Czytaj książkę: «Das eigene Maß»
Margrit Hasselmann • Irina Rasimus
Das eigene Maß
Zwischen Essen, Hungern und Idealen

Impressum
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© 2022 edigo Verlag GmbH, Köln
1. Auflage 2022
Umschlaggestaltung: Irina Rasimus, Köln
Titelfotos: Africa Studio, beats1, CatwalkPhotos, estherpoon/alle shutterstock.com
Portraitfotos: Thomas Schütze, Bremen; Teresa Rothwangl, Köln
Illustrationen: tetiana_u (S. 16, 38, 74, 102, 126, 158, 194), Singleline (S. 60)/beide shutterstock.com
Satz: Irina Rasimus, Köln
Druck: oeding print GmbH, Braunschweig
ISBN 978-3-949104-02-2
ISBN eBook: 978-3-949104-09-1
www.edigo-verlag.de
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für alle, die uns bei unserer Arbeit und bei diesem Buch inspiriert und begleitet haben
EINLEITUNG
1. WARUM WIR ESSEN
Körperliche Faktoren • Hunger und Sättigung • Geschmack • Soziokulturelle Faktoren • Familie und Erziehung • Essen in Gemeinschaft • Feste und Feiern • Emotionale Faktoren • Emotionales Essen • Ernährung im Wandel der Zeit • Industriell verarbeitete Nahrung • Die süße Versuchung • Lebensmittelwerbung
2. LEBEN IM ÜBERFLUSS
Der Ernährungsmarkt • Von Fressmeilen und Butterbergen • Snack to go – vom Dauerfuttern • Kochen und Kochen lassen • Ernährungswissen und Kochkompetenz • Ernährung als Lebensstil und „mit Haltung“ • Vegetarismus und Veganismus • Fasten • Lebensmittelunverträglichkeiten • Essen als „Ersatzreligion“ • Essen als Identitätsfaktor • Konsum • Information • Mediennutzung
3. LEBEN UNTER DRUCK
Die Leistungsgesellschaft • Stress • Stress und Schlaf • Stress und Essverhalten • Zwischen Stressbewältigung und Leistungssteigerung • Wer profitiert? • Gesundheit to buy?
4. LEBEN IN BILDERN
Medienmacht • Bilderflut • Schönheitsideale • Schlankheit – ein Glücksversprechen • Zwei Seiten einer Medaille • Übergewicht – die salonfähige Diskriminierung • Schönheitsoperationen • Bildbearbeitung • Castingshows – jede/r kann ein Star sein • Vorbilder im Netz • Selbstdarstellung im Netz • Essstörungen im Internet • Body Positivity – vom Ideal zur Körpervielfalt
5. WENN ESSEN ZUM PROBLEM WIRD
Körperunzufriedenheit • Beziehungsstörungen • Regeln und Verbote • Das „getrackte“ Leben • Körpernormen • Selbstabwertung und Körperscham • Diäten und Jojo-Effekt • Das Hunger-Experiment • Sportsucht und Bewegungszwang • Die Diätmentalität • Orthorexie – vom zwanghaft richtigen Essen • Von Schweinehunden und Cheat Days • Der Kipp-Punkt • Sozialer Rückzug • Wo fängt die Störung an? • Essstörungen haben viele Ursachen
6. GESCHLECHTERBILDER UND LEBENSPHASEN
Geschlechterbilder • Essstörungen und Frauenrolle • Männer und Essstörungen • Lebensphasen • Kinder • Jugendliche • Junge Erwachsene • Schwangerschaft und Geburt • „After-Baby-Body“ • Mütter • Eltern und der Zweitgenerationen-Effekt • Die Lebensmitte • Wechseljahre • Männer in der „Midlife Crisis“ • Schlank altern um jeden Preis?
7. ESSSTÖRUNGEN
Essstörungen haben viele Gesichter • Geschichte der Essstörungen • Verbreitung von Essstörungen • Anorexie – die Verweigerung • Bulimie – das Überdruckventil • Binge Eating – die Entgrenzung • Mischformen • Adipositas • Wege aus der Essstörung
8. DAS EIGENE MASS
Wie entsteht Gesundheit? • Verstehbarkeit • Zusammenhänge verstehen • Sich selbst verstehen • Sich selbst akzeptieren • Ziele setzen • Passende Ziele finden • Das eigene Gewicht • Kommunikation mit sich selbst • Neue Wege gehen • Wie können wir uns ändern? • Raus aus der Komfortzone • Selbstwirksamkeit • Umgang mit Essen • Von der Diät zur Essenserlaubnis • Das Esstagebuch – warum werde ich nicht satt? • Körpersignale wahrnehmen • Intuitives Essen • Esspausen • Einfach und frisch • Essen mit Genuss • Umgang mit Emotionen und Stress • Emotionalen Hunger auflösen • Stress und Selbstberuhigung • Körperwahrnehmung und Bewegung • Umgang mit sich selbst • Vom Bild zum Selbst • Körper- und Selbstwertgefühl • Sinnhaftigkeit
SCHLUSSWORT
ADRESSEN
BUCHTIPPS
QUELLENVERZEICHNIS
EINLEITUNG
Auf einer Betriebsfeier stehen zwei schlanke Mittfünfzigerinnen vor üppig angerichteten Platten. „Ich esse ja eigentlich keine Kohlehydrate mehr nach 18 Uhr“, sagt die eine entschuldigend zur anderen.
Bei einer Hochzeit wird das abendliche Buffet eröffnet. Während die anderen Gäste zu den Tellern greifen, bleibt ein junges Paar sitzen: „Wir machen seit ein paar Monaten Intervallfasten.“
Eine Frau feiert ihren 40. Geburtstag und seufzt mit verschämtem Blick auf ihren Kuchenteller: „Heute ist mein Cheat Day!“
Drei von vielen, alltäglichen Szenen, die wir so oder so ähnlich jederzeit erleben können. Menschen, die sich überlegen, was sie essen „dürfen“, die sich an wechselnde Ernährungsempfehlungen halten, über ihre neueste Diät berichten. Schon Teenager konkurrieren um den höchsten Gewichtsverlust, in der Kantine geht es darum, wer warum auf welche Nahrungsmittel verzichtet, und Partygespräche kreisen um die beste Ernährungsform.
Doch was heißt es eigentlich, wenn jemand einen „Cheat Day“ ausruft – also schummeln muss – um sich seine eigene Geburtstagstorte zu erlauben? Welche Bedeutung hat Essen, wenn eine Essenseinladung die Angst zu „sündigen“ hervorruft? Wenn mit schlechtem Gewissen oder anschließender Reue gegessen wird?
Dieses Ringen um Essen oder Nichtessen und die richtige Ernährung wird nicht nur in der täglichen Anschauung deutlich. Es drückt sich auch in Zahlen aus: Laut der Studie „So is(s)t Deutschland“ würden sich rund 85 Prozent der Befragten gern anders ernähren, als sie es derzeit tun.1 Jede vierte Zwölfjährige in Deutschland hat bereits Diäten gemacht um abzunehmen, jede Dritte ab 13 Jahren kontrolliert regelmäßig ihr Gewicht.2 Einerseits erleben wir in unserer Gesellschaft einen regelrechten Diätwahn. Andererseits gilt jeder vierte Erwachsene in Deutschland als adipös (fettleibig), ernährungsbedingte Krankheiten wie Diabetes nehmen zu.3, 4 Und schließlich gehören Essstörungen zu den häufigsten chronischen psychischen Störungen im Erwachsenenalter.5 Unser Essverhalten kann also zu Problemen sowohl für die körperliche als auch die seelische Gesundheit führen. Doch wie hängt das alles zusammen?
Zwischen Hungern, Essen und Idealen
Beim Thema Essen befinden wir uns in unserer Gesellschaft (wie in allen westlichen Industrienationen) in einem enormen Spannungsfeld: Auf der einen Seite werden wir mit einem extremen Schlankheits- und Schönheitsideal konfrontiert, das über eine Bilderflut in Medien und Werbung allgegenwärtig ist und von dem sich immerhin ein Drittel der Erwachsenen unter Druck gesetzt fühlt (bei den 18- bis 24-Jährigen sogar jeder Zweite).6 Auf der anderen Seite erleben wir ein Nahrungsüberangebot und ständige Stimulation. Dazu versprechen Industrie, Werbung und Gesundheitsapostel, dass wir auf immer neuen Wegen – bei ausreichend Disziplin! – in kürzester Zeit unsere Traumfigur erreichen könnten.
Aus diesem Spannungsfeld erwachsen oft hohe Ansprüche an sich selbst – was dazu führt, dass viele Menschen mit ihrem Essverhalten und ihrem Körper unzufrieden sind: Die Jugendliche, die sich nur von Light-Produkten ernährt. Der Student, der vor jeder Klausur nächtliche Heißhungeranfälle erlebt. Die frischgebackene Mutter, die hungert, um schnell ihre frühere Figur wiederzubekommen. Der junge Mann, der seinen Körper über stundenlanges Muskeltraining und Nahrungsergänzungsmittel formen will. Die Frau in den Wechseljahren, die ihre körperlichen Veränderungen mit strenger Diät aufzuhalten versucht. Mit ihrer Fixierung auf Selbstoptimierung und Fitness – und mit vielstimmigen Debatten um Übergewicht und die einzig „richtige“ Ernährung – fördert und honoriert unsere westliche Kultur solche Verhaltensweisen.
Die permanente Beschäftigung mit Essen und Figur ist also einerseits gesellschaftlich akzeptiert – gleichzeitig belastet sie das Leben vieler Menschen. So gaben bei einer Befragung unter US-amerikanischen Frauen drei Viertel an, dass die Sorge um Figur und Gewicht ihr Lebensglück beeinträchtigt.7 Und diese Sorgen fangen früh an, wie die großangelegte HBSC-Kinder- und Jugendgesundheitsstudie zeigte: Bei den in Deutschland befragten 11- bis 15-Jährigen fanden sich rund 40 Prozent der Mädchen und 30 Prozent der Jungen zu dick. 90 Prozent der Jugendlichen gaben an, im Jahr zuvor auf empfohlene oder sogar gesundheitlich riskante Strategien (wie Mahlzeiten auslassen, sich übergeben) zurückgegriffen zu haben, um das eigene Gewicht zu kontrollieren.8 Dabei ist die Körperwahrnehmung allerdings oft verzerrt: In einer DAK-Befragung unter Kindern und Jugendlichen aus Deutschland waren von den Jungen, die sich als „viel zu dick“ bewerteten, nur knapp die Hälfte tatsächlich übergewichtig – bei den Mädchen sogar nur ein Viertel.9 Welche Folgen aber hat es, wenn eine verzerrte Wahrnehmung über unser Lebensglück – und unsere Gesundheit – entscheidet?
Wenn Essen zum Problem wird
Der Dauerabgleich zwischen Ideal und Realität führt dazu, dass immer mehr Menschen ihren Körper ablehnen – und das schon bei ganz durchschnittlichen, gesunden Körperformen. Wir können bereits Sechsjährige erleben, die sich nicht in Badekleidung zeigen wollen, weil sie sich nicht als dünn genug empfinden – oder 60-Jährige, die sich zeitlebens unwohl in ihrem Körper fühlen. Menschen, die ständig Kalorien zählen, deren Gedanken den ganzen Tag um Essen oder Verzicht kreisen, die immer wieder Heißhungerattacken erleben. Die vielleicht schlank sind, aber dennoch in der permanenten Angst leben zuzunehmen. Oder die übergewichtig sind und sich danach sehnen abzunehmen, aber immer wieder daran scheitern.
Dadurch, dass es so „normal“ erscheint, ständig mit seinem Essverhalten, mit Figur und Gewicht zu hadern, nehmen wir es allerdings nicht als eigenständiges Problem wahr. Stattdessen endet es immer wieder mit den üblichen Scheinlösungen: ein sehr kontrolliertes Essverhalten, Ernährungsexperimente, die nächste Diät oder aufwändige Trainingspläne. Ein Scheitern an den unrealistischen Zielen ist dabei meist vorprogrammiert – dennoch ist der Frust groß, wenn sich nicht die gewünschten Ergebnisse zeigen.
Dieses Problem – auch und gerade unterhalb der Schwelle einer diagnostizierbaren Essstörung – ist so allgegenwärtig, dass wir es zum Thema dieses Buches gemacht haben. Denn das Eingeständnis, ein Problem mit dem Essen zu haben, ist immer noch ein großes Tabu.
Wo fängt eine Essstörung an?
Laut Robert-Koch-Institut zeigt bereits ein Fünftel der 11- bis 17-Jährigen einzelne Symptome einer Essstörung.10 Ein problematisches Essverhalten bedeutet zwar noch nicht, zwingend an einer Essstörung zu erkranken. Es stellt aber einen Risikofaktor dar, der im Zusammenspiel mit anderen Faktoren dazu führen kann.
Wenn wir an Essstörungen denken, haben wir vielleicht einschlägige Bilder im Kopf von Teenagern oder Models, die sich zu Tode hungern. Essstörungen haben aber viele Gesichter: Man versteht darunter neben der Anorexie (Magersucht) auch Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und Binge-Eating-Störung (starke Essanfälle mit Kontrollverlust). Diese Krankheitsbilder wirken zwar zunächst sehr unterschiedlich, dennoch gibt es Übergänge und Mischformen. Fachleute sehen das als Zeichen, dass die verschiedenen Essstörungen in ihrer Entstehung und Bedeutung eng miteinander verbunden sind und ihnen dieselben inneren Zustände und Konflikte zugrunde liegen können.11 Dabei gilt: Untergewicht ist nicht gleichbedeutend mit einer Essstörung. Normalgewicht schließt eine Essstörung nicht aus. Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit) sind keine Essstörungen – können aber insbesondere aus einer Binge-Eating-Störung entstehen (mehr Informationen dazu finden Sie in Kapitel 7).
Wie psychische Erkrankungen insgesamt, nehmen auch Essstörungen zu: So gab die AOK Nordost beispielsweise 2018 bekannt, dass die Zahl der Erkrankungen unter den 6- bis 54-jährigen Versicherten von 2010 bis 2016 um 74 Prozent angestiegen war.12
Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung seit dem Frühjahr 2020 nochmal verstärkt. Im Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen standen laut dessen Leiterin Sigrid Borse die Telefone nicht mehr still: Viele Mädchen und Frauen meldeten sich, die spürten, dass sich ihre Beziehung zu Essen und Körper in den Lockdown-Phasen verändert hatte.13
Durch die psychische Belastung sowie das Fehlen von Strukturen und sozialen Kontakten nahmen Essanfälle, depressive Anzeichen und allgemeine Krankheitssymptome von Essstörungen zu. Bestehende Essstörungen verstärkten sich häufig, bereits vorbelastete Personen erlitten vermehrt Rückfälle.14
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert, Essstörungen mit hoher Priorität zu bekämpfen, weil sie ein großes gesundheitliches und psychosoziales Risiko bergen: Bei Jugendlichen ist die Anorexie die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeit (durch Mangelernährung und Suizid).15 Daher ist es wichtig, Essstörungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Leben wir in einer essgestörten Gesellschaft?
Ein problematisches Essverhalten fängt mitunter deutlich früher an. Da uns manche zwanghaften Essgewohnheiten und Ernährungseinschränkungen jedoch so alltäglich oder sogar gesundheitsbewusst erscheinen und sie als Problematik unerkannt bleiben, möchten wir den Fokus besonders darauf richten.
