Czytaj książkę: «der Schatz im Acker»
Hermann Brünjes
der Schatz im Acker
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Sonntag, 3. Oktober (Erntedank)
Montag, 4. Oktober
Dienstag, 5. Oktober
Mittwoch, 6. Oktober
Donnerstag, 7.10.
Freitag, 8.10.
Samstag, 9.10.
Sonntag, 10.10.
Montag, 11.10.
Dienstag, 12.10
Mittwoch, 13.10.
Donnerstag, 14.10.
Freitag, 15.10.
Samstag, 16.10.
Sonntag, 17.10.
Montag, 18. Oktober
Donnerstag, 21. Oktober
Samstag, 23. Oktober
Donnerstag, 28. Oktober
Epilog
Wichtigste Personen
Autor, Hinweise zum Buch und weitere Bücher
Impressum neobooks
Prolog
Gewidmet
jenen Menschen in Dorf und Region,
die vom Schatz eines erfüllten Lebens träumen.
Möge Gott euch Augen und Herzen öffnen,
den Schatz eures Lebens zu entdecken und ihn zu heben.
Wo unser Schatz ist, dort ist auch unser Herz.
Danke.
1. Auflage 2021
Verlag: neobooks/epubli
Kontakt: hbruenjes@t-online.de
Info: www.hermann-bruenjes.de
Foto Cover: Axel Hindemith © CC BY-SA 4.0
Umschlag, Texte: © Hermann Brünjes
Prolog
Der Kübelwagen macht es nicht mehr lange. Gut, dass es jetzt bergab geht. Erwin nimmt den Gang raus und lässt das kantige Fahrzeug im Leerlauf rollen.
»Die Karre gibt ihren Geist auf. Sie haben den Tank durchsiebt. Der Vergaser zieht Luft.«
Beim Verlassen der Stadt waren sie beschossen worden. Von wo, hatten weder der Fahrer Erwin, noch sein Chef Otto Telschow richtig begriffen. Die rechteckige Windschutzscheibe vor ihnen war in tausend Stücke zerborsten. Eine Kugel musste auch den Tank erwischt haben. Zum Glück hatten sie selbst nichts abgekriegt, abgesehen von einigen harmlosen Schnittwunden auf Telschows Stirn und an Erwins Händen. »Die Briten. Schneller als ich dachte!«, hatte sein Chef trocken bemerkt. »Wenn du den alten Waldweg Richtung Süden nimmst, können wir es schaffen.«
Bis hierher hatten sie es geschafft, wenn auch knapp. Bis Dahlenburg, wo Gauleiter Telschow ein Jagdhaus besitzt, war es allerdings noch weit, zumal sie wegen der englischen Truppen einen langen Umweg fahren mussten.
Am Ende der holprigen Kopfsteintrasse legt der junge Mann in Uniform wieder einen Gang ein. Stotternd aber stetig treibt der von Porsche konstruierte Motor sie vorwärts.
»Unverwüstlich dieser Typ 82.«
»Es wird uns nichts helfen. Wir finden ein anderes Fahrzeug oder gehen zu Fuß.«
Der Oberst macht sich nichts vor, hat er noch nie. Genau deshalb war er Gauleiter geworden und gewissermaßen nebenbei Chef der Reichsbank-Filiale von Lüneburg – was ihn jetzt reich machen wird. Wenn sie ihn nicht erwischen.
Auf beiden Seiten liegt Mischwald. Tannen, Eichen, Buchen und Birken. Deutscher Wald – in dem es bald von Tommys wimmeln wird. Das Donnern der Flak hört man selbst hier noch, über zwanzig Kilometer von der Salzstadt entfernt.
»Ohne diesen Krieg wäre heute ein wunderschöner Frühlingstag«, meint Erwin. »Die Sonne scheint und die zartgrünen Blätter der Buchen strotzen nur so vor Leben!«
Der Oberst hat keinen Sinn dafür. »Fahren Sie, Erwin. Wir haben es noch längst nicht geschafft.«
Der Wald lichtet sich. Einzelne graue Häuser tauchen auf. Hinter einer dicken Feldsteinmauer liegt ein herrschaftliches Gutshaus. Alte Eichen spenden Schatten. Das längliche Gebäude auf der anderen Straßenseite ist vermutlich die Unterkunft der Landarbeiter. Kein Mensch ist zu sehen. Aus dem Sandweg ist wieder eine mit Kopfsteinen befestigte Straße geworden. Dem Ottomotor scheint das gar nicht zu gefallen. Zweimal erschrickt sich Telschow, weil er meint, sie würden wieder beschossen.
»Fehlzündungen!«, kommentiert Erwin.
Kurz bevor es wieder bergan geht, rollt der Wagen aus. Ein Stottern, mehrere Startversuche. Es ist vorbei. In Sichtweite liegt ein Dorf. Man sieht einen Kirchturm. Links geht es eine flache Böschung hinunter in lichten Buchenwald. Weiter hinten beginnt ein Feld, noch unbestellt.
»Wir müssen zu Fuß weiter. Komm, Erwin, hilf mir ausladen. Die Säcke können wir nicht schleppen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als sie zu vergraben.«
Erwin nickt. Was immer in diesen Säcken Wertvolles ist, sein Chef wird es nach dem Krieg wieder ausgraben. Ihm soll es egal sein. Er hat seinen Anteil bereits bekommen, ein geradezu herrschaftliches Honorar. Zwei Sondergehälter.
Ein Klappspaten liegt wie üblich im Heck des Kübelwagens beim Werkzeug. Sie kämpfen sich etwa hundert Meter in den Wald hinein. Der Oberst zeigt auf eine Stelle in Sichtweite zum Acker. Erwin gräbt ein tiefes Loch zwischen den widerspenstigen Wurzeln einer Buche mit ausladender Krone.
Otto Telschow wuchtet die Säcke eigenhändig hinein. Erwin meint, ein leichtes Klirren zu hören. Er verschließt das Loch mit Erde und Steinen und tarnt es mit altem Laub.
»Ich komme wieder, verlass dich drauf!«
Es klingt, als gebe der Oberst sich selbst ein Versprechen.
Sonntag, 3. Oktober (Erntedank)
Der letzte Glockenschlag klingt noch nach, da rollen mir Wogen von Posaunen- und Trompetenklang entgegen. Sie spülen mich in eine der letzten Stuhlreihen, aufgestellt im großen Festzelt auf dem Gelände des Tagungshauses.
»Wohl dem, der einzig schauet nach Jakobs Gott und Teil.« Der Mann hinter mir grölt das alte Kirchenlied, als sänge er »Atemlos« im Chor tausender Fans von Helene Fischer. Hier jedoch haben sich anlässlich des Erntedankfestes nur etwa hundertfünfzig Besucher eingefunden. Zwar ist das große Festzelt gut gefüllt, wegen der Pandemie sind die Stühle jedoch mit Abstand aufgestellt. Die Leute kommen aus mehreren Gemeinden der Region. Die Stimme hinter mir übertönt sie alle.
»Wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil, das höchste Gut erlesen ...« Ich überlege, ob ich mir einen anderen Platz suche, einen ohne solche Lärmbelästigung.
Maren sitzt vorne. Sie singt im Chor. Jetzt, da auch Singen wieder staatlich erlaubt ist und die Vorschriften trotz steigender Ansteckungszahlen extrem reduziert wurden, können sich auch Chöre und Gruppen wieder treffen. »Ich lebe auf!«, hatte meine Liebste nach der ersten Probe des Singkreises gemeint. »Endlich kommt das Leben zurück!« Ich habe es ihr abgespürt. Nicht nur Maren, wir alle haben im Sommer neue Kraft getankt. Umso erschreckender hatte sich der Schatten einer vierten Corona-Welle über uns aufgebaut. Die Testpflicht und ein als »freiwillig« definierter Impfdruck erwischten viele unerwartet und mitten im Urlaub. Manche mussten in Quarantäne. Fehlendes Personal macht einigen Betrieben zu schaffen. Auch bei uns in der Redaktion muss die Arbeit auf weniger Schultern verteilt werden, weil Kollegen Kontakt mit Infizierten hatten und isoliert werden. Unser Gesundheitsamt versteht da keinen Spaß. Insgesamt jedoch läuft das Leben wieder halbwegs normal bei uns im Norden.
»... den schönsten Schatz geliebt!« Ich muss den Mann, der mich so gnadenlos beschallt, unbedingt sehen. Also drehe ich mich kurz um, grinse ihn freundlich an und nicke ihm zu.
Es ist Rübezahl. Bei unserer ersten Begegnung habe ich ihm wegen seines phänomenalen grauen Rauschebartes und seines geliebten Tirolerhutes mit Gamsbart diesen Spitznamen verpasst. Eigentlich heißt er Walter Hamburger und kommt aus einem Nachbardorf. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Vielleicht war er krank. Jetzt jedenfalls strotzt er vor Kraft zum Lob Gottes. Ein Mann, der seinen Jesus liebt und von ihm redet, wo es nur geht. Ein Traditionalist und Rebell zugleich. Viele der regelmäßigen Kirchgänger um mich herum erlebe ich als bürgerlich angepasst, als schweigend in Glaubensdingen und zwar kirchlich, aber weniger lebendig glaubend geprägt. Bei Rübezahl ist das anders. Er nervt manchmal mit seinen Zwischenrufen und Bekenntnissen – aber jede und jeder nimmt ihm seine Begeisterung für Gott und Jesus sofort ab. »... den schönsten Schatz geliebt!« Das glaubt man ihm.
Die Bläser setzen sich. Einige pusten die Mundstücke ihrer Instrumente trocken. Pastor Werner tritt ans Rednerpult. Es ist inmitten einer prächtigen Blumen-, Obst- und Gemüsedekoration aufgestellt worden. Auch sein wallender schwarzer Talar kann nicht verbergen, dass der Pastor zugelegt hat. Sein Bäffchen sitzt schief. Seine Freundlichkeit und Ausstrahlung sind jedoch wie immer, stimmig und geradeheraus.
»Liebe Schwestern und Brüder aus den Gemeinden unserer Region, liebe Gäste, wir haben wahrlich allen Grund, dieses Erntedankfest zu feiern.«
Er schaut mehrmals in die Runde, sucht Blickkontakt und nickt uns zu. Man hat das Gefühl, persönlich begrüßt zu werden.
»Unser guter Gott hat uns reich beschenkt!« Er weist auf die Blumen und Früchte. »Ich meine auch diese Dinge, all das, was wächst und gedeiht. Ich meine aber viel mehr die Geschichte und die Geschichten unseres Lebens.«
Nun bin ich gespannt. Er wird ja vermutlich nicht die Predigt vorwegnehmen.
»Besonders der Monat Oktober kann für uns ein Zeichen der Güte und Zuwendung Gottes werden.« Ich bin gespannt, warum. »Heute feiern wir nicht nur Erntedank, sondern auch die Deutsche Einheit. Welch ein Geschenk! Wir finden natürlich viele politische Begründungen für den Mauerfall vor inzwischen unglaublichen zweiunddreißig Jahren. Für mich jedoch sind sie allesamt Hinweise auf Gottes unbegrenzte Möglichkeiten. Unser Gott hat unzählige Gebete erhört und handfest eingegriffen. Seiner Macht konnte niemand widerstehen und seine Güte hat Schwestern und Brüder wieder vereint!«
Pastor Werner nimmt einen Schluck Wasser aus dem Glas neben dem Rednerpult. »Der Oktober beginnt also mit dem Gedenken an eine Großtat des schenkenden, gütigen Gottes. Deutschland ist vereint – machen wir also etwas daraus! Und was feiern wir am Ende dieses segensreichen Monats?«
Neben mir sitzen zwei junge Männer, etwa sechzehn, also keine Konfirmanden mehr. Einer flüstert seinem Nachbarn auch für mich hörbar zu: »Den Weltspartag!« Ich muss grinsen. Ja, auch ein guter Kontostand ist so etwas wie eine reiche Ernte, von der man in Freuden leben kann.
Der Pastor beantwortet seine vermutlich eher rhetorisch gemeinte Frage selbst: »Wir feiern am 31. Oktober den Reformationstag. Wieder ein Freudenfest für Christen, jedenfalls für uns evangelische. Erntedank, Wiedervereinigung, Reformation – wenn wir die Tage dazwischen im Sinn dieser Ereignisse gestalten, wird der Oktober ganz gewiss ein Monat werden, der unser Leben reich und glücklich macht. In meiner Predigt wird es gleich genau darum gehen: Wie wird ein Leben reich und glücklich?«
Die Jugendlichen tuscheln wieder. Ich verstehe nur: »Der 31. Oktober, ist das nicht Halloween?« Sie lachen und ziehen Grimassen. Rübezahl stößt sie mit seinem Gehstock an und zeigt ein grimmiges Gesicht.
Ich will mich gerade auch über das Flüstern ärgern, freue mich dann aber. Die beiden haben aufmerksam zugehört. Was will man mehr! Eine Jugend, die zuhört, ist für Kirche und Glaube alles andere als verloren!
Der Gottesdienst gefällt allen, das spürt man. Die Gemeindelieder, der Chor, Posaunen, ein modernes Lied mit Gitarre – fast habe ich vergessen, wie sich ein ansprechender und schöner Gottesdienst anfühlt. Ich war noch nie ein richtiger Insider von Kirche, sondern bin erst vor wenigen Jahren dazugestoßen. Wäre ich nicht den Christen hier in Himmelstal begegnet und wären Maren und ich nicht ein Paar geworden – vermutlich säße ich heute weder hier noch würde ich verstehen, worum es geht. Auch jetzt ist mir manches noch ziemlich fremd. Trotzdem weiß ich jetzt, was mir in der Coronazeit gefehlt hat: Die Gemeinschaft mit Christen, das Singen von Lobliedern und gemeinsame Gebete.
Eine Frau und ein Mann treten ans Mikrofon. Ich kenne sie nur vom Sehen. Sie kommen aus einer Nachbargemeinde. Abwechselnd tragen sie zusammen, wofür sie danken. Woran ich eben dachte, ist auch dabei, aber ihre Liste ist gewissermaßen unendlich. Das Meckern, Problematisieren, Kritisieren und Nörgeln der letzten Monate hat in ihrem vorbereiteten Text nichts mehr zu suchen. Nur die Dankbarkeit. Es wird nicht verschwiegen, was belastet. Klimakrise, Flutkatastrophe, Kriege, Corona, Afghanistan, Flüchtlinge ... all das wird wahrgenommen. Aber in all dem entdecken die beiden den Gott an unserer Seite und formulieren einen großartigen »Psalm« der Dankbarkeit.
Ich muss nachher unbedingt fragen, ob ich den Text bekomme. Vielleicht kann ich ihn mal in einer Samstagsausgabe unterbringen. Wenn mein Chef Florian Heitmann sich im Kollegenkreis auch als Kirchen- und Religionshasser präsentiert – manchmal hat auch er lichte, emotionale Momente und lässt außer Fakten auch Deutungen und Interpretationen der Wirklichkeit zu.
Wie so oft in Gottesdiensten und wortlastigen Veranstaltungen macht sich mein Denken selbstständig. Zwar merke ich, dass inzwischen die Predigt »läuft«, aber ich bin mit meinen Gedanken immer wieder woanders.
Wofür habe ich zu danken? Für Maren, fällt mir zuerst ein, auch wenn wir oft in verschiedenen Welten leben. Für meinen Job, den ich als Berufung erlebe, auch wenn es manch ätzende Aufgabe gibt. Für ausreichend Einkommen, auch wenn ein Lottogewinn nicht schlecht wäre. Für das zarte Pflänzchen meines Glaubens, auch wenn Zweifel und gelegentlich schlechte Erfahrungen mit Kirche und Christen es manchmal kräftig durchschütteln. Für meine Nachbarn und Freunde im Dorf, auch wenn es immer wieder Zerwürfnisse gibt. Ja, ich habe viel, wofür ich danken und »Erntefest« feiern kann. Keine Kartoffeln, Äpfel oder Rüben, wie sie vorn am Altartisch liegen, aber manch gute Story und viele tolle Menschen und Erlebnisse, die ich niemals missen möchte. Auch wenn ...
Mir fällt plötzlich auf, dass ich immer wieder dieses »auch wenn« anfüge. Einfach nur danken fällt mir offenbar schwer. Immer wieder fehlt noch etwas an der Vollkommenheit meines Lebens. Ob das normal ist und allen anderen auch so geht? Ob Leben immer auch die Suche nach mehr Leben beinhaltet?
Pastor Werners Predigt ist überraschend kurz. Oder kommt mir das nur so vor, da ich dauernd in eigene Gedanken abdrifte? Er spricht von einem Schatz, den man nicht materiell und gegenständlich beschreiben kann, der aber doch sowohl über die eigene Zufriedenheit als auch über das Zusammenleben von Menschen entscheidet. Ob ich diesen Schatz gefunden habe? Maren nenne ich gelegentlich »Mein Schatz«. Wieder schweifen meine Gedanken in eine andere Richtung. An Maren denke ich ausgesprochen gerne. Sie bringt mich gewissermaßen immer wieder »auf Kurs«.
»Es ist eine Schande, dass wir als Christen immer noch nicht gemeinsam handeln oder zu selten.« Jetzt redet Pastor Werner von der Kirche und den trennenden Konfessionen. Ich denke an meine Erfahrungen mit Kirche ...
Ob ich jetzt sogar ein bisschen eingenickt bin? Zum Thema »Kirche« würde das aus Sicht mancher Zeitgenossen ja passen. Posaunenklang bringt mich zurück. Der Gottesdienst ist zu Ende.
Rübezahl streckt mir seine Faust entgegen. Ich ticke meine dagegen. »Jens, preist den Herrn! Wie schön, dass uns die Gnade einer neuen Begegnung zuteil wird.« Rübezahl ist nicht nur eines, er redet auch wie ein Original.
»Walter, ich freue mich auch, dich zu sehen!«
Wir unterhalten uns einen Moment. Wieder ist er schnell bei der immer gottloseren Welt. Ob Corona eine Strafe Gottes ist? Er geht davon aus. Aber wir müssen uns eben alle demütig darunter beugen ... So sehr ich Rübezahl seinen Glauben und seine Freude an Gott abnehme, so sehr ist mir seine negative Weltsicht doch mehr als suspekt.
Am Ausgang drückt uns Irene, eine treue und liebenswerte Kirchgängerin, zwei Zettel in die Hand. Einer ist die Einladung zu einem Seminar anlässlich des Reformationstages, der andere die Werbung für heute Abend. Die Deutsche Einheit soll bei uns in Himmelstal nicht nur im Gottesdienst, sondern den ganzen Tag über gefeiert werden. Gleich gibt es Erbsensuppe aus der Gulaschkanone der Freiwilligen Feuerwehr. Darauf freue ich mich schon. Für den Nachmittag hat das Team vom Kindergottesdienst ein buntes Programm für Kids vorbereitet. Maren engagiert sich da. Ich Oldie kann also ein kleines Nickerchen machen.
Zum Tanzabend mit den »Egerländer Heidjern« bin ich dann wieder fit. »Danz op de Deel« mit Bratwurst, Schnaps und Bier – für viele im Dorf ist das der Höhepunkt einer jeden Feier, und wenn schon Einheit, wo sonst sollte sie so intensiv und körperlich erlebt werden wie an der Theke und auf der Tanzfläche? Klar, dass Maren und ich nachher dabei sein werden! Ich nehme mir fest vor, heute Abend weniger zu trinken als etwa beim Maibaumpflanzen. Damals, am ersten Mai, begleitete meinen peinlichen Absturz dieselbe Band.
*
Mit einem Teller heißer Erbsensuppe auf dem Schoß sitzen Maren und ich auf einer Bank mit Blick auf Kirche und Wiese am Tagungshaus. Es ist wegen des Windes nicht besonders warm, aber die Sonne scheint. Ein »goldener Oktober« hat uns begrüßt. Kalte Nächte, sonnige Tage. Die Birken verlieren bereits ihre Blätter, das Grün der anderen Bäume verwandelt sich in gelb, rot und braun. Nur die Eichen trotzen noch dem herbstlichen Wandel.
Auf der Wiese wuseln Kinder herum. Sechs Jugendliche nutzen den Volleyballplatz und pritschen oder baggern einen hellroten Ball über das Netz. Familien belagern die aufgestellten Biertischgarnituren und löffeln wie wir ihre Suppe. Einige ältere Damen bilden einen Halbkreis, stützen sich auf ihre Gehhilfen und beobachten das Treiben vor sich. Es sind Bewohnerinnen der kleinen Seniorenresidenz in unserem Dorf. Fast jeden Tag spazieren sie mit ihren Rollatoren im Dorf herum.
Maren isst ihre Suppe und klönt nebenbei mit zwei Frauen vom Kindergottesdienstteam. Wegen des Nachmittags gibt es noch manches zu verabreden.
Ich beobachte die Menschen um mich herum. Das mache ich gerne, erzählen sie mir doch allein durch ihr Aussehen und Verhalten manch interessante Geschichte. Durch die lichten Büsche sehe ich viele PKW, abgestellt rund um die Kirche. Endlich mal wieder volle Parkplätze! An Sonntagen in Coronazeiten standen hier nur einzelne Autos, wenn überhaupt.
Am Haus gegenüber der Kirche hält ein hellgrauer Mercedes. Er fällt mir auf, weil ich selbst einmal eine solche Limousine der E-Klasse gefahren bin. Die Beifahrertür öffnet sich und ein Mann steigt aus. Er passt nicht richtig zum Publikum dieser kirchlichen Veranstaltung. Der etwa Dreißigjährige ist klein, drahtig und entweder sportlich oder militärisch durchtrainiert. Er trägt eine enge Jeans, ein offenes gelbes Hemd und eine schwarze Lederjacke.
Sich suchend umsehend kommt der Mann über die Straße auf das Gelände vom Tagungshaus. Jetzt bewegt er sich er in meine Richtung. Haare und Bart des Mannes wirken gepflegt. Er trägt eine goldene Kette um den Hals und eine Tätowierung auf beiden Handrücken. Es wirkt, als suche der Mann jemanden. Zweimal spricht er Gäste an. Beide schütteln mit dem Kopf.
Allerdings scheint sich der Mann nicht besonders wohl zu fühlen. Nach kurzer Zeit verschwindet er wieder in Richtung Mercedes. Er öffnet die Beifahrertür, spricht mit dem Fahrer, steigt ein und der Mercedes fährt davon. Ich überlege, ob ich die beiden Gäste, mit denen der Mann geredet hat, frage, worum es ging. Aber Maren stößt mich an.
»Jens, bringst du bitte die leeren Teller weg? Ich muss gleich zum Kinderprogramm.«
Klar doch. Besonders Journalisten kümmern sich ums schmutzige Geschirr der Gesellschaft! Ich sammle noch die Teller bei der Rollatortruppe ein und bringe den Stapel zur Küche. Dari, eine von zwei Auszubildenden, schaut zögernd aus der Tür, so als wolle sie nicht hinaus. Ich drücke ihr den Stapel Teller in die Hand und bedanke mich.
»Ihr macht einen echt guten Job!«, rufe ich ihr zu. Sie nickt und verschwindet in der Spülküche. Seltsam. Normalerweise ist Dari zwar still, wirkt dabei aber fröhlich und selbstbewusst. Nun jedoch scheint ihr etwas auf dem Herzen zu liegen – oder sie ist einfach nur müde und gestresst.
*
Inzwischen »boxt der Papst«, wie Enno es gerne ausdrückt. Enno ist Chef der Freiwilligen Feuerwehr von Himmelstal. Er löscht Brände. Heute geht es um einen besonders lebensbedrohlichen Brand. »Durst« nennen wir ihn. Gemeinsam gehen wir ans Werk: Enno Diekmann und Gerd Meyer von der Feuerwehr, unser Nachbar Gerald Tönnies, Sportwart Axel Kuhlmann, Tagungshausleiter Theo Beyer und ich, Jens Jahnke, Journalist und Reporter vom Käseblatt.
Ohne es zu wollen, hat sich dieser erlauchte Kreis Gleichgesinnter an einem runden Stehtisch vor der Theke eingefunden. Unsere Frauen sitzen mit anderen Frauen am Tisch und sprechen über ... na, ich vermute Kinder, Männer und Klamotten. Wobei das natürlich ein Klischee ist. Meine liebe Maren diskutiert auch gerne über alles, was mit Menschen, Beziehungen und Gesundheit zu tun hat – und was hat nicht damit zu tun? Bei uns in der Männerrunde geht es um Autos, die große Weltpolitik und, man staune, um die Kirche. Theo hatte soeben ganz nebenbei gemeint, dieser Tag mache ja deutlich, dass die Kirche mitten im Leben steht.
»Wir beten, wir sprechen über Lebensträume, es gibt gut zu Essen, wir kümmern uns um die Kinder, hören flotte Musik und jetzt wird gefeiert, bis der Morgen graut. Dieser Tag ist doch Beweis genug! Wir von der Kirche verstehen etwas vom Leben!« Theos blaue Augen strahlen. Der Mittvierziger reibt sich den Dreitagebart, schmunzelt und prostet uns zu.
Gerd brummt irgendetwas vor sich hin.
»Gerd, sag’s ruhig laut. Wir von der Kirche sind Kritik gewohnt. Selbst Jesus musste sich schon manches anhören.«
Der kurz vor der Rente stehende KfZ-Mechaniker lässt sich das nicht zweimal sagen.
»Mag sein, dass ihr hier irgendwie aus dem kirchlichen Rahmen fallt und anders seid. Aber schau doch deine Kirche mal kritisch an. Ihr predigt und fuchtelt mit dem moralischen Zeigefinger herum wie mit einem Schwert, aber die Aufarbeitung von Missbrauch verhindert ihr. Und die Pfarrer lassen den Gutmenschen heraushängen. Wie viel Geld unserer Kirchensteuern ihr in Aktienpakete, überflüssiges Personal und Gebäude steckt, statt den Armen zu helfen, will ich gar nicht wissen. Vom Papst mal ganz abgesehen ...«
Je länger er redet, desto mehr regt sich Feuerwehrmann Gerd auf. Er hat schon jetzt ein paar Brände zu viel gelöscht.
Theo kontert wie erwartet: »Du verwechselst da was. Wir hier sind nicht katholisch. Wir sind evangelisch. Seit der Reformation vor über fünfhundert Jahren gibt es bei uns keinen Papst und auch kein Zölibat.«
»Aber Missbrauch hat es in evangelischen Heimen und sogenannten Erziehungsanstalten auch gegeben.« Enno nimmt Gerd in Schutz. Feuerwehrkameraden halten eben zusammen. Wobei auch Theo in der Feuerwehr aktiv ist. Er hat sich sogar in diversen Fortbildungen besonders qualifiziert und wird von den Kameraden deshalb hochgeachtet.
»Stimmt«, gibt er nun zu, »auch bei uns passiert eine Menge Mist. Kirche ist eben immer auch eine Institution mit eigenen Regeln und starren Gewohnheiten. Aber Martin Luther hat uns damals doch auf eine andere Spur gesetzt.«
»Die Spur der großen Worte, Predigt und so. Das ‚Wort’ als Gottes scharfes Schwert. Ein Konfirmandenunterricht, wo man mehr auswendig lernen muss als während der gesamten Schulzeit, nein danke. Viel besser als die katholische ist die evangelische Kirche auch nicht!«
Ich staune, befasst sich doch Enno mit dem Thema Kirche offenbar heute nicht das erste Mal. Er weiß gut Bescheid und scheint sich sogar mit der Reformation auseinandergesetzt zu haben. Theos Argumentation muss er allerdings oft zustimmen. Der Leiter des Tagungshauses ist uns allen in theologischen Fragen überlegen.
»Wenn man die Reformation auf die Trennung von der katholischen Kirche reduziert, hat man sie nicht verstanden. Luther ging es zuerst um die innere Befreiung des Menschen und um unser Gottesbild. Erst als Konsequenz daraus hat er in seinen 95 Thesen Veränderungen in der Kirche gefordert.«
»Das mag ja stimmen. Trotzdem ist die Trennung der Konfessionen ein längst überholtes Relikt aus dem Mittelalter. Was damals unbedingt nötig war, macht heute aus meiner Sicht die Christen unglaubwürdig.« Enno lacht jetzt triumphierend. »Das hat doch unser Pastor vorhin auch gesagt! Und mal ehrlich, wenn sogar die deutsche Einheit möglich war und immer besser funktioniert, dann müssten wir Christen es mit der Einheit von Kirche doch auch langsam auf die Reihe kriegen!«
Wir werden unterbrochen. Maren zieht mich am Arm.
»Komm, Jens, wir wollen tanzen!«
Ich ignoriere die Vereinnahmung durch das »wir« und lasse mich auf die hölzerne Tanzfläche ziehen. Spätestens nach zwei Discofox bin ich raus aus dem Thema »Kirche«. Der zweite ist eigentlich ein Salsa, aber diesen flotten Tanz beherrsche ich nicht mehr. Maren meckert mit mir und erinnert mich an den Tanzkurs, den wir zu Beginn unserer Beziehung gemeinsam besucht haben. Schon damals war ich leider vor allem linksfüßig unterwegs. Wir haben keine Lust mehr und ersparen uns den Quickstepp, den die Band nun präsentiert.
Ach ja, die Band. Nicht nur der Name, auch die Typen passen zur Musik. Der Keyboarder mit Schlapphut und im Lodenmantel ist gekleidet wie ein Schäfer aus der Heide, der Gitarrist mit Tirolerhut und Lederhose wie ein bayrischer Jodelkönig und die Schlagzeugerin mit Heidekranz auf dem Kopf und einem böhmischen Trachtenkleid symbolisiert die Verbindung vom Egerland im tschechischen Grenzgebiet und Lüneburger Heide. »Egerländer Heidjer«, international in Sachen Schlager und Volksmusik aufgestellt, könnte man sagen.
Am Stehtisch schenkt mir Axel sofort einen Korn ein.
»Komm, Kumpel, stärke dich erst einmal. Hast eben einen etwas geschwächten Eindruck gemacht.«
Das Thema »Kirche« ist während meiner kurzen Abwesenheit ad acta gelegt worden. Nun geht es um das verheerende Hochwasser in West- und Süddeutschland. Niemand glaubt, dass so etwas auch hier bei uns in der Heide passieren kann.
»Allerdings könnten uns extrem lange und heiße Dürrephasen treffen, Starkregen kann viele Ackerflächen samt Getreide wegspülen und Tornados können ganze Dörfer und Städte zerstören. Also sagt nicht, bei uns kann nichts passieren!«
Enno hat damit sicher recht. Am Ende einer längeren Diskussion einigen wir uns darauf, dass es wohl doch am bereits erwärmten Klima liegt. Wir wollen auf weitere Bratwürste verzichten, lästern über Gerds SUV und meinen uralten Golf und kommen dann auf das Thema Photovoltaik, die Windräder, viel zu große gelbe Tonnen für Plastikmüll und völlig überflüssige Reisen nach Mallorca.
Die Tanzphase ist inzwischen vorbei, die »Egerländer Heidjer« machen immer längere Pausen und die Hälfte der Feiernden ist bereits gegangen. Gerade verhandeln wir das Thema Elektromobilität. Axel kann das Wort allerdings inzwischen nicht mehr richtig aussprechen. Er spricht, nein er lallt, deshalb etwas von »Stromautos« und »Stromkrise«. Er steht eben unter Strom.
Im Augenwinkel bemerke ich bereits etwas länger, dass ein junger Mann immer wieder zu unserem Tisch herüberschaut. Ich kenne ihn vom Sehen. Er arbeitet auf einem Gutshof ganz in der Nähe. Auch er hat inzwischen diverse Bier und Korn intus, scheint aber recht trinkfest zu sein. Zwei seiner Kumpels am Tisch grölen lautstark mit: »Ein Bett im Kornfeld ...« Vielleicht lieben besonders Landwirte diese Bierzelthymne.
Der Jungbauer indes steht still da. Irgendetwas blockiert ihn, in die Trinklieder seiner Freunde einzustimmen.
Überraschend taucht Maren plötzlich neben mir auf. Zeitgleich stößt Geralds Frau ihrem Mann in die Rippen.
»Männer, es ist Zeit. Wir gehen.«
An besagtem ersten Mai dieses Jahres haben wir Männer unseren Abgang zu genau diesem Zeitpunkt verpasst. Es gab später mächtig Ärger. Folglich habe zumindest ich beschlossen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Nun ist das nächste Mal. Maren schmiegt sich an meine Schulter.
»Jens. Ich will nach Hause. Es ist fast ein Uhr.«
Ich nicke. »Nur noch eben das Bier austrinken.«
Sie bleibt neben mir stehen. Auch Gerald löscht seinen letzten Brand unter ehelicher Kontrolle. Wir verabschieden uns von den anderen.
»Aber ihr wollt doch noch nicht gehen? Wir haben ja gerade eben erst vorgeglüht!«, lallt Axel.
»Du hast gut Reden, Axel. Wer wie du als Single lebt, kann selbst entscheiden. Die beiden sind aber mit ihren Frauen hier. Da hat die Nacht ein Ende!«
Enno provoziert mit seinen angeblich mitfühlenden Worten natürlich ganz bewusst unseren Widerstand.
»Blödsinn!«, meint Gerald. »Auch wenn man verheiratet ist, bestimmt man über sich und seine Zeit immer noch selbst!«
Ich merke, worauf er hinauswill. Für einen Moment erwäge auch ich meine männliche Gegenwehr zur weiblich verordneten Nachtruhe. Dann jedoch setzt sich mein zweites Ego durch. Ich habe keine Lust auf tagelanges Schmollen und immer wieder diesen Abend aufs Brot geschmiert zu bekommen.
Also zieht Geralds Frau an dem einen und ich an seinem anderen Arm.
»Komm, Gerald, denk’ an den Fehler von damals!«
»Welchen Fehler? Ach so ...« Vermutlich meint er eher den Kater vom letzten Mal. Mehrfach versichert er unseren Kumpeln, dass er nur ungern mitgeht, aber beim nächsten Mal zu ihnen steht. Dann sind wir draußen vor dem Zelt.
»Jens Jahnke?«
Der junge Mann vom Nachbartisch ist uns nachgegangen. Er ist ein schlanker, braungebrannter Typ, dem man ansieht, dass er auch schwere Arbeit nicht scheut. Seine blonden Haare trägt er lang, gekleidet ist er mit schwarzer Jeans, hellblauem Hemd und einem dunklen Leinensakko. Ein sympathischer Bursche.
»Ja.« Ich bleibe stehen und bremse unseren Tross aus.
»Sie sind doch der Reporter?«
»Ja, aber im Moment gewissermaßen außer Dienst.«
»Ich hatte gehofft, Sie haben noch etwas Zeit für mich.«
»Und Sie sind ...?«
»Oh, sorry. Ich bin der Sohn vom alten Heimfeld. Sie wissen vielleicht, der Hof im Nachbardorf, der mit den Eichen und der Feldsteinmauer.«
»Darf ich vorstellen«, lallt Gerald mit übertrieben charmanter Handbewegung, »Fabian von Heimfeld.«
Die Einheimischen kennen sich natürlich.
Fabian nickt. »Ich würde Sie gerne unter vier Augen sprechen.« Ich spüre ihm ab, dass ihn diese Bitte viel Mut kostet. Vielleicht hat er den ganzen Abend gebraucht, sich diesen Mut anzutrinken.
»Warum wollen Sie mich sprechen?«
»Weil, weil mir etwas geschehen ist, was Sie vielleicht auch gerne wissen wollen.« Er stottert etwas.
Maren und die anderen beiden sind bereits einige Schritte weitergegangen. Ich spüre, dass ich diesen jungen Mann jetzt nicht einfach abwimmeln sollte – selbst wenn es später Ärger gibt. In betrunkenem Zustand mit ihm reden will ich allerdings auch nicht. Doch er hat mich neugierig gemacht.
»Also haben Sie etwas für die Zeitung?«
»Vielleicht. Vor allem brauche ich Ihre Hilfe. Sie sind doch der Journalist, der damals Oliver Bender geholfen hat, und dieser jungen jüdischen Mutter und Kerstin und Jonas?«
Der Mann hat ganz offensichtlich intensiv verfolgt, was ich in den letzten Jahren so getrieben habe. Trotzdem sind weder er noch ich heute Nacht in der Lage, sein Anliegen zu klären.
»Sie haben sich über mich informiert?«
»Die Geschichten kennt hier jeder. Da muss man sich nicht informieren. Aber meine Geschichte kennt noch niemand, jedenfalls niemand, der mir glaubt.«
Ich werde immer neugieriger.
»Worum geht es denn?«
Er will noch nicht heraus mit der Sprache.
»Nur wenn Sie sich Zeit nehmen, kann ich alles erzählen.«
Ich entscheide mich. Vernunft gegen Neugier.
»Okay. Ich besuche Sie morgen Vormittag gegen zehn Uhr. Dann reden wir über alles, versprochen! Ich komme – aber Sie sagen mir schon jetzt, worum es geht.«
Er überlegt einen Moment.
»Gut. Ich vertraue Ihnen. Um es kurz zu machen: Ich habe einen Schatz gefunden, zwei Säcke mit Gold.«
Mir verschlägt es die Sprache. Der Mann hat zu viel getrunken. Oder ich.
»Sie haben einen Goldschatz gefunden? Ein Scherz, oder?«
»Leider nicht. Der Schatz ist wieder weg. Ich bin einfach nur ein Idiot!«
Nun kommt mir dieser Fabian doch ein wenig betrunken vor. Schatz hin und Gold her – wir reden morgen darüber.
Montag, 4. Oktober
Noch vor sieben Uhr wache ich auf. Maren liegt leise schniefend neben mir und schläft. Ich schleiche mich aus Bett und Zimmer. Mein Kopf brummt zwar etwas, aber nach einem Kaffee aus der Maschine wird es schnell besser.
Ich will Maren nicht wecken und setze mich in mein Kellerbüro an den Computer. Das Arbeitszimmer habe ich von Oliver, Marens verstorbenem Ehemann, übernommen. Es ist groß, ruhig und mit Schreibtisch, Bücherregalen und Sitzecke samt Fernseher ausgestattet. So habe ich einen prima Arbeitsplatz, aber auch einen hervorragenden Rückzugsort gefunden.
Dieser Fabian von Heimfeld spukt durch meinen Kopf, genauer der Schatz, von dem er sprach. Gefunden und wieder weg. Er meint, er sei ein Idiot. Das klingt entweder nach riesigem Blödsinn oder nach einer sauguten Geschichte.
Ich google den Namen. Es gibt ein paar Bilder vom alten Gutshof und Trecker bei der Feldarbeit. Auf einem Foto steht Fabian neben einem älteren Herrn, vermutlich seinem Vater. Ansonsten finde ich nur die üblichen Adressendaten.
