Czytaj książkę: «Auf leisen Sohlen»

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Horst Bosetzky

Auf leisen Sohlen

Der 28. Kappe-Fall

Kriminalroman

Jaron Verlag

Horst Bosetzky alias -ky lebt in Berlin und gilt als «Denkmal der deutschen Kriminalliteratur». Mit seiner mehrteiligen Familiensaga (schließend mit «Kartoffelsuppe oder Das Karussell des Lebens», 2012), dokumentarischen Spannungsromanen und biografischen Romanen avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Für die Krimiserie «Es geschah in Berlin», die er 2007 mit dem Jaron Verlag begründete, verfasste er mehrere Bände (zuletzt «Berliner Filz», 2016). Seine amüsanten Anekdoten zum Berliner Nahverkehr («Mit Genuss in Taxe, Bahn und Bus») erschienen 2016.

Originalausgabe

1. Auflage 2017

© 2017 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

Satz: Prill Partners|producing, Barcelona

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-95552-027-4

INHALT

Cover

Titel

Impressum

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

Es geschah in Berlin …

EINS

AN DEN KANÄLEN /Auf den dunklen Bänken / Sitzen die Menschen, die / Sich morgens ertränken. So depressiv wie in Joachim Ringelnatz’ Gedicht Berlin aus dem Jahre 1927 hätte es 1964 im eingemauerten West-Berlin eigentlich zugehen müssen. Doch die Halbstadt sah die beste kollektive Therapie darin, von Januar bis Dezember zu lachen, zu singen, zu tanzen und zu feiern. Die Jugend vergnügte sich im Jazzklub «Eierschale», der in einem Keller am Breitenbachplatz zu finden war, oder in der «Badewanne» in der Nürnberger Straße. Die Erwachsenen bevorzugten die «Waldbühne», die «Stachelschweine» oder das «Ballhaus Resi». Letzteres lockte mit riesigen bunt beleuchteten Wasserspielen auf der Bühne, mit Tischtelefonen und einer Rohrpostanlage. Jeder Tisch verfügte über eine Platznummer, die schon von Weitem erkennbar war. Und so konnte jeder männliche Besucher jederzeit und ohne dass es ihm peinlich sein musste, die Dame anrufen, der er sich nähern wollte.

Uwe Dreetz ging oft ins «Resi». Weniger um sich zu amüsieren, sondern mehr aus beruflichen Gründen. Er war nur ein kleiner Gauner, wollte aber gern das werden, was man seit der Zeit Kaiser Wilhelms II. einen Gigolo nannte, das heißt sexuell geprägte Beziehungen zu älteren Damen unterhalten und sich von ihnen aushalten lassen. Dass er mehrfach vorbestraft war, auch wegen einiger Gewalttaten, störte ihn nicht, er empfand es eher als Ritterschlag. Über die Warnung eines Sozialarbeiters in der JVA Tegel –«Uwe, wenn du so weitermachst, bringst du noch mal jemanden um und landest lebenslänglich bei uns»– hatte er nur gelacht.

Heinz, der Freund, mit dem Dreetz an diesem Tag im «Resi» war, pflegte zu sagen, er sei ein so gutaussehender Mann, dass ihn die Polizei eigentlich einsperren müsse. Manche erinnerte er sogar an Gregory Peck. Auf dem Kurfürstendamm war er schon einmal mit dem Schauspieler verwechselt und um ein Autogramm gebeten worden.

Heinz wunderte sich, dass Uwe Dreetz noch nicht zum Telefon gegriffen hatte. «Na, noch keine ältere Dame mit viel Zaster im Visier?»

«Doch, die Blondine da an Tisch 52.»

«Wahrscheinlich bezeichnet die Nummer ihr Alter. Fette Beute!»

Die Frau, die Uwe Dreetz im Visier hatte, hatte sich nach der Trennung von ihrem Mann in eine Pension in der Konstanzer Straße geflüchtet, doch dort fiel ihr die Decke auf den Kopf. Ihr Name war Gisela Wittenbeck.

«Gehen Sie doch ins ‹Resi›», hatte ihr die Pensionsinhaberin Gerda Groß geraten. «Da ist immer was los, und Sie kommen auf andere Gedanken.»

«Nur, wenn Sie mitkommen.»

«Na schön, meine Tochter kann sich um die Gäste kümmern», hatte Gerda Groß geantwortet.

Nun saßen die beiden Frauen im «Resi», hatten sich eine Flasche Riesling bestellt und warteten voller Spannung darauf, dass etwas geschehe.

Da klingelte auch schon das Telefon. Die Pensionsinhaberin riss den Hörer von der Gabel, hörte einen Augenblick zu und gab ihn dann sichtlich enttäuscht an Gisela Wittenbeck weiter. «Für Sie. Ein Süßholzraspler.»

Gisela Wittenbeck nahm den Hörer, presste ihn ans Ohr und murmelte eher abwehrend: «Ja bitte?»

«Guten Abend! Hier ist Gregory Peck. Ich bin nur nach Berlin gekommen, um Sie zu treffen. Werfen Sie doch einen Blick zu mir herüber, ich sitze am Tisch zwölf.»

Als Gisela Wittenbeck tat, wie ihr geheißen, konnte sie nicht anders, als laut auszurufen: «O Gott, das ist er wirklich: Gregory Peck!»

Die alte Dame hatte mit gefalteten Händen kerzengerade auf dem Küchenstuhl gesessen. «Haltung bewahren!» war die Devise ihres Lebens gewesen, und die hatte sie auch im Tod beherzigt. Während das Gas aus den vier Kochstellen ihres Herdes geströmt war, hatte sie gebetet.

So hatte ihr Sohn sie gefunden, und obwohl er schnell alle Fenster aufgerissen und die Feuerwehr und den Notarzt gerufen hatte, war sie nicht mehr zu retten gewesen.

Dieses Bild hatte sich in Ludwig Wittenbecks Gedächtnis eingebrannt und zerfraß seine Seele. Mit 62 Jahren hatte seine Mutter den Gashahn aufgedreht. Sie sei schwermütig gewesen, hatten die Ärzte gesagt. Wegen ihrer gedrückten Stimmung hatte man ihr ein Sedativum verschrieben. Aber «das chemische Zeugs» hatte sie nicht nehmen wollen, und lauwarme Bäder und Baldriantropfen allein hatten nicht geholfen. Sie hatte zu viel erlebt: den Tod ihres Ältesten und ihres Mannes im Krieg, die Bombennächte im Luftschutzkeller, zudem war sie viele Stunden lang verschüttet gewesen, nachdem ihr Mietshaus getroffen worden war, dann die Vergewaltigungen durch die Russen, nach Kriegsende die Berliner Blockade und schließlich den Bau der Mauer. Zu ihrem geliebten Gartengrundstück in Ost-Berlin hatte sie keinen Zutritt mehr gehabt.

Wittenbeck fürchtete, die Schwermut von seiner Mutter geerbt zu haben. Als seine Frau nach einem heftigen Streit ausgezogen war, hatte er schon einen Abschiedsbrief begonnen, ihn aber nie zu Ende gebracht und in seinem neuen Haus in der Kaubstraße versteckt.

Seit mich meine über alles geliebte Frau verlassen hat, habe ich meine gesamte Lebensenergie verloren. Ich habe zu nichts mehr Lust, kann mich auf nichts mehr konzentrieren, bin andauernd müde, kann aber nicht richtig schlafen, habe Angst, in meinem Haus überfallen und erschlagen zu werden, sehe andauernd meine tote Mutter vor mir, glaube, Krebs zu haben, fühle mich trotz meines Reichtums als Versager, denn die eigentlichen Ziele meines Lebens habe ich nicht erreicht. Nicht einmal Kinder habe ich zeugen können.

Wittenbeck hatte sich schon einmal auf dem Bahnhof Zoo vor einen D-Zug werfen wollen, aber die Lokomotive war erst in der Ferne, am Savignyplatz zu sehen gewesen, da war Thomas Suthfeld, sein Geschäftspartner, neben ihm aufgetaucht. Gemeinsam hatten sie die Pharmafirma Pulmo Sanitatem Berlin GmbH, kurz PSB, gegründet. So war Wittenbeck doch nicht gesprungen. Im entscheidenden Augenblick hatte er wieder einmal versagt.

Niemand ahnte etwas von seinen inneren Nöten, für seine Mitmenschen war er der überaus erfolgreiche Pharmazeut und Geschäftsmann, der sein Glück gemacht hatte.

Es war Sonntag. Alle Welt freute sich auf diesen Wochentag, Wittenbeck dagegen fürchtete ihn. Da saß er mutterseelenallein in seiner alten Villa in Kladow und verfluchte Gott und die Welt. Kladow – er konnte das Wort nicht mehr hören. Das Haus sollte verkauft werden, aber sein Makler hatte noch keinen zahlungskräftigen Käufer gefunden. Sein neues Domizil in der Nähe des Fehrbelliner Platzes war noch nicht bezugsfertig, weshalb er immer noch einige Tage und Nächte in Kladow verbrachte. Das wollte er bis zum Ende des Herbstes durchhalten, da er bis dahin draußen in der Gatower Heide und unten an der Havel noch ausgedehnte Spaziergänge unternehmen konnte.

Heute war der 13. September. Im RIAS wurde schon den ganzen Morgen über den Besuch Martin Luther Kings berichtet. Der amerikanische Bürgerrechtler und Baptistenpfarrer war für 48 Stunden nach Berlin gekommen. Wittenbeck ärgerte es, dass die Rundfunkleute nicht Martin Luther sagten, sondern «Martin Luser», als wäre der große Reformator ein Verlierer.

Eigentlich hatte Wittenbeck noch Friedrich Lufts Theaterkritik hören wollen – die Sätze, mit denen er seine Sendungen beschloss, waren in West-Berlin zu einer Standardwendung geworden: «Wie immer – gleiche Zeit, gleiche Stelle, gleiche Welle.» Doch bis drei viertel elf hielt es Wittenbeck in seinem einsamen Palast nicht mehr aus. Er holte seinen Mercedes aus der Garage, um in die Gatower Heide zu fahren. Der Große Glienicker See wäre näher gewesen, aber den hasste Wittenbeck, weil die Grenze zur DDR durch seine Mitte verlief und er das Elend der deutschen Spaltung dort allzu deutlich vor Augen hatte. Wittenbeck hatte seine Frau immer gewarnt, nicht zu weit hinauszuschwimmen, um nicht als Grenzverletzerin festgenommen zu werden.

Er wohnte in der Selbitzer Straße, die vom Ritterfelddamm abging. Nachdem er ein Stück in Richtung Havel gefahren war, bog er in den Kladower Damm ein, der über Gatow nach Spandau führte, vorbei an den Kasernen der Engländer und am Krankenhaus Havelhöhe. In ein paar Minuten war er am Windmühlenberg angekommen, parkte seinen Wagen in der Nähe eines Fußballplatzes und begann seinen Spaziergang. Rechts von ihm dehnten sich endlose Felder, links lag das Waldstück mit den Hellebergen und der Revierförsterei Gatow, geradeaus kam er zur Gatower Heide. Die bekannten Ausflugsziele der eingemauerten Frontstadt waren zumeist fürchterlich überlaufen, doch hier war West-Berlin noch ruhig und idyllisch. Wittenbeck liebte dieses Fleckchen Erde so sehr, dass seine Frau gelästert hatte, er wolle sicherlich auf dem nahen Landschaftsfriedhof Gatow begraben werden.

