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Faustrecht
Hugo Bettauer
SAGA Egmont
Faustrecht
Copyright © 1920, 2018 Hugo Bettauer und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711503003
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
1. Teil
Erstes kapitel
Oskar Fels betrat pfeifend, ungeheuer geräuschvoll das „Lokalzimmer“ der „Weltpresse“, schmiß den Hut auf seinen Schreibtisch, den Pelzrock über einen Stuhl und klatschte in die Hände um sie zu wärmen. Ein wütendes Grunzen vom anderen Schreibtisch her unterbrach seine lärmende Tätigkeit.
„Ah, Sie auch schon da, Herr Kollege! Und noch nicht ausgeschlafen?“
Das Grunzen verstärkte sich zu einem Pfauchen. Julius Grubenheld, der Chef des „Lokalen Teiles“ und der unmittelbare Vorgesetzte des ersten Reporters Fels, erwiderte nichts. Er erstickte innerlich vor Wut, hatte aber, wie gewöhnlich, auch diesmal nicht den Mut, sich auf ein Wortgeplänkel mit Fels einzulassen. Grubenheld war, wie sehr viele Neurastheniker, am Morgen ungenießbar, wütend, schlecht gelaunt, empfindlich gegen jeden Lärm. Er hätte sich am liebsten in eine Kammer verkrochen und dort so lange allein zugebracht, bis ihn die „Stimme des Herrn“ aus seiner Zerschlagenheit aufrütteln und ihm neuen Lebenswillen einflößen würde. Der „Herr“ war in diesem Falle der Besitzer der „Weltpresse“, den Grubenheld haßte und liebte, verehrte und verachtete, wie eben Sklaven ihre Herren zu lieben und zu hassen, zu verachten und zu vergöttern pflegen. Er sprach von seinem Chef nur als von dem alten Gauner, seine Anordnungen nannte er Trotteleien, seine Reklamationen bewußte Bosheiten, so wie er aber vor das Antlitz des Herausgebers gerufen wurde, verwandelte sich der Haß in Demut, die von der Vormittagslaune heisere Stimme wurde sanft und milde und jede Opposition zur Huldigung. Fels der den direkten Verkehr mit dem „Alten“ weder suchte noch liebte, verachtete seinen ranghöheren Kollegen wegen dessen Schweifwedelei und auch aus anderen Gründen und tat sein Bestes, um Grubenheld seine geistige und physische Überlegenheit empfindlich fühlen zu lassen. Der Unterschied zwischen den beiden Journalisten kam schon rein äußerlich zum Ausdruck. Fels, groß, stark, brünett, temperamentvoll, mit schwarzen Augen, aus denen Lebensfreude und eiserner Wille strahlten, Grubenheld gekrümmt, weich, plattfüßig, Augen von einem verschwommenen Blau, ein faltiges Gesicht, in das getäuschte Hoffnungen, Nachtarbeit, krankhafter, aber vergeblicher Ehrgeiz tief ihre Spuren eingegraben hatten.
Fels ließ sich krachend in seinen Stuhl nieder, blätterte flüchtig in den eingelaufenen Manuskripten herum und sagte:
„Lauter Mist! Wieder einmal nichts los!“
Grubenheld mit beleidigtem Gesicht und halb gebrochener, wie Fels behauptete, unausgegurgelter Stimme:
„Nichts los? Ich finde, zwei Spalten Ausstellungseröffnung sind für das Abendblatt gerade genug.“
„Genug ja, aber nicht interessant. Das ist doch der höhere Schund. Eine Spalte ‚Unter den Anwesenden befanden sich‘ und eine Spalte geistvoller Aussprüche aus dem erlauchten Munde des Herrn Staatssekretärs, wie ‚Sehr schön‘, ‚Sehr stimmungsvoll‘, ‚Haben Sie das nach der Natur gemalt?‘, ‚Das ist Ihnen sehr gelungen‘ usw.“
„Lieber Herr Kollege, ich habe jetzt keine Lust und Zeit, mit Ihnen über die Bedeutung derartiger Tagesereignisse für die ‚Weltpresse‘ zu streiten, sondern muß Sie bitten — —“
Zu weiteren Auseinandersetzungen kam es nicht, da von dem Tischtelephon Grubenhelds zwei Signale ertönten, ein Zeichen, daß der Herausgeber von seiner Wohnung aus den Chef des Lokalteiles sprechen wollte. Im Nu war von Grubenheld jede Nervosität gewichen, er wurde gespannteste Aufmerksamkeit und rief, während er die eine Hand abwehrend vor sich hinhielt, wie um jede Störung von sich fernzuhalten, in die Sprechmuschel hinein:
„Guten Morgen! Gut geschlafen? Ja? Das freut mich. Guter Schlaf ist bei Ihrer ungeheueren Arbeitsleistung das Wichtigste. Zu Ihrem heutigen Leitartikel muß ich Ihnen gratulieren! Man spricht in ganz Wien darüber. — Wie? Das hat Ihnen schon Kollege Untermacher gesagt? Nun ja, ich wußte nicht, daß Sie ihn früher als mich angerufen haben.“ — Die Stimme Grubenhelds nahm eine etwas gekränkte Art an. — „Nein, es liegt nichts Besonderes vor. Ein größerer Brand im neunten Bezirk, ein Eisenbahnunfall bei Prag, aber Personenzug, also nicht aufregend für unsere Leser und dann ein langer Bericht über die Eröffnung im Künstlerhaus. Ja, natürlich, gar kein Zweifel, das sind ja unsere Leser. Ich habe dem Kollegen Fels eben gesagt, daß dieser Bericht von der größten Bedeutung für uns ist. Natürlich müssen wir mehr darüber bringen als die ‚Tagespost‘.“
Fels hatte, vor sich hingrinsend, zugehört und jetzt platzte er los:
„Lieber Herr Kollege, woher wissen Sie, daß ganz Wien über den Leitartikel spricht? Sie kommen doch gerade aus dem Bett? Und warum machen Sie immer Verbeugungen? Der Alte sieht Sie doch nicht, heben Sie sich das auf, sonst werden Sie sich noch eine Rückgratverkrümmung zuziehen.“
Es kam zu keiner Auseinandersetzung, denn jetzt wurde die Türe aufgerissen und herein stürzte atemlos ein Bureaudiener.
„Herr Doktor,“ sagte er, zu Grubenheld gewendet, „gerade wird aus dem Café ‚Türkenschanzpark‘ telephoniert, daß im Cottage in der Kastanienallee Nummer zweiundvierzig ein furchtbarer Mord begangen wurde. Die Besitzerin des Hauses und ihre Schwester sind umgebracht worden.“
Große Aufregung bei Grubenheld, der mit Armen und Beinen zu fuchteln begann, während Fels ganz ruhig blieb und, als würde ihn die Sache nichts angehen, an der Eröffnung des Künstlerhauses zu redigieren begann. Als ihn aber Grubenheld anfuhr: „Ich bitte Sie, haben Sie nicht gehört? Cottage, das muß groß aufgemacht und recherchiert werden!“ sagte er: „Jawohl, ich bin ja nicht taub, ich werde hinfahren und mir die Sache ansehen.“ Und den anderen seiner Aufregung überlassend, nahm er Pelz und Hut und verließ scheinbar ganz gelassen das Gebäude der „Weltpresse“, winkte einem Auto und ließ sich nach der Kastanienallee fahren.
Zweites kapitel
Das Haus Nr. 42 in der ruhigen, fast weltabgeschiedenen Kastanienallee, die die älteste Straße der Wiener vornehmen Villenkolonie „Cottage“ ist, liegt tief in einem alten, schönen Ziergarten, so daß man auch jetzt, im Februar, da die Bäume ihr Laub nicht tragen, von der Straße aus die Fassade der schloßähnlichen Villa nicht genau sieht. Wohl aber leuchten von der Front unterhalb des Giebels die goldenen Buchstaben „Villa Mabel“ deutlich hervor. Das Gebäude ist bester Wiener Barock, zweistöckig, mit einer Auffahrt zum Portal, und macht einen durchaus feudalen Eindruck. Es steht nach allen Seiten frei, hat sechs Fenster Vorderfront und ist ersichtlicherweise so gebaut, daß im Hochparterre die Salons und Empfangsräume liegen, im ersten Stockwerk die Wohn- und Schlafzimmer, darüber etwaige Gastzimmer und die Wohnräume der Dienerschaft.
Als Fels mit seinem Autotaxi angefahren kam, umstand eine große Menschenmenge das Gittertor, das von der Straße nach dem Garten führt, ein Schutzmann aber verwehrte jedermann den Eintritt. Erst als Fels seine Legitimation vorwies, öffnete ihm der Polizist, höflich salutierend, das Tor und sagte dabei: „Unten, im ersten Zimmer rechts.“
Fels fühlte, wie ihm die angesammelte neugierige Menge mit neidischen Blicken folgte und ein eigenartiges, ironisches oder verächtliches Lächeln kräuselte seinen schönen, vielleicht etwas zu vollen Mund, den ein englisch gestutzter Schnurrbart freiließ. Dicht hinter Fels fuhr jetzt wieder ein Auto vor, dem ein gewaltiger Herr, der Präsident der Wiener Polizei, Dr. Lerchenfeld, mit seinem Privatsekretär entstieg. Er erreichte den Journalisten knapp vor dem Hausportal, klopfte ihm auf die Schulter und sagte leichthin:
„Na, da haben ja die Zeitungen wieder einmal eine Sensation! Ein Doppelmord in der vornehmsten Straße Wiens, das ist ein gefundenes Fressen, besonders für die ‚Weltpresse‘. Himmel, Ihr Chef wohnt ja auch im Cottage, da wird er diesen Mord als persönliche Bedrohung auffassen und der Polizei in einem Leitartikel gute Lehren erteilen. Na, das kann ja nett werden.“
„Habe keine Ahnung,“ erwiderte Fels kühl, „da ich noch gar nichts weiß, als daß ein Verbrechen begangen wurde“.
Beide traten nun in das Zimmer rechts von der schönen großen Halle, in die man zunächst kam. Der geräumige Saal, in dem die Herren von der Polizei versammelt waren, repräsentierte ersichtlich einen Herrensalon. Die Wände unten aus dunklem Holz, im oberen Teil mit grünem Leder bespannt, ein mächtiger Diplomatenschreibtisch, Rauch- und Spieltischchen und eingebaute Bücherschränke, zwischen ihnen alte, kostbare englische Stiche. Vor dem Schreibtisch saß jetzt ein Polizeibeamter, der mit rascher, flüssiger Schrift schon eine stattliche Anzahl von Papierbogen beschrieben hatte. Um einen Spieltisch herum saßen und standen mehrere in Zivil gekleidete Herren, während sich zwei Mädchen eben anschickten, weinend und aufgeregt das Zimmer zu verlassen.
Der eine der Herren war der Chef der Sicherheitsabteilung der Wiener Polizei, Direktor Anton Lechner, der andere sein Stellvertreter Polizeirat Hermann, ein alter, kleiner Herr ist der Herausgeber der offiziellen Polizeikorrespondenz, der die Berichte für die Zeitungen, soweit sie keine eigenen Berichte machen, fertigzustellen hat. Zwei Detektive stehen vorne, im Hintergrund an der Wand lehnt aber mit gekreuzten Armen ein hagerer, glattrasierter Herr mit scharfer Hakennase und einem Kneifer vor den klugen grauen Augen. Es ist dies Kriminalkommissär Dr. Heinrich Bär, einer der erfolgreichsten Polizeibeamten der deutschösterreichischen Republik, dem die schwierigsten Fälle zur Spezialbehandlung überwiesen werden. Vor kurzem erst hat er internationales Aufsehen durch die Entdeckung einer in sechs Großstädten etablierten Banknotenfälschergesellschaft erregt und allgemein wird dem vielseitig gebildeten, etwa dreißigjährigen Manne eine glänzende Laufbahn vorausgesagt. Als der Polizeipräsident mit dem Journalisten eintritt, winkt Dr. Bär dem letzteren lächelnd zu. Beide verkehren fast freundschaftlich miteinander, sie sind Stammgäste desselben Kaffeehauses und haben oft genug gemeinschaftlich an interessanten Kriminalfällen gearbeitet.
Direktor Lechner nahm die Protokollbogen zur Hand, verbeugte sich noch einmal vor dem Präsidenten und begann, während sich Fels Notizen machte:
„Herr Präsident, ich gestatte mir, Ihnen alles vorzulegen, was bisher erhoben ist:
Das Haus, in dem wir uns befinden, ist Besitz des Ehepaares August und Mabel Langer. Herr Langer ist sechsunddreißig Jahre alt, in Wien geboren und erzogen, hat aber noch vor Beendigung des Gymnasiums Europa verlassen, um zu einem in London lebenden Onkel zu ziehen, der dort eine Fabrik für Feinmechanik besaß. In London lernte Herr Langer die Tochter eines anderen Fabrikanten derselben Branche kennen und vermählte sich mit Miß Mabel Mac Lean vor fünfzehn Jahren. Er bekam mit seiner Frau ein großes Vermögen, erbte nach wenigen Jahren die Fabrik seines Schwiegervaters und übersiedelte bald darauf nach Wien, wo er eine Fabrik errichtete, während er die Unternehmungen in England an Verwandte seiner Frau verpachtete. Während des großen Krieges hat Herr Langer sein Vermögen verzehnfacht, da er nicht nur hier Millionen verdiente, sondern auch an dem Riesengewinn der englischen Etablissements mit der Hälfte des Reinertrages partizipiert. Als Herr Langer vor elf Jahren nach Wien übersiedelte, kaufte er diese Villa, die er und seine Frau mit fürstlichem Luxus ausstatteten. In ihrer Gesellschaft befand sich die ganzen Jahre hindurch Miß Kathleen Mac Lean, die Schwester der Frau Langer, die um zwei Jahre jünger war als diese, einen verwachsenen Rücken hatte und wohl aus diesem Grunde ledig geblieben ist. Die Ehe selbst ist kinderlos. Sonst befinden sich in diesem Hause noch ein Stubenmädchen und eine Köchin, ein Kammerdiener und ein Gärtner. Der Kammerdiener ist aber gestern morgens mit seinem Herrn nach Prag verreist, der Gärtner befindet sich seit einem Monat in Holland auf Urlaub, da er ein Holländer ist und es jetzt im Februar hier nichts für ihn zu tun gibt. Der Chauffeur des Herrn Langer wohnt nicht hier im Hause und befindet sich derzeit in Essen, wo er ein neues Automobil für Herrn Langer übernimmt. Der Privatsekretär des Herrn Langer, Doktor juris Holzinger, pflegt nur die Zeit von elf Uhr vormittags bis zwei Uhr nachmittags hier zu verbringen.
Und nun kommen wir zu dem schrecklichen Ereignis, das uns heute versammelt. Wie schon gesagt, ist Herr Langer gestern morgens in geschäftlichen Angelegenheiten nach Prag gefahren und hat seinen Kammerdiener mitgenommen. Da der Gärtner in Holland weilt und der Chauffeur in Essen, blieben als Hausbewohner hier nur vier Personen zurück: Frau Langer, deren Schwester und die beiden Dienstmädchen. Der gestrige Tag verlief ereignislos. Die beiden Damen fuhren nachmittags in einem gemieteten Auto in die Innere Stadt, machten dort ihre Einkäufe, kamen gegen acht Uhr abends zurück, speisten und begaben sich ungefähr um elf Uhr zur Ruhe. Die Schlafzimmer der Damen liegen im ersten Stockwerk nach der Seite gegen Osten und sind voneinander durch zwei kleine Zimmer, den Ankleidezimmern der Damen, getrennt. Stubenmädchen und Köchin haben zusammen ein Zimmer im zweiten Stockwerk, und zwar nach Westen, also an der entgegengesetzten Seite des Hauses, demzufolge die räumliche Entfernung ziemlich erheblich genannt werden muß. Von jedem der Zimmer der Damen führt eine elektrische Klingel nach dem Schlafzimmer der Mädchen. Die Mädchen, die kurz nach den Damen zu Bett gingen, hatten in der Nacht nichts Beunruhigendes, weder Schritte noch Geräusche oder gar Schreie gehört. Frau Langer und ihre Schwester sind Frühaufsteherinnen, fast regelmäßig geben sie um acht Uhr das Glockenzeichen nach ihrem Frühstück, das dann sofort in den beiden Schlafzimmern serviert wird. Als aber heute eine Viertelstunde nach der anderen verging, ohne daß dieses Glockenzeichen laut wurde, begab sich das Stubenmädchen Anna Prohaska ein Viertel vor neun Uhr zum Schlafzimmer der Frau Langer, öffnete leise die nicht versperrte Tür und warf einen Blick hinein. Was sie sah, veranlaßte sie, einen gellenden Schrei auszustoßen, der die Köchin Marie Bittner aus der im Souterrain gelegenen Küche herbeistürzen ließ. Frau Langer lag nämlich, gelbgrün im Gesicht, mit weit aufgerissenem Mund im Bett, während sie die Arme mit den ausgespreizten Fingern ausgebreitet hielt. Anna beugte sich nun über ihre Herrin und gewann sofort die Überzeugung, daß diese tot sei. Gemeinsam mit der Köchin rannte sie durch die beiden Garderobezimmer nach dem Schlafgemach des Fräulein Mac Lean, und dort bot sich ihnen fast derselbe Anblick, nur daß diese mit den Beinen zum Bett heraushing.
Gellende Hilferufe ausstoßend, rannten die beiden Dienstmädchen auf die Straße, alarmierten die Passanten und Nachbarn, ein Polizist war sofort zur Stelle, und schon um halb zehn Uhr war ich mit meinem Herrn Stellvertreter, Protokollführer, dem Herrn Kriminalkommissär Doktor Bär und mehreren Detektivs im Hause. Wenige Minuten nach uns kam auch Polizeiarzt Doktor Bondi, der sich jetzt noch oben bei den Leichen befindet. Wir fanden folgende Situationen vor: Die beiden Damen waren zweifellos vor mehreren Stunden im Schlaf überfallen und erwürgt worden. Auch ohne die Leichen zu untersuchen, sahen wir doch die Würgmerkmale an den Gurgeln der Frauen. Im Schlafzimmer der Frau Langer waren die Schubfächer eines niedrigen Spiegelschrankes aufgerissen. In der obersten Schublade befindet sich eine Kassette aus Elfenbein, in der sich nach Angabe des Stubenmädchens der kostbare Schmuck der Frau Langer befand. Dieses Elfenbeinkästchen, das eine Länge von vierzig Zentimetern bei einer Breite von dreißig und einer Höhe von fünfundzwanzig Zentimetern hat, ist aufgebrochen und seines Inhaltes scheinbar beraubt.“
„Also unzweifelhaft ein Raubmord,“ warf der Polizeipräsident ein.
„Allem Anschein nach,“ erwiderte der Chef des Sicherheitsbureaus, während sich Dr. Bär jeder Meinungsäußerung enthielt, obwohl ihn der Präsident fragend ansah. Fels aber machte sich ruhig weiter seine Notizen.
Direktor Lechner fuhr fort:
„Ich nahm davon Abstand, die Leichen genau zu besichtigen, bevor Doktor Bondi sie untersucht hat, konnte aber trotzdem feststellen, daß Fräulein Mac Lean ein goldenes Uhrenarmband trug, das während des Ringens mit dem Mörder zerbrochen ist. Die Uhr, deren Glas zerschmettert ist, blieb um zwei Uhr zwanzig Minuten morgens stehen, man dürfte also annehmen, daß dies die Zeit der Tat war. Das Stubenmädchen bestätigte, daß die Dame ihr Uhrenarmband auch nachts zu tragen pflegte.
Für die Täterschaft kommt vorläufig noch keine bestimmte Person in Betracht. Köchin wie Stubenmädchen sind seit fast zehn Jahren im Hause, beide sind recht zarte und schwache Mädchen, beide ersichtlich niedergeschmettert durch das schreckliche Ereignis. Natürlich stehen sie unter Bewachung, eine gründliche Untersuchung ihrer Effekten hat zu keinem Ergebnis geführt. Die unbedingt wichtigste Aussage, die bisher vorliegt, ist die folgende der beiden Dienstmädchen: Das Stubenmädchen hat sich um sieben Uhr morgens zum Gartenportal begeben, um aus dem dort angebrachten Briefkasten die Zeitung zu holen. Haustor wie Gartenportal waren ordnungsgemäß versperrt, die Sicherheitsvorrichtung am Gartenportal war in Ordnung. Auch wenn das Schloß an diesem Portal aufgesperrt ist, kann man nämlich die Türe erst dann öffnen, wenn man den Deckel des inwendigen Schlüsselloches nach aufwärts drückt. Das ist einer jener Geheimmechanismen, wie ihn die Villen im Cottage zu haben pflegen. Der oder die Mörder müssen also, da die Schlösser keinerlei Beschädigung aufweisen, Portal wie Tor regelrecht mit einem Schlüssel geöffnet und die Sicherheitsvorrichtung gekannt haben, wie sie überhaupt ohne genaue Kenntnis der Wohnungsverhältnisse und der Tatsache, daß Herr Langer verreist ist, ihre Tat nicht begehen konnten. Diese Tatsache wird uns unsere Arbeit wohl wesentlich erleichtern, da dadurch der Kreis der in Betracht kommenden Personen ein sehr enger wird.“
Drittes kapitel
Gerade hatte der Chef des Sicherheitsbureaus seinen Vortrag beendet, als die Türe geöffnet wurde und zwei Beamte das Zimmer betraten. Der eine teilte mit, daß Dr. Bondi die Untersuchung der Leichen beendet habe und die Herren oben erwarte. Der andere erklärte, daß er soeben mit der Prager Polizeidirektion ein telephonisches Gespräch gehabt habe. Die Prager Polizeidirektion hatte durch einen höheren Beamten Herrn Langer im Hotel „Blauer Stern“ Mitteilung von dem Geschehnis gemacht. Herr Langer sei fast zusammengebrochen und habe sofort ein Tourenauto bestellt, um auf raschestem Wege nach Wien zu kommen. Da dem Chauffeur die Erlaubnis ausgestellt worden sei, mit achtzig Kilometer Stundengeschwindigkeit zu fahren, so dürfte Herr Langer gegen drei Uhr nachmittags in Wien eintreffen.
Inzwischen waren noch einige andere Journalisten erschienen und alles begab sich zunächst in die Zimmer der beiden Ermordeten. Der Anblick der erwürgten Frauen wirkte niederschmetternd, und einer der Journalisten konnte den wenig taktvollen Ausruf nicht unterdrücken: „Na, schön sind sie beide nicht gewesen!“ Nein, das waren sie wahrhaftig nicht! Frau Langer war der Typus der mageren, reizlosen Engländerin mit knochigem Körper, zu großen Füßen, schmutzig-gelbem, spärlichem Haar, dünnen Lippen und mächtigen, hervorstehenden Zähnen, während Miß Mac Lean mit ihrem verkrümmten Rückgrat, dem schwarzen, wolligen Haar und den zusammengewachsenen Augenbrauen geradezu abstoßend wirkte. Nach einer flüchtigen Besichtigung der Leichen begaben sich die Herren über den Vorraum in ein großes, als Frühstückszimmer eingerichtetes Gemach, und hier erklärte Dr. Bondi die Situation vom ärztlichen Standpunkt aus:
„Die Morde sind vor etwa sieben Stunden, also tatsächlich gegen zwei Uhr morgens verübt worden. Während die Frauen schliefen, ist der Mörder an die Betten herangeschlichen, hat mit der rechten Hand die Kehle des Opfers umspannt, wobei in beiden Fällen der Daumen auf den Kehlkopf zu liegen kam, und dann mit solch furchtbarer Gewalt zugedrückt, daß die Opfer wohl vielleicht durch einige Sekunden noch um sich schlagen, aber sicher keinen Laut von sich geben konnten. In beiden Fällen ist der Kehlkopf eingedrückt, die Frauen müssen die Besinnung fast sofort verloren haben. Die kräftiger gebaute Mac Lean dürfte sich stärker gewehrt haben, wofür die Tatsache spricht, daß sie mit dem Handgelenk, über dem sie das Uhrenarmband trug, nach rückwärts an einen Messingstab des Bettes anschlug, wobei das Uhrglas zerbrach. Jedenfalls hat der Mörder so gearbeitet, daß er von den Händen der Frauen nicht verletzt wurde. Die mikroskopisch nachgewiesene Unversehrtheit der ziemlich langen Fingernägel der Ermordeten bewies dies.
Nach den Würgspuren zu schließen, sind beide Frauen von ein und demselben Mann ermordet worden. Dieser Mann muß sehr kräftige, eher große als kleine Hände gehabt haben, die aber mit Handschuhen, und zwar mit solchen aus Wildleder, bekleidet waren. Diese raffinierte Vorsicht macht jede daktyloskopische Untersuchung der Würgmerkmale aussichtslos.“
Tiefe Stille trat im Zimmer ein, die der Polizeipräsident schließlich unterbrach. Mit gerunzelter Stirn und ersichtlich nervös sagte er etwas scharf:
„Meine Herren, Sie werden mir zugeben, daß wir vor einem vollkommenen Rätsel stehen. Und dabei sind nahezu acht Stunden seit der Tat verstrichen, genug, um Spuren zu verwischen, die geraubten Gegenstände zu verbergen, sogar, um die Grenzen unseres kleinen Staates zu verlassen. Herr Doktor Bär, ich bitte Sie, die Nachforschungsarbeit mit aller Energie und allen uns zu Gebote stehenden Hilfsmitteln zu übernehmen. Bleibt der Täter unentdeckt, so bedeutet dies für uns alle einen Prestigeverlust, der nicht mehr einzubringen ist, um so mehr, als ja auch der Mörder aus der Schönbrunnerstraße noch immer nicht gefunden werden konnte.“
Dr. Bär verneigte sich leicht vor dem Präsidenten und erwiderte:
„Ich weiß das Vertrauen, das Herr Präsident mir schenken, vollauf zu würdigen und werde meine Pflicht tun. Was den Mord in der Schönbrunnerstraße betrifft, so gestatte ich mir die Bemerkung, daß ich eine sichere Spur des Täters habe, den ich heute schon verhaften könnte, wenn ich es nicht vorzöge, ihn aus technischen Gründen noch einige Tage beobachten zu lassen. Hier in diesem Falle stehen wir allerdings vor einem Rätsel, dessen Lösung ich auch nicht näher kommen kann, bevor Herr Langer nicht in Wien eingetroffen ist. Er allein kann uns über die so wichtige Schlüsselfrage Auskunft geben, er allein kann genau sagen, was an Schmucksachen und Geld geraubt wurde. Ich habe darüber bereits die Dienstmädchen vernommen, aber ihre Auskunft ist ungenau. Wohl sprechen sie von einem kostbaren Perlenhalsband, vielen Ringen, Broschen, Nadeln und so weiter, aber dies alles ist nicht genug präzise. Das Handtäschchen aus Schildpatt, das der Frau Langer gehörte, lag auf dem Nachtkästchen und enthält außer einigen kleinen Münzen kein Geld. Das Stubenmädchen weiß nicht, ob und welcher Geldbetrag sich in der Tasche befunden hat. Aus dem Besitz des Fräuleins Mac Lean scheint nichts geraubt worden zu sein, wenigstens befinden sich in ihrem Täschchen auf dem Toilettetisch achthundert Kronen, eine Anzahl von Schmuckstücken, darunter sehr kostbare, liegen im Schubfach des Nachtkästchens.
Die beiden Dienstboten erscheinen auch mir als unverdächtig, die Köchin macht den Eindruck einer beschränkten, bedürfnislosen Person, das Stubenmädchen stammt aus guter Familie und ist mit einem Volksschullehrer, der in Linz lebt, verlobt. Sie selbst kann die Tat unmöglich begangen haben, daß sie jemanden dazu gedungen oder dabei unterstützt hat, ist absolut nicht anzunehmen. Ich habe überhaupt vorläufig keine bestimmte Fährte, mache aber darauf aufmerksam, daß wir den Privatsekretär des Herrn Langer, Doktor Holzinger, noch nicht vernommen haben. Ich habe wohl schon nach seiner Wohnung in der Florianigasse geschickt, aber er war nicht zu Hause. Ich nehme an, daß er bald hier erscheinen wird.“
In diesem Augenblick trat ein Detektiv ein und meldete, daß soeben Dr. Holzinger gekommen sei. Gleich darauf betrat der Privatsekretär des Herrn Langer das Zimmer.
Viertes kapitel
In demselben Augenblicke, als der Name Dr. Holzingers von Dr. Bär auch nur erwähnt worden war, hatte sich der Verdacht der meisten im Zimmer anwesenden Herren auch schon an die Person des jungen Juristen geklammert. Er war der einzige Mann, der sich während der Abwesenheit des Herrn im Hause bewegen konnte, er war aber auch der einzige, der bei der bisherigen Untersuchung nicht anwesend war, und der einzige, nach dem so gewissermaßen gesucht werden mußte. Und dieser keimende Verdacht, dem jede Basis fehlte, wollte nicht ersticken, als nun Holzinger das Zimmer betrat, obwohl er alles eher in seinem Äußeren repräsentierte als einen Mörder. Mittelgroß, schlank, blond, der kurze Spitzbart wohlgepflegt, sehr einfach, aber gut gekleidet, machte er den Eindruck eines Lehrers, eines Beamten, sicher aber nicht den einer diabolischen Persönlichkeit. Allerdings war er blaß und verstört, aber das war kein Wunder, da er ja unten vom Polizisten erfahren hatte, was vorgefallen war. Er blieb jetzt auch mit allen Zeichen des Entsetzens stehen und blickte mit weit aufgerissenen Augen sprachlos auf die Männer vor ihm, bis sich die Worte: „Das ist ja furchtbar, meine Herren,“ von seinen Lippen lösten.
„Ja, allerdings, das ist furchtbar,“ ergriff Kriminalkommissär Bär das Wort, „und wir müssen Sie, Herr Doktor, bitten, das Ihrige zu tun, um uns unsere schwere Aufgabe zu erleichtern.“
Und nun begann das Verhör. Auf Befragen gab der Privatsekretär mit leiser Stimme an:
„Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, in Wien geboren, mein Vater ist längst gestorben, ich wohne mit meiner alten Mutter Florianigasse Nr. 55. Ich wollte Staatsbeamter werden, aber gerade als ich meine juristischen Studien beendet und den Doktorgrad erreicht hatte, brach der Krieg aus und ich mußte als Fähnrich einrücken. Ich war fast ununterbrochen an der Front und brachte es bis zum Oberleutnant der Reserve. Nach dem Zusammenbruch stand ich vor vollständig veränderten Lebensbedingungen, von einer Beamtenkarriere konnte keine Rede mehr sein; um Advokat zu werden, war ich zu alt, auch fehlten mir die Mittel, abgesehen davon, daß ich mich während des Krieges verlobt hatte und so rasch als möglich einen Broterwerb brauchte, um heiraten zu können.“
Fast alle der Anwesenden nickten bei diesen Worten verständnisvoll und Dr. Bärs Blick kreuzte sich mit dem des Journalisten Fels. Wieder einer der Zehntausende von Fällen, in denen dieser unglückselige Krieg Hoffnungen vernichtet, Pläne zerstört, Existenzen geknickt hatte! Dr. Holzinger fuhr fort:
„Nach vielen Wochen vergeblichen Suchens fand ich durch ein Inserat schließlich die Stellung, die ich seit zwei Jahren bekleide. Ich wurde Privatsekretär des Herrn Langer.“
„Welchen Gehalt beziehen Sie?“
„Ich trat mit fünfhundert Kronen ein, erhielt zweimal Aufbesserungen und habe jetzt sechshundert Kronen monatlich. Diese Stellung füllt meine Zeit nicht ganz aus, da ich für Herrn Langer im allgemeinen nur von elf Uhr bis zum Mittagstisch, also gegen zwei Uhr, tätig bin. Ich versuchte, da ich nicht wagte, mit einem solchen Einkommen bei der anhaltenden Teuerung einen Hausstand zu gründen, dies um so weniger, als ich meine Mutter unterstützen muß, irgend eine weitere Beschäftigung zu finden, aber dies ist mir bisher nicht gelungen.“
„Welcher Art war eigentlich Ihre Tätigkeit bei Herrn Langer?“
„Herr Langer, dessen Bureau sich in der Hegelgasse befindet, ließ mich hier bei ihm zu Hause seine private Vermögensverwaltung besorgen, die recht komplizierter Natur ist, denn einerseits handelt es sich um einen nach vielen Millionen zählenden Besitz, andererseits sind die Gattin und die Schwägerin des Herrn Langer die Teilhaberinnen dieses Vermögens, ohne die keinerlei Transaktion oder Neuanlage vorgenommen werden darf. Es müssen bei jedem Schritt ihre Unterschriften eingeholt werden. Außerdem führe ich die Privatkorrespondenz, soweit sie nicht rein persönlicher Art ist.“
Dr. Bär stützte jetzt die Hände auf den Schreibtisch, beugte sich vor und stellte eine Frage, die rings im Kreise ersichtliches Interesse fand. Auch Fels horchte hoch auf:
„Herr Doktor Holzinger, wie war es um die Beziehungen des Herrn Langer mit den zwei ermordeten Frauen bestellt, war diese Ehe harmonisch, gab es Zank und Streit? Die Fragen, die ich stelle, sind höchst delikater und sicher indiskreter Natur, aber ihre wahrheitsgetreue Beantwortung kann von großer Wichtigkeit sein.“
Holzinger zögerte einige Augenblicke, bevor er antwortete:
„Daß die Ehe harmonisch und überaus glücklich war, möchte ich nicht behaupten, obwohl ich niemals Zeuge ernster Streitigkeiten gewesen bin. Herr Langer scheint der schwächere Teil gewesen und vollständig unter der Herrschaft seiner Frau und auch deren Schwester gestanden zu haben. Ich hatte mitunter sogar den Eindruck seiner absoluten Willenlosigkeit. Mehrfach blieb ich, wenn viel Arbeit vorlag, bei Tisch als Gast und da sah ich immer wieder, daß Herr Langer sich am Gespräch der beiden Damen fast gar nicht beteiligte, besser gesagt, sie ihn nicht in ihr Gespräch zogen. Die beiden Damen bildeten gewissermaßen einen Kreis für sich, außerhalb dessen Peripherie Herr Langer stand. Morgens, wenn ich kam, war Herr Langer oft sehr schlecht aufgelegt und manchmal machte er direkt den Eindruck eines vergrämten, verkümmerten Menschen. Gerade an solchen Tagen glaubte ich den Mienen der Frau Langer und der Miß Mac Lean eine gewisse gehobene Stimmung, eine seltsame Art von Fröhlichkeit anzumerken.“
Eine Pause trat ein, es blieb totenstill im Raum, jeder dachte über die Äußerungen des jungen Mannes nach, die Journalisten kritzelten eilig in ihre Notizbücher. Ungeklärte Schicksalsfragen, Verhängnis, düstere Rätsel lagen in der Luft.
Der Kriminalkommissär fuhr dann in seinem Verhör fort, nachdem er im Flüsterton mit seinem Vorgesetzten gesprochen hatte.
„Nun kommen wir zu den aktuellen Ereignissen. Gestern morgens ist Herr Langer nach Prag gefahren. Wissen Sie, aus welchem Anlaß?“
„Herr Langer hatte erhebliche Zolldifferenzen mit dem tschechoslowakischen Staat, bei denen es sich um große Beträge handelte. Da der Prager Rechtsanwalt die Sache nicht energisch genug betrieb, meldete sich vor einigen Tagen Herr Langer beim Handelsminister Doktor Przibram zur Audienz, die ihm bewilligt wurde.“
„Waren Sie gestern, trotzdem Herr Langer nicht hier weilt, in der Villa Mabel?“
„Jawohl, ich war wie gewöhnlich um elf Uhr hier und blieb sogar länger als sonst, da einiges aufzuarbeiten war.“
„Ist Ihnen irgend etwas im Hause oder an dessen Insassen aufgefallen?“
„Nicht das geringste. Die Damen bekam ich überhaupt nicht zu Gesicht.“
Mit erhobener Stimme stellte nun Dr. Bär folgende Frage:
„Herr Doktor, Sie sagten, daß Sie gestern wie gewöhnlich um elf Uhr gekommen seien. Warum eigentlich sind Sie heute erst nahezu um zwölf Uhr hier erschienen?“
„Ich habe länger als sonst geschlafen, fühlte etwas Kopfschmerzen und ging den weiten Weg hierhier zu Fuß, um frischer zu werden.“
„Sie haben heute länger als sonst geschlafen? Wahrscheinlich sind Sie spät zu Bett gegangen?“
Und während eine beklemmende Schwüle auf allen lag, erwiderte Dr. Holzinger ganz ruhig:
„Jawohl, ich bin gestern nachts erst nach zwei Uhr morgens nach Hause gekommen.“
Totenstille, körperlich wahrnehmbare Erregung. Lauter und schärfer als vorher erklang die Stimme des Kriminalbeamten:
„Darf ich Sie um die Gründe dieses langen Ausbleibens in der Mordnacht fragen?“
Bei dem Wort „Mordnacht“ zuckte Holzinger zusammen, es schien ihm plötzlich zum Bewußtsein zu kommen, daß er in diesem Augenblick im Mittelpunkt des Interesses stand, daß seinen Worten eine verhängnisvolle Bedeutung beigelegt wird, und unsicher, zögernd erwiderte er:
„Ich war abends bei den Eltern meiner Braut, wir sprachen über die Zukunft, Elsbeths Mutter war voll Skepsis, wollte von unserer baldigen Verheiratung nichts wissen, und es kam zu unangenehmen, für mich und meine Braut quälenden Auseinandersetzungen, die mich sehr erregten. Ich ging vor der Torsperre, einige Minuten vor zehn Uhr, fort, begab mich in das Ecke Ring- und Babenbergerstraße gelegene ‚Café Kaisergarten‘, las viele Zeitungen, sah dann längere Zeit einer Billardpartie zu und verließ nach Mitternacht, etwa gegen halb ein Uhr, das Lokal. Ich fühlte mich aber zu unruhig und erregt, um zu Bett zu gehen, und raste, um meinen Gedanken Luft zu geben, einmal über die ganze Ringstraße, ging dann vom Kai aus quer durch die innere Stadt, trank im ‚Grabencafé‘ noch einen Likör und kam jedenfalls nach zwei Uhr, es kann auch schon halb drei gewesen sein, nach Hause.“
Wieder trat eine kurze, nach Sekunden zählende Pause ein und Holzinger mochte wohl fühlen, daß er Feindseligkeiten, Widerständen, Unglauben, Mißtrauen gegenüberstand. Und um seine Lippen trat ein bitterer Zug, er richtete sich höher auf und begann seinerseits die Männer um sich her als Feinde zu betrachten.
Bär aber stellte nur noch eine Frage:
„Haben Sie die Schlüssel, die das Haustor und das Gartenportal aufsperren?“
Rasch, ärgerlich und trotzig erwiderte Holzinger:
„Nein, woher hätte ich sie haben sollen?“
Dr. Bär antwortete nicht, er sah sich nach seinen Vorgesetzten um und fragte: „Haben die Herren noch irgend eine Frage zu stellen?“ und als die Herren verneinten: „Herr Doktor Holzinger, wir erwarten Herrn Langer in etwa zwei Stunden hier und werden dann auch Sie vielleicht noch brauchen. Bitte, sich also in nächster Nähe zu unserer Verfügung zu halten und dem Beamten unten zu sagen, wo Sie jeden Augenblick zu finden sind.“
Damit war Holzinger entlassen und als er in der Gersthoferstraße in einem Restaurant saß, um sein bescheidenes Mittagmahl einzunehmen, wußte er ganz genau, daß der Herr, der am Nebentisch Platz nahm, ein Detektiv sei. Er wußte aber nicht, daß zwei andere Detektivs sich inzwischen per Auto nach seiner Wohnung in der Florianigasse begeben hatten, um dort das vorzunehmen, was im polizeitechnischen Sinne eine Hausdurchsuchung genannt wird.
Fünftes kapitel
Die Herren von der Polizei begaben sich ebenfalls zu Tisch, nur Dr. Bär blieb noch eine geschlagene Stunde in der „Villa Mabel“, während Fels und die anderen Journalisten in ihre Redaktionsbureaus stürmten, um die ersten Sensationsartikel über den „Mord im Cottage“ in Druck zu geben.
Schon um halb zwei waren die Herren von der Polizei, mit Ausnahme des Polizeipräsidenten, der sich von jetzt ab nur mehr in seinem Bureau Bericht erstatten ließ, in der „Villa Mabel“ versammelt, aber Dr. Bär erklärte die weitere Voruntersuchung für geheim, so daß die Journalisten nicht mehr anwesend sein durften. Die offizielle Polizeikorrespondenz schickte den Redaktionen mehrmals täglich Berichte über alle weiteren Ergebnisse, selbstverständlich blieb es aber den einzelnen Reportern unbenommen, auf eigene Faust Recherchen anzustellen und sich bei der Polizei nähere Informationen zu holen.
Kurz vor zwei Uhr ließ der Kriminalkommissär abermals Dr. Holzinger in das Bibliothekzimmer bitten. Gleich hinter ihm traten ein junger Bursch und ein älterer Mann ein. Dr. Bär erklärte die Situation:
„Ich habe die beiden Kellner aus dem ‚Grabencafé‘ holen lassen, die gestern nachts dort Dienst hatten.“ Und zu den beiden Kellnern gewandt: „Bitte, diesen Herrn genau anzusehen und auszusagen, ob Sie sich entsinnen können, ihn gestern nachts zwischen ein und halb zwei Uhr bedient zu haben.“
Die Kellner musterten Holzinger lange und genau, dann erklärten beide achselzuckend, ihn nicht wieder zu erkennen. Allerdings fügte der Zahlkellner hinzu, daß der Besuch im Café sehr lebhaft gewesen sei und er die Gäste, falls nicht ein besonderer Grund hiezu vorliege, nicht näher anzuschauen pflege. Damit waren die Kellner entlassen und Bär wendet sich nun direkt an Holzinger, dem es immer schärfer zum Bewußtsein kam, halb und halb schon die Rolle eines Angeklagten zu spielen:
„Ihre Angabe, daß Sie gegen zwei Uhr nach Hause gekommen seien, läßt sich von mir nicht überprüfen, da Sie ja einen eigenen Hausschlüssel haben. Ihre Frau Mutter aber kann nur aussagen, daß Sie spät gekommen sind, ohne zu wissen, wie spät es war. Sie haben vormittags auf meine Frage mit aller Entschiedenheit erklärt, die Eingangsschlüssel zur ‚Villa Mabel‘ nicht zu besitzen. Eine eben bei Ihnen vorgenommene Hausdurchsuchung widerlegt diese Behauptung. Der Beamte hat in der obersten Schublade Ihres Wäscheschrankes diese beiden durch einen Ring zusammengehaltenen Schlüssel gefunden, die nichts anderes sind, als die Schlüssel zum Gartenportal und zum Haustor der ‚Villa Mabel‘.“
Dr. Holzinger fühlte den Boden unter sich schwanken und Leichenblässe zog über sein verstörtes Gesicht. Er atmete tief auf, stierte wie geistesabwesend vor sich hin, fuhr sich mit der Rechten über die feuchte Stirne und erwiderte dann tonlos:
„Jetzt, wo es zu spät ist, erinnere ich mich natürlich. Vor anderthalb Jahren, als an den Börsen enorme, den ganzen Anlagemarkt erschütternde Kursschwankungen auftraten, hatte ich mehrmals hintereinander hier im Hause bis in die frühen Morgenstunden gearbeitet, depeschiert und telephoniert. Herr Langer, der die Dienerschaft nicht so lange wachen ließ, hatte mich, wenn ich endlich gehen konnte, bis auf die Straße begleitet, als es aber einmal heftig regnete, gab er mir die Schlüssel mit der Bemerkung, ich möchte sie für künftige Fälle behalten. Nach einigen Tagen, als meine Arbeitszeit wieder normal war, legte ich den Schlüsselbund in den Wäscheschrank, wo ich ihn vollständig vergessen habe.“
Ernst und fast feierlich sagte nun der Kriminalbeamte:
„Herr Doktor Holzinger, Ihre Erklärung ist plausibel, aber nicht überzeugend. Sie werden als juristisch gebildeter Mensch selbst zugeben müssen, daß viele, sehr viele Momente gegen Sie sprechen und mir nichts anderes übrig bleibt, als Ihre Verhaftung vorzunehmen. Erleichtern Sie sich, wenn Sie die Tat begangen haben oder mit ihr in Verbindung stehen, durch ein Geständnis.“
Holzinger hatte sich wieder gefaßt. Hoch und fast stolz aufgerichtet gab er die Antwort:
„Ich schwöre bei dem Leben meiner alter Mutter und meiner armen Braut, daß ich unschuldig bin.“
Bär schaute ihm bei diesen Worten tief in die Augen, wechselte dann einen Blick des Einverständnisses mit dem Chef der Sicherheitspolizei und sagte mit milder, gütiger Stimme:
„Ich wünsche von ganzem Herzen, daß Ihre Unschuld bald voll und ganz erwiesen ist und bitte Sie, überzeugt davon zu sein, daß ich jede, auch die geringste Spur, die zu Ihren Gunsten sprechen kann, aufgreifen werde, um Ihnen die Freiheit wieder zu geben. Vorläufig müssen Sie sich in das Unvermeidliche schicken.“
Ein Wink und ein bereit gestandener Beamter ging mit Holzinger ab, um ihn der Haft zuzuführen. Kaum eine Minute später aber sauste ein mächtiges Tourenautomobil durch die Kastanienallee und hielt vor der „Villa Mabel“. Über und über mit Kot bespritzt, blaß und ermüdet, entstieg ihm Herr August Langer, der Multimillionär, dessen Gattin und Schwägerin vor kaum zwölf Stunden durch Mörderhand vom Leben zum Tode befördert worden waren.
Sechstes kapitel
Trotzdem es Mitternacht war, herrschte im „Café Central“ lebhaftes, lustiges Leben, alle Tische waren besetzt und im sogenannten „Arkadenhof“ saß wieder die ganze Wiener Bohème beisammen, die eigentlich keine ist, weil sie sich zum größten Teile aus saturierten, dem Kampf und Drang entwachsenen Künstlern, Schriftstellern und ästhetisierenden Lebejünglingen zusammensetzt. An einem Tisch saß in großer Gesellschaft, mit einem schönen, schlanken, brünetten Mädchen zur Seite, Oskar Fels, der heute mehr noch als sonst im Mittelpunkt des Interesses stand, weil das Gespräch von dem sensationellen Mord im Cottage ganz beherrscht wurde. Fels, der abgespannt und erregt erschien, hatte aber keine Lust, viel zu erzählen. Seine Freundin Alma Mia, in Wirklichkeit Mizzi Schoberlechner, eine vielumworbene und zukunftsvolle Schauspielerin des Volksspielhauses, ließ nicht locker und wollte mit aller Gewalt wissen, ob der „arme Holzinger“ wirklich der Mörder sei. Da auch der Direktor des Volksspielhauses, Herr Büxel, und seine sehr kleine, sehr schicke und lebenslustige Frau durchaus Näheres erfahren wollten, erklärte Fels schließlich lachend:
„Ich halte den Holzinger für so unschuldig wie ihr es seid, und bin fest überzeugt davon, daß mein Freund Bär eine kapitale Dummheit gemacht hat, die dem Staate viel Geld kosten wird, weil ja nach unseren neuen Gesetzen der Staat einem unschuldig eines schweren Verbrechens bezichtigten Menschen für jeden Tag der Haft fünfzig Kronen zu bezahlen hat. Jetzt gebt mir aber Ruhe und haltet euch an Bär selbst, der gerade kommt.“
Richtig kam Dr. Bär frisch und elastisch, als hätte er einen Tag voll Ruhe hinter sich, an den Tisch. Natürlich wurde er mit Fragen nur so bombardiert. Die kleine Frau Direktor versicherte ihm, daß sie kein Wort mehr mit ihm sprechen würde, wenn er einen Unschuldigen hatte verhaften lassen, und Alma Mia schwur, während sie ihre Zigarette feierlich erhob, daß sie den armen Holzinger unbedingt durch ihre Gunst, wenn auch nur für eine Nacht, entschädigen wollte. Alles lachte, der Kriminalkommissär erklärte trocken, daß er unter solchen Umständen Holzinger, ob schuldig oder unschuldig, im Kerker verschmachten lassen werde, dann aber zupfte er Fels am Ohr und bat ihn, sich auf ein Viertelstündchen mit ihm zurückzuziehen. Alles Protestieren der Herren und Damen blieb fruchtlos, die beiden setzten sich an einen kleinen Tisch, an dem sie ungestört waren, und aus der angekündigten Viertelstunde wurde eine ganze, bevor sich Fels wieder seiner höchst erbosten und schmollenden Alma widmen konnte.
Dr. Bär und Oskar Fels waren seit vielen Jahren miteinander bekannt und durch drei gemeinsame Kriegs- und Kampfjahre zu guten, aufrichtigen Freunden geworden. Beide waren, als der Weltkrieg ausgebrochen war, als Reserveleutnants zum selben Regiment eingerückt, beide standen in derselben Kompagnie, hatten dieselben Rückzüge und Siege, dieselben Gefahren und Entbehrungen mitgemacht, beide dieselben hohen Tapferkeitsauszeichnungen erhalten, bis beide fast am selben Tage ins Hinterland zurückberufen wurden, der eine auf Reklamation der Polizeidirektion, der andere auf Eingabe der „Weltpresse“. Und ganz abgesehen von diesen großen Erlebnissen, hatte einmal Fels seinen Freund, der bereits in Gefangenschaft geraten und von italienischen Soldaten fortgeschleppt war, unter eminentester Lebensgefahr herausgehauen und befreit.
Sonst allerdings war nicht viel Gemeinsames zwischen den beiden Männern. Bär ging in seinem Beruf ganz auf, lebte in geordneten, soliden Verhältnissen und ließ sich niemals oder nur sehr selten zu unüberlegten Handlungen hinreißen, während Fels zwar seinen Beruf an sich auch liebte, ihn aber doch nur als nervenaufpeitschendes Narkotikum betrachtete, über und über verschuldet war und einen unbezähmbaren Hang zum Wohlleben, Luxus, zu einem sybaritischen Dasein hatte. Offen und ungeniert, wie es seine Art war, pflegte er zu betonen: „Reichtum, Nichtstun, oder besser gesagt, nichts tun müssen, das Leben nach bestem Können ausschlürfen — darin besteht für mich das höchste Glück!“ Den Frauen gegenüber war Fels immer Sieger. Nicht, nur, daß auch sonst spröde und unnahbare Frauen sich von seiner berauschenden Lebensbejahung und Unbedenklichkeit hinreißen ließen, verstand es Fels auch, sie nicht Oberhand über sich gewinnen zu lassen, sondern immer der zu „sein, der sich als der erste zurückzieht.
Siebentes kapitel
Nachdem Bär sich seine Zigarette angezündet hatte, fragte er:
„Nun sag’ mir einmal, lieber Freund, was du von der ganzen Sache hältst. Du weißt, ich gebe viel auf dein Urteil.“
Statt eine Antwort zu geben, zog Fels einen noch feuchten Bürstenabzug aus der Tasche und sagte leichthin:
„Da, das ist mein Artikel, der morgen in der ‚Weltpresse‘ erscheinen wird. Lies ihn, dann kennst du meine Meinung.“
Mit gespanntester Aufmerksamkeit las der Polizeibeamte den umfangreichen Zeitungsbericht durch, der in wenigen Stunden von ganz Wien verschlungen werden würde.
In journalistisch meisterhafter Weise hatte Fels ein Bild von der Tat, dem Schauplatz der Tat, den agierenden Personen, soweit er sie hatte beobachten können, entworfen, in knapper, aber glänzender Weise das ganze Milieu charakterisiert und zum Schluß unter der Überschrift: „Ist Doktor Holzinger der Mörder?“ seine persönliche Meinung ausgesprochen, indem er für die Unschuld des Verhafteten in scharf logischer Weise eintrat. Er schrieb:
„Gegen Holzinger sprechen gewichtige Momente. Er hat kein Alibi für die kritische Zeit, er war im Besitz der von ihm verleugneten Hausschlüssel, er ist der einzige in Betracht kommende Mann, der das Haus, die einzelnen Zimmer und die Lebensgewohnheiten der Bewohner kannte. Und vor allem: er ist arm, er will heiraten, hat aber nicht das Geld dazu, und die geraubten Juwelen sollen einen riesigen Wert besitzen.
Ich erwidere aber darauf: Ich und mit mir noch etliche zehntausend Junggesellen Wiens haben für die gestrige Nacht kein Alibi. Ich und noch hunderttausend Menschen sind im Besitz irgendwelcher Schlüssel, die sie ableugnen würden, weil sie sich ihrer eben nicht erinnern. Ich und Tausende haben nicht so viel Geld, als sie dringend benötigen. Bleibt also noch die Tatsache, daß Holzinger die Örtlichkeiten genau gekannt haben dürfte. Die allerdings kenne ich nicht, aber es kennen sie einige Dutzend Handwerker ganz genau, denn nach Beendigung des Krieges wurde die ‚Villa Mabel‘ gründlich renoviert und wochenlang wimmelte es in ihr von Anstreichern, Tapezierern, Installateuren und Elektrikern. Irgend eine dieser Personen kann einen der sicher zahlreich vorhandenen Schlüsselbunde an sich genommen haben. Daß Herr Langer mit seinem Diener verreisen würde und Gärtner wie Chauffeur außerhalb Wiens weilen, hat schon vorgestern das gesamte Gesinde gewußt und sicher hat der Diener im Wirtshaus oder sonstwo von der bevorstehenden Reise erzählt. Auf diese Weise kann es die Person, die sich seinerzeit die Schlüssel gesichert hatte, erfahren und den Moment für gegeben erachtet haben, jetzt die furchtbare Tat zu begehen.
Vor allem aber, und dies erscheint mir das Wichtigste: Dr. Holzinger ist ein durchaus nüchterner, vernünftiger und gebildeter Mensch, der, wenn er schon ein Verbrechen begehen, sich nicht wie ein Trottel dabei benehmen würde. Warum hat er also die Schlüssel, die ihm zum Verderben werden mußten, nicht verborgen, sondern so in eine Schublade gelegt, daß sie jedermann sofort finden mußte? Und wozu sollte dieser kluge, ruhige Mensch überhaupt den Mord begangen haben? Der Polizeibericht erzählt uns, daß sich in dem Täschchen der Frau Langer etwa zweitausend Kronen befunden haben dürften. Das ist mehr, als bei einer Dame vorauszusetzen war, aber so wenig, daß dem Manne damit in keiner Weise gedient sein konnte. Bleiben also die Juwelen und Perlen, die nach dem Polizeibericht einen Wert von etwa einer Million haben. Nun, ein dummer und ungebildeter Mensch sogar mußte sich sagen, daß durch viele Jahre hindurch diese Juwelen unverkäuflich sein würden und jeder Versuch, sie ganz oder teilweise zu veräußern, eine Gefahr bedeuten müsse.
Nein, Holzinger ist weder verdächtig noch arg belastet, und es erscheint mir ganz und gar ungerechtfertigt, auf so unsichere Momente hin einen anständigen, unbescholtenen Menschen als Galgenkandidaten ins Gefängnis zu schleppen.“ Bär hatte den Artikel beendet, pfiff leise vor sich hin und meinte dann:
„Für mich ist der Aufsatz ja reichlich unbequem. Der Präsident wird nervös werden und Lechner mir mit salbungsvoller Stimme wohlgemeinte Ratschläge geben, in Wirklichkeit aber sich, in der Hoffnung, daß ich mich blamiert habe, rasend freuen. Übrigens hast du sowohl vom Standpunkt des Journalisten als auch von dem des Publikums recht, mir aber als Kriminalisten blieb nichts anderes übrig, als zur Verhaftung zu schreiten. Deine Ausführungen, lieber Fels, haben den großen Fehler, daß sie von der Voraussetzung ausgehen, ein Verbrecher müsse immer logisch, überlegt und vorsichtig handeln. Die Praxis lehrt aber, daß dies durchaus nicht der Fall ist, sondern gerade bei den schwersten Verbrechen unglaubliche Denkfehler begangen werden. Die Verdachtsmomente gegen Holzinger sind sehr schwer, wenn ich auch selbst von seiner Schuld durchaus nicht überzeugt bin. Ich weiß, welchen Einwand du jetzt erheben willst: ich hätte Holzinger, statt ihn zu verhaften, lieber unter schärfste Beobachtung stellen sollen und wäre sogar noch besser zum Ziel gekommen. Aber abgesehen davon, daß eine solche scharfe Beobachtung für den Betreffenden noch viel quälender ist, als eine Untersuchungshaft in einer anständigen, geräumigen Zelle bei Selbstbeköstigung und dem Recht, sich beliebig zu beschäftigen, sprechen auch die schwersten technischen Momente gegen die Nichtinhaftnahme. Verständigung durch Blicke, durch Worte in öffentlichen Lokalen, sogar durch Telephongespräche lassen sich auch bei sorgsamster Vigilanz nicht verhüten.“
Fels wehrte ab und sagte:
„Wir werden einander nicht überzeugen, also lassen wir das Thema und erzähle mir lieber, natürlich privat, nicht zur Veröffentlichung, was du heute alles erhoben hast. Vor allem: Wie verlief das Verhör mit Herrn Langer? Wer, was und wie ist dieser Millionär überhaupt? Ich sollte den Langer interviewen, habe es aber für taktlos und nebenbei überflüssig gehalten.“
Bär lächelte.
„Dieser Herr Langer ist für mich eine wenig erquickliche Persönlichkeit. Er befindet sich in unserem Alter, sieht aber bedeutend jünger aus, was wohl seine Schlankheit und die Zartheit seines ganzen Knochenbaues verursacht. Unbedingt ein auffallend hübscher Mensch mit eigentümlich verschleierten, traurigen Augen, aber in seinem ganzen Wesen feminin, weich, quallenhaft. Weißt du, ein Mann, den starke, maskuline Frauen gewöhnlich lieben, mädchenhafte Weiber abscheulich finden.
Das Verhör mit Langer ergab keine Überraschungen. Er war sehr gefaßt, hält ebenfalls seinen Privatsekretär für absolut unschuldig, ist auch bereit, für die Unschuld der beiden Mädchen einzustehen und hat uns ein ziemlich ungenaues Verzeichnis der geraubten Schmucksachen gegeben. Er hatte keine Ahnung, wieviel und was für Ringe seine Frau besessen, genau kennt er nur ein vierfaches Perlenhalsband mit Diamantschließe, das er seiner Frau noch vor dem Kriege für eine halbe Million Franken in Paris gekauft hat, und eine Platinnadel mit einem wundervollen Smaragd von sechs Karat Gewicht, eine Seltenheit, deren Wert auch heute, nach dem großen Juwelenkrach, unter Brüdern eine Million Franken, von Kronen gar nicht zu reden, wert ist. Nach seiner Meinung dürfte der Verbrecher es gerade auf diese beiden Stücke abgesehen haben, die er irgendwo in Amerika oder Australien losschlagen wolle.“
„Eine Meinung, die gar nicht dumm ist,“ wandte Fels ein.
„Nachdem ich mit Herrn Langer, der durchaus eine Belohnung von hunderttausend Kronen für die Ergreifung des oder der Täter aussetzen will, fertig war, begann für mich die eigentliche und interessantere Arbeit. Vielleicht ist es nur rein persönliche Neugierde bei mir, aber ich wollte durchaus Näheres über das wahre Verhältnis dieses weichlichen, hübschen Mannes zu den beiden so überaus häßlichen Frauen erfahren. Nun, das ist mir gelungen. Zunächst fand ich, als ich das Boudoir der ermordeten Frau und dann das ihrer Schwester genau durchsuchte, bei beiden in den Bücherschränken wohlverwahrt eine ganze Anzahl von masochistisch-sadistischen Büchern und ebensolche photographische Abbildungen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Die Bücher waren mir als verbotene Druckerzeugnisse zum größten Teil bekannt, es sind durchwegs in Romanform gekleidete Schilderungen von dem psychopathisch sattsam behandelten Verhältnis starker Frauen zu schwachen, unterwürfigen Männern. Ich brauche dir wohl über diese Irrwege im Liebesleben des Menschen nichts weiter mitzuteilen.“
Fels nickte verständnisvoll.
„Und nun nahm ich mir den Kammerdiener Josef, der aus Prag mitgekommen ist, und die beiden Mädchen vor, und dann hatte ich eine längere Unterredung mit einer Dame, die in einer Villa anstoßend an die ‚Villa Mabel‘ wohnt und mittels Opernglases allerlei indiskrete Schlafzimmerbeobachtungen gemacht hat. Das Resultat dessen, was ich auf diese Weise erfuhr, gibt mir folgendes Bild: Herr Langer ist ein idealer Pantoffelheld, stand vollständig unter dem Bann von Frau und Schwägerin und wurde von diesen beiden Weibern seelisch und körperlich mißhandelt, ja, auch körperlich, so seltsam es klingt! Das Schönste aber ist, daß der arme Kerl buchstäblich nur durch den Tod von den angenehmen Damen befreit werden konnte. Es bestehen nämlich ungeheuer komplizierte Vermögensverhältnisse zwischen den Eheleuten. Aus den Verträgen und Akten, die ich studiert habe — die Kopien lagen im Schreibtisch der Frau Langer — sowie aus den Mitteilungen, die mir Doktor Holzinger eben vor einer Stunde machte, erfuhr ich, daß Herr Langer keinerlei selbständige Vermögensverfügung hat. Für jede Ausstellung eines Schecks von mehr als zehntausend Kronen, für jede Vermögenstransaktion, jeden Umtausch von Werten benötigte er die Unterschrift seiner Frau, während diese seine Unterschrift durchaus nicht brauchte, sondern nach Belieben das ganze Vermögen hätte verschenken können. Es kommt aber noch besser: Laut Testament, dessen Kopie ich ebenfalls gelesen habe, wäre nach dem Tode der Frau Langer Herr August Langer in dasselbe Abhängigkeitsverhältnis zu Miß Mac Lean geraten! Dann wäre dieser abscheuliche Krüppel die absolute Herrin über das Vermögen geworden. Nur für den Fall, daß beide starben, gleichgültig, ob gleichzeitig oder zuerst Frau Langer und dann deren Schwester, konnte Herr Langer in den ungeschmälerten und unkontrollierten Besitz aller Vermögenswerte treten. Dies ist jetzt geschehen und eigentlich müßte man dem glücklichen Leidtragenden von ganzem Herzen gratulieren.“
Vom Stammtisch der beiden Herren her wurden stürmische Unwillenskundgebungen über die lange Abwesenheit des Journalisten und des Polizeibeamten laut, die kleine Frau Direktor erklärte ein solches Benehmen für unerhört, während Alma Mia schon beinahe weinte. Fels und Bär beschlossen daher, ihre private Unterhaltung zu beendigen, nicht aber bevor Fels eine naheliegende Frage erörtert hatte:
„Lieber Bär,“ sagte er, „das alles, was du da erfahren hast, ist sehr wundersam und muß doch dein kriminalistisches Gehirn intensiv beschäftigen!“
„Sprich nur ganz ruhig deutsch,“ erwiderte Dr. Bär. „Natürlich könnte die Tatsache, daß Herr Langer den Tod der beiden Frauen als Erlösung empfunden haben muß, eine neue Fährte bilden. Aber nach meiner festen Überzeugung eine falsche Fährte. Denn wohl würden wir beide normal empfindende Menschen den Tod solcher Frauen als Glücksfall empfinden; ist dies aber auch bei August Langer der Fall? Ich glaube nicht! Dieser Mann braucht wahrscheinlich, um leben zu können, die Unterjochung unter weiblichen Willen, und was uns Qual bedeuten würde, ist ihm Wollust. Ganz abgesehen davon, wäre dieser Schwächling nie und nimmer imstande, die Initiative zu einem solchen Verbrechen zu ergreifen, die Mörder zu dingen, einen großzügigen Plan zu entwerfen. Dieser Mann stirbt lieber selbst, bevor er einen heroischen Entschluß faßt. Nicht einmal einen Selbstmord würde ich dem Schwächling zutrauen, geschweige einen Mord.“
Während Oskar Fels nickte, wie ein Mensch, der mit dem, was ihm gesagt wurde, vollständig einverstanden ist, begaben sich die beiden Freunde nun zu ihrem Tisch, an dem sie durch „Schmeißen“ einiger Runden Kognak Buße leisten mußten.
Achtes kapitel
Oskar Fels saß am nächsten Vormittag reichlich unausgeschlafen in der Redaktion an seinem Schreibtisch, um noch für das Abendblatt einen weiteren großen Artikel über den Mord im Cottage zu schreiben. Der Herausgeber hatte kategorisch erklärt, daß er mindestens zwei Spalten im Abendblatt und vier im Morgenblatt haben wolle, und Fels konnte ihm dabei nicht ganz unrecht geben. Tatsächlich interessierte sich „ganz Wien“ nur mehr für den Mord und die Frage, ob die Polizei in der Person Holzingers einen Unschuldigen oder den Mörder festgenommen hatte. Der Artikel im Morgenblatt der „Weltpresse“ ließ die ganze öffentliche Meinung auf die Seite des Verhafteten treten und schon hagelte es von Zuschriften, Anregungen und Meinungsäußerungen. Auch mit der Person der ermordeten Frauen und des Herrn August Langer beschäftigten sich die Wiener intensiv und es schien Fels, daß die eigenartigen Familienverhältnisse in der „Villa Mabel“ schon Gegenstand der öffentlichen Diskussion waren. Eben hatte der Herausgeber dem Journalisten einen Brief überwiesen, den er von einem ebenfalls im Cottage wohnenden Bankdirektor bekommen hatte. Der Brief trug den Vermerk „Höchst vertraulich“ und enthielt eine Schilderung eines Soupers, das der Bankdirektor mit seiner Frau in der „Villa Mabel“ mitgemacht hatte. Es hieß in dem Schreiben:
„Ich kannte Herrn Langer schon seit Jahren durch rege geschäftliche Verbindungen und hielt ihn immer für einen sehr klugen, gebildeten Menschen, der sich über die Fragen des Tages vorzüglich orientiert zeigte und seiner Meinung oft in lebhafter, gewöhnlich sehr flüssiger Weise, Ausdruck gab. Einmal, beim Derby, trafen wir ihn in Gesellschaft der beiden jetzt ermordeten Damen, und meiner Frau fiel es angenehm, mir eher unangenehm auf, wie beflissen höflich und zuvorkommend, nach meiner Meinung etwas lakaienhaft sich Herr Langer gegenüber Frau und Schwägerin benahm. Um nur ein Beispiel anzuführen: Ich hatte durch einen Trainer den Rat erhalten, im Derby auf ‚Mayflower‘ zu setzen, und teilte dies Langer mit. Bevor wir uns später zum Buchmacher begaben, entnahm Langer seiner Brieftasche fünf Hundertkronenscheine, worauf ihn seine Frau fragte, auf welches Pferd er setzen wolle. Auf ‚Mayflower‘, war seine Antwort, und er erklärte die Gründe hiezu. In scharfer, geradezu peinlicher Weise erklärte aber seine Frau: ‚Nein, du wirst auf ‚Wotan‘ setzen!‘ Als Langer nun mit einem scheuen, verlegenen Blick auf mich einen leisen Einwand erhob, schlug seine Schwägerin mit der Hand heftig auf die Logenbrüstung auf und zischte hervor: ‚Wir haben gesagt auf ‚Wotan‘, und damit basta!‘
Ich war über diese Art und Weise, einem Manne zu befehlen, verblüfft und auch meine Frau blickte mich betreten an. Groß war aber meine Freude, als ‚Mayflower‘ gewann und ich das vierfache Geld einstrich, während Frau Langer ihrem Gatten boshaft sagte: ‚Das kommt davon, wenn ein Mensch seinen Willen nicht durchsetzen kann.‘ Ich empfand das als eine gerechte Bestrafung allzu großer Nachgiebigkeit.
Einige Tage später lud uns Frau Langer zum Souper ein und wir nahmen an. Dabei ereignete sich etwas für mich schier Unfaßbares. Zunächst fiel mir unangenehm auf, wie schweigsam und verdrossen der Hausherr war, und meine Frau flüsterte mir schließlich, als wir uns von der Tafel erhoben hatten, zu: ‚Du, mir scheint, dieser Herr Langer wagt wirklich nicht, in Gegenwart seiner Frau den Mund aufzumachen.‘ Ich aber hatte einigemal deutlich wahrgenommen, daß jedesmal, wenn Langer eine Äußerung tun wollte, er zunächst einen ängstlichen Blick zu seiner Frau gleiten ließ, die ihn daraufhin so herrisch, befehlend und boshaft in die Augen schaute, daß er schwieg. Miß Mac Lean tat zwar recht bescheiden und reserviert, aber mitunter kreuzten ihre Blicke die ihres Schwagers in seltsamer Weise, über deren Bedeutung ich mir heute noch nicht im klaren bin. Wir begaben uns dann in den Salon und es entwickelte sich ein Gespräch über die tollen Streiche der englischen Suffragettes, die sich immer mehr zur Landplage auswuchsen. Frau Langer wie Miß Mac Lean traten aber in leidenschaftlicher Weise für die Frauenrechtlerinnen ein und Frau Langer verstieg sich zu der wenig geschmackvollen Bemerkung: ‚Wenn jede Frau mit der Peitsche in der Hand im eigenen Hause ihr Recht vertreten würde, dann wären wir längst Wählerinnen,‘ Es entstand auf dieses Wort hin eine verlegene Stille, die Herr Langer schließlich durch eine beschwichtigende, begütigende Bemerkung unterbrach. In diesem Augenblick umfaßte Frau Langer mit ihrer rechten Hand das linke Handgelenk des neben ihr stehenden Gatten und sagte mit unangenehm mokanter Stimme und Betonung: ‚Schau, schau, du bist also auch gegen die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes!‘ Herr Langer zuckte, wie von einem Schmerz betroffen, zusammen und verfärbte sich, schwieg aber. Einige Minuten später reichte er mir mit der linken Hand ein Streichholz, während er in der rechten eine Zigarrenkiste hielt, und da bemerkte ich zu meinem maßlosen Entsetzen, daß er am Handgelenk, genau dort, wo ihn seine Frau vorhin angefaßt, ein blutiges Mal hatte. Die zärtliche Gattin mußte ihm ihren wohlgepflegten Fingernagel in das Fleisch gedrückt haben! Mir verging die Lust zum weiteren Verweilen in der ‚Villa Mabel‘ und unter einem schicklichen Vorwand entfernten wir uns bald.
Ich teile Ihnen diese meine Beobachtungen, die sich natürlich absolut nicht zur Publikation eignen, mit, nicht etwa, um Sie zu etwaigen Schlußfolgerungen zu veranlassen, sondern nur, um sie vor allzulauten Mitleidskundgebungen für den ‚armen‘ Witwer zurückzuhalten. Man darf ihn mit Fug und Recht wohl eher einen lustigen Witwer nennen.“
Lachend legte Fels den Brief beiseite, um nun rasch seine Schreibmaschine aus der Versenkung des Tisches emportauchen zu lassen und mit rasendem Geklapper Seite auf Seite zu füllen.
Neuntes kapitel
Eben war Fels fertig geworden, als ihm der Diener zwei Damen meldete, die unbedingt den Verfasser des Artikels über den „Mord im Cottage“, der im Morgenblatt erschienen war, sprechen wollten. Fels ließ sie in ein abseits gelegenes Zimmer führen und stand gleich darauf einer alten, grauhaarigen Dame und einem hübschen, hellblonden Mädchen gegenüber. Beide sahen verweint und unglücklich aus und Fels konnte unschwer erraten, wer die Besucherinnen waren. Niemand anders als Frau Therese Holzinger, die Mutter des verhafteten Privatsekretärs, und Elsbeth Volkmar, seine Braut. Frau Holzinger konnte nicht sprechen, weil die hervorquellenden Tränen ihre Stimme erstickten, das junge Mädchen aber faßte sich halbwegs und dankte mit herzlichen Worten für das warme Eintreten des Journalisten zugunsten des Bräutigams.
„Ich habe nichts getan, was dankenswert wäre,“ sagte Fels, der voll Mitleid mit den zwei Frauen war, „da ich ja Herrn Doktor Holzinger tatsächlich für absolut unschuldig halte. Allerdings, seine Situation ist nicht gerade günstig und Sie müssen darauf gefaßt sein, daß einige Zeit vergeht, bevor man ihn aus der Haft entlassen wird.“
Nun fing auch Elsbeth Volkmar zu weinen an. „Herr Doktor,“ sagte sie schluchzend, „das ist ja zum Verzweifeln! Wie soll mein armer Bräutigam, wie sollen wir diese Schmach und Schande überleben? Er wird sich sicher etwas antun.“
„Nein, das wird er sicher nicht, und täte er es, so wäre es nur ein Beweis dafür, das er schuldig ist. Niemals habe ich in meiner Praxis erlebt, daß ein unschuldig Verdächtiger Selbstmord begeht. Schon die Erbitterung, der Wunsch, seine Unschuld zu beweisen, hält ihn vor einem solchen Schritt zurück.“
So gelang es Fels langsam, die Frauen zu beruhigen, und er lenkte nun das Gespräch auf den Mord selbst und die Verantwortung des Beschuldigten.
„Doktor Holzinger gibt an, zwischen ein Uhr und halb zwei im ‚Grabencafé‘ gewesen und von da aus nach Hause gegangen zu sein. Leider können die Kellner seine Behauptung nicht bestätigen, was natürlich durchaus nicht gegen ihn spricht. Holzinger hat seinen eigenen Hausschlüssel, also kann der Hausbesorger nichts über die Zeit seines Nachhausekommens aussagen. Es wäre von der größten, entscheidenden Wichtigkeit, irgend einen Menschen aufzutreiben, der Holzinger um die von ihm angegebene Zeit im Café oder auf dem Wege nach Hause gesehen hat. Doktor Bär, der die Voruntersuchung führt, ist der anständigste, ehrlichste und gewissenhafteste Polizeibeamte, den man sich nur denken kann. Trotzdem — in einem solchen Fall versagt er, wie jeder andere. Er denkt natürlich gar nicht daran, den Polizeiapparat aufzubieten, um dem Beschuldigten ein Alibi zu ermöglichen. Nun, dann müssen wir eben arbeiten und alle Kunststücke versuchen.“
Elsbeth errötete leicht:
„Sie sagen ‚wir‘, Herr Redakteur, also darf ich wirklich einen Bundesgenossen in Ihnen sehen?“
„Jawohl, ganz und gar und ohne Einschränkung, mein Fräulein! Was in meinen durchaus nicht schwachen Kräften steht, soll geschehen, um Ihrem Bräutigam aus dieser abscheulichen Klemme zu helfen!“
Es wurde nun folgender Plan entworfen, der im Kopfe des Journalisten entstand, aber von dem Mädchen ausgeführt werden mußte. Elsbeth besaß natürlich ein Lichtbild ihres Bräutigams. Mit dieser überaus gelungenen Photographie begab sie sich in die Redaktionen sämtlicher Wiener illustrierten Zeitungen und Wochenschriften, um die Aufnahme eines Aufrufes zu erbitten. Neben dem Bild des Dr. Holzinger stand die Aufforderung an alle etwaigen Personen, die Holzinger in der Mordnacht auf der Straße oder im „Grabencafé“ gesehen hätten, sich bei seiner Mutter zu melden.
Überraschend schnell stellte sich ein Erfolg dieses Aufrufes ein. Nach wenigen Tagen schon erschien bei Frau Holzinger ein Kaufmann aus Graz, der sich in der Nacht, da der Mord verübt worden war, im „Grabencafé“ befunden hatte. Frau Holzinger und Elsbeth Volkmar führten ihn sofort in die Redaktion der „Weltpresse“, wo Fels folgendes Protokoll mit ihm aufnahm:
„Ich weilte in der Vorwoche vom 2. bis 6. Februar in Wien. Am 5. Februar begab ich mich nach Besuch der Vorstellung im ‚Komödienhaus‘ ins ‚Grabencafé‘, wo ich zuerst speiste, dann Zeitungen las und schließlich einige Briefe schrieb. Punkt halb zwei beglich ich meine Zeche, blieb aber noch einige Zeit, da mir eben der Kellner die von mir verlangte ‚Jugend‘ brachte. Als ich das Lokal verließ, sah ich abermals auf meine durchaus verläßliche Taschenuhr und stellte fest, daß es genau dreiviertel zwei Uhr war. Ich wollte mir noch für den Weg eine Zigarette anzünden, hatte aber kein Streichholz bei mir, und so bat ich denn einen Herrn, der unweit des Ausganges saß und eine Zigarre rauchte, um Feuer. Als ich gedankt hatte und ging, rief dieser Herr, dem ich voll und ganz ins Gesicht gesehen hatte, nach dem Zahlkellner.
Als ich gestern in Graz das ‚Interessante Blatt‘ las und die Photographie des Dr. Holzinger abgebildet sah, gewann ich sofort die Überzeugung, daß dieser mit dem von mir um Feuer gebetenen Herrn identisch ist. Mich erregte die Sache außerordentlich, ich zögerte nicht und fuhr heute morgens nach Wien, um mich schleunigst zu Frau Holzinger zu begeben. Ich bitte nunmehr, mich unverzüglich mit Dr. Holzinger zu konfrontieren.“
Es war Mittag, als diese Protokollaufnahme beendet war, und Fels rieb sich vergnügt die Hände. Ein journalistischer Erfolg sondergleichen blühte ihm. Unter der Überschrift „Dr. Holzinger vollständig entlastet“ erschien der Bericht über den Besuch des Grazer Kaufmannes Alois Pichler noch im Abendblatt der „Weltpresse“ und an die Wiedergabe des Protokolles knüpfte Fels natürlich mit scharfen, energischen Worten die Aufforderung an die Polizei, den schwer gekränkten Holzinger ohne Verzug in Freiheit zu setzen. Sodann aber schob Fels den Herrn Pichler, der sich enorm wichtig vorkam und sich schon auf seinen Stammtisch im „Elefanten“ zu Graz freute, in ein Auto und raste mit ihm nach dem Polizeipräsidium, wo Dr. Bär noch anwesend war.
Dr. Bär, der sich durchaus nicht geärgert zeigte, sondern sogar seine Befriedigung darüber aussprach, daß in dieser Kriminalaffäre dank der Mitwirkung der allmächtigen Presse ein weiterer Fortschritt zu verzeichnen sei, verständigte den Chef der Sicherheitsabteilung Dr. Lechner und ließ sodann Holzinger, der sich noch immer nicht in Untersuchungshaft, sondern im Polizeigewahrsam befand, vorführen. Bär eröffnete die Konfrontation auf sehr geschickte Weise. Er stellte an Holzinger die Frage:
„Kennen Sie diesen Herrn hier?“
Holzinger, der wohl blaß und verbittert aussah, aber sein seelisches Gleichgewicht wieder gefunden zu haben schien, sah Herrn Pichler scharf an, fuhr sich dann mit der Hand über die Stirne, dachte ersichtlich angestrengt nach und sagte nach einer Pause:
„Mir kommt das Gesicht dieses Herrn bekannt vor, aber ich weiß nicht recht, wo ich es unterzubringen habe. Himmel, ja, jetzt fällt es mir ein, — vor wenigen Tagen bat mich dieser Herr irgendwo um Feuer, und zwar — wenn ich mich nicht sehr täusche — war es in einem Café.“
Fels atmete erleichtert auf, Herr Pichler lachte vergnügt und Dr. Bär nickte ernst. „Damit begegnen sich die Aussagen des Herrn Pichler mit der Ihrigen und ich nehme nunmehr ohneweiters als erwiesen an, daß Sie, Herr Doktor Holzinger, die Wahrheit gesprochen haben, als Sie sagten, daß Sie sich noch kurz vor zwei Uhr nachts im ‚Grabencafé‘ befunden hatten. Noch im Laufe des heutigen Nachmittages werde ich im Verein mit meinen Vorgesetzten die notwendigen Konsequenzen aus dieser Bekundung ziehen.“
Ein warmer Dank noch für Herrn Pichler, der die Mühe nicht gescheut hatte, die Reise von Graz nach Wien im freiwilligen Dienste der Gerechtigkeit zu machen, und für Fels, der seine publizistische Pflicht in so überaus ernster Weise tue, und die beiden Herren waren entlassen, während Holzinger zunächst wieder in seine Zelle gebracht wurde.
Zehntes kapitel
Am selben Abend verkündigte die offizielle Polizeikorrespondenz den Entschluß des Polizeipräsidiums, Holzinger weiterhin in Haft zu belassen, da auch die Aussage des Grazer Herrn kein einwandfreies Alibi bilde. „Im Gegenteil.“ hieß es in dem Bericht, „die Polizei weiß jetzt genau, daß sich Holzinger um dreiviertel zwei Uhr nachts, also genau fünfunddreißig Minuten, bevor der Mord begangen wurde, von der Inneren Stadt aus irgendwohin begeben hat, denn er rief ‚Zahlen!‘ als Herr Pichler das Kaffeehaus verließ, und es ist anzunehmen, daß auch er innerhalb der nächsten fünf Minuten fortging. Auf dem Graben wimmelt es von Automobilen und Holzinger kann eines benützt haben, um in die nächste Nähe der Kastanienallee zu gelangen. Angenommen, er habe sich um ein Uhr fünfzig Minuten in ein Auto gesetzt, so ist er längstens um zwei Uhr fünf Minuten in nächster Nähe der ‚Villa Mabel‘, um zwei Uhr zehn Minuten vor ihrem Tor gewesen. Ein mit der Örtlichkeit vertrauter Verbrecher, dem sich keinerlei Hindernisse entgegenstellten, brauchte aber nicht einmal die noch vorhandenen zehn Minuten, um seine Tat zu begehen. Es ist daher nicht einzusehen, warum Holzinger jetzt entlastet erscheinen sollte. Es wäre dies erst dann der Fall, wenn es bewiesen ist, daß Holzinger sich vom ‚Grabencafé‘ direkt nach seiner Wohnung begeben habe.“
Ein Kampf von äußerster Schärfe begann zwischen der „Weltpresse“ und der Polizei, bei dem ganz Wien Auditorium war und der Zeitung Beifall klatschte. Fels schrieb täglich für das Abendblatt und das Morgenblatt polemische Artikel, in denen er mit dem äußersten Aufwand an Logik und Verstandesschärfe das Vorgehen der Polizei als unerhörten Mißgriff, die Haft Holzingers als schweren Rechtsbruch darstellte. Da die Polizei ein-für allemal das Alibi Holzingers nicht gelten lassen wollte, so begann Fels, um die Leser nicht zu ermüden und das Interesse des Publikums nicht abflauen zu lassen, sich mehr mit den Konsequenzen des zweifachen Mordes zu beschäftigen. „Wohin hat der Mörder seinen Raub getan?“, nchrieb Fels in einem großen Artikel. „Nehmen wir an, der unglückliche Holzinger wäre der Mörder. Wohin sind dann die kostbaren Perlen, wohin die Broschen und Ohrringe, wohin die zwanzig Ringe und wohin der beispiellos schöne und große Smaragd gekommen? Bei Holzinger wurden sie nicht gefunden, verkauft konnte er sie nicht haben, also wo sind die Juwelen? Will die Polizei vielleicht gar leichtgläubigen Menschen einreden, daß dieser stille, bescheidene Jurist mit einem ganzen Verbrecherapparat, mit Komplicen arbeitete, die den Raub in Sicherheit gebracht haben? Nein, die Polizei wagt selbst eine solche Annahme nicht, denn in dem Akt Holzinger, den jetzt der scharfsinnige und kluge Kriminalkommissär Dr. Heinrich Bär dem Landesgericht vorgelegt hat, wird betont, daß er das grauenhafte Verbrechen als das Resultat einer plötzlichen Eingebung, entstanden durch das Verzweifeln Holzingers an seiner Zukunft, betrachte. Eine plötzliche Eingebung, der Verzweiflungsakt eines unglücklichen Menschen schließt aber Komplicen, Spießgesellen, eine Vorbereitung von langer Hand aus. Ich frage also nochmals, wo hat der angebliche Mörder Holzinger die geraubten Juwelen hingetan? Erst wenn diese Frage beantwortet ist, hat die Polizei ein gutes Recht, den unbescholtenen, gebildeten Mann, nach dem eine alte Mutter und ein zartes, junges Mädchen weinen, als Mörder zu betrachten.“
Ein anderer Artikel beschäftigte sich wieder mit dem Verbrechen an sich.
„Die Polizei muß wissen, daß das Verbrechen in der ‚Villa Mabel‘ durchaus nicht die Tat eines Zufallsmörders sein kann, sondern nur die Tat eines raffinierten Verbrechers, der nach festen Plänen und bewährten kriminalistischen Prinzipien vorgegangen ist. Auf welche Weise hätte ein ‚Amateur‘, wenn man dieses spielerische Wort in diesem Falle überhaupt anwenden darf, den Mord begangen? Er hätte sich in aller Eile einen Dolch, ein langes, scharf geschliffenes Messer besorgt und damit seine Opfer getötet, indem er ihnen die Gurgel abgeschnitten oder den Stich ins Herz versetzt hätte. Oder er würde sich einen schweren Hammer gekauft und die Schädeldecke der Frauen zertrümmert haben. Um sich dadurch unfehlbar zu verraten. Denn vergossenes Blut enthält eine getreue Photographie des Mörders. Nichts auf der Welt ist so beredt wie Blut, nichts schreit so laut wie Blut. Blut bespritzt den Täter und verrät ihn noch nach Monaten und Jahren, Blut hinterläßt Fingerabdrücke und vor dem fließenden und schwimmenden Blut verliert der kaltblütigste Mörder die ruhige Besinnung. Und je sorgsamer man die Blutspuren vertilgen will, umso vielfältiger und heimtückischer werden sie.
Das alles muß der Mörder aus der Villa ‚Mabel‘ nur zu gut gewußt haben und er hat nicht gestochen und nicht geschlagen, sondern gewürgt. Gerade diese Art des Tötens, die keine Spuren hinterläßt, wird, wie die Kriminalchronik beweist, nur von erprobten, erfahrenen Mördern in Anwendung gebracht. Der ‚Amateur‘ würgt sein Opfer nicht, weil ihm vor der unmittelbaren Berührung graut und er sich nicht die physische und moralische Kraft zutraut, die, wie er meint, erforderlich ist, um einen Menschenhals zu umspannen und zu erdrücken.
An zwei Dingen ist nicht zu zweifeln:
1. An der Richtigkeit der polizeilichen Behauptung, daß, falls Holzinger der Mörder ist, er die Tat nur unüberlegt, einer plötzlichen Eingebung der Verzweiflung folgend, begangen hat.
2. Der Mord in der ‚Villa Mabel‘ wurde von einem raffinierten, mit allen Finessen des Verbrechertums wohlvertrauten Übeltäter vorbereitet und begangen, und jeder zehnjährige Volksschüler wird sagen, daß Punkt 1 und Punkt 2 einander ausschließen.“
Darmowy fragment się skończył.