Czytaj książkę: «Neukirchener Bibel - Das Alte Testament»

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Irmgard Weth

NEUKIRCHENER BIBEL
DAS ALTE TESTAMENT

neu erzählt und kommentiert


Vorwort

„Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise

geredet hat zu den Vorfahren durch die Propheten,

hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“

Hebr 1,1

Was ist das Geheimnis der Bibel? Worin liegt ihre eigentümliche Faszination? Warum werden Menschen bis heute von ihrer Botschaft ergriffen? Es ist das Zeugnis von dem Einen Gott, der auf vielfache Weise zu Menschen gesprochen hat und spricht. Es ist das eine Wort Gottes, das verborgen die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht und in Jesus Christus seine Mitte hat. Alle Erfahrungen der Menschen, Freude und Leid, Hoffnung und Enttäuschung, Zeiten der Gottesnähe und Zeiten der Gottesferne, sind von diesem Wort umschlossen.

Das ist die verheißungsvolle Botschaft, die das Alte Testament für uns bereithält. Zu Unrecht trägt dieser Teil der Bibel den Namen „Altes“ Testament. Er ist durch das Neue Testament weder überholt noch widerlegt. Vielmehr führt er uns an den Anfang und auf den Grund unseres Glaubens zurück und lädt dazu ein, die Botschaft der Bibel ganz neu und von Anfang an zu buchstabieren. Dabei werden wir die überraschende Entdeckung machen, dass der Gott des Alten Testaments – entgegen vielen Vorurteilen gegenüber dem sog. „alttestamentarischen Gott“ – ein Gott der Liebe ist. „Wo ist solch ein Gott, wie du bist?“, ruft der Prophet Micha aus, überwältigt von Gottes vergebender Liebe (Mi 7,18). Und staunend bekennt die Gemeinde in den Psalmen: „Wer ist wie der Herr, unser Gott, der oben thront in der Höhe und der den Geringen aufrichtet aus dem Staub?“ (Ps 113,5–7). Es ist das Staunen über den Weg Gottes, der in die Tiefen der Menschheit herabsteigt und den Menschen nahekommt. Das ist die gute Nachricht, das „Evangelium“ des Alten Testaments, das zu Recht auch das „Erste Testament“ genannt wird. Es ist der verborgene Schatz, den es in diesem alten Buch neu zu entdecken gilt. Der Vater Jesu Christi ist kein anderer Gott als der, „der Himmel und Erde geschaffen hat“, und der sich seinem Volk als „der Herr, dein Gott“ offenbart hat (Ex 20,2).

Der vorliegende Band möchte die Leserinnen und Leser mit auf den Weg nehmen, den die Schriften des Alten Testaments selbst vorgeben. Auf diesem langen, aber lohnenden Weg will er uns die Botschaft dieses alten Buchs neu erschließen. In Entsprechung zu den drei großen Kapiteln des Alten Testaments – Geschichtsbücher, Prophetische Bücher und Lehrbücher – beschreibt er den Weg des Wortes Gottes in drei Schritten: (1) Gottes Wort in der Geschichte seines Volkes, (2) Gottes Wort im Wort der Propheten, (3) Gottes Wort in der vielstimmigen Antwort der Gemeinde auf sein Wort.

Dabei sind vorweg zwei grundlegende Fragen zu klären:

(1) Wie soll in diesem Band von Gott geredet werden? Gott hat sich Mose mit seinem Namen offenbart (Ex 3,14) und bleibt doch der Unfassbare, der sich dem Zugriff des Menschen entzieht. In jüdischer und auch in christlicher Tradition wird dem dadurch Rechnung getragen, dass der Gottesname JHWH nicht ausgesprochen, sondern durch die Anrede „Herr“ (hebr. „adonaj“ ) ersetzt wurde. Als Ausdruck der Ehrerbietung gegenüber dem heiligen Gott wird sie in dieser Ausgabe bewusst beibehalten und nicht durch andere Gottesnamen ersetzt.

(2) Wie können die Texte der Bibel in die Sprache unserer Zeit übersetzt werden und dennoch ihrem eigenen Anspruch als verbindliches Wort gerecht werden? Voraussetzung dafür ist, dass wir den Texten zutrauen, dass sie in jeder Zeit und zu allen Menschen sprechen, dass wir sie ausreden lassen und ihnen nicht ins Wort fallen. Dies gilt auch für die Textfassungen in diesem Band. Sie sind aus dem ständigen Dialog mit den biblischen Originaltexten hervorgegangen und möchten diese in unserer Zeit neu zum Klingen bringen.

Dabei folgt die vorliegende Ausgabe des Alten Testaments nachstehenden Leitlinien:

Alle Bücher des Alten Testaments

kommen in ihrer Vielstimmigkeit zur Sprache. Die Auswahl und der Umfang der Texte richtet sich nach ihrem jeweiligen Inhalt. Durch sie soll sich ein repräsentatives Bild des Ersten Testaments und seiner besonderen Botschaft ergeben. Ergänzende Texte aus den apokryphen Schriften konnten nur in Ausnahmen berücksichtigt werden.

Der jeweiligen Textfassung

liegen neben der hebräischen Textvorlage verschiedene Übersetzungen zu Grunde. Die Texte orientieren sich aber vorzugsweise an der revidierten Fassung der Lutherbibel (1984). Zum einen, weil die Sprache Martin Luthers in ihrer Dichte, in ihrer Ausdruckskraft und in ihrem Sprachrhythmus Maßstäbe gesetzt hat, an der sich die eigene Textfassung zu messen hat. Zum andern, weil sich die Neukirchener Bibel in der Tradition Martin Luthers versteht und vertraute Texte auch bei behutsamen Veränderungen wiedererkennbar bleiben sollten. Bei der Gestaltung der Texte wurde vor allem auf den Sprachfluss und auf den Rhythmus der Sprache geachtet. Dabei war die eigene Erfahrung leitend, dass sich die Texte der Bibel oft erst bei lautem Lesen und bei fortlaufender Lesung voll erschließen.

Die Einführungen

zu den einzelnen Büchern stellen den jeweiligen geschichtlichen Zusammenhang her und zeigen die inhaltlichen Schwerpunkte ihrer Botschaft auf. Sie sind vor allem als Hilfe zum eigenen Bibelstudium zu verstehen.

Die Kommentare

im Anschluss an die biblischen Texte möchten einen eigenen Zugang zu den Textaussagen erschließen. Dies gilt insbesondere für jene Texte, die uns fremd und widersprüchlich erscheinen.

Die Psalmen

bilden einen eigenen Schwerpunkt in dieser Ausgabe. Zum einen sind sie den Erzähltexten zugeordnet, wo immer es die Psalmtexte selbst nahelegen. Zum anderen werden am Ende des Buches ausgewählte Psalmgebete aus dem Psalter vorgestellt. Die dazugehörigen Meditationen möchten dazu anregen, eine eigene Antwort auf die Psalmen zu formulieren.

Dieser Band wäre ohne intensive Begleitung nicht zustande gekommen. Zuerst danke ich meinem Mann, Dr. Rudolf Weth, der das Projekt von Anfang an unterstützt, beraten und begleitet hat. Ferner danke ich dem Verlag für seine vielfache Unterstützung, und stellvertretend für viele andere danke ich Nicole Rupschus für die sorgfältige und theologisch fundierte Durchsicht des Manuskripts. Mein Dank gilt aber vor allem Birgit Schubert, Mitarbeiterin im Neukirchener Kalenderverlag. Durch ihren unschätzbaren Einsatz, ihre kontinuierliche Begleitung und kompetente Beratung hat sie entscheidenden Anteil an der Gestaltung und Fertigstellung dieser Buchausgabe.

Allen, die sich auf den Weg machen wollen, das Alte Testament neu zu entdecken, wünsche ich, dass sie sich von dessen einzigartiger Botschaft fesseln lassen. Denn:

„Unwiderlegbar, unzerstörbar, nie abgenutzt durch die Zeit wandert die Bibel durch die Zeitalter. Ohne Zögern schenkt sie sich allen Menschen. In 3000 Jahren ist sie nicht um einen Tag gealtert. Ihre Kraft wird nicht geringer. Tatsächlich steht sie erst am Anfang ihrer Wirksamkeit. Noch heute ist es, als sei sie nie angerührt worden, als hätten wir nicht einmal damit begonnen, sie zu lesen.“

Abraham Joshua Heschel

Neukirchen-Vluyn, im September 2014

Irmgard Weth

Inhaltsverzeichnis

1  I. Die Botschaft der Geschichtsbücher Der Anfang Die Urgeschichte – Genesis 1–11 Im Anfang – Das 1. Buch Mose / Genesis 1 Vom Ursprung der Menschheit – Genesis 2–11 Mann und Frau (Gen 2) Der Fall des Menschen (Gen 3) Kain und Abel (Gen 4) Noah (Gen 6–9) Der Turm (Gen 11) Vom Ursprung des Volkes Gottes – Das 1. Buch Mose / Genesis 12–50 Abraham – Vater vieler Völker – Genesis 12–24 Abram und Sarai (Gen 12) In Ägypten (Gen 12) Lot (Gen 13) Melchisedek (Gen 14) Nacht (Gen 15) Hagar (Gen 16) Der Bund (Gen 17) Der Besuch (Gen 18) Sodom (Gen 19) Abimelech (Gen 20) Ismael (Gen 21) Isaak (Gen 22) Hebron (Gen 23) Isaak und Rebekka (Gen 24) Isaak und die Philister (Gen 26) Jakob – Stammvater Israels – Genesis 25–49 Jakob und Esau (Gen 25) Der Betrug (Gen 27) Bethel (Gen 28) Rahel und Lea (Gen 29) Jakobs Söhne (Gen 29,31ff) Israel (Gen 32f) Dina (Gen 34) Juda und Tamar (Gen 38) Josef und seine Brüder – Genesis 37–50 Josef (Gen 37) In Ägypten (Gen 39) Im Gefängnis (Gen 40) Josef vor Pharao (Gen 41) Die Brüder (Gen 42) Die Versöhnung (Gen 43ff) Josef lebt! (Gen 46) Jakob in Ägypten (Gen 47) Jakobs Segen (Gen 48f) Jakobs Tod (Gen 50) Der Weg in die Freiheit Der Auszug aus Ägypten – Das 2. Buch Mose / Exodus 1–15 Israel in Ägypten (Ex 1) Mose (Ex 2) Mose in der Wüste (Ex 2) Moses Berufung (Ex 3f) Mose und Aaron (Ex 4ff) Die Plagen (Ex 7ff) Passa (Ex 11ff) Durch das Schilfmeer (Ex 14/15) Der Bund am Sinai – Das 2. Buch Mose / Exodus 15–40 Mara (Ex 15,22ff) Manna (Ex 16) Feinde (Ex 17) Jitro (Ex 18) „Ich bin der Herr, dein Gott“ (Ex 19–24) Das goldene Kalb (Ex 32) Moses Fürbitte (Ex 33–34) Das Zelt (Ex 25ff/35ff) Rechte und Ordnungen – Das 3. Buch Mose / Levitikus Das Priesteramt (Lev 8ff) Der Versöhnungstag (Lev 10/16) „Ihr sollt heilig sein!“ (Lev 19/25) „Ich will unter euch wohnen.“ (Lev 26) In der Wüste – Das 4. Buch Mose / Numeri Aarons Segen (Num 6,22ff) Aufbruch (Num 10,11ff) Das verdrossene Volk (Num 11) Aufstand (Num 13f) Korach (Num 16f) Kadesch (Num 20) Schlangen (Num 21) Bileam (Num 22) Bileams Segen (Num 23f) Moses Vermächtnis – Das 5. Buch Mose / Deuteronomium Rückblick (Dtn 1ff) Ausblick (Dtn 12ff) Heute! (Dtn 26ff) Moses Segen und Tod (Dtn 31–34) Das Lied Moses (Dtn 32,4ff) Die Frühzeit Israels Einzug ins Land – Das Buch Josua Josua (Jos 1) Rahab (Jos 2) Durch den Jordan (Jos 3ff) Jericho (Jos 6) Ai (Jos 7f) Gibeon (Jos 9f) Die zwölf Stämme (Jos 12ff) Josuas Vermächtnis (Jos 23/24) Die Zeit der Richter – Das Buch der Richter Die Richter (Ri 1f) Debora (Ri 5f) Gideon (Ri 6ff) Gideon und die Midianiter (Ri 7–8) Jotam (Ri 9) Jeftah (Ri 10) Simson (Ri 13) Simson und die Philister (Ri 14f) Simsons Fall (Ri 16) Simsons Ende (Ri 16) Ende und Neuanfang – Das Buch Rut Noomi (Rut 1) Rut und Boas (Rut 2/3) Die Lösung (Rut 4) Die Anfänge des Königtums Samuel – Wegbereiter der Könige – 1. Samuel 1–12 Samuels Geburt (1. Sam 1) Das Lied der Hanna (1. Sam 2) Samuel in Silo (1. Sam 2) Samuels Berufung (1. Sam 3) „Ikabod“ (1. Sam 4) Die Bundeslade (1. Sam 5f) Eben-Ezer (1. Sam 7) „Gib uns einen König!“ (1. Sam 8) Saul – der erste König – 1. Samuel 9–31 Die Salbung (1. Sam 9f) Die Wahl (1. Sam 10) Sauls erster Sieg (1. Sam 11) Samuels Vermächtnis (1. Sam 12) Saul und die Philister (1. Sam 13) Saul und Jonatan (1. Sam 14) Sauls Fall (1. Sam 15) David – der künftige König – 1. Samuel 16–30 Die Salbung (1. Sam 16) David bei Saul (1. Sam 16) David und Goliat (1. Sam 17) David am Hof des Königs (1. Sam 18f) David und Jonatan (1. Sam 20) David auf der Flucht (1. Sam 21f) David in der Höhle (1. Sam 24) David und Abigajil (1. Sam 25) Letzte Begegnung (1. Sam 26) Sauls Ende (1. Sam 28–31) Das Königreich Davids König David (2. Sam 1–5) Die Bundeslade (2. Sam 6) Der Davidbund (2. Sam 7) David und Mefi-Boschet (2. Sam 8) David und Batseba (2. Sam 11) David und Nathan (2. Sam 12) Amnon und Tamar (2. Sam 13) Absalom (2. Sam 15) Absaloms Ende (2. Sam 16–19) Neuanfang (2. Sam 24) Die Geschichte der Könige König Salomo (1. Kön 1–3) Salomos Weisheit (1. Kön 3,16ff) Salomos Friedensreich (1. Kön 4f/10) Der Bau des Tempels (1. Kön 5–8) Salomos Ende (1. Kön 9/11) Das geteilte Königreich – 1. Kön 12 – 2. Kön 17 Die Reichsteilung (1. Kön 11f) Jerobeam (1. Kön 12–14) Ahab (1. Kön 16/18) Der Prophet Elia – 1. Kön 17 – 2. Kön 2 „Dein Sohn lebt!“ (1. Kön 17) „Der Herr ist Gott!“ (1. Kön 18) In der Wüste (1. Kön 19) Nabot (1. Kön 21) Ahabs Ende (1. Kön 22) Der Prophet Elisa – 2. Könige 4–9 Elisa (2. Kön 2) Die Witwe (2. Kön 4,1ff) Die Frau aus Schunem (2. Kön 4,8ff) Naaman (2. Kön 5) Das Friedensmahl (2. Kön 6,1ff) Samaria (2. Kön 6,24ff) Jehu (2. Kön 9–10) Das Ende des Königreichs Israel (2. Kön 11–17) Die Könige Judas – Das 1./2. Buch der Chronik Abija (2. Chron 13) Asa (2. Chron 14ff) Joschafat (2. Chron 17ff) Atalja und Joasch (2. Chron 22ff) Hiskia (2. Chron 29ff) Josia (2. Chron 33ff) Das Ende des Königreichs Juda (2. Chron 36) Unter persischer Herrschaft Das Buch Esra Heimkehr (Esra 1–2) Der neue Tempel (Esra 3–5) Esras Reform (Esra 7–10) Das Buch Nehemia Nehemia (Neh 1–2,10) Die Mauer (Neh 2f) Widerstand (Neh 4–6) Das Fest (Neh 8–13) Das Bußgebet der Gemeinde (Neh 9) Das Buch Ester Das Fest des Königs (Est 1) Ester (Est 2–3) Esters Bitte (Est 4) Die Wende (Est 5–7) Das Purimfest (Est 8–10)

2  II. Die Botschaft der prophetischen Bücher Die Propheten im 8. Jahrhundert v.Chr. Der Prophet Amos Die Visionen des Amos (Am 7) Amos in Samaria (Am 1–3) Amos in Bethel (Am 4–6) Ausblick (Am 8–9) Der Prophet Hosea Hurenkinder (Hos 1–2) Treuebruch (Hos 2,7ff) Reuige Rückkehr (Hos 3) Gottes Klage (Hos 4–10) „Wie kann ich dich preisgeben?“ (Hos 11ff) Der Prophet Micha „Klagen muss ich“ (Mi 1–3) „Er wird der Friede sein“ (Mi 4–5) „Es ist dir gesagt, Mensch“ (Mi 6) „Wo ist ein Gott wie du?“ (Mi 7) Der Prophet Jesaja 1–39 Texte aus der Frühzeit: Jerusalem und sein König – Jesaja 1–12 „Hört, der Herr redet!“ (Jes 1) Der Weinberg (Jes 5) Die Berufung (Jes 6) „Immanuel“ (Jes 7) „Uns ist ein Kind geboren“ (Jes 8–9) Der Friedenskönig (Jes 10–11) Texte aus der Spätzeit: Jerusalem im Völkersturm – Jesaja 13–39 Barfuß und nackt (Jes 20) Der Drohbrief (Jes 36–37) Schonfrist (Jes 38–39) Visionen der Heilszeit – Jes 2/11/19/25f/35 Das neue Gottesvolk (Jes 2) Das Friedensreich des Messias (Jes 11) Heilung der Völker (Jes 19) Festmahl auf dem Zion (Jes 25f) Heimkehr nach Zion (Jes 35) Die Propheten im 7./6. Jahrhundert v.Chr. Der Prophet Jeremia Die Berufung (Jer 1) „Ich denke an deine Liebe“ (Jer 2–4) Der Prüfer (Jer 5–6) Die Tempelrede (Jer 7 und 26) „Was kann mich noch trösten?“ (Jer 7–9) In Anatot (Jer 11–12) Der Gürtel (Jer 13–15) Der Krug (Jer 18–20) Die Schriftrolle (Jer 36/22f) Das Joch (Jer 27–28) Der Brief (Jer 29) Gefangen (Jer 21/37) In der Zisterne (Jer 38) Der Acker (Jer 32/38) Nach Ägypten (Jer 39–45) Die künftige Heilszeit – Jeremia 30–33 Die Propheten Zefanja/Nahum/Habakuk/Obadja Der Prophet Zefanja – Zefanja 1–3 Der Prophet Nahum – Nahum 1–3 Der Prophet Habakuk – Habakuk 1–3 Der Prophet Obadja Die Klagelieder „Wie verlassen liegt die Stadt“ (Klgl 1) „Gottes Güte hat kein Ende“ (Klgl 3/5) Die Propheten in der Exilszeit Der Prophet Hesekiel (Ezechiel) Die Berufung (Hes 1–3) Der Wächter (Hes 3) Die Zeichen (Hes 4–5) „Du sollst leben!“ (Hes 16) „Kehrt um!“ (Hes 18) „Ich bin der Herr, euer Gott!“ (Hes 20) „Ich will das Verlorene suchen“ (Hes 34) Ein neues Herz (Hes 36) Neues Leben (Hes 37) Die neue Stadt (Hes 40–48) Jesaja 40–55 „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jes 40,1–11) „Er gibt dem Müden Kraft“ (Jes 40,12–31) „Fürchte dich nicht!“ (Jes 41) „Ich habe dich erlöst“ (Jes 43) „Ihr seid meine Zeugen“ (Jes 44,1–23) „Ich, ich bin der Herr“ (Jes 44,24–48,22) „Der Herr tröstet Zion“ (Jes 49–54) Ein „ewiger Bund“ (Jes 55) Die Lieder vom Knecht Gottes Erwählt (Jes 42) Berufen (Jes 49) Angefeindet (Jes 50,4ff) Erniedrigt und erhöht (Jes 52,13–53,12) Die Propheten in nachexilischer Zeit Jesaja 56–66 „Macht Bahn! Macht Bahn!“ (Jes 57) „Steh auf! Werde licht!“ (Jes 58/60) „Frohe Botschaft den Armen!“ (Jes 61) „Reiß den Himmel auf!“ (Jes 62/63) Ausblick (Jes 65/66) Die Propheten Haggai und Sacharja Der Prophet Haggai „Mein Geist soll unter euch bleiben“ (Hag 1f) Der Prophet Sacharja – Sacharja 1–8 „Ich will bei dir wohnen“ (Sach 1ff) Ausblick (Sach 8) Der Prophet Maleachi „Ich habe euch lieb“ (Mal 1–2) „Siehe, er kommt!“ (Mal 3) Epilog (Mal 3,22ff) Der Prophet Joel Der „Tag des Herrn“ (Joel 1–4) Das Buch Jona Der Prophet Jona (Jona 1–2) Jona in Ninive (Jona 3–4) Das Buch Daniel Daniel in Babylon (Dan 1) Der Traum des Königs (Dan 2) Das Standbild des Königs (Dan 3) Wahnsinn (Dan 4) Mene Tekel (Dan 5) In der Löwengrube (Dan 6) Visionen der Zukunft Der Menschensohn (Dan 7) Daniels Bußgebet (Dan 9) Ausblick (Dan 11/12)

3  III. Die Botschaft der Lehrbücher Das Buch der Sprüche Wege zur Weisheit (Spr 1–7) Vom Geheimnis der Weisheit (Spr 8) Lebensweisheiten (Spr 10–22) Am Ende (Spr 30/31) Das Buch des Kohelet (Prediger) Alles Leben ist nichtig (Koh 1–2) Alles hat seine Zeit (Koh 3–4) Was ist Weisheit? (Koh 6–8) Freue dich am Leben! (Koh 9–12) Das Hohelied Hochzeitslied (Hld 4–5) Das Buch Hiob Hiob (Hiob 1) Hiobs Leiden (Hiob 2) Hiobs Klage (Hiob 3) Hiob und die Freunde (Hiob 4–19) Hiobs letzte Rede (Hiob 27–31) Die Antwort (Hiob 38–42) Der Psalter Glückwunsch – Psalm 1 Psalm 1 Glückwunsch Mein Gott, warum? – Psalm 22 Psalm 22 Der Herr ist mein Licht und mein Heil – Psalm 27 Psalm 27 Mein Trost Meine Zeit in Deinen Händen – Psalm 31 Psalm 31 Meine Zeit in deinen Händen Ich will den Herrn loben allezeit – Psalm 34 Psalm 34 Schmeckt und seht! Wo ist nun dein Gott? – Psalm 42 / 43 Psalm 42 / 43 Gott, wo bist du? Herr, ich vertraue auf dich! – Psalm 71 Psalm 71 Gebet im Alter Wie liebe ich deine Wohnung! – Psalm 84 Psalm 84 In Gottes Nähe Köstlich ist es, dem Herrn zu danken – Psalm 92 Psalm 92 Mein Danklied Lobe den Herrn, meine Seele! – Psalm 103 Aus voller Kehle Dankt dem Herrn, denn er ist gut! – Psalm 118 Psalm 118 Reisesegen – Psalm 121 Psalm 121 Der Herr behüte dich! Du bist da – Psalm 138 / 139 Psalm 138 „Du erhörst mein Gebet“ Psalm 139 „Deine Hand hält mich“ Dich will ich loben immer und ewig – Psalm 145 Psalm 145 Halleluja! – Psalm 150 Halleluja Ausklang Freude an Gottes Wort – Psalm 119

4 Karten

5 Zeittafel

Psalmenverzeichnis

Psalmen, die den Texten in diesem Buch zugeordnet sind:

1  Psalm 2

2  Psalm 8

3  Psalm 10

4  Psalm 11

5  Psalm 14

6  Psalm 21

7  Psalm 23

8  Psalm 48

9  Psalm 51

10  Psalm 55

11  Psalm 56

12  Psalm 57

13  Psalm 59

14  Psalm 69

15  Psalm 72 (1)

16  Psalm 72 (2)

17  Psalm 74

18  Psalm 75

19  Psalm 77

20  Psalm 79

21  Psalm 81

22  Psalm 89

23  Psalm 95

24  Psalm 100

25  Psalm 103

26  Psalm 104

27  Psalm 105

28  Psalm 106

29  Psalm 107

30  Psalm 111

31  Psalm 113

32  Psalm 115

33  Psalm 116

34  Psalm 118

35  Psalm 122

36  Psalm 124

37  Psalm 126

38  Psalm 132

39  Psalm 139 (1)

40  Psalm 139 (2)

41  Psalm 146

I. Die Botschaft der Geschichtsbücher

„Was wir gehört und erfahren haben,

und unsere Vorfahren uns erzählt haben,

das wollen wir ihren Nachkommen

nicht verschweigen.

Wir verkünden ihnen die großen Taten,

die Gott getan hat.“

nach Psalm 78,3ff

Die Geschichtsbücher des Alten Testaments enthalten das vielstimmige Zeugnis von der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Sie umfassen einen Zeitraum von über 1000 Jahren, der von den ältesten überlieferten Texten bis zur endgültigen Festlegung der Bücher des Alten Testaments reicht. Ihr verbindendes Thema ist die Geschichte Israels im Horizont der Weltgeschichte. Im Unterschied zu profaner Geschichtsschreibung erfassen die Geschichtsbücher des Alten Testaments nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt der Weltgeschichte. Und doch haben ihre Zeugnisse die Geschichte der Menschheit bleibend geprägt, weil in ihnen Gott als der Herr aller Geschichte bezeugt wird.

Das macht die Eigenart der Geschichtsbücher des Alten Testaments aus: Sie sind ganz in der Geschichte verwurzelt – und gehen doch in ihr nicht auf. Sie konzentrieren sich in ihrer Darstellung auf einen begrenzten Raum in der Geschichte – und doch sprengt ihre Geschichte Raum und Zeit, weil sie sich zu dem einen Gott als dem Herrn aller Menschen bekennen, dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören. Sie enthalten Zeugnisse aus vielen Jahrhunderten – und doch wollen sie nicht nur als historische und literarisch wertvolle Zeugnisse wahrgenommen werden, sondern als Gottes Wort, vermittelt durch Menschen, die sein Wort und Wirken in der Geschichte erfahren haben. Sie alle stehen in einer Kette von Zeugen, an deren Anfang nicht nur ein Name steht. Vielmehr sind sie Ausdruck des vielstimmigen Chors der Gemeinde aus vielen Jahrhunderten.

Dies gilt insbesondere für die 5 Bücher Mose, die in den christlichen Bibeln nüchtern als „Pentateuch“ (wörtl. die in fünf Krügen aufbewahrten Schriftrollen) bezeichnet werden. Ganz anders dagegen die Hebräische Bibel: Nach jüdischem Verständnis sind sie nicht nur als Geschichtsbücher zu verstehen. Sie enthalten vielmehr das Herzstück der Bibel, die Tora, Gottes Weisung und Wort, wie sie im Ersten Gebot zusammengefasst ist: „ICH bin der Herr dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (Ex 20,1). Dieses Wort bildet die heimliche Mitte der 5 Bücher Mose. Von dieser Mitte aus wird die Geschichte des Volkes Gottes von seinen Anfängen bis zum Einzug ins Land Kanaan entfaltet.

Auf dieser Grundlage bauen auch die folgenden Bücher auf. Sie werden in den christlichen Bibelausgaben, abweichend von der Hebräischen Bibel, als zweiter Teil der Geschichtsbücher bezeichnet. Zu ihnen gehören die Bücher Josua, Richter, das 1. und 2. Buch Samuel und die beiden Bücher der Könige. Alle diese Bücher sind Teil eines großen Geschichtswerks, das den Aufstieg und Niedergang des Königtums in Israel, einschließlich ihrer Vorgeschichte beschreibt. Ihre Leitfrage lautet: Wie hat das Volk Gottes im Lauf seiner Geschichte seinen Glauben in der Auseinandersetzung mit anderen Völkern bewahrt?

Die letzten Geschichtsbücher Esra, Nehemia und Ester. beschreiben die Zeit nach der Heimkehr des Volkes aus dem babylonischen Exil. An ihnen wird die Treue Gottes erkennbar, der trotz Israels Versagen an seinem Volk und an seiner Zusage festhält und seinem Volk im Land der Verheißung einen Neuanfang schenkt.

Das 1. Buch Mose / Genesis

Der Anfang

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ So vielsagend beginnt das erste Buch der Bibel. Damit bekundet es gleich zu Anfang, von wem in diesem Buch die Rede sein soll. Es ist der Eine Gott, der schon vor allem Anfang an da war, noch ehe die Welt geschaffen war, der Anfang und Ende der Zeit umschließt und der darum auch am Anfang allen Nachdenkens über Gott und die Welt steht. Er ist es, der durch sein Wort alles geschaffen hat und sich in der Geschichte der Menschheit auf vielfache Weise offenbart hat.

Das ist das große Thema, das sich von Anfang bis Ende durch alle Bücher der Bibel zieht. Es ist aber in besonderer Weise das Thema des ersten Buches. Wie schon sein Name „Genesis“ anzeigt (dt. Ursprung, Anfang), erzählt es von den Anfängen der Welt, der Menschheit und des Volkes Gottes, die alle ihren Ursprung in Gott haben. Durch sein Wort ist die Welt und der Mensch geschaffen. Durch dasselbe Wort wurde Gottes Volk ins Leben gerufen und zum Segen für die ganze Menschheit gemacht.

Mit diesem Bekenntnis zu Gott als dem alleinigen Ursprung allen Lebens begegnet das Genesisbuch gleich zu Anfang dem Missverständnis, als enthalte dieses erste Buch nur Mythen und alte Geschichten aus grauer Vorzeit. Vielmehr befasst es sich mit den grundlegenden und bleibend aktuellen Menschheitsfragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wozu lebe ich? Wohin treibt unsere Welt? Das Genesisbuch entfaltet diese Fragen in Form einer fortlaufenden Erzählung. In ihr verdichtet sich eine Fülle menschlicher Erfahrungen, die in ihrer ungeschönten Menschlichkeit alle Höhen und Tiefen des Menschseins ausloten. Aber gerade als solche gibt sie Zeugnis von Gottes offenbarem und verborgenen Wirken in, mit und durch Menschen.

Diese Erzählung ist das Ergebnis eines langen mündlichen und schriftlichen Überlieferungsprozesses. Ursprünglich selbständige Überlieferungen, meist an bestimmte Orte gebunden und dort über Jahrhunderte mündlich überliefert, sind mit frühen schriftlichen Zeugnissen zusammengewachsen und stellen in ihrer Endgestalt eine einzigartige Gesamtkomposition dar, die auf vielfache Weise Gottes Wort und Wirken in der Geschichte bezeugt. Aber alle Geschichten des Genesisbuches kreisen letztlich um das eine große Thema: Gottes Volk im Horizont der Völkerwelt. In den ersten 11 Kapiteln entwirft es zunächst ein umfassendes Bild der Welt- und Menschheitsgeschichte, das mit dem gängigen Begriff „Urgeschichte“ nur unzureichend beschrieben ist. In diesem weiten Horizont beschreibt es im zweiten Teil (12-50) den Anfang der Geschichte des Volkes Gottes, der wiederum mit dem Begriff „Vätergeschichte“ nur unzureichend erfasst ist. Es zeigt vielmehr den Weg auf, den Gott mit Abraham und seinen Nachkommen zum Heil der ganzen Welt begann.

Genesis 1–11

Die Urgeschichte

(1) Das erste Kapitel lenkt zuallererst den Blick auf Gott und sein Schöpfungswerk, das den ganzen Kosmos umfasst. Der Mensch ist in ihm nur Teil der Schöpfung, mit allen anderen Geschöpfen zu Gottes Lob geschaffen.

(2) Erst im 2. und 3. Kapitel steht der Mensch als Geschöpf Gottes im Fokus. Auf die uralte Menschheitsfrage: Was ist der Mensch? wird in diesen Kapiteln eine zweifache Antwort gegeben:

Der Mensch – ein Meisterwerk Gottes, geschaffen zu seinem Bild (1,27) und von Gott mit allen Gaben ausgestattet (2,7ff);

Der Mensch – ein Rebell gegen Gott, der gleich zu Anfang aus seiner ursprünglichen Beziehung zu Gott heraus fällt und eigene Wege geht.

(3) Die folgenden Kapitel beschreiben die fatalen Folgen des „Sündenfalls“ und den Weg der Menschheit, der zunehmend zur Entfremdung gegenüber Gott und den Mitmenschen führt und in der Sintflutkatastrophe endet.

Das negative Bild, das die Urgeschichte von den Anfängen der Menschheit zeichnet, hebt die Notwendigkeit eines radikalen Neuanfangs hervor. Der Grund zum Neuanfang wird durch Gottes Bund mit Noah gelegt. Er bildet das Herzstück der Urgeschichte und zugleich die Voraussetzung für Gottes Geschichte mit Abraham und seinen Nachkommen, die einen radikalen Neuanfang in der Geschichte der Menschheit markiert. Sie ist das große Thema im zweiten Teil des Genesisbuches.

Im Anfang

Genesis 1–2,4

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Aber die Erde war öde und ohne Leben.

Dunkelheit bedeckte die Erde.

Und Gottes Geist

schwebte über den Wassern.1,1f

Und Gott sprach:

„Es werde Licht!“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Licht brach aus dem Dunkel hervor

und erhellte die Erde.

Und Gott sah das Licht an

und sah, dass es gut war.

Da trennte er das Licht von dem Dunkel

und nannte das Licht Tag.

Das Dunkel aber nannte er Nacht.

So wurde aus Abend und Morgen

der erste Tag.1,3ff

Und Gott sprach:

„Über der Erde

soll ein Gewölbe entstehen.“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Gott spannte ein Dach über die Erde

und nannte es Himmel.

So wurde aus Abend und Morgen

der zweite Tag.1,6ff

Und Gott sprach:

„Alles Wasser auf der Erde soll weichen!“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Auf der Erde floss das Wasser zusammen

und trockenes Land

trat aus dem Wasser hervor.

Und Gott nannte das Trockene Land.

Das Wasser aber nannte er Meer.

Und Gott sah an, was er gemacht hatte,

und sah, dass es gut war.1,9f

Und Gott sprach:

„Die Erde bringe

Gras und Kräuter hervor!“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Aus der Erde wuchsen Pflanzen hervor,

die Samen trugen in ihren Früchten.

Und Gott sah an, was da wuchs,

und sah, dass es gut war.

So wurde aus Abend und Morgen

der dritte Tag.1,11ff

Und Gott sprach:

„Lichter sollen am Himmel leuchten,

die Tag und Nacht scheiden

und die Zeiten bestimmen.“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Gott setzte Lichter an den Himmel,

ein großes Licht für den Tag

und ein kleines Licht für die Nacht,

dazu viele Sterne.

Und Gott sah an, was er gemacht hatte,

und sah, dass es gut war.

So wurde aus Abend und Morgen

der vierte Tag.1,14ff

Und Gott sprach:

„Das Wasser und die Luft

sollen mit Leben erfüllt sein.“

Da geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Gott schuf mächtige Meerestiere

und alles,

was im Wasser wimmelt und lebt,

dazu auch alle gefiederten Vögel,

alle Tiere nach ihrer Art.

Und Gott sah an, was er gemacht hatte

und sah, dass es gut war.

Da segnete Gott die Tiere und sprach:

„Seid fruchtbar und mehrt euch!

Erfüllt alles mit Leben,

die Luft und das Meer.“

So wurde aus Abend und Morgen

der fünfte Tag.1,20ff

Und Gott sprach:

„Das Land soll mit Leben erfüllt sein.“

Und so geschah es, wie Gott gesagt hatte:

Gott schuf die Landtiere,

wilde und zahme,

jedes Tier nach seiner Art.

Und Gott sah an, was er gemacht hatte,

und sah, dass es gut war.1,24f

Zuletzt aber sprach Gott:

„Ich will Menschen machen, mir gleich.

Über alle Tiere will ich sie setzen.“1,26

Und Gott schuf den Menschen

nach seinem Bild.

Nach Gottes Bild schuf er ihn

und schuf sie als Mann und Frau.1,27

Und Gott segnete sie und sprach:

„Seid fruchtbar und mehrt euch!

Breitet euch aus

und macht euch die Erde zu Eigen!

Alles auf dieser Erde

vertrau ich euch an:

die Feldfrüchte,

die Fische und Vögel

und auch die Landtiere.

Alles soll euch gehören.

Aber ihr sollt mir gehören.“1,28ff

Und Gott sah alles an,

was er gemacht hatte:

Es war alles sehr gut.

So wurde aus Abend und Morgen

der sechste Tag.1,31

Am siebten Tag aber ruhte Gott

von seinen Werken.

Und Gott segnete den siebten Tag

und er sprach:

„Dieser Tag soll mein Tag sein.

Mir allein soll er gehören.

Solange die Erde besteht,

soll man den siebten Tag ehren.

Alle Arbeit soll ruhen an diesem Tag.“2,1ff

So schuf Gott Himmel und Erde

durch sein mächtiges Wort.

Alles, was in dieser Welt lebt,

kommt von ihm

und ist zu seinem Lob geschaffen.2,4

– – –

Lobe den Herrn, meine Seele,

Herr, mein Gott, Schöpfer des Lichts,

Ursprung des Lebens,

wie groß und mächtig bist du!

Licht ist dein Kleid, das du anhast.

Du breitest den Himmel aus

wie einen Teppich.

Du hast das Erdreich gegründet,

dass es fest bleibt, immer und ewig.

Du lässt Wasser quellen in Tälern.

Alle Tiere kommen und trinken sich satt.

Darüber fliegen die Vögel des Himmels

und singen unter den Zweigen ihr Lied.

Du feuchtest die Berge von oben

und füllst mit Früchten das Land.

Du hast den Mond geschaffen,

der die Zeiten bestimmt

und die Sonne,

die ihren Auf- und Untergang kennt.

Herr, mein Gott,

wie groß sind deine Werke!

Du hast ihnen allen

eine Ordnung gegeben.

Himmel, Erde, Meer und was darin lebt,

das hast du alles geschaffen.

Halleluja!

aus Psalm 104

So überraschend anders als erwartet setzt das erste Kapitel ein: Nicht mit einem Schöpfungs- „bericht“, sondern mit einem großartigen Schöpfungsgedicht, das in sieben Strophen Gott als den alleinigen Schöpfer und Urheber allen Lebens preist. Sein Thema lautet nicht, wie die Welt entstanden ist, sondern wer sie geschaffen hat und wem sich alles Leben auf dieser Erde allein verdankt. Genau betrachtet, handelt es sich um einen Hymnus, den großen Schöpfungshymnen im Psalter vergleichbar (Ps 8 / 19 / 104 / 148). Durch ihn werden wir gleich zu Anfang aufgerufen, an erster Stelle dem die Ehre zu geben, der „Himmel und Erde gemacht hat“.

Unüberhörbar ist der feierliche Ton dieses Gedichts. Die litaneiartig wiederkehrenden Aussagen erinnern an eine gottesdienstliche Liturgie. Sie schaffen einen „Raum der Ehrfurcht“, der sich erst im lauten bzw. lauschenden Lesen erschließt. Dabei fällt die strenge Form auf, in der das Sieben-Tage-Werk in Strophen entfaltet wird. Da ist kein Wort überflüssig. Jeder Satz verrät dichte Reflexion im Staunen über Gottes weise Schöpfungsordnung – in bewusster Konzentration auf Gott selbst und sein schöpferisches Tun:

• Gott „spricht“ – und es geschieht. Damit wird ausgesagt: Die Welt ist allein durch sein wirkmächtiges Wort „geschaffen“ (hebr. bara – ein Wort, das einzig für Gottes Schaffen steht).

• Gott „trennt“ Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Land und Meer und schafft damit einen Lebensraum für seine Geschöpfe.

• Aber auch die Bereiche, die bedrohlich erscheinen, wie z.B. die Nacht oder das Meer, unterstehen seiner Schöpfermacht. Gott „nennt“ sie mit Namen und bekundet damit seine Herrschaft über sie.

• Gott „ordnet“ sein Schöpfungswerk. Er verwandelt das Chaos in einen wohl geordneten Kosmos und gibt ihm für alle Zeit eine feste Ordnung.

• Gott „baut“ sein Schöpfungswerk in klar gegliederter Abfolge der „Schöpfungstage“. Das heißt: Seine Schöpfung ist das Ergebnis eines Prozesses, an dessen Ende die Erschaffung des Menschen steht.

• Gott „sieht an“, was er gemacht hat, und befindet es für „gut“. Das bedeutet: Gott bleibt seiner Schöpfung zugewandt und spricht mit seinem „Es war gut“ sein JA über ihr aus.

Dieses Ja Gottes bildet den Grundton des Schöpfungshymnus in Gen 1. Es beinhaltet zugleich auch ein klares Nein gegenüber allen anderen Mächten, die die alleinige Schöpfermacht Gottes infrage stellen wollen, seien es Fruchtbarkeitsgötter wie Baal oder die Gestirngottheiten im babylonischen Weltreich. Nicht Baal lässt Wachstum aus der Erde sprießen, sondern Gottes Schöpferwort (1,11). Und nicht die Gestirne bestimmen über das Schicksal der Menschen. Vielmehr sagt ihnen der Schöpfungshymnus ausdrücklich den Kampf an, indem er sie erst am vierten Schöpfungstag erwähnt und sie zu schlichten Leuchtkörpern am Himmel degradiert (1,17). Dies ist zum Trost für alle gesagt, die sich anderen Mächten ausgeliefert sehen.

Als Krönung der Schöpfung beschreibt Gen 1 die Erschaffung des Menschen. Auf ihn zielt Gottes Schöpferhandeln von Anfang an. Aber nicht sein hoher Rang hebt den Menschen aus der übrigen Schöpfung heraus, sondern allein die Würde, die Gott ihm verleiht, verbunden mit seinem besonderen Schöpfungsauftrag. Als Gottes „Gegenüber“ und in der Ausrichtung auf ihn darf er seinen Auftrag in dieser Welt wahrnehmen, als Sachwalter Gottes und seiner Schöpfung, die er dem Menschen anvertraut hat (1,27ff).

Vom Ursprung der Menschheit | Genesis 2–11
Mann und Frau

Genesis 2

So schuf Gott den Menschen:

Er formte ihn aus Erde

und hauchte ihm

den Atem des Lebens ein.

Darum heißt der Mensch Adam,

das heißt Erdling,

weil er aus Erde gemacht ist.

Durch Gottes Lebensatem

wurde er ein lebendiger Mensch.2,7

Und Gott pflanzte für den Menschen

einen Garten im Land Eden.

Darin wuchsen vielerlei Bäume

mit köstlichen Früchten.

Der Mensch durfte ihn pflegen

und seine Früchte ernten.

Und vom Garten ging ein Strom aus,

der teilte sich in vier Arme

und machte das ganze Land fruchtbar.

In diesem Garten

durfte der Mensch leben.2,8ff

Aber mitten im Garten stand ein Baum,

der gehörte allein Gott:

der Baum der Erkenntnis.

Wer von diesem Baum aß,

wusste, was gut und was böse ist.

Darum sprach Gott zum Menschen:

„Von allen Bäumen darfst du essen.

Aber vom Baum der Erkenntnis

sollst du nichts essen.

Denn wenn du davon isst,

wirst du sterben.“2,16f

Und weiter sprach Gott:

„Es ist nicht gut,

dass der Mensch allein bleibt.

Ich will ihm ein Gegenüber schaffen,

das ihm entspricht,

das ihn versteht und mit ihm spricht.“2,18

Darauf brachte Gott die Tiere zu ihm,

die er geschaffen hatte.

Und der Mensch gab ihnen Namen,

jedem Tier seinen eigenen Namen.

Aber unter allen Tieren

fand sich kein Tier,

das dem Menschen entsprach.

Mit keinem konnte er sprechen.

Und keines

konnte den Menschen verstehen.2,19f

Da ließ Gott den Menschen

in einen tiefen Schlaf sinken.

Und als er aufwachte, sah er:

Eine Frau stand vor ihm.

Gott hatte sie ihm

als sein Gegenüber gegeben,

ihm gleich, aus seiner Rippe geformt,

und dennoch ein eigener Mensch,

von Gottes Händen geschaffen.2,21f

„Da ist sie ja“, rief der Mensch froh,

„sie, die zu mir gehört!

Der Mensch, der mir gefehlt hat!“

Und Adam nannte sie Eva,

das heißt: Leben.3,20

Darum wird ein Mann

Vater und Mutter verlassen

und seiner Frau angehören.

Und sie werden eins sein,

Mann und Frau, Frau und Mann.

Gott hat sie füreinander geschaffen. 2,24

– – –

Herr, unser Herrscher,

wie herrlich ist dein Name!

Wenn ich den Himmel betrachte,

das Werk deiner Hände,

den Mond und die Sterne,

die du gemacht hast:

Was ist der Mensch,

dass du an ihn denkst,

und was ist des Menschen Kind,

dass du dich seiner annimmst?

Du hast ihn wenig niedriger

als Gott gemacht.

Mit Ehre und Schmuck

hast du ihn gekrönt.

Du hast den Menschen

über das Werk deiner Hände gesetzt.

Alles hast du ihm unterstellt:

Schafe und Rinder,

dazu auch die wilden Tiere,

die Vögel unter dem Himmel

und die Fische im Meer.

Herr, unser Herrscher,

wie herrlich ist dein Name!

aus Psalm 8

Was ist der Mensch? Sobald der Mensch ins Blickfeld rückt, fängt das Genesisbuch an zu erzählen. Es erzählt vom ursprünglichen Einssein des Menschen mit Gott und seiner Schöpfung, von seinem Schöpfungsauftrag und von seiner geschöpflichen Bestimmung als Mann und als Frau. Im Unterschied zum einleitenden Schöpfungshymnus wird hier ganz schlicht und ganz menschlich von Gott erzählt und von den Gaben und Aufgaben, die er dem Menschen zugeteilt hat. Aber gerade darin ist diese scheinbar so altertümliche Erzählung zeitlos. Sie zeigt auf, wodurch aus biblischer Sicht der Mensch seine einzigartige Würde, aber auch seine Begrenzung erfährt:

• Gott formt den Menschen aus Erde, d.h. aus einem Klumpen Lehm. Das bedeutet: Der Mensch ist ein Meisterwerk Gottes, jeder einzelne Mensch ein Unikat, geformt von Gottes Hand, kein namenloses Massenprodukt. Aber auch das andere gilt: Der Mensch, ein „Erdmensch“ (das bedeutet der Name Adam, abgeleitet von adamah = Ackerboden), ist aus vergänglichem Material geschaffen (vgl. 3,19: „Staub bist du und zum Staub wirst du zurückkehren“). Daraus folgt für den Menschen ein klares Ja zu seiner Leiblichkeit, aber zugleich auch die Einsicht in seine Vergänglichkeit.

• Gott haucht den Odem des Lebens in seine Nase. Das heißt: Der Mensch erhält sein Leben nicht aus sich selbst, sondern aus dem Lebensgeist Gottes. So erfährt sich der Mensch, wie auch alle anderen Lebewesen, mit jedem Atemzug von Gott abhängig. So drückt es auch der 104. Psalm aus. „Du sendest aus deinen Lebensgeist, so werden sie geschaffen. Nimmst du weg ihren Lebensgeist, so kommen sie um und werden wieder Staub“ (104,30.29).

• Gott gibt dem Menschen Lebensraum und Arbeit. Er setzt ihn in den Garten Eden, den er bewohnen und bearbeiten darf. Der Garten ist kein Schlaraffenland, sondern ein Ort, den der Mensch durch seiner Hände Arbeit pflegen und gestalten kann. Er wird auch nicht als jenseitiges Paradies vorgestellt, sondern als ein besonderer Ort mitten in unserer Welt, der von Gott für den Menschen geschaffen ist, ein Ort, von dem alles Leben auf dieser Erde ausgeht. Dies zeigen die vier Paradiesströme an: Sie kommen von Gott und bewässern unsere Erde. Bei ihm ist die Quelle des Lebens (Ps 36,10). Ohne dieses Wasser gäbe es kein Leben auf der Erde.

• Gott überträgt dem Menschen die Verantwortung für die Tierwelt. Er darf die Tiere „benennen“, das heißt: Er darf über sie bestimmen, aber er hat kein Recht, sie auszubeuten oder sie nur auf ihren Nutzwert hin zu betrachten. Die Tiere sind dem Menschen vielmehr als eigenständige Geschöpfe Gottes an die Seite gestellt (vgl. auch Ps 8,7ff).

• Aber das kostbarste Geschenk ist der Mitmensch, den Gott dem Menschen an die Seite stellt. Gott schafft ihm ein „Gegenüber“, sein Ebenbild, das ihm entspricht (2,18). Erst im Du, in der Gleichheit und Verschiedenheit von Mann und Frau, findet der Mensch zu seiner wahren Identität (hebr. isch und ischah). Ein großes Geheimnis liegt über der Erzählung von der Erschaffung der Frau. Feinsinnig vermeidet sie jeden Verdacht auf männliche Vorherrschaft, wie sie in patriarchalischen Gesellschaftsformen üblich war. Stattdessen heißt es: Gott lässt den Menschen in einen tiefen Schlaf fallen (2,21). Damit wird ausgedrückt: Der Mensch ist bei der Erschaffung seines Gegenübers selbst nicht beteiligt. Sein Gegenüber ist zwar aus seiner Rippe genommen – Zeichen der Gleichwertigkeit –, aber es ist Gottes ureigenes Schöpfungswerk und nicht nur seine Kopie (2,22). Hochzeitliche Freude liegt über dieser Szene: Wie der Brautvater die Braut dem Bräutigam zuführt, so führt Gott die Frau dem Mann entgegen (2,22b). Beide, Mann und Frau, dürfen einander als Gottes Gabe annehmen.

• Doch über allem steht das Gebot Gottes, das dem Menschen eine klare Grenze setzt: Alles ist dem Menschen von Gott übergeben. Nur eines ist ihm verwehrt: Er darf sich nicht an Gottes Stelle setzen und sich anmaßen, über gut und böse zu entscheiden, was allein Gott zusteht. Daran erinnert der „Baum der Erkenntnis“. Das Verbot Gottes, von diesem Baum zu essen, ist aber nicht als Einschränkung des Menschen zu verstehen, sondern als Ausdruck seiner besonderen Stellung innerhalb der Schöpfung: Als mündiger Mensch ist er aufgerufen, in Freiheit sein Ja zu Gottes Gebot zu sagen.

Damit unterstreicht dieses Kapitel: Am Anfang allen Nachdenkens über den Menschen steht Gottes Ja zu seinem Geschöpf. Die Antwort des Menschen auf die ihm verliehene Würde kann nur dankbares Staunen sein, wie es in Psalm 8 ausgedrückt wird: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? … Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Hoheit hast du ihn gekrönt“ (Ps 8,5f).

Der Fall des Menschen

Genesis 3

Adam und Eva wohnten im Garten Eden.

Sie lebten dort im Frieden

mit Gott und seinen Geschöpfen.

Aber unter den Tieren,

die Gott geschaffen hatte,

war auch die Schlange.

Sie war listiger als alle anderen Tiere,

die Gott geschaffen hatte.

Heimlich machte sie sich

an die Frau heran und flüsterte ihr zu:

„Wie? Hat Gott wirklich gesagt:

Von allen Bäumen im Garten

dürft ihr nichts essen?“3,1

„Nein!“, entgegnete Eva.

„Von allen Bäumen des Gartens

dürfen wir essen.

Nur von dem Baum in der Mitte

dürfen wir keine Frucht essen.

Gott hat uns geboten:

Esst ja nichts davon!

Rührt auch keine Frucht an!

Sonst werdet ihr sterben.“3,2f

Doch die Schlange erwiderte:

„Nein, nein! Ihr werdet nicht sterben.

Gott weiß genau, warum er das sagt.

Denn wenn ihr davon esst,

werdet ihr sein wie Gott

und erkennen, was gut und böse ist.“3,4f

Da sah die Frau den Baum an.

Seine Früchte lachten sie an.

Sie streckte die Hand aus,

pflückte eine Frucht, biss hinein

und gab sie ihrem Mann.

Der nahm die Frucht

und aß auch davon.3,6

Da gingen den beiden die Augen auf.

Mit Schrecken erkannten sie,

dass sie nackt waren.

Schnell rissen sie sich

ein paar Feigenblätter vom Baum

und flochten Lendenschurze daraus.3,7

Schon kam der Abend heran.

Da hörten die beiden Gott kommen.

Erschrocken versteckten sie sich

unter den Bäumen im Garten.

Aber Gott rief Adam: „Wo bist du?“

Zitternd kam Adam aus seinem Versteck.

„Ich hörte dich kommen“, stammelte er.

„Ich fürchtete mich und versteckte mich,

weil ich nackt bin.“3,10

„Adam“, fragte Gott,

„wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?

Hast du von der Frucht gegessen?“

„Ja“, gestand Adam, „ich habe es getan.

Aber die Frau, die du mir gabst,

die war schuld daran.

Sie gab mir die Frucht.“3,11f

„Was hast du getan?“,

sprach Gott, zu Eva gewandt.

Die aber wich aus:

„Ich war nicht schuld daran!

Die Schlange war schuld.

Sie hat mich betrogen.“3,13

Da sprach Gott zu der Schlange:

„Verflucht sollst du sein

und verstoßen von allen Tieren,

weil du solches getan hast.

Kriechen sollst du auf der Erde,

und ewige Feindschaft soll sein

zwischen dir und den Menschen.“3,14f

Und zu Eva sprach Gott:

„Du wirst Kinder bekommen,

aber sie werden dir viel Kummer

und Schmerzen bereiten.

Du wirst dich nach deinem Mann sehnen.

Er aber wird dich beherrschen.“3,16

Und zu Adam sprach Gott:

„Du hast getan,

was dir verboten war,

darum sei dein Acker verflucht.

Nur mit Mühe wirst du dich

von ihm ernähren.

Dornen und Disteln

werden dort wuchern.

Und deine Arbeit

wird dich viel Schweiß kosten,

bis du wieder zur Erde wirst,

aus der du gemacht bist.

Denn du bist Erde

und sollst wieder zu Erde werden.“3,17ff

So sprach Gott zu Adam und Eva.

Darauf wies er sie aus dem Garten.

Kein Weg führte dorthin zurück.

Engel mit feurigen Schwertern

bewachten den Zugang zum Garten.3,23f

Aber auch in Zukunft

ließ Gott seine Menschen nicht los.

Er erhielt sie am Leben und gab ihnen,

was sie zum Leben brauchten:

Kleider aus Fellen,

die sie vor Kälte schützten,

und Früchte des Feldes,3,21

die ihren Hunger stillten.1,29

Gott sorgte für sie

wie ein Vater für seine Kinder.

– – –

Herr, du siehst mich und kennst mich

Ob ich sitze oder aufstehe –

du weißt es.

Du kennst meine Gedanken von ferne.

Ob ich am Boden liege

oder weglaufe vor dir,

du bleibst mir auf der Spur.

Du siehst alle meine Wege.

Du weißt alles, was ich rede und denke.

Von allen Seiten umgibst du mich.

Ich kann deiner Hand nicht entkommen.

Herr, du siehst mich und kennst mich.

Sieh, ob ich auf verkehrtem Weg gehe

und leite mich auf dem Weg,

der zurück führt zu dir.

nach Psalm 139

Was ist der Mensch? Die Antwort dieser Geschichte verschlägt einem fast den Atem: der Mensch – ein Rebell gegen Gott. Kaum ist er geschaffen, löst er sich von seinem Ursprung und verfehlt seine geschöpfliche Bestimmung, einer, der sich über Gottes Gebot hinwegsetzt, der selbst sein will „wie Gott“ und sich dabei immer mehr von Gott entfernt. Das ist das Drama, von dem diese Geschichte erzählt, in dem der Mensch zum Täter und Opfer seiner Tat wird, scheinbar ein alter Mythos aus grauer Vorzeit und doch so erschreckend realistisch und unheimlich nah, dass man sich selbst in diesem Drama wiedererkennt. Es ist der „Fall“ des Menschen schlechthin, der hier in zwei Akten aufgerollt wird:

• Der erste Akt beschreibt den Einbruch der Sünde (3,1–6) als einen Prozess, der sich schleichend im Innern des Menschen abspielt. Damit wird deutlich: Der Mensch ist für sein Tun allein verantwortlich. Er kann die Schuld für seinen Absturz weder Gott noch einer anderen Macht zuschreiben. (Die Schlange wird auffällig zurückhaltend nur als „listiges“ Geschöpf, nicht aber als teuflische Gegenmacht vorgestellt.)

Subtil und psychologisch einfühlsam entfalten die ersten Verse, wie es aus dem anfänglichen bloßen Gedanken am Ende zur Tat kommt. Es ist vor allem der verführerische Gedanke „Ihr werdet sein wie Gott“, der in beiden, Mann und Frau, das Verlangen weckt, sich über Gottes Gebot zu stellen, und sie am Ende zur gemeinsamen Tat verführt.

• Der zweite Akt zeigt die unwiderruflichen Folgen der Tat auf (3,7ff). Kaum ist die Entscheidung gegen Gottes Gebot gefallen, müssen die beiden erkennen, dass sich ihre Absicht ins Gegenteil verkehrt hat:

– Sie wollten sein wie Gott. Aber ihr Streben treibt sie immer weiter von Gott weg. Auf ihr Versteckspiel folgt am Ende die Trennung von Gott.

– Sie suchten Gemeinschaft als Mann und als Frau. Aber schon ihre erste gemeinsame Aktion führt zur schleichenden Entfremdung zwischen beiden. Der Mann gibt der Frau die Schuld (mit dem vielsagenden Zusatz „die Frau, die du mir gabst“). Und diese wälzt wiederum die Schuld auf die Schlange ab. Erste Machtansprüche zeichnen sich ab. (Bezeichnend wird erst an dieser Stelle – abweichend von Gen 2,23f – die Herrschaft des Mannes über die Frau erwähnt!) Menschlich betrachtet, ein hoffnungsloser Fall mit katastrophalen Folgen!

Aber mitten in dieser dunklen Geschichte leuchtet Gottes Erbarmen mit seinen Geschöpfen auf: Gott überlässt die Menschen nicht sich selbst. Er geht ihnen nach, er ruft sie aus ihrem Versteck und stellt sie als ihr Richter zur Rede (3,11). Sein richterliches Urteil hört sich hart an, aber in Wahrheit will es die Menschen vor noch größerem Unheil bewahren. Trotz seiner Ankündigung „Ihr werdet sterben“ (2,17) erhält Gott sie am Leben und gibt ihnen Zukunft, wenn auch unter Mühsal und Schmerzen (3,16ff). Und schließlich versorgt Gott sogar seine Menschen mit Kleidung und Nahrung. Am Ende steht das Bild eines fürsorglichen Vaters, der seine rebellischen Kinder nicht preisgibt.

Die Geschichte vom Fall des Menschen hat immer wieder Menschen dazu veranlasst, über den Ursprung des Bösen und das Wesen der Schlange zu spekulieren. Aber in Wahrheit verweigert sich diese Erzählung solchen Spekulationen. Stattdessen ruft sie den Menschen auf, zu Gott umzukehren und ihn, wie in Psalm 139, im Gebet zu suchen.

Kain und Abel

Genesis 4

Adam und Eva hatten zwei Söhne.

Der ältere hieß Kain,

der jüngere Abel.

Kain wurde ein Bauer,

Abel aber wurde ein Hirte.

Von Zeit zu Zeit brachten beide

Gott ein Dankopfer dar.

Dazu wählte Abel ein Lamm

aus seiner Schafherde aus

und verbrannte es auf dem Altar.

Und Gott sah sein Opfer gnädig an.

Kain aber nahm von seinen Feldfrüchten,

legte sie auf den Altar

und zündete sie an.

Aber es schien,

als sehe Gott sein Opfer nicht an.4,1–4

Da verfinsterte sich Kains Gesicht.

Grimmig sagte er sich:

„Gott liebt nur Abel.

Mich liebt er nicht.“

Aber Gott sprach zu Kain:

„Warum bist du erzürnt?

