Czytaj książkę: «Mich in meinem Leben finden»
Inge Patsch
Ein Wegweiser mit Impulsen von Viktor E. Frankl und Ignatius von Loyola

Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“
2019
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung: Roberto Baldissera, Agentur für Grafik, Innsbruck
Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag
Bildnachweis S. 97, 98, 139: Albrecht Klink, Berlin
www.albrecht-klink.de
ISBN 978-3-7022-3747-9 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3748-6 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at
Internet: www.tyrolia-verlag.at
Inhalt
Vorwort
Am Anfang ist ein Mangel
Von der Sehnsucht nach Geborgenheit und dem Dilemma des Vergleichens
Ignatius von Loyola und Viktor E. Frankl – ein Dialog im Jenseits
Die Welt, in der wir leben
Wie das Streben nach Harmonie Menschen in die Enge treibt
Leben heißt zeigen, was du liebst
Das Leben in allen Dingen finden
Für mein inneres Wachstum bin ich verantwortlich
Nicht das viele Wissen sättigt die Seele
Die Kraft, die aus der Tiefe kommt
Vom Segen, der das Leben nährt
Den Bildern nicht mehr entsprechen
Ernsthaftigkeit belebt und bereichert
Das Selbstverständliche ist nicht selbstverständlich
Selbstbestimmt leben und die Realität respektieren
Was mich – wieder – leben lässt: mein Maß
Der Versuch, ohne Feindbilder zu leben
Von der Kunst der Unterscheidungen
Von der „Unterscheidung der Geister“
Gott und Leben in allem finden
Worauf schaue ich zurück und was gilt es zu beleben?
Am Ende bleibt Beziehung
Vorwort
Wegweiser dienen unserer Orientierung.
Wegweiser stehen uns zur Verfügung,
ohne sich aufzudrängen.
Wegweiser laufen uns nicht nach.
Wegweiser sind nicht ungehalten,
wenn wir sie nicht beachten.
Dieses Buch möchte als Wegweiser dienen und teilt Erfahrungen mit, die aufgrund der wegweisenden Gedanken von Viktor E. Frankl und Ignatius von Loyola entstanden sind. Sowohl für die Logotherapie als auch für die ignatianische Spiritualität gilt, dass mein Zugang kein wissenschaftlicher ist, sondern ein alltäglicher und praxisnaher. Bei dieser Begegnung geht es nicht um ein theoretisches Geschichtswissen, sondern um ein persönliches Berührtwerden.
Wir leben in einer Zeit, in der es für fast alle Lebenslagen Anweisungen gibt, und die „Apps“ vermehren sich rasend schnell. Die ständigen Kontrollfunktionen versprechen Erleichterung, doch gleichen sie eher einer Fremdbestimmung und stören unsere besonderen menschlichen Fähigkeiten wie Wahrnehmungsfähigkeit und Mitgefühl.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ich aus den Lebensgeschichten von Menschen mehr gelernt habe als durch das exakte Befolgen diverser Lebensregeln. In diesem Buch werden Sie einige persönliche Geschichten von mir entdecken und vielleicht können Sie Ähnliches erfahren. Ich möchte Sie ermutigen, zu Ihrer Einmaligkeit durchzudringen und zu sich selbst und zu Ihrem Leben immer mehr Ja sagen zu können. Egal, wie unterschiedlich Herkunft, Veranlagungen sowie Charakter und Möglichkeiten von Bildung sein mögen: Das Einzige, was Ihnen niemand nehmen kann, ist, wie Sie Ihr Leben gestalten. Ganz im Erkennen dessen, dass wir selbst Baumeister unseres Lebens sind und aus den vorgefundenen Bausteinen ein gelungenes Werk schaffen.
Am Anfang ist ein Mangel
Am Anfang ist ein Mangel
ein Missverständnis
eine Meinungsverschiedenheit
und der Mangel hat einen Grund
einen guten Grund
die Sehnsucht nach Gemeinschaft
den Wunsch nach Gemeinsamkeit
das Verlangen Interessen zu teilen
Dann kommen Ratgeber und Gleichmacher
und Oberflächenfrager und Ruhestifter
was bleibt ist die Unruhe im Inneren
weil die Oberflächenfrager keine Fragen stellen
sie verteilen Besserwisserei und Rezepte
und die Ruhestifter wollen den Mangel vertreiben
doch der bleibt
Wir brauchen Schrittmacher
die uns ernst nehmen
wir brauchen Schrittmacher
die nicht verlangen
dass wir in ihre Fußstapfen treten
wir brauchen Schrittmacher
die uns mit Sinnvollem inspirieren
wir brauchen Schrittmacher
die uns ermutigen eigene Schritte zu gehen
auch wenn wir eine andere Richtung einschlagen
Am Anfang weist der Mangel auf etwas hin
wir können das Fehlende nicht benennen
uns fehlen Worte für das was fehlt
trotzdem öffnet dieser Mangel die Tür
zur Tiefe des Lebendigen
dort können Glücksmomente empfunden und erlebt werden
nur festhalten kann ich sie nicht
Von der Sehnsucht nach Geborgenheit und dem Dilemma des Vergleichens
Es hat sehr viel mit dem Empfinden von Geborgenheit zu tun, um mich in meinem Leben zu finden. Geborgenheit ist unmittelbar mit Lebensgewissheit verbunden. Diese wirkt unabhängig von Leistung, gilt auch losgelöst von Besitz und Macht. Lebensgewissheit und Geborgenheit können in dem Maße wachsen und gedeihen, in dem sich ein Mensch auf das Leben einlässt und sich berühren lässt. Sich auf das Leben einzulassen hat viel mit der persönlichen Sichtweise und den eigenen Vorstellungen zu tun, wie Leben zu sein hat.
Es gibt viele unterschiedliche Haltungen dem Leben gegenüber. Ich greife zwei heraus: Auf der einen Seite gibt es das Streben nach Sicherheit, aber es gilt sich auch mit der Tatsache anzufreunden, dass es keine Sicherheit gibt. Das Risiko mangelnder Sicherheit sollten wir bedenken und auch bejahen. Wir sind wie Akrobaten, die ohne Netz arbeiten. Viele Male fängt uns das Leben auf und irgendwann der Tod. Wer eine leise Ahnung hat von diesem Phänomen der Geborgenheit, erlebt immer wieder diese Gewissheit, innen heil zu bleiben, auch wenn es äußere Verletzungen gibt und die Bedingungen nicht ideal sind. Die Geborgenheit wohnt im Land der inneren Gewissheit. Leider gibt es keine Reisebeschreibung, wie man dorthin gelangt, aber es gibt Gedanken von Menschen, die zum Nachdenken anregen.
