Czytaj książkę: «Der verbotene Park»

Czcionka:

Inhalt

Impressum 2

Neue Freunde … 3

… neue Feinde 16

Die Hexe und der verbotene Park 28

Herausforderung in der Schule 53

Geheimnisse um den vergessenen Friedhof 59

Kriegsrat 80

Das Abenteuer beginnt 93

Die Mutprobe 107

Ein vertrauter Verbündeter 139

Ein Angeber wird entlarvt 154

Ein Geheimnis lüftet sich 162

Der Überfall 179

Ein Verbrechen wird entdeckt 199

Das Geständnis 209

Gespensterjagd 224

Glücklicher Ausklang 242

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-240-6

ISBN e-book: 978-3-99131-241-3

Lektorat: Mag. Angelika Mählich

Umschlagfoto: Roman Egorov, Ekaterina Nikolaenko, Mikesilent, Merggy | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Bildquellennachweis:

Bild 1 und 3 © Hubertus von Wick

Bild 4, 8-16 © Task Force Clipart – lizenzfrei

Bild 2 und 7 © Werner Nitschke (im Auftrag des Verfassers)

Bild 5 © Wolfgang Claussen auf Pixabay, https://pixabay.com/de/

Bild 6 © Ariane von Saltzwedel auf Pixabay (Riesenschnauzer), https://pixabay.com/de/

Neue Freunde …

Frau Grüttner stellte zwei Becher auf den Tisch und goss in den einen Kakao ein. Dann nahm sie die Thermoskanne aus der Kaffeemaschine und füllte sich den frisch gebrühten Kaffee in den anderen.

„Tobias, dein Kakao ist fertig.“

Der Zehnjährige kam aus dem Kinderzimmer und setzte sich schweigend vor seinen warmen Kakao. Der blonde Wuschelkopf war groß und kräftig für sein Alter und konnte ebenso gut für einen Elfjährigen gehalten werden. Seine Jeans waren verwaschen und trugen auf den Knien bunte Bilderflicken. Sein dunkelblaues Sweatshirt schien neueren Datums zu sein und war ihm sichtlich eine Nummer zu groß.

Mutter und Sohn saßen sich schweigend gegenüber und hielten mit beiden Händen ihre Becher umklammert, als müssten sie sich an ihnen festhalten.

Frau Grüttner wusste, dass Tobias todunglücklich war. Für ihn hatte der Umzug hierher in das kleine Dorf mehr bedeutet als nur einen Schulwechsel, den sie als das eigentliche Problem ansah. Tobias hatte seine vertraute Umgebung aufgeben müssen, seine Klassenkameraden, den Bolzplatz, den Spielplatz, den kleinen Graben, an dem sie immer das Wasser gestaut hatten und seine Piratenhöhle, eine große Röhre aus breiten Betonringen, die irgendwann einmal im Zuge von Kanalisationsarbeiten neben dem Spielplatz liegen geblieben waren.

Das Schlimmste aber war, dass ihn der Umzug von seinem besten Freund, dem Christoph, getrennt hatte. Sie hatte das Gefühl, dass er daran im Augenblick am meisten zu knabbern hatte.

„Hast du die Kisten schon ausgepackt?“, fragte sie, nur um etwas zu sagen.

„Nur die Spielsachen, die Klamotten noch nicht“, erwiderte er in sich gekehrt.

„Hast du gemerkt, dass dein neues Zimmer etwas größer ist als dein altes?“

Tobias nickte. Er wäre trotzdem lieber in seinem alten Zuhause geblieben. Aber seine Mutter hatte in der nahen Kreisstadt einen Job als Rechtsanwaltsfachangestellte bekommen, worüber sich anfangs beide sehr gefreut hatten.

Sie hatte seinetwegen und, weil irgendwann, als er gerade vier Jahre alt war, die Scheidung von seinem Vater dazwischenkam, für lange Zeit mit ihrem Beruf ausgesetzt und nun, nachdem er die Grundschule durchlaufen hatte, den Wiedereinstieg in das Berufsleben versucht. Das war gar nicht so einfach gewesen.

Er erinnerte sich noch, wie ihn seine Mutter ein Dreivierteljahr nach ihrem ersten Bewerbungsschreiben mit einem Brief in der Hand wedelnd in der Haustür empfing, als er von der Schule kam.

„Es hat geklappt, wir haben einen Job!“, hatte sie gerufen, ihn hochgehoben und wie wild im Kreis herumgewirbelt.

„Weißt du, was das bedeutet? Selbstverdientes Geld, Unabhängigkeit, weg vom Sozialamt!“

Sie hatten sich wahnsinnig gefreut, obwohl er zunächst nicht ganz verstanden hatte, was „weg vom Sozialamt“ bedeutete. Dann aber hatte sie hinzugefügt:

„Vielleicht erfüllt sich jetzt endlich dein Traum vom eigenen Computer.“

Da hatte er verstanden. Eigenes Geld, eigener Computer. Weg vom Sozialamt hieß: Ende mit der Sparsamkeit, Urlaub vielleicht, in den Süden fliegen, wie das andere Leute jedes Jahr tun.

So weit, so gut. Aber dann kam das dicke Ende. So ganz nebenbei, beim Ausziehen der Jacke, hatte sie gesagt:

„Einen kleinen Haken hat die Sache: Die neue Stelle liegt 115 Kilometer von hier entfernt. Das kann ich nicht jeden Tag fahren. Wir werden umziehen müssen.“

Tobias merkte, wie ihm die Tränen hochstiegen. Er nahm zwei kräftige Schlucke von seinem Kakao, um den dicken Kloß in seinem Hals herunterzuspülen.

„Ich weiß, wie dir zumute ist“, sagte seine Mutter und drückte seine Hände. „Aber du wirst sehen: Alles, was du jetzt noch vermisst, wirst du hier neu entdecken: Freunde, Spielplätze, Sportvereine und ab morgen auch Klassenkameraden.“

Tobias nickte. Der Gedanke, dass er morgen seinen ersten Tag in der neuen Schule hatte, in der er niemanden kannte, erzeugte ein mulmiges Gefühl in seinem Bauch.

Sie tranken ihre Becher aus und erhoben sich.

„Ich mache dir einen Vorschlag, Tobias, ich packe deine Kleiderkisten aus und du fährst ein bisschen durchs Dorf und erkundest unsere neue Umgebung.“

Tobias hatte eigentlich keine große Lust, dieses langweilige kleine Dorf zu erkunden. Andererseits wollte er seiner Mutter auf keinen Fall etwas vorheulen. Außerdem war er fest davon überzeugt, dass er ohnehin nicht länger als fünf Minuten brauchte, um einmal das Dorf zu umrunden.

Also nahm er das Angebot an. Er zog seine Jacke über, verließ die neue Wohnung, die im ersten Stock lag, stieg lustlos die 24 Stufen des Treppenhauses hinunter und trat ins Freie. Draußen blendete ihn die Nachmittagssonne. Zu dieser Jahreszeit, Anfang Oktober, stand die Sonne schon recht tief um diese Zeit, und in einer Stunde würde sie kaum noch zu sehen sein. Er entfernte das Fahrradschloss von seinem Drahtesel und radelte los.

Die Straße war neu, teilweise noch gar nicht fertig. Vor seinem Haus fehlte zum Beispiel der Bitumenbelag. Sie sollte sich mal als Ring durch das ganze Neubaugebiet schlängeln. Deshalb hatte man sie Hasenring genannt.

„Total bekloppt“, dachte Tobias. „Klingt ja wie Nasenring!“

Neben dreigeschossigen Mietshäusern gab es viele sehr unterschiedliche Einfamilienhäuser, in deren Gärten noch riesige Erd- und Sandhaufen lagen. Im vorderen Bereich der Straße, am Übergang zum alten Dorf, waren die Gärten schon angelegt. Die Bäume und Büsche waren allerdings gerade erst gepflanzt worden und sahen noch etwas mickrig aus.

