Czytaj książkę: «Der tadellose Herr Taft»

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© Brigitta Leber Poisonpix

Husch Josten

geboren 1969 in Köln, studierte Geschichte und Staatsrecht und arbeitete als Journalistin. Heute lebt sie als Schriftstellerin in Köln. Ihr Debütroman »In Sachen Joseph« (2010) wurde für den aspekte-Literaturpreis nominiert. 2012 legte sie den vielgelobten zweiten Roman »Das Glück von Frau Pfeiffer« vor; 2013 erschienen die Kurzgeschichten »Fragen Sie nach Fritz«.

Zum Buch

Dass ich Soldatin bin, finden die Menschen bestenfalls exotisch, oft merkwürdig und für einige wenige bin ich gestört, martialisch, eine Kampflesbe oder ein Neonazi. Ich bin daran gewöhnt und kann damit umgehen. Bei dir, Taft, ist es jedoch anders. Ich bin mir sicher, dass du eigentlich nicht so tickst. Hinter all deinen Fragen verbirgt sich eine einzige, über die du bislang nicht und dafür heute die ganze Nacht nachgedacht hast, aber für deren Beantwortung du viel zu betrunken bist: Wofür würdest du kämpfen?

»Diesen Namen muss man sich merken: Husch Josten formuliert klar, mit Temperament und warmer Intelligenz.«

FELICITAS VON LOVENBERG, FAZ

»Wenn die Kölnerin Husch Josten von den Spielarten der Liebe erzählt, dann durchmisst sie nicht nur Hoffnungen und Enttäuschungen, sondern die ganze Welt.«

WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG

Daniel Taft verliert die Orientierung. Sang- und klanglos von seiner gerade erst geheirateten Frau verlassen, gibt der Dreißig-jährige die solide Karriere und das schöne Leben in Paris auf, zieht in Veronikas deutsche Heimatstadt, hofft und wartet dort auf ihre Rückkehr.

Was zunächst ein Akt der Verzweiflung ist, erweist sich als Beginn einer Karriere mit ungeahnten Möglichkeiten. Neue Bekanntschaften und insbesondere eine resolute junge Soldatin stellen ihn auf die Probe. Themen, die ihm fern liegen, verlangen bald schon Tafts ganze Aufmerksamkeit, und er begreift: Das eigene, kleine Leben ist Teil eines größeren, das private ein Teil des politischen Lebens.

Husch Josten erzählt in ihrem Roman die kuriose Lebens- und Liebesgeschichte eines Mannes, der nichts will und alles erreicht. Dabei zieht sie ihre Leser nicht nur in das spannende Beziehungsgeflecht ihrer Figuren, sondern auch mitten hinein in die Verwicklungen politischer Zeitläufte. So stellt sich am Ende die Frage: Wie tadellos kann ein Leben im 21. Jahrhundert sein?


Husch Josten

Der tadellose Herr Taft

Roman


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Alle Rechte vorbehalten

© by Berlin University Press in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2014

Der Text basiert auf der Ausgabe Berlin University Press, Berlin & Köln 2014

Lektorat: Christian Döring

Covergestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH

Hamburg Berlin

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-86280-075-9

www.verlagshaus-roemerweg.de/Berlin_University_Press/

Inhalt

1. Wie Taft zur Theorie kam

2. Selbstmitleid

3. Alles Demokraten

4. Als die Hauptpost noch eine war

5. Nachts. Katzen. Grau.

6. Ameisen mit Himmelsaugen

7. Monogamie

8. Schwamm drüber

9. Mit Messer und Gabel

10. Sylvester Stallone

11. Einschaltquoten

12. Schwerter. Zweischneidig.

13. London

Danksagungen

Literatur

Für Lotte, die eine Liebesgeschichte wollte.

Wer niemals Zweifel, niemals Befremden,

niemals (sit venia verbo) ein wenig Grauen

erregt, wer einfach immer nur geliebt wird, ist

ein Trottel, eine Lichtgestalt, eine ironische Figur.

Ich habe keinen Ehrgeiz in dieser Richtung. ---

(Thomas Mann, Mai 1904, an Katia Pringsheim)

1. Wie Taft zur Theorie kam

Er hatte seine Orientierung verloren. Das war kein räumliches Problem. Daniel Tafts Sinne waren gestört. Er, der immer seinen Weg gekannt und grundsätzlich die Richtung gewusst hatte, taumelte durch die Tage. Zuerst wurde ihm die Zeit gleichgültig, kurz darauf fanden seine Gedanken keinen Halt mehr, weder Ruhe noch Richtung. Taft bemühte sich, aber es gab kein Sujet, das sein Gehirn in Schach halten konnte. Dabei lagen die Themen auf der Straße. Mehr als genug. Nur fassbar waren sie nicht mehr. Unfassbar stattdessen ohne Veronika, seine Frau. Nichts wusste er mehr einzuordnen seit jenem 16. Juli, an dem sie verschwunden war. Keine Kategorien mehr für all die Angelegenheiten. Alles gleich interessant und uninteressant. Alles wichtig, alles unwichtig. Daniel Taft hatte die Urteilskraft verloren. Er war seinen Empfindungen ausgeliefert.

Aus diesem Grund eröffnete er ein Geschäft. In Veronikas Heimatstadt, vom Zentrum nicht weit entfernt. Alte Straße. Ein zwanzig Quadratmeter kleiner, für eine geringe Summe zu mietender Raum im Erdgeschoss eines denkmalgeschützten Hauses. Renovierungsbedürftig. Ohne funktionierende Heizung. Der Laden roch nach Leder, Wachs und Fetten; vorher hatte dort ein Schuster Schuhe besohlt, genäht, repariert. Das Schaufenster ausladend und in schwarzem Holz gefasst, der Dielenboden braunschwarz und knarzend. Von der Decke und an den rauchblauen Wänden hingen nun grüne Karten an zarten, tannenfarbenen Bindfäden. Ideenkarten nannte Taft die mit schwarzem Filzstift beschrifteten Kartons. Sie waren das Einzige, was er feilbot. Drei fünfzig das Stück. Karten, auf denen in seiner rechtsgeneigten, gut lesbaren Handschrift immer nur ein Wort zu lesen war. ‚Zerinnerung‘ etwa. ‚Raumfährtensucher‘, beispielsweise. Oder schlicht ‚Mut‘. Die meisten Anwohner und vor allem er selbst hatten angenommen, der Laden mit Namen Theorie würde nicht lange bestehen, sei Spinnerei. Ein Luftschloss, das sich keinesfalls tragen könne, geschweige denn Gewinn abwerfen würde. Themen – nichts anderes bot er mit seinen Karten. Überschriften und Ideen. Bereits zur Eröffnung Ende Januar hatte Taft den Plan, Theorie mit seinen Ersparnissen und den Einkünften aus der Vermietung seiner Pariser Wohnung ein paar Wochen am Leben zu erhalten und dann, je nachdem, in eine lukrativere Kaffeebar oder einen Kiosk umzuwandeln. Doch Zeitungen im ganzen Land berichteten über seinen Laden, Fernsehleute filmten, wovon sie tagtäglich umgeben waren: Themen, die in der gewaltigen Masse anderer Themen untergingen. Die Wirkung ihrer Berichte hallte nach. Als sich der Wirbel um die Eröffnung in der Alten Straße gelegt hatte, kamen die Kunden immer noch. An guten Tagen in diesem warmen und trockenen Frühjahr verkaufte Daniel Taft über fünfhundert Karten. An ruhigen zwischen achtzig und hundert. Man setzte sein Geschäft auf die Route der Touristenbusse, die von der Kathedrale aus die Straßen der Alt- und Neustadt durchfuhren. Mindestens zwei Busladungen pro Tag. Die Passagiere stierten aus getönten Fenstern, machten die Ruinen römischer Vergangenheit und verborgene architektonische Schönheiten zwischen den Nachkriegsbauten aus, bis sie bei Taft landeten und ihre städtebauliche Ernüchterung mit Kauflust niederrangen. Eine Journalistin, die auf diesem Wege zu ihm gestoßen war, schrieb euphorisch in einem schicken Reisejournal, Theorie sei nicht weniger als die Endstation Sehnsucht einer Rundfahrt durch die etwas ergraute Baukunst der 1950er- und 1960er-Jahre. So zählten bald auch die anderen, die sogenannten Individualreisenden, zu seinen Abnehmern und kauften Themen. Meist eins, höchstens fünf, wobei Nummer zwei bis fünf als Geschenk verpackt werden sollten.

Die Anwohner kamen sowieso regelmäßig. Und kaum einer von ihnen stand Theorie gleichgültig gegenüber. Sie waren neugierig wie der Mittvierziger aus dem dritten Stock gegenüber, der etliche Male pro Tag von seinem Schreibtisch am Fenster in Tafts Laden schaute, um dann, auf dem Weg zum Bäcker oder zur Post, bei Theorie einzukehren und sich mit spitzer Stimme nach dem Gang der Geschäfte zu erkundigen oder eine Karte, zuletzt war es ‚Nachgeschichte‘, zu kommentieren. Andere waren argwöhnisch. Susa zum Beispiel, die Trödelladenbesitzerin drei Häuser weiter, die unschlüssig blieb, ob Taft genial oder irre war, ob er ihr Laufkundschaft abspenstig machte oder zuführte. Und viele kamen einfach aus Langeweile. Anton Friedenreich mit der sehr hohen Stirn beispielsweise, Rentner aus dem Nachbarhaus, der in seinen ausgeleierten Jeans täglich schon bei Tafts Vormieter gesessen und mit ihm Zigarre geraucht hatte. Er hatte runde, braune Augen und schlohweißes Haar, das bis zum Kinn reichte, ein weißes Bärtchen direkt unter der Unterlippe und einen weißgrauen Schnauzbart. Auf seiner daumendicken Nasenspitze die schwarze Metallbrille, durch die er allerdings selten blickte, er sah über sie hinweg. Nun nahm er sich Tag für Tag den hellblauen Klappstuhl, den der Schuster im Vorraum zur Toilette aufbewahrt hatte, setzte sich vor Tafts Schaufenster, bekam einen Kaffee, zündete sich eine Montecristo Double Edmundo an und begann die Unterhaltung stets gleich: Wissen Sie, Herr Taft, es ist schon komisch … Und dann folgte, was ihm morgens beim Zähneputzen oder abends im Fernsehen komisch erschienen war: die glitzernden Punkte in seinem Rasierschaum, die Sekundenanzeige bei den Werbeeinblendungen, die Temperaturunterschiede zwischen Alt- und Neustadt, irgendetwas, das ihm beim Blick über seine Brille aufgefallen war. Die hagere Julchen Kierbaum aus dem Fahrradladen an der Ecke kam auch oft. Sie absolvierte in der Mittagspause ihr Fitnessprogramm, lief in rosafarbener oder blauer Sportbekleidung die Alte Straße auf und ab, um für eine kleine Pause keuchend bei Taft Halt zu machen. Sie war herzlich und redselig wie viele seiner neuen Nachbarn, was er liebenswert fand. Dass sie einen komplizierten Freund und schwerkranke Eltern hatte, wusste Taft bereits nach seiner zweiten Begegnung mit ihr. Überhaupt nahmen einige Anwohner die Gelegenheit wahr, bei der vorgeblichen Recherche nach ihrem Thema überflüssige Angelegenheiten bei Daniel Taft abzuladen. Das reichte von Müllproblemen über undefinierbare Ohrenschmerzen bis zum Ärger über den Telefonkundendienst. Von allerlei seelischem Ballast, den sie mit Tiefe verwechselten, über amüsante und schöne Begebnisse bis zu ernstlichen Verwirrungszuständen, an denen ohnehin nichts zu ändern war. Manche blieben auf einen Kaffee oder zwei und warfen großzügig in die graublecherne Kaffeekasse, ein Souvenir des Vormieters. Sie kamen und schauten und erwarteten, so wenigstens kam es Taft vor, Vorschläge, wenn nicht ein Stück Alltagserlösung, Tageserleuchtung. Dabei wäre ihm nie eingefallen, derart Anmaßendes anzubieten, auf ihre Fragen und Geschichten überhaupt nur einzugehen. Seine Besucher respektierten diese Haltung mit großer Gelassenheit. Taft hörte zu, und das reichte den Menschen. Sein Zuhören war den Nachbarn angenehm. Für ihn hingegen war es eine Beschäftigung. Eine winzige Ablenkung von der Katastrophe, zu der sein Leben ohne Veronika geworden war.

Daniel Taft war weder schön noch hässlich. Ein hinreichend attraktiver Brite, mittelgroß (eins dreiundachtzig) und mittelschwer (zweiundachtzig Kilo). Er hatte einen ovalen Kopf und tiefbraunes, glattes Haar, freundliche Züge, einen schlichten Mund. Beim Sprechen sah man manchmal seine untere Zahnreihe, wenn er energisch den Unterkiefer vorschob, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen; ein Kinn wie die alten Habsburger. Einnehmende Persönlichkeit, ohne dass er sich um diese Ausstrahlung auf andere bemühte. Man vertraute ihm. Sein Benehmen stets tadellos, ebenmäßig wie sein Gesichtsausdruck und seine braunen Augen, denen es auf seltsame Weise an Irritation, an einer zumindest winzigen Unregelmäßigkeit fehlte. Tafts Höflichkeit war nicht die tradierte seiner Landsleute, seine Zurückhaltung jedoch ethnologisch unverkennbar. In jeder Lebenslage Haltung zu bewahren war ihm in die britische Wiege gelegt worden. Sein Temperament demzufolge grundverschieden von Veronikas, die nicht unüberlegt, jedoch ungebremst gesprochen, entschieden, gelacht, geschimpft hatte. Jeden hätte sie heiraten können, das hatte er immer gewusst, und es hatte wahrlich genug Anwärter gegeben. Standesgemäße. Einserabsolventen aus gutem Hause, sportlich, schlank, schlau. Jene jungen Männer mit verschlagener Selbstsicherheit, die ihre an den Ellbogen zerschlissenen Kaschmirpullover wie Clubsignets trugen und früh gelernt hatten, sich in Maßen exzentrisch, ansonsten weltoffen und freiheitsliebend zu präsentieren. According the textbook. Veronika hatte nichts für sie übrig gehabt.

