Czytaj książkę: «Meerestiere»
Iris Antonia Kogler
Meerestiere
Roman
Alle Rechte vorbehalten 2019 Iris Antonia Kogler
Das Werk darf - auch in Auszügen - nicht ohne die Genehmigung des Autors/der Autorin wiedergegeben werden.
Korrektorat: Thomas Dellenbusch
Umschlaggestaltung: Iris Antonia Kogler
Covermotiv: Pixabay
Verlag und Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Iris Antonia Kogler
c/o Barbara´s Autorenservice
Tüttendorfer Weg 3
24214 Gettorf
Kontakt: irisantoniakogler@gmx.de
Für die Meerestiere dieser Welt und für die, die auf dem Weg sind, eines zu werden.
Kapitel 1
Jakob
Jakob sah auf den Fisch, der vor ihm auf einem Küchenbrett lag und dessen Schuppen in der Nachmittagssonne schimmerten. „Manchmal verstehe ich meine Frau nicht“, sagte er und öffnete eine Weinflasche, um das vierte Glas an diesem Tag zu trinken. Er las die Nachricht seiner Frau ein zweites Mal, legte das Handy neben den Fisch, ging zum Kühlschrank, öffnete ihn und sah hinein. Aber weil er nicht wusste, nach was er suchte, schloss er ihn wieder, drehte sich der Küchentheke zu, auf der er gerade das Essen vorbereitete, und ließ sich auf einen Stuhl nieder. Der Fisch sah ihn schräg an, dann setzte er sich auf, ließ die Schwanzflosse von der Küchentheke hängen und sah auf das Display des Handys. Jakob sah ihn an und trank Wein, von dem ihm die Hälfte über das Kinn rann.
„Schade um den guten Wein“, sagte der Fisch. „Zu schade.“
Jakobs Gehirn gab eine Fehlermeldung von sich, denn das Bild eines sprechenden Fisches ergab eindeutig eine Unstimmigkeit in Bezug auf alles, was es kannte. Während Jakob den Fisch weiterhin anglotzte, führte es eine Diagnose durch, um herauszufinden, was an der Situation nicht den Richtlinien entsprach. Als es zu einem Ergebnis gekommen war, versuchte es Jakob mitzuteilen, es sei nicht normal, dass das Abendessen mit ihm rede. Jakob ignorierte diesen Hinweis und ließ sich auf ein Gespräch mit dem Fisch ein.
„Meine Frau hat mich gerade verlassen“, sagte er.
„Ich hab´s mitbekommen.“
„Du schleimst meine Küchentheke voll, das macht mir was aus.“
„Junge, sei nicht so zimperlich, das hab ich dir schon immer gesagt.“
Jakob glotzte den Fisch an. Er war sich nicht bewusst, ihn zu kennen, und so fragte er sich, woher es eine Bekanntschaft mit ihm geben könne.
„Wann hast du mir das gesagt?“
„Deine ganze Kindheit hindurch.“
Jakob dämmerte es.
„Papa?“
„Ja natürlich, was denkst du denn?“
„Papa?“
„Bist du taub?“
„Papa, du bist ein Fisch.“
„Wird nicht frech, Junge.“
Jakob dachte kurz nach - oder eigentlich auch nicht - und stand auf.
„Was ich jetzt tue, ist sinnvoll. Wenn ich es beendet habe, bist du weg.“ Er öffnete den Gefrierschrank und steckte den Kopf hinein. In der angenehmen Kälte und Dunkelheit des Markengerätes ließ es sich leichter nachdenken, und so kam er zu dem Schluss, dass vier Gläser Wein in Zusammenhang mit dem Verlassenwordensein eine ungute Kombination aus Alkohol und mieser Stimmung waren. Logisch nachgedacht lag es nahe, dass eben jene unglückliche Kombination zu einer Art Schockreaktion mit einhergehenden Halluzinationen führte. Es war sicherlich alles nur eine Sache der Nerven, die sich bestimmt beruhigen ließen, wenn er es schaffte, tief und regelmäßig zu atmen. Als ihm eine Tüte tiefgefrorener Erbsen zu sehr auf die Nase drückte, zog Jakob seinen Kopf wieder aus dem Gefrierschrank und sah zur Theke. Der Fisch lag auf einer Zitronenhälfte und lümmelte darauf wie auf einer Chaiselongue.
„Was auch immer du da tust, beende es jetzt und gib mir Wasser“, sagte er.
Jakob schlich um dem Fisch herum, darauf bedacht, ihm nicht zu nahe zu kommen, griff schnell nach seinem Handy und schlich zuerst rückwärts aus der Küche hinaus, versuchte betont langsam den Gang entlang zu bummeln und rannte die letzten Meter ins Badezimmer. Sorgsam schloss er ab, wählte die Nummer des Notrufs und erklärte sein Anliegen.
„Sie reden mit einem Fisch?“
„Nein, mit meinem Vater, er ist ein Fisch.“
Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang weiterhin professionell und rational.
„Ihr Vater ist ein Fisch?“
„Ja, er liegt in der Küche auf einem Brett, und er knabbert an der Petersilie herum.“
„Sind bei Ihnen psychische Störungen bekannt? Nehmen Sie Medikamente?“, fragte die Stimme.
„Warum sollte ich psychisch krank sein? Ich bin ein rational denkender Mensch, der allem Anschein nach unter einem Nervenzusammenbruch leidet und um Hilfe bittet.“
„Gab es einen Auslöser? Ist etwas passiert?“
„Ja, meine Frau hat mich verlassen.“
Eine Pause entstand.
„Ja, nun ja“, kam es durch die Leitung, „meine mich auch. Das soll hin und wieder mal vorkommen. Und das hat Sie jetzt so aufgebracht, dass Sie mit einem Fisch reden? Sind bei Ihnen schon einmal Wahnvorstellungen vorgekommen? Oder in Ihrer Familie?“
Jakobs Laune verschlechterte sich, weil er mit seinem Anliegen nicht ernst genommen wurde.
„Ich bin im Besitz meiner geistigen Fähigkeiten, ich leide und litt noch nie unter Wahnvorstellungen, und ich bin nicht …“ Jakob sah auf sein Weinglas, „… ich bin auch nicht betrunken.“
„Aber Sie sind trotzdem der Meinung, sich mit einem Fisch zu unterhalten?“
„Ja, ich spreche mit einem Fisch.“ Jakob betonte jedes Wort.
„Um welche Art von Fisch handelt es sich?“
Jakob dachte nach. Diesen Fisch zu beschaffen war ein Auftrag seiner Frau, und er war sich sicher, sie würde etwas an der Ausführung auszusetzen haben. Er dachte an ihren genervten Blick, wenn sie ihm etwas auftrug oder von ihm erwartete und er dem nicht nachkam, so wie sie es sich wünschte. Weil ihr nie etwas gefiel, weil sich ihre Ansprüche ständig änderten, weil ihre Meinung schneller wechselte, als er es mitbekam, selbst wenn er sich darum bemühte. Ständig trug sie ihm eine Aufgabe auf, damit ihr Leben so perfekt wie in einem Einrichtungskatalog aussah. Allerdings nicht so, wie in einem hochpreisigen Katalog, sondern eher auf die schwedische Art. Sie schrieb ihm sogar Zettel, die sie auf den Tisch legte und auf denen sie die Aufgaben aufzählte. Die Halterung des Duschkopfs gerade rücken, die ein klein wenig schief angeschraubt war, den Keller entrümpeln, obwohl dort nicht sonderlich viel lagerte, das Kaminholz auf die andere Seite des Wohnzimmers schichten, obwohl sie es erst neben dem Regal wollte, weil es dort als Holzelement den Raum ausbalancierte. Und endlich mal ein neues Auto kaufen, weil sein altes durch die ständigen Reparaturen zu teuer wurde. Aber Jakob liebte sein Auto.
„Hallo, sind Sie noch dran?“, fragte der Mann von der Notfallstelle.
„Ja, ich bin noch dran.“ Jakob zögerte. Leise öffnete er die Verriegelung der Tür und sah hinaus, aber er konnte vom Badezimmer aus nicht bis zur Küchentheke sehen.
„Hallo? Ich habe einen Notarzt zu Ihnen geschickt.“
Jakob schloss die Tür leise wieder und verriegelte sie.
„Ja, nein, das ist nicht notwendig.“
„Sind Sie sicher?“
„Ja, wissen Sie, ich bin doch ein wenig betrunken, und meine Frau ist auch gerade nach Hause gekommen“, log Jakob und legte auf. Leise schlich er zur Tür und lauschte. Bis auf das Radio, das in der Küche stand, war es still in der Wohnung. Jakob ließ kaltes Wasser in die Badewanne laufen und legte sich hinein. Auf seinem Handy suchte er eine Playlist mit dem Namen Gute Laune Musik heraus, eine Liste, die er sich gern schon morgens beim Kaffeetrinken anhörte, speziell an Sommertagen und Sonntagen, weil sie zu einem Tag passte, der schon morgens um zehn Uhr hochsommerlich heiß war. Er steckte sich die Ohrstöpsel ein und kühlte sich im Wasser ab, wobei er eine Quietscheente mit in die Badewanne nahm. Als die Jackson Five sangen, nahm er von draußen die Stimme des Fisches wahr. Er ignorierte es einige Minuten, versuchte, die Stimme als Einbildung abzutun, aber es funktionierte nicht. Er hörte eindeutig seinen Vater, der ihn zu sich zitierte.
„Telefon“, rief der Fisch, als es klingelte. "Vielleicht geht es dir besser, wenn du mal was Starkes trinkst, anstatt dieses Weißweins. Was Ordentliches! Ich sehe da einen hervorragenden Whisky in deinem Regal stehen."
Die Idee war gar nicht schlecht, dachte Jakob in der Badewanne. Der Whisky war ein Geschenk eines Freundes, ein edler Tropfen, sauteuer. Aber leider stand im Kühlschrank keine Cola, um den Whisky damit zu mischen.
„Und komm ja nicht auf die Idee, den guten Whisky mit diesem süßen Weicheierzeug zu mischen“, rief der Fisch. „Und jetzt komm endlich raus!“
Jakob stieg aus dem Wasser, öffnete die Tür und lief tropfend bis zur Ecke im Flur, von der aus er in die Küche lugte. Der Fisch lag auf der Küchentheke. Langsam schlich Jakob den Gang entlang auf ihn zu und versuchte sich einzureden, alles sei normal. Aber der Fisch stemmte sich auf die linke Flosse, legte den Schwanz hoch und seine rechte Flosse ungefähr dorthin, wo bei einem Menschen der Hintern wäre.
„Du ... du siehst aus wie eine Badende, wenn du so da liegst.“
„Wie eine was?“
„Eine Badende“, sagte Jakob zaghaft. „Malerei, verstehst du?“
„Wie eine Tunte meinst du? Kann ich nix für, die Flosse ist zu kurz, ich komm nirgendwo damit hin.“
Jakob nahm einen Stuhl vom Esstisch und setzte sich, nass und mit hochgezogenen Schultern, in die Ecke der Küche. Misstrauisch beäugte er den Fisch, schloss die Augen, öffnete sie wieder und drückte sie abermals fest zu. Belustigt legte der Fisch sein Kinn in Falten.
„Jakob, ich bin dein Vater.“
„Du bist tot“, antwortete Jakob spontan.
„Ja, soweit richtig, allerdings hat sich da etwas geändert. Ich wurde reinkarniert.“ Der Fisch strich sich über seine Schuppen. „Mir ist heiß, mach mich mal nass.“ „Wie bitte?“ „Mir ist heiß, du sollst mich nass machen.“ „Nein, das andere.“ „Was das andere? Reinkarniert? Meinst du das? Das heißt wiedergeboren.“
„Ich weiß, was das bedeutet“, sagte Jakob, nahm die Sprühflasche für die Bonsais von der Fensterbank und sprühte eine Wasserwolke Richtung Fisch, die sich augenblicklich in der heißen Sommerluft auflöste, bevor sie überhaupt in die Nähe des Fisches kam.
„Ist nicht dein Ernst, oder?“, fragte der Fisch.
Jakob stand auf und schob seinen Arm mit der Sprühflasche so weit wie möglich in Richtung Fisch, ließ dabei den linken Fuß aber als Anker am Stuhlbein verhakt.
„Also, wir haben folgendes Problem“, sagte der Fisch und rieb sich die feinen Wassertropfen mit der Flosse über die Schuppen, so gut es eben ging. "Ich gehöre hier nicht hin."
„Ach was.“ Jakob saß wieder auf dem Stuhl und sprühte sich ebenfalls ein.
„Ich glaube, es ist besser, du bringst mich zum Meer zurück. Jetzt.“
„War das eine Bitte?“
„Nein, warum?“ Der Fisch sah auf.
„Hab ich mir schon gedacht.“ Jakob stand auf. „Du hast dich nicht verändert“, fügte er nach einer Weile hinzu.
„Findest du?“, fragte der Fisch ironisch. „Jetzt mach kein Theater und bring mich zum Meer zurück. Die dämlichen Fische haben mich aufgefressen, und deswegen sehe ich nun so aus.“ Er deutete auf seinen Körper. „Man wird nicht reinkarniert, indem man aufgegessen wird, Papa.“
„Warum sonst sollte ich ein Fisch sein?“
„So ungebildet bist du nicht. Du wurdest herabgestuft wegen ganz miesem Karma.“
„So ein Blödsinn. Karma. Weswegen sollte ich mieses Karma haben? Nordsee übrigens.“
Jakob sagte nichts, sondern sah seinen Vater einfach nur an. Dann nahm er die Sprühflasche zur Hand, besprühte den Fisch abermals mit einer Wasserwolke und begab sich in sein Schlafzimmer, um zu packen. Der Fisch blieb in der Küche zurück und verteilte das Wasser auf seinen Schuppen.
Alfred
Alfred saß in einem Sessel jener Wohnung, die schon seit so vielen Jahren sein Heim war. Hier, umgeben von vertrauten Gegenständen, dem Mobiliar und den vielen Fotos fühlte er sich zuhause. Er sah auf die Teile seines Lebens, von denen nun ein großer Teil nicht mehr an seinem angestammten Platz stand, sondern in Koffern und Umzugskisten verstaut war. Judy lag in ihrem Körbchen und döste vor sich hin. Noch immer gab es vieles, das nicht verpackt war, und er wusste nicht, wie er es anstellen sollte, sein ganzes Leben einzupacken, um es an einen anderen Ort zu bringen. Mit seiner Schrift, die die eines alten Mannes war, hatte er in den letzten Tagen versucht, die Umzugskartons sinnvoll zu packen und zu beschriften, aber es verwirrte ihn, dass sich scheinbar nicht zusammenhängende Dinge in ein und demselben Karton befanden. Auf einem las er die Worte Socken, Ordner, zwei Kochtöpfe, Gießkanne. Das passte nicht, und so stand er auf, öffnete den Karton, packte die Töpfe aus und versuchte, in einem anderen einen Platz für sie zu finden. Der Karton mit dem Brockhaus war zu schwer. Alfred überlegte, ob er vier Ausgaben herausnehmen sollte, um Platz für die Töpfe zu bekommen. Aber wohin könnte er den Brockhaus packen? Zu den Socken? Alfred setzte sich zurück in seinen Sessel. Nichts an dieser Situation fühlte sich richtig an. Seit achtundvierzig Jahren lebte er in dieser Wohnung, er kam noch zurecht, kaufte Kleinigkeiten selbst ein und löste jeden Tag zwei Kreuzworträtsel. Er schrieb seinen Freunden regelmäßig Briefe und kümmerte sich um die Bonsais. Die Nachbarstochter besserte ihr Taschengeld auf, indem sie manchmal für ihn Besorgungen machte, und einmal am Tag kam jemand vorbei, um nach ihm zu sehen. Er stand jeden Morgen um sieben Uhr auf, zog sich an und band sich eine Krawatte um.
Jeden Tag.
In regelmäßigen Abständen telefonierte er mit seiner Tochter, was er immer akribisch in einem Kalender notierte. Diese Gespräche waren sich alle sehr ähnlich, und das stimmte Alfred traurig. Immer sprachen sie darüber, wie selten sie sich doch sahen, wie wenig er von den Enkelkindern und auch von seiner Tochter selbst mitbekam. Immer wieder antwortete sie, es läge an der weiten Entfernung, sie könne es sich nicht leisten, ein Wochenende auf der Autobahn zu verbringen, nur um ein paar Stunden bei ihm zu sein. „Dann kommt doch für länger“, schlug er oft vor, aber von seiner Tochter kamen nur Ausreden, dieselben, die er schon seit Jahren hörte. Alfred gefielen die Telefonate mit seiner Tochter seit langem nicht mehr, denn jedes Mal fühlte er sich danach besonders einsam. Und nun hatte sie entschieden, dass er seine geliebte Wohnung verlassen solle. Dieser Gedanke schmerzte ihn sehr, und so stand er auf, um mit Judy eine kleine Runde durch den Park zu drehen, vorbei am Ententeich, an dem eine Bank stand, auf der er und Judy sich gern ausruhten. Beim Aufstehen fiel sein Blick auf die Kommode mit den Bilderrahmen. In der letzten Zeit war es vorgekommen, dass ihn ein leichter Schwindel überkam. So war es auch jetzt im Moment des Aufstehens, denn Alfred war es, als bewege sich der Bilderrahmen mit dem Bild seiner Frau ein kleines Stück auf den Rand der Kommode zu. Er setzte sich vorsichtig zurück in den Sessel und ließ seinen Blick durch den Raum streifen. Er fühlte keinen Schwindel mehr, auch keine anderen körperlichen Symptome, nur die Einsamkeit bedrückte ihn. Als er wieder aufstand, fiel ihm ein Stuhl auf, der um einige Zentimeter verschoben schien. Alfred erhob sich aus dem Sessel und ging aufmerksam durch seine Wohnung. Er betrachtete die Bilder an der Wand, einen Spiegel und die Stelle, an der das Bein des Sofas den Teppich niederdrückte. Als er an einem Tisch vorbeikam, der dort im Flur schon seit mindestens fünfundzwanzig Jahren stand, stieß er sich sein Knie an. Leise und in seiner Wortwahl kultiviert fluchte Alfred und lief weiter in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Er trank es dort direkt im Stehen aus. Auf dem Rückweg stieß er sich seinen Fuß am Bein des Tisches an. Wie seltsam, dachte er, diesen Weg konnte er blind oder im Schlaf entlang laufen, so vertraut war er ihm doch in all den Jahren geworden. Alfred strich mit seiner Hand über die Tischplatte. Alte Haut auf rauem Holz. Er prüfte, ob der Tisch verschoben war, vielleicht weiter von der Wand weg stand. Aber er war nicht verrückt worden, das erkannte Alfred an den Abdrücken im Teppich, als er den Tisch ein klein wenig anhob. Er stellte ihn wieder an die richtige Stelle exakt auf die Abdrücke, ging zurück in die Küche und füllte das Glas erneut mit Wasser. Er trank einen kleinen Schluck daraus, lief zurück ins Wohnzimmer und achtete dabei genau auf den Tisch im Flur. Insgesamt drei Mal lief er den Weg von der Küche am Tisch vorbei in das Wohnzimmer und zurück.
Etwas stimmte nicht.
Etwas an der Wohnung war verändert.
Als ob sie kleiner geworden sei oder die Möbel näher zusammengerückt waren. Alfred überprüfte einige Schränke und die Couch, konnte aber keinen Abstand zwischen ihnen und der Wand erkennen. Bedeutete das, dass die ganze Wohnung selbst ihre Ausmaße veränderte? „Die Dinge kommen näher, Judy. Die Wohnung wird immer kleiner“, sagte er, und Judy sah auf, als sie ihren Namen hörte. Früher wäre sie aufgesprungen, aber heute war sie eine alte Hundedame, die sich nicht mehr so viel bewegen mochte. Alfred setzte sich in seinen Sessel und beobachtete die Dinge, die in der Wohnung standen und die er noch einpacken musste. Er beobachtete sie dabei, wie sie ihn beobachteten, weil sie wussten, dass etwas vorging. Alfred fühlte, wie die Dinge näher rückten, wenn er nicht hinsah, wie bei diesem Kinderspiel, bei dem sich die Kinder nur dann bewegen durften, wenn das Kind, das vorne stand, sich wegdrehte und die Augen zuhielt.
Das Läuten des Telefons zerriss die Stille.
„Hast du fertig gepackt?“ Die Stimme seiner Tochter war laut, weil sie über die Freisprechanlage ihres Autos sprach. „Wenn wir nachher kommen, musst du deine privaten Sachen schon gepackt haben, wir haben nicht so viel Zeit.“
„Aber meine Sachen sind alle privat.“
„Ach Papa, du weißt schon, was ich meine. Vor allem die Sachen, die du in deinem Zimmer haben willst.“
„Und was ist mit dem Rest?“
„Du kannst nicht alles mitnehmen, Papa. Ich habe dir das gesagt, wir haben darüber gesprochen.“
„Aber das sind meine Sachen.“
„Ich sitze gerade im Auto und habe gleich einen Termin. Du kannst nicht alles mitnehmen, nur die Sachen, die dir wichtig sind.“
„Und was ist mit den Sachen, die ihr wichtig waren?“
„Was meinst du?“
„Deine Mutter! Was ist mit den Sachen, die deiner Mutter wichtig waren?“
„Papa, wir haben darüber geredet, und wir haben uns entschieden, was das Beste für dich ist. Ich muss jetzt zu meinem Termin. Ich rufe dich wieder an.“
Sie legte auf.
Alfred streichelte Judy den Kopf, die ihn mit ihren kleinen dunklen Augen ansah. Früher waren sie oft über eine Stunde im Park unterwegs, aber inzwischen fühlte er sich zu alt für diese langen Strecken. Als es Judy in der Hüfte bekam, verlagerten sie ihr Leben eher auf die Wohnung, und zum Einkaufen nahm er sie schon lange nicht mehr mit. Die Abende verbrachten sie damit, sich Spiel- und Wissenssendungen anzuschauen, sie suchten den Superstar und das nächste große Talent, und jeden Abend um zehn Uhr kochte sich Alfred einen Tee. All diese Abläufe sollten sich nun verändern, obwohl er das nicht wollte.
Ihm fiel auf, dass das Bild auf der Kommode ganz an den Rand gerutscht war.
"Judy, hast du es da hingestellt?", fragte er und dachte, dass es vielleicht nur an den Augen lag. Oder an seinem Verstand. „Was packen wir nur ein, Judy? Was davon ist weniger wichtig?“ Judy lief hinter Alfred her, der durch die Umzugskartons lief und sich nicht vorstellen konnte, wie die restlichen Dinge aus seiner Wohnung in die Kartons passen sollten. Was vermochte er zurückzulassen, um es einzulagern in irgendeiner Halle, von der er gar nicht wusste, wo sie stand. Wie konnte er entscheiden, welche Dinge er für den Rest seines Lebens noch brauchen würde? Seit Wochen beschäftigte ihn diese Frage, und heute kam seine Tochter, um ihn in ein betreutes Wohnheim zu bringen. Alfred nahm das Bild seiner Frau von der Kommode und legte es in den Koffer zu den anderen wichtigsten Sachen, die er unbedingt in seiner Nähe haben wollte. Kleidung für zehn Tage, drei passende Krawatten, seine Geldbörse mit Bankkarte und Ausweis, Rilke, Pantoffel, Kulturbeutel, den Kompass und die Taschenuhr seines Vaters.
Fünf Stunden später kam seine Tochter. Sie trug hohe Schuhe und ein Businesskleid. Sie sah sich in der Wohnung um, öffnete den ein oder anderen Karton und warf einen prüfenden Blick hinein.
„Warum hast du denn die Töpfe eingepackt? Wir haben das doch alles besprochen, du musst dort nicht mehr kochen.“
„Ja, ich weiß.“
„Okay, also welche Kartons willst du einlagern und welche mitnehmen?“
„Keinen. Nur den Koffer.“
„Was soll das, Papa? Du kannst doch nicht nur einen Koffer mitnehmen.“
„Du hast gesagt, nur das Wichtigste.“
„Oh bitte Papa, in all dem hier wird ja wohl mehr Wichtiges sein, als in einen Koffer passt. Warum machst du es uns so schwer?“
„Nur den Koffer und Judy.“
Jen
Obwohl Jen schon über 30 war, sah sie immer noch wie eine frische Studentin aus. Sie war schlank, ihr Body-Mass-Index lag bei 20,5 und somit am unteren Rand des Normalgewichts, trotzdem war ihr Gesicht leicht rundlich wie das eines Teenagers. Sie war blond, nicht hellblond aber eben blond, und wenn sie auf einer Party erzählte, dass sie als Finanzbuchhalterin in einem Autohaus arbeite, erntete sie manchmal einen erstaunten Blick. Irgendetwas an ihr wirkte naiv auf andere Menschen. Im Umgang mit Zahlen war sie äußerst geübt und talentiert, sie merkte sich mühelos lange Zahlenkombinationen und Telefonnummern, viele Rechnungen führte sie im Kopf durch und benutzte den Taschenrechner nur zur Überprüfung, aber sie konnte sich partout keine aktuellen oder geschichtlichen Begebenheiten merken, was sie sehr schade fand. Bei schlechtem Wetter verbrachte sie den Sonntagnachmittag vor dem Fernseher, um sich Reportagen anzusehen, wobei ihr die Thematik relativ egal war, weil sie Dinosaurier genauso spannend fand wie Biografien berühmter Menschen oder Politiker. Besonders angetan war sie von einem Flugsimulator für Fruchtfliegen, der in einer Reportage für Genmanipulation vorkam, die gleich hinter dem tragischen Leben der Marylin Monroe ausgestrahlt wurde. Vor einigen Jahren war sie eher zufällig als Aushilfe in einem Autohaus gelandet, zusätzlich zu ihrem Job als Bedienung in einem Steakhouse, und sie freundete sich dort mit dem alten Buchhalter an, der sich immer über ihren Besuch an seinem Schreibtisch freute. Auf seine Frage, ob sie sich denn beruflich weiterentwickeln wolle, zum Beispiel durch das Absolvieren einer Ausbildung, weil dies doch etwas Sinnvolles sei, wusste sie keine Antwort. „Mädchen, mach was Anständiges“, sagte er mit einem Blick über seine Brillengläser, den Kopf geneigt. Sie tat es ihm gleich, senkte den Kopf und fragte mit tiefer, altväterlicher Stimme, ob er denn glaube, sie würde etwas Unanständiges tun. „Nein“, antwortete der Buchhalter lächelnd, „ich meine nur, du solltest etwas Bodenständiges erlernen, ein Handwerk oder was mit Zahlen. Und lies mal eine Tageszeitung, nicht immer nur diese Zeitungen mit Mode und Prominenten.“ Sie erzählte ihm von dem Fruchtfliegenflugsimulator, aber der Buchhalter fand, dass diese Thematik von der alltäglichen Realität zu weit entfernt sei. „Realität ist das, was in den verschiedenen Tageszeitungen steht“, sagte er. „Lies Zeitung und ziehe Querverbindungen, damit du dir eine eigene Meinung bilden kannst.“
Weil Jen in Mathematik gar nicht so untalentiert war, ging sie mit dem Buchhalter eine Art Deal ein: Er brachte ihr jedes Mal, wenn sie sich sahen, etwas aus der Finanzbuchhaltung oder aus dem tagesaktuellen Geschehen bei, das sie sich in ein kleines Buch schrieb. Sie erklärte ihm im Gegenzug, was ein It-Girl und ein Influencer war, welche Promis Spanx trugen oder bei wem sich die Nase oder das Kinn nicht mehr in ihrer ursprünglichen, natürlichen Form befanden. So lernte sie nach und nach die Worte Aktiva und Passiva, den Unterschied zwischen Gewinn und Umsatz und was eine Mehrwertsteuer war. Eines Morgens wachte sie auf und konnte genau den Unterschied zwischen der doppelten und der einfachen Buchhaltung erklären, weil sie inzwischen über dreißig Seiten in ihrem Buch vollgeschrieben und damit langsam einen Einblick in die Welt der Finanzen bekommen hatte. Am nächsten Tag besuchte sie den Buchhalter an seinem Schreibtisch, unterhielt sich mit ihm über das Thema Bilanzierung und diskutierte die Vor- und Nachteile dieser und jener Unternehmensform. Drei Monate später unterschrieb sie ihren Ausbildungsvertrag zur Kaufmännischen Angestellten im Autohaus, verbesserte sich damit finanziell ein wenig und sah eine Zukunft vor sich, die rosig zu werden schien.
Als der Buchhalter vor einigen Jahren verstarb, fehlte Jen ein Teil ihres Lebens, den sie sehr vermisste. Er hatte ihr eine neue Sichtweise auf die Dinge gelehrt, und bis heute trug Jen das Gefühl in sich, diesem Menschen viel zu verdanken. Noch heute öffnete sie manchmal die letzte Seite des Notizbuches, um seine Worte zu lesen, die er ihr dort hinein geschrieben hatte.
Vor zwei Jahren war ein Kunde in das Autohaus gekommen, um sich die Wagen der gehobenen Klasse mit Sonderausstattung anzusehen, und Jen war bis heute offiziell Single, denn nie und niemandem gegenüber verlor sie auch nur ein einziges Wort darüber, seit eben jenem Tag die Geliebte eines verheirateten Familienvaters zu sein. Von Anfang an war ihr klar, dadurch ein Stereotyp zu werden, zu einem Klischee, das Vorurteile bestätigte und sie in eine Form pressen würde, in der sie sich selbst nicht sah.
Jen legte ihren kleinen Koffer auf das Bett und stellte den Ventilator an. Aus einer Schublade holte sie die Unterwäsche hervor, die sie nicht oft trug, weil sie nicht sonderlich bequem war. Sie legte sie auf das Bett und machte ein Foto davon, das sie John schickte. John, dessen Geliebte sie war, dessen Geheimnis, dessen Flucht aus seinem Leben. John, der als Familienvater Jonathan hieß und achtzehn Jahre älter war als sie, der ihr die Unterwäsche an einem Winterwochenende geschenkt hatte, das sie außerplanmäßig in der Schweiz verbrachten. Wieder so ein Klischee. Auf ihrem Handy durchsuchte sie die Fotos, die sie in der letzten Zeit aufgenommen hatte. Die einzigen Bilder, die sie je von einem Fotografen machen ließ, waren die für die Internetseite des Autohauses, die sie auch auf den Businessnetzwerken verwendete. Die Finanzbuchhalterin Jennifer L. trug die Haare zu einem Zopf gebunden, einen Blazer in Größe achtunddreißig und ein schlichtes, aber elegantes Oberteil darunter. Um den Hals trug sie eine Silberkette mit einem silbernen Anhänger in Form eines Widders und kleine Ohrstecker in den Ohrläppchen. Ihr Make-up war dezent, ihr Lächeln sympathisch aber angemessen zurückhaltend, und ihre Stärken waren der sichere Umgang mit allen gängigen Computerprogrammen im Bereich Finanzbuchhaltung, selbstständiges Arbeiten und Zuverlässigkeit. Und weil sie nur durch einen Freund in den Job als Bedienung in einem Steakhouse und ihre Ausbildung als kaufmännische Angestellte gerutscht war, war sie nie auf die Idee gekommen, ihr öffentliches Image zu hinterfragen oder auf seine Funktionalität hin zu überprüfen. Jen wechselte den Ordner und sah sich die privaten Schnappschüsse an, auf denen sie zu sehen war. Diese Bilder zeigten einen fröhlichen Menschen, tierlieb, weil Katzenbesitzerin, mit einer Vorliebe für Makroaufnahmen und Schattenspiele an öffentlichen Gebäuden. Eines Tages wollte John wissen, warum sie ihre Fotomotive so aussuchte, und sie erklärte ihm, dass Schatten die Sicht auf die Welt verändern. „Du bist klug“, hatte er gesagt, sich zu ihr gedreht und das Geschenk mit der Unterwäsche hervorgeholt. Wenige Stunden später waren sie in ihre Leben zurückgekehrt, und Jen schickte ihm von Zeit zu Zeit ein Bild von ihr, das er oft nur kurz kommentierte. Von ihm bekam sie selten Bilder zugeschickt, denn er war Jonathan, ein verheirateter Mann, der im Winter Schneemänner mit seinen Kindern baute und ihnen im Sommer den Kopfstand beibrachte. Und der regelmäßig Seminare besuchte und viele Geschäftsreisen unternahm. Vor knapp einem Jahr lernte Jen einen anderen Mann kennen, verliebte sich in ihn, und für einige Monate war sie glücklich. Weil John und sie immer offen und fair zueinander waren, wusste er Bescheid. Nach einigen Monaten entschied Jen, diese Beziehung wieder zu beenden und erzählte es John bei ihrem nächsten Treffen. „Tut mir leid“, sagte John und meinte es ernst.
Jen scrollte immer weiter herunter und war inzwischen bei Bildern aus dem vorletzten Jahr angekommen. Würde sie all die Bilder zusammenlegen zu einer Collage, sähe diese aus? Zeig mir deine Freunde, und ich sage dir, was für ein Leben du führst, zeig mir deinen Kleiderschrank, und ich sage dir, welche Persönlichkeit du hast, zeig mir deine Musiksammlung, und ich weiß, wer du bist. Oder wer du nicht bist.
Jen legte das Handy zur Seite und packte einige Sommersachen in den Koffer, ein paar bequeme Sandalen und die hohen Schuhe. Noch gab es keine Nachricht von John, vielleicht war ihm ein Termin bei der Arbeit dazwischen gekommen. Genauso gut konnte er auch schon zu Hause sein und seinen Koffer für das Seminar packen, das er vorgab zu besuchen. Für Jen benutzte er ein Prepaidhandy, das er nie mit nach Hause nahm, sondern das immer im Büro in einer Schublade blieb, die er abschließen konnte, oder in seinem Dienstwagen.
Jen packte ihr Schlafshirt ein, auf dem Joy and Fun stand. Ein uraltes Ding, das sie gern trug. Sie füllte ein Schälchen mit Katzenfutter auf und stellte eine zweite Schale Wasser daneben, dann trug ihren kleinen Koffer die Treppe hinunter und schickte John eine Nachricht, dass sie nun losfahren würde. Noch immer zeigte ihr Display keine Mitteilung von John an.
Sonja und Richard
Sonja betrachtete ihr Alter, das sich in feinen Linien auf ihrer Haut abzeichnete, im Spiegel. Seit vielen Jahren praktizierte sie regelmäßig Yoga und Pilates, sie versuchte, sich fit zu halten, aber mit dreiundsechzig war man einfach nicht mehr jung. Sie war schlank geblieben, worüber sie sehr froh war, aber was sie störte, war das Hin- und Herschieben der Haut, wenn sie sich eincremte. Ihre Haut war schon immer trocken gewesen, und nun rächten sich die vielen Sonnenbäder der letzten Jahrzehnte. So war das früher, man war an den Stand gegangen und verschwendete keine negativen Gedanken darüber, ob das stundenlange Sonnenbaden gesund sei oder nicht. Obwohl man damals schon wusste, dass in der Ozonschicht ein Loch klaffte. Dieses war nicht so einprägend wie das Waldsterben, denn schließlich lebten im Wald viele putzige Tiere, die alle ihr Zuhause verlieren würden, wenn es den Wald bald nicht mehr gäbe. So ein heimatloses Reh war viel bildhafter als ein Loch in einer unsichtbaren Ozonschicht.
Richard stand in der Küche und bereitete das Frühstück vor. Sie hörte, wie er den Oberschrank öffnete, eine der kleinen Glasschüsseln hervorholte und auf die Anrichte stellte. Sogar das Abreißen des Küchenpapiers hörte sie deutlich, ihre Ohren waren noch erstaunlich gut und auch ihre Augen. Nur zum Lesen brauchte sie eine Brille. Richard öffnete den Kühlschrank, schloss ihn wieder, und wenige Sekunden später hörte Sonja das Aufschlagen der Eier. Sie wusste genau, dass Richard die Eierschalen auf das bereit gelegte Küchenpapier legte und hörte kurz darauf das Zuschlagen der Schranktür, hinter der sich der Mülleimer versteckte. Biomüll, Plastik, Restmüll und Altpapier. Sie legte Wert auf Ordnung. Die Kaffeemaschine gab ein Schnauben von sich, wie immer, wenn sie durchgelaufen war. Richard deckte den Tisch, und Sonja wusste, dass er ihre Lieblingstasse auf den Tisch stellte. Würde sie plötzlich eine andere Tasse bevorzugen, er würde trotzdem immer diese eine neben ihren Teller stellen, denn Richard war ein Gewohnheitstier. Sonja zog sich an und lief die Treppe herunter ins Wohnzimmer mit der offenen Küche. Richard saß schon am Tisch, die Zeitung lag aufgeschlagen vor ihm. Eine Angewohnheit, die sie immer nervte, wenn sie selbst nichts nebenher zu lesen fand. Die Tageszeitung las sie ungern, sah sich dafür aber jeden Abend zwei Mal die Nachrichten im Fernsehen an. Sie kam sich ignoriert vor, wenn er beim Frühstück hinter der Zeitung verschwand und sie sich nicht in eine Illustrierte vertiefen, das Fernsehprogramm studieren oder an ihrem Handy herum tippen konnte.
„Freust du dich schon auf das Wochenende?“, fragte sie, um ihn von seiner Zeitung wegzulocken. „Natürlich.“ „Was meinst du, wie lange werden wir brauchen?“ Richard schaute sie über den Zeitungsrand an. „Haben wir doch gestern alles schon nachgeschaut. Knapp drei Stunden.“ Er versenkte seinen Blick wieder in die Zeitung und nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse, auf der in verblassten Buchstaben sein Name stand.
„Vielleicht geraten wir in einen Stau?“ Sonja schnitt ein Stück Gurke in dicke Scheiben. „Das wäre sehr unschön.“
Richard gab das Zeitunglesen auf. Er faltete sie zusammen, öffnete die Butterdose und bestrich sein Brötchen damit.
„Mag sein.“ Er griff nach der Marmelade und verteilte sie auf einer oberen Brötchenhälfte, nahm wieder die Butter zur Hand und ging mit dem marmeladenbeschmierten Messer hinein. Sonja sah die roten Ränder in der Margarine und auch, wie ein Krümel von Richards Brötchen in ihr landete. Die Ordentlichkeit ihres Mannes war definitiv nicht so ausgeprägt wie die ihre, zumindest nicht, was das Frühstück anging.
„Hast du deine Schwimmsachen eingepackt?“
Richard brummte bejahend.
„Was ist mit deinem Bademantel? Es gibt dort zwar welche, aber du liebst ja deinen eigenen Bademantel. Hast du ihn eingepackt?“
Richard brummte bejahend.
„Ich bin auf die Saunalandschaft gespannt. Es gibt dort eine Kräutersauna. Für dich gibt es aber auch eine finnische Sauna.“ Richard brummte. Sonja sah ihn an. „Du liebst doch finnische Sauna.“ Richard sah auf.
„Klar“, sagte er. „Mochte ich schon immer.“
„Ja, ich weiß.“ Sonja nahm die Butter und führte ihr Messer um die mit Marmelade kontaminierten Stellen herum. „Ich glaube, ich werde noch ein großes Handtuch mitnehmen.“
„Die werden doch im Hotel gestellt“, antwortete Richard.
„Manchmal sind mir die Hotelhandtücher aber zu dünn.“ Sonja faltete eine Käsescheibe in der Mitte zusammen und legte sie auf ihre untere Brötchenhälfte. „Ich könnte neue Handtücher kaufen. Isabell hat sich jetzt neue Bettwäsche gekauft, eine mit einem wirklich schönen Muster. Ein ganz dunkles Grün.“
Richard sah auf.
„Woher weißt du, wie das Grün auf Isabells neuer Bettwäsche aussieht?“
„Sie hat es mir am Telefon erzählt.“
Sonja und ihre Tochter Isabell telefonierten fast alle drei Tage miteinander.
„Aha“, sagte Richard und schielte auf seine Zeitung.
„Es sind verschiedene Grüntöne, mit einem sehr schönen Muster.“ Richard schlug seinem Ei den Kopf ab und suchte den Tisch nach dem kleinen Salzstreuer ab. Er stand hinter dem Orangensaft auf Sonjas Seite, so dass er ihn nicht sehen konnte.
„Ich hätte Lust, das Bad umzuräumen.“
„Was stimmt mit unserem Bad nicht?“ Richard hob die Salami hoch. „Hast du den Salzstreuer gesehen?“
Sonja gab ihm den Salzstreuer. Richard fiel gar nicht auf, dass sie die ganze Zeit wusste, wo das Salz stand. Das ärgerte sie. Das war typisch für ihn.
„Nimm nicht so viel Salz, das ist nicht gesund für dich.“
„Da kommt kaum etwas raus.“ Richard schüttelte den Salzstreuer über seinem Ei aus. Sonja hörte das Salz auf den Teller rieseln. Sie beobachtete ihn weiter. Wie furchtbar er das Ei aß! Nicht der Löffel wurde zum Mund geführt, sondern der Löffel mit dem Ei wurde über den Teller gebeugt ausgeschlürft. Dieses Geräusch konnte Sonja einfach nicht überhören, auch nach so vielen Jahren nicht. Genauso gut könnte er den Löffel auch weglassen. Sonja überlegte, ob sie im Leben etwas verpasst habe. Vielleicht wäre eine Affäre sinnvoll gewesen, einfach, um frischen Wind in ihrem Leben zu spüren.
„Die Rosen sehen toll aus“, sagte Richard und blickte aus dem Fenster in den Garten zu einem Rosenstrauch, der dort erst seit zwei Tagen stand.
Verblüfft sah Sonja Richard an, der wieder die Zeitung zur Hand nahm. Sie verstand nicht, warum er ein Kompliment machte, sich aber nicht darum kümmerte, ob es sie freute oder nicht.
„Wirklich?“
Richard sah auf.
„Ja. Ich finde, sie haben eine tolle Farbe. Ganz anders als die anderen im Garten. Gefällt mir.“ Sonja lächelte ihren Mann an, der ihr einen kurzen Blick zuwarf, bevor er sich wieder in den Zeitungsartikel vertiefte.
Eine halbe Stunde später spülte Richard das Geschirr ab, und Sonja packte die letzten Sachen ein. Sie nahm die Gießkanne von der Fensterbank und begann, die Blumen im Haus zu bewässern. Richard stand in der Küche und sah ihr zu.
„Warum musst du jetzt noch die Pflanzen gießen?“
„Weil sie Wasser brauchen.“
„Ja, aber warum jetzt. Warum hast du das nicht gestern erledigt?“
„Weil ich sie erst Vorgestern gegossen habe.“
„Verstehe ich nicht“, sagte Richard. „Warum musst du die Pflanzen genau dann gießen, wenn wir los wollen?“
„Weil ich sie vorgestern erst gegossen habe, und weil sie in der Sonne stehen und es dort sehr warm ist.“
„Warum gibst du ihnen nicht einfach mehr Wasser?“ Richard hob eine Tasche an.
„Weil sie dann nasse Füße bekommen.“
Richard sah sie an, überlegte, versuchte, Topfpflanzen mit nassen Füßen zu kombinieren und lief hinaus zum Auto, wo er die Tasche auf dem Rücksitz verstaute. Als er die hintere Autotür schloss, blickte er auf die Straße und zog den Bauch ein. Sonja zupfte einen Ableger von einer Grünlilie ab und beobachtete Richard, der zurück zum Haus kam. Er lief in die Küche, holte den Müllbeutel aus dem Eimer und lief wieder hinaus. Sonja zupfte einen weiteren Ableger ab. Die Studentin von gegenüber kam in ihr Blickfeld. Sie hielt einen Gartenschlauch in der Hand und wässerte den Rasen. Ein Regenbogen zeigte sich im Wassernebel, zart schimmerte er neben der Studentin, die leicht ihren Oberkörper zurücklehnte und in den Himmel sah. Sonja stellte die Ableger der Grünlilie in ein Glas und füllte es mit Wasser. Richard kam zurück.
„Haben wir Altpapier, das in die Tonne muss?“ Er sah in den Pappkarton, in dem sie das Papier sammelten und hob die Brötchentüte hoch, die als einziges darin lag.
Sonja beobachtete das Wasser, das sie aus der Gießkanne auf die Pflanzenerde goss. Sie fand es erstaunlich, wie langsam man Wasser auf Erde schütten konnte, und beobachtete genau, wie es in der Blumenerde versickerte. Sie entschied, die Grünlilien nach weiteren Ablegern abzusuchen. „Soll ich schon mal deine Handtasche ins Auto bringen?“
„Nein, ich will noch eine rauchen“, antwortete sie.
Richard ging hinaus und setzte sich ins Auto. Er programmierte das Navigationsgerät, wofür er erstaunlich viel Zeit brauchte. Eindrucksvoll, wie weit nach oben er seine Augen verdrehen konnte, um in den Rückspiegel zu schauen, ohne den Kopf zu heben. Sonja drückte die Zigarette aus und rief Isabell an, um ihr zu sagen, sie würden jetzt abfahren. Dann ging sie aus dem Haus, und noch während sie die Haustür abschloss, startete Richard den Wagen. „Warum trödelst du so?“, fragte er, als sie einstieg.
„Ich habe noch mit Isabell telefoniert, und du warst doch beschäftigt.“
Richard runzelte die Stirn und fuhr rückwärts aus der Einfahrt. Als sie an der Studentin vorbeifuhren, hob Sonja lächelnd die Hand zu einem Gruß.
„Kennst du sie?“, fragte Richard.
„Oh, natürlich, sie wohnt ja schon seit beinahe vier Monaten gegenüber. Wir sprechen viel über ihren Alltag. Sie ist sehr redselig, ich habe das Gefühl, ich weiß alles, was sie so treibt. Kleines Plappermäulchen, aber sehr sympathisch.“
Richard bog um die Ecke und nahm den Weg zur Autobahnauffahrt.
Kapitel 2
Sonja und Richard
Die Stimme des Navigationsgerätes meldete sich und gab den Weg vor.
„Viel später als geplant“, sagte Richard.
„Wenn wir zu früh kommen, sind unsere Zimmer noch nicht fertig.“ Sonja legte sich eine dünne Strickjacke über die Schulter.
„Aber wenn wir in einen Stau kommen, werden wir zu spät sein.“
„Ist denn Stau angesagt?“
„Keine Ahnung“, sagte Richard. „Es wäre einfach entspannter gewesen, wenn wir zeitig losgefahren wären. Warum musst du ausgerechnet vor der Abfahrt noch die Blumen gießen?“
„Das Gespräch haben wir vorhin schon geführt.“
„Ich verstehe es aber nicht.“
„Und du meinst, beim zweiten Mal verstehst du es?“
„Und was soll das, dass du Isabell noch unbedingt anrufen musstest? Ihr könnt jeden Tag miteinander reden.“
„Sie arbeitet.“
„Aber von zu Hause aus. Da kann sie doch mit dir telefonieren.“
„Du telefonierst doch auch nicht, wenn du arbeitest.“
„Das ist was anderes.“
„Ach ja? Warum soll das etwas anderes sein?“, fragte Sonja „Ich arbeite im Büro. Das ist schon was anderes.“
„Warum?“
„Na, weil es ein Büro ist. Da sind andere Menschen, da kann man nicht einfach so privat telefonieren.“
„Früher hast du das gemacht.“
Richard antwortete nicht.
„Früher hast du mich jeden Tag vom Büro aus angerufen. Erinnerst du dich nicht?“, hakte Sonja nach.
„Das ist aber schon lange her“, antwortete Richard.
„Ja, das ist schade. Warum rufst du mich heute nicht mehr an?“ Sonja beschloss, am Thema zu bleiben, weil Richard nicht flüchten konnte.
„Keine Ahnung, vielleicht gab es früher mehr zu erzählen. Wenn man jung ist, redet man mehr.“
Sonja drehte sich zu ihm.
„Wirklich?“, fragte sie und zog die Augenbrauen hoch. „Also findest du uns alt?“
„Na ja, wir sind nicht mehr jung. Und man hat vielleicht auch mal genug gesagt. Irgendwann will man einfach mehr Ruhe haben, und dann redet man nicht mehr so viel.“ Richard konzentrierte sich auf einen Kreisverkehr.
„Rede ich dir zu viel?“
„Das habe ich nicht gesagt.“ Richard bemerkte, dass das Gespräch in eine Richtung ging, die ihm nicht gefiel. „Ich habe nur gesagt, dass man vielleicht ein wenig ruhiger wird, wenn man älter wird. Das ist doch nichts Schlimmes.“
„Früher hast du immer angerufen und mir gesagt, dass du mich liebst. Ist dir nie aufgefallen, dass du mich schon lange nicht mehr angerufen hast?“
In Richards Blickfeld, das fokussierter als üblich beim Autofahren, auf die Straße gerichtet war, schob sich ein Kühlschrank. Verlassen und völlig unpassend zum Gesamtbild der Umgebung stand er am Straßenrand. Richard hätte entweder sich selbst, seine Frau oder dieses Gespräch gerne darin herunter gekühlt. Die Autobahnauffahrt kam in Sicht, und Richard wollte dieses Gespräch nicht weiter fortsetzen. Es war dieselbe Autobahnauffahrt, die er jeden Morgen nahm, wenn er zur Arbeit fuhr. Jetzt, mit seiner Frau neben sich sitzend und das Gespräch im Ohr, das sie gerade führten, fiel Richard auf, dass die Auffahrt für ihn der Punkt der Freiheit war, den er von Montag bis Freitag meist gegen Viertel vor acht passierte. Er war wie eine Grenze in eine andere Welt, in der er mindestens acht Stunden arbeitete und zwischen halb eins und halb zwei eine Pause einlegte. Dann unterhielt er sich mit Kollegen, schlenderte durch den Park oder machte kleine Besorgungen für seine Schnitzereien und andere Holzarbeiten. Der Keller war seit der Zeit, in der Isabell mit der Schule anfing, zu einer Werkstatt ausgebaut. Erst waren es nur kleinere Basteleien, denen Richard dort nachging, Reparaturen an Isabells Kaufladen, mit dem sie damals noch gespielt hatte, oder mal ein Vogelhaus für den Kirschbaum im Garten. Dann baute er einen Kinderstuhl für das Kind eines Kollegen, den er selbst entwarf und bastelte einen Zaun für den Ponyhof, den Isabell nicht mehr brauchte und den sie verschenkten. Irgendetwas fand Richard immer, das es zu bauen oder zu reparieren gab. Der Stoffente bastelte er ein neues Auge aus Filz, band ihr ein Tuch als Augenklappe um und legte sie in Isabells Bett. Als sie das Tuch entfernte und das neue Auge sah, umarmte sie ihn mit einer Kraft in ihren kleinen Ärmchen, die ihn überrascht und zutiefst in seinem Vatersein berührte und bestärkte. Er schnitzte ein Schwein und einen Kürbis, den sie aber als Tomate in ihrem Kaufladen benutzte. In dieser Zeit fing Sonja an, Kleider für Isabell zu nähen. Sie malte mit ihr stundenlang Mandalas aus, die sie selbst vorzeichnete. Jahr um Jahr verging, und irgendwann war Isabell das, was sie ein großes Kind nannten. Sie verbrachte die meiste Zeit mit ihren Freundinnen oder beim Badmintontraining, und die Eltern waren nicht mehr so wichtig wie früher. In diesen Jahren kam sie nur noch selten mit Dingen in seinen Kellerraum, die repariert werden mussten, und eines Tages ersteigerte Richard eine Drechselbank im Internet. Er drechselte einfach, was ihm in den Sinn kam, ohne etwas erreichen zu wollen, und nach ein paar Tagen versuchte er sich an einer Vase. Als sie fertig war, holte er sich ein Glas Wein, stellte die Vase auf seine Drechselbank und betrachtete sie. Von diesem Tag an drechselte er Schalen und Vasen, später Flaschenöffner, Verschlüsse sowie pilzförmige Nussknacker und allerlei andere Dinge, die ihm spontan einfielen. Die Zeit, die er in der Werkstatt verbrachte, wurde immer länger und seine Arbeiten besser und hochwertiger. Er begann, all die gedrechselten Gegenstände auf Märkten zu verkaufen, und als Isabell in ihrem Abschlussjahr an der Schule war, brachte sie ihre große Liebe mit nach Hause, einen jungen Mann, der ihm einen Onlineshop einrichtete, in dem er seine Arbeiten verkaufen konnte.
Das, was für Richard die Werkstatt darstellte, war für Sonja die Arbeit, die sie im Ehrenamt ausführte. Erst waren es nur ein paar Stunden, aber schon nach knapp einem Jahr übernahm sie eine große Rolle in der Ehrenamtszentrale. Richard kam es vor, als kümmere sich Sonja manchmal um die halbe Stadt, als sei dies ihr neuer Lebensinhalt, vielleicht auch, weil ihr die Rückkehr in eine Vollzeitstelle nicht geglückt war. In den ersten Jahren dachte Richard, sie würde dort wieder aufblühen und hätte für sich einen positiven Lebensinhalt gefunden. Doch manchmal sah er seine Frau in einem Moment an, in dem sie sich mit ihren Gedanken in einer anderen Welt als hier in der Realität befand. In solchen Momenten fiel ihm auf, dass er gar nicht mehr wusste, ob Sonja noch die Frau war, die er kannte, die er aus Liebe geheiratet hatte, oder ob es eine Fremde war, die nur Sonjas Gesicht wie eine Maske vor dem ihren trug. Irgendwann war ihm auf ihrer Stirn, nahe am Haaransatz, ein Altersfleck aufgefallen und er wusste nicht, wann er dort erschienen war. Der Größe nach musste er aber schon vor längerer Zeit dort entstanden sein, schließlich tauchten Altersflecken nicht einfach so auf wie Sommersprossen im Gesicht eines rothaarigen Kindes, das im Sommer draußen spielt. Auf seinem Handy durchsuchte er die Bilder der letzten Jahre, sah sich ihr Gesicht in der Vergrößerung genau an und eruierte so die Entstehung des Altersfleckes. Tatsächlich war er ihm nie aufgefallen, obwohl er nachweislich schon seit über vier Jahren sichtbar war. Wie viele Veränderungen waren ihm in den letzten Jahren nicht aufgefallen, weil ihm sein Zuhause außerhalb des Kellers zur Last geworden war? Plötzlich hatte Richard das Gefühl, viele Dinge aus der Vergangenheit nicht mehr richtig in Erinnerung zu haben. Er hatte sie nicht vergessen, aber nie über Vorhänge und Veränderungen nachgedacht, sondern sie einfach so hingenommen und sein Leben gelebt.
Richard überholte den Wagen vor ihm, und als er zurück auf die mittlere Spur fuhr, warf er einen Blick auf Sonja, die neben ihm saß und gedankenverloren aus dem Fenster schaute. Er sah eine gewisse Härte in ihrem Ausdruck, die typisch für sie war, aber ihm schien, als läge auch ein leises Lächeln auf ihren Gesichtszügen. War dies das Gesicht, das sie sich vor Jahren einmal aufgesetzt hatte, oder war das ihr wahrhaftiges? Je länger er darüber nachdachte, desto näher kam er der Frage, wer seine Frau überhaupt war. Früher war sie witzig, spontan und ideenreich. Auch pragmatisch, zum Beispiel, als sie auf dem Weg zu einem Campingplatz eine Nacht auf einem Parkplatz einer Raststätte übernachteten und sie den Schnaps aus dem Schraubverschluss einer Wasserflasche trank, weil sie der Meinung war, Schnaps trinke man nicht aus der Flasche. Mit ihrer Nagelfeile bearbeitete sie die Ränder der Verschlusskappe und fertig war das Schnapsglas. Es gab ein Foto von ihr, aufgenommen von Freunden in der Silvesternacht, auf dem Sonja eine Sektflasche in die Luft hielt, aus der heraus im Augenblick des Auslösens die Silvesterrakete mit einem Funkenschweif gen Himmel flog. Auf dem Bild lachte sie wie ein junges Mädchen. Das Bild stammte aus derselben Zeit wie jenes, das er selbst von ihr und Isabell auf einer Grillparty schoss. Sonja hatte ihm eine Strickjacke gestrickt, die ihr dann aber nicht gefiel, so dass sie alles wieder aufribbeln wollte. Isabell zog sich die für ihren Körper viel zu große Jacke an und drehte sich, während Sonja am Faden zog und ihn aufwickelte. Auf dem Foto sah man Sonja und Isabell, in einem fröhlichen, ansteckenden Lachen vereint. Auch einige Nachbarn, die auf dem Bild zu sehen waren, lachten herrlich ausgelassen. Der schönste Anblick aber war Isabell mit ihrem Kinderlachen, das einfach nicht mehr aufhörte. Dieses Giggeln, das nur bei Kindern vorkommt, die noch in einem Alter sind, in dem man nicht albern, sondern einfach nur fröhlich ist. Nach und nach fielen Richard die vielen Grillpartys ein und auch ein paar Lieder von damals. Gab es heute in ihrem Leben weniger Freunde als früher? Oder waren zu viele Menschen aus der Umgebung weggezogen, so dass man kaum noch Leute spontan einlud, weil die Wege zu weit waren? Richard zählte in seiner Erinnerung die Freunde auf, die früher oft zu Besuch kamen. Einige waren tatsächlich weggezogen, aber andere lebten nach wie vor in ihrer Nähe. Ein paar von ihnen lernte Richard über seine Arbeit kennen, viele waren auch Eltern, deren Kinder damals dieselbe Klasse besuchten wie Isabell. Mit einigen fuhren sie später zusammen in den Urlaub. Das war praktisch, denn so kam bei den Kindern keine Langeweile auf. Es wäre doch schön, mal wieder ein paar Leute einzuladen. Einfach die alten Freunde anrufen und einen Termin für ein kleines Grillfest ausmachen. Besser noch, einen Abend vorschlagen, damit niemand eine Diskussion oder eine Terminverhandlung anfängt. Einfach die Leute einladen und schauen, wer kommt. Diese Spontanität fehlte ihm schon lange. Es war, als könne Sonja nicht mehr damit umgehen, Dinge ungeplant zu tun. Sie vereinbarte sogar Termine mit der Nachbarin, um ihr eine Zucchini vorbeizubringen, die wie wild auf Sonjas Beeten wucherten. In seiner Werkstatt war Richard spontan, dort tat er, was ihm gefiel. Erst kürzlich schenkte ihm ein Arbeitskollege ein fast dreihundert Jahre altes Stück Holz aus einem Brückenpfeiler, das Richard betrachtete und sofort ein Bild von einer Lampe vor seinem inneren Auge sah. Ende der Woche ging er in die Werkstatt und holte aus dem alten, dreckigen Holz eine Form heraus, die ihm schöner vorkam als alles, was er bisher in einem Stück Holz gesehen hatte. Aus den Resten bastelte er ein paar Kreisel, weil er es zu schade fand, die kleinen Holzstücke wegzuwerfen. Als er fertig war, öffnete er eine Flasche Wein und begutachtete seine Werke, ließ die Kreisel auf dem Tisch ihre Runden drehen und legte Farben heraus, um sie zu bemalen. Die Maserung und die Färbung des Holzes waren einzigartig, und er beschloss, die Lampe zu behalten. Mit der Flasche Wein, dem Glas und der Lampe lief er die Treppe hoch und schob ein Bild von Isabell und eine Vase auf einem Tisch ein wenig zur Seite, um die Lampe dort aufzustellen. Zwei Stunden später kam Sonja dort entlang, sah das veränderte Arrangement und fragte, ob er schon die halbe Flasche Wein ausgetrunken habe, es sei doch erst Sonntagnachmittag Fünf Uhr. Am nächsten Tag war die Lampe an den Rand des Tisches verschoben, die Vase und das Bild von Isabell standen wieder an ihrem alten Platz, und seitdem fiel Richard jedes Mal, wenn er an dem Tisch vorbeilief, auf, wie eingefahren doch ihr Leben war.
„Hast du Lust auf eine Grillparty?“, fragte er Sonja.
Sonja erwachte aus ihren Grübeleien.
„Mit wem?“
„So wie früher“, antwortete Richard. „Mit ein paar Freunden und Nachbarn.“
„Welche denn?“
„Keine Ahnung, welche du willst. Du kennst doch viele von ihnen.“
„Meinst du die Studentin?“
Richard wusste nicht, von wem Sonja sprach.
„Welche Studentin?“
„Die von heute Morgen im Haus gegenüber.“
Richard fiel die Studentin wieder ein. Er wusste nicht, ob ein so junges Ding bei einer Grillparty mit Menschen über 50 Spaß hätte.
„Ich weiß nicht, wenn du sie kennst, klar, warum nicht.“
„Ich kenne sie kaum.“
„Hast du nicht heute Morgen gesagt, du kennst sie?“
„Deswegen gehört sie aber nicht zu unseren Freunden.“
„Okay, gut“, antwortete Richard, „ich dachte nur, wir laden einfach mal wieder ein paar alte Freunde ein, grillen und trinken ein paar Bierchen zusammen. So wie früher. Weißt du noch? Früher haben wir das oft gemacht. Das war lustig.“
Sonja sah auf ihre Hand, die auf ihrem Oberarm ruhte. Für ihr Alter sahen ihre Hände noch jung aus. Seit sie das Gespräch auf die früheren Anrufe gelenkt hatte, war Richard in Schweigen verfallen. Zu gerne würde sie wissen, was nun in seinem Kopf vorging. Dachte er über dieses Thema nach, oder war er schon wieder gedanklich ganz woanders? Verständlicherweise hatte sich Richard in den letzten Jahren verändert, wer tat das nicht? Veränderung war ein natürlicher Prozess, auch im eigenen Charakter. Richard war heute etwas eigensinniger als früher, er machte mehr mit sich selbst aus, teilte weniger seine Gedanken, Sorgen und Freuden. Er verbrachte Stunden in der Werkstatt im Keller oder unternahm kleinere Touren mit dem Rad. Heute Morgen beim Frühstück aber war ihr aufgefallen, dass Richard viele Dinge so tat, wie es seit Jahren seine Art war. Zwar war sie sich dessen schon lange bewusst, aber heute Morgen hatte es sie gestört, weil ihr seine immer gleichen Bewegungsabläufe plötzlich so eingefahren, so alt vorkamen. Routine konnte einen am Leben halten, das wusste sie nur zu gut, aber jetzt hatte sie das Gefühl, dass die Routine alles Lebendige in ihrem Leben abtötete, als sei es Unkraut, das sich einen Weg durch den Asphalt der blinden Gewohnheit erkämpft. Die Art und Weise, wie er das Ei aß und die Zeitung las, wie er sich jeden Morgen in der gleichen Reihenfolge anzog, erst den linken Socken, dann den anderen, und immer erst mit dem rechten Arm in das Shirt oder den Pullover. Das alles hatte eine schreckliche, einengende Routine bekommen, ein Käfig aus Bewegungsabläufen, der einen daran hinderte, nachzudenken oder etwas Neues zu tun. Richard war wie eine Maschine, deren Arbeitsablauf sich nie veränderte, weil es keinen Grund dafür gab, weil er funktionierte wie ein Uhrwerk. Richard war etwas, worauf sie sich verlassen konnte. Nicht jemand. Vor über 20 Jahren war er in seinem Keller verschwunden und einige Stunden dort unten geblieben. Von diesem Tag an schleppte er Holz und Farben und andere Utensilien dort hinunter, um aus ihnen irgendetwas zu bauen oder zu basteln. Und sie konnte sich darauf verlassen, dass er dort seine Zeit verbrachte, damals wie heute. Damals, weil er einen Ausweg brauchte, einen Ort, an dem ihm die Welt nicht so dunkel und leer erschien, und heute, weil es eine geliebte Gewohnheit war, weil dort unten immer wieder Neues entstand, nie aber etwas einfach so aufhörte. Damals kam Sonja die Werkstatt im Keller wie ein geheimer Ort vor, den nur Richard betreten konnte und Isabell, weil ihr Kindsein eine Art Schlüssel zu diesem Raum war. Für Isabell war die Werkstatt kein Ort, an den Richard flüchtete, sondern ein gemütlicher, heller Ort voller Abenteuer und Nähe zu ihrem Vater. Nach einigen Monaten, in denen Sonja die meiste Zeit allein im Wohnzimmer verbrachte, war sie in die Ehrenamtszentrale gegangen, um sich einen neuen Sinn für ihr Leben zu suchen, und bis heute war es ihr Lebensinhalt, für andere Menschen Hilfe und Unterstützung zu organisieren. Als ob die Verlorene den Verlorenen beim Suchen und Finden half. Durch diese Arbeit erfuhr sie eine Wertschätzung, die den Leerraum in ihrem Leben füllte. Wertschätzung war etwas, das sie in ihren jungen Jahren nie brauchte. Früher war sie sich selbst genug gewesen, sie hatte Spaß mit Richard, mit Freunden, in ihrer Rolle als Mutter. Das Geld war immer in ausreichender Menge vorhanden, manchmal etwas knapp, dennoch fehlte es ihnen an nichts. Sie waren zufrieden mit dem Vorhandenen und glücklich in ihrem Dasein als Familie. Sommer um Sommer packten sie das Familienzelt, die Kühlbox, den Gaskocher, die Hälfte ihres Küchenbestandes, eine Wanne zum Spülen, nahezu die gesamte Sommerkleidung, Schlafsäcke, Luftmatratzen und Handtücher in ihr Auto. Dazu den Fressnapf und das Körbchen für den kleinen Hund. Das Auto vollgepackt bis oben hin, fuhren sie los, um zusammen mit Freunden und anderen Familien die Sommerferien auf einem Campingplatz zu verbringen. Manchmal waren die Strecken zu lang, um sie an einem Tag zu schaffen, so dass sie eine Nacht als Zwischenstopp einlegten, und die Kinder übten während der Fahrt Kopfstand im Auto, weil es noch keine Anschnallpflicht gab. All das erfüllte ihr Leben. Der Luxus der Einfachheit und der Zufriedenheit. Sie brauchte weder Anerkennung, noch Wertschätzung, es war nicht nötig, Managerin eines kleinen Familienunternehmens sein, weil es ganz einfach reichte, Mutter und Ehefrau zu sein. Das Leben, das sie lebte, gab ihr alles, was sie brauchte. Doch dann war etwas geschehen, war in ihr Dasein eingebrochen und hatte einen Riss verursacht, der mit nichts zu füllen war. Es war einfach so geschehen, und Sonja fühlte sich, als stünde sie an einem Bahngleis, vom Leben zurückgelassen, weil der Zug früher abgefahren war als geplant. Alle Menschen und alles, was sie kannte, war in diesem Zug davongefahren, und sie stand da, allein auf dem Bahnsteig und sah auf die leeren Schienen vor ihr, auf denen kein Zug mehr halten würde.
Und nun dachte Richard über eine Grillparty nach. Das war wieder typisch für ihn. Er plante etwas, aber es lag an ihr, es zu organisieren. So wie früher wollte er es haben, aber die Studentin von gegenüber gehörte nicht zu früher. Als sie selbst jung war, war sie jemandes Studentin von gegenüber gewesen. Sie erinnerte sich an das alte Ehepaar, das sich jeden Tag hingebungsvoll um den Garten kümmerte. Damals fand sie das ein wenig skurril, doch heute kümmerte sie sich mit einer ebensolchen Hingabe um ihren eigenen Garten. Plötzlich erschien es Sonja, als habe sie sich selbst eingeholt, als sei sie zu ihrer eigenen Nachbarin geworden. Ihr war, als stünde sie vor einem Bild, auf dem zwei Frauen zu sehen waren, beide mit demselben Sommerkleid und einem ähnlichen Sonnenhut auf dem Kopf. Die eine war jung, die andere alt. Beide waren Sonja, die ihr eigenes Ich beobachteten. Die ältere Sonja betrachtete in dieser Momentaufnahme das Leben der Jüngeren, während diese zeitgleich auf ihr zukünftiges Ich blickte. Sonja fragte sich, über was sie sich mit ihrem jüngeren Ich bei einer Grillparty unterhalten würde. Welche Warnungen oder Ratschläge würde sie sich geben? Schneller wieder in das Arbeitsleben einsteigen, früher die Kindersachen verkaufen, weil ein weiteres Kind nicht kommen wird, und auf gar keinen Fall das Tanzen aufgeben, weil es ihr später so leid darum tun wird.
„Warum haben wir eigentlich das Tanzen aufgegeben?“, fragte Sonja und klappte die Sonnenblende herunter.
Richard fuhr mit seinem Rad auf einer geschwungenen Straße in den Dolomiten entlang. Gedanklich stellte er sich einen Plan zusammen, wann er diese Tour gern fahren würde und in welchen Etappen. Er nahm sich vor, einen alten Freund zu fragen, ob er die Tour mit ihm fahren wolle. Darüber könnten sie sich bei der Grillparty unterhalten, dieses Mal aber konkreter als sonst. Schon länger überlegten sie, eine größere Tour zu unternehmen, ein verlängertes Wochenende, vielleicht an einem Fluss entlang, aber sie schafften es nie, die Tour tatsächlich zu planen und durchzuführen. Jetzt baute Richard die Tour in seinen Gedanken immer weiter aus, bis er sich in den Dolomiten sah, abgekämpft aber glücklich. Endlich mal wieder etwas erreichen, das wäre schön. Sonja holte ihn mit der Frage aus seinen Planungen heraus, warum sie nicht mehr gemeinsam tanzten.
„Keine Ahnung“, antwortete er, „hat nicht mehr gepasst.“
„Zu was hat es nicht mehr gepasst?“
„Wie kommst du denn jetzt auf das Tanzen?“, fragte Richard.
„Hat es zu uns nicht mehr gepasst?“
„Sonja, Dinge vergehen einfach, das ist so, wenn man älter wird.“
„Ich bin gerade erst sechzig geworden!“
„Ja, das ist …“ Richard dachte wieder an den Kühlschrank am Straßenrand. „Jetzt entspann dich doch mal“, sagte er. „Wir machen uns jetzt ein schönes Wochenende.“
„Ich bin entspannt.“ Sonja sah stoisch durch die Frontscheibe.
„Ja, dann ist doch alles gut.“ Richard betonte den Punkt am Ende des Satzes. „Ja, natürlich ist alles gut, bei dir ist immer alles gut. Ich habe dich nur gefragt, warum wir mit dem Tanzen aufgehört haben.“
Richard lehnte sich vor und schaltete das Radio ein, um ein wenig Ablenkung von diesem Gespräch zu bekommen.
„Zu diesem Lied haben wir auch mal getanzt“, sagte Sonja.
Richard hätte zu gern den Sendersuchlauf gestartet.
„Bist du irgendwie unzufrieden?“, fragte er plötzlich.
„Warum sollte ich denn unzufrieden sein?“
„Weil du die ganze Zeit meckerst.“
Sonja verschränkte die Arme und sah wieder durch die Frontscheibe hinaus, ihr Kopf war leicht gesenkt, so dass sich ihre Augen ein wenig nach oben drehten. Richard bremste ab, weil das Ende eines Staus in Sicht kam.
Sonja schien ihm schon seit Jahren unzufrieden zu sein. Es war ein schleichender Prozess gewesen, und oft war diese Unzufriedenheit von irgendeinem Aktionismus überlagert worden. Er hätte gerne gewusst, über welche Dinge sie nachdachte, während sie den Stau betrachtete, der vor ihnen entstanden war.
„Bist du denn zufrieden?“, fragte Sonja.
„Ja, warum fragst du?“
„Du hast mich doch auch gefragt.“
Richard holte tief Luft und streckte die Arme durch, so dass er gegen das Lenkrad drückte. Es war ein tiefes Einatmen. „Ja, schon irgendwie, glaube ich“, antwortete er, wobei die Intonation der Worte ein Fragezeichen an deren Ende implizierte.
Sonja löste die Verschränkung ihrer Arme und drehte sich zu ihm.
„Glaube ich dir nicht“, sagte sie. „Ich glaube, du bist unzufrieden.“
Richard überlegte, ob er besser wieder mit dem Thema Tanzen anfangen solle, es erschien ihm momentan weniger sprengstoffgeladen.
„Woher willst du das denn wissen?“
„Ja, stimmt“, Sonja legte gespielt eine Hand an ihr Kinn, „woher sollte ich das wissen? Schließlich reden wir wenig miteinander. Und jetzt sag nicht, dass es daran liegt, dass wir älter geworden sind.“
„Also gut, ich bin in meinem Job zufrieden, ich habe mir eine gute Position erarbeitet. Ich bin mit meiner Werkstatt zufrieden, mit den Dingen, die ich herstelle, ich bin zufrieden, wenn ich Fahrrad fahre, wenn ich neue Wege entdecke, wenn ich mir eine größere Strecke vorgenommen und sie geschafft habe. Ich bin mit unserem Haus zufrieden, es ist solide gebaut, steht auf einem kleinen Berg, die Anschlüsse an die Autobahn und die öffentlichen Verkehrsmittel sind gut. Und man kann zu Fuß einkaufen gehen, wenn man das will.“ Richard sah Sonja an.
„Und wo komme ich darin vor?“, fragte sie.
Richard sah auf sein Navigationsgerät, das den Stau rot markiert anzeigte. Dann warf er einen Blick über seine Schulter. „Ich fahre hier raus“, sagte er und lenkte sein Auto auf den Standstreifen. Nach wenigen Metern erreichte er die Autobahnausfahrt. Die Vorstellung, weiterhin mit Sonja in einem Stau zu stehen, gefiel ihm nicht. Eine Fahrt über die Dörfer sorgte hoffentlich für etwas Entspannung. An einer Kreuzung las er die Schilder und entdeckte einen Wegweiser zu einer Burg, von der ihm ein Kollege erzählt hatte. Er bog rechts ab.
„Müssen wir nicht nach links?“
„Ich kenne den Weg“, antwortete Richard. „Der ist schön.“
„Ist aber doch nicht der schnellste Weg, oder?“
„Nein. Aber schöner.“
„Wir müssen aber doch zum Hotel.“
„Da fahren wir ja auch hin, nur auf einem anderen Weg. Vertrau mir.“
Seit 24 Jahren vertraute Sonja Richard nicht mehr. Er sagte diesen Satz immer dann, wenn er keinen Sinn darin sah, sie in sein Leben und seine Entscheidungen einbeziehen. Vor 25 Jahren war dieser Riss entstanden, hatte ihrer beider Leben mit Leere gefüllt, und manchmal war es, als würde Richard auf der anderen Seite dieser Leere stehen und sie könnten sich nicht mehr unterhalten, nicht mehr verständlich miteinander sprechen, weil der Riss alles verfremdete und verstellte wie ein Störsignal. Ein Jahr nach der Entstehung der Leere buchte er einen Urlaub auf einem Campingplatz, ohne ihr Einverständnis einzuholen. Er kaufte einen neuen Flachbildschirm, der so groß war, dass das Wohnzimmer umgeräumt werden musste und er kaufte eine neue Pfanne, obwohl er selten kochte, und warf die alte, die Sonja so liebte, weil ihr darin alles gelang, weg. Sie wollte ans Meer, ihr gefiel die Bücherwand im Wohnzimmer, und die Pfanne war die Beste, die sie je besaß. Das ist ein schöner Campingplatz, vertrau mir, das Wohnzimmer wird gut aussehen, vertrau mir, die Pfanne ist die beste, die es gibt, vertrau mir. Ein paar Jahre lang versuchte Sonja, diese Aussagen zu überhören, aber es gelang ihr nie. Was sagte Richard damit überhaupt aus? Wollte oder musste er Entscheidungen ohne eine Rücksprache mit ihr übernehmen, weil sie entscheidungsschwach war? Vertraute er ihren Entscheidungen nicht oder waren sie ihm egal? War sie ihm egal? Sonja erinnerte sich an den Urlaub auf dem Campingplatz. Sie waren das ganze Jahr über nicht in den Urlaub gefahren, waren zu Hause geblieben und starrten den Riss an, der ein Jahr zuvor entstanden war. Richard hatte die Einfahrt neu gestaltet und mit einem hohen Zaun abgegrenzt. Am Ende der Zufahrt brachte er ein Tor an, das automatisch zufiel. In diesem Jahr gründete Sonja einen Verein für leseschwache Kinder, weil sie mit Isabell zu den Betroffenen gehörte und mit dem Problem allein dastand. Sie beschäftigten sich, lenkten sich ab, entzweiten sich durch die Leere. Richard schlief zeitweise im Gästezimmer, weil ihm der Rücken schmerzte. Eines Tages, Sonja schmückte gerade mit anderen Eltern die Turnhalle der Schule für das Frühlingsfest, wurde ihr schwindelig und das Herz raste. Sie sei überlastet, hieß es im Krankenhaus, sie solle kürzer treten. Sie sehnte sich nach dem Meer, aber Richard buchte einen Urlaub an einem See. Vertrau mir, es wird uns dort gutgehen. Aber es wurde nicht gut, in all den Jahren nicht, da half auch kein Vertrauen.
Sonja sah hinaus über die Felder, durch die sie fuhren. Der Sommer war heiß, der Mohn blühte, und auf vielen Feldern war das Getreide schon eingeholt. Sonja gefiel die Weite der Landschaft, die Farben des Sommers, trotzdem dachte sie an das Blau des Meeres, an den Wind und an die Sehnsucht. Sie wurde von einem lauten Geräusch aus ihren Gedanken geholt.
„Was ist passiert?“, fragte sie.
„Irgendwas ist mit dem Motor“, antwortete Richard und fuhr auf einen Grünstreifen neben einer Koppel, auf der eine Herde Pferde stand und in der Hitze vor sich hin graste. Er stieg aus und öffnete die Motorhaube. Sonja blieb im Auto, in dem es durch die Klimaanlage kühl war. Sie zog sich die Strickjacke wieder über ihre Schulter und sah zu den Pferden hinüber, sah Insekten, die in der flirrenden Hitze um die Tiere schwirrten. Sie beugte sich ein wenig zur Seite, um in den Rückspiegel zu sehen. Auf dem Asphalt der Straße tanzte die Hitze. Eines der Pferde kam näher an das Auto heran, Sonja konnte die Schritte des Tieres aber nicht hören. Sie öffnete die Tür, stieg aus dem Auto, lief an den Zaun und streckte ihre Hand aus. Sie hörte Grillen zirpen, die Luft war trocken und heiß. Das Pferd sah sie an.
„Vertrau mir“, sagte sie.
Das Pferd sah sie weiter an, bewegte sich aber nicht näher auf sie zu. Sonja kam es vor, als zirpten die Grillen jetzt lauter. Auch die Schritte der grasenden Pferde hörte sie nun deutlich, und das Herausreißen des Grases kam ihr irrwitzig laut vor.
Sonja stieg auf das untere Brett des Zaunes, lehnte sich über den Zaun und streckte die Hand weiter aus. Das Pferd sah sie an.
„Vertrau mir“, sagte sie wieder.
Im Hintergrund erkannte sie das Mohnblumenfeld, an dem sie vorbeigefahren waren. Ein roter Teppich in der Sommerhitze. Das Pferd wandte den Blick von ihr ab, Sonja zog ihre Hand zurück, lehnte sich an den Zaun und betrachtete den Sommer. Sie legte das Kinn auf ihre Hände, die auf dem oberen Brett ruhten, und schloss die Augen. Sie hörte den Grillen zu und den Insekten, lauschte auf die Schritte der Pferde und das Herausreißen des Grases. Und dann ein leises Schnauben nah bei sich. Sie öffnete ihre Augen erst, als sie den Atem des Pferdes in ihrem Gesicht spürte.
„Ich vertraue dir“, flüsterte sie.
Richard schloss die Motorhaube wieder und setzte sich zurück in das Auto, um den Pannendienst anzurufen. Sonja lehnte am Zaun der Koppel und streichelte ein Pferd, das bei ihr stand und sie beschnupperte. Immer näher kam es, bis es mit seiner Nase Sonjas Stirn berührte, ihre Wangen und ihr Haar. Richard sah in den Rückspiegel, sah die kleine, staubige Straße, eher ein asphaltierter Feldweg, den sie entlang gekommen waren, weil er querfeldein fahren wollte, weg vom Stau und den eingefahrenen Gesprächen. Er nahm sein Handy und versuchte, sowohl Sonja mit dem Pferd, als auch die Straße im Rückspiegel einzufangen. Doch statt auf den Auslöser zu drücken, ließ er seine Hände wieder sinken und betrachtete einfach nur die Szenerie. Es war seltsam, Sonja mit diesem Pferd zu sehen. Sie strahlte eine Ruhe aus, die er schon lange nicht mehr an ihr wahrgenommen hatte. Er beobachtete sie, wie sie sich vom Zaun löste und die Straße hinter dem Auto betrat, so dass Richard sie im Rückspiegel sah. Sie trug ein kurzes Sommerkleid und Schuhe mit einem kleinen Absatz. Im Rückspiegel sah sie sehr schlank aus. Richard drehte sich um und bemerkte, wie grazil seine Frau auch ohne die Verfremdung eines Spiegels war. Er beobachtete sie, wie sie über die staubige Straße schlenderte, gedankenverloren und lächelnd. Es wunderte ihn, dass sie nicht wieder in ihren typischen Tätigkeitsdrang verfiel. War ihr Kleid neu? Es kam ihm nicht bekannt vor. Er wollte sie nicht danach fragen, vielleicht trug sie es schon seit zwei oder drei Jahren, nur war es ihm nie aufgefallen. Sonja hob ihre Arme ein wenig, drehte sich leicht, legte ihre Hände auf ihre Schultern und sah in den Himmel. Er meinte, den Ausdruck in ihrem Gesicht wiederzuerkennen, in ihm etwas zu sehen, dass er schon viele Jahre nicht mehr gesehen hatte. Etwas, das er kannte.
„Lass uns zu Fuß gehen“, sagte Sonja plötzlich und holte ihren kleinen Rollkoffer aus dem Kofferraum. Sie zog den Griff nach oben und tippelte in ihren hohen Schuhen zur Rückbank, von der sie eine Tupperschüssel holte.
„Warum trägst du diese hohen Schuhe? Das soll ein entspanntes Wochenende werden, wer trägt denn da hohe Schuhe? Und was hast du da in der Tupperschüssel?“
„Den Salat von gestern“
„Was?“
„Den Salat von gestern.“
„Warum?“
„Weil er übrig war.“
„Was ist das für ein Grund, ihn mitzunehmen?“
„Sonst hätte ich ihn in den Müll werfen müssen.“
„Ja und? Der ist doch jetzt durch das Dressing ganz matschig.“
„Ach, du bist auch matschig.“
„Na, ist doch wahr. Über Nacht ist das jetzt matschig geworden. Du läufst in High Heels über ein Feld und hast matschigen Salat in einer Tupperschüssel.“
„Stimmt nicht.“
„Na klar stimmt das.“
„Nein, stimmt nicht.“
„Doch.“
„Nein, ich habe das Dressing extra dabei, und ich trage auch keine High Heels.“ Richard sah in den Himmel, durch den ein Flugzeug flog. Dann holte er seinen Koffer und einen Rucksack aus dem Auto, schloss ab und lief hinter Sonja über die Straße hinterher. Sie waren am Rand einer Stadt, zwischen ihnen und den Vorstadthäusern lagen nur wenige hundert Meter. Die Häuser waren alle weiß gestrichen, mit kleinen Gärten und großen Garagen, die sich alle aneinanderreihten. Richard erkannte in einiger Entfernung einen kleinen See, in dessen Nähe jemand mit einem Hund spazierte, und es war, als flirrten die Umrisse dieses Menschen durch die Hitze in der Luft wie eine Fata Morgana. Richard überholte Sonja und schaute auf sein Handy.
„Warum bist du über diesen Feldweg gefahren?“ Sonjas Stimme klang nicht vorwurfsvoll, sondern neugierig.
„Ich fand es romantischer.“
„Wirklich? Du wolltest etwas Romantisches?“
„Ja. Stell dir vor.“ Richard grinste.
Sonja blieb stehen, und als er ihre Schritte nicht mehr hinter sich hörte, drehte er sich um.
„Was?“
„Du wolltest wirklich etwas Romantisches?“
„Ja“, antwortete Richard.
„Das ist irgendwie süß“, befand Sonja.
„Süß?“ Richard drehte sich wieder um. „Ich gehe bald in Rente, ich bin nicht mehr süß.“
Darmowy fragment się skończył.