Etty Hillesum schrieb in ihren Tagebuchaufzeichnungen: „Ich gehe niemals und nirgendwo zugrunde. Ich werde immer eine Stunde für mich finden. Ich bleibe mir selbst ganz treu und werde weder resignieren noch mich zermürben lassen. Ich würde die Arbeit nicht durchhalten können, wenn ich nicht jeden Tag aus der großen Ruhe und Gelassenheit in mir Kraft schöpfen könnte.“1
Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt hat mit seiner Art, in die Welt der Musik einzutauchen, Menschen begeistert. Er ist der Musik ein Leben lang treu geblieben und dadurch sich selbst. Auf die Frage, ob er etwas hat, das er dem Negativen entgegensetzen könnte, sagte er: „Eine unbegründete Hoffnung. Ich verstehe es selbst nicht. Ich sehe, wie das Schiff, in dem wir alle sitzen, in den Abgrund fährt, und ich habe die unbegründete Hoffnung, dass nichts passiert.“2
Es hängt von der jeweiligen Lebenssituation ab, ob sich ein Mensch berühren und inspirieren lässt, und von seiner Bereitschaft, Interesse und Lernfreude zu entfalten. Wir werden inspiriert, doch was dann folgen muss, ist Offenheit, persönliches Interesse und ein bewusstes Wahrnehmen. Wie wir äußere Eindrücke wahrnehmen und eigene Gedanken dazu entfalten, dafür sind wir selbst zuständig. Dem Verlauf der persönlichen Gedankenwelt auf die Spur zu kommen, macht uns empfindsam, stärkt unsere Eigenständigkeit und unsere Tatkraft. Denken allein überzeugt niemanden, nicht einmal uns selbst, und deshalb müssen wir vor allem Taten setzen, in denen man Sinn verwirklicht.
Trotzdem können Gedanken unsere Taten beflügeln oder lahm legen. Deshalb ist es sinnvoll, sich bewusst zu machen, welche Gedanken das Empfinden von Geborgenheit erschweren oder sogar verhindern:
•Das Leben als Wettbewerb sehen und siegen wollen
•Das Vergleichen mit anderen
•Der Anspruch, immer noch besser sein zu wollen
•Akribisch genaue Planung, ohne auf die Realität zu achten
•Schuldgefühle pflegen, die nichts mit tatsächlicher Schuld zu tun haben
•Ständige Bewertungen, Kommentare und Empörungen
Es gibt aber auch Gedanken, welche dieses Empfinden stärken:
•Sich begeistern und bestimmten Werten treu bleiben
•Mut zum Wagnis
•Dankbar sein für Gelegenheiten, die das Leben bietet
•Auf das Gelungene im eigenen Leben schauen
Mein Anliegen ist es, Menschen mit Gedanken zu inspirieren, die nicht alltäglich sind, doch sehr wohl unseren Alltag betreffen. Aus diesem Grund erzähle ich einige Geschichten, die ich persönlich erlebt habe. Dieses Erleben hat wenig zu tun mit dem, wie „es“ sein soll. Die „So-sollte-es-sein-Gedanken“ entsprechen unseren Vorstellungen, unseren Plänen und dem, was momentan in der Gesellschaft Gültigkeit hat. Das Leben aber fragt uns oft etwas völlig anderes.
Geschichte zur Inspiration
Als vom Tyrolia-Verlag die Anregung zu einem weiteren Buch kam, war ich erfreut und augenblicklich fiel mir ein, worüber ich schreiben wollte. Länger als die Logotherapie begleitet mich die Spiritualität des Ignatius von Loyola. Als ich die Ähnlichkeiten im Denken von Viktor E. Frankl und Ignatius von Loyola entdeckte, wollte ich diese Erfahrung mit anderen Menschen teilen. In der Zeit des Schreibens schenkte mir jemand das Buch „Die Kunst, sich selbst zu verstehen“ von Michael Bordt SJ. Je mehr ich in dieses Buch eintauchte, umso überzeugter wurde ich, dass es nicht sinnvoll sei, noch ein Buch zu diesem Thema zu schreiben. Ich war im Vergleichen gelandet, fand die Formulierungen von Michael Bordt genial und meine mehr als bescheiden. Ich informierte meine Lektorin und dachte, dass sich das geplante Buch nun erübrigen würde. Wir hatten ein gutes Gespräch und sie las mir aus dem Buch von Michael Bordt vor. „Dieses Buch ist streckenweise ein einziges Plagiat, und ich freue mich über jeden, der sich auf die Spurensuche bzw. Entdeckungsreise zu den Quellen begeben möchte.“3 Bis zu dieser Textstelle war ich noch nicht vorgedrungen gewesen. Erst jetzt verstand ich, wie bereichernd dieses Buch für mich war: Ich kann zu meiner Schreibweise und meinem Bemühen mutig Ja sagen.
Innere Spurensuche
•Was löst das soeben Gelesene in mir aus?
•Kenne ich Situationen, in denen ich mich mit anderen vergleiche?
•Beflügelt oder behindert mich dieses Vergleichen?
Viktor E. Frankl und Ignatius von Loyola als Wegweiser
| Wer sich mit einem Anderen vergleicht, tut entweder diesem Anderen oder sich selbst Unrecht.4 |
| Ich setze voraus, dass es dreierlei Gedanken in mir gibt, nämlich einmal die mir eigenen, die allein aus meiner Freiheit und Willenskraft entspringen, und dann die beiden anderen, die von außen kommen: der eine, der vom guten Geist kommt, und der andere vom bösen.5 |
Bilder bzw. Symbole leisten einen wertvollen Beitrag für unsere Wahrnehmung und schärfen unsere Sichtweise. Deshalb verwende ich für die Gedanken von Viktor E. Frankl das Symbol der Brille. Sie hilft uns, klarer zu sehen, und dient als Kennzeichen für Frankl, der nicht nur die Logotherapie und Existenzanalyse begründet, sondern auch Brillen entworfen hat.
IHS – die ersten drei Buchstaben des griechischen Namens für Jesus –, werden bei den Jesuiten als Kurzform für Iesum Habemus Socium („Wir haben Jesus als Gefährten“) gedeutet. Ich verwende dieses Symbol für die Texte von Ignatius.
Das Vergleichen verführt mich entweder zur Überheblichkeit oder bringt mich in die Verzweiflung. Wenn ich mich bemühe, mein Bestes zu geben, kann ich aufs Vergleichen verzichten. Finde ich mich und das, was mir möglich ist, bin ich weder von der Zustimmung anderer abhängig noch von ihrer Ablehnung. Die große Herausforderung besteht darin, mich und mein Leben nicht ständig mit anderen zu vergleichen.
1Etty Hillesum, Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941–1943, übersetzt von Maria Csollány, herausgegeben von J. G. Gaarlandt, Reinbek bei Hamburg 1995, 157.
2Nikolaus Harnoncourt, „… es ging immer um Musik“. Eine Rückschau in Gesprächen, St. Pölten 2014, 122.
3Michael Bordt, Die Kunst, sich selbst zu verstehen. Den Weg ins eigene Leben finden. Ein philosophisches Plädoyer, München 2016, 191.
4Viktor E. Frankl, Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse, München 1987, 189.
5Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen. Übertragung und Erklärung von Adolf Haas, Freiburg i. Br. 1966, 29.
Ignatius von Loyola und Viktor E. Frankl – ein Dialog im Jenseits
Zwischen Ignatius von Loyola und Viktor E. Frankl liegen vierhundert Jahre und mich inspiriert das Zeitlose. Die Aktualität ihres jeweiligen Gedankengutes ist verblüffend und mich fasziniert die nüchterne Leidenschaft zum Leben, die bei beiden spürbar wird. Die ignatianische Spiritualität entdeckte ich, als ich auf der Suche nach der tieferen Bedeutung meines Lebens gewesen bin. Bald darauf zog mich die Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor E. Frankl in ihren Bann. Während ich in die logotherapeutische Gedankenwelt eintauchte, fielen mir immer wieder Sätze ein, die ich bereits bei Ignatius gelesen hatte. Z. B. lese ich bei Viktor E. Frankl: „Das Gefühl kann viel feinfühliger sein als der Verstand scharfsinnig.“ Spontan fällt mir dazu die Aussage von Ignatius ein: „Nicht das Vielwissen sättigt die Seele und gibt ihr Befriedigung, sondern das innere Schauen und Verkosten der Dinge.“
Mein wesentliches Anliegen ist, nicht über ein anderes Gedankengut zu schreiben, sondern von seiner Resonanz und Wirkkraft in mir zu erzählen. In mir begegnen sich Ignatius von Loyola und Viktor E. Frankl schon lange und immer wieder. So kam mir die Idee von einer Annäherung der beiden im Jenseits und ich ließ sie miteinander ins Gespräch kommen.