Denn auch ein latent gestörtes Essverhalten kann die Lebensfreude enorm beeinträchtigen und hohen Leidensdruck erzeugen. So klagt in einer Studie ein Drittel über abendliche Essanfälle.16 In einer Befragung von 25 bis 45 Jahre alten Frauen berichtete ebenfalls ein Drittel, dass sie schon über die Hälfte ihrer bisherigen Lebenszeit Diät hielten.17 Die gesundheitlichen Folgen und die medizinischen Kosten, die aus einer Fehl- oder Überernährung entstehen können, sind nicht zu unterschätzen. Ebenso aber die psychischen Auswirkungen, wenn ein Großteil der Lebensenergie darauf verwendet wird, den eigenen Körper „in den Griff“ zu bekommen.
Aufgrund der Ausmaße und der Entstehungsfaktoren eines gestörten Essverhaltens müssen wir bei diesem Thema auch berücksichtigen, wie unsere Lebensform und der Zeitgeist dazu beitragen. Wenn man weiß, dass eine hohe Körperunzufriedenheit und eine „Diätmentalität“ zu den größten Risikofaktoren für Essstörungen zählen – dann bietet unsere Kultur einen idealen Nährboden dafür. Aus diesem Grund spricht die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dagmar Pauli in ihrem Buch „Size Zero“ auch von einer „essgestörten Gesellschaft“.18
Unser Buch beleuchtet die Themen Hungern und Essen, Schlankheitsideal und Gewicht sowohl aus gesellschaftlicher als auch individueller Perspektive. Die Frage ist: Wie können gerade junge Menschen, aber auch Frauen und Männer jeden Alters, mit den gesellschaftlichen Anforderungen und Idealen zurechtkommen und dabei gesund bleiben? Was sind die Gelingensbedingungen, um ein intuitives Essverhalten und ein positives Körpergefühl zu erreichen? In vielen Bereichen unseres modernen Lebens geht es darum, sich von äußeren – nicht selten durch finanzielle Interessen geprägten – Angeboten zu distanzieren und zu eigenen Maßstäben zu finden. Dafür müssen wir als Gesellschaft und oft auch persönlich einige Sicht- und Denkweisen verändern.
Was erwartet Sie in diesem Buch?
Wir laden Sie ein, eine andere als die weit verbreitete Perspektive auf Essen, Gesundheit und den eigenen Körper einzunehmen. Dafür müssen wir zunächst die Einflüsse auf unser Essverhalten verstehen: körperliche und emotionale Faktoren, die Auswirkungen von Diäten, die Gründe, aus denen wir hungern oder zu viel essen und zunehmen. In den ersten Kapiteln beschreiben wir daher, welch vielfältige Bedeutung Essen in unserem Leben hat. Warum ein Gefühl für unser eigenes Maß oftmals verloren geht und wie die Leistungsgesellschaft und ihre Ideale unser Selbstbild beeinflussen können.
Im Weiteren stellen wir dar, wie eine vermeintlich harmlose Diät zum Einstieg in eine Essstörung werden kann. Dabei beschäftigen wir uns mit den weit verbreiteten Sichtweisen und Mythen, welche die Gesundheits- und Diätindustrie – und nicht zuletzt wir selbst – uns immer wieder glauben machen wollen. Wir stellen vor, wie sich dies in unterschiedlichen Lebensphasen auswirken kann – gerade, wenn sie seelische oder körperliche Veränderungen mit sich bringen. Was Essstörungen genau sind und was man dagegen tun kann, erläutern wir in einem Extra-Kapitel.
Schließlich zeigen wir im letzten Teil des Buches – auch anhand von Beispielen aus der Praxis von Margrit Hasselmann – wie Wege aussehen können, um wieder zu einem gesunden, genussvollen Essverhalten und zum Frieden mit dem eigenen Körper zurückzukommen.
Sollten Sie bei sich persönlich oder bei Nahestehenden feststellen, dass die Themen Figur und Gewicht deutlich belastet sind, ein ständiger Kampf mit dem Essen und gegen den eigenen Körper stattfindet – dann kann sich die Auseinandersetzung mit einem „seltsamen“ Essverhalten lohnen. Weiterführende Adressen und Literatur dazu finden Sie im Anhang.
Dieses Buch ist kein Ratgeber, wie Sie schnellstmöglich doch noch zur vermeintlichen Idealfigur kommen. Es gibt auch kein Versprechen auf kurzfristige Erfolge ab. Mit dem Wissen, das Ihnen dieses Buch vermittelt, ist es aber möglich, persönliche und nachhaltige Veränderungen anzugehen, die Ihr Leben lebenswerter machen können. Sobald wir all die damit verbundenen Mechanismen verstanden haben, können wir einen anderen Ansatz verfolgen: Weg von unrealistischen, krankmachenden Idealen, hin zu einer empathischeren Sicht auf uns selbst, zu einem besseren Körpergefühl – sowie zu einem dauerhaft entspannten Essverhalten.
Viel Spaß bei dieser Entdeckungsreise!
1. WARUM WIR ESSEN

Eigentlich scheint es ganz einfach: Essen gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen, wie Atmen oder Schlafen. Es ist lebensnotwendig, um den Organismus mit Energie und Nährstoffen zu versorgen. Es soll dazu beitragen, alle Körperfunktionen, das Immunsystem, den Stoffwechsel und die Leistungsfähigkeit bestmöglich aufrechtzuerhalten – kurz, unsere Gesundheit.
Wenn man die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zugrunde legt, geht es bei Gesundheit um einen „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen.“19 Für all das ist unsere Ernährung eine wichtige Ressource. Denn neben dem gesundheitlichen Aspekt geht es auch um Bedürfnisbefriedigung – Essen spricht unsere Sinne an, kann großen Genuss bereiten und damit zur Lebensfreude beitragen.
In Deutschland und anderen Industrienationen steht uns eine ungeheure Vielfalt und Fülle an Nahrung zur Verfügung, um uns nach unseren persönlichen Vorlieben abwechslungsreich und gesund zu ernähren. Warum haben dennoch so viele Menschen in unserer Gesellschaft Probleme mit dem Essen, mit ihrer Ernährung, mit ihrem Gewicht?
In einer Studie des Demoskopischen Instituts Allensbach für Nestlé gaben 90 Prozent der Teilnehmenden an, dass sie mit ihrer Ernährung auch übergeordnete Ziele erreichen wollten: Rund 60 Prozent wollen ihre Fitness und Gesundheit, die Hälfte das persönliche Wohlbefinden stärken. Etwas mehr als ein Drittel will sich selbst optimieren, knapp ein Viertel etwas für das eigene Aussehen tun. Allerdings: 85 Prozent sind gleichzeitig mit dem eigenen Ernährungsverhalten unzufrieden und ernähren sich anders als gewollt. Ein Drittel der Befragten berichtete von abendlichen Heißhungerattacken. 31 Prozent gaben an, dass sie zu wenig Obst und Gemüse, 28 Prozent, dass sie zu viel Fett zu sich nähmen. Über zu wenig Zeit zum Essen klagte etwa ein Viertel der Befragten.20
Warum also essen so viele Menschen anders, als es für ihre Gesundheit förderlich ist? Und warum hat eine so natürliche und lebensnotwendige Handlung wie Essen die Selbstverständlichkeit verloren? Um das zu verstehen, beschäftigen wir uns zunächst mit der Bedeutung von Essen. Wonach wählen wir unsere Lebensmittel aus, wann und wie viel essen wir? Was bestimmt unseren Blick auf Nahrung und unser Verhältnis zum Essen?
KÖRPERLICHE FAKTOREN
Am Lebensanfang sind körperliche Faktoren für die Nahrungsaufnahme entscheidend: Ein Baby ist noch völlig abhängig von seinen Bedürfnissen und deren Befriedigung. Daher verfügt unser Körper über komplexe Mechanismen, um die Energieversorgung sicherzustellen. Hunger, Durst und Sättigung sind dabei die wichtigsten Signale.
Hunger und Sättigung
Hunger ist ein körperlicher Reiz mit dem Ziel, Nahrung aufzunehmen, um den Organismus mit Energie und Nährstoffen zu versorgen. Sättigung setzt etwa 10 bis 15 Minuten nach Beginn der Nahrungsaufnahme ein. Sie entsteht nicht allein dadurch, dass sich der Magen zunehmend füllt, sondern wird auch durch die Zusammensetzung der Nahrung, ihren Energiegehalt und ihre Konsistenz beeinflusst.
Entlang des gesamten Magen-Darm-Trakts und im Zentralnervensystem werden Hunger und Sättigungsgefühle in einem komplexen Zusammenspiel von Sinneseindrücken, mechanischen Reizen und Botenstoffen weitergegeben. Dieser Informationsaustausch zwischen Darm und Gehirn wird als Darm-Hirn-Achse bezeichnet.21
Einen Sättigungseffekt gibt es allerdings auch, wenn wir uns zu einseitig ernähren – wir können nicht immer das Gleiche essen, irgendwann haben wir es „satt“. Auf diese Weise stellt unser Körper sicher, dass kein Nährstoffmangel entsteht. Dazu können noch bestimmte Aversionen kommen, wenn man beispielsweise eine verdorbene Speise zu sich genommen hat oder sie mit einem unangenehmen Erlebnis verbindet (etwa der pappige Brei während eines längeren Krankenhausaufenthalts in der frühen Kindheit). Solche verinnerlichten Abneigungen schützen uns davor, ungute oder potenziell gesundheitsschädliche Essenserfahrungen zu wiederholen.
Was und wie viel wir essen, wird aber auch über weitere körperliche Faktoren beeinflusst, wie das Alter und das Geschlecht, unsere körperliche Aktivität, in welcher Stimmung wir sind, wie hoch die Stressbelastung ist, ob wir krank sind oder Medikamente einnehmen müssen. Neben unserem individuellen Stoffwechsel können außerdem genetische Faktoren eine Rolle dabei spielen, welche Nahrung und welche Mengen wir zu uns nehmen und wie wir sie vertragen: So kann beispielsweise bei einer Laktoseintoleranz Milchzucker wegen eines fehlenden Enzyms nicht richtig verdaut werden.
Ein weiteres wichtiges Signal unseres Körpers sind Durstgefühle. Neben der Nährstoffversorgung über die Nahrung ist für das Funktionieren unserer Organe auch Wasser lebenswichtig. Daher entsteht Durst, sobald wir eine bestimmte Menge Wasser über die Haut, beim Atmen oder über den Urin verbraucht haben. Es kann jedoch passieren, dass wir das Verlangen nach Flüssigkeit als Hungergefühl fehlinterpretieren – vor allem bei Menschen, die ohnehin zu wenig trinken. Gesüßte Getränke, Säure und Salz sowie scharfe Gewürze können den Durst besonders anregen.
All diese Signale sind kluge Sicherheitsprinzipien unseres Körpers, über die er sicherstellt, dass wir uns ausgewogen ernähren und keine gesundheitlichen Risiken eingehen. Unser Körper liefert also eigentlich ganz persönliche Maßstäbe, damit wir unseren Bedarf decken und erkennen können, wann es genug ist. Eigentlich.
Geschmack
Welche Nahrung wir auswählen, entscheidet zudem auch der Geschmack bestimmter Speisen – und der Genuss, den wir uns davon versprechen. Im Gegensatz zum Hunger kann Appetit spontan auftreten und richtet sich nicht unbedingt nach dem körperlichen Bedarf. Er ist ein psychischer Reiz, ein eher genussorientiertes Verlangen nach einem bestimmten Lebensmittel.
Manche Vorlieben sind genetisch vererbt, andere werden schon im Mutterleib geprägt: Über Nabelschnur und Fruchtwasser lernt ein Baby bestimmte Geschmackseindrücke durch die Speisenauswahl seiner Mutter kennen.22 Früh entsteht auch die Vorliebe für Süßes: Bereits Neugeborene bevorzugen diese Geschmacksrichtung, denn Muttermilch schmeckt süß. Der Geschmackseindruck vermittelt, dass die Nahrung viel Energie enthält und rasch sättigt. Evolutionär bedingt bedeutet süßer Geschmack auch Entwarnung: Süße Früchte sind eher reif und ungiftig – im Gegensatz zu sauren oder bitteren.
Mit zunehmendem Alter finden wir auch Geschmack an salzigen, herben oder würzigen Speisen und entwickeln weitere Vorlieben und Abneigungen. Neben dem Geschmack entscheiden auch andere Sinneseindrücke, welche Nahrung uns anspricht: Wie sieht eine Frucht aus, wie riecht eine Milchspeise, welche Konsistenz und Temperatur hat die Suppe? Wenn uns etwas besonders gut schmeckt, wir eine Mahlzeit sehr genießen oder wir viele geschmacklich abwechselnde Speisen angeboten bekommen, animiert uns das eher zum Weiteressen – selbst wenn wir eigentlich schon längst Sättigung spüren und unser Energiebedarf gedeckt ist.
SOZIOKULTURELLE FAKTOREN
Ob norddeutscher Grünkohl mit Pinkel oder koreanisches Kimchi: Bestimmte Speisen – hier Kohl – und ihre jeweilige Zubereitung sind uns durch die Esskultur des Ortes und der Gesellschaft, in die wir hineingeboren wurden, vertraut, und wir bevorzugen sie automatisch. Auch das ist evolutionär sinnvoll: Wir essen, was wir kennen – denn das ist wahrscheinlich sicher und unschädlich. Ab der frühesten Kindheit prägt unser soziales Umfeld unsere Ernährung und unsere Geschmacksvorlieben, genauso wie unsere Essgewohnheiten.
Familie und Erziehung
„Was auf den Teller kommt, wird gegessen.“ „Messer rechts, Gabel links.“ „Erst den Salat.“ – Die Familie, in der wir aufwachsen, bildet auch beim „Essenlernen“ den ersten und wichtigsten sozialen Rahmen. In vielen Fällen übernehmen wir von unseren Eltern zum Beispiel die Essenszeiten, die Mahlzeitengestaltung, die Essgeschwindigkeit oder die Portionsgrößen. Auch bestimmte Lieblingsspeisen, Abneigungen und familiäre Rituale werden oft „vererbt“. Essen ist dadurch eng mit unserer persönlichen Geschichte verwoben.
Als Kinder lernen wir durch Beobachten und durch Vorbilder – und übernehmen damit sowohl förderliche als auch eher ungünstige Gewohnheiten: Erleben wir gesellige Mahlzeiten mit Ruhe und Genuss oder auch das gemeinsame Kochen von leckeren, frischen Lebensmitteln, beeinflusst das unser Essverhalten ebenso sehr, wie wenn regelmäßig vor dem Fernseher gegessen oder Essen als Erziehungsmethode eingesetzt wird.
Bestimmte familiäre Verhaltensweisen können es Kindern und später Erwachsenen erschweren, in Bezug auf ihr Essverhalten auf ihre körpereigenen Signale zu hören: wenn beispielsweise für das Essen sehr strenge Regeln galten, wenn Kinder zum Essen gedrängt wurden, obwohl sie keinen Hunger hatten. Wenn sie ihren Teller leer essen sollten, obwohl sie längst satt waren, oder eher beiläufig gegessen wurde.
Aber auch wenn unsere Herkunftsfamilie unser Essverhalten in vieler Hinsicht prägt, muss das natürlich nicht für immer bestehen bleiben. Im Lauf unseres Lebens kommen weitere Einflüsse hinzu, etwa beim Eintritt ins Berufsleben, durch soziale Kontakte, mit verändertem ökonomischem Status oder bei einer eigenen Familiengründung.
Essen in Gemeinschaft
Essen ist „sozialer Klebstoff“: Das Abendessen mit der Familie oder das Kochen mit Freunden dienen als Anlass, sich über die Erlebnisse des Tages zu unterhalten oder sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen. Essen ist auch deshalb stark emotional besetzt, weil wir damit Geselligkeit, Nähe und gemeinschaftliche Aktivitäten verbinden. Kinder essen in der Kita oder im Hort zusammen mit Spieloder Schulkameraden, der gemeinsame Besuch der Mensa dient Studierenden zum Pflegen persönlicher Kontakte und zum Informationsaustausch. Berufliche Besprechungen verbinden wir als Geschäftsessen nicht selten mit einem Restaurantbesuch. Wie wichtig gemeinsames Essen für unser Sozialleben ist, zeigte auch eine Studie US-amerikanischer Forscher der Cornell University: Wenn Arbeitskollegen regelmäßig zusammen die Kantine besuchten, verbesserte das nachweislich ihre Zusammenarbeit und ihre Arbeitsleistung.23
„Noch ein Nachschlag?“ – Das gemeinschaftliche Essen hat Auswirkungen darauf, wie viel Nahrung wir zu uns nehmen. Sind wir in Begleitung, kann die Menge durchaus anders ausfallen, als wenn wir allein essen – dieses Phänomen wird „soziale Aktivierung“ genannt. In Studien stellten Forschende fest, dass wir in Gesellschaft bis zu 48 Prozent mehr essen.24 Wenn andere beim Büffet die Speisen auf den Teller türmen oder bei der Essenseinladung eine zweite Portion angeboten wird, greifen wir verstärkt zu. Allerdings hängt die Menge davon ab, wie vertraut uns die Tischnachbarn sind: Gegenüber Fremden oder entfernteren Bekannten wollen wir vielleicht ein anderes Bild vermitteln als bei Freunden und Familienangehörigen.
Dabei wirken sich laut den Studien auch das Geschlecht, die Art der Lebensmittel und das Körpergewicht aus: Frauen aßen beispielsweise in Gegenwart von Männern weniger, wenn sie ihnen gefallen wollten. Ebenso hielten sich Menschen mit Übergewicht beim Essen eher zurück – womöglich, um nicht gierig zu erscheinen oder Vorurteile zu bestätigen. Auch kann es dazu kommen, dass alle am Tisch weniger essen, sobald einer aus der Runde erwähnt, dass er oder sie Diät hält.
Feste und Feiern
Einen besonderen Stellenwert haben gemeinsame Mahlzeiten bei Feiern und Festtagen. Die Auswahl der Speisen und Getränke, ihre Inszenierung, spezielle Regeln, Traditionen und Praktiken werden ebenfalls durch die Kultur beeinflusst, in der wir leben und aufgewachsen sind. Manche Gerichte werden beispielsweise nur einmal im Jahr konsumiert, weil sie für manche Menschen traditionell zu einem bestimmten Anlass gehören, wie der Gänsebraten an Weihnachten.
Andere traditionelle Mahlzeiten übernehmen bestimmte Funktionen: bei einer Trauerfeier etwa kann der so genannte „Leichenschmaus“ dabei helfen, dass die Hinterbliebenen zusammenkommen und sich gegenseitig Trost spenden. Auch im religiösen Kontext hat Essen als Ritual einen festen Platz – zum Beispiel das Fastenbrechen oder das Zuckerfest im Islam, das jüdische Pessach-Mahl oder Brot und Wein beim christlichen Abendmahl. Essen ist damit ein wichtiger Teil unserer sozialen und kulturellen Identität.
Unser Essverhalten und unser persönlicher Geschmack entwickeln sich in einem lebenslangen Lernprozess weiter. Die lebensnotwendigen körperlichen Grundbedürfnisse Hunger und Durst werden dabei zunehmend von Außenreizen ergänzt und teilweise überlagert. Daneben hängt unsere Nahrungsauswahl auch von Wünschen, Einstellungen und Erfahrungen ab. Neben den körperlichen und soziokulturellen Einflüssen bestimmen damit vor allem emotionale Faktoren unser Essverhalten.
EMOTIONALE FAKTOREN
„Das muss ich erstmal verdauen“, „Liebe geht durch den Magen“, „Ich könnte kotzen“, „Ich habe dich zum Fressen gern“ – wie viel Essen mit menschlichen Empfindungen zu tun hat, zeigt sich an geläufigen Redewendungen. So sind unsere ersten Ernährungserfahrungen meist positiv, weil sie mit menschlicher Zuwendung, mit Wärme und Körperkontakt verbunden sind. Das Lieblingsessen unserer Kindheit ist oft mit schönen Erinnerungen verbunden, bestimmte Speisen vielleicht mit beglückenden Erfahrungen oder einer besonderen Umgebung.
Der Erdbeerkuchen, den es immer zum Kindergeburtstag im Frühling gab, der warme Kaiserschmarren auf der Skihütte oder Matjesbrötchen an der Nordsee – solche Gerichte können blitzschnell angenehme Gefühle heraufbeschwören, den Genussfaktor erhöhen und schon vor dem ersten Bissen Glücksgefühle auslösen. Die mit dem Essen verbundenen Assoziationen, das Verlangen danach und die erwartete Befriedigung stimulieren das Belohnungszentrum des Gehirns. Der Botenstoff Dopamin, ein sogenanntes „Glückshormon“, wird ausgeschüttet und verstärkt das Wohlbefinden.
Bestimmte Gefühle können sich also auf unser Essverhalten auswirken, ebenso kann aber auch Nahrung unseren Gefühlshaushalt beeinflussen. Der Wissenschaftler Michael Macht beschreibt in der Ernährungs-Umschau fünf verschiedene Zusammenhänge: assoziativ, sensorisch, energetisch, neurochemisch und pharmakologisch.25
Zum einen lassen uns, wie schon beschrieben, Assoziationen zur Nahrung greifen – also bestimmte Erinnerungen, Geruchs- und Geschmacksreize, vielleicht aber auch die Werbung für ein bestimmtes Produkt. Sensorisch reagieren, wie ebenfalls schon erwähnt, beispielsweise Neugeborene auf süße Geschmacksreize. Über die Nahrung zugeführte Energie kann sich stimmungsaufhellend auswirken, Hunger dagegen depressive Stimmungen auslösen. Bestimmte Lebensmittel können neurochemische Veränderungen im Körper auslösen: etwa, indem sie den Serotoninspiegel ansteigen lassen, was entspannend und stimmungsaufhellend wirken kann. Schließlich können bestimmte Inhaltsstoffe auch eine gewisse pharmakologische Wirkung haben, wie zum Beispiel Koffein. Es gibt also ganz unterschiedliche Faktoren, die den Impuls zu essen auslösen können. Mit bewussten Entscheidungen haben diese nicht immer zu tun.
Emotionales Essen
Durch die emotionale Aufladung von Essen setzen wir Nahrungsmittel manchmal auch gezielt ein, um angenehme Empfindungen hervorzurufen: Beispielsweise im Sinne von Selbstfürsorge, wenn wir uns ein leckeres Essen kochen. Vielleicht motiviert man sich auch an einem anstrengenden Arbeitstag mit Süßigkeiten durchzuhalten oder „belohnt“ sich am Abend mit einem großen Teller Nudeln.
Daneben essen Menschen auch, um unangenehme Gefühle, Sorgen oder Ärger zu verdrängen. Die Verbindung von Essen mit Ablenkung, Beruhigung oder Trost lernen wir oft schon in der Kindheit kennen: Das weinende Baby bekommt nicht nur bei Hunger die Flasche, sondern auch, damit es aufhört zu weinen. Das Kleinkind wird bei einem Sturz mit ein paar Gummibärchen auf andere Gedanken gebracht. Auf diese Weise wird eine unangenehme Erfahrung durch einen anderen Reiz – hier: durch Essen – kompensiert. Diese gelernte Verbindung kann dazu führen, dass sich schon Kinder bei Einsamkeit oder Traurigkeit selbst mit Essen trösten – und sich noch als Erwachsene bei Problemen durch Knabbereien ablenken, vor Prüfungssituationen naschen, um die Anspannung zu lindern, oder versuchen zur Ruhe zu kommen, indem sie nachts nochmal zum Kühlschrank schleichen.
Kurzfristig kann Essen auch tatsächlich die Stimmung aufhellen: es lenkt vorübergehend ab, Belohnungsstoffe werden ausgeschüttet. Zuckerhaltiges stellt dem Körper schnell Energie zur Verfügung, die er in Stress-Situationen besonders braucht. Zudem wird Nahrung mit Sicherheit und Versorgung assoziiert – da liegt es nahe, in verunsichernden Situationen oder bei Einsamkeitsgefühlen zum Essen zu greifen.
Ob Nervennahrung, Trost- und Frustessen: Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich unser Essverhalten in herausfordernden Situationen oder in Momenten, in denen starke Gefühle vorherrschen, anpasst. Das können Empfindungen wie Stress, Frustration oder Traurigkeit sein, manchmal aber auch Glücksgefühle wie Verliebtheit. Nach repräsentativen Befragungen isst jeder dritte Deutsche bei Stress mehr als üblich.26
Natürlich ist es legitim, nach einem anstrengenden Tag mal zur Schokolade zu greifen. Wenn Essen allerdings regelmäßig als Belohnung oder Trost eingesetzt wird, kann das ungesunde Essgewohnheiten fördern: Man isst mehr, als man will, womöglich bis der Magen unangenehm spannt, oder ständig zwischen den Mahlzeiten. Vielleicht werden auch die Essensmengen immer größer: Hat früher ein Teller Nudeln ausgereicht, sind es neuerdings immer zwei oder drei Portionen. Allerdings entsteht meist kein wirkliches Wohlbefinden – denn die Probleme, die das Verlangen nach Nahrung ursprünglich hervorriefen, werden ja nicht gelöst.
Das Eating Behavior Laboratory der Universität Salzburg untersuchte in einer 2016 veröffentlichten Studie das emotionsbedingte Essen erstmals nicht unter Laborbedingungen, sondern im Alltag.27 Die Teilnehmenden dokumentierten mehrmals täglich per Smartphone, ob sie unter Stress oder Zeitdruck standen, ob bei ihnen positiv oder negativ empfundene Emotionen vorherrschten und ob sie jeweils aus Hunger oder aufgrund des Geschmacks aßen.
Während sich schlechte Stimmung bei manchen Personen appetitmindernd auswirkte, aßen die emotionalen Esser bei Traurigkeit, Ärger, Einsamkeit oder Langeweile deutlich mehr. Ebenso die Teilnehmenden mit einem hohen BMI. Vor allem Frauen und zwei Arten von „Ess-Typen“ griffen bei negativ empfundenen Gefühlen stark zu: Zum einen die so genannten „gezügelten Esser“, die ihre Nahrungsaufnahme normalerweise streng kontrollierten – unter Belastung aber zu Essanfällen neigten. Zum anderen die „externalen Esser“, die sich stark durch Sinneseindrücke zum Essen verleiten ließen.
Das „emotionale Essen“ hat bei einigen Menschen also einen großen Einfluss auf ihr alltägliches Essverhalten – und gegebenenfalls auf ihre Gesundheit. Denn auch medizinische Behandlungen, die zwingend eine Veränderung des Essverhaltens erfordern, etwa bei Diabetes, werden dadurch erschwert.
Bleibt Essen dauerhaft die einzige Bewältigungsstrategie, kann emotionales Essen zu zwanghaftem Essverhalten oder sogar einer Essstörung wie Bulimie oder Binge Eating führen. Für eine gesunde, ausgeglichene Beziehung zum Essen ist es daher wichtig, körperlichen von emotionalem Hunger zu unterscheiden, das emotionale Essen zu verstehen und andere Strategien zu erlernen, um mit Gefühlen umzugehen.
Was, wann und wie viel wir essen, entscheiden wir im Lauf unseres Lebens also zunehmend unabhängig von unserem Hunger- und Sättigungsgefühl. Gerade unsere Emotionen können körperliche Signale deutlich dominieren. All diese Faktoren, die unser Essverhalten, unsere Nahrungsauswahl und unsere Esskultur prägen, sind natürlich nicht trennscharf und beeinflussen sich wechselseitig. Was zusätzlich eine Rolle spielt: das finanzielle Budget, die Nahrungsmittelpreise, das individuelle Ernährungswissen und die Lebensmittelwerbung. Entscheidend sind zudem auch das Angebot und die Qualität der verfügbaren Nahrung, die sich in den letzten Jahrzehnten enorm verändert hat.
ERNÄHRUNG IM WANDEL DER ZEIT
In seiner gesamten Entwicklungsgeschichte ernährte sich der Mensch überwiegend von ballaststoffreicher, wenig bearbeiteter, pflanzlicher Nahrung, ergänzt durch unterschiedliche Anteile tierischen Ursprungs. Das entspricht im Prinzip der auch heute noch von der Ernährungswissenschaft empfohlenen vollwertigen Mischkost mit überwiegend pflanzlichem Anteil. Seit der Industrialisierung – also in einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne von etwa 200 Jahren – hat sich die menschliche Ernährung jedoch stark verändert, besonders beschleunigt durch die Entwicklungen in den letzten hundert Jahren.28
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging es vor allem darum, die Grundversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen. Während der Weltkriege starben noch Hunderttausende an Hunger und Unterernährung – nach den Entbehrungen lag der Fokus anschließend darauf, die Lebensmittelversorgung zu sichern und zu steigern. Hierfür wurde die Landwirtschaft ab den 1950er-Jahren in Deutschland staatlich subventioniert, wodurch die Produktion von Getreide, Fleisch- und Milchprodukten stark anstieg. In den Wirtschaftswunderjahren konnten die Teller gar nicht voll genug sein – der satte, runde „Wohlstandsbauch“ war ein optisches Zeichen des wiedererlangten Status. Durch Importe und zunehmende Urlaubsreisen hielten immer mehr neue Nahrungsmittel, Gerichte und Zubereitungsformen aus anderen Ländern Einzug in die deutsche Küche. Zur Steigerung der Lebensmittelproduktion trugen veränderte Anbaumethoden, Pflanzenschutzmittel und Arzneimittel in der Nutztierhaltung bei.
Kaum war genug zu essen da, wollte man schon wieder abnehmen: 1969 löste das Buch „Hurra, die Punkt-Diät ist da“ eine Diätwelle aus. Der Bestseller enthielt Punktetabellen, Wochenpläne und Rezepte. Für bestimmte Lebensmittel wurden je nach Fett-, Kalorien- oder Ballaststoffanteil Punkte vergeben. Bereits 1971 wurde von der „Volkskrankheit Übergewicht“ gesprochen.29
Die landwirtschaftliche Produktion, die der Staat nach dem Krieg durch Agrarsubventionen und Abnahmegarantien ankurbeln wollte, konnte die Nachfrage schließlich decken – Ende der 1970er-Jahre/Anfang der 1980er-Jahre überstieg sie sogar deutlich den Bedarf. Durch diese Überproduktion (und darauffolgende staatliche Ankäufe) von Lebensmitteln in Westeuropa entstanden die so genannten „Milchseen“ sowie „Butter- und Fleischberge“.30
Ab den 1980er-Jahren stieg auf der einen Seite die Nachfrage nach Feinkost und Luxusprodukten, wie Champagner und Krabbencocktail. Auf der anderen Seite entstand der Wunsch nach mehr Umweltschutz und die Aufklärung zu Ernährungs- und Gesundheitsfragen: Nach diversen Lebensmittelskandalen, dem so genannten „Rinderwahnsinn“ BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) oder nach dem Fund von Schadstoffen sowie Medikamenten im Essen ging es zunehmend um Lebensmittelsicherheit, Ökologie und Tierschutz.31 Zwischen 1979 und 1989 verzehnfachte sich schließlich die Zahl an Naturkost- und Bioläden.
Anfang der 1980er-Jahre kamen kalorienreduzierte Produkte und Light-Getränke neu auf den Markt. Da immer mehr Frauen berufstätig waren und weniger Zeit zum Kochen blieb, hielt die Mikrowelle Einzug in der Küche, Supermärkte boten ein wachsendes Angebot an Fertig- und Dosengerichten, Backmischungen, fertigen Soßen oder Tiefkühlgerichten. Auch Fast Food wurde beliebter.
Heute sind in Deutschland Lebensmittel in großer Menge, Vielfalt und hoher Qualität praktisch rund um die Uhr und unabhängig von der Jahreszeit verfügbar. Innerhalb weniger Generationen hat sich in den Industrieländern die Ernährung gewandelt von natürlichen, überwiegend pflanzlichen Bestandteilen hin zu konzentrierter, teilweise stark verarbeiteter, ballaststoffarmer Nahrung mit einem hohen Anteil an tierischen Produkten. In einigen Ländern der Europäischen Union lag dieser Anteil vor 50 Jahren noch bei 16 bis 20 Prozent, heute beträgt er bereits 23 bis 37 Prozent. Diese vergleichsweise schnelle Nahrungsumstellung birgt jedoch gesundheitliche Risiken, insbesondere in Kombination mit nachlassender körperlicher Aktivität32 – denn unsere Körper sind dazu gemacht, sich zu bewegen. Waren unsere Vorfahren noch viel zu Fuß unterwegs und verrichteten meist körperliche Arbeit, bewegen sich heute laut WHO mehr als ein Viertel der Erwachsenen zu wenig: Durch mehr körperliche Aktivität ließen sich weltweit vier bis fünf Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr verhindern.33
Statt durch Hunger und Mangelerscheinungen treten in den Industrienationen gesundheitliche Probleme also vermehrt durch zu viel und zu einseitige Nahrung auf. Die Ärztin Petra Bracht und der Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann erklären in ihrem Buch „Klartext Ernährung“, dass sich die typischen Zivilisationskrankheiten als „Überlastung der menschlichen Regulationssysteme“ deuten ließen. „Die Folge sind die weit verbreiteten ernährungsbedingten Erkrankungen, die seit Jahrzehnten die Hauptkrankheitslast in den Wohlstandsgesellschaften ausmachen.“34
Industriell verarbeitete Nahrung
Ob Fertiggerichte, Süßspeisen, Fruchtgetränke oder Wurstwaren – stark verarbeitete Lebensmittel mit ihrem hohen Anteil an Auszugsmehl, Einfachzucker und industriell verarbeiteten Fetten spielen eine große Rolle in der heutigen Ernährung. Viele dieser Produkte werden angereichert mit Zusatzstoffen, die Geschmack, Aussehen, Verarbeitung und Haltbarkeit verbessern sollen, wie Süßungsmittel, künstliche Aromen, Backtriebmittel oder Farb- und Konservierungsstoffe. Unser Geschmack wird dadurch mit starken Reizen konfrontiert, auch eine beispielsweise besonders schmelzende Konsistenz regt den Appetit an. Für die Nahrungsqualität und unsere Gesundheit bedeuten diese Lebensmittel allerdings eine Verschlechterung. Denn stark bearbeitete, weiche und wenig voluminöse Nahrung kann schnell in großen Mengen verzehrt werden – noch bevor der Körper eine erste Sättigung registriert. Gleichzeitig sind industriell gefertigte Lebensmittel oft energiereicher, so dass in kürzerer Zeit umso mehr Kalorien aufgenommen werden.35
Claudia Niggemeier und Almut Schmid, Ernährungswissenschaftlerinnen der Universität Paderborn, untersuchten 2015, wie sich der Konsum hoch verarbeiteter Lebensmittel auf die Gesundheit von Kindern und Erwachsenen auswirkt. Das Ergebnis war eindeutig: Je mehr Fertigprodukte die Personen zu sich nahmen, desto übergewichtiger waren sie.36, 37 Denn hohe Fett- und Zuckeranteile werden von unserem Gehirn besonders „belohnt“, weil energiereiche Nahrung in früheren Zeiten das Überleben sicherte. Mit Zucker angereicherte Produkte führen zu starken Blutzuckerschwankungen, die wiederum Heißhungeranfälle auslösen können. Daneben gehen im Verarbeitungsprozess lebensnotwendige Nährstoffe, Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe verloren, so dass der Körper selbst bei mehr als ausreichender Energie unter Umständen immer noch nicht gesättigt ist – und nach mehr verlangt.
Die süße Versuchung
Vom Schoko-Croissant am Morgen über die Kekse im Büro und den Kuchen zum Kaffee bis zu Gummibärchen abends vor dem Fernseher – so natürlich die Vorliebe für Süßes ist, so unnatürlich hoch ist inzwischen der Zuckeranteil in unserer Nahrung. Sogar industriell verarbeitete Nahrungsmittel, die auf den ersten Blick gar nicht sehr süß wirken, enthalten oft erstaunlich hohe Zuckermengen, wie Tiefkühlpizza oder Toastbrot, Salatsaucen oder Ketchup. Problematisch ist, dass wir uns dadurch an immer mehr Zucker gewöhnen. Die Empfindlichkeit gegenüber dem extremen Geschmack lässt nach, wir süßen umso stärker nach.
Die Einfachzucker in Süßigkeiten, Eis oder Gebäck können direkt verwertet werden, geben schnell Energie und wirken aufmunternd. Was für Leistungssportler sinnvoll sein kann, wird im Überangebot des Alltags eher zum Verhängnis. Denn körperlich richtet zu viel Zucker Schaden an: Der Blutzuckerspiegel schnellt in die Höhe, die Bauchspeicheldrüse schüttet Insulin aus, um den Zucker verfügbar zu machen. Ebenso schnell aber fällt der Blutzuckerspiegel wieder, und das Insulin steht ohne Nachschub da – neuer Süßhunger entsteht. Mit der Zeit erschöpft sich die Bauchspeicheldrüse, der Körper legt überschüssige Energie in Fettreserven an. Ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum kann so zu Diabetes und Übergewicht führen.
Aus diesem Grund fordert die gemeinnützige Verbraucherorganisation foodwatch e. V., dass stark gezuckerte Getränke nach dem Vorbild Großbritanniens auch in Deutschland mit einer Sonderabgabe belegt werden, damit die Hersteller den Zuckergehalt reduzieren. Künstliche Süßstoffe sind allerdings auch keine Lösung: Sie verstärken den Süßhunger eher noch. Der Körper erwartet durch den Geschmack einen Energieschub und wird enttäuscht – was dazu anregen kann, noch mehr zu essen. Studien deuten darauf hin, dass sich synthetische Süßstoffe negativ auf Stoffwechsel, Appetit, Geschmackswahrnehmung und Darmflora auswirken und damit sogar eher zu einer Gewichtszunahme führen könnten.38
Verzichten wir eine Weile auf süße Speisen und Fertigprodukte, die viel Zucker enthalten, erholt sich das Geschmacksempfinden. Schon wenig Süße nehmen wir wieder viel stärker wahr, die Gier nach Zucker sinkt. Heißhungerattacken oder auch extreme Energietiefs, wie das berüchtigte „Suppenkoma“, schwinden, der Energiehaushalt wird stabiler.
Lebensmittelwerbung
Marketing und Werbung spielen eine nicht geringe Rolle dabei, wenn Konsumentinnen und Konsumenten nach Produkten greifen, die weder besonders gesund noch gut verträglich sind. Die warme Tasse Kakao an einem deprimierenden Regentag, Karamellbonbons vom Großvater oder der spritzige Aperitif mit Freunden im Straßencafé: Dass wir Nahrung und Getränke mit Emotionen und Erinnerungen verbinden, macht sich die Lebensmittelwerbung häufig zunutze, indem sie die Produkte mit einem bestimmten Ambiente und Erlebnisqualitäten verknüpft. Was als „Wohlfühlnahrung“ oder „Soul Food“ angepriesen wird, ist oft energiereich und schnell sättigend (und kann dadurch tatsächlich beruhigend wirken).
Ein Großteil der täglichen Werbung entfällt auf Lebensmittel – und gerade aufwändig hergestellte und ungesunde Produkte werden besonders stark vermarktet: die knackigen Chips in der neuesten Geschmacksrichtung, die fluffige Pizza mit extra Käse, der noch cremigere Schokopudding – das Marketing suggeriert, dass die Verarbeitung Geschmack und Genuss immer weiter verbessert.
Besonders perfide sind die Marketing-Methoden der Lebensmittelindustrie bei Produkten, die sich gezielt an Kinder wenden: Wurst in Bärchenform gepresst, vergoldete Waffelsternchen zum Joghurt, lustige Spielzeuge als Zugabe. Das Angebot an industriellen Lebensmitteln für Kinder besteht zu einem großen Teil aus Snacks und Süßigkeiten. So warnt die Verbraucherorganisation foodwatch: 90 Prozent der Lebensmittel und Getränke, die für Kinder beworben werden, enthalten zu viel Fett, Salz und Zucker.39 Dabei sind in Deutschland 15 Prozent der Kinder übergewichtig, sechs Prozent gelten als adipös (fettleibig).40 Einer der Gründe dafür ist die Fehlernährung: Kinder nehmen zu viel Süßes, fettige Snacks und Fleisch zu sich, trinken zu viel zuckerhaltige Getränke. Unverarbeitete pflanzliche Nahrung wie Obst und Gemüse kommen dagegen zu kurz.
Die Lebensmittelwerbung trägt über die diversen Kommunikationskanäle gezielt dazu bei, dass Kinder neugierig auf die Industrieprodukte werden und sie probieren wollen. Die Fähigkeit, die Werbebilder und -botschaften einzuordnen, untersuchte 2013 eine Studie mit österreichischen Grundschulkindern. Dabei zeigte sich, dass deren Kompetenz, mit Lebensmittelwerbung umzugehen, nicht allein von ihrem Alter abhing. Faktoren wie ihr Gewicht, ihre Körperwahrnehmung, das Selbstbewusstsein und die üblichen Ernährungsgewohnheiten der Kinder spielten dabei ebenfalls eine Rolle.41
Zahlreiche medizinische Fachgesellschaften bis hin zur WHO fordern deshalb, dass an Kinder gerichtetes Marketing nur für gesunde Lebensmittel erlaubt sein sollte.
Fazit: Lebensmittel werden aus ernährungsphysiologischen, psychologischen, sinnlichen, kulturellen und vielen anderen Gründen gewählt. Daran zeigt sich, wie komplex die Faktoren sind, die unsere Ernährung, unsere Gesundheit und ernährungsbedingte Krankheiten bestimmen. In den Industrienationen nehmen die Unzufriedenheit mit dem eigenen Essverhalten sowie ernährungsbedingte Erkrankungen und Essstörungen zu. Neben dem Gesundheitsaspekt bestimmen viele weitere Faktoren unsere Nahrungsauswahl und unser Essverhalten – so auch das zunehmende Angebot, die industrielle Verarbeitung und die Bewerbung von Lebensmitteln. Verbraucherinnen und Verbraucher sind mit einer großen Menge an Produkten konfrontiert, denen es aber teilweise an Qualität fehlt und die natürliche Prozesse wie Hunger und Sättigung aushebeln können.
2. LEBEN IM ÜBERFLUSS

Von „all you can eat“ bis „all you can netflix“ – unser Ess- und Konsumverhalten wird zwar von vielen individuellen Faktoren bestimmt, aber auch von gesellschaftlichen Entwicklungen.
Unsere moderne Gesellschaft befindet sich in ständiger, immer schnellerer Veränderung: Das Angebot an Lebensmitteln, Produkten, Dienstleistungen und damit verbundenen Möglichkeiten wächst stetig, Digitalisierung und Globalisierung erhöhen die Taktzahl. Innerhalb weniger Jahrzehnte – von der Nachkriegszeit bis heute – hat sich ein Wandel vom Mangel zum Überfluss vollzogen.
Neben der Ernährung zeigen sich Parallelen in anderen Bereichen: Auch bei Konsumgütern, in der Mediennutzung und dem Informationsangebot ist in kurzer Zeit ein Übermaß entstanden, bei dem es schwerfallen kann, mit jeder weiteren Entwicklung Schritt zu halten. Immer wieder müssen wir uns neu damit auseinandersetzen, was wir auf welche Weise nutzen möchten und welches Maß für unser Wohlbefinden förderlich und individuell passend ist.
Fehlen uns diese persönlichen Maßstäbe, ist der Umgang mit dem Angebot oft eher spontan und unreflektiert: vom unkontrollierten Aufnehmen über eine Verweigerungshaltung bis zum Schwanken zwischen den beiden Extremen. Das erinnert an die Erscheinungsbilder von Essstörungen: An Binge Eating mit seinen unkontrollierten Heißhungerattacken, an Anorexie mit ihrer Essensverweigerung oder an Bulimie mit ihren Essanfällen und anschließendem Erbrechen.
Wohl nicht zufällig verweisen Sprachbilder zu Zeitgeist-Phänomenen auf krankhaftes Essverhalten: etwa „Binge Watching“ – also das endlose Konsumieren von Filmen und Serien über Streaming-Dienste – an „Binge Eating“. Oder der Ausdruck „Bulimisches Lernen“ für die Art und Weise, mit der sich beispielsweise Studierende in kürzester Zeit große Mengen Lernstoff „einverleiben“, um ihn punktgenau zur Prüfung wieder von sich zu geben.
Umgekehrt spiegeln reale Essstörungen neben individuellen Konflikten auch gesellschaftliche Phänomene wider, wie es der Psychotherapeut Georg Milzner in Bezug auf seelische Erkrankungen beschreibt:
„Gesellschaftlich relevante Krankheitsbilder lassen erkennen, was im Unbewussten einer Lebensform gärt und arbeitet. Sie verweisen auf die Fehler dieser Lebensform, die von den Betroffenen nicht beachtet werden oder sie in ihrem Handlungsspektrum überfordern.“42
Essstörungen und ihre Erscheinungsbilder können also auch auf problematische Aspekte unseres täglichen Lebens hindeuten, die uns im Hinblick auf unser Essverhalten und dessen gesundheitliche Auswirkungen krank machen können. Wenn inmitten des Überangebots und der individuellen Wahlmöglichkeiten dann ein persönlicher Filter und eigene Auswahlkriterien fehlen, entsteht Überforderung. Welche Auswirkungen das haben kann, zeigt sich auch im Ernährungsbereich mit seinen gegenwärtigen Ausprägungen: Zwischen all den Angeboten, den Informationen und Regeln zur Ernährung, zu diversen Produkten und Lebensstilen kann sich der Einzelne orientieren – unter Umständen aber auch verlieren.
DER ERNÄHRUNGSMARKT
„So is(s)t Deutschland “ – unter diesem Titel befragte das Institut für Demoskopie Allensbach 2019 im Auftrag von Nestlé 1.636 Personen zwischen 14 und 84 Jahren. Die Studie zeigt: Das Ernährungsverhalten der Menschen in Deutschland hat sich innerhalb der letzten zehn Jahre stark verändert.43 Das hängt zum einen mit dem wachsenden Lebensmittelangebot, der Vielfalt und Verfügbarkeit von Speisen und Getränken zusammen, aber auch mit gesellschaftlichen Veränderungen.
In unserem Alltag lösen sich feste Strukturen mehr und mehr auf, er ist häufig von Zeitmangel geprägt. Dadurch wird unsere Esskultur immer individueller und differenzierter: Die Essenszeiten, die Auswahl der Gerichte und ihre Zubereitung sind weniger festgelegt und variieren von Haushalt zu Haushalt. Familien finden sich immer seltener mehrmals täglich gemeinsam am Esstisch ein, weil sich der Tagesablauf der einzelnen Familienmitglieder voneinander unterscheidet: Berufstätige essen zunehmend in der Kantine oder auswärts, Kindertagesstätten oder Ganztagsschulen bieten Mittagessen vor Ort. Aßen 2009 noch 54 Prozent der Befragten mittags zuhause, waren es zehn Jahre später nur noch 42 Prozent. Mahlzeiten passen sich zunehmend an Arbeitszeiten oder Freizeitaktivitäten an und sind nicht mehr an feste Orte gebunden. Durch all diese Veränderungen entstehen diverse Ernährungsstile mit teilweise gegenläufigen Entwicklungen, wie wir in diesem Kapitel sehen werden.
Von Fressmeilen & Butterbergen
Weit mehr als 100 000 Nahrungsmittel werden heute im Markt angeboten – während wir laut Ernährungswissenschaftlern nicht mehr als 100 verschiedene bräuchten, um uns abwechslungsreich und gesund zu ernähren.44 Welche Fülle und Marktmacht die Ernährungsindustrie heute besitzt, zeigt sich auch anhand der Umsatzzahlen: Die Hersteller von Nahrungs-, Futtermitteln und Getränken zählen laut Statistischem Bundesamt mit einem jährlichen Umsatz von rund 185 Milliarden Euro im Jahr 2019 zu den fünf mächtigsten Industrien Deutschlands. Den größten Anteil daran erzielt immer noch der Bereich „Schlachten und Fleischverarbeitung“.45 2019 gaben private Haushalte für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke insgesamt mehr als 180 Milliarden Euro aus.46
Gleichzeitig wird aber fast ein Drittel der Lebensmittel umsonst produziert – so wie die schon erwähnten „Butterberge“, die teilweise vernichtet werden mussten. Eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung aus 2017 ergab, dass in nahezu allen der 7000 befragten Haushalte täglich Lebensmittel im Müll landen.47 Insgesamt bis zu 18 Millionen Tonnen Lebensmittel werden laut einer WWF-Analyse zufolge jährlich in Deutschland verschwendet – 10 Millionen davon wären durch besser geplante Einkäufe, richtige Lagerung und konsequentere Verwendung einzusparen.48
Allein die Privathaushalte kommen auf sechs bis sieben Millionen Tonnen, ergab eine Studie der Uni Stuttgart. Pro Kopf sind das etwa 85 Kilogramm jährlich – was etwa dem durchschnittlichen Gewicht eines erwachsenen Mannes entspricht.49 Niederländische Forscher sahen auch einen Zusammenhang zwischen dem Wohlstand von Verbrauchern und der Menge an weggeworfenem Essen: Die Verschwendung stieg ab einem bestimmten Lebensmittel-Budget schnell an.50 Ein realistisches Maß dafür, was sie benötigen und verarbeiten können, scheint vielen Gesellschaften abhandengekommen zu sein.
Jochen Brühl, Chef der Tafel Deutschland e. V., die überschüssige Lebensmittel sammelt und an Menschen in Not verteilt, fordert daher dazu auf, Mindesthaltbarkeitsdaten nicht als Verfallsdaten zu verstehen. Er wolle „die Menschen ermutigen, wieder auf ihre Sinne zu vertrauen, zu riechen, zu schmecken, einfach zu probieren, ob etwas noch gut ist oder nicht.“51 Eine Orientierung an eigenen Maßstäben, an der eigenen Urteilskraft – statt an einer aufgedruckten Zahl.
Neben der Lebensmittelindustrie verzeichnet auch die Gastronomie steigende Umsätze: 2019 lag ihr Umsatz in Deutschland bei über 61 Milliarden Euro.52 In den Innenstädten hat sie die bisherige Nummer eins, die Bekleidungsgeschäfte, verdrängt. Immer mehr Kaffeeläden, Bäckereien oder Systemgastronomie-Ketten siedeln sich in den Fußgängerzonen an und bilden so genannte „Fressmeilen“. Auf den weiteren Plätzen folgen bei den City-Immobilien Drogeriemärkte, Kosmetikläden und Fitness-Studios.53 Dieser Branchenmix spiegelt damit ziemlich genau das Spannungsfeld wider, in dem sich Konsumentinnen und Konsumenten heute bewegen: zwischen Essen, Schönheit und Gesundheit.
Snack to go – vom Dauerfuttern
Der Geruch frischer Croissants oder eine appetitanregende Werbung: Nicht selten wird der Impuls zu essen spontan ausgelöst. In unserer gegenwärtigen Esskultur sind Speisen und Getränke praktisch permanent verfügbar – im gut gefüllten Kühlschrank zu Hause ebenso wie an Imbiss-Ständen oder in Fast-Food-Läden. Selbst Tankstellen bieten rund um die Uhr Schokoriegel und warme Gerichte an. Die Zahl der Menschen, die angaben, spontan zu essen, stieg von 2009 bis 2019 von 24 auf 34 Prozent.54 Statt fester Mahlzeiten wird immer mehr zwischendurch gegessen, auch wenn das ständige Naschen für den Stoffwechsel eine Belastung ist. Praktisch ununterbrochen könnten wir mit einem Kaffeebecher, einem Pizzastück, einem Smoothie oder einem Bagel durch die Gegend laufen. Durch das allgegenwärtige Angebot gewöhnen wir uns daran, uns beim Essen eher nach einem spontanen Verlangen zu richten als nach körperlichem Hunger.
„To go“, „Take away“, „Ready to eat“ – unter diesen modern klingenden Begriffen reagieren Gastronomie, Lebensmittelindustrie und Werbung auch auf eine wachsende Zeitnot in der Bevölkerung. Denn im Alltag ist unsere Ernährung oft von Eile geprägt: Rasch wird ein Fertiggericht erwärmt, ein belegtes Brot vor dem Bildschirm gegessen.
Da Einkaufen und Zubereitung viel Zeit kosten können, entstehen neue Produkte und Dienstleistungen: Küchenmaschinen, die wiegen, schneiden, garen und sich hinterher selbst reinigen. Vorkonfektionierte Kochboxen mit allen Zutaten und entsprechenden Rezepten, beworben beispielsweise für Berufstätige oder Mütter. Oder sogenanntes „Convenience-Food“ – also bequeme, vorgefertigte Nahrung –, von Tiefkühlpizza bis „Frühstückscerealien“. 2020 setzten die Hersteller damit rund 4,1 Milliarden Euro um.55 Bringdienste von Restaurants oder Supermärkten boomen ebenfalls: rund 3,4 Milliarden Euro gaben die Deutschen dafür im Jahr 2018 aus – mit steigender Tendenz.56 Diese Angebote im Ernährungsmarkt reagieren natürlich zum einen auf die Entwicklungen unserer Zeit und den Bedarf, der sich daraus ergibt. Zum anderen tragen sie auch selbst zur Beschleunigung bei, indem sie die Abläufe rund ums Essen – einen geplanten Einkauf, eine bewusste Nahrungszubereitung und eine Mahlzeit in ruhiger Atmosphäre – noch verkürzen.
Kochen & Kochen lassen
85 Prozent der Deutschen würden sich gerne besser ernähren, haben allerdings keine Zeit dafür – sie sind hin- und hergerissen zwischen dem alltäglichen Stress und ihrem eigenen Anspruch an eine gute Ernährung.57 Je weniger Zeit im Alltag bleibt, umso mehr wird das Kochen und Essen punktuell zu einem besonderen Erlebnis, zum Beispiel, wenn Familie oder Freunde zusammenkommen. Dazu passt, dass Kochbücher boomen: Statt einfacher Rezeptsammlungen werden immer mehr thematische Bildbände mit aufwändig arrangierten Fotos verkauft: für Gourmets, Veganer oder Berufstätige, mit Diäten, neuen Gesundheitstrends oder internationaler Küche. Digitale Angebote wie Rezepte-Apps, Kochschulen oder Food-Blogs erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit, und schließlich verbuchen Kochsendungen im Fernsehen Quotenrekorde: Vom Star-Gastronomen bis zum Hobbykoch werden kulinarische Köstlichkeiten serviert, oft noch in Form eines Duells oder einer Castingshow – selbst wenn das Esserlebnis erstmal ein virtuelles bleibt.
Das Essengehen hat ebenfalls eine hohe Bedeutung: Laut einer forsa-Umfrage essen drei Viertel der Befragten mindestens einmal pro Monat im Restaurant, knapp jeder Fünfte sogar mindestens einmal pro Woche.58
Genauso wichtig wie der leibliche Genuss ist dabei zunehmend die Präsentation, das Dokumentieren der schönen Erfahrung: Die selbst gekochten Gerichte oder die dekorierten Speisen im Restaurant werden fotografiert, umgehend mit Freunden geteilt oder gepostet. Essen bekommt auf diese Weise einen besonderen Status und wird auch Teil einer Selbstinszenierung.
Ernährungswissen & Kochkompetenz
Ernährung ist ein beliebtes Thema und verkauft sich gut – Magazin- und Buchtitel zu den Themen Essen, Gesundheit und Diäten erzielen hohe Auflagen. Täglich werden in diversen Medien neue Ernährungsempfehlungen publiziert: aus der Medizin, der Lebensmittelbranche, von Ernährungswissenschaftlern und nicht selten auch von PR-Leuten. Insgesamt sind die verfügbaren Informationen über Nahrung, Nährstoffe und Produktion gestiegen: Schon auf der Verpackung sollen Lebensmittel-Ampeln, Nährwertangaben oder bestimmte Kennzeichen darüber aufklären, ob die Nahrungsmittel in ihrer Zusammensetzung aus Fett, Zucker, Süßstoffen, Salz und Kaloriengehalt ausgewogen sind oder nicht. Gleichzeitig versuchen auch die Lobbyisten der Nahrungsmittelindustrie Einfluss zu nehmen: sowohl hinsichtlich der Lebensmittelproduktion als auch der Kennzeichnung und der Inhaltsstoffe. Ein grundlegendes Ernährungswissen und eine kritische Auseinandersetzung können also nicht schaden.
65 Prozent der Menschen in Deutschland erklärten laut einer Studie, dass Ernährung für sie eine große oder sehr große Rolle spielt. Allerdings geht die Schere bei diesem Thema in den letzten Jahren immer weiter auseinander zwischen besser gestellten und sozial benachteiligten Gruppen: Während Ersteren gute Ernährung wichtiger geworden ist, scheinen Letztere weniger Wert darauf zu legen.59
So ist ein hoher Bildungsgrad und ein höheres Einkommen häufig mit einem stärkeren Gesundheitsbewusstsein und auch einem besseren Ernährungswissen verbunden. Der Wunsch nach „gutem Essen“ ist bei Menschen mit hohem sozioökonomischem Status ausgeprägter – schon Jüngere setzen sich beim Einkauf und bei der Zubereitung bewusst und differenziert mit gesunder Nahrung auseinander.
Bei Menschen mit geringerer Bildung und niedrigerem ökonomischem Status sinkt dagegen das Interesse – oder es fehlen schlicht die finanziellen Spielräume. Denn gute Ernährung hat auch eine sozioökonomische Komponente: Neben dem notwendigen Ernährungswissen muss man sich beispielsweise Lebensmittel in Bio-Qualität leisten können, und die günstigsten Produkte sind ernährungsphysiologisch oft minderwertig. Ein niedriger Sozialstatus geht laut der KiGGs-Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland oft mit Übergewicht und Adipositas einher.60 Zum Wissen um eine gute Ernährung gehören darüber hinaus Kochkenntnisse. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung, in der 30 000 Haushalte befragt wurden, benutzt allerdings nicht einmal mehr jeder vierte Deutsche täglich den eigenen Herd. Gerade Berufsanfänger, die aktuell einen Haushalt gründen, würden regelmäßige Mahlzeiten immer weniger kennen und oft auch nicht mehr kochen lernen.61
Doch selbst bei hohem Interesse und viel vorhandenem Wissen kann das Thema Ernährung überfordern. Immer wieder werden neue „Heilsbringer“ angepriesen, die vermeintlich gesünder, glücklicher, fitter machen – letztlich ist all das auch ein riesiger Markt. Wir erleben Menschen, die permanent damit beschäftigt sind, was man essen oder nicht essen sollte. Immer wieder gibt es neue Dogmen, was gesund und was schädlich ist – mal ist Fett verpönt, mal sind es Kohlehydrate. Heute sind Smoothies in aller Munde, morgen sollte man auf zu viel Fruchtzucker verzichten. Als zum Abnehmen die Low-Carb-Ernährung angesagt war, kam „Eiweißbrot“ auf den Markt, das zwar weniger Kohlehydrate, dafür aber extrem viele Kalorien hatte.
Angesichts der Menge an teilweise widersprüchlichen Informationen und den individuellen Wahlmöglichkeiten beim Essen scheint der Wunsch nach Orientierung zu steigen. Nicht von ungefähr führte monatelang das Sachbuch „Der Ernährungskompass“ die Bestsellerlisten an, das Tausende von Ernährungsstudien miteinander verglich.62
Ernährung als Lebensstil und „mit Haltung“
Das gesteigerte Interesse an Ernährung und gesundheitlichen Zusammenhängen führt bei einem Teil der Bevölkerung zu einem bewussteren Umgang und auch einer Experimentierlust mit der eigenen Ernährung. Eine wachsende Zahl an Menschen wählt zeitweise oder langfristig eine alternative Ernährungsform mit unterschiedlichen Konzepten und Begründungen: In Deutschland wird ihre Zahl auf 11 bis 15 Millionen geschätzt, also immerhin 13 bis 18 Prozent der Bevölkerung. Neben Vollwert-Ernährung, Trennkost, Paleo-, makrobiotischer oder ayurvedischer Ernährung macht den größten Anteil die vegetarische und vegane Ernährung aus.63 Oft sind diese Ernährungsformen zugleich mit einem umfassenderen Lebensstil verbunden, bei dem sich bestimmte Gesundheitsrituale anschließen oder beispielsweise auch bei der Kleidung auf tierische Bestandteile verzichtet wird.
Gemüse, Obst, Milchprodukte und Fleisch aus der Region, ökologisch hergestellte Produkte aus artgerechter Tierhaltung und entsprechende Gütesiegel: Für immer mehr Menschen ist ihre Ernährung nicht nur eine Frage von Gesundheit und Geschmack, sondern drückt auch eine Haltung aus. Der Anteil der Verbraucherinnen und Verbraucher mit „umwelt- und sozialethischer Konsumhaltung“ ist zwischen 2007 und 2015 um rund ein Viertel gestiegen.64 Beim Einkauf berücksichtigen sie die Auswirkungen der Lebensmittelproduktion auf die Umwelt, soziale Bedingungen und die Tierhaltung.
Zum einen steigt die Nachfrage nach entsprechenden Nahrungsmitteln, bei deren Produktion Schadstoffe oder Gentechnik, Artensterben oder Treibhausgasemissionen vermieden werden. 2001 wurde in Deutschland das staatliche Biosiegel eingeführt – 2019 setzte der deutsche Handel schon fast 12 Milliarden Euro mit Bio-Lebensmitteln um.65 Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Umsatz verdoppelt, mittlerweile sind Bio-Produkte in den Discountern angekommen.
Zum anderen verzeichnen Lebensmittel aus „fairem Handel“ ein konstantes Wachstum: 2019 wurden in Deutschland Produkte mit dem Fairtrade-Siegel im Wert von rund 2 Milliarden Euro konsumiert, ein Viertel mehr als im Vorjahr.66 Konsumentinnen und Konsumenten wenden sich damit gegen Missstände bei den Produktionsbedingungen – sei es in ausländischen Textilfirmen oder auch in hiesigen Schlachtbetrieben.
Schließlich haben Phänomene wie BSE, Dioxin in Eiern oder Hormone in der Tiermast Verbraucherinnen und Verbraucher für die Auswirkungen der Massentierhaltung sensibilisiert. Zunehmend werden Fragen der Tierhaltung diskutiert – vom Töten männlicher Legehennenküken über die betäubungslose Ferkelkastration bis zu Tiertransporten quer durch Europa.
Vegetarismus & Veganismus
Tendenziell sinkt der Fleischkonsum in Deutschland: Immer mehr Menschen essen weniger Fleisch oder verzichten sogar ganz darauf. Zwar lag der durchschnittliche Fleischverzehr im Jahr 2019 noch bei fast 60 Kilogramm pro Kopf – zusammen mit dem Verbrauch für Tierfutter, industrieller Verwertung und Produktverlusten sogar bei knapp 88 Kilogramm.67 Gleichzeitig liegt eine Ernährung ohne Fleisch oder sogar gänzlich ohne tierische Produkte im Trend: Laut Marktforschungsinstituten sollen sich in Deutschland derzeit knapp acht Millionen Menschen vegetarisch ernähren, 1,3 Millionen vegan.68 In den meisten Erhebungen liegt das Verhältnis von Frauen und Männern bei 3:269, unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist der Anteil, der vegetarisch oder vegan lebt, am höchsten. Seit 2008 nimmt der Umsatz an Fleischersatzprodukten jedes Jahr um rund 30 Prozent zu70, und die Nachfrage nach pflanzlichen Fleisch- oder Milchalternativen wird wohl auch in Zukunft weiter steigen. Industrie und Werbung greifen die Entwicklung dankbar auf: Sogar Produkte, die von Natur aus ohne tierische Bestandteile auskommen, werden teilweise als vegetarisch vermarktet.
Für die vegetarische und vegane Ernährungsweise werden sowohl gesundheitliche Gründe genannt als auch ethische Argumente wie Umweltschutz, der schonende Umgang mit Ressourcen oder der Wunsch, Tierleid zu vermeiden. Gerade in Großstädten hat sich vielerorts eine vegane Szene entwickelt mit entsprechenden Lebensmittel- und Modeläden, Cafés und Restaurants.
Wichtig ist – wie bei jeder anderen Ernährungsform auch –, die Nährstoffversorgung zu berücksichtigen, um nicht keine Mangelzustände und dadurch Heißhungergefühle auszulösen. Hat jemand allerdings ohnehin eine Essproblematik und möchte sein Essverhalten stark kontrollieren, ist Vorsicht geboten bei einem Umstieg auf eine Ernährungsform, die sehr viele Nahrungsmittel ausschließt.
Fasten
Angesichts des Überangebots in unserer Wohlstandsgesellschaft kann der Wunsch nach Reduktion oder sogar Abstinenz entstehen. Vom zeitweiligen Verzicht auf feste Nahrung erhoffen sich Fastende eine seelische oder körperliche Reinigung, eine Lebensstilveränderung oder eine Gewichtsabnahme.
Nicht nur in religiös geprägten Fastenzeiten streichen sie dafür phasenweise Fleisch, Süßigkeiten oder Alkohol von ihrem Speiseplan, üben digitale Enthaltsamkeit oder entrümpeln ihr Zuhause. Statt immer mehr zu konsumieren, entledigen sie sich zumindest zeitweise bestimmter Genussmittel. Sie wünschen sich dadurch eine Art Entgiftung – so werden unter dem Label „Detox“ wiederum alle möglichen Produkte beworben.
Im Unterschied zum klassischen Heilfasten – bei dem für einen Zeitraum von einigen Tagen oder Wochen auf feste Nahrung verzichtet wird –, wird seit einiger Zeit außerdem das so genannte Intervallfasten propagiert, bei dem nur einige Stunden oder einzelne Tage gefastet wird. Längere Pausen zwischen den Mahlzeiten können dem Körper guttun und ein besseres Gefühl für Hunger und Sättigung vermitteln. Ein bereits gestörtes Essverhalten kann durch radikales Fasten allerdings – ähnlich wie bei einer Diät – ins Gegenteil umschlagen oder unkontrollierte Heißhungerattacken auslösen. Daher stellt sich beim Fasten immer die Frage nach der Motivation: Es kann als Zeit der geistigen und körperlichen Selbstbesinnung dienen – unter Umständen aber auch dafür, Abnehmwünsche zu erfüllen, Tendenzen zu einer Essstörung zu verschleiern und diese damit im schlimmsten Fall noch verstärken.
Lebensmittelunverträglichkeiten
Der Begriff der Lebensmittelunverträglichkeiten umfasst Allergien (z. B. gegen Erdnüsse), Intoleranzen (wie bei Laktose oder Gluten), aber auch Überempfindlichkeitsreaktionen, etwa gegenüber bestimmten Zusatzstoffen. Diese Reaktionen werden in der öffentlichen Wahrnehmung oft vermischt oder verwechselt. Zum Vergleich: Etwa 20 Prozent der Erwachsenen in den Industrieländern berichten über Unverträglichkeitsreaktionen, Lebensmittelallergien treten aber nur bei 1 bis 5 Prozent auf.71
Die Häufigkeit von Unverträglichkeiten und Allergien nimmt weltweit zu. Laut der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e. V. ging man bis vor einigen Jahren davon aus, dass im Durchschnitt etwa einer von 1000 bis 2000 Deutschen von Zöliakie (einer Entzündung des Darms durch das in manchen Getreidesorten enthaltene Klebereiweiß Gluten) betroffen ist, neuere Untersuchungen zeigen, dass die Häufigkeit tatsächlich etwa bei 1:100 liegt. Allerdings liegt dabei nur bei 10 bis 20 Prozent der Betroffenen das Vollbild einer Zöliakie vor.72
Immer wieder allerdings nehmen Menschen nur an, dass sie an einer Unverträglichkeit leiden – etwa weil sie diffuse Symptome nach dem Essen oder Verdauungsbeschwerden wahrnehmen. Sie kaufen daher vorsorglich gluten- oder laktosefreie Produkte, weil sie diese für generell gesünder und besser halten. Auch aus diesem Grund stellen Lebensmittel, die auf bestimmte Inhaltsstoffe verzichten, einen Wachstumsmarkt dar: Die weltweit größte Ernährungsmesse Anuga erklärte „Frei von …“ zum Trendthema und zur stärksten Marktkategorie 2019. Bereits ein Jahr zuvor trug fast ein Viertel aller neu eingeführten Lebensmittel einen entsprechenden Hinweis.73
Während allergenfreie Produkte für Menschen mit nachgewiesenen Allergien natürlich existenziell sind, ist es gesundheitlich unsinnig, die Ernährung ohne eine klare medizinische Diagnose umzustellen. Gleichzeitig belastet es den Geldbeutel, denn die Spezialprodukte sind in der Regel deutlich teurer.
Manchmal kann sich hinter einer vermeintlichen Unverträglichkeit auch eine beginnende Essstörung verbergen: Die Selbstdiagnose „Intoleranz“ (ohne ärztliche Bestätigung) bestärkt diejenigen, die ihr Essverhalten ohnehin kontrollieren möchten, sich intensiv mit dem Thema Ernährung zu beschäftigen. Gleichzeitig bietet es ihnen eine willkommene Gelegenheit, auch nach außen hin zu vertreten, dass diese oder jene Lebensmittel für sie schädlich sind – der Körper „verbietet“ diese ja geradezu. Auf diese Weise kann eine Essproblematik versteckt bzw. verleugnet werden – vor anderen oder sogar vor sich selbst.
Essen als „Ersatzreligion“
Während unser Alltag komplexer und fordernder wird, nimmt Einsamkeit auch unter jüngeren Menschen zu. Der Wunsch nach sozialer Identität und Gemeinschaft, nach Einkehr und Sinnhaftigkeit wurde früher oft vom Glauben und einer Gemeinde abgedeckt. Heute bedienen andere Lebensbereiche diese Bedürfnisse. Statt in die Kirche gehen wir vielleicht sonntags ins Yoga-Studio, um Ruhe und Besinnung zu finden. Über einen bestimmten Lebensstil lässt sich Anschluss an eine Community finden. Coaching, Persönlichkeitsentwicklung und Ernährungsberatung können eine Seelsorgefunktion einnehmen. Auf diese Weise bekommen die Bereiche Gesundheit, Sport und Ernährung einen sehr hohen Stellenwert – und können im Extrem zu einer Art „Ersatzreligion“ werden.
Wie sehr gerade das Thema Essen aufgeladen ist und mit moralischen Aspekten überhöht wird, zeigt sich schon in der Sprache: Wenn bestimmte Nahrungsmittel „tabu“ sind, zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Essen unterschieden wird, man „in Versuchung“ gerät oder „sündigt“. Beim Übertreten von Ernährungsgeboten entstehen Schuldgefühle, gegen „Völlerei“ und Essanfälle hilft Enthaltsamkeit. Schwierig wird es, wenn die Ernährungsreligion zu einer Art „Fundamentalismus“ führt und Andersdenkende missioniert statt toleriert werden.
Wenn Menschen dafür empfänglich sind, kann der gesundheitliche Aspekt beim Essen für sie zu einer Art Heilsversprechen werden – wer sich möglichst rein und „korrekt“ ernährt, den erwarten Gesundheit, Glück und ein langes Leben. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass ein gesundes und erfülltes Leben von vielen Faktoren abhängt.
Natürlich können ernährungsbedingte Krankheiten über eine andere Ernährung oft positiv beeinflusst oder im besten Fall sogar geheilt werden. Und selbstverständlich ist es sinnvoll, sich mit den Inhalten und Produktionsbedingungen unserer Nahrung auseinanderzusetzen. Allerdings kann sich unter bestimmten Umständen – wie schon zuvor beschrieben – eine übermäßige Beschäftigung mit der Ernährung auch negativ auf die körperliche und seelische Gesundheit auswirken. Aus einer sehr restriktiven Ernährungsform kann sich eine Essstörung entwickeln, wenn sie auf bestimmte Lebensumstände und eine entsprechende Disposition trifft. Ein ohnehin schon problematisches Essverhalten kann sich durch noch so gut gemeinte Ausschlusskriterien und eine entsprechende Ernährungsumstellung verstärken. Insbesondere Menschen, die Gewicht verlieren wollen, sind empfänglich für eine neue Art der Essstörung: die „Orthorexie“, das zwanghaft „richtige“ Essen, worauf wir in Kapitel 5 noch zu sprechen kommen.
Essen als Identitätsfaktor
Schlachtplatte oder Veggie-Burger? Donut oder Bananenbrot? Krautsalat aus dem Plastikeimer oder Buddha Bowl? Was sich auf unserem Teller befindet, kann zeigen, wer wir sind oder zu welcher Gruppe wir gehören möchten. Was wir essen, was wir kaufen, wie wir unser Leben gestalten – all das ist auch Ausdruck unserer Individualität. Mit der wachsenden Vielfalt an Produkten, Nahrungsmitteln und Ernährungsstilen haben wir mehr Wahlmöglichkeiten denn je und können unsere Ernährung im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten, nach persönlichen Vorlieben und eigenen Kriterien zusammenstellen. Unsere Ernährung kann Lebensqualität ausdrücken, sie kann der Profilierung oder auch der Abgrenzung dienen und identitätsstiftend wirken – sei es durch besondere Erlebnisqualitäten, sei es über dazugehörige Prestigeobjekte wie exklusive Küchenmaschinen oder den Luxusgrill im Garten, sei es in Verbindung mit einem bestimmten Lebensstil oder einer ethischen Haltung. Das Essen hat neben seiner grundlegenden Funktion, unseren Körper zu nähren, damit noch viele weitere Bedeutungen für uns – und wird manchmal auch überfrachtet.
Nicht nur bei der Ernährung ist unser Leben durch ein Überangebot bestimmt. Daneben lässt sich das exemplarisch in drei weiteren Bereichen – Konsum, Information, Mediennutzung – beobachten, die uns durch die angebotenen Mengen und Verfügbarkeiten überfordern können. Hier müssen wir ebenfalls ein individuelles Maß finden, das allein bestimmt sein sollte durch unsere eigene Aufnahmefähigkeit und die eigenen Grenzen. Es ist notwendig, dass wir einen bewussten Umgang finden mit dem, was wir uns zuführen – nicht nur für das, was wir uns an Essen einverleiben, sondern auch, was unseren Konsum oder die „geistige Nahrung“ betrifft. Denn wenn wir uns im Angebot verlieren, kann umso mehr der Wunsch nach klaren Vorgaben, Anwendungsempfehlungen oder Beschränkungen von außen entstehen. Das aber kann immer nur ein Hilfskonstrukt sein und, wie wir noch sehen werden, im Falle des Essens ein problematisches Essverhalten verstärken.
KONSUM
Während ein Haushalt in Deutschland noch vor hundert Jahren durchschnittlich 180 Gegenstände besaß, sind es heute durch industrielle Fertigung und Billigproduktion rund 10 000.74 Früher wurde der Konsum beschränkt durch ein begrenztes Sortiment, höhere Preise und feste Ladenöffnungszeiten – heute ermöglichen uns nicht nur Einkaufspassagen und Discounter, sondern auch Online-Shops, rund um die Uhr noch mehr zu konsumieren. Auf allen medialen Kanälen werden wir mit Werbebotschaften konfrontiert, oft personalisiert zugeschnitten auf unseren vermeintlichen Bedarf.
Beim „Shoppen“ schüttet das Gehirn Dopamin aus und belohnt Lust- oder Frustkäufe, ähnlich wie beim Konsum von Alkohol oder Drogen. Immerhin 39 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer neigen zu unkontrolliertem Kaufen, so Franz Eidenbenz, Psychologe am Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix in Zürich.75 Oft hält die Freude am „Kaufrausch“ allerdings nur kurz an. Zum einen beantwortet der Konsum selten nachhaltig reale Bedürfnisse, wie den Wunsch, die Stimmung langfristig zu heben oder sich etwas Gutes zu tun. Zum anderen kann auch das Überangebot an Waren Stress auslösen. Wurden Gegenstände früher mehrfach repariert, müssen wir heute lernen, uns nicht in der Flut von Billigartikeln zu verlieren, deren Reparatur nicht möglich ist oder sich nicht lohnt. Dafür erklären wiederum Regale voller Ratgeber, wie wir mit Minimalismus oder bestimmten Aufräumtechniken der Überfülle Herr bzw. Herrin werden.
Ob beim Konsum, beim Energieverbrauch, in Klimafragen, beim Reisen oder bei der Tierhaltung – in allen möglichen Lebensbereichen stellen Menschen fest, dass sich ohne eine Beschränkung auf ein gesundes Maß negative Konsequenzen und Schäden nicht vermeiden lassen. Immer stärker bestimmen Themen wie Nachhaltigkeit, faire Produktionsbedingungen und die Energiewende daher persönliche Kaufentscheidungen.
INFORMATION
Nicht nur unser Körper und unser Geldbeutel, auch unser Gehirn wird mit einem ständigen Überangebot konfrontiert: Permanent bricht die Weltlage medial in unser Leben ein, was eine starke Sogwirkung ausübt. Der Grat zwischen einem Gut-informiert-Sein und der Überforderung durch andauernde „News-Alerts“ ist jedoch schmal. Mit der Informationsflut sinkt außerdem die kollektive Aufmerksamkeit – so halten sich Twitter-Hashtags zum Beispiel immer kürzer innerhalb der Top 50-Liste. Wissenschaftler nennen das Phänomen „Soziale Beschleunigung“.76 Das bedeutet: Wir bekommen immer mehr, können es aber immer schlechter nutzen.
Digitalisierung und Vernetzung ermöglichen uns Zugang zu enormen Mengen an Informationen, die früher nur Fachleuten vorbehalten waren. Allerdings mangelt es oft noch an Fähigkeiten, diese einzuordnen und zu verwerten. Selbst „Digital Natives“ müssen lernen, mit dem Angebot umzugehen und das herauszufiltern, was für ihren Bedarf brauchbar, seriös und qualitativ gut ist.
Daneben sind wir mit negativen Entwicklungen wie Fehlinformationen, Verschwörungstheorien oder hasserfüllten Kommentaren in den Sozialen Medien konfrontiert. Als Gesellschaft müssen wir neue Regeln für den Umgang damit schaffen – gleichzeitig ist jeder Einzelne gefordert, sich einen persönlichen Filter zuzulegen.
Wenn wir vor dem Schlafengehen noch einmal alle Nachrichten durchscrollen, den düsteren Krimi und die neuesten Promi-Stories aufnehmen oder uns über Stunden mit sozialen Medien oder Serien beschäftigen, versucht unser Gehirn, all diese Informationen zu verarbeiten. Das kann zu einer Überlastung führen – ähnlich wie beim Verdauungsapparat.
MEDIENNUTZUNG
Seit wir über mobile Endgeräte nahezu durchgehend erreichbar sind, konkurrieren Anrufe, WhatsApp-Nachrichten, E-Mails, Tweets oder Instagram-Posts um unsere Aufmerksamkeit. Während sich Eltern darum sorgen, dass ihre Kinder zu viel mit dem Handy beschäftigt sind, lassen sie sich gleichzeitig oft selbst bei jedem Signalton ablenken. Das Abschalten funktioniert weder bei den Geräten noch im Kopf.
Sogar die kurzen Momente, die im Alltag der Besinnung dienen könnten – beim Warten an der Bushaltestelle, beim Essen – widmen wir immer öfter dem Smartphone. Die permanenten Reize unterbrechen aber nicht nur Handlungen und Gedanken, sondern auch die Verbindung zu uns selbst – was es schwerer macht, wirkliche Bedürfnisse wahrzunehmen. Angesichts der vielfältigen Kontakte und der medialen Überreizung müssen wir lernen zu entscheiden: Was ist für mich persönlich relevant? Was ist wert, gelesen, gepostet, geteilt zu werden? Welchen Einflüssen, Vorbildern und Botschaften will ich mich aussetzen?
Fazit: Sowohl bei möglichen Ernährungsentscheidungen als auch bei unserem Konsum oder unserer Mediennutzung müssen wir Verantwortung für uns selbst übernehmen. Weder das breite Angebot noch die leichte Verfügbarkeit von Lebensmitteln, Produkten oder Informationen sollte entscheidend sein – sondern unser ureigener Sensor für unsere Kapazitäten, für die Menge und Qualität dessen, was wir brauchen, konsumieren und „verdauen“ können.
3. LEBEN UNTER DRUCK

„Die Zeit rast immer schneller, im Gegenteil zur Bewegung von uns Menschen, die immer weniger wird, lassen wir uns kaum noch die Möglichkeit, in Ruhe unser Leben zu genießen, wollen wir doch stets und ständig informiert sein. Kein Wunder, wir befinden uns ja auch im Zeitalter der Information. Dass wir damit überfordert sind, zeigen die stark zunehmenden psychischen Krankheiten wie Angststörungen, Zwangskrankheiten, zu denen auch die Essstörungen gehören, Depressionen, schwere Erschöpfungszustände sowie Schlafstörungen.“ Petra Bracht/Claus Leitzmann („Klartext Ernährung“)77
DIE LEISTUNGSGESELLSCHAFT
Die rasanten Veränderungen unserer modernen Gesellschaft bieten uns neben der Fülle an Angeboten auch große Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten. Sie erfordern von uns allen eine hohe Anpassungsleistung. Immer wieder muss ein neuer Umgang mit dem Angebot, mit neuen Technologien und veränderten Strukturen gelernt werden. Wie in dem vorangestellten Zitat beschrieben, kommt zum Überangebot noch eine Beschleunigung in unserem Lebensstil. Das Prinzip unserer Leistungsgesellschaft – Leistung ist Arbeit durch Zeit – und eine zunehmende Überfrachtung erzeugen oft chronischen Stress, der sich auf unsere Gesundheit auswirkt – und unser Essverhalten betreffen kann.
Laut dem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse 2019 empfinden zwei Drittel der Befragten ihr Arbeitspensum als zu hoch.78 Rund ein Drittel gab an, die Arbeit sei innerhalb des Vorjahres intensiver geworden: Durch Digitalisierung und technischen Wandel müssen neue Kenntnisse erworben werden. Außerdem wird die Arbeit als belastender empfunden, weil durch eine ständige Erreichbarkeit das Abschalten schwerer fällt und die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen.
Zu einer Verdichtung kommt es also auch im Arbeitsleben: Belastung, Menge und Geschwindigkeit bei der Arbeit nehmen zu, viele Bereiche sind von Zeitdruck, Termindichte und Multitasking geprägt. Nach einer DGB-Studie beklagt ein Viertel der befragten Beschäftigten in Deutschland, dass sie ihre Arbeitsmenge nicht mehr in der vorgesehenen Zeit bewältigen können, was häufig mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden ist.79 Zusätzlich tragen Fachkräftemangel und Personalknappheit zur Überlastung bei. Betroffene machen Überstunden, lassen Erholungspausen ausfallen und fühlen sich nach der Arbeit erschöpft.
So melden Krankenkassen, dass die Krankschreibungen aufgrund von psychischen Erkrankungen und Burnout in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen sind – fast jeder sechste Fehltag von Beschäftigten geht darauf zurück.80
Daneben steigt vielfach auch der Druck im privaten Bereich: Sei es durch die Doppelbelastung mit Arbeit und Familienorganisation, Scheidungen oder die Pflege von Angehörigen, um nur einige Beispiele zu nennen. Daraus resultierende Konflikte und finanzielle Belastungen können gesundheitliche Probleme noch verstärken.
Zu den Anforderungen von außen kommen innere Anforderungen: Der Wunsch, Erwartungen von außen gerecht zu werden oder ein eigener hoher Perfektionsanspruch spornen zu noch mehr Anstrengung an. Schwierigkeiten, sich abzugrenzen oder Nein zu sagen, können Überforderung und Selbstzweifel noch verstärken.
Nicht wenige Menschen gründen ihre Identität und ihren Selbstwert aber gerade auf ihre Leistungsfähigkeit und ihren beruflichen Status. Ihr Selbstwertgefühl hängt stark von Erfolgserlebnissen und der Bestätigung von außen ab – wofür wiederum das Aussehen oft einen hohen Stellenwert einnimmt. Das zeigt auch die Tatsache, dass „der Wunsch nach beruflichem Erfolg“ vielfach als Grund für Schönheitsoperationen angegeben wird.81 Sobald an dieser Identität gerüttelt wird – etwa durch Misserfolge, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Ruhestand – wird Ansehensverlust befürchtet.
STRESS
Stress ist zunächst eine natürliche Reaktion auf veränderte Lebensbedingungen oder Bedrohungen – der Körper wird in Alarmbereitschaft versetzt. Dafür aktiviert unser Gehirn Stresshormone, vor allem Adrenalin und Cortisol. Blutdruck, Puls und Muskelspannung steigen, damit wir schnell reagieren können, um die vermeintliche oder tatsächliche Bedrohung zu überstehen – evolutionär bedingt durch Kampf, Flucht oder Erstarren. Heute noch folgen wir ähnlichen Mustern: Attackieren, vermeiden, aushalten. Mit zunehmendem Stress erleben wir im Alltag vermehrt, dass die Reizschwelle sinkt und das Erregungspotenzial steigt (ein extremes Beispiel sind die zunehmenden Angriffe auf Rettungskräfte, weil deren Einsatzfahrzeuge die Autofahrenden an der Durchfahrt hindern). Alternativ kommt es zu sozialem Rückzug, Realitätsflucht oder Resignation.
Laut Studien sind über die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland der Meinung, dass ihr Leben in den letzten drei Jahren stressiger geworden ist. Insbesondere Frauen sagen, dass sie auch durch eigene, hohe Ansprüche an sich selbst unter Druck stehen.82 Die eigenen Wertvorstellungen treffen schließlich auf überzeichnete, mediale Darstellungen vom erfolgreichen, glücklichen Menschen. Das wiederum verstärkt noch den Anspruch an das eigene Leben – mit einer erlebnisreichen Freizeitgestaltung, einer erfüllenden Beziehung, einer glücklichen Familie, einem attraktiven Zuhause und vielem mehr. Übersteigen der Leistungsanspruch und die Erwartungshaltung die Kraft und die Mittel des Einzelnen, entsteht Stress. So beschreiben Wissenschaftler der Universität Bern auch „die Bedrohung des Selbst“ als Stress-Ursache – entweder aufgrund eines eigenen Scheiterns oder fehlender Anerkennung durch andere Personen.83
Schon junge Menschen fühlen sich belastet: Jeder vierte Studierende leidet unter starkem Stress, ebenso viele zeigen erste Anzeichen eines Burnouts.84 Laut dem DAK-Präventionsradar von 2018/19 empfinden bereits vier von zehn Kindern und Jugendlichen in Deutschland oft oder sehr oft Stress. Liegt dieser Anteil bei den 10- bis 13-Jährigen noch bei etwas mehr als einem Drittel (35 %) steigt er bei den 14- bis 17-Jährigen auf über die Hälfte (52 %). Mädchen sind dabei mit 49 % deutlich häufiger als Jungen (35 %) oft oder sehr oft gestresst.85
Stress sollte eigentlich ein Ausnahmezustand sein, auf eine kurze Anspannung sollte ausreichend Erholung folgen. Wenn das körperliche und psychische Erregungslevel aber dauerhaft hoch bleibt, kann das zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen, Konzentrationsproblemen, Bluthochdruck oder Schlafstörungen führen. Stressbedingte Erkrankungen bis hin zu depressiven Störungen können die Folge sein.
In der heutigen Lebenswelt fehlen oft Strategien, um Anspannungen wieder zu lösen, etwa über Bewegung. Die Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft verstärkt diese Tendenz: Wo früher körperliche Arbeit gefordert war, bestimmt heute eher geistige oder monotone Arbeit einen großen Teil der Arbeitsplätze. Die Technik nimmt uns weitere körperliche Anstrengungen ab, so dass wir uns immer weniger bewegen: Wir fahren mit dem Auto zur Arbeit, verbringen den Bürotag vor dem Computer und beschließen den Tag auf der Couch.
Gleichzeitig nehmen wir über die Nahrung mehr Kalorien auf, als wir verbrennen – nach der Nationalen Verzehrstudie II überschreitet rund ein Drittel der Erwachsenen die Richtwerte für die Energieaufnahme.86 Stress, Bewegungsmangel und Überernährung aber erhöhen zusätzlich das Risiko, ernsthaft zu erkranken.
Stress und Schlaf
Dem Prinzip der Leistungsgesellschaft folgend, versuchen viele Menschen, mit möglichst wenig Schlaf auszukommen. Auch andere Faktoren, die sich aus unserem Lebensstil ergeben, können Stress erzeugen und sich damit auf den Schlaf auswirken, ihn verschlechtern oder verkürzen. Untersuchungen weisen darauf hin, dass sich die durchschnittliche Schlafdauer in den westlichen Industrieländern innerhalb der letzten hundert Jahre um mindestens 1,5 Stunden verringert hat.87
Schlaf ist aber nicht nur zur Entspannung, sondern auch für die Regeneration und die Selbstheilungsprozesse des Körpers notwendig. Er hilft dabei, Erfahrungen und Gefühle zu verarbeiten. Daher reduziert ausreichend Nachtschlaf die psychische Anspannung und sorgt sogar für ein ausgewogeneres Essverhalten. Studien legen verschiedene Mechanismen nahe, über die die Schlafdauer das Körpergewicht beeinflussen könnte. Zum einen sinkt durch wenig Schlaf und chronische Müdigkeit der Grundumsatz. Zum anderen werden Hunger und Appetit durch Hormone gesteuert, die bei zu wenigem oder schlechtem Schlaf aus dem Gleichgewicht geraten können, was das Verlangen nach süßer, kohlenhydratreicher Nahrung verstärkt. Daneben könnte Schlafmangel auch die Impulskontrolle reduzieren, so dass man während des Tages leichter spontan isst oder nascht. Und schließlich bietet sich durch längere Wachzeiten und jederzeit verfügbare Lebensmittel auch einfach öfter die Gelegenheit, zuzugreifen.88
Eltern von Säuglingen oder Nachtarbeitende kennen das – sie greifen zu Süßigkeiten, um den Schlafmangel zu kompensieren und „wach zu werden“. Studien sehen außerdem einen Zusammenhang zwischen der nächtlichen Schlafdauer und dem Risiko für Übergewicht.89
Stress und Essverhalten
Wir müssen „die Zähne zusammenbeißen“, wir „kauen auf etwas herum“, „schlucken Probleme herunter“ oder es „stößt uns etwas auf“ – die enge Verbindung von Stress und Essverhalten zeigt sich in vielen Redewendungen. Manchen Menschen schlägt der Stress auf den Magen – ist er akut und intensiv, wird das Hungergefühl oft unterdrückt. Das kann dazu führen, dass sie in akuten Stressphasen an Appetitlosigkeit leiden (oder gar nicht zum Essen kommen) und dadurch kurzfristig abnehmen. Dauerhaft kann Stress allerdings auch eine Gewichtszunahme zur Folge haben: Zum einen neigen einige Menschen zum bereits erwähnten stress- oder emotionsbedingten Essen. Hier greift die erlernte Kompensationsstrategie – übermäßiges Essen gegen Stress und damit verbundene unangenehme Gefühle wie Überforderung, Versagensängste, Konfliktscheu. So isst repräsentativen Befragungen zufolge jede/r dritte Deutsche bei Stress mehr als normalerweise.90 Zum anderen erhöhen Erschöpfungszustände das Verlangen nach zucker-, fett- und salzhaltigen Nahrungsmitteln, da diese kurzfristig die Energie erhöhen und Stresshormone und Botenstoffe regulieren. In jedem Fall erschwert Stress die Wahrnehmung unserer natürlichen Körpersignale, wenn wir Hunger und Durst übergehen, Essen zur Gefühlsregulation missbrauchen, Unwohlsein oder Verdauungsprobleme übersehen oder über Sättigungsgrenzen „hinwegessen“.
Chronischer Stress hat damit großen Einfluss auf unsere Gesundheit und unser Essverhalten. Langfristig kann er zu Übergewicht und ernährungsbedingten Krankheiten führen, wie Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen, aber auch zu Essstörungen. Umgekehrt wirkt sich auch die psychische Belastung, die mit einer Essproblematik verbunden ist, auf unser Stressempfinden aus und kann in eine Spirale von Überlastung, Kompensation, Frustration und noch mehr Stress münden.
Wie sich Stress und Anspannung auf das Essverhalten auswirken, wenn Menschen aktuell an einer Essstörung leiden oder in früheren Zeiten litten, ließ sich deutlich während der Pandemie beobachten, wie Sigrid Borse vom Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen beschreibt: „Bei der Magersucht wird versucht, über das Einsparen von Essen Kontrolle wiederherzustellen, Ohnmachtsgefühle in den Griff zu bekommen, vermeintlich handlungsfähig zu sein. Bei der Bulimie wird Stress abgebaut, der durch die mit der Situation verbundenen Ängste und Unsicherheiten entstanden ist. Durch das Erbrechen wird oftmals eine innere Anspannung gelöst. Andere Menschen berichteten von Essanfällen aus Langeweile, aus Angst oder zum Trost.“91
Zwischen Stressbewältigung und Leistungssteigerung
Der eine schafft es nur mit viel Kaffee und Zigaretten durch den Tag, die andere greift abends regelmäßig zum Glas Wein um „runterzukommen“, der Nächste greift zur Kopfschmerztablette oder zu Beruhigungsmitteln.
Wieder andere setzen zur Stressbewältigung bestimmte Verhaltensweisen ein: Sie entfliehen dem Alltag in die sozialen Medien, beim Serien-Streaming oder beim Spielen in virtuellen Welten, sie gehen shoppen oder betreiben exzessiv Sport.
Wenn Menschen konstruktive Methoden der Stressbewältigung fehlen, greifen sie stattdessen auf gewohnte Hilfsmittel zurück. Da Essen nicht nur emotional besetzt, sondern auch permanent verfügbar ist, kann es besonders leicht zum alltäglichen Hilfsmittel gegen Stress werden.
Anhaltender Stress schränkt – neben vielen anderen Auswirkungen – auch die Selbstwahrnehmung ein. Statt zu spüren, was Körper und Psyche wirklich brauchen, bleiben die Antennen nach außen gerichtet. Wir bemerken vielleicht zu spät, dass unsere Muskeln verspannt, dass wir durstig oder erschöpft sind. Auch Empfindungen wie Unruhe oder Niedergeschlagenheit nehmen wir lange nicht wahr.
Neben der Bewältigung von Stress und seinen Auswirkungen gehört es für viele Menschen zum Alltag, ihre Leistungsfähigkeit über bestimmte Substanzen zu steigern, etwa über Koffein in Kaffee und Tee, über Nahrungsergänzungsmittel oder Energy-Drinks. Daneben sollen Medikamente helfen, Müdigkeit zu überwinden, Schmerzen nicht zu spüren oder sich für eine Prüfung oder besondere Termine fit zu machen.
Im Prinzip sind aber all diese erwünschten Wirkungen darauf ausgelegt, die natürliche Verbindung zum eigenen Körper auszuhebeln, um Erschöpfungszustände, Missempfindungen oder sogar Schmerzen zu ignorieren.
Solche Verhaltensweisen sind gesellschaftlich akzeptiert oder werden sogar noch gefördert. In einer Leistungsgesellschaft, die es oft genug scheinbar erforderlich macht, die eigenen Bedürfnisse nicht zu spüren oder sogar über sie hinwegzugehen, ist das Innehalten nicht unbedingt erwünscht. Wenn wir uns aber daran gewöhnen, dauerhaft Leistungsgrenzen zu überschreiten und körperliche Signale bewusst zu überhören, wirkt sich das natürlich auf unsere körperliche und seelische Gesundheit aus.
Die Hilfsmittel halten das System am Laufen – und die Bereitschaft, sich zu optimieren, abzulenken oder zu betäuben, trifft auf Industrien, die diese Bedürfnisse mit Nachdruck bedienen.
WER PROFITIERT?
Ob Fertignahrung, Tabak, Alkohol, Lifestyle- oder Diät-Produkte: Viele Anbieter greifen den Alltagsstress und den Wunsch nach Selbstoptimierung bei Konsumentinnen und Konsumenten auf. Sie versehen ihre Produkte über deren eigentlichen Zweck hinaus mit Heils- und Glücksversprechen – entweder, um sie aufzuwerten oder sogar, um ihre Schädlichkeit zu überdecken.
Wenn Menschen sich unzulänglich fühlen, lässt sich mit vermeintlichen Hilfsmitteln viel Geld verdienen. Hersteller aus der Lebensmittel-, Pharma- und Schönheitsindustrie ziehen gewaltigen wirtschaftlichen Nutzen daraus, gesunden Menschen Defizite einzureden. So entsteht eine endlose Flut an „Must-haves“, die einen Energieschub, raschen Gewichtsverlust, Faltenfreiheit und vieles mehr versprechen: Abdeck-Creme gegen Augenringe? Eine Bauch-weg-Strumpfhose für die Konferenz? Oder doch lieber einen Drink?
Selten sah man das Prinzip so anschaulich dargestellt wie in den frühen Werbefilmen zu „Frauengold“: Schon in den 1950er-Jahren wurde unter diesem Namen ein rezeptfreies Mittel für die gestresste Frau verkauft, das anregend und stimmungsaufhellend wirken sollte (und dessen Alkoholgehalt dem eines Likörs entsprach). Die Werbespots dieser Zeit demonstrieren, wie eine Telefonistin, eine Sekretärin und eine Hausfrau sich in Stresssituationen behelfen – statt „emotional“ zu reagieren. Nach dem Genuss des „Tonikums“ bleiben sie gelassen und zeigen sich bei Kunden, Chef oder Ehemann wieder „lebensfroh und jugendfrisch“. Slogan: „Nach einer Kur mit Frauengold sieht man in allem nur noch die guten Seiten“.92 Die Schwester im Geiste, „Klosterfrau Melissengeist“, wartet sogar mit 79 % Vol. Alkohol gegen „Unruhezustände“ auf. Heute kommen die Werbekampagnen zwar etwas subtiler und moderner daher – die Botschaften bleiben aber ähnliche: Mag die Mehrfachbelastung noch so schlimm sein – mit Lavendel, Vitaminen, Johanniskraut oder anderen rezeptfreien Mittelchen kann es weitergehen wie bisher. Da tobt die Mutter gleich wieder mit drei Kindern, Hund und Ehemann durch den Garten.
Ein erschöpfter, überforderter Mensch, der nach Orientierung sucht, ist umso empfänglicher für diverse Versprechungen – besonders bei so grundlegenden Wünschen wie denen nach Wohlbefinden und Attraktivität. Bei Männern lässt sich der Wunsch nach Selbstoptimierung besonders im Sportbereich beobachten: Um die Leistungsstärke zu erhöhen, Belastungsgrenzen zu umgehen und den Muskelaufbau voranzutreiben, nutzen viele Freizeitsportler diverse Substanzen. Proteinpulver für die Muskulatur, Stimulanzien wie Amphetamine, um die motorische Aktivität zu steigern und Müdigkeitsgefühle zu unterdrücken. Narkotika sollen Muskelschmerzen und körperliche Überforderung betäuben, illegale Substanzen wie Anabolika Muskelwachstum fördern und Fett abbauen. So ergab eine repräsentative Studie in deutschen Fitness-Studios, dass mehr als jeder fünfte Mann verbotene Substanzen zu sich nimmt. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) schätzt, dass 3 bis 5 Prozent der Jugendlichen Anabolika benutzen, was ihre Gesundheit schädigen und abhängig machen kann.93
Gleichzeitig macht sich die Industrie das in der Bevölkerung gestiegene Bewusstsein für Gesundheit und Ernährung zunutze, in dem sie Produkte zur gesundheitlichen Optimierung verkauft – ein enormer Wirtschaftsfaktor.
Gesundheit to buy?
Sie aktivieren die Abwehrkräfte, unterstützen die Verdauung, stärken die Blase oder senken den Cholesterinspiegel – in den Supermarktregalen finden sich immer mehr „funktionelle“ Lebensmittel, die gesundheitlichen Zusatznutzen versprechen. In einem Markt, der im Wortsinn „gesättigt“ ist, muss sich die Lebensmittelindustrie neue Strategien suchen: Eine davon ist es, Nahrungsmittel wie Joghurt, Säfte oder Margarine mit angeblich gesundheitsfördernder Wirkung anzupreisen – über so genannte „Health-Claims“.
Diese müssen nach einer EU-Verordnung seit einiger Zeit von der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA geprüft und genehmigt werden. Laut foodwatch e. V. konnten 90 Prozent der bislang kontrollierten Gesundheitsaussagen den Prüfungen allerdings nicht standhalten – sie waren schlicht Werbelügen. Die Verbraucherorganisation listet auf ihrer Website einige der blumigen Versprechen auf, die durchfielen: „Abgelehnt wurden zudem Aussagen, nach denen Hopfen den Busen vergrößere, Granatapfelsaft gegen erektile Dysfunktion und Cranberrysaft gegen Blasenentzündungen helfe sowie schwarzer Tee die Aufmerksamkeit steigere.“94
Neben der Strategie, die angeblich positive Auswirkung des kompletten Lebensmittels zu loben, werden alternativ die gesundheitlichen Vorteile einzelner Bestandteile beworben: über so genannte „Nutrition Claims“ – beispielsweise für Bonbons mit Vitaminen, Fruchtsaftgetränke mit Mineralstoffen oder Frühstücksflocken mit Eisen-Zusatz. So können sogar Lebensmittel, die ernährungswissenschaftlich betrachtet eher ungesund sind, punkten, indem ihnen etwa künstliche Vitamine zugesetzt werden.
Eine Fehlernährung kann das natürlich nicht ausgleichen. Gleichzeitig entspricht die Versorgung der deutschen Bevölkerung bei den meisten Vitaminen und Mineralstoffen durchschnittlich bereits den vorgegebenen Werten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) oder überschreitet diese sogar.95
Um die Verbrauchertäuschung zu begrenzen, wollte die EU-Verordnung Mindeststandards einführen für Lebensmittel, die entsprechend beworben werden dürfen – über so genannte „Nährwertprofile“. Laut foodwatch e. V. ist das allerdings noch offen: „Auf Druck der Lebensmittellobby erwägt die EU sogar, die Profile ganz aus der Verordnung zu streichen.“96
Hinzu kommen noch Nahrungsergänzungsmittel, die dem Körper als Kapseln oder Brausepulver fehlenden Schwung oder Nährstoffe wieder zuführen sollen. Knapp ein Drittel der Frauen und ein Viertel der Männer in Deutschland nehmen laut der Nationalen Verzehrstudie II Nahrungsergänzungsmittel zu sich – vor allem, wenn sie selbst ihren Gesundheitszustand als „schlecht“ einschätzen.97 Anders als Arzneimittel müssen Nahrungsergänzungsmittel allerdings keinerlei Nutzen nachweisen. Ob die Käuferinnen und Käufer überhaupt Bedarf an den enthaltenen Stoffen haben, ist als Kriterium für den Verkauf ebenfalls unerheblich.
Fazit: Die Anforderungen der Leistungsgesellschaft führen zu mehr Belastung im Berufs- und Privatleben – gleichzeitig steigt der Anspruch an das individuelle Lebensglück. Wer sich am meisten abrackert, sich selbst verleugnet, besonders viel an sich arbeitet, wird vermeintlich belohnt. Wir finden in uns selbst keine Ruhe: Alles muss besonders anstrengend und schwierig sein und gleichzeitig ganz leicht aussehen: Wir hätten gerne Yoga, aber mit Höchstleistung – oder gleich den Ironman.
Dieser Leistungsanspruch führt zu Stress, der sich negativ auf unsere körperliche und psychische Gesundheit und auch auf das Essverhalten auswirken kann. Von dem Spannungsverhältnis zwischen äußerem Überfluss und innerem Mangel, der sich zum Beispiel im emotionalen Essen ausdrückt, und dem gleichzeitigen Wunsch nach Entspannung und Leistungssteigerung profitieren diverse Industrien, indem sie vermeintliche Lösungen zur Selbstoptimierung verkaufen. Der Wunsch nach Ruhe, Gesundheit oder Ausgeglichenheit wird transformiert zum Wunsch nach Produkten, die Ruhe, Gesundheit und Ausgeglichenheit versprechen.
4. LEBEN IN BILDERN

Das hohe Stress-Level der Menschen in den Industrieländern, ihre mangelnde Stressbewältigung und Selbstregulation – darauf führt der Neurobiologe Gerald Hüther die Zunahme psychischer Erkrankungen zurück, zu denen auch Essstörungen gehören. Gleichzeitig spielten ein hoher Erwartungsdruck und eigene unrealistische Vorstellungen eine Rolle.98
Zu den Anforderungen der Leistungsgesellschaft kommen also, wie schon beschrieben, die Ansprüche hinzu, die wir an unsere Lebensführung und uns selbst stellen – und das nicht zuletzt unter dem Eindruck der gigantischen Bildwelten der modernen Medien, mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind: Großflächige Werbebanner, TV-Spots und Anzeigen konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit. Werbung triggert unsere Wünsche und Sehnsüchte. Im Spannungsfeld Ernährung – Schönheit – Gesundheit senden viele Kampagnen doppelte Botschaften: Sie beschwören Bilder von Genuss, Gemeinschaftsgefühl, einem reichhaltigen Leben mit einzigartigen Momenten herauf – aber zumeist nur in Verbindung mit Schönheit, Schlankheit, Fitness und Jugendlichkeit. Dies wird wiederum mit Anerkennung, Erfolg und Begehrtsein verknüpft.
Genieße, aber lass dich keinesfalls gehen – dieser Appell nistet sich in den Köpfen ein und verstärkt den Wunsch nach Selbstoptimierung. Vieles, was Einzug in unseren Alltag genommen hat, wird dabei nicht mehr hinterfragt: riesige Reklametafeln mit extrem schlanken Teenagern, die Bikinis für erwachsene Frauen vorführen. Stars, die behaupten, ihr Aussehen sei lediglich auf gute Gene und viel Wasser trinken zurückzuführen. Castingshows mit dünnen Schülerinnen, die angetrieben werden, ihre Körper noch weiter zu optimieren – und dabei ihre „Personality“ zu bewahren. In jeder Lebenslage sollen wir leistungsfähig, attraktiv und fit sein – wer kann da auf Dauer schon mithalten?
Wie sich mediale Darstellungen auf Essstörungen auswirkten, untersuchte eine Studie von Maya Götz, Caroline Mendel und dem Bundesfachverband Essstörungen. Bei der Befragung von Menschen, die aktuell wegen einer Essstörung behandelt wurden, gaben 27 Prozent an, die Darstellung von dünnen Models auf Plakaten oder Großleinwänden hätte sehr starken Einfluss auf ihre Essstörung gehabt, weitere rund 42 Prozent empfanden „etwas“ Einfluss. Bei Bildern in Modemagazinen sahen 22 Prozent einen sehr starken, weitere 39 Prozent etwas Einfluss.99
Darmowy fragment się skończył.