Gerade als er hoffte, keinem bekannten Gesicht zu begegnen, lief ihm Inge Bugsin über den Weg, die Tochter seines Saunafreundes Max, der mit Büromöbeln handelte und sich nach dem Mauerbau ein Grundstück mit Laube in Kladow gekauft hatte. Sie führte einen Dobermann an der Leine, der Wittenbeck aggressiv anbellte.

«Bronco, bist du wohl ruhig!» Inge riss heftig an der Leine. «Sitz!»

Wittenbeck lachte. «Ihr seid also auf den Hund gekommen …»

«Ja, Vati wollte einen haben, damit der den Garten bewachen kann.»

Inge ging auf die dreißig zu, war also sechzehn Jahre jünger als Wittenbeck und hätte an seiner Seite und in seinem Bett sicher besser gewirkt als alle erdenklichen Beruhigungsmittel.

«Haben Sie an die Salbe für meinen Vater gedacht?», wollte Inge wissen.

Wittenbeck fasste sich an den Kopf. «Was für eine Salbe?»

«Na, die gegen seine vielen Falten im Gesicht.»

«Ah, die Faltenfrei!», rief Wittenbeck. Seine Pharmafirma stellte zwar primär Mittel gegen Asthma her, entwickelte aber auch noch etliche Tabletten und Salben gegen andere Leiden. «Gott, die Salbe für Max! Die haben wir in letzter Zeit gar nicht mehr hergestellt. Die Produktion wird erst wieder am Montag aufgenommen. Es dauert dann noch eine Weile, bis die Salbe wieder zur Verfügung steht. Am besten, du kommst bei mir in der Kaubstraße vorbei und holst sie dir ab.»

In der Kaubstraße stand die Stadtvilla, die er gekauft hatte, bevor seine Frau ihn verlassen hatte. Gemeinsam hatten sie hier einen neuen Lebensabschnitt beginnen wollen. Nun zog Wittenbeck alleine in das Haus ein. Immerhin blieb ihm auf diese Weise der tägliche lange Weg zu seiner Firma erspart, die sich am Südstern befand, und er kam endlich aus Kladow raus.

Die Bugsins wohnten in der Koblenzer Straße, also nicht allzu weit entfernt von der Kaubstraße. Den kleinen Fußmarsch konnte er Inge durchaus zumuten, zumal sie mit dem Hund ohnehin spazieren gehen musste. «Ich sag dir mal, wann ich in den nächsten Tagen abends in der Kaubstraße sein werde.» Er zog den Taschenkalender hervor und wollte ihr die Termine nennen.

In diesem Augenblick entdeckte der Dobermann in der Nähe ein Eichhörnchen, sprang auf und riss Inge mit sich.

Wittenbeck sah ihr lange hinterher. Das wäre die richtige Frau für ein zweites Leben gewesen. Sie wollte in Kürze heiraten und mit ihrem zukünftigen Ehemann zusammenziehen. Aber was hieß das heutzutage schon?

Er setzte seinen Spaziergang fort und hoffte, dabei in eine Art Trancezustand zu fallen und alles, was ihn derzeit belastete, vergessen zu können. Er wollte eigentlich nichts anderes als die fließende, sonnenhelle Leere, doch immer wieder kamen unangenehme Erinnerungen in ihm hoch, sei es von einer Prüfung, die er in jungen Jahren nicht bestanden hatte, oder von einer Auseinandersetzung mit seiner Frau.

Wittenbeck gelangte zur Gatower Heide, die an der Potsdamer Chaussee endete und hinter der sich viele Kilometer lang Grenzzäune und Todesstreifen erstreckten. Auch hier hatte er das ganze deutsche Elend wieder vor Augen. Auf Höhe des britischen Schießplatzes machte er kehrt.

Als er wieder in seinen Wagen gestiegen war, zögerte er, den Zündschlüssel herumzudrehen. Es grauste ihn davor, in sein einsames Haus zurückzukehren. Und so machte er sich auf den Weg in die Firma. Fürs Theater, ein Konzert oder die Oper war es noch zu früh, und allein in einem Restaurant zu sitzen und zu speisen war nichts für ihn.

Von Gatow bis zum Südstern brauchte man auch an einem Sonntag eine gute Dreiviertelstunde. Wittenbeck fuhr die Gatower Straße hinauf Richtung Norden. Obwohl die Straße parallel zur Havel verlief, konnte er nur selten einen Blick auf den Fluss erhaschen, der hier die Breite eines Sees hatte und auf dem Ruderregatten ausgetragen wurden, seitdem den West-Berlinern und den bundesdeutschen Vereinen die olympische Strecke von 1936 in Grünau nicht mehr zur Verfügung stand. Vom anderen Ufer grüßten die Hügel des Grunewalds und der Kaiser-Wilhelm-Turm. Es war schon Jahre her, dass Wittenbeck den zusammen mit seinem Neffen Siegfried Heideblick bestiegen hatte.

Er erreichte die endlos lange Heerstraße. Bald war links die Pichelsdorfer Straße zu sehen, die in die Spandauer Altstadt führte. Während es in verschiedenen Stadtteilen, auch im Zentrum, schon das große Straßenbahnsterben gegeben hatte – denn weitsichtige Kommunalpolitiker hatten das große Ziel vor Augen, West-Berlin zu einer autogerechten Stadt zu machen –, zogen auf der Heerstraße die Züge der Linien 75 und 76 auf einem Nebenstreifen noch tapfer ihre Bahn. Auf der Freybrücke ging es nun hoch über die Havel hinweg, auf der noch immer viele Ausflugsdampfer und Sportboote zu sehen waren. Man lästerte, im eingemauerten West-Berlin könne man auf Wannsee und Havel trockenen Fußes ans andere Ufer gelangen, man bräuchte nur von einem Boot zum anderen zu springen. Unter ihm lag der dichtbewaldete Pichelswerder mit dem Siemens-Erholungsheim und seinen Ruderklubs.

Wittenbeck überfuhr die Brücke über den Stößensee und die Havelchaussee. Rechts gab es vor dem Scholzplatz noch immer ein Stück echten Grunewald. Hier hatte man im letzten Jahr einen 230 Meter hohen Sendeturm errichtet, damit die westlichen Programme besser in der DDR zu empfangen waren, als es mit dem alten Funkturm ermöglicht gewesen war. Hinter dem Scholzplatz gelangte man zum Postfenn mit seinem Schullandheim und dahinter zum Teufelsberg mit der Abhörstation der Alliierten. Bald sollte dieser aus Trümmern entstandene Berg mit Rodelbahn, Slalomstrecke und Sprungschanze ein bedeutendes Highlight West-Berlins werden. Ein solches war bereits das Le-Corbusier-Haus nahe dem Olympiastadion – West-Berlins Antwort auf Ost-Berlins Neubauten rund um die Karl-Marx-Allee. Es gab so viel zu sehen und zu entdecken, dass Wittenbeck eine Weile von seinen psychischen Nöten abgelenkt wurde.

Bald kam er zum ehemaligen Reichskanzlerplatz, der im Dezember des letzten Jahres nach dem gerade verstorbenen Theodor Heuss benannt worden war. Dort brannte die «Ewige Flamme» als Denkmal für die Opfer von Flucht und Vertreibung. Wittenbeck bog in die Masurenallee ein, und zwischen dem dunkelrot geklinkerten Funkhaus des Senders Freies Berlin und den Messehallen am Funkturm hindurch fuhr er auf die Neue Kantstraße. Weiter unten zog sich schon ein Stummel der neuen Stadtautobahn entlang, aber die reichte im Süden nur bis zum Hohenzollerndamm und brachte ihm nicht viel, wenn er nach Kreuzberg wollte. So musste er die West-Berliner Innenstadt durchqueren. Die Straßenschilder flogen an ihm vorüber: Savignyplatz, Tauentzien-, Kleist-, Bülow-, Goeben-, Yorck- und Gneisenaustraße. Endlich war er am Südstern angelangt.

Seine Firma, die Pulmo Sanitatem Berlin GmbH, befand sich in den Höfen, die in dem Winkel zwischen der Hasenheide und der Körtestraße lagen und von beiden Straßen aus betreten werden konnten. Hier waren um die Jahrhundertwende mächtige Fabrikgebäude entstanden, die recht schlicht gehalten und mit weißglasiertem Klinker verkleidet waren, der von Ornamenten aus grünen Kacheln durchbrochen wurde. Insgesamt gab es vier Innenhöfe. Dem Besucher fielen zuerst eine Villa im zweiten Hof und ein Glasgang im dritten Hof auf, der auf Höhe der ersten Etage die Gewerbehöfe mit der Villa verband. Und hoch über diesem Glasgang in der dritten und vierten Etage waren die Büro- und Fabrikationsräume der PSB untergebracht.

Wittenbeck suchte die nötigen Schlüssel heraus, um mit dem Außenfahrstuhl nach oben zu fahren. In seinem kleinen Reich angekommen, war ihm die sonntägliche Stille ganz ungewohnt, weil hier doch sonst große Geschäftigkeit herrschte. Er ging einen langen Flur hinunter, um sein Büro aufzuschließen, sich an den Schreibtisch zu setzen und die Liste mit den Apotheken durchzugehen, die man demnächst als Kunden gewinnen wollte.

Da sah er plötzlich einen Schatten die Wand entlanghuschen – und Sekundenbruchteile später auch den, der ihn geworfen hatte. Ein Einbrecher. Maskiert. «Halt! Oder …», rief er und verstellte dem Mann den Weg. Der zögerte nicht, ihn mit seinem Messer niederzustechen.

ZWEI

SIEGFRIED HEIDEBLICK war 1929 in Neukölln auf die Welt gekommen und hatte den Kiez um den Hermannplatz auch nie verlassen, obwohl er wusste, dass Neukölln auf der Skala der zwölf West-Berliner Bezirke ganz weit unten stand, nur Kreuzberg und Wedding galten weniger. Früher hatte man noch auf die Menschen herabblicken können, die im Scheunenviertel am Alexanderplatz, den Straßen um den Schlesischen Bahnhof und in der «Parochialritze» gelebt hatten. Doch das lag ja nun alles in Ost-Berlin, also sozusagen im Ausland, und zählte nicht mehr. Bis 1912 hatte Neukölln den Namen Rixdorf getragen. Dann hatten einige Rixdorfer Bürger gemeint, der Name ihres Ortes sei zu sehr mit proletarischen Vergnügungen verbunden, und man hatte beschlossen, sich in Neukölln umzubenennen.

Heideblick wohnte in einem alten Wohnhaus in der Hobrechtstraße, Ecke Lenaustraße, das den Krieg überstanden hatte. Schon vor einiger Zeit hatte er sich ein Grundstück draußen in Rudow gekauft, und seine Frau drängte ihn, dort endlich zu bauen. Doch er vertröstete sie Jahr für Jahr mit den Worten: «Wenn es mit der Firma wieder besser geht.»

Er hatte das Unternehmen Möbel-Heideblick in der Karl-Marx-Straße von seinem Vater geerbt. Doch im Augenblick liefen die Geschäfte schlecht. Wer im Krieg ausgebombt worden war, hatte sich schon längst neue Möbel gekauft, später auch noch Musiktruhe, Fernseher, Kühlschrank und Waschmaschine. Jetzt boomten das Auto- und das Reisegeschäft. Zudem war die Konkurrenz zu stark geworden. Heideblick versuchte es seit einiger Zeit mit der Bestuhlung von Kino- und Theatersälen, aber das hatte ihm die leeren Kassen auch noch nicht gefüllt. Die Werbesprüche Heideblick verhilft auch dir zum häuslichen Glück oder Möbelglück durch Heideblick hatten nicht den erhofften Erfolg eingebracht. Seine Frau Ute machte sich hin und wieder darüber lustig. Auch heute fragte sie spöttisch: «Siegfried Heideblick, verhilfst du mir mal wieder zum häuslichen Glück?»