Warum weichst du mir aus

und senkst deinen Blick?

Ist es nicht so:

Hast du Gutes vor,

dann kannst du deinen Blick frei erheben.

Hast du aber Böses im Sinn,

dann gib acht, dass du nicht sündigst.“4,6f

Doch Kain hörte nicht mehr auf Gott.

Er lockte seinen Bruder aufs Feld.

Dort fiel er über ihn her

und schlug auf ihn ein,

bis er tot war.4,8

Auf einmal war es totenstill

auf dem Feld.

Reglos lag Abel in seinem Blut.

Da hörte Kain, wie Gott rief:

„Kain, wo ist Abel, dein Bruder?“

„Wie soll ich das wissen?“,

gab Kain trotzig zurück.

„Soll ich denn meinen Bruder hüten?“4,9

Aber Gott sprach zu ihm:

„Was hast du getan?

Das Blut deines Bruders

schreit zum Himmel.

Es klagt dich an.

Verflucht seist du auf der Erde,

die du mit seinem Blut getränkt hast.

Dein Acker wird dir künftig

keinen Ertrag geben.

Du kannst nicht länger hier leben.

Fliehen musst du.

Doch wohin du auch fliehst,

nirgendwo kannst du bleiben.“4,10ff

Da begriff Kain erst,

was er getan hatte.

Seinen eigenen Bruder

hatte er umgebracht!

Nicht Abel, er hätte den Tod verdient!

Erschrocken antwortete er:

„Die Strafe ist mir zu schwer.

Ich kann sie nicht tragen.

Du vertreibst mich von hier.

Ich muss vor dir fliehen.

Ruhelos muss ich

von Ort zu Ort ziehen.

Doch nirgendwo bin ich sicher.“4,13f

Aber Gott sprach zu Kain:

„Nein! Sondern wer Kain tötet,

wird siebenfache Strafe empfangen.“

Und Gott machte ein Zeichen an Kain.

das ihn vor Rache schützte,

sodass niemand wagte,

Hand an ihn zu legen.4,15

So zog Kain weg

und wohnte im Osten,

jenseits von Eden.4,16

– – –

Herr, du siehst mich und kennst mich.

Wohin soll ich fliehen vor dir?

Ich kann dir nirgends entkommen.

Steige ich in Himmelshöhen hinauf,

so bist du da.

Verstecke ich mich tief unten im Grab,

so bist du auch da.

Fliege ich mit der Morgenröte

und bleibe am fernsten Meer,

so wird auch dort deine Hand

mich führen und halten.

Herr, du siehst in mein Herz.

Sieh, was ich plane und denke.

Und lass mich nicht weglaufen von dir.

nach Psalm 139

Der Stein ist ins Rollen geraten. Das Unheil nimmt seinen Lauf und immer schlimmere Ausmaße an. Unmittelbar auf die Geschichte vom „Sündenfall“ folgt die Geschichte vom Brudermord. Sie zeigt, wie das maßlose Streben des Menschen, „sein zu wollen wie Gott“, in der nächsten Generation noch eskaliert, indem sich der Mensch zum Herrn über Leben und Tod macht. Und wie in Gen 3, so geht auch hier der Tat eine innere Geschichte voraus:

Ausgangspunkt ist das Opfer beider Brüder. Ausgerechnet an dieser frommen Handlung entzündet sich die Sünde, die zunächst nur im Innern des Menschen schwelt. Aus dem Vergleich beider Opfer folgt Eifersucht und Hass, der am Ende zum Brudermord führt. Kain sieht sich von Gott nicht geliebt. Er kann nicht anerkennen, dass seine Verbindung zu Gott gar nicht abgerissen ist, solange Gott noch zu ihm spricht. Stattdessen kündigt er eigenmächtig die Beziehung zu Gott auf. Er wendet sich von ihm ab („senkt“ den Blick) und beseitigt den Bruder, Gottes Warnung zum Trotz. Und als Gott ihn zur Rede stellt, verweigert er jede Verantwortung gegenüber seinem Bruder: „Soll ich denn meinen Bruder hüten?“ Aus anfänglicher Rivalität zwischen den Brüdern ist offene Rebellion gegen Gott geworden. Sie treibt Kain immer weiter von Gott weg („jenseits von Eden“, 4,16).

Aber auch diese Geschichte durchzieht Gottes bewahrende Gnade, die hier sowohl dem Täter wie auch dem Opfer gilt: Gott tritt für Abel ein, der selbst nicht mehr für sich sprechen kann. Das Blut Abels, das die Erde aufgesogen hat, „schreit“ zu ihm. Als Anwalt des Ermordeten und Richter des Mörders stellt er Kain zur Rede. Aber er fordert nicht den Tod des Mörders als Sühne, sondern erhält ihn am Leben und gibt ihm sogar ein Zeichen, das ihn vor der Rache der Menschen bewahren soll.

Das Kapitel endet mit dem Ausblick auf Kains Nachkommen. Dabei wird deutlich: Die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter. Sie findet ihren Ausdruck in dem Lied des Lamech: „Einen Mann erschlug ich für meine Wunde … Kain soll siebenmal gerächt werden und Lamech siebenundsiebzigmal“ (4,23f). Das anfängliche Familiendrama weitet sich zunehmend zum Drama der ganzen Völkerfamilie aus. Der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt nimmt immer drastischere Ausmaße an. Er kann vom Menschen nicht mehr durchbrochen werden. Aber die gute Nachricht am Ende des Kapitels lautet: Gott schafft im Verborgenen die Voraussetzung für einen Neuanfang durch die Geburt Sets, der nun die Stelle des ermordeten Bruders einnimmt (4,25). Sets Nachkommenschaft lässt neue Hoffnung aufkommen (5,1ff). Aus ihr geht am Ende Noah hervor (5,29). Mit ihm setzt Gott einen Neuanfang in der Geschichte.

Noah

Genesis 6–9

Bald erfüllte sich,

was Gott den Menschen zugesagt hatte.

Sie mehrten sich und füllten die Erde.

Aber je mehr sie an Zahl wuchsen,

desto größere Schuld häuften sie auf.

Kains Kinder trieben es noch schlimmer

als ihr Ahnvater Kain,

der seinen Bruder ermordet hatte.

Sie schmiedeten Waffen aus Eisen4,22

und säten Feindschaft unter den Völkern.4,23

Sie scheuten auch nicht

vor Kriegen zurück.

Und als Held galt,

wer die andern besiegte.6,4b

Als aber Gott sah,

dass die Menschheit von Grund auf

verdorben war und auch alles,

was sie in ihrem Herzen erdachte,

da war es ihm leid,

dass er die Menschen geschaffen hatte.

Und tief bekümmert sprach er

zu sich selbst: „Es reut mich,

dass ich die Menschen gemacht habe.

Ich will sie wieder von der Erde nehmen,

mitsamt allen Tieren.“6,5ff

Nur einer, Noah, fand Gnade bei Gott.

Er hielt sich zu Gott und hörte auf ihn.

Ihn wollte Gott am Leben erhalten.6,8f

Er sprach zu Noah:

„Bau dir ein Schiff!

Denn bald wird eine Flut

die ganze Erde heimsuchen.

Und alles, was lebt,

wird in den Fluten ertrinken.

Aber dich will ich am Leben erhalten.

Mit dir will ich meinen Bund schließen.“6,14ff

Da hörte Noah auf Gott.

Und er baute die Arche,

einen riesigen Kasten,

drei Stockwerke hoch,

mit zahllosen Kammern,

mit Tür und Fenster

und darüber mit einem Dach,6,15f

wie Gott ihm geboten hatte.6,22

Und Gott sprach zu Noah:

„Nun geh in die Arche mit deiner Frau,

deinen drei Söhnen und ihren Frauen.

Und wähle von allen Tieren ein Paar aus.

Bringe sie in die Arche hinein!

Auch sie will ich am Leben erhalten.“6,18f

Da hörte Noah auf Gott.

Er wählte von allen Tieren ein Paar aus

und brachte sie in die Arche.

Und Noah schaffte für sie

gewaltige Mengen an Futter herbei.

Darauf ging er selbst in die Arche,

mit seiner Frau, mit seinen drei Söhnen

und ihren Frauen.

Und Gott schloss die Tür hinter ihm zu.7,7ff

Sieben Tage lang

blieb es noch still auf der Erde.

Danach verschwand die Sonne

hinter den Wolken.

Der Himmel wurde ganz schwarz.

Ein furchtbarer Regen brach los.

Es schüttete. Es goss in Strömen.

Sogar aus den Tiefen der Erde

stieg das Wasser empor.7,10f

Die Fluten überschwemmten das Land.

Bald stand das ganze Land unter Wasser.

Menschen und Tiere ertranken.

Und immer noch goss es in Strömen.

Das Wasser stieg höher und höher,

bis zu den höchsten Bergen empor.

Schließlich war nichts mehr zu sehen,

nur Wasser – ein endloses Meer.

Aber die Arche trieb ruhig

auf dem Wasser dahin. 7,17ff

Hundertundfünfzig Tage lang

hielt der gewaltige Regen an.7,24

Da dachte Gott an Noah

und setzte dem Regen ein Ende.

Aber noch war alles Land

von den Fluten bedeckt.8,1

Tage und Wochen vergingen.

Das Wasser sank nur ganz langsam.

Die Arche trieb immer noch ziellos

auf dem Wasser dahin.

Endlich, nach Wochen, stieß die Arche

unter Wasser an eine Bergspitze.

Und bald darauf traten

auch die Berge wieder hervor.8,3f

Da öffnete Noah das Fenster der Arche

und ließ eine Taube hinausfliegen.

Aber die Taube kam am Abend zurück.

Sie hatte kein Futter gefunden.8,8f

Da wartete Noah noch eine Woche.

Danach ließ er die Taube

noch einmal hinausfliegen.

Und wieder kam sie zurück.

Doch diesmal hielt sie ein Blatt

vom Ölbaum im Schnabel,

als wollte sie sagen: Seht doch,

die Bäume tragen schon wieder Blätter!8,10f

Noch eine Woche verging.

Danach ließ Noah die Taube

noch einmal hinausfliegen.

Doch nun kam sie nicht mehr zurück.

Da deckte Noah das Dach ab und sah:

Das Land war überall trocken!8,12f

„Noah“, sprach Gott,

„nun geht aus der Arche,

du und deine Frau, deine drei Söhne

mit ihren Frauen, dazu alle Tiere!“

Da machte Noah die Tür weit auf.

Menschen und Tiere stürmten hinaus.

Noah aber baute zuerst einen Altar.

Darauf brachte er ein Dankopfer dar.

Gott hatte sein Versprechen gehalten.

Er hatte alle, Menschen und Tiere,

am Leben erhalten.

Aber noch lag ihre Zukunft im Dunkeln.8,15ff

Da sprach Gott zu Noah:

„Ich will in Zukunft nie mehr

die Erde verfluchen.

Und wenn die Menschen künftig

alles Leben auf der Erde zerstören,

so will ich dennoch die Erde erhalten.

Solange die Erde steht,

soll nicht aufhören

Saat und Ernte, Frost und Hitze,

Sommer und Winter, Tag und Nacht.“8,21ff

Und Gott sprach weiter zu Noah

und seinen Söhnen:

„Heute schließe ich meinen Bund

mit euch und euren Nachkommen:

Nie mehr soll eine Sintflut wie diese

die Erde heimsuchen.

Seht, meinen Bogen habe ich

in die Wolken gesetzt.

Der soll das Zeichen des Bundes sein

zwischen mir und der Erde.

Und wenn in Zukunft wieder

ein schweres Unwetter kommt,

dann blickt auf zum Himmel!

Dort steht in den Wolken mein Bogen.

Niemals will ich vergessen,

was ich euch zugesagt habe.

Mein Bund mit euch

und mit allen Geschöpfen

bleibt ewig bestehen.“9,8ff

Da schöpfte Noah Mut und fing an,

das verwüstete Land neu zu bestellen.

Er säte und pflanzte,

legte Äcker und Weinberge an.

Und Gott ließ wachsen und reifen,

was er gepflanzt hatte.9,20

– – –

Gott spricht:

Ich habe dich

einen kleinen Augenblick verlassen,

aber mit großer Barmherzigkeit

will ich dich sammeln.

Ich habe mein Angesicht

im Augenblick des Zorns

ein wenig vor dir verborgen,

aber mit ewiger Gnade

will ich mich über dich erbarmen.

Ich halte es wie zur Zeit Noahs.

Damals schwor ich,

dass die Wasser nicht mehr

über die Erde kommen sollten.

Denn Berge mögen einstürzen

und Hügel einfallen,

aber meine Gnade

soll nicht von dir weichen

und mein Friedensbund

soll nicht zerstört werden.

aus Jesaja 54

Gottes Bund mit Noah bildet das Herzstück der Urgeschichte. Es ist die Antwort Gottes auf die verhängnisvolle Entwicklung der Menschheit, die unausweichlich zur globalen Katastrophe führt. Mit der Sintflut droht Gottes gute Schöpfung gleich zu Anfang wieder ins Chaos zurückzufallen. Ihr geht in den vorangehenden Kapiteln ein langer Prozess voraus, der durch die Verkettung einzelner Geschichten zunehmend an Schärfe gewinnt und mit dem Menschen die ganze Schöpfung in den Abgrund zu reißen droht. Was anfänglich mit einer einzelnen Tat zweier Menschen begonnen hat (3,1ff), zieht mit Kains Nachkommenschaft immer weitere Kreise (4,17ff) und übersteigt am Ende alle menschliche Vorstellungskraft. (So z.B. in 6,1ff, wo, gleichsam als Auftakt zur Sintfluterzählung, die übermenschlichen Folgen menschlicher Maßlosigkeit aufgezeigt werden.) Je mehr Menschen auf der Erde leben, desto mehr Schuld häufen sie an und verwandeln so Gottes Segen (s. 1,28: „Seid fruchtbar und mehrt euch!“) ins Gegenteil. Nun lässt sich die Sünde des Menschen nicht mehr an einzelnen Taten auflisten, vielmehr gilt ganz grundsätzlich: „Das Dichten und Trachten des Menschen“ ist von Grund auf verdorben (6,5; 6,11ff). Insofern muss sich der Mensch auch selbst die Schuld an der Zerstörung der Schöpfung zuschreiben. Was sich auf den ersten Blick als gnadenloses Strafgericht Gottes liest, erweist sich in Wahrheit als unerbittliche Konsequenz dessen, was die Menschen auf der Erde angerichtet haben.

Umso erstaunlicher, was die Sintfluterzählung über Gott aussagt! Schon die einleitenden Verse in 6,4ff zeigen an: Gott ist kein Despot, der aus sicherer Distanz gnadenlos mit seinen Menschen verfährt, sondern selbst im Gericht bleibt er seinen Menschen ganz nah. Es ist ihm nicht gleichgültig, was aus seinen Geschöpfen wird, sondern es „bekümmert ihn in seinem Herzen“, ja, es „reut“ ihn, dass er die Menschen gemacht hat (6,6). Mit ganz menschlichen Zügen wird Gottes Schmerz über den Irrweg seiner Geschöpfe beschrieben. Damit wird bereits in der Einleitung angezeigt: Nicht Vernichtung, sondern Bewahrung seiner Schöpfung ist das Ziel der Wege Gottes, auch durch das Gericht hindurch.

Das ist die frohe Botschaft dieser sonst so bedrückenden Geschichte. Sie findet ihren sichtbaren Ausdruck in dem Bild der Arche (in Wirklichkeit nichts anderes als ein riesiger schwimmender „Kasten“), die mitten in der Zerstörung die Hoffnung auf Gottes Neuanfang wachhält. Diese Hoffnung wird im Verlauf der Erzählung immer wieder durch Sätze wie diese erinnert: „Aber Noah fand Gnade bei Gott“ (6,8). „Der Herr schloss (die Arche) hinter ihm zu“ (7,16b). „Gott gedachte an Noah“ (8,1). Damit wird der Ernst des Gerichtes, das mit der Sintflut ergeht, nicht aufgehoben. Aber mitten im Gericht leuchtet Gottes Gnade und Fürsorge auf. Sie ist allein in Gottes Treue begründet.

Dass Gott dennoch am Menschen festhält, trotz seines Versagens, das ist das Wunder, von dem auch das Ende der Geschichte erzählt: Gott schenkt der Menschheit einen Neuanfang und besiegelt ihn durch seinen Bund mit Noah und dessen Nachkommen. In diesen Bund ist die ganze Schöpfung mit eingeschlossen. Als sichtbares Zeichen seines Bundes setzt Gott seinen Bogen in die Wolken. Der Bogen erinnert viele Ausleger an einen Kriegsbogen. Als solcher hat er ein für allemal ausgedient. Gott erklärt mit diesem Zeichen seiner Schöpfung für immer den Frieden. Als Regenbogen wird er in Verbindung mit Gottes Zusage zum Zeichen der Hoffnung über einer zerstörten Erde. Durch ihn sollen nicht nur die Menschen an Gottes Versprechen erinnert werden, sondern Gott bindet sich selbst an dieses Zeichen seiner unverbrüchlichen Treue. Er „gedenkt“ an seinen Bund (hebr. sachar, 9,15). Das bedeutet im Klartext: Mögen auch die Menschen vergessen, was Gott versprochen hat – Gott vergisst nicht und hebt niemals auf, was er ein für allemal zugesagt hat!

Der Turm

Genesis 11

Dies sind die Namen der Söhne Noahs:

Sem, Ham und Jafet.

Ihre Nachkommen breiteten sich

über die ganze Erde aus.

Sie entwickelten mit der Zeit

verschiedene Kulturen und Sprachen.10,1ff

Doch zu Anfang zogen sie

gemeinsam von Ort zu Ort

und sprachen alle

ein und dieselbe Sprache.

In jenen Tagen, so erzählt man,

trug es sich zu, dass die Menschen

im Osten ein Land fanden,

Schinar genannt,

ein weites und ebenes Land.

Da sagten sie zueinander.

„Hier wollen wir bleiben.

Auf! Lasst uns aus Lehm

Ziegel formen und brennen

und daraus Häuser bauen!“

Und so nahmen sie Ziegel als Steine

und fügten sie mit Erdharz zusammen.11,3

Aber die Menschen wollten noch mehr:

Sie riefen: „Auf! Lasst uns

eine große Stadt bauen!

Dann bleiben wir für immer zusammen.

Sonst werden wir

in alle Länder zerstreut.“

Und sogleich fingen sie an

und bauten die große Stadt Babel

mit einer mächtigen Mauer ringsum.11,4

Aber die Menschen wollten noch mehr.

Sie riefen: „Auf! Lasst uns

einen hohen Turm bauen,

dessen Spitze bis an den Himmel reicht.

Dann sind wir die Größten.

Und alle Welt rühmt unseren Namen.“

Und sogleich fingen sie an,

und setzten einen Stein auf den andern.

Der Turm wuchs von Tag zu Tag.

Er wurde höher und höher.

Bald ragte er über die ganze Stadt.

Aber die Menschen riefen:

„Höher! Viel höher!

So hoch wie der Himmel!“11,4

Doch Gott im Himmel

sah auf den Turm herab.

Und er sprach zu sich selbst:

„So sind die Menschen.

Sie kennen keine Grenzen

und wollen immer höher hinaus.

Und dies ist erst der Anfang

ihrer Vorhaben.

Bald wird ihnen nichts mehr

unmöglich erscheinen.

Auf! Lasst uns herabfahren

und ihre Sprache vermischen,

sodass keiner mehr den andern versteht.“11,5ff

Und so geschah es.

Bald verstanden sich

die Menschen nicht mehr.

Sie hörten nicht mehr aufeinander

und sprachen nicht mehr miteinander.

Bald sprachen sie nur noch

ihre eigene Sprache.

Da ließen die Menschen

von ihrem gemeinsamen Vorhaben ab.

Nach und nach verließen alle die Stadt

und zerstreuten sich über die Erde.

Der Turm aber blieb unvollendet zurück,

als Mahnmal für künftige Zeiten.

Babel – Verwirrung,

so lautet der Name der Stadt.

Er erinnert bis heute daran,

wie Gott dem Wahn der Menschen

für alle Zeit eine Grenze gesetzt hat.11,9

– – –

Warum treten die Völker

zum Aufstand gegen Gott an?

Warum schmieden sie gemeinsam

vergebliche Pläne?

Ihr Tun führt doch am Ende zu nichts.

Die Herrscher dieser Welt

verschwören sich und lehnen sich auf.

Sie sprechen zueinander:

Auf! Wir wollen

die Fesseln zerreißen

und die Stricke,

die uns angelegt wurden!

Aber Gott im Himmel

lacht über ihre nichtigen Pläne.

Er hält seinen Spott nicht zurück.

So nehmt endlich Verstand an,

ihr Mächtigen auf Erden,

Lasst euch warnen!

Ihr haltet über andere Gericht.

Aber Gott ist Richter auf Erden.

Beugt euch vor ihm

und seid ihm in Ehrfurcht ergeben,

damit sein Zorn

nicht über euch kommt!

Wer auf ihn baut,

ist glücklich zu preisen.

aus Psalm 2

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel bildet den Abschluss der Urgeschichte. Sie erzählt von dem gescheiterten Versuch der Menschheit, einen gemeinsamen Neuanfang aus eigener Kraft zu schaffen. Statt des erwarteten Neuanfangs, zeigt sie an einem letzten Beispiel auf, wohin die Menschheit steuert, wenn ihr nicht Einhalt geboten wird.

Ausgangspunkt ist die Erfindung des Ziegelsteins als Voraussetzung für den Städtebau. Damit ist auch der Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftwerdung und zur Gründung von weltlichen Machtzentren angezeigt. Mit ihnen ist eine höhere kulturelle Stufe der Menschheit erreicht. Das Streben des Menschen nach mehr Wissen und Können hat ihm tatsächlich erkennbare Fortschritte beschert (vgl. dazu auch 4,21.22; 9,20). Aber es fördert zugleich auch seinen Allmachtswahn und sein Verlangen, sich selbst an Gottes Stelle zu setzen. Dies wird hier eindrucksvoll am Beispiel der Stadt Babel aufgezeigt. Babel gilt in der Bibel als Inbegriff einer gottlosen und selbstherrlichen Stadt, deren Herrscher sich gottgleich über andere Völker hinweggesetzt haben (vgl. z.B. Ps 2 und Dan 4,27). In dem gigantischen Projekt des Turmbaus von Babel kommt das grenzenlose Verlangen des Menschen zum Ausdruck, sich selbst an Gottes Stelle ein Denkmal zu setzen (wörtl. „sich einen Namen machen“, 11,4). Aber die Erzählung in Gen 11 zeigt: Das Projekt des Menschen kann nicht gelingen, auch nicht mit gewaltigen gemeinsamen Anstrengungen. Im Gegenteil: Der Himmel – hier ein Bild für die Welt Gottes – bleibt für den Menschen unerreichbar. Die Tatsache, dass bei diesem Turm auch die Erinnerung an den berühmten babylonischen Tempelturm (Zikkurat) mitschwingt, verschärft noch die Aussage dieser Erzählung: Auch die größten gemeinsamen Leistungen der Menschheit, und seien es Tempeltürme oder andere sakrale Monumente, verfehlen letztlich ihr Ziel, wenn sie den Menschen dazu dienen, sich selbst „einen Namen“ zu machen.

Die stilisierte Form der Erzählung unterstreicht deren Dynamik noch zusätzlich. Im ersten Teil ist es der dreifache Selbstaufruf der Menschen, der ihr Vorhaben und ihre ungeheuerliche Vermessenheit von Satz zu Satz steigert, wobei Gott nicht einmal erwähnt wird. Ein Ausdruck extremer Gottvergessenheit!

Erst im zweiten Teil wird der Blick auf Gott gelenkt. Analog zum Selbstaufruf der Menschen spricht Gott: „Auf, lasst uns herabfahren.“ Sein Wort beschreibt die gegenläufige Richtung: So tief muss sich Gott herabbeugen, um den Turm überhaupt wahrzunehmen. So lächerlich und verschwindend klein ist das menschliche Machwerk aus göttlicher Perspektive!

Am Ende erreichen die Menschen genau das, was sie befürchtet haben: Sie können nicht zusammen bleiben. Die Urgeschichte endet mit einer unausgesprochenen Frage: Kann es für diese zerrissene Menschheit überhaupt noch Zukunft und Hoffnung geben?

Das 1. Buch Mose / Genesis 12–50

Vom Ursprung des Volkes Gottes

Mit der Geschichte von Abraham und seinen Nachkommen beginnt eine neue Phase in der Geschichte der Menschheit. Sie erzählt von Gottes Weg mit Abraham, Isaak, Jakob und seinen Söhnen, den „Vätern“ und Müttern des Volkes Israel. Ganz im Verborgenen beginnt diese Geschichte mit dem Auszug eines einzelnen Menschen aus seiner Sippe. Aber am Anfang dieser Geschichte steht Gottes Segensverheißung: „Ich will dich segnen … und du sollst ein Segen sein. … Und durch dich sollen alle Völker der Erde gesegnet werden“ (12,2f). Diese Segenszusage bildet das Kontinuum durch alle Erzählungen hindurch, angefangen vom Auszug Abrahams bis hin zum Segen Jakobs, den er am Ende des Genesisbuches (49,1ff) an seine Söhne weitergibt. Mit dieser Segenszusage ist ein Zweifaches ausgesagt:

(1) „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

Das heißt: Gott segnet ohne Vorleistung. Sein Segen entspringt allein aus Gottes freiem Willen. Gott verheißt Abraham Land und Nachkommen. Aber der verheißene Segen beinhaltet für Abraham und seine Nachkommen nicht nur das Privileg der Erwählung, sondern vor allem einen Auftrag. Im Vertrauen auf Gottes Verheißung soll Abraham den Weg wagen, auf den Gott ihn gerufen hat, obwohl die Erfüllung der Verheißung noch aussteht und Abraham auf seinem Weg in immer neue Glaubenskrisen geraten wird. Wird Gott seine Verheißung erfüllen? Und wenn ja, wann und wie wird er es tun? Das ist die Frage, die sich verborgen durch die ganze Geschichte Abrahams und seiner Nachkommen zieht. Es ist eine Geschichte voller Ungewissheit und Hindernisse. Abraham muss viele Umwege gehen. Er wartet mit Sara viele Jahre vergeblich auf den verheißenen Nachkommen und bleibt sein Leben lang ein Fremder im Land der Verheißung. Und dennoch zweifelt er nicht daran: „Was er (Gott) verheißen hat, kann er auch tun“ (Röm 4,21). So segnet Gott seinen Erwählten und macht ihn durch Leid und Entbehrung zum Segen für andere.

(2) „In dir sollen alle Völker gesegnet werden.“

Gottes Segensverheißung an Abraham und seine Nachkommen schließt von Anfang an auch die Geschichte der ganzen Menschheit mit ein. Das drückt sich schon im Namen „Abraham“ aus (das bedeutet: Vater vieler Völker), der ihm von Gott verliehen wird (17,5), während sein ursprünglicher Name „Abram“ lautet. Mit ihm ist schon das Ziel der Wege Gottes angezeigt: Zwischen den Völkern soll nicht ewig Feindschaft herrschen, Gott wird sich am Ende sein Volk aus all den vielen Völkern sammeln, die jetzt noch als Feinde des Volkes Gottes betrachtet werden. Die ganze Völkerwelt ist in den Segen Abrahams mit eingebunden. Diese Hoffnung klingt schon innerhalb der „Vätergeschichte“ an. Meist sind es die eher unbekannten Erzählungen im Genesisbuch, die uns den Blick für Gottes universalen Heilsweg öffnen können, der schon in der Geschichte Abrahams und seiner Nachkommen aufleuchtet.

Überblick über Genesis 12–50:

Die Geschichte der Väter und Mütter Israels

(1) Abraham – Vater vieler Völker

Sein Weg im Glauben an die Verheißung (12–25)

(2) Jakob – Stammvater Israels

Sein Weg im Ringen um die Verheißung (25–36)

(3) Josef und seine Brüder

Ihr Weg nach Ägypten – Gefährdung der Verheißung (37–50)

Abraham – Vater vieler Völker | Genesis 12–24
Abram und Sarai

Genesis 12

Dies ist die Geschichte von Abram

und seiner Frau Sarai.

Abram stammte aus Ur in Chaldäa.

Von dort war er mit seiner Sippe

nach Haran gezogen,

das auf halbem Weg nach Kanaan liegt.

Abram und Sarai waren sehr reich.

Sie hatten Knechte und Mägde

dazu viele Schafe, Ziegen und Rinder.

Aber Kinder hatten sie nicht.11,27ff

Da kam Gottes Wort zu Abram:

„Geh, Abram, geh!

Verlass deine Heimat!

Verlass deine Sippe

und das Haus deines Vaters!

Und zieh in ein Land,

das ich dir zeigen werde.

Dort will ich ein großes Volk

aus dir machen.

Ich will dich segnen

und will dir einen Namen machen.

Und du sollst ein Segen sein.

Gesegnet soll sein,

wer dich segnet,

und verflucht, wer dir flucht.

Und durch dich sollen alle Völker

dieser Erde gesegnet werden.“12,1ff

Da machte sich Abram auf,

mit seiner Frau Sarai,

mit Knechten und Mägden

und mit all seinem Vieh.

Lot, der Sohn seines Bruders,

begleitete sie.12,4f

Wochenlang waren sie unterwegs,

bis sie in das Land Kanaan kamen,

ein weites und fruchtbares Land.

In Sichem, im Herzen des Landes,

schlugen sie ihre Zelte auf.

Dort sprach Gott zu Abram:

„Sieh, dieses ganze Land will ich

deinen Nachkommen geben.“

Da baute Abram einen Altar,

und dankte seinem Gott,

der ihm in Sichem erschienen war.12,7

Aber Abram war schon 75 Jahre alt,

zu alt, um noch auf Kinder zu hoffen.

Und seine Frau war auch schon alt.

Außerdem war das Land schon

von Kanaanitern bewohnt.

Diese lebten in befestigten Städten.

Von dort aus herrschten sie

über das ganze Land.12,4.6

Doch Abram hörte auf Gott.

Er machte sich auf

und zog weiter nach Süden,

bis er nach Bethel kam.

Auch dort baute er

für Gott einen Altar.

Im heißen Südland

schlug er sein Zelt auf

und wartete darauf,

dass sich Gottes Verheißung erfüllte.12,8f

So leise und unspektakulär beginnt die Geschichte von Abram, die doch den Anfang der Geschichte Gottes mit seinem Volk markiert. Sie liest sich wie ein Gegenentwurf zum Turmbau von Babel, dem Finale der Urgeschichte. Dort schloss sich die Masse der Menschen zu einer gemeinsamen Aktion zusammen, hier ist es ein einzelner Mensch, zudem ein Nomade, den Gott aus der Gemeinschaft seiner Sippe herausruft. Dort hieß es von den Menschen selbstherrlich: „Wir wollen … uns einen Namen machen.“ Hier ist es Gott, der Abram verheißt: „Ich will ein großes Volk aus dir machen … und dir einen großen Namen (d.h. dich berühmt) machen.“ Dort wollten die Menschen um jeden Preis zusammenbleiben, hier wagt ein Mensch auf Gottes Wort hin den Aufbruch in Neuland, ohne den Rückhalt und Schutz seiner Sippe. Dort wollten die Menschen einen Turm bauen, hier errichtet Abram als erstes „Bauwerk“ einen Altar und ruft den Namen des Herrn an (12,8). Damit übereignet Abram gleichsam das Land von Anfang an seinem Gott, der ihn in dieses Land geführt hat.

In dieser ersten Erzählung wird nichts darüber ausgesagt, wie Gott zu Abram gesprochen hat. Auch die Frage, ob Abram Gott schon vorher gekannt hat, bleibt offen. Entscheidend ist allein, dass Gott durch sein Wort eine neue Geschichte beginnt, und sich in dieser Geschichte als der „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ offenbaren wird.

Eigentlich beginnt Abrams Geschichte schon viel früher. In Gen 11,31 wird berichtet, dass Abram ursprünglich mit der Sippe seines Vaters von Ur (im südlichen Zweistromland) nach Kanaan aufgebrochen war, sich dann aber auf halbem Weg in Haran niederließ (vgl. Jos 23,2). Aber erst mit Gottes Ruf an Abram erhält diese Geschichte eine neue Qualität als „Heils“-geschichte. Von nun an steht seine Geschichte ganz im Zeichen von Gottes Verheißungswort, das weit über Abram und seine Nachkommen hinaus Gottes Weg zum Heil aller Menschen offenbart.

In Ägypten

Genesis 12,10ff

Bald darauf brach im Südland

eine schwere Hungersnot aus.

Der Regen blieb aus.

Die Quellen versiegten

und das Gras auf der Weide verdorrte.

Da machte sich Abram

mit Sarai, seiner Frau, auf

und mit allem, was er besaß,

und zog nach Ägypten.12,10

Als sie nicht mehr weit

von Ägypten entfernt waren,

sagte Abram zu seiner Frau:

„Ich weiß, du bist schön.

Wenn die Ägypter dich sehen,

werden sie sagen:

Das ist seine Frau!

Dann töten sie mich,

aber dich lassen sie leben.

Darum sag einfach,

du seist meine Schwester,

dann verlierst du mich nicht,

und ich bleibe am Leben.“12,11ff

Doch kaum hatten sie Ägypten erreicht,

wurde Pharao, dem König, gemeldet:

Ein Fremder ist in unser Land gekommen.

Er hat seine schöne Schwester bei sich.

Da überlegte der Pharao nicht lange.

Er ließ Sarai sofort

in seinen Palast holen.

Abram aber sandte er reiche Geschenke,

Knechte und Mägde,

Schafe und Rinder,

Esel und Eselinnen

und viele Kamele.

Denn er sagte sich:

„Er ist ihr Bruder.

Er soll einen Brautpreis

für seine Schwester bekommen.“12,14ff

Da begriff Abram erst,

was er angerichtet hatte.

Sarai, seine eigene Frau, hatte er

an den Pharao von Ägypten verraten.

Seine Hoffnung auf Nachkommen

schien nun für immer dahin.

Endlich, nach bangen Wochen,

wurde Abram zum Pharao gerufen.

„Was hast du mir angetan?“,

rief dieser empört.

„Warum hast du von Sarai gesagt:

Sie ist meine Schwester?

Darum nahm ich sie zu mir.

Aber nun weiß ich genau:

Sie ist deine Frau.

Denn seitdem sie am Hof lebt,

kommt nur Unglück

über mein Königshaus.

Da hast du deine Frau wieder.

Auf, verlasst dieses Land!

Meine Soldaten werden euch

Schutzgeleit geben.“12,18ff

Aber Abram ahnte nicht,

dass Gott den Pharao

mit Plagen heimgesucht hatte,

sodass er von Sarai ablassen musste.12,17

Dankbar kehrte er mit Sarai

in das Land Kanaan zurück,

das Gott seinen Nachkommen

versprochen hatte.

Und er wartete weiter mit Sarai,

bis sich Gottes Verheißung erfüllte.

Mit dieser Geschichte beginnt eine Reihe von Erzählungen, die die Gefährdung der Verheißung zum Thema haben. Schon die Berufungsgeschichte lässt mit zwei kleinen Nebensätzen die Schwierigkeiten erahnen, die der Verwirklichung der Land- und Nachkommen-Verheißung im Weg stehen (12,4: „Abram aber war 75 Jahre alt“ und 12,6: „Es wohnten aber die Kanaaniter im Land“).

Nun aber kommt ein neues Problem in den Blick: Die Gefährdung Sarais als künftige Mutter der Verheißung und die zusätzliche Frage, ob das verheißene Land seine Bewohner überhaupt ernähren kann. Abram sieht sich gezwungen, das Land der Verheißung zu verlassen, obgleich er dazu keinen ausdrücklichen Befehl Gottes hat. Dadurch begibt er sich und seine Frau in große Gefahr. Als Fremder ist er in Ägypten rechtlos. Seine Sorge gilt aber nicht nur dem eigenen Überleben, sondern auch Sarai, die im Fall seiner Ermordung völlig schutzlos wäre (12,13b). So versucht Abram, Sarai und sich durch eine Halbwahrheit zu retten (denn Sarai ist nach Gen 20,12 wirklich seine Halbschwester), aber in Wahrheit erreicht er nur das Gegenteil. Erst durch Gottes Eingreifen tritt die Wende ein. Gott lässt nicht zu, dass die Mutter der Verheißung im Harem des ägyptischen Königs verschwindet. Auch der gottgleiche Pharao untersteht seiner Macht!

Diese Szene stellt ein eindrucksvolles Präludium zur Befreiung Israels aus Ägypten im Exodusbuch dar. Aber während dort das Herz des Pharao verhärtet bleibt, lässt sich in dieser Szene der heidnische König von Gott bewegen, seine Kinder freizugeben (vgl. Ex 8,28). Schon hier leuchtet das Ziel der Wege Gottes auf: dass einst alle Völker zu Gott umkehren und gemeinsam mit Israel Gott anbeten werden (vgl. z.B. Jes 19,19ff).

Lot

Genesis 13

Abram und Lot zogen gemeinsam

mit ihren Viehherden durchs Land.

Sobald sie einen Brunnen fanden,

machten sie Halt, schlugen die Zelte auf

und gaben ihren Tieren zu trinken.13,1ff

Inzwischen besaß auch Lot

so viele Schafe, Ziegen und Rinder,

dass es für die Tiere nicht mehr genug

Wasser und Weideland gab.

Darüber brach ein erbitterter Streit aus

zwischen Lots und Abrams Hirten.13,5ff

Als aber Abram sah,

wie die Hirten sich stritten,

sagte er zu Lot, seinem Neffen:

„Wir sind doch blutsverwandt

und gehören wie Brüder zusammen.

So lass keinen Streit zwischen uns sein.

Lieber trennen wir uns.

Sieh, das ganze Land steht dir offen.

Sag, wo willst du wohnen?

Du kannst wählen.

Gehst du nach links,

dann geh ich nach rechts.

Gehst du nach rechts,

dann geh ich nach links.“13,8f

Da blickte Lot um sich

und sah das Jordantal zu seinen Füßen,

reich an Wasser und so verlockend grün

wie der Garten Eden.

„Dort will ich wohnen!“, rief er.

Und sogleich machte er sich auf

mit allem, was er besaß,

und zog hinunter ins Tal.

Dort ließ er sich in Sodom nieder,

einer reichen und blühenden Stadt.

Doch ihre Bewohner

waren von Grund auf verdorben.13,10f

Abram aber blieb im Bergland zurück.

Da sprach Gott zu Abram:

„Schau auf! Blick um dich!

Sieh, dies ganze Land will ich dir

und deinen Nachkommen geben.

Euch soll es für immer gehören.

Wie der Staub auf der Erde,

so viele Nachkommen

wirst du bekommen.

So mache dich auf!

Durchzieh das Land

in seiner Länge und Breite.

Ich will es dir geben.“

Da hörte Abram auf Gott

und machte sich erneut auf den Weg,

um das ganze Land zu erkunden.

Im äußersten Süden des Landes

schlug er sein Zelt auf

und wartete weiter darauf,

dass sich Gottes Verheißung erfüllte.13,14ff

Die Trennung von Lot bedeutet eine erneute Infragestellung der Land- und Nachkommen-Verheißung. Da nun Lot als potenzieller Erbe ausscheidet und nach der Trennung für Abram und seine Herden nur das karge Bergland bleibt, stellt sich für ihn die Frage verschärft: Ist dies wirklich das Land, das Gott ihm verheißen hat? Oder hätte er besser die fruchtbare Jordanebene wählen sollen, die er seinem Neffen überlassen hat? Menschlich betrachtet, hat Abram die schlechtere Wahl getroffen. Aber am Ende bestätigt Gott seine Wahl durch seine erneute Verheißung, die hier sogar noch erweitert und konkretisiert wird. Außerdem deutet der Hinweis auf die Bewohner von Sodom an, dass Abram durch diese Entscheidung vor großem Unheil bewahrt bleibt. Im Vertrauen auf Gottes erneute Zusage macht sich Abram auf den Weg und durchzieht das Land, das Gott seinen Nachkommen zugesprochen hat. Damit bekennt er zeichenhaft, dass dieses Land in Wahrheit Gott allein gehört.

Melchisedek

Genesis 14

Abram wohnte im Hain Mamre

nicht weit von der Stadt Hebron entfernt.

Dort lebte er im Frieden

mit all seinen Nachbarn

und genoss hohes Ansehen

bei den Bewohnern des Landes.14,13b

Und Gott schenkte Abram

großen Reichtum an Silber und Gold.13,2

Und die Zahl seiner Hirten und Herden

nahm immer mehr zu.

So herrschte lange Zeit Frieden im Land.

Doch eines Tages jagte ein Bote heran.

Entsetzt meldete er Abram:14,13

„Drunten im Jordantal

tobt ein furchtbarer Krieg.

Vier Könige aus dem Osten

sind in das Land eingefallen.

Sie haben Sodom geplündert

und alles mitgenommen,

was sie dort fanden.

Auch Lot wurde verschleppt.“14,1ff

Da sammelte Abram

alle seine Knechte um sich,

318 an der Zahl,

eilte mit ihnen hinunter ins Tal

und jagte den Feinden nach.

Und als es Nacht wurde,

fiel er mit seinen Knechten über sie her,

nahm ihnen die reiche Beute ab

und befreite Lot, seinen Neffen,

mitsamt allen anderen,

die verschleppt worden waren.14,14ff

Im Siegeszug kehrten sie heim,

mit reichen Schätzen beladen.

Doch als sie noch unterwegs waren,

kam ihnen Melchisedek,

der König von Salem, entgegen,

gefolgt vom König von Sodom.

Feierlich schritt Melchisedek

auf Abram zu

und brachte ihm Brot zum Gruß

und eine Schale mit Wein.

„Ich bin Melchisedek“, sprach er,

„Priester des höchsten Gottes.

Gesegnet bist du, Abram,

von Gott, dem Höchsten,

der Himmel und Erde schuf.

Gelobt sei der Höchste,

der dir den Sieg geschenkt hat.“14,16ff

Da holte Abram seine Schätze hervor

und legte sie in die Hände des Priesters.

Von allem gab er den zehnten Teil ab.

Die restliche Beute gab er

dem König von Sodom zurück.

Aber der König von Sodom

wollte nichts nehmen.

„Behalte die Beute für dich!

Gib mit nur meine Leute zurück.“14,20f

„Nein, nichts nehme ich an“,

erwiderte Abram.

„Bei Gott, dem Höchsten,

der Himmel und Erde erschuf.

Ich schwöre dir:

Nicht einen Faden,

nicht einen einzigen Schuhriemen,

fasse ich an.

Sonst sagst du am Ende,

du hättest mich reich gemacht.“14,22ff

So gab Abram dem König alles,

was er erbeutet hatte, zurück.

Mit leeren Händen kehrte er

zu seinen Zelten zurück.

Aber der Segen Gottes ging mit ihm

und ruhte auf ihm.

Von diesem Tag an

herrschte wieder Frieden im Land,

solange Abram lebte.

Auf den ersten Blick erscheint diese Erzählung wie ein Fremdkörper im Rahmen der Abrahamsgeschichte. Vermutlich handelt es sich auch um eine ursprünglich selbstständige Überlieferung. Aber durch ihre Einbindung in den Kontext der Abrahamsgeschichte wird die universale Dimension der Segensverheißung deutlich („Durch dich sollen alle Völker der Erde gesegnet werden“; 12,3). Die ungewöhnlich detaillierte Erzählung vom Krieg der vier Könige aus dem Osten stellt Abrams Familiengeschichte in den Horizont der Völkergeschichte, wie sie bereits durch die Völkertafel in Gen 10 vorgezeichnet war. Aber anders als dort verwandelt sich hier der Fluch, der auf der Urgeschichte lag, in eine Segensgeschichte. Abram wird nicht nur zum Segen für die heidnischen Bewohner des Landes, sondern auch umgekehrt: Durch einen heidnischen (!) Priesterkönig wird Abram der Segen des „höchsten Gottes“ zuteil. Es bleibt offen, wer dieser „höchste Gott“ ist, dem Melchisedek dient. Aber Abram nimmt seinen Segen an und ehrt ihn als Priester Gottes, indem er ihm den Zehnten von seiner Beute abgibt, wie es in späterer Zeit den Priestern in Israel zustand (vgl. Ex 29,28; Num 18,20ff). Der Gott, „der Himmel und Erde geschaffen hat“, ist auch sein Gott, der „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“. Im Namen dieses einen Gottes kann Abram im Frieden mit den Bewohnern des Landes leben.

Nacht

Genesis 15

Es war Nacht.

Abram lag wach in seinem Zelt.

Er fand keine Ruhe.

Seit Jahren wartete er mit Sarai darauf,

dass sich Gottes Verheißung erfüllte.

Aber wie lange noch?

Da war es ihm auf einmal,

als hörte er Gottes Stimme:

„Fürchte dich nicht, Abram!

Ich bin dein Schild und dein Lohn.

Du wirst Großes von mir empfangen.“15,1

„Ach Herr, mein Gott!“,

wandte Abram ein.

„Was willst du mir geben?

Du hast uns bis heute

kein Kind geschenkt.

Und bald werde ich sterben.

Dann wird Eliëser, der Knecht,

der mir am nächsten steht,

meinen ganzen Besitz erben.“15,2f

Aber Gott sprach:

„Nein, nicht dein Knecht,

sondern dein eigener Sohn

wird dein Erbe sein.“

Und er fuhr fort:

„Komm vor dein Zelt

und schau auf zum Himmel!

Siehst du die Sterne?

Kannst du sie zählen?

Wie die Sterne am Himmel,

so viele Nachkommen

will ich dir geben.“15,4f

Da vertraute Abram auf Gott

und glaubte seinem Versprechen.

Und Gott nahm seinen Glauben an

und sah ihn als gerecht an.15,6

Und weiter sprach Gott zu Abram:

„Ich bin der Herr,

ich habe dich aus Ur in Chaldäa geführt,

damit ich dir dieses Land gebe.“

„Ach Herr“, antwortete Abram,

„woran kann ich erkennen,

dass ich es wirklich bekomme?“15,7f

In jener Nacht schlief Abram unruhig.

Angst und Schrecken fielen auf ihn.

Da hörte er im Schlaf,

wie Gott zu ihm sprach:

„Schon jetzt lasse ich dich wissen,

was deine Nachkommen

künftig erleiden müssen:

Vierhundert Jahre lang werden sie

Sklaven in einem fremden Land sein.

Aber ich werde sie befreien,

und in dieses Land zurückbringen.

Du aber wirst im Frieden hier sterben.“15,12ff

Da wachte Abram auf.

Ein neuer Morgen brach an.

An diesem Tag schloss Gott

mit Abram einen Bund

und bekräftigte sein Versprechen

feierlich mit einem Schwur:

„Deinen Nachkommen

will ich dieses Land geben.

Ja, das ganze Gebiet

vom Nil bis zum Euphrat

mit all seinen Bewohnern

soll ihnen gehören.“15,18ff

Dieses Kapitel erzählt von zwei Nachterfahrungen im Leben Abrams. Nacht ist es um ihn, und Nacht ist es in ihm. Zum ersten Mal erfahren wir von den inneren Kämpfen Abrams, von seinen Zweifeln und Anfragen an Gottes Verheißung.

In der ersten Szene geht es um die Verheißung der Nachkommenschaft. Es scheint, als habe Abram bereits resigniert. Er erwägt offenbar, seinen obersten Knecht und engsten Vertrauten durch Adoption zum Erben einzusetzen. Es entwickelt sich ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Gott und Abram, wobei sich Gott ganz auf Abrams Zweifel und Fragen einlässt, zugleich aber seine Zusage erneuert und sogar noch konkretisiert: Nicht durch Adoption wird Abram Nachkommen erhalten, sondern durch seinen leiblichen Sohn. So verwandelt sich diese Nachtstunde in eine Sternstunde in Abrams Leben.

In der zweiten Szene geht es um die Verheißung des Landes. Das Land der Verheißung ist schon bewohnt, ja, auch die umliegenden Gebiete „vom Nil bis zum Euphrat“ sind in der Hand zahlreicher Völker. Wie kann da die Verheißung jemals in Erfüllung gehen? Sie wird zusätzlich durch die nächtliche Offenbarung künftiger Fremdherrschaft und Unterdrückung (in Ägypten) verdunkelt. Aber am Ende wird die Verheißung nicht nur erneuert, sondern es wird offenbar: Gottes Zukunft mit Abrams Nachkommen übersteigt alle menschliche Vorstellung (15,18ff).

Vieles bleibt in dieser Nachtszene rätselhaft und nur schwer zu erschließen (so etwa der archaische Ritus in Vers 9–11, der hier nicht ausdrücklich einbezogen wird). Aber umso heller leuchtet mitten in dieser dunklen Geschichte der Satz auf, den Paulus im Römerbrief – und in seinem Gefolge auch Martin Luther – als Kernsatz des Evangeliums so formuliert hat: „Abraham glaubte dem Herrn und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit“(15,6; vgl. Röm 4,3). Das hebräische Wort für Glauben heißt aman. Es erinnert an unser Wort „Amen“ und bedeutet so viel wie: sich festmachen in der Treue Gottes, der unverbrüchlich zu seiner Verheißung steht.

Das hebräische Wort für gerecht, Gerechtigkeit hingegen lautet „zedaqa“. Es bezeichnet weder die Gerechtigkeit im juristischen Sinn noch die Gerechtigkeit, die sich der Mensch durch eigene Leistung verdienen kann, sondern meint die von Gott geschenkte Gemeinschaft mit ihm, die hier feierlich bekräftigt wird. Es ist dies die Mitte reformatorischer Botschaft, die hier erstmals ausdrücklich formuliert wird: Allein durch den Glauben wird der Mensch vor Gott gerecht. Und Paulus fügt hinzu: (allein) „durch den Glauben an Jesus Christus!“ (Röm 3,22.28).

Hagar

Genesis 16

Jahr um Jahr verging.

Zehn Jahre gingen ins Land.

Doch nichts geschah.

Noch immer hatte Sarai kein Kind.

Da sagte Sarai zu Abram:

„Worauf wartest du noch?

Sieh mich an! Ich bin zu alt,

um noch ein Kind zu bekommen.

Darum schlage ich vor:

Geh zu meiner Magd Hagar,

die ich aus Ägypten mitgebracht habe,

und nimm sie zur Nebenfrau!

Vielleicht kann sie dir ein Kind schenken.“16,1ff

Da hörte Abram auf seine Frau

und schlief mit Hagar an Sarais Stelle.

Und wirklich: Hagar wurde schwanger.

Sarai merkte es sofort.

Denn Hagar benahm sich

auf einmal ganz anders.

Stolz sah sie auf Sarai herab,

so, als sei sie die Herrin

und Sarai die Magd.16,4

Da hielt es Sarai nicht länger aus.

Sie beschwerte sich bitter bei Abram:

„Sieh doch, wie mir Unrecht geschieht!

Denn seitdem Hagar schwanger ist,

hat sie nur noch Verachtung für mich.

Aber du tust, weiß Gott, nichts dagegen!“

„Gut“, sagte Abram,

„ich überlasse dir Hagar.

Mach mit ihr, was du willst.

Sie ist in deiner Macht.“16,5f

Da beschloss Sarai, sich zu rächen.

Aber Hagar kam ihrer Herrin zuvor.

Als sie erfuhr, was Sarai vorhatte,

machte sie sich auf und davon

und floh in die Wüste.

Sie lief immer weiter,

bis sie zu einer Wasserstelle kam.

Dort ließ sie sich erschöpft fallen.16,7

Doch plötzlich –

rief da nicht jemand ihren Namen?

Erschrocken blickte Hagar sich um.

Da stand ein Engel vor ihr.

„Hagar“, sprach er, „du Magd Sarais.

Woher kommst du? Und wohin willst du?“

„Ach“, brach es aus Hagar hervor,

„ich bin vor meiner Herrin geflohen.“16,7f

Aber der Engel sprach zu ihr:

„Geh nur wieder zurück

und tu, was deine Herrin befiehlt!

Aber höre, was Gott zu dir spricht:

Du wirst einen Sohn bekommen,

den sollst du Ismael nennen,

das bedeutet: Gott hört!

Denn Gott hat deine Klagen gehört.

Wie ein Wildesel,

so wild wird dein Sohn sein.

Er wird mit allen in Streit geraten,

aber dennoch nicht unterliegen.

Ja, er wird sich gegen alle behaupten,

die sich ihm widersetzen.

Und er wird so viele Nachkommen haben,

dass niemand sie zählen kann.“16,9ff

Da ahnte Hagar,

wer zu ihr gesprochen hatte.

Staunend bekannte sie:

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“

Und sie fügte hinzu: „Ja, gewiss!

Er hat mich in meinem Elend gesehen.

Ich durfte ihm hinterhersehen.“

Darum heißt der Ort:

Brunnen des Lebendigen, der mich sieht.

Und so heißt er bis heute

und erinnert daran, dass Gott

an diesem Ort Hagar begegnet war.16,13f

Danach kehrte Hagar zu Sarai zurück.

Und bald darauf wurde ihr Sohn geboren.

Abram nannte ihn Ismael,

wie der Engel gesagt hatte.

86 Jahre alt war Abram,

als Ismael geboren wurde.

Von diesem Tag an richtete sich

alle Hoffnung auf Hagars Sohn.16,15f

Diese Geschichte zeigt eindrücklich auf:

Wo immer ein Mensch versucht, die Verheißung selbst zu verwirklichen, droht er zu scheitern, selbst dann, wenn wie hier, solches Vorgehen durchaus üblich war. Hagar soll nach Sarais Plan die Rolle einer „Leihmutter“ übernehmen. Das heißt konkret: Wird das Kind der Leibmagd auf dem Schoß der Herrin geboren, wird es als voll berechtigtes Glied der Familie anerkannt. Aber Sarais Plan geht nicht auf. Denn Hagar lässt sich nicht als Leihmutter gebrauchen, nur weil sie als Sklavin und Leibmagd Sarais nicht über sich entscheiden kann. Menschlich betrachtet, erscheint die Situation ausweglos und ist durch immer neue gegenseitige Demütigungen gekennzeichnet. Erst durch Gottes Eingreifen erfolgt die Wende. Der Engel, durch den Gott selbst zu Hagar spricht, gibt ihr, der ägyptischen Sklavin und Leibmagd, die Würde zurück, die ihr die Menschen vorenthalten.

So nimmt Hagar im Rahmen der Genesiserzählungen eine herausragende Rolle ein. Sie ist die erste Frau in der Bibel, die Gott durch seinen Boten persönlich anspricht und die eine ausdrückliche und umfassende Segensverheißung erhält. Die Ankündigung der Geburt des Sohnes hebt sie auf eine Ebene mit Hanna, der Mutter Samuels (1. Sam 1,17) und seine Namensgebung durch den Engel verbindet sie mit Maria, der Mutter Jesu (Lk 1,31). Wie diese Frauen, so wird auch Hagar zur Zeugin der Barmherzigkeit Gottes, indem sie, die Ausländerin und Sklavin, Gott einen besonderen Namen gibt („Gott, der mich sieht“, hebr. el roi) und mit dem Namen des Brunnens („Brunnen des Lebendigen, der mich sieht“) einen Ort der Erinnerung schafft, an dem Israel künftig seinen Gott als den bezeugen wird, der auf das Elend der Verachteten und Entrechteten „sieht“ und sich ihrer annimmt. Dass der Engel Gottes Hagar wieder an den Ort ihrer Demütigung zurückschickt, erscheint für heutige Ohren kaum erträglich. Aber es ist der Ort, an dem Ismael einzig als legitimer Sohn Abrams seine Anerkennung finden wird. So betrachtet, bedeutet der Befehl zur Rückkehr keine erneute Demütigung, sondern Aufwertung und Rehabilitierung Hagars und ihres Sohnes.

Die Geschichte von Hagar und Ismael, die in Gen 21 ihre Fortsetzung findet, macht deutlich, wie eng die Segensgeschichte Israels mit der Geschichte derer verbunden ist, die sich von Ismael ableiten. Als Kinder Abrams stehen auch sie unter Gottes besonderem Schutz und Segen.

Der Bund

Genesis 17

Viele Jahre gingen ins Land.

Inzwischen zählte Abram

schon fast 100 Jahre.17,1

Und auch sein Sohn Ismael

war nun kein Kind mehr.

Aber noch immer wusste Abram nicht,

ob Ismael wirklich der Sohn war,

den Gott ihm verheißen hatte.

Er wartete auf ein Zeichen von Gott.

Doch nichts geschah.

Endlich, nach Jahren des Wartens,

erschien Gott Abram und sprach zu ihm:

„Ich bin Gott, der Allmächtige.

Bleibe auf meinem Weg

und weiche nicht von mir ab.“17,2

Stumm verneigte sich Abram

vor Gott bis auf die Erde und lauschte.

Er spürte: Gott war ihm ganz nah.17,3

Da sprach Gott zu Abram:

„Sieh, ich schließe mit dir einen Bund.

Und das soll mein Bund mit dir sein:

Nicht mehr Abram, sondern Abraham,

sollst du heißen.

Das soll dein Name für immer sein.

Denn ich will dich zum Vater

vieler Völker machen.

Und deine Nachkommen

werden sehr zahlreich sein.

Auch Könige werden von dir kommen.

Und mein Bund mit dir

und deinen Nachkommen

soll ewig bestehen.

Ich will für immer euer Gott sein.

Und ich will dir

und deinen Nachkommen

das Land geben, in dem du jetzt noch

als Fremder lebst.

So haltet nun meinen Bund,

du und alle deine Nachkommen,

von Generation zu Generation.“17,4ff

Abraham war sprachlos:

Was für ein gewaltiges Versprechen

hatte Gott ihm gegeben!

Aber woran sollte er erkennen,

dass Gottes Bund für alle Zeit galt,

dass auch seine Nachkommen

dazugehörten?

Gott sprach:

„Ich will dir ein Zeichen geben,

das soll dich und deine Nachkommen

immer daran erinnern, wem ihr gehört.

Und das ist das Zeichen des Bundes

zwischen mir und euch:

Ihr sollt jeden Jungen am achten Tag

nach seiner Geburt beschneiden,

und ebenso auch alle Knechte,

die zu dir gehören.“17,10ff

Und Gott sprach weiter:

„Auch deine Frau Sarai

soll ein sichtbares Zeichen bekommen.

Ich will sie segnen

und ihr einen Sohn schenken.

Nicht mehr Sarai soll sie heißen,

sondern Sara soll ihr Name sein.

Denn auch sie will ich segnen.

Sie wird die Mutter vieler Völker werden.“17,15f

Da warf sich Abraham vor Gott nieder

und verbarg sein Gesicht.

Er lachte im Stillen und dachte bei sich:

Wie soll das geschehen?

Sara ist 90 Jahre alt.

Sie kann kein Kind mehr bekommen.

Es ist gewiss nur ein Scherz.

„Ach Herr!“, bat Abraham.

„Lass Ismael leben vor dir.

Lege doch deinen Segen auf ihn!“17,17f

Aber Gott sprach:

„Nein, sondern deine Frau Sara

wird dir einen Sohn schenken,

den sollst du Isaak nennen.

Mit ihm will ich

einen ewigen Bund schließen.

Auch Ismael will ich segnen

und ein großes Volk aus ihm machen.

Doch meinen Bund will ich

mit Saras Sohn schließen.

Nächstes Jahr um diese Zeit

wird er geboren.“17,19ff

So sprach Gott.

Doch als Abraham aufschaute,

war er nicht mehr bei ihm.

Da rief er seinen Sohn Ismael

und alle seine Knechte

und beschnitt sie noch am selben Tag,

wie Gott geboten hatte.17,23

So trat Abraham in den Bund Gottes ein,

mit allen, die zu ihm gehörten.

Von nun an gehörte ihr Leben

für immer dem lebendigen Gott.

Er hatte einen ewigen Bund

mit ihnen geschlossen.

