Czytaj książkę: «Die bedeutendsten Staatsmänner»
Dr. ISABELLA ACKERL, geb. 1940 in Wien, Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Wien, Promotion zum Dr. phil.; seit 1971 wissenschaftliche Sekretärin der »Wissenschaftlichen Kommission des Theodor-Körner-Stiftungsfonds und des Leopold-Kuntschak-Preises zur Erforschung der Geschichte der Ersten Republik«. Seit Dezember 1981 Bundespressedienst in Wien. Zahlreiche Publikationen und Lexikonartikel.
Zum Buch
Die bedeutendsten Staatsmänner
“Der Staatsmann kann nie selbst etwas schaffen, er kann warten und lauschen, bis er den Schritt Gottes durch die Ereignisse hallen hört - dann vorspringen und den Zipfel des Mantels fassen, das ist alles.”
Von ihnen erwarten wir alles – doch was zeichnet einen Staatsmann aus, was sind seine Absichten und Leitgedanken, welcher Mittel bedient er sich zur Erreichung seiner Ziele und wie kann er sich der Unterstützung sicher sein?
Das Buch »Die bedeutendsten Staatsmänner« vermittelt einen spannenden und klar formulierten Einblick in ihr tatsächliches Leben und Wirken - seien es auch so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Thomas Morus, Albrecht Wenzel Eusebius Wallenstein, Armand-Jean du Plessis Herzog von Richelieu oder Tito, Charles de Gaulle und Helmut Kohl.
Isabella Ackerl
Die bedeutendsten Staatsmänner
Isabella Ackerl
Die bedeutendsten
Staatsmänner

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ISBN: 978-3-8438-0209-3
www.marixverlag.de
INHALT
EINLEITUNG
JOHN ADAMS
JOHN QUINCY ADAMS
KONRAD ADENAUER
ARTHUR JAMES BALFOUR
DAVID BEN GURION
OTTO VON BISMARCK
LÉON BLUM
SIMÓN BOLÍVAR
WILLY BRANDT
ARISTIDE BRIAND
LÁZARAO CÁRDENAS DEL RÍO
ROBERT STEWART VISCOUNT CASTLEREAGH
CAMILLO GRAF BENSO DI CAVOUR
CHIANG KAI-SHEK
CHOU EN-LAI
NIKITA SERGEJEWITSCH CHRUSCHTSCHOW
SIR WINSTON LEONHARD SPENCER CHURCHILL
GEORGES CLEMENCEAU
ALCIDE DE GASPERI
CHARLES DE GAULLE
JOHN FOSTER DULLES
ROBERT ANTHONY EDEN EARL OF AVON
LUDWIG ERHARD
LEOPOLD FIGL
LÉON MICHEL GAMBETTA
MOHANDAS KARAMCHAND GANDHI (MAHATMA)
GIUSEPPE GARIBALDI
MICHAIL SERGEJEWITSCH GORBATSCHOW
DAG HJALMAR AGNE CARL HAMMARSKJÖLD
ÉDOUARD HERRIOT
THEODOR HEUSS
BENITO GARCÍA JUÁREZ
WENZEL ANTON DOMINIK GRAF KAUNITZ-RIETBERG
MUSTAFA KEMAL (ATATÜRK)
JOHN FITZGERALD KENNEDY
JOMO KENYATTA
HELMUT KOHL
DAVID LLOYD GEORGE EARL OF DWYFOR AND VISCOUNT GWYNEED OF DWYFOR
ROLIHLAHLA NELSON MANDELA
GEORGE CATLETT MARSHALL
JULES MAZARIN
KLEMENS WENZEL NEPOMUK LOTHAR FÜRST METTERNICH-WINNEBURG
FRANÇOIS MITTERRAND
JAMES MONROE
THOMAS MORUS
GAMAL ABDEL NASSER
JAWAHARLAL NEHRU
RAYMOND POINCARÉ
GEORGES JEAN-RAYMOND POMPIDOU
JULIUS RAAB
WALTER RATHENAU
ARMAND-JEAN DU PLESSIS HERZOG VON RICHELIEU
FRANKLIN DELANO ROOSEVELT
MUHAMMAD ANWAR AS SADAT
ROBERT ARTHUR TALBOT GASCOYNE-CECIL EARL OF SALISBURY
CARLO SCHMID
JEAN BAPTISTE NICOLAS ROBERT SCHUMAN
FELIX FÜRST SCHWARZENBERG
LÉOPOLD SÉDAR SENGHOR
GEORG KASTRIOTA (SKANDERBEG)
HEINRICH FRIEDRICH KARL VON UND ZUM STEIN
GUSTAV STRESEMANN
CHARLES MAURICE TALLEYRAND-PÉRIGORD
JOSIP BROSZ (TITO)
SITHU U THANT
ALBRECHT WENZEL EUSEBIUS WALLENSTEIN
GEORGE WASHINGTON
THOMAS WOODROW WILSON
EINLEITUNG
Das vorliegende Buch enthält 68 Biografien von Staatsmännern, vom 15. Jahrhundert beginnend bis zur Gegenwart. Es sind fast nur Männer, die das heutige Aussehen unserer Welt geformt haben. Mit Absicht wurden die führenden Gestalten der Antike weggelassen, denn von ihren Staatsgründungen bzw. von ihrem politischen Wirken hat nichts bis heute Bestand. Die großen Philosophen zu Staat und Gesellschaft in der Antike haben wohl alles schon einmal durchgedacht und auch wie in einem Labor der Geschichte erprobt, ob das eine Diktatur, eine Demokratie oder eine Oligarchie war – die Antike fand für alle Staatsformen eine theoretische Basis und hat diese auch der praktischen Erfahrung ausgesetzt. Für dieses Buch wurden jedoch bewusst jene Persönlichkeiten ausgewählt, deren Wirken noch Spuren in der Gegenwart hinterlassen hat bzw. solche, die unsere Gegenwart nachdrücklich gestaltet haben.
Als Staatsmänner wurden jene Persönlichkeiten definiert, die nicht durch Erbschaft, sondern durch Auswahl eines Herrschers oder einer Volksvertretung in ein Amt berufen wurden, das sie mit all ihrem Können, ihren Begabungen und Leistungen bestmöglich ausgefüllt haben. Natürlich sind Staatsmänner keine Heiligen, nicht jeder wurde mit dem Marschallstab im Tornister geboren, so mancher konnte eine führende Position nur nach langen Kraftanstrengungen erreichen. Doch jeder Einzelne von ihnen hat in der Geschichte seines Landes einen herausragenden Platz eingenommen, und nur von diesem Standpunkt aus erfolgt seine grundsätzliche Würdigung. Menschen, die ihrem Land zur Unabhängigkeit von einer Kolonialmacht verholfen haben, werden im eigenen Land eine andere Wertung erfahren als im Mutterland der einstigen Kolonie. Daher steht primär der nationale Blickwinkel im Vordergrund. Viele der Dargestellten haben weit über die nationale Ebene hinaus eine Wirkungsmächtigkeit entfaltet, die sie zum Symbol für eine bestimmte Politik werden ließ.
Nicht immer gehörten Wahl der Mittel und eingesetzte Methoden zum moralischen Kodex der herrschenden Gesellschaft, doch das Erkennen von neuen Wegen und die innovative Fantasie haben nicht selten einen durchschlagenden Erfolg erzielt.
Welche Begabungen und Eigenschaften einen Staatsmann ausmachen, wird sich kaum abgrenzen lassen. Was er vom Start weg mitbringen muss, sind sicherlich eine gute Ausbildung und der unbändige Wille nach Wissen und Verstehen. Manche von ihnen wurden systematisch für eine künftige Funktion erzogen, der eine oder andere stolperte in ein Metier, das er sich erst erobern musste. Neugier auf menschliche Verhaltensweisen, der Wunsch zu gestalten und Menschen in gewisse Richtungen zu lenken, die Leidenschaft für eine Idee, Ausdauer und Geduld, ein subtiles und dezentes Feingefühl bei der Einschätzung von Freund und Feind waren immer wieder hilfreich. Ein entspanntes Verhältnis zu Macht und Machtausübung gehörte oft dazu, und die viel zitierte Fortune, die auch darin besteht, dass der rechte Mann zur rechten Stunde bereitsteht. Es bedurfte manchmal auch der Führungspersönlichkeiten, die den Mut aufbringen, ein Land oder einen Staat aus einer gescheiterten Situation herauszuführen. Zuletzt muss ein guter und sich immer auch der Möglichkeit des plötzlichen Scheiterns bewusster Staatsmann jene Demut aufbringen, die ihn dazu befähigt einzusehen, dass Erfolg oder Misserfolg nicht mathematisch steuerbare Vorgänge, sondern schicksalsbestimmte Geschehnisse sind, die auch mit grundsätzlichen Weltanschauungen beantwortet werden können.
Ein gewisser Mut zur Wahrhaftigkeit gehört dazu, ob er sich darin äußert, dass Tatsachen verbalisiert werden, die sich keiner auszusprechen traut, oder in der allen vertrauten Verlässlichkeit des gegebenen Wortes.
Eine Eigenschaft eines Staatsmannes, die dem Charakter der Demokratie sehr entspricht, ist die Teamfähigkeit. Die Bereitschaft, warten zu können und den richtigen Augenblick abzuwarten, wann ein Schritt öffentlichkeitsverträglich wird, erfordern viel Geduld und Vertrauen in die gefasste Meinung.
Im Übrigen – jede Zeit hat ihre Mittel und ihre Werte. Gab es Phasen in der Geschichte, da nur der Sieg auf dem Schlachtfeld es erst ermöglichte, eine Lösung eines Problems zu finden, so leben wir heute in einer Zeit, in der als beste Tugend gilt, Konflikte ohne Waffen auszutragen. Der in der Antike geprägte Grundsatz »do ut des« (Ich gebe, damit du gibst), der den Grundsatz des Kompromisses in wenigen Buchstaben umschreibt, ist heute gültiger denn je.
So berichtet jede dieser Biografien über ein Leben der Erfolge und Misserfolge, der großen Visionen und billigen Untaten, der persönlichen Tragödien und der Veränderungen, die eine Zeit auf den Kopf stellten. Geschichte in ihrer lebendigsten Form.
Isabella Ackerl
JOHN ADAMS
Da der älteste von drei Söhnen eines Farmers und Stadtrates (select man) schon als Kind einen wachen Geist verriet, wurde er mit Blick auf College und nachfolgendes Studium erzogen. Adams begann in Worcester bei einem sehr gebildeten Juristen zu studieren, unterrichtete gleichzeitig an einer Mittelschule und machte seinen Abschluss in Jura schließlich in Harvard.
Als junger Anwalt erwies sich Adams als sehr ehrgeizig und politisch äußerst zielstrebig. Es war jene Zeit in der amerikanischen Politik, in der Befürworter und Gegner des Kolonialstatus Position bezogen. Adams nahm sehr bald eindeutig Stellung – gegen das britische Mutterland. Heftigst griff er den Erlass »Writs of Assistance case« aus dem Jahr 1761 an, der Hausdurchsuchungen durch Zollbeamte nach Schmuggelgut auch ohne das Vorliegen von Beweisen ermöglichte. Adams sah darin eine Verfassungswidrigkeit. Ebenso bekämpfte er den »Stamp Act«, der besagte, dass jedes Dokument eine Stempelmarke tragen müsse.
1764 heiratete er die Pfarrerstochter Abigail Smith aus dem nahen Weymouth, die über gute Beziehungen zu politischen Kreisen verfügte, was sich für Adams als sehr hilfreich erwies. Abigail hinterließ einen reichen, sehr lebhaft verfassten Briefwechsel, Adams selbst schrieb Tagebuch – Dokumente, die die Turbulenzen ihrer Zeit hervorragend widerspiegeln. In seinem Tagebuch zeigt Adams sich als widersprüchlicher und sehr eifersüchtiger Mensch, misstrauisch und zornig, aber auch verspielt und äußerst zart, wenn es um seine Familie geht.
Ab 1763 veröffentlichte er regelmäßig Beiträge für verschiedene Tageszeitungen in Boston, in denen er wie in einem Selbstgespräch die Probleme der Zeit diskutierte. Er nahm grundsätzlich einen Rechtsstandpunkt ein und wandte sich gegen alle aus Großbritannien gleichsam aus der Ferne diktierten Erlasse, denen die Bewohner der Kolonien nicht zugestimmt hatten.
1768 erschienen seine in der »Boston Gazette« publizierten Artikel in London als Buch unter dem Titel »A Dissertation on the Canon and Feudal Law«. Grundtenor des Werkes ist der Protest der Neuen Welt gegen die Autorität und das Feudalrecht der Alten Welt.
Im Jahr 1770 übernahm Adams die Verteidigung von fünf britischen Soldaten in einem Sensationsprozess: Die fünf Soldaten waren im Zuge des »Boston Massacre« wegen Mordes angeklagt worden – ausgelöst durch ihr Einschreiten bei der Vollziehung der »Townshend Acts«, als sie die Einfuhrsteuer auf Glas, Tee bzw. Papier einbeziehen sollten. Dabei waren fünf Menschen zu Tode gekommen. Die öffentliche Meinung war gegen die Soldaten aufgebracht, doch Adams erzielte einen Freispruch.
Seine Anwaltspraxis war nun gefragt, er konnte zwei Angestellte aufnehmen. Allerdings erlitt er auch einen schweren gesundheitlichen Rückschlag, der ihn nötigte, für eine Weile Erholung zu suchen. Ein Jahr später war er wieder auf dem Posten und wurde in das House of Representatives von Massachusetts gewählt. Zwei Jahre später nahm er am Continental Congress, der gesetzgebenden Körperschaft, als Mitglied der Delegation von Massachusetts teil. Es war dies die erste Konstituante der 13 US-Gründerstaaten. Damals galt seine Sympathie, wie sein Tagebuch beweist, den radikalen, absoluten Gegnern Englands. Vor allem die britische Steuer- und Handelspolitik fand in ihm einen erklärten Kontrahenten. Es war Adams, der 1775 die Ernennung George Washingtons zum Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen vorschlug.
Ab Mitte der 1780er-Jahre profilierte er sich als Befürworter einer völligen Trennung der nordamerikanischen Staaten vom britischen Mutterland. Daher war er auch – ebenso wie Thomas Jefferson – an der Abfassung der Unabhängigkeitserklärung beteiligt. 1777 entsandte man ihn mit Benjamin Franklin nach Frankreich, um die Anliegen der unabhängigen Vereinigten Staaten zu vertreten. Auf dieser Reise begleitete ihn sein zehnjähriger Sohn John Quincy, welcher der sechste Präsident der Vereinigten Staaten wurde. So war es nur logisch, dass Adams im September 1783 auch zu den Unterhändlern des Vertrages von Paris gehörte, der die 13 Gründerstaaten in die Unabhängigkeit entließ.
Die nächsten Jahre verbrachte Adams als Gesandter in Holland und als Amerikas Erster Botschafter am Hof von St. James in London. Nach seiner Rückkehr nach Amerika stand er acht Jahre an der Seite George Washingtons als Vizepräsident.
Nach Ablauf von Washingtons Amtszeit wurde Adams zum zweiten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Seine Ära wurde von außenpolitischen Schwierigkeiten und innenpolitischen Spannungen überschattet, vor allem in seiner Föderalistischen Partei kam es zu Auseinandersetzungen. Selbst ein gemäßigter Politiker, vermochte er den radikalen Flügel seiner Partei nicht zu zähmen, der wegen des Jay-Vertrages, der die Nord- und Nordwestgrenze der Vereinigten Staaten zu Großbritannien und vor allem die gegenseitigen Handelsinteressen regelte, fast einen Krieg provoziert hätte. Schließlich kam es zur Spaltung der Partei. Adams’ Gegner, Thomas Jefferson, erreichte einen glanzvollen Wahlsieg.
Als Anhänger der Lehren Charles Montesquieus trat Adams grundsätzlich für ein Zweikammersystem und eine strenge Trennung von Legislative und Exekutive ein. Auch die persönliche Freiheit des Einzelnen gegenüber dem Staat und der Regierung hielt er hoch. Probleme hatte er mit enragierten Anhängern der Französischen Revolution, die ihm in ihren Forderungen zu weit gingen.
Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt war er nicht mehr politisch tätig, blieb aber an allen Vorgängen äußerst interessiert. Seine letzte große Freude war 1825 die Wahl seines Sohnes John Quincy zum Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Adams publizierte auch grundsätzliche, theoretische Werke wie »Thoughts on Government« (1776) und »Defense of the Constitutions of Government of the United States of America« (1787). Bereits im Ruhestand verfasste er Teile einer »Autobiography«.