«Das werde ich tun», brummte er, «und zwar, indem ich dich gleich verlasse und zum Fußball gehe.»

Ute lachte bitter. «Gut, dann kann ich ja in Ruhe zu meiner Mutter gehen.»

Mit Letzterer war Ute sowieso zum Kaffeetrinken verabredet. Sie verabschiedete sich mit einem Küsschen und machte sich auf den Weg. Heideblick blieb allein zurück und nahm sich noch einmal die Baupläne und Kalkulationen für «Bad Rudow» vor, wie er das geplante Eigenheim gern nannte. Gott, das war im Augenblick kaum finanzierbar! Doch Ute freute sich so auf ein Haus im Grünen.

Nach einer guten halben Stunde angestrengten Brütens packte er schließlich alle Unterlagen wieder zusammen und verließ die Wohnung, um zum Fußball zu gehen. Fußball war sein Lebensinhalt. Das wussten auch seine Angestellten, die ihm zum fünfzigjährigen Firmenjubiläum eine Zeichnung geschenkt hatten, auf der sein Kopf aus einem Fußball bestand. Als geborener Neuköllner war er eigentlich verpflichtet, Fan von Tasmania 1900 zu sein, die auch gerade wieder Berliner Meister geworden waren. Doch sein Herz schlug mehr für den 1. FC Neukölln, für den er einmal selbst gespielt hatte. Von der Bundesliga hielt er nicht viel, denn Hertha BSC war in der Saison 1963 / 64 gerade einmal auf Platz vierzehn gelandet. Eine Schande für West-Berlin! Deutscher Meister war der 1. FC Köln geworden. Wenn schon nicht Neukölln, dann immerhin Köln, dachte sich Heideblick. Die Ost-Berliner hatte es auch nicht besser getroffen, denn in der DDR war die BSG Chemie Leipzig Meister geworden.

Heideblick erreichte die Haustür und wollte sie schwungvoll aufreißen, doch irgendein Scherzbold hatte sie am helllichten Tage abgeschlossen. Um sie zu öffnen, musste er sein Schlüsselbund aus der Hosentasche ziehen und den Durchsteckschlüssel aus der Halterung lösen. Er verfluchte das Ding, das typisch für Berlin war. Nach dem Aufschließen musste man den Schlüssel durch das Schloss hindurchschieben und die Tür von der anderen Seite wieder abschließen, sonst bekam man den Schlüssel nicht wieder heraus. Nur der Hauswart hatte einen Spezialschlüssel. Also ging der Scherz wohl auf Konto dessen Sohns.

Heideblick besaß zwar zwei mit Reklame verzierte Lieferwagen, doch er hatte nie Lust gehabt, einen Führerschein zu machen. Und seinen Fahrer am Sonntag von Reinickendorf, wo der wohnte, nach Neukölln zu bestellen, hätte nur Ärger gebracht. Heideblick mochte auch nicht zur Haltestelle Sonnenallee, Ecke Hermannplatz gehen, um mit der Straßenbahn 95 zu fahren. Deshalb entschied er sich fürs Laufen. Schließlich tat er somit auch etwas für seine Gesundheit. Die Strecke von seinem Mietshaus bis zum Hertzbergplatz betrug gut zweieinhalb Kilometer. Die schaffte er spielend. Doch die Weserstraße, in die er nach ein paar Schritten einbog, war das, was sein Verkäufer, der aus Bremen stammte, einen «langen Jammer» nannte. Fast schnurgerade zog sie sich vom Kottbusser Damm bis zur Ringbahn am Bahnhof Sonnenallee.

Endlich hatte Heideblick den Hertzbergplatz und mit ihm das mehr als bescheidene «Stadion» des 1. FC Neukölln erreicht und seinen Stammplatz auf der westlichen «Tribüne» eingenommen, einen Stehplatz natürlich. Von hier aus hatte man einen weiten Blick Richtung Osten. Alle naselang tauchten die Maschinen der Pan Am und der BEA am Berliner Himmel auf, scheinbar aus dem Nichts kommend, und hatten schon die Räder ausgefahren, um wenig später in Tempelhof zu landen. Nachdem man West-Berlin eingemauert hatte, waren die drei Luftkorridore in Richtung Nord, West und Süd fast wieder so wichtig wie zu Blockadezeiten.

Jedes Flugzeug habe damit, so hatte es ihm seine vielseitig gebildete Tante Gisela aus Kladow einmal erklärt, die gleiche Bedeutung wie beim Cargo-Kult der Melanesier. Die hätten nämlich, als die ersten Flugzeuge hoch über ihren Köpfen aufgetaucht waren, geglaubt, ihre Ahnen wären aus Gräbern gestiegen, um ihnen wertvolle Waren aus dem Westen zu bringen.

Das Spiel begann, und Heideblick feuerte die «95er» in ihren blauen Hosen und gelben Hemden nach Kräften an. Bei jeder Spielunterbrechung wanderte sein Blick zum riesigen Komplex des Gaswerks Neukölln, das sich von der Sonnenallee bis zum Neuköllner Schifffahrtskanal zwischen dem Bahndamm und einer Laubenkolonie erstreckte. Gas brauchte man für die Herde und Thermen in den Wohnungen, für die Straßenlaternen, und wer unglücklich war … Doch an diese Einsatzmöglichkeit wollte er lieber nicht denken.

Kriminaloberkommissar Otto Kappe war eigens zum Zeitungskiosk am Kaiserdamm gelaufen, um sich den Telegraf zu kaufen. Denn heute sollte endlich der lange geplante Artikel über ihn und die Berliner Kripo erscheinen. Er konnte es nicht abwarten, bis er wieder zu Hause war, sondern fing schon auf dem Heimweg zu blättern an. Und tatsächlich fand er den Artikel mit dem Foto. Die Überschrift lautete: Die Verbrecherjagd liegt den Kappes im Blut – Wie Hermann Kappe, so der Neffe Otto.

Wir besuchen Kriminaloberkommissar Otto Kappe, 53, in seinem Büro in der Gothaer Straße. Er beugt sich nicht über einen Mann, der gerade erschossen worden ist, sondern über einen dicken Aktenordner. «Ich kümmere mich gerade um einige nasse Fische», erklärt er uns mit dem ihm eigenen Humor. «Das liegt daran, dass ich aus einer Fischerfamilie stamme, Wendisch-Rietz am Scharmützelsee.» Was «nasse Fische» sind, erfahren wir später: ungelöste Fälle. Immer wenn kein aktueller Mordfall anliegt, befassen sich die Beamten der Mordkommission mit ungelösten Fällen – vielleicht ist ja von den Kollegen doch etwas übersehen worden. Otto Kappe ist in Berlin geboren. Wie sein Onkel Hermann, Kriminalober kommissar a. D., ist er zuerst zur Schutzpolizei gegangen und von dort dann zur Kripo gekommen. 1938 hat er den Kommissarslehrgang in Charlottenburg absolviert, ist dann aber ins Abseits geraten, weil er nicht in die NSDAP und die SS eintreten wollte, und hat seinen Dienst in Litzmannstadt, heute Łódź, antreten müssen. Als seine Frau Gertrud dann schwanger wurde, durften sie wieder nach Berlin zurückkehren, wo auch der Sohn Peter zur Welt gekommen ist. Nach dem Krieg hat Otto Kappe zuerst beim englischen Sektorassistenten am Kaiserdamm gearbeitet, 1952 ist er dann zu einer der Mordkommissionen versetzt worden, sozusagen als Belohnung dafür, dass er mit einem Kollegen zusammen einen der Ganoven fassen konnte, der am Raub in der Eisenbahnverkehrskasse Unter den Linden beteiligt gewesen war.

1956 wurde Otto Kappe vom Dienst suspendiert, weil man ihn verdächtigte, bei einer Polizeirazzia aus niederen Beweggründen eine Frau niedergeschossen zu haben. Zusammen mit seinem Onkel Hermann stellte er aber Nachforschungen an und konnte seine Unschuld beweisen.

Hermann Kappe, Jahrgang 1888 und schon lange pensioniert, lobt seinen Neffen in den höchsten Tönen. Er sei intelligent, redegewandt und feinfühlig. Der Meinung sind auch Otto Kappes Kollegen, zum Beispiel sein Kriminalassistent Hans-Gert Galgenberg, dessen Großvater Gustav schon bei der Kripo gewesen ist.

Otto Kappe freute sich über das, was über ihn geschrieben worden war. Und am Kaffeetisch pflichtete ihm seine Frau Gertrud, nachdem sie alles überflogen hatte, bei. Schmunzelnd variierte sie den berühmten Spruch von Descartes: «Ich stehe in der Zeitung, also bin ich.»

«Nun ja …» Otto machte eine etwas hilflose Geste und gebrauchte einen Begriff, den sein Sohn Peter schon öfter verwendet hatte, der an der FU Psychologie studierte. «Das ist nun mal meine narzisstische Bedürftigkeit.»

Gertrud konnte sich ein mildes Lächeln nicht verkneifen. «Dabei magst du doch den SPD-nahen Telegraf eigentlich gar nicht, die Morgenpost ist schließlich dein Leib- und Magenblatt.»

Zum Glück klingelte es in diesem Moment an der Wohnungstür, und Otto brauchte den Dialog, der ihm doch ein wenig peinlich war, nicht fortzusetzen. Es war Peter, der bei einem Freund übernachtet hatte und sie nun zum gemeinsamen Zoobesuch abholen wollte, aber auch noch gern eine Tasse Kaffee mit ihnen trank.

Peter erzählte ihnen, dass er eigentlich gar keine Zeit für einen Ausflug habe, da er an einem Referat über David McClelland sitze.

Sein Vater sah ihn lächelnd an. «Spielt der in London bei Tottenham oder Arsenal?»

«Vater, das ist ein US-amerikanischer Sozialpsychologe, der in seinem Buch The Achieving Society herausarbeitet, dass die menschliche Motivation drei dominante Bedürfnisse umfasse: erstens das Bedürfnis nach Erfolg, zweitens das Bedürfnis nach Macht und drittens das Bedürfnis der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Die subjektive Bedeutung jedes Bedürfnisses variiert von Individuum zu Individuum und hängt auch vom kulturellen Hintergrund des Einzelnen ab.»

«Das hätte ich auch ohne jahrelanges Psychologiestudium an der FU zusammenbekommen», murmelte Otto.

Sein Sohn grinste. «Und was ist der TAT?»

Da musste Otto nicht lange überlegen. «Der Tathergang aus Tätersicht.»

«Denkste! TAT ist der Thematische Auffassungstest von Murray und Morgan, den McClelland weiterentwickelt hat. Bei diesem Test werden den Probanden Schwarz-Weiß-Fotografien vorgelegt, zu denen sie sich Geschichten ausdenken sollen: Was führte zu der gezeigten Situation? Was geschieht gerade? Was fühlen und denken die abgebildeten Personen? Wie ist der Ausgang der Geschichte? Ein Beispiel: Man zeigt zwei Probanden ein Bild von einem Paar, das sich gerade streitet. Der eine äußert: ‹Sie werden sich gleich wieder versöhnen und miteinander ins Bett gehen.› Und der andere sagt: ‹Der Mann wird die Frau gleich umbringen.› Die Antworten erlauben Rückschlüsse zur Psyche der beiden.»

Otto nickte. «Natürlich. Aber was, wenn nun einer sagt: ‹Erst geht er mit der Frau ins Bett und dann bringt er sie um›?»

«Dann ist das Sache deiner Mordkommission.»