Ignatius: Ich muss sagen, ich bin überrascht, dass fünfhundert Jahre nach meinem Tod noch jemand an mich und meine Schriften denkt. Es gab in dieser langen Zeit eine große Fülle von Philosophen und Theologen und einige haben außerordentlich viel zur seelischen Heilung der Menschen beigetragen.
Frankl: Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche, doch mir geht es ähnlich. Obwohl ich vor etwas mehr als zwanzig Jahren verstorben bin, interessieren sich die Menschen noch immer für meine Sinnlehre. Allerdings wundert es mich nicht, dass man Sie nicht vergessen hat. Ihre Schriften sind zeitlos – so wie auch seit ewigen Zeiten die Menschen auf der Suche nach Gott sind. Sie haben die Gesellschaft Jesu gegründet und diese wird wohl die nächsten fünfhundert Jahre überdauern. Bereits zu meiner Zeit faszinierte mich Ihr Gedanke, dass nicht das viele Wissen die Seele befriedigt und sättigt, sondern das innere Schauen und Verkosten der Dinge.
Ignatius: Da gibt es wohl so etwas wie einen Gleichklang unserer Seelen. Mir fiel diese Ähnlichkeit auf, als ich in der Bibliothek des Universums Ihr Buch „Der unbewusste Gott“ gefunden habe. Von Ihnen stammt ja diese wunderbare Formulierung, dass das Gewissen ein Sinnorgan ist und dass es nicht nur darum geht, Wissen zu vermitteln, sondern das Gewissen zu verfeinern. Das ist eine schwierige Aufgabe und war schon im Mittelalter alles andere als einfach. Vor allem jene Menschen, die an der Macht waren, haben ihr Gewissen nicht verfeinert, sondern viel Unheil angerichtet.
Frankl: Gab es eigentlich eine Zeit, in der Machthaber kein Unheil angerichtet haben? Wie Sie wissen, habe ich die Schreckenszeit des Holocaust im 20. Jahrhundert erlebt und erlitten. Es grenzt ohnehin an ein Wunder, dass ich überlebt habe und nach meiner Befreiung aus dem Konzentrationslager ein halbes Jahrhundert in einem friedlichen Österreich leben und die ganze Welt bereisen konnte.
Ignatius: Ist es nicht so, dass Menschen Suchende sind? Ziemlich sicher verirren sich manche auf dieser Suche. Bei mir war das ähnlich. Nach einem Leben, das ausschließlich auf weltlichen Erfolg ausgerichtet war, bin ich mit Schriften in Berührung gekommen, die mein Denken verändert haben. Mein Lebensweg war entscheidend für das Entdecken und Entwickeln der Geistlichen Übungen. Wie haben Sie eigentlich Ihre Sinnlehre entdeckt?
Frankl: Erklären kann ich das gar nicht so genau, aber ich habe mich bereits in meiner Schulzeit mit dem Thema Sinn beschäftigt. Als mein Physikprofessor sagte, das Leben sei nichts als ein Oxydationsprozess, habe ich ihn gefragt, welchen Sinn dann das Leben habe. Würde ich es etwas übertrieben formulieren, war dieser Moment die Geburtsstunde der Logotherapie.
Was mich interessieren würde: In Ihren Schriften kommt immer wieder die Formulierung von der „Unterscheidung der Geister“ vor. Was meinen Sie damit und was führt Sie dazu?
Ignatius: Als ich aufgrund einer Beinverletzung längere Zeit liegen musste, staunte ich ziemlich über deutliche Unterschiede in meinem seelischen Empfinden. Beim Lesen von Rittergeschichten – heute würde man sie wohl als Krimis bezeichnen – spürte ich Langweile und Unzufriedenheit, außerdem wurde mir klar, dass mich diese Lektüre nicht bereichert, sondern nur ablenkt. Als ich dann begann, Geschichten von Heiligen zu lesen, belebten mich diese Gedanken und ich erlebte trotz meiner körperlichen Einschränkung tröstliche Stunden. Mit diesen seelischen Stimmungen habe ich mich lange beschäftigt und bin zur Einsicht gelangt, dass unsere Gedanken von drei Quellen genährt werden: von der eigenen Freiheit, von guten Gedanken, die ermutigen, und von bösen oder schlechten Gedanken, die Groll verursachen. Mittlerweile habe ich von einigen Hirnforschern gehört, dass sich das menschliche Gehirn so entwickelt, wie ein Mensch es benutzt. Heute werden ja nicht mehr sehr viele Menschen Heiligengeschichten lesen, aber es gibt eine Fülle von lesenswerten Biografien, welche das Gute im Menschen anregen und stärken können.
Frankl: Die Erkenntnisse der Hirnforschung hätte ich noch gerne erlebt, denn ich habe immer die Meinung vertreten, dass der Mensch ganz Mensch wird durch die Sache, die er zur seinen macht; wo er also aufhört, sich ständig selbst zu bespiegeln und zu fragen, ob er nicht zu kurz kommt. Der Mensch braucht etwas, das er mehr liebt als sich selbst; dabei kann es sich um einen anderen Menschen oder um eine gute Sache handeln. Wo ein Mensch sich hingibt, sich selbst vergisst, da wird er ganz er selbst.
Ignatius: Wie ist es dann bei Menschen, die sich einer bösen Sache widmen? Mit böse meine ich Menschen, die Freiheit rauben und Macht ausüben? Geht dann so ein Mensch in der bösen Sache auf?
Frankl: Sie haben vorhin als Ursprung unserer Gedanken die Freiheit erwähnt, sowohl gute als auch böse Gedanken zu denken. Ich habe Menschen erlebt, die waren überzeugt, Gutes zu tun, obwohl es offensichtlich böse war. Sie beriefen sich auf ihre Pflicht und hatten jede Form ihrer inneren Freiheit an die Machthaber der jeweiligen Zeit abgegeben. Im Alten Testament steht im Buch Exodus sinngemäß: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus der Gefangenschaft herausgeführt hat in ein Land voll Leben und Freiheit.“
Mit diesem Zitat versuche ich, Ihre Frage zu beantworten. Ich kann mir vorstellen, dass Handlanger des Bösen nichts von jener Freiheit wissen, die wir meinen, und daher denken sie auch nicht darüber nach, dass ihr Tun Menschen schadet. Hinweise auf das Böse werden diese Menschen nicht erreichen, obwohl sie dringend Nachhilfe in Skepsis nötig hätten. Allerdings bezweifle ich, ob diese Menschen so etwas wie innere Ruhe und Vertrauen ins Leben kennen. Die sehen doch in jedem, der nicht ihrer Meinung ist, einen Feind.