Sie, die kluge, angenehm uneitle Zahnärztin mit sanfter, sicherer Hand, wählte ihn, den britischen Hausmeister mit deutschen Wurzeln und französischem Wohnsitz. Hausmeister war er nicht im eigentlichen Verständnis des Wortes und sie mochte es nicht, wenn er sich so bezeichnete. Aber es war im weitesten Sinne das, was er getan hatte, bis Veronika verschwunden war: dafür Sorge tragen, dass in den Häusern, Villen und Schlössern der Klienten seines Arbeitgebers Sandhurst Real Estate alles in Ordnung war. Dass die leerstehenden Besitztümer in Kontinentaleuropa vernünftig instand gehalten wurden. Oder dass, was allerdings bei den wenigsten Immobilien dieser Kategorie der Fall war, die richtigen Mieter darin wohnten. Er hatte sich damit abgefunden, dass sein Verständnis von Wert und Besitz ein anderes als das der Auftraggeber war, die mit den zufällig geerbten oder lustlos, jedenfalls selten aus Leidenschaft erworbenen Immobilien nichts anzufangen wussten. Er hatte gelernt, die Verschwendung hinzunehmen, nicht mehr danach zu fragen, warum manche Leute aus Langeweile Häuser statt Bücher, Filme oder Computerspiele kauften. ‚Wertanlagerung‘. Eine seiner ersten Ideenkarten.

So habe ich Taft kennengelernt: als Verwalter meiner Immobilien. Damals hatten wir nie persönlich miteinander zu tun, wir haben uns in seiner Hausmeisterzeit nie gesehen. Was zu besprechen war, wurde mit meinen Mitarbeitern geregelt. Aber wie über alle Dienstleister, die im Privatbereich für mich tätig sind, fand ich irgendwann ein Dossier auch über ihn auf meinem Schreibtisch in London – von meiner Sekretärin und dem Anwalt sorgfältig zusammengestellt. Tafts einwandfreier Werdegang. Hervorragende Empfehlungsschreiben. Dazu kamen nach und nach seine schriftlichen Berichte und E-Mails zu meinem Haus auf dem Monte Argentario und zum Chalet meiner Mutter im Engadin. Es waren diese Mails, die mich auf ihn aufmerksam machten: Formvollendet. Sorgfältig. Und, was bei Immobilien nicht einfach ist, humorvoll. Gnädige Frau, was die Bäume im Engadiner Garten betrifft: Schon der Sils-Maria-Liebhaber Friedrich Nietzsche hat die Baumgrenze als Grenze zwischen Leben und Tod gedeutet – ähnlich sehen es die Nachbarn Ihrer verehrten Frau Mutter, allerdings weniger philosophisch … Verehrte Dame, sofern die Fassade des Chalets in Sils Maria nicht denselben Rostton annehmen soll, wie es die Denkmalpflege für Ihr Sommerhaus in Porto Ercole auf dem Monte Argentario vorsieht, muss sich unverzüglich ein Schreiner der Sache annehmen, und ich empfehle den ortsansässigen Franz Kiernberger, dessen Frau, was für Baubesprechungen von Vorteil ist, Inhaberin des Gasthofs Stern am See ist … Liebe Auftraggeberin, da wir heute über Abwasser aus Ihren Toiletten in Porto Ercole zu sprechen haben, ist die vertraulichere Ansprache meines Erachtens geboten, um dem spröden Thema ein wenig Persönlichkeit zu verleihen …

Als er bei Sandhurst aufhörte, hakte ich nach. Herr Taft? Oh, normalerweise darf ich keine Auskunft geben, aber da Sie so explizit nach ihm fragen … Er nimmt eine längere Auszeit. Er ist durch die Trennung von seiner Frau aus der Bahn geworfen worden. Sie hat ihn verlassen, von jetzt auf gleich, furchtbar, es ist jedenfalls eine Auszeit auf unbestimmte Zeit, plapperte die Mitarbeiterin bei Sandhurst unter dem Siegel der Verschwiegenheit, woraufhin ich Sandhurst kündigte und meiner Sekretärin auftrug, Taft ausfindig zu machen. Vielleicht war er dazu zu bewegen, sich selbstständig um meine Häuser zu kümmern. Ein paar Monate später legte mir Larissa die deutschen Zeitungsausschnitte über Theorie auf den Tisch.

--- LOVE FOR SALE: Haben Sie eine Karte, auf der ‚Liebe‘ steht? Eine hochgewachsene Frau mit schmalen Schultern und Hüften, weißer Bluse, langen Beinen in olivgrünen, tarngefleckten Hosen und schulterlangen, blonden Haaren, die wild um ihren Kopf lagen. Ihrer Frage wegen kam ihm sofort Jazz in den Kopf. Love for sale. Wer hatte den Song gespielt, gesungen? Also – am besten gespielt, gesungen? Es waren so viele. Ella Fitzgerald. Shirley Bassey. Oscar Peterson. Er hatte Veronika erst lehren müssen, Jazz zu hören. Bis dahin hatte ihr niemand Jazz nahegebracht, und Jazz kann man nicht einfach hören, hatte er Veronika erklärt an ihrem ersten Abend, man muss ihn hören lernen, sich einhören, sich damit vertraut machen. Also hatten sie sich eingehört. Unermüdlich. Leidenschaftlich. Brad Mehldau vor allem, aber auch Charlie Parker, Bill Frisell, John Coltrane. Veronika liebte Gregory Porter, von dessen Album Water sie nicht genug kriegen konnte. Als er im Olympia-Theater live auftrat, standen sie in der ersten Reihe. Illusion, melancholisch, traurig, ihr Lieblingslied, der Text für Taft nun in anderem Licht. I’ve been trying to find reality a grip on the illusion that I lost you when you left me.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, gleich kehrtzumachen und zu gehen, wenn Sie eine Karte verkaufen, auf der ‚Liebe‘ steht, fügte die Frau hinzu. Ihr Gesichtsausdruck lausbübisch. Damit war alles gesagt, befand Taft und antwortete nicht. Sie waren allein im Laden, gegen Mittag. Sie stellte ihre Tasche auf dem Boden ab – eine elegante, schwarze Ledertasche mit kurzem Henkel – und studierte Karte für Karte. Taft konzentrierte sich wieder auf den Intelligenztest auf seinem Computerbildschirm. Mathematische Gleichungen. Er hatte sich angewöhnt, in regelmäßigem Abstand seine Fähigkeiten mit einem solchen Test zu überprüfen. Seit Veronikas Verschwinden zweifelte er ab und zu an seiner Geistesverfassung. Eine Karte mit ‚Liebe‘ wäre enttäuschend, sprach die Kundin gedankenverloren in den Verkaufsraum hinein. Ihre Stimme heiter, gewiss, stattlich. Das müssen Sie einsehen. Dann wäre Ihr Laden nichts als ein Postkartengeschäft und man müsste sich fragen, wieso die Medien derart über Sie berichten.

Taft sah nur kurz auf.

Sie drehte sich zu ihm: Womit erklären Sie sich eigentlich Ihren außerordentlichen Erfolg? Sind Sie nicht selbst überrascht davon? So etwas kann man nicht planen. Sie hatten einfach Glück, oder? Eine originelle Idee zur richtigen Zeit, schon fressen Ihnen die Zeitungen aus der Hand. Komisches Land. Es ist alles so offensichtlich.

Sie setzte die Lektüre der Karten an der schmalen Wand links der Tür fort. ‚Harakiri‘. Er wusste, dass dieses Wort dort hing, irgendwo, erinnerte sich nicht mehr, wie er darauf gekommen war. Er konnte nicht rechnen oder Zahlenreihen fortsetzen, während sie las. Sie bearbeitete das Kartengelände wie ein Pflug das Feld. Saubere, schnurgerade Reihen. Ihr Gesicht fein gezeichnet, weiblich. Unordentliche, freche Frisur. Zarte Gestalt. Sie amüsierte sich beim Lesen hier und da, kicherte leise. Taft wusste genau: Es gab keine Karte mit ‚Liebe‘. No love for sale. Es gab ‚Anziehungsmacht‘ und ‚Kopulation‘, ehrlich und unfeierlich. Selbstverständlich war ihm ‚Liebe‘ in den Sinn gekommen. Daraufhin hatte er eine andere Karte geschrieben. Eine mit dem Wort ‚Bündnis‘. ---

Schon als junger Mann hatte sich Daniel Taft in Anbetracht des desaströsen Miteinanders seiner Eltern vorgenommen, eine vernünftige Ehe zu führen. Eine, in der einander zugehört und ernst genommen wurde, keine jener Beziehungen, in denen die Beteiligten zum Abziehbild der Vor- oder Unterstellungen des anderen wurden. Zum Abguss der Klischees, an denen man sich – schlimmstenfalls für den Rest des Lebens – abarbeitete. „Du kennst das ja“, fingen solche Unterhaltungen mit beliebigen Koalitionspartnern oft an. Am Ende dann ein „Männer eben“. Oder „Frauen halt“. Möglichst hoffnungslos intoniert. Taft hatte sich lange vor seiner Eheschließung, lange, bevor er seine Frau überhaupt kannte, geschworen, es so weit nie kommen zu lassen. Und es war auch nie so weit gekommen. Stattdessen war sie weg. Verschwunden. Das Warum unablässig in seinem Kopf, lauter, schriller als seine Selbstbeherrschung und alles Selbstvertrauen. Nachts fiel er von Hochhäusern und Klippen, abwärts, immer abwärts. Statt des Aufpralls das Aufwachen. Atemlos. Verschwitzt. Durstig. Er hatte sich der Illusion hingegeben, sie zu kennen, angenommen, dass er aufmerksam gewesen war, verinnerlicht hatte, was sie gesagt, gewünscht, beklagt hatte. Er hatte geglaubt, dass sie glücklich war. Keine Erklärung. Das trieb ihn um, machte alles andere nichtig und unmöglich. Nichts war erheblich. Das Warum schleifte sein Gehirn. Manchmal glaubte er, die Ursache gefunden zu haben. Dann war es, als passe plötzlich alles zusammen, das vorher keinen Sinn ergeben hatte. Als fügten sich ihre Sätze, Gesten, Handlungen zu einer unmissverständlichen Aussage, zu dem einen klaren Hinweis, den er nur früher hätte erkennen müssen. Doch eine schlaflose Nacht später war das Trugbild wieder entlarvt, passte nichts mehr zusammen, blieb alles unordentlich. Er wachte auf aus seinen Alpträumen, schenkte sich aus dem Hahn in der Küche ein Glas kaltes Wasser ein, setzte bedächtig und mühsam wie ein alter Mann einen Fuß vor den anderen, um zurück ins Bett zu gelangen, wo er sich an einem kleinen, tröstlichen Gedanken festhielt: Sie hatte ihn wegen einer anderen Frau verlassen.

Dies zumindest war, woran er sich klammern konnte – an diese Frau, die der Anlass gewesen war, diese Frau, die Veronika so wenig kannte wie er. Keiner von beiden hatte die Person – gelbblond und kurzhaarig, beleibt, puppengesichtig – jemals zuvor gesehen oder gesprochen. Trotzdem radierte sie einer Naturgewalt gleich aus, was nur ein paar Monate zuvor für haltbar und gut erklärt worden war. Zwischen Veronika und Daniel war alles so grundlegend in Ordnung, ja vielversprechend gewesen, dass sie damit einen Priester behelligt, Schwüre geleistet, Zeugen, Freunde und Verwandte zu einem größeren Fest gebeten hatten, das organisatorisch aufwendig und finanziell nicht unerheblich war. Sie hatten das Café Marly im Louvre gemietet, dessen geräumige, beheizte Terrasse den Blick auf die gläserne Pyramide im Innenhof des alten Königshofes freigab. Als Ehepaar überstrahlten sie ihren winterlichen Hochzeitstag. Sie tanzten und tranken, lauschten dankbar oder respektvoll mehr und weniger talentierten Rednern und nahmen die üblichen Geschenke entgegen: Blumenvasen, Silberschalen, Espressotassen. Sie bedankten sich bei Tanten und Onkeln und Kollegen und Freunden, zwinkerten sich dabei zu; sie gingen früher als alle anderen und fuhren in die Normandie, in Marcel Prousts Lieblingshotel Le Grand Hotel Cabourg, wo sie ihr Zimmer mit Meerblick drei Tage lang nicht verließen und sich so sehr liebten, dass Taft angenommen hatte, es wäre die Besiegelung der Ewigkeit.

Keiner ihrer Hochzeitsgäste, weder das Hotelpersonal in Cabourg noch der Bräutigam wäre auf die Idee gekommen, ein paar Monate später könnte alles vorbei sein. Natürlich war Taft klar: Die prägnante Stimme der Fremden konnte für Veronika nur der Anlass gewesen sein. Mit der Stimme allein, so bemerkenswert sie war, ließ sich ihr Verschwinden unmöglich begründen. Trotzdem war die Erinnerung an ihren Klang für ihn die Apokalypse. Aus heiterem Himmel – und heiter kam ihm sein Himmel zu diesem Zeitpunkt durchaus vor – zerbarst seine Ehe. Einer Nichtigkeit wegen, eines einzigen Wortes wegen.

‚Sturm‘.