JOHN QUINCY ADAMS
Der älteste Sohn des zweiten Präsidenten der Vereinigten Staaten wuchs in einer von Intellektualität und politischem Diskurs bestimmten Atmosphäre auf. Schon als Teenager wurde er Zeuge von bedeutenden politischen Ereignissen wie der Schlacht von Bunker Hill 1775. In den Jahren 1778 und 1780 begleitete er seinen Vater auf Reisen nach Europa. Er bekam die Gelegenheit, an einer privaten Schule in Paris zu studieren. Als sein Vater Botschafter in Holland war, schrieb er sich an der Universität in Leiden ein. Daher sprach er sehr gut Französisch und auch ein wenig Holländisch. Er dürfte sich schon sehr früh der Bedeutung seines Umfelds bewusst geworden sein, was sein ab 1780 geführtes Tagebuch erkennen lässt. Es stellt in seiner geradezu brutalen Offenheit ein großartiges Zeitdokument dar.
1781, als 14-Jähriger, begleitete er den amerikanischen Gesandten Francis Dana als Sekretär und Dolmetscher für Französisch nach Russland. Dana sollte den Hof in St. Petersburg für eine offizielle Anerkennung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten gewinnen, doch trotz eines fast zweijährigen Aufenthalts wurde Dana von Zarin Katharina II. nicht ein Mal empfangen. Auf der Rückreise traf John Quincy Adams seinen Vater in Paris, begleitete ihn aber nicht nach London, wo der Vater am Hof von St. James akkreditiert war, sondern kehrte nach Massachusetts zurück.
Adams begann ein Jurastudium in Harvard, das er 1787 abschloss. Drei Jahre später erhielt er die Zulassung für das Gericht in Boston. In diesen Jahren schrieb Adams zahlreiche politische Artikel, welche die Aufmerksamkeit von Präsident Washington erregten, der ihn 1794 als amerikanischen Vertreter nach Holland schickte. Damals galt Den Haag als ein wichtiger Beobachtungspunkt für die europäischen Koalitionskriege gegen das revolutionäre und postrevolutionäre Frankreich. Seine offiziellen Depeschen und die privaten Briefe an den Vater, zu dieser Zeit Vizepräsident, informierten die amerikanische Regierung bestens über die Vorgänge in Europa. Zwei Jahre später entsandte ihn Washington, der ihn für einen seiner fähigsten Beamten hielt, nach Portugal.
1797 wurde Adams’ Vater Präsident der Vereinigten Staaten und entsandte den Sohn nach Preußen. Im selben Jahr ging John Quincy Adams die Ehe mit Louisa Catherine Johnson ein. Es gelang ihm, mit Preußen einen Freundschafts- und Handelsvertrag abzuschließen. Derartige Verträge waren für das noch junge und daher kaum diplomatisch anerkannte Staatswesen der Vereinigten Staaten wichtige Schritte auf dem Weg zur internationalen Akzeptanz. Nach seiner Abberufung aus Berlin 1800 wurde er 1801 in den Senat von Massachusetts, zwei Jahre später in den Senat der Vereinigten Staaten gewählt. Sofort wurde er mit Fraktionen, Gruppierungen und den damit verbundenen Feindschaften, die teilweise seinem Vater galten, konfrontiert. Ursprünglich Mitglied der Föderalistischen Partei, ergab sich bei ihm eine zunehmende Unzufriedenheit mit deren Politik, die ihn schließlich zwang, seinen Sitz im Senat aufzugeben. Er selbst sah sich nie nur als einen Vertreter einer Partei, sondern betrachtete immer das Interesse des gesamten Landes als seine Aufgabe. So unterstützte er Präsident Thomas Jefferson in der Verhängung eines totalen Außenhandelsembargos, um Großbritannien zu zwingen, die Rechte der Vereinigten Staaten anzuerkennen. Zwischen 1806 und 1809 lehrte Adams als Professor in Harvard. Mittlerweile war er zur Partei der Republikaner gewechselt, die eher seinem Standpunkt entsprach.
Der seit 1809 amtierende Präsident James Madison schätzte Adams’ große Begabung, vor allem auf dem außenpolitischen Feld, und ernannte ihn zum Botschafter der USA in Russland, just in jener Phase, als Zar Alexander I. sich entschloss, mit Napoleon zu brechen. Die Situation zeigte sich nun für den amerikanischen Botschafter überaus offen, ganz anders als er sie seinerzeit erlebt hatte. Die Anbahnung von Handelsbeziehungen begegnete keinerlei Widerständen. Adams berichtete sehr detailliert aus St. Petersburg über Napoleons Russlandfeldzug und über das Desaster der Grande Armée.
Im Jahr 1814 verhandelte der Diplomat mit den Briten in Gent monatelang über einen Friedensvertrag, der den seit 1812 schwelenden Krieg beendete. Dabei waren die guten Beziehungen zu Russland durchaus hilfreich. Man einigte sich auf den Status quo ante – es blieb alles so, wie es war. Die Grenzziehung zu Kanada wurde einer eigenen Schiedskommission anvertraut.
Anschließend ging Adams nach Paris, wo er Napoleons Rückkehr aus Elba erlebte, und dann an den Hof von St. James als Botschafter – eine Position, die schon sein Vater innegehabt hatte. In London verhandelte er eine Handels- und Seefahrt-Konvention, erzielte aber weiter keine spektakulären Erfolge.
Als James Monroe 1817 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, berief er Adams als Außenminister in seine Administration. Als solcher hatte Adams ganz wesentlichen Anteil an der Formulierung der Monroe-Doktrin (Amerika den Amerikanern), welche die Ausschaltung aller europäischen Kolonialmächte aus dem amerikanischen Kontinent forderte. Weiterhin spielte er eine wichtige Rolle bei der Erwerbung Floridas, das von Spanien gekauft wurde. Adams verfolgte sehr konsequent diesen politischen Ansatz, auch gegenüber Russland, dem er sich seit seiner Zeit als Botschafter sehr verbunden fühlte. Als das Zarenreich versuchte, in Kalifornien Fuß zu fassen, lehnte er dies in einer scharf formulierten Note ab. Adams nährte auch ein gewisses Misstrauen gegenüber der Heiligen Allianz in Europa, insbesondere gegen die Pläne Großbritanniens in Südamerika.
Nach der Amtszeit Monroes wurde Adams 1825 zum sechsten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. So erfolgreich und akzeptiert er als Außenminister gewirkt hatte, so wenig glücklich verlief seine Präsidentschaft, auch wegen der Feindschaft mit seinem Gegenkandidaten Andrew Jackson. Ob es die Frage der Ausdehnung der Exekutivgewalt war, die Förderung der Künste und Wissenschaften zur Hebung der allgemeinen Bildung – Adams stieß auf den erbitterten Widerstand des Kongresses. Trotzdem entwickelte sich seine Präsidentschaft zu einer wirtschaftlich höchst erfolgreichen Phase für die Vereinigten Staaten. An eine Verlängerung seiner Amtszeit war aber nicht zu denken, Adams unterlag Andrew Jackson.
Eine Zeit lang zog sich Adams aus der Politik zurück, kehrte aber 1831 wieder in den Kongress zurück, dem er bis zu seinem Tode angehörte. Er war ein gefürchteter Redner und profilierte sich als entschiedener Gegner der Sklaverei. Immer wieder beantragte er, dass jedes in den USA geborene Kind frei sein sollte, dass kein Staat in die Vereinigten Staaten aufgenommen werde, in dem die Sklaverei herrsche, und dass es keine Sklaven und keinen Sklavenhandel im District of Columbia geben dürfe. Jahrelang wurden seine Vorlagen von den Sklavenhalterstaaten bzw. ihren Vertretern blockiert, doch langsam gewannen seine Ansichten mehr Zustimmung. 1844 konnte er seine Anträge endlich durchbringen. Er vertrat als Anwalt die Sklaven des Schiffes »Amistad«, die revoltiert hatten, und konnte die Freiheit für sie gewinnen.
Adams war ein großer, aber schwieriger Geist, ein unabhängiger Denker, dem die Sache der Res publica über alles ging. Persönlich ein zurückhaltender Mensch, der nur wenige Freundschaften pflog, dafür über die Zahl seiner Feinde nicht klagen musste. Er war ein Politiker, dem die Vereinigten Staaten sehr viel verdanken – formte er doch mit der Monroe-Doktrin, mit den Verträgen mit Großbritannien und den Gebietserwerbungen von Spanien die künftigen Grenzen dieser Großmacht.

KONRAD ADENAUER
Der aus dem katholischen Rheinland stammende Adenauer war schon durch seine Herkunft für eine Karriere in einer christlichen Rechtspartei bestimmt. Der Sohn aus einer Beamtenfamilie, die einen sehr bescheidenen Lebensstil pflegte sowie Pflichterfüllung und religiöse Werte als Lebensleitlinien hochhielt, besuchte das humanistische Gymnasium in Köln. Er hatte zwei ältere Brüder und eine jüngere Schwester. Nach dem Abitur 1894 begann er eine Banklehre, brach diese aber ab, als er ein Kölner Bürgerstipendium erhielt. Er studierte Jura und Politikwissenschaft in Freiburg, München und Bonn. Sein Interesse für Politik äußerte sich nicht nur ideell durch sein Studium, er wandte sich auch früh der praktischen politischen Arbeit zu. Seine Partei war das Zentrum – die einzig wählbare Partei für einen Katholiken aus dem Rheinland. Bereits 1906 wurde er in den Kölner Stadtrat gewählt, noch während des Ersten Weltkrieges wurde Adenauer zum Oberbürgermeister von Köln bestellt, eine Funktion, die er bis zu seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten unangefochten und höchst anerkannt ausübte. Als Kommunalpolitiker war Adenauer ein hervorragendes Beispiel, wie man bereits in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts moderne Kommunalpolitik machen konnte. Durch den Ausbau des Rheinhafens verbreiterte er die wirtschaftliche Grundlage der Stadt, gleichzeitig schuf er rund um Köln an Stelle des Festungsgürtels einen Grüngürtel, um es auch für die Bevölkerung attraktiv und lebenswert zu machen. Er förderte die Ansiedlung von Industriebetrieben, unter anderem der Ford-Werke, er investierte in Kultur- und Freizeitanlagen und betrieb die Wiedergründung der Kölner Universität, die 1798 aufgelassen worden war.
Parlamentarische Erfahrungen sammelte Adenauer schon vor 1918 – als Mitglied des preußischen Herrenhauses. Ab 1920 gehörte er dem preußischen Staatsrat an, 1928 wählte ihn das Zentrum zum Parteisprecher.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlor Adenauer alle politischen Funktionen und wurde aus Köln verbannt. Er lebte in dieser Zeit in Rhöndorf, wurde immer wieder Verfolgungen ausgesetzt, zuletzt 1944 nach dem Attentat auf Hitler verhaftet und ins KZ geschickt. Versuche verschiedener Vertreter des deutschen Widerstandes, ihn für eine Mitarbeit zu gewinnen, lehnte er dezidiert ab.
Nach Kriegsende installierten ihn die Amerikaner sofort wieder als Bürgermeister, aber als die Briten das Rheinland als Besatzungszone übernahmen, wurde er seines Amtes enthoben.
Schon vor Kriegsende war die Christ-Demokratische Union gegründet worden, die den alten Zwist zwischen Katholiken und Protestanten auf der politischen Ebene überwinden sollte. In dieser Partei spielte Adenauer von Anfang an eine große Rolle, bereits 1946 wurde er Parteivorsitzender in der britischen Zone, von wo aus sich die Partei über alle vier Besatzungszonen ausbreitete.
Als die Parteien in Deutschland darangingen, eine neue Verfassung zu formulieren, wurde der Parlamentarische Rat gebildet, zu dessen Präsident Adenauer 1948 bestellt wurde. Die zu beratende Verfassung für einen Bundesstaat konnte allerdings nur für die westlichen Besatzungszonen Gültigkeit erlangen, da die russische Besatzungszone, die spätere Deutsche Demokratische Republik, sehr schnell eigene Wege ging.
Nach Abschluss der Verfassungsberatungen, an deren Ende die Formulierung des Grundgesetzes stand, wurden die ersten freien Wahlen ausgeschrieben. Adenauer stand mittlerweile an der Spitze der westdeutschen CDU, die gemeinsam mit der bayerischen CSU einen Stimmenanteil von 31 Prozent erringen konnte. Adenauer, ein strikter Gegner der SPD und einer egalitären Massengesellschaft, formte eine Koalitionsregierung aus CDU/CSU sowie FDP und DP, die nur eine geringe Mehrheit besaß. Um seinen Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen, ließ er sich von Ärzten bescheinigen, dass er, immerhin 73 Jahre alt, das Amt eines Bundeskanzlers durchaus zwei Jahre ausüben werde können. Tatsächlich blieb er Kanzler der Bundesrepublik Deutschland bis 1963.
Adenauers Kanzlerschaft war die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders, jener Phase, in der Deutschland wieder seinen Platz in der Gemeinschaft der Staaten einnahm, die Zeit, in der es auch seine außenpolitischen Präferenzen und Ziele klar formulierte. In tagespolitischen Fragen agierte Adenauer pragmatisch und kompromissfähig, vor allem wenn es um die Verteidigung der Einheit der Bundesrepublik ging. In seiner Ära schaffte das Land immerhin die Eingliederung von fast zehn Millionen Heimatvertriebenen und Flüchtlingen.
Sein Hauptinteresse, seine Liebe und seine Grundsatztreue galten der Außenpolitik, die er nach rigorosen Vorgaben lenkte, an denen er nicht rütteln ließ. Er sah die große Gefahr und Bedrohung für die Mitte Europas und ihren Frieden in der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa. Er konnte und wollte nicht an eine friedliche Koexistenz mit der Sowjetunion glauben, woraus seine strikte Partnerschaft mit den Westmächten und mit der NATO resultierte. Dazu gehörten auch die atomare Abschreckung und die damit verbundene Stationierung von Atomwaffen auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Eines seiner großen Vorhaben war die Bildung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft, die sich nicht verwirklichen sollte.
Um diesem Gesamtziel zu dienen, führte er Deutschland 1950 in den Europarat, Deutschland wurde Gründungsmitglied der Europäischen Kohle- und Stahl-Union und stand damit am Anfang der heutigen Europäischen Union. 1955, nach dem Scheitern der europäischen Verteidigungsgemeinschaft, wurde das Land souverän und damit Vollmitglied der NATO. In den nächsten Jahren erfolgte die deutsche Wiederbewaffnung.
Diese Politik Adenauers erfuhr in den Wahlen 1953 und 1957 ihre Honorierung, die CDU gewann beachtlich an Stimmen. Eine wichtige Ursache dieses Wahlerfolgs lag sicherlich auch in Adenauers Wahl seines Wirtschaftsministers: Ludwig Erhard und seine soziale Marktwirtschaft führten das Land in nur wenigen Jahren zu einem nie gekannten Wohlstand aller Bürger. Eine breite Palette von sozialstaatlichen Maßnahmen sicherte den innenpolitischen Frieden. Allerdings wollte Adenauer nie zulassen, dass Erhard mehr als das Amt des Wirtschaftsministers erreichen könnte. Immer wieder erklärte er ihn als ungeeignet für das Amt des Kanzlers, was zu schweren Differenzen zwischen den beiden führte. Letztlich erwies sich aber die Richtigkeit seines Urteils – Erhards Kanzlerschaft war ein Misserfolg.
Erst die Wahlen von 1961 zeigten Abnutzungserscheinungen der regierenden CDU und ihres greisen Kanzlers. Weltpolitisch stand es ebenfalls nicht zum Besten, im August 1961 begann das DDR-Regime mit dem Bau der Berliner Mauer. Adenauer musste eine Koalitionsregierung mit der FDP bilden. Vor seinem Rücktritt schloss er noch den seine Karriere als Außenpolitiker krönenden Vertrag, der zugleich der bedeutendste dieser Nachkriegszeit war: 1963 unterzeichnete er mit Charles de Gaulle den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, der das gute Verhältnis der beiden altgedienten Politiker auf Dauer auf die beiden Staaten ausdehnen sollte.
Nach seinem Rücktritt 1963 blieb Adenauer noch drei Jahre Vorsitzender der CDU. In diesen Jahren kam es öfter zu Angriffen auf ihn – er hätte sich zu wenig der Frage der deutschen Wiedervereinigung gewidmet. Er jedoch hatte dies als eine Aufgabe der Westalliierten erachtet. Die Bundesrepublik Deutschland war unter Adenauers Führung strikt nach der Hallstein-Doktrin vorgegangen, die besagte, dass nur der Westen Deutschlands den Alleinvertretungsanspruch für Deutschland wahrnehmen könne. Versuche der in der Opposition agierenden SPD, Deutschland auf eine neutrale oder bündnisfreie Politik einzuschwören, scheiterten am unerbittlichen Nein des Kanzlers.
Adenauer überzeugte die Menschen durch die Einfachheit und die Klarheit seiner Sprache, er war unprätentiös, bescheiden und diszipliniert. Zweimal verheiratet, blieb er beide Male als Witwer zurück. 1904 hatte er Emma Weyer, eine Tochter aus einer wohlhabenden Kölner Familie, geheiratet, die ihm politisch und gesellschaftlich so manche Wege ebnete. Sie starb 1916, aus dieser Ehe stammten drei Kinder. Aus seiner Ehe mit Auguste Zinsser gingen fünf Kinder hervor.
Im Gedächtnis der Deutschen ist Adenauer der Gründungskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der »Größte« der Nachkriegszeit, der für Parlamentarismus und Grundgesetz stand. Politisch hatte er zu seiner Zeit keinen Widerpart – Kurt Schumacher, in diesen Jahren SPD-Chef, war für Adenauer kein ernsthafter Gegner. Schumachers Sozialismus war ideologisch aufgeladen und aufdringlich, während die Menschen in der Nachkriegszeit Sicherheit, Klarheit und Würde suchten. Sicherlich war Adenauer ein Mann mit Fortune, der in der Politik vernünftige und moralisch vertretbare Lösungen fand. Integration war für ihn ein wichtiger Grundsatz, an dem er auf europäischer Ebene, im Verhältnis zu Frankreich und in der Stellungnahme zur NATO konsequent festhielt. Die Alternative dazu wäre die Neutralität gewesen, doch Adenauers politische Erfahrungen in der »Welt von gestern«, beginnend vom Bündnissystem Bismarcks über die Weimarer Republik und die beiden Weltkriege, lehrten ihn, dass Neutralität nichts oder zu wenig wert sein könnte.
Adenauer kam nicht aus einer mit dem Geschäft der Res publica schon lange verbundenen Familie, vielmehr war er ein Homo novus, ein Newcomer, der durch diese Tatsache anderen Menschen Mut machte, dass man als Einzelner in der Politik etwas zu bewegen vermag. Dass er in seiner politischen Arbeit nicht an Traditionen gebunden war, war auch seine Stärke. Nach seinem Rücktritt widmete er sich nicht nur der Rosenzucht, sondern verfasste auch seine »Erinnerungen«.