Tobias registrierte einige Leute, die sich eifrig bemühten, aus ihren Bauschutt- und Sandwüsten ansprechende Gärten zu gestalten, er sah aber nur wenige Kinder. Sie waren jünger als er und wühlten mit kleinen Schaufeln und Eimerchen in den großen Dreckhaufen herum. Er umkurvte eine Baustellenabsperrung und sah zwei Jugendliche auf sich zukommen, ein Mädchen und einen Jungen. Tobias schätzte sie auf etwa 16 Jahre. Sie hatten sich untergehakt und blödelten herum. Für wenige Sekunden war Tobias durch die beiden so abgelenkt, dass er einen Haufen mit Baumaterialien übersah, der vor ihm durch Flatterband ordnungsgemäß abgesichert auf der Straße lag. Er durchbrach das Band, knallte in einen Palettenstapel hinein und flog mit dem Kopf voran über seinen Lenker. Sein Rad überschlug sich und blieb neben ihm liegen.

Einen Augenblick lang rührte er sich nicht. Er musste sich erst einmal sortieren. Seine rechte Schulter brannte und seine Hose hatte über dem linken Knie ein Loch.

„Mist“, dachte er. „Für die Hose hat Mama so viel Geld ausgegeben!“

Die beiden Jugendlichen kamen angelaufen.

„Bist ja ein echt geiler Radfahrer“, sagte der Junge, „aber am Salto solltest du noch ein bisschen arbeiten.“

„Sei nicht so fies“, schimpfte das Mädchen. „Siehst du nicht, dass er blutet?“

„War ja nicht so gemeint, komm, ich helfe dir mal hoch.“

Damit griff er Tobias unter die Achseln und stellte ihn auf die Beine.

In Höhe der Unfallstelle öffnete sich die Haustür eines Einfamilienhauses. Eine Frau kam heraus.

„Bist du verletzt?“, fragte sie besorgt. „Ich habe aus dem Küchenfenster gesehen, wie du über den Lenker geflogen bist.“

„Wie du siehst, steht er schon wieder“, sagte das Mädchen. „Aber er blutet am Knie.“

Für einen Augenblick war Tobias überrascht, dass die beiden sich zu kennen schienen. Aber als die Frau sagte: „Komm, Corinna, wir bringen ihn ins Haus“, merkte er, dass sie Mutter und Tochter waren.

Tobias war es ein bisschen unangenehm, von den drei Fremden so umsorgt zu werden und wollte den Rückzug antreten.

„Vielen Dank, aber ich glaube, das ist nicht nötig. Ich wohne gleich oben am Hasenring und kann schnell nach Hause fahren.“

Corinnas Mutter schaute zweifelnd zu Tobias´ Fahrrad, das mit einer leichten Acht im Vorderrad und einem verbogenen Lenker zwischen den Paletten lag.

„Vielleicht kann sich Matthias ja mal um dein Fahrrad kümmern“, sagte sie mit Blick auf Corinnas Freund. „In der Zwischenzeit schaue ich mir mal deine Verletzungen an.“

Sie schob Tobias vor sich her ins Haus. >STEINER< stand auf dem Klingelschild. Tobias bemerkte, dass auch diese Familie erst vor Kurzem eingezogen sein konnte.

Die Garderobe war wie der Spiegel noch nicht an die Wand gedübelt, sondern stand an ein Schränkchen gelehnt auf dem Boden. Corinnas Mutter lotste ihn in die Küche und deutete auf einen Stuhl. Tobias setzte sich, zog vorsichtig den Stoff seiner zerrissenen Hose vom Knie zurück und legte seine Wunde frei. Die Blutung stand inzwischen, die Wunde sah aber insgesamt sehr verschmutzt aus.

„Ich mach’s drumherum ein bisschen sauber und desinfiziere die Wunde. Keine Angst, das Zeug brennt nicht“, fügte sie schnell hinzu, als sie merkte, dass Tobias unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen begann.

Sie hatte sich gerade vorsichtig an die Arbeit gemacht, als ein blonder Schopf in der Küchentür erschien.

„Was ist denn hier los?“, fragte der Junge.

Er war einen Tick größer, aber wesentlich schmaler als Tobias, der ihn als gleich alt einschätzte.

„Du kommst gerade richtig, Philipp“, sagte seine Mutter. „Der junge Mann hier ist vor unserem Haus gestürzt. Du könntest mal ein Pflaster abschneiden.“

Dann schaute sie Tobias an und fragte: „Wie heißt du eigentlich?“

„Tobias Grüttner.“

Frau Steiner lächelte ihn freundlich an.

Die Blicke der Jungen streiften sich. Keiner der beiden verzog eine Miene. Philipp schnitt ein Pflaster zurecht und gab es seiner Mutter. Die besprühte gerade Tobias’ Knie mit einem Wunddesinfektionsspray, und Tobias registrierte dankbar, dass es tatsächlich nicht brannte.

„Wann seid Ihr eingezogen?“, fragte sie und klebte das Pflaster behutsam über die Wunde.

„Heute Vormittag.“

„Oh, dann war das sicher dein erster Ausflug hier im Dorf?“

Tobias nickte. „Und mein erster Unfall.“

Frau Steiner lachte. „Hoffentlich bleibt es bei dem einen. So viele Fahrräder zum Wechseln wirst du wohl nicht haben.“

„So viele Hosen auch nicht“, erwiderte Tobias und grinste.

Er erhob sich und schaute aus dem Küchenfenster auf die Straße. Sein Fahrrad stand jetzt vor dem Haus. Der Lenker war gerichtet, aber ob das Vorderrad in Ordnung war, konnte er von hier aus nicht sehen.

„Dann werde ich mal nach Hause fahren“, sagte er und fühlte vorsichtig nach seiner Schulter. „Vielen Dank für Ihre Hilfe.“

„Magst du Tobias ein Stück begleiten?“, fragte Frau Steiner an Philipp gewandt. „Du warst heute auch noch nicht draußen und jetzt scheint noch so schön die Sonne.“

„Wenn’s sein muss“, sagte der, eher gelangweilt.

Die Jungen verließen das Haus, und während Philipp sein Rad aus dem kleinen angebauten Schuppen holte, begutachtete Tobias sein Fahrrad. Lenker und Schutzbleche saßen wieder richtig, aber das Vorderrad wies nach wie vor eine kleine Acht auf.

„Gibt es hier irgendwo ein Fahrradgeschäft?“, fragte Tobias, als Philipp mit seinem Rad um die Hausecke kam.

„In Sanddorf“, nickte Philipp. „Das ist die nächste Kreisstadt.“

„Ich weiß“, sagte Tobias und schob sein Rad zur Straße zurück. „Nach Sanddorf muss ich ab morgen zur Schule.“

„Alle, die hier wohnen, müssen nach Sanddorf zur Schule“, sagte Philipp. „Ich auch.“

Er schwang sich auf sein Rad.

„Ich glaube, ich muss schieben“, meinte Tobias. „Das Vorderrad eiert zu stark.“

Philipp stieg ab. „Okay, schieben wir also ein Stück.“

Tobias schaute ihn an. Er fand seinen Begleiter recht nett, und dass der sein eigenes Rad jetzt neben ihm herschob, statt vorauszufahren, rechnete er ihm hoch an.

„In welche Schule gehst du denn in Sanddorf?“, fragte Tobias.

„Hegelstraße, 5. Klasse“, erwiderte Philipp und schoss einen Kieselstein zur Seite.

„Da muss ich auch hin“, sagte Tobias überrascht.

„In welche Fünfte gehst du?“

„Es gibt drei. Ich gehe in die b-Klasse.“

„Ich weiß noch nicht, in welche Fünfte ich genau komme“, sagte Tobias. „Auf jeden Fall werden wir uns dann auf dem Schulhof sehen.“

Philipp nickte.

„Welche Nummer wohnt Ihr?“, fragte er.

„32. Das ist da oben, wo die Straße noch nicht fertig ist.“

Ein LKW mit Sand beladen bahnte sich langsam seinen Weg an den Paletten mit roten Klinkersteinen vorbei, die vor einem Neubau am Straßenrand standen.

„Spielst du Fußball?“, fragte Philipp.

„Nicht im Verein. Aber ich glaube, ich spiele ganz gut.“

„Wir spielen immer in den Pausen auf dem Schulhof. Hier in Dolben gibt es, glaube ich, keinen Bolzplatz.“

„Ziemlich ödes Nest hier, was?“, meinte Tobias.