Taft hatte die Dummheit begangen, in der Fluggastbrücke, diesem zwischen Flughafengebäude und Maschine schwebenden Schlauch, mit Veronika zu telefonieren. Eingepfercht in den grauen, von Schuhen und Kofferrollen verdreckten Ziehharmonikafinger zum Flugzeug, der ihm stets wie eine an ein Euter angesaugte Melkmaschine vorkam, teilte er Veronika seine verspätete Ankunft aus Berlin mit, während schlangestehende Passagiere Taschen, Brüste und Bäuche in die Rücken Mitreisender drückten. Die Menge konnte sein Telefonat mithören, es war allen egal. Ihm auch. Man wartete, dass sich der Stau löste, den die Handgepäckarrangierer im Mittelgang des Flugzeugs verursachten, man hing seinen Gedanken nach, tippte oder redete ins Telefon. Manche waren gekleidet, als wollten sie zum Strand statt nach Paris. Zwei Männer vor ihm trugen fransige Shorts und ärmellose Shirts, die wie Unterhemden aussahen, die zugehörigen dickeren Frauen sehr dünne und kurze Stoffe um die Hüften, die mehr preisgaben als bedeckten, was andere vermutlich versteckt hätten. Die Familie gleich hinter ihm, es waren fünf Personen, hatte ausnahmslos schlammbraune Wandersandalen mit Klettverschluss an den nackten Füßen, als ginge es in die Berge. Und Taft in seiner Jeans, seinem weißen Hemd und dem blauen Sommersakko überlegte beiläufig, während er Veronikas Nummer wählte, ob dies nur ihm unpassend erschien, ob er mit fortschreitendem Alter möglicherweise spießig wurde. Die Luft schweißschwer, subtropisch. Der klimatisierte Bauch der Maschine eine Verheißung. Dazu: Wasser auf Eis. Ein Weißwein vielleicht später.

Kein Wunder, dass ihr später startet, antwortete Veronika angenehm kühl ins Telefon. Es scheint ein gewaltiger Gewittersturm über Europa zu ziehen. Ich habe es eben in den Nachrichten gehört. Schwere Sommergewitter.

Wirklich, ein Sturm?, antwortete er arglos. Hier sieht alles bestens aus, aber das heißt ja nichts.

Die Frau vor ihm drehte sich derart schnell um und griff so zielsicher nach seinem Telefon, dass Daniel Taft nicht wusste, wie ihm geschah.

Sturm?, schrie sie in seinen Apparat zu Veronika. Eine starke Stimme, hell, sie tanzte durch den Tunnel wie eine Königskobra zur Flöte. Sturm? Sie sagen, es gibt Sturm?

Dann hörte sie einen Moment zu, in dem Veronika offenbar aus Reflex antwortete und Daniel zu perplex war, um etwas Vernünftiges gegen diesen Übergriff zu unternehmen. Sein Telefon lag am rechten, roten Ohr des fremden, sonnenhaarigen Kopfes mit aufgeregt rotgeäderten Augen, die an der Tunnelwand einen Fixpunkt suchten. Den Mund halb geöffnet, gewappnet für den Warnschrei vor Schlimmerem, wehte unbekannter, aufgewühlter Atem an seine Sprechmuschel und verursachte ihm Unbehagen. Dann drückte ihm die Fremde wortlos das Telefon zurück in die Hand, drehte sich um und floh. Er konnte sich nicht erinnern, ob der Apparat tatsächlich Schwitzspuren ihrer Hand getragen oder er solche nur befürchtet hatte. Ganz in Rot, aber immerhin anständig gekleidet, ihr Schopf wie eine knallgelbe Mütze, stolperte die Frau fluchend mit ihrem Handgepäck an den Wartenden vorbei zurück zum Flughafengebäude. Ein hüpfender Tennisball im Aus, hysterisch übers Netz in den Sand geschleudert. Nicht mit mir! Mit ihrem grauen Lederkoffer rempelte sie die anderen Passagiere an. Nicht mit mir, mein Lieber! Ein durchdringendes Organ. Glockenhell. Markant. Sie ließ offen, wer „mein Lieber“ war: der Sturm, der Flugkapitän, der Wettergott oder der Wetterdienst. Die anderen Reisenden vermieden sorgfältig, Notiz von ihr zu nehmen. Sogar die, die sie anstieß, wollten von Sturm nichts wissen. Allen war zu heiß für Komplikationen. Taft wischte mit dem Hemdsaum das Telefon sauber und legte es wieder an sein Ohr. Er wollte gerade anheben, seiner Verwunderung Ausdruck zu verleihen, sich zu entschuldigen, da hörte er Veronikas Stimme wie einen Luftzug, leise, beherrscht.

Versuch nicht, mir das zu erklären, Daniel. Und damit legte sie auf.

--- THEY ALL LAUGHED. Seine Kundin schob, gut lesbar, die Karte ‚Koulrophobie‘ vor ihn auf den Tresen. An diesem Tresen hatte der Vormieter Schuhe entgegengenommen und ausgehändigt. Immer noch gab es an der Wand dahinter die Stange mit dem Papier zum Abrollen und Abreißen, Papier, in das der Schuster die Schuhe eingewickelt hatte. Rotweiß kariert, gewachst, fest und glatt und auch ein wenig störrisch, schön und altmodisch. ‚Koulrophobie‘. Schon wieder Jazz in seinem Kopf. They all laughed. Chet Baker? Fred Astaire? Die Angst vor Clowns, sagte die Frau, ihr Blick aufgeweckt. ‚Koulrophobie‘. Wie kommen Sie nur auf diesen Begriff? – Ich lese viel. – Sie legte das Geld auf den Kassentisch: Sieh an, Sie antworten mir, das freut mich. Ich würde mich nämlich gern ein bisschen mit Ihnen unterhalten … Sie haben hier einen schönen und ebenso sonderbaren Laden eröffnet. – Taft nickte dankend, ließ das Geld unangetastet und steckte die Karte in eine weiße Papiertüte. Seine mit Theorie bedruckten Papiertüten trugen erheblich zum Geschäftserfolg bei. Nur in dieser Tüte waren die Karten echt. Alles so simpel. – Mein Name ist Olivia… Ihre Augen groß, schattenblau, frei heraus. Eine Karte mit ‚Liebe‘ habe ich nicht gefunden, sprach sie weiter, finden Sie nicht auch, dass das zu einfach gewesen wäre? Sie hielt einen Moment inne, lachte dann. Ja, natürlich finden Sie das, sonst würden Sie eine solche Karte anbieten. – Taft wusste nichts zu entgegnen. Er brauchte zu lange, um eine geeignete Antwort überhaupt zu denken. Ich werde jedenfalls gern wiederkommen, fuhr Olivia unbeirrt fort, ich werde wiederkommen und nachsehen, welche Begriffe Sie dann im Sortiment haben. Ich bin gespannt, mir sind beim Lesen einige eingefallen, die ich vermisst habe. – Taft reichte ihr die Tüte mit der Karte: Natürlich, gab er behäbig zur Antwort. – Jetzt haben Sie schon wieder gesprochen. – Und ich mache es noch einmal: Auf Wiedersehen, Olivia. – Auf Wiedersehen, Herr … Sie blieb an der Tür stehen. Wartete. Ihr Gesicht zeigte die Frage, ihre Herzlichkeit war staunenswert. – Daniel Taft, antwortete er also. Aber das wissen Sie doch längst. Aus den Zeitungsberichten, die Sie eben erwähnten. – Aber so ist es verdammt noch mal höflicher. Auf Wiedersehen, Taft. ---

In den anderthalb Stunden im Flugzeug bemühte sich Taft tatsächlich nicht, Veronika über das Bordtelefon zu erreichen, um etwas zu erklären. Er hielt das Ganze abwechselnd für einen Witz und ein Missverständnis, das nach seiner Ankunft in Paris, sofern überhaupt nötig, leicht genug aus der Welt zu räumen war. Sie würden sich, wie verabredet, am Pariser Flughafen Charles de Gaulle treffen. Von dort würden sie, weil Ticketpreis und Flugzeit günstig waren, bereits drei Stunden später ihren Nachtflug nach Amerika antreten und zwei Wochen durch Kalifornien reisen. Im Halbschlaf zwischen Sicherheitshinweisen und Getränkeservice sah er den Tennisball vor sich durch den Tunnel springen wie eine im Zeitraffer auf- und untergehende Sonne, die einprägsame Stimme – eine Mischung aus dramatischem Sopran und E-Gitarre – noch im Ohr. Nicht mit mir, mein Lieber, nicht mit mir! Dann dachte er Veronika dazu. Ja, sagte sie ins Telefon zu der Fremden, vielleicht stand sie in der Küche oder lag auf dem Sofa, die langen, tiefroten Haare über der Lehne, neben ihr der gepackte Koffer für die Ferien, es wird Sturm geben, wo genau, das kann man natürlich schlecht voraussagen bei derartigen Gewitterwelten über dem Kontinent. Aber Unwetter sind vorhergesagt. Eine schöne Phantasie: Worte der Beruhigung aus Veronikas Mund … Flugzeuge sind stabil, sehen Sie, mein Mann ist auch in der Maschine, ich würde ihn doch nicht einsteigen lassen, wenn ich es für gefährlich hielte oder die Wetterprognose wirklich besorgniserregend wäre, meinen Sie nicht? Taft saß mit einem Glas neuseeländischem Grauburgunder in klimatisierter Flugzeugluft. Der Gewittersturm mit seinen stummen Blitzen und stammelnden Luftlöchern, dieser gramgefüllte Himmel konnte ihm nichts anhaben. Der Tennisball … Dieser Auftritt im grauen Schlauch am Flugzeug – ein Witz! Wie sich die Frau ihren Gefühlen hingegeben hatte ohne Rücksicht auf ihn und sein Telefongespräch, ohne Beachtung von Mitreisenden und ohne Sorge, sich zum Gespött der hartgesotteneren Passagiere zu machen, die eine Schlechtwetterfront nicht fürchteten. Was für ein bedauernswertes, ausgeliefertes Geschöpf! Machtlos gegen innere Gewalten, unfähig jeder Selbstkontrolle.

Später jedoch, als er am Flughafen vergeblich auf Veronika gewartet und schließlich, statt nach Kalifornien zu fliegen, beunruhigt nach Hause in die Rue de la Tour im Sechzehnten Arrondissement gefahren war, sah sich Taft dem Gefühl zum ersten Mal in seinem Leben ebenso bedingungslos ausgeliefert. Die wilde Entschlossenheit der Frau am Flughafen, da war sie wieder, in anderem Gewand, und sie hüllte ihn kalt ein. Eine Entschlossenheit, die er bis dahin für eine literarische, jedenfalls nicht wirklich mögliche gehalten hatte. Die Kommoden und Bücherregale zu Hause leer. Veronikas Kleiderschrank ausgeräumt. Nichts mehr von ihr im Bad, auf dem Schreibtisch, in der Diele. Die grauen Wolken rasten von draußen in jede Leerstelle seiner Wohnung wie Feuer an einer Zündschnur, unter den Türen hindurch, durchs Küchenfenster, hüllten ihn in Rauch und Nebel, nahmen ihm die Luft. Dabei hörte er die bestürzende Stimme wieder, ihren unverschämt vertraulichen Ton, ihre aggressive Unbeherrschtheit, den lichten Aufschrei der Angst: Sturm? Taft stand da, vor Veronikas Kleiderschrank. Lange. Fahl. Mit flauem Magen und sehr kalten Händen. Und während er die Dinge zu begreifen suchte, kam es ihm vor, als bewegten sich die Kleiderbügel noch.

2. Selbstmitleid

Mann auf Sofa. Ermattet. Unrasiert. Der Anfang des Alleinseins prosaisch, musikalisch untermalt von Tom Waits’ Invitation to the Blues. Schmutziges Geschirr in der Spüle. Pizzakartons, möglichst schimmelnd, auf dem Fußboden. Leere Flaschen auf dem Tisch. Die Requisite eines resigniert blinkenden Anrufbeantworters, wenn Taft noch einen besessen hätte, aber kein Mensch besaß noch lexikongroße Anrufbeantworter mit Kassetten, die ihr Band verschlangen und, später wenigstens, zwei Tonspuren übereinanderlegten. Lexika hatte im Übrigen auch niemand mehr. Zwei Tage lang wollte er sich vormachen, es handele sich um Veronikas extreme Reaktion auf einen ersten Ehestreit. Doch er wusste es – eigentlich – von Anfang an besser. Sie hatten ja nicht mal gestritten. Ans Telefon ging sie nicht. Sie war nicht mehr erreichbar. Am dritten Tag brach Taft zusammen. Er konnte nicht sprechen, aß überhaupt nur etwas, weil ihm schlecht vor Hunger war. Er konnte sich kaum rühren, nichts denken, wollte nur Whisky trinken, bis seine Sinne verglühten. In diesen zwei Wochen, seinen Urlaubswochen immerhin, nichts als unerträglicher Schmerz. Zwei Tage und Nächte lag er auf ihrer Seite des Bettes und hielt ihr Kopfkissen, weinte es nass, schluchzte, bis sein Kopf, sein ganzer Körper tyrannisch schmerzte. Er setzte sich vor ihren Kleiderschrank und suchte nach einer Spur, einer Nachricht, nach irgendwas. Er starrte auf die Handtücher im Badezimmer, stundenlang, als würden sie ihm letztlich sagen, welches Veronika zuletzt benutzt hatte. Seine Welt maßlos. Kein Gefühl mehr für Raum und Zeit, kein Halt mehr, nur das wabernde Nichts ihrer Abwesenheit. Taft sah sich in diesen ersten Wochen selbst zu, und was er sah, war ein Mann aus dem Vorabendprogramm, für den jeder wohlmeinende Freund einer zu viel war auf dem weiten Feld des Selbstmitleids. Das half immerhin ein wenig: sich selbstmitleidig zu nennen, die Verzweiflung herabzusetzen statt die objektive Grausamkeit seiner Situation anzuerkennen. Dieses Gefühl, ausgebootet worden zu sein. Die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit wie selbstgebrannter Schnaps, der die Magenwände verätzt. Seine Sorge um Veronika gründlich. Die Schlaflosigkeit erschöpfend. Verzweiflung, Trotz und Zorn, kurzum: Kummer von einer Größenordnung, die das Denken eindimensioniert und schließlich lähmt. Selbstmitleid. Der Begriff suggerierte zumindest sein Dazutun, während er doch ohnmächtig war. ‚Hingebungstoll‘. Später, in Deutschland, notierte Taft das Wort. Und schmiss die Karte sogleich in den Mülleimer. Was er nicht erwartet hatte, war Veronikas Allgegenwart, seine Unfähigkeit, auch nur den kleinsten Raum für andere Themen in sich zu finden. Bisweilen versetzte er sich wider besseres Wissen, geradezu mutwillig in Panik: Niemand hatte Kenntnis über ihren Verbleib. Sie konnte in Not sein. Gefangen. Tot. Keiner hatte eine Idee, wo sie sich aufhielt. Auch ihre Eltern nicht, die Schirmers, die – als er sie nach zwei Wochen informierte, ja informieren musste – nur die Nerven behielten, weil Veronika gepackt und sogar unwichtige Dinge mitgenommen hatte. Der Polizist bestätigte schließlich ihre und Tafts Schlussfolgerung mit sachtem Blick: dass auch Fotos, Medikamente und Bücher fehlten, deute auf eine sorgfältig vorbereitete Flucht hin. Nichts spräche für eine Entführung oder sonstige Straftat. Auch ein Kidnapping mit Hilfe von Drogen sähe in aller Regel anders aus. Ob es Eheprobleme gegeben habe? Vielleicht könne ein Privatdetektiv die Sache aufklären?

Flucht.

Veronikas Eltern hatten Taft lange angesehen. Ihr Vater Walter, Chirurg. Ein stiller, gehetzter Charakter, oft kühl, wobei eine latente Erbarmungslosigkeit seinem Beruf sicher zuträglich war. Und ihre Mutter Agnes, Gartenarchitektin. Selbstvergessen. Eine unzugängliche Dame mit fest umrissenen Vorstellungen von allen Dingen ihres Lebens und übrigens dem gleichen roten Haar wie Veronika. Beide hatten nicht gefragt. Sie hatten Taft lange angesehen und, so wenigstens war es ihm vorgekommen, sämtliche Begegnungen mit ihm Revue passieren lassen, als liege darin die Antwort auf die Frage, wovor ihre Tochter geflohen war. Sie waren besorgt, nicht ängstlich, vor allem aber wirkten sie nicht schockiert, was Taft kränkte. Wie er zu einem Privatdetektiv stehe, fragte sein Schwiegervater knapp.

Darüber muss ich nachdenken.

Ich verstehe. Aber wenn es ihre Entscheidung war – wozu ein Detektiv?

Dem war nichts entgegenzusetzen. Überdies: Die Vorstellung, einen Detektiv zu beschäftigen, gehörte in eine irreale Welt, den Poirot-, Marlowe-, Rockford-Kosmos, das war Kino. Taft rief immerhin Veronikas Steuerberaterin an, wenngleich er im Voraus wusste, wie unsinnig es war. Natürlich würde seine Frau keine nennenswerten Steuerschulden angesammelt oder sich sonst eines Delikts schuldig gemacht haben, das einer Flucht würdig wäre. Aber der Begriff – Flucht – beunruhigte Taft zutiefst. Bedrohung. Verfolgung, Geheimnis, Schuld. Möglicherweise hatte Veronika Feinde, von denen er nichts ahnte. Und wenn sie imstande war, so plötzlich zu verschwinden – warum sollte sie nicht ebenso fähig gewesen sein, neben dem Leben mit ihm ein anderes zu führen, nicht nur die Frau zu sein, die er zu kennen geglaubt hatte, sondern eine Betrügerin, Spielerin, Süchtige mit Schulden bei den falschen Leuten? Eine Prostituierte, der es gefiel, wenn jemand ihr Geld zusteckte, bevor sie sich auszog und vor ihm auf die Knie ging – irgendwo in einem verkommenen oder auch gar nicht verkommenen Hotelzimmer. Möglicherweise fürchtete sie die Eifersucht eines Freiers, eines Perversen, der sich nicht mehr an die Spielregeln hielt. Vielleicht arbeitete sie auch für den Geheimdienst, irgendjemand musste das ja machen. Und die Zahnklinik nur bürgerliche Tarnung? Taft überlegte und recherchierte in alle Richtungen, in Zeitungen, im Internet: Hatte es einen Unfall mit Fahrerflucht gegeben, einen Überfall irgendwo? Unzählige waren schon in Situationen geraten, die sie unschuldig zur Flucht getrieben hatten. Er fand nichts. Und glaubte es auch nicht. Welche Möglichkeiten er auch durchdachte: Veronika hatte kein abgeschmacktes Zweitleben geführt. Sie hatte einen Grund gehabt, ihn zu verlassen. Einen sehr guten Grund, den er erfahren würde. Eines Tages.

Niemand hörte von ihr. Der mit Veronikas Fall betraute Beamte meldete, dass eine Ausreise aus Frankreich nicht bekannt sei, aber das hieße natürlich nichts: Wir leben in Europa. Ihre Frau kann sich, wenn sie will, in Luft auflösen. Solange sie keine Straftat begangen hat, die sie auf die Fahndungslisten von Europol setzt, ist es die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Sie könnte unbemerkt überall hingereist und von dort aus weitergeflogen sein. Sie könnte auch ein Privatflugzeug genommen haben. Es gibt zu viele Möglichkeiten, Monsieur Taft. Einfach zu viele Möglichkeiten. Denken Sie nach: Wirkte sie verändert? Hat sie jemanden kennengelernt, von neuen Bekannten gesprochen? Ist Ihnen etwas aufgefallen? Taft grübelte über diese Möglichkeiten und auch über die Würde der Flucht. Immer wieder ließ er das Telefonat Revue passieren, seinen Inhalt, den Klang ihrer Stimme, den plötzlichen Stimmungswandel, sofern es ihn gegeben hatte … Wieder und wieder kam er zum selben Ergebnis: Sie musste vorher gepackt haben. Während der kurzen Zeit seiner Reise von Berlin nach Paris konnte das derart gründlich kaum erledigt worden sein. Doch welcher Umstand war, abgesehen von denen, die er verworfen hatte, in diesen Tagen im demokratischen, meinungsfreien, rechtsstaatlichen Teil Europas eine Flucht wert? War Bleiben oder Flüchten tapferer? Und in Veronikas Fall: Ging es um Tapferkeit oder Mut? Was genau hätte Tapferkeit oder Mut im Zusammenleben mit ihm erfordert? Denn davon musste er ja wohl ausgehen: dass ihre Flucht wesentlich, wenn nicht allein mit ihm zu tun hatte. Von ihm war sie fortgegangen. Vor ihm war sie geflüchtet.

Er fragte jeden: Kollegen. Bekannte und Freunde. Ärzte. Zu verlieren hatte er nichts mehr. Ihre Freundin Julie, die derart überrascht war, Taft vor ihrer Wohnungstür zu sehen, dass kein Zweifel an ihrer Unwissenheit bestand. Veronikas Chef, Gabriel Montard, der die internationale Zahnklinik an der Rue Chernoviz leitete: ratlos. Ihre Hausärztin Nathalie Mercier. Monsieur César vom arabischen Supermarkt an der Straßenecke zur Rue Mignard: erschrocken. Madame Chappe von der Reinigung, die ihm ein Cocktailkleid in die Hand drückte und sechs Euro verlangte: gelassen. Sie reichte ihm Veronikas puderfarbenes Seidenkleid mit dem gerafften Ausschnitt in einer durchsichtigen Plastikfolie. Der Geruch des Stoffes darin neutral. Bereinigt. Taft konnte sich nicht erinnern, wann sie es zuletzt getragen hatte. Niemand, selbstredend auch nicht Madame Chappe oder Monsieur César, wäre auf die Idee gekommen, dass Veronika nicht mit ihrem Ehemann Ferien machte oder arbeitete und ihr Leben lebte wie immer. Die fragenden Gesichter seiner Gesprächspartner eine demütigende Angelegenheit. Taft entblößt, beäugt, bemitleidet. Was (pour l’amour de Dieu!) hatte er mit Veronika angestellt, dass sich diese liebenswerte, höfliche, selbstbewusste Frau zu diesem Schritt gezwungen sah? Erst nach und nach wurde ihm bewusst, dass es weitaus schlimmer hätte kommen können. Er verdankte es seiner Geschäftsreise, den Aussagen sämtlicher Nachbarn und Freunde sowie der Loyalität seiner Schwiegereltern, dass er nicht ins Zwielicht geriet und auf einer Polizeiwache Rede und Antwort stehen musste. Einem einzigen Anruf von Veronika bei ihrer Mutter verdankte er schließlich, dass er das Vertrauen seiner Schwiegereltern auch behielt: Es geht mir gut, versicherte Veronika. Ihr müsst das verstehen … Alles hat sich geändert. Daniel kann nichts dafür, wirklich nicht, Daniel kann nichts dafür. –

Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Daniel, fügte seine Schwiegermutter Agnes hinzu. Das hat sie gesagt. Mehr nicht. Ich konnte auch nichts fragen, sie hat das Gespräch sofort beendet, nachdem sie mir mitgeteilt hat, was sie mitteilen wollte. Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid.

Taft legte auf und schrie. Er schrie ins Sofakissen, dass es heiß und nass wurde von seinem Atem. Er schrie und schlug darauf ein, dass es sich lächerlich krümmte. Wie lange, wusste er später nicht mehr. Nur, dass er es letztlich aus dem Fenster warf und glaubte, danach nie wieder etwas tun zu können.

Erst Wochen nach diesem Anruf brachte Taft die Kraft auf, seine Situation zu verändern. Er beantragte ein freies Jahr bei Sandhurst Real Estate und ließ sich darauf ein, nicht wieder in derselben Position einsteigen zu können. Seine mangelhafte Konzentration ließ anderes auch nicht mehr zu: Der Schmerz machte ihn paranoid. Er fühlte sich beobachtet, bildete sich ein, Veronikas Anwesenheit zu spüren, dann stürzte er zum Fenster, aus der Tür, suchte nach ihr wie ein Getriebener, ein halluzinierender Geisteskranker, um festzustellen, dass er einer ahnungslosen Passantin hinterhergejagt war. In manchen Nächten löschte er alle Lichter in seinem Appartement, setzte sich ans Fenster und suchte mit einem Fernglas die gegenüberliegenden Wohnungen ab, als ob Veronika in einer davon wohnte. In seinem Zustand konnte er nicht mehr gewissenhaft arbeiten. Die Wohnung in Paris vermietete er möbliert an ein frisch vermähltes Paar und wünschte ihnen Glück; offenbar brauchte man weit mehr davon, als er ohnehin schon angenommen hatte. Und dann zog Taft an einem nasskalten, grauen Novembertag in Veronikas deutsche Heimatstadt. Eine einstige Römersiedlung am Rhein mit gewaltiger Kathedrale und von Schlaglöchern invaliden Straßen. Vom Krieg zerstört und ohne Ambitionen wieder errichtet, hier und da Zeugnisse alten Glanzes, oft lieblos zugebaut. Eine Stadt, der man auch in den prosperierenden Jahren des Landes architektonische Nackenschläge nicht erspart hatte und in der über die Jahrzehnte etliche bauliche Experimente gewagt wurden, sodass das Ensemble dem graubraunen Klumpen einer missglückten Töpferarbeit glich. Wenn Veronika zurückkehrte, dann würde sie zunächst an diesen eigensinnigen Ort zurückkehren, dessen war sich Daniel Taft sicher. Sie würde ihre Heimatstadt wählen, die sie, jeweils aus denselben Gründen, verabscheute und liebte. Und so mietete Taft die Wohnung und das Ladenlokal in der Alten Straße. Wartete. Machte von sich reden.

Theorie.

Er hatte es nicht für möglich gehalten, dass sich derart viele Menschen für das schlichte Geschäftskonzept interessieren würden, das ihm zufällig eingefallen war und das er ohne besondere Passion umgesetzt hatte. Beim Packen hatte er die Zettel wahrgenommen, die er seit Veronikas Auszug beschmiert hatte. Grüngraue Zettel von ihrem umweltfreundlichen Abreißblock neben dem Telefon. Überall in der Wohnung lagen sie herum: Gedächtnisstützen. Theorien. Zornige Kritzeleien. Und wenn man solche Zettel nun verkaufen würde? Den Gedanken teilen würde? Taft fühlte sich keineswegs berufen, Händler zu sein. Eine Mission hatte er schon gar nicht. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen läutete an manchen Tagen unablässig die Türglocke – vom Vormieter, dem Schuster, mit einem verbogenen Messingstab angeschraubt. Gleichgültig ließen Taft die Theorie-Besucher, die seinen Laden lobten und anerkennend über die Ideenkarten nickten. Ah, ‚Augenscheinwelt‘! Oh, ‚Skrupel‘! Oder: ‚Schwurkraft‘, wie interessant! Bedauern empfand er mit jenen, die gar nichts suchten, die sich glücklich erklärten und zu verstehen gaben, zu ihrer Erfüllung nichts zu benötigen – schon gar kein Thema. Zufrieden stimmten ihn die, die sich leise durch die Karten arbeiteten, irgendwann eine von Wand oder Decke pflückten und kopfüber auf den Tresen legten. Er sah nie nach, welche sie gewählt hatten, drehte die Karten nie um. Da alle Ideenkarten denselben Preis hatten, bestand auch keine Veranlassung zur Indiskretion. Taft musste nicht einmal befürchten, sich zu wiederholen. Er wusste, welche Begriffe er verbraucht hatte. Die Liste bewahrte er in der Schublade des Schustertresens auf. Neue Wörter fand er ohne Mühe in den Gedankenfetzen, die durch seinen Kopf flirrten, hier auftauchten, dort länger verweilten, ab und zu zurückschossen. Ihn trafen.

Das Gros der Theorie-Kunden sah sich gezwungen zu reden. Ein kurzer Blick – erwartungsvoll – auf Taft. In sein von Natur aus freundliches, aufgeschlossenes Gesicht. Sie beobachteten, wie er ihnen einen Kaffee zubereitete und die Tasse, mit Keks, Löffel und Zucker auf der Untertasse, für sie auf den Tresen schob. Dann plapperten die Menschen eilfertig, als müssten sie ihr Kommen rechtfertigen, darlegen, wonach sie suchten oder wer sie geschickt hatte. Sie sprachen mit Taft wie mit einem Freund, den sie nicht kannten, weil sie meinten, Theorie zu verstehen. Als verrate die Idee des Ladens alles über ihn. Als kennten sie ihn, weil er dieses Geschäft eröffnet hatte, einen Laden, der „die Individualität zum Maßstab erhob“ (er verabscheute die Formulierung, die ein Hochglanz-Magazin für Theorie gewählt hatte). Als läge ihm daran! Doch wenn jemand einen solchen Laden erfand, glaubten die Leute, dann verriet es ihn und seine Vorstellungen vom Leben, den Ursprung seiner Ideen. Es schien ihnen, als offenbare das Geschäft Tafts eigene Suche. Von der aber hatten seine Kunden und Besucher keine Ahnung. Daniel Taft suchte nicht nach seinem Thema. Schon lange nicht mehr. Er drehte sich nicht um seine Achse, rang auch nicht mehr um die verlorene Orientierung. Er hatte sich der Fahrigkeit seiner Gedanken ergeben und wollte darin nur eines finden: ihr Thema. Veronikas.

Noch in Paris, in den schlimmsten Tagen, hatte er sich vorgenommen, ihre Gesichtszüge und den Klang ihrer Stimme nicht zu vergessen. Er wollte auf keinen Fall, dass ihm seine Frau bei einem Wiedersehen fremder erscheinen würde als bei ihrer letzten Begegnung in der gemeinsamen Wohnung in Paris. Kurz vor seiner dreitägigen Reise nach Deutschland war das gewesen. Unter anderem hatte er in Potsdam nach der Sieben-Millionen-Villa eines amerikanischen Filmproduzenten am Griebnitzsee sehen müssen. Der Mann, dessen Eltern den Nationalsozialisten nur knapp entkommen waren, hatte das Anwesen Anfang der 2000er-Jahre aus Sentimentalität gekauft und aufwendig saniert, sehr zum Ärger der vorher dort einquartierten DDR-, dann bundesrepublikanischen Kindertagesstätte, deren kleine Kunden das prachtvolle Gebäude gründlich verwohnt hatten. Nur vier Mal war der neue Eigentümer seither dort gewesen, vermieten wollte er den Palast nicht. Sogar das hatte Taft erwogen: dass Veronikas Weggang mit dieser Reise zu tun hatte. Dass sie genug hatte von seinen Diensten für gedankenlose Reiche, von seiner Arbeit, die sie für wenig sinnstiftend hielt, wenn sie auch wusste, dass sie für Taft lediglich das Sprungbrett in die Führungsetage des Mutterkonzerns Sandhurst Trust darstellte. War sie anders gewesen an jenem Morgen? Hätte er an ihrem Verhalten erkennen können, dass sie den Hausstand in Kartons packen würde, sobald er im Taxi saß? Er sah sie vor sich in ihrem weißen Frottee-Bademantel, die mahagoniroten Haare nass über den Schultern, die Augen noch ohne Lidstrich, den sie jeden Morgen vor einem Vergrößerungsspiegel exakt zog, noch ohne schwarze Tusche, die sie mit hastigen Schwüngen auf die Wimpern auftrug. Alles nackt, unverfälscht, wohlriechend. Sex zum Abschied in der Diele, an die Wohnungstür gelehnt. Ihre Gänsehaut unter seinen Händen. Sein Mund auf ihrem Rücken, ihrem Nacken, ihre Arme fest gegen die Tür gestemmt. Alles unverbraucht, sorglos, aufregend.

Du wirst doch nicht etwa alt?, hatte sie ihn gefragt, als er sich wieder anzog.

Ich werde das Flugzeug verpassen.

Es gibt viele Flüge nach Berlin, Daniel, komm schon. Sie küsste ihn, knöpfte sein Hemd wieder auf, fuhr mit ihrem Zeigefinger von seinem Hals hinunter zu seinem Gürtel, öffnete die Schnalle und schob ihre Hand in seine Hose. Nur einmal? Sei nicht albern!

In den ersten Tagen nach der Rückkehr aus der deutschen Hauptstadt hatte sich Taft seine Frau so gut eingeprägt, wie man sich einen Menschen außer Sichtweite einprägen kann. Diesen Abschied an der Wohnungstür im dritten Stock der Rue de la Tour 123. Ihre Perlmutthaut mit den Sommersprossen. Ihr gleichmäßiges Atmen und ihren leicht herben Tonfall. Ihr rundes Gesicht mit dem grundskeptischen Ausdruck, ihre grüngrauen Augen mit dem betörenden Lidschlag, ihren Mund, Ober- und Unterlippe gleich voluminös, gleich weich, ihren Duft, Jasmin und Rose in der Herznote. Sich auf sie zu konzentrieren nahm ihn vollauf in Anspruch. Nur deswegen hatte er zunächst so wenig Ablenkung wie möglich gewollt. Höchstens den Laden in ihrer Heimatstadt. Sonst nichts. Jede Minute für Veronika. Jeder Atemzug für sie. Jedoch musste Taft bald schon feststellen, dass ihn die vielen Stunden veränderten, in denen er kein Wort an jemanden richtete. Seine mit weißen Sperrholzmöbeln wenig behaglich eingerichtete Behausung betäubte ihn zusätzlich. Zunehmend schwer von Begriff, starrte er Menschen an. Hörte, was sie sprachen. Verstand durchaus, was sie meinten. Doch er war nicht in der Lage, ihnen zu antworten oder überhaupt sein jeweiliges Gegenüber und dessen Worte in Zusammenhang zu bringen. Er verwarf Gesichter, vergaß sie, sobald sie aus seinem Blickfeld vor der Kasse verschwunden waren. Dies aber war nicht im Interesse seiner Sache: dass Veronika eines Tages zurückkam und in ihm einen anderen Mann, einen verblödeten Ignoranten vorfinden würde.

--- I WAS DOING ALL RIGHT. Anfang April, der Frühling meinte es gut, und immerhin: Taft hatte den Winter überstanden. Einen Monat nach ihrem ersten Besuch stand Olivia Schattseit wieder im Laden: Erinnern Sie sich an mich? – Er sah auf. Die blonden Haare kürzer als bei ihrem ersten Besuch, genauso zerzaust. Ihr Gesicht darunter so auffallend offen und zarthäutig, wie er es beim ersten Mal gefunden hatte, unvoreingenommenes Lächeln, tiefe Grübchen in den Wangen. Olivia Schattseit, nannte sie ihren Namen. Nur für den Fall, dass Sie es vergessen haben … – Er hatte es nicht vergessen. Sie erwartete keine Antwort, arbeitete sich sogleich durch seine Karten, ohne ihn weiter zu beachten. Diesmal nicht in Armeehosen, sondern in einem hübschen blaugrünen Kleid mit Taillengürtel. An ihrem linken Handgelenk eine schwere, stabile Herrenuhr, in ihrer Rechten eine hellbraune Ledertasche mit goldenem Verschluss, an ihren Füßen sandfarbene Turnschuhe. Sie registrierte jede neue Ideenkarte, er beobachtete ihr Lesen und Prüfen. Musik in seinem Kopf. Musik, die Olivia auflegte. I was doing all right. Warum dachte er einen Song, in dem es w-a-s doing all right hieß? Jim Hall. Dexter Gordon. Stan Getz. Olivia veränderte den Raum, als gebe sie ihm eine andere Farbe. Zwei Kartenwände seines Geschäfts hatte sie studiert, als sie sich zu ihm drehte: Theorie ist immer noch erfolgreich, stellte sie fest, das freut mich! Und es gibt viele neue, interessante Begriffe. Ich vermisse trotzdem ein paar wichtige. Zum Beispiel ‚Europa‘. Wie wäre es damit? Was halten Sie davon? – Taft zog eine Augenbraue hoch: Nicht viel, entgegnete er. Europa ist alles und nichts. Es klingt, verzeihen Sie, irgendwie naiv. – Ach, Taft, antwortete sie und zog ein Gesicht, dass er ihre Grübchen sehen konnte. Sie reagieren wie die meisten: leben mittendrin in Europa, haben aber keinen Bezug dazu. Finden Europa irgendwie gut, reisen umher, haben aber keine Lust, sich auch nur ein bisschen mit den historischen Gesetzmäßigkeiten und Notwendigkeiten zu beschäftigen … Olivia holte kaum Luft und arbeitete sich für ihn ab: Die Referenden in Frankreich und den Niederlanden damals, vor Jahren, waren eine Katastrophe. Die Planlosigkeit jetzt … Oder sagen wir: Die Fehlgewichtung der Themen jetzt könnte zur Bankrotterklärung werden. Ich finde, das ist eine wichtige Angelegenheit, zu der man die eine oder andere Idee gebrauchen könnte … Aber wenn ich Ihre Karten so ansehe … Jetzt atmete sie tief: Sie interessieren sich nicht für Politik, richtig? – Überhaupt nicht. – Dann wären Sie kein Mann für mich. – Ich hatte nicht vor zu kandidieren. – Und ich bin nicht auf der Suche. Olivias Blick belustigt. Nach einer kurzen Pause bekannte sie: Aber wie können Sie sich nicht für Politik interessieren, wenn Sie einen Laden haben, der Ideen verkauft? Das ist geradezu, na ja, fast unanständig! – Sie, Olivia, könnten jedenfalls nie in einem Staat leben, in dem es Probleme mit der Meinungsfreiheit gibt, das steht fest. Taft musste lachen. – Olivia Schattseit wurde ein bisschen rot: Ich werde nicht schlau aus Ihnen, Taft, das ist es. Das war bei meinem ersten Besuch nicht anders, darum rede ich so viel. Sehen Sie, mir erscheint es folgendermaßen: Sie machen einen Laden auf, der interessant ist, aber Sie selbst haben überhaupt kein Interesse daran. Sie begegnen den ganzen Tag Menschen mit unterschiedlichsten Leidenschaften und Begehren, aber Sie selbst bringen nicht einmal Leidenschaft für Ihr eigenes Projekt auf. Sie offerieren Themen, möchten aber über nichts und schon gar kein Thema sprechen. – Ach, Schattseit, imitierte er sie. Seufzte, wie sie zuvor ihn beseufzt hatte. Sie reagieren wie die meisten Leute: Fast alle meine Kunden wissen besser als ich, wer ich bin und was ich will, wissen ganz genau, warum ich diesen Laden eröffnet habe und was ich damit bezwecke. – Mein Vater möchte Sie kennenlernen, war ihre Antwort. – Das brachte Taft aus dem Takt, mehr, als er es ohnehin schon war. Das Gespräch mit ihr sein erster vernünftiger Dialog seit Monaten, wobei er gedanklich gleichermaßen anwesend und abwesend war, immerhin: Das war ein Fortschritt. Allerdings schweifte seine Vorstellung immer wieder ab zu ihrem Hintergrund. Wie sie wohnte, was sie machte, wo sie herkam. Olivia Schattseits Anwesenheit irritierte ihn, ohne dass er eine Erklärung dafür fand: Er war nicht interessiert, so wenig auf der Suche wie sie, zu angeschlagen für Ablenkung dieser Art. Aber Olivia machte ihn aufmerksam. Die Nachdrücklichkeit ihres Wesens war schwer zu deuten. – Mein Vater, fuhr sie fort, würde gern wissen, also von Ihnen persönlich hören, warum Sie diesen Laden eröffnet haben und was Sie damit bezwecken. – Außerordentlich freundlich, dieses Interesse. – Wie kommt es eigentlich, dass Sie heute derart gesprächig sind, Taft? Bei meinem letzten Besuch haben Sie kaum mit der Wimper gezuckt. – Ich habe mich davon erholt, gab er zurück, denn das war nichts als die Wahrheit. – Sie sind ein Brite mit einer deutschen Mutter, der in Frankreich studiert und gearbeitet hat, für ein internationales Unternehmen, für das Sie quer durch Europa gereist sind. Das stand zumindest in dem Artikel im Handelsmagazin, den ich über Sie gelesen habe. Es lag im Flugzeug aus. Bei einer solchen Biographie: Wie können Sie sich da nicht für Europa interessieren? – Ich habe nie gesagt, dass ich mich nicht für Europa interessiere, das waren Sie. Ich habe nur bejaht, dass ich mich nicht für Politik interessiere. Das ist ein Unterschied. – Das ist kein Unterschied, Unsinn! Sie können sich nicht für Europa interessieren und dabei desinteressiert sein an der Politik dieser ganzen wilden Horde von Ländern und Menschen und Ideen und Lebensentwürfen und Verfassungen, an dieser inhomogenen Truppe, die ein Verein sein will. – Will sie das denn tatsächlich?, fragte Taft. Erklären Menschen allen Ernstes: Ich will Europäer sein, Mitglied dieser – wie haben Sie es genannt – ganzen wilden, inhomogenen Horde? Ich nehme an, die meisten freuen sich, dass in weiten Teilen Frieden herrscht, dass sie problemlos reisen können, aber das war’s dann auch. Es will sich doch im Ernst keiner damit beschäftigen, ob der Präsident des Europäischen Parlaments vierzehn Stellvertreter braucht oder achtundzwanzig Volkskommissare über die Leuchtmittel in europäischen Lampenkörpern oder die medizinisch vernünftige Kaudauer von Kaugummis befinden. – So!, packte sie die Gelegenheit beim Schopf. Wieder ihr Lächeln: Sie interessieren sich also nicht für Politik? Erstaunlich! – Ziehen Sie keine falschen Schlüsse aus den Zahlen, Schattseit. Sie stehen in etlichen Zeitungsartikeln zum Bürokratiewahnsinn Europas. – Die Bürokratie ist beim Meckern über die EU das, was beim Meckern über die Kirche die Kondome sind: ein wunder Punkt, auf den sich alle stürzen, der aber mit der Sache selbst eigentlich wenig zu tun hat. Ich glaube im Übrigen nicht, dass die Leute tatsächlich so desinteressiert sind. – Taft musste lachen. Das mit den Kondomen gefällt mir, sagte er. Man stelle sich vor: das Kondom als Rettungsschirm … Jedenfalls halte ich das Volk nicht für desinteressiert oder zu dumm. Im Gegenteil glaube ich, dass das Volk, was Europa angeht, viel besser weiß, was möglich, was realisierbar, was wirklich wichtig ist als die Politiker. Und um bei Ihrem Bild zu bleiben: Am Ende sind es die Kondome, um die es geht, die Leuchtmittel und Kaugummis in Europa. Die Lebenswirklichkeit, mit der sich die Bürger besser auskennen als die Politiker – und ja, ich unterscheide zwischen beiden gerade bewusst. Also: Wieso genau möchte Ihr Vater mich kennenlernen? – Ich habe ihm von Ihrem Laden erzählt und er hält Sie für einen komischen Kauz. Er geht nicht viel unter Leute, er wird nicht gern gelangweilt. Möglicherweise verspricht er sich von Ihnen einen Moment der Unterhaltung … Taft sah Olivia eine Weile an. Sie blickte zurück, ihre Augen azurblau jetzt, bestechend, der Blick sympathisch, ruhig, konzentriert. Ich sag Ihnen was, Olivia: Sie schreiben ‚Europa‘ auf eine Karte. Ich wette, sie bleibt mindestens zwei Wochen hängen und kein Mensch interessiert sich dafür. Was sagen Sie? – Ich gehe davon aus, dass sie nach einer Woche verkauft ist, antwortete Olivia ohne Zögern. Um was wetten wir? – Um den Besuch bei Ihrem Vater. – Einverstanden! Dazu lächelte Olivia Schattseit überrascht und schön und fast ein wenig geheimnisvoll. Sie reichten sich die Hände, ihre war stärker, als er gedacht hatte. Taft gab ihr Stift und Karte. Sie schrieb. Elegante, geradlinige Majuskeln. Und damit war seine Ruhe dahin. Er wusste es. Stan Getz hatte recht. He was doing all right. ---

Taft hatte nicht erwartet, dass ihm die Welt derart schnell fremd würde, dass die Entscheidung, ihr fernzubleiben, nicht nur Distanz schuf, sondern gleichsam Unsicherheit in den Schrittfolgen des Alltags nach sich zog. Er funktionierte kaum mehr, hatte sich selbst verlernt. Doch einmal entschlossen, kein verblödeter Ignorant zu werden, begann er behutsam, sich wieder einzufädeln. Gegen Ostern. Mit kleinen Notwendigkeiten. Besuchen der Gaststätte am Ende der Alten Straße etwa, die Tütensuppe hieß und von hausgemachtem Erbsen- über Linsen- bis hin zu Kartoffeleintopf alles Dickflüssige servierte. Die Wirtin, Rosalinde, war alterslos, recht korpulent und trug Röcke und Kleider im Stil der 1970er-Jahre, was an ihr eigenartigerweise schick und zeitlos aussah. Sie war ein warmherziges, unbefangenes Geschöpf mit einer Nase für gute Weine, sodass sich Taft bald auf ihre Empfehlungen verließ. Im Tessin hatte sie einen weißen Merlot aufgetan, der ihm besonders gefiel, und nach seinem dritten Besuch stellte Rosalinde, wann immer er kam, zur Begrüßung ungefragt ein Glas davon auf seinen Tisch. In diesen Augenblicken fühlte er sich beinahe beheimatet in der Alten Straße. Es war nicht die Vertraulichkeit der Geste, dem wiederkehrenden Gast sein Getränk zu kredenzen, es war auch nicht der Anblick Rosalindes, die er insgeheim seine Teutonin nannte. Es war das Zusammenspiel des fruchtigen Weinaromas mit dem salzigen Eintopf und die Anschmiegsamkeit der Lärchenholztischplatte unter seinen Fingern, die allabendlich mit Schmierseifenlauge blankgescheuert wurde. All das eine wunderliche, einzigartige Kombination, ungekannt, tröstlich; ein Kontrapunkt in seinem Leben, der nichts mit den Restaurants zu tun hatte, die Veronika zu Hause in Paris oder auf ihren Reisen ausgewählt hatte.

Mitte April, auf Verkehrsinseln und Grünstreifen erste Maiglöckchen, Iris und Azaleen, wagte sich Taft dann auch in einige Museen. Er zwang sich, die Dinge nicht mit Veronikas Augen zu sehen, verfluchte sich, wenn er, was immer wieder vorkam, ihre Anwesenheit zu wittern, ihre Augen auf sich glaubte, wenn er dann reflexartig den Kopf herumwarf und nach ihr suchte. Erfolglos natürlich. Entwürdigend. Er ging am Fluss spazieren, der vielmehr ein Strom war, ein breiter, stattlicher Metropolenstrom von beeindruckender Schnelligkeit und Gefahr, eine braune Schneise durch die Stadthälften, die mit sieben Brücken zusammengenäht waren. Er durchwanderte Parkanlagen, die wie ein Gürtel um die Stadt lagen. Beachtlich. Weit. Er beobachtete Fahrradfahrer, Jogger, Hundebesitzer, die, eine Karikatur ihrer selbst, mit ihren Tieren sprachen, als erwarteten sie Antwort. Er saß auf Parkbänken, atmete ein und aus, schloss die Augen und hörte der Stadt zu – Autos, Straßenbahnen, Vogelgezwitscher, Stimmen, Wind und Schritte –, freute sich über den Duft von Grün und erstem Flieder und rechtfertigte seine Ausflüge wie zuvor die Restaurantbesuche damit, dass es um Veronikas willen wichtig war, bei Kräften und bei der Sache zu bleiben, dass er nicht ewig Konserven essen konnte, seinen Kopf trainieren, ab und zu an die frische Luft musste. Es ließ sich nicht vermeiden, bei diesen Unternehmungen mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Trotzdem hatte er den Eindruck, Verrat an Veronika zu begehen, wenn er anderen Dingen seine Zeit schenkte, etwa in einem Lokal von einer Speisekarte auswählte, mit einer Gastwirtin über Weine plauderte oder das Wetter schön fand, aufs Rad stieg und zum Museum fuhr.

Verrat.

Irgendwann war sich Taft nicht mehr im Klaren darüber, wer wen verraten hatte. Veronika ihn. Oder er sie mit jedem weiteren Tag, den er ungebeten in ihrer Heimat, in ihrem Revier, auf ihren Spuren verbrachte. Er wollte sich weder für das eine noch das andere entscheiden. Denn nur auf diese Weise konnte er der bleiben, der er in den zurückliegenden Wochen geworden war: ein dreißigjähriger, einsamer Mann, der seine Frau zur Flucht getrieben und seine Karriere verspielt hatte, der seine Frau vielleicht sogar – schrecklichster aller Gedanken – an einen anderen Mann verloren hatte. Und zwar an einen ganz anderen Typ Mann. Keinen Taft, keinen Hausmeister, keinen Atheisten und Nichtswisser, keinen fraglos Liebenden. Dabei hatte er sich nichts vorzuwerfen, soweit er es überblicken konnte. Er hatte nichts getan, das unredlich oder unverzeihlich oder unaufmerksam gewesen war. Nichts, das ihre Flucht begreiflich machte. Doch egal, was sie von ihm weggebracht hatte: Wenn sie zurückkam, würde sie keinen anderen als ihn wiederfinden. Daniel Taft. Ihn, wie er gewesen war, bevor sie ihn hatte sitzen lassen. Ihn. Keinen verblödeten Ignoranten. Also war er gezwungen, zu einem gewissen Grad von Normalität zurückzukehren. Er musste sich in Bezug zur Welt verhalten, um derselbe zu bleiben, sein Gehirn beschäftigen, seine Stimmbänder nutzen, eine Unterhaltung führen, seine Wohnung verlassen, seine Muskeln bewegen, um derselbe zu bleiben. Eintopf essen. Merlot trinken. Im Park sitzen.

3. Alles Demokraten

Der Besuch des Bürgermeisters im Theorie-Laden kam für Daniel Taft überraschend. Da er keine Lokalzeitung abonniert und auch keinen Fernsehapparat hatte, wusste er nicht, wer vor ihm stand. Er registrierte die Anstecknadel mit dem Stadtwappen, die der Mann in Herzhöhe an seinem dunkelblauen Sakko befestigt hatte, das sich über seinem Oberkörper ein wenig wölbte. Darunter ein blauweiß gestreiftes Hemd, auf Bauchhöhe die Initialen RH eingestickt, was Taft sogleich verdeutlichte, wes Geistes Kind er war. Auch bemerkte Taft den Chauffeur, der direkt vor seiner Ladentür im Halteverbot geparkt hatte, nun neben dem Auto stand und seinen Chef im Laden beobachtete. Dass der Besuch des Herrn Helle mit zurückgekämmtem grauschwarzem Haar, graublauen Kulleraugen und roter Lesebrille auf der Nasenspitze offizieller Natur war – auf diese Idee wäre Taft nicht gekommen. Herr Taft, begann Ralf Helle das Gespräch, was Sie hier machen, ich muss schon sagen: Das gefällt den Leuten! Sie füllen eine Lücke, so muss man es wohl nennen, ja, Sie füllen eine Lücke. – ‚Füllen‘ klang, als hätte Herr Helle zum Frühstück viel Alkohol gehabt. Ein üppiges Füllen mit viel Mittelklang. – Sehen Sie, fuhr er fort, man kommt in unserer Stadt um Theorie gar nicht mehr herum. Den Menschen gefällt es nicht nur, sie sind begeistert, sie sind ganz aus dem Häuschen, egal, wen man fragt. Genau so was hat gefehlt. So eine Idee muss man erst einmal haben. Wir, also meine Parteikollegen und ich, wir hatten sie jedenfalls nicht, aber Sie. Deshalb bin ich hier, Herr Taft: Sie wissen, was die Menschen brauchen, was sie suchen. Sie haben den Nerv getroffen und können die Lücke in den Herzen der Menschen füllen … – Taft versuchte, sich nicht auf die Intonation zu konzentrieren. – Wir im Rat, fuhr Helle fort, wir liefern nicht den passenden Inhalt. Sie verstehen, was ich meine. – Taft verstand nichts, schwieg aber, was Helle nicht zu irritieren schien. Der Mann hatte sich in Form geredet und sprach weiter, dabei legte er ab und zu seine Hand auf den Pin an seinem Jackett. Seine Finger waren gepflegt. Sie haben Talent, Herr Taft, das muss man Ihnen lassen, ganz außerordentliches, sicher wollen Sie hoch hinaus. Und wir dürfen doch davon ausgehen, dass Sie nicht der Zufall hierhergeführt hat: Sie haben diese Stadt ausgesucht, weil Sie hier etwas bewegen möchten. Ich will ganz direkt fragen: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, in die Politik zu gehen? – Worauf Taft fragte: Wer sind Sie?

Die übliche Laufbahn in der Politik sei ein mühevoller Weg durch verschiedene Ämter und Instanzen, hörte Taft sodann von Helle, einem der vier Stellvertreter des Oberbürgermeisters. Es beginne in der Kommunalpolitik, in einem Wahlkreis, in dem es gelte, sich beliebt zu machen. Darf ich fragen, wo Sie wohnen? – In der Nähe, gab Taft Auskunft. Er sah keine Veranlassung, Helle zu erklären, dass er die Wohnung über dem Laden bewohnte. – Wunderbar! Hier fehlt uns sowieso einer, in dem Gebiet! Jedenfalls: Haben Sie erst einmal einen Wahlkreis, müssen Sie sich theoretisch gegen mögliche Gegenkandidaten aus der eigenen Partei sowie natürlich gegen die andere Seite durchboxen. Herr Helle ballte die Fäuste, machte kleine Lufthiebe nach rechts und links und blinzelte Taft zu. Ihre Mühe wird dann mit einem Sitz im Stadtrat belohnt, und hier wiederum gilt es, sich geschmeidig nach allen Seiten und charismatisch und durchsetzungsfähig innerhalb der eigenen Fraktion zu zeigen, verstehen Sie? Sie müssen geschmeidig sein, der Wähler ist König … Er kam Taft jetzt mit seinem Gesicht nahe und lachte über seine eigene Bemerkung. Nicht mehr der Kunde, dann ist der Wähler König, Sie verstehen? Sie müssen sich einsetzen für die Leute. Wenn Sie das schaffen, kann ein Mandat für den Bundestag winken. Ich sage es mal so: Wenn Sie in den richtigen Arbeitskreisen, in den wichtigen Fachausschüssen sitzen, denn hier werden die Weichen für alle Entscheidungen gestellt, wenn Sie ordentlich Staub aufwirbeln und sich als bodenständiger Verfechter der Wähleranliegen präsentieren, Menschen um sich sammeln, die sich bei Ihnen gut aufgehoben fühlen, und das können Sie ganz offensichtlich, dann kann gar nichts schiefgehen. Herr Helle zog seine Augenbrauen hoch, als prüfe er, ob Taft so weit alles verstanden hatte. Von hier aus, mein Freund, geht es in Ellenbogentaktik weiter. Nicht, dass Sie diese Körpersprache nicht schon vorher brauchen, aber auf der größeren Bühne ist das natürlich noch einmal eine Herausforderung, den einen oder anderen wegzubeißen. Und Sie müssen die Sprache der Politik lernen. Helle machte eine Pause, die Bedeutsamkeit signalisieren sollte. Wachsamkeit kommt von ganz allein – nachts aus dem Schlaf hochgerissen werden und trotzdem nichts Unpassendes von sich geben, das ist am Ende die ganze Kunst. Und die Themen … Ach, die Themen sind immer dieselben: Steuer- und Finanzpolitik, soziale Gerechtigkeit, Energie, Rente und demographischer Wandel. Bildung und Kultur nur ab und zu. Wenn Sie da ein bisschen mitreden können, kann Ihnen nichts passieren. Suchen Sie sich einfach einen Bereich aus.

‚Idealismus‘. Taft notierte das Wort im Geiste und sah den Bürgermeister ebenso ironisch wie unverwandt an, denn der war noch nicht fertig. Lassen Sie es mich so formulieren, Herr Taft: Die Menschen interessieren sich für Sie und Ihre Ideen. Sie hören Ihnen zu. Sie kaufen sogar Ihre Ideen. Was könnte einem Politiker Besseres passieren? Sie, Herr Taft, sind der geborene Vordenker, treffen den Zeitgeist. Sie wären ein Aushängeschild für unsere Partei, das uns viel Aufmerksamkeit für unser gutes Programm bescheren würde. Darüber sind wir uns alle einig. Den üblichen Instanzenweg kürzen wir bei Ihnen natürlich ab und sorgen dafür, dass Sie schnurstracks in den maßgeblichen Ausschüssen sitzen. Und dort verfolgen Sie Ihre und unsere Ideen. Oder, wenn Sie unserer Partei nicht beitreten wollen: Gegen die Tätigkeit als parteiloser Abgeordneter haben Sie sicher nichts einzuwenden. – Taft betrachtete ihn fragend, wenngleich er ahnte, worauf Herr Helle hinauswollte. – Um ein politisches Amt auszuüben, um eine Stimme in der Politik zu werden, müssen Sie keiner Partei angehören. So ginge es auch: Die Wahl steht vor der Tür. Im nächsten Frühjahr. Das gibt uns genau ein Jahr Zeit, Sie nach allen Regeln der Kunst in unserer Stadt einzuführen. Sie begleiten Ratssitzungen, Podiumsdiskussionen, geben Interviews, darin haben Sie ja schon Übung, und verschaffen sich so mehr und mehr Gehör. Die Leute werden Sie kennenlernen und, da bin ich mir sicher, auch wählen, wenn es so weit ist. Ich habe es schon gesagt: Sie haben das gewisse Etwas. Quereinsteiger können in der Politik weit kommen. Sehen Sie sich nur an, wie die Leute auf Ihren Laden reagieren. Sie wollen etwas bewegen. Etwas treibt Sie an. Ich weiß nicht, was, aber etwas treibt Sie. Sie sind ein Querdenker. Unabhängig. Das suchen die Menschen. Bei Ihnen ist doch alles in Ordnung? Ich meine im Privatleben? Sind Sie verheiratet oder ledig, sind Sie homosexuell, gibt es irgendwas, das ich wissen sollte? Denn ich wäre gern Ihr Mentor zum Wohle der Stadt und darüber hinaus. Dabei machte Herr Helle eine blasierte Geste zum Schaufenster, vor dem noch sein Chauffeur stand und vor dem die Welt lag, deren Wohl sein Gegenüber im Sinn hatte. Taft lachte belustigt. ‚Ruchlosigkeit‘, notierte er auf dem Kassenblock.

Was sagen Sie?, schloss Herr Helle. – Nein, sagte Taft ruhig. – Ich verstehe. Sie müssen natürlich erst einmal darüber nachdenken. Ich habe Sie ja regelrecht überfallen. Der kleine Laden hier, der ist Ihnen in den letzten Monaten ans Herz gewachsen. Kann ich mir gut vorstellen. Ich lasse Ihnen meine Karte da, die mit meiner direkten Durchwahl, versteht sich. Dafür darf ich mir doch sicher auch bei Ihnen eine Karte aussuchen, oder? Herr Helle legte seine Visitenkarte mit dem Stadtwappen auf den Tresen. – Gerne, antwortete Taft, suchen Sie sich eine aus. Jede Karte kostet drei fünfzig. – Helle lachte. Ein Mann von Prinzipien, auch das noch! Wunderbar. Ganz wunderbar. – Und dann ging er, übrigens ohne Ideenkarte, und Taft sah und dachte ihm lange nach. Er konnte ihn verstehen. Das erschreckte ihn am meisten. Er konnte verstehen, dass sich ein Mann in aussichtsloser Lage zu derart verzweifelter Selbsterniedrigung hinreißen ließ. Es erinnerte ihn an sich selbst.

Er brauchte Luft, als Herr Helle gegangen war. Taft schloss den Laden ab, hängte den Zettel „Bin gleich zurück“ an die Glastür und setzte sich auf sein Fahrrad. Obwohl er in ihre Stadt gezogen war, hatte er den Kontakt zu seinen Schwiegereltern auf ein Minimum begrenzt. Es gab nichts zu sagen: Veronika stand zwischen ihnen wie ein Verkehrshindernis. So musste er auf sein Gedächtnis zurückgreifen, was ihre Kindheit und Jugend an diesem Ort betraf. Das war in seiner unordentlichen Geistesverfassung, zumal nach dem Besuch des Bürgermeisters, nicht trivial, aber die wichtigen Eckdaten brachte er zusammen. Veronikas Elternhaus lag damals wie heute an der Löwenstraße 64, ihr Gymnasium, so wusste er, einige wenige Blocks weiter. Also radelte Taft erst zu den Schirmers. Das zweistöckige Haus aus den 1920er-Jahren unverändert. Apart, cremeweiß, sehr elegant. Die weißen, zweiflügeligen Sprossenfenster jeweils gleichmäßig gedrittelt, die nachtblaue Haustür mit dem goldenen, runden Knopf in der Mitte ebenso hellweiß umrahmt. Der eingezäunte Vorgarten mit den Hortensienbüschen sauber und akkurat. Die Fensterläden tiefblau und millimetergenau symmetrisch, alles so gepflegt, als wäre es eben erst frisch gestrichen worden. Eine Weile blieb Taft auf der gegenüberliegenden Straßenseite und betrachtete das Haus unter den knospenden Kastanienbäumen der Straße. Ein Haus, in dem er sich Veronika nie so recht als Kind hatte vorstellen können – mit anderen spielend, Kuchen backend, Hausaufgaben am Küchentisch machend. Veronika hatte ihm erzählt, dass sie alles in allem eine schöne Kindheit verlebt habe, dass ihre Mutter dann und wann mit ihr im Garten gearbeitet und ihr manches über Pflanzen erzählt, dass sie ihre Freunde willkommen geheißen, ihnen Schokoküsse und Süßigkeiten hingestellt, ihnen Freiheiten gelassen hatte. Ungewöhnlich unverbunden sprach sie von den Eltern. Und zum Haus passten Erzählungen von Schaumküssen und Freiheit nicht. Es war von innen so makellos und ordentlich wie von außen, jede Skulptur, jeder Stuhl, jede Vase hatte ihren Platz. Für Taft hatte es immer gewirkt, als würde die geringfügigste Unordnung in Haus oder Garten schwere Konsequenzen für das Befinden der Hausbewohner nach sich ziehen. Aber vielleicht war es auch nur so, dass er sich seine Frau nicht als Kind vorstellen konnte. Es war leicht, von der Löwenstraße aus ihre ehemalige Schule zu finden. Weil er den Laden nicht zu lange geschlossen lassen wollte, fuhr er an diesem Tag nur langsam an dem langgestreckten gelben Schulgebäude mit der imposanten Holztür und dem modernen Eisenzaun um den Schulhof herum vorbei. In den darauffolgenden Tagen aber drückte sich Taft drei oder vier Mal sehr früh, vor Ladenbeginn, hinter den Bäumen auf der Straße vor dem Schulhof herum, betrachtete die Schüler durchs Gitter, befürchtete, von einem Lehrer zur Rede gestellt zu werden, fühlte sich lächerlich und bedrohlich. Selbstredend würde ihm die Beobachtung fremder Schüler, siebzehn Jahre nach Veronikas Abitur, nicht einmal entfernt Aufschluss über ihre Befindlichkeit geben – was er tat, war blanker Unsinn. Doch hinter den hellhäutigen Platanen, auf dem Grünstreifen mit alten und neuen Hundehaufen, angeketteten Fahrrädern und bunten Motorrollern, beim Anblick des Schulhofs, fühlte er sich ihr nahe wie in der Parfümabteilung des Kaufhauses, wo er Veronikas Duft gelegentlich auf ein Papierblättchen sprühte.

Was machen Sie hier?, fragte am dritten Tag ein junger Mann. Nicht unfreundlich. Stehen Sie auf kleine Jungs oder Mädchen?

Man kann also tatsächlich nicht mehr vor einer Schule stehen und auf den Schulhof sehen, ohne sich verdächtig zu machen … Taft legte die Stirn in Falten.

Wenigstens nicht drei Mal hintereinander und hinter Bäumen.

Das sehe ich ein.

Wir …, der Junge deutete auf eine Gruppe an der Schultreppe, wir haben eine Wette laufen. – Sein Gesicht adoleszent, die Augen cognacfarben, golden fast. Erste kantige Züge an seinem Kinn. Die Nase zu groß, die Wangen noch zart.

Die zweite Wette innerhalb kürzester Zeit, dachte Taft. Er wettete sonst nie. Ihr habt gewettet, sagte er, dass ich auf kleine Jungs oder Mädchen stehe und dir das erzähle, wenn du mich fragst? Taft sah ihn bedauernd an.

So ungefähr! Der Junge grinste. Nein, im Ernst: Wir kennen Sie aus dem Unterricht. Unsere Lehrerin hat von Ihnen erzählt und Zeitungsausschnitte mitgebracht. Sie haben den Laden in der Alten Straße, und jemand, der so ein cooles Geschäft hat, ist vermutlich kein Arsch. Wahrscheinlich haben Sie einen guten Grund, sich hier rumzudrücken, übrigens schlecht versteckt. Zumindest hoffe ich, dass Sie einen guten Grund haben – wegen der Wette.

Um was geht es?

Eine Stange Zigaretten.

Klinge ich sehr alt, wenn ich anmerke, dass man zu meiner Zeit um eine Zigarette gewettet hat?

Na ja, eine Stange macht mehr Spaß, was?

Was also mache ich hier, deiner Meinung nach?

Zwei Möglichkeiten: Sie planen einen Ideenkartenladen für Schüler. Andere Themen, andere Ansprache. Oder Sie kennen jemanden hier auf der Schule, den Sie suchen oder beobachten.

Ersteres, log Taft verblüfft, allerdings geht es nicht gleich um einen neuen Laden, sondern erst einmal nur um die Idee.

Ich habe also recht?

Ja, das hast du. Ich gratuliere!

Der Junge streckte die Hand zu seinen Freunden aus und rief über den Zaun: Gewonnen! Macht die Kohle klar! Dann reichte er Taft die Hand: Ich bin Felix und danke Ihnen für meine Nikotinlieferung. Vielleicht komme ich demnächst bei Ihnen vorbei. Rauchen Sie? Ich würde Ihnen zwei, drei Kippen abgeben …Und einen Nebenjob könnte ich auch gebrauchen. Finden jedenfalls meine Eltern. Ich weiß noch nicht genau …

Überleg’s dir, antwortete Taft. Und ein bisschen mehr Enthusiasmus wäre bei der Bewerbung um einen Job nicht schlecht. Aber vielleicht reicht auch eine Zigarette. Melde dich. Ich rauche seit Jahren nicht mehr, aber je nachdem, womit du anrückst, würde ich es mir überlegen.

Übrigens … Felix hielt einen Moment inne. Also wenn Sie den Laden für Schüler machen, schreiben Sie ‚Frauen‘ auf eine Karte. Das ist die, die sofort verkauft wird, und wenn Sie an dieses Wort denken, müssen Sie sich eigentlich nicht mehr zur Inspiration hier hinter den Bäumen herumdrücken, dann fällt Ihnen der Rest sicher von ganz allein ein. Frauen. Ganz einfach. Schreiben Sie nur ‚Frauen‘ auf Ihre Karte … Felix wollte gehen.

Taft hielt ihn auf: Wer würde die Karte deiner Meinung nach sofort kaufen, die Karte mit dem Wort ‚Frauen‘?

Felix drehte sich zurück: Nur eine Frau! Kein Typ würde Geld für etwas ausgeben, das er sowieso im Kopf hat, oder? Aber die Mädels bei uns auf der Schule … nichts, was die nicht kaufen!

So unerheblich der Besuch des Bürgermeisters bei Theorie gewesen war, bewirkte er doch, dass Taft die Stadt intensiver betrachtete. Das geschah unweigerlich. Den Bürgermeister gedanklich vor Augen, entdeckte Taft die Lücke. Herr Helle hatte nicht gesagt, um was für eine Leere es sich dabei handelte. Tatsächlich aber war sie, da seine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt worden war, für Taft so präsent wie Veronikas Abwesenheit. Die Stimmung in der Stadt war unstet, die Atmosphäre zuweilen aufgewühlt. Natürlich machte er nur Bruchstücke aus, war weit davon entfernt, den Überblick des Bürgermeisters zu haben, der sich bei aller Kurzsichtigkeit doch wenigstens in der Lokalpolitik auszukennen schien. Doch schon die wenigen Ausschnitte, die Taft wahrnahm, zeigten, dass etwas nicht stimmte. Daseinsfreude und diffuse Verdrossenheit lagen unmittelbar nebeneinander. Man beschäftigte sich abgeklärt mit dem maroden Zustand vieler öffentlicher Einrichtungen und Gebäude, stellte eher erschöpft als empört fest, dass Konzeptlosigkeit regierte, dass etwa kein Stadtplaner bemüht wurde, um auf den zahllosen Baustellen Schlimmeres zu verhindern und für Ästhetik zu sorgen. Man betrauerte Einsparungen im Kulturetat und schimpfte über die strapazierte Infrastruktur, die fehlende Sicherheit, eine chaotische Verkehrspolitik und über zu viel Schmutz. Aber es geschah nichts. Der Antrieb fehlte. Mehr noch: Die Unzufriedenheit offenbarte sich, einigermaßen verwirrend, in einem Atemzug mit unverrückbarer Heimatverbundenheit, was dafür sorgte, dass Taft als stiller Betrachter nicht zu erkennen vermochte, welche Beschwerden tatsächlich ernst zu nehmen und welche allein Lamento waren.

Er näherte sich Veronikas Heimat so ratlos wie neugierig und mit dem Widerwillen der Geisel, die er war, solange sie verschwunden blieb: Veronikas Geisel, ein Gefangener ihrer ungeklärten Umstände. Ohne Not wäre ihm nie eingefallen, Krämer zu werden an diesem unentschlossenen Ort. Eine knappe Million Einwohner, die nicht zu beantworten wussten, ob sie stolze Dörfler oder gelassene Weltstadtbürger sein wollten. Soweit Taft es erkennen konnte, waren sie beides zu gleichen Teilen, was allerdings eine kurzweilige Mischung ergab. Eine Stadt mit gemäßigtem Klima, das, geprägt von der geschützten Flusstallage, umgeben von den ansteigenden Hängen des Bergischen Landes und den Hügeln der Eifel, selten anderes zu bieten hatte als einen mehlweißen Himmel und graublaue Luft. Eigentümlichkeit, so tat es sich auf seinen langen Streifzügen dar, schien das Bestimmende seiner neuen Umgebung zu sein. Doch wenn Taft es recht überlegte, war Eigentümlichkeit das bestimmende Element seines eigenen Lebens geworden.

--- DON’T GET AROUND MUCH ANYMORE. Auf den Tag genau eine Woche nach ihrem letzten Besuch stand Olivia im Laden. Wir fliegen also nach Frankreich, verkündete sie siegesgewiss, ohne ihn zu begrüßen oder überhaupt zu fragen, ob ihre Karte ‚Europa‘ einen Interessenten gefunden hatte. Wer hat meine Idee gekauft? – Von Frankreich war nie die Rede. – Da wohnt mein Vater aber nun mal. Weiter kümmerte Olivia sein Einwand nicht: Also, Taft, wer hat ‚Europa‘ erstanden? – Don’t get around much anymore in seinem Kopf. Woody Hermann. Duke Ellington. Nat King Cole. Treffender konnte ein Text nicht sein. Frankreich. Ausgerechnet!, dachte er und antwortete: Ein älterer Herr. Vor zwei Tagen. (Beides stimmte nicht.) – Schade! – Wieso ist das schade? Sie sollten froh sein, dass überhaupt jemand zugegriffen hat. – Jetzt tun Sie mal nicht so, Taft! Die Karte wurde in weniger als einer Woche verkauft. Ich hätte mich aber gefreut, wenn es eine jüngere Person gewesen wäre. Kann nicht sagen, warum, es hätte mich einfach gefreut. Was hat er gesagt, der ältere Herr? – Nichts. Er hat die Karte genommen und bezahlt. Vielleicht war es Ihr alter Herr und Sie haben ihn geschickt? – Olivia zog eine Grimasse, statt zu fragen, warum ihr Vater oder sie dergleichen hätten tun sollen. Sie trug Jeans, braune Stiefel und ein weißes Shirt, darüber eine dunkelblaue Strickjacke. Um ihren Hals lag eine Lederkette mit einer Art Amulett daran, silbern, gerade und schlicht. Die halblangen blonden Haare wie immer unordentlich, ihre frohen Augen, jetzt so blau wie eine volle Badewanne, auf ihm. Er wohnt in Antibes, sagte sie. – Und dort weiß man von meinem Laden? – Nicht man. Mein Vater weiß von ihrem Laden. Der Schuster, der früher in diesem Ladenlokal gearbeitet hat, war ein guter Freund von ihm. Er ist tot. – Lassen Sie mich raten: Ihr Vater hatte die Reinigung im Nachbarhaus. – Olivia lachte. Taft dachte laut weiter: Ich kenne mich in Antibes ganz gut aus … Wo genau wohnt Ihr Vater? – Avenue Guy de Maupassant du Cap, antwortete sie. – Er wusste, welche Art von Häusern dort zu finden war, zwei davon hatte er verwaltet. Früher. Eine Textilreinigung hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so viel Geld abgeworfen, dass man sich dort zur Ruhe setzen konnte. – Ich schlage ein Wochenende im Mai vor, fuhr Olivia fort. – Ein Wochenende? – Sie können mit unbarmherzigen Flugzeiten gern auch an einem Tag hin- und zurückfliegen. Ich werde allerdings auf ein gutes Abendessen am Meer nicht verzichten. Mein Vater wäre auch beleidigt, wenn ich es täte. Was halten Sie vom 18. Mai? – Das ist Pfingsten. (Was keine Rolle spielte, er wusste selbst nicht, warum er es erwähnte.) – Spielt das eine Rolle?, fragte Olivia prompt. – Eigentlich nicht. Hierzulande darf man ja an solchen Feiertagen, wenn jede Menge Touristen in der Stadt sind, den Laden nicht öffnen. – Schön. Also buchen Sie sich einen Flug nach Nizza, Taft. Und sagen Sie mir, wann Sie ankommen, dann hole ich Sie ab. Mein Vater wird sich freuen, Sie kennenzulernen. ---

Taft saß an einem Holztisch auf dem Bürgersteig. Es war schon recht warm. Frühlingshaft. Alle drei Gaststätten der Alten Straße – eine schlauchförmige Konditorei mit hervorragendem Kaffee, das Restaurant Camillo mit vier Holztischen und ehrlichen, italienischen Speisen sowie Rosalindes rustikale Tütensuppe – hatten bereits Stühle und Tische nach draußen geschafft. Der Italiener auch einen Heizstrahler dazu, unter dem sich jetzt einige Raucher um einen Aschenbecher drängten. Sie schwenkten ihre Rotweingläser, erzählten von ihrem Tag und freuten sich über diesen Abend als Vorboten des Sommers. Taft hatte sich nur einmal ins Camillo gewagt, diesen kleinen Raum mit vergilbter Tapete, einem kuriosen Lüster an der Decke und Bildern der italienischen Familie neben Filmplakaten von Don Camillo an den Wänden. Er hatte sich aufs Fensterbrett gesetzt, das nachweislich zur Bestuhlung zählte, eine köstliche Pizza mit Parmaschinken und Rucola gegessen und dabei festgestellt, dass das Lokal für einen wie ihn ungeeignet war. Noch verkraftete sein Gemüt die Freundlichkeit und Leichtigkeit dort nicht. Schon der Enge wegen kamen die Gäste schnell miteinander ins Gespräch. Man unterhielt sich quer über die nur mit dem Nötigsten gedeckten Holztische, und obwohl er sich ums Gegenteil bemüht hatte: Taft wurde sofort einbezogen. Im Camillo an der Alten Straße 41 war es wie bei den Baptisten in Harlem, deren Gottesdienste Taft, wann immer es sich hatte einrichten lassen, während seiner Geschäftsreisen zur New Yorker Zentrale von Sandhurst besucht hatte. Aus reiner Faszination: In der Canaan Baptist Church of Christ an der 116. Straße ließ niemand den anderen allein. Es schien ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, eine Verbindung herstellen zu müssen, keinen seinem Schicksal zu überlassen, ihn zumindest über die Messe zu bringen, ob er Atheist wie Taft oder andersgläubig war. So, wie im Camillo jeder versuchte, den Tischnachbarn über den Abend zu retten – mit ein paar Worten, Wein und Scampi in Knoblauchsoße, Steaks mit Rosmarinkartoffeln oder eben Pasta in allen Variationen. Des Essens wegen wäre Taft gern häufiger hingegangen. Aber die Kommunikationsfreude sowohl der italienischen Belegschaft als auch der Besucher war noch zu viel für ihn, er kam mit Rosalindes Zurückhaltung besser zurecht.

Sie jedenfalls, die Wirtin der Tütensuppe, brachte ihn unbeabsichtigt auf die Idee, sich mit dem Tennisball zu beschäftigen. Mit der Frau, deren Stimme am Berliner Flughafen dafür gesorgt hatte, dass Veronika an jenem über sechs Monate zurückliegenden Sommertag zu ihm ins Telefon gesagt hatte, sie benötige keine Erklärung mehr. Natürlich wusste Rosalinde nichts über Tafts Lebensumstände. Sie sprachen allenfalls über ihre Geschäfte und Rosalindes Suppen und Weine. Eben hatte er, auf dem Bürgersteig sitzend, Gemüseeintopf mit Kokosmilch bei ihr bestellt, als Rosalinde auch schon servierte. Zwei Scheiben Weißbrot auf dem Tellerrand, wie immer. Dazu sagte sie, dass das Gemüse von einem neuen Bauern käme, der alte habe sich umgebracht, weil er seinen Steuerberater missverstanden habe. Wie Veronika und Julchen Kierbaum aus dem Fahrradladen sprach sie die Dinge mit Leichtigkeit aus, ohne Umschweife, mitnichten indiskret, eher sachlich, als gäbe es nichts, das sie nicht schon gesehen oder erlebt hätte, als sei sie vor Überraschungen gefeit. Schrecklich, fügte Rosalinde noch an, bevor sie wieder ins Restaurant ging, an diesem Abend in einem weit ausgestellten, orangefarbenen Rock aus festem Wollstoff. Ihr pralles Gesicht mit den lustigen, blauen Augen und der Stupsnase blass geschminkt und, passend zum Rock, mit orangefarbenem Lippenstift versehen. Schrecklich, da kennt man sich so lange, und alles wegen eines Telefonats, wegen eines Missverständnisses …

Der Satz hallte nach, so gut Taft wusste, dass das Telefonat mit der Fremden nur der Vorwand gewesen war, den seine Frau noch gesucht hatte, als sie bereits auf gepackten Kisten und Koffern saß. Er aß seinen Gemüseeintopf, schmeckte kaum etwas, so sehr war er in Gedanken bei der Frau mit dem maisgelben Schopf. Fragte sich, ob sie ihm, wenn auch unbeabsichtigt, Aufschluss geben konnte. Ob Veronika etwas zu ihr gesagt hatte, das ihm helfen konnte zu verstehen. Vielleicht war Veronika zum Zeitpunkt des Telefonats noch unentschlossen gewesen, hatte nur auf ein Wort oder Geschehnis gewartet, das dafür sorgte, dass sie die gepackten Koffer und Kisten wieder auspacken und bleiben würde. So, als würfe sie eine Münze über ihre Ehe. Taft wusste: Nichts davon war wahrscheinlich. Aber doch möglich. Er wollte sich ein Bild machen. Und so kontaktierte er schließlich Bertrand, einen alten Schulfreund, der in der Kommunikationsabteilung am Flughafen Roissy Charles de Gaulle arbeitete. Der ehemalige Klassenprimus war, wie so viele Klassenbeste, in einem langweiligen Job und durchschnittlichen Dasein gelandet, während sein Selbstverständnis dasselbe geblieben war: eigentlich zu Höherem berufen zu sein. ‚Zeugnis‘, notierte Taft auf eine Karte, als er Bertrands beamtenhaften Tonfall hörte. Immer noch war es ein befriedigendes Gefühl, die Worte aufzuschreiben. Sie im Moment, da sie ihm durch den Kopf gingen, loszuwerden, wie damals, als er auf Veronikas grünen Abreißzetteln damit begonnen hatte. Eine Zeit lang waren sie unzertrennlich gewesen. Bertrand, der Poet, und Daniel, der Zeichner. So hatten die Mitschüler sie genannt, weil der eine fragwürdige Gedichte verfasste und der andere burleske Comics zeichnete. Bildergeschichten, in denen nichts und niemand verschont blieb und nach denen die Freunde gierten. Philosophien über Lehrer, Mitschüler, das Leben und kleine Menschen. Das war ihre Serie: Kleine Menschen. Gespräche mit kleinen Menschen sind schwierig. Man bekommt sie fast nie richtig ins Format. Geschlechtsverkehr ist schwierig. Meistens drückt ihre Nase dabei dem Partner in den Solarplexus. Das ist gefährlich. Anschließend bleiben kleine Menschen oft stundenlang unauffindbar – in den Kissen. Und so weiter … Zu Geburtstagen schufen sie handgemalte Pornos mit hausgemachter Lyrik für die engsten Freunde – frei etwa nach Goethes Sänger:

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
252 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783862800759
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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