Ignatius: Mit Ihrer Antwort erinnern Sie mich an die unselige Zeit der Inquisition. Ich hatte mehrmals mit diesen ausschließlich von sich selbst überzeugten Kirchenvertretern zu tun, die jede Menschlichkeit vergessen hatten und natürlich auch Gott. Ein Jahr vor meinem Tod kam ein eifriger Verfechter der Inquisition auf den Papstthron, Paul IV. Er sperrte sogar Kardinäle, die dem Herrn und den Menschen dienten, in die Engelsburg. Es war grauenvoll und hat mich sehr bekümmert. Doch eines haben diese Fehlhaltungen von Menschen nie geschafft, mir meinen Glauben und die Liebe zu Christus zu nehmen. Die Kirche war nie frei von Spannungen und Missbrauch hat es zu allen Zeiten gegeben. Verständlich ist, dass sich Menschen auf der Erde nach einem Ort sehnen, wo himmlische Ordnung herrscht. Tragisch ist, dass gerade im Namen Christi viel Unrecht und sehr Schlimmes von Kirchenmännern geschehen ist. Ich nehme an, dass auch deshalb immer weniger Menschen bereit sind, zwischen Kirche und Gott zu unterscheiden. Vielleicht ist das nicht ganz richtig formuliert. Menschen machen sehr wohl einen Unterschied, sie wenden sich von der Kirche ab und teilweise fragwürdigen Heilsversprechen zu. Früher hat man Menschen mit Gott gedroht und heute besteht die versteckte Forderung aus einer genauen Handlungsweise, die einzuhalten ist, um glücklich zu sein. Zu viele sind bereit, zweifelhafte Empfehlungen zu befolgen, die auch noch Geld kosten. Meist stellt sich das Erhoffte nicht ein, aber die Sehnsucht des Menschen ist versucht, diese Folgen auszublenden.
Frankl: Ich stimme Ihnen gerne zu. Neben der groben Vernachlässigung religiöser Sehnsüchte auf der einen Seite gibt es auf der anderen fragwürdige Angebote. Dietrich Bonhoeffer, der leider das Konzentrationslager nicht überlebt hat, hat einen Aufsatz über die menschliche Dummheit geschrieben. Darin beschreibt er, dass wir gegen die Dummheit wehrlos sind. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Dass der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinweg täuschen, dass er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, dass man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten und Parolen zu tun hat.
Ignatius: Hat nicht der deutsche Philosoph Immanuel Kant gesagt, dass der Mangel an Urteilskraft eigentlich das ist, was man Dummheit nennt, und dass einem solchen Gebrechen gar nicht abzuhelfen ist?
Frankl: Das war Kant und von ihm stammt auch der Hinweis, dass zwei Dinge ausreichen würden, ein Mensch zu sein: der gestirnte Himmel über mir und das Sittengesetz in mir. Also das Staunen über eine sternenklare Nacht und die Schönheit der Natur sowie eine innere Überzeugung, die ich mit Ehrfurcht vor dem Leben bezeichnen möchte.
Etwa zur gleichen Zeit wie Kant lebte Friedrich Schleiermacher. Er schrieb in einer berühmten Sammlung von Vorträgen „An die Gebildeten unter ihren Verächtern“: „Religion ist die Anschauung des Universums.“ Religion beginnt also mit der Erfahrung des Ganzen und hat zunächst nichts mit Gebräuchen und Ritualen zu tun. Darüber sagt Schleiermacher, dass Religion auf das Gefühl radikaler Abhängigkeit hinweist. Das bedeutet: Ich weiß um mich selbst, dass ich in jeder Hinsicht fragil, abhängig und verletzbar bin. Mir selbst war diese Abhängigkeit zu Lebzeiten sehr bewusst und deswegen habe ich immer wieder betont, dass wir uns hin und wieder mit dem Tod konfrontieren sollten. Denn die Tatsache der zeitlichen Begrenzung unseres Daseins ist der Ansporn, die Zeit und jede Stunde und jeden Tag zu nützen.
Ignatius: Ich möchte noch einmal zum Sittengesetz von Kant zurückkommen. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang für Sie das menschliche Gewissen?
Frankl: Vorausschicken möchte ich, dass ich davon überzeugt bin, dass jeder Mensch ein präreflexives Selbstverständnis auf diese Welt mitbringt. Also ein inneres Wissen, welches nicht erst durch ständiges Nachdenken und Reflektieren entstanden, sondern auf eine eigene Weise schon im Menschen angelegt ist. Es muss ihm nur bewusst werden, was er irgendwie ohnehin schon immer weiß. Für mich steht hinter dem Gewissen des Menschen das Du Gottes. Deshalb habe ich das Gewissen als Sinnorgan bezeichnet, als eine Art intuitiven Kompass, der mich und jeden Menschen – sofern er sich dafür interessiert – auf der persönlichen Suche nach Sinn leitet. Es steht außer Frage, dass das Gewissen gepflegt werden muss. Das gilt besonders in einem Zeitalter, in dem die Zehn Gebote für viele ihre Geltung zu verlieren scheinen. Gewissenspflege bedeutet, als Mensch hellhörig genug zu sein, um das Leben wahrzunehmen und auf die Fragen, die es uns stellt, menschlich zu antworten.
Ignatius: Sie haben eine hohe Meinung vom Menschen. Sie trauen ihm viel zu, aber Sie muten ihm auch viel zu. An meine Zeit der Zweifel und Skrupel, die mich auf meiner Pilgerschaft gequält haben, kann ich mich gut erinnern. Immer wieder plagte mich der Gedanke, ich hätte vergessen eine Sünde zu beichten. Da hätte es mich sehr entlastet, wenn ich Ihre Sichtweise früher gekannt hätte. Mich bringt man ständig mit der Unterscheidung der Geister in Verbindung, Sie sofort mit der Suche nach Sinn und mit der Trotzmacht des Geistes. So wie ich das verstanden habe, kann der Mensch stärker sein als das, was ihn kleinzumachen droht. Er kann sich sogar selbst entgegentreten, wenn ihn eine irreale Angst immer wieder daran hindert, etwas zu tun, was in seinen Augen wertvoll ist. Auf der Erde würde ich diese Fähigkeit besonders jenen wünschen, die ein bisschen zu viel Selbstmitleid haben. So wie ich Ihre Trotzmacht des Geistes verstanden habe, kann sich der Mensch von seinen Eigenheiten auch distanzieren.
Frankl: Ja, ich möchte sagen, dass ich auf diese Entdeckung ein wenig stolz bin. Inspiriert hat mich ein österreichischer Dichter, Johann Nestroy, ein Wiener so wie ich. Der hat in einem seiner Theaterstücke gesagt: „Jetzt bin ich neugierig, wer ist stärker: Ich oder ich?“ Da ich die Berge liebe, mich jedoch Höhenangst plagte, habe ich mich gefragt: „Bin ich stärker oder der Schweinehund in mir, der sich nicht zu klettern traut?“ Wichtig ist für mich zu erwähnen, dass der Wert, den die Bergwelt auf mich ausübte, groß genug war, um mich zu überwinden. Meine Leidenschaft für das Bergsteigen hat mir geholfen, mich von meiner Angst zu distanzieren. Jetzt haben wir aber ständig von mir gesprochen, dabei interessieren mich Ihre Geistlichen Übungen, Ihre Exerzitien sehr.
Ignatius: Nachdem wir beide in der Ewigkeit angekommen sind, haben wir ja noch ewig Zeit.
Mit den Exerzitien möchte ich Menschen vor allem zum Nachdenken über das eigene Leben anregen. Sie sind ein Übungsweg auf der Suche nach Gott, die aufgrund von Texten aus der Bibel Unterstützung erhalten. Im Wesentlichen geht es in den Exerzitien darum, die gegenwärtige Lebensphase ernst zu nehmen und die Liebesfähigkeit des Menschen zu stärken. Die Veränderungen der letzten fünfhundert Jahre haben dazu geführt, dass meine Nachfolger sehr kreative Ideen hatten. Auf diese Weise sind Schreibexerzitien, Filmexerzitien, Wanderexerzitien und vieles andere entstanden, um Menschen in ihrer jeweiligen Lebenssituation zu begleiten und ihnen ihr Leben zuzumuten, aber nicht abzunehmen. Worauf nach wie vor bei allen Exerzitien Wert gelegt wird, ist das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit und das persönliche Gespräch mit einem Begleiter oder einer Begleiterin. Letztlich geht es jedoch nicht um ein Leistenwollen, sondern um den Geist, in dem sich ein Mensch diesem geistlichen Übungsweg stellt. Es geht um die Offenheit, sich von Gott oder vom Leben beschenken zu lassen.
Frankl: Sie sprechen vom Geist, in dem sich ein Mensch auf den von Ihnen beschriebenen Übungsweg begibt. So wie ich das verstehe, geht es um die innere Einstellung, um die Bereitschaft, sich dem Glauben zu öffnen und sich auf die Stille einzulassen. Der Mensch hat entweder einen Glauben oder einen Aberglauben. Je weniger vom Geist die Rede ist, umso mehr wird von Geistern gesprochen.
Ignatius: Mir ist schon einige Male aufgefallen, dass Sie eine ganz besondere Fähigkeit haben zu formulieren. Von Ihnen stammt doch auch der Satz: Der Partner unserer tiefsten Selbstgespräche ist Gott. Das stimmt doch, oder?
Frankl: Ja, das stimmt. Wenn ich in letzter Einsamkeit schlimme Stunden verbracht habe, war mir so, als ob mir Gott zuhört. Ich persönlich mag das Wort Gott. Ich kann aber auch gut verstehen, dass dieser Begriff für manche Menschen – aufgrund ihrer Lebensgeschichte – belastet ist. Da ist es doch sehr sinnvoll, dass Dietrich Bonhoeffer die „guten Mächte“ ins Spiel gebracht hat.
Ignatius: Obwohl wir beide von gestern sind, haben wir ein großes Interesse für das, was heute auf der Welt geschieht. Ich bin gerne bereit, auf Begriffe, die Zwang ausüben, zu verzichten, und finde es großartig, welche Gedanken sich manche Menschen machen. Vor kurzem habe ich mit Tiziano Terzani gesprochen, dem Journalisten, der lange in Asien gelebt hat. Er hat das wunderbar formuliert und erwähnt auch den Sinn, der Ihnen so am Herzen liegt: „Nichts geschieht zufällig. Wenn wir hier sind, muss das einen Sinn haben. Zu sehen, welchen Grund jeder von uns hat, hier zu sein, und nachzuverfolgen, was uns hierhergeführt hat, ist eine wunderschöne Übung in Demut und ein Akt der Bewunderung für jene Intelligenz, die die Welt zusammenhält.“6
Frankl: Manchmal denke ich, dass wir viel Freiraum haben für all das, was wir mit dem Verlegenheitsnamen Gott bezeichnen. Übrigens, da fällt mir noch Václav Havel ein, der so viel für die Freiheit seiner Mitbürger riskiert hat. Er schrieb in einem Brief an seine Frau Olga: „Der wirkliche Glaube ist etwas unverhältnismäßig viel Tieferes und Geheimnisvolleres als irgendeine optimistische Emotion und hängt entschieden nicht davon ab, wie einem gerade Wirklichkeit erscheint.“7
Ignatius: Oh, wie wunderbar! Mit diesem Herrn möchte ich mich gerne unterhalten! Ich vermute, Václav Havel könnte den Satz verstehen, den ich in meinem „Fundament“ geschrieben habe: Es ist notwendig, dass wir uns den materiellen Dingen gegenüber gleichmütig verhalten und unsere Freiheit und Verantwortung ernsthaft wahrnehmen und leben. Auf diese Weise sollen wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr verlangen als Krankheit, Reichtum nicht mehr als Armut, Anerkennung nicht mehr als Ablehnung, langes Leben nicht mehr als kurzes, und folgerichtig so in allen übrigen Dingen.
Frankl: Das meine ich auch. Was das Materielle anlangt, hat es mich nie gereizt, viel Geld zu verdienen. Ich brauchte eine Arbeit, die mich erfüllt, und sei es auch unter Verzicht auf eine Arztpraxis, bloß Bücher schreibend. Ich denke, heute hat jeder sein Kreuz zu tragen, vielleicht mehr denn je. Aber es kommt darauf an, wie man das Kreuz trägt, das man nun einmal auf sich nehmen muss. Das Leben fordert uns heraus und manchmal fordert es Opfer. Aber es ist möglich, dafür zu sorgen, dass die gebrachten Opfer nicht sinnlos sind. Das wäre in dem Augenblick der Fall, wo es nicht im richtigen Geiste, aus der rechten Gesinnung heraus gebracht wird. Die Einstellung ist alles.
Ignatius: Ja, und die Liebe und die Freude. Ich denke, wenn ein Mensch fähig ist, sich selbst in einem gesunden Maß zu lieben, dann kann er auch andere lieben und muss nicht ständig aufpassen, ob ein anderer mehr hat als er selbst. Die christlichen Religionen wären wohl ein guter Weg, menschlicher zu werden, doch es wenden sich einfach viele von ihnen ab.
Frankl: Ist es nicht so, dass gerade der religiöse Mensch die Entscheidung seines Mitmenschen, der sich von der Religion abgewandt hat, zu respektieren hat? Er müsste diese Entscheidung als grundsätzliche Möglichkeit anerkennen, wie auch als tatsächliche Wirklichkeit hinnehmen. Gerade der religiöse Mensch müsste wissen, dass die Freiheit einer solchen Entscheidung eine gottgewollte, gottgeschaffene ist; denn in einem solchen Grade ist der Mensch frei, von seinem Schöpfer frei geschaffen, dass diese Freiheit eine Freiheit bis zum Nein ist.
Ignatius: Ich meine, Menschen brauchen diesen Mut zu einem Nein, damit ihre Identität und ihr Ja glaubhaft und authentisch sind. Die personale Identität und die Individualität wachsen in dem Maße, in dem ich beziehungsfähig werde und mich nicht ständig vor jemandem rechtfertigen oder schützen muss. Auf der anderen Seite muss niemand Gott verteidigen. Menschen, die sich berufen fühlen, Gott verteidigen zu wollen, ereifern sich leicht und stehen in der Gefahr, einem Götzen zu dienen.
Frankl: Der Glaube darf nicht fanatisch werden. Starrer Glaube macht fanatisch und fester Glaube tolerant. Die Gefahr der traditionellen Konfessionen liegt im Festhalten an alten Formen, während die Gefahr der spirituellen Beliebigkeit im Vagen und in der Unverbindlichkeit liegt. Blut ohne Adern verblutet und Adern ohne Blut verkalken. Was nottut ist, dass die einzelnen Konfessionen verschiedene Wege sehen lernen zu dem einen Ziel – zum „einen Gott“. Das Ziel ist immer das Wesentliche, und je mehr es uns um das Wesentliche geht, umso weniger werden wir uns über die Verschiedenheit der Wege aufregen müssen. Schließlich ist der religiöse Mensch derjenige, der nicht zu hochmütig ist, um dieses „Etwas“ als „Gott“ zu bezeichnen. Jenes Wort, das Menschen seit Jahrtausenden verwenden, wenn sie von dem reden, der oder die oder das größer ist.
6Tiziano Terzani, Spiel mit dem Schicksal. Tagebücher eines außergewöhnlichen Lebens, München 2014, 523.
7Václav Havel, Briefe an Olga. Betrachtungen aus dem Gefängnis, Reinbek bei Hamburg 1989, 98.
Die Welt, in der wir leben
Ich weiß nicht, ob es Ihnen ähnlich ergeht: Sehnen Sie sich auch nach Zuversicht und ein wenig mehr Fröhlichkeit? Die Stimmung in unserer Gesellschaft ist nicht gerade von Zuversicht getragen. Manche blicken besorgt in die Zukunft und scheinen Schlechtes zu erwarten. Gründe gibt es dafür reichlich und einige Sorgen sind berechtigt.
Gedanken haben Kraft und Einfluss auf unser Leben, und wenn die Sorgen zu groß werden, fehlen Vertrauen und Hoffnung und die Angst beginnt zu regieren. Während Unsicherheit den Zweifel nährt, füttert die Angst den Verdacht. Die Angst ist meistens eine Souffleuse mit falschem Text. Angst vernebelt nicht nur den Blick, sondern lähmt unsere Tatkraft, weil sie uns zuflüstert: Du bist nicht gut genug. Wer sich selbst nicht als wertvoll wahrnehmen und erkennen kann, verliert nicht nur das Interesse, sondern auch die Kraft, etwas Neues zu beginnen. Überdies ist der Blick auf das Ergebnis gerichtet und man möchte sicher sein, dass es auch eintrifft. Ob Geplantes oder Gewünschtes gelingt oder nicht, können wir niemals im Voraus sagen. Daher bleibt uns wohl nichts anderes übrig als zu lernen, dem Leben selbst zu vertrauen.
Dazu gehört, dass ich mir vertraue und der leisen Stimme in mir, die sich von Zeit zu Zeit meldet. Mich selbst finden bedeutet, mir meiner Interessen, Fähigkeiten und Talente bewusst zu werden und sie nach Möglichkeit auch zu beleben. Mich in meinem Leben zu finden schließt auch meine Mitmenschen ein – und ist letztlich eine besondere Form der Lebenskunst. Diese Kunst weiß um die unglaubliche Vielfalt der Lebensmöglichkeiten, doch sie ist auch realistisch und hat erkannt, dass nicht alles gelebt werden kann. Lebenskunst hat viel damit zu tun, dass ich einige jener Lebensmöglichkeiten verwirkliche, die ich bejahen kann, und die anderen, die ich nicht frei gewählt habe, gestalte. Die Einsicht, dass unsere Freiheit begrenzt ist durch Raum und Zeit, ist hilfreich, entlastend und manchmal dringend notwendig.
So wie ein Baum im Wald unter vielen Artgenossen wächst und gedeiht, leben wir mitten unter Menschen und jeder davon ist einzigartig. Diese Einzigartigkeit zeugt von der Kreativität des Lebens und hat uns mit einer großen Vielfalt an Entdeckungen beschenkt. In manchen Lebenslagen ist die Einmaligkeit der anderen anstrengend und fordert uns heraus – manchmal bis an unsere Grenzen. Dann wäre es gut, einen Ort zu haben, an dem man auftanken kann. Dieser Ort können auch unsere Gedanken und unsere geistigen Fähigkeiten sein, sofern wir sie gepflegt haben.
„Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum.“ Dieser Gedanke von Hilde Domin ist ein schönes Bild für Vertrauen. Ein Baum gräbt seine Wurzeln ins Erdreich, das ihn nährt. Unsere Wurzeln, welche im Leben selbst geerdet sind, verlangen nach geistiger Nahrung und dadurch wächst unser Vertrauen. Unsere Seele verlangt nach geistigen Lebensmitteln und diese sollen erfreuen, ermutigen, beleben und dem Geheimnisvollen und Phantastischen Raum zur Entfaltung schenken. Die ignatianische Spiritualität bedeutet, dass das innere Berührtsein die Seele mehr sättigt als das logische und beweisbare Verstandeswissen.
Für unser körperliches Wohlbefinden gibt es eine Fülle an Wegweisern, welche Ernährung und Bewegungsmöglichkeiten im Blick haben. Sie ersparen uns jedoch nicht die eigene Wahrnehmung. Jeder Mensch kann nur selbst wahrnehmen und empfinden, ob die empfohlene Nahrung seinem Körper auch guttut. Wegweiser zeigen die Richtung an, aber gehen muss ich selbst und ich muss mir bewusst werden, ob meine Kraft für den eingeschlagenen Weg reicht.
Ganz ähnlich verhält es sich mit jener geistigen Nahrung, die dem Sinnvollen Lebendigkeit schenkt. Ein Wegweiser weist auf etwas hin, jedoch befiehlt er mir nicht, wohin ich zu gehen habe; das entscheide ich kraft meiner Freiheit und Verantwortung. Die Logotherapie und die Inhalte der ignatianischen Spiritualität sind sinnvolle Wegweiser, die dem Menschen Orientierung anbieten. Die Entscheidung, welchen Weg er gehen möchte, überlassen sie dem Menschen selbst. Bereichernde theoretische Grundlagen laden zum Nachdenken ein und sind Richtungspfeile, Stoppschilder und Spielregeln, die vor allem dem Wohl, der Würde und der Lebensfreude des Menschen dienen.
Mir geht es weniger um Handlungsanweisungen oder Strategien, die jemand genau zu befolgen hat, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Rezepte selten das halten, was sie versprechen. Ich gebe Anregungen weiter, die mir in meinem Leben Orientierung gaben, mich in schwierigen Zeiten ermutigt und mein Vertrauen ins Leben gestärkt haben.
Ratgeber können allerdings auch zu Irrlichtern werden und in Sackgassen führen. In Sackgassen geraten wir meistens dann, wenn wir ein bestimmtes Ziel unbedingt erreichen wollen und übersehen, dass es nicht damit getan ist, ein Rezept oder eine Norm zu befolgen.
Wahrzunehmen ist etwas völlig anderes als zu reflektieren. Es geht nicht ständig um ein seelisches Pulsfühlen, z. B. durch das Ziehen einer Engelskarte, die mir sagen soll, wie es mir geht. Wahrnehmen wäre einfach, wenn man sich Zeit nimmt und sich selbst fragt: Was fühle ich jetzt? Was denke ich jetzt? Wofür tue ich das, was ich gerade tue? Diese drei Fragen sind subjektiv, und die Antworten können unser Vertrauen ins Leben und in uns selbst stärken. Bei diesen Fragen geht es nicht darum, eine Vorschrift zu befolgen oder das zu denken und zu tun, was man soll. In vielen Bereichen unserer Gesellschaft haben wir die Sprache verloren, welche unser Empfinden beschreibt. Wir sollten viel mehr darüber reden und lernen zuzuhören, ohne sofort eine Lösung parat haben zu wollen. Vorerst geht es dabei um das Interesse an der Tiefendimension des Lebens.
Geschichte zur Inspiration
Meine Mutter hat mir für die Bewältigung meines Lebens eine stattliche Anzahl von „Wenn-dann-Strategien“ mit auf den Weg gegeben. Das war in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine durchaus gängige Erziehung. Im Falle meiner Mutter war die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten noch nicht sehr lange vorbei, und das Befolgen von Normen hat das Leben meiner Mutter geprägt. Das Wichtigste war: „Sei brav und mach uns keine Sorgen!“ Unter Bravsein habe ich verstanden, dass ich für die gute Stimmung in der Familie verantwortlich war, und „Keine Sorgen machen“ brachte ich mit guten Schulnoten in Verbindung. Beides nahm ich sehr ernst und dies hatte einerseits den Vorteil, dass ich sehr früh lernte, was Verzicht bedeutet und was arbeiten heißt. Der Nachteil dieser Erziehung lag im mangelnden Bewusstsein von Freiheit. Als Kind konnte ich meine Meinung nicht äußern, weil sie nicht der Weltanschauung meiner Mutter entsprochen hat. Diese innere Zwickmühle löste ich manchmal mit kreativen Lügen auf, um z. B. wenigstens hie und da ins Kino gehen zu können. Die Kinokarte bezahlte der Vater einer Schulfreundin, doch mein Bravsein ging so weit, dass ich während des Films gegangen bin, weil ich nicht riskieren wollte, zu spät nach Hause zu kommen. Mit 17 Jahren war ich Mitglied eines Jugendchores, der in der Kirche sang. Zweimal jährlich gab es Ausflugswochenenden, um neue Lieder zu lernen. Einmal fiel das Chorwochenende auf den 1. November. Die Teilnahme war an mein Versprechen gebunden, am Allerheiligentag um 14.00 Uhr pünktlich beim Familiengrab zu sein. Das Singwochenende hat damals auf einer Almhütte stattgefunden, und ich musste allein durch den Wald gehen und mit dem Zug nach Hause fahren. Ich hatte nicht den Mut, nicht am Friedhof zu erscheinen. Bei diesem übermäßigen Bravsein war ich zugleich traurig und wütend, dass ich nicht bei meinen Freunden sein konnte, und beim Lügen hatte ich ein schlechtes Gewissen. Meistens habe ich gefolgt, damit die Stimmung meiner Mutter nicht in eine tagelange Eiszeit ausartete.
Innere Spurensuche
•Was fühle ich jetzt?
•Was denke ich jetzt?
•Wofür tue ich das, was ich gerade tue?
Viktor E. Frankl und Ignatius von Loyola als Wegweiser
| Das Schicksal, das ein Mensch erleidet, hat also erstens den Sinn, gestaltet zu werden – wo möglich –, und zweitens, getragen zu werden – wenn nötig.8 |
| Es gibt Dinge, die unter eine unabänderliche Wahl fallen.9 |
Viktor E. Frankl unterscheidet zwischen soziologischem, biologischem und psychologischem Schicksal. Die Familie, in die ich hineingeboren wurde, betrifft mein soziologisches Schicksal. Da es Dinge gab, die nicht zu verändern waren, hatte ich in meiner Jugend nicht besonders viele Wahlmöglichkeiten. Vielleicht ist daraus die Sehnsucht entstanden, mich in meinem Leben zu finden. Freiheit mit der Verantwortung zu verbinden, wofür es sich zu leben lohnt, gehört für mich zu den höchsten Werten in meinem Leben.
8Frankl, Ärztliche Seelsorge, 151.
9Ignatius, Geistliche Übungen, 62.
Wie das Streben nach Harmonie Menschen in die Enge treibt
Auf und Ab, Gelingen und Misslingen gehört zu unserem Leben. Läuft alles wie von selbst, dann denken wir nicht an Missgeschicke. Doch ebenso wenig wie das Leben eine Aneinanderreihung von Gelungenem ist, erleben wir nicht in ununterbrochener Folge Niederlagen. Wer einen Berg besteigt und aus eigener Kraft den Gipfel erreicht, muss wieder zurück ins Tal, denn Bergspitzen sind keine Wohnorte. Ganz ähnlich ist es mit unserem Leben. Jeder Mensch kennt besondere Erlebnisse, die er nie mehr vergisst. Was wir unbedingt bedenken sollten, der größte Teil in unserem Leben wird von Alltäglichem bestimmt. Gipfelerlebnisse sind etwas Außergewöhnliches und es ist sinnvoll, diese Freuden als etwas Kurzlebiges zu sehen. Werte, welche unser Vertrauen ins Leben dauerhaft stärken, haben kein Ablaufdatum. Bestimmte Aktivitäten – wie z. B. bestimmte sportliche Betätigungen – sind nicht in jedem Alter zu bewältigen.
Gerade im Alltag ist es manchmal eine besondere Herausforderung, die Freude nicht zu verlieren. Unser Leben wird von den Entscheidungen geprägt, die wir selbst und die anderen treffen. Wie wir entscheiden, hängt von unserer Einstellung zu Werten ab. Werte werden im Laufe unseres Lebens zu Orientierungen und Leitbildern. Wir brauchen eine Art Landkarte für unser Inneres, damit wir uns in der Vielfalt der äußeren Ratgeber zurechtfinden und unsere eigenen Glaubenssätze befragen und kritisch betrachten können.
Am Beginn eines gemeinsamen Lebensweges, zu dem Frau und Mann ihr freiwilliges Ja sagen, denkt kaum einer an Schwierigkeiten. Die Freude über das Dasein des anderen überwiegt und spannend wird es, wenn der Alltag und die damit verbundene Mühe seine eigene Dynamik entwickelt. Gehen aus der Partnerschaft Kinder hervor, sind die meisten jungen Eltern sehr gefordert und Eigeninteressen müssen oftmals in den Hintergrund treten. Die meisten jungen Menschen sehen mehr die Möglichkeiten und weniger die Hindernisse, und das ist gut so. Es ist unmöglich, alle Auswirkungen unserer Entscheidungen zu bedenken. Wir leben in der Sphäre des Praktischen und nicht im Atelier der Theorie, in dem man auf ein weißes Blatt geniale Ideen schreiben kann.
Für ein gelingendes Leben brauchen wir beides: Theorie zur Orientierung und Mut zur Umsetzung. Wer mutig ein Risiko auf sich nimmt, scheitert hin und wieder. Deshalb haben wir Vertrauen nötig, Vertrauen in unser Gespür und in unsere Selbstwahrnehmung. Nur wenn wir uns selbst, unser Fühlen, Denken und Handeln ernst nehmen, können wir Zusammenhänge erkennen. Jeder Mensch sehnt sich auf seine ganz persönliche Weise nach Geborgenheit, nach Wärme, Verständnis und einem Angenommensein, das nicht auf Leistung beruht. Geborgenheit erleben wir im Empfinden von Zuneigung, Liebe, Vertrauen, Zuversicht und Mitgefühl. Wenn das Leben es gut mit uns gemeint hat, haben wir diese Fürsorge am Beginn unseres Daseins bekommen. Für das Geschenk unseres Lebens mussten wir nichts leisten. Ein Leistenmüssen aus Daseinsangst ist etwas völlig anderes als ein Leistenwollen aus Daseinsfreude. Bestimmt die Freude unsere Aktivität, engagieren wir uns, vergessen wir die Zeit und wir tauchen mit unserer ganzen Persönlichkeit in die Arbeit ein. Ist unsere Leistung mehr von einem Müssen geprägt, haben wir viel mehr das Ergebnis im Blick und hemmen dadurch unser Mögen.
In jenen Lebensbereichen, in denen ein bestimmtes Ziel das Kommando übernommen hat, ist es Zeit, genau hinzuschauen. Es gibt reale Ängste, die uns warnen und schützen, und es gibt ein Unbehagen, das wir nicht genau benennen können. Ein unangenehmes Gefühl taucht auf und, da man Konflikte vermeiden will, spüren wir erst im Nachhinein, dass wir auf die leise innere Warnung nicht geachtet haben. Wir können unseren Terminkalender planen nach dem, was uns wichtig ist, doch Erfahrungen lassen sich nicht planen. Manchmal wird die Umsetzung unserer Ideen von unterschiedlichsten Ereignissen behindert oder gar verhindert und wir entdecken erst im Nachhinein, dass wir uns zu viel zugemutet haben. Es gibt Formen der Rücksichtnahme, in denen das Bemühen um das Wohlergehen der Mitmenschen nur noch als Belastung empfunden wird und ein gründliches Nachdenken so wehtut, dass man es unterlässt.
Geschichte zur Inspiration
Ich war bereits verheiratet, hatte schon zwei Kinder und, um ungute Stimmungen zu vermeiden, versuchte ich meine Kinder, meinen Mann und meine Mutter zufriedenzustellen. Was natürlich etliche Male misslungen ist, und besonders bei Familienfesten erlebte ich mein Scheitern besonders schmerzlich. Geprägt durch meine Jugend war ich nach wie vor überzeugt, dass ich für die gute Stimmung in der Familie zuständig sei. Diese Sichtweise ist alles andere als realistisch und ziemlich anmaßend und überheblich. Erst als meine innere Überzeugung so groß wurde, dass es mehr geben müsse als das Befolgen dessen, was andere von mir verlangen, begab ich mich auf die Suche nach Wegweisern und auf eine innere Spurensuche.
Innere Spurensuche
•Gibt es eine Begegnung oder ein Ereignis, an dem ich entdecke, dass ich mich selbst nicht ernst genommen habe?
•Kann ich im Blick zurück erkennen, wann das Unbehagen aufgetaucht ist?
•In welchen Situationen warnt mich mein Körper?
Viktor E. Frankl und Ignatius von Loyola als Wegweiser
| Die Furcht bangt davor, was in der Zukunft verborgen ist; aber der Trost weiß darum, was in der Vergangenheit geborgen ist.10 |
| Wer in Trostlosigkeit ist, soll sich mühen, in Geduld auszuharren, und er möge bedenken, dass er bald wieder getröstet sein wird.11 |
Die Anregung von Viktor E. Frankl, in der Vergangenheit nach dem zu schauen, was ich bereits bewältigt habe, war Balsam für meine Seele und hat mich getröstet. Ich richtete meinen Blick auf das Gelungene und dadurch begriff ich endlich, dass ein harmonisches Miteinander nicht allein von mir abhängt. Ich kann meinen Teil zu einem guten familiären Miteinander beitragen, indem ich die Sichtweise der anderen respektiere und allmählich lerne, meine eigene mitzuteilen.
Der Gedanke von Ignatius von Loyola, in Geduld auszuharren, machte mir deutlich, dass nicht nur das Tätigsein Zufriedenheit schenkt. Ich entdeckte, wie wesentlich die Kunst der Passivität ist: Zeit nehmen und warten können, bewusst meine Grenzen akzeptieren und respektieren, um allmählich zu entdecken, wie vertrauensvolle Gelassenheit in mir zu wirken beginnt. Ganz so einfach war die Umsetzung des Gedankens nicht. Mir half dabei das Gebet und besonders Psalm 147: „Der Herr verschafft deinen Grenzen Frieden.“
10Viktor E. Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, Frankfurt 2002, 247.
11Ignatius, Geistliche Übungen, 106.
Leben heißt zeigen, was du liebst
Das Beglückende, das uns durch den Tag und das Leben trägt, sind Begegnungen mit dem Lebendigen. Das Lebendige sind Menschen, Tiere, Pflanzen, die gesamte Fülle der Natur, Sport, Musik, Literatur, die Vielfalt der Kunst und vieles mehr. Dies sind Werte, die uns am Herzen liegen und uns begeistern können. Begeisterung erleben wir, indem uns etwas berührt. Innere Ergriffenheit ist etwas völlig anderes als das Befolgen von Regeln oder Normen. Indem uns ein Mensch begeistert, ein Lied unter die Haut geht oder ein Gedicht zur Kraftquelle wird, erhält unsere Liebesfähigkeit nicht nur viele Anregungen, sondern auch die Kraft zur Pflege dieser Werte. Die dankbare Freude über das Dasein eines anderen Menschen gehört zu den schönsten Erfahrungen. Wir sollten viel mehr kreative Möglichkeiten suchen, um andere spüren zu lassen, dass wir sie mögen. In der Hingabe an etwas Wertvolles erfahren wir eine innere Bereicherung und die Angst, zu kurz zu kommen, schwindet.
Wer das eigene Leben völlig in die Hände von Fachleuten gibt, verzichtet auf dieses Berührtsein und auf das, was aus dieser Berührung mit dem Lebendigen entstehen kann: Mut zur persönlichen Stellungnahme und die Kraft zur Tat. Jeder Mensch kommt ohne großartiges Wissen zur Welt, jedoch mit sehr viel körperlichem und seelischem Empfinden. Von Maria Montessori stammt der Satz: Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen. Wenn uns in unserer Heimatstadt jemand nach dem Weg fragt, geben wir Auskunft und dann geht der Fragende alleine weiter. Wer an seine eigene Erziehung denkt, erinnert sich an bestimmte Menschen, die ihm Auskunft gegeben haben, welche Wege zu gehen wären. Sie haben uns mit all dem inspiriert, was ihnen wichtig war. Einiges hat uns gefallen und anderes nicht. Irgendwann haben wir aufgehört zu fragen und sind unseren Weg alleine gegangen. Nach genauem Betrachten werden wir entdecken, wie viel wir von jenen Menschen in uns tragen, die unser Leben begleitet und bereichert haben.
Viele sehnen sich nach einem selbstbestimmten Leben und unterliegen dem Irrtum, dass Selbstbestimmung ausschließlich das ist, was aufgrund eigener Ideen und Ansichten entstanden ist. Jeder Mensch ist am Beginn seines Lebens auf die gute Sorge anderer angewiesen und im Grunde bleiben wir ein Leben lang abhängig. Unser Vertrauen, das wir anderen entgegenbringen, ist die Anerkennung der eigenen Abhängigkeit. Niemand von uns würde für die Familie oder Freunde kochen, wenn er nicht wüsste, dass miteinander essen viel schöner ist als alleine am Tisch zu sitzen. Es käme wohl niemand auf die Idee, Blumen zu verschenken, wenn er sich nicht sicher wäre, dass sich die oder der andere darüber freuen würde. Es liegt an uns, unsere Liebesfähigkeit zu pflegen und damit die Freude, die im Schenken spürbar wird. Die Liebe zum Leben stärken wir, indem wir uns Zeit nehmen, darüber nachzudenken, wofür wir leben möchten und wofür nicht. Für ein gelingendes Miteinander brauchen wir Spielregeln, doch je akribischer wir bestimmte Regeln, Strategien oder Rezepte zu befolgen versuchen, umso mehr schwindet unsere Intuition für das, was wir lieben.
Darmowy fragment się skończył.