„So genau kenne ich mich in Dolben noch nicht aus“, erwiderte Philipp. „Wir wohnen schließlich auch erst vierzehn Tage hier. Wenn du Lust hast, können wir ja mal gemeinsam losziehen und gucken, wo was los ist.“

„Gute Idee“, freute sich Tobias. „Aber jetzt muss ich meiner Mutter erst mal das demolierte Fahrrad und die zerrissene Hose beichten.“

Sie hielten vor Tobias’ neuem Zuhause.

„Kommst du noch mit rauf?“

„Ich kann nicht. Meine Schwester wartet auf mich. Wir wollen ein neues Spiel auf dem Computer installieren. Wir sehen uns morgen in der Schule.“

„Du hast einen eigenen Computer?“

„Mit meiner Schwester zusammen“, nickte Philipp“, hast du auch einen?“

„Ich bekomme vielleicht demnächst einen eigenen.“

„Toll“, sagte Philipp. „Also, dann bis morgen!“

Er wendete sein Rad und rauschte davon.

„Bis morgen! Und vielen Dank noch mal!“, rief Tobias ihm nach.

Der Gedanke, schon am ersten Tag einen neuen Freund gefunden zu haben, ließ ihn Schulter und Knie kaum noch spüren.

… neue Feinde

„Viel Glück für deinen ersten Tag“, raunte Frau Grüttner ihrem Sohn zu, als sie den langen Flur der neuen Schule entlanggingen, auf der Suche nach dem Rektorzimmer. Sie wusste, dass sie ihn jetzt weder in den Arm nehmen noch ihm einen Kuss geben durfte. Es war ungeheuer peinlich, wenn die anderen einen dabei beobachteten, wie man – als Zehnjähriger – von seiner Mutter geküsst wurde.

„Danke“, raunte Tobias zurück. „Holst du mich nachher wieder ab?“

„Klar. Ich will nur erst einmal hören, wann du heute aus der Schule kommst. Dann bringe ich als Erstes dein Fahrrad zur Reparatur und schaue mich dabei gleich in Sanddorf ein wenig um. Um 10.00 Uhr habe ich einen Termin in meiner neuen Kanzlei. Ich soll mich vorstellen. Danach hole dich wieder ab. Ehe wir nach Hause fahren, müssen wir allerdings noch eine neue Hose für dich besorgen, die alte hat ja nicht lange gehalten.“

Tobias nickte. Seine Mutter war ganz schön erschrocken gewesen, als er gestern Nachmittag nach Hause gekommen war. Nicht nur wegen der Hose und des verbogenen Fahrrades. Sie hatte entdeckt, dass auch die Schulter völlig verschrammt und das Hemd aufgerissen war. Zum Glück hatte er ihr ausreden können, einen Arzt aufzusuchen. Mütter sind immer so übertrieben besorgt!

„Hier ist es“, sagte seine Mutter und klopfte an die Tür des Schulleiters.

„Bärmann – Rektor“, stand auf einem kleinen Schildchen neben der Tür. Ein mittelgroßer bärtiger Mann von kräftiger Statur öffnete und begrüßte sie freundlich.

„Kommen Sie herein und nehmen sie Platz“, sagte er und deutete auf zwei Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen.

„Sie sind neu zugezogen?“, fragte er und blätterte in einer dünnen Akte.

„Gestern erst“, nickte Frau Grüttner. „Nach Dolben.“

„Dann müssen wir erst einmal eine Klasse für dich finden“, überlegte er und lächelte Tobias an. „Irgendwelche Wünsche?“

„5 b“, sagte Tobias spontan, und seine Mutter schaute ihn überrascht an.

„5 b ist gut“, nickte Bärmann gleichmütig. „Die haben heute eine Stunde eher aus. Hast du das gewusst?“

„Nein“, erwiderte Tobias wahrheitsgemäß, und sein Herz klopfte ihm vor Freude bis zum Hals. Er hätte sich nicht im Traum vorstellen können, dass man ihn fragen würde, in welche Klasse er gehen möchte! Philipp würde Augen machen!

„Es wird gleich läuten“, sagte Bärmann“, ich bringe dich in deine neue Klasse. Deine Klassenlehrerin ist Frau Lüttke. Sie wird sich um alles weitere kümmern.“

Und an Frau Grüttner gewandt fügte er hinzu: „Tobias wird heute um viertel vor Eins aus der Schule kommen.“

Frau Grüttner bedankte sich und verabschiedete sich von beiden. Als sie auf dem Flur auseinandergingen, winkte ihr Tobias unauffällig nach, was sie ebenso unauffällig erwiderte.

***

Es war 11.45 Uhr, als Tobias zur zweiten großen Pause zum ersten Mal den Schulhof betrat. In der ersten großen Pause hatte er vom Schulassistenten die Bücher bekommen und zu seiner Überraschung festgestellt, dass das Mathebuch das gleiche war, das sie an seiner alten Schule auch schon gehabt hatten. Dann war er mit Philipp und ein paar Klassenkameraden durch die Schule gepilgert und hatte sich mit den Örtlichkeiten vertraut gemacht.

Er hatte im Großen und Ganzen mit der 5 b eine gute Wahl getroffen. Fünf seiner neuen Klassenkameraden kamen aus Dolben, darunter zwei Mädchen. Sie waren sehr hilfsbereit gewesen, als er heute Morgen neu in die Klasse kam, und Philipp hatte erwartungsgemäß sehr überrascht geguckt.

Er hatte sich leider neben ein Mädchen setzen müssen, worüber einige ziemlich blöd gekichert hatten, aber neben Philipp oder den anderen Jungen war kein Platz mehr frei gewesen. Da sich Mareike jedoch überhaupt nichts daraus zu machen schien, ihm im Gegenteil gleich ihr Buch herüberschob, weil er noch keines hatte, da hatte es ihn auch nicht weiter gestört.

Tobias holte tief Luft. Er hätte jetzt gern einen Happen gegessen, hatte aber heute Morgen in der Aufregung sein Brot zu Hause liegen lassen. Der Vormittag hatte ihn ziemlich geschlaucht. So viele neue Eindrücke waren auf ihn eingestürmt, so viele neue Gesichter, so viele Fragen.

Er suchte in seiner Tasche nach einem Geldstück, um sich beim Hausmeister irgendetwas Essbares zu kaufen, stellte aber fest, dass er – natürlich – eine andere Hose anhatte als gestern. Genau aus diesem Grunde hasste er es, sich umzuziehen, weil alles, was man in diesem Moment brauchte, mit Sicherheit in der Hose steckte, die man gerade nicht anhatte.

Auf dem Schulhof entstand ein Tumult. Die Schüler liefen in Scharen zusammen und umringten zwei Jungen, die offensichtlich kurz davorstanden, sich zu prügeln. Tobias hatte keine Lust auf weitere Aufregungen und wollte sich gerade abwenden, als er be­merkte, dass einer der Streithähne Philipp war. Und ihm gegenüber standen nicht ein, sondern standen gleich drei Gegner, die ihn ernsthaft bedrohten.

Tobias bahnte sich eine Schneise durch die Menge.

„Was willst du Würstchen denn allein gegen uns drei ausrichten?“, hörte er den Wortführer der drei gerade sagen, wobei er Philipp einen kräftigen Stoß gegen die Schulter versetzte.

Er war etwas größer als Philipp. Tobias schätzte, dass er in eine der 6. Klassen gehörte.

Tobias stellte sich direkt neben Philipp und sagte ganz ruhig:

„Du kannst wohl nicht zählen, Rambo. Wir sind zu zweit, und solltest du einen von uns noch einmal anfassen, fängst du dir ein Paar rote Ohren ein.“

Dem Wortführer verschlug es für einen Augenblick die Sprache. Für einige Sekunden wurde es merklich stiller um sie herum. Man konnte sehen, wie es in ihm arbeitete, weil er Tobias noch nie zuvor gesehen hatte, und ihn deshalb auch nicht einschätzen konnte. Sekunden später hatte er sich aber wieder in der Gewalt.