Werke
Erinnerungen (1965-1968) in 4 Bänden
ARTHUR JAMES BALFOUR
Arthur James Balfour, über ein halbes Jahrhundert der mächtigste Mann der britischen Konservativen, wuchs in einer reichen britischen Adelsfamilie heran. Sein Umfeld war intellektuell geprägt, sein tägliches Leben mit Politik durchsetzt. Seine Karriere war schon durch die Tatsache vorgezeichnet, dass bereits sein Onkel Robert Cecil Marquess of Salisbury britischer Premier war. Den Traditionen der Familie entsprechend, absolvierte er Eton und studierte am Trinity College in Cambridge. Nach Abschluss seiner Studien übernahm er ein konservatives Mandat im Parlament für den Wahlbezirk Hartford.
Balfours lebenslanges Interesse galt aber auch der Wissenschaft. Schon 1879 hatte er die Abhandlung »Defence of Philosophic Doubt« veröffentlicht, in der er zu beweisen suchte, dass auch Wissenschaft auf einem Glaubensakt beruhe. Er nahm im philosophischen Diskurs der Viktorianischen Zeit, der sich zwischen Wissenschaft und Religion bewegte, den Standpunkt der Religion ein.
1885 übernahm Balfour unter der Regierung Salisbury sein erstes offizielles Amt als Präsident des Local Government Board, ein Jahr später wurde er Schottland-Minister, anschließend Erster Sekretär für Irland. Als unbedingter Gegner des Irish Home Rule erhielt er den Beinamen »Bloody Balfour«, weil er mitleidlose Unterdrückungsmaßnahmen anordnete. Gleichzeitig befand er sich in offenem Gegensatz zu den englischen Großgrundbesitzern in Irland, die in Abwesenheit, als »absentees«, die Bevölkerung unterdrückten. Balfours Politik bzw. Strategie lautete hingegen »killing home rule by kindness«.
1891 übernahm er die Funktion des Sprechers der Konservativen im House of Commons und wurde zum First Lord of the Treasury bestellt.
Ein Jahr darauf verloren die Konservativen die Mehrheit, das liberale Ministerium von William Gladstone folgte nach. In dieser Phase führte Balfour die Opposition im britischen Parlament.
Ab 1895 bildete Balfours Onkel, der Marquess of Salisbury, zum dritten Mal eine Regierung, der Neffe übernahm das Amt des Lord-Schatzkanzlers. Er war zwar ein Gegner des Burenkrieges, vertrat aber die Ansicht, dass, wenn die Briten schon einen Krieg in Südafrika führten, sie ihn auch entscheidend gewinnen müssten. In diesen Jahren erlangte Balfour immer mehr Macht – parallel zur immer weiter fortschreitenden Krankheit seines Onkels. Daher schien es nur logisch, dass er nach dem Ausscheiden seines Onkels das Amt des Premiers übernahm.
Einer seiner ersten Regierungsakte war die Erlassung des »Balfour Act«, eines Gesetzes, das die Verwaltung der Pflichtschulen völlig reorganisierte. Im folgenden Jahr wurde der »Wyndham Land Purchase Act« beschlossen, eine Regelung, die den Kauf von Land durch Pächter in Irland begünstigte. Mit dem »Committee of Imperial Defense« etablierte er eine weltweit einsetzbare Verteidigungsstrategie für das Empire. Doch keines dieser Gesetze konnte die Zustimmung der Wähler finden. Außerdem gestattete er die Einwanderung von Chinesen als Minenarbeiter in Südafrika, als es dort einen erheblichen Arbeitskräftemangel gab. Auch dies führte zu Protesten von Menschenrechtskämpfern und der Labour Party.
Einen echten Prestigeerfolg errang Balfour mit dem Abschluss der Entente Cordiale mit Frankreich, welche die englische Isolationspolitik beendete und den Kern eines europäischen Bündnissystems bildete. Zugleich wurden die Interessenssphären der beiden Großmächte abgesteckt – Großbritannien wahrte die Vorherrschaft in Ägypten und damit die Kontrolle über den Suezkanal, Frankreich behielt Marokko als sein Einflussgebiet.
1905 trat Balfour wegen parteiinterner Zwiste über den Freihandel zurück, blieb aber bis 1911 offizieller Parteiführer. Den Riss wegen Joseph Chamberlains Schutzzollpolitik konnte er aber nicht zusammenschweißen, was zu Wahlniederlagen der Konservativen 1906 und 1910 führte.
Erst 1915 übernahm Balfour wieder ein offizielles Amt: Im Kriegskabinett von Lord Herbert Henry Asquith wurde er als Nachfolger Winston Churchills Erster Lord der Admiralität, ein Jahr später wechselte er in das Auswärtige Amt. In diesen Kriegsjahren zeigte er sich bereit, Regierungsverantwortung in den beiden liberalen Koalitionskabinetten von Asquith und David Lloyd George zu übernehmen.
Seine herausragende Leistung war die Erkenntnis, dass Großbritannien in Palästina dem Zionismus Raum geben müsste. Von den jüdischen zionistischen Vertretern Chaim Weizmann und Nahum Sokolow gedrängt, erklärte er im November 1917 in einem Brief an Lionel Walter de Rothschild, dem Oberhaupt des britischen Familienzweiges der Rothschilds, dass Großbritannien bereit wäre, den Zionismus zu unterstützen. Damit legte er die Basis für die 30 Jahre später erfolgte Gründung des Staates Israel.
Nach dem Ersten Weltkrieg lastete er sich kein Regierungsamt mehr auf, blieb aber immer politisch aktiv und interessiert. 1926 zeichnete er für den »Balfour-Report« verantwortlich, der das Verhältnis zwischen dem britischen Mutterland und den Dominions neu regelte und die Grundlage für das 1931 erlassene Westminster-Statut wurde, das den Dominions – zum damaligen Zeitpunkt waren dies Australien, Irland, Kanada, Neufundland, Neuseeland und Südafrika – innere Autonomie verlieh.
Zuletzt arbeitete der schon 80-jährige Politiker an der Niederschrift seiner Memoiren, die 1930 unter dem Titel »Chapters of Autobiography« erschienen.

DAVID BEN GURION
Dem aus dem russischen Ostpolen stammenden David Grün – den Namen Ben Gurion nahm er erst in Palästina an – war die Idee des Zionismus schon seit frühester Jugend vertraut: Sein Vater Avigdor Grün, ein Hebräischlehrer, war begeistertes Mitglied von »Chovevei Zion«, seine Mutter verlor er schon im Alter von elf Jahren. So ist es nicht verwunderlich, dass er sich mit seinem Jugendfreund Isaak Ben Zwi nach der russischen Revolution von 1905, die auch den Antisemitismus wieder an die Oberfläche geschwemmt hatte, der »Poale Zion«, die von den Ideen Theodor Herzls beeinflusst war, anschloss. Schon als 14-Jähriger hatte er die Ezra Jugendbewegung gegründet, die Hebräisch als Umgangssprache propagierte.
1906 wanderte David Grün nach Palästina aus, wo er als Landarbeiter in Orangenplantagen und Weingärten sein Fortkommen fand. Wie viele seiner Altersgenossen war er oftmals arbeitslos, bittere Armut und Malaria waren die ständigen Begleiter seiner Jugend. In diesen Zeiten wuchs in ihm die Überzeugung, dass die Besiedlung des Landes das Hauptziel des Zionismus sein müsse.
Gemeinsam mit seinem Jugendfreund Ben Zwi und dessen späterer Ehefrau Rachel Yanait schrieb er für die zionistische Zeitschrift »Ahdut«, wobei er erstmals den Namen Ben Gurion verwendete. In der jüdischen Arbeiterbewegung erreichte er bald eine führende Position.
Nach seiner Teilnahme am Zionistischen Weltkongress in Wien ging David Ben Gurion nach Istanbul, um Jura zu studieren, warb aber auch für ein jüdisches autonomes Gebiet auf dem Territorium des Osmanischen Reiches. Doch als Aktivist der jüdischen Bewegung wurde er verhaftet und des Landes verwiesen. Er ging in die Vereinigten Staaten, wo er nach der Balfour-Deklaration, in der die Briten in einer Kompromisserklärung zustimmten, dass das jüdische Volk in Palästina eine Heimstätte haben sollte, mit Ben Zwi eine Freiwilligenbewegung mit dem Namen »Jüdische Legion« gründete. 1917 heiratete er die aus Russland stammende Paula Munweis, die bis zu seinem Tod seine politischen Aktivitäten teilte.
Erst 1918 durfte er wieder nach Palästina zurückkehren. Er betätigte sich wieder in der Arbeiterbewegung. 1920 gründete er mit Mitstreitern die jüdische Gewerkschaftsbewegung »Histradut«, die Landkauf und Besiedlung durch jüdische Einwanderer forderte. In wenigen Jahren gelang es Ben Gurion, die verschiedenen sozialistischen Gruppen in der zionistischen Arbeiterpartei Mapai zu vereinen.
In konsequenter Verfolgung seiner Ideen organisierte und leitete er die Selbstverwaltung der Jewish Agency, welche die illegale Einwanderung von Juden, vor allem aus Deutschland, organisierte. Im Machtkalkül zwischen der britischen Mandatsmacht, die nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges die Einwanderung nach Palästina empfindlich einschränkte, und den arabischen Einwohnern Palästinas versuchte Ben Gurion eine ausgleichende, maßvolle Rolle, die zwischen politischer Vision und der Situation angepasstem Pragmatismus oszillierte, zu spielen. Konsequent in seinen Standpunkten, aber flexibel in der Taktik erreichte er damit ein Maximum, vor allem für die von Nazi-Deutschland verfolgten Juden. Ab 1942 galt daher sein Hauptaugenmerk dem sogenannten Biltmore-Programm, das eine jüdische Masseneinwanderung für die Verfolgten forderte. Zu diesem Zeitpunkt wurde erstmals auch die Gründung eines eigenen jüdischen Staates als Programm öffentlich formuliert.
Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ging die illegale Masseneinwanderung weiter, die Überlebenden des Holocausts wollten sicher im eigenen Land leben. Wie dramatisch die damalige Situation war, schildert Leon Uris in seinem (auch verfilmten) Buch »Exodus«. In diesen Jahren leitete Ben Gurion im Rahmen der Jewish Agency den Bereich Verteidigung; er kämpfte gegen die britische Mandatsmacht und für die Gründung eines unabhängigen Staates.
Angesichts dieser Lage sahen sich die Briten gezwungen, die Sache den Vereinten Nationen zur Entscheidung vorzulegen, die im November 1947 die Aufteilung Palästinas zwischen Juden und Arabern festlegten.
Am 14. Mai 1948 verkündete Ben Gurion die Unabhängigkeit des Staates Israel. Wenige Stunden später marschierten vier arabische Staaten in Israel ein – Gebot der Stunde war nun die Überleitung der bisher illegalen Verteidigungskräfte in eine reguläre Armee. Der Erhalt des Staates in dieser schwierigen Gründungsphase war sicherlich das Verdienst Ben Gurions. Treffend charakterisiert der Schriftsteller Amos Oz die damalige Rolle des Staatsgründers: »Ben Gurions eiserner Führungswille in diesen eineinhalb schicksalhaften Jahren des Unabhängigkeitskrieges verwandelte ihn vom ›Ersten unter Gleichen‹ in der zionistischen Führung in einen modernen König David.«
Siebenmal übernahm er in den folgenden Jahren die Ministerpräsidentschaft, fünfmal auch das Verteidigungsressort. Ben Gurion ist vor allem die militärische Verteidigungsbereitschaft Israels zu verdanken, die in den lokalen Kämpfen der folgenden Jahre das Überleben des Staates sicherte. Seine konsequent verfolgte Einwanderungspolitik machte es möglich, dass sich die Bevölkerung Israels innerhalb von fünf Jahren ab der Staatsgründung verdoppeln konnte.
Grundsätzlich versöhnungsbereit, schloss Ben Gurion 1952 mit der Bundesrepublik Deutschland ein Wiedergutmachungsabkommen. 1963 trat er als Ministerpräsident zurück, bis 1970 gehörte er dem jüdischen Parlament, der Knesset, an. Im Alter von 84 Jahren zog er sich aus der Politik zurück und lebte im Kibbuz Sde Boker in der Negev-Wüste, wo er seine Memoiren schrieb.