Definitiv spannender wird es, als ich »Schatzfunde« eingebe. Ich finde eine lange Liste wertvoller Funde. Der Wert bezieht sich meistens auf die archäologische Bedeutung. Die Funde geben den Experten Aufschluss über Leben und Situation vergangener Zeiten. Ob es um die berühmte Himmelsscheibe geht, 1999 bei Nebra gefunden, oder um den Goldschatz »Hort von Gessel«, der fast zwei Kilogramm Goldschmuck enthielt – immer übersteigt der archäologische Erkenntniswert den des reinen Material- oder Verkaufswertes.
Manchmal bekam man durch Untersuchung des Materials Hinweise zu Handelswegen, Lebensgewohnheiten, Wissenschaften und politischen Verhältnissen. Bis in die Bronzezeit hinein reichen die Funde.
Bizarre Geschichten sind oft damit verbunden.
Die Himmelsscheibe etwa wurde von Sondengängern gefunden. Die haben sie verkauft und das bronzene Zeugnis mittelalterlicher Astrologie wurde mehrfach von Hehlern zu Geld gemacht, bevor es endlich konfisziert werden konnte. »Raubgrabung« nennt man so etwas, wann immer eine Schatzsuche ohne behördliche Genehmigung und Meldung geschieht. Oft sind es Sondengänger, die mit ihren Metalldetektoren durch Feld und Wald streifen und nach wertvollem Metall suchen. Ich bin gespannt, ob Florian auch dazugehört.
Auch in unserer Region wurden bereits diverse Schätze gefunden. Fast jedes Jahr berichten wir in unserer Zeitung darüber. Meist waren es einzelne Fundstücke, darunter Münzen und Schmuck aus Bronze, Silber oder selten auch Gold.
Besonders herausragend war ein Goldfund in Oedeme, einem Ortsteil von Lüneburg. Man hat dort einen urzeitlichen Grabhügel vermutet und den Sondengänger Florian Bautsch beauftragt, das Areal vor der Ausgrabung zu prüfen. In einer sonderbaren Bodenmulde fand er im Herbst 2014 einzelne Goldmünzen. Die Archäologen machten sich an die Arbeit. Am Ende wurden insgesamt 217 Goldmünzen sichergestellt. Der Materialwert des Goldes betrug zwar »nur« 45.000 Euro, der Erkenntniswert allerdings war unbezahlbar. Der Schatz war eine Hinterlassenschaft der Nazis. Vermutlich auf der Flucht vor dem siegreichen Feind wurde das Gold bei Kriegsende versteckt, von wem ist nicht bekannt. Die Herkunft der Münzen bewies die Vernetzungen der Deutschen Reichsbank in ganz Europa und darüber hinaus.
Im Nebenraum rumort es. Maren steckt Wäsche in den Trockner. Es ist Zeit, meine Recherche abzubrechen.
Eine halbe Stunde später sitzen wir gemeinsam am Frühstückstisch. Maren trägt noch ihr baumwollenes Nachthemd, die kastanienbraunen Haare offen und eine Mütze Müdigkeit im Gesicht. In diesem Zustand macht es keinen Sinn, ihr von Fabian von Heimfelds Schatzfund zu erzählen oder gar ein Gespräch über Schätze in der Heide zu beginnen. Ich bin gerade am Morgen fit und gesprächig.
Maren braucht außer einer Tasse Kaffee vor allem Ruhe, um Kraft für den Tag zu tanken. Sie »Morgenmuffel« zu nennen, ginge allerdings zu weit, manchmal singt sie morgens sogar.
Ich frage sie also nur kurz nach Fabian von Heimfeld.
»Du meinst den jungen Mann von gestern Abend?«
»Ja, der mich zum Schluss noch aufgehalten hat.«
»Gut, dass du trotzdem mitgekommen bist! Ich hatte schon Angst, du bleibst am Ende wieder an der Theke hängen.«
Ich schmolle. »Ich doch nicht!«
»Nee, du natürlich nie!« Sie schmunzelt. »Das also war von Heimfeld Junior. Ich kenne seine Mutter. Sie ist Mitglied im Singkreis. Sehr nette Frau! Was wollte er denn?«
Nun siegt ihre Neugier über die Morgenschläfrigkeit. Trotzdem werde ich ihr lange Diskussionen über Schätze ersparen, zumal ich dazu im Moment selbst keine Lust habe.
»Das hat er mir nicht genau gesagt. Wir haben uns für heute Vormittag verabredet.«
»Na, da bin ich aber gespannt. Wenn du rechtzeitig zurückkommst, kannst du es mir ja noch erzählen.«
Maren hat diese Woche Spätschicht, ist also von zwei bis zehn Uhr im Krankenhaus.
»Gerne, mein Schatz! Nur so viel hat dieser Fabian verraten: Es geht um einen Schatz, den er hatte und nun wieder nicht!«
Ich kann also meinen Mund doch nicht halten. Wie immer drängt es mich, die Dinge auszusprechen. Maren lacht.
»Na, das kann ja alles sein! Vielleicht hat er sich verliebt und sein Schatz hat ihn sitzen lassen. Oder er hat seine Briefmarkensammlung verloren oder seine kostbaren Kindheitsfotos sind verbrannt.«
»Er hat von zwei Säcken mit Gold gesprochen.«
Maren schaut mich an, als ob mir die Sicherung fehlt.
»Zwei Säcke Gold? Ihr wart gestern Abend ja echt gut drauf. Warum nicht gleich der Schatz im Silbersee?«
»Maren, ohne Quatsch! Ich war zwar angetrunken, konnte aber noch