den ganzen Tag im Bett liegen und es miteinander machen. Und letztlich: Sich ein gemeinsames Leben aufbauen. Ich dachte, in einer Beziehung gehe es darum, füreinander da zu sein, das Leben gemeinsam zu bewältigen.« Ich zuckte die Achseln. »Das war mein, zugegeben dummer, geheimer Wunschtraum.«
Theo strahlte mich an. »… Das … das ist nicht dumm. Das ist … Exakt das wünschte auch ich mir insgeheim und seit Jahren.« Flink schlang er die Arme um mich, presste mich an sich, legte seine Lippen auf meine und drang mit seiner Zunge in meinen Mund – langsam, bedächtig … verstandabdrehend.
Darmowy fragment się skończył.