OTTO VON BISMARCK
Otto von Bismarck, der Schöpfer des Deutschen Kaiserreiches, ist als politische Persönlichkeit nicht mit Schlagworten wie dem »eisernen Kanzler« oder gar mit der Kategorie eines großen Bösewichts zu erfassen. Er war vielmehr ein Mensch der vielfältigen Spannungen und der Widersprüche. Seinem Grundsatz, dass ein Politiker immer mehrere Möglichkeiten vorausplanen müsse, entsprach er völlig. Keineswegs hatte er von Anbeginn seiner politischen Karriere den deutschen Nationalstaat geplant, vielmehr arbeitete er sich von der Ebene Preußens hinauf zum deutschen Nationalstaat. Zweifellos hatte er gerade auf dem Felde der Innenpolitik viele Schwächen, viel zu spät erkannte er, wohin sich im Zeitalter der Industrialisierung die politischen Kräfte und damit die Parteien entwickeln würden. Unbenommen bleiben ihm seine außenpolitischen Leistungen, sein klares Kalkül und die politische Fantasie, die er zur Erreichung eines politischen Zieles entwickelte.
Bismarck stammte aus einer Familie einfacher Landedelleute aus der Altmark, seine Vorfahren waren Gewandschneider, sein Vater Ferdinand war ein bescheidener Mann, seine Mutter Wilhelmine, geborene Mencken, hingegen eine sehr gebildete und ehrgeizige Bürgerliche aus einer Gelehrtenfamilie. Ihr Ziel war es, aus dem Sohn etwas zu machen. Mit dem Vater verband ihn eine liebevolle Beziehung, von der Mutter fühlte er sich ziemlich gegängelt.
Das Jahr seiner Geburt, 1815, in dem der Wiener Kongress die politische Landkarte Europas neu gestaltete, mit dem Wunsch, alles wieder so herzustellen, wie es vor der Französischen Revolution gewesen war, stellte auch eine Zeitenwende dar, die den Aufbruch zu neuen Denkweisen einleitete.
Bismarck besuchte in Berlin das Gymnasium, wo er nie als besonders begabt auffiel. 1832 ging er nach Göttingen, um Jura zu studieren, genoss jedoch mehr das Studentenleben – er gehörte dem Korps Hannovera an -, als sich den Wissenschaften zu widmen. Viele Streiche aus seiner Studentenzeit sind überliefert, viele eher peinliche Vorfälle mit den akademischen Behörden sind dokumentiert. Er selbst schrieb später, dass er ein »liederliches Leben« geführt habe, Interesse für Politik war damals nicht auszumachen.
Bismarck beendete sein Studium in Berlin und ging nach dem Referendarsexamen an Gerichte nach Aachen und Potsdam. Sein damaliges Berufsziel war die diplomatische Laufbahn, denn die Bürokratie konnte er nicht ausstehen. Er konnte sich weder an geregelte Dienstzeiten noch an Autoritäten anpassen. Zum großen Missfallen der Eltern quittierte er 1838 den Staatsdienst, er wollte unter gar keinen Umständen Beamter werden. »Ich will aber Musik machen, wie ich sie für gut erkenne, oder gar keine«, meinte er später über diesen Entschluss. Bismarck wollte mit Menschen arbeiten und nicht mit Papier. Daher konzentrierte er sich für wenige Jahre auf den Beruf eines Landwirtes, die dafür nötigen Kenntnisse eignete er sich selbst an. In diesen Jahren ging er viel auf Reisen, fuhr nach England, Frankreich und in die Schweiz und führte ein bewegtes Leben, wofür sein Spitzname, der »tolle Bismarck«, Zeugnis ablegt. Er las enorm viel, Literatur, Geschichte, Philosophie waren die Themen, denen sein Interesse galt. Er liebte William Shakespeare und Lord Byron, mit dem Geheimrat Goethe konnte er weniger anfangen. Seine metaphysische Ausrichtung bezeichnete er selbst als »nackten Deismus«. In einem pietistisch angehauchten Freundeskreis lernte er Johanna von Puttkamer kennen, seine spätere Frau. Als in ebendiesem Freundeskreis eine noch junge Frau einer tödlichen Krankheit zum Opfer fiel, wurde er ein überzeugter Christ, ohne jedoch eine engere kirchliche Bindung zu suchen. 1846 hielt er brieflich um Johannas Hand an, ein Jahr später wurde geheiratet. Sie war eine Frau von »seltenem Geist und seltenem Adel der Gesinnung«.
Im Mai 1847 wählte ihn die Ritterschaft in den Vereinigten Preußischen Landtag, in ein Gremium, in dem die Liberalen das Übergewicht hatten. Die Konservativen, denen Bismarck nahestand, die für Krone und Adel eintraten, waren nur schwach vertreten. Bismarck rückte nur als Ersatzmann in diesen Landtag ein. Zuvor war er Deichhauptmann von Schönhausen gewesen, hatte also einer ständischen Vertretung angehört. Seine generelle Gesinnung war ständisch konservativ, er verteidigte etwa die Rechte des Adels zur Parforcejagd und trat für die Beibehaltung der Patrimonialgerichtsbarkeit ein. Einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erreichte er, als er eine Rede über die Haltung des preußischen Volkes im Jahr 1813 hielt. Er widersprach vehement der These, dass sich das Volk erhoben habe, um eine Verfassung zu erlangen. Zu diesem Thema kam es im Landtag zu wilden Diskussionen. Mit solchen Äußerungen erwarb er sich den Ruf eines radikalen Kämpfers gegen Liberalismus und Verfassung. Gerade in den Jahren der Revolution von 1848/49 hielt er kämpferische Reden, in dieser Wendezeit stand er für Preußentum und Königstreue. Bismarck bekannte sich zu seinem Antisemitismus, er sah, welche konfessionellen Auseinandersetzungen zu gewärtigen waren.
Im Jahr 1849 wurde er Mitglied der zweiten Kammer des preußischen Landtages und beteiligte sich an der Gründung der »Kreuzzeitung«. Er beklagte die Mängel des eigenen Standes und bekämpfte das Frankfurter Parlament. So wollte er keinesfalls eine Kaiserwahl durch die Paulskirche. Russland, das war für ihn damals der richtige Partner.
In den 1850er-Jahren bewährte er sich auf diplomatischen Posten, in Frankfurt beim Bundestag, als Gesandter in Petersburg und Paris. Als er 1862 das Amt des Ministerpräsidenten antrat, steckte er sich nicht viele Ziele, er wollte Preußen zu einer Großmacht machen und mit Österreich eine Klärung des deutschen Dualismus erreichen. Mit dem Verfassungsstaat fand er sich ab, er wusste ihn zu nutzen, liebte ihn aber nicht. Preußen steckte zu diesem Zeitpunkt in einer schweren Krise. Auslösendes Moment war der seit 1857 schwelende Konflikt um die Heeresreform. Das seit 1814 geltende Gesetz war längst nicht mehr zeitgemäß, es musste erneuert werden. Eine zweite Konfliktebene bildete die Auseinandersetzung, ob die Armee nur dem König unterstehen oder ob sie nach dem Wunsch der Liberalen über die Exekutive in die Verfassung eingebunden werden solle. Die Liberalen fürchteten ein Unterdrückungsinstrument außerhalb des Parlaments. Als sie bei den Wahlen erheblich zulegen konnten, besaßen sie die Mehrheit im Landtag. Der König wollte abdanken, als sich Bismarck anbot, die Situation auch gegen den Landtag zu lösen. Er setzte scharfe Maßnahmen gegen die Presse- und Versammlungsfreiheit durch und erklärte im Landtag: »Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut.«
Aus heutiger Sicht äußerst konsequent, setzte Bismarck Maßnahmen zur Stärkung von Preußens Position. 1863 verhinderte er den österreichischen Versuch zur Reorganisation des Deutschen Bundes, er begründete die Freundschaft mit Russland, dem er Unterstützung bei der Unterdrückung des polnischen Aufstandes von 1863 zusicherte, gewann die Unterstützung Österreichs gegen Dänemark in der Schleswig-Holstein-Frage. Doch Bismarck wollte diese beiden Provinzen völlig an Preußen angliedern und riskierte dazu die Auseinandersetzung mit Österreich. Für einen solchen Konflikt suchte er einen Partner in Italien. Österreich wollte den Bundestag mit der Frage beschäftigen, dies beantwortete Bismarck mit der Besetzung des von Österreich verwalteten Holsteins. Der Krieg von 1866 brachte Österreich eine demütigende Niederlage, die Friedensschlüsse von Nikolsburg und Prag hingegen fielen für Österreich äußerst maßvoll aus. Schleswig-Holstein wurde preußische Provinz, Hannover, Österreichs Verbündeter, wurde besetzt. Bismarck schuf aus diesen norddeutschen Staaten den Norddeutschen Bund, der ihm als Kanzler unterstand, wo er sofort das allgemeine und gleiche Wahlrecht einführte. Damit war Deutschland fast geeinigt, Preußen mächtiger denn je, die Liberalen zufrieden, weil auch die Verfassungsfrage eine Lösung gefunden hatte. Allerdings folgten nicht alle Anhänger der Konservativen und Liberalen Bismarcks Politk, es kam zu einer Spaltung der beiden Gruppen, Nationalliberale und Freikonservative standen auf der Seite des preußischen Kanzlers. Für die Entwicklung des deutschen Bürgertums war diese Spaltung verhängnisvoll, weil das Bürgertum durch die klassische Kabinettspolitik in die Rolle des Zuschauers gedrängt wurde.
Schon 1866 hielt Bismarck eine Auseinandersetzung mit Frankreich für unausweichlich. Als die Kandidatur Leopolds von Hohenzollern-Sigmaringen für den spanischen Thron aufs Tapet kam, erhob Frankreich Einspruch, Bismarck zog zurück, allerdings wollte Frankreich eine Garantie gegen eine Wiederholung. Die Affäre um die Emser Depesche, ein von Bismarck in seinem Inhalt verändertes und veröffentlichtes Telegramm, das Frankreich der Drohung mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen beschuldigte, veranlasste das französische Kaiserreich zur Kriegserklärung. In wenigen Monaten war Frankreich völlig besiegt, Napoleon III. ins Exil gezwungen und im Januar 1871 wurde in Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen, nachdem zuvor mühevolle Verhandlungen um Bayerns Zustimmung stattgefunden hatten. Der Friede von Frankfurt war keineswegs maßvoll, denn Frankreich musste gegen den Willen der Bevölkerung Elsass-Lothringen an das Deutsche Reich abtreten. Der Keim für weitere Auseinandersetzungen, symbolisiert durch das Schlagwort von der »Revanche pour Sedan«, wurde mit diesem Vertrag gelegt.
Die beiden nächsten Jahrzehnte nutzte Bismarck, um dieses Deutsche Kaiserreich, das wohl saturiert, aber noch nicht konsolidiert war, nach allen Seiten durch ein kompliziertes Netz von Verträgen abzusichern. Grundprinzip wurde, durch Verträge mit Österreich, Russland und Italien, prinzipiell jedoch unter Ausschluss Frankreichs, ein ausbalanciertes Verhältnis zu wahren. Gefährdet war dies immer wieder etwa durch den österreichisch-russischen Gegensatz auf dem Balkan, den Bismarck 1878 auf dem Berliner Kongress nur oberflächlich beruhigen konnte. Der Abschluss des Dreibunds mit Österreich und Italien und der Rückversicherungsvertrag mit Russland sollten ein tragfähiges System bilden. Ob dieses System an Bismarcks Nachfolgern oder an seinen zweifellos großen innenpolitischen Fehlern scheiterte, ist zu diskutieren. Bismarcks Kulturkampf mit der katholischen Kirche, durch deren Internationalität er das Reich gefährdet sah, das Sozialistengesetz von 1879, das die sozialdemokratisch denkende und fühlende Bevölkerung illegalisierte, konnten durch die positive Sozialgesetzgebung nicht ausglichen werden. Die folgende innenpolitische Lähmung und der Ehrgeiz von Wilhelm II. beschleunigten seinen Sturz. Verbittert verließ er das Amt, in den folgenden Jahren immer wieder laut und deutlich Kritik äußernd. Es waren dies die Jahre, in denen die einseitigen Bismarck-Legenden entstanden, die seinem sehr differenzierten Wirken nicht gerecht wurden.
Bismarck hielt sich für einen Auserwählten, er war ein Mann, der einen Auftrag Gottes erfüllte. Im Grunde war dies eine calvinische Einstellung. Am Ende seiner Laufbahn erwog er sogar kurz einen Staatsstreich, um das Parlament zu beseitigen und das Kaisertum zu festigen. Den Sozialdemokraten wollte er überhaupt das Wahlrecht entziehen.
1866 hätte er Frankfurt am liebsten gewaltsam eingenommen, hätte die Stadt nicht die Kontribution von 25 Millionen Talern bezahlt, denn die Erinnerungen an die Paulskirche waren noch sehr virulent. In jenen Situationen, in denen er sich Feinde gemacht hatte, die auf Dauer gefährlich werden konnten, zeigte Bismarck Maß und Zurückhaltung.
Er besaß ein gefährliches, jähzorniges Temperament, mit 16 Jahren soll er einem Reitlehrer ein Auge ausgeschlagen haben, von einem Berliner Gymnasium wurde er relegiert, weil er einen Professor einen bürgerlichen Esel nannte. Als Abgeordneter in Frankfurt hatte er die bürgerliche Intelligenz und Tüchtigkeit kennengelernt, die den ostelbischen Junkern weit überlegen waren. Es war dieses tüchtige Bürgertum, das aus eigener Kraft etwas erreicht hatte, das Bismarck auch weit über seinen Sturz hinaus die Treue hielt. Gleichzeitig spottete er über die »Professorenschwätzer« des Jahres 1848.
Im Prinzip war Bismarck ein Mensch der Tat, der handelte, der Reden verabscheute, daher waren seine Parlamentsreden auch immer ziemlich sarkastisch.
Außenpolitisch war er der geniale Politiker, der klar erkannte, was möglich war. Er selbst formulierte dazu einen großartigen Satz: »Der Staatsmann kann nie selbst etwas schaffen, er kann warten und lauschen, bis er den Schritt Gottes durch die Ereignisse hallen hört – dann vorspringen und den Zipfel des Mantels fassen, das ist alles.«
Innenpolitisch verfehlte er mit seinem Kampf gegen die Sozialdemokratie die Zukunft, konnte auch nicht die Werte einer konstitutionellen Monarchie erkennen. Ein bleibendes Verdienst war das geheime, gleiche und direkte Wahlrecht für den Reichstag.
In seine Ära fiel der Beginn jenes kabarettreifen (Hauptmann von Köpenick) gehorsamen preußischen Beamtentums. Bismarck ließ gegen freisinnige Beamte Maßnahmen ergreifen, sie wurden versetzt, schikaniert und aus dem Dienst drangsaliert – in dieser Atmosphäre musste das devote Untertanentum blühen.
Bismarcks Verhältnis zur Presse war herablassend, er konnte die Journalisten nicht ausstehen, daher ging er auch mit der Pressefreiheit salopp um, schikanierte oder kaufte sie – die geheime Schatulle für die Bezahlung von gehorsamen Journalisten hieß nicht zufällig »Reptilienfonds«. Kluge Gegner im Parlament nannte er diffamierend Rabulisten, das Wort Intellektueller wurde regelrecht zu einem Schimpfwort pervertiert.
Von Gegensätzen bestimmt war sein Verhältnis zum Militär, Politik und Heeresführung waren in ihren Zielen nicht kompatibel. Kein Wunder, dass ihn mit Moltke eine erbitterte Feindschaft verband. Respekt für den politischen Gegner und ein dementsprechender Umgang, wie etwa in Großbritannien längst üblich, entsprachen nicht dem preußischen Comment. Umgekehrt kam es zu geradezu peinlicher Heldenverehrung und Pilgerfahrten nach Friedrichsruh, dem Alterssitz Bismarcks.