Gertrud unterbrach die beiden. «Genug mit euren Albereien! Wir gehen jetzt in den Zoo.»

Seit der Spaltung Berlins besaßen beide Stadthälften ihren eigenen Zoo: West-Berlin den Zoologischen Garten, eröffnet 1844, und Ost-Berlin seit 1955 den Tierpark am Schloss Friedrichsfelde.

Der Zoo West hatte seinen Haupteingang am Hardenbergplatz, und dort trafen sich zur abgesprochenen Zeit fünf Mitglieder der Familie Kappe: Otto mit seiner Frau Gertrud und ihrem Sohn Peter und Hermann mit seiner Frau Klara. Deren drei Kinder waren nicht dabei. Margarete war gerade verreist, Hartmut lebte in Ost-Berlin, und Karl-Heinz, das schwarze Schaf der Familie, war irgendwo untergetaucht. Dann gab es da noch Hermann Kappes Bruder Oskar mit seiner Frau und seine Schwester Pauline mit den Ihren. Da den Überblick zu behalten fand Peter enorm schwierig.

Sonderlich spannend fanden die fünf den Zoo nicht, aber ihn zu besuchen war ebenso ein Berliner Ritual wie die alljährliche Dampferfahrt.

Hermann erinnerte sich an einen Zoobesuch mit seinem Sohn Hartmut, als der noch klein gewesen war. Heute war Hartmut mit einem Kontaktverbot belegt, weil er in Ost-Berlin bei der MUK arbeitete, der Morduntersuchungskommission. «Hartmut hat damals gefragt: ‹Papa, kaufst du mir einen Elefanten?› Und als ich nachgefragt habe, wo wir das viele Futter für das Tier hernehmen sollten, hat Hartmut geantwortet: ‹Kein Problem, da steht doch Füttern verboten.›»

Otto seufzte. «Schade, dass der Journalist vom Telegraf nicht mit ihm sprechen konnte. Das hätte so schön zur Überschrift gepasst: Die Verbrecherjagd liegt den Kappes im Blut.»

Siegfried Heideblick verfluchte alle Montage. Der Rhythmuswechsel lag ihm gar nicht. Jeden Sonntag schlief er bis in die Puppen, und dann musste er montags um sechs Uhr aufstehen. Denn seitdem sein Vater Möbel-Heideblick gegründet hatte, hieß es: Der Chef hat als Erster im Geschäft zu sein. Dieses Prinzip hatte zur Folge, dass er sich auch nicht von Olaf Nonnenfürst, seinem Handelsvertreter und Fahrer, abholen lassen konnte. Ute musste noch eher in der Schule sein als er in seiner Firma, und so stand sie schon abmarschbereit im Flur, als er sich an den Frühstückstisch setzen wollte. Er küsste und umarmte sie. «Einen schönen Tag wünsche ich dir!»

Als Ute gegangen war, schmierte er sich sein Paech-Brot. Er beneidete den Hersteller um die wunderbaren Werbesprüche, von denen er die meisten auswendig kannte. Besonders angetan hatte es ihm dieser:

Schinken nützt nichts, Wurst und Ei,

fehlt das Paech-Brot dir dabei.

Moral: Dem Fleisch verfallen oder nicht

auf Paech-Brot leiste nie Verzicht.

Warum nur brachte ihm die Reklame für seine Möbel nicht auch so einen Erfolg ein? Er stellte sich vor, in der Hochbahn zu stehen und dort über den Sitzen statt der Sprüche von Paech die seiner Firma zu lesen. Er brauchte unbedingt einen Werbefachmann! Aber den konnte er nicht bezahlen.

Heideblick stand auf, knallte die Wohnungstür hinter sich zu, schloss ab und lief zur Hobrechtstraße hinunter. Das Schild mit dem Namen Lenaustraße ärgerte ihn. Das war doch idiotisch, eine Straße in Neukölln, wo niemand Gedichte las, nach einem Dichter zu benennen, dazu noch nach einem österreichischen! Ringsum hießen die Straßen nach Berliner und Rixdorfer Kommunalpolitikern, etwa Hobrecht, Bürkner, Schinke, Pflüger und Sander. Warum dann ausgerechnet Lenau? In Gedanken hörte er Ute rufen: «Worüber du dich alles aufregen kannst!»

Er überquerte die Sonnenallee und musste einen Straßenbahnzug vorbeilassen. Die 95 fuhr noch, während die 3, die in der Hobrechtstraße zwischen Karl-Marx-Straße und Sonnenallee einen Halt gehabt hatte, schon eingestellt worden war. In einer Nische der Karl-Marx-Straße lag die Albert-Schweitzer-Schule, gehalten in den Farben des Grauen Klosters. Wie gern hätte er hier sein Abitur gemacht! Doch sein Vater hatte das nicht zugelassen. «Du wirst Tischler, sonst kannst du Möbel-Heideblick nicht richtig führen!», hatte der bestimmt. Die Karl-Marx-Straße … Dass die Neuköllner ihre gute alte Berliner Straße und die Bergstraße nach diesem Kommunisten benannt hatten, empörte Siegfried Heideblick Tag für Tag. Ohne Karl Marx keine DDR – und ohne DDR keine Mauer. Also musste sie seiner Meinung nach unbedingt rückbenannt werden.

Heideblick ging die Karl-Marx-Straße in Richtung Rathaus Neukölln hinauf. Seine Firma lag zwischen der Reuter- und der Weichselstraße. Ein blassgelber Straßenbahnzug der Linie 47 kam ihm entgegen. Er betrat sein Geschäft durch den Eingang im Hausflur und nahm erst einmal hinter seinem Schreibtisch Platz. Wenn seine Angestellten nun nacheinander eintrudelten, sollten sie glauben, er hätte die ganz Nacht hier gesessen und gearbeitet.

Als Erster erschien Olaf Nonnenfürst, ein rundlicher Typ, der wie ein Krapfen aussah.

«Guten Morgen, Chef!», rief er beim Eintreten. «Haben Sie heute schon Zeitung gelesen?»

«Nein. Wieso?»

«Dann halten Sie sich mal fest!» Nonnenfürst warf ihm eine Morgenpost auf den Schreibtisch. «Ihr Onkel ist gestern in seiner Firma niedergestochen worden.»

Heideblick war etwas verwirrt. «Welcher Onkel? Ich habe mehrere.»

«Na, der Pillendreher, dieser Ludwig Wittenbeck.»

Heideblick sprang auf. «Was?» Er nahm die Zeitung zur Hand, aber den drei Zeilen war nicht viel zu entnehmen. Also griff er nach seinem Telefonbuch, riss den Hörer von der Gabel und rief in Kladow an, dann versuchte er es in der Kaubstraße. «Da hebt keiner ab.»

«Na, wenn er im Krankenhaus liegt oder vielleicht schon …» Nonnenfürst brach erschrocken ab.

«… tot ist …», vollendete Heideblick den Halbsatz. «Mein Gott! Wir rufen jetzt mal bei allen Krankenhäusern ringsum an, in Kreuzberg, Schöneberg und Neukölln, und fragen nach ihm.»

Sie brauchten keine fünf Minuten, dann hatten sie herausgefunden, dass Ludwig Wittenbeck im Urban-Krankenhaus lag.

«Los, Nonnenfürst, holen Sie den Wagen, und fahren Sie mich hin! Bitte!»

Über die Sonnenallee und die Urbanstraße waren sie in zehn Minuten am Ziel. Das Krankenhaus Am Urban war in offener Pavillonbauweise errichtet und 1890 eingeweiht worden. Ein zentraler Neubau war schon geplant, aber noch musste sich Heideblick mühsam durchfragen, ehe er seinen Onkel in einem der gelben Backsteinbauten gefunden hatte. «574 Betten ham wa hier, Meesta, und ick kann ma unmöjlich alle merken, die se bei uns einliefan tun.»

«Gott, du Armer!», rief Heideblick, als er endlich auf dem Bettrand seines Onkels saß. Freie Stühle gab es nicht mehr, denn alle drei Zimmernachbarn Wittenbecks hatten ebenfalls Besuch. «Wo hat dich denn dieser Kerl getroffen?»

Wittenbeck hob seine Bettdecke ein wenig an. «Zum Glück nur hier an der rechten Seite in den Bauch. Galle und Leber sind aber nicht verletzt. Es sah anfangs schlimmer aus, als es tatsächlich ist. Ich habe wirklich gedacht, dass ich sterben werde.»

Heideblick strich ihm über die Hand. «Das ist ja schrecklich.»

«Nein, das ist gar nicht schrecklich. Ich wäre gern gestorben.»

«Du kannst doch Tante Gisela nicht allein lassen!», rief Heideblick.

Der Onkel hatte plötzlich Tränen in den Augen. «Die hat mich doch verlassen und ist auf und davon. Darum wäre ich ja am liebsten tot. Die Einsamkeit da draußen in Kladow, und in der Kaubstraße ist es auch noch so leer – das alles ertrage ich nicht. Schade, dass der Kerl mich nicht richtig getroffen hat, dann wäre ich wenigstens von allem erlöst.»

Uwe Dreetz hatte den Tresor der Pulmo Sanitatem Berlin in den Höfen am Südstern ohne große Mühe und ohne Schneidbrenner knacken können und neben einem Bündel grüner Banknoten auch einige Schmuckstücke erbeutet – Ringe, Armbänder, Broschen. Offenbar hatte dieser Wittenbeck geglaubt, sie seien in seiner Firma sicherer als bei ihm in Kladow oder in seinem neuen Haus in der Kaubstraße.

Beim ersten Rendezvous war es Dreetz gelungen, Gisela Wittenbeck ein paar Schlüssel zu entwenden, um Nachschlüssel anfertigen zu lassen. Darunter waren die für die Firma ihres Mannes und für die Villen in Kladow und in der Kaubstraße. Wo genau sich diese dort befand, wusste er noch nicht, aber das ließ sich sicher irgendwie herausfinden. Noch würde Wittenbeck ja einige Zeit im Krankenhaus verbringen müssen. Dreetz verfluchte sich, weil er ihn niedergestochen hatte. Das war im reinen Affekt geschehen. Er war in Panik geraten, weil er sich in Gedanken schon wieder im Knast gesehen hatte. Er hatte nicht vorgehabt, Wittenbeck zu attackieren oder gar zu ermorden. Denn er wusste, dass die Aufklärungsquote bei Morden bei nahezu hundert Prozent lag, und er wollte den Rest seines Lebens nicht in der JVA Tegel verbringen.

Dreetz nahm sich eine Taxe, um zu seinem Hehler zu fahren. Der Schmuck musste verhökert werden. Wahrscheinlich gehörte er Gisela Wittenbeck. Er überlegte, ob es klug war, sie heute Abend wiederzusehen. Oder sollte er besser untertauchen?

DREI

OBERKOMMISSAR OTTO KAPPE kam es manchmal so vor, als wäre er ein Feuerwehrmann. Dieser Beruf hatte mit dem seinen nicht nur die Angst um andere Menschen, das Riskieren des eigenen Lebens, sondern auch das Warten auf den nächsten Einsatz gemeinsam. Und was machte man in dieser Zeit, in der man auf einen Einsatz wartete? Die Feuerwehrleute übten den Einsatz mit Löschfahrzeugen, den richtigen Umgang mit Motorsägen und Schneidewerkzeugen. Aber was taten Kriminalbeamte? Die besuchten Fortbildungsveranstaltungen, gingen auf den Schießstand und arbeiteten ungelöste Fälle auf. Manchmal aber langweilte sich Otto Kappe auch. Dann spazierte er durch die anderen Abteilungen in der Gothaer Straße, um Kollegen zu treffen und ein wenig mit ihnen zu plaudern. Mitte September lief ihm auch der Kollege Friedhelm Dörner vom Dezernat 22 des LKA 2, sonstige Vermögens- und Fälschungsdelikte über den Weg. Man kannte sich vom Faustball her. Dörner war in Begleitung eines Mannes etwa seines Alters, der Kappe irgendwie bekannt vorkam. Wahrscheinlich hatte er dessen Foto schon einmal in der Zeitung gesehen.

«Otto, darf ich dir Werner Brink vorstellen?»

«Ah!», rief Kappe, um sofort hinzuzufügen: «Es geschah in Berlin.» Das war der Name der legendären Krimireihe, die der RIAS seit dem Februar 1951 ausstrahlte und für die Werner Brink jede Folge schrieb, Monat für Monat. «Ich habe gerade die Sendung gehört, in der ein Gauner durch Berliner Gaststätten zieht, naiven Zeitgenossen angeblich todsichere Tipps für Pferderennen auf der Trabrennbahn Mariendorf andreht, die einzig und allein seiner Fantasie entspringen, und ihnen auch gleich das Geld für die Wette abnimmt. Sehr schön! Auch, dass unser fiktiver Kollege Kommissar Zett dem Kerl auf die Schliche kommt.»

Werner Brink bedankte sich für das Lob. «Das sind ja alles reale Fälle, es heißt ja im Abspann auch: ‹In Zusammenarbeit mit der Berliner Kriminalpolizei.›»

«Teilweise sind die Fälle so aktuell», fügte Dörner hinzu, «dass die Hörer durch den Ansager dazu aufgefordert werden, der Polizei nach Möglichkeit bei der Aufklärung von noch unklaren Sachverhalten zu helfen.»

«Und jede Folge ist ein Straßenfeger. Nur …», Kappe seufzte hörbar, «… kommt unsere Mordkommission leider nie zu Ehren.»

«Tut mir leid, dass in unseren Geschichten niemals eine Leiche vorkommt», sagte Werner Brink. «Aber mir geht es um die alltägliche Kriminalität und das Berliner Milieu. Wie agieren die kleinen Ganoven, was treibt sie an? Wenn Sie das große Krimi-Ballyhoo wollen, dann müssen Sie sich 77 Sunset Strip, Auf der Flucht mit Richard Kimble oder Mit Schirm, Charme und Melone ansehen.»

Der Kollege Dörner und Werner Brink zogen weiter, und Kappe fragte sich, wie er die Zeit bis zum Feierabend totschlagen sollte. Er blieb am Fenster stehen und sah auf die Straße hinunter, bevor er an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte.

Bald darauf traf Hans-Gert Galgenberg ein. Er kam etwas zu spät, denn er war gerade umgezogen und wohnte nun weit draußen in Steinstücken. Dort gab es günstig kleine Häuser zu kaufen, denn Steinstücken war eine West-Berliner Exklave in der DDR. Seit dem 13. August 1961 durften die Einwohner nicht mehr in die sie umgebenden Ortsteile Neubabelsberg, Babelsberg und Potsdam. West-Berlin war nun nur noch über einen Waldweg nach Kohlhasenbrück zu erreichen, wobei man aber zwei Grenzübergänge passieren musste. Nachdem es eine Reihe von Fluchtversuchen aus der DDR gegeben hatte, war Steinstücken noch stärker mit Mauer und Stacheldraht abgesichert worden als das übrige West-Berlin. Wer wollte hier schon wohnen?

Galgenberg pflegte nun zu sagen: «Im Jahre 2061 werden wir die Wiedervereinigung Deutschlands feiern, und meine Ururenkel werden mir ein Denkmal dafür setzen, dass ich ihnen ein so schönes Stück Land vererbt habe.»

«Und bis dahin halten dich die Grenzkontrollen so lange auf, dass du nicht pünktlich am Arbeitsplatz erscheinen kannst», scherzte Kappe.

Galgenberg schüttelte den Kopf. «Nein, ich habe noch eine Weile an der Bahnstrecke nach Potsdam gestanden und auf einen Postzug gewartet. Anders können doch arme Beamte wie wir nicht zu ein bisschen Geld kommen.» Er spielte damit auf den spektakulären Überfall auf einen Postzug an der Strecke Glasgow—London an, der sich vor gut einem Monat, am 8. August 1961 ereignet hatte. «Ein paar Millionen D-Mark könnte ich auch ganz gut gebrauchen.»

Kappe lachte. «Wenn du mir ein bisschen davon abgibst, verpfeife ich dich auch nicht.»

Ihre Witzeleien wurden unterbrochen, denn die Kollegen Gerhard Piossek und Günter Kynast betraten das Büro. Jürgen Rückert war momentan krank und deshalb nicht im Dienst. Galgenberg winkte ihnen nur kurz zu und verschwand dann in Richtung Kantine.

Otto Kappe wandte sich den beiden Kollegen zu. «Was verschafft mir die Ehre?»

«Bist du nicht gerade alte Fälle durchgegangen?», fragte Piossek. «Ist dir ein Fall mit einen Einbrecher in Erinnerung geblieben, der Menschen niedersticht, die ihn auf frischer Tat ertappen?»

«Es geht um den Wittenbeck, den Pharmafabrikanten, der einen Einbrecher überrascht hat und von dem mit einem Messer attackiert wurde», ergänzte Kynast. «Wir sollen uns um den Fall kümmern.»

Kappe dachte nach. «Nein, mir ist kein ähnlicher Fall untergekommen, der noch ungeklärt ist. Allerdings scheint es mir für einen Einbrecher eher untypisch, dass er jemanden niedersticht. Normalerweise suchen die doch das Weite, wenn sie bei einem Einbruch überrascht werden. Schließlich wissen solche Kerle, dass sie für einen Einbruchdiebstahl maximal ein Jahr bekommen, für Totschlag aber leicht zehn Jahre.»

«Vermutlich ist er in Panik geraten und hat deshalb zugestochen», merkte Piossek an.

«Und wenn nun jemand, aus welchem Grund auch immer, diesen Wittenbeck ins Jenseits schicken wollte und dabei einen Einbruch nur vorgetäuscht hat?», fragte Kynast.

«Gibt es denn irgendwelche Spuren?», erkundigte sich Kappe.

Piossek zuckte mit den Schultern. «Keine verwertbaren Fingerabdrücke. Und auch keine aufgehebelten Fenster oder Türen. Der Kerl scheint Schlüssel gehabt zu haben.»

«Was für meine These sprechen könnte!», rief Kynast.

«Hm …» Otto Kappe überlegte einen Moment. «Gut, forschen wir weiter nach.»

Gisela Wittenbeck war gelernte Medizinisch-technische Radiologieassistentin, hatte aber nach der Heirat ihren Beruf aufgegeben, weil ihr Mann Angst gehabt hatte, die Nähe zu derart gefährlichen Strahlen könnte sie auf Dauer schädigen.

Für den heutigen Tag hatte sie sich eigentlich vorgenommen, sich in den Krankenhäusern und radiologischen Praxen in der Nähe ihrer Pension umzuhören, ob es dort eine freie Stelle gab. Doch von Minute zu Minute wurde sie unsicherer, ob das eine gute Idee war. Denn sie konnte sich schon vorstellen, mit was für einer Antwort sie rechnen musste: «Liebe Frau Wittenbeck, Sie waren fünfzehn Jahre lang nicht mehr in Ihrem Beruf tätig, und in dieser Zeit haben sich die Röntgendiagnostik, die Strahlentherapie und die Nuklearmedizin stark weiterentwickelt. Wir haben deshalb leider keine Verwendung für Sie.»

Gisela Wittenbeck konnte nichts aufmuntern, und sie lag am 18. September den ganzen Vormittag über nur auf dem Bett und starrte gegen die Decke. Im Radio berichteten sie unaufhörlich von der Hochzeit des Jahres. Der griechische König Konstantin II. und Prinzessin Anne-Marie von Dänemark heirateten in Athen. Sich das vorzustellen war Gift für ihre Seele, da sie selbst doch so unglücklich war.

Plötzlich klopfte jemand an ihre Tür. Sie rang sich zu einem mehr gehauchten als hörbar gesprochenen «Ja bitte!» durch.

Es war Gerda Groß, die Pensionsbesitzerin, die mit ihr das «Resi» besucht hatte. «Frau Wittenbeck, ist etwas mit Ihnen nicht in Ordnung?»

«Was soll mit mir schon sein? Kommen Sie doch herein!» Sie schaffte es, sich wenigstens auf die Bettkante zu setzen.

Gerda Groß trat ein. «Sie sehen ziemlich blass aus, gehen Sie doch mal ein bisschen an die frische Luft. In ein paar Minuten sind Sie im Preußenpark. Waren Sie denn eigentlich schon bei der Polizei, um diesen Uwe Dreetz anzuzeigen? Der ist doch garantiert ein Hochstapler, ein Gigolo.»

Gisela Wittenbeck winkte ab. «Ach, und wenn schon! Das kann ihm doch sowieso keiner nachweisen.»

Die Pensionsbesitzerin lachte. «Na, obwohl er Sie hat sitzenlassen, haben Sie sich doch in den Kerl verguckt, was?»

Gisela Wittenbeck wandte sich ab. Frau Groß hatte recht, aber sie wollte sich das nicht recht eingestehen. «Immer habe ich Pech mit den Männern. Uwe ist ein Betrüger, und mein Mann hat mich auch betrogen – mit unserer neuen Putzfrau, der Anita.» Sie hatte Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten. «Immer muss alles kaputtgehen!»

Gerda Groß setzte sich neben sie, umarmte sie und begann mit ihrer Marlene-Dietrich-Stimme zu singen: «Wer wird denn weinen, wenn man auseinander geht, /Wenn an der nächsten Ecke schon ein Anderer steht …» Das schien erst einmal zu helfen. Die Pensionsinhaberin stand wieder auf und wandte sich zur Tür. «Ich muss jetzt noch schnell zu meiner Mutter ins Krankenhaus, und wenn ich wieder zurück bin, gehen wir zusammen ins Kino. In Ordnung?»

«Ja.»

«In der Küche steht noch etwas Schokoladenpudding, davon können Sie gerne essen.»

Gisela Wittenbeck wartete noch, bis Gerda Groß die Pension verlassen hatte, dann ging sie in die Küche, um nach dem Pudding zu sehen. Der stand noch auf dem Gasherd, der vier Kochfelder hatte. Wenn sie jetzt alle Hähne aufdrehte und kein Streichholz an die Brenner hielte, dann … Sie brauchte sich nur bequem auf den Stuhl setzen und warten, bis der Tod sie von allen Qualen erlöste.

Das Wintersemester 1964 / 65 hatte noch nicht begonnen, warf aber schon seine Schatten voraus. Peter Kappe hatte sich zu einem Vortrag über die Geschichte und Praxis der Gerichtsmedizin angemeldet, obwohl ihn der Zusatz mit Besuchen in der Pathologie eher abschreckte als anzog.

Es mussten die Gene seines Vaters und vielleicht auch die seines Großonkels Hermann sein, aber die Rechtspsychologie faszinierte ihn immer mehr. Sie zerfiel in zwei Bereiche: die forensische Psychologie, die sich beispielsweise mit Gutachten bei Gerichtsverfahren beschäftigte, und die eigentliche Kriminalpsychologie, bei der es um die Entstehung von Kriminalität, um deren Aufdeckung und die Prävention dagegen ging, aber auch um die Behandlung von Straftätern.

Um sein Wissen etwas zu erweitern, wollte sich Peter Kappe nun diesen Vortrag der Nachbardisziplin zur Geschichte und Praxis der Gerichtsmedizin anhören. Wer daran teilnehmen wollte, musste sich auf eine kleine innerstädtische Reise einstellen. Der theoretische Teil begann in der Hittorfstraße 18 in Dahlem, in einer Villa, die man dem Lehrstuhl für gerichtliche und soziale Medizin der Freien Universität Berlin überlassen hatte.

Ein Doktor Klein begrüßte die rund zwanzig Zuhörer. «Ich heiße Sie in unseren heiligen Hallen herzlich willkommen! Die Gerichtsmedizin hat in Berlin eine lange Tradition. Gerichtsärztliche Tätigkeiten können wir bereits für das 17. Jahrhundert nachweisen. Später wurde das sogenannte Stadtphysicat gegründet. Die ersten forensisch-medizinischen Vorlesungen fanden ab 1724 am Collegium medico-chirurgicum statt. Besonderes Interesse fanden damals Schusswunden. Für die Charité wurde 1811 das erste Berliner Leichenschauhaus errichtet. Ein Neubau an der Hannoverschen Straße 6 wurde dann 1886 fertiggestellt. Hier befanden sich nicht nur das Institut für Staatsarzneikunde, sondern auch das polizeiliche Leichenschauhaus und das Leichenkommissariat. Da die Hannoversche Straße heute in Ost-Berlin liegt, führen wir West-Berliner Gerichtsmediziner gerichtlich angeordnete Leichenöffnungen vorzugsweise in der Pathologie des Krankenhauses Moabit durch. Im nächsten Jahr bekommen wir aber ein neues Polizeiliches Leichenschauhaus in der Invalidenstraße. Ich bitte Sie also, mit dem eigenen Ableben noch ein wenig zu warten, damit Sie es bei der Obduktion auch wirklich feudal haben. Ehe wir uns nun an den Obduktionstisch in Moabit begeben, schnell noch etwas über den Unterschied zwischen einem Pathologen und einem Gerichtsmediziner. Verwechseln Sie die beiden bloß nicht! Ein Gerichtsmediziner wird Ihnen das nie verzeihen. Der Pathologe arbeitet in einem Teilgebiet der Medizin, die sich mit krankhaften und abnormen Vorgängen und Zuständen im Körper sowie mit deren Ursachen beschäftigt, der Gerichtsmediziner beurteilt, auf welche Weise der Tod eines Menschen eingetreten ist, und untersucht hierfür den Körper auf äußere Anzeichen von Gewalteinwirkungen, prüft Organe oder Gefäße auf Veränderungen und analysiert auch Blut-, Haar-, Speichel- und Organproben.»

Als Peter Kappe später den Sektionssaal im Krankenhaus Moabit betrat, wäre er um ein Haar umgekippt. Der Leichnam, der hier auf die Teilnehmer des Seminars wartete, war der eines Mannes von etwa sechzig Jahren. Der hatte schon einige Zeit in seiner Wohnung gelegen, bevor er gefunden worden war. Den Anblick des Toten hätte Peter Kappe noch ertragen können, so etwas kannte er ja aus Filmen – nicht aber den Geruch. Der war geradezu unerträglich. Peter Kappe lief zur Toilette, um sich zu übergeben. Als er sich wieder in die Nähe des Obduktionstisches wagte, war dem Gerichtsmediziner der Leichnam einer jüngeren Frau zur Untersuchung gebracht worden.

«Ich richte mein Augenmerk zuerst nach Befunden an der Leiche, die auf Unfall, Suizid, eine strafbare Handlung oder sonstige Gewalteinwirkung hindeuten», begann der Gerichtsmediziner. «Dazu gehören Verletzungszeichen, ungewöhnliche Injektionsmale, Erstickungszeichen, zum Beispiel punktförmige Blutungen in den Bindehäuten, Strommarken, Zeichen von Vergiftungen und die besondere Farbe, Form oder Lage der Totenflecke oder der Hautdruckstellen. Von alledem kann ich hier nichts finden. In unserem Fall haben wir es ganz offenbar mit einer selbst herbeigeführten Vergiftung durch Kohlenmonoxid zu tun. Kohlenmonoxid besetzt im Körper die Bindungsstellen für den lebenswichtigen Sauerstoff. Die Symptome der Kohlenstoffmonoxid-Vergiftung entstehen also im weiteren Sinne durch einen Sauerstoffmangel. Bei schwersten Vergiftungen kommt es zum Schock, zur Bewusstlosigkeit und zum Tod durch Überhitzung und Lähmung des Gehirns. Nur selten tritt eine kirschrote Verfärbung der Haut auf. Hellrote Totenflecke können aber auch vom Kältetod herrühren. Um das zu klären, mache ich einen Schnitt in den Oberschenkel der Toten. Ist die Muskulatur hellrot, handelt es sich um eine Kohlenstoffmonoxid-Vergiftung, ist sie dunkelrot, um einen Kältetod. Um ganz sicher zu sein, ob eine tödliche Gasvergiftung vorliegt, lassen wir im Labor die Konzentration des Kohlenmonoxid-Hämoglobins im Leichenblut bestimmen. Bei einer Kohlenmonoxid-Intoxikation ist der Anteil des Carboxyhämoglobins am gesamten Hämoglobin stark erhöht …»

Ludwig Wittenbeck sollte aus dem Krankenhaus entlassen werden. «Ruhen Sie sich aus, und genießen Sie die Natur!», hatte der Chefarzt bei der Verabschiedung gesagt, nachdem er in der Krankenakte gelesen hatte, dass sein Patient in Kladow wohnte.

«Aber ich werde Kladow in Kürze verlassen und in die Kaubstraße ziehen, sozusagen in die West-Berliner Innenstadt. Gekauft ist das Haus schon, es muss aber noch renoviert und neu eingerichtet werden. Bisher habe ich da nicht viel mehr als ein Sofa, einen Tisch und ein paar Stühle stehen, aber in die Selbitzer Straße will ich nicht mehr zurück.»

Eben noch hatte er den lebhaften Krankenhausalltag genossen, nun war er wieder mit einem monotonen Tagesablauf und dem Alleinsein konfrontiert. Er war müde. Plötzlich verspürte er unwillkürlich eine starke Sehnsucht nach seiner Ehefrau Gisela. Von seinem Neffen Siegfried hatte er inzwischen erfahren, dass sie in der Pension Groß in der Konstanzer Straße untergekommen war. Die Nummer fand er schnell im Telefonbuch. Ohne lange über das Für und Wider eines Anrufs nachzudenken, wählte er sie. Besetzt. Auch beim zweiten Mal hörte er nur das schnelle Tuten in der Leitung. Er fluchte. Der Drang, mit jemandem zu sprechen, war zu stark, als dass er den Hörer jetzt wieder aufgelegt hätte. So rief er bei seiner Firma an, denn die Nummer kannte er auswendig.

«Pulmo Sanitatem Berlin, Hövelhoff. Guten Tag! Was kann ich für Sie tun?»

«Guten Tag, Frau Hövelhoff. Wittenbeck hier. Bitte verbinden Sie mich mit Herrn Suthfeld.»

«Schön, wieder von Ihnen zu hören, Chef. Haben Sie alles gut überstanden? Sind Sie wieder zu Hause?”

«Ja, danke, es geht mir gut, und ich werde auch bald wieder ins Büro kommen. Sie können mich jetzt in der Kaubstraße erreichen. Moment mal …» Die neue Nummer hatte er noch nicht im Kopf, und es dauerte ein Weilchen, bis er sie ihr durchgegeben hatte. «Wenn Sie mich dann bitte durchstellen könnten …» Wittenbeck hatte keine Lust zu einer längeren Plauderei mit einer Angestellten, die eine graue Maus war und so gar nicht seinem Beuteschema entsprach.

Endlich war sein Kompagnon in der Leitung, und auch der fragte ihn enervierenderweise nach seiner Gesundheit.

«Du hast dich zu früh gefreut, Thomas, ich bin schon wiederauferstanden aus meinen Ruinen und werde baldmöglichst wieder unter euch weilen. Wir müssen aber vorher noch abklären, ob wir die klinische Studie für unser neues Mittel, das das Natriumcromoglicat ersetzen soll, wirklich schon am 1. November beginnen oder erst noch ein wenig über einen besseren Trockenpulverinhalator nachdenken», sagte Wittenbeck.

Sie debattierten eine Zeit lang über die richtige Vorgehensweise, dann legte Wittenbeck auf. Nun war es wieder unerträglich still in seinem «Palazzo Ludovico», wie Gisela immer gelästert hatte. Er schaltete das Radio ein, den RIAS. Da gab es gerade eine Wiederholung von Club 18 – Jazz für alle von und mit John Hendrik. Da Wittenbeck Liebhaber der klassischen Musik war, stellte er das Gerät schnell wieder ab.

Plötzlich klingelte das Telefon. Den Anschluss hatte er vom Vorbesitzer übernehmen können. Wahrscheinlich wieder jemand, der sich verwählt hatte, dachte er. Doch es war sein Neffe Siegfried Heideblick. «Ich bin’s, Onkel Ludovici. Ich wollte mal hören, wie es dir geht.»

«Gut, danke der Nachfrage. Ich werde aber wohl nicht so schnell wieder durch Wald und Flur wandern und meinen Heideblick genießen», scherzte er.

Der Neffe lachte. «Na, dann mach es dir so lange auf deinem Sofa bequem. Das hast du schließlich von mir bekommen. Möbelglück durch Heideblick. Die Möbelstücke, die du ansonsten noch bestellt hast, liefern wir dir nun peu à peu. Ich hab ja den Schlüssel, aber wenn du zu Hause bist, dann umso besser.»

Sie hätten sicher noch eine Weile geplaudert, aber da wurde am Gartentor geklingelt.

Wittenbeck warf einen schnellen Blick durchs Fenster. «Ah, das ist der Monteur! Ich soll in den nächsten Tagen meine neue Gastherme bekommen, und er will sich voher alles mal ansehen.»

VIER

JÜRGEN STERLEY war Polizeireporter beim Berliner Boulevard Blatt, kurz BBB. Sein Spitzname bei Freunden und Kollegen lautete Pfund, weil viele, die seinen Nachnamen hörten, sofort an die britische Währung dachten, das Pfund Sterling. Tatsächlich aber hatte Sterley seinen Namen einer Gemeinde im Kreis Herzogtum Lauenburg zu verdanken, aus der seine Urahnen stammten.

Bei den seriöseren West-Berliner Tageszeitungen wie Tagesspiegel, Morgenpost oder Telegraf hätte er niemals eine Anstellung als Polizeireporter bekommen, aber beim BBB wurde er geschätzt. Seine Aufgabe war es, spektakuläre Storys über Berliner Verbrechen zu schreiben. Dabei nahm er es mit der Wahrheit nicht immer sehr genau. Der West-Berliner Großstadtdschungel war Sterleys Revier, und hier war er schon des Öfteren auf eine gute Geschichte gestoßen. Aber seit über einem Jahr war ihm noch kein besonders guter Artikel gelungen. Nicht viel von dem, über das er im Vorjahr berichtet hatte, war ihm im Gedächtnis geblieben. Er erinnerte sich an den Sprengstoffanschlag gegen das sowjetische Reisebüro Intourist am Olivaer Platz, das musste am 5. März 1963 gewesen sein. Oder an den Tod des 22-jährigen Studenten Hans-Jürgen Bischoff fünf Tage später. Der war ums Leben gekommen, als er eine selbstgebastelte Bombe mit einem Zünder versehen wollte. Im Keller seines Wohnhauses Hohenzollerndamm 15 hatte die Polizei sechs Kilo Sprengstoff gefunden. Sterley war dabei gewesen. Am 29. April hatten vier Ost-Berliner im Alter zwischen 19 und 24 Jahren mit einem LKW der NVA am Leuschnerdamm im Bezirk Kreuzberg eine etwa vier Meter breite Bresche in die Mauer gerissen und unversehrt West-Berlin erreicht. Auch darüber hatte Sterley ausführlich berichtet, ebenso über einen Fluchtversuch am zweiten Weihnachtsfeiertag. Da wollten zwei achtzehnjährige Jugendliche aus Neubrandenburg am Mariannenplatz nach West-Berlin flüchten. Die DDR-Grenzposten hatten das Feuer auf sie eröffnet und einen von ihnen erschossen. Sterley hatte in seinem Artikel die Ansicht vertreten, dass auch ein vom Staat beauftragter Mörder zur Rechenschaft gezogen werden müsste.

Mit Genuss hatte er eigentlich nur aus dem Moabiter Schwurgericht berichtet, als Hans-Georg Neumann wegen des «Britzer Liebespaarmordes» zu zweimal lebenslänglich Zuchthaus und dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt worden war. Diese Geschichte war für Sterley das gewesen, was man gemeinhin ein «gefundenes Fressen» nennt. Neumann war als Sohn einer Prostituierten auf die Welt gekommen und in einem städtischen Waisenhaus sowie bei einer Pflegefamilie aufgewachsen. Als Jugendlicher hatte er verschiedene Diebstähle begangen, sich dann aber wieder gefangen und eine Lehre als Feinmechaniker absolviert. 1956 war er nach Kanada ausgewandert, aber fünf Jahre später wegen bewaffneter Banküberfälle verurteilt und nach Deutschland abgeschoben worden. Am 13. Januar 1962 schließlich hatte er im West-Berliner Ortsteil Britz ein in einem geparkten Auto sitzendes Liebespaar entführt und es mit einem Revolver erschossen.

Nach solchen Storys gierte Jürgen Sterley geradezu. Aber auf eine Sensation hoffte er an diesem Montag, dem 21. September, nicht, als ihn das BBB am Nachmittag nach Kladow zu Ludwig Wittenbeck schickte. Der sei gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden. Dass ein Firmeninhaber von einem Einbrecher niedergestochen worden war, fand Sterley zum Gähnen. Aber er hatte nun mal die Aufgabe bekommen, darüber einen Artikel zu schreiben. Also setzte er sich in seinen Fiat 600 D, der ihn immerhin 4410 D-Mark gekostet hatte.

Sterley wohnte im Spandauer Ortsteil Hakenfelde, genauer gesagt in der Streitstraße. Von da waren es bis nach Kladow an die fünfzehn Kilometer. Für Berlin war das nicht viel, für einen geborenen Lübecker eine ganze Menge, da wäre er schon am Timmendorfer Strand gewesen und hätte baden können.

Kladows Wahrzeichen war die alte Dorfkirche, die auf einem kleinen Hügel errichtet worden war. Von dort hatte man es nicht weit zur Anlegestelle, von der die Fähre nach Wannsee übersetzte. Den Flughafen der britischen Schutzmacht hatten sie Gatow zugeschlagen, warum auch immer.

Auf der Fahrt erinnerte sich Sterley an ein anderes Kleinod dieses Ortsteils, das «Schloss» Brüningslinden, das dicht an der Grenze zur DDR lag. Es galt als eine der schönsten Gaststätten Berlins, da man von dort aus eine fantastische Aussicht auf die Havel und ihre Seen genießen konnte. Es war ein kleiner Umweg, aber bevor Sterley Wittenbeck einen Besuch abstattete, stärkte er sich dort erst einmal mit einem «kühlen Blonden», also einem frischgezapften Pils. Einige Gäste, anscheinend Leser des BBB, erkannten ihn und sprachen ihm Lob für seine guten Artikel aus.

Mit einer halben Stunde Verspätung machte er sich dann auf zu Ludwig Wittenbeck. Nur Kleingeister waren pünktlich. Er hielt sich diesbezüglich streng an Oscar Wilde: Pünktlichkeit stiehlt uns die beste Zeit. Über die Sakrower Landstraße erreichte er den Ritterfelddamm, von dem links die Selbitzer Straße abzweigte. Er stellte das Auto am Straßenrand ab und klingelte bei Wittenbeck. Einmal, zweimal – nichts. Sollte Wittenbeck doch noch nicht aus dem Krankenhaus entlassen worden sein?

In diesem Augenblick rief ein Nachbar hinter ihm. «Der Wittenbeck wird in der Kaubstraße sein, da hat er sich ’n neues Haus gekauft. Was wolln Se denn von dem?»

«Ich bin von der Presse.»

«Ich geb Ihnen mal die genaue Adresse.»

Sterley bedankte sich und fluchte dann leise, anscheinend hatte man ihm eine falsche Anschrift genannt. Erst einmal studierte er den Stadtplan, denn von einer Kaubstraße hatte er noch nie etwas gehört. Aha, sie lag am Fehrbelliner Platz, zwischen dem Hohenzollerndamm und der Berliner Straße. Er startete den Motor erneut und fuhr Richtung Innenstadt.

Ludwig Wittenbeck machte ihm wegen seiner Verspätung keine Vorwürfe. Er schien froh zu sein, dass ihn überhaupt jemand besuchte. Das machte einen Journalisten wie Jürgen Sterley natürlich neugierig.

«Nach der Messerattacke in Ihrer Firma fühlen Sie sich nicht ganz wohl so ganz allein, oder?», erkundigte er sich.

Wittenbeck versuchte, gelassen zu wirken, konnte aber nicht verhindern, dass sich sein Gesicht schmerzvoll verzog. «Nun, seit meine Frau nicht mehr da ist …»

«Ist sie gestorben?»

«Nein, das nicht … Sie hat mich verlassen … Aber lassen wir das …» Wittenbeck führte Sterley in sein Wohnzimmer, in dem aber nur zwei alte Stühle und ein nagelneues Sofa standen, bat ihn, Platz zu nehmen, und bot ihm einen Whisky vom Feinsten an. Der stand schon auf dem Fensterbrett, zwei Gläser daneben.

Sterley bedankte sich und ließ sich dann noch einmal schildern, wie ihn der Einbrecher mit dem Messer attackiert hatte.

«Meinen Sie, er hat im Affekt gehandelt, weil er Angst hatte, Sie rufen die Polizei? Oder haben Sie das Gefühl, dass der Mann bei Ihnen eingebrochen ist, um Sie zu ermorden?»

Wittenbeck schloss die Augen. Es war ihm anzusehen, wie sehr ihn die Erinnerung quälte. «Ich weiß nicht genau … Beides könnte möglich sein.»

Sterley merkte, wie schwer es Wittenbeck fiel, über dieses Thema zu sprechen, und stellte deshalb eine andere Frage. «Haben Sie denn schon eine Belohnung zur Ergreifung des Täters ausgesetzt?»

«Ja, natürlich, tausend Mark.»

Sterley sah auf seinen Notizblock. «Sie sind doch Inhaber einer Pharmafirma. Könnte es sein, dass jemand hinter einer Ihrer neuen Rezepturen her gewesen ist – Stichwort Industriespionage?»

Wieder überlegte Wittenbeck sehr lange. «Tja, wir arbeiten gerade an einem neuen Mittel gegen den allergischen Schnupfen auf der Basis von Cromoglicinsäure. Das wäre eine Weltneuheit und könnte viel Geld einbringen.»

Sterley bedankte sich, sagte dann aber, dass er sich kaum vorstellen könne, dass jemand einen Mord begehen würde, um an die Rezeptur für ein neues Mittel gegen Heuschnupfen zu gelangen.

«Haben Sie denn viel Geld im Firmentresor aufbewahrt, Herr Wittenbeck?»

«Viel nicht, aber doch etwas. Und auch ein wenig Schmuck, damit meine Frau … Ach, lassen wir das! Aber die Diebe sind ja ganz scharf auf unsere elektrischen Schreib- und Rechenmaschinen. Wir haben gerade von IBM zwei Schreibmaschinen mit Kugelkopf gekauft.»

Sterley war immer noch ratlos, wie er mit diesen Informationen einen Artikel über Wittenbeck bestreiten sollte, der für das BBB reißerisch genug war. Was er bisher herausgefunden hatte, gab kaum etwas her.

Da klingelte es an der Haustür. Wittenbeck verließ das Zimmer, und Sterley blieb allein zurück. Insgeheim hoffte er auf einen Killer, dann hätte er etwas zu berichten gehabt. Die Wohnzimmertür war angelehnt, und er bekam mit, dass es sich bei dem Gast nur um Thomas Suthfeld handelte. Über den hatte sich Sterley schon informiert und wusste, dass er Wittenbecks Geschäftspartner war. Er lauschte dem Gespräch der beiden.

«Du, Ludwig, ich bin im Augenblick ziemlich klamm und brauche dringend fünfhundert Mark», hörte Sterley Suthfeld in der Diele sagen.

Dann wurde nur noch geflüstert. Sterley schlich zur Zimmertür, um besser hören zu können. Doch die beiden sprachen kein Wort mehr miteinander. Sterley verfolgte durch den Türspalt, wie Wittenbeck eine Aktentasche öffnete, die hinter einigen Farbeimern versteckt war, etwas herausnahm und es Suthfeld gab. Dann verabschiedete sich Suthfeld von Wittenbeck. Der kam zu Sterley zurück, um ihr Gespräch fortzusetzen.

Sterley erkundigte sich zum Schluss noch einmal, ob Wittenbeck so alleine in dem leeren Haus denn keine Angst habe.

Wieder zögerte Wittenbeck mit einer Antwort. «Im Prinzip schon, aber … Ich werde nachher einen guten Freund besuchen, Max Bugsin, der wohnt gleich um die Ecke, in der Koblenzer Straße. Und danach treffe ich mich mit meinen Sauna-Freunden zum Skatspielen. Außerdem gibt es gegen Ängste heutzutage gute Tabletten.»

«Falls Sie doch lieber mit einem Fachmann über das reden möchten, was Ihnen geschehen ist – ich kenne da eine ganz vorzügliche Psychologin: die Charlotte Storkau in der Mommsenstraße», sagte Sterley vertraulich. «Ich lasse Ihnen einfach mal die Adresse hier.»

Uwe Dreetz hatte sich während seiner Liaison mit Gisela Wittenbeck nicht nur Nachschlüssel für die Firmenräume ihres Mannes anfertigen lassen, sondern auch für dessen Villen in Kladow und der Kaubstraße. «Ich brauche also nicht mal einen Einbruch zu begehen», hatte er Freunden grinsend erklärt. «Denn ich breche ja nichts auf, um in sein Haus zu kommen, keine Türen, keine Fenster.»

Nach dem missglückten Versuch in der Firma, bei dem ihn Wittenbeck überrascht hatte, wollte er nun dessen neuer Villa in der Kaubstraße einen Besuch abstatten. Aber dieses Unternehmen gestaltete sich schwieriger als zunächst gedacht. Erstens durfte niemand im Haus sein, und zweitens durfte ihn keiner beim Aufschließen von Gartentor und Haustür beobachten. Nachbarn waren schließlich neugierig und misstrauisch. Also hatte sich Dreetz etwas einfallen lassen müssen, das heißt, sein Freund Manni hatte sich etwas einfallen lassen. «Bei uns inne Fuldastraße valejen se neue Telefonkabel und ham übam Kabelschacht ’n Zelt uffjebaut, det dit nich rinrejnet. Det bauste nachts einfach ab, fährst damit in die Kaubstraße und baust et da vor det Haus, in det de rinnwillst, wieda uff», hatte der erklärt.

«Prima Idee», hatte Dreetz geantwortet.

«Ick komm jerne mit», hatte Manni angeboten, doch das hatte Dreetz nicht gewollt.

Nun saß er in der Kaubstraße vor Wittenbecks Villa in einem Zelt der Post und mimte den Telegrafenbauhandwerker. Das alles war ziemlich langweilig, aber da musste er durch, denn bei Wittenbeck gab es sicherlich eine Menge zu holen. Ein Lieferwagen, den Dreetz ebenfalls gestohlen hatte, stand ganz in der Nähe in der Mansfelder Straße.

Wittenbeck hatte längeren Besuch von einem Mann. Dreetz war sich sicher, dass er den schon einmal gesehen hatte. Aber wo? Ein Zweiter, der ausgesehen hatte wie ein Geschäftsmann, war gekommen und nach kurzer Zeit wieder gegangen.

Dreetz hoffte, dass Wittenbeck in Bälde das Haus verlassen würde, möglichst zusammen mit seinem Besuch. Anderenfalls gab es für Dreetz nur zwei Möglichkeiten: Entweder blies er die Sache für heute ab, oder er wartete, bis Wittenbeck schlafen gegangen war. Letzteres konnte allerdings noch eine Weile dauern, denn es war gerade einmal achtzehn Uhr. Dreetz gähnte. Hätte er doch Manni mitgenommen! Dreetz setzte sich auf einen Schemel und las in seinem mitgebrachten Jerry-Cotton-Heft, das den Titel Das Todeslied der Unterwelt Teil 1 trug. Kein gutes Omen, fand Dreetz.

Gisela Wittenbeck war mit einer Kohlenmonoxid-Vergiftung ins Sankt-Gertrauden-Krankenhaus eingeliefert worden. Schwindel, Bewusstseinsstörungen, Schlaffheit, Lähmung und Rosafärbung der Haut hatte man in ihre Krankenakte geschrieben. Man hatte sie sofort mit reinem Sauerstoff beatmet, was als hyperbare Oxygenation vermerkt worden war, und eine Störung des Säure-Basen-Haushalts, von Ärzten Azidose genannt, mit Bikarbonat ausgeglichen.

«Wie ist denn das passiert?», hatte man sie gefragt.

«Das weiß ich auch nicht. Ich wollte mir in der Küche meiner Pension Teewasser aufsetzen und habe den Knopf für die rechte Flamme am Gasherd herumgedreht. Und bevor ich das Streichholz anzünden konnte, ist mir schwarz vor Augen geworden, und ich bin umgekippt», hatte sie geantwortet.

Das war aber nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit hatte sie den Gashahn aufgedreht, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Aber die Pensionswirtin hatte sie ein paar Minuten zu früh gefunden.

Jetzt lag Gisela Wittenbeck bewegungslos da und starrte gegen die Decke ihres Krankenzimmers. Es gab für sie keine Zukunft mehr. Sie hatte alles verloren – das alte Haus in Kladow, das neue Haus in der Kaubstraße, ihren Mann, ihren Beruf. Sie war nur noch ein menschliches Wrack. Und zu alt, um einen neuen Partner zu finden. Nur Gigolos und Kriminelle hatten es noch auf sie abgesehen. Es hieß ja, die Hoffnung stürbe zuletzt. Aber für sie war auch die gestorben. Aus und vorbei. Vielleicht gab es ein Leben nach dem Tod oder eine Wiederkehr auf die Erde in einem anderen Körper, überlegte sie.

Als sie an ihren Mann dachte, packte sie die Wut. Während sie beinahe das Zeitliche gesegnet hätte, hatte der sich vielleicht mit seiner neuen Geliebten im Bett vergnügt. Gott, ein unerträglicher Gedanke! Voller Rachelust stellte sie sich vor, wie sie Ludwig mit seiner Geliebten im Bett liegen sah und mit einer kleinen Pistole auf ihn feuerte. Und wenn sie sich keine Pistole beschaffen könnte, dann würde sie sich eben ins Haus schleichen und den Schlauch vom Gasherd abziehen. Diese Fantasie gab ihr wieder Kraft.

Das merkte auch Gerda Groß, die ihr einen Besuch abstattete. «Im Geheimen habe ich ja überlegt, ob es vielleicht gar kein Unfall war, sondern Sie … Aber wenn ich Sie so sehe, ganz quietschvergnügt …»

«Mir geht es ja auch wieder blendend», behauptete Gisela Wittenbeck.

«Na, dann können Sie sich ja bald eine eigene Wohnung nehmen. Sie können nicht ewig in meiner Pension leben», sagte Gerda Groß. «Ich habe da schon etwas für Sie entdeckt.»

Siegfried Heideblick hatte an diesem Morgen gute Laune, denn er schien zwei dicke Fische an der Angel zu haben.

«Sie strahlen ja so. Haben Sie etwa Karten für das Spiel Hertha BSC gegen Eintracht Frankfurt am Sonnabendnachmittag?», fragte dann auch Olaf Nonnenfürst.

Heideblick verneinte das. «Zu Hertha gehe ich nicht mehr, die verlieren immer und können froh sein, wenn sie nicht absteigen. Nein, Nonnenfürst, wenn ich Glück habe, kriege ich zwei Aufträge: einen vom Roxy-Kino im ehemaligen Mercedes-Palast und einen von der Albert-Schweitzer-Schule.»

«Die Schule kenne ich, aber von dem Mercedes-Palast habe ich keine Ahnung», musste Nonnenfürst eingestehen.

Heideblick hatte gerade etwas über den Mercedes-Palast in der Zeitung gelesen und sich das als geborener Neuköllner auch gemerkt. «Der Mercedes-Palast war einmal das größte Kino-Varieté Europas, er wurde 1927 eröffnet und verfügte über zweitausend Plätze. Die Preise waren sehr moderat, und es gab sogar eine Stehbierhalle für das einfache Volk. Im Zweiten Weltkrieg ist das Gebäude dann durch Fliegerbomben stark zerstört worden, 1954 wurde das Kino aber wieder als Europa-Palast in Betrieb genommen. 1955 entstand dann durch das Einziehen einer Zwischendecke das Roxy.»

Und dorthin machten sie sich nun zu Fuß auf den Weg. Als sie im Roxy ankamen, war der Geschäftsführer noch nicht vor Ort, aber ein Student, der hier in den Semesterferien arbeitete und sich gelegentlich etwas Kleingeld mit Kulturführungen durch Neukölln verdiente, verkürzte ihnen die Wartezeit mit seinen Erzählungen.

«Wissen Sie, was hier am Abend des 20. Januar 1931 passiert ist?», fragte er die beiden.

Heideblick lachte. «Nee, da war ich gerade einmal zwei Jahre alt.»

Der Student ließ sich nicht beirren. «Gespielt wurde an diesem Tag Zwei Menschen, ein schwülstiges deutsches Liebesdrama von Erich Waschneck, der bei der Verfilmung der Buddenbrooks als Kameramann gearbeitet hatte. Anschließend erfreute die Tanzcombo Zwölf Argentinos die dreitausend Zuschauer mit dem Tango A Media Luz, Im Zwielicht. Und im Zwielicht blieb auch bis heute, was anschließend geschehen ist: Um 21.40 Uhr fand eine Kartenverkäuferin den Geschäftsführer Ernst Schmoller tot in seinem Büro. Zuerst tippte man auf einen Herzschlag, dann entdeckte man aber unterhalb seines Kehlkopfs eine kleine Schusswunde. Es sah nach einem Raubmord aus, denn der Tresor stand offen, und es fehlte eine Menge Geld. Die Ermittlungen leitete ein Kriminalkommissar mit dem Namen Müller, genannt Leichen-Müller. Müller tappte im Dunkeln, schoss sich aber auf den Artisten Karl Urban ein, der vordem Bühnenmeister bei Mercedes gewesen war und nun als Fänger einer Trapeztruppe arbeitete. Er hatte ein Alibi, das aber nicht ganz hieb- und stichfest war, und Schulden noch und noch. Dabei führte er einen luxuriösen Lebenswandel, das heißt, er trug kostspielige Kleidung und hielt sich gern in vornehmen Lokalen auf. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war Urban kein Mörder, er legte aber dennoch ein Geständnis ab und wanderte für acht Jahre ins Zuchthaus.»

«Das sollten sie mal bei Es geschah in Berlin bringen und nicht immer nur von den kleinen Eierdieben berichten», sagte Nonnenfürst.

«Ich bin Kriegskind», erwiderte Heideblick. «Ich habe zu viele Tote gesehen, ich mag keine Kriminalromane.»

Dann erschien endlich der Geschäftsführer. Er bat Heideblick und seinen Vertreter, in seinem Büro Platz zu nehmen.

«Ja, mein lieber Herr Heideblick», begann er schließlich, nachdem ihnen die Sekretärin Kaffee gebracht hatte, «ich habe leider keine guten Nachrichten für Sie. Es lohnt sich für mich nicht mehr, das Roxy mit einem neuen Gestühl auszustatten, denn die Eigentümer haben soeben beschlossen, hier alles umzugestalten. Man munkelt, dass das gesamte Gebäude zu einem Warenhaus umgebaut werden soll. Dann gibt es für unsere Kinos keinen Platz mehr. Bald werden sowieso alle nur noch zu Hause vor dem Fernseher sitzen, und es wird ein großes Kinosterben geben.»

Heideblick hatte mehrmals hart schlucken müssen. Als sie wieder unten auf der Straße standen, tröstete er sich und Nonnenfürst damit, dass sie ja noch ein zweites Los in der Trommel hatten: die Albert-Schweitzer-Schule. Um die zu erreichen, brauchten sie nur die Hermannstraße hinunterzugehen. Nachdem sie die Flughafen- und die Biebricher Straße gekreuzt hatten, kamen sie am Alten Sankt-Jacobi-Friedhof vorbei.

«Hier liegen meine Eltern», sagte Heideblick. «Und wer weiß, wie lange wir noch …»

«Hören Sie auf, so pessimistisch zu sein!», rief Nonnenfürst und zitierte einen Reim von Fontane: «Die Tränen lassen nichts gelingen: /Wer schaffen will muß fröhlich sein.»

So erreichten sie die Albert-Schweitzer-Schule und lasen im Foyer das große Credo des berühmten Arztes: Ehrfurcht vor dem Leben. Im Zimmer des Rektors mussten sie einen Augenblick warten. Heideblick trat ans Fenster, von dem man auf den Friedhof hinuntersehen konnte. Der Grabstein seiner Eltern war deutlich zu erkennen.

Begraben musste er schließlich auch seine Hoffnung, von der Albert-Schweitzer-Schule einen Großauftrag für neue Schulmöbel und die Neuausstattung der Aula zu erhalten. «Tut mir leid, Herr Heideblick, aber der Stadtrat hat die Mittel nicht freigegeben», erklärte der Direktor.

Heideblick fühlte sich wie ein Boxer, der nach einer krachenden Rechten seines Gegners gerade zu Boden gegangen war und angezählt wurde. Er rappelte sich noch einmal auf. Als sie wieder draußen auf der Karl-Marx-Straße standen, war ihm aber immer noch ein wenig mau.

«Und was tun wir nun, Chef?», fragte ihn Nonnenfürst.

«Ich weiß es nicht. Zunächst einmal muss ich aber ins Gertrauden-Krankenhaus, um meine Tante Gisela zu besuchen.»

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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
211 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783955520274
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