„Hör mal, Kleiner, du bist wohl lebensmüde“, drohte er und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Mit einem raschen Griff packte er Tobias am Kragen und zog ihn zu sich heran. Tobias aber ergriff mit beiden Händen die Jacke seines Gegners und ließ sich rücklings auf den Boden fallen. Im Fallen riss er seinen Kontrahenten mit sich, der der Länge nach über ihn hinweg auf den Boden stürzte. Mit einer kurzen Drehbewegung war Tobias über ihm und drückte sein Gesicht nach unten auf den Boden.

„Na, was ist jetzt? Reicht es fürs Erste oder willst du noch eins aufs Auge?“, fragte Tobias ganz außer Atem.

Die beiden Freunde des am Boden Liegenden schickten sich an, ihm zur Hilfe zu eilen, aber da machte Philipp einen Schritt nach vorn und drohte:

„Lasst es lieber, sonst liegt da gleich noch einer auf der Erde.“

„Haut ’se, haut ’se, immer auf die Schnauze!“, schrien die Umherstehenden im Chor, aber da bahnte sich schon ein Lehrer den Weg durch die Menge und beugte sich zu den beiden herunter.

„Was ist hier los?“, fragte er scharf.

Tobias erhob sich langsam und auch sein Gegner rappelte sich auf. Sein Gesicht war vom Schmutz des Schulhofes ganz streifig, wies aber ansonsten keine Verletzungen auf.

„Wir sind irgendwie übereinander gefallen“, sagte Tobias. „Sonst war eigentlich nichts.“

„Stimmt das, Marco?“, fragte der Lehrer nun den anderen, der sich mit dem Ärmel seiner Jacke den Dreck aus dem Gesicht wischte.

„Ja, so ungefähr.“

„Dann geht euch jetzt lieber aus dem Weg“, schlug der Lehrer vor und wandte sich ab.

„Wir sehen uns noch“, zischte Marco Tobias zu und wandte sich ab. Seine Freunde folgten ihm.

„Ich freue mich drauf“, rief Tobias ihnen nach.

Philipp trat an ihn heran.

„Mann, das war ja eine tolle Vorstellung von dir“, sagte er. „Danke für deine Hilfe.“

„Worum ging es eigentlich?“, fragte Tobias.

„Die drei sind aus Dolben, und zwar aus dem alten Dorf. Sie können die Leute aus dem Neubauviertel nicht leiden, weil die für sie die Reichen sind, die angeblich ihr Dorf kaputtmachen, oder so. Jedenfalls müssen sie sich dauernd aufspielen. Von daher war es mal ganz gut, dass sie jetzt eins aufs Maul bekommen haben.“

„Das Problem ist nur, dass der Streit in Dolben weitergehen wird. Sie werden uns nicht in Ruhe lassen“, gab Tobias zu bedenken.

„Gemeinsam sind wir stark“, sagte Philipp feierlich und klopfte Tobias auf die Schulter.

Der schaute an sich herunter und stöhnte auf.

„Meine Mutter bringt mich um“, seufzte er und klopfte vergeblich an seiner Hose herum. „Das ist die zweite versaute Hose in zwei Tagen.“

***

„Wie siehst du denn schon wieder aus“, empfing Frau Grüttner prompt ihren Sohn, als er zu ihr ins Auto stieg.

„Tut mir leid, bin hingesegelt“, sagte Tobias und verschwieg den wesentlichen Teil des Vorfalles, der zu dem wenig schönen Aussehen seiner Hose geführt hatte.

„Dann kaufen wir wohl besser gleich zwei Hosen“, schlug seine Mutter vor und übersah bewusst den gequälten Gesichtsausdruck ihres Sohnes.

Tobias konnte Klamotteneinkaufen nicht ausstehen.

Frau Grüttner parkte auf dem Parkplatz eines Bekleidungshauses. Gelangweilt folgte er ihr in das große Geschäft.

Mutter und Sohn brauchten fast eine halbe Stunde, um für Tobias zwei Hosen auszusuchen. Der hatte in dieser Zeit mehr als einmal das Gefühl, in der Kabine ersticken zu müssen.

„Und solltest du weiterhin einen derartigen Verschleiß an Hosen haben“, sagte sie beim Einsteigen in den Wagen, „werden wir hier öfter mal ein Stündchen zubringen. Überleg dir das also.“

Tobias schwor sich, nur noch wie ein Balletttänzer zu schweben. Insgeheim freute er sich über die neuen Hosen, in denen er echt cool aussah. Er wusste, dass es seiner Mutter nicht leichtfiel, mal eben so viel Geld für seine Sachen auszugeben, bloß weil er nicht aufpassen konnte. Aber vielleicht würde sich das mit dem Geld ja mal ändern, jetzt, wo seine Mutter eine neue Stelle hatte.

„Wie war es eigentlich heute bei deiner neuen Stelle in der Kanzlei?“, fragte er unvermittelt.

„Ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr fragen“, erwiderte sie lächelnd und bog auf den Parkplatz eines chinesischen Restaurants ein. „Ich glaube, wir haben heute einen Grund zum Feiern.“

„Wir gehen essen?“, freute sich Tobias.

Sie waren seit ewigen Zeiten nicht mehr zusammen essen gewesen. Mehr als zu einer Bratwurst hatte es nie gereicht. Und für chinesisches Essen ließ er sowieso alles stehen und liegen.

„Ich wurde sehr freundlich bei einer Tasse Kaffee empfangen“, berichtete sie, als sie sich zwei Plätze am Fenster ausgesucht hatten. „Die Kanzlei besteht aus drei Rechtsanwälten, einer Schreibkraft und mir als Fachangestellte für Rechtsanwalts- und Notariatsange­legenheiten. Meine Chefs sind Herr Dr. Schirmer, der auch Notar ist, und Herr Dr. Steiner, der übrigens auch irgendwo in Dolben wohnt. Er ist der Strafrechtler und macht einen sehr netten und lockeren Eindruck.“

„Bestraft der die Verbrecher vor Gericht?“, fragte Tobias.

„Der verteidigt Straftäter vor Gericht, damit sie nicht unschuldig hinter Gitter kommen“, erklärte Frau Grüttner.

„Das stelle ich mir unheimlich spannend vor“, sagte Tobias. „Der muss ja den ganzen Tag mit richtigen Gangstern zu tun haben.“

„So ungefähr“, lachte seine Mutter und schlug die Speisekarte auf.

Sie blätterten langsam von den Vorspeisen über die Hauptgerichte zu den Desserts und entschieden sich dann, den Mittagstisch zu nehmen.

„Darf ich die Lychees zum Nachtisch?“, fragte Tobias und freute sich, dass seine Mutter nickte.

Ein freundlicher Chinese brachte ihnen ihre Getränke, und Tobias stieß mit seiner Mutter an.

„Auf deine neue Stelle, Mama“, prostete er ihr zu. „Du hast aber noch gar nicht von dem dritten Rechtsanwalt erzählt.“

„Der Dritte im Bunde ist Herr Neuberger. Der ist jünger als die anderen beiden, etwa so alt wie ich. Er ist in der Kanzlei für Zivilklagen und das Verkehrsrecht zuständig, also zum Beispiel für Schadensersatzklagen und Verkehrsunfälle.“

„Wenn ich also gestern in ein Auto hineingerauscht wäre statt in eine Baustelle, hätte er mich vor Gericht verteidigt?“, wollte Tobias wissen.

„Er hätte uns sicher geholfen, mit deinem Unfallgegner klarzukommen“, nickte seine Mutter.

„Beruhigend zu wissen“, stellte Tobias erleichtert fest.

Die Suppe wurde serviert, und beide aßen mit sichtlichem Appetit.

„Und wie war dein erster Schultag in Sanddorf, abgesehen davon, dass du schon wieder hingefallen bist? “

Tobias erzählte von den Klassenkameraden und den Schulbüchern, vom Gebäude und den Hausmeistern, von seiner Platznachbarin und dem Schulassistenten. Von seiner ersten Prügelei erzählte er nichts. „Der Philipp, von dem ich dir gestern erzählt habe, ist auch in der 5 b. Deshalb wollte ich so gern in diese Klasse. Er ist der Einzige, den ich hier schon kenne.“

Seine Mutter lächelte. „Ich habe mich schon gewundert, wieso du unbedingt in diese Klasse wolltest.“

Das Hauptgericht wurde serviert.