Werke
Gedanken und Erinnerungen
LÉON BLUM
Der aus dem wohlsituierten jüdischen Bürgertum des Elsass stammende Léon Blum wandte sich schon als Student dem Sozialismus zu. Als sensibler Intellektueller war dies im Grunde eine logische Entwicklung. In seiner Studentenzeit – er studierte Jura in Paris an der Sorbonne – stand er unter dem Einfluss des elsässischen politischen Schriftstellers Maurice Barrès und seinem Ich-Kult. Blum war Ästhet, ja er wirkte fast dandyhaft. Im Quartier Latin war er in anarchistischen Kreisen zu Hause. Die Tradition der französischen Republikaner war ihm Maxime, der Sozialismus eines Jean Jaurès, getragen von demokratischem und humanistischem Geist, wurde ihm Credo. Nach der Ermordung Jaurès trat er gleichsam in die Fußstapfen seines großen Vorbildes.
Nach seiner Promotion 1894 wirkte Blum zunächst als Literaturkritiker. Auslösendes Moment, sich dem Sozialismus anzuschließen, war für Blum wie für viele Intellektuelle seiner Zeit die Affäre Dreyfus. Der Kampf der Linksliberalen um Gerechtigkeit für den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus, der ohne sein Zutun in ein Komplott konservativer Militärs geraten war, entwickelte sich zum Kampf um soziale Gerechtigkeit.
Blums Engagement galt anfangs der Einigung der verschiedenen sozialistischen Parteien. Darauf zog er sich – bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges – fast aus der Politik zurück und widmete sich der Literaturkritik, nur dem Staatsrat gehörte er als Mitglied an.
Im August 1914 übernahm er die Funktion eines Kabinettschefs von Marcel Sembat, dem Minister für öffentliche Arbeiten im Kabinett Viviani.
Nach dem Krieg war er es, der das neue Programm der Sozialisten formulierte. Dies war nötig geworden, weil sich 1920 die Kommunisten von den Sozialisten getrennt hatten. Da sie auf dem Parteikongress die Mehrheit erzielt hatten, konnten sie das gesamte Parteivermögen und die Presse übernehmen. Blum leitete nun die Wiedergeburt einer sozialistischen Partei ein. In der Deputiertenkammer wurde er zum Fraktionschef der Sozialisten und damit zum Chef der Opposition gegen Alexandre Millerand und Raymond Poincaré gewählt, außerdem betreute er als Direktor die Zeitung »Le Populaire«. Er trat mit dem Ziel an, seine Partei zur stärksten Fraktion im Abgeordnetenhaus zu machen und damit den Regierungschef stellen zu können. 1924 unterstützte er Edouard Herriots Kabinett des »Cartel des Gauches«, weigerte sich aber, selbst den Regierungen Herriot und Briand anzugehören.
Bereits 1928 gewannen die Sozialisten 104 Sitze im Parlament, Blum selbst verlor sein Mandat. Ein Jahr später kehrte er aber wieder in die Kammer zurück, wobei er für den Distrikt Narbonne kandidiert hatte.
Nach 1934 widmete er seine ganze Kraft dem Aufbau der linken Solidarität gegen die rechten Faschisten, denen er ein Programm aus Pazifismus, Verstaatlichung der französischen Industrie und Maßnahmen gegen die überbordende Arbeitslosigkeit entgegenhielt.
Im Juni 1936 war es endlich so weit, Blum leitete das Kabinett der linken Volksfront, das sich aus Sozialisten, Kommunisten und Radikalen zusammensetzte. Blum war der erste sozialistische und jüdische Regierungschef in der Geschichte Frankreichs. Zunächst konnte diese Regierung, der unter anderen auch die berühmte Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Irène Joliot-Curie angehörte, große Erfolge erreichen: In Frankreich wurde die 40-Stunden-Woche eingeführt, mit bezahltem Urlaub und kollektiven Arbeitsverträgen wurden alte Forderungen der Sozialisten in die Tat umgesetzt. Die Produktionsstätten der wichtigsten Waffenhersteller wurden verstaatlicht, auch die Banc de France. Doch Blum scheiterte bald an der Wirtschafts- und Finanzpolitik und auch innenpolitisch, da er sich dazu entschieden hatte, Frankreich aus dem Spanischen Bürgerkrieg herauszuhalten. Blum wurde als Appeasement-Politiker beschimpft, seine Verstaatlichungspolitik wurde mit dem Slogan »Besser Hitler als Blum« diffamiert. Dem folgenden Kabinett von Camille Chautemps gehörte er noch bis Januar 1938 als Vizepremier an.
In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte Blum zu den entschiedenen Gegnern des Münchner Abkommens, er forderte immer wieder größere französische Rüstungsanstrengungen, um in der gespannten Lage in Europa vorbereitet zu sein.
Unter dem Vichy-Regime wurde er 1940 wegen Kriegsverbrechen verhaftet und vor Gericht gestellt. Das Verfahren, das im Februar 1942 in Riom stattfand, gestaltete sich aber zur Niederlage seiner Gegner: Seine unbeugsame Haltung fand mehr Freunde als Feinde, der Prozess wurde schließlich vertagt, Blum wurde ins KZ Buchenwald abgeschoben, wo er 1945 von den Amerikanern befreit wurde.
Von Dezember 1946 bis Januar 1947 stand er noch einmal quasi als »elder statesman« an der Spitze einer sozialistischen Regierung, danach übte er kein Regierungsamt mehr aus. In dieser letzten Amtsperiode gelang es ihm noch, eine Milliardenanleihe für Frankreich mit den USA zu verhandeln. Seine Funktion als Vizepremier im kurzlebigen Kabinett des Radikalsozialisten André Marie war nur ein Intermezzo. Unbestritten war seine geistige Führerschaft der Sozialisten bis zu seinem Tode.

SIMÓN BOLÍVAR
Der früh verwaiste Sohn einer reichen Kreolenfamilie wurde dem Zeitideal entsprechend mit den Lehren der Aufklärung und den Traditionen der Antike von seinem Privatlehrer Simón Rodríguez erzogen. Seine Eltern Don Vicente Bolívar und Doña Maria de la Concepción Palacios y Blanco besaßen Kupferminen in Venezuela. Im Alter von drei Jahren verlor Simón Bolívar seinen Vater, sechs Jahre später starb seine Mutter. Daraufhin kümmerte sich sein Onkel Carlos Palacios um ihn. Mit 15 Jahren wurde er gemeinsam mit einem Freund nach Spanien geschickt, um seine Ausbildung zu vervollkommnen. In Spanien lernte er María Teresa Rodríguez del Toro y Alaysa kennen, die er 1802 heiratete. Ein Jahr später kehrte er nach Venezuela zurück, Maria starb kurz danach an Gelbfieber. Vom Tod seiner Frau tief getroffen, gelobte er, nie wieder zu heiraten.
1804 reiste er abermals nach Europa und erlebte in Paris die Krönung Napoleons, die ihn erschütterte, hatte doch sein bisheriges Vorbild die republikanischen Ideale verraten. In Rom, das ihn restlos faszinierte, soll er sich angeblich auf dem Aventin feierlich verpflichtet haben, die Unabhängigkeit Südamerikas von der Kolonialmacht Spanien zu erkämpfen.
Getragen von seinem Sendungsbewusstsein, kehrte er 1807 nach Venezuela zurück, wo sich nach der Eroberung Spaniens durch napoleonische Truppen eine beachtliche Unabhängigkeitsbewegung gebildet hatte. Sofort beteiligte er sich am Aufstand gegen den Statthalter Joseph Bonaparte, Napoleons Bruder. Überall in Südamerika bildeten sich lokale Juntas, die nicht nur Bonaparte, sondern auch die spanische Kolonialmacht bekämpften. Der Sturz des Statthalters in Venezuela 1810 gab das allgemeine Signal für den langwierigen Unabhängigkeitskampf.
Die Gesinnungsgenossen entsandten nun den weltgewandten Simón Bolívar nach England, um dort um Unterstützung für die antispanischen Rebellen zu bitten. Es war politisch eine vergebliche Reise, doch in Großbritannien lernte Bolívar Francisco de Miranda kennen, der sich schon früher für eine Befreiung Lateinamerikas von der spanischen Kolonialmacht mit Hilfe der europäischen Mächte eingesetzt hatte. Gemeinsam kehrten sie nach Venezuela zurück, Miranda wurde General in der Revolutionsarmee.
Am 5. Juli 1811 kam es zur Ausrufung einer unabhängigen Republik mit einer eigenständigen Verfassung. Miranda, im Besitz des Oberbefehls über die Armee, erhielt zu diesem Zeitpunkt diktatorische Vollmachten.
Nach einer verheerenden Niederlage der aufständischen Truppen gegen die Spanier bei Puerto Labello musste Miranda im Juli 1812 in San Mateo einen Waffenstillstand unterzeichnen. Bolívar und die anderen Anführer der Revolutionsarmee witterten Verrat und ließen sich dazu hinreißen, Miranda den Spaniern auszuliefern. Er starb in einem spanischen Gefängnis.
Bolívar zog sich mit seinen Anhängern nach Cartagena in Neu Granada, heute Kolumbien, zurück, wo er wieder eine Armee aufstellte. In Cartagena verfasste er das »Manifiesto di Cartagena«, einen leidenschaftlichen Aufruf zur Beseitigung der spanischen Kolonialherrschaft. 1813 kehrte er nach Caracas zurück und stürzte die Royalisten. Unter frenetischem Jubel wurde Bolívar zum »Libertador« und Diktator ernannte, doch die Royalisten gewannen schnell wieder die Oberhand, und er musste neuerlich fliehen, diesmal nach Jamaika und schließlich nach Haiti. In Jamaika hatte er »La Carta de Jamaica« geschrieben, einen Brief, in dem er seine politischen Visionen von einem geeinten, von der spanischen Herrschaft befreiten Südamerika darlegte. Als ideale Staatsform betrachtete er die konstitutionelle Republik, nach britischem Vorbild mit einem erblichen Oberhaus, einem gewählten Unterhaus und – auf sich persönlich zugeschnitten – einem Präsidenten auf Lebenszeit.
Nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft 1815 wurde auch Joseph Bonaparte aus Spanien vertrieben, das angestammte Königshaus kehrte mit Ferdinand VII. an die Macht zurück, was allerdings den Zusammenbruch der spanischen Herrschaft in Lateinamerika beschleunigen sollte, denn Bolivar war inzwischen aus Haiti, das sich der französischen Vormacht entledigt hatte, zurückgekehrt, verfügte nun über europäische Söldner und eine starke Unterstützung durch die einheimische Bevölkerung.
Mit Hilfe Haitis nahm er den Kampf wieder auf, Siege und Niederlagen wechselten. 1819 errang er in der Schlacht bei Boyacá einen respektablen Sieg. Auf dem Kongress von Angostura (heute Ciudad Bolívar) schuf er den Staat Groß-Kolumbien, dem die heutigen Territorien von Venezuela, Panama, Kolumbien und Ecuador angehörten. Bolívar wurde zum Präsidenten und Diktator gewählt, übertrug aber die Macht an seinen Stellvertreter Francisco de Paula Santander, da er sich selbst um die Befreiung Ecuadors kümmern wollte.
1822 konnte er mit Hilfe seines Freundes, General Antonio de Sucre, einen beachtlichen Sieg über die Spanier bei Pichincha erringen.
Zur selben Zeit kämpfte in Peru San Martin um die Unabhängigkeit, die beiden Haudegen trafen sich im Juli 1822 in Guayaquil (Ecuador). Das Treffen hatte schwerwiegende Folgen, denn San Martin übertrug ihm den Oberbefehl über seine Truppen und zog sich aus dem Kampf zurück. Bolívar marschierte mit Sucre nach Peru, ein Jahr später zog er in Lima ein. Im Dezember 1824 in der Schlacht bei Ayacucho mussten die Spanier eine endgültige Niederlage hinnehmen. Bolívar wurde Präsident von Groß-Kolumbien und Peru. Für den neuen Staat, der – in verkleinerter Form – fortan seinen Namen tragen sollte, konzipierte er eine autoritäre Verfassung, die allerdings nie angenommen wurde.
Für 1826 berief Bolívar eine panamerikanische Konferenz ein, er träumte von einer Zusammenarbeit aller Staaten des amerikanischen Kontinents. Doch nur wenige Länder nahmen an diesem Treffen teil, denn außer Groß-Kolumbien entsandten nur Zentralamerika und Mexiko Delegierte. Das dort unterzeichnete Abkommen zeigte kaum Folgen, aber der Gedanke einer panamerikanischen Zusammenarbeit lebte weiter: Bolívar dachte in großen Räumen, in Kontinenten, während die zeitgenössischen Politiker nur den einzelnen Nationalstaat vor Augen hatten.
Bedingt durch persönliche Rivalitäten unter den Revolutionsgenerälen brach ein Bürgerkrieg aus, der den Einheitsstaat Groß-Kolumbien zerbrechen ließ. Es gab wohl zentrale Gewalten, aber die regionale Verwaltung funktionierte mehr schlecht als recht.
So kehrte Bolívar, bereits seit einigen Jahren schwer erkrankt, nach Bogotá und dann nach Caracas zurück. Man bewunderte den einstigen Kriegshelden, doch die Unterstützung durch Anhänger blieb aus. Verbittert wollte Bolívar nach Europa ins Exil gehen, doch noch vor Antritt seiner Reise starb er an Tuberkulose. Bolívar war zweifellos ein Visionär, der seine Anhänger begeisterte und den Staaten des ehemaligen spanischen Kolonialreichs in Südamerika mit seinen Ideen eine neue Zukunft eröffnete, doch seine wenig pragmatische Vorgangsweise wurde vielen seiner Pläne zum Verhängnis. Er war schwärmerisch, vielleicht in manchem seiner Zeit voraus.

WILLY BRANDT (HERBERT ERNST KARL FRAHM)
Herbert Ernst Karl Frahm, uneheliches Kind einer 19-jährigen Verkäuferin und des Lehrers John Möller, lernte seinen leiblichen Vater nie kennen. Wesentlich geprägt wurde er durch seinen der Sozialdemokratie verbundenen Großvater, der ursprünglich Knecht auf einem Gutshof und dann Kraftfahrer in Lübeck war. Er besuchte das Johanneum in Lübeck, wo er als Einzelgänger und Außenseiter beschrieben wird. Früh fand er eine politische und wahrscheinlich auch gefühlsmäßige Heimat in der sozialistischen Jugendbewegung. Julius Leber, der später von den Nationalsozialisten ermordete SPD-Abgeordnete, war sein Mentor. Mit 17 Jahren trat Herbert Frahm der SPD bei, wechselte aber aus Frust über den politisch lahmen Kurs der Partei gegenüber den Nationalsozialisten zur linken Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP).
Nach dem Abitur 1932 begann er ein Volontariat bei einer Schiffsmaklerfirma, doch schon im März 1933 musste er wegen seiner vielfältigen politischen Aufgaben den Weg ins Exil antreten. Er floh von Travemünde aus mit einem Kutter nach Dänemark und dann nach Norwegen.
Im norwegischen Exil nahm er den Namen Willy Brandt an. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Journalist, er war beruflich oft unterwegs, reiste nach Frankreich, Spanien und Großbritannien. In Skandinavien lernte Brandt politischen Pragmatismus und Weltoffenheit kennen, was ihn für sein ganzes Leben prägen sollte. In dieser Zeit des Exils unterstützte er weiter die deutsche »Volksfront«, das heißt das gemeinsame Vorgehen der linken Parteien, und zwar der KPD und der SAP, gegen Hitler, wandte sich aber strikt gegen die Sowjetunion, die er als nicht sozialistisch ablehnte. Als Zeitungskorrespondent erlebte er den Spanischen Bürgerkrieg, was in ihm eine große Desillusionierung auslöste. Kurzfristig geriet er sogar in deutsche Gefangenschaft, wurde aber wegen seines geänderten Namens nicht enttarnt. Jedenfalls kehrte er um 1940 der SAP den Rücken und trat wieder in die SPD ein.
Als die Nationalsozialisten im April 1940 in Norwegen landeten, floh Brandt nach Schweden. Dort lernte er Bruno Kreisky und Gunnar Myrdal kennen, mit denen ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Von Schweden aus unterhielt er auch lose Verbindungen zur deutschen Widerstandsbewegung.
Nach Kriegsende kehrte Brandt nach Deutschland zurück und arbeitete zunächst als Korrespondent bei den Nürnberger Prozessen und dann bei der norwegischen Mission in Berlin als Presseattaché. Das Amt des Bürgermeisters von Lübeck lehnte er ab, sein Ziel war Berlin. Da er in die Politik gehen wollte, nahm er wieder die deutsche Staatsbürgerschaft an und wurde 1949 für die SPD in den deutschen Bundestag gewählt, ein Jahr später wurde er ins Berliner Abgeordnetenhaus entsandt. Zu Kurt Schumacher, dem SPD-Nachkriegschef, hatte Brandt wenig Beziehung. Er hielt ihn für doktrinär und nationalistisch. Sein politischer Ziehvater und enger Freund dieser Jahre war Ernst Reuter, Berliner Oberbürgermeister seit 1947. Die beiden verbanden ein erklärter Antikommunismus und eine proamerikanische Haltung. Brandts politisches Ziel war das Amt des Oberbürgermeisters, doch 1952 und 1954 gelang es dem Berliner SPD-Vorsitzenden und Anhänger einer konservativen Parteilinie, Franz Neumann, Brandts Wahl zu verhindern.
Nach dem Tod des Berliner Bürgermeisters Otto Suhr wählte das Berliner Abgeordnetenhaus jedoch Willy Brandt, inzwischen ein sehr einflussreicher SPD-Politiker, zum Regierenden Bürgermeister. In dieser Funktion in der zweigeteilten Stadt sollte Brandt Weltberühmtheit erlangen. Den Sowjets gegenüber zeigte er Courage und ließ sich weder durch Nikita Chruschtschows Forderung nach Entmilitarisierung der Stadt noch durch den Bau der Mauer 1961 einschüchtern. Seine obersten Ziele waren die Sicherung der Lebensfähigkeit Berlins und gleichzeitig die Vermeidung aller Extremismen. Berlin war das »Schaufenster der freien Welt«. In diesen Jahren erkannte Brandt ganz klar, dass in der Frage des Ostens neue Wege gesucht werden mussten. Statt einer »Politik der Stärke« propagierte er eine »Politik der kleinen Schritte« – die Zeichen der Zeit standen auf Entspannung. Da auch Brandts Berater Egon Bahr für einen »Wandel durch Annäherung« eintrat, konnte schon 1963 ein erstes Passierscheinabkommen mit der DDR geschlossen werden, das es den Westberlinern ermöglichte, den Ostteil der Stadt zu besuchen.
1964 wurde Brandt als Nachfolger des verstorbenen Erich Ollenhauer zum Parteivorsitzenden der SPD und gleichzeitig zum Kanzlerkandidaten der Partei bestellt, schon 1958 war er Mitglied des Parteivorstandes geworden. Als solches nahm er auch entscheidenden Einfluss auf die Formulierung des neuen Parteiprogramms, das 1959 in Bad Godesberg beschlossen wurde. Es brachte eine völlige Neupositionierung der SPD als reformfähige und pragmatische Volkspartei.
In den Wahlkämpfen der folgenden Jahre (1965 und 1969) versuchte Brandt vergeblich, für die SPD einen Wahlsieg einzufahren und damit deutscher Bundeskanzler zu werden. Er führte seine Wahlkämpfe nach dem Vorbild John F. Kennedys, seinen politischen Widerpart Ludwig Erhard versuchte er durch außenpolitische Initiativen aus dem Feld zu schlagen.
In das Kabinett von Kurt-Georg Kiesinger, einer Koalition von CDU/CSU und SPD, trat Brandt – trotz anfänglichen Zögerns – im Dezember 1966 als Vizekanzler und Außenminister ein. Für diesen Schritt wurde er von der studentischen Protestbewegung angegriffen, die ihm vorwarf, die Ideale seiner Jugend zu verraten. Obwohl sein eigener Sohn Peter zu diesen Studentengruppen gehörte, vermochte Brandt zu ihnen keinen Kontakt zu finden. Mit Kurt-Georg Kiesinger kam es immer wieder zu Spannungen, weil dieser Brandts Ostpolitik nicht mittragen wollte. Auch Brandts Vorgänger im Auswärtigen Amt, der CDU-Minister Gerhard Schröder, hatte an der Hallstein-Doktrin festgehalten, die in den Nachkriegsjahren einen wichtigen Faktor darstellte, als Deutschland seine internationale Stellung erst festigen musste. Der vom Staatssekretär im Auswärtigen Amt Walter Hallstein geprägte Grundsatz, dass nur die Bundesrepublik Deutschland den Alleinvertretungsanspruch für Deutschland wahrnehmen könne, war nach Brandts Ansicht ein zu enges Korsett, um in der Ostpolitik Änderungen erzielen zu können.
Nach den Wahlen von 1969 bildete Brandt eine Koalitionsregierung mit der FDP (Freie Demokraten). Zum ersten Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war ein Sozialdemokrat deutscher Bundeskanzler geworden, und Brandt nahm die Zügel sofort fest in die Hand. Als eine der ersten Maßnahmen seiner Administration setzte er eine Aufwertung der deutschen Mark durch und unterzeichnete den Atomsperrvertrag. Er ließ keinen Zweifel daran, wohin der Weg gehen sollte. Mit griffigen Sätzen wie »Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen erst an« gewann er die Gunst der deutschen Wähler.
Schon in seiner Regierungserklärung setzte er wichtige Akzente in der Deutschlandpolitik und in der Ostpolitik, als er von »zwei Staaten in Deutschland« sprach. Ab 1970 konzentrierte er sich völlig auf die Außenpolitik, die eine Verbesserung des Verhältnisses zur kommunistischen Welt anstrebte. So akzeptierte er bei einem Besuch in Polen die Oder-Neiße-Grenze als polnische Westgrenze. Im Rahmen des Staatsbesuches in Polen kam es auch zum legendären Kniefall Brandts am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im ehemaligen Warschauer Ghetto. Diese Geste Brandts wurde vielfach gelobt, fand aber auch zahlreiche Kritiker, wie auch seine Akzeptanz für den Status von Westberlin sehr kontrovers bewertet wurde. Die internationale Anerkennung für seine Versöhnungspolitik mit Osteuropa fand ihr sichtbares Zeichen in der Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt im Jahr 1971. Er war der erste Deutsche nach 1945, der mit diesem Friedenspreis ausgezeichnet wurde.
Eher behutsam ging er das Problem DDR an, um nicht das Misstrauen des Westens auf den Plan zu rufen. Er traf sich 1970 in Erfurt mit dem DDR-Ministerpräsidenten Willy Stoph, zwei Jahre später wurde der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag unterzeichnet. Bei den Neuwahlen des deutschen Bundestags 1972 erreichte Brandt einen fulminanten Sieg – er konnte das Vertrauen von 45,8 Prozent der Deutschen erringen, vor allem der Anteil der Jugend war überzeugend. Diese hieß seine Ostpolitik trotz des Radikalenerlasses, der kurz zuvor ergangen war, gut. 1973 besuchte Willy Brandt als erster deutscher Bundeskanzler Israel.
Unmittelbar nach der Wahl jedoch zeigten sich bei Brandt Abnutzungserscheinungen. Im Mai 1974 musste er seinen Rücktritt anbieten, da sein engster Mitarbeiter und Vertrauter im Kanzleramt, Günther Guillaume, als ostdeutscher Agent enttarnt worden war. Brandt hatte es der DDR nie vergessen, dass sie sein Vertrauen durch eine derartige Intrige missbraucht hatte. Historiker beurteilen die Guillaume-Affäre heute eher als Auslöser denn als Ursache für seinen Rücktritt, tatsächlich dürften eine gewisse Amtsmüdigkeit und Depressionen Brandts, auch wegen der parteiinternen Kritik an seinem unentschlossenen Führungsstil, der Grund gewesen sein.
Brandt blieb jedoch bis 1987 Vorsitzender der SPD, wohl auch um die innerparteiliche Opposition zu beruhigen. Zu seinem Nachfolger Helmut Schmidt pflegte er ein äußerst loyales Verhältnis, sympathisierte aber gleichzeitig mit dem linken Flügel der Partei, etwa in der Frage der Nachrüstung oder des Ausstiegs aus der Atomenergie. Nicht verhindern konnte er, dass die Grünen weiter Zulauf erhielten und ab 1983 im Bundestag vertreten waren.
1976 übernahm Willy Brandt den Vorsitz in der Sozialistischen Internationale, ein Jahr später präsidierte er auf Vorschlag des ehemaligen amerikanischen Verteidigungsministers Robert McNamara eine Nord-Süd-Kommission, die Vorschläge zugunsten der Dritten Welt ausarbeiten sollte. Dadurch stieg Brandts Ansehen in der ganzen Welt.
Brandt war ein überzeugter Europäer, der stets für eine Erweiterung eintrat, vor allem die Beteiligung Großbritanniens an der Europäischen Wirtschaftsunion war ihm ein Herzensanliegen. Es erfüllte ihn mit Stolz, nach 1979 dem ersten direkt gewählten Europäischen Parlament anzugehören.
In den 1980er-Jahren reiste er viel, auch im Auftrag der Sozialistischen Internationale. 1984 besuchte er Kuba und Fidel Castro, traf sich mit Deng Xiaoping und Michail Gorbatschow. 1990/1991 versuchte er vergeblich, den Ausbruch des Golf-Krieges zu verhindern.
Einen privaten Neuanfang machte Brandt 1983, als er in dritter Ehe die Historikerin und Publizistin Brigitte Seebacher heiratete. Von 1941 bis 1948 war er mit Carlotta Thorkildsen verheiratet gewesen, aus dieser Ehe stammte eine Tochter. Aus seiner zweiten Ehe mit der verwitweten Rut Bergaust waren drei Söhne hervorgegangen.
Eine persönliche Genugtuung bedeuteten dem Altkanzler die Ereignisse des Jahres 1989. Schon im Spätsommer dieses Jahres hatte er gemeint, dass die Politik der »kleinen Schritte« überholt wäre und die Deutschen selbstverständlich zusammengehörten. Am 10. November erklärte er in Berlin angesichts des Falles der Mauer: »Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.«
1990 wiederholte er seine Reise nach Erfurt: Diesmal fuhr er in ein freies Land. Im selben Jahr wurde er nach den Wahlen Alterspräsident des deutschen Bundestages und nahm dort die Gelegenheit wahr, seinen Parteigenossen die Leviten zu lesen, vor allem in Richtung Oskar Lafontaine. Er ließ keinen Zweifel daran, dass es für ein geeintes Deutschland nur einen Regierungssitz geben könne, nämlich Berlin.
Brandts Leben umfasst das 20. Jahrhundert in all seinen politischen Höhen und Tiefen, als aktiver Politiker war er Kalter Krieger und Entspannungspolitiker, er war ein Mann, dem vieles glückte, der Entwicklungen intuitiv erfasste und seine Politik danach ausrichtete – nicht der große Theoretiker, der langfristige Konzepte verfolgte, sondern ein Politiker, der auch seinen Emotionen nachgab. Es war ihm vergönnt, einen wichtigen Beitrag zur Aushöhlung des kommunistischen Systems zu leisten, aber auch zur Aussöhnung der kritischen Jugend mit dem Deutschland der 70er- und 80er-Jahre.
Wirtschaft und Inneres waren nicht seine Politikfelder, seine Leidenschaft galt der Außenpolitik, eine Leidenschaft, die er mit seinem Freund, dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, teilte. Brandt war ein Mann der großen symbolischen Gesten, der einprägsamen Statements, wie: »Wir wollen mehr Demokratie wagen.« Das behielten die Menschen im Gedächtnis. Brandt engagierte sich, offerierte seinen Wählern Visionen, für die man sich begeistern konnte, auch wenn die Realität oft nachhinkte. Er war ein politischer Pragmatiker, der sich zu John F. Kennedys Grundsatz der »compassion« bekannte, wie er Kennedy überhaupt in vielem kopierte.

Werke (Auswahl)
Krieg in Norwegen (1942)
Norwegens Freiheitskampf 1940–1945 (1948)
Mein Weg nach Berlin (1960)
Begegnungen mit Kennedy (1964)
Friedenspolitik in Europa (1968)
Notizen zum Fall G.
Über den Tag hinaus (Erinnerungen 1974)
Begegnungen und Einsichten. Die Jahre 1960–1975 (1976)
Links und Frei. Mein Weg 1930–1950 (1982)
Der organisierte Wahnsinn. Wettrüsten und Welthunger (1985)
Erinnerungen (1989)
ARISTIDE BRIAND
Aristide Briand, der erste Staatsmann, der den Gedanken einer europäische Union aufgegriffen hatte, wurde als Sohn des Besitzers einer Hafenkneipe mit dem Namen »Croix Verte« in Nantes geboren. Er zeichnete sich als Schüler nicht durch hervorstechenden Fleiß aus, aber seine schnelle Auffassungsgabe und sein brillantes Gedächtnis ließen ihn für ein Studium geeignet erscheinen, mit dem er mit 16 Jahren im Lycée in Nantes begann. Dort lernte er den Schriftsteller Jules Verne kennen, der seine brillante Auffassungsgabe hoch schätzte und ihn in seinem Roman »Zwei Jahre Ferien« als Vorbild für seine Hauptfigur Briant nahm, einen Anführer von Jugendlichen, der sich durch Intelligenz und Wagemut auszeichnet.
1883 begann Briand in Paris als Werkstudent Jura zu studieren und ließ sich nach seinem Examen in Saint-Nazaire als Anwalt nieder. 1892 musste er die Stadt wegen eines Skandals – er war mit einer verheirateten Frau in einer angeblich strafbaren Situation erwischt und vor Gericht gestellt worden – verlassen und ging nach Paris. Das Urteil gegen ihn wurde jedoch vom Kassationsgerichtshof aufgehoben.
In der französischen Hauptstadt schrieb er für das antiklerikale Journal »La Lanterne« und für die linken Zeitschriften »Le Peuple« und »Petite République«, doch es war die Politik, die ihn faszinierte und für die er sich begeisterte. Sein großes Vorbild wurde der Gewerkschaftsführer Fernand Pelloutier, der als »Theoretiker des Generalstreiks« bezeichnet wurde. Briand profilierte sich als glänzender Redner bei sozialistischen Versammlungen, er machte sich einen Namen als Teilnehmer bei Kongressen. Der Parteidisziplin wollte er sich allerdings nicht unterwerfen, dazu war er ein zu unabhängiger Geist und auch kein tief überzeugter Marxist. Dreimal, nämlich 1889, 1893 und 1898, versuchte er bei den Wahlen einen Parlamentssitz zu gewinnen, doch jedes Mal vergeblich.
Als sich die verschiedenen sozialistischen Gruppen Frankreichs auf Drängen der Internationale in einer Partei einigten, gehörte er mit Jean Jaurès, mit dem er 1904 die Zeitschrift »L’Humanité« gründete, zu den Mitinitiatoren. Doch bald beschritt er einen anderen Weg, der ihn in die Führungsschicht der bürgerlichen Dritten Republik führen sollte.
1901 wurde er als Vertreter des Departements Loire zum Mitglied der französischen Nationalversammlung gewählt und fand in der Volksvertretung das für ihn ideale Forum, um seine Vorstellungen zu artikulieren. Er wurde ein glänzender Vertreter des parlamentarischen Diskurses.
Seine erste große Aufgabe war die Erstellung eines Berichts über eine Gesetzesvorlage zur Trennung von Staat und Kirche. Von konsequenten liberalen Vorstellungen beseelt, ging er an diesen Auftrag heran, weder die religiösen Gefühle der Bevölkerung noch die Freiheit der Kultusausübung sollten angetastet werden. Es gelang ihm, sowohl die Rechten als auch die Linken zu beschwichtigen. Damals nannte ihn sein Kollege in der Kammer, Maurice Barrès, ein »Monstrum an Elastizität«. Seine Stärken waren ein hoch entwickeltes diplomatisches Geschick und seine überzeugende Bereitschaft zum Interessensausgleich. Elfmal wurde er in der Folge zum Präsidenten der Kammer gewählt.
1906 wurde Briand erstmals ins Kabinett berufen, und zwar als Kultusminister, wo er bei der Handhabung des von ihm nachhaltig beeinflussten Gesetzes der Trennung von Staat und Kirche getreu seinen liberalen Vorstellungen handelte. In den folgenden Jahren wurde Briand 26-mal mit einem Regierungsamt betraut, 15-mal leitete er das auswärtige Ressort, elfmal stand er als Ministerpräsident an der Spitze des Kabinetts.
In den Kriegsjahren 1915 bis 1917 Ministerpräsident, forderte er als Kriegsziele Frankreichs die Annexion des Rheinlandes und des Saargebietes. Noch bis zur Londoner Konferenz von 1921, die sich mit den deutschen Reparationszahlungen befasste, hielt er an den Bestimmungen des Versailler Vertrages fest. Ein Jahr später wollte er eine Verständigungspolitik (rapprochement) mit Deutschland einleiten, doch Alexandre Millerand, damals Präsident der Republik, desavouierte seine Politik, und Briand demissionierte.
1925, wieder zum Minister für auswärtige Angelegenheiten bestellt, nahm er seine Verständigungspolitik abermals auf. Nun versuchte er, in Europa ein System der kollektiven Sicherheit zu schaffen, in dem auch Deutschland seinen Teil leisten sollte. Es sollte sich freiwillig verpflichten, den Status quo, also den Vertrag von Versailles mit all seinen für Deutschland teils demütigenden Bedingungen, zu wahren.
Der erste Schritt zu einem solchen System war der Vertrag von Locarno, der am 16. Oktober 1925 unterzeichnet wurde. Dieser Vertrag garantierte die französisch-deutschen und belgisch-deutschen Grenzen und sah einen gegenseitigen Beistandspakt vor. Im Dezember 1926 erhielt Briand gemeinsam mit seinem deutschen Amtskollegen Gustav Stresemann den Friedensnobelpreis.
Schließlich schloss er am 27. August 1928 mit dem amerikanischen Staatssekretär Frank Billings Kellogg den viel zitierten Briand-Kellogg-Pakt, der den Krieg ächtete. Obwohl diesem Pakt 60 Staaten beitraten, hatte er nur moralischen Wert und keine ideologischen Konsequenzen.
Inspiriert von der paneuropäischen Idee des Österreichers Richard Coudenhove-Kalergi, legte Briand ein Memorandum über die Schaffung einer europäischen Union vor. 1927 wurde er Präsident der von Coudenhove-Kalergi gegründeten Paneuropa-Bewegung. 1929 präsentierte er beim Völkerbund einen Zollunionspakt zwischen Frankreich, Deutschland und den Nachbarstaaten, eine sehr weit gehende Vereinbarung, die auch die Sowjetunion einschließen sollte. Sein präzise ausgearbeiteter Vorschlag für eine europäische Konferenz, den er 1930 unterbreitete und der einen gemeinsamen Markt vorschlug, hatte wieder großen Erfolg.
Doch Europa und die Mächte waren noch nicht reif für eine gemeinsame Politik, Briands und damit Coudenhove-Kalergis Ideen scheiterten am Egoismus der Nationalstaaten, an der eklatanten Schwäche des Völkerbundes und an der Unmöglichkeit einer allgemeinen Abrüstung. Das nationale Interesse der einzelnen Staaten war noch immer stärker als die gemeinsamen Ziele, was auch beim Scheitern einer deutsch-österreichischen Zollunion von 1931 offenkundig wurde. Damit war Europa um eine Friedenshoffnung ärmer. Erst die Römischen Verträge von 1957 nahmen Briands Ideen wieder auf.
Nachdem Briand bei den Präsidentschaftswahlen von 1931 gegen Paul Doumer unterlegen war, zog er sich ins Privatleben zurück.
Der »pèlerin de la paix«, der »Wanderprediger des Friedens«, wie Aristide Briand genannt wurde, war zu dieser Zeit durch seine auf Ausgleich gerichtete Politik zwar visionär, aber nicht modern, denn sie entsprach nicht dem Zeitgeist des politischen Diskurses. Vertrauen statt Misstrauen gehörte noch nicht zum Vokabular der europäischen Politik. Wie sein deutscher Amtskollege Stresemann war auch Briand Freimaurer, in Paris gehörte er der Loge »Le Chevalier du Travail« an.

Werke
Frankreich und Deutschland
LÁZARAO CÁRDENAS DEL RÍO
Cárdenas, ein Indio aus einem mexikanischen Bauerndorf, wurde von Salesianerpadres erzogen und erhielt nach seiner rudimentären Ausbildung Arbeit in einem lokalen Finanzamt.
1913, nach der Ermordung von Präsident Francisco Madero, der 1911 den Sturz des langjährigen Diktators Porfirio Diaz herbeigeführt hatte, und der nachfolgenden Militärdiktatur, kam es zum Ausbruch eines Bürgerkrieges. Cárdenas schloss sich jenem Teil der revolutionären Armee an, der von Guillermo García Aragón kommandiert wurde. Innerhalb eines Jahres avancierte er zum Hauptmann. In den Kämpfen der folgenden Jahre erwies er sich als höchst loyal und erreichte schließlich 1920 den Rang eines Generals.
1928 wurde er zum Gouverneur seines Geburtsstaates Michoacán gewählt und konnte sich als fähiger Verwalter seiner Heimatprovinz profilieren. Gleichzeitig engagierte er sich beim landesweiten Aufbau der PNR (Partido Nacional Revolucionario), deren Führerschaft er 1930 übernahm. Er einte die in einzelne Provinzparteien zersplitterte Gruppe zu einer nationalen Partei, die ein stabiles Element in Mexiko werden sollte. Unter dem Diktator Plutarco Calles übernahm er zunächst das Amt des Innenministers, dann das Verteidigungs- und Marineministerium. Er trennte sich jedoch bald von Calles und kandidierte selbst für die bevorstehenden Präsidentenwahlen. Ein Jahr lang führte Cárdenas einen großartigen Wahlkampf, bereiste das ganze Land, besuchte jede Stadt und sprach mit hunderten Bürgern. Er stellte allen seine Pläne vor, mit Hauptaugenmerk auf seine Sozial- und Wirtschaftsreformen. Der Erfolg blieb nicht aus: Cárdenas wurde mit einem eindrucksvollen Votum gewählt. Langsam begann er seine Pläne umzusetzen, nachdem er sichergestellt hatte, dass der Einfluss seines Vorgängers ausgeschaltet war. Calles wurde schließlich 1936 in die USA ins Exil geschickt.
Obwohl Cárdenas eine beeindruckende Karriere gemacht hatte, vergaß er nie seine Herkunft und verwirklichte deshalb auch Ideen des Staatssozialismus. Bisher hatten sich die politischen Machthaber auf Kirche, Armee, Großgrundbesitz und Auslandskapital gestützt. Er änderte dies grundlegend. Obwohl sein Landwirtschaftsprogramm unter der schlechten Verwaltung litt, gelang es ihm, das Latifundiensystem zu brechen. Als Präsident unterstützte er die Gewerkschaften, die schon unter seinem Vorgänger Abelardo Rodríguez stark geworden waren, und sorgte für ihren Zusammenschluss unter der Bezeichnung Confederación de Trabajadores de Mexico. Als Verteidiger eines aggressiven mexikanischen Nationalismus konnte er auf eine breite Zustimmung in der Bevölkerung zählen. Er öffnete außerdem die Mexikanische Revolutionspartei für die breite Masse; bisher gehörten nur Beamte und Politiker der Partei an. Überaus entscheidend für die politische Stabilität des Landes war, dass er den vorherrschenden Einfluss der Militärs egalisieren konnte.
Obwohl die mexikanische Verfassung des Jahres 1917 die Möglichkeit geboten hätte, gegen Großgrundbesitzer einzuschreiten, erhielten die landlosen Bauern erst unter seiner Präsidentschaft im Jahr 1937 in großem Umfang Boden und konnten auch auf günstige Kredite hoffen. Die in ausländischem Besitz befindliche Eisenbahngesellschaft wurde verstaatlicht. Ein Jahr später wurden die britischen und amerikanischen Ölgesellschaften verstaatlicht, was dem Land ein großes Stück wirtschaftlicher Unabhängigkeit schenkte.
Als Cárdenas 1940 sein Amt niederlegte, war er ein hoch geachteter Mann, der auch weiterhin Einfluss auf die Regierungsgeschäfte nahm. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, an dem Mexiko an der Seite der Alliierten teilnahm, übernahm Cárdenas noch einmal für zwei Jahre das Amt des Verteidigungsministers.
Allen seinen Nachfolgern bot er ein Beispiel an linker politischer Verantwortung und Integrität. Immer blieb er ein strikter Gegner amerikanischer politischer Einflussnahme auf die Wirtschaft Mexikos.
Als in Kuba Fidel Castro sein Regime etablierte, erwies er sich als ein verlässlicher Partner. In seinen letzten Lebensjahren verlor er an politischem Einfluss, blieb aber immer ein »elder statesman« für das linke kritische Lager des Landes.

ROBERT STEWART VISCOUNT CASTLEREAGH
Viscount Castlereagh führte gemeinsam mit Metternich die große Allianz gegen Napoleon Bonaparte. Wie kaum ein anderer englischer Politiker nahm er Einfluss auf die Gestaltung Europas beim Wiener Kongress der Jahre 1814/1815. Auf seine Initiative geht das Konzept eines ausgewogenen Gleichgewichts der europäischen Großmächte zurück, ein Konzept, das auch wesentlich die gesamte Überseepolitik bestimmte.
Robert Stewart Castlereagh war der Sohn eines anglo-irischen Grundbesitzers, er wurde in Armagh und am St. John’s College erzogen. 1790 zog er als unabhängiges Mitglied in das irische Parlament ein. Vier Jahre später heiratete er Emily Anne Hobart, mit der er eine sehr gute, aber kinderlose Ehe führte. 1798 wurde er mit der Aufgabe eines Chefsekretärs von John Jeffreys Pratt Earl of Camden, einem Verwandten, betraut, der Vizekönig von Irland war. In der gleichen Funktion war Castlereagh anschließend bei Lord Charles Cornwallis, dem Nachfolger Earl Camdens, tätig. Castlereagh trug die strengen Maßnahmen, die angesichts der Niederschlagung des irischen Aufstandes von 1798 verhängt wurden, mit, trat aber in der Folge für eine Politik der Milde ein, um weitere Unruhen auf Dauer zu verhindern.
Angesichts der europäischen Probleme – Napoleon bedrohte England mit der Invasion – schien es geraten, im eigenen Lande stabile Verhältnisse zu schaffen. Castlereagh setzte daher – gegen den erbitterten Widerstand der Protestanten – im irischen Parlament den »Act of Union« durch, der ein gemeinsames Parlament für England und Irland vorsah. Seinem Gerechtigkeitssinn entsprechend, forderte er gleichzeitig die politische Emanzipation für die irischen Katholiken. Als dieses Ansinnen am Widerstand von König Georg III. scheiterte, traten Castlereagh und Lord Cornwallis zurück. In der Folge fungierte er aber als Berater für irische Angelegenheiten für Premierminister Henry Addington.
1802 wurde er mit dem Vorsitz der Kontrollbehörde für die indischen Angelegenheiten betraut, wodurch er im britischen Kabinett schnell an Einfluss gewann. 1805 wurde er im Kabinett von William Pitt Staatssekretär für das Kriegswesen. Seine erste Aufgabe war die Entsendung eines britischen Corps nach Hannover, das jedoch durch Napoleons Sieg bei Austerlitz nicht mehr zum Einsatz kam, Castlereagh blieb jedoch von der Wichtigkeit einer starken britischen Armee überzeugt.
Als William Pitt starb, verließ Castlereagh das Kabinett und wurde Sprecher der Opposition für außen- und militärpolitische Fragen. Schon ein Jahr später, als William Henry Duke of Portland die Regierungsgeschäfte übernahm, beteiligte sich Castlereagh als Kriegsminister wieder an den Regierungsgeschäften, fest entschlossen, Großbritannien an der europäischen Auseinandersetzung mit Napoleon teilnehmen zu lassen. Durch eine große Heeresreform sorgte er für eine schlagkräftige Armee, sowohl für die Verteidigung der Insel als auch für den Krieg in Übersee.
Die Revolte Spaniens gegen Napoleon unterstützte Großbritannien durch ein Truppenkontingent. Castlereagh setzte sich dafür ein, dass Arthur Wellesley, der spätere Duke of Wellington, das Kommando erhielt. Als ein britisches Unternehmen gegen die napoleonische Marinebasis in Antwerpen infolge Krankheit der Soldaten scheiterte, brachen Zwiste und Intrigen im britischen Kabinett aus, und Castlereagh wurde für das Desaster verantwortlich gemacht. Als er erfuhr, dass Außenminister George Canning ihn durch Wellington ersetzen wollte, forderte er seinen Widerpart zum Duell, wobei dieser leicht verletzt wurde. Beide Gentlemen legten ihre Kabinettsfunktionen nieder.
1812 kehrte er wieder zur Politik zurück, und zwar als Außenminister im Kabinett Robert Banks Jenkins nach der Ermordung von Premier Spencer Perceval. Für das nächste Jahrzehnt behielt Castlereagh die Führung der britischen Außenpolitik. Erste und wesentliche Aufgabe war es, die europäische Koalition gegen Napoleon zusammenzuschweißen und in weiterer Folge die europäische Neuordnung für die Zeit nach dem Krieg vorzubereiten. 1814 führte er Gespräche in Châtillon, bei denen sich herauskristallisierte, dass die europäische Neuordnung unter der Kontrolle der Großmächte zu stehen habe. Diese Grundsätze wurden im Vertrag von Chaumont im selben Jahr beschlossen und bildeten für zwei Dezennien die Leitlinien der europäischen Politik.
Beim Wiener Kongress 1814/1815 spielte Castlereagh eine wichtige vermittelnde Rolle. Unter allen Umständen wollte er einen Machtzuwachs Russlands vermeiden, wichtig war ihm die Stabilisierung der europäischen Mitte, nämlich Deutschlands und Italiens. Gemeinsam mit dem Österreichischen Staatskanzler Klemens Wenzel Metternich dominierte er die Verhandlungen und sorgte dafür, dass Russlands und Preußens Forderungen im Zaum gehalten wurden. Sein Grundsatz, knapp gefasst, lautete: »just equilibrium« (wörtlich: gerechtes Gleichgewicht). In Verfolgung dieser Absicht kam es auch zu regelmäßigen Konsultationen der europäischen Großmächte. Bei der Konferenz von Aix-en-Chapelle 1818 wurde Frankreich wieder in den Kreis der Mächte aufgenommen. Strikt widersetzte Castlereagh sich dem russischen Vorschlag nach Etablierung eines militärischen Sanktionssystems. Deshalb lehnte er auch die Konferenzen von Troppau (1820) und Laibach (1821) ab, die sich mit den liberalen Bewegungen in Deutschland, Spanien und im Königreich beider Sizilien befassten und dementsprechende Sanktionen forderten. In einem Grundsatzpapier von 1820 legte er klar die Unterschiede zwischen den absolutistischen Systemen Mittel- und Osteuropas und den konstitutionellen Strukturen in Frankreich und Großbritannien dar. Danach konnte Großbritannien nur im Rahmen des parlamentarischen Systems tätig werden.
1822 wollte Castlereagh noch an der Konferenz von Verona teilnehmen, da britische Interessen in Griechenland und in den spanischen Kolonien betroffen waren. Strikt hielt er an der Nichtinterventionsthese fest und bekräftigte, dass Großbritannien auch Staaten anerkennen würde, die aus erfolgreichen Revolutionen hervorgingen. Damit distanzierte er sich und die britische Außenpolitik klar von der reaktionären Politik im übrigen Europa, wie sie vor allem nach seinem Tod verfolgt wurde.
In seinem eigenen Land war Castlereagh trotzdem nicht sehr populär, da er zu viel auf Geheimdiplomatie hielt. Angriffe Lord Byrons, der sich in geradezu romantischer Weise für Griechenland engagierte, und weitere Drohungen gegen ihn und das gesamte Kabinett ließen ihn um sein Leben fürchten. Dazu kam als weitere Belastung die königliche Scheidungsaffäre, denn König Georg IV. trennte sich von seiner Gattin Karoline. All dies löste bei Castlereagh eine akute Paranoia aus. Weitere Verdächtigungen, die gegen ihn geäußert wurden, trieben ihn in den Selbstmord – ein tragisches Ende für einen großen Diplomaten.

CAMILLO GRAF BENSO DI CAVOUR
Der Visionär des italienischen Nationalstaates, der unermüdliche Betreiber der italienischen Unabhängigkeit und der Begründer des Königreiches Italien begann seine eigentliche politische Laufbahn bei der in Turin erscheinenden Zeitschrift »Il Risorgimento«. Der Titel dieses Blattes war Programm seines gesamten politischen Wirkens.
Cavour stammte väterlicherseits aus einer adeligen piemontesischen Familie, seine Mutter war eine zum Katholizismus konvertierte Genfer Calvinistin, Taufpatin war Napoleons Schwester Pauline, die mit Prinz Camillo Borghese verheiratet war. Seine früheste Erziehung und schulische Ausbildung erhielt er in der elterlichen Familie, als zweitgeborener Sohn wurde er für die militärische Laufbahn bestimmt, auch wenn ihn die Politik wesentlich mehr interessierte.
1820 wurde er in die Militärschule in Turin eingeschrieben, vier Jahr später zum Pagen von König Karl Albert bestellt. Seine radikal-liberale Gesinnung eckte jedoch an, man übte Druck auf ihn aus, die Armee zu verlassen. Daher quittierte er mit 21 Jahren den Militärdienst. Nun widmete er sich der Verwaltung des elterlichen Besitzes in Grinzane nahe Turin, von 1832 bis 1848 stand er der kleinen Gemeinde als Bürgermeister vor.
In dieser Zeit unternahm Graf Cavour zahlreiche Reisen durch Europa, studierte Politik und Landwirtschaft in Paris und Genf. Er soll ein schlechtes Italienisch gesprochen haben, das ihn den Italienern als Ausländer erschienen ließ. 1830 wurde er Zeuge der Julirevolution in Paris, was ihn in seinen liberalen Ansichten bestärkte. Das nachfolgende Regime von Louis Philippe führte ihm die Effizienz einer konstitutionellen Monarchie vor Augen. Und so sah er die Zukunft Italiens auf drei Säulen ruhend, nämlich Liberalismus, Nationalismus und technischem Fortschritt.
Mit der Wahl des liberalen Papstes Pius IX. im Jahr 1846 sah Cavour seine Stunde gekommen, 1847 gründete er die Zeitschrift »Il Risorgimento«, die ihm in Sardinien-Piemont zu großem Einfluss verhalf. Die europäischen Revolutionen des Jahres 1848, der Aufstand im Königreich beider Sizilien veranlassten König Karl Albert von Sardinien-Piemont eine Charta der Freiheiten für sein Königreich zu erlassen. Cavour vermochte den König zu überreden, Österreich den Krieg zu erklären. Mit dem Ausbruch des Aufstandes in Mailand war die beste Gelegenheit geboten, sich gegen Österreich zu erheben. Cavour richtete einen Aufruf an Karl Albert, sich der revolutionären Bewegung anzuschließen. Doch die Schlachten von Custozza und Novarra wurden zur Niederlage für Sardinien, die revolutionären Bewegungen in der Lombardei und im Veneto wurden niedergeschlagen. Der Geist der Revolution aber lebte weiter. Bei der Wahl zur sardischen Abgeordnetenkammer gewann Cavour einen Sitz, König Albert dankte zugunsten seines Sohnes Viktor Emanuel II. ab.
Nun begann Cavours eigentliche Karriere. 1850 übernahm er in der Regierung Massimo D’Azeglios das Landwirtschafts- und Handelsressort, 1851 das Finanzressort. Ein Jahr später hatte er den Regierungschef verdrängt und bestimmte fortan die gesamte Politik des Königreichs Sardinien. Er wurde zwar von Zeitgenossen als »Despot« und »Kampfhahn« bezeichnet, doch grundsätzlich vertrat er eine liberale Grundhaltung, die letztlich zur Basis des geeinten Königreiches Italien wurde. In Piemont leitete er eine Reform des Rechtswesens, der Wirtschaft, des Militärs und des Außenhandels ein, er organisierte die Verwaltung neu und trieb die Entwicklung der Wirtschaft durch Eisenbahnbauten an.
Cavour sorgte dafür, dass Sardinien 1855 an der Seite Englands und Frankreichs am Krimkrieg teilnahm und sich somit im Spiel der europäischen Mächte positionierte. Im Interesse Italiens spielte er Österreich und Frankreich gegeneinander aus. Der Pariser Friedenskongress von 1856 war für ihn das geeignete internationale Forum, vor dem er die Besetzung italienischer Gebiete durch Österreich an den Pranger stellen konnte. 1858 kam es zur Begegnung Cavours mit Napoleon III. in Plombières, bei der der Krieg gegen Österreich beschlossen wurde. Als Preis für seine Unterstützung verlangte Napoleon III. Nizza und Savoyen. Im April des nächsten Jahres begann der Feldzug, der in den Schlachten von Magenta und vor allem Solferino entschieden wurde. Infolge des überstürzten und unüberlegten Rückzuges der österreichischen Truppen auf Befehl von Kaiser Franz Joseph schloss Napoleon III. rasch den Waffenstillstand von Villafranca, ohne den piemontesischen Bundesgenossen zu konsultieren. Cavour war empört, da Sardinien nur die Lombardei erhielt und Österreich Venetien behielt, und trat zurück.
Doch schon wenige Monate später kehrte er wieder an die Spitze der Regierung zurück und schloss neuerlich ein Geheimabkommen mit Frankreich, diesmal war Savoyen betroffen. Cavour ermunterte Giuseppe Garibaldi, mit seiner Armee von tausend rot gekleideten Abenteurern von Genua nach Sizilien zu segeln. Nach dem Zusammenbruch des Königreiches Neapel wurden diese Gebiete dem Königreich Italien angeschlossen. Darauf folgte die Okkupation eines großen Teiles des Kirchenstaates. Im März 1861 wurde Viktor Emanuel II. zum König von Italien ausgerufen. Rom sollte die künftige Hauptstadt des geeinten Italien werden, doch konnte Cavour die völlige Einigung Italiens nicht mehr erleben.
Wegen seiner Kirchenpolitik – sein Grundsatz lautete »Freie Kirche im freien Staat« – wurde Cavour wiederholt exkommuniziert, trotzdem fühlte er sich immer der katholischen Kirche zugehörig. Schon Jahre vor seinem Tod sicherte er sich den Beistand eines katholischen Priesters für seine Todesstunde und damit ein kirchliches Begräbnis. Vincenzo Gioberti, Priester, Philosoph und Vordenker eines geeinten Italien, sagte über Cavour, dass ihm die »italienische Geisteshaltung« fehle, er sei vielmehr angelsächsisch in seinen Ideen und gallisch in seiner Sprache. Kein anderer Politiker trieb die Einigung Italiens so konsequent wie Cavour voran, und das unter Einsatz legaler Mittel. Cavour wollte sein Ziel nicht auf revolutionärem Wege durchsetzen, sondern eine legale Abschaffung des absolutistischen Systems erreichen.

CHIANG KAI-SHEK
Der Staatschef der nationalistischen Regierung Chinas auf Taiwan stammte aus einer in bescheidenem Wohlstand lebenden Händler- und Bauernfamilie. Seine Geburtstadt lag in der Provinz Chekiang nahe der Meeresküste. Mit 19 Jahren trat er in die Paoting-Militärakademie in Nordchina ein. In den Jahren 1907 bis 1911 diente er in der japanischen Armee, deren spartanische Ideale er bewunderte und für sich persönlich übernahm. Auch andere in Tokio lebende chinesische Kameraden übten einen großen Einfluss auf ihn aus. Im Sinne einer nationalen Denkweise setzte er sich das Ziel, China von der als fremd empfundenen Mandschu-Dynastie zu befreien. Um dieses Vorhaben zu erreichen, schien ihm eine republikanische Regierungsform geeignet.
Als 1911 in China Unruhen ausbrachen, kehrte Chiang nach China zurück, schloss sich den revolutionären Truppen an und half, die Mandschu-Dynastie zu stürzen. Zwischen 1913 und 1918 nahm Chiang an sämtlichen revolutionären Kämpfen teil, auch an den Unruhen gegen den Möchtegern-Kaiser Yüan Shihk’ai. Zwischenzeitlich tauchte er in Shanghai unter, wo er zu der Geheimgesellschaft Green Gang gehörte, die durch Finanzmanipulationen Geld beschaffte.
1918 kehrte er wieder in das öffentliche Leben zurück und schloss sich Sun Yat-sen an, dem Führer der nationalistischen Partei Kuomintang. Chiang Kai-shek nützte seine enge Beziehung zu Sun Yat-sen und baute darauf seine eigene Macht aus. Er wollte ein wiedervereinigtes China, das seit dem Sturz von Yüan in gegeneinander Krieg führende Satrapien zerfallen war.
Großes Vorbild für die Kuomintang war die Sowjetunion, die Chiang 1923 besuchte, vor allem um den Aufbau der Roten Armee zu studieren. Wieder zurück in China wurde er zum Leiter der Militärakademie in Whampoa, nahe Kanton, bestellt, die er nach sowjetischem Vorbild umorganisierte. In dieser pro-sowjetischen Phase lebten auch zahlreiche russische Berater in China, das Verhältnis zu den Kommunisten war ein so enges, dass sie sogar in die Kuomintang aufgenommen wurden und nach dem Tod Sun Yat-sens 1925 zunehmend an Einfluss gewinnen konnten. Daraus resultierten aber auch Differenzen zwischen den konservativeren Mitgliedern der Kuomintang und den Kommunisten. Chiang, der sich als politischer Erbe Sun Yat-sens fühlte, versuchte den Einfluss der Kommunisten zurückzudrängen, ohne jedoch die sowjetische Unterstützung zu verlieren. Bis 1927 konnte Chiang auf die Hilfe aus Moskau rechnen, doch als er in einem blutigen Aufstand mit den Sowjets brach, war es mit der Achse Moskau-China vorbei.
Chiang schloss sich der Nationalpartei an, unterdrückte aber die von ihr gegründeten Gewerkschaften. Seit 1925 Kommandant der nationalen Armee, startete er eine massive Kampagne gegen die Warlords im Norden Chinas und eroberte 1928 Peking. In Nanking kam es zur Gründung einer nationalen Regierung unter Chiangs Führung.
1930 konvertierte Chiang unter dem Einfluss der mächtigen Soong-Familie, deren jüngste Tochter Mei-ling er in zweiter Ehe geheiratet hatte, zum Christentum. Nun konzentrierte sich Chiangs Regierungsprogramm auf soziale Reformen, doch vermochte er das Land nicht unter seine Kontrolle zu bekommen. Vor allem die provinziellen Warlords, die er nicht gänzlich ausschalten hatte können, stellten ihn laufend in Frage.
Die Kommunisten wiederum hatten sich aufs Land zurückgezogen, eine eigene Regierung gebildet – und sie sammelten eine Armee. Eine weitere Front eröffnete sich für Chiang durch den unausweichlichen Konflikt mit dem expandierenden Japan, das 1931 die Mandschurei erobert hatte und nun Anstalten machte, in China, das durch den Bürgerkrieg geschwächt erschien, einzumarschieren. Chiang entschied sich dafür, zuerst die Kommunisten zu bekämpfen und sich dann mit Japan auseinanderzusetzen. Diese Strategie wurde von seinen Anhängern abgelehnt, es kam zu heftigen internen Konflikten, vor allem weil Chiang keinen entscheidenden Sieg über die Kommunisten erringen konnte.
Um der chinesischen Nation einen moralisch engeren Zusammenhalt zu geben, belebte Chiang den Konfuzius-Kult neu. 1934 startete er eine Kampagne, die er »Bewegung Neues Leben« nannte. Das neue Gedankengut sollte die moralischen Vorstellungen des Konfuzius unter das Volk bringen – angesichts der hungernden Millionen ein sinnloses Unterfangen.
1937 brach der Krieg mit Japan aus. Chiang sah sich gezwungen, den Krieg mit den Kommunisten abzubrechen und eventuell mit Hilfe der Kommunisten gegen die Japaner zu kämpfen. Bis zum Kriegseintritt Amerikas 1941 blieb China völlig auf sich allein gestellt, dann erst erklärten die übrigen Alliierten, abgesehen von der Sowjetunion, Japan den Krieg. Dadurch gewann die Kuomintang-Regierung ihren Platz in der Reihe der Siegermächte, die nach 1945 den Ton angaben. Daher rührt auch Taiwans Platz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
Doch Chiangs Regime litt zusehends unter einem Imageverlust. Die internationale Gemeinschaft nahm mit Missstimmung auf, dass Chiang nach der Kapitulation Japans wieder den Kampf gegen die Kommunisten aufnahm. Denn damit stürzte er das Land 1946 neuerlich in einen Bürgerkrieg, den er nicht gewinnen konnte. 1949 musste er den Kommunisten weichen und zog sich mit dem Rest seiner Getreuen nach Taiwan zurück, wo er eine gemäßigte Diktatur errichtete. In China selbst wurde die Volksrepublik ausgerufen.
Mit Hilfe der USA wandelte Chiang Kai-shek Taiwan in den nächsten zwei Dezennien zu einem modernen Industriestaat um, der aber stets von China bedroht blieb. 1955 erreichte er noch eine Vereinbarung mit den USA, die die Verteidigung Taiwans garantierte. Doch Anfang der 1970er-Jahre, als es zu einer generellen Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China kam, verlor dieses Abkommen zusehends an Wert. Die Möglichkeiten des riesigen chinesischen Festlandmarkts waren zu verlockend. Auch bot Chiangs Regime zu viele Angriffsflächen – korrupt und versteinert war es den Anforderungen einer sich verändernden internationalen Lage nicht gewachsen. Zuletzt setzte Chiang nur mehr auf persönliche Seilschaften, vor allem aus dem Bereich der Armeeclique.
Nach Chiangs Tod brachen die USA sogar die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan ab, um ebensolche mit der Volksrepublik China aufnehmen zu können.
Am meisten hatte Chiang geschadet, dass er seine bestens ausgebildete Armee kaum gegen die Japaner im eigenen Land einsetzte, sondern diese Aufgabe den Amerikanern überließ. Er wollte seine Streitkräfte für den Einsatz gegen die Kommunisten schonen, was ihn die Sympathien der Bevölkerung kostete. Für Chiang stand diese Auseinandersetzung im Zentrum seiner Interessen, während er die desolate wirtschaftliche und soziale Lage vernachlässigte. Und das in einem Land, in dem 90 Prozent der Bevölkerung Agrarwirtschaft betrieben – und dabei hungerten.

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