Eine ungewöhnliche Feierlichkeit liegt über dieser Szene. Der heilige Gott „erscheint“ Abraham. Kein Wort wird darüber verloren, wie man sich die Erscheinung vorstellen soll. Es heißt nur ganz lapidar am Ende: „Gott fuhr auf“ (17,22), eine Formulierung, die häufig im Zusammenhang mit Opferhandlungen begegnet (z.B. Ri 13,20). An ihr wird die himmelweite Distanz zwischen Gott und dem Menschen deutlich. Die Offenbarung seines Gottesnamens El schaddai (dt. der „allmächtige Gott“) zeigt die Einzigartigkeit und Heiligkeit Gottes an, wie bei der Gottesoffenbarung am Sinai (Ex 19,1ff). Aber anders als dort, offenbart sich Gott hier nicht durch Feuer oder Erdbeben, sondern allein durch sein Wort. Gottes Bundeszusage, die in Gen 15 nur mit einem Satz geheimnisvoll angedeutet wurde (15,18), wird hier in einer langen Gottesrede umfassend entfaltet.

Wie zuvor mit Noah, so richtet nun Gott seinen Bund mit Abraham auf. Aber sein Versprechen gilt nicht nur ihm, sondern auch ausdrücklich Sara. Es schließt alle Völker und alle kommenden Generationen mit ein. Ein immerwährender Bund wird es sein. Zur Bekräftigung seiner Zusage gibt Gott den beiden neue Namen: nicht mehr Abram, sondern Abraham und nicht mehr Sarai, sondern Sara (d.h. „Fürstin“). Gottes Zusage gipfelt in der konkreten Ankündigung von Isaak, Saras Sohn. An dieser Stelle kann Abraham nicht stumm bleiben. Sein Lachen (von dem Namen Isaak abgeleitet) ist Ausdruck ungläubigen Staunens. Aber die entscheidende Antwort auf Gottes Bundeszusage ist die Beschneidung. Sie ist von Gott selbst angeordnet als sichtbares Zeichen der bleibenden Zugehörigkeit zu Gott. Mit dem Vollzug der Beschneidung an allen männlichen Gliedern des Hauses, auch den fremden Sklaven im Haus, wird der Bund mit Gott rechtsgültig geschlossen. Auf das große Ja Gottes darf der menschliche Bundespartner mit seinem Ja antworten und wird damit in den von Gott gestifteten Bund aufgenommen.

Der Besuch

Genesis 18

Danach suchte Gott

noch einmal Abraham auf.

Aber Abraham erkannte ihn nicht:

Es war ein heißer Tag.

Abraham saß vor seinem Zelt

im Hain Mamre und ruhte sich aus.

Da sah er drei Männer kommen.

Sie blieben vor seinem Zelt stehen.

Sogleich stand Abraham auf,

lief ihnen entgegen und

verneigte sich vor ihnen

bis auf die Erde und sprach:

„Willkommen, ihr Herren!

Geht nicht vorüber!

Gefällt es euch, so seid meine Gäste!

Setzt euch unter den Baum

und ruht euch ein wenig aus!

Man hole Wasser

für eure staubigen Füße!

Ich aber will euch

einen Bissen Brot bringen,

damit ihr gestärkt weiterzieht.“18,1ff

Dann eilte er zu Sara ins Zelt

und rief ihr zu:

„Nimm vom feinsten Mehl.

Knete einen Teig und backe Brot daraus.“

Dann lief er zu den Rindern,

suchte ein zartes Kalb aus

und gab es seinem Knecht.

Der bereitete daraus

ein köstliches Festmahl zu.

Er selbst aber holte

Milch und Butter herbei

und bediente die Gäste.

Aber Abraham wagte nicht

sie zu fragen, wer sie waren.

Stumm stand er vor ihnen,

während sie schweigend aßen.18,6ff

Nachdem sie gegessen hatten,

fragte einer der Gäste:

„Wo ist deine Frau Sara?“

„Drinnen im Zelt“,

antwortete Abraham verwundert.

Woher wusste dieser Fremde,

wie seine Frau hieß?

„Hör zu!“, sagte dieser.

„Ich bringe gute Nachricht für euch.

In einem Jahr komme ich wieder.

Dann wird Sara einen Sohn haben. “18,9f

Das hörte Sara im Zelt.

Sie hatte hinter der Tür gelauscht.

Unmöglich, dachte sie bei sich

und lachte leise in sich hinein.

Ich soll noch ein Kind bekommen?

In meinem Alter?

„Warum lacht Sara?“, fragte der Gast.

„Glaubt sie etwa,

sie kann kein Kind mehr bekommen?

Sollte Gott etwas unmöglich sein?“18,10ff

„Nein!“, wehrte sich Sara erschrocken,

„ich habe gar nicht gelacht.“

„Doch“, sagte der Fremde,

„du hast wirklich gelacht.“18,15

Da ahnten Abraham und Sara,

wer zu ihnen gekommen war:

Gott der Herr,

begleitet von seinen Engeln,

hatte ihnen die gute Nachricht gebracht.

– – –

Bald darauf brachen die Gäste auf.

Abraham gab ihnen das Geleit.

Als sie schon ein Stück weit

gegangen waren, sprach Gott:

„Wie kann ich Abraham etwas verbergen?

Denn ihn habe ich vor anderen erwählt.

Ich will ihn zum großen Volk machen.

Und durch ihn sollen

alle Völker der Erde gesegnet werden.

Darum will ich Abraham sagen,

wohin wir nun gehen: Wir wollen prüfen,

was in Sodom und Gomorra geschieht.

Denn die Menschen dort

sind von Grund auf verdorben.

Ihre Gräueltaten schreien zum Himmel

und ihre Sünde wiegt schwer.“18,16f

Erschrocken blieb Abraham stehen.

Wollte Gott etwa diese Städte zerstören?

In Sodom wohnte doch Lot!

Was würde aus ihm?

„Ach Herr“, fragte Abraham,

„willst du denn zulassen,

dass alle Menschen dort sterben?

Vielleicht wohnen in Sodom

auch Menschen, die auf dich hören.

Vielleicht fünfzig, Herr?“18,22ff

Da sprach Gott:

„Wenn ich dort fünfzig finde,

die auf mich hören,

will ich die Stadt nicht zerstören.“18,26

Aber wenn es nun weniger waren?

Abraham versuchte es noch einmal:

„Wenn es aber fünf weniger sind?“

Gott sprach: „Dann will ich

die Stadt auch nicht zerstören.“18,27f

„Vielleicht sind es aber nur vierzig?“,

wandte Abraham ein.

Gott sprach: „Auch dann will ich

die Stadt nicht zerstören.“18,29

„Und wenn es nur dreißig sind?“

„Auch dann nicht“, sprach Gott.

„Ach Herr“, bat Abraham,

„erlaube, dass ich noch einmal frage:

Wenn es nur zwanzig sind,

die auf dich hören?“

Gott sprach: „Auch dann will ich

die Stadt nicht zerstören.“

„Wenn es aber nur zehn sind?“

„Auch dann nicht“, sprach Gott.18,31f

Da wagte Abraham nicht mehr

weiterzufragen.

Und als er aufschaute,

war Gott nicht mehr bei ihm.

Doch in der Ferne

sah er die beiden Engel.

Sie liefen auf Sodom zu.

Da ahnte Abraham,

was Gott mit Sodom vorhatte.

Still kehrte er zurück zu Sara ins Zelt.18,33

Ein deutlicher Szenenwechsel findet hier statt. Auf den feierlichen Bundesschluss in Kap. 17 folgt diese so liebevoll und detailliert beschriebene Szene im Hain Mamre, Abrahams Wohnsitz. Ein anschauliches Beispiel orientalischer Gastfreundschaft und liebenswerter Menschlichkeit. Man spürt in dieser Erzählung förmlich die Freude Abrahams an den fremden Gästen und zugleich auch eine leise Vorahnung, dass sich in dieser Szene Großes ankündigen wird. So menschlich nah erscheint hier Gott in der Alltagswelt von Abraham und Sara, um den beiden die Geburt des lang ersehnten Sohnes anzukündigen: „Sollte Gott etwas unmöglich sein?“

Das ist die gute Nachricht, die Abraham und Sara in dieser geheimnisvollen Begegnung ganz konkret an sich selbst erfahren. Es ist dieselbe Erfahrung, die an späterer Stelle Hanna, die Mutter Samuels (1. Sam 1), und im Neuen Testament auch Elisabeth, die Mutter des Johannes, und vor allem Maria, die Mutter Jesu, machen werden, als ihnen die Geburt ihres Sohnes angekündigt wird. Sie alle erfahren am eigenen Leib: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“ (Lk 1,37). Inmitten einer Welt, die gezeichnet ist von Gewalt und Unrecht, beginnt Gott im Verborgenen mit einem kleinen Kind, das noch gar nicht gezeugt, geschweige denn geboren ist, eine neue Hoffnungsgeschichte. Und wo Menschen selbst mit ihren Möglichkeiten am Ende sind und nur ihre eigene Ohnmacht bekennen können, da setzt Gott sein mächtiges „möglich“ dagegen. Dies haben zuerst Abraham und Sara erfahren. Alle bisherigen Versuche, auf andere Weise Gottes Verheißung zu verwirklichen, sind gescheitert. Nun, da Sara endgültig alle Hoffnung aufgegeben hat, fordert Gott sie und auch Abraham zu einem neuen Glaubenswagnis heraus.

In scharfem Kontrast zu dieser Ankündigung, die neues Leben verheißt, folgt im zweiten Teil die Ankündigung des Gerichts über Sodom und Gomorra. Beide Städte gelten als Inbegriff einer dekadenten und selbstzerstörerischen Welt, die auf ihren sicheren Untergang zutreibt. Aber Abraham weiß sich auch dieser gottfeindlichen Welt verpflichtet. Abraham ringt mit Gott im Gebet.

In seiner Fürbitte für Lot ist auch die ganze Stadt Sodom in ihrer Verdorbenheit mit eingeschlossen. Sechsmal trägt er – demütig und beharrlich zugleich – Gott seine Bitte vor. Und Gott lässt sich auf einen Dialog mit ihm ein. Sechsmal ist er bereit, das Gericht über Sodom zurückzuhalten, sofern nur einige wenige Menschen darin leben, die auf Gottes Gebote hören. Aber am Ende steht fest: Nicht einmal zehn Gerechte – die kleinste Einheit – leben in Sodom!

In diesem Gebet erscheint Abraham als Mittler zwischen Gott und den Menschen. Als solcher steht er in einer Reihe mit Mose und den großen Propheten, die den Auftrag hatten, vor Gott in Fürbitte für ihr Volk einzutreten.

Sodom

Genesis 19

Es war bereits Abend,

als die beiden Engel Sodom erreichten.

Lot sah sie kommen

und lief den Männern entgegen.

Er verneigte sich vor ihnen

bis auf die Erde

und begrüßte sie freundlich:

„Kommt in mein Haus!

Seid meine Gäste

und ruht euch über Nacht aus.

Morgen früh könnt ihr weiterziehen.“19,1f

Sie aber erwiderten:

„Nein, wir kehren nicht ein.

Wir übernachten hier draußen.“

Aber Lot drängte sie so lange,

bis sie ihm in sein Haus folgten.

Dort bereitete er ihnen ein Mahl zu

und setzte ihnen gebackenes Brot vor.

Doch kaum hatten sie gegessen,

hörten sie draußen wildes Geschrei.

Vor dem Haus

tobten die Männer von Sodom.

Sie umringten das Haus,

schlugen an die Tür und schrien:

„Lot, mach uns auf!

Gib sofort die Fremden heraus!

Wir wollen uns an ihnen vergnügen.“19,2f

Aber Lot ging zu ihnen hinaus

und bat sie inständig:

„Ach, liebe Freunde, bitte, hört auf!

Lasst meine Gäste in Frieden!

Tut ihnen nichts Böses an!

Eher gebe ich meine Töchter heraus.

Aber meine Gäste liefere ich nicht aus.“

Aber die Männer schrien noch mehr:

„Weg mit dir! Was willst du hier?

Spielst du dich als Richter über uns auf?

Du bist ja selbst ein Fremder

in unserer Stadt. Warte nur!

Dir ergeht es noch schlimmer!“

Und schon machten sie sich über Lot her.

Aber die Engel zogen ihn

schnell ins Haus

und schlossen die Tür wieder zu.

Doch als die Männer von Sodom

die Tür stürmen wollten,

sahen sie auf einmal nichts mehr.

Hilflos tappten sie im Dunkeln umher.19,6ff

Endlich wurde es draußen still.

Da erzählten die Engel,

warum sie gekommen waren.

„Auf“, drängten sie Lot,

„flieh mit deiner Frau

und deinen zwei Töchtern,

bevor es zu spät ist!

Denn Gott wird Sodom zerstören.“

Da lief Lot zu den Männern,

die mit seinen Töchtern verlobt waren

und rief ihnen zu:

„Flieht schnell aus der Stadt!

Denn Gott wird Sodom vernichten!“

Sie aber lachten ihn aus.19,12ff

Schon wurde es draußen hell.

Der Morgen brach an.

„Auf, eil dich!“, drängten die Engel.

„Sonst kommst du auch um.“

Sie nahmen Lot an die Hand

und mit seiner Frau und den Töchtern

flohen sie aus der Stadt.

Und sie hielten nicht an,

bis sie Sodom hinter sich hatten.

„Nun lauft allein weiter!“,

befahlen die Engel.

„Flieht in die Berge!

Bleibt ja nicht stehen!

Dreht euch nicht um!“19,15ff

Und schon brach das Unheil

über Sodom herein.

Die Erde bebte und dröhnte.

Feuer fiel vom Himmel

und ließ alles in Flammen aufgehen,

die Häuser, die Mauern, die Menschen.

Nichts blieb von der Stadt übrig,

nur Schutt und Asche.19,24f

Da packte Lot seine Töchter

und lief um sein Leben.

Aber Lots Frau blieb stehen.

Da war es um sie geschehen.

Sie drehte sich um – und erstarrte.19,26

Am selben Morgen

stand Abraham früh auf.

Er stieg auf einen Hügel,

um nach Sodom zu schauen.

Aber von der Stadt

war nichts mehr zu sehen.

Nur eine Rauchwolke

stieg aus dem Tal auf.

Da wusste Abraham:

Nicht einmal zehn Menschen

hatten in Sodom auf Gott gehört.19,27ff

Aber noch ahnte Abraham nicht:

Lot und seine Töchter waren gerettet.

Gott hatte ihr Leben verschont.

Mit der Geschichte vom Untergang Sodoms gewinnen wir einen Eindruck vom Leben in den Städten Kanaans, von hemmungslosen Exzessen und von brutaler Gewalt. Es stellt das Gegenbild zum Leben Abrahams als Halbnomade dar (Abraham hat zwar einen festen Wohnsitz, aber wohnt noch immer in Zelten). Lot repräsentiert in seiner Person beide Welten: zum einen lässt er sich vom Glanz und Reichtum Sodoms faszinieren und hat seine Rolle als Viehhirte mit der eines Städters eingetauscht (Gen 13). Zum andern aber erfährt er nun die grausame Kehrseite dieser brillierenden Welt: eine Welt, die das alte Gastrecht missachtet und die die Fremden als Freiwild betrachtet, die selbst Lot, ihren langjährigen Mitbürger, als Fremden ausgrenzt (obwohl dieser sie als „Brüder“ anspricht, 19,7), eine Welt, in der nur das Recht des Stärkeren gilt und offenbar alles erlaubt ist, die keine Tabus kennt und auch vor sexuellen Übergriffen nicht zurückschreckt.

Diese Welt, so zeigt die Geschichte, ist nicht erst durch die drohende Naturkatastrophe, sondern durch menschliche Schuld dem Untergang geweiht. Sodom gilt daher als Inbegriff moralischer Dekadenz und sexueller Verirrung (vgl. 2. Petr 2,7). Sogar Lot ist in seinem Handeln nicht davon frei. Er ist in seiner Not sogar bereit, seine eigenen Töchter dem Mob von Sodom auszuliefern, um die Fremden zu retten (19,8).

Aber mitten durch diese bedrückende Geschichte, die in einem apokalyptischen Inferno endet, zieht sich Gottes Rettungsaktion. Lot kann als einziger „Gerechter“ (18,32) zwar nicht seine Stadt retten, aber Gott rettet ihn und seine Töchter aus dieser Hölle und macht ihn zum Stammvater der Moabiter und Ammoniter (19,36ff). Am Ende wird offenbar: Gottes Rettungshandeln reicht über Israel hinaus und schließt auch die Nachbarvölker mit ein.

Abimelech

Genesis 20

Danach machte sich Abraham auf

und zog weiter nach Süden

bis ins Nachbarland Gerar.

Dort regierte ein heidnischer König,

Abimelech mit Namen.

Als dieser erfuhr,

dass ein Fremder in seiner Stadt war,

schickte er Boten zu Abraham

und ließ Sara an seinen Hof holen.

Denn Abraham hatte verkündet:

Sie ist meine Schwester.20,1f

Aber in der Nacht hatte der König

einen schlimmen Traum.

Ihm träumte, Gott stünde vor ihm

und klagte ihn an:

„Abimelech, du musst sterben.

Denn du hast dir die Frau genommen,

die einem anderen gehört.“

Aber Abimelech hatte Sara

noch nicht berührt.20,3f

„Ach Herr!“,

erwiderte der König erschrocken.

„Willst du mein Volk so hart bestrafen,

obwohl es doch unschuldig ist?

Als ich die Frau zu mir nahm,

dachte ich mir nichts Böses dabei.

Ich wusste ja nicht,

dass sie Abrahams Frau ist.

Hat er nicht gesagt,

sie ist seine Schwester?

Und hat sie nicht selbst gesagt,

er sei ihr Bruder?

Ich hab es ohne böse Absicht getan.“20,4f

„Ich weiß wohl“, sprach Gott,

„du hast es ehrlich gemeint.

Darum habe ich dich davor bewahrt,

dass du dich an ihr vergehst

und eine schwere Schuld auf dich lädst.

So gib Abraham seine Frau wieder.

Denn dieser Mann ist ein Prophet.

Sag ihm, er soll für dich beten,

damit du am Leben bleibst.“20,6f

Da stand der König

am nächsten Morgen früh auf

und beriet sich mit seinen Vertrauten.

Diese hörten erschrocken,

was der König geträumt hatte.

Der König aber ließ Abraham holen

und stellte ihn vor allen zur Rede:

„Warum hast du mir das angetan?

Was habe ich dir denn getan,

dass du solch schwere Schuld

über uns bringen wolltest.“20,8ff

„Ich dachte mir“, stammelte Abraham,

„in diesem Land glaubt niemand an Gott.

Niemand fürchtet ihn

und hält sich an sein Gebot.

Darum glaubte ich:

Sie werden mich töten,

wenn sie meine Frau sehen.

So gab ich vor,

sie sei meine Schwester.

Ja, sie ist auch meine Halbschwester.

Denn wir haben beide denselben Vater.“20,11ff

Darauf gab der König Sara

wieder an Abraham zurück

und bot ihm an:

„Mein ganzes Land steht dir offen.

Du kannst bei uns wohnen,

wo immer es dir gefällt.“

Und zu Sara sprach er:

„Ich habe deinem Mann

1000 Silbermünzen gegeben.

Sie sind ein Geschenk an dich,

damit deine Ehre wieder

hergestellt wird.“20,14ff

So ließ König Abimelech

die beiden in Frieden ziehen,

sodass niemand wagte,

ihnen ein Leid zuzufügen.

Abraham aber betete für den König.

Und Gott segnete ihn

und schenkte ihm Kinder,

die ihm zuvor verwehrt waren.20,17f

Unmittelbar vor der Geburt des verheißenen Sohnes wird Gottes Verheißung noch einmal ernsthaft infrage gestellt. Dadurch erhöht sich die Spannung zwischen der Ankündigung des Sohnes (18,10) und ihrer Erfüllung nach vielen Jahren vergeblichen Wartens (21,1ff). Es ist zwar nur schwer vorstellbar, dass Sara im Alter von 90 Jahren noch Gefallen bei Abimelech findet. Aber das Gewicht liegt in dieser Erzählung vor allem auf der Gegenüberstellung von Abraham und Abimelech:

• Abraham, der Vater des verheißenen Sohnes, gefährdet gleichsam in letzter Minute die Erfüllung der Verheißung, indem er sich und seine Frau durch eine Halbwahrheit zu retten sucht. Dadurch macht er sich nicht nur an seiner Frau schuldig, sondern auch an Abimelech, dem er unterstellt, keine „Gottesfurcht“ zu haben, d.h. Gottes Gebot nicht zu achten und sie als rechtlose Fremde zu behandeln. Aber Abraham wird durch das noble Verhalten dieses heidnischen Königs widerlegt und beschämt.

• Abimelech, der im folgenden Kapitel (21,32) als König der Philister bezeichnet wird, gilt als Repräsentant jenes Volkes, das Israel von jeher als seinen Erzfeind betrachtet hat. Aber hier wird der Philisterkönig in seiner Großmut und Gottesfurcht Abraham, dem Erzvater Israels, in seinem Kleinmut und seiner schuldhaften Verfehlung gegenübergestellt.

Dass Gott dennoch zu Abraham steht, dass dieser trotz seiner Schuld seinen prophetischen Auftrag wahrnehmen und in Fürbitte für den heidnischen König und seine Familie eintreten darf, verdankt er allein Gottes Gnade.

Diese Geschichte ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sich Israel später selbstkritisch mit der eigenen Geschichte als Volk Gottes inmitten anderer Völker auseinandergesetzt hat.

Ismael

Genesis 21

Endlich war es so weit:

Sara gebar einen Sohn.

Hundert Jahre alt war Abraham,

als er geboren wurde.

Abraham gab ihm den Namen Isaak

und beschnitt ihn am achten Tag,

wie Gott ihm geboten hatte.

„Seht“, rief Sara,

als sie das Kind in den Armen hielt,

„Gott hat mich mit Lachen erfüllt.

Denn das bedeutet sein Name.

Und alle, die es hören,

werden auch lachen.

Denn wer hätte gedacht,

dass Abraham in seinem Alter

noch einen Sohn bekommt?“21,1f

So wuchs Isaak heran.

Er lernte laufen und sprechen.

Mit drei Jahren war er schon so groß,

dass er nicht mehr gestillt wurde.

Da machte Abraham für Isaak

ein großes Festmahl.

Auch Hagar und Ismael

nahmen an dem Fest teil.21,8

Doch mitten auf dem Fest

kam es zum Streit.

Denn als Ismael sah,

wie sein Bruder geehrt wurde,

setzte er diesem so zu,

dass Sara es nicht mehr ertrug.

Sie ging zu Abraham

und beklagte sich bitter:

„So geht es nicht weiter!

Wir können Hagars Sohn

nicht länger bei uns behalten.

Auf, schick ihn fort

mitsamt seiner Mutter.

Denn ich will nicht, dass Ismael

das Erbe mit meinem Sohn teilt.“21,9f

„Wie?“, erwiderte Abraham entsetzt,

„ich soll Ismael wegschicken?

Vergiss nicht: Er ist mein Sohn!“21,11

Aber in der Nacht

sprach Gott zu Abraham:

„Tu, was Sara dir sagt!

Denn Isaak wird der Stammvater

deiner Nachkommen sein.

Doch auch Ismael will ich

zum großen Volk machen,

weil er dein Sohn ist.“21,12f

Da hörte Abraham auf Gott.

Am nächsten Morgen stand er früh auf,

holte Brot und einen Schlauch,

der mit Wasser gefüllt war,

und legte beides auf Hagars Schultern.

Dann nahm er Abschied von Hagar

und seinem Sohn Ismael

und schickte sie fort.21,14

Nun waren die beiden

ganz allein auf sich gestellt.

Viele Stunden lang irrten sie

durch die endlose Wüste.

Das Wasser ging zu Ende.

Ismael konnte nicht mehr.

Und weit und breit

war keine Wasserstelle zu finden,

keine Quelle, auch keine Zisterne.

Da warf Hagar ihren Sohn

unter einen Strauch.

Sie aber lief noch ein Stück weiter,

bis sie Ismael nicht mehr hörte und sah.

Dort ließ sie sich fallen

und verzweifelt schluchzte sie:

„Ich kann nicht mit ansehen,

wie mein Sohn stirbt.“21,15f

Aber plötzlich –

rief da nicht eine Stimme?

Verwundert sah Hagar sich um.

Aber weit und breit

war niemand zu sehen.

Da hörte sie wieder die Stimme:

„Hagar, was hast du?

Fürchte dich nicht!

Gott hat gehört,

wie dein Sohn weint.

Darum steh auf!

Nimm deinen Sohn an die Hand!

Denn ich will ihn

zu einem großen Volk machen.“ 21,17f

Da merkte Hagar:

Gott hatte zu ihr gesprochen.

Er hatte seinen Engel

vom Himmel zu ihr gesandt.21,17

Plötzlich entdeckte sie einen Brunnen.

Wie war das nur möglich?

Vorher hatte sie ihn gar nicht bemerkt.

Sie lief zu dem Brunnen,

füllte ihren Schlauch mit Wasser

und gab ihrem Sohn zu trinken.21,19

Da kam auf einmal

wieder Leben in ihren Sohn.

Er öffnete seine Augen, stand auf,

und gestärkt setzten die beiden

ihren Weg fort.

– – –

So wuchs Ismael heran.

Und Gott war mit ihm,

wohin er auch ging.

Ismael wurde ein guter Schütze.

Er wohnte in der Wüste Paran

und nahm eine Ägypterin zur Frau.

Mit ihr zeugte er zwölf Söhne,

und seine Nachkommen

breiteten sich immer mehr aus,21,21/

wie Gott ihm verheißen hatte.25,12ff

Kaum ist der Sohn der Verheißung geboren, bahnt sich ein neuer Konflikt an. Ausgerechnet ein festlicher Anlass, das Fest der Entwöhnung, das den Übergang vom Säuglingsalter ins Kindesalter feiert, bringt ihn zum Ausbruch. Sara besteht darauf, dass ihr Sohn zum rechtmäßigen Alleinerben erklärt wird, obwohl nach Dtn 21,15ff dem Erstgeborenen der doppelte Anteil zusteht, selbst wenn dieser nur der Sohn der Nebenfrau ist. Dennoch muss sich Abraham der Forderung Saras fügen, angeblich mit göttlicher Billigung. Es folgt die Schilderung einer menschlichen Tragödie von unvorstellbarer Härte. Abraham verstößt seine Nebenfrau und mit ihr setzt er auch seinen erstgeborenen Sohn den tödlichen Gefahren in der Wüste aus. Aber ausgerechnet dort, wo, menschlich gesehen, kein Ausweg mehr scheint, tritt die Wende ein: Gott greift „vom Himmel her“ (21,17) ein. Er hört das Schreien des Sohnes (Ismael bedeutet „Gott hört“, 16,11) und beginnt mit ihm eine neue Hoffnungsgeschichte.

„Der Herr hört die Armen“ (Ps 69,34), die zu ihm schreien. Auch denen, die von Menschen verstoßen sind, gilt Gottes Zuwendung und Segen. Das ist die revolutionäre Botschaft dieser Erzählung, ähnlich wie in Gen 16. Durch die Wiederaufnahme des Themas in Gen 21 wird seine Bedeutung für Israel zusätzlich unterstrichen. Es nimmt den künftigen Konflikt zwischen den Nachkommen Ismaels und Isaaks schon vorweg. Aber auch den „Söhnen Ismaels“ gilt Gottes Verheißung. Auch sie stehen unter seinem besonderen Schutz und Segen. Erst bei Abrahams Begräbnis kommen beide Söhne wieder zusammen (25,8f). Ein versöhnliches Zeichen der Hoffnung!

Isaak

Genesis 22

Viele Jahre lang

mussten Abraham und Sara warten,

bis Gott ihnen den Sohn schenkte,

den er ihnen verheißen hatte.

Abraham liebte Isaak über alles.

Um nichts in der Welt hätte er

seinen Sohn wieder hergegeben.

Aber zuletzt wurde Abrahams Glaube

auf seine härteste Probe gestellt:

Eines Nachts hörte Abraham,

wie Gott zu ihm sprach:

„Abraham! Abraham!“

„Ja, hier bin ich“, antwortete Abraham.

Gott sprach: „Nimm Isaak,

deinen einzigen Sohn, den du lieb hast.

Geh mit ihm in das Land Morija

und opfere ihn dort auf dem Berg,

den ich dir zeigen werde.“22,1f

Abraham war sprachlos.

Wollte Gott wirklich

dieses Opfer von ihm haben?

Stumm wartete er,

bis der Morgen anbrach.

Dann stand er auf,

sattelte seinen Esel,

spaltete Holz für das Opfer,

weckte zwei seiner Knechte

und rief Isaak, seinen geliebten Sohn,

Danach machte er sich auf

und zog mit ihm ins Land Morija,

wie Gott gesagt hatte.22,3

Am dritten Tag

kamen sie endlich zu dem Berg,

von dem Gott geredet hatte,

Abraham und sein Sohn Isaak.

Da sagte Abraham zu den Knechten:

„Bleibt ihr hier mit dem Esel!

Ich gehe mit Isaak allein auf den Berg.

Und wenn wir dort geopfert haben,

kehren wir wieder zu euch zurück.“22,4f

Und Abraham nahm das Holz,

legte es Isaak auf die Schultern

und nahm selbst die Glut

und das Messer in seine Hand.

So gingen die beiden stumm

nebeneinander her.

Aber nach einer Weile

fragte Isaak: „Mein Vater?“

„Ja, was ist, mein Sohn?“

„Sieh, wir haben wohl Feuer

und Holz für das Opfer.

Aber wo ist das Schaf,

das wir opfern?“

„Mein Sohn“, antwortete Abraham,

„Gott wird es uns geben.“

Da fragte Isaak nichts mehr.

Still gingen die beiden miteinander,

bis sie auf dem Berg waren.

Dort baute Abraham

aus Steinen einen Altar,

schichtete das Holz darauf,

band Isaak, seinen geliebten Sohn,

und legte ihn auf den Altar.22,6ff

Doch plötzlich – rief da nicht jemand?

„Abraham! Abraham!“

„Ja, hier bin ich!“, antwortete Abraham.

Da hörte er wieder die Stimme:

„Rühr deinen Sohn nicht an!

Tu ihm nichts an.

Denn nun weiß ich,

dass du bereit bist,

Gott alles zu geben,

sogar deinen einzigen Sohn.

Aber Gott will dein Opfer nicht haben.“22,11f

Da blickte Abraham auf

und sah einen Widder,

der hing im Gestrüpp fest.

Schnell griff Abraham zu,

und opferte ihn an Isaaks Stelle.22,13

Nun war Abraham gewiss:

Gott hatte alles gesehen.

Er selbst hatte ihm Einhalt geboten.

Darum gab er dem Ort den Namen:

Der Herr sieht.22,14

Und Gott sprach weiter zu ihm:

„Du warst bereit, mir alles zu geben.

Sogar deinen einzigen Sohn

hast du nicht verschont.

So will ich dir noch viel mehr geben.

Ich will deine Nachkommen segnen,

und sie so zahlreich machen

wie die Sterne am Himmel

und wie der Sand am Meer.

Und durch deine Nachkommen sollen

alle Völker der Erde gesegnet werden.“22,15ff

Dankbar kehrte Abraham

mit Isaak zu Sara zurück.

Gott hatte ihnen den Sohn

aufs Neue geschenkt.22,19

Am Ende seines Lebens muss sich Abraham noch einmal auf den Weg machen. Es ist der letzte und schwerste Weg, den Gott ihm zumutet.

Schon der erste Satz der Erzählung baut eine schier unerträgliche Spannung auf: Gott stellt Abraham auf die Probe (wörtl. er „versucht“ ihn). Abraham soll seinen Sohn hergeben, den Sohn, der Abraham und Sara nach langen Jahren des Wartens endlich geschenkt wurde, den einzigen, der ihm nach der Trennung von Ismael noch geblieben ist, den Sohn der Verheißung, von dem allein die Zukunft des Volkes abhängt.

Die Forderung Gottes weckt beim Leser Widerspruch, ja geradezu Empörung. Man möchte im Namen Abrahams und Isaaks die Geschichte aufhalten oder zumindest eine Erklärung für den ungeheuerlichen Auftrag bekommen, der alles infrage zu stellen scheint, was bisher über Gottes Weg mit Abraham ausgesagt war. Aber die Erzählung schweigt sich darüber aus. Stattdessen zeigt sie, wie sich Abraham ohne Widerspruch auf den Weg macht, wie einst bei seinem Aufbruch aus Haran (12,4). Stumm geht er seinen Weg mit Isaak.

Unaufhaltsam und unerbittlich zeichnet die Erzählung seinen Weg nach, ohne dessen Härte mildern zu wollen. Im Gegenteil: Die Frage Isaaks steigert noch die Spannung. Abraham kann seinem Sohn nicht einmal erklären, was Gott vorhat. Nur ganz verhalten drückt sich die Beziehung zwischen den beiden in dem wiederholten Satz aus: „Und gingen die beiden miteinander“. Erst ganz am Ende ihres Weges wird offenbar: Gott war auf dem ganzen Weg mit ihnen. Er hat alles „gesehen“. (Der Name des Ortes „Gott sieht“ wird von dem Namen Morija und dessen vermutlicher Bedeutung abgeleitet.) Die Erzählung endet mit der Erneuerung und Überbietung der Verheißung Gottes.

Die Geschichte von „Isaaks Bindung“, wie sie in jüdischer Überlieferung heißt, gehört zu den herausragenden Texten des Alten Testaments. Viele Generationen haben sich an ihr wund gerieben. Mit Recht, denn sie erlaubt keine vorschnellen Erklärungen oder gar Rechtfertigung Gottes. Vielmehr nimmt sie uns mit auf den Weg, den Abraham gehen muss. Dieser Weg führt in immer größere Dunkelheit und scheinbare Gottesferne. Aber dennoch geht Abraham diesen Weg, im unbegreiflichen Festhalten an Gottes Zusage oder, wie es der Hebräerbrief deutet: Denn Abraham „dachte, dass Gott auch von den Toten erwecken kann“ (Hebr 11,19).

Diese Geschichte wurde im Lauf der Auslegungsgeschichte oft zum Anlass genommen, den „alttestamentarischen grausamen“ Gott gegen den liebenden Gott auszuspielen. Aber sowohl innerhalb der jüdischen wie auch in der christlichen Tradition nimmt gerade diese Geschichte einen unverzichtbaren Platz ein. Gott nimmt das Opfer Abrahams nicht an: Isaak wird „verschont“ (16b). Aber der Sohn Gottes geht den Weg der Selbsthingabe bis zum Tod am Kreuz. Ausdrücklich erzählt das Markusevangelium vom Tod Jesu am Kreuz, dass im Tempel der Vorhang zum Allerheiligsten zerriss (Mk 15,38). Der Tempel ist nach jüdischer Überlieferung genau an dem Ort errichtet worden, wo Isaak geopfert werden sollte (vgl. 2. Chr 3,1).

In der Zusammenschau beider Ereignisse wird das Geheimnis der Liebe Gottes offenbar, der diesen Weg gegangen ist – für uns! So heißt es bei Paulus – in deutlicher Anlehnung an Gen 22,16: „Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? Welcher auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,31f)

Hebron

Genesis 23

Ein Leben lang hatte Sara

an Abrahams Seite gelebt

und Freud und Leid mit ihm geteilt.

Mit 127 Jahren starb sie,

als Fremde in einem Land,

das immer noch anderen gehörte.23,1f

Als Abraham hörte,

dass seine Frau tot war,

ging er zu ihr ins Zelt

und hielt die Totenklage bei ihr.

Viele Tage lang

harrte er bei ihr aus,

in Sack und Asche gehüllt.

Aber noch hatte er für Sara kein Grab.

Er besaß noch nicht einmal

ein eigenes Stück Land.23,1f

Da stand Abraham auf

und machte sich auf den Weg

zur nahen Stadt Hebron.

Seine Bewohner gehörten

zum Volk der Hetiter.

Als Abraham dort ankam,

hatten sich gerade die Stadtoberen

am Stadttor versammelt

und berieten sich miteinander.

Abraham ging auf sie zu,

verneigte sich vor ihnen

und bat sie höflich:

„Erlaubt mir, dass ich meine Frau

bei euch begrabe.

Denn ich bin hier nur ein Gast

und lebe als Fremder bei euch.

So bitte ich euch:

Verkauft mir ein Stück Land

für eine Grabstätte.“23,4ff

Aber die Hetiter erwiderten:

„Edler Herr! Höre uns an!

Du bist ein Fürst Gottes,

den wir hoch achten.

Darum bieten wir dir

ein Fürstengrab an.

Dahin magst du deine Frau bringen.

Kein Mensch wird es dir verwehren.“23,5f

Doch Abraham verneigte sich

und antwortete feierlich:

„Wenn es euch recht ist,

dass ich meine Frau bei euch begrabe,

so hört mich an.

Bittet Efron, der unter euch ist,

dass er mir seine Höhle verkauft.“23,8ff

„Aber nein“, erwiderte Efron.

„Mein Herr, höre mir zu!

Ich schenke dir den Acker

und die Höhle dazu.

Diese Männer sind meine Zeugen.“23,10f

Doch Abraham entgegnete höflich:

„Ich bitte dich! Nimm das Geld an,

damit ich meine Frau

auf eigenem Land begraben kann.“23,12f

„Gut, wie du willst“, meinte Efron.

„Der Acker ist 400 Pfund wert.

Aber was bedeutet das schon

zwischen uns beiden?“23,14f

Da holte Abraham das Silber hervor,

legte es auf die Waage

und gab es Efron als Kaufpreis.

Danach bestattete er Sara

mit allen Ehren in der Höhle Machpela,

die er von Efron gekauft hatte,

und bestimmte sie zur Ruhestatt

für seine Nachkommen.23,16ff

Dies war das erste Stück Land,

das Abraham im Land Kanaan kaufte,

östlich von Hebron gelegen.23,19

Es war nur ein einziger Acker.

Aber dieses kleine Stück Land

war wie ein stummes Versprechen:

Einst würde der Tag kommen,

an dem Abrahams Nachkommen

das ganze Land bewohnten,

wie Gott Abraham verheißen hatte.

Diese Erzählung zeigt erneut die friedliche Koexistenz zwischen den sesshaften Bewohnern des Landes und dem Halbnomaden Abraham. Sie drückt sich hier in dem höflichen Umgang der Verhandlungspartner und in dem noblen Angebot der Einwohner Hebrons aus. Dennoch besteht Abraham auf dem rechtmäßigen Kauf des Ackers unter Zeugen. Die Höhle von Machpela und das dazugehörige Stück Land gelten für Abrahams Nachkommen als Garanten der Landverheißung. Es ist die Ruhestatt der Väter und Mütter Israels (Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob und Lea; s. 49,30f / 50,13) und bis heute Pilgerstätte für Juden und Moslems, an der sich immer neu der Konflikt zwischen beiden Seiten entzündet.

Isaak und Rebekka

Genesis 24

Jahre vergingen.

Abraham war nun hoch betagt.

Und auch sein Sohn Isaak

war inzwischen bereits vierzig Jahre.

Aber er hatte noch keine Frau.25,20

Da bat Abraham seinen ältesten Knecht,

dem er am meisten vertraute:

„Mach dich auf und suche

für meinen Sohn Isaak eine Frau!

Aber schwöre mir bei Gott,

dass du keine von den Frauen wählst,

die hier in Land Kanaan wohnen.

Sondern zieh in meine Heimat

zu meinen Verwandten nach Haran.

Dort wirst du die Frau finden,

die Gott für Isaak bestimmt hat.“

„Wenn aber die Frau nicht mitgeht?“

„Gott wird dich führen“, sagte Abraham.

„Wie er mich geführt hat,

so wird sein Engel auch vor dir hergehen

und dir die richtige Frau zeigen.“24,2ff

Da nahm der Knecht

zehn Kamele mit sich,

mit reichen Geschenken beladen,

und machte sich auf den Weg.

Wochenlang war er unterwegs,

bis er Haran erreichte.

Es war gegen Abend,

≠als er dort ankam.

So wartete er draußen am Brunnen,

bis die Frauen aus der Stadt kamen,

um Wasser zu schöpfen.24,10f

„Ach Herr!“, betete er.

„Lass es mir heute gelingen!

Sieh, ich stehe hier am Brunnen.

Gleich kommen die Frauen,

um Wasser zu schöpfen.

Wenn ich eine von ihnen bitte:

Gib mir zu trinken!,

und wenn diese dann sagt:

Ja, trink nur!

Ich will deine Kamele auch tränken,

dann weiß ich: Das ist die Frau,

die du für Isaak bestimmt hast.“24,14ff

Doch als er noch betete,

sah er am Brunnen ein Mädchen,

jung und schön.

Der Knecht ging auf sie zu und bat:

„Lass mich ein wenig Wasser

aus deinem Krug trinken!“

„Ja, trink nur!“, sagte das Mädchen.

„Ich will deine Kamele auch tränken.“

Sogleich nahm sie den Krug

von der Schulter

und gab ihm zu trinken.

Dann eilte sie zu den Kamelen

und goss Wasser in ihren Trog.

Danach lief sie wieder zum Brunnen,

füllte den Krug noch einmal

und danach noch einmal,

bis alle Kamele genug hatten.

Der Knecht aber sah ihr staunend zu.

Nun war er gewiss:

Dies war die Frau,

die Gott für Isaak bestimmt hatte.24,15ff

Darauf gab er dem Mädchen

einen Stirnreif aus Gold

und zwei goldene Armreifen.

„Sag“, fragte er sie, „wie heißt du?

Und wie heißt dein Vater?

Habt ihr auch einen Schlafplatz

für mich und meine Begleiter?“

„Ich heiße Rebekka“, antwortete sie,

„und bin Betuëls Tochter.

Bei uns gibt es für alle Platz

und auch genug Stroh und Futter

für eure Kamele.“24,22ff

Da staunte der Knecht noch viel mehr.

Denn Betuël war mit Abraham verwandt.

„Gelobt sei Gott!“, rief er froh.

„Der Gott Abrahams, meines Herrn,

hat seine Güte nicht von mir gewandt.

Er ist es, der mich zu euch geführt hat.“

Rebekka aber lief nach Hause

und meldete allen:

„Draußen am Brunnen steht ein Mann.

Der kommt von Abraham,

unserem Verwandten.

Er fragt, ob er bei uns übernachten kann.“24,27f

Als aber Laban, ihr Bruder,

den goldenen Stirnreif sah

und hörte, was Rebekka erzählte,

lief er sofort zum Brunnen hinaus,

um den Fremden zu begrüßen.

„Sei willkommen!“, rief er ihm entgegen.

„Warum stehst du noch draußen?

Komm herein! Ich lade dich ein.

Es steht alles für dich bereit.“

Danach führte er ihn in sein Haus,

reichte ihm Wasser für die Füße

und setzte ihm ein festliches Mahl vor.24,30ff

Aber der Knecht wollte nichts essen.

Er bat: „Hört mich erst an!

Ich bin im Auftrag Abrahams hier.

Gott hat meinen Herrn reich gesegnet.

Dazu hat Sara ihm in hohem Alter

noch einen Sohn geschenkt.

Ihm hat er alle seine Güter vererbt.

Nun bin ich hier, um für Isaak,

seinen Sohn, eine Frau zu suchen.

Aber Gott hat sie schon ausgewählt:

eure Rebekka!“24,33ff

Danach erzählte Abrahams Knecht,

wie Gott ihn zu Rebekka geführt hatte.

Da staunten alle, die es hörten.

Und sie riefen:

„Das kommt von Gott!

Wie Gott will, so soll es geschehen:

Isaak soll unsere Rebekka bekommen.“

Der Knecht aber verneigte sich still

vor seinem Gott, der es so gefügt hatte.

Dann holte er seine Schätze hervor,

und gab sie Rebekka

und auch Rebekkas Mutter und Bruder:

goldene und silberne Ketten

und Kleider aus kostbarem Stoff.

Danach feierten sie miteinander

und aßen und tranken

bis tief in die Nacht.24,42ff

Am nächsten Morgen aber

stand Abrahams Knecht früh auf,

sattelte seine Kamele

und machte sich mit seinen Männern

zur Heimreise bereit.

„Bleib noch ein paar Tage hier!“,

baten ihn Rebekkas Bruder und Mutter.

„Lass dem Mädchen noch Zeit,

von allen Abschied zu nehmen!“

Er aber bat: „Haltet mich nicht zurück!

Denn Gott hat Gnade

zu meiner Reise gegeben.“24,54ff

Da fragten sie Rebekka:

„Willst du mit diesem Mann ziehen?“

„Ja, ich will es“, sagte Rebekka.

Da gaben sie Rebekka

feierlich ihren Segen.24,58ff

„Du unsere Schwester“, sprach Laban,

„wachse und werde

viel tausendmal tausend.

Deine Nachkommen mögen

sicher in dem Land wohnen,

in das du jetzt ziehst.“24,60

So machte sich Rebekka

mit Abrahams Knecht auf den Weg,

begleitet von ihren Mägden.

Nach vielen Wochen

waren sie endlich am Ziel.24,60f

Da sahen sie schon

von ferne Isaak kommen.

Er hatte gerade sein Zelt verlassen,

um sein Abendgebet

unter freiem Himmel zu sprechen.

„Wer ist das?“, fragte Rebekka.

„Das ist Isaak!“, antwortete der Knecht.

Schnell stieg Rebekka vom Kamel

und zog den Schleier über ihr Gesicht.

Der Knecht aber eilte auf Isaak zu.

Voller Freude berichtete er ihm,

wie Gott ihn zu Rebekka geführt hatte.24,62ff

Da glaubte auch Isaak:

Rebekka war die Frau,

die Gott für ihn bestimmt hatte.

Voller Freude führte er sie

ins Zelt seiner Mutter

und gewann sie sehr lieb.24,67

So wurde Rebekka Isaaks Frau.

Von ihr stammt das Volk ab,

das Gott vor allen Völkern erwählt hat.

Mit dieser Erzählung leitet die Geschichte der Erzväter zu Isaak über.

Im Vergleich zu den umfangreichen Überlieferungen über Abraham und Jakob tritt seine Person auffällig zurück. Selbst in dieser ersten Erzählung steht gar nicht Isaak im Zentrum, sondern Rebekka, seine künftige Frau, die, ähnlich wie einst Abraham, ihre Familie verlässt und in eine unbekannte Zukunft aufbricht. Aber anders als Abraham hat Rebekka kein ausdrückliches Wort Gottes, das sie auf den Weg ruft, sondern es ist Gottes verborgene Führung, die diese menschlich so anrührende und ungewöhnlich breit entfaltete Erzählung als Teil göttlicher Heilsgeschichte ausweist.

Das Wirken Gottes spiegelt sich vor allem in der demütigen Haltung von Abrahams Knecht, der mehr ist als ein gewöhnlicher Knecht, dem alle Vollmacht von Abraham übertragen wurde. Er erbittet im Gebet Gottes Führung und folgt seiner Weisung. (Sein Name wird in diesem Kapitel nicht ausdrücklich genannt, aber vermutlich ist er mit jenem Eliëser von Gen 15,2 identisch.) Durch den immer wiederkehrenden Leitsatz, „dass Gott Gnade zu seiner Reise gegeben“ habe, bzw. dass Gott es ihm „gelingen ließ“ und sein Vorhaben gesegnet hat, wird deutlich, wer in Wahrheit hier der Handelnde ist: Der Gott Abrahams ist auch der Gott Isaaks und Rebekkas, der zu seiner Verheißung steht und seinen Segen auch auf Abrahams Nachkommen legt!

Isaak und die Philister

Genesis 26

Isaak und Rebekka wohnten im Südland,

nah bei dem Brunnen des Lebendigen,

an dem Gott einst Hagar erschienen war.25,11

Aber in einem Jahr suchte

eine schwere Dürrezeit das Land heim.

Da machte sich Isaak mit Rebekka auf

und mit allem, was er besaß,

um ein anderes Land zu suchen,

das ihnen ein Leben in Frieden versprach.

So kamen sie schließlich nach Gerar,

ins Land der Philister.

Von dort aus wollte Isaak

nach Ägypten weiterziehen. 26,1

Aber in der Nacht sprach Gott zu Isaak:

„Zieh nicht nach Ägypten.

Bleibe im Land der Philister.

Ich will mit dir sein und dich segnen.

Dir und deinen Nachkommen

werden alle diese Länder gehören,

wie ich deinem Vater Abraham schwor.

Ich will deine Nachkommen mehren

und durch sie sollen alle Völker

der Erde gesegnet werden.“26,2ff

Da ließ sich Isaak in Gerar nieder,

wie Gott ihm geboten hatte.

Lange Zeit lebte er dort mit Rebekka,

als Fremder unter einem fremden Volk.

Und Gott segnete Isaak

und ließ ihm alles gelingen.

Seine Felder brachten mehr Ertrag

als alle anderen Felder.

Und auch seine Herden

wurden von Jahr zu Jahr größer.26,12ff

Als aber die Philister sahen,

wie Isaak alles gelang, packte sie der Neid.

So verstopften sie alle Brunnen,

die Abrahams Knechte gegraben hatten.

Auch ihr König Abimelech wollte Isaak

nicht länger in seinem Land dulden.

Er forderte Isaak auf:

„Zieh weg von hier!

Du bist uns zu mächtig geworden.“26,14f

Da ließ Isaak alles zurück,

was er mühevoll angelegt hatte

und zog mit seinen Hirten und Herden

in ein anderes Tal.

Aber wohin er auch zog –

nirgendwo fand er Wasser.

Denn die Philister hatten auch dort

alle Brunnen verstopft.

Doch Isaak befahl seinen Knechten:

„Legt alle Brunnen wieder frei!“

Und als sie anfingen zu graben,

da sprudelte auf einmal

frisches Wasser aus der Erde hervor.

Glücklich schöpften sie Wasser

und tranken sich satt,

Menschen und Tiere.26,17ff

Doch es dauerte nicht lange,

da eilten die Hirten von Gerar herbei.

„Weg da!“, schrien sie wütend.

„Der Brunnen gehört uns.

Er liegt auf unserem Gebiet.“

Da nannte Isaak den Brunnen ‚Zank‘,

weil sie sich mit ihm gezankt hatten.26,20

Danach gruben Isaaks Hirten

noch einen Brunnen im Tal.

Aber die Philister ließen sie

auch dort nicht in Frieden.

Da nannte Isaak den Brunnen ,Streit‘

und zog weiter mit seinen Herden.26,21

Bald darauf öffnete sich das Tal.

Da ließ Isaak noch einen Brunnen graben,

den nannte er ,Weiter Raum‘,

denn er sprach:

„Gott hat uns weiten Raum geschenkt.“26,22

Danach verließ Isaak wieder

das Gebiet der Philister

und zog zurück nach Beerscheba,26,23

woher er gekommen war.

Dort schlug er sein Zelt auf.

Aber noch war ungewiss,

was aus ihm und seiner Familie würde.

Da sprach Gott in der Nacht zu ihm:

„Fürchte dich nicht, Isaak!

Ich bin der Gott deines Vaters Abraham.

Ich bin auch mit dir.

Ich will dich segnen

und deine Nachkommen vermehren,

wie ich Abraham zugesagt habe.“26,24

Am nächsten Morgen stand Isaak früh auf,

baute einen Altar und dankte Gott

für sein großes Versprechen.

Und er befahl seinen Hirten:

„Auf, grabt noch einen Brunnen!

Denn hier wollen wir bleiben.“26,25

Aber nicht lange danach

kam Abimelech zu Isaak,

begleitet von seinen engsten Fürsten.

Isaak sah sie misstrauisch an.

„Was wollt ihr hier?

Warum kommt ihr zu mir?

Ihr hasst mich doch

und habt mich vertrieben.“

„Aber nein“, erwiderten sie.

„Wir haben mit eigenen Augen gesehen,

dass Gott mit dir ist.

Darum kommen wir heute zu dir.

Wir wollen einen Friedensbund

mit dir schließen. Versprich uns,

dass du uns nichts antust.

Denn auch wir haben dir

nur Gutes erwiesen,

so lange du bei uns gelebt hast.

Denn wir haben

mit eigenen Augen gesehen,

wie Gott dich gesegnet hat.“26,26ff

Da ließ Isaak für sie

ein festliches Mahl zubereiten.

Fröhlich aßen und tranken sie

miteinander bis tief in die Nacht.

Und als der Morgen anbrach,

schworen sie einander feierlich,

für immer Frieden zu halten.

So trennten sie sich im Frieden.

Am selben Tag meldeten Isaaks Hirten:

„Wir haben beim Graben

eine Quelle entdeckt.“26,32

Endlich hatten sie einen Ort gefunden,

wo sie in Frieden leben konnten.

Beerscheba nannte Isaak den Ort,

das heißt: Schwurbrunnen.

Denn an diesem Ort hatten sie

einander Frieden geschworen.26,33

Gen 26 ist das einzige Kapitel, das sich ausführlich mit Isaak und seiner Geschichte befasst. Anders als in der Erzählung von Rebekka oder auch in den nachfolgenden Jakob-Erzählungen steht er in dieser Geschichte allein im Mittelpunkt des Geschehens. Genau betrachtet setzt sie sich aus vielen einzelnen Geschichten zusammen, die verschiedene Stationen im Leben des Isaak aufzeigen. Wobei das durchgängige Thema der Brunnensuche die verschiedenen Szenen miteinander verbindet (26,12ff). Die Brunnensuche markiert nicht nur den Weg, den Isaak zurücklegen muss. Sie spiegelt auch Höhen und Tiefen im Leben dieses Verheißungsträgers wider. Dazu gehört insbesondere die leidvolle Erfahrung bei den Philistern. Diese wollen nicht zulassen, dass sich Isaak in ihrem Land sesshaft macht. In diesem Zusammenhang wird – ähnlich wie bei Sara (20,1ff; vgl. 12,10ff) – von Rebekkas Gefährdung durch König Abimelech erzählt (26,7ff). In diesem Fall ist es Isaak, der Rebekka als seine Schwester ausgibt. Aber trotz immer neuer Hindernisse steht auch Isaaks Weg unter Gottes Segensverheißung, die hier zweimal ausdrücklich bestätigt wird. Sie drückt sich zunächst in dem materiellen Segen aus, der auch den Philistern nicht verborgen bleibt, aber vor allem in dem Friedensschluss zwischen Isaak und dem Philisterkönig, der Isaaks Familie im Land der Verheißung endlich ein Leben im Frieden mit seinen Nachbarn ermöglicht. Dass in dieser Erzählung – ähnlich wie in Gen 20 – ein Philister dem Stammvater Israels den Frieden anbietet, muss für spätere Generationen wie eine Provokation geklungen haben. Aber trotz der massiven Bedrohung, die Israel im Lauf seiner Geschichte durch die Philister erfahren hat, lehren diese Erzählungen, dass auch die Philister ein Werkzeug Gottes sein können, durch die er an seinem Volk handelt.

Jakob – Stammvater Israels | Genesis 25–49
Jakob und Esau

Genesis 25,19ff

Dies ist die Geschichte von Jakob,

dem Stammvater Israels,

Isaaks und Rebekkas Sohn.

Lange Zeit hatten die beiden

vergeblich auf Kinder gewartet.

Endlich, nach zwanzig Jahren,

erhörte Gott ihr Gebet:

Rebekka wurde schwanger

und brachte Zwillinge zur Welt.

Esau, der Ältere, war rötlich und rau

und am ganzen Körper behaart.

Ihn liebte Vater Isaak,

weil er der Erstgeborene war.

Rebekka aber liebte Jakob,

den Jüngeren, mehr.

Denn als sie noch schwanger war,

stießen sich die Kinder im Mutterleib.

Da wurde ihr von Gott prophezeit:

„Zwei Völker stoßen sich in deinem Leib.

Und der Ältere

wird dem Jüngeren dienen.“25,19ff

So wuchsen beide Söhne heran.

Esau wurde ein Jäger.

Er streifte gern auf den Feldern umher,

jagte Tiere und brachte oft

ein Wildbret nach Hause.

Das mochte Vater Isaak sehr.

Jakob zog es dagegen vor,

bei den Zelten zu bleiben.

Auch deshalb zog ihn Rebekka

dem älteren Bruder vor,

obwohl Esau als Erstgeborener

der rechtmäßige Erbe war.25,27f

Eines Tages kam Esau von der Jagd

müde und hungrig nach Hause.

Da sah er, wie Jakob vor dem Zelt kochte.

Ein Topf mit Linsensuppe

dampfte über dem Feuer.

Esau roch den köstlichen Duft.

Das Wasser lief ihm

im Munde zusammen.

„Los, her mit der roten Brühe!“, rief Esau,

„ich bin todmüde

und habe furchtbaren Hunger.“

Doch Jakob erwiderte schlau:

„Sag erst: Was gibst du dafür?“

Esau überlegte nicht lange:

„Nimm, was du willst!

Aber gib mir endlich die Suppe!“

„Gut“, meinte Jakob listig,

„gib dein Versprechen:

Von jetzt an bin ich der Erste

und du bist der Zweite.“

„Was soll ’s!“, knurrte Esau,

„irgendwann sterbe ich doch.

Was soll mir dann

mein Erstgeburtsrecht?

Ich verspreche dir alles.

Also: Gib mir endlich die Suppe!“25,29ff

Da reichte ihm Jakob

Suppe und Brot.

Esau verschlang beides.

Danach kehrte er Jakob den Rücken

und machte sich auf und davon.

So verachtete Esau sein Erstgeburtsrecht

und überließ es dem jüngeren Bruder.25,33f

Die Geschichte von Jakob, dem Stammvater Israels, ist von Anfang an durch den Konflikt zwischen den Zwillingsbrüdern Esau und Jakob bestimmt. Ausgangspunkt ist die Frage: Wer von beiden „erbt“ den Segen, der Abraham und Isaak verheißen war? Esau oder Jakob? Esau hat als der Erstgeborene Anspruch auf rechtliche und wirtschaftliche Privilegien. Sein Name wie auch die Erwähnung der rötlichen Haut und der rötlichen Suppe weist auf seine Bedeutung als Stammvater der Edomiter hin (Edom bedeutet „rötlich“). Doch Jakob will seinem Bruder den Segen um jeden Preis abringen. Sei es durch List (25,29ff), sei es sogar durch offenkundigen Betrug (27,10ff). Der Konflikt zwischen beiden wird noch zusätzlich durch die Parteinahme der Eltern verschärft und durch das Orakel, das Rebekka schon vor der Geburt der beiden erhalten hat. Daraus entwickelt sich ein Familiendrama, das von Anfang an gekennzeichnet ist durch Rivalität, Hinterlist und Betrug und das den erhofften Segen in Streit und unversöhnlichen Hass verkehrt.

Dabei wird ein Zweifaches deutlich: Segen kann nicht einfach nach menschlicher Vorstellung vererbt werden, wie Isaak glaubt. Es ist allein Gottes Freiheit, den zu segnen, den er schon im Mutterleib erwählt hat (25,23). Der Mensch kann aber auch nicht einfach den Segen an sich reißen und über ihn verfügen, wie Jakob es versucht (27,1ff). Das wird ihm letztlich keinen Segen bringen. Es ist allein Gottes Treue, dass er dennoch an seiner Segensverheißung festhält und Jakob – trotz seiner Verfehlungen – zum Segensträger macht.

Der Betrug

Genesis 27

Jahre vergingen.

Vater Isaak war inzwischen

alt und gebrechlich geworden.

Und seine Augen waren so schwach,

dass er keinen Menschen erkannte.27,1

Da rief Isaak

seinen Sohn Esau zu sich und sagte:

„Bald werde ich sterben.

Dann sollst du alles erben,

was mir gehört.

So geh nun auf die Jagd

und bring mir ein Wildbret.

Dann mach mir ein Essen,

wie ich es gerne mag.

Danach will ich dich segnen

und dir alles übergeben,

ehe ich sterbe.“27,1ff

Aber Rebekka hatte alles gehört.

Schnell lief sie zu Jakob

und erzählte ihm alles.

„Auf, eil dich!“, drängte sie Jakob.

„Geh zur Weide

und hol mir zwei Böckchen!

Die will ich schlachten und braten.

Du aber bring den Braten zum Vater

und gib dich als Esau aus.

Dann wirst du

seinen Segen bekommen.“27,5ff

„Nein“, meinte Jakob erschrocken.

„Das geht nicht gut aus.

Sieh, meine Hände sind glatt.

Doch Esaus Hände sind rau.

Wenn mein Vater mich fühlt,

wird er merken, dass ich ihn betrüge.

Dann wird sich sein Segen

in Fluch verkehren.“

Aber Rebekka erwiderte.

„Den Fluch nehme ich auf mich.

Tu, was ich sage

und überlege nicht lange!

Sonst ist es zu spät.“27,11ff

Da lief Jakob zur Schafherde,

holte zwei Böckchen

und brachte sie seiner Mutter.

Die schlachtete sie eilig

und machte ein Festmahl,

wie es der Vater liebte.

Dann holte sie Esaus Festkleid hervor,

legte es Jakob um,

band ihm die Felle um Hände und Hals

und drückte ihm den Braten

und das Brot in die Hand.

So schickte sie ihn zu Isaak ins Zelt.24,14ff

„Mein Vater“, begrüßte ihn Jakob.

„Ja, hier bin ich“, antwortete Isaak.

„Aber wer bist du, mein Sohn?“

„Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn.

Ich bin wieder zurück von der Jagd

und hab alles ausgeführt,

wie du mir gesagt hast.

Komm, setz dich auf

und lass es dir schmecken!

Danach sollst du mich segnen.“

„Wie?“, fragte Isaak erstaunt.

„Du bist schon zurück?

Wie hast du deine Beute

so rasch gefunden?“

„Ganz einfach!“, log Jakob.

„Gott hat es mir gegeben.“27,18ff

Aber Isaak zögerte noch:

„Komm näher, mein Sohn!

Ich will erst wissen,

ob du auch wirklich Esau bist.“

Da reichte ihm Jakob die Hände.

„Wie sonderbar!“, sagte Isaak zu sich.

„Die Stimme klingt wie Jakobs Stimme,

aber die Hände sind rau

wie Esaus Hände.

„Sag, bist du wirklich mein Sohn Esau?“

„Ja“, antwortete Jakob, „ich bin es.“27,21ff

Da gab sich Isaak zufrieden.

Er aß von dem Braten

und trank den Wein,

den Jakob ihm reichte.

Darauf bat er Jakob: „Komm näher

und küss mich, mein Sohn!

Dann will ich dich segnen.“

Da beugte sich Jakob zu ihm herab

und küsste den Vater.

Als aber Isaak das Kleid roch,

das Esau gehörte,

segnete er Jakob und sprach:

„Siehe, der Geruch meines Sohnes

ist wie der Geruch des Feldes,

das Gott gesegnet hat.

Er gebe dir vom Tau des Himmels

und vom Reichtum der Erde

Fülle an Korn und Wein.

Völker sollen dir dienen

und sich vor dir verneigen.

Du wirst über deine Brüder gebieten

und sie werden sich vor dir beugen.

Gesegnet ist, wer dich segnet,

und verflucht ist, wer dich verflucht.“27,23ff

Nun war es geschehen.

Leise schlich sich Jakob hinaus.

Aber nicht lange danach

kam Esau zurück von der Jagd.

„Mein Vater“, rief er, „hier bin ich,

Esau, dein erstgeborener Sohn!

Ich habe einen guten Braten für dich.

Komm, setz dich auf

und lass es dir schmecken!“27,30

„Was?“, rief Isaak entsetzt.

„Du bist Esau?

Aber wer war der andere,

der soeben hier war?

Jakob war’s! Er hat dich betrogen!

Ich habe ihm

meinen Segen gegeben.

Er wird auch den Segen behalten.“27,30ff

Da schrie Esau laut auf und weinte:

„Er heißt mit Recht Jakob – Betrüger.

Denn er ist ein Betrüger.

Nun hat er mich

schon zweimal betrogen.

Sag, was wird nun aus mir?

Hast du nicht wenigstens

einen einzigen Segen für mich?

Segne mich, Vater!

Sonst bin ich verloren.“

Doch Isaak sagte traurig:

„Ich habe nur diese Botschaft für dich:

Vom Schwert wirst du leben

und vor deinem Bruder dich beugen.

Aber es kommt der Tag,

da wirst du dich von ihm befreien.“27,34ff

Von diesem Tag an

sann Esau nur noch auf Rache

und fand für seinen Bruder

kein freundliches Wort mehr.

Und er nahm sich fest vor:

Sobald der Vater tot ist,

bringe ich Jakob um.27,41

Eine unerhörte Geschichte, die alles Bisherige in den Schatten stellt! Unerhört ist nicht nur der raffinierte Betrug Jakobs wie auch die aktive Mithilfe der Mutter. Unerhört ist vor allem die Tatsache, dass dieser Familie eigentlich Gottes Segensverheißung gilt. Dazu kommt belastend die traditionelle Vorstellung hinzu, Segen sei wie materieller Besitz vererbbar und mache sich vor allem am materiellen Erfolg fest. Aber diese Geschichte zeigt an: So einfach kann über Gottes Segen nicht verfügt werden. Jakob kann sich als Segensträger nicht von eigener Schuld freisprechen. So muss er auch ein Leben lang die Folgen seiner Schuld tragen. Im Folgenden wird alles davon abhängen, ob Gott – trotz massiver Schuld des Menschen – dennoch zu seiner Verheißung steht.

Diese Betrugsgeschichte steht betont am Anfang von Jakobs Weg. Mit ihr hat das Volk Israel durch die Jahrhunderte hindurch die Erinnerung an die eigene Schuldgeschichte wachgehalten, von der auch der Erzvater Jakob nicht ausgenommen ist (vgl. Hos 12,3ff).

Bethel

Genesis 28

Endlich hatte Jakob sein Ziel erreicht.

Aber von nun an war Esau

sein erbitterter Feind.

Als Rebekka das sah,

rief sie heimlich Jakob zu sich.

„Du musst fliehen,“ drängte sie Jakob.

„Sonst bringt dich

dein Bruder noch um!

Auf, geh nach Haran

zu meinem Bruder Laban

und bleibe dort,

bis Esaus Zorn sich gelegt hat.“27,41ff

Da rief auch Isaak seinen Sohn Jakob

und schärfte ihm ein:

„Nimm dir ja keine Frau

von den Töchtern Kanaans,

die nicht an unseren Gott glauben.

Sondern geh nach Haran zu Laban

und nimm dir dort

eine von seinen Töchtern zur Frau!“28,1

Zum Abschied gab er Jakob

noch seinen Segen und sprach:

„Gott, der Allmächtige,

schenke dir viele Nachkommen

und gebe dir das Land,

das er Abraham zugesagt hat.“28,3f

Da ließ Jakob alles zurück, was er besaß

und machte sich auf nach Haran.

Nichts trug er bei sich

als seinen Wanderstab.32,11

So wanderte er ganz allein,

bis die Nacht hereinbrach.

Aber weit und breit

war keine Hütte zu sehen,

wo Jakob Schutz finden konnte.

Da legte er seinen Kopf auf einen Stein

und schlief bald darauf ein.28,10f

In dieser Nacht hatte Jakob

einen seltsamen Traum:

Er sah im Traum eine Treppe,

die reichte bis an den Himmel.

Engel stiegen hinauf und hinab.

Und Gott sah von oben auf Jakob herab.

Da hörte Jakob, wie Gott zu ihm sprach:28,12f

„Ich bin der Herr,

der Gott Abrahams und Isaaks,

der Gott deiner Vorfahren.

Dies Land, auf dem du jetzt liegst,

will ich dir

und deinen Nachkommen geben.

Wie der Staub auf der Erde,

so werden deine Nachkommen

das Land bedecken.

Und durch dich

und deine Nachkommen

werden alle Völker der Erde

gesegnet werden.

Sieh, ich bin mit dir

und will dich beschützen,

wohin du auch gehst.

Und ich will dich wieder

in dieses Land zurückbringen.

Verlass dich auf mich:

Ich verlasse dich nicht.

Mein Versprechen breche ich nicht.“28,13ff

Da wachte Jakob auf.

„Wahrhaftig!“, sprach er.

„An dieser Stätte wohnt Gott.

Aber ich wusste es nicht.

Wie heilig ist dieser Ort!

Hier ist das Haus Gottes.

Hier ist die Pforte des Himmels!“28,16f

Schon wurde es am Horizont hell.

Ein neuer Morgen brach an.

Da nahm Jakob den Stein,

auf dem er gelegen hatte,

richtete ihn auf, goss Öl darauf

und weihte ihn Gott.

Und Jakob nannte die Stätte Bethel,

das heißt: Haus Gottes,

weil ihm Gott

an diesem Ort erschienen war.28,18f

An diesem Morgen legte Jakob

feierlich dieses Gelübde ab:

„Wenn Gott erfüllt,

was er mir zugesagt hat,

wenn er mit mir geht

und mich beschützt,

wenn er mir Nahrung und Kleidung gibt

und wenn er mich heil zurückbringt,

dann soll der Gott Abrahams

auch mein Gott sein, dem ich diene.

Dieser Stein soll mir ein Heiligtum sein.“28,20ff

Jakob hat zwar vom Vater den ersehnten Segen bekommen. Aber er bringt ihm kein Glück. Als schutz- und rechtloser Flüchtling muss er alles zurücklassen, was ihm durch den Segensspruch des Vaters verheißen war. Er hat nichts in der Hand, was ihn als Gesegneten ausweist (vgl. 32,11) und ihm eine sichere Zukunft verheißt. Aber ausgerechnet in dieser dunkelsten Stunde seines Lebens begegnet ihm Gott im Traum und erneuert den Segen, den er Abraham und seinen Nachkommen verheißen hat. Diese Nachtstunde in Bethel markiert den Wendepunkt in Jakobs Leben. Zuvor hatte Jakob den Segen nur mittelbar durch seinen Vater empfangen. Nun spricht Gott selbst zu ihm. In dieser Stunde erfährt Jakob: Segen kann weder vererbt noch erworben werden. Es ist allein ein Akt freier Gnade, wenn Gott trotz massiver menschlicher Verfehlung zu seinem Wort steht und diesen Betrüger zu seinem Segensträger macht.

Rahel und Lea

Genesis 29

Danach brach Jakob von Bethel auf

und kam in die Gegend von Haran.

Dort traf er Hirten am Brunnen.

„Seid gegrüßt, Freunde!“, rief er.

„Sagt, wo kommt ihr her?“

„Aus Haran“, antworteten sie.

„Kennt ihr auch Laban?“

„Ja, gewiss!

Sieh, da kommt seine Tochter Rahel

mit ihren Schafen zum Brunnen.“29,1ff

Da lief Jakob auf Rahel zu,

umarmte und küsste sie

und weinte vor Freude.

„Ich bin Jakob“, sagte er,

„der Sohn von Rebekka.“

Und er lief zum Brunnen,

wälzte den schweren Stein weg,

der den Brunnen verschloss,

und gab ihren Schafen zu trinken.

Rahel aber rief schnell

ihren Vater Laban herbei.

Der eilte Jakob entgegen,

fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

„Willkommen!“, rief er.

„Was führt dich hierher?

Komm und erzähle!“

Darauf führte er ihn in sein Haus

und ließ sich alles berichten,

was Jakob erlebt hatte.

„Wenn du willst“, sagte er,

„kannst du hier bleiben.

Du bist ja einer von uns.“29,10ff

So blieb Jakob bei Laban

und packte überall an,

wo er gebraucht wurde.

Laban aber hatte noch eine Tochter, Lea.

Beide Töchter waren so verschieden,

wie die Brüder Esau und Jakob.

Lea, die Ältere,

wirkte farblos und blass.

Niemand beachtete sie.

Niemand wollte sie zur Frau haben.

Rahel dagegen war eine Schönheit.29,16f

Nach einem Monat

sagte Laban zu Jakob:

„Du bist zwar mit mir verwandt.

Trotzdem sollst du Lohn

für deine Arbeit bekommen.

Sag, wie viel verlangst du?“29,15

„Ich will kein Geld“, erwiderte Jakob.

„Ich habe nur einen Wunsch:

Gib mir deine Tochter Rahel zur Frau.

Sieben Jahre will ich dir dafür dienen.“

„Gut“, meinte Laban.

„Dein Vorschlag gefällt mir.

Bleibe so lange hier!

Dann soll Rahel deine Frau werden.“29,18f

So blieb Jakob in Haran.

Sieben Jahre lang diente er

seinem Onkel als Knecht.

Doch Jakob wurde die Zeit nicht lang.

Sie verging wie im Fluge,

so groß war seine Liebe zu Rahel.29,20

Endlich nahte die Hochzeit.

Laban lud den ganzen Ort

zum Hochzeitsmahl ein.

Am Abend aber führte Laban

die verschleierte Braut zu Jakob hinein.

Der ahnte nichts Böses.

Aber am nächsten Morgen

sah er der Braut ins Gesicht.

Da sah er mit Schrecken:

Nicht Rahel war seine Frau,

sondern Lea, die ältere Schwester!29,21ff

Zornig stellte er Laban zur Rede:

„Was hast du mir angetan?

Du hast mir Lea zur Frau gegeben.

Hast du mir nicht Rahel versprochen?

Warum hast du mich betrogen?“

Doch Laban erwiderte schlau:

„Erst ist die Ältere dran.

Denn so will es der Brauch.

Darum ich rate dir:

Halte sieben Tage mit Lea aus.

Dann ist die Hochzeit zu Ende.

Danach will ich dir auch Rahel

zur Frau geben.“

Und listig fügte Laban hinzu:

„Dafür sollst du mir noch einmal

sieben Jahre lang dienen.“29,25ff

So blieb Jakob keine Wahl.

Er musste sich fügen.

Sieben Tage hielt er mit Lea aus.

Danach gab ihm Laban

auch seine Tochter Rahel zur Frau.

Und Jakob gewann Rahel

mit jedem Tag lieber.

Lea aber schenkte er keinen Blick.

Er sah nicht einmal, wie Lea sich grämte.29,28ff

Jakob, der Betrüger, wird selbst zum Betrogenen. Er, der sich listig zum Herrn über seinen Bruder gemacht hat, wird von seinem Onkel überlistet und muss Laban insgesamt mehr als 20 Jahre dienen, ohne Aussicht, jemals wieder heimkehren zu können. Aber Gott bleibt seinem Versprechen treu. Er segnet Jakob in der Fremde.

Jakobs Söhne

Genesis 29,31ff

Danach erbarmte sich Gott über Lea

und schenkte ihr einen Sohn,

den nannte sie RUBEN.

„Ich habe einen Sohn geboren!“, rief Lea.

„Gott hat mein Leid angesehen.

Nun wird mich mein Mann lieben.“29,31f

Danach wurde Lea erneut schwanger

und brachte noch einen Sohn zur Welt.

„Auch diesen Sohn“, sprach sie,

„hat Gott mir geschenkt.

Er hat gehört, dass ich ungeliebt bin.“

Und sie nannte ihn SIMEON.29,33

Und wieder wurde Lea schwanger

und brachte den dritten Sohn zur Welt.

„Nun habe ich meinem Mann

drei Söhne geboren“, sagte sich Lea.

„Nun wird er hoffentlich an mir hängen.“

Und sie nannte den dritten Sohn LEVI.29,34

Danach wurde Lea wieder schwanger

und brachte den vierten Sohn zur Welt.

„Nun will ich Gott danken“, sprach sie.

„Denn auch diesen Sohn

hat Gott mir geschenkt.“

Und sie nannte ihn JUDA.29,35

Danach schenkte Gott Lea

noch zwei weitere Söhne,

ISSACHAR und SEBULON

und auch eine Tochter,

DINA mit Namen.30,17ff

So wurde Lea in ihrem Leid getröstet.

Gott segnete sie und machte sie

zur Mutter des Volkes,

das Gott vor allen Völkern erwählt hat.

Noch weitere Söhne

wurden Jakob geschenkt.

Vier Söhne brachten die Mägde

der beiden Frauen zur Welt.

Und dies sind ihre Namen:

DAN, NAFTALI, GAD und ASSER.30,4ff

Aber Rahel hatte kein Kind.

Erst nach vielen Jahren

erbarmte sich Gott über sie

und schenkte auch ihr einen Sohn,

den nannte sie JOSEF.30,22ff

Dieser wurde der Liebling des Vaters,

weil er der Jüngste war

und der Sohn seiner geliebten Frau.37,3

Jahre später gebar Rahel

noch einen Sohn.

Aber seine Geburt war so schwer,

dass Rahel sie nicht überlebte.

Noch im Sterben

gab sie ihrem Sohn

den Namen BEN-ONI,

das heißt: Sohn meines Unglücks.

Doch Jakob nannte ihn BEN-JAMIN,

das heißt: Sohn des Glücks.

Denn er und sein Bruder Josef

waren Jakobs einziges Glück,

nachdem ihm Rahel genommen war.35,16ff

Dies sind die zwölf Söhne Jakobs,

die ihm Lea und Rahel

und seine zwei Nebenfrauen

geschenkt hatten.

Von diesen zwölf Söhnen

stammt das Volk Israel ab,

das Gott vor allen Völkern erwählt hat.

Jakobs Kindersegen ist ein sichtbares Zeichen, dass Gott mit ihm ist und sein Segen auf ihm ruht. Aber mit seinem Kindersegen bahnt sich bereits der nächste Konflikt zwischen den Söhnen Jakobs an (37ff), der sich schon in dem tragischen Konflikt zwischen den beiden Schwestern und in Leas verzweifeltem Werben um die Liebe Jakobs vorweg abzeichnet.

Israel

Genesis 32f

Über zwanzig Jahre lebte Jakob

bei seinem Onkel in Haran.

Er war inzwischen

ein wohlhabender Mann.

Seine Kinder wuchsen heran.

Und auch die Zahl seiner Tiere

wurde mit jedem Jahr größer.

Aber mit jedem Jahr

wuchs auch sein Heimweh.

Seit seiner Flucht hatte Jakob

nichts mehr von seinen Eltern gehört.

Er wusste nicht einmal,

ob ihm Esau noch grollte.

Schon längst wäre Jakob gerne

in seine Heimat zurückgekehrt,

aber Laban hielt ihn immer noch

wie einen Knecht bei sich fest.

Eines Nachts aber

sprach Gott zu Jakob im Traum:

„Ich bin der Gott,

der dir in Bethel erschienen ist.

Nun mach dich auf!

Zieh wieder heim.

Ich will mit dir sein.“31,13

Da sammelte Jakob heimlich

seine Frauen und Kinder um sich,

auch seine Knechte und Mägde

und alle Tiere, die er erworben hatte,

und machte sich auf den Weg.31,17ff

Viele Wochen war er unterwegs.

Seine Herden kamen nur langsam voran.

Endlich zeigten sich in der Ferne

die Berge von Kanaan.

Aber je näher Jakob herankam

desto mehr fürchtete er sich

vor dem Zorn seines Bruders,

den er so übel betrogen hatte.

Da schickte Jakob Boten voraus

und trug ihnen auf:

„Geht zu Esau und richtet ihm aus:

Jakob, dein Bruder, kehrt heim.

Er will sich mit dir versöhnen.“

Aber die Boten kamen

nach wenigen Tagen wieder zurück.

Sie meldeten Jakob:

„Dein Bruder zieht dir

mit 400 Mann entgegen.“32,4ff

Als Jakob das hörte,

wurde ihm angst und bange.

In aller Eile teilte er

seine Herden in zwei Lager,

um wenigstens einen Teil

vor Esaus Männern zu retten.

Danach warf er sich auf die Erde,

betete und schrie zu Gott:

„Du Gott Abrahams

und Gott Isaaks, meines Vaters!

Hast du nicht gesagt:

Zieh wieder heim?

Hast du mir nicht versprochen:

Ich will mit dir sein?

Ach Herr,

du hast mir so viel Gutes erwiesen.

Ich weiß, ich bin es nicht wert.

Ich hatte nur diesen Wanderstab,

als ich dies Land verließ.

Doch nun sind aus mir

zwei große Lager geworden.

Ich bitte dich, Herr:

Rette mich vor meinem Bruder!

Ich habe große Angst.

Sicher will er mich töten,

mitsamt meiner Familie.“32,8ff

Danach stellte Jakob eilig

ein Geschenk für Esau zusammen:

200 Ziegen und 20 Böcke,

200 Schafe und 20 Widder,

30 Kamele mit ihren Füllen,

40 Kühe und 10 Stiere,

20 Eselinnen und 10 Esel.

Und er befahl seinen Knechten:

„Geht uns voraus

und bringt die Tiere zu Esau.

Und wenn er euch fragt:

Wer schickt euch?

Wem gehören die Tiere?,

dann antwortet ihm:

Es ist ein Geschenk deines Bruders.“

Denn Jakob dachte bei sich:

Vielleicht kann ich Esau

mit diesem Geschenk versöhnen.32,14ff

So zog Jakob Esau entgegen.

Nur noch der Grenzfluss Jabbok

trennte ihn von seinem Bruder.

Voll Angst und Sorge dachte er

an den kommenden Tag,

an dem er Esau begegnen würde.

Schon brach die Nacht herein.

Da führte Jakob

seine Frauen und Kinder

durch eine Furt zum anderen Ufer.

Er selbst aber blieb allein

am Jabbok zurück.32,23ff

Doch plötzlich –

Jakob zuckte zusammen –

stand eine dunkle Gestalt vor ihm.

Sie sprang ihn an,

stürzte sich auf ihn

und hielt ihn im Griff.

Jakob wehrte sich.

Er schlug um sich,

krallte sich fest.

Da schlug der andere zu.

Er traf seine Hüfte.

Jakob spürte einen stechenden Schmerz.32,25f

Schon dämmerte es.

Ein neuer Morgen brach an.

Da dämmerte auch Jakob,

wer mit ihm gerungen hatte:

War es ein Engel Gottes?

Oder war es etwa Gott selbst?

„Lass mich gehen!“, sprach dieser.

„Die Morgenröte bricht an.“

Aber Jakob hielt ihn fest.

„Nein, ich lasse dich nicht.

Segne mich erst!“32,27

Er aber fragte:

„Wie heißt du?“

„Jakob heiße ich.“

Da sprach er:

„Ab heute sollst du

einen neuen Namen bekommen.

ISRAEL, ‚Gotteskämpfer‘,

soll man dich nennen.

Denn du hast mit Gott

und mit Menschen gekämpft –

und hast den Kampf bestanden.“

„Aber wie heißt du?“,

fragte Jakob zurück.

„Warum fragst du mich danach?“,

sprach jener.

Und er segnete Jakob.32,28ff

Da nannte Jakob den Ort Pnuël,

das heißt Angesicht Gottes.

Denn so sprach er:

„Ich habe Gott von Angesicht gesehen.

Und doch blieb mein Leben bewahrt.“

Nun hatte er Mut,

seinem Bruder entgegenzugehen.32,31

In diesem Augenblick

ging Jakob die Sonne auf.

In der Ferne sah er Esau

mit seinen Männern kommen.

Schnell stellte er Frauen und Kinder

in Reih und Glied auf.

Er selbst aber ging ihnen voran.

Getroffen vom Schlag auf die Hüfte

zog er hinkend Esau entgegen.

Siebenmal verneigte er sich

vor seinem Bruder bis auf die Erde.

Doch Esau eilte auf ihn zu,

fiel ihm um den Hals,

küsste ihn und weinte vor Freude.

Da brach auch Jakob in Tränen aus.

Nun glaubte auch er:

Sein Bruder hatte ihm alles vergeben.

Gott hatte sie miteinander versöhnt.33,1ff

Als aber Esau die Frauen und Kinder sah,

fragte er Jakob verwundert:

„Wer sind diese?

Und was bedeuten die vielen Tiere,

die du mir entgegen geschickt hast?“

„Die Tiere sind mein Geschenk.“

Doch Esau entgegnete:

„Behalte deine Tiere für dich.

Ich habe selbst genug.“

„Aber nein!“, entgegnete Jakob.

„Ich bitte dich herzlich:

Nimm mein Geschenk an!

Denn wie das Angesicht Gottes,

so freundlich blickst du mich an.“33,5ff

Danach trennten sich beide in Frieden.

Esau kehrte ins Südland zurück,

Jakob aber zog von dort aus

weiter nach Bethel,

wo Gott ihm vor Jahren erschienen war.

Dort befahl er seinen Leuten:

„Holt eure Festkleider hervor.

Trennt euch von anderen Göttern,

die ihr noch heimlich verehrt.“

Darauf baute er in Bethel einen Altar,

wie er vor Jahren gelobt hatte.28,22

So dankte er seinem Gott,

der ihn sicher an diesen Ort

zurückgeführt hatte.33,1ff

An diesem Tag

erneuerte Gott sein Versprechen:

„Jakob heißt du.

Aber nicht mehr Jakob,

sondern Israel soll man dich nennen.

So soll das ganze Volk heißen,

das von dir abstammt.

Ich, der Allmächtige, bin euer Gott.

Darum vermehrt euch!

Werdet ein großes Volk!

Dieses Land will ich dir

und deinen Nachkommen geben.“35,10ff

Da ließ sich Jakob

im Land Kanaan nieder,

samt allen, die zu ihm gehörten.

Und Jakob suchte Frieden

mit allen Bewohnern des Landes.35,5

Diese Szene beschreibt die zweite Nachterfahrung in Jakobs Leben. In ihr offenbart sich Gott Jakob aufs Neue, aber ganz anders als zuvor in Bethel (28). Buchstäblich überwältigend ist diese Begegnung, in der ihm Gott in den Weg tritt, erschreckend fremd und zugleich tröstlich nah. Wie ein Feind überfällt er ihn, oder wie ein Dämon, der im Fluss auf die Reisenden lauert. Erst im Rückblick, im Licht des anbrechenden Tages, wird offenbar, wer mit Jakob gerungen hat. Gott will nicht, dass Jakob gedankenlos der Begegnung mit dem Bruder entgegenstolpert. Dazwischen steht die schwere Schuld Jakobs, die auch nach zwanzig Jahren nicht verjährt ist. Der nächtliche Kampf zeigt an: Allein Gott kann diese Schuld aufheben. Jakob erfährt dies im Ringen mit Gott schmerzlich und heilsam zugleich. Nicht als stolzer Sieger geht er aus dem Kampf hervor, sondern als einer, der von Gott empfindlich verletzt worden ist (Jakob hinkt an seiner Hüfte!). Aber dennoch lässt er Gott nicht los, sondern klammert sich an ihn: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ (32,27).

Das ist die Erfahrung des neuen Tages, die Jakob nach der Todeserfahrung der Nacht neu ins Leben zurückholt: Gott segnet den Verletzten. Aber dieser Segen unterscheidet sich von allem, was Jakob bisher als Gottes Segen empfangen hat: Weder seine Privilegien, die er seinem Bruder abgekauft hat, noch sein materieller Besitz, nicht einmal sein Kinderreichtum zeichnen ihn als Gesegneten aus, sondern allein Gottes Vergebung, die Jakob trotz seiner Schuld am Leben erhält und die ihn zum Segensträger für andere macht. Gott nimmt Jakob den alten Namen, der mit Schuld behaftet ist (Jakob – der Betrüger!) und gibt ihm den neuen Namen Israel, der ihn als Stammvater jenes Volkes ausweist, das Gott vor allen Völkern gesegnet hat.

So kann Jakob dem Bruder entgegengehen, nicht als einer, der mit Reichtum gesegnet ist und seinen Reichtum stolz vor sich herträgt, sondern als einer, der vom Kampf mit Gott gezeichnet ist. Dabei macht Jakob die wunderbare Erfahrung, dass Gott den Bruder ohne sein Zutun schon zur Versöhnung bereit gemacht hat.

Was für eine Geschichte! Mit ihr hat sich Israel zu allen Zeiten daran erinnert, worauf seine wahre Identität beruht. Es ist allein Gottes Gnade, die Jakob und seine Nachkommen trotz eigener Schuld zu Segensträgern für die Völkerwelt macht und Versöhnung schafft, wo, menschlich gesehen, keine Versöhnung mehr möglich scheint.

Dina

Genesis 34

Jakob hatte eine Tochter,

Dina mit Namen.

Sie war das jüngste Kind Leas30,21

und wuchs unter dem Schutz

ihrer sechs großen Brüder auf.

Diese waren streng darauf bedacht,

dass niemand ihrer Schwester schadete.

Doch eines Tages ging Dina allein

zur nahe gelegenen Stadt.

Da begegnete ihr Sichem,

der Sohn Hamors,

der über die Stadt regierte.

Als aber Sichem das Mädchen sah,

war es um ihn geschehen.

Er zog Dina mit Gewalt in sein Haus

und zwang sie, mit ihm zu schlafen.

So leidenschaftlich liebte er sie,

dass er sie nicht mehr freigeben wollte.

Er redete auf Dina ein,

lockte sie und warb um sie.

Doch Dina blieb stumm.34,1ff

Da ging Sichem zu seinem Vater,

drängte und bat ihn: „Hilf mir,

dass ich das Mädchen bekomme.

Ich muss sie unbedingt zur Frau haben.“34,4

So ging Hamor mit seinem Sohn

zu Jakob, um mit ihm zu reden.

Da kamen gerade Dinas Brüder

vom Feld nach Hause.

Als diese erfuhren, was Sichem

ihrer Schwester angetan hatte,

packte sie gewaltiger Zorn.

Dieser Kerl wagte es,

ihre Schwester zu schänden!

Für diese unerhörte Tat

gab es keine Gnade in ihren Augen!34,6f

Doch Hamor redete freundlich

mit ihnen: „So hört doch!

Mein Sohn liebt eure Tochter.

Er sehnt sich von Herzen nach ihr.

Bitte, gebt ihm Dina zur Frau!

Ich biete euch einen Tausch an:

Heiratet ihr unsere Töchter

und lasst euch für immer hier nieder.

Das ganze Land steht euch offen.

Dann bleiben wir im Frieden

miteinander verbunden.“

„Ja!“, mischte sich Sichem ein.

„Verlangt von mir, was ihr wollt!

Wenn ich nur das Mädchen bekomme!“34,8ff

Doch die Brüder dachten nur an Rache.

Hinterlistig erwiderten sie:

„Du kannst Dina nicht haben,

es sei denn, ihr lasst euch beschneiden,

alle Männer in eurer Stadt.

Dann wollen wir bei euch wohnen

und gemeinsam ein Volk bilden.“34,13ff

Das gefiel den beiden gut.

Sogleich machten sie sich auf,

gingen zu den Männern der Stadt

und überredeten sie,

dass sie sich beschneiden ließen.

Aber danach, am dritten Tag,

als alle noch geschwächt waren,

schlugen Simeon und Levi zu.

Mit Schwertern drangen sie

in die friedliche Stadt ein

und schlugen alles kurz und klein,

was ihnen in den Weg kam.

Auch Sichem und Hamor

töteten sie mit dem Schwert

und holten Dina aus Sichems Haus.

Mit reicher Beute beladen

kehrten sie zu Jakob zurück.34,18ff

Als aber Jakob von dem Blutbad hörte,

das seine Söhne angerichtet hatten,

rief er entsetzt: „Was habt ihr getan?

Ihr habt mich ins Unglück gestürzt!

Nun werden sie kommen

und Krieg mit uns führen.

Dann sind wir verloren.“34,30

Aber seine Söhne ließ das kalt.

„Und wenn?“, meinten sie ungerührt.

„Sollte deshalb die Schandtat

an unserer Schwester ungestraft bleiben?“34,31

Obwohl eine Frau im Mittelpunkt dieser Geschichte steht, wird die Handlung ausschließlich von Männern und von Gewalt beherrscht. Unter dem Vorwand verletzter Familienehre begehen die beiden Brüder Simeon und Levi einen „Ehrenmord“ und glauben sich dabei sogar im Recht. Aber nach altem israelitischen Gesetz liegt das Recht bei dem, der nach der Vergewaltigung bereit ist, die Frau zu heiraten (vgl. dazu Dtn 22,28f). Auch Jakob billigt das gewalttätige Vorgehen seiner Söhne nicht, sondern noch auf seinem Sterbebett verflucht er ihren Jähzorn (49,5ff).

Diese Geschichte zeigt an, wie gefährdet der Friede zwischen Jakobs Familie und den Bewohnern des Landes ist, wobei der Frieden vor allem durch die internen Konflikte in Jakobs Familie bedroht ist. In dieser wie auch in der folgenden Geschichte von Juda und Tamar wird schonungslos aufgezeigt: Keiner der Stammväter Israels ist frei von Schuld. Sogar an Levi, dem Stammvater des späteren Priestergeschlechts, klebt Blut! So bilden diese Gewalt-Geschichten den Kontrapunkt zu Gottes Segensverheißung und zugleich das Vorspiel zu dem Bruderkonflikt der Josefsgeschichte.

Juda und Tamar

Genesis 38

Bald braute sich neues Unheil

über Jakobs Familie zusammen.

Daran war Juda schuld, Jakobs Sohn.

Und das kam so:

Juda hatte eine kanaanäische Frau.

Sie hatte Juda drei Söhne geboren:

Er, Onan und Schela.

Als Er, der Älteste, erwachsen war,

gab Juda ihm Tamar zur Frau.

Doch bald darauf starb Er.

Tamar blieb kinderlos zurück.

Da gab sie Juda

seinem zweiten Sohn Onan zur Frau,

damit er Kinder mit ihr zeugte.

Denn so war es in Israel Brauch.

Aber Onan weigerte sich,

Kinder für seinen Bruder zu zeugen.

Und bald darauf starb auch Onan.38,1ff

Da sagte Juda zu Tamar:

„Geh zurück zu deiner Familie

und bleib dort so lange als Witwe,

bis Schela, mein jüngster Sohn, groß ist.

Dann soll er dich heiraten,

damit er dir Kinder schenke.“38,11

So vergingen die Jahre.38,14

Schela war inzwischen erwachsen.

Aber Juda dachte nicht daran,

sein Versprechen einzulösen.

Denn er fürchtete,

auch Schela könnte sterben,

wenn Tamar seine Frau würde.38,11

Nach langer Zeit aber starb Judas Frau.

Nachdem die Zeit der Trauer vorüber war,

machte sich Juda mit seinem Freund auf,

um seine Schafe zu scheren.

Da traf er auf dem Weg eine Frau,

die saß verschleiert am Wegrand.

„Sicher ist es eine Hure“, sagte sich Juda.

„Sie will, dass ich mit ihr schlafe.“

Juda ging auf sie zu und fragte:

„Kann ich zu dir kommen?“

„Was gibst du dafür?“

„Einen Ziegenbock von der Herde“,

sagte Juda, „ich schicke ihn dir.“

„So gib mir ein Pfand,

bis du mir den Ziegenbock schickst.“

„Ein Pfand?“, fragte Juda.

„Was für ein Pfand forderst du von mir?“

„Deinen Siegelring und deine Schnur

und deinen Hirtenstab noch dazu.“

Da gab ihr Juda das Pfand

und schlief mit ihr.

Aber Juda ahnte nicht, wer die Frau war,

mit der er geschlafen hatte.38,12ff

Nicht lange danach

bat Juda seinen Freund:

„Geh zu der Hure,

die dort am Wegrand sitzt.

Bring ihr den Ziegenbock

und hol das Pfand zurück,

das ich ihr gab.“

Aber der Freund kam

unverrichteter Dinge zurück.

Er berichtete Juda:

„Am Wegrand sitzt keine Hure.

Ich habe die Leute gefragt.

Doch niemand hat eine Hure gesehen.“

„Dann soll sie das Pfand behalten“,

antwortete Juda. „Es ist besser,

wir machen kein Aufheben daraus.

Sonst leidet darunter mein Ruf.

Ich habe jedenfalls getan,

was ich schuldig war.“38,20ff

Aber bald darauf wurde Juda gemeldet:

„Deine Schwiegertochter ist schwanger.“

„Was?“, rief Juda empört.

„Dann muss Tamar sterben.

Ja, sterben muss sie, denn sie hat

eine schwere Sünde begangen.

Führt sie heraus und verbrennt sie!“38,24

Doch als sie Tamar herausführten,

da hielt sie in ihrer Hand – Judas Pfand!

„Bringt dies zu Juda“, bat sie,

„und fragt ihn: Erkennst du den Ring,

den Stab und die Schnur?

Weißt du auch, wem dies alles gehört?“38,25

Als aber Juda das Pfand sah,

erschrak er zu Tode.

Auf einmal begriff er, was er getan hatte.

Er hatte mit Tamar geschlafen!

Seine eigene Schwiegertochter

war schwanger von ihm!

Nicht sie, ihn allein traf die Schuld!

„Tamar ist im Recht“,

bekannte Juda entsetzt.

„Ich bin an ihr schuldig geworden.

Denn ich habe ihr meinen Sohn

nicht zum Mann gegeben.“38,26

Nicht lange danach

brachte Tamar Zwillinge zur Welt,

Perez und Serach, Judas Söhne.

Perez war der Erste,38,27ff

der aus dem Mutterleib kam.

Von ihm stammt der ab,

der nach Gottes Willen

König über Israel werden sollte:

David, der Erwählte Gottes.

Obwohl die Geschichten von Dina und Tamar im Genesisbuch an verschiedenen Stellen stehen, wird durch die Zusammenschau beider Erzählungen der Blick für die ungeheure Schuld geschärft, die die ältesten Söhne Jakobs auf sich laden. Nachdem Ruben sein Erstgeburtsrecht verscherzt hat, weil er sich mit Jakobs Nebenfrau eingelassen hat (35,22; 49,4) und auch die nachfolgenden Söhne Simeon und Levi sich durch ihre Bluttat nicht als würdige Erben der Verheißung erwiesen haben, ist es nun auch Juda, der durch sein Verhalten schwere Schuld auf sich lädt. Dabei wird Juda nicht so sehr angelastet, dass er mit seiner Schwiegertochter geschlafen hat, ohne es zu wissen, sondern, dass er ihr seinen dritten Sohn als Mann vorenthielt. Dem liegt ein altes Gesetz in Israel zugrunde: das Gesetz der sog. „Schwagerehe“, das vorschreibt: Wenn ein Mann kinderlos stirbt, so hat der nachfolgende Sohn als Erbe auch die Frau des Verstorbenen zu heiraten und mit ihr Kinder zu zeugen. Diese gelten als rechtmäßige Erben des Verstorbenen (Dtn 25,5–10). Dieses Gesetz dient sowohl zum Schutz der Frau als auch zur Ehre des Verstorbenen. Dass Juda Tamar dieses Recht vorenthält, ist ein schreiendes Unrecht. Es führt Tamar zu einem Verzweiflungsakt. Verschleiert, als Hure verkleidet, erzwingt sie ihr Recht bei Juda, was sie fast das Leben kostet. Aber am Ende dieser Geschichte steht die Hoffnung, dass Gott trotz und durch diese in Schuld verstrickten Menschen seine Zukunft baut. Ausgerechnet Tamar, jene missachtete Frau, eine Kanaanäerin, wird die Stammmutter des Königs David und am Anfang des Matthäusevangeliums ausdrücklich im Stammbaum Jesu genannt (Mt 1,3).

Josef und seine Brüder | Genesis 37–50
Josef

Genesis 37

Dies ist die Geschichte von Josef,

dem Sohn Jakobs, den ihm Rahel gebar.

Jakob liebte Josef über alles,

mehr als alle anderen Söhne,

weil er der Sohn Rahels war

und ihm noch im Alter geboren war.

Sein Vater Jakob schenkte ihm

ein prächtiges Gewand,

einen bunten Ärmelrock,

der ihn vor allen Brüdern hervorhob.

Als aber die Brüder sahen,

dass ihr Vater ihn mehr liebte als sie,

begannen sie ihren Bruder zu hassen.37,3f

17 Jahre alt war Josef,

da schickte ihn sein Vater Jakob

zu den großen Brüdern aufs Feld,

damit er ihnen zur Hand ging.

Aber Josef erzählte dem Vater alles,

was seine Brüder dort anstellten.

Das ärgerte die Brüder sehr.

Und sie fanden für Josef

bald kein freundliches Wort mehr.37,2.4

Einmal hatte Josef einen Traum,

den erzählte er seinen Brüdern.

„Hört, was ich geträumt habe:

Ich sah im Traum ein Kornfeld vor mir.

Das Korn war geschnitten

und wir banden es

in Garben zusammen.

Jeder von uns band eine Garbe.

Aber meine Garbe war die größte.

Sie stand in der Mitte.

Alle eure Garben

verneigten sich vor meiner Garbe.“

„Unerhört!“, riefen die Brüder empört.

„Willst du denn über uns herrschen?

Glaubst du etwa,

du seist unser König?“

Und sie hassten Josef noch mehr.37,5ff

Nicht lange danach hatte Josef

noch einen Traum.

Auch den erzählte er dem Vater

und seinen Brüdern.

„Stellt euch vor“, sagte Josef,

„Sonne, Mond und elf Sterne

kamen vom Himmel herab

und verneigten sich vor mir.“

„Was für ein Traum!“,

schalt ihn sein Vater.

„Sollen wir denn kommen

und vor dir niederfallen,

dein Vater, deine Mutter

und deine elf Brüder?

Was bildest du dir ein?“

Aber im Stillen dachte Jakob:

Ich will mir den Traum merken.

Wer weiß, vielleicht hat Gott

wirklich Großes mit Josef vor?37,9ff

– – –

Eines Tages rief Jakob

seinen Sohn Josef und bat ihn:

„Geh und such deine Brüder.

Sie hüten die Schafe bei Sichem,

ein paar Tagereisen von hier.

Ich mach mir Sorgen um sie.

Frag sie, ob es ihnen gut geht.

Komm danach wieder zurück

und gib mir Bescheid.“37,12ff

Da zog Josef sein buntes Gewand an,

das kostbare Ärmelgewand,

und machte sich auf nach Sichem,

um seine Brüder zu suchen.

Die aber waren längst weiter gezogen.

Endlich fand sie Josef bei Dotan.37,17

Doch als Josef noch ferne war,

sahen ihn seine Brüder kommen.

„Seht her!“, riefen sie.

„Da kommt ja der Träumer!

Jetzt ist er in unserer Gewalt.

Kommt, wir schlagen ihn tot

und werfen ihn in eine Zisterne.

Wir sagen einfach:

Ein wildes Tier hat ihn gefressen.

Dann wollen wir sehen,

was seine Träume wert sind!“

„Nein, tötet ihn nicht!“,

warnte Ruben, der älteste Bruder.

„Werft ihn lieber lebendig

in diese leere Zisterne hier!

Aber vergreift euch nicht an ihm!“

Denn Ruben wollte Josef

dem Vater heil zurückbringen.37,18ff

Da fielen die Brüder über Josef her,

rissen ihm sein Gewand vom Leib,

sein prächtiges Ärmelgewand,

das er anhatte, packten ihn

und warfen ihn in die leere Zisterne.

Josef weinte und schrie.

Er flehte die Brüder an.42,21

Sie aber hörten nicht auf ihn.

Ungerührt setzten sie sich

auf die Erde und aßen ihr Brot.37,25a

Als sie aber aufschauten,

sahen sie eine Karawane kommen,

Händler mit Kamelen, voll beladen,

die auf dem Weg nach Ägypten waren.

Da sagte Juda zu seinen Brüdern:

„Was bringt es uns,

wenn wir Josef töten?

Kommt, wir verkaufen ihn lieber.

Dann klebt kein Blut

an unseren Händen.

Aber Josef sind wir trotzdem los.“37,25

Da zogen sie Josef aus der Grube

und verkauften ihn an die Händler.

Zwanzig Silbermünzen nahmen sie

als Preis für den Bruder,

ihren eigenen Bruder!37,28w

Ruben aber war nicht dabei,

als die Brüder Josef verkauften.

Als er gegen Abend zurückkam,

war die Zisterne leer.

Da zerriss Ruben sein Gewand.

Verzweifelt rief er: „Josef ist weg!

Was soll ich nur machen?“

Die Brüder überlegten nicht lange.

Sie schlachteten einen Ziegenbock,

nahmen Josefs Gewand,

das prächtige Ärmelgewand,

tauchten es in das Blut

und übergaben es einem Knecht.

Der brachte es dem Vater und sagte:

„Dies haben deine Söhne gefunden.

Sieh selbst,

ob es Josef gehört oder nicht.“37,29ff

Als aber Jakob das Gewand sah,

schrie er laut auf:

„Josef ist tot! Josef ist tot!

Ein wildes Tier hat ihn zerrissen.“

Und Jakob zerriss sein Gewand

von oben bis unten,

band einen Sack um die Hüften,

warf sich auf die Erde,

weinte und klagte.37,33f

Viele Tage und Nächte

lag er so da.

Vergeblich versuchten ihn

seine Söhne und Töchter zu trösten.

Doch Jakob ließ sich nicht trösten.

„Lasst mich!“, rief er.

„Wozu soll ich noch leben?

Alle Freude ist für immer dahin.

Ich will um Josef weinen,

bis ich vor Gram sterbe

und bei meinem Sohn bin.“37,35

So trauerte Jakob um Josef,

seinen geliebten Sohn.

Hilflos sahen seine Söhne zu,

wie sich ihr Vater grämte.

Doch niemand verriet dem Vater,

was wirklich geschehen war.

Mit der Josefserzählung beginnt ein neues Kapitel in der Vätergeschichte. Sie erzählt von der furchtbaren Tragödie, die sich in Jakobs Familie abzeichnet. Kaum scheint die Segensverheißung erfüllt, wird sie bereits wieder radikal infrage gestellt. Jakobs Kindersegen bringt der Familie keinen Segen, sondern Eifersucht und unversöhnlichen Hass, der am Ende die ganze Familie und ihre Zukunft zu zerstören droht. Gleich mit der ersten Erzählung stellt sich unausgesprochen die Frage: Wer ist schuld am Zerbruch dieser Familie? Die Antwort, die hier erzählend entfaltet wird, lautet kompromisslos: Keiner der beteiligten Menschen ist von Schuld ausgenommen – weder der Vater, denn seine Vorliebe für Josef schafft Eifersucht; noch Josef, denn sein Verhalten muss die Brüder reizen; noch die Brüder, denn sie sind bereit, ihren eigenen Bruder zu töten und vorsätzlich ihren Vater zu täuschen. Eine Verkettung von Schuld mit unabsehbaren Folgen zeichnet sich ab.

Die Unerhörtheit dieses Geschehens wird zusätzlich durch die Form der Erzählung verschärft: Dass die Brüder zu essen wagen, während ihr Bruder in Todesangst schwebt, dass sie ihn ungerührt für Geld verkaufen und bedenkenlos in die Sklaverei schicken, ruft Empörung hervor. Ebenso unterstreicht das immer wiederkehrende Motiv des zerrissenen Kleides den Riss, der durch diese Familie geht. Er setzt sich fort in der folgenden Geschichte von Judas Vergehen an Tamar, seiner Schwiegertochter und deren Sohn Perez (dt. „Riss“, 38,29). So tief zieht sich der Riss durch diese Familie, dass er alle, auch Tamar, eine unschuldige Frau, mit ins Unglück zieht, und dass selbst Juda, dessen Nachkommen später eine herausgehobene Stellung in der Geschichte Israels einnehmen werden, nicht frei ist von Schuld.

Gott wird in diesem Familiendrama (37f) nicht erwähnt. Nichts erinnert an Gottes Verheißung, die doch dieser Familie gilt. Dadurch wird in dieser Erzählung die Spannung zusätzlich verschärft. Allein in den Träumen Josefs deutet sich leise an, dass Gott dennoch im Verborgenen diese Geschichte lenkt und am Ende durch alle schuldhaften Verirrungen hindurch zu seinem Ziel führt.

In Ägypten

Genesis 39

Die Händler brachten Josef nach Ägypten.

Dort verkauften sie ihn an Potifar,

einen hohen Beamten des Pharao,

der über die Leibwache gesetzt war.

So wurde Josef Sklave in Potifars Haus.39,1

Aber bald merkte Potifar,

dass Josef anders war

als seine übrigen Sklaven.

Denn Gott war mit Josef.

Und alles, was er anpackte,

das ließ Gott ihm gelingen.

Darum setzte ihn Potifar

über alle Sklaven in seinem Haus

und überließ ihm alle seine Güter.

Und Gott segnete Potifars Haus,

solange Josef bei ihm war.39,2ff

Nun aber hatte Potifar eine Frau,

die hatte es auf Josef abgesehen.

Denn Josef sah gut aus

und hatte eine schöne Gestalt.39,6b

„Komm!“, flüsterte sie Josef zu.

„Sei mein Geliebter!

Leg dich zu mir und schlafe mit mir!“

Doch Josef wehrte erschrocken ab.

„Nein, niemals!“, rief er entsetzt.

„Mein Herr hat mir alles anvertraut,

was ihm an Gütern gehört.

Doch du bist seine Frau.

Du gehörst nur ihm.

Wie könnte ich es wagen,

mich so gegen Gott

und meinen Herrn zu vergehen?“39,7ff

Aber die Frau ließ nicht von Josef ab.

Jeden Tag setzte sie ihm zu

und versuchte ihn zu verführen.

Doch Josef hörte nicht auf sie.39,10

Eines Tages aber traf es sich,

dass Josef allein im Haus war.

Da machte sich die Frau an ihn heran,

packte ihn an seinem Gewand

und redete auf ihn ein:

„Tu, was ich sage! Leg dich zu mir!“

Doch Josef ließ sein Gewand los

und lief schnell aus dem Haus.39,11f

Als aber die Frau sah,

dass sie bei Josef nichts erreichte,

schrie sie laut, so laut,

dass alle herbeieilten.

„Seht“, rief sie empört,

„was dieser Josef mir angetan hat.

Er wollte sich zu mir legen.

Aber ich schrie laut um Hilfe.

Da machte er sich aus dem Staub.“

Und als Beweis zeigte sie

Josefs Gewand, das neben ihr lag.39,14f

Bald darauf kam Potifar nach Hause.

Da zeigte ihm seine Frau das Gewand

und empört hielt sie ihm vor:

„Das hast du nun davon!

Du hast uns diesen Josef,

diesen Hebräer aus fremdem Land,

als Sklaven ins Haus geschleppt.

Aber stell dir vor:

Heute wollte er sich an mir vergehen.

Doch ich hab laut geschrien.

Da ließ er sein Gewand fallen.

Und weg war er.“39,16ff

Als aber Potifar hörte,

was seine Frau erzählte,

packte ihn furchtbarer Zorn.

Und ohne Josef zu hören, befahl er:

„Nehmt sofort Josef gefangen

und werft ihn ins Gefängnis.“

Und so geschah es.

Aber niemand fragte danach,

was in Wahrheit geschehen war.

Auch Potifar nicht.39,19f

Josef ist zwar gerettet, aber es folgt nun eine lange Leidensgeschichte, die Josef in eine fremde Welt verschlägt und ihn mit einer völlig anderen Kultur konfrontiert. Als Sklave hat er keinerlei Rechte in dieser fremden Kultur und ist der Willkür seines Herrn ausgeliefert und insbesondere seiner Herrin, die glaubt, über ihn verfügen zu können und ihn zugleich dreist verleumdet. Dabei verwendet sie das Wort „Hebräer“ gezielt als Waffe gegen Josef. In dieser Bezeichnung schwingt subtile Verachtung mit gegenüber Volksgruppen, die einer fremden und vermeintlich primitiveren Kultur angehören. Und wieder ist es das Motiv des Gewandes, das die Demütigung Josefs versinnbildlicht.

Als deutlicher Kontrapunkt zu den Leidenserfahrungen Josefs ist der Satz zu verstehen, der sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Erniedrigung zieht: „Und Gott war mit Josef. Und was er tat, das ließ ihm Gott gelingen.“ Er zeigt an: Auch in dieser vermeintlich gottfeindlichen Welt ist und bleibt Gott seinem Diener nah und macht ihn zu seinem Zeugen inmitten einer Umwelt, die den Gott Israels nicht kennt. So z.B., wenn Josef sich gegenüber seiner Herrin verweigert mit der Berufung auf Gottes Gebot. Auf der anderen Seite zeigt das Verhalten der Frau an, wozu die Missachtung von Gottes Geboten führen kann (Du sollst nicht begehren, nicht ehebrechen, nicht falsch Zeugnis reden …).

Im Gefängnis

Genesis 40

Mit einem Mal hatte Josef alles verloren,

was ihm noch geblieben war.

Nun saß er im Gefängnis des Pharao,

unter lauter Verbrechern,

ohne Hoffnung,

befreit zu werden.

Aber Gott war mit Josef,

sodass der Gefängniswärter

ihm freundlich gesonnen war.

Dieser merkte bald, dass Josef

kein gewöhnlicher Gefangener war.

So übertrug er ihm alle Arbeiten,

die es im Gefängnis zu tun gab.

Josef machte seine Arbeit so gut,

dass der Wärter sich bald

um nichts mehr zu kümmern brauchte.

Gott war mit Josef

und ließ es ihm gelingen.39,21ff

So gingen die Tage dahin.

Doch eines Tages wurden

zwei hohe Beamte des Pharao

in das Gefängnis gebracht.

Sie hatten Hochverrat begangen

und waren beide beim Pharao

in Ungnade gefallen.

Der eine war der oberste Mundschenk,

der andere war der oberste Bäcker

am Hof des Königs gewesen.

Josef erhielt den Auftrag,

sich um die beiden zu kümmern.40,1ff

Eines Morgens aber, als Josef

zu den beiden Gefangenen kam,

ließen diese den Kopf hängen.

„Was fehlt euch?“, fragte sie Josef.

„Warum seid ihr so traurig?“

„Ach“, seufzten sie,

„wir hatten beide einen seltsamen Traum.

Aber wir haben niemanden,

der uns den Traum deuten kann.“

„Einen Traum deuten“, sagte Josef,

„das steht Gott allein zu.

Doch erzählt mir den Traum!“40,5ff

Da fing der Mundschenk an zu erzählen:

„Ich sah einen Weinstock

mit drei Reben vor mir,

der wuchs, grünte und blühte

und seine Trauben reiften heran.

Ich aber hielt den Becher des Königs,

pflückte die Trauben und drückte sie aus.

So füllte ich den Becher

und gab ihn dem König.

Und er trank daraus.“40,9ff

„Das ist ein guter Traum“, sagte Josef.

„Die drei Reben bedeuten drei Tage.

In drei Tagen wird dich der Pharao

wieder in dein Amt einsetzen.

Und du wirst ihm wieder

den Becher reichen wie zuvor.“

Und Josef fügte hinzu:

„Aber denk an mich,

wenn du zum Pharao kommst.

Erzähl ihm von mir

und sorge dafür, dass ich freikomme.

Denn ich bin ein Hebräer

und komme aus fremdem Land.

Man hat mich heimlich

aus meiner Heimat verschleppt.

Nun sitze hier gefangen,

obwohl ich doch unschuldig bin.“40,12ff

Als aber der Bäcker hörte,

was der Mundschenk geträumt hatte,

fasste auch er sich ein Herz

und erzählte:

„Ich trug im Traum drei Körbe

mit Kuchen auf meinem Kopf.

Im obersten Korb lag feines Gebäck,

das war für den Pharao bestimmt.

Aber da kamen Vögel,

die setzten sich auf den Korb

und fraßen alles Gebäck auf.“40,16f

„Dein Traum bedeutet nichts Gutes!“,

sagte Josef erschrocken.

„In drei Tagen wirst du gehängt.

Und Vögel werden dein Fleisch fressen.“40,18f

Und wie Josef vorhergesagt hatte,

so traf es auch ein:

Nach drei Tagen

feierte der Pharao Geburtstag.

Da wurde der Mundschenk begnadigt

und wieder in sein Amt eingesetzt.

Der Bäcker aber wurde gehängt.40,20ff

Aber der Mundschenk vergaß,

was er Josef versprochen hatte.40,23

Selbst im Staatsgefängnis, an diesem gottverlassenen Ort, bleibt Gott Josef nahe und schenkt ihm die Gunst des Wärters und die Gabe der Traumdeutung! Dabei fällt auf, wie stark sich das Bild Josefs im Verlauf der Erzählung wandelt. Je tiefer der Weg Josefs ins Leiden führt, desto mehr wird sein Bild fast unwirklich verklärt. Anders als in Gen 37 erscheint hier Josef als vorbildlicher „Weiser“, der Gott auch im Leiden durch seine „Gottesfurcht“ bezeugt und auch in der Fremde sein Leben unter Gottes Gebot stellt. Seine Weisheit zeigt sich hier vor allem in der Gabe der Traumdeutung.

Josef vor Pharao

Genesis 41

Zwei Jahre danach hatte Pharao,

der König über Ägypten,

einen seltsamen Traum.

Ihm träumte, er stünde am Nil.

Da stiegen aus dem Wasser

sieben schöne und fette Kühe,

die grasten am Ufer des Nils.

Danach stiegen noch einmal

sieben Kühe heraus.

Die waren hässlich und mager

und fraßen die fetten Kühe auf.41,1ff

Und noch einen Traum

hatte der Pharao in dieser Nacht:

Er sah im Traum einen Getreidehalm,

daraus wuchsen sieben Ähren,

dick und prall mit Korn gefüllt.

Danach sah er einen anderen Halm,

daraus wuchsen auch sieben Ähren,

aber sie waren dürr und leer,

vom heißen Ostwind versengt.

Und die sieben dürren Ähren

verschlangen die sieben dicken Ähren.41,5ff

Da wachte der Pharao auf.

Unruhig wartete er,

bis der Morgen anbrach.

Dann ließ er sogleich alle Gelehrten

und Wahrsager zu sich rufen

und erzählte ihnen,

was er geträumt hatte.

Aber kein Gelehrter und kein Wahrsager

konnte die Träume des Königs deuten.41,8

Schließlich trat der Mundschenk vor

und sagte zum Pharao:

„Heute denke ich an die Tage zurück,

die ich mit dem Hofbäcker

im Gefängnis verbrachte.

Da hatten wir beide

einen seltsamen Traum.

Aber ein Mitgefangener,

ein hebräischer Sklave,

hat uns unsere Träume gedeutet.

Und wie er vorhergesagt hat,

so ist es geschehen.“41,9ff

„Auf“, befahl der Pharao,

„worauf wartet ihr noch?

Holt diesen Mann sofort her!“

Und sogleich holten sie Josef

aus dem Gefängnis,

schoren ihm seine Haare,

zogen ihm ein neues Gewand an

und führten ihn vor den Pharao.

Der wartete schon ungeduldig auf ihn.

„Ich habe gehört“, sagte dieser,

„du kannst Träume deuten.“

Doch Josef entgegnete:

„Träume deuten, das steht mir nicht zu.

Gott ist es, der dem Pharao

durch seine Träume Gutes verkündet.“41,14ff

Da erzählte der Pharao,

was er geträumt hatte.

Josef aber sprach zu ihm:

„Beide Träume bedeuten dasselbe.

Gott zeigt dem Pharao,

was in Kürze geschehen wird.

Sieben fruchtbare Jahre stehen bevor,

reiche Ernten wie nie zuvor.

Aber nach sieben Jahren ist es so weit.

Dann folgt eine lange Dürrezeit

und eine schwere Hungersnot

sucht das Land heim.

Darum ist dies mein Rat:

Der Pharao setze einen Mann ein,

der in ganz Ägypten das Korn eintreibt

und die Lagerhäuser des Pharao füllt.

Und wenn die Hungerjahre kommen,

soll er das Korn an die Leute verkaufen.“41,25ff

„Ja, das ist gut!“, rief der Pharao.

„Dein Plan gefällt mir.

Du sollst ihn ausführen.

Denn ich sehe: Aus dir spricht Gott.

Niemand ist so klug und weise wie du.

Ab heute bist du mein Stellvertreter

und Herr über ganz Ägypten.

Nur ich bin noch größer als du.“41,37ff

Er gab Josef seinen Siegelring,

legte ihm einen kostbaren Mantel an

und hängte eine goldene Kette

um seinen Hals.

Danach schickte er ihn

auf seinem Wagen durchs Land

und ließ überall ausrufen:

„Das ist des Landes Vater!

Der Pharao hat ihm

alle Macht übertragen.“41,42f

30 Jahre alt war Josef,

als der Pharao ihn

zu seinem Stellvertreter erhob.

Von nun an kleidete sich Josef

wie ein Ägypter

und sprach auch wie ein Ägypter.

Und der Pharao gab ihm

einen ägyptischen Namen.

Auch gab er ihm die Tochter

eines ägyptischen Priesters zur Frau.

Diese schenkte Josef zwei Söhne,

Manasse und Ephraim.

Und Josef sprach:

„Gott hat mich reich gesegnet

und mich vergessen lassen,

was ich erlitten habe.“41,44ff

So wurde Josef in Ägypten

ein überaus mächtiger Mann.

Aber niemand ahnte,

dass der mächtige Josef

in Wahrheit gar kein Ägypter war.

Josefs Erhöhung zum Stellvertreter des Pharao ist einerseits Ausdruck dessen, dass Gott die Seinen auch im fremden Land nicht allein lässt (vgl. auch dazu die Geschichte von Daniel; Dan 1–6). Aber die Erhöhung hat auch ihren Preis. Josefs Assimilation an die ägyptische Kultur geht so weit, dass er sogar die Tochter eines heidnischen (!) Priesters heiratet, ein Fakt, der an anderer Stelle scharf verurteilt wird (1. Kön 11,1ff; vgl. auch Esr 10,11ff). Nur ganz verhalten deutet sich in der Namensgebung der beiden Söhne an (41,51f), was hier auf dem Spiel steht: dass Josef nicht nur seine Herkunft verleugnen könnte, sondern vor allem seine Zugehörigkeit zu dem Gott seiner Väter Abraham und Jakob. Aus dieser Perspektive gewinnen die folgenden Erzählungen eine besondere Brisanz: Wird sich Josef am Ende zu seiner Herkunft bekennen und sich wieder in die Geschichte Gottes einbinden lassen? Erst am Ende der Josefserzählung (50,20f) findet diese Frage ihre endgültige und befreiende Antwort.

Die Brüder

Genesis 42

Bald darauf traf ein,

was Josef vorhergesagt hatte.

Sieben Jahre lang brachten

die Felder Frucht in Fülle hervor.

Es gab reiche Ernten wie nie zuvor.

Im ganzen Land häufte sich

das Korn auf den Feldern.

Da ließ Josef in allen Städten

große Kornspeicher errichten

und sammelte darin so viel Korn,

dass es nicht mehr zu zählen war,

Korn wie Sand am Meer.41,47ff

Aber nach sieben Jahren

trat eine lange Trockenzeit ein.

Die Ernte blieb aus.

Die Früchte auf den Feldern verdorrten.

Und eine schwere Hungersnot

suchte das Land heim.

Da kamen die Ägypter in Scharen

zu Pharao und baten verzweifelt:

„Gib uns Brot! Wir sterben vor Hunger.“

Doch Pharao schickte sie alle zu Josef.

Der öffnete seine Kornspeicher

und verkaufte das Korn an die Ägypter.

Diese gaben dafür ihr letztes Geld her.

Und als sie kein Geld mehr hatten,

verkauften sie ihr Vieh und ihre Felder

und zuletzt sogar sich selbst

und wurden Leibeigene des Pharao.41,53ff

So groß war der Hunger im Land.47,13ff

Bald sprach es sich auch

in den Nachbarländern herum:

In Ägypten gibt es noch Brot.

Da kamen sie von überall an,

um Korn bei Josef zu kaufen.

Denn die Hungersnot

war in allen Ländern sehr groß.41,57

In jenen Tagen traf bei Josef

auch eine Gruppe aus Kanaan ein.

Josef traute seinen Augen nicht.

Vor ihm standen –

seine eigenen Brüder!

Wie vor einem König,

so warfen sie sich vor ihm nieder.

Genauso hatte er es einst

im Traum vorhergesehen.

Aber seine Brüder

erkannten ihn nicht.42,5f

Da beschloss Josef,

seine Brüder auf die Probe zu stellen.

„Wer seid ihr?“, fragte er streng.

„Und woher kommt ihr?“

„Aus dem Land Kanaan“, antworteten sie.

„Wir sind gekommen,

um Korn zu kaufen.“

Doch Josef fiel ihnen ins Wort.

„Nein, ihr lügt! Spione seid ihr!

Ihr wollt nur unser Land ausspionieren.“

„Aber nein! Wir sind ehrliche Leute

und gehören alle zu einer Familie.

Zwölf Brüder sind wir.

Doch zwei sind nicht hier.

Der jüngste Bruder ist zu Hause

bei unserem Vater geblieben.

Und der zweitjüngste –

lebt schon lange nicht mehr.“

Doch Josef unterbrach sie:

„Nein, ich glaube euch nicht.

Bringt euren jüngsten Bruder zu mir!

Dann will ich euch glauben.“42,7ff

Darauf ließ er sie alle einsperren.

Drei Tage lang warteten die Brüder

bange hinter verschlossenen Türen.

Am dritten aber ging die Tür auf.

Josef kam herein.

„Hört, Leute!“, sprach er.

„Diesmal lasse ich euch laufen.

Denn ich fürchte Gott.

Aber ich warne euch:

Wollt ihr am Leben bleiben,

dann tut, was ich sage:

Zieht jetzt heim zu euren Familien

und bringt ihnen das Korn,

damit dort niemand verhungert.

Aber danach bringt schleunig

euren jüngsten Bruder hierher.

Dann will ich euch glauben,

dass ihr ehrliche Leute seid.

Einer von euch

bleibt so lange als Geisel hier.“41,17ff

Die Brüder sahen sich entsetzt an.

„Seht“, flüsterten sie erschrocken,

„das ist die Strafe für alles,

was wir Josef angetan haben.

Wisst ihr noch, wie er uns anflehte,

als wir ihn in die Zisterne warfen?

Aber wir hörten nicht auf ihn.“

„Ja“, meinte Ruben, der älteste Bruder.

„Habe ich euch nicht damals gesagt:

Vergreift euch nicht an eurem Bruder.

Aber ihr habt nicht auf mich gehört.

Nun müssen wir dafür büßen.“42,21f

Aber die Brüder ahnten nicht,

dass Josef alles verstand, was sie sagten.

Die Tränen rollten ihm über das Gesicht,

als er die Brüder so reden hörte.

Schnell wandte er sich von ihnen ab

und wischte sich heimlich die Augen.

Niemand sollte merken,

was in ihm vorging.

Danach nahm er Simeon als Geisel,

ließ ihn fesseln und sperrte ihn ein.

Aber die anderen Brüder

ließ er ziehen mitsamt dem Korn,

das sie gekauft hatten.42,23f

Als aber unterwegs einer der Brüder

seinen Kornsack öffnete,

da sah er zu seinem Entsetzen:

Obenauf lag der Beutel mit dem Geld,

das er dem Ägypter gezahlt hatte.

Auch die anderen fanden ihr Geld wieder,

als sie ihren Kornsack aufmachten.

Und bestürzt fragten sie sich:

„Wer hat das getan?

Warum tut Gott uns das an?

Am Ende glaubt der Ägypter,

wir hätten ihn bestohlen.“42,27f

Aber niemand wusste,

dass der Ägypter befohlen hatte,

das Geld in ihren Kornsack zu legen.

Und niemand ahnte, dass dieser Ägypter

in Wahrheit ihr eigener Bruder war.42,25

Mit dieser Geschichte beginnt der 3. Akt der Josefsgeschichte, der die beiden Erzählstränge – Jakobs Familie in Kanaan und Josef in Ägypten – zusammenführt und am Ende zur Aussöhnung zwischen den Brüdern führt. Aber Aussöhnung wird nur möglich, wenn zuvor die eigene Schuld erkannt und bekannt wird. Erst in der Begegnung mit dem Bruder, den sie noch gar nicht als Bruder erkennen, wacht die Erinnerung an die alte Schuld auf, die längst verjährt und vergessen schien. Es ist ein langer Weg, der durch immer neue Ängste führt, bis die Brüder schließlich ihre eigene Schuld bekennen und bereit sind, dafür einzustehen (44,16ff).

Und Josef? Warum stellt er seine Brüder so lange auf die Probe? Auch Josef muss einen langen Weg zurücklegen, bis er es wagen kann, all seine erworbenen Sicherheiten zu riskieren und sich öffentlich zu seiner Familie zu stellen. Der lange Weg, den beide Seiten zurücklegen müssen, bis Gott sie zur Aussöhnung bereit macht, spiegelt sich äußerlich in den langen Wegstrecken, die die Brüder in dieser Geschichte zurücklegen müssen.

Die Versöhnung

Genesis 43–45

Zehn Säcke voll Korn

hatten Jakobs Söhne

in Ägypten gekauft.

Aber es dauerte nicht lange,

da war alles Korn wieder verzehrt.

Und immer noch hielt die Dürre an.

Da sagte Jakob zu seinen Söhnen:

„Zieht noch einmal nach Ägypten

und kauft dort Korn für eure Familien.“

Aber Juda entgegnete:

„Wir gehen nur,

wenn Benjamin mit uns geht.

Denn der Ägypter schärfte uns ein:

Bringt euren jüngsten Bruder zu mir.

Sonst seid ihr umsonst gekommen.“43,1ff

„Nein!“, rief Jakob entsetzt.

„Warum habt ihr mir das angetan?

Warum habt ihr dem Ägypter verraten,

dass ihr noch einen Bruder habt?“

„Er hat uns danach gefragt“,

erklärten die Brüder.

„Auch nach dir hat er gefragt.

Wie konnten wir ahnen,

dass er Benjamin sehen will?“

„Bitte, vertrau mir!“, bat Juda.

„Ich sorge dafür,

dass Benjamin nichts geschieht.

Ich selbst bürge dafür.

Mein Ehrenwort gebe ich dir.“43,6ff

Schweren Herzens willigte Jakob ein.

„Gut, wenn es nicht anders geht,

dann muss es so sein.

Aber bringt dem Ägypter

Geschenke von hier!

Und nehmt genug Geld mit,

auch das Geld,

das in eurem Sack lag.

Bringt es wieder zurück!43,11f

Vielleicht war es ein Irrtum.

Und nun geht mit Gott!

Der Allmächtige sei mit euch.

Er gebe euch Gnade vor dem Ägypter,

dass ihr mit Simeon und Benjamin

wieder heil zurückkehrt.“43,14

Da machten sich die Brüder

mit Benjamin auf den Weg

und zogen wieder nach Ägypten,

wo Josef sie schon erwartete.

Als er sie kommen sah,

befahl er seinem Verwalter:

„Führ die Männer ins Haus.“

Sie aber fürchteten sich,

Josefs Haus zu betreten.

Denn sie sagten sich:

„Sicher glaubt dieser Ägypter,

wir hätten sein Geld gestohlen.

Nun will er uns dafür bestrafen.

Wer weiß, vielleicht will er uns

sogar zu Sklaven machen.“43,18

Aber Josefs Verwalter

sprach ihnen Mut zu:

„Fürchtet euch nicht

und sorgt euch nicht

wegen des Geldes!

Es ist ein Geschenk eures Gottes.“43,23

Darauf führte er Simeon

zu ihnen heraus

und lud sie alle ein in Josefs Haus.

Dort reichte er ihnen Wasser

für ihre staubigen Füße

und gab ihren Eseln zu trinken.

Wie hohe Gäste, so bediente er sie.43,24

Die Brüder aber wussten nicht,

wie ihnen geschah.

Warum wurden sie plötzlich

so fürstlich empfangen?43,15ff

Da erschien Josef.

Als die Brüder ihn sahen,

warfen sie sich vor ihm nieder.

Doch Josef begrüßte sie freundlich:

„Sagt, wie geht es eurem alten Vater,

von dem ihr erzählt habt?

Lebt er noch?“43,26ff

„Ja, es geht ihm gut!“, antworteten sie

und fielen erneut vor ihm nieder.

Plötzlich entdeckte Josef

Benjamin, seinen geliebten Bruder!

Da war es um seine Fassung geschehen.

„Ist das euer jüngster Bruder?

Gott sei dir gnädig, mein Sohn!“

Er eilte hinaus, lief in seine Kammer

und weinte sich aus.43,30

Als er sich wieder gefasst hatte,

kehrte er zu den Brüdern zurück.

„Nun tragt das Essen auf!“,

befahl er den Dienern.

Seine Brüder aber ließ er so sitzen,

wie es ihrem Alter entsprach.

Benjamin saß am Ende der Tafel.

Er bekam fünfmal so viel auf den Teller

wie die anderen Brüder.

Die aber fragten sich verwundert:

„Woher weiß der Ägypter,

wie alt wir sind?

Und warum bekommt Benjamin

fünfmal so viel zu essen wie wir?“43,31ff

Aber Josef ließ sich nichts anmerken.

Heimlich befahl er seinem Verwalter:

„Fülle den Männern die Säcke mit Korn

und leg das Geld wieder hinein,

das sie gezahlt haben!

Doch in Benjamins Sack leg noch

meinen silbernen Becher dazu!“44,1f

Die Brüder aber ahnten nichts Böses.

Am nächsten Morgen

standen sie früh auf,

luden die vollen Säcke auf ihre Esel

und zogen fröhlich davon.44,3f

Aber es dauerte nicht lange,

da holte sie Josefs Verwalter

auf seinem Pferd ein.

„Halt!“, schrie er zornig.

„Bleibt stehen, ihr Diebe!

Was fällt euch ein?

Ihr habt meinem Herrn

den silbernen Becher gestohlen.“

Die Brüder aber riefen erschrocken:

„Das ist nicht wahr!

Wir sind keine Diebe.

Wir haben nicht den Becher gestohlen.

Nie würden wir so etwas tun.

Schau selbst nach!

Du wirst ihn nicht finden.

Doch wenn einer von uns

ihn gestohlen hat, muss er sterben.

Wir aber wollen euch dann

für immer als Sklaven dienen.“

„Recht so!“, sagte der Verwalter.

„Aber nur der Dieb

soll unser Sklave werden.

Die anderen sind frei.“44,4ff

Danach durchsuchte Josefs Verwalter

alle Säcke, auch Benjamins Sack.

Und wirklich: Der silberne Becher

steckte in Benjamins Sack!

Da war es um die Brüder geschehen.

Sie zerrissen ihre Kleider

vor Entsetzen und Schmerz.

Und bestürzt fragten sie sich:

„Was soll nun aus Benjamin werden?“

Sofort ritten alle zu Josef zurück,

warfen sich vor ihm nieder

und stammelten:

„Wir alle tragen Schuld.

Gott hat sie aufgedeckt.

So mach uns alle zu deinen Sklaven!“

Aber Josef fiel ihnen ins Wort.

„Nein, nur der soll mein Sklave werden,

der den Becher gestohlen hat.“44,11ff

Da trat Juda vor und bat:

„Mein Herr, gewähre mir eine Bitte!

Mach mich zum Sklaven

an Benjamins Stelle!

Denn ich gab dem Vater mein Ehrenwort:

Ich bringe Benjamin heil zu ihm zurück.

Wenn nicht, will ich die Schuld tragen,

solange ich lebe.

Wenn aber Benjamin nicht mit uns käme,

wie könnte ich dann

vor unserem Vater bestehen?

Er hat schon einen Sohn verloren.

Ich könnte nicht mit ansehen,

wie er sich vor Kummer verzehrt.“44,18ff

Als aber Josef das hörte,

konnte er nicht länger an sich halten.

Schnell schickte er alle Diener hinaus.

Nur seine Brüder blieben zurück.

„Seht her!“, rief Josef.

„Seht, wer vor euch steht!

Ich bin Josef, euer Bruder,

den ihr als Sklaven verkauft habt.

Sagt, wie geht es dem Vater?

Lebt er noch?“45,1ff

Die Brüder aber starrten Josef entsetzt an.

Sie brachten vor Schreck

kein einziges Wort heraus.

Der mächtige Ägypter war ihr Bruder?

Derselbe Bruder, den sie einst

als Sklaven verkauft hatten?

Nun war es um sie geschehen.

Sie waren in Josefs Hand.

Er konnte mit ihnen machen,

was er wollte.45,3

Doch Josef redete ihnen zu:

„Steht auf! Kommt näher!

Seht mich an!

Ich bin wirklich Josef, euer Bruder.

Und habt keine Angst vor mir!

Ich bin nicht mehr zornig auf euch,

weil ihr mich hierher verkauft habt.

Denn nun weiß ich:

Nicht ihr habt mich hierher gesandt,

sondern Gott hat es getan,

damit er euch alle jetzt

vor dem Verhungern bewahren kann.

So zieht nun schnell

zu unserem Vater zurück!

Grüßt ihn von mir

und richtet ihm aus:

Josef, dein Sohn, bittet dich:

Komm nach Ägypten!

Dort wird er für dich

und deine ganze Familie sorgen,

solange die Hungersnot anhält.“45,4ff

Aber die Brüder waren

immer noch starr vor Schreck.

Doch Josef fiel ihnen um den Hals,

küsste sie und weinte vor Freude.

Da kam auch wieder Leben in sie.

Und voller Freude

erzählten sie Josef von ihrem Vater,

der immer noch um ihn trauerte.45,14f

Als aber Pharao hörte,

wer zu Josef gekommen war,

ließ er den Brüdern sagen:

„Kommt mit eurem Vater hierher

und siedelt euch bei uns an!

Ich will euch das beste Land geben,

damit es euch niemals an Nahrung fehlt.“45,16ff

Da machten sich die Brüder

sogleich auf den Weg, um dem Vater

die gute Nachricht zu bringen:

„Josef, dein Sohn, lebt!“

„Gott hat unsere Schuld aufgedeckt.“ In diesem Schuldbekenntnis gipfelt die hoch dramatisch erzählte Begegnung Josefs mit seinen Brüdern, die gekennzeichnet ist durch ein Wechselbad der Gefühle. Sie beschreibt die Angst der Brüder vor der Begegnung mit dem Ägypter, aber auch ihr Staunen über die gastliche Aufnahme und am Ende ihr Entsetzen und ihre Verzweiflung, als sie Benjamin ausliefern sollen. Aber auch Josef wird in dieser Szene geschildert als einer, der seine Rührung nicht verbergen kann, als er seinen Bruder Benjamin sieht und als Juda sich vor Benjamin stellt und bereit ist, sein Leben als Bürge für ihn einzusetzen.

Damit steht der Weg zur Versöhnung offen und mit ihr wird offenbar: Gott macht seinen Heilsplan durch diese verworrene Familiengeschichte hindurch wahr! Was anfänglich als Infragestellung göttlicher Verheißung erschien, erweist sich nun als weise Führung Gottes, der dieser Familie Zukunft und Hoffnung gewährt. Josef ist es, der gegenüber den Brüdern seinen (unfreiwilligen) Weg nach Ägypten als Teil des göttlichen Heilsplans aufweist. Dies wird in der folgenden Geschichte zusätzlich durch das Wort Gottes bestätigt, das in Beerscheba an Jakob ergeht. So führt am Ende die menschliche Geschichte von Josef und seinen Brüdern wieder auf den übergreifenden Kontext der Geschichte Gottes mit seinem Volk und seinem Stammvater Jakob zurück und gewinnt in diesem heilsgeschichtlichen Horizont ihre eigentliche Tiefenschärfe.

Josef lebt!

Genesis 46

Viele Wochen waren vergangen.

seitdem Josefs Brüder

von Kanaan aufgebrochen waren.

Indessen wartete zu Hause

Jakob ungeduldig auf sie.

Tag für Tag hielt er bange

nach seinen Söhnen Ausschau.

Endlich sah er sie von ferne kommen,

mit Wagen und Eseln, reich beladen.

„Gute Nachricht, Vater!“,

riefen sie ihm fröhlich entgegen.

„Josef, dein Sohn, lebt!

Er herrscht über ganz Ägypten.“

Und begeistert erzählten sie alles,

was sie in Ägypten erlebt hatten

und was Josef zu ihnen gesagt hatte.

Aber Jakob starrte sie ungläubig an.

Kein Wort der Freude

kam über seine Lippen. 45,25f

„So glaub uns doch!“,

riefen seine Söhne.

„Sieh diese Wagen!

Josef schickt sie zu dir.

Er lässt dir sagen:

Komm nach Ägypten!

Dort kannst du bleiben,

solange hier Hungersnot herrscht.“45,13.27

Als aber Jakob die Wagen sah,

kam auf einmal wieder Leben in ihn.

Glücklich rief er: „Josef lebt!

Was will ich noch mehr?

Ich will ihn sehen, ehe ich sterbe.

Auf, packt eure Sachen zusammen!

Und spannt die Wagen an!

Wir ziehen nach Ägypten.“45,27f

So brach Jakob auf mit allen,

die zu seiner Großfamilie gehörten,

mit seinen Söhnen und Töchtern

und all ihren Kindern.46,1.26

Jakob fuhr ihnen voran,

seinem Sohn Josef entgegen.

Doch bevor er Kanaan hinter sich ließ,

machte er in Beerscheba Halt.

Dort brachte er Gott ein Dankopfer dar.

Da erschien ihm Gott in der Nacht

und rief ihn mit Namen: „Jakob! Jakob!“

„Hier bin ich“, antwortete Jakob.

Gott sprach:

„Ich bin Gott,

der Gott deines Vaters.

Fürchte dich nicht!

Zieh nach Ägypten!

Dort will ich ein großes Volk

aus dir machen.

Ich gehe mit dir.

Ich bringe dich auch wieder zurück.“46,2ff

Da fasste Jakob Mut.

Gestärkt durch das Wort

setzte er seinen Weg fort,

bis er nach Wochen Ägypten erreichte.

Erst ganz am Ende, nach der Versöhnung Josefs mit seinen Brüdern, fügt sich seine Geschichte wieder in die übergreifende Verheißungsgeschichte der Väter und Mütter Israels ein. Auf einmal rückt wieder Jakob als der Stammvater Israels ins Zentrum des Geschehens, nachdem seine Geschichte über weite Strecken ausgeblendet war oder gar abgebrochen schien. Aber nun stellt sich mit Jakob, der hier bezeichnend auch Israel genannt wird, die Frage, ob Gott immer noch zu seiner Verheißung steht, nach allem, was geschehen ist. Nach langer Zeit des Schweigens hören wir zum ersten Mal wieder, dass Gott sich Jakob offenbart und seine Verheißung an ihn erneuert, ja sogar auf Israels Zeit in Ägypten ausweitet. Während Abraham auf eigene Initiative nach Ägypten auswandern musste (12,10ff), steht Jakobs Weg nach Ägypten von Anfang an unter dem Segen Gottes. Dies gilt ebenso für seine Nachkommen, die in Ägypten schwere Zeiten erleben werden: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bleibt auch im fremden Land ihr Gott und sein Segen bleibt über ihnen, auch in der bevorstehenden Leidenszeit.

Jakob in Ägypten

Genesis 47

Bald darauf wurde Josef gemeldet:

„Dein Bruder Juda ist hier.

Er lässt dir ausrichten:

Dein Vater ist nach Ägypten gekommen.

Er ist schon im Land Goschen

und fragt, ob er dort bleiben kann

mit seiner Großfamilie.“46,28

Als aber Josef hörte,

dass sein Vater gekommen war,

spannte er sofort seinen Wagen an

und fuhr seinem Vater entgegen.

Im Land Goschen traf er auf ihn,

gefolgt von Söhnen und Töchtern,

von Knechten und Mägden

und seinen Viehherden.

„Mein Vater!“, rief Josef.

Er sprang aus dem Wagen,

lief seinem Vater entgegen,

fiel ihm um den Hals

und weinte vor Glück.46,29

„Josef, mein Sohn!“,

sprach Jakob bewegt.

„Nun weiß ich: Du lebst wirklich!

Jetzt kann ich getrost sterben.

Denn ich habe dich

mit eigenen Augen gesehen.“46,30

Doch Josef fiel ihm ins Wort.

„Nein, nicht sterben, leben sollst du!

In diesem Land sollt ihr wohnen.

Ich will den Pharao bitten,

dass er euch dieses Gebiet überlässt.

Hier im Land Goschen gibt es

Wasser und Weideland für eure Tiere.“46,31ff

Danach ließ Josef dem Pharao sagen:

„Mein Vater und meine Brüder sind hier.“

Und er wählte fünf seiner Brüder aus

und stellte sie dem Pharao vor.

Der begrüßte sie freundlich:

„Was führt euch hierher?

Was ist euer Beruf?“

„Viehhirten sind wir

und kommen aus Kanaan.

Wir bitten um Gastrecht.

Denn in unserem Land

herrscht große Hungersnot.

Darum gewähre uns eine Bitte:

Lass deine Knechte in Goschen wohnen,

bis die Hungersnot vorüber ist.“47,1ff

Da sagte der Pharao, zu Josef gewandt:

„Es sind dein Vater und deine Brüder.

Das ganze Land steht euch offen.

Gib ihnen das beste Gebiet!

Lass sie in Goschen wohnen

und setze sie auch als Hirten

über meine Viehherden ein.“47,5f

Darauf stellte Josef auch

seinen alten Vater dem Pharao vor.

„Wie alt bist du?“, fragte dieser.

„130 Jahre“, antwortete Jakob.

„Sie sind im Fluge vergangen.“

Dann hob Jakob feierlich seine Hand

und gab Pharao seinen Segen.47,7ff

Den Hofleuten stockte der Atem.

Wie durfte dieser Hirte es wagen,

ihren mächtigen König zu segnen?

Wusste er nicht, dass Viehhirten

den Ägyptern ein Gräuel waren?46,34

Aber Pharao ließ Jakob gewähren.

Wie einen Fürsten entließ er Jakob

mit allen Ehren.

Da ließ sich Jakob

im Land Goschen nieder

und wohnte dort

mit seiner ganzen Familie,

mit Kindern und Kindeskindern

und mit all seinem Vieh.

Seine Familie wuchs von Jahr zu Jahr

und breitete sich immer mehr aus.

So erfüllte sich das Wort,

das Gott Jakob verheißen hatte.

Als Wirtschaftsflüchtlinge kommen Jakob und seine Nachkommen nach Ägypten und werden dort wider Erwarten freundlich empfangen. Obwohl die hoch kultivierten Ägypter gegenüber nomadischen Viehzüchtern Abscheu und Verachtung zeigen (46,34), weist ihnen der Pharao, durch Josefs Vermittlung und Fürsprache, das Land Goschen zu, jenen Landstrich im östlichen Nildelta, der als besonders fruchtbar gilt, und setzt sie sogar als Viehhirten über seine Herden ein. Im Unterschied zu der Situation, die am Anfang des Exodusbuchs beschrieben wird, zeigt diese Geschichte: Jakobs Nachkommen behalten zunächst auch als Fremde ihre Rechte im fremden Land und werden als solche auch geachtet. Besonders eindrucksvoll ist die Szene, da Pharao von Jakob gesegnet wird. Er, der sich selbst als Gott verehren lässt, lässt sich den Segen dieses fremden Viehhirten gefallen! Ein sichtbares Zeichen dessen, was Abraham einst verheißen wurde: „Durch dich sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.“ (12,3)

Jakobs Segen

Genesis 48–49

Siebzehn Jahre lebte Jakob

im Gastland Ägypten.

Danach spürte er,

dass sein Ende gekommen war.

Da ließ er seinen Sohn Josef rufen

und bat ihn:

„Gib mir dein Versprechen!

Begrabe mich nicht in Ägypten,

sondern bring mich

nach Kanaan heim.

Ich will im Grab meiner Väter

begraben sein.“47,29ff

Nicht lange danach

wurde Josef gemeldet:

„Dein Vater liegt im Sterben.“

Da eilte Josef mit seinen Söhnen

Ephraim und Manasse zu ihm.

Doch Jakob erkannte sie nicht mehr.

Seine Augen waren schwach geworden.

Josef aber führte seine Söhne

ans Bett des Vaters,

damit er sie segnete. 48,1ff.9ff

Da richtete sich Jakob im Bett auf,

legte seine rechte Hand

auf Ephraim, den jüngeren Sohn,

und seine linke Hand auf Manasse

und sprach über ihnen diesen Segen:

„ Der Gott Abrahams und Isaaks,

der Gott,

der auch mein Hirte gewesen ist

bis zum heutigen Tag,

der segne die Kinder

und lasse sie zahlreich werden

auf Erden.“48,13ff

Und zu Josef sprach er:

„Sieh, jetzt gehe ich von euch.

Aber Gott wird mit euch sein.

Er wird euch wieder heimbringen

in das Land eurer Väter.“48,21

Danach rief Jakob noch einmal

alle Söhne zu sich und segnete sie.49,1f

Jedem von ihnen gab er

einen besonderen Segen,

wie er ihrem Wesen entsprach.

Sein Segen verkündete,

was Gott ihren Nachkommen

für künftige Zeiten verhieß.

– – –

Dies sind die Segensworte,

die Jakob über seinen Söhnen sprach,

ehe er starb:

„RUBEN, mein erstgeborener Sohn,

du Sohn meiner Stärke.

Der Erste bist du.

Aber im Kreis deiner Brüder

wirst du niemals der Erste sein.49,3f

SIMEON und LEVI, die beiden Brüder:

Tödlich sind ihre Waffen.

Ihr Jähzorn – verflucht sei er!

So gewaltig ist er.

Wer kann ihm widerstehen?

Darum werden sie zerstreut

im Land wohnen.49,5ff

JUDA, du bist es.

Auf dir ruht der Segen.

Deine Brüder werden dich preisen.

Sie werden sich vor dir verneigen.

Wie ein junger Löwe,

so stark wirst du sein.

Als König wirst du herrschen,

bis einst der wahre König

aus deiner Mitte kommt,

der König, vor dem sich

alle Welt beugen wird.49,8ff

SEBULON wird am Meer wohnen

und sich nach Norden ausbreiten.49,13

ISSACHAR ist wie ein knochiger Esel.

Zwischen Hügeln wird er sich lagern. 49,14f

DAN wird Richter sein

und für Gerechtigkeit sorgen.49,16f

GAD wird hart bedrängt.

Aber er bleibt dem Feind auf den Fersen.49,19

ASSER hat reichlich Brot.

Königliche Speisen kommen von ihm.49,20

NAFTALI ist leichtfüßig

und schnell wie ein Hirsch.

Seine Worte findet er leicht.49,21

JOSEF wird wachsen

wie ein Baum an der Quelle.

Der allmächtige Gott segne dich

und schütte seinen Segen

vom Himmel auf dich herab.49,22ff

BENJAMIN ist ein reißender Wolf.

Am Morgen jagt er die Beute.

Am Abend teilt er sie aus.“49,27

Dies sind die letzten Worte Jakobs,

dem Gott den Namen Israel gab.

Er ist der Stammvater von Israel,

das Gott vor allen Völkern erwählt hat.

Mit der Segensverheißung hat die Vätergeschichte begonnen. Mit Jakobs Segen über seinen Söhnen und über Josefs Söhnen endet sie. Damit schließt sich der Bogen, der über der ganzen Vätergeschichte steht und der verborgen auch die Geschichte von Josef und seinen Brüdern durchzieht. Trotz der ungewissen Zukunft dieser Familie und trotz ihrer von Schuld gezeichneten Geschichte gilt ihr Gottes Verheißung, die sich – nach langen Jahren in der Fremde – erfüllen wird. In Jakobs letztem Wunsch, im Grab der Väter bestattet zu werden, nimmt diese Hoffnung konkrete Gestalt an.

Die Segensverheißung gilt auch den Söhnen Josefs. Obwohl sie als Ägypter aufwachsen, werden sie durch Jakobs Segen ausdrücklich in die Segensgeschichte Israels hineingenommen. Durch die Vorrangstellung, die Jakob Ephraim, dem Jüngeren, zuweist, wird, wie zuvor schon bei Esau und Jakob, erneut deutlich: Es ist Gottes Freiheit zu erwählen, wen er will. Auch Jakobs Segenssprüche über seinen Söhnen erinnern ausdrücklich daran: Nicht Ruben erhält den Erstgeburtssegen, sondern Juda gilt vorrangig Gottes Segen. Als Stammvater von König David nimmt er eine Sonderstellung unter den Brüdern ein. Mit seinem Namen verbindet sich in der Geschichte Israels die Hoffnung auf den verheißenen Messias.

So weist Jakobs Segen bereits in ferne Zukunft hinaus und deutet, wenn auch verhüllt, auf den hin, den Gott zum Heil der Völker senden wird, „den König, vor dem sich einst alle Welt beugen wird“ (vgl. Phil 2,9ff / Offb 7,9ff).

Jakobs Tod

Genesis 50

147 Jahre alt war Jakob,

als er in Ägypten starb.

Im ganzen Land trauerte man um ihn

siebzig Tage lang.50,3

Danach zogen Josef und seine Brüder

nach Kanaan, um den letzten Wunsch

ihres Vaters zu erfüllen.

Dort legten sie Jakob

in die Grabhöhle von Machpela,

die einst Abraham

von den Hetitern gekauft hatte.50,13

Doch kaum waren sie wieder

nach Ägypten zurückgekehrt,

überfiel Josefs Brüder große Angst.

Sie sagten sich:

„Nun, da unser Vater tot ist,

wird sich Josef gewiss an uns rächen.“

So sandten sie Boten zu Josef

und ließen ihm sagen:

„Wir bitten dich:

Vergib deinen Brüdern die Schuld

und all das Böse,

das sie dir angetan haben.“

Und sie kamen zu Josef,

fielen vor ihm nieder und sprachen:

„Wir sind deine Knechte.

Mach uns zu deinen Sklaven.“50,15ff

Josef weinte, als er sie so reden hörte.

Und er sagte zu ihnen:

„Fürchtet euch nicht!

Bin ich denn an Gottes Stelle?

Ja, es ist wahr:

Ihr wolltet mir Böses antun.

Aber Gott hat es zum Guten gewendet,

damit er uns, ein so großes Volk,

am Leben erhält.

Darum fürchtet euch nicht.

Ich will euch und eure Kinder versorgen.50,19ff

Und wenn ich nicht mehr da bin,

dann wird Gott mit euch sein.

Er wird euch wieder in das Land bringen,

das er euren Vorfahren Abraham,

Isaak und Jakob versprochen hat.50,24

Wenn aber die Zeit kommt,

dass ihr nach Kanaan aufbrecht,

dann nehmt meine Gebeine mit.

Auch ich will dort begraben sein.“50,25

110 Jahre alt war Josef, als er starb.50,26

Aber seine Familie breitete sich

in Ägypten immer mehr aus

und wurde ein großes Volk,

so zahlreich, wie die Sterne am Himmel

und wie der Sand am Meer.

Was Gott einst Abraham zugesagt hatte,

hatte sich über Erwarten erfüllt.

„Ein großes Volk“ – damit ist das Stichwort gegeben, das die Erfüllung der Verheißung an Abraham anzeigt: „Ich will ein großes Volk aus dir machen.“ (12,2) Am Ende der Josefserzählung wird deutlich: Auch diese so menschliche und schuldbeladende Geschichte ist Teil der Segensgeschichte Gottes. Josef stellt sich ausdrücklich in diese Geschichte hinein und versteht sich selbst als Werkzeug Gottes, durch den Gott seine Verheißung erfüllt.

Aber dieses Volk hat noch kein eigenes Land. Es hat lediglich die Erinnerung an die Grabstätte Abrahams als Angeld der Verheißung Gottes: „Dieses Land will ich deinen Nachkommen geben.“ Im Wunsch Jakobs wie auch Josefs, dort begraben zu werden, wird an diese Verheißung erinnert und damit ein neuer Spannungsbogen eröffnet, der weit über die 5 Bücher Mose hinausreicht und erst mit der Landnahme (Josua 1–24) seine vorläufige Erfüllung findet.

In diesem weiten heilsgeschichtlichen Horizont hat auch die Überlieferung von Josef ihren festen Platz. Von ihr zeugt auch Psalm 105, ein Hymnus, der die Erinnerung an die Geschichte der Väter und Mütter in der Gemeinde des Volkes Gottes wach hält und sie aufruft zum Lobpreis Gottes, der seinen Bund hält und zu seiner Verheißung steht.

Danket dem Herrn!

Ruft an seinen Namen!

Verkündigt sein Tun unter den Völkern!

Denn er denkt ewig an seinen Bund,

an das Wort, das er verheißen hat

für tausend Geschlechter,

an den Bund, den er geschlossen hat

mit Abraham, und an den Eid,

den er Isaak geschworen hat.

Er ließ nicht zu,

dass andere ihm Schaden zufügten.

Er wies ihretwegen Könige zurecht.

Und er ließ eine Hungersnot

ins Land kommen

und nahm weg allen Vorrat an Brot.

Er sandte einen Mann vor ihnen her.

Josef wurde als Knecht verkauft.

Sie zwangen seine Füße in Fesseln,

sein Leib musste in Eisen liegen,

bis sein Wort eintraf,

und die Rede des Herrn gab ihm Recht.

Da sandte der König hin

und ließ ihn losgeben,

der Herr über Völker,

er gab ihn frei.

Er setzte ihn zum Herrn über sein Haus,

zum Herrscher über alle seine Güter,

dass er seine Fürsten unterwiese

nach seinem Willen

und seine Ältesten Weisheit lehrte.

Und Israel zog nach Ägypten,

und Jakob wurde ein Fremder

im fremden Land.

Und der Herr ließ sein Volk sehr wachsen

und machte sie mächtig.

Denn er gedachte

an sein heiliges Wort

und an Abraham, seinen Knecht,

den er erwählt hatte.

aus Psalm 105

Das 2. Buch Mose / Exodus

Der Weg in die Freiheit

„Einst waren wir Sklaven des Pharao in Ägypten.

Aber der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand.

Und der Herr tat große und furchtbare Zeichen an Ägypten und am Pharao

und an seinem ganzen Haus und führte uns von dort weg,

um uns … das Land zu geben, wie er unseren Vätern geschworen hat.“ (Dtn 6,21ff)

Dieses alte Bekenntnis aus der Pessachfest-Liturgie erzählt von der größten Erfahrung, die das Volk Israel im Lauf seiner Geschichte gemacht hat und die alle seine Glaubenszeugnisse durchzieht. Sie findet ihren vielfachen Widerhall in den Psalmen und im Gottesdienst der jüdischen und christlichen Gemeinde. Aber vor allem findet sie ihren literarischen Niederschlag in den Büchern 2.–5. Mose.

Es ist ein langer Weg mit vielen Stationen, den diese Bücher beschreiben und in ihrer literarischen Endgestalt sind sie das Ergebnis eines langen und komplexen Überlieferungsprozesses. Aber am Anfang dieses Weges steht das Bekenntnis:

Nicht wir selbst haben uns „emanzipiert“ (d.h. wörtl. aus der Sklaverei befreit), sondern Gott hat es getan. „Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst, zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide“ (Ps 100,3). Nie soll vergessen werden, was Gott für sein Volk getan hat, sondern es soll von Generation zu Generation weitergegeben werden. Als Grundlage dient dazu in erster Linie das 2. Buch Mose / Exodus. In ihm entfaltet das Buch sein großes Thema in Form einer umfangreichen Erzählung, die diesem Buch auch den Namen gab (Exodus = Auszug). Alle Erinnerungen Israels an dieses Urdatum der Heilsgeschichte werden hier miteinander verschmolzen und als eine zusammenhängende Rettungsgeschichte vorgestellt. Sie entfaltet den Weg der Befreiung aus Ägypten, der aus anfänglicher Ohnmacht und tödlicher Bedrohung über viele Stationen am Ende zur Geburt jenes Volkes führt, das Gott zu seinem Volk berufen wird. Sie bildet den ersten Schwerpunkt in diesem Buch (Ex 1–15). Der zweite Schwerpunkt ist der Bundesschluss am Sinai, einschließlich seiner Vorgeschichte (Ex 15b–40). Beide Themen werden im Exodusbuch miteinander verflochten.

Das 2. Buch Mose / Exodus 1–15

Der Auszug aus Ägypten

Das Buch Exodus beschreibt die Befreiung Israels aus Ägypten äußerlich als einen Weg, der von Stufe zu Stufe in immer tiefere Not führt: Er wird immer bedrohlicher und führt unaufhaltsam in den Tod. Aber in Wahrheit ist es ein Weg, auf dem sich Gott von Station zu Station seinem Volk immer mehr bekannt macht und an dessen Ende der Lobpreis des Volkes steht: Gott hat sie aus dem Tod gerettet und ins Leben gerufen.

Exodus 1:

Ausgangspunkt ist eine hoffnungslose Situation. Die Nachkommen Jakobs leben in Ägypten als Fremde und werden hart unterdrückt, ein Volk ohne Land und ohne Zukunft – ein Volk ohne Hoffnung, sich jemals selbst von seinen Unterdrückern befreien zu können.

Exodus 2–4:

Mit der Geburt und Rettung Moses beginnt im Verborgenen eine neue Geschichte: Gott rettet und beruft den Retter, der sein Volk retten soll. Die Geschichte des jungen Mose bildet die Vorgeschichte zur großen Rettungsgeschichte des Volkes Gottes.

Exodus 5–11:

Es folgt ein langes, zähes Ringen zwischen Mose und dem Pharao, das mit einer Kette von „Plagen“ einhergeht. Dabei wird deutlich, wer hier der eigentlich Handelnde ist: der Gott Israels, der auch Herr ist über Ägypten und alle Naturgewalten. Er allein hat auch die Macht, sein Volk aus Ägypten zu befreien.

Exodus 12–15:

Eine doppelte Nachterfahrung steht am Ende des langen Wegs: die Nacht des Auszugs und die Nacht des Durchzugs durch das Schilfmeer. In beiden Fällen befindet sich das Volk Israel in Todesgefahr. Aber gerade hier, an der dunkelsten Stelle, erfährt es seinen Gott als einen Gott, der sein Volk vom Tod und durch den Tod hindurch zu neuem Leben befreit. Dieses Doppelereignis gilt als die Geburtsstunde Israels. Seine überragende Bedeutung für Israel wird zusätzlich durch die Einsetzung des Pessachfestes (Ex 12/13) und durch das Lied Moses und Mirjams unterstrichen, das betont ans Ende dieses Weges gesetzt ist.

Israel in Ägypten

Exodus 1

Dies ist die Geschichte des Volkes,

das Gott aus der Sklaverei befreit hat

und zu seinem Volk gemacht hat.

Und so beginnt diese Geschichte:

Josef war tot.

Auch seine Brüder lebten nicht mehr.

Aber ihre Nachkommen wurden

überaus zahlreich und stark.

Sie breiteten sich mehr und mehr aus.

Volk Israel nannten sie sich

nach ihrem Stammvater Jakob,

der auch den Namen Israel trug.1,1ff

Aber das Volk Israel

lebte immer noch in Ägypten.

Es war als fremdes Volk nur geduldet.

Hebräer, so wurden sie

von den Ägyptern verächtlich genannt.

Es war ein Volk ohne eigene Rechte

und ohne Hoffnung, jemals wieder

in das Land heimzukehren,

das Gott seinen Vorfahren zugesagt hatte.

Zu jener Zeit kam in Ägypten

ein neuer Pharao auf den Thron.

Dieser König wusste nicht mehr,

was Josef für Ägypten getan hatte.

Er sah nur, wie sich das fremde Volk

in seinem Land ständig vermehrte.

Und er beriet sich mit seinen Fürsten.

„Seht“, rief er, „diese Hebräer

sind bald größer und stärker als wir.

Wir müssen sie mit List klein halten.

Sonst führen sie am Ende noch

gegen uns Krieg.“1,9f

So machte der Pharao

alle Israeliten zu seinen Sklaven:

Und er setzte Fronvögte über sie ein,

die sie gnadenlos unterdrückten.

Tag für Tag wurden die Israeliten

zur Arbeit getrieben.

Ziegel mussten sie stechen und brennen,

Häuser, ja ganze Vorratsstädte,

mussten sie für den Pharao bauen.

Aber je mehr sie unterdrückt wurden,

desto zahlreicher wurde das Volk

und breitete sich immer mehr aus.

Als aber die Ägypter sahen,

wie sich das Volk Israel weiter vermehrte,

graute ihnen noch mehr vor dem Volk.1,11f

Schließlich fasste der Pharao

einen grausamen Entschluss.

Er bestellte Schifra und Pua,

die hebräischen Hebammen, zu sich

und er befahl ihnen:

„Wenn eine Israelitin

einen Sohn zur Welt bringt,

dann tötet ihn sofort bei der Geburt.

Die Töchter aber lasst leben.“1,15f

Aber die Hebammen

fürchteten Gott mehr

als des Königs Gebot.

Als sei nichts geschehen,

so setzten sie ihre Arbeit fort.

Sie besuchten die Mütter,

halfen ihnen bei der Geburt

und retteten die Neugeborenen

vor dem sicheren Tod.1,17

Aber es dauerte nicht lange,

da ließ sie der Pharao erneut

in seinen Palast rufen.

„Was habt ihr getan?“, schrie er sie an.

„Habe ich euch nicht befohlen,

alle neugeborenen Söhne zu töten?1,18

Doch ihr, was macht ihr?

Ihr lasst sie am Leben!“

Doch die Hebammen erwiderten:

„Der König kennt unsere Frauen nicht.

Sie sind kräftiger als eure Frauen.

Wenn wir in ihr Haus kommen,

haben sie das Kind schon geboren.“1,19

Da wusste der Pharao

nichts mehr zu sagen.

Wütend jagte er die Hebammen weg.

Diese aber setzten

furchtlos ihren Dienst fort.

Und weil sie Gott mehr fürchteten

als Menschen,

segnete Gott ihre Häuser,1,21

sodass niemand wagte,

Hand an sie zu legen.

So wuchs das Volk Israel

von Tag zu Tag mehr

und wurde überaus zahlreich und stark.1,20

Als aber der Pharao sah,

wie sich das Volk weiter vermehrte,

ging er zum offenen Angriff über.

Er befahl seinen Männern:

„Holt alle neugeborenen Söhne

aus den Häusern der Israeliten

und werft sie in den Nil!“1,22

Und so geschah es.

Die Ägypter taten,

was ihr König ihnen befahl.

Und niemand von ihnen wagte,

sich seinem Befehl zu widersetzen.

Der Anfang der Exodusgeschichte beschreibt eine wahrhaft aussichtslose Situation. Die Verheißung an Abraham hat sich zwar endlich erfüllt: Aus Abrahams Nachkommen ist ein großes Volk geworden. Aber dieses Volk hat im Gastland Ägypten keine Zukunft. Je mehr es sich vermehrt, desto mehr stellt es für Ägypten eine akute Bedrohung dar. Der ägyptische Machthaber reagiert darauf mit einem raffiniert ausgeklügelten Plan zur Vernichtung dieses Volkes, noch ehe es sich richtig als Volk konstituiert hat.

Unheimlich realistisch wird die Ausrottungsstrategie des Pharaos beschrieben, die typische Merkmale eines systematischen Völkermordes aufweist: Zunächst schürt Pharao Angst und Fremdenhass unter seinem eigenen Volk. Darauf unterdrückt und schwächt er das gefürchtete Volk durch harte Zwangsarbeit. Es folgt der Plan zur Dezimierung des Volkes, zunächst heimlich, durch die Tötung der ungeborenen Söhne beim Austritt aus dem Mutterleib. Damit soll die Zukunft dieses Volkes schon im Ansatz zerstört werden. Dass sich der Pharao dazu der Hebammen aus dem Volk Israel bedient, verrät sein gnadenloses und hinterhältiges Vorgehen. Erst als sein infamer Plan nicht aufgeht, greift er zum letzten, äußersten Mittel. Er ruft sein Volk öffentlich zum Massenmord an den schwächsten Gliedern auf und schneidet damit diesem Volk jeden Weg in die Zukunft ab.

In deutlichem Kontrast zu Ägyptens König wird das Volk der „Hebräer“ dargestellt. Es hat keine Kraft, sich zu wehren. In stummer Ohnmacht reagiert es scheinbar widerspruchslos auf die Schikanen. Der einzige Protest ist seine wachsende Kinderzahl, die in dieser Erzählung wiederholt erwähnt wird. Aber gerade sein Kinderreichtum wird diesem Volk zum Verhängnis. Nichts erinnert in dieser einleitenden Erzählung daran, dass dieses Volk unter Gottes besonderem Schutz steht. Gott kommt in dieser Geschichte gar nicht zur Sprache. Allein der Widerstand der Hebammen und deren mutiges Zeugnis vor dem Pharao hält die Erinnerung an Gott wach. Es ist das einzige Zeichen der Hoffnung in dieser Geschichte.

Betont ist die Erinnerung an die eigene Ohnmacht und die Übermacht des Pharaos an den Anfang der Befreiungsgeschichte Israels gesetzt worden. Nie soll Israel vergessen, wer es ursprünglich war: ein gering geachtetes Volk von Fremden – dies klingt in dem Begriff „Hebräer“ an –, ein Volk ohne Zukunft, versklavt „ohne Erbarmen“ (1,14) und ohne Hoffnung, sich jemals aus eigener Kraft befreien zu können. Es ist allein Gottes Erbarmen, das dieses Volk aus Ägypten befreit und zu seinem Volk gemacht hat (vgl. Ex 13,14f; 20,2; Dtn 6,21 u.ö.). Dies soll das Volk Israel mit seiner ganzen Existenz bezeugen und selbst Erbarmen an den Fremden und Unterdrückten im eigenen Volk üben. Die Urerfahrung Israels in Ägypten schafft die Voraussetzung für das Erbarmensrecht, das Israel durch die Geschichte hindurch bewahrt und immer neu erinnert hat: „Du sollst das Recht des Fremden und der Waise nicht beugen … Denn du sollst daran denken, dass du Knecht in Ägypten gewesen bist und der Herr, dein Gott, dich von dort erlöst hat“ (Dtn 24,17f, vgl. Ex 22,20; Lev 19,33f u.ö.).

Mose

Exodus 2,1–10

In jenen Tagen brachte

eine Israelitin aus dem Stamm Levi

einen Sohn zur Welt.

Als sie das Kind sah,

so klein und zart,

verbarg sie es schnell

vor den Ägyptern.

Drei Monate hielt sie das Kind

in ihrer Hütte versteckt.2,2

Danach aber konnte sie es

nicht länger verbergen.

Da flocht sie heimlich

ein Kästchen aus Schilfrohr,

verstrich es außen mit Pech,

und legte ihr Kind in das Kästchen.

Behutsam trug sie es hinunter zum Nil

und verbarg es im Schilfgras.

Niemand konnte sehen,

wo sie ihr Kind versteckte.

Nur die große Schwester

blieb am Ufer zurück,

um ihren Bruder zu bewachen.2,1ff

Doch plötzlich hörte sie Stimmen.

Da sah sie mit Schrecken:

Die Tochter des Pharao

kam mit ihren Dienerinnen zum Baden.

„Seht, was dort schwimmt!“, rief sie.

„Ein geflochtenes Kästchen!

Holt es schnell aus dem Wasser!

Ich will sehen, was darin ist.“2,5

Da brachten sie ihr das Kästchen.

Und als sie es öffnete,

sah sie das Kind,

das jämmerlich weinte.

„Das arme Kind!“,

rief sie voll Mitleid.

„Sicher ist es ein Kind der Hebräer.“2,6

Da kam die Schwester des Kindes

aus ihrem Versteck hervor

und sagte zu ihr:

„Ich kenne eine Frau,

die kann das Kind stillen.

Soll ich sie holen?“2,7

„Ja, lauf und bring sie hierher!“

Da holte die Schwester

– ihre eigene Mutter!

Aber die Königstochter

ahnte nicht, wer sie war.

„Sieh dieses Kind“,

sagte sie zu der Mutter.

„Nimm es an dich und stille es für mich.

Ich will dir auch guten Lohn zahlen.2,8f

Danach aber bring es zu mir.

Mein Sohn soll es werden.

Mose will ich ihn nennen.

Denn ich habe ihn

aus dem Wasser geholt.“2,9f

Da nahm ihn die Mutter an sich.

Und kein Ägypter wagte,

Hand an das Kind zu legen.

So rettete Gott das Kind,

das er zum Retter seines Volkes

bestimmt hatte.

Inmitten einer trostlosen Situation zeichnet sich hier im Verborgenen ein Neuanfang ab. Er beginnt mit der Geburt eines Kindes und seiner wunderbaren Rettung aus Todesgefahr. Ganz schlicht und menschlich wird diese Rettungsgeschichte erzählt, die den Auftakt zur großen Rettungsgeschichte Israels bildet. An ihrem Anfang stehen nur Frauen, die das Unmögliche wagen, darunter sogar eine Heidin. Durch diese Frauen, deren Namen hier – im Unterschied zu Ex 1,15 – nicht genannt werden, macht Gott im Verborgenen seine Geschichte. So weist diese kleine, scheinbar ganz private Geschichte über sich selbst hinaus auf Gottes große Rettungsgeschichte hin. Wie einst Noah im „Kasten“ der Arche vor den Fluten bewahrt wurde, so geschieht es auch hier mit dem Kind Mose im „Kästchen“. Es ist dasselbe Wort, das beide Male verwandt wird. Und wie Mose aus dem Wasser gezogen und vor dem sicheren Tod gerettet wurde, so wird das Volk Israel beim Durchzug durch das Schilfmeer Gottes wunderbare Rettung erfahren (Ex 14). Darüber hinaus lenkt diese leise Geschichte den Blick auf den Anfang des Neuen Testaments. Dort berichtet das Matthäusevangelium – analog zu Ex 1 und 2 – von dem Wüten des Despoten Herodes, der nicht einmal davor zurückschreckt, unschuldige Kinder zu ermorden (Mt 2,16ff). Aber inmitten tödlicher Bedrohung wird das Kind geboren, das allen Rettung verheißt: Jesus, Retter der Welt.

Mose in der Wüste

Exodus 2,11ff

Drei Jahre lang blieb Mose

im Haus seiner Mutter.

Danach wurde er in den Palast

zu Pharaos Tochter gebracht.

Dort wuchs er auf unter Ägyptern,

lebte und sprach wie ein Ägypter.

Aber im Herzen blieb er ein Israelit.

Er konnte sein Volk nicht vergessen.

So vergingen die Jahre.

Mose war inzwischen erwachsen.

Da machte er sich eines Tages auf

und suchte sein Volk auf.

Entsetzt sah er, wie es sich plagte,

wie es stöhnte und klagte.

Auf einmal sah er, wie ein Ägypter

auf einen Hebräer einschlug.2,11

Mose packte der Zorn.

War denn hier keiner,

der dem Ägypter wehrte?

Er sah sich um.

Doch weit und breit

war niemand zu sehen.

Da stürzte sich Mose auf den Ägypter

und schlug auf ihn ein, bis er tot war.

Schnell verscharrte er

den Toten im Sand

und machte sich auf und davon.2,12

Am nächsten Tag aber suchte Mose

sein Volk noch einmal auf.

Da sah er,

wie sich zwei Israeliten stritten.

Einer schlug auf den andern ein.

„Hör auf!“, mischte Mose sich ein.

„Warum schlägst du den andern?

Ihr gehört doch demselben Volk an.“

Der aber erwiderte:

„Das geht dich nichts an.

Misch dich nicht ein!

Oder willst du mich auch umbringen,

wie du den Ägypter umgebracht hast?“2,13f

Da packte Mose die Angst.

Erschrocken fragte er sich:

Woher weiß der Mann,

was ich gestern getan habe?

Wenn das der Pharao hört,

dann wird er mich töten.

Und sogleich machte er sich auf

und floh in die Wüste.2,14f

Nach Wochen erreichte Mose

endlich das Land Midian,

das am Rand der Wüste lag.

An einem Brunnen machte er Halt.2,15

Da kamen sieben Schwestern

mit ihren Schafen zum Brunnen.

Sie schöpften Wasser

und gossen es in die Tränkrinnen.

Doch als sie noch schöpften,

kamen Hirten zum Brunnen,

die stießen die Mädchen weg.

„Lasst sie in Frieden!“, rief Mose.

„Sie waren zuerst da.“

Und sogleich sprang er auf

und half den Mädchen beim Schöpfen.2,16f

Da liefen die sieben Schwestern

zu Jitro, ihrem Vater,

der auch Reguël heißt,

und erzählten ihm,

was sie am Brunnen erlebt hatten.

„Wie?“, fragte der Vater.

„Ein Fremder half euch beim Schöpfen?

Warum habt ihr ihn nicht mitgebracht?

Auf, ladet ihn ein!

Er soll unser Gast sein.“2,18ff

Von diesem Tag an blieb Mose

bei Jitro und diente ihm als Hirte.

Und Jitro gab ihm dafür

seine Tochter Zippora zur Frau,

die gebar Mose einen Sohn,

Gerschom mit Namen.2,21f

Viele Jahre lang lebte Mose in Midian,

fern von seinem Volk in Ägypten.

In dieser Zeit starb Pharao,

der König von Ägypten.

Aber das Volk schrie zu Gott.

Und ihr Schreien kam vor Gott.

Er hörte, wie sie klagten.

Er sah, wie sie sich quälten und plagten.

Und er dachte an das Versprechen,

das er Abraham, Isaak

und Jakob gegeben hatte,

und nahm sich ihrer an.2,23ff

„Ihr Schreien kam vor Gott.“ Das ist die erlösende Botschaft am Ende des zweiten Kapitels. Menschlich betrachtet gibt es für dieses Volk keine Hoffnung. Durch den Fehlstart Moses scheint der Weg in die Freiheit zusätzlich verbaut. Dabei hätte Mose – aufgrund seiner wunderbaren Rettung und seiner ägyptischen Bildung – alle Voraussetzungen gehabt, als Retter seines Volkes aufzutreten und sein Volk aus der Sklaverei zu führen. Aber durch sein voreiliges und eigenmächtiges Handeln hat er das Gegenteil erreicht. Als Flüchtiger und Mörder muss er sein Leben als Schafhirte in der Steppe von Midian (im Osten der Sinaihalbinsel) zubringen – nach jüdischer Überlieferung sogar 40 Jahre lang! (vgl. auch Apg 7,23–30). Ein Leben ohne Perspektive, fern von seinem Volk. Eine unerträglich lange Zeit, nicht nur für Mose, sondern auch für das unterdrückte Volk in Ägypten! Aber während dieses Volk noch verzweifelt klagt und Gott weit weg scheint, ist die Wende bei Gott schon eingeläutet. Gott „gedenkt“ seines Bundes; er „sieht“ das Elend seines Volkes; er „hört“ sein Schreien und er ist schon unterwegs, um ihnen zu helfen. So knapp und vielsagend deutet sich am Ende des 2. Kapitels die Wende an!

Vom Ende her fällt auch auf die vorausgehenden Erzählungen ein neues Licht: Also war Gott schon von Anfang an da. Er hat das Elend seines Volkes gesehen. Er hat ihre Klagen gehört und er ist nun auf dem Weg, sichtbar die Wende herbeizuführen.

Von diesem Ende her erscheint auch Moses Wüstenzeit nicht nur als Zeit der Verbannung und Strafverbüßung, sondern als eine Zeit der Zurüstung, in der Gott seinem künftigen „Knecht“ in der Stille begegnet und ihn für seinen besonderen Auftrag bereit macht. Somit weist auch diese Geschichte über sich selbst hinaus. In ihr zeichnet sich schon ab, was das Volk Israel in seiner 40-jährigen Zeit in der Wüste erfahren wird. Auch Elia, Johannes der Täufer und auch Jesus erfahren ihre „Wüstenzeit“ als Zeit besonderer Zurüstung für ihren Auftrag (1. Kön 19 / Mt 3+4).

Moses Berufung

Exodus 3–4

Eines Tages trieb Mose die Schafe

über die Steppe hinaus zum Horeb,

dem Berg Gottes, der auch Sinai heißt.

Da sah er einen Dornstrauch,

der lichterloh brannte.

Wie ist das nur möglich?,

fragte sich Mose.

Der Strauch brennt

und verbrennt doch nicht.

Ich will hingehen und sehen,

warum der Strauch nicht verbrennt.3,3

Doch als er näher kam,

hörte er eine Stimme, „Mose! Mose!“

„Ja, hier bin ich“,

antwortete Mose erschrocken.3,4

„Komm nicht näher!“, warnte die Stimme.

„Zieh deine Schuhe aus!

Du stehst auf heiligem Land.

Denn ICH bin hier,

der Gott deiner Väter

Abraham, Isaak und Jakob.“3,5f

Da verhüllte Mose sein Gesicht.

Er wagte nicht aufzuschauen.3,6

Gott war es, der zu ihm sprach:

„Ich habe die Leiden meines Volkes

in Ägypten gesehen

und habe ihr Schreien gehört.

Ja, ich habe gesehen,

wie die Ägypter sie quälen,

und bin gekommen,

um sie zu befreien.

Ich will sie aus Ägypten führen

und will sie in ein Land bringen,

wo Milch und Honig fließt.

So geh nun hin!

Ich will dich zum Pharao senden.

Du sollst mein Volk aus Ägypten führen.“3,7ff

„Wer bin ich?“, fragte Mose erschrocken.

„Wie soll ich zum Pharao gehen?

Wie kann ich das Volk Israel

aus Ägypten führen?“3,11

Gott sprach: „Ich will mit dir sein.

Und daran sollst du erkennen,

dass ich es bin, der dich sendet:

Wenn ihr aus Ägypten auszieht,

werdet ihr auf diesem Berg

eurem Gott dienen.“3,12

„Aber“, wandte Mose ein,

„sie werden mir nicht glauben.

Wenn ich zu ihnen komme,

werden sie fragen:

Was ist das für ein Gott,

von dem du da redest?

Wie lautet sein Name?

Was soll ich dann sagen?“3,13

Gott sprach: „ICH BIN, DER ICH BIN.

Das ist mein Name auf ewig.

Den sollst du zu ihnen sagen.

So geh nun zurück

und sage den Israeliten:

ICH, der Gott eurer Väter

Abraham, Isaak und Jakob,

habe dich zu ihnen gesandt.“3,14f

Doch Mose zögerte noch.

„Ach Herr!“, erwiderte er.

„Sie werden mir nicht glauben.

Sie werden nicht auf mich hören.

Ja, sie werden sagen:

Gott ist dir gar nicht erschienen.“4,1

Da gab Gott ihm ein Zeichen.

Er befahl Mose:

„Wirf deinen Stab auf die Erde.“

Und siehe, da wurde der Stab

plötzlich zur Schlange.

Erschrocken wich Mose zurück.

Doch als er zupackte,

wurde die Schlange wieder zum Stab.4,2ff

Und Gott gab Mose noch ein Zeichen.

Er befahl: „Stecke deine Hand

in den Bausch deines Gewandes.“

Und als Mose sie herauszog,

war sie voller Aussatz.

Doch als er sie wieder einsteckte,

sieh, da wurde sie wieder rein.4,6f

Da sprach Gott zu Mose:

„Sie werden dir glauben,

wenn sie die Zeichen sehen, die du tust.

Wenn nicht, wirst du ihnen

noch viel Größeres zeigen.“4,8f

Doch Mose wehrte sich noch.

„Ach mein Herr!“, erwiderte er.

„Ich kann nicht gut reden.

Das Reden fiel mir von jeher sehr schwer,

aber jetzt noch viel mehr,

da du zu mir sprichst.“4,10

Gott antwortete:

„Wer hat dem Menschen

den Mund geschaffen?

Hab ich’s nicht getan? So geh nun hin!

Ich will mit deinem Mund sein

und dir zeigen, was du sagen sollst.“4,11

„Nein, nein!“, rief Mose.

„Sende, wen du willst, nur mich nicht!“4,13

Doch Gott entgegnete zornig:

„Dein Bruder Aaron kann reden.

Er soll für dich zum Volk reden.“

Da wagte Mose nichts mehr zu sagen.

Er machte sich auf und zog nach Ägypten,

wie Gott ihm gesagt hatte.

Nach der bedrückenden Vorgeschichte tritt nun die Wende ein. Gott kommt und bricht sein Schweigen. Er erscheint Mose in der Wüste und beruft ihn, den Mörder und Versager, zu seinem Diener und auserwähltem Boten. Diese Geschichte weist alle Merkmale auf, die für die Berufung eines Propheten typisch sind (Theophanie / Berufung / Widerspruch / Zuspruch und Zeichen des Zuspruchs / Sendung). Aber in Wahrheit bedeutet sie noch weit mehr: Über zwei Kapitel hinweg wird der Leser in einen einzigartigen Dialog zwischen Gott und Mose eingeweiht, wobei die Initiative einseitig von Gott ausgeht. Kennzeichen dieses Dialogs sind:

(1) Gott macht sich bekannt, und zwar verbindlich für alle Zeit. Er offenbart durch seinen Namen, wer er in Wahrheit war, ist und sein wird: Er ist derselbe Gott, der zu Abraham, Isaak und Jakob gesprochen hat, der Gott, der „Bund und Treue hält ewig“, der mit jedem Einzelnen seine Geschichte hat. Mag das Volk Israel in Ägypten seine Geschichte mit Gott vergessen haben, Gott selbst erinnert mit seinem Namen an die Geschichte, die er bereits mit seinem Volk hat. Gleich viermal stellt sich Gott in diesem Dialog als „der Gott der Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ vor. Er ist kein anderer als der, der sich hier mit seinem Namen JHWH bekannt macht. Sein Name beschreibt nicht, wie bei anderen Göttern, bestimmte Eigenschaften, sondern er steht für Gottes Einzigartigkeit, als der „ICH-BIN“, der „Ich bin für euch da“. M.a.W. Sein Name ist gleichbedeutend mit dem Versprechen: „Ich will mit dir sein“, ein Versprechen, das sich durch alle Geschichten der Bibel zieht.

So unbegreiflich nah kommt Gott dem Menschen: In seinem Namen macht er sich anrufbar und angreifbar zugleich, aber nicht verfügbar. Darum vermeiden die Juden seit jeher, den Namen Gottes auszusprechen, und ersetzen ihn durch die ehrfurchtsvolle Ansprache „Herr“.

(2) Gott widerlegt den Einwand Moses. Gleich fünfmal wendet Mose seine Bedenken ein. „Wer bin ich?“, fragt Mose angesichts der übergroßen Aufgabe, die Gott ihm zumutet. Zu groß sind die Hindernisse, die es zu überwinden gilt: Nicht nur der Pharao, auch das Volk Israel wird nicht auf ihn hören. Das größte Hindernis ist er selbst: Mose kann und möchte den Auftrag nicht annehmen. Aber Gott gibt ihm wiederholt seine Zusage: „Ich will mit dir sein“ (3,12), „Ich will mit deinem Mund sein“ (4,12). Und er gibt ihm nicht nur ein Zeichen, das ihn in seinem Auftrag bestärken und seine Autorität vor den Menschen bekräftigen soll, sichtbare Zeichen, wie etwa die Schlange oder die aussätzige Hand (4,2–9), sondern auch ein Zeichen, das sich erst in der Zukunft erfüllen wird (3,12). Mose hat keine Wahl. Viermal ergeht in dieser Geschichte an ihn der Sendungsbefehl: „Geh!“ Dieses Wort ist mehr als ein Befehl. Es ist Gottes schöpferisches Wort, das Mose aus seiner Erstarrung befreit und ihn zu neuem Leben erweckt.

Mose und Aaron

Exodus 4,27–6,9

Ein neuer Pharao2,23

herrschte über Ägypten.

Aber das Leiden der Israeliten

nahm noch immer kein Ende.

Auch dieser Pharao hielt sie wie Sklaven.

Tag für Tag plagten die Israeliten sich ab,

stöhnten und klagten.

Doch niemand hörte auf ihre Klagen.

Unter ihnen war auch Aaron,

der ältere Bruder von Mose.

Seit Jahren hatte er nichts mehr

von seinem Bruder gehört.

Doch eines Tages war es ihm,

als hörte er Gottes Stimme:

„Auf, Aaron, steh auf!

Zieh deinem Bruder entgegen.

Er ist schon unterwegs zu dir.“4,27

Da machte sich Aaron

sogleich auf den Weg

und zog in die Wüste,

Mose entgegen.

Am Berg Gottes traf er auf ihn.

Seine Frau Zippora

und sein Sohn Gerschom begleiteten ihn.

Aaron lief auf sie zu,

umarmte und küsste seinen Bruder.4,27

Der aber sprach zu ihm:

„Jahwe, der Herr unser Gott,

ist mir erschienen.

Er hat eure Leiden gesehen

und eure Klagen gehört.

Und er ist gekommen,

um euch zu befreien.

Er hat mich zu euch gesandt,

damit ich euch aus Ägypten führe.

Aber du, Aaron, sollst dies

dem Volk verkünden.“4,28

So zogen die beiden

gemeinsam nach Ägypten zurück.

Dort sammelte Aaron sofort

alle Stammeshäupter um sich.

„Freut euch!“, rief er.

„Gott hat euer Leiden gesehen.

Er hat eure Klagen gehört.

Er ist gekommen, um euch zu befreien.“

Und er berichtete ihnen alles,

was Gott am Berg Horeb

Mose offenbart hatte.

Da horchten alle auf,

als sie die gute Nachricht vernahmen,

dass Gott der Herr ihr Elend gesehen

und ihr Schreien gehört hatte.

Und sie glaubten den Worten,

fielen auf die Knie und beteten Gott an.4,29ff

Da schöpften auch Mose und Aaron Mut.

Gemeinsam suchten sie den Pharao auf.

Mutig traten sie vor ihn hin:

„So spricht der Herr, der Gott Israels:

Lass mein Volk ziehen,

damit es in der Wüste

ein Fest für mich feiert!“

Aber der Pharao rief empört.

„Wer ist dieser Herr?

Wer wagt es, mir zu befehlen?

Ich kenne diesen Herrn nicht

und will auch nicht auf ihn hören.

Nein, ich lasse euch nicht ziehen.“5,1f

Doch Mose und Aaron erwiderten:

„Der Gott der Hebräer

ist uns in der Wüste erschienen.

Er ist der Herr, dem wir dienen.

So lass uns in die Wüste ziehen,

drei Tagereisen von hier.

Dort wollen wir unserem Gott

ein Opfer darbringen.“5,3

Aber der Pharao fiel ihnen ins Wort:

„Mose, Aaron, was fällt euch ein?

Warum bringt ihr euer Volk

auf solche Gedanken?

Ihr haltet sie nur von der Arbeit ab.

Niemals lasse ich euch ziehen.

Und nun verschwindet!

Los, an die Arbeit mit euch!“5,4

Darauf befahl Pharao seinen Aufsehern:

„Dieses Volk hat zu viel Zeit.

Darum gebt ihnen noch mehr Arbeit.

Von jetzt an sollen sie das Stroh

für die Ziegel selbst sammeln.

Dann vergehen ihnen

ihre dummen Gedanken.

Aber ihr Tagessoll

müssen sie trotzdem erfüllen.“5,6ff

Da luden die Aufseher den Sklaven

noch schwerere Zwangsarbeit auf.

Sie trieben die Israeliten

in die Sümpfe und auf die Felder.

Dort sammelten sie Häcksel,

formten unermüdlich Ziegelsteine

aus Lehm und aus Stroh.

Sie schufteten pausenlos,

von frühmorgens bis in die Nacht.

Doch am Tagesende hatten sie

ihr Tagessoll noch nicht erbracht.5,13f

Aber die ägyptischen Aufseher

nahmen sich ihre Vormänner vor,

schlugen sie und schrien sie an:

„Warum habt ihr

euer Soll nicht erreicht?“5,14

Die aber liefen zum Pharao

und beschwerten sich bitter:

„Warum behandelt man uns so schlecht?

Man schlägt uns

und gibt uns kein Häcksel?

So können wir unser Soll nie erreichen.“5,15f

Doch Pharao hielt ihnen vor:

„Ihr seid nur faul. Ja, faul seid ihr!

Darum sagt ihr: Wir wollen jetzt feiern.

Gar nichts wird euch erlassen.

Ihr sollt noch viel mehr schaffen.“

Und er jagte sie alle hinaus.5,17f

Draußen vor dem Palast

warteten Mose und Aaron auf sie.

Sie aber fielen über die beiden her.

„Mose, Aaron! Gott soll euch strafen.

Ihr beide seid schuld!

Warum seid ihr zum Pharao gegangen?

Seitdem ist alles für uns

noch viel schlimmer geworden.“5,21

Als Mose sein Volk so klagen hörte,

da verließ auch ihn aller Mut.

Er schrie zu Gott: „Ach Herr!

Warum tust du uns das an?

Warum hast du mich hierher gesandt?

Du wolltest dein Volk retten.

Aber nun wird es noch härter geplagt.“5,22f

Doch Gott sprach zu Mose:

„Nun sollst du sehen,

wie ich am Pharao handle.

Der Pharao muss euch ziehen lassen.

Durch meine Hand wird es geschehen.

Mit eigenen Augen wirst du es sehen.

Ich will euch von den Lasten befreien,

die die Ägypter auf euch gelegt haben.

Ich will euch annehmen

und zu meinem Volk machen

und will euer Gott sein.

Und ihr sollt erfahren,

dass ich der Herr bin:

Ich will euch in das Land bringen,

das ich euren Vätern

Abraham, Isaak und Jakob versprach.“6,6ff

Da verkündete Mose dem Volk alles,

was Gott ihm anvertraut hatte.

Aber das Volk war so verzagt

und von harter Arbeit geplagt,

dass es nicht auf ihn hörte.6,9

„Gott hat das Weinen seines Volkes gehört. Er hat ihr Leiden angesehen.“ Das ist die ermutigende Botschaft, die Mose seinem Volk vermitteln soll. Aber kann das Volk diese Botschaft annehmen?

Auf die anfängliche Hoffnung folgt bald Resignation durch vermehrte Schikanen der Ägypter. Die Lage wird immer verzweifelter, zumal auch Mose von der Verzweiflung seines Volkes angesteckt wird. Aber im Gegensatz zu seinem Volk richtet Mose seine Klage an Gott (5,22f). Sie zeigt Mose als Menschen, dem die Last seines Amtes als Mittler zwischen Gott und dem Volk zu schwer wird (vgl. Moses Klage in Num 11,11ff). Aber zugleich erscheint er in dieser Szene als mutiger Prophet, der es wagt, dem mächtigsten Herrscher jener Zeit entgegenzutreten. Sein vollmächtiges „So spricht der Herr“ zeigt an, wer in Wahrheit durch ihn spricht und wer die wahre Macht innehat: Nicht der Pharao, sondern „der Gott der Hebräer“ (5,3), der auf der Seite der Armen und Entrechteten steht und ihnen zu ihrem Recht verhilft!

Eine besondere Aufgabe kommt Aaron in dieser Geschichte zu. Während Aaron an späteren Stellen als Priester vorgestellt wird, hat er hier die Aufgabe, Dolmetscher seines Bruders und Mittler zwischen Mose und seinem Volk zu sein. Im Verlauf der folgenden Erzählungen zeigt sich immer deutlicher, wie nötig Mose die Unterstützung durch seinen Bruder hat.

Die Plagen

Exodus 7–10

Danach sprach Gott zu Mose:

„Siehe, ich gebe dir

die Vollmacht Gottes.

Du sollst dem Pharao alles sagen,

was ich dir sagen werde.

Und Aaron soll dein Prophet sein.

Er soll dein Wort vor den Pharao bringen.

Aber er wird nicht auf euch hören.

Sein Herz ist verhärtet.

Doch ich will ihm meine Macht zeigen.

Und die Ägypter sollen erkennen,

dass ich der Herr bin,

wenn ich euch aus Ägypten wegführe.

So geh nun morgen früh zum Nil.

Dort wirst du auf den Pharao treffen.“7,1ff

Da gingen Mose und Aaron

am nächsten Morgen zum Nil

und stellten sich dem Pharao

in den Weg.

„Höre, Pharao!“, sprach Mose.

„Der Herr, der Gott der Hebräer,

hat mich zu dir gesandt.

Er gebietet dir:

Lass mein Volk ziehen!

Lass es in der Wüste

ein Fest für seinen Gott feiern.

Aber du willst nicht auf ihn hören.

Darum soll im ganzen Land

alles Wasser zu Blut werden.

Dann wirst du erfahren,

dass ich der Herr bin,

spricht Gott.“7,16f

Und Mose schlug mit seinem Stab

auf das Wasser des Nil.

Da wurde das Wasser blutrot.

In allen Flüssen, Seen und Sümpfen

wurde Wasser zu Blut.

Die Fische starben in Massen.

Das Wasser stank gräulich.

Niemand konnte es trinken.

Verzweifelt gruben die Menschen

an den Ufern nach sauberem Wasser.

Aber der Pharao hörte nicht

auf Mose und Aaron.

Denn er sah: Auch seine Zauberer

verwandelten Wasser in Blut.7,20–25

Sieben Tage lang dauerte die Plage an.

Danach folgte die nächste Plage.

Gott sprach zu Mose:

„Geh zu Pharao und sag ihm:

So spricht der Herr:

Lass mein Volk ziehen,

dass es ein Fest für mich feiere!

Wenn nicht, will ich dein Land

mit Fröschen plagen.“7,26ff

Und wie Gott gesagt hatte,

so geschah es:

Aus den Tümpeln und Sümpfen

krochen unzählige Frösche hervor.

Sie hüpften in Häuser und Hütten,

in Backöfen, Behälter und Betten.7,28

Auch im Palast des Pharao

wimmelte es von ekligen Fröschen.

Aber die Zauberer

zauberten auch Frösche hervor.8,3

Als der Pharao das sah,

wurde ihm angst und bange.

Er befahl Mose und Aaron:

„Schafft mir die Frösche vom Hals.

Bittet euren Gott, dass er mich

von dieser Plage befreit!

Dann lasse ich euch ziehen.“

„Ja, so soll es geschehen“,

antwortete Mose.

„Dann wirst du erkennen:

Niemand ist so mächtig

wie der Herr, unser Gott.“8,4ff

Da schrie Mose zu Gott.

Und die Plage hatte ein Ende.

Im ganzen Land trug man

die toten Frösche in Haufen zusammen.

Widerlicher Gestank erfüllte das Land.

Doch kaum war die Plage vorbei,

verhärtete der Pharao wieder sein Herz.

Er ließ die Israeliten nicht ziehen.8,8ff

Da schickte Gott noch eine Plage:

Aus dem Staub der Erde

kamen Stechmücken hervor,

Millionen und Abermillionen.

Als die Zauberer das sahen,

erkannten auch sie:

Das hat Gott getan.

Doch der Pharao hörte nicht auf sie.

Sein Herz blieb hart.8,12ff

Und Gott sprach zu Mose:

„Geh morgen früh zum Fluss

und stell dich dem Pharao in den Weg.

Sag ihm: So spricht der Herr:

Lass mein Volk ziehen,

dass sie mir ein Fest feiern!

Wenn nicht, so wird Ungeziefer

über dich und dein Land kommen

und in eure Häuser eindringen.

Aber ich will einen Unterschied machen

zwischen deinem und meinem Volk.

Dann wirst du erkennen,

dass ich Gott der Herr bin.“

Und so geschah es:

Ungeziefer suchte das Land heim

und breitete sich im ganzen Land aus.

Nur die Israeliten blieben verschont.8,16ff

Da lenkte der Pharao endlich ein.

„Geht!“, sagte er zu Mose und Aaron,

„und bringt ein Opfer für euren Gott,

aber hier, nicht in der Wüste!“

Doch Mose entgegnete:

„Nein, in die Wüste wollen wir ziehen,

drei Tagereisen von hier.

Dort wollen wir unserem Gott opfern.“8,21ff

Schließlich gab der Pharao nach.

„Gut, ich lasse euch ziehen.

Aber zieht nicht zu weit.

Und bittet euren Gott,

dass er mich von dieser Plage befreit.“

Da betete Mose zu Gott.

Und das Ungeziefer verschwand.

Aber der Pharao

verhärtete wieder sein Herz.

Er ließ das Volk Israel nicht ziehen.8,24ff

Danach brach eine Viehseuche aus.

Die Tiere starben in Massen.

Nur die Tiere der Israeliten

blieben von der Seuche verschont.

Aber der Pharao blieb hart.

Er ließ das Volk Israel nicht ziehen.9,1ff

Schließlich suchte die Pest das Land heim.

Die Menschen litten unsägliche Qualen.

Dennoch blieb der Pharao hart.

Er ließ die Israeliten nicht ziehen.9,8ff

Da ging Mose noch einmal zum Pharao.

Am frühen Morgen stand er

plötzlich vor ihm und sagte:

„So spricht der Herr,

der Gott der Hebräer:

Lass mein Volk ziehen!

Sonst werden noch mehr Plagen

über dich kommen,

damit du erkennst: Ich bin der Herr.

In der ganzen Welt ist keiner wie ich.

Darum habe ich dich bis heute

am Leben erhalten,

damit ich meine Macht an dir zeige

und alle Welt erkennt,

wie mächtig ich bin.9,13ff

Aber du stellst dich immer noch

gegen mein Volk.

Du lässt es nicht ziehen.

Darum höre auf mich:

Morgen wird ein Unwetter

über dein Land kommen,

so schlimm wie noch nie.

Menschen und Vieh

werden vom Hagel erschlagen.“9,17ff

Und so geschah es:

Am nächsten Morgen

brach ein gewaltiges Unwetter los.

Es blitzte und donnerte.

Feuer fiel vom Himmel.

Und schwere Hagelkörner

verheerten das Land.

Wer auf den Feldern war,

wurde vom Hagel erschlagen.

Aber die Israeliten

blieben vom Hagel verschont.9,22ff

Da lenkte der Pharao endlich ein.

Er sagte zu Mose und Aaron:

„Nun weiß ich:

Euer Gott ist im Recht.

Ich habe Unrecht getan.

Wir sind an ihm schuldig geworden.

Bittet doch euren Gott,

dass das Unwetter aufhört.“

„Ich will es tun“, antwortete Mose.

„Dann wirst du erkennen,

dass dem Herrn unserem Gott

die Erde gehört.“9,27ff

Und Mose ging vor die Stadt hinaus,

breitete seine Hände zum Himmel aus

und betete zu Gott.

Da hörte der Hagel auf

und der Donner verstummte.

Doch kaum hellte der Himmel auf,

verhärtete sich wieder Pharaos Herz.

Er ließ die Israeliten nicht ziehen.9,33ff

Und Gott der Herr sprach zu Mose:

„Geh noch einmal zum Pharao.

Denn ich bin es,

der sein Herz hart werden ließ.

Ich habe alle diese Zeichen getan,

damit ihr erkennt:

Ich bin der Herr, euer Gott.

Erzählt es euren Kindern

und den Kindern eurer Kinder,

was ich unter

den Ägyptern getan habe.“10,1f

Da gingen Mose und Aaron

zum Pharao und sagten:

„So spricht der Herr,

der Gott der Hebräer:

Wie lange noch willst du dich weigern?

Lass mein Volk ziehen,

dass sie ein Fest feiern!

Wenn nicht, dann kommt bald

eine Heuschreckenplage über Ägypten,

so furchtbar wie nie zuvor.“

Als aber der Hofstaat das hörte,

erschrak er und redete auf den Pharao ein:

„Bitte! Lass das Volk ziehen!

Sonst geht unser ganzes Land unter.“10,3ff

Endlich gab der Pharao nach.

„Gut“, sagte er, „ich lasse euch ziehen,

aber ohne Frauen und Kinder:

und ohne Schafe und Rinder.“

Doch Mose erwiderte:

„Nein, wir feiern nur mit allen.

Denn es ist das Fest des Herrn.“

„O ja!“, spottete der Pharao.

„Der Herr sei mit euch!

Nun weiß ich es sicher:

Ihr habt ganz anderes im Sinn.“

Und zornig befahl er:

„Hinaus mit euch! Jagt sie hinaus!“10,8ff

Da ließ Gott Heuschrecken kommen,

so viele, dass das ganze Land

von ihnen bedeckt war.

Und was auf den Feldern

vom Hagel noch übrig war,

das fraßen nun die Heuschrecken auf.10,12ff

Als aber der Pharao sah,

wie die Heuschrecken alles verheerten,

ließ er eilig Mose und Aaron rufen.

Reumütig bekannte er:

„Ich habe einen großen Fehler gemacht.

Ich bin an euch und eurem Gott

schuldig geworden.

Doch ich bitte euch:

Vergebt mir noch dieses Mal!

Bittet euren Gott, dass er mich

von dieser tödlichen Plage befreit.“10,16f

Da ging Mose hinaus

und betete zu Gott.

Und als er noch betete,

kam ein starker Wind auf,

der trieb die Heuschrecken ins Meer.

Nicht eine Heuschrecke blieb übrig.

Doch der Pharao blieb hart.

Gott hatte sein Herz verschlossen.

Er ließ die Israeliten nicht ziehen.10,18ff

Zuletzt kam eine Sonnenfinsternis

über das ganze Land.

Drei Tage lang war es Nacht,

mitten am Tag.

Nur bei den Israeliten

blieb es hell in den Häusern.10,21ff

Da war der Pharao endlich bereit,

die Israeliten ziehen zu lassen.

Er verkündete Mose: „Nun geht

mitsamt euren Frauen und Kindern!

Und bringt eurem Gott

in der Wüste ein Opfer!

Nur eure Schafe und Rinder lasst hier!“

Doch Mose erwiderte:

„Nein, wir brauchen auch Tiere,

zum Opfer für unseren Gott.“

Doch der Pharao fiel ihm ins Wort.

„Nein!

Dann dürft ihr nicht gehen!

Und nun, verschwinde endlich

und lass dich nie mehr blicken.

Sonst lass ich dich töten.“

Denn Gott hatte

sein Herz verschlossen.10,21ff

Ein gewaltiges Drama spielt sich in dieser Erzählung im Zeitraffer ab. Eine Naturkatastrophe folgt auf die andere. Durch ihre Verkettung wächst der Eindruck einer unaufhaltsamen Katastrophe, die zunehmend auf den Untergang Ägyptens zutreibt.

Die Plagen – Wasser zu Blut, Heuschrecken, Hagel, Sonnenfinsternis – erinnern an endzeitliche Szenarien, wie sie sich auch im Buch Joel und in der Offenbarung des Johannes finden (Joel 1f / Offb 8,6–13). Es scheint, als seien mit den Plagen Ägyptens bereits die letzten Tage der Schöpfung angebrochen, Tage des Gerichtes Gottes über seine Welt. Machtvoll demonstriert Gott durch sie seine Schöpfermacht vor der Völkerwelt: seine Macht als Herr über die ganze Erde (9,29), aber ebenso auch als Herr über Menschenherzen (10,20).

Mit dieser Machtdemonstration verbindet sich eine deutliche Mahnung an Pharao, der sich selbst wie ein Gott aufspielt. Aber zugleich enthält sie auch einen starken Trost für das versklavte und verzagte Volk der Hebräer, das bislang noch nichts von der Macht seines Gottes weiß (10,1ff).

Beiden Adressaten gilt die Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch alle Plagen hindurchzieht: „Ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin.“

Sie verdichtet sich in der Konfrontation zwischen Mose und dem Pharao, die sich mit jeder Plage zuspitzt und sich zunehmend als Machtkampf zwischen Gott und dem gottgleichen Pharao offenbart. Im Verlauf dieser Auseinandersetzung verschließt sich der Pharao immer mehr gegenüber dem Gott Israels. Sein Widerspruch gipfelt in der Aussage, dass Gott „Pharaos Herz hart werden ließ“. Das heißt: der Pharao hat sich so tief in seinen Widerspruch verstrickt, dass er sich selbst daraus nicht mehr befreien kann.

Aber dennoch bleibt der Pharao am Leben. Er wird sogar, wenn auch wider Willen, zum Zeugen von Gottes Macht (vgl. dazu 9,16ff: „Dazu habe ich dich erhalten, dass meine Kraft an dir erscheine und mein Name verkündigt werde in allen Landen“). Durch sein zweifaches Schuldbekenntnis gibt er am Ende dem Gott Israels Recht (9,27; 10,16: „Ich habe mich versündigt. Der Herr ist im Recht. Ich aber und mein Volk sind schuldig geworden.“).

Viele würden die Erzählung von den Plagen Ägyptens am liebsten aus ihrer Bibel entfernen, weil sie ein vermeintlich anstößiges Gottesbild vermittelt. Aber für das Volk Israel war und ist diese Geschichte immer von hoher Bedeutung gewesen. Mit ihr verbindet sich der Dank an Gott, der sie mit „mächtiger Hand und starkem Arm“ befreit hat. Jedes Jahr wird daran am Passafest erinnert.

Damit ist aber noch kein letztes Urteil über Ägypten gesprochen. Gottes letztes Wort über Ägypten lautet nicht Gericht, sondern Heil. Auch für Ägypten gilt, wie auch für die ganze Völkerwelt, Gottes Segensverheißung: „Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk!“ (Jes 19,19–25).

Passa

Exodus 11–13

Und Gott sprach zu Mose:

„Noch eine allerletzte Plage

wird über Ägypten kommen.

Danach muss der Pharao

euch ziehen lassen.

Ja, er wird euch sogar

aus dem Land treiben.11,1

Um Mitternacht werden

alle erstgeborenen Söhne

in Ägypten sterben,

der erste Sohn des Pharao

wie auch der Erstgeborene der Magd.

Und das ganze Land wird erfüllt sein

von Schreien und Klagen.11,4ff

Aber dem Volk Israel sollst du sagen:

Macht euch bereit!

Denn ein furchtbares Unglück

wird über Ägypten kommen.

In allen Häusern Ägyptens

wird der erstgeborene Sohn sterben.12,12

Darum schlachtet ein Lamm,

streicht sein Blut an eure Türpfosten!12,7

Dann geht das Unglück

an euren Häusern vorüber.

Das Blut ist das Zeichen,

dass Gott eure Häuser verschont.12,13f

Ihr aber feiert das Passa

in euren Häusern.

Es ist das Fest der Befreiung.

Nie sollt ihr vergessen,

was Gott in dieser Nacht

für euch getan hat.

Jedes Jahr sollt ihr dieses Fest feiern.12,14

Und wenn euch später

eure Kinder fragen:

‚Was feiert ihr da?‘,

dann sollt ihr sagen:

‚Sklaven waren wir in Ägypten.

Aber Gott hat uns mit mächtiger Hand

aus Ägypten geführt.‘“13,14

Andächtig lauschten die Israeliten,

was Gott ihnen durch Mose gebot.12,27

Und sogleich machten sie sich daran,

in aller Eile das Fest vorzubereiten.12,28

Die Männer schlachteten ein Lamm,

strichen sein Blut an die Türpfosten

und brieten das Fleisch über dem Feuer.12,8ff

Die Frauen aber machten Brot

aus ungesäuertem Teig.12,15ff

Und als die Nacht hereinbrach,

kamen sie in ihren Häusern zusammen,

in Mänteln und Reiseschuhen,

schon zum Aufbruch bereit.12,11

So feierten sie in dieser Nacht

das Fest der Befreiung.

Sie aßen miteinander Lammfleisch

und ungesäuertes Brot

und tranken dazu Wein.

Und über dem Brot und dem Wein

lobten und dankten sie dem Herrn,

ihrem Gott, der versprochen hatte,

sie aus der Sklaverei zu befreien.

Um Mitternacht aber gab es

in allen Städten und Dörfern

ein großes Klagegeschrei.

Die Ägypter stürzten

aus ihren Häusern,

weinten und schrien.

Auch im Palast des Pharao

herrschte blankes Entsetzen.12,29f

Als aber Pharao hörte,

dass sein Sohn tot war,

ließ er sofort Mose und Aaron rufen,

mitten in der Nacht.

„Geht!“, schrie er.

„Verlasst dieses Land

noch in dieser Nacht!

Nehmt alles mit, was ihr wollt!

Aber geht endlich! Geht!“12,30ff

Da brachen die Israeliten auf,

sechshunderttausend Mann

mit Frauen und Kindern,12,37

dazu viele Schafe und Rinder.

In geordnetem Zug

zogen sie aus Ägypten.

Keiner kannte den Weg.

Doch eine Wolkensäule

ging ihnen voran.

Und eine Feuersäule

zeigte ihnen bei Nacht den Weg an.

Gott selbst ging ihnen voran

auf dem Weg in die Wüste.13,21

– – –

Halleluja!

Ich danke dem Herrn

von ganzem Herzen

in der Gemeinde.

Der gnädige und barmherzige Herr

hat ein Gedächtnis gestiftet

von seinen Wundern.

Er sendet eine Erlösung seinem Volk,

dass sein Bund ewig bestehen soll.

Heilig und hoch erhaben ist sein Name.

Halleluja!

nach Psalm 111 / aus der Passafest-Liturgie

Das Passafest (bzw. Pessachfest) ist bis heute das wichtigste Fest im jüdischen Jahreskreis.

Es wird jedes Frühjahr (im Monat Nissan) in Verbindung mit dem „Fest der ungesäuerten Brote“ sieben Tage lang gefeiert. Dieses Fest geht auf uralte nomadische Bräuche zurück und wurde ursprünglich als Erntefest begangen. Aber erst durch seine Verwurzelung in der Geschichte des Exodus gewinnt es seine zentrale Bedeutung in der Erinnerung an den Exodus, das Urdatum der Geschichte Israels. Es erinnert an die Nacht des Auszugs, als das Volk Israels aus Todesgefahr gerettet und in die Freiheit geführt wurde. In jener Nacht – so erzählt das Exodusbuch – feiert das Volk Israel das erste Pessachfest. Mitten in der Eile des Aufbruchs, umgeben von tödlichen Gefahren und noch voller Ungewissheit, was kommen wird, feiert es das Mahl, als sei die Rettung schon geschehen. Auf Gottes Anordnung hin soll es das Fest auch in Zukunft jedes Jahr begehen,

(1) als Fest der Verschonung. Es erinnert daran, dass Gott sein Volk in Ägypten „vor dem Tod schont“, d.h. vor dem Tod bewahrt hat. Das Blut des Lammes an den Türpfosten ist das Erinnerungszeichen. Es soll für immer daran erinnern, was Gott für sein Volk getan hat. (Vgl. dazu die Worte Jesu beim letzten Mahl, in dem er das Blut des Lammes auf seinen Tod bezieht: „Das ist mein Blut, das für viele vergossen wird.“ Mk 14,24 par) Vor allem aber soll es

(2) als Fest der Befreiung gefeiert werden, damit nie vergessen werde, was Gott für sein Volk getan hat, und damit es von Generation zu Generation weitererzählt werde, als Erinnerung und Zeugnis der Hoffnung zugleich, damit auch die Nachkommen ihre Hoffnung auf Gott setzen, der sie aus Ägypten befreit hat (Ps 78,7).

Durch das Schilfmeer

Exodus 14–15

Und Gott sprach zu Mose:

„Zieht in die Wüste

und lagert euch am Schilfmeer.

Dort wird Großes geschehen.

Die Ägypter sollen

mit eigenen Augen sehen,

was Gott an euch tut.“14,1ff

Als aber der Pharao hörte:

Die Israeliten sind

in die Wüste geflohen,

rief er empört: „Wie?

Dieses Volk kehrt nicht mehr zurück?

Sie wollen keine Sklaven mehr sein?

Warum haben wir sie gehen lassen?

Auf, spannt die Wagen an!

Wir holen sie mit Gewalt zurück.“

Und sogleich bestieg er

seinen königlichen Wagen

und jagte den Israeliten nach,

gefolgt von seinen besten Reitern

und 600 Streitwagen.14,5ff

Inzwischen hatten die Israeliten

ihr Lager am Schilfmeer aufgeschlagen.

Doch plötzlich sahen sie:

Pferde und Wagen jagten heran,

Pharao allen voran.

Sie kamen näher und näher.

Die Israeliten schrien vor Angst.

Vor ihnen lag das Meer

und hinter ihnen brauste

Pharaos Streitmacht heran.

Wohin sollten sie fliehen?

Sie liefen zu Mose, schrien

und klagten ihn an:

„Warum hast du uns das angetan?

Gab es in Ägypten nicht Gräber genug?

Warum hast du uns hierher geführt,

dass wir hier sterben?

Haben wir dir nicht damals gesagt:

‚Lass uns in Ruhe!

Lieber bleiben wir Sklaven,

als hier in der Wüste zu sterben.‘“14,10ff

Doch Mose antwortete ihnen:

„Fürchtet euch nicht!

Bleibt standhaft und seht,

was Gott an euch tut.

Nicht ihr braucht zu kämpfen.

Gott tut es für euch.

Haltet nur stil

und zieht ruhig weiter!“14,13f

Die Israeliten blickten sich um.

Doch weit und breit

war kein Weg zu sehen.

Da hielt Mose seinen Stab

über das Wasser,

wie Gott ihm geboten hatte.

Und das Wunder geschah:

Ein starker Ostwind teilte das Wasser.14,21

Vor ihnen tat sich ein Weg auf,

mitten im Meer.

Auf trockenem Weg

zogen sie durch das Meer.

Wie eine Schutzmauer,

so umgab sie das Wasser

zu beiden Seiten.

Die Wolke aber trat hinter sie

und verhüllte sie vor ihren Verfolgern.

So zogen sie durch die Nacht,

Männer, Frauen und Kinder,

mit all ihrem Hab und Gut

und all ihrem Vieh.14,17ff

Und als endlich der Morgen anbrach,

hatten alle heil das andere Ufer erreicht.

Nur die Ägypter waren noch

mitten im Meer.

Doch ihre schweren Streitwagen

blieben im Schlamm stecken.

Wilde Panik brach aus.

Die Ägypter schrien vor Angst:

„Zurück! Zurück!

Lasst uns fliehen vor ihnen!

Denn ihr Gott kämpft für sie.“14,24f

Und Mose hob noch einmal

seine Hand über das Meer.

Da kehrte das Wasser zurück.

Alle Ägypter ertranken im Meer.

mitsamt ihren Wagen und Pferden.14,26ff

So rettete Gott an diesem Tag

sein Volk vor den Ägyptern.

Die Israeliten sahen staunend das Wunder,

das Gott vor ihren Augen getan hatte.

Da hörten sie auf einmal hellen Gesang.

Mirjam, Moses Schwester, stimmte

zur Handpauke ein neues Lied an.

Jubelnd fielen die anderen Frauen

in ihr Lied ein.

Sie sangen und tanzten im Reigen

und steckten mit ihrem Gesang

das ganze Volk an:

„Singt dem Herrn!

Denn hoch und erhaben ist er.

Ross und Reiter warf er ins Meer.“15,20f

– – –

Dies ist das Lied Moses,

das Gottes Rettungstat

mit eigenen Worten besang:

„Ich will dem Herrn singen,

denn er hat eine große Tat getan.

Meine Hilfe und Heil ist der Herr.

Ihm singe ich meinen Lobgesang.

Pharaos Wagen warf er ins Meer.

Seine besten Kämpfer

versanken im Schilfmeer.

Herr, du tust mächtige Wunder!“15,1–19

Das Schilfmeerwunder ist das zentrale Heilsereignis, das Israel in unzähligen Lobliedern besingt und feiert, nicht nur am Pessachfest. Es ist die Geburtsstunde des Volkes Israel. Gott hat sein Volk, wie einst das Kind Mose, „aus dem Wasser gezogen“ und aus dem Tod ins Leben gerufen. „Wir haben einen Gott, der da hilft, und den Herrn, der vom Tod errettet“ (Ps 68,21). Das ist die Grunderfahrung, die Israel mit diesem Datum verbindet. Im Kontext des Exodusbuchs wird die Bedeutung dieses Ereignisses noch zusätzlich durch seine exponierte Stellung in der Mitte des Buches hervorgehoben. Gleich dreifach wird es in Kap 14 und 15 bezeugt:

(1) Das älteste Zeugnis ist das Lied der Mirjam (15,20f). Es erinnert an die Siegeslieder, die in Israel traditionell von den Frauen angestimmt wurden (vgl. 1. Sam 18,6f).

(2) Das Lied Moses (15,1ff) lässt auf einen Wechselgesang schließen. Die Frauen stimmen ein neues Lied an, die Männer antworten darauf mit einem eigenen Lied. Dieses Lied wurde in späterer Zeit mehrfach erweitert und aktualisiert.

(3) Die einleitende Erzählung vom Schilfmeerwunder (14,1ff) beschreibt Gottes Rettungstat als Schluss- und Höhepunkt der Exodusperikope. Mit ihr wird definitiv der Schnitt zwischen Israels Vergangenheit als Sklavenvolk und seiner künftigen Identität als Volk Gottes markiert. In dieser Erzählung liegt die Betonung nicht primär auf den Wunderzeichen an sich, sondern auf der Erfahrung, die Israel mit seinem Gott auf dem Weg durch das Meer gemacht hat: Er schafft einen Weg, wo kein Weg ist (vgl. Jes 43,16). Er macht das bedrohliche Wasser zur schützenden Mauer und bewahrt es durch die Wolke, ein Zeichen seiner Gegenwart, vor der Aggression seiner Feinde. Dabei wird deutlich: Das Volk kann selbst nichts zu seiner Rettung beitragen. Es kann nur „stillhalten“, im Vertrauen auf Gottes Zusage den Weg wagen und am Ende als Augenzeuge des Geschehens seine Macht und Größe preisen. Es ist dies die Erfahrung, die Israel im Verlauf seiner Geschichte immer wieder machen wird: „Es soll nicht durch Heeresmacht oder (menschliche) Kraft(akte) geschehen, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr“ (Sach 4,6).

Das 2. Buch Mose / Exodus 15–40

Der Bund am Sinai

Neben der Befreiung aus Ägypten bildet der Bundesschluss am Sinai das zentrale Thema des Exodusbuches. Er markiert das zweite große heilsgeschichtliche Datum in der Geschichte Israels und die Mitte seiner Glaubensüberlieferung. Dies zeigt sich schon an dem ungewöhnlich breiten Raum, den das Thema innerhalb der 5 Bücher Mose einnimmt. Es umfasst nicht nur die 2. Hälfte des Exodusbuches, sondern auch das ganze Buch Levitikus (3. Mose), einschließlich Numeri (4. Mose) 1–10,10. Außerdem findet es in zahlreichen Glaubenszeugnissen Israels seinen Widerhall.

Und das ist seine besondere Botschaft: Gott offenbart sich am Sinai in der Wüste dem Volk, das er aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Er schließt mit ihm seinen Bund und erklärt es damit rechtsgültig zu seinem Volk. Seinem Bund legt er die Zehn Gebote zugrunde. Sie sind als Grundgesetz und als Zeichen seiner unverbrüchlichen Bundeszusage zu verstehen. Auf dieser Grundlage erhält das Volk Gottes den einzigartigen Auftrag, seinen Gott vor den anderen Völkern zu bezeugen – ein Auftrag, der auch alle Nachkommen umschließt. Dieser Auftrag hat seine Mitte im Ersten Gebot und in der vorlaufenden Zusage Gottes: „Ich bin der Herr, dein Gott.“ Alle weiteren Gesetze und Rechtsordnungen, die in den Büchern Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium festgehalten sind, leiten sich davon ab. Auch sie gelten alle als Teil der „Tora“, die Gott seinem Volk offenbart hat.

Zum Aufbau:

Auch die Texte aus Exodus, Levitikus und Numeri sind das Ergebnis eines langen und komplexen Überlieferungsprozesses. Sie enthalten zum Teil erzählende Abschnitte, teils Rechtssammlungen und kultische Anordnungen aus verschiedenen Zeiten, die aber hier ausdrücklich auf ihren Ursprung im Sinaibund zurückgeführt werden. Daraus ist eine lange zusammenhängende Geschichte erwachsen, die von einem über einjährigen Aufenthalt des Volkes Gottes am Berg Sinai erzählt, bevor das Volk seine Wanderung durch die Wüste fortsetzt. Der erste Teil dieser umfassenden Geschichte lässt sich in folgende Teilabschnitte gliedern:

(1) Auf dem Weg zum Sinai (15,22–18,27)

Diese Wegstrecke ist als Hinführung zum Sinaibund zu verstehen: Nach dem Schilfmeerwunder erlebt das gerettete Volk auf seinem Weg durch die Wüste zunächst die Kehrseite der neu gewonnenen Freiheit. Durst, Hunger und ein feindlicher Überfall lassen das Volk sehnsüchtig nach Ägypten zurückblicken. Aber Gottes Weg führt das Volk von Station zu Station immer näher dem großen Ereignis entgegen, an dem sich Gott selbst als „ihr Gott“ offenbaren wird. Durch eine Kette von Wundern macht sich Gott schon auf dem Weg zum Sinai seinem Volk bekannt: „Ihr sollt erfahren, dass ich, der Herr, euer Gott bin.“ (16,12). Zudem kündigt sich in diesen Erzählungen bereits die neue Rechtsordnung an, die mit dem Bundesschluss in Kraft treten wird (vgl. dazu 15,25b; 16,26.34; 18,19f).

(2) Der Bundesschluss am Sinai (19–24)

Er steht im Zentrum des Geschehens und wird in Ex 19f und 24 in drei Schritten entfaltet:

– Gott kündet sein Kommen an. Das Volk bereitet sich feierlich auf sein Kommen vor (Ex 19).

– Gott offenbart sich dem Volk. Er gibt ihm die Zehn Gebote und macht sich dem Volk bekannt: „Ich bin der Herr, dein Gott“. Mit den Zehn Geboten steckt er den Raum ab, in dem sein Volk in Freiheit leben kann (Ex 20).

– Das Volk tritt feierlich in den Bund ein und Mose besiegelt ihn durch das Bundesopfer (Ex 24).

Dazwischen ist das sog. „Bundesbuch“ eingefügt (20,22–23,33), das die Zehn Gebote im Blick auf das tägliche Zusammenleben konkretisiert. Ferner sind noch kultische Anordnungen (25ff) angefügt, die aber im 3. Buch Mose noch vertieft werden.

(3) Bundesbruch und Bundeserneuerung (32–34)

Mit der Geschichte vom „Goldenen Kalb“ wird der unterbrochene Erzählfaden von Kap. 24 wieder aufgenommen. Sie beschreibt den dramatischen „Sündenfall“ des Volkes,

der unmittelbar auf den Bundesschluss folgt. Mit ihm ist die gestiftete Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk schon im Anfang zerbrochen. Die Frage bricht auf: Wie kann der heilige Gott künftig unter einem unheiligen Volk leben? Aber am Ende, nach langem Ringen Moses mit Gott (33), steht die befreiende Botschaft: Gott hält an seinem Bund fest – trotz der Menschen, die ihn gebrochen haben. Er erneuert nicht nur seine Zusage, sondern überbietet sie sogar noch (34) und setzt mit dem Zelt der Begegnung den Raum fest, in dem er künftig unter seinem Volk wohnen wird (35ff).

Mara

Exodus 15,22ff

Endlich waren die Israeliten

von ihren Verfolgern befreit.

Voller Erwartung setzten sie

ihren Weg zum Berg Sinai fort,

Männer, Frauen und Kinder.

Dort, am Berg Gottes, wollten sie

ein großes Fest für ihren Gott feiern,3,12/

wie Mose ihnen angekündigt hatte.5,1

Aber der Weg dorthin war noch weit.

Er führte durch die Wüste Schur,

ein steiniges und unwirtliches Gelände.

Drei Tage lang quälte sich das Volk

durch die endlose Steinwüste.

Alle litten furchtbaren Durst.

Doch weit und breit

war keine Wasserstelle zu finden.15,22

Schließlich kamen sie nach Mara,

zu einer Oase inmitten der Wüste.

Dort fanden sie endlich Wasser.

Doch als sie es trinken wollten,

spuckten sie es sofort wieder aus.

So bitter schmeckte das Wasser.15,23

Da klagten alle:

„Was sollen wir nun trinken?“

Sie liefen zu Mose

und beschwerten sich bitter bei ihm.15,24

Doch Mose wusste selbst keinen Rat.

Er betete und schrie verzweifelt zu Gott.

Da geschah das Wunder:

Gott hörte auf sein Gebet.

Als Mose sich umschaute,

fiel sein Blick auf ein Stück Holz.

Mose hob es auf und warf es ins Wasser.

Und sieh da:

Nun war das Wasser genießbar!15,25

Da tranken sich alle satt,

Männer, Frauen und Kinder

und auch all ihre Tiere.

Mara – „bitteres Wasser“,

so hieß diese Oase.

Aber Gott hatte durch das Wasser

sein Volk vor dem Verdursten bewahrt.15,23b

An diesem Ort verkündete Mose

Gottes Rechte und Ordnungen.

„Höre“, rief Mose, „was Gott dir gebietet:

Wenn du auf seine Stimme hörst

und tust, was er sagt,

so bleibst du von den Seuchen verschont,

die Ägypten heimgesucht haben.

Denn ich bin der Herr, dein Arzt,

spricht euer Gott.“15,25ff

Da horchten die Menschen auf.

Gestärkt setzten sie ihren Weg fort,

bis sie zur Oase Elim kamen.

Zwölf Wasserquellen

sprudelten dort aus der Erde hervor

und siebzig Palmbäume

säumten das Wasser.

In ihrem Schatten

ruhte sich das Volk aus

und schöpfte neue Kräfte

für den beschwerlichen Marsch.15,27

Drei Tagereisen, so weit sollte ursprünglich der Weg zum Sinai sein (Ex 5,3). Aber welche Enttäuschung: Nach drei Tagen durch die Wüste Schur, eine schwer zugängliche Schotterwüste, ist das Volk noch weit von seinem Ziel entfernt. Dazu kommt die „bittere“ (hebr. mara) Enttäuschung bei Mara, die das Volk gleich zu Anfang an Grenzen bringt. Welch ein Widerspruch: Eine Oase, ohne lebensspendendes Wasser, die sich offenbar nur aus Salzquellen nährt! Kein Wunder, dass das Volk aufbegehrt („murrt“) und sich bei Mose beschwert! Umso erstaunlicher ist die Erfahrung, dass Gott das bittere Wasser zum Heil für sein Volk werden lässt. Es ist das Gegenteil dessen, was die Ägypter erfahren mussten, als das Wasser des Nil verseucht und ungenießbar wurde (7,20ff). Aber nicht der Vorgang als solcher steht im Mittelpunkt der Erzählung, sondern Gott selbst, der das Gebet Moses erhört und sich hier unter widrigen Umständen seinem Volk als Arzt und Heiland bekannt macht. Sein Wort bzw. seine Weisung erweist sich als die wahre Quelle des Lebens.

Das Gegenstück zu Mara bildet die Beschreibung der Oase Elim. Sie macht gleichnishaft deutlich, was der Mensch erfährt, der sich aus Gottes Wort nährt und auf seine Wegweisung verlässt. Diese Erfahrung ist für Israel von bleibender Bedeutung geblieben. Sie lebt u.a. in dem Bild aus Ps 1 fort: „Wohl dem Menschen, der … Lust hat an der Weisung des Herrn. Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, und seine Blätter verwelken nicht …“ (Ps 1,1.3).

So weist bereits diese erste Station auf dem Weg zum Sinai auf das Ziel des Weges voraus: Gottes Offenbarung der Tora durch Mose. Sein Wort als lebensspendende Kraft!

Manna

Exodus 16

Schon sechs Wochen

war das Volk Israel unterwegs.

Da kam es in die Wüste Sin.

Inzwischen waren alle Vorräte verzehrt.

Und die Leute wurden

von Tag zu Tag schwächer.

Sie kamen vor Hunger kaum noch voran.16,1

Da begannen alle zu meutern.

Sie liefen zu Mose und Aaron

und schrien empört:

„Mose, Aaron!

Ihr habt uns in diese Wüste geführt!

Ihr beide seid schuld daran,

wenn wir jetzt sterben!

Ach, wären wir doch

in Ägypten gestorben,

als wir noch an Fleischtöpfen saßen

und Unmengen von Brot aßen!

Doch hier verhungern wir alle.“16,2f

Aber Mose antwortete:

„Wer sind wir, dass ihr uns anklagt?

Nicht uns, sondern Gott klagt ihr an.16,7f

Doch Gott hat eure Klagen gehört.

Er wird euch geben, was ihr braucht:

Fleisch am Abend und am Morgen Brot.

Denn so spricht der Herr:

Ich will Brot vom Himmel

regnen lassen.

So werdet ihr erfahren,

dass ich der Herr euer Gott bin.“16,4.12

Und wie Gott gesagt hatte,

so geschah es:

Als es Abend wurde,

flog ein Schwarm von Wachteln herbei

und bedeckte das Lager.

Am Morgen aber lagen

lauter kleine und runde Körner

rings um das Lager her,

wie Reif auf der Erde.16,31

„Manhu?“ – „Was ist das?“,

so fragten alle erstaunt.

Mose antwortete: „Es ist das Brot,

das Gott der Herr euch geschenkt hat.

Sammelt es in euren Krug,

so viel ihr für einen Tag braucht!“16,13ff

Da sammelten sie die Körner auf,

die einen viel, die anderen wenig.

Doch als sie am Ende verglichen,

hatten alle gleich viel im Krug.

Manna nannten sie das seltene Brot.

Es war weiß wie Koriandersamen

und schmeckte süß wie Honigkuchen.

Sobald aber die Sonne darauf schien,

zerschmolz es.

Doch einige bewahrten einen Teil

bis zum nächsten Tag auf.

Da stank das Manna

und war voller Würmer.16,17ff

So sammelten die Israeliten

jeden Tag nur so viel,

wie sie brauchten.

Aber am sechsten Tag

sammelten sie doppelt so viel,

auch für den kommenden Tag.

Denn Mose hatte ihnen geboten:

„So spricht der Herr:

Sechs Tage sollt ihr sammeln.

Aber am siebten Tag ist Sabbat.

Da soll alle Arbeit ruhen.

Denn dieser Tag gehört eurem Gott.“

Doch einige hörten nicht auf Mose.

Sie gingen auch am Sabbat hinaus,

um Manna zu sammeln.

Aber an diesem Tag fanden sie nichts,

kein einziges Korn.16,22ff

So sorgte Gott für sein Volk,

solange es in der Wüste lebte,

vierzig Jahre lang,

Tag für Tag.16,35

Jeden Morgen sammelte es

das Manna in seine Krüge.

Nur am siebten Tag der Woche

ruhte es aus.

Denn so hatte Gott es geboten.

Aber ein Krug mit Manna

wurde in der Lade Gottes

für die Nachkommen verwahrt.

Nie sollte vergessen werden,

wie Gott sein Volk in der Wüste

versorgt hatte.16,33

– – –

Danket dem Herrn!

Denn er ist freundlich,

und seine Güte währet ewig.

Das Volk,

das hungrig und durstig

in der Wüste umherirrte,

sodass seine Seele verschmachtete,

das soll dem Herrn danken

für seine Güte,

die er an den Menschen tut.

Denn als sie zum Herrn riefen

in ihrer Not,

befreite er sie aus ihren Ängsten

und führte sie den richtigen Weg.

aus Psalm 107

Auf die erste Notsituation folgt gleich die zweite noch viel umfassendere Not: Ein ganzes Volk ist vom Hungertod bedroht. So ist es verständlich, dass sich ihr „Murren“, d.h. ihre Empörung und Verzweiflung, wieder gegen Mose und Aaron richtet. Dabei verkennen die Menschen allerdings ihre wahre Situation: Nicht Mose, sondern Gott ist der Handelnde in dieser Geschichte. Er offenbart sich hier als der Herr auch über die Natur. Sowohl die Wachteln als auch das Manna sind zwar natürlich zu erklären, aber dass Gott beides „zur rechten Zeit“(Ps 104,27) seinem Volk schickt und dass er mit dem Wenigen Tausende von Menschen satt macht, vierzig Jahre lang, das ist das große Wunder, von dem diese Geschichte erzählt.

Wo immer dieses Wunder geschieht, sei es auf Israels Wanderung durch die Wüste oder bei der „Speisung der Fünftausend“ (Mk 6,31ff par), befinden sich Menschen auf „heiligem Boden“: Über die materiellen Gaben sollen die Menschen „erfahren, dass der Herr allein Gott ist“ (16,12), und ihm die Ehre geben, indem sie auf sein Wort hören. Hier rückt erstmals das Sabbatgebot ins Blickfeld, obwohl es erst in Ex 20,8ff ausdrücklich genannt wird.

Somit weist auch diese Erzählung auf die Gottesoffenbarung am Sinai und die Ausrufung der Zehn Gebote voraus. Auch die Anordnung Moses, das Manna in einem Krug in der Lade Gottes zu verwahren (16,33f), setzt schon die Existenz der Bundeslade voraus, was aber erst in Kap. 25,10ff thematisiert wird.

Feinde

Exodus 17

Danach brach das Volk Israel auf

und zog weiter nach Süden

auf den Berg Sinai zu,

wie Gott ihnen befohlen hatte.

Immer steiler erhoben sich

die Berge vor ihnen.

Immer beschwerlicher

und gefährlicher wurde ihr Weg.

Er führte an Felsen und Höhlen vorbei.

Dort, so erzählten sie sich,

hauste ein raues Wüstenvolk,

das zum Volk der Amalekiter zählte.

Schließlich erreichten sie Refidim,

einen Lagerplatz tief in den Bergen.

Dort schlugen sie ihre Zelte auf.

Aber wohin sie auch blickten,

nirgendwo fanden sie Wasser.17,1

Da packte die Israeliten die Wut.

Sie umringten Mose und schrien ihn an:

„Gib uns Wasser!

Unsere Gefäße sind leer!

Wir haben nichts mehr zu trinken.“17,2

Doch Mose erwiderte:

„Warum greift ihr mich an?

Merkt ihr denn nicht?

Ihr kämpft gegen Gott!

Warum fordert ihr ihn heraus?“

Aber die Leute schrien noch mehr:

„Wie? Ist nun Gott in unserer Mitte

oder ist er es nicht?17,7

Mose, du bist schuld daran,

dass wir hier alle verdursten!

Warum hast du uns

aus Ägypten geführt?“17,3

Da wusste sich Mose keinen Rat mehr.

Er schrie zu Gott: „Ach Herr,

sieh diese tobende Menge!

Was soll ich mit diesem Volk machen?

Am Ende steinigen sie mich noch.“17,4

Doch Gott sprach zu Mose:

„Nimm deinen Stab

und schlag mit ihm auf den Felsen,

bis Wasser hervorquillt.

Dann lass das Volk trinken!“17,5f

Da schlug Mose mit seinem Stab

auf den Felsen – und sieh da:

Wasser quoll aus dem Felsen hervor!

Sofort eilten alle herbei

und löschten ihren Durst an der Quelle.

Mose aber stand schweigend dabei,

und sah stumm zu, wie sie tranken.

Darauf gab er dem Ort den Namen

Massa, das heißt „Probe“,

und Meriba, das heißt „Streit“.

Nie sollte das Volk vergessen,

wie es in der Wüste seinen Gott

auf die Probe gestellt hatte.17,7

Doch kaum war Frieden

im Lager eingekehrt,

da krochen die Amalekiter

wieder aus ihren Höhlen hervor

und stürmten das Lager.

Da sammelte Josua,

Moses furchtloser Diener,

eine Schar tapferer Männer um sich.

Und als am nächsten Morgen

die Amalekiter wieder anrückten,

zog Josua mit seinen Männern

den Feinden entgegen.17,8ff

Mose aber nahm seinen Stab

und stieg auf einen Hügel,

begleitet von seinem Bruder Aaron

und Hur, seinem Freund.

Dort auf dem Berg hob Mose

seinen Stab zum Himmel

und betete zu Gott für sein Volk.

Da wichen die Amalekiter zurück.

Aber es dauerte nicht lange,

da wurden Mose die Arme schwer.

Doch kaum ließ er die Hände sinken,

rückten die Amalekiter wieder vor.

Da setzten ihn Aaron und Hur

auf einen Stein und stützten seine Arme

zu beiden Seiten.

Den ganzen Tag harrten sie

bei Mose aus, bis die Sonne

hinter den Bergen verschwand.

Da waren auch die Amalekiter

endlich verschwunden.17,10ff

Dankbar kehrte Mose

mit den beiden zum Lager zurück.

Dort baute er für Gott einen Altar

und gab ihm den Namen:

„der Herr – mein Feldzeichen“.

So dankte Mose seinem Gott,

der sie in großer Gefahr bewahrt hatte.17,15f

Herr, du bist unser Gott

und wir sind das Volk,

das du weidest als Hirte.

Wir sind Schafe, die deine Hand führt.

Heute sprichst du zu uns:

Verhärtet euer Herz nicht,

wie es in der Wüste geschah

in Massa und Meriba.

Denn dort haben mich eure Väter

herausgefordert

und auf die Probe gestellt,

obwohl sie doch sahen,

was ich an ihnen getan habe.

aus Psalm 95

Je mehr auf Israels Wanderung der Berg Gottes ins Blickfeld rückt, desto größer scheint die Bedrohung von innen und außen. Davon erzählt diese Doppelgeschichte:

(1) Eine Revolte bricht im Volk Israel aus. Sie richtet sich gegen Mose, aber in Wahrheit gegen Gott selbst. Im „Murren“ des Volkes kündet sich schon das große Thema des 4. Buch Moses an (Num 11–21).

(2) Ein räuberisches Wüstenvolk stellt sich dem Volk Israel in den Weg. Vermutlich handelt es sich um einen „wilden Ableger“ jenes Volkes, das für Israel über Jahrhunderte hinweg eine ständige Bedrohung darstellte und als der Inbegriff des „Bösen“ galt (Dtn 26,17ff). Dabei sollte allerdings nicht vergessen werden, dass auch die Amalekiter, als Nachfahren Esaus (Gen 36,12.16), zu Abrahams Sippe zählten.

Irritierend wirken in dieser Erzählung Moses erhobene Hände und ihre Auswirkung auf den Verlauf des Kampfes. Aber nicht Moses Hände bewirken die Wende im Kampf. Sie sind nur sichtbarer Ausdruck dessen, dass Gott auf die Fürbitte seines Dieners hört. Allein seinem Erbarmen verdankt das Volk seine Rettung. Dies soll vermutlich auch der Name des Altars ausdrücken. (In einer jüdischen Auslegung heißt es dazu: „Konnten die Hände Moses Sieg oder Niederlage bewirken? – Nein, sondern wenn die Israeliten ihre Gedanken in die Höhe richteten und ihre Herzen an ihren Vater im Himmel banden, gewannen sie die Oberhand; im anderen Fall erlitten sie eine Niederlage.“)

In dieser Szene begegnet uns Mose erstmals in seinem prophetischen Amt in der Fürbitte für sein Volk. Es wird im Verlauf der Geschichte Gottes mit seinem Volk zunehmend an Bedeutung gewinnen (vgl. dazu Ex 32,11ff.31f).

Der Name des Altars gibt einige Rätsel auf. Vermutlich soll damit die Gefolgschaftstreue Israels angesprochen werden. Insofern gehört auch dieser Name in das Umfeld der Volkswerdung Israels am Sinai (vgl. dazu auch Ps 95!).

Jitro

Exodus 18

In jenen Tagen erhielt Mose Besuch

von seinem Schwiegervater Jitro,

begleitet von Zippora, Moses Frau,

und seinen Söhnen

Gerschom und Eliëser.18,1ff

Voller Freude begrüßte sie Mose

und führte sie in sein Zelt.

Dort erzählte er Jitro,

was Gott an ihnen getan hatte,

wie er sie aus Ägypten befreit

und auf dem Weg bewahrt hatte.

Jitro hörte aufmerksam zu.

Und als Mose geendet hatte,

rief er erfreut:

„Gepriesen sei der Herr,

der euch aus der Hand der Ägypter

und aus der Hand Pharaos gerettet hat!

Jetzt habe ich erkannt:

Euer Gott ist größer als alle Götter!“18,7ff

Darauf brachte er

dem Gott Israels Opfer dar.

Und alle Sippenältesten,

auch Aaron, kamen hinzu

und hielten mit Jitro das Mahl.18,12

Am nächsten Morgen aber

stand Mose früh auf,

um Streitfälle im Volk zu schlichten.

Vor seinem Zelt hatte sich

eine große Menge versammelt.

Viele Stunden warteten die Menschen

in der glühenden Hitze,

bis sie an der Reihe waren.

Mose hörte alle geduldig an

und klärte einen Fall nach dem andern.18,13

Darüber wurde es Abend.

Aber immer noch drängten sich

die Menschen um Mose.

Da nahm ihn Jitro beiseite und fragte:

„Was tust du dir und deinem Volk an?

Warum sitzt du allein hier

und alle stehen vor dir

vom Morgen an bis zum Abend?“

Mose antwortete:

„Die Leute kommen,

um Gott zu befragen.

Sie wollen, dass ich ihren Streit schlichte

und sie Gottes Rechte

und Ordnungen lehre.“18,14ff

Doch Jitro erwiderte:

„Was du tust, ist nicht gut.

Du machst dich zu müde dabei.

Auch die anderen können nicht mehr.

Die Aufgabe ist dir zu schwer.

Du kannst sie alleine nicht schaffen.

Darum höre auf mich!

Nimm meinen Rat an:

Bring du die Menschen

und ihre Sorgen vor Gott!

Und lehre sie seine Gebote,

damit sie auf rechtem Weg gehen.

Du aber sieh dich im Volk um

nach ehrlichen Männern.

Leute, die unbestechlich sind

und auf Gott hören.

Setze sie als Richter über das Volk:

über zehn, fünfzig, hundert

oder auch tausend Menschen.

Nur die allerwichtigsten Fälle

sollen sie vor dich bringen.

So tragt ihr gemeinsam die Last.

Wenn du das tust,

dann kannst du den Auftrag erfüllen,

den Gott dir zugeteilt hat.

Und alle diese Leute

können in Frieden heimkehren.“18,17ff

So sprach Jitro zu Mose.

Der hörte auf seinen Rat

und führte alles so aus,

wie Jitro ihm riet.

Danach kehrte Jitro wieder

in Frieden zurück in sein Land.18,27

Diese friedliche Begegnung zwischen Mose und seinem Schwiegervater, dem Midianiter Jitro (auch Reguël genannt), bildet einen erkennbaren Kontrapunkt zu der vorangegangenen kriegerischen Auseinandersetzung mit den Amalekitern. Obwohl Jitro nicht dem Volk Israel angehört, bekennt er sich ausdrücklich zu dem Gott Israels! Mose erscheint in dieser Erzählung nicht, wie bisher, als Retter und Führer seines Volkes, sondern als sein Richter und Lehrer, der das Volk in Gottes Gebot unterweist. Gemeint sind konkret „die Rechtssätze und Ordnungen“ (häufig missverständlich als „Gesetz“ bezeichnet), die das tägliche Miteinander im Volk regeln sollen. Aber gleichzeitig ist Mose selbst ein Lernender, der auf den weisen Rat Jitros hört und in ihm Gottes Weisung vernimmt. Hier wird deutlich, wie vielfältig sich Gott seinen Menschen bezeugt: nicht nur durch Blitz und Donner wie in der folgenden Erzählung (Ex 19,16), sondern ganz menschlich in der Begegnung zweier Menschen, wobei der Nichtisraelit Jitro vollmächtig den von Gott berufenen Mose belehrt! (Vgl. die Begegnung zwischen Abraham und Melchisedek, dem kanaanäischen Priesterkönig, Gen 14,17ff.)

„Ich bin der Herr, dein Gott“

Exodus 19–24

Zwei Monate waren vergangen,

seitdem das Volk

aus Ägypten gezogen war.

Da erreichte es endlich den Sinai,

ein gewaltiges Bergmassiv

inmitten der Wüste.

Gegenüber dem Berg Gottes

schlug es sein Lager auf.

Mose aber stieg allein den Berg hinauf,

um mit Gott zu reden.19,1ff

Da sprach Gott zu Mose

vom Berg herab:

„So sollst du dem Volk Israel sagen:

Ihr habt gesehen, wie ich euch

auf Adlerflügeln getragen

und euch zu mir gebracht habe.

Wenn ihr auf meine Stimme hört

und meinen Bund haltet,

dann sollt ihr mein Eigentum sein

vor allen Völkern.

Denn die ganze Erde ist mein.

Und ihr sollt mir

ein priesterliches Königreich sein,

ein heiliges Volk, das mir dient.“19,3ff

Da verkündete Mose

allen Ältesten und Stammesführern,

was Gott ihm anvertraut hatte.

Und er fragte sie:

„Wollt ihr zu Gott gehören?“

„Ja“, riefen alle wie aus einem Munde.

„Alles, was Gott gesagt hat,

wollen wir tun.“19,7f

Danach sprach Gott zu Mose:

„Ich komme in einer Wolke zu dir,

damit das Volk es hört,

wenn ich mit dir rede,

und deinem Wort glaubt.

Sag dem Volk: Reinigt euch!

Wascht eure Kleider!

Und macht euch bereit,

eurem Gott zu begegnen!

Denn am dritten Tag wird Gott der Herr

auf den Berg herabkommen.

So zieht einen Zaun um den Berg,

damit ihm niemand zu nahe kommt.“19,9ff

Und so geschah es.

Am dritten Tag war der Berg

in eine dichte Wolke gehüllt.

Es blitzte und donnerte.

Der Berg bebte und rauchte.

Und ein gewaltiges Dröhnen,

wie der Ton eines Widderhorns,

erfüllte Himmel und Erde,

sodass alle erschraken.

Da führte Mose das Volk

seinem Gott entgegen,

bis dicht an den Berg heran.

Er selbst aber ging allein

in das Dunkel hinein.20,21

Indessen wartete das Volk stumm

am Fuß des Berges.

Es hörte das Grollen von ferne.

Aber die Stimme Gottes hörte es nicht.19,15ff

– – –

Endlich kam Mose vom Berg herab.19,25

Feierlich verkündete er dem Volk

alle Gebote und Rechte,

die er von Gott empfangen hatte.

„Hört“, rief Mose,

„wollt ihr auf Gott hören

und seine Gebote halten?“

„Ja“, riefen alle wie aus einem Munde.

„Alles, was Gott uns geboten hat,

das wollen wir tun.“24,3

Da schrieb Mose alle Worte nieder,

die Gott ihm offenbart hatte.

Und als der Morgen anbrach,

errichtete er am Fuß des Berges

einen Altar aus zwölf Steinen,

nach der Zahl der Stämme Israels.

Darauf ließ er Brandopfer

und Dankopfer darbringen.24,4f

Er selbst aber las dem Volk alle Worte

aus dem Buch des Bundes vor,

die Gott ihm anvertraut hatte.

Und erneut gelobte das Volk:

„Ja, alles, was Gott der Herr gesagt hat,

wollen wir tun und darauf hören.“24,7

Da nahm Mose von dem Opferblut,

sprengte es auf das Volk und sprach:

„Seht das Blut des Bundes,

den Gott der Herr heute

mit euch geschlossen hat.“

So trat das Volk an diesem Tag

in den Bund mit seinem Gott ein,

der sich in Liebe

mit ihnen verbunden hatte.24,8

– – –

Dies sind die Zehn Gebote,

die Gott seinem Volk gab,

als ewiges Zeichen des Bundes,

den er mit ihnen am Sinai schloss:

1

Ich bin der Herr, dein Gott.

der dich aus Ägypten, aus der Sklaverei,

geführt hat.

Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.20,2f

2

Du sollst dir kein Bild von irgendeinem Gott machen, weder von dem, was im Himmel ist, noch, was auf der Erde oder unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!20,4ff

3

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.20,7

4

Du sollst den Sabbattag heiligen. Sechs Tage sollst du arbeiten, aber am siebten Tag ist der Sabbat des Herrn. Da sollst du keine Arbeit tun.20,8ff

5

Du sollst Vater und Mutter ehren, damit du lange lebst in dem Land, das dir der Herr dein Gott geben wird.20,12

6

Du sollst nicht töten.

7

Du sollst nicht die Ehe brechen.

8

Du sollst nicht stehlen.

9

Du sollst nicht falsch aussagen gegen deinen Nächsten.20,13ff

10

Du sollst nicht nach dem verlangen, was deinem Nächsten gehört.20,17

– – –

Und dies sind die Gesetze und Rechte,

die das Leben im Volk Gottes regeln,

aufgeschrieben im Buch des Bundes

für alle künftigen Generationen:

Die Fremden

sollst du nicht unterdrücken

und sollst sie nicht bedrängen.

Denn ihr seid selbst

in Ägypten Fremde gewesen.

Auch die Witwen und Waisen

sollst du nicht bedrücken.

Wenn du es dennoch tust

und sie zu mir schreien,

werde ich ihr Schreien erhören.

Wenn du Geld an einen Armen verleihst,

sollst du keinen Wucherzins nehmen.

Wenn du einen Mantel

zum Pfand nimmst,

der deinem Nächsten gehört,

dann gib ihn

noch vor dem Abend zurück.

Denn sein Mantel ist seine einzige Decke.

Und wenn er zu mir schreit,

dann will ich ihn erhören.

Denn ich bin gnädig. 22,20ff

Das Recht der Armen

sollst du nicht beugen.

Halte dich fern, wo Lüge im Spiel ist.

Lass dich nicht von andern bestechen

und nimm keine Geschenke an.

Denn Geschenke machen blind

und verdrehen das Recht.

Die Fremden sollt ihr nicht unterdrücken.

Denn auch ihr wart fremd in Ägypten

und ihr wisst,

wie es einem Fremden ums Herz ist.23,6ff

Sechs Jahre lang

sollst du dein Land bestellen.

Aber im siebten Jahr

lass es brach liegen,

damit auch die Armen aus deinem Volk

sich davon ernähren.

Sechs Tage sollst du arbeiten.

Aber am siebten Tag sollst du ruhen,

damit dein Rind und dein Esel

und alle, die in deinem Haus leben,

neue Kraft schöpfen.23,10ff

Dreimal im Jahr

sollt ihr für mich ein Fest feiern:

das Fest der ungesäuerten Brote

im Frühjahr, denn zu dieser Zeit

seid ihr aus Ägypten gezogen;

das Fest der Ernte und im Herbst

das Fest der Weinlese.

Dreimal im Jahr sollen alle Männer

zum Heiligtum kommen

und von den ersten Früchten

die besten vor Gott bringen.23,17ff

Noch viel mehr Gesetze und Vorschriften

stehen im Buch des Bundes geschrieben.

Am Ende des Buches

mahnt Gott sein Volk

mit eindringlichen Worten:

Siehe, ich sende meinen Engel

vor dir her,

der wird dich auf dem Weg behüten

und dich zu dem Land bringen,

das ich dir zugedacht habe.

Noch wohnen dort andere Völker.

Bete ihre Götter nicht an

und diene ihnen nicht.

Nur dem Herrn eurem Gott

sollt ihr dienen.

So wird er dein Brot und Wasser segnen

und Krankheit von dir abwenden.23,20ff

Diese Texte markieren den Höhepunkt des Exodusbuches und bilden das Herzstück des Glaubens Israels. Gott schließt seinen Bund mit dem Volk, das er zum Eigentum erwählt hat. Das ist in knappen Worten die Botschaft der Kapitel 20–24. Eine ungewöhnliche Feierlichkeit liegt über ihnen. Es ist, als beträte man „heiliges Land“, als würde versucht, das Unsagbare in Worte zu fassen.

In drei Akten wird das unerhörte Geschehen vor unseren Augen entfaltet:

(1) Gott kommt herab (Ex 19):

Der heilige Gott tritt aus seiner Verborgenheit ins Licht („Theophanie“) – und bleibt dennoch der Unnahbare und Ungreifbare, der sich in Freiheit seinem Volk zuwendet und der durch Mose als Bundesmittler zu ihm spricht. Beides, Gottes Heiligkeit und Zuwendung, seine Fremdheit und Nähe liegen hier ganz eng zusammen. Blitz und Donner, Rauch und Erdbeben lassen die Größe und Majestät Gottes erahnen. Sie sind gleichsam das Echo der Natur auf Gottes Offenbarung. Aber zugleich kommt Gott in seinem Wort den Menschen ganz nah. Er verleiht diesem ehemaligen Sklavenvolk, einem Volk ohne Macht und festen Wohnsitz, eine unerhörte neue Würde: Ein „priesterliches Königreich“ soll es unter der Königsherrschaft Gottes werden, ein „heiliges“ Volk, ausgesondert zum priesterlichen Dienst unter den Völkern (19,6). Aber die höchste Auszeichnung liegt in der Zusage Gottes „Ihr sollt mein Eigentum sein“, wobei das hebräische Wort für Eigentum (segulla) in diesem Fall eine lebendige Beziehung voraussetzt. Wie bei einem Ehebund, so erklärt Gott seinen Willen, mit seinem Volk zu leben. Und so führt Mose das Volk seinem Gott entgegen, wie beim Ritual einer Eheschließung, wenn der Brautvater die Braut dem Bräutigam zuführt (19,17; vgl. Gen 2,22b).

(2) Gott offenbart seinen Willen (Ex 20):

Er gibt seinem Volk die Zehn Gebote („Dekalog“) als Zeichen seines Bundes und als „Grundgesetz“ für das Volk Gottes. Die Gebote eröffnen einen Raum der Freiheit, in dem das Volk in der Gemeinschaft mit Gott und seinen Nächsten leben kann. Aber über allen Geboten steht die Zusage Gottes: „Ich bin der Herr (Jahwe), dein Gott, der dich aus Ägypten, aus der Sklaverei, geführt hat.“ Das heißt: Gott macht sich seinem Volk bekannt als „dein Gott“, der sich ihm in Liebe zugewandt hat, noch ehe das Volk ihn erkannt hat. Dass Gott, der Himmel und Erde regiert, zu seinem Volk sagt: „ICH – dein Gott“, und dass der Mensch darauf antworten kann: „Du – mein Gott“, das ist das große Wunder, von dem dieses Volk lebt. Es ist ja nicht irgendein unbekannter Gott, der zu diesem Volk spricht, sondern er hat sich ihnen schon in ihrer Geschichte als „ihr“ Gott bekannt gemacht, der sie in die Freiheit geführt hat.

Und das ist sein Wille: dass sein Volk nicht in neue Unfreiheit verfällt, sondern sein Leben in der Gemeinschaft des Volkes Gottes nach seinem Willen gestaltet und sich dadurch öffentlich zu ihm bekennt. Dies wird zusätzlich durch das „Bundesbuch“ unterstrichen, das hier zu den Zehn Geboten hinzugefügt wird. Es handelt sich dabei um die älteste Gesetzessammlung Israels mit einer Fülle von Rechtsbestimmungen, die im Lauf der Jahrhunderte immer wieder aktualisiert wurden. Aber an dieser Stelle liest es sich wie eine ergänzende Erläuterung und Konkretisierung der Zehn Gebote, wobei es verschiedene Konfliktfälle im Volk Israel benennt und Regeln für das Zusammenleben bestimmt. An erster Stelle sind hier die Rechtsbestimmungen gegenüber den Armen und Fremden im Volk Gottes zu nennen. Sie bilden die Grundlage für die Gesetzgebung im Deuteronomium und für die soziale Botschaft der Propheten.

(3) Gott schließt seinen Bund (Ex 24):

Nach der Proklamation der Gebote steht noch die Antwort des Volkes aus. Wie bei einer Eheschließung soll es öffentlich sein JA-Wort geben. Mit seinem wiederholten Versprechen „Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun“, setzt es feierlich seine Unterschrift unter Gottes Bundeszusage und gelobt die Einhaltung seiner Gebote. Darauf folgt die Lesung des Bundesbuches mit erneutem Versprechen des Volkes. Erst danach wird der Bund feierlich durch das Blut des Bundes besiegelt. Ihm gehen ein Brandopfer (d.h. ein Ganzopfer) und ein Dankopfer voraus.

Durch den sakralen Ritus wird deutlich: Der Bundesschluss ist nicht nur ein Rechtsakt, sondern ein heiliger Akt: Gott stiftet Gemeinschaft durch das Blut des Bundes, das symbolisch das Leben ausdrückt, das seinem Volk in der Gemeinschaft mit ihm geschenkt ist. Was hier geschieht, bleibt ein Geheimnis, das das Volk in ehrfürchtige Distanz verweist („Betet an von ferne!“ 24,1b).

Für Israel stellt der Bundesschluss am Sinai und die Offenbarung seiner Gebote das zentrale Heilsereignis dar. Daher werden die Gebote auch nicht primär als Forderungen Gottes verstanden, sondern als Heilsgabe, als Zeichen der Liebe Gottes zu seinem Volk und als Quelle des Trostes und immer neuer Freude (z.B. Ps 119,24.45.47.50.92.143.162). Dabei soll sich jede Generation so verstehen, als stünde sie selbst am Sinai, als sei sie es, zu der Gott spricht: „Ich bin der Herr dein Gott.“

Nach dem Hebräerbrief findet der Bundesschluss am Sinai seine Erfüllung in Jesus Christus, dem Mittler des neuen Bundes, der durch sein eigenes Blut ein für alle Mal den Bund mit Gott besiegelt hat (Hebr 9,11–15).

Das goldene Kalb

Exodus 32

Nicht lange danach stieg Mose

noch einmal auf den Berg.

Vierzig Tage und Nächte

blieb er dort oben.24,28

Da wurde dem Volk die Zeit zu lang.

Und sie fragten sich bang:

Wer weiß, vielleicht ist dieser Mann

dort oben verunglückt?

Wer wird uns dann

in das Gelobte Land führen?

Und sie rotteten sich zusammen

und bestürmten Aaron:

„Auf, mach uns einen Gott,

der vor uns hergeht

und uns den Weg führt.“32,1

Sie setzten Aaron so lange zu,

bis dieser nachgab.

„Gut“, meinte Aaron.

„Dann bringt euren Schmuck her,

auch die goldenen Ohrringe

eurer Frauen, Söhne und Töchter!“32,2

Da waren alle sofort mit Eifer dabei.

Sie rissen die Ohrringe von ihren Ohren

und häuften ihren goldenen Schmuck

vor Aaron auf.

Der schmolz ihn im Feuer

und goss daraus ein goldenes Kalb,

den Stierbildern gleich,

die andere Völker göttlich verehrten.

„Ja“, riefen die Leute begeistert,

„das ist dein Gott, Israel,

der dich aus Ägypten geführt hat!“32,4

Als aber Aaron ihre Begeisterung sah,

stellte er davor noch einen Altar

und verkündete allen:

„Morgen feiern wir

ein Fest für den Herrn.“32,5

Am nächsten Morgen kamen sie alle an,

Männer, Frauen und Kinder.

Ausgelassen feierten sie

das Fest ihres Gottes,

brachten ihm Opfer dar,

aßen und tranken sich voll,

tanzten wie toll

um das goldene Kalb32,19

und lebten ungehemmt ihre Lust aus.

Mose aber weilte nichts ahnend

immer noch auf dem Berg.

Da sprach Gott zu Mose:

„Auf, steig hinab und sieh,

wie schändlich dein Volk handelt.

Sie haben ein goldenes Kalb gemacht,

ihm Opfer gebracht und dazu gerufen:

Sieh, das ist dein Gott,

der dich aus Ägypten geführt hat.32,7f

Es ist ein widerspenstiges Volk,

das sich sträubt,

seinen Nacken zu beugen,

und sich meinem Gebot widersetzt.

Darum wird es ausgelöscht werden.

Aber dich, Mose, will ich

zu einem großen Volk machen.“

„Ach Herr!“, flehte Mose, „tu es nicht!

Warum willst du dieses Volk auslöschen,

das du doch mit großer Kraft

aus Ägypten geführt hast?32,11

Und warum sollen die Ägypter spotten

und sagen: ‚Seht, er hat sein Volk

nur in die Berge gelockt,

damit er es dort vernichtet.‘32,12

Herr, vergiss nicht, was du Abraham,

Isaak und Jakob zugesagt hast:

Ich will eure Nachkommen

so zahlreich machen

wie die Sterne am Himmel

und will ihnen das Land geben,

das ich ihnen verheißen habe.“

Da reute es Gott

und er ließ das drohende Unheil

nicht über sein Volk kommen.32,14

Als aber Mose vom Berg herabkam

und das tanzende Volk sah,

packte ihn heiliger Zorn.

In seinen Händen hielt er

zwei Tafeln aus Stein.

Auf ihnen standen

Gottes Gebote geschrieben.

Mose nahm die Tafeln,

zerschmetterte sie unten am Berg

und zornig stieß er das Kalb um,

und warf es ins Feuer.32,15ff

„Was hast du getan?“,

stellte er Aaron zur Rede.

„Und was haben dir die Leute getan,

dass du so schwere Schuld auf sie lädst?“

„Ach mein Herr!“, wand sich Aaron.

„Sei nicht zornig auf mich!

Die Leute wollten es so.

Du weißt ja, wie das Volk ist.

Sie haben mich dazu gedrängt.

Da nahm ich ihren Schmuck

und warf ihn ins Feuer.

So ist das Kalb entstanden.“32,21f

Da wandte sich Mose zum Volk

und rief laut in die Menge:

„Her zu mir, wer sich

zum Herrn unserem Gott hält!“

Aber nur wenige traten hervor.

Nur der Stamm Levi

stellte sich auf seine Seite.

Die anderen standen da wie erstarrt.

Mit Schrecken erkannten sie,

was sie Gott angetan hatten.

Mutwillig hatten sie den Bund

mit ihrem Gott gebrochen,

kaum war er geschlossen.

Alle Freude war plötzlich dahin.

Ängstlich verkrochen sie sich

in ihre Zelte und warteten bang

auf den kommenden Morgen.32,26ff

An jenem Tag starben 3000 Menschen,

alle an einem Tag.32,28

Was für ein Drama spielt sich hier ab!

Gerade erst 40 Tage sind vergangen, seitdem das Volk Israel feierlich in den Bund mit seinem Gott eingetreten ist – und schon hat es ihn gebrochen! Es ist die Angst vor der ungewissen Zukunft und das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit, das die Menschen dazu verführt hat, Gottes Gebot zu überschreiten, kaum, dass es verkündet wurde. Diese Menschen verlangen nach einem sichtbaren Gott, der ihren Vorstellungen entspricht, über den sie nach Wunsch verfügen können. So wollen sie sich ein Stierbild nach dem Vorbild heidnischer Götterbilder machen – sichtbarer Ausdruck männlicher Kraft und Potenz. Aber was dabei herauskommt, ist nichts als ein lächerliches Kalb. Diesem Machwerk von Menschenhänden erweisen sie nun göttliche Ehre. Aber in Wahrheit feiern sie nur sich selbst und ertränken ihre eigene Angst durch exzessives Ausleben ihrer Lust nach Art heidnischer Fruchtbarkeitsriten.

Mit subtiler Ironie zeichnet die Erzählung den Weg nach, der das Volk Gottes immer weiter von Gott wegführt und alle, auch Aaron, mit ins Verderben zieht (32,2ff). Er beginnt damit, dass sich das Volk unmerklich von Mose distanziert („dieser Mann Mose“; 32,1) und sich mit makabrem Eifer in das heilig-unheilige Vorhaben stürzt. Wie ein Hohn wirkt das Bemühen Aarons, der Gottheit eine ansehnliche Gestalt zu geben. Aaron steht darin den heidnischen Götzenmachern nicht nach (für die auch der Prophet Jesaja nur beißenden Spott übrig hat; vgl. Jes 44,9ff u.ö.). Aber zum definitiven Bruch kommt es erst bei der Festfeier. Als Fest „für den Herrn“, d.h. als Fest Jahwes, ruft Aaron es aus. Aber in Wahrheit vollzieht sich hier der Bruch des Volkes mit seinem Gott. Doch auch jetzt erkennt es noch nicht seine Schuld. Sogar Aaron windet sich aus seiner Verantwortung heraus (32,21ff). Nur die zerbrochenen Tafeln machen offenbar, dass der Bund mit Gott definitiv zerbrochen ist.

Diese Erzählung zeigt auffällige Parallelen zu der Erzählung vom „Sündenfall“ (Gen 3). Und in der Tat: Es ist der Sündenfall des Volkes Gottes, den diese Geschichte so drastisch beschreibt und damit Israels künftige Geschichte schon vorwegnimmt (vgl. 1. Kön 12,25ff). Er wiegt umso schwerer, als Gott dieses Volk zu seinem Bundespartner erwählt hat! Menschlich betrachtet, kann es nach diesem tiefen Fall für das Volk keine Hoffnung mehr geben. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Aber – das ist die unerhörte Botschaft dieser Geschichte – Gott hält das Unheil auf. Es „reut“ ihn, heißt es hier ausdrücklich von Gott. In seiner Fürbitte wagt sich Mose weit vor. Er ringt geradezu mit Gott. Und Gott geht auf sein Gebet ein. Nicht, dass Gott wankelmütig sei. Sondern es reut ihn um der Menschen willen. Gott kann nicht zusehen, wie das Volk in sein selbst verschuldetes Unheil schlittert. Darum hält er – entgegen seiner Ankündigung – dennoch an seinem Volk fest (32,14). Das ist das eigentliche Drama dieser Geschichte. Es findet in Gott selbst statt. Es ist das Drama göttlicher Liebe, der nicht „ewig an seinem Zorn festhält, denn er ist barmherzig“. So bekennt es an späterer Stelle der Prophet Micha. Und er fügt staunend hinzu: „Wo ist solch ein Gott, so wie du?“ (Mi 7,18).

Gottes Reue zum Heil seiner Menschen – nur an wenigen herausragenden Stellen wagt sich das Alte Testament in seinen Aussagen so weit vor (z.B. Jona 3,10; 4,11ff, vgl. auch Hos 11,8ff). Aber wo immer sie anklingt, zeigt sie den unbegreiflichen Durchbruch der Liebe Gottes an – allen Gerichtsandrohungen zum Trotz.

Moses Fürbitte

Exodus 33–34

Ein neuer Tag brach an.

Wie ausgestorben lag

das Lager der Israeliten da.

Nur zögernd wagten sich die Menschen

aus ihren Zelten hervor.

Scheu blickten sie

zum Berg Gottes hinüber.

Dort lagen noch die Trümmer

der zerbrochenen Tafeln.

Niemand wagte, ein Wort zu sagen.

Aber alle schienen dasselbe zu fragen:

Gab es überhaupt noch Hoffnung für sie?

Würde Gott nach allem,

was geschehen war,

mit ihnen noch einen Neuanfang wagen?

Da kam Mose aus seinem Zelt.

Er winkte die Leute heran.

„Ihr habt“, sprach Mose,

„eine schwere Sünde begangen.

Aber ich will noch einmal

auf den Berg steigen

und dort mit Gott reden.

Vielleicht kann ich ihn bitten,

dass er euch eure Sünde vergibt.“32,30

Wortlos ging er davon.

Danach stieg er noch einmal hinauf.

Dort oben warf er sich nieder,

betete und flehte Gott an:

„Ach Herr, dieses Volk

hat eine schwere Sünde getan.

Es hat sich einen Gott aus Gold gemacht.

Vergib ihnen doch diese Sünde!

Wenn nicht, dann lösche auch mich

aus deinem Lebensbuch aus!“32,31f

„Nicht du sollst sterben“, sprach Gott,

„sondern wer sich an mir vergangen hat.

So geh nun zu deinem Volk

und führe es in das Land,

das ich euren Vorfahren

Abraham, Isaak und Jakob versprach.

Ich sende meinen Engel vor dir her,

der wird euch in das Land bringen.

Ich aber werde nicht mit euch gehen.“33,1ff

„Ach Herr“, betete Mose.

„Wie kannst du sagen:

‚Führe dies Volk!‘,

wenn du nicht vorangehst?

Habe ich Gnade vor dir gefunden,

so lass mich deinen Weg wissen!

Und sieh doch,

dass dieses Volk dein Volk ist!“33,12f

Gott sprach:

„Mein Angesicht soll dir vorangehen.

Ich will dich zur Ruhe leiten.“

„Ja, Herr“, antwortete Mose.

„Wenn du nicht vorangehst,

dann lass uns nicht ziehen.

Denn woran soll man erkennen,

dass du deinem Volk gnädig bist?“

„Ich will es tun“, sprach Gott.

„Denn du hast Gnade

in meinen Augen gefunden.

Und ich kenne dich mit Namen.“33,14ff

Da nahm Mose

all seinen Mut zusammen.

„Ach Herr!“, betete er.

„Nur um dies eine bitte ich dich:

Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Gott sprach:

„Ich will an dir vorübergehen

und meinen Namen vor dir ausrufen:

‚Wem ich gnädig bin,

dem bin ich gnädig.

Und wessen ich mich erbarme,

dessen erbarme ich mich.‘

Aber mein Angesicht

kannst du nicht sehen.

Denn kein Mensch bleibt am Leben,

der mich sieht.“

Und Gott fuhr fort:

„Sieh, auf diesem Felsen

sollst du stehen.

Da wird meine Herrlichkeit

an dir vorübergehen.

Dort will ich dich

in die Felskluft stellen

und meine Hand über dir halten,

bis ich vorüber bin.

Dann darfst du hinter mir hersehen.“33,18ff

Danach sprach Gott zu Mose:

„Haue dir zwei steinerne Tafeln,

so, wie die vorigen waren,

und bringe sie vor mich auf den Berg!“34,1

Und siehe da: die Wolke Gottes

senkte sich auf den Berg herab.

„Herr! Herr!“, rief Mose

in das Dunkel hinein.

Da ging Gott der Herr

an ihm vorüber

und rief seinen Namen vor ihm aus:

„Herr, Herr!, Gott,

barmherzig, gnädig und geduldig

und von großer Gnade und Treue,

der seinen Zorn zurückhält,

der Tausenden seine Gnade gewährt,

der Schuld und Sünde vergibt,

der seine Kinder heimsucht,

aber nicht zulässt,

dass seine Heimsuchung ewig währt.“34,6f

Da spürte Mose:

Gott war ihm ganz nah.

Er warf sich auf die Erde

und betete an.

„Ach Herr!“, antwortete er.

„Habe ich Gnade

vor deinen Augen gefunden,

so bleibe in unserer Mitte.

Ja, es ist wahr:

Dieses Volk will sich nicht beugen.

Es versteift seinen Nacken.

Doch vergib uns unsere Schuld.

Und lass uns dein Eigentum sein!“34,8f

Da geschah das Wunder:

Gott vergab seinem Volk.

Er sprach zu Mose:

„Siehe, ich will meinen Bund

mit euch schließen.

Ich will Wunder tun,

wie sie noch nie zuvor waren.34,10

Und alles Volk wird es sehen.

So nimm zwei neue Tafeln

und schreibe darauf

alle Zehn Worte des Lebens.

Sie sind das Zeichen

meines Bundes mit euch.“34,27f

– – –

Vierzig Tage lang war Mose

mit Gott im Gespräch, er ganz allein.34,28

Danach kehrte er zu seinem Volk zurück.

Aber wie erschraken die Menschen,

als sie ihn sahen!

Moses Gesicht glänzte,

als hätte er in das Licht

der Sonne geblickt.

Doch Mose rief alle zu sich:

„Kommt her! Fürchtet euch nicht!

Hört, was Gott zu euch spricht!“34,29f

Da kamen sie näher.

Und Mose legte ihnen alle Worte vor,

die Gott ihm anvertraut hatte.

Andächtig lauschte das Volk.

In dieser Stunde spürten sie alle:

Ihre Schuld war vergeben.

Gott hatte seinen Bund

aufs Neue mit ihnen geschlossen.34,31f

– – –

Barmherzig und gnädig ist der Herr,

geduldig und von großer Güte.

Er handelt nicht mit uns,

wie wir es verdient hätten

und vergilt uns nicht,

wo wir an ihm schuldig geworden sind:

Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,

so erbarmt sich der Herr über die,

die ihn lieben und ehren.

aus Psalm 103

Wie kann die zerstörte Beziehung, der Riss zwischen Gott und seinem Volk wieder geheilt werden? Das ist die entscheidende Frage, die sich nach dem Bundesbruch stellt. Mose tritt als Mittler vor Gott in die Bresche. Er ringt im Gebet mit Gott und bittet für sein Volk um Vergebung. Er ist sogar bereit, sein eigenes Leben für sein Volk zu opfern. Aber es ist ein langer Weg, bis Mose im Gespräch mit Gott endlich erkennt:

Es ist allein Gnade, dass Gott auch jetzt noch, nach dem „Sündenfall“ seines Volkes, zu ihm spricht, dass er einen „Raum“ schafft (33,21), in dem der heilige Gott ihm begegnet und sich ihm offenbart. Es ist das unbegreifliche Wunder, dass Gott seinem Volk vergibt, dass er den verheerenden Schaden, den die Sünde anrichtet, zeitlich begrenzt (34,7b) und einen Neuanfang schenkt.

Dieses Wunder der Gnade erfährt Mose zuallererst an sich selbst. Ausgerechnet in der dunkelsten Stunde seines Lebens nimmt ihn Gott in das Geheimnis seiner „Herrlichkeit“ hinein (hebr. „kabod“), die ihn, den Ewigen und Unbegreiflichen umgibt, und die der Mensch nur von ferne erahnen kann, wenn der heilige Gott in seine Welt eintritt. Auch in seiner Offenbarung bleibt Gott vor Moses Augen verhüllt. Mose kann Gott nur „hinterher“sehen. Aber er darf wissen: Gott ist „gnädig und barmherzig“, „langmütig“ (d.h. langsam zum Zorn) und „von großer Gnade und Treue“ (d.h. reich an Gnade und Treue) (34,6). In diesen Worten offenbart sich Gott in seiner grundlosen Liebe und Barmherzigkeit.

Man bezeichnet diese Worte als „Gnadenformel“, weil sie sich wie ein roter Faden durch die Schriften des Alten Testaments ziehen (z.B. Num 14,18 / Joel 2,13 / Jona 4,2 u.ö.). Aber in Wahrheit bedeuten sie weit mehr. Sie sind wie Leuchtzeichen, die daran erinnern, wer Gott ist und was er für uns getan hat – von allem Anfang an und für alle Zeit. Sie preisen das Wunder der Gnade Gottes, die in Jesus Christus allen zuteil geworden ist. Es ist das Evangelium, das in Psalm 103, dem großen Lobpreis der Gnade Gottes, schon im Alten Testament anklingt und bis heute fortklingt.

Das Zelt

Exodus 25ff /35ff

Dies sind die Anordnungen,

die Mose am Berg Sinai empfing:

Gott sprach zu Mose:

„Baut mir ein Heiligtum, ein Zelt.

Dort will ich in eurer Mitte wohnen.25,8

Und so soll das Zelt aussehen:

Zehn blaue Teppiche bilden die Wände

und Ziegenfelle decken das Dach.

Zieh um das Zelt einen Zaun

aus kostbaren Decken.26,1ff

Und stell vor dem Zelt

einen großen Altar auf!27,1ff

Aber drinnen im Zelt

soll ein goldener Räucheraltar stehen,

auf dem jeden Morgen

das Rauchopfer dargebracht wird.30,1ff

Dahinter liegt das ‚Allerheiligste‘,

ein dunkler Raum,

hinter einem Purpurvorhang verborgen.

Dort soll die Bundeslade stehen,

ein Schrein aus Akazienholz,

mit feinstem Gold überzogen.

Lege in sie

die Tafeln des Bundes hinein!

Aber über der Lade

soll mein Gnadenthron sein. 26,31ff

Zwei goldene Cherubim

sollen ihn mit ihren Flügeln bedecken.25,10ff

An diesem allerheiligsten Ort

will ich dir begegnen und mit dir reden.

Alles, was ich dir gebiete,

sollst du dem Volk verkünden.25,22

Und ich will mitten

unter meinem Volk wohnen

und will ihr Gott sein.

Und sie sollen erkennen,

dass ich der Herr bin,

der sie aus Ägypten geführt hat,

damit ich in ihrer Mitte wohne,

ICH, der Herr, ihr Gott.“29,45

So sprach Gott zu Mose.

Darauf ließ dieser allen verkünden:

„Gott will unter euch wohnen.

Darum bringt her, was ihr habt!

Opfert es aus freien Stücken für Gott.

Nur das Beste vom Besten

soll für Gottes Heiligtum sein.“35,4ff

Da schwärmten alle aus

und machten sich mit Eifer ans Werk.

Die Männer suchten weiches Holz,

für das Schnitzwerk.

Die Frauen webten Teppiche

aus blauem und rotem Purpur.

Und alle, Männer und Frauen,

brachten mit Freude freiwillig ihre Gaben

für das große Vorhaben,

wie es ihnen ihr Herz eingab.35,20ff

Danach rief Mose alle herbei,

die sich auf ein Handwerk verstanden.

Die einen schnitzten das Holz.

Die anderen verzierten

die Säulen und die Altäre

mit Silber und Gold.

Und wieder andere fügten

die schweren Decken zusammen. 35,30ff

Aber Bezalel und Oholiab

übertrafen alle anderen

an Verstand und Geschick.

Bezalel, ein begnadeter Künstler,

baute die Bundeslade

aus bestem Akazienholz,

überzog sie mit reinem Gold

und krönte sie

durch den „Gnadenthron“.

Zwei Cherubim, Engelwesen aus Gold,

deckten ihn mit ihren Flügeln.37,1ff

Auch den siebenarmigen Leuchter

stellte er aus feinstem Gold her,

dazu den großen Altar

für die täglichen Opfer

und viele kostbare Opfergeräte.37,17ff

Endlich war das große Werk vollendet.

Das Zelt Gottes strahlte

in festlichem Schmuck.40,33

Da ließ Mose ein Fest ausrufen.

Und die ganze Gemeinde

versammelte sich vor dem Zelt,

genau an dem Tag, an dem sie

ein Jahr zuvor ausgezogen waren.40,1ff

An diesem Tag trug Mose die Lade

in das Allerheiligste hinein.40,21

Doch als er eintrat,

senkte sich die Wolke Gottes herab.

Gottes Herrlichkeit erfüllte das Zelt.40,34

Da verneigten sich alle

in Ehrfurcht vor dem heiligen Gott.

Sie spürten: Gott der Herr

war in ihre Mitte gekommen,

um für immer unter ihnen zu wohnen.

Dies ist eine Erzählung, die sich aus vielen einzelnen kultischen Anweisungen zusammensetzt, die im Exodusbuch auf Mose bzw. auf Gott selbst zurückgeführt werden, und zwar in deutlicher Bezugnahme auf den Bundesschluss am Sinai und den folgenden Bundesbruch. Sie alle kreisen um die eine zentrale Frage: Wie kann der heilige Gott unter einem unheiligen Volk wohnen? Die Antwort lautet: Gott schafft selbst den Raum, in dem er seinem Volk begegnen will. Er gibt bis ins kleinste Detail vor, wie das „Zelt der Begegnung“ auch „Stiftshütte“ genannt, auszusehen hat: ein heiliger Raum inmitten einer profanen Welt (25–31)!

Im Zentrum steht dabei das „Allerheiligste“ mit der Bundeslade. Das ist der Ort, an dem Gott seinem Volk nahekommt. Der Deckel der Bundeslade gilt als „Gnadenthron“, das heißt als der Ort, wo der unsichtbare Gott, der König aller Könige thront. Er ist der Ort, der am Versöhnungstag durch den Hohenpriester mit Blut besprengt wird – als Zeichen der von Gott gewirkten Versöhnung (Lev 16,17). Dieses Bild nimmt das Neue Testament in Röm 3,25 und in Hebr 9,11ff auf und bezieht es auf Jesus Christus, den wahren Hohenpriester, der durch sein eigenes Blut ein für alle Mal die Versöhnung erwirkt hat.

Aber anders als bei den Heiligtümern der heidnischen Völker ist Gott nicht an einen festen Ort gebunden. Das Zelt wandert mit dem Volk von Ort zu Ort – ein sichtbares Zeichen dafür, dass Gott ein mit-gehender Gott ist. Und Gott ist auch nicht einfach im Heiligtum vorfindlich – wie etwa die Götterbilder der umliegenden Religionen, sondern er „kommt“ in sein Heiligtum, um sich in seiner „Herrlichkeit“ und Machtfülle seinem Volk zu offenbaren (40,34ff). Dies ist das Bild, das am Ende des Exodusbuches steht.

Das 3. Buch Mose / Levitikus

Rechte und Ordnungen

Dieses Buch bildet die Mitte der 5 Bücher Mose, ist aber unter Christen kaum bekannt. Sein lateinischer Name Levitikus erinnert an seine Herkunft aus Priesterkreisen. Auf den ersten Blick vermutet man in diesem Buch nur spezielle kultische Anweisungen für Priester. In Wahrheit aber legt dieses Buch eine Grund- und Lebensordnung für das ganze Volk Gottes vor, eine Ordnung, die es ihm ermöglicht, die von Gott gestiftete Gemeinschaft zu leben und zu gestalten. Ausgangspunkt ist die Zusage Gottes: „Ich will mitten unter euch wohnen“ (26,11). Aber wie kann der heilige Gott unter einem unheiligen Volk leben? Die Antwort dieses Buches lautet: Gott bereitet sich selbst sein Volk zu. Er „heiligt“ sein Volk, sodass es ihm dienen und ihn ehren kann, im Gottesdienst wie auch im Alltag. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“ (19,2), so lautet sein göttlicher Auftrag, der in diesem Buch durch eine Fülle von Gesetzen und Rechtsordnungen ausgelegt wird.

Unter diesem Vorzeichen haben die kultischen wie auch die ethischen Anweisungen dieses Buches eine klare Botschaft. Sie enthalten keine menschlichen Ordnungen, sondern verstehen sich als Teil der Gottesoffenbarung am Sinai. Als solche sind sie Ausdruck der Zuwendung Gottes zu seinem Volk und seiner Zusage, bleibend unter seinem Volk zu wohnen. Durch sie wird ein Raum der Ehrfurcht und Anbetung geschaffen, in dem der heilige Gott seinem Volk nahe kommt und mitten unter ihnen wohnt.

Das Buch Levitikus im Überblick:

Das Opfergesetz (1–7)

Mit der Vorschrift von 5 verschiedenen Opferformen – Brandopfer, Speisopfer, Heilsopfer, Sünd- und Schuldopfer – wird gleich zu Anfang ein Weg eröffnet, wie das Volk in Zukunft dem heiligen Gott nahen kann.

Die Einsetzung der Priester (8–10)

Die Heiligkeit wird – wie schon im Exodusbuch (29 / 39) – durch das Mittleramt der Priester und ihrem priesterlichen Dienst gewahrt. Wenn aber ein Priester in eigener Regie Zeit und Art des Opfers bestimmen möchte, wird er von der Heiligkeit Gottes verzehrt (Lev 10,1ff).

Das Reinheitsgesetz (11–15)

Vor der Begegnung mit dem heiligen Gott muss alles, was unrein ist, ausgeschlossen werden, weil es Gottes Ehre verletzt. Die Reinheitsvorschriften zeigen, wie auch der profane Bereich von Jahwes Heiligkeit bestimmt ist.

Der Versöhnungstag (16)

Jede Verfehlung löst eine tiefe Störung der Beziehung zu Gott aus und hat zerstörerische Folgen für die Gemeinschaft. In der Stiftung des Versöhnungstages durch Gott wird der Einzelne wieder in die Gemeinschaft aufgenommen und empfängt durch den Sühnetod des Lammes neues Leben. Die Störung kann nur durch Gott selbst aufgehoben werden.

Dieses 16. Kapitel steht im Zentrum des Buches. Von hier aus erhalten im Rückblick alle kultischen Gesetze und in der Folge alle ethischen Vorschriften ihre Ausrichtung.

Das Heiligkeitsgesetz (17–25)

Heiligung des ganzen Lebens geschieht im Umgang mit den „Nächsten“: Gebote zum Schutz der Verarmten und Unfreien im Volk Gottes (25).

Segen und Fluch (26)

Erneuerung der Zusage Gottes: „Ich will unter euch wohnen“ (26,11ff)

Das Priesteramt

Exodus 28f / Levitikus 8f

Nachdem das Zelt Gottes errichtet war,

sprach Gott zu Mose:

„Ruf deinen Bruder Aaron zu dir

und setze ihn in das Priesteramt ein.

Denn er und seine vier Söhne

sollen mir im Heiligtum dienen.“28,1

Da ließ Mose für Aaron und seine Söhne

kostbare Priestergewänder machen:

ein leinenes Untergewand,

und darüber ein edles Obergewand,

dazu einen Priesterschurz,

einen Kopfbund und Stirnreif,

wie ihn nur Priester tragen.28,4ff

Darauf stand geschrieben:

„Heilig dem Herrn!“28,36

Auch eine Brusttasche gehörte dazu,

mit zwölf Edelsteinen geschmückt.

Auf ihnen standen die Namen

der zwölf Stämme geschrieben.

Die sollten die Priester

auf ihrem Herzen tragen

und täglich vor Gott bringen,

wenn sie ins Heiligtum gingen.28,15ff

Danach setzte Mose seinen Bruder

feierlich in sein Amt ein.

Vor allen legte er ihm

das Priestergewand an,

goss duftendes Öl auf sein Haupt

und salbte auch seine Söhne

zu Priestern Gottes.

Sieben Tage lang blieben

Aaron und seine Söhne am Heiligtum

bei Tag und bei Nacht.8,6ff

Am achten Tag aber

feierten sie ein großes Fest.

Aaron und seine Söhne

brachten Gott Opfer

vor der ganzen Gemeinde.

Danach hob Aaron

seine Hände zum Himmel

und segnete das Volk,

wie Gott ihm geboten hatte.9,1ff

In diesem Augenblick

loderte die Flamme

auf dem Altar hoch auf.

Gottes Herrlichkeit

strahlte über dem Volk auf.

„Seht!“, jubelten alle.

„Gott ist uns gnädig.

Er nimmt unsere Opfer an!“

Voller Ehrfurcht verneigten sie sich

vor dem heiligen Gott,

der ihnen so nahe kam,

und beteten ihn an.9,23f

Gott wohnt unter seinem Volk – aber wer darf ihm nahe kommen? Die Heiligkeit Gottes duldet keine Übergriffe des Volkes. Deshalb setzt Gott Priester als Mittler zwischen ihm und seinem Volk ein. Sie sind es, die stellvertretend für das Volk die Opfer vor Gott bringen, in Fürbitte für das Volk vor Gott eintreten und den Segen Gottes ausrufen. Ihr herausragendes Amt als Mittler erlaubt ihnen aber keine Sonderrechte. Als Priester Gottes bleiben sie ganz an Gottes Weisung gebunden. Wer sich eigenmächtig darüber hinwegsetzt, überschreitet eine Grenze und droht, sich an Gottes Heiligkeit zu „verbrennen“. Dies zeigt die folgende Szene vom Tod der Aaronsöhne Nadab und Abihu an, die ohne ausdrückliche Weisung ein Opfer entzündet haben (Lev 10,1ff). Eine Szene, die uns, wie Aaron, sprachlos macht. Erschrocken fragen wir uns: Wer kann dann vor dem heiligen Gott bestehen? Das folgende Kapitel gibt die Antwort darauf.

Der Versöhnungstag

Levitikus 10 und 16

Aber Nadab und Abihu,

die Söhne Aarons, des Priesters,

brachten ungefragt im Heiligtum

ein Rauchopfer dar.

Da loderte die Flamme hoch auf und

beide Priestersöhne verbrannten

bei lebendigem Leib.

Aaron aber verstummte,

zu Tode erschrocken.

Entsetzt erkannte er,

wie heilig Gott war.

Wie konnte ein Mensch

in seiner Nähe bestehen?10,1–3

Da sprach Gott zu Mose:

„Sag deinem Bruder Aaron:

Er soll nicht jederzeit

in das ‚Allerheiligste‘ gehen.16,1f

Nur ein einziges Mal im Jahr

darf er hinter den Vorhang gehen,

zur Sühne für sich und sein Volk.16,34

Und so soll die Sühne geschehen:

Zuerst soll Aaron sich selbst

mit seiner Familie entsühnen.16,6

Danach soll das Volk

zwei Ziegenböcke zu Aaron bringen.

Den einen Bock soll er schlachten

und sein Blut

in das ‚Allerheiligste‘ bringen

und auf den ‚Gnadenthron‘ sprengen.16,15

Kein Mensch darf dabei sein,

wenn der Priester Sühne schafft

für sich und sein Volk.16,17

Aber den anderen Bock

soll Aaron am Leben lassen.

Er ist der ‚Sündenbock‘,

der eure Schuld trägt.

Aaron soll beide Hände

auf den Bock legen

und ihn danach in die Wüste schicken.

Das soll das Zeichen sein:

So wird Gott eure Schuld wegtragen.“16,20ff

So sprach Gott zu Mose.

Und Mose gab alles an Aaron weiter,

was Gott ihm geboten hatte.

Und als der Herbst kam,

versammelte sich die ganze Gemeinde

vor dem Zelt Gottes

zum großen Versöhnungstag.

Zwei Ziegenböcke standen

am Eingang bereit.

Den einen schlachtete Aaron

vor den Augen des Volkes.

Sein Blut aber trug er

in das ‚Allerheiligste‘ hinein,

als Sündopfer für Gott,

und besprengte die Bundeslade

mit seinem Blut.

Dies war der heiligste Augenblick:

Gott nahm das Opfer an.

Die Schuld war gesühnt.

Der Weg zu Gott stand wieder offen.16,29ff

Danach ging Aaron vor das Zelt

und nahm den anderen Ziegenbock,

legte die Hände auf ihn

und schickte ihn in die Wüste.

Da ahnte das Volk:

Ihre Schuld war gesühnt.

Wie dieser Sündenbock,

so hatte Gott ihre Schuld

auf sich genommen.

So feierte das ganze Volk

den großen Versöhnungstag,

wie Gott Mose geboten hatte.

Es war der größte Feiertag,

den Gott seinem Volk schenkte.

Und bis heute feiert Israel

jedes Jahr im Herbst diesen Tag.

Und auch heute bleibt es

ein unbegreifliches Wunder,

dass der heilige Gott sein Volk

mit sich selbst versöhnt.

Die Bedeutung dieses Kapitels kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Inhaltlich schließt es sich zwar eng an Lev 10,1ff an und liefert mit dem Tod der beiden Priestersöhne Nadab und Abihu den Erzählrahmen für die Einrichtung des Versöhnungstages. Aber seine Botschaft reicht weit über das Buch Levitikus hinaus und findet im Alten wie im Neuen Testament ihren vielfältigen Widerhall.

Ausgangspunkt ist die Frage, die schon die vorangegangenen Texte bestimmt hat: Wie kann das Volk Gottes, das gegen Gott massiv gesündigt hat, in der Gegenwart Gottes leben? Seine Sünde trennt es unwiderruflich von Gott, wobei Sünde mehr bedeutet als menschliche Verfehlung. Sie bezeichnet ein sakrales Vergehen (dt. „Frevel“), einen Verstoß gegen Gottes heilige Ordnung mit heillosen Folgen. Durch sie wird die von Gott gestiftete Gemeinschaft mit seinem Volk zerstört. Nach menschlichem Ermessen kann die Gemeinschaft nur wiederhergestellt werden, wenn der „Sünder“ aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird und dadurch Sühne geschieht. Nun aber tut sich mit der Einrichtung des Versöhnungstages ein neuer Weg auf, der den Teufelskreis von Sünde und Schuld unterbricht und den Sünder zu neuem Leben befreit.

Entscheidend ist dabei:

– Die Versöhnung geht von Gott aus. Der Mensch kann Gott nicht durch Opfer versöhnen, sondern Gott stiftet Versöhnung und gibt selbst den Weg vor, auf dem er Versöhnung gewährt.

– Versöhnung geschieht im „Allerheiligsten“. Sie entzieht sich dem Zugriff des Menschen. Nur einmal im Jahr darf der Priester dort hineingehen, um die Sünde des Volkes zu sühnen. Aber zuerst muss seine Sünde gesühnt werden.

– Sühne geschieht durch das Opferblut. Das Blut wird durch den Priester in das Allerheiligste getragen und dort auf die Deckplatte der Bundeslade gesprengt. Dies ist der „Gnadenthron“ bzw. „Gnadenstuhl“, an dem Gott dem Menschen nahekommt und Versöhnung zusagt. Sie geschieht zeichenhaft durch das vergossene Blut. Denn „des Leibes Leben ist im Blut“ (17,11). Der Mensch darf durch das Blut des Opfers neues Leben empfangen.

– Gott selbst bestimmt den Weg, wie die Altlast der Sünde mitsamt ihren heillosen Folgen „entsorgt“ wird. Im Ritus des „Sündenbocks“ wird zeichenhaft Stellvertretung vollzogen. Indem der Priester seine Hand auf dessen Kopf legt und ihn in die Wüste schickt, bekennt er: Gott ist es, der durch den von ihm bestimmten Sündenbock die Sünde der Welt wegträgt und sie an einen Ort verdammt, wo das Böse keinen Schaden mehr anrichten kann. (Die Wüste gilt nach alter Überlieferung als Ort, wo die Dämonen hausen.)

– Gott legt selbst den Zeitpunkt fest, an dem die Versöhnung vollzogen wird. Es ist der „Jom Kippur“, der nach unserer Zeitrechnung jedes Jahr unmittelbar nach dem jüdischen Neujahrsfest begangen wird. Der Name „Kippur“ leitet sich ab von dem hebräischen kapporät (= „Gnadenthron“), der Deckplatte bzw. dem „Sühnedeckel“ über der Bundeslade, und erinnert an das Wunder, dass Gott die Sünde seines Volkes „bedeckt“ hat (vgl. Ps 32,1f).

Diese rituellen Vorgaben bilden im Neuen Testament, insbesondere bei Paulus und im Hebräerbrief, die Grundlage zur Deutung des Todes Jesu und zur Entfaltung der Botschaft von der Versöhnung durch Jesus Christus. Zugleich aber werden nach dem Hebräerbrief diese Riten durch das Evangelium von Jesus Christus ein für alle Mal aufgehoben. Dies zeigt u.a. folgender Vergleich:

– Der Versöhnungstag muss jährlich wiederholt werden. Jesus Christus aber hat ein für alle Mal Versöhnung geschaffen (Hebr 9,7ff).

– Der Versöhnungstag ist dem Volk Israel gegeben. Aber durch Jesus Christus hat Gott die Welt mit sich versöhnt (2. Kor 5,19). Durch ihn geschieht Versöhnung nicht nur für unsere Sünden, sondern für die der ganzen Welt (1. Joh 2,2).

– Am Versöhnungstag trägt der Hohepriester das Opferblut ins Allerheiligste hinein. Aber Jesus Christus „ist durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heilige hineingegangen und hat eine ewige Erlösung erworben“ (Hebr 9,12).

– Am Versöhnungstag trägt der Sündenbock zeichenhaft die Schuld weg. Aber von Jesus Christus heißt es: „Er hat unsere Sünden selbst hinaufgetragen an seinem Leib auf das Holz … durch dessen Wunden ihr geheilt worden seid“ (1. Petr 2,24; eine Anspielung auf das stellvertretende Leiden des „Gottesknechts“ in Jes 53,4f).

„Ihr sollt heilig sein!“

Levitikus 19 und 25

Dies sind die Gebote,

die Mose am Berg Sinai

vor versammelter Gemeinde verkündete:19,1

„Ihr sollt heilig sein,

denn ich bin heilig

spricht der Herr, euer Gott.19,2

Darum ehrt Mutter und Vater.

Haltet meinen Sabbat ein.

Denn ich bin der Herr, euer Gott.19,3

Dient nicht anderen Göttern.

Macht euch keine

gegossenen Götzenbilder.

Denn ich bin der Herr, euer Gott.19,4

Bringt dem Herrn Opfer dar,

die ihm wohlgefallen.

Und lasst die Armen

auf euren Feldern Nachlese halten.

Denn ich bin der Herr, euer Gott.19,5ff

Stehlt nicht und lügt nicht

und betrügt nicht einander.

Legt keinen Meineid ab

und entweiht nicht

meinen heiligen Namen.

Denn ich bin der Herr, euer Gott.19,11

Und dies gebietet Gott allen,

die sich zu seinem Volk zählen:

Du sollst deinen Nächsten

nicht ausbeuten oder sogar enteignen.

Du sollst auch dem Tagelöhner

nicht seinen Lohn vorenthalten

noch einem Behinderten

ein Hindernis in den Weg legen,

sondern dich fürchten vor deinem Gott.

Denn ich bin der Herr.19,13f

Du sollst vor Gericht nicht zulassen,

dass Unrecht geschieht,

sondern deinen Nächsten gerecht richten.

Du sollst auch nicht deinen Nächsten

vor anderen schlechtmachen

oder sein Leben fordern.

Denn ich bin der Herr.19,15f

Du sollst deinen Bruder nicht hassen,

sondern ihn zurechtweisen,

damit du keine Schuld auf dich lädst.

Du sollst auch nicht deinen Zorn

gegen andere aus deinem Volk richten.

Du sollst deinen Nächsten lieben

wie dich selbst.

Denn ich bin der Herr.“19,17f

– – –

Und weiter sprach Gott zu Mose:

„Sage dem Volk Israel:

Wenn ihr in das Land kommt,

das ich euch geben will,

dann achtet darauf,

was ich euch gebiete.

Alle sieben Jahre sollt ihr

ein Sabbatjahr halten,

da soll das Land ruhen.

Und ihr sollt keine Arbeit

auf dem Feld tun.25,1ff

Aber im 50. Jahr,

nach sieben mal sieben Jahren,

sollt ihr ein Erlassjahr begehen.

Da sollt ihr alle Schulden erlassen

und alle freilassen, die sich

an euch verkauft haben.25,8ff

Enthalte deinem Nächsten nicht vor,

was ihm zusteht,

sondern fürchte Gott und tu,

was er dir gebietet.25,17

Auch sollt ihr nicht Land verkaufen.

Denn das Land gehört mir.

Ihr seid nur Fremde und Gäste bei mir.25,23

Wenn aber dein Bruder verarmt

und kein Auskommen hat,

so sollst du ihn wie einen Fremden

oder Gast bei dir aufnehmen,

damit er neben dir leben kann.25,35

Denn ich bin der Herr euer Gott.

Ich habe euch aus Ägypten geführt,

um euch das Land zu geben,

und will euer Gott sein.“25,38

Dies sind die Worte, die Mose

am Berg Sinai verkündete.

Sein Wort richtet sich an alle,

die sich zu Gottes Volk zählen.

Sie sollen erkennen:

Gott will nicht nur ihre Opfer.

Ihr ganzes Leben gehört Gott.

Auf die kultischen Anweisungen, die ihren Höhepunkt in den Anweisungen zum Versöhnungstag finden, folgen die Gebote, die das Leben im Alltag und das Zusammenleben im Volk Gottes regeln. Grundlage sind die Zehn Gebote, die hier in leicht veränderter Form wiederholt werden (19). Sie werden durch Weisungen ergänzt, die sich auf die Gemeinschaft untereinander beziehen. Aber auch sie sind bestimmt von der Heiligkeit Gottes, die dem täglichen Zusammenleben ihren besonderen Stempel aufdrückt. Nicht dass die Menschen sich „heiliger“ verhalten sollten! Aber sie werden daran erinnert, dass ihr ganzes Leben Gott gehört und sich ihr Gottesdienst im täglichen Zusammenleben vollzieht. Dies zeigt sich insbesondere im Verhältnis zu den Armen und Rechtlosen im Volk. Sie sind Gott „heilig“. Wer sich an ihnen schuldig macht, macht sich vor Gott schuldig (25,17). Sie sind die „Nächsten“, denen Gottes besondere Liebe und Zuwendung gilt, weil sie besonderer Hilfe bedürfen. (Vgl. dazu die prophetische Kritik am Opferkult auf Kosten der Armen z.B. Am 5,21ff / Jes 1,10ff.)

„Ich will unter euch wohnen.“

Levitikus 26

Wer auf Gottes Wort hört

und tut, was er sagt,

dem verheißt Gott seinen Segen.

Er spricht durch Mose zu seinem Volk:

„Werdet ihr meine Vorschriften

und Gebote beachten,

so will ich euch Frieden

in eurem Land geben.26,3ff

Ich will euch mehren

und ein großes Volk aus euch machen.

Und ich will meinen Bund

mit euch aufrichten.

Ich will in eurer Mitte wohnen

und will euer Gott sein.

Und ihr sollt mein Volk sein.

Denn ich bin der Herr euer Gott.

Ich habe euch aus Ägypten

in die Freiheit geführt.26,9ff

Wenn sie aber nicht auf mich hören,

so werden ihre Städte

und ihre Heiligtümer zerstört

und ihr Land wird veröden.26,31f

Dann werden sie ihre Schuld bekennen.

Ich aber will an meinen Bund

mit Abraham, Isaak und Jakob denken.

Auch wenn sie im fernen Land sind,

wende ich mich nicht von ihnen ab.

Mein Bund bleibt bestehen.

Denn ich bin der Herr, ihr Gott.“26,40ff

In diesen Zusagen Gottes laufen alle Segenslinien aus dem Genesis- und Exodusbuch zusammen. Sie erinnern an den Bund Gottes mit Abraham ebenso wie an den Bundesschluss am Sinai, der in der Bundesformel anklingt: „Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.“ Und sie gipfeln in der Zusage: „Ich will in eurer Mitte wohnen.“ (26,11f). Das ist die einzigartige Botschaft dieses Buches: Der heilige Gott bleibt nicht in seiner Welt, sondern geht den Weg in die Tiefe, um für immer unter seinem Volk zu wohnen. Es ist der Weg seiner „Selbsterniedrigung“, der den Graben zwischen der Welt Gottes und unserer Welt überbrückt. Es ist das Evangelium von der „Einwohnung“ Gottes in unserer Welt. In Ex 40,34 wurde sie bildhaft im Bild der Wolke beschrieben, die sich auf das Heiligtum Gottes herabsenkt und Gottes Gegenwart, seine „Herrlichkeit“ (hebr. kabod), offenbart. Seine endgültige Erfüllung findet sie in der Menschwerdung Jesu und in der Offenbarung seiner Herrlichkeit. In erkennbarer Anlehnung an die hier verheißene Einwohnung Gottes im Zelt der Offenbarung bezeugt das Johannesevangelium von Jesus: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte (wörtl. zeltete) unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit“ (Joh 1,14).

Das 4. Buch Mose / Numeri

In der Wüste

Das 4. Buch Mose erzählt von der 40-jährigen Wüstenzeit Israels. Im Unterschied zu den Erzählungen im Exodusbuch ist diese Zeit bestimmt von der Frage: Wird sich das Volk Gottes im Bund mit Gott bewähren oder versagen? Dabei verfolgt das Buch in seinen Erzählungen eine zweifache Intention: Auf der einen Seite werden die 40 Jahre in der Wüste als Zeit göttlicher Führung und Fürsorge vorgestellt, auf der anderen Seite als Zeit menschlichen Versagens und offener Rebellion gegen Gott, als Zeit göttlicher Treue und menschlicher Untreue.

(1) Gottes Treue

Gott geht seinem Volk auf dem Weg durch die Wüste voran. Das sichtbare Zeichen seiner Gegenwart sind die Stiftshütte und die Bundeslade. Sie führt den Zug an. Feierlich, in einer vorgeschriebenen Marschordnung, fast wie in einer Prozession, soll das Volk der Bundeslade folgen (10,33). Nach dem Befehl Gottes soll es aufbrechen und sich lagern (9,18ff). Es ist ein „heiliger“ Weg, den Gott sein Volk führt. Auf diesem Weg soll das Volk Israel lernen, auf seinen Gott zu hören, und täglich seine Führung erfahren und bekennen.

Ähnlich sieht auch das 5. Buch Mose die Wüstenwanderung als Zeit besonderer Zuwendung Gottes, der sein Volk auf dem langen Weg begleitet und „getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt“ (Dtn 1,31). Im Rückblick auf diese Zeit soll sich Israel dankbar erinnern, was Gott für sein Volk getan hat. „Denn der Herr, dein Gott, hat dein Wandern durch diese große Wüste auf sein Herz genommen. Vierzig Jahre lang war der Herr dein Gott bei dir. Nichts hast du entbehrt“ (Dtn 2,7).

(2) Israels Untreue

Auf dem Hintergrund der Treue Gottes heben sich die Erzählungen des 4. Mosebuches scharf ab. Sie erzählen alle von der Untreue Israels, das auf seiner Wanderung durch die Wüste kläglich versagt hat. Von Anfang an „murrt“ dieses Volk (vgl. auch Ex 15,24 u.ö.). Es lässt sich von der Unzufriedenheit einiger Mitläufer anstecken und verschmäht das Manna, das Gott in der Wüste für sie bereithält (11). Danach rebelliert es offen gegen Gott und seinen Diener Mose (12f). Ja, es will lieber in die Unfreiheit zurückkehren, als den Weg mit Gott zu wagen (14). Schließlich kommt es sogar zur offenen Revolte gegen Mose unter seinen eigenen Stammesbrüdern aus dem Stamm Levi (16). Mose wird als Mittler zwischen Gott und seinem Volk fast zerrieben zwischen den Fronten. Er leidet an seinem Volk, das Gottes Wohltaten nicht begreifen will. Er leidet aber auch an Gott, der die Last dieses Volkes auf ihn gelegt hat. Dies zeigt sich eindrucksvoll an den Gebeten Moses, die in diesem Buch einen wichtigen Platz einnehmen.

(3) Gottes Segen über seinem Volk

Die Erzählung von Bileam bildet den Schluss- und Höhepunkt unter den Erzählungen des 4. Mosebuches (22–24). Sie zeigt das Volk Israel aus der Perspektive seiner Feinde: Israel, ein Volk, von allen gefürchtet, gehasst und bedroht – und dennoch von Gott bewahrt und gesegnet. So ist es wohl kein Zufall, dass im 4. Buch Mose der leidvolle Weg Israels durch die Wüste von Segensworten umrahmt wird. Am Anfang seines Weges steht der Segen Aarons (Num 6,22ff). Er bleibt unsichtbar über dem Volk auf seinem Weg durch die Wüste und wird am Ende durch den heidnischen Seher Bileam ausdrücklich bestätigt. Was auch immer auf diesem Weg geschehen sein mag – Gottes Segen bleibt über seinem Volk.

Das Buch Numeri im Überblick:

1–10: Verzeichnisse und verschiedene Vorschriften

6,22ff: Aarons Segen

11–21: Erzählungen aus vierzigjähriger Wüstenzeit

22–24: Die Bileamserzählung

24,4ff: Bileams Segen

(25): Israels Götzendienst

(26–36): Verzeichnisse und Ordnungen

Aarons Segen

Numeri 6,22–27

Dies ist der Segen, den das Volk Israel

durch Aaron, den Priester empfing,

als es vom Sinai aufbrach.

Gott sprach zu Mose:

Sag Aaron und seinen Söhnen:

Wenn ihr mein Volk segnet,

sollt ihr dieses Segenswort sprechen

und meinen Namen auf das Volk legen:

Der Herr segne dich

und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht

leuchten über dir

und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht

über dich

und gebe dir Frieden.

Aufbruch

Numeri 10

Über ein Jahr hatten die Israeliten

am Berg Sinai gelagert.

Nun machten sie sich bereit,

ihren Weg durch die Wüste fortzusetzen.10,11

Ungeduldig warteten sie,

bis sich endlich die Wolke

über der Wohnung Gottes erhob.

Dies war das Zeichen zum Aufbruch.9,15ff

Da bliesen die Priester

in ihre Trompeten.10,5f

Alle, Männer, Frauen und Kinder,

machten sich zum Aufbruch bereit.

Die Männer schlugen die Zelte ab

und stellten sich

in Reih und Glied auf,

nach Stämmen geordnet.

Die Bundeslade führte den Zug an.

Auf sie folgte der Stamm Juda,

danach die anderen elf Stämme.

Aber die Männer aus dem Stamm Levi,

Leviten genannt,

gingen geschützt

in der Mitte des Zugs.

Denn sie trugen das Zelt Gottes,

das sie zuvor zerlegt hatten,10,17

wie auch alle heiligen Geräte,

die zur Wohnung Gottes gehörten.10,21

Gemeinsam zogen sie nordwärts,

durch die Wüste Paran,

dem Gelobten Land entgegen.

Die Wolke zog ihnen voran.

Sie wies ihnen den Weg

durch die Wüste.10,11ff

Aber der Weg war beschwerlich.

Inzwischen war das Volk

schon drei Tage unterwegs

und hatte sich

noch keine Ruhe gegönnt.

Da senkte sich die Wolke

endlich wieder auf sie herab.

Dies war das Zeichen,

dass sie sich lagern sollten.

Da hielten sie an,10,33

schlugen die Zelte auf

und ruhten sich aus

im Schutz der Wolke,

die über der Wohnung Gottes schwebte.

So zogen die Israeliten

von Ort zu Ort durch die Wüste,

von einem Lagerplatz zu dem andern.

Gott selbst wies ihnen den Weg.

Und sooft die Lade aufbrach,

sprach Mose dieses Gebet:

„Herr! Steh auf!

Lass Feinde fern von uns sein!“

Und wenn sich die Wolke

wieder herabsenkte,

betete er:

„Herr, komm wieder zu uns,

zu den vieltausend Menschen,

die zu deinem Volk Israel zählen!“10,35f

Die Wolke war über ihnen,

wenn sie zur Ruhe kamen.

Und wenn sie aufbrachen,

ging ihnen die Wolke voran,

als Wolkensäule bei Tag

und als Feuersäule bei Nacht.14,14

Gott war in der Wolke.

Sein Wort ging ihnen voran

auf dem Weg durch die Wüste.9,15ff

In einer festgelegten Ordnung zieht das Volk Israel durch die Wüste – nach Stämmen geordnet, entsprechend der Lagerordnung, die in Num 2 vorgegeben ist. Das „wandernde Gottesvolk“ gleicht hier einem Heerbann, der zu einem Eroberungsfeldzug aufbricht. Aber das Bild trügt. Der Weg Israels durch die Wüste erinnert eher an eine Prozession. In feierlicher Ordnung folgen die Israeliten der Bundeslade und bekennen damit öffentlich, dass es Gott ist, der ihnen den Weg weist. Es ist ein „heiliger“ Weg, den sie geführt werden, ein Lernweg, auf dem sie die Treue zu ihrem Gott täglich neu zu bewähren haben.

Das verdrossene Volk

Numeri 11

Viele Wochen war das Volk Israel

schon unterwegs in der Wüste.

Aber sie kamen nur langsam voran.

Da streikten die fremden Knechte,

die den Israeliten dienten.

Und sie protestierten:

„Das ist doch kein Leben.

Immer nur dieses eklige Manna!

Gebt uns Fleisch zu essen!

Sonst gehen wir ein.“11,4

Da verspürten auch die Israeliten

auf einmal gewaltigen Hunger.

„Ja“, jammerten sie,

„hätten wir Fleisch,

dann ginge es uns besser!

Aber wer besorgt uns

Fleisch in der Wüste?

Erinnert ihr euch an Ägypten?

Da hatten wir’s gut.

Denkt an die Fische,

die wir dort aßen.

Alle umsonst!

Und wie schmeckten

die Gurken und die Melonen!

Und Lauch, Zwiebeln und Knoblauch!

Doch hier – was gibt es schon hier?

Nichts als das klebrige Manna!

Wir haben es satt!

Wir wollen das Manna nicht mehr!“

Mürrisch sammelten sie

das Manna in ihre Krüge.11,4ff

Als aber Mose hörte,

wie sich das Volk bitter beklagte,

packte ihn heiliger Zorn.

Wie? Dieses Volk wagte es,

Gottes Gaben so zu verachten?

Mose wusste sich keinen Rat.

Er flüchtete sich zum Zelt Gottes.

Dort schüttete er seinen Unmut

vor Gott aus.

„Ach Herr!“, betete er.

„Warum tust du mir dieses Volk an?

Warum soll ich es tragen?

Ich bin es leid.

Ich ertrag es nicht mehr.

Ist es etwa mein Volk?

Habe ich es geboren?

Wie kannst du dann sagen:

Sorge du für das Volk!

Trag es wie eine Amme!?

Wie soll ich das Volk denn versorgen?

Woher nehme ich Fleisch?

Ich mag nicht mehr.

Dieses Volk wird mir zu schwer.

Töte mich lieber,

dass ich dieses Elend

nicht länger ansehen muss!“11,10ff

Da sprach Gott zu Mose:

„Ich will dich entlasten.

Wähle dir siebzig Älteste

aus dem Volk aus.

Die sollen das Amt mit dir teilen.

Ich will meinen Geist auf sie legen.

Aber denen, die jammern,

sollst du verkünden:

Fleisch wollt ihr haben?

Ihr sollt es bekommen.

Denn Gott hat eure Klagen gehört.

Einen Monat lang

sollt ihr Fleisch essen,

bis es euch zum Hals heraushängt

und euch übel davon wird.

Denn ihr habt Gott verworfen,

obwohl er mitten unter euch ist!“11,16ff

„Aber wie soll das zugehen?“,

fragte Mose ungläubig.

„600 000 Menschen zählt dieses Volk.

Woher bekommen wir Fleisch

für so viele Menschen?

All unser Vieh reicht dafür nicht aus.

Und wenn wir alle Fische im Meer fingen,

so wäre es immer noch nicht genug.“11,21f

Doch Gott sprach zu Mose:

„Ist denn die Hand des Herrn zu kurz?

Glaubst du etwa,

ich könne nicht helfen?

Warte nur ab!

Dann wirst du sehen,

ob sich mein Wort erfüllt.“11,23

Da wählte Mose siebzig Männer

aus dem Kreis der Ältesten aus,

stellte sie rings um das Zelt auf

und setzte sie in ihr Amt ein.

Und als Mose seine Hand auf sie legte,

da geschah es:

Gottes Geist kam auf die Ältesten herab,

wie Gott zugesagt hatte.11,24f

Am Abend aber kam

vom Meer her ein Wind auf.

Ein Schwarm schwarzer Wachteln

flog auf das Lager zu.

Und ehe die Leute begriffen,

was hier geschah,

ließen sie sich vor ihnen fallen

und bedeckten das Lager.11,31

Gierig stürzten sich alle

auf ihre Beute, packten und rafften,

soviel sie in ihre Hände bekamen.

Den ganzen Tag und die Nacht

liefen sie hin und her

und sammelten die Vögel

in hohen Haufen vor ihren Zelten.

Danach schlachteten sie die Vögel,

brieten sie über dem Feuer

und aßen sich satt.

Und was übrig blieb,

das legten sie zum Trocknen

vor ihre Zelte.11,32

Aber es dauerte nicht lange,

da wurde den Leuten furchtbar übel.

Eine schwere Seuche brach aus.

Zahllose Menschen starben,

vergiftet durch ihre eigene Gier.

Da merkten die Israeliten,

was sie Gott angetan hatten.

Eilig begruben sie ihre Toten,

brachen die Zelte ab

und verließen fluchtartig

den traurigen Ort. 11,33ff

Diese Erzählung bildet den Auftakt zu einer Serie hochdramatischer Erzählungen, die in immer neuen Variationen die Rebellion des Volkes gegen Gott zum Thema haben. Wie eine ansteckende Seuche, so breitet sich hier der Unmut im Volk aus. Ein kleiner Anstoß genügt, nur ein paar Unzufriedene protestieren, die selbst gar nicht zu Gottes Volk zählen – und schon ist das ganze Volk vom Virus angesteckt. Aber anders als bei den Speisungswundern im Exodusbuch ist es nicht der elementare Mangel, der das Volk „murren“ und klagen lässt (Ex 16,2), sondern der Überdruss an Gottes Gaben und die Verachtung seiner täglichen Wohltaten. Dies wiegt besonders schwer, weil es in der Gegenwart Gottes geschieht (V. 20). Das Zelt Gottes in ihrer Mitte erinnert daran. Dadurch gewinnt die Geschichte eine zusätzliche Schärfe. Sie wird in der Erzählung noch weiter zugespitzt durch die meisterhaft entfaltete Lust des Volkes auf „mehr“, sodass es am Ende zum Opfer seiner eigenen Lust wird.

Auch Mose erscheint hier in neuem Licht.

Nicht als der mächtige Retter und Bundesmittler, sondern als angefochtener Mensch, der die Last seines Amtes nicht mehr tragen kann. Sein Gebet gleicht eher einer Kapitulation. So stark ist er von der Verzagtheit des Volkes infiziert, dass er sogar Gottes Versprechen nicht mehr glauben kann (11,21f).

Aber gerade in dieser äußerst kritischen Situation, in der beide, Mose und das Volk, ihren Glauben verlieren, gießt Gott seinen Geist auf siebzig Auserwählte seines Volkes. Nicht der Bruch zwischen Gott und seinem Volk steht am Ende der Geschichte, sondern die unausgesprochene Zusage Gottes: „Mein Geist soll unter euch bleiben. Fürchtet euch nicht!“ (vgl. Hag 2,5).

Bei den Wachteln handelt es sich um Zugvögel auf ihrer Route von Europa nach Ostafrika. Von ihnen ist bekannt, dass sie sich auf ihrer Reise unterwegs in der Wüste oft vor Erschöpfung fallen lassen und somit zur leichten Beute von Menschen werden können.

Aufstand

Numeri 13–14

Über ein Jahr war inzwischen vergangen.

Da kamen die Israeliten nach Kadesch

in der Wüste Paran

und hielten dort Rast.12,16

Sehnsüchtig blickten sie

zu den Bergen hinüber.

Dahinter lag Kanaan, das Land,

das Gott ihnen versprochen hatte.

Nicht mehr lange, so hofften sie,

dann waren sie im Gelobten Land.

Aber wie, wenn das Land

schon bewohnt war?

Da wählte Mose zwölf Sippenhäupter

aus allen zwölf Stämmen aus.

Auch Josua vom Stamm Ephraim

und Kaleb vom Stamm Juda waren dabei.

Ihnen befahl Mose:

„Geht uns voran!

Zieht über die Berge

und erkundet das Land!

Seht euch dort genau um!

Sind seine Bewohner schwach

oder sind sie zahlreich und stark?

Wohnen sie in Zelten

oder haben sie befestigte Städte?

Ist das Land fruchtbar?

Wachsen dort Bäume

und tragen sie Früchte?

Dann bringt sie uns mit!

Nur Mut! Fürchtet euch nicht!“13,17ff

Da zogen die Männer los,

um das Land Kanaan zu erkunden.

Sie drangen ins Südland vor,

bis zum Bach Eschkol,

und nahmen von allen Früchten,

die sie dort fanden.

Granatäpfel und frische Feigen,

auch eine Traube, so schwer,

dass sie auf einer Stange

von zweien getragen wurde.13,21ff

Endlich, nach vierzig Tagen,

kehrten die Männer wieder zurück,

über und über mit Früchten beladen.

„Seht her!“, riefen sie dem Volk zu.

„Dies alles wächst in dem Land.

Es ist wirklich ein Land,

in dem ‚Milch und Honig fließt‘!

Aber stark ist das Volk, das dort wohnt.

Und seine Städte sind ringsum

von hohen Mauern umgeben.

Wir sahen dort auch Männer,

riesig groß und viel stärker als wir.

Daneben kamen wir uns

wie winzige Heuschrecken vor.

Wir können sie niemals bezwingen.“13,25ff

Da schlug plötzlich die Stimmung um.

Im Lager brach Panik aus.

Die Leute heulten und schrien:

„Was nun? Was sollen wir tun?

Mose! Aaron! Ihr beide seid schuld.

Ihr habt uns in diese Falle gelockt.

Warum führt Gott uns in dieses Land,

wenn wir doch alle umkommen werden?

Wären wir doch in Ägypten gestorben

oder hätten hier in der Wüste ein Grab!

Kommt, wir kehren um!

Wir suchen uns einen Anführer,

der uns nach Ägypten zurückbringt.“

So schrien sie laut durcheinander

und beschimpften Mose und Aaron

mit harten Worten.14,1ff

Da wussten sich die beiden

keinen Rat mehr.

Vor allen Augen warfen sie sich

auf die Erde und schrien zu Gott.

Die ganze Nacht lagen sie da,

während das aufgebrachte Volk

um sie her tobte und schrie.14,5

Als aber Josua und Kaleb sahen,

wie das Volk sich empörte,

zerrissen sie ihre Kleider

und riefen entsetzt in die Menge:

„So nehmt doch Verstand an!

Bleibt ruhig!

Hört, das Land ist sehr gut.

Wenn es Gott gefällt,

wird er uns das Land geben.

Macht nur keinen Aufstand!

Vertraut eurem Gott!

Und fürchtet euch nicht!“14,6ff

Aber die Menge schrie noch viel mehr:

„Hört nicht auf sie!

Bringt sie zum Schweigen!

Auf, steinigt die beiden!“14,10

Da erschien Gottes Herrlichkeit

vor allem Volk über dem Zelt.

Und Gott sprach zu Mose:

„Wie lange noch

verachtet mich dieses Volk?

Wie lange weigert es sich,

mir zu vertrauen?

Dann soll es haben,

was es sich wünscht:

Es soll in der Wüste sterben.“14,10ff

„Ach nein, Herr!“,

erwiderte Mose erschrocken.

„Was werden die Ägypter sagen,

wenn sie das hören?

So mache nun wahr,

was du deinem Volk zugesagt hast.

Denn du bist gnädig und barmherzig

und vergibst Schuld.

Bitte, vergib diesem Volk!

Hab Erbarmen mit ihm

und lass es am Leben!“14,13ff

Da sprach Gott zu Mose:

„Ich habe vergeben.

Wie du gebeten hast,

so soll es geschehen.

Doch keiner von ihnen

wird das Gelobte Land sehen.

Vierzig Jahre sollen sie

in der Wüste umherirren.

Erst ihre Kinder werden

in das Gelobte Land gehen.

Aber Josua und Kaleb

werden in das Land kommen.

Denn sie allein blieben mir treu.“14,20ff

Da erkannten die Israeliten,

was sie Gott angetan hatten.

Und sie nahmen sich vor:

Morgen wagen wir es.

Dann ziehen wir über die Berge.

Doch Mose warnte sie: „Tut’s nicht!

Gott ist nicht mit euch!“

Aber niemand hörte auf ihn.14,39ff

Am nächsten Morgen brachen sie auf.

Doch kaum waren sie in den Bergen,

fielen feindliche Horden über sie her

und jagten sie in die Wüste zurück.14,44f

Diese Geschichte bedeutet noch eine deutliche Steigerung gegenüber der vorigen. Es ist die Angst vor dem Kommenden, die das Volk in den Unglauben stürzt. Sie wird durch den Bericht der Kundschafter geschürt. In ihrer Schilderung werden die Gefahren noch größer, die Menschen dort noch riesiger, die Mauern noch unüberwindlicher, sodass der Weg in die Zukunft verbaut und nur der Rückzug möglich scheint. Aber der Aufstand des Volkes richtet sich nicht nur gegen Mose und Aaron. Er bedeutet vielmehr offene Rebellion gegen Gott. „Fallt nur nicht ab vom Herrn!“, so warnen Josua und Kaleb das Volk (14,9). Aber in Wahrheit haben sie bereits ihrem Gott abgesagt.

Und Mose? Seine Situation ist in dieser Geschichte verzweifelt. Der Aufstand des Volkes richtet sich ja ausdrücklich gegen seine Autorität. Mose stellt sich nicht, wie erwartet, energisch dem Volk entgegen – das übernehmen an seiner Stelle Josua und Kaleb –, sondern er wendet sich mit Aaron im Gebet an Gott. Sein Amt ist es nun, für das Volk zu bitten, im Gebet mit Gott zu ringen und ihn an seine Verheißung zu erinnern. Das ist das Bild des Mose, wie es uns das 4. Buch Mose mit jeder weiteren Erzählung immer deutlicher vor Augen führt: Mose – ein Mensch, der an seinem Volk und an Gott leidet, der zwischen den Fronten zerrieben wird, aber zugleich auch der Mittler, der in die Bresche springt und stellvertretend für sein Volk vor Gott eintritt.

Korach

Numeri 16 und 17

Viele Jahre lang zogen die Israeliten

in der Wüste Paran umher.

Dabei schleppten sie

ihr ganzes Hab und Gut mit sich.

Am meisten hatten

die Leviten zu tragen.

Gott hatte sie vor allen anderen

zum Dienst am Zelt Gottes bestimmt.

Er hatte ihnen durch Mose geboten:

„Ihr Männer vom Stamm Levi,

ihr sollt das Zelt Gottes tragen

samt allem, was dazugehört.

Auch die Bundeslade

und die Altäre sollt ihr

durch die Wüste tragen.

Und sooft wir aufbrechen,

baut ihr das heilige Zelt ab und

tragt die Decken und Stangen

bis zum nächsten Lagerplatz

auf euren Schultern.

Dort baut das Zelt wieder auf.

Nur ihr allein dürft es tun.

Denn außer euch darf niemand

die heiligen Geräte berühren.“4,1ff

So trugen die Leviten

mit Freude die heilige Last.

Niemand klagte unter der Bürde.

Nur Korach, ein namhafter Vertreter

aus dem Stamm Levi, war empört.

„Wie?“, fragte er sich.

„Warum müssen nur wir uns plagen?

Warum fassen Mose und Aaron nicht an?

Glauben sie etwa,

sie seien besser als wir?

Sie gehören doch genauso

zum Stamm Levi wie wir!

Also sind wir auch

ebenso heilig wie sie.“16,3

Darauf tat sich Korach

mit ein paar Freunden zusammen,

Datan, Abiram und On mit Namen.

„Ich bin es leid!“, schimpfte Korach.

„Mose und Aaron gehen zu weit.

Aber wir werden ihnen zeigen,

wer hier das Sagen hat, sie oder wir.“16,1ff

Und Korach rief heimlich

die Ältesten der Gemeinde zusammen,

250 Männer mit Rang und Namen.

Die stachelte er auf

gegen Mose und Aaron.

„Wollt ihr ewig nur tun,

was euch die beiden befehlen?

Seid ihr nicht ebenso heilig wie sie?

Warum dürfen nur sie

ein Opfer darbringen?

Warum nicht wir alle?

Ist das etwa gerecht?

Auf, wir beschweren uns!

Wir fordern dieselben Rechte wie sie.“16,2

Das gefiel den Ältesten gut.

Auch sie hatten es satt,

nur auf Mose und Aaron zu hören.

Wütend zogen sie zum Heiligtum.

Und sie riefen empört: „Mose! Aaron!

Ihr beide geht wirklich zu weit.

Oder bildet ihr euch ein,

ihr wäret heiliger als wir?

Wir alle sind heilig, nicht nur ihr.

Warum wollt ihr über uns herrschen?“16,3

Aber Mose antwortete nicht.

Kein einziges Wort brachte er

über die Lippen.

Als er die aufgebrachte Menge sah,

warf er sich auf die Erde

und redete lange mit seinem Gott.

Reglos, wie tot, lag er da.16,4

Da wurde es auf einmal ganz still.

Alle starrten auf Mose.

Der aber stand auf und laut rief er

Korach und seinen Anhängern zu:

„Hört, ihr Männer vom Stamme Levi!

Gott hat euch vor allen erwählt.

Ihr dürft unserem Gott

täglich am Heiligtum dienen.

Ist euch das nicht genug?

Müsst ihr unbedingt Priester sein?

Bedenkt, was ihr tut!

Ihr zettelt einen Aufstand an.

Aber nicht uns,

sondern Gott greift ihr an.

Hört, Korach und ihr alle

vom Stamm Levi:

Morgen wird Gott zeigen,

wer zu ihm gehört und wen er erwählt hat.

Kommt morgen früh zum Zelt Gottes

und bringt Gott ein Rauchopfer dar.

Dann wird man sehen,

was mit eurem Opfer geschieht.“16,5ff

Auch Datan und Abiram ließ Mose rufen.

Aber die beiden weigerten sich.

Sie ließen Mose ausrichten:

„Nein, wir kommen nicht.

Wir hören nicht mehr auf dich.

Du hast uns schon genug angetan.

Willst du nun auch über uns herrschen?

Ist das etwa das Gelobte Land,

das du uns versprochen hast?“16,12ff

Da packte Mose der Zorn.

„Wie?“, rief er wütend.

„Sie wollen nicht kommen?

Was habe ich ihnen denn getan?

Nicht einen einzigen Esel

habe ich ihnen genommen.“

„Ach Herr“, betete er,

„lass ihren Plan nicht gelingen

und nimm ihr Opfer nicht an!“16,15

Als aber Mose am nächsten Tag

zum Zelt Gottes kam,

traute er seinen Augen nicht.

Vor dem Zelt Gottes

standen Korachs Anhänger

mit 250 Räucherpfannen bereit.

Sie schwenkten ihre Pfannen,16,17

auf denen das Rauchopfer schwelte.

Eine große Gemeinde umringte sie

und staunte sie an.

„Ach Herr“, betete Mose erschrocken,

„lass doch nicht zu,

dass Korach alle ins Unglück stürzt.

Verschone ihr Leben!“

Und Mose lief auf die Gemeinde zu.

„Achtung!“, rief er, „weicht alle zurück!

Lauft weg, bevor es zu spät ist!“16,22ff

Da – plötzlich bebte die Erde.

Riesige Risse taten sich auf.

Die Menschen stoben davon.

Hinter sich hörten sie Schreie:

„Feuer! Feuer!“

Doch niemand wandte sich um.

Im Nu waren alle

in ihren Zelten verschwunden.16,31

Auf einmal war es totenstill.

Im ganzen Lager

war kein Mensch mehr zu sehen.

Erst am nächsten Morgen

wagten sich die Leute wieder

aus ihren Zelten hervor.

„Wo ist Korach?“, flüsterten sie.

„Wo ist Datan? Und wo ist Abiram?“

Sie waren vom Erdboden verschluckt.

Da zogen alle zu Aaron und Mose

und beschwerten sich bitter.

Ihr beide seid schuld.

Ihr habt unsere Männer

auf dem Gewissen.

Wütend stürzten sie sich auf die beiden.

Doch Mose blickte sie entsetzt an:

Merkten sie denn nicht,

wie sie gegen Gott rebellierten?

Wenn sie so weitermachten,

war Gott mit seiner Geduld

bald endgültig am Ende.

„Aaron!“, rief Mose.

„Schnell, bring ein Sühnopfer dar!

Entsühne das Volk!

Sonst stürzt es in seinen sicheren Tod.“17,6ff

An diesem Tag fanden

viele Tausende den Tod.

Aber Mose und Aaron und alle,

die vor ihnen standen,

blieben am Leben.17,11ff

Nirgends wird das Amt Moses und seine Führungsrolle im Volk so radikal infrage gestellt wie in dieser Geschichte. Der Aufruhr der Korachiten gegen ihn und Aaron wiegt umso schwerer, als er aus den eigenen Reihen der Leviten kommt. Auch die Leviten haben als Diener am Haus Gottes eine herausgehobene Stellung im Volk (s. Num 3,6ff). Aber nun verkehrt sich dieses Vorrecht in Anklage. Das Amt, das Gott ihnen durch Mose anvertraut hat, wird jetzt nicht mehr als Auszeichnung empfunden, sondern als unzumutbare Last. Die Folge sind Neid und offener Widerspruch gegen Mose, der die Gemeinde zu spalten droht. Ausdrücklich wird hier das Volk als „Gemeinde“ angesprochen, als Gemeinschaft derer, die Gott dazu berufen hat, ihm zu dienen und ihn zu ehren vor allen Völkern.

Aber Mose ist von Gott zu einem besonderen Auftrag berufen (s. Ex 3). Sein Amt ist daher nicht einfach – demokratisch – austauschbar, weil Gott selbst zu Mose und durch Mose spricht. Schon in Num 12 wird dies ausdrücklich gesagt, als sogar Mirjam und Aaron, Moses Geschwister, Moses alleinige Führungsrolle anfechten und fragen: „Redet der Herr nur durch Mose? Redet er nicht auch durch uns?“ (12,2). In beiden Fällen folgt eine ungewöhnlich harte „Strafe“: Mirjam wird aussätzig und die Korachiten stürzen in eine Erdspalte.

Beides ist zwar auch natürlich zu erklären. Aber hier wird damit noch unausgesprochen ausgesagt: Wer die Gemeinde spaltet, hat sich selbst bereits aus der Gemeinschaft ausgeschlossen bzw. ist schon lebendig tot (wie jene, die zu den Toten hinabfahren, unter denen sich der „Schlund“ der Totenwelt öffnet). Vgl. dazu auch Aarons Legitimation als Priester durch den „grünenden Stab“ (Num 17,16ff)!

Kadesch

Numeri 20,1–13

Danach zogen die Israeliten

wieder in die Gegend von Kadesch.

Doch als sie dort ankamen,

fanden sie kein brauchbares Wasser.

Da brach unter den Israeliten

erneut ein Aufstand aus.

Sie rotteten sich zusammen,

drangen auf Mose und Aaron ein,

drohten ihnen und schrien empört:

„Ach, wären wir doch mit den anderen

in der Wüste gestorben!

Warum habt ihr uns hierher geführt,

damit wir hier sterben

mitsamt unserem Vieh?

Ja, warum habt ihr uns überhaupt

aus Ägypten geführt?

In dieser öden Gegend

kann doch kein Mensch überleben!

Wir können nichts säen und ernten,

weder Feigen noch Trauben

noch Granatäpfel – gar nichts!

Nicht einmal Wasser zum Trinken

haben wir hier.“20,2ff

So steigerten sie sich immer mehr

in ihre Wut und Verzweiflung hinein.

Mose aber wurde angst und bange,

als er sah, wie das Volk tobte.

Er flüchtete mit Aaron zum Zelt Gottes,

warf sich dort auf die Erde

und rang lange Zeit mit Gott im Gebet.20,6

Da erschien Gottes Herrlichkeit

über dem Zelt Gottes.

Und Mose hörte,

wie Gott zu ihm sprach:

„Nimm deinen Stab

und geht zu dem Felsen am Berg,

du und dein Bruder Aaron!

Ruft dort alle zusammen,

die ganze Gemeinde,

und befehlt dem Felsen:

‚Bring Wasser hervor!‘

Dann lasst alle trinken,

Menschen und Vieh!“20,6ff

Da stand Mose auf, nahm den Stab,

der im Zelt Gottes verwahrt war,

denselben Stab, mit dem er

durch das Schilfmeer gezogen war,

und ging mit Aaron zum Felsen.

Dort sammelte er alle um sich,

Männer und Frauen, Große und Kleine.

Und zornig schleuderte er ihnen entgegen:

„So hört doch endlich,

ihr widerspenstigen Leute!

Was traut ihr uns eigentlich zu?

Können wir euch wohl Wasser geben

aus diesem Felsen?“

Darauf packte er seinen Stab

und schlug zweimal auf den Stein.

Und siehe da! Aus dem Felsen quoll

frisches Quellwasser hervor!20,9ff

Da kam auf einmal Bewegung

in das erstarrte Volk.

„Seht, eine Quelle!“,

schrien die Leute begeistert.

Sie stürmten zur Quelle,

schlürften gierig das Wasser

und alle tranken sich satt,

Menschen und Tiere.

Endlich hatten alle genug.

Nach und nach verlief sich das Volk.

Aber niemand dachte daran,

Gott für das Wunder zu danken.

Auch Mose und Aaron

zogen sich grollend zurück.

Doch Gott sprach zu Mose und Aaron:

„Weil ihr mir nicht vertraut habt

und mich vor dem Volk nicht geehrt habt,

darum werdet auch ihr nicht

in das Gelobte Land kommen.“20,12

Da schwiegen die beiden betroffen.

Denn sie erkannten:

Auch sie waren nicht besser

als das übrige Volk,

das Gott so erzürnt hatte.

Es war allein Gottes Gnade,

dass sie noch lebten.

Gleich zweimal wird die Geschichte vom Haderwasser in den 5 Büchern Mose erzählt (Ex 17,1ff und Num 20,2ff. Vgl. auch Ps 81,8 / 95,8ff / 106,32!). Sie zeigt die hohe Bedeutung an, die man diesem Geschehen in der Überlieferung Israels beigemessen hat. Aber anders als in Ex 17 liegt hier der Ort des Geschehens im Gebiet von Kadesch, südlich von Kanaan. Dort hält sich das Volk viele Jahre lang auf und wartet vergeblich darauf, dass sich endlich ein Zugang zum Land Kanaan findet. In dieser Erzählfassung liegt das Gewicht nicht auf der elementaren Not des Volkes, sondern auf seinem Unglauben. Es zeigt sich, dass das Volk trotz all der Wunder, die es erfahren hat, nichts hinzugelernt hat. In diesem Fall werden auch Mose und Aaron vom Unglauben des Volkes infiziert. Worin ihr Unglaube konkret besteht, das lässt die Erzählung allerdings im Dunkel. Nur eines fällt an dieser Geschichte auf: Kein Wort des Dankes oder der Freude wird laut, weder im Volk noch bei Mose und Aaron. Dabei wird deutlich: Auch Mose und Aaron sind trotz ihres herausragenden Auftrags keine Glaubenshelden, sondern werden auch schuldig vor Gott und sind ebenso allein auf Gottes Gnade angewiesen wie alle anderen.

Diese Geschichte wird nach Num 20,24 und Dtn 32,51 als Grund angeführt, weshalb Aaron und Mose der Einzug ins Gelobte Land verwehrt war.

Schlangen

Numeri 20,14–21,9

Danach schickte Mose Boten

in das Gebiet der Edomiter voraus,

das südlich von Kanaan lag,

und ließ ihnen sagen:

„So spricht Israel, dein Bruder.

Lasst uns in Frieden

durch euer Land ziehen.

Denn unser Weg führt

durch euer Gebiet.“20,14ff

Doch die Edomiter

ließen sie nicht hindurchziehen,

sondern zogen ihnen entgegen

mit einem gewaltigen Heer.

Da führte Mose sein Volk

in einem weiten Bogen

um das Gebiet der Edomiter herum

und suchte von Osten her,

zum Land Kanaan zu gelangen.20,18ff

Aber unterwegs streikte das Volk.

„Mose“, schrien sie wütend.

„Warum hast du uns aus Ägypten

in diese Wüste geführt?

Willst du denn,

dass wir alle hier sterben?

Hier gibt es weder Wasser noch Brot,

immer nur dieses eklige Manna!“

So schimpften sie alle Tage

und setzten Mose hart zu.

Aber nicht nur ihn,

auch Gott klagten sie an.21,4f

Da suchten giftige Schlangen

das Lager der Israeliten heim.

Auf einmal krochen sie

aus allen Löchern hervor.

Sie schlangen sich um Arme und Beine

und blitzschnell bissen sie zu.

Viele Israeliten starben sofort

an ihren giftigen Bissen

„Hilfe!“, schrien die Leute.

„Wir sind verloren!“

Sie stürzten aus ihren Zelten.

Aber wohin sie auch flohen,

überall zischten ihnen

giftige Schlangen entgegen.21,6

Da überfiel alle Todesangst.

Sie liefen in Scharen zu Mose,

drängten ihn und flehten ihn an:

Jetzt erkennen wir:

Wir haben eine schwere Sünde getan.

Aber bitte Gott, dass er uns

von dieser Schlangenplage befreit!21,7

Da betete Mose für sein Volk.

Und Gott hörte auf sein Flehen.

Er befahl Mose:

„Mach eine Schlange aus Kupfer

und richte sie an einem Stab hoch auf.

Wer auf die Schlange blickt,

wird am Leben bleiben.“21,8

Und so geschah es.

Mose machte eine kupferne Schlange

und richtete sie hoch auf,

sichtbar für alle.

Wer aber gebissen wurde

und auf die Schlange blickte,

blieb am Leben.21,9

So rettete Gott sein Volk

aus großer Gefahr.

Er führte es sicher

durch Wüste und Feindesland,

bis es endlich, nach vierzig Jahren,

an der Grenze zum Land Kanaan stand.

Die vierzigjährige Zeit in der Wüste geht dem Ende zu. Aber noch immer ist für Israel der direkte Zugang zum Land Kanaan (von Süden) versperrt. Jetzt versucht Mose, über das Ostjordanland Kanaan zu erreichen. Dazwischen liegt das Gebiet der Edomiter, der Nachkommen Esaus. Als Brudervolk stehen sie daher in einer besonderen Beziehung zu Israel, an die auch an anderen Stellen der Bibel erinnert wird (z.B. Dtn 23,8: „Den Edomiter sollst du nicht verabscheuen, denn er ist dein Bruder“). Dies hindert aber beide Völker in späterer Zeit nicht daran, in dauernder Rivalität und Feindschaft zu leben, bis David die Edomiter endgültig unterwirft und sie seinem Reich einverleibt (2. Sam 8,13f).

Die Geschichte von der „ehernen Schlange“ bildet den Abschluss in der Reihe der Erzählungen von der vierzigjährigen Wüstenzeit, die im weiteren Umkreis der Oase Kadesch vermutet wird. Dabei stellt sich immer deutlicher heraus: Das Murren des Volkes ist nicht nur Ausdruck seiner Unzufriedenheit, sondern bedeutet offene Rebellion gegen Gott, entsprungen aus Überdruss und Unglauben. Dennoch gibt Gott sein Volk nicht preis, sondern setzt in dieser Geschichte ein sichtbares Zeichen seines Rettungswillens.

Die bronzene Schlange selbst gibt einige Rätsel auf. Sie wird meist mit Puon, einer berühmten Kupfererzmine der Antike, in Verbindung gebracht. Das Symbol der Schlange erinnert zudem an Asklepios, den Heilgott der Antike. Offenbar wurde der ehernen Schlange zur Zeit der Könige Israels göttliche Ehre erwiesen. Erst König Hiskia hat durch die Zerstörung der Schlange diesem Missbrauch ein Ende gesetzt (2. Kön 18,4). Ursprünglich aber bedeutet die eherne Schlange nicht mehr als ein sichtbares Zeichen, an dem sich der Glaube Israels festmachen kann. Das Volk in der Wüste wird nicht etwa durch die Schlange oder durch ihr innewohnende magische Kräfte geheilt, sondern Gott setzt mitten in tödlicher Gefahr ein Zeichen des Lebens.

An dieses Zeichen knüpft Jesus in seinem Gespräch mit Nikodemus an und deutet es auf seinen Kreuzestod: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben“ (Joh 3,14f).

Bileam

Numeri 22

Fast vierzig Jahre lang

hatte das Volk Israel

in der Wüste gelebt.

Nun war das Land Kanaan

nicht mehr weit.

Nur das Land Moab,

östlich des Jordan,

trennte das Volk noch

von dem Gelobten Land.

Da wurde Balak,

dem König von Moab, gemeldet:

Ein fremdes Volk ist aus Ägypten

in unser Land eingedrungen.

Es lagert in der Ebene von Moab,

nah an der Grenze.22,1f

Da erschrak der König

und mit ihm all seine Großen.

Denn sie hatten viel von diesem Volk

und seinen Taten gehört.

Und sie berieten sich

mit den Fürsten der Midianiter:

„Was sollen wir tun?

Uns graut vor diesem fremden Volk.

Sie sind wie gefräßige Rinder

und fressen uns alles weg,

was wir haben.22,3f

Vertreiben müssen wir sie.

Aber wie? Wir allein schaffen das nie.

Denn ein starker Gott ist auf ihrer Seite.

Darum schafft einen Menschen herbei,

der das Volk in Gottes Namen verflucht.

Dann wird es vielleicht schwach.

Danach können wir es vertreiben.“

Und Balak sandte eilig Boten zu Bileam,

einem Magier im Osten des Landes,

und ließ ihm sagen:

„Ein fremdes Volk ist aus Ägypten

in mein Land eingedrungen.

So komm und verfluche das Volk.

Denn es ist mir zu mächtig.

Vielleicht kann ich dann

den Kampf wagen

und das Volk aus meinem Land jagen.

Denn ich weiß: Wen du segnest,

der ist auch gesegnet.

Und wen du verfluchst,

der ist auch verflucht.“22,5f

Aber Bileam antwortete

den Gesandten des Königs:

„Erst will ich hören,

was Gott von mir will.

Darum bleibt über Nacht hier!

Morgen früh gebe ich euch Bescheid.“22,8

In der folgenden Nacht

lag Bileam lange Zeit wach.

Da hörte er, wie Gott zu ihm sprach:

„Wer sind diese Leute,

die hier bei dir wohnen?“

„Es sind Gesandte von Balak.

Sie wollen mich holen.“

Aber Gott sprach zu Bileam:

„Geh nicht mit ihnen!

Hör nicht auf sie!

Und verfluche das Volk nicht!

Denn Gott hat es gesegnet.“22,9ff

Da stand Bileam

am nächsten Morgen früh auf

und teilte den Fürsten mit:

„Zieht wieder zurück!

Ich gehe nicht mit.

Gott hat es verboten.“22,13

So kehrten die Gesandten

unverrichteter Dinge zurück

und meldeten Balak, dem König:

„Bileam will nicht kommen.

Er sagt: Gott lässt es nicht zu.“

„Wie?“, empörte sich Balak.

„Bileam weigert sich?

Er muss aber kommen.“22,14

Und er sandte

noch mächtigere Fürsten zu ihm

und ließ ihm sagen: „Komm doch!

Warum sträubst du dich noch?

Ich will dich hoch ehren.

Ich verspreche dir alles,

was du auch willst.

Nur um eines bitte ich dich:

Komm und verfluche dies Volk!“22,15ff

„Nein, das tue ich nicht.

Auch wenn mir Balak

all sein Gold und Silber verspricht,

ich höre nur auf das,

was Gott zu mir spricht.

Aber ich lade euch ein:

Bleibt auch ihr über Nacht hier!

Dann weiß ich gewiss,

was Gott von mir will.“22,18f

In der nächsten Nacht

lag Bileam wieder wach.

Ob Gott noch einmal zu ihm sprach?

Da war es ihm,

als hörte er Gottes Stimme:

„Bileam, steh auf!

Zieh mit den Fürsten!

Aber tu nur, was ich dir sagen werde.

Höre allein auf mich!“20,20

Bileam war ganz verwirrt.

War es wirklich Gott,

der zu ihm sprach?

Oder redete er sich das alles nur ein?

Ach was, sagte sich Bileam,

Gott hat es gesagt.

Dann will ich es tun.

Am nächsten Morgen

sattelte Bileam seine Eselin

und zog mit den Moabiterfürsten.

Seine Eselin trug ihn

bergauf und bergab.

Doch plötzlich bockte sie,

sprang seitwärts aufs Feld,

als ob sie jemand bedrohte.

Aber Bileam schlug auf sie ein.

„Du blöder Esel!“, schrie er.

„Was fällt dir ein?“

Er ahnte ja nicht,

dass ihm ein Engel Gottes

den Weg verstellte.22,21f

Nicht lange danach

führte der Weg durch Weinberge

und durch Mauern hindurch.

Doch plötzlich –

schon wieder bockte das Tier.

Es drückte sich zitternd

an der Mauer entlang.

„Du störrisches Vieh!“,

fuhr Bileam seine Eselin an.

„Merkst du denn nicht?

Du klemmst meinen Fuß.“

Und wütend schlug er

auf das arme Tier ein.

Dabei sah er gar nicht,

dass der Engel Gottes

ihm wieder den Weg verstellte,

um ihn zu warnen. 22,24f

Kurz darauf wurde der Weg noch enger.

Da bockte seine Eselin wieder.

Zitternd sank sie auf die Knie.

Da verlor Bileam die Geduld.

Er nahm seinen Stock

und hieb auf die Eselin ein.

Doch plötzlich war es ihm,

als hörte er die Eselin sprechen:

„Warum schlägst du mich?

Was habe ich dir getan?“

„Du hältst mich zum Narren!“,

schrie Bileam sie an.

„Hätte ich doch ein Schwert!

Dann wärst du bereits tot.“

„Aber wieso?“, schien das Tier zu fragen.

„Habe ich dich nicht treu

durch all die Jahre getragen?“22,26ff

Da fiel es Bileam plötzlich

wie Schuppen von seinen Augen.

Auf einmal sah er ganz klar:

Ein Engel stand vor ihm

mit blitzendem Schwert.

Erschrocken warf sich Bileam

auf die Erde – und verstummte.22,31

Aber der Engel sprach:

„Warum hast du dein Tier

dreimal geschlagen?

Dreimal habe ich dir den Weg versperrt.

Denn dein Weg ist verkehrt.

Du aber warst wie verblendet.

Du wolltest nichts sehen.

Doch deine Eselin hat es gemerkt.

Sie ist vor mir ausgewichen.

So hat sie dir das Leben gerettet.

Sonst wärst du schon tot.“

„Ja“, sagte Bileam, „jetzt sehe ich ein:

Ich habe Unrecht getan.

Es tut mir sehr leid.

Aber wenn mein Weg falsch ist,

bin ich zur Umkehr bereit.“

Aber der Engel Gottes antwortete:

„Nein, geht mit den Männern!

Aber sag Balak nur das,

was Gott zu dir spricht.“22,32ff

Da setzte Bileam seinen Weg fort

und folgte Balaks Gesandten.

Noch ahnte er nicht,

was Gott mit ihm vorhatte.

Aber er war fest entschlossen,

nur auf Gottes Stimme zu hören.22,35

Bileams Segen

Numeri 22,36–24,25

Nach Tagen erreichte Bileam

endlich das Land Moab.

Dort kam ihm schon Balak entgegen.

„Da bist du endlich!“, rief er.

„Warum bist du nicht eher gekommen?

Ich habe doch dringend nach dir verlangt.

Hast du etwa befürchtet,

ich gebe dir nicht genug Lohn?“

„Nein“, erwiderte Bileam.

„Das ist es nicht.

Ich bin zwar gekommen,

aber täusche dich nicht!

Ich kann nur sagen,

was Gott zu mir spricht.

Nur sein Wort werde ich ausrichten.“ 22,36ff

Da führte ihn der König

auf eine Anhöhe.

Von dort aus konnten sie

auf die Zelte der Israeliten blicken.22,41

Friedlich lagerten sie

dort unten im Tal.

Niemand von ihnen ahnte,

welch großes Unheil ihrem Volk drohte.

„Auf, nun verfluche das Volk!“,

drängte Balak, der König.

Doch Bileam befahl:

„Baue erst sieben Altäre

und opfere darauf

sieben junge Widder und Stiere!“23,1

Da ließ Balak eilig sieben Altäre errichten.

Darauf opferten beide

je einen Widder und einen Stier.

Danach zog sich Bileam zum Gebet

auf einen kahlen Hügel zurück.23,3

Balak wartete indessen ungeduldig,

bis er endlich zurückkehrte.

„Nun, bist du bereit?“, wollte er fragen.

„Wirst du jetzt fluchen?“

Doch Bileam kam ihm zuvor.

Laut und feierlich sprach er

diese Worte vor allen Ohren:

„Wie soll ich den verfluchen,

den Gott nicht verflucht?

Wie soll ich den verwünschen,

den der Herr nicht verwünscht?

Ich sehe das Volk Israel.

Von dieser Höhe aus sehe ich,

wie es sich ausdehnt.

Niemand kann zählen,

wie es wächst und gedeiht.“23,8ff

„Hör auf!“, rief Balak entsetzt.

„Was tust du mir an?

Ich habe dir befohlen,

meinen Feinden zu fluchen.

Doch du, was tust du?

Du segnest, anstatt zu verfluchen!“

Aber Bileam antwortete:

„Muss ich nicht sagen,

was Gott zu mir spricht?“23,11f

Da versuchte es Balak noch einmal.

Vielleicht ist der Ort ja verkehrt,

überlegte er sich.

Bileam soll es

an einer anderen Stelle versuchen.

So führte er Bileam

auf einen hohen Berg.

Von dort aus konnte er nur

einen Teil des Lagers erkennen.

Dort ließ Balak wieder

sieben Altäre errichten.

Und wieder opferte er mit Bileam

sieben junge Stiere und Widder.

Und wieder zog sich Bileam

danach zum Beten zurück.

„Nun?“, fragte Balak gespannt,

als er endlich zurückkam.

„Was hat Gott diesmal gesagt?“23,13ff

Da stellte sich Bileam vor ihm auf

und sprach feierlich diese Worte:

„Auf Balak! Höre,

was ich dir verkünde:

Ein Mensch mag lügen,

aber Gott nicht.

Was er verspricht,

das wird auch geschehen.

Oder glaubst du etwa:

Gott sagt es – und tut’s nicht?

Er redet – und hält es nicht ein?

Segnen soll ich das Volk.

Denn Gott hat es gesegnet.

Was kann ich anderes tun?

Kein Unglück, kein Unheil

droht diesem Volk.

Denn Gott ist bei ihm.

Er ist Israels König.

Er hat sein Volk

aus Ägypten geführt.

Stark wie ein Löwe,

so wird dieses Volk sein.

Kein Zauberspruch

darf ihm Schaden zufügen.“ 23,18ff

„Hör auf!“, schrie Balak.

„Ich befehle dir: Sag kein Wort mehr,

weder Segen noch Fluch!“

Doch Bileam entgegnete ruhig:

„Hab ich dir nicht vorher gesagt:

Alles, was Gott mir befiehlt,

das werde ich tun?“23,25f

Aber Balak gab noch nicht auf.

„Komm!“, bat er Bileam.

„Wir wollen es noch einmal versuchen.

Ich zeige dir noch einen anderen Ort.

Dort sollst du das Volk verfluchen.“

Und er führte Bileam

auf einen noch höheren Berg.

Von dort aus konnte man

über die ganze Jordanebene blicken.

Doch Bileam befahl auch hier:

„Bau erst sieben Altäre

und opfere sieben Widder und Stiere!“

Doch als Balak noch opferte,23,27ff

sah Bileam im Tal Israels Zelte liegen,

alle nach Stämmen geordnet.24,2

Da rief Bileam mit lauter Stimme:

„So spricht Bileam, der Seher,

dem Gott Augen und Ohren

aufgetan hat:

Wie schön sind dein Zelte, Israel!

Wie fruchtbare Täler,

wie grüne Bäume am Wasser,

so breiten sie sich

über das ganze Land aus.

Wie ein junger Löwe,

so lagert dieses Volk sicher

unter den Völkern.

Und niemand darf es erschrecken.

Gesegnet ist, wer dich segnet.

Und verflucht ist, wer dich verflucht!“24,5–9

„Hör auf! Hör auf!“, schrie Balak.

„Habe ich dir nicht befohlen:

Du sollst sie verfluchen?

Aber du, was machst du?

Dreimal hast du gesegnet,

anstatt zu verfluchen.

Verschwinde! Mir reicht es mit dir.

Verlass’ sofort dieses Land!

Nichts sollst du als Lohn bekommen,

weder Silber noch Gold,

kein einziges Stück.

Beklag dich dafür bei deinem Gott!“24,10f

Doch Bileam entgegnete:

„Ich habe es schon vorher

deinen Boten gesagt:

Und wenn mir Balak sein Haus

voll Gold und Silber verspricht,

so kann ich trotzdem nur sagen,

was Gott zu mir spricht.

Ja, ich gehe nun wieder

in mein Land zurück.

Doch zuvor verkünde ich dir,

was in Zukunft geschieht:24,12ff

So spricht Bileam, der Seher,

dem Gott Augen und Ohren

aufgetan hat:

Ich sehe ihn, aber nicht jetzt.

Ich erblicke ihn, aber noch fern.

Im Haus Jakob geht ein Stern auf.

Ein Zepter erhebt sich in Israel.

Aus ihm wird der Herrscher kommen,

der sich über alle Völker erhebt.“24,15ff

So sprach Bileam vor Balak,

dem König von Moab,

und vor all seinen Großen.

Danach zog er wieder

zurück in sein Land.

Das Volk Israel aber blieb bewahrt

durch Gottes segnende Hand.

Die Bileamsperikope stellt eine eigene, in sich geschlossene Erzähleinheit dar. Sie ist so lebendig und lebensnah und auch mit einem Schuss Humor erzählt, dass sie sich von den vorangegangenen Erzählungen des Numeribuches deutlich abhebt. In ihr findet ein überraschender Perspektivenwechsel statt. Im Mittelpunkt steht nach wie vor das Volk Israel, nun aber aus der Sicht seiner Feinde betrachtet. Über Israels eigenes Verhalten wird in dieser Erzählung nichts ausgesagt. So entsteht ein geradezu skurriles Bild:

• Da ist zum einen Balak, der Moabiterkönig, und sein Hofstaat, der alle und alles gegen das Volk Israel mobilisiert, der in seinem Volk Angst und Fremdenhass schürt (22,4), der sich nicht zu gut ist, einen fragwürdigen Magier für seine Zwecke einzuspannen, der glaubt, durch diesen Magier Gott auf seine Seite zwingen zu können, und nicht davor zurückscheut, einen Fluch als wirksame Waffe gegen dieses Volk einzusetzen.

• Da ist zum andern der Magier Bileam, eine schillernde Figur, ein „Seher“ mit übersinnlichen Gaben, aber vielleicht auch ein heimlicher Gottesverehrer in heidnischer Umwelt. Im Verlauf der Erzählung entpuppt er sich immer mehr als wahrer Prophet, der allein auf Gottes Wort hört und sein Wort verkündet. Sein unbedingter Gehorsam gegenüber Gottes Wort bringt ihn notwendig in Widerspruch zum König. Seine Botschaft ist eben nicht käuflich. So erleidet er auch am Ende das Schicksal vieler Propheten: Er wird mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt (vgl. z.B. Amos 7,12f).

• Da ist vor allem das Volk Israel, das in der Steppe Moabs sein Lager aufgeschlagen hat, unmittelbar an der Grenze zum Gelobten Land. Geradezu friedlich wirkt es im Kontrast zu der Aktivität seiner Feinde. Es scheint, als ahne es gar nicht, in welcher Gefahr es sich befindet. Es darf sich ganz seinem Gott anvertrauen, der hier Fluch in Segen verwandelt, ohne dass dieses Volk etwas davon ahnt.

Das ist das Bild des Friedens – Frieden inmitten von Feinden –, das in vielen Psalmen fortlebt (z.B. Ps 4,9: „Ich liege und schlafe in Frieden, denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ oder Ps 23,5: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“). Dieser Friede ist begründet in Gottes Segenszusage, die wie ein schützendes Dach unsichtbar über allen wichtigen Wüstenerfahrungen liegt und Anfang und Ende ihres Weges umschließt.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
25 czerwca 2025
Objętość:
1065 str. 9 ilustracji
ISBN:
9783761560792
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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