„Was ist eigentlich mit meinem Fahrrad?“, fragte Tobias und schaufelte sich eine ordentliche Portion Reis auf den Teller.

„Musste ich für zwei Tage abgeben“, berichtete sie. „Sie müssen das Vorderrad richten. Kriegen sie aber hin, haben sie gesagt.“

Tobias nickte.

„Ich habe mich heute Nachmittag mit Philipp verabredet. Wir wollen ein bisschen herumstromern und uns Dolben ansehen“, sagte er.

„Nichts dagegen“, erwiderte seine Mutter. „Aber komm nicht wieder mit zerfetzten Hosen nach Hause.“

„Indianerehrenwort“, schwor Tobias feierlich und hob drei Finger seiner rechten Hand.

Die Hexe und der verbotene Park

„Lass uns durchs alte Dorf gehen“, schlug Tobias vor. „Dann kannst du mir gleich mal zeigen, wo man hier einkauft.“

Philipp war einverstanden. Er hatte sein Rad bei Tobias vor der Haustür angeschlossen, als er hörte, dass dessen Fahrrad noch in der Werkstatt war. So marschierten sie los, ein Stück den Hasenring hinunter, dann links durch eine noch unbefestigte Seitenstraße und schließlich quer über ein unbebautes Grundstück, auf dem ein riesiger Berg Mutterboden lag. Sie kletterten rutschend und auf allen vieren den Berg hinauf und rannten ihn auf der anderen Seite wieder hinunter. Dann stiegen sie über einen kleinen Staketenzaun, schlichen über ein fremdes Grundstück und erreichten den alten Dorfkern von Dolben.

Das alte Dolben war sehr idyllisch. Neben der schmalen Durchgangsstraße lag der Dorfteich umringt von kleinen Fachwerkhäusern, deren Dächer sich beinahe berührten. Ähnlich kleine Häuser standen rechts und links der Straße, manche noch mit Reet gedeckt, unterbrochen von etwas größeren Häusern, die neueren Datums waren und kleine Läden beherbergten. Dort gab es eine Bäckerei, eine Fleischerei, ein Schreibwarengeschäft, das auch Spielsachen führte, und ein kleines Bekleidungsgeschäft. Davon würde Tobias seiner Mutter sicherheitshalber nichts erzählen.

„Komm, wir quetschen uns zwischen den Fachwerkhäusern durch und schauen mal, wie es auf der Rückseite weitergeht“, schlug Philipp vor.

Sie gingen am Dorfteich vorbei und scheuchten dabei ein Entenpaar auf. Dann tauchten sie in den finsteren Schlund ein, den die beiden Hauswände mit ihren gerade einmal anderthalb Metern Zwischenraum ließen. Sie hörten Stimmen auf der Rückseite und hielten einen Augenblick inne.

„Warte einen Moment“, raunte Tobias seinem Freund zu und hielt ihn an der Schulter zurück.

„Wir können da nicht so einfach durchspazieren, wenn dahinter Leute sind.“

Philipp legte seinen Zeigefinger auf den Mund, um Tobias zu bedeuten, er solle leise sein, und schlich vorsichtig weiter die Hauswand entlang zum rückwärtigen Teil des Gebäudes. Tobias folgte ihm wenige Schritte auf Zehenspitzen, als er plötzlich eine fast lautlose Bewegung hinter sich wahrnahm. Er wirbelte herum und blieb erstarrt stehen. Direkt vor ihm stand eine alte Frau in einem schwarzen Umhang. Ihr hässliches zerknittertes Gesicht sah aus, als trüge sie eine Maske, und ihre Augen funkelten ihn böse an. Für einen Augenblick dachte Tobias, sein Herz bliebe stehen. Tausend Gedanken rasten durch seinen Kopf. Er dachte an Flucht, kam aber an der Frau, die ihn an eine Märchenhexe erinnerte, nicht vorbei. Nach hinten herauszuflüchten war ebenfalls nicht möglich, dann hätte er wahrscheinlich gleich mehrere Leute auf dem Hals. Und auf Philipp zu hoffen war aussichtslos: der war genauso gefangen wie er selbst.

Also hieß es, sich seinem Schicksal zu ergeben, was wohl mindestens eine Standpauke bedeutete. Doch es kam anders. Vollkommen unerwartet spuckte die Alte ihm ins Gesicht und packte ihn an der Schulter. Während sie ihn schüttelte, zischte sie ihn in einem eigenartig heiser-krächzenden Ton an:

„Geht nicht hin. Keiner darf hinein. Es ist verboten. Im Park wohnt der Tod. Niemand kommt aus dem verbotenen Park zurück.“

Während Tobias noch wie angenagelt und schreckensbleich vor der alten Hexe stand, hatte Philipp schon reagiert. Er hatte das Geräusch des Spuckens gehört, sich umgedreht und die beiden voreinander stehen sehen. Er war herbeigeeilt und hatte gerade noch die letzten Worte der Frau aufgeschnappt. Jetzt riss er Tobias von dem eisernen Griff der Alten los und zerrte ihn zur Rückseite der Häuser hin. Tobias’ Lebensgeister kehrten zurück, er stürzte fast, fing sich aber wieder und folgte Philipp dann mit schnellen Schritten.

„Los, nach hinten raus!“, kommandierte der und hatte das Ende des finsteren schmalen Ganges schon fast erreicht.

„Auch Ihr kommt nicht zurück“, rief ihnen die Alte mit heiserer Stimme nach. „Es ist verboten!“

Entgegen ihrer Erwartung öffneten sich hinter den gedrungenen Fachwerkhäusern keine Gärten, sondern ein Stückchen Wiese, hinter dem sich quer zu den Häusern ein unbefestigter Weg aus dem Dorf herausschlängelte.

Die Jungen hetzten den Weg hinunter und sprangen hinter dem Dorf in einen tiefen Graben, der zu ihrem Glück noch kein Wasser führte, weil der September sehr trocken gewesen war. Die Böschungen des Grabens waren mit hohem Gras bewachsen. Hier waren sie erst einmal in Sicherheit.

„Bäh, so ein Schwein“, erregte sich Tobias und wischte sich mit seinem Hemd das Gesicht trocken. „Rotzt die mir glatt ins Gesicht!“

„Die war doch nicht ganz frisch“, meinte Philipp noch ganz außer Atem. „Oder war sie besoffen?“

„Ist mir ziemlich egal“, schimpfte Tobias. „Es war jedenfalls ekelhaft. Alte Hexe!“

Mit einem anderen Stück seines Hemdes wischte er sich noch einmal durchs Gesicht.

„Was wollte die eigentlich von uns?“, fragte Philipp und lugte vorsichtig über den Böschungsrand hinaus.

„Die hat nur herumgesponnen“, meinte Tobias und würgte sein Hemd wieder in die Hose. „Aus irgendeinem verbotenen Park kämen wir nicht wieder zurück, weil da der Tod lauert, oder so.“

„Klingt ziemlich verkalkt“, lachte Philipp.

Eine Wiesenschnake, im Volksmund „Schneider“ genannt, tänzelte schwerfällig in der Nachmittagssonne zwischen ihnen hindurch und berührte mit ihren langen Beinen zweimal wippend Philipps Haar.

Der vertrieb sie, indem er energisch den Kopf schüttelte.

„Wollen wir weiter? Die Luft ist rein.“

Tobias nickte, wischte sich noch einmal mit dem Handrücken über Mund und Nase und erhob sich. Sie kletterten aus dem Graben und orientierten sich erst einmal, um festzustellen, wo sie waren.

Vor ihnen lag das alte Dorf, im Hintergrund, etwas nach Süden versetzt, ragte ein Kran in die Lüfte, der im Neubaugebiet stand, das von hier aus selbst aber nicht zu sehen war. Der Weg, auf dem sie standen, führte vom Dorf weg auf ein kleines Wäldchen zu, in das sich ein kleines Haus hineinduckte, als wolle es sich verstecken.

Die Jungen hatten das Haus fast gleichzeitig entdeckt und schauten sich an.

„Wollen wir hin?“, fragte Tobias.

„Ich liebe alte Häuser“, lachte Philipp und trabte los.

Nach der Erfahrung von eben blieben sie zunächst in vorsichtigem Abstand von dem kleinen Gebäude stehen. Es sah einem Friesenhäuschen sehr ähnlich, wie Tobias es im letzten Jahr in Schleswig-Holstein kennengelernt hatte, als er mit dem Sportverein an der Nordsee war. Das schmale Mittelteil ragte schlank in die Höhe, während rechts und links von ihm die Dachflächen nach vorn zeigten. Diese tief heruntergezogenen Flächen vermittelten tatsächlich den Eindruck, als ducke sich das Haus. Kleine Sprossenfenster hingen ein wenig schief in ihren Fensteröffnungen, und die Haustür bestand aus schweren, zusammengezimmerten Bohlen, die irgendwann einmal mit Farbe angestrichen gewesen waren. Jetzt allerdings sah man nur noch kleine Reste abblätternder Farbe, die darauf hindeuteten, dass die Tür einmal blau gewesen sein musste. Im schlanken Mittelteil des Hauses, über der Haustür, verschloss ein Fensterladen eine kleine Luke.


Überrascht waren die Jungen, dass im rechten Teil des Hauses noch Gardinen hingen, auch wenn sie bestimmt schon Jahre lang nicht mehr gewaschen worden waren. Der linke Teil des Hauses sah unbewohnt aus.

„Da wohnt noch jemand“, stellte Philipp leise fest.

„Lass uns hinten herum gehen“, raunte Tobias. „Ich habe keine Lust, mich heute noch einmal anspucken zu lassen.“

In großem Bogen umgingen sie das Haus, kletterten über einen Graben und gelangten bald an eine mindestens zwei Meter hohe Mauer aus Feldsteinen, die dicht mit Efeu überwuchert war.

„Wahnsinn“, staunte Philipp, „das muss ein riesiges Grundstück sein. Hast du gesehen, wie lang diese Mauer ist?“

„Hundert Meter, schätze ich, und hinter Bäumen völlig versteckt. Von draußen nicht zu sehen.“

„Ob das alles zu dem kleinen Häuschen da vorne gehört?“, überlegte Philipp.

„Wäre möglich. Mich würde brennend interessieren, wie es hinter dieser Mauer aussieht“, meinte Tobias und schaute sich suchend nach einer Möglichkeit um, die Mauer zu überwinden.


„Wenn das Grundstück zum Haus gehört, ist es mit Sicherheit kein gepflegter Garten“, vermutete Philipp. „Lass uns ein Stück an der Mauer entlanggehen, vielleicht finden wir eine Stelle, an der wir hinaufklettern können.“

So marschierten sie im Gänsemarsch die Mauer entlang und schauten nach einer Lücke, durch die sie hindurchgelangen konnten. Die Mauer erwies sich aber im Gegensatz zu dem Haus als außerordentlich gut erhalten, und sie fanden kein einziges Loch. Vielleicht lag es daran, dass die Mauer in ihrer gesamten Länge von Schwarzerlen und Birken eingefasst war und ihr auf diese Weise über all die Jahre Schutz geboten hatten. Nach fast hundert Metern endlich knickte die Mauer rechtwinklig ab. Und auf der Stirnseite des Grundstückes hatten sie Glück. Eine Birke war bei einem der letzten Stürme entwurzelt worden und von außen gegen die Mauer gefallen. Sie stand da wie eine Leiter an die Mauer gelehnt und forderte die Jungen geradezu auf, an ihrem Stamm emporzuklettern.

Tobias machte den Anfang. Auf allen vieren zog er sich vorsichtig nach oben und bemühte sich, vom Stamm nicht abzurutschen. Er hatte Glück, dass am oberen Teil des immer schmaler werdenden Stammes rechts und links genügend kleine Äste abgingen, die er als Haltegriffe nutzen konnte.

„Ich bin oben“, meldete er an Philipp weiter, als er vom Stamm auf die Mauer gesprungen war.

Philipp hatte auch schon die Hälfte des Aufstiegs hinter sich gebracht.

„Wie viel Platz ist da oben?“, fragte er hinauf.

„Fünfzig Zentimeter, schätze ich“, gab Tobias zurück und streckte seine Hand aus, um seinen Freund das letzte Stückchen auf die Mauerkrone herüberzuziehen.

„Mann, staunte Philipp. „Ein verwilderter Park.“

„Park?“, stutzte Tobias und schaute Philipp überrascht an. „Glaubst du, das ist der verbotene Park, von dem die alte Hexe gefaselt hat?“

„Wäre auf jeden Fall spannend“, grinste Philipp. „Wir sollten mal ausprobieren, ob da unten tatsächlich der Tod lauert.“

„Und wenn er uns geschnappt hat, erscheinen wir der Alten als Gespenster, spucken ihr ins Gesicht und wimmern: „Alte, du hattest ja so recht!“

Tobias sagte das in einer solchen Grabesstimme, dass Philipp vor lauter Lachen fast von der Mauer fiel.

„So, und wie kommen wir da jetzt herunter?“, fragte Tobias, als sich Philipp beruhigt hatte.

„Ganz einfach: springen!“ Und er machte einen gewaltigen Satz von der Mauer in das Innere des Parks.

„Bist du verrückt?“, rief Tobias erschrocken herunter. „Da kommst du nie wieder heraus! Oder siehst du irgendwo eine Leiter?“

„Oh, Mist, daran habe ich gar nicht gedacht“, erwiderte Philipp und schaute sich nach einem Hilfsmittel um, mit dem er auf die Mauer zurückgelangen konnte. Dann schüttelte er den Kopf.

„Keine Leiter in Sicht. Aber wenn du auch herunterkommst, können wir eine Räuberleiter machen. Ich ziehe dich dann von oben auf die Mauerkrone.“

„Witzbold! Dann kann ich dich auch gleich selbst auf die Mauer ziehen!“, sagte Tobias und tippte sich an die Stirn.

„Aber dann können wir den Park vorher nicht mehr erkunden“, grinste Philipp.

„Also gut, probieren wir’s“, stimmte Tobias zu und sprang hinunter. „Wenn das mit deiner Räuberleiter nachher nicht klappt, sind wir hier gefangen“, gab er zu bedenken, als er sich aufgerappelt hatte.

„Dann werden wir gemeinsam elendiglich sterben“, meinte Philipp theatralisch, griff sich an sein Herz und ließ sich rücklings in das hohe Unkraut fallen.

Ganz so witzig fand Tobias diese Theatereinlage nicht. Er grinste zwar, aber die Vorstellung, in einer Stunde, wenn es dämmrig zu werden begann, hier immer noch festzusitzen, ließ ihm ein wenig mulmig werden.

„Okay, dann komm“, sagte er, und bemühte sich, selbstbewusst zu wirken. „Aber leise und vorsichtig.“

Sie schoben sich durch hohes Gras und Unkraut zwischen dicht stehenden Erlen, Birken und Weiden hindurch Meter um Meter vor. Hin und wieder versperrten ihnen Kiefern und Zypressen oder auch behauene Natursteine und polierte schwarze Platten den Weg.

„Ziemliche Wildnis hier“, stellte Philipp fest und schaute sich vorsichtig um.

„Die haben hier alte Grabsteine abgekippt“, wunderte sich Tobias. „Die meisten, die hier in der Gegend herumliegen, sind zerbrochen.“

Vor ihnen ragte dichtes Gestrüpp auf, durch das sie sich vorsichtig hindurcharbeiteten.

„Da vorn steht ein Pavillon“, meldete Tobias, der vorgegangen war. „Sieht aus wie ein Tempel.“

Sie schlichen von hinten an den Pavillon heran, der etwa sechs mal sechs Meter groß war und ein kleines, flaches Satteldach trug. Auf seiner Rückseite zeigte er keinerlei Fensteröffnungen, war also zum Anschleichen gut geeignet. Sie lugten vorsichtig um die Ecke. Ein kleines, vergittertes Fensterchen zeigte nach Osten und den Eingangsbereich zierten zwei Säulen.

„Das ist weder ein Pavillon noch ein Tempel, das ist eine Gruft“, flüsterte Philipp erschaudernd.

„Dann ist das ganze hier kein Park, sondern ein alter Friedhof“, stellte Tobias fest.

„Deshalb auch überall die umgekippten Grabsteine!“

„Die Alte hatte recht. Hier lauert der Tod.“ Philipp erschauderte noch einmal.

„Spinn nicht rum“, sagte Tobias rau, um sich selbst etwas zu beruhigen. Ihm war nicht ganz wohl in seiner Haut. „Hier lauert überhaupt nichts außer Unkraut und Mücken.“

Er schlug sich kräftig auf den Unterarm, um einen der kleinen Blutsauger zu erwischen, der ihn schon geraume Zeit umschwirrt hatte.

„Aussichtsturm?“, fragte Philipp und zeigte nach oben.

„Du willst im Ernst aufs Dach der Gruft klettern?“ Tobias schaute ungläubig nach oben.

„Klar, von oben haben wir bestimmt einen Überblick über das ganze Gelände. Es sind doch höchstens zwei Meter. Wir nehmen das Fenstergitter als Leiter.“

„Da müssen wir auch erst einmal drankommen“, gab Tobias zu bedenken.

„Räuberleiter“, schlug Philipp vor. „Ich ziehe dich dann nach.“ Tobias stellte sich mit dem Rücken an die Wand, das Fenstergitter über sich. Er verschränkte die Finger seiner Hände zu einem Steigbügel und ließ Philipp aufsteigen. Der zog sich erst an Tobias Hals, dann am Gitter hoch und trat schließlich mit dem anderen Fuß ins Fenstergitter.

„Jetzt du“, sagte Philipp und griff nach Tobias ausgestreckten Händen. „Häng dich erst einmal ans Gitter.“


Damit zog er, so kräftig er konnte, seinen Freund in die Höhe, bis der sich am Gitter mit beiden Händen festhalten konnte. Während Tobias versuchte, mit den Füßen an der Hauswand Halt zu finden und sich hochzudrücken, schwang sich Philipp auf das Satteldach und machte das Gitter frei. Tobias rechter Fuß hakte sich im Gitter ein, sodass er sich weiter nach oben ziehen konnte. Keuchend schwang er sich zu Philipp aufs Dach, wo sie sich flach auf die stark ramponierte Dachfläche legten und vorsichtig über die Steinblende spähten, mit der man die ganze Giebelfront eingefasst hatte, sodass jemand, der vor der Gruft stand, das Dach von vorn gar nicht sehen konnte.

„Tatsächlich ein Friedhof“, stellte Philipp fest. „Von hier oben sieht man noch die alten Wege durch das Unkraut schimmern. Ist mir unten gar nicht aufgefallen. Ist ja der reinste Urwald.“

Ein kühler Windhauch streifte die beiden verschwitzten Jungen, was sie als sehr angenehm empfanden. Im Westen verfärbte sich die Sonne und schickte sich an, unterzugehen.

Tobias schaute auf seine Armbanduhr. „Wir sollten den Rückzug antreten“, schlug er vor, „bis wir über die Mauer sind, wird auch noch eine ganze Zeit vergehen. Hier haben wir, glaube ich, alles gesehen.“

„Denkste!“, wehrte Philipp ab. „Auf der anderen Seite des Daches ist ein ziemlich großes Loch. Lass uns mal hindurchgucken, ob irgendetwas zu sehen ist.“

Sie rutschten über den Giebel auf die andere Seite des Daches und schoben sich vorsichtig an den Rand des Loches.

Einige Sonnenstrahlen fielen schräg von vorn durch den Eingangsbereich und beleuchteten den Vorraum der Gruft mit schummrigem Licht.

„Mensch, sieh mal“, sagte Tobias aufgeregt. „Da in der Säulenhalle, im Eingangsbereich, geht ja eine kleine Treppe nach unten zu einer Tür!“

„Lass uns runterklettern und mal nachsehen, ob man die Tür öffnen kann“, schlug Philipp vor, der in diesem Moment nicht weniger aufgeregt war als Tobias.

„Meinst du, wir kommen unentdeckt durch die Halle?“, fragte Tobias zweifelnd.

„Wird sich finden“, sagte Philipp.

„Und wenn da Särge im Raum stehen?“

„Wird sich auch finden“, wiederholte Philipp und zuckte mit den Schultern.

Sie wollten sich gerade erheben, als Tobias seinen Freund festhielt und mit einem Ruck herunterdrückte.

„Achtung, da ist jemand!“, zischte er Philipp zu.

Erschrocken hielten sie die Luft an. Etwa fünfzig Meter vor ihnen sahen sie eine Gestalt, die sich durch Unkraut und Gestrüpp arbeitete und sich ab und zu dabei zur Erde beugte, als würde sie Steine aufsammeln. Die Gestalt hatte einen langen, dunklen Mantel an, der offen um sie herumwehte.

„Ein Mann“, flüsterte Philipp.

„Ich glaube auch“, erwiderte Tobias leise, „aber was macht er da?“

„Keine Ahnung. Sieht so aus, als suchte er etwas.“

„Was machen wir, wenn er näherkommt?“ Philipp sah seinen Freund besorgt an.

„Liegenbleiben. Hier oben vermutet uns keiner.“ Tobias hoffte, dass er recht behalten würde.

Tatsächlich entfernte sich der Mann nach einiger Zeit, die den Jungen wie eine Ewigkeit vorkam.

„Wir hauen ab“, schlug Philipp vor und ließ sich langsam zur Seite die Dachfläche hinuntergleiten. Am Rande des Daches drehte er sich auf den Bauch und ließ sich die zwei Meter von der Dachkante zum Boden herunterfallen. Tobias rutschte auf gleichem Wege hinterher und war froh, als er unbeschadet unten gelandet war. Im Schutze der Gruft verschwanden sie in das rückwärtige Gestrüpp und hockten sich nieder.

Sie wagten kaum zu atmen und horchten in das Gelände hinein, ob ihnen vielleicht jemand gefolgt sei. Tobias gab Philipp einen Wink, weiterzulaufen, aber gerade, als sie sich erhoben hatten, hielt Philipp ihn zurück.

„Verdammt, ein Hund“, stieß er aus und zeigte zur Gruft zurück.

Ein großes, schwarzes Tier stöberte im Bereich der Gruft herum, bog dann um die Ecke und kam direkt auf sie zu.

„Ach du Schande“, sagte Tobias atemlos und wollte gerade loslaufen, als Philipp ihn erneut festhielt.

„Stehen bleiben“, zischte er. „Ruhig stehen bleiben, er hat uns noch nicht gesehen.“

Beide legten die Arme an den Körper und hielten den Atem an. Ihre Gesichter zeigten starr nach vorn, und keiner von beiden wagte es, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.

Tatsächlich lief der Hund gute sechs Meter an ihnen vorbei, als ein gellender Pfiff aus dem vorderen Bereich des Geländes ertönte. Der Hund reagierte sofort. Er dreht auf dem Absatz um und lief ein zweites Mal an den im dichten Gestrüpp stehenden Jungen vorbei, um nach kurzer Zeit im Unterholz zu verschwinden.

Tobias atmete hörbar aus.

„Uff, das war knapp. Wieso warst du so sicher, dass er uns nicht sehen würde?“

„Ich bin mir jedenfalls ganz sicher, dass er uns entdeckt hätte, wenn wir wie zwei Verrückte vor ihm her durch das Unterholz gerannt wären.“

„Mann, deine Nerven möchte ich haben“, sagte Tobias anerkennend.

„Soll ich dir etwas verraten? Ich hätte mir vor Schiss beinahe in die Hose gemacht.“

Tobias sah seinen Freund bewundernd an. Er hatte noch nicht viele Jungen kennengelernt, die zugeben konnten, dass sie auch mal Angst hatten. Dass Philipp es ihm gegenüber zugegeben hatte, wertete er als Beweis seiner Freundschaft.

„Lass uns abhauen“, sagte er nach einem prüfenden Blick in Richtung Gruft. „Es wird schummrig, und wir müssen noch über die Mauer.“

Die Mauer war schnell und ohne Zwischenfälle erreicht. Es war die gleiche Stelle, an der sie vorhin von außen herübergeklettert waren. Nun standen sie vor dem Problem, hinaufzukommen.

„Räuberleiter“, sagte Philipp, als ginge es um das Alltäglichste der Welt.

Dieses Mal stellte er sich selbst vor die Mauer, aber Tobias konnte den Rand der Mauerkrone nicht erreichen.

„Stell dich auf meine Schulter“, sagte Philipp gepresst. Er kam langsam aus der Puste.

Tobias stellte seinen rechten Fuß auf Philipps linke Schulter und drückte sich langsam hoch, mit den Fingern die Mauer hinauftastend.

„Ich kann den oberen Rand erreichen“, meldete er. „Ich finde aber nichts, um mich festzuhalten. Es fehlen zwanzig Zentimeter.“

„Kannst du diesen verdammten Ast da oben nicht zu fassen kriegen?“, keuchte Philipp.

„Unmöglich. Der hängt ja noch ein Stück höher über der Mauer!“

„Dann komm runter. Ich kann dich nicht mehr halten!“

Tobias sprang von seiner Schulter, und beide ließen sich ins Gras fallen.

„Jetzt fehlt nur noch, dass der Köter hier auftaucht“, schnaufte Tobias. „Ich wusste gleich, dass wir da so leicht nicht wieder hinaufkommen.“

„Wir müssen irgendetwas finden, das etwa zwanzig Zentimeter dick ist“, stellte Philipp fest“, dann haben wir einen Sockel, auf den wir uns draufstellen können.“

„Ich hab’s“, rief Tobias aus. „Wir nehmen einen Grabstein! Die liegen doch hier überall herum.“

„Wir können es versuchen“, stimmte Philipp zu, „aber ich glaube, die sind tonnenschwer.“

Sie gingen auf die Suche und mussten ein ganzes Stück in Richtung Gruft zurückgehen, ehe sie eine alte Grabplatte fanden. Beiden war nicht wohl in ihrer Haut, schon wieder so weit in das Gelände vorgedrungen zu sein. Sie wussten, dass sie nicht allein waren. Wenn hier auch nicht der Tod lauerte, so doch auf jeden Fall ein Mann mit seinem Hund. Und der würde sicher nicht lange auf Erklärungen warten, was sie hier bei Einbruch der Dämmerung zu suchen hatten.

Gemeinsam versuchten sie, die Grabplatte anzuheben, aber der schwere Stein ließ sich höchstens um einen Zentimeter bewegen.

„Hast du noch eine gute Idee?“, fragte Philipp etwas ironisch.

„Vielleicht tut es auch ein Balken oder ein Baumstamm“, schlug Tobias vor.

In der Ferne erklang das tiefe Gebell eines großen Hundes.

„Wir müssen hier weg“, raunte Philipp und lief zur Mauer zurück. Tobias lief ihm in einem kleinen Bogen nach. Er wollte auf keinen Fall Trampelpfade hinterlassen.

Während er Philipp in einiger Entfernung folgte, sah er plötzlich, von Gras und Unkraut überwuchert, einen kleinen Haufen Bauschutt im Gestrüpp liegen. Aus dem Bauschutt ragte ein zehn Zentimeter dickes Kantholz von vielleicht fünfzig Zentimeter Länge. Er rüttelte es aus dem Schutt heraus und nahm es mit.

„Ein bisschen schmal, um damit auf die Mauer zu kommen“, urteilte Philipp, als ihm Tobias seine Entdeckung zeigte.

„Wir legen das Holz natürlich nicht quer vor die Mauer, sondern wir lehnen es aufrecht dagegen. Dann stehen wir nicht nur zwanzig Zentimeter höher, sondern einen halben Meter.“

Tobias stellte das Kantholz auf und lehnte es etwas schräg gegen die Mauer.

„Wer macht den Anfang?“, fragte er.

Das Hundegebell kam näher.

„Ich“, sagte Philipp schnell und erklomm das Holz.

„Ein paar Zentimeter musst du mir auf dem Holz schon lassen“, sagte Tobias. „Wie wollen wir sonst da oben eine Räuberleiter machen?“

Philipp versuchte, seinen Fuß ein Stück zur Seite zu nehmen, aber er verlor sein Gleichgewicht, das Holz fiel um, und er stürzte herunter.

„Gleich noch einmal“, ermunterte ihn Tobias. „Du musst deinen anderen Fuß in die Mauerritze da stellen. Dann hast du mehr Halt.“

Philipp versuchte es zum zweiten Mal. Dieses Mal stand er sicherer.

„Jetzt komm herauf“, forderte er Tobias auf.

Tobias stellte seinen rechten Fuß auf die fünf Zentimeter des Kantholzes, die Philipp ihm gelassen hatte. Dann zog er sich vorsichtig an ihm hoch und stellte seinen linken Fuß in den Steigbügel, den Philipp ihm hinhielt. Aber gerade, als er Philipps Steigbügel mit seinem ganzen Gewicht belastete, verlor dieser erneut das Gleichgewicht, und beide stürzten zu Boden.

„Wir kommen hier nie wieder heraus“, sagte Philipp resigniert.

Sein ganzes Selbstbewusstsein war auf einmal verschwunden.

„Keine Panik“, beruhigte ihn Tobias, und er war erstaunt, wie gelassen er das sagte.

„Vielleicht finden wir hier noch ein zweites Holz oder …“ Er sprang plötzlich auf.

„Ich habe eine bessere Idee. Zieh mal deine Jacke aus.“

Philipp entledigte sich wortlos seiner Jacke. Er fragte gar nicht nach, was Tobias damit wollte. Der knotete Philipps Jacke mit seiner eigenen an den Ärmeln zusammen und kletterte erneut auf den an der Mauer lehnenden Balken. Dann warf er die zusammengeknoteten Jacken über den Ast, der von dem entwurzelten Baum über die Mauer ragte, wobei er den einen Ärmel festhielt. Das Gewicht der Jacken bog den Ast hinunter, sodass Tobias nun den zweiten Ärmel fassen konnte. Wie mit einem Lasso zog er dann den Ast zu sich herunter.

„Komm auf den Balken und greif dir den Ast“, forderte Tobias, der sich krampfhaft bemühte, sein Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Philipp erklomm vorsichtig den Balken und konnte tatsächlich den heruntergebogenen Ast erreichen. Er zog sich vorsichtig hoch und stellte sich behutsam auf Tobias Schulter.

„Kannst du noch?“, fragte er besorgt. „Ich habe es gleich geschafft.“

„Beeil dich“, keuchte Tobias. „Ich rutsche gleich ab.“

Philipp stieß sich ab und stemmte sich auf die Mauer hoch. Der Ast schnellte nach oben, die Jacken flogen über die Mauer nach draußen und Tobias stürzte in hohem Bogen ins Gras.

„Ich bin oben“, meldete Philipp erleichtert von der Mauerkrone.

„Und ich bin wieder unten“, rief Tobias hinauf, wobei er sich aus dem Gras aufrappelte.

Das Bellen des Hundes kam dieses Mal aus Richtung der Gruft zu ihnen herüber.

„Wenn du es jetzt nicht schaffst, mich auf die Mauer zu holen, bekommt die Hexe doch noch recht“, raunte Tobias halblaut nach oben und stellte das Kantholz zum vierten Mal auf.

Während er auf den Balken kletterte, hatte Philipp die zusammengeknoteten Jacken aus dem umgefallenen Baum gefischt und ließ den einen Ärmel zu Tobias herab.

„Fass an, ich zieh dich hoch“, forderte er Tobias auf.

Tobias ergriff den Ärmel und Philipp zog beidhändig mit aller Kraft. Tobias schnellte nach oben und hangelte sich auf die Mauer.

Das Bellen kam bedrohlich nahe.

Die Jungen kletterten, so rasch es die anbrechende Dunkelheit zuließ, den Stamm hinunter und erreichten erleichtert sicheren Boden.

Auf der anderen Seite der Mauer hörten sie das Brechen von trockenen Zweigen und das Hecheln eines Hundes auf der Suche nach Eindringlingen.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
170 str. 17 ilustracji
ISBN:
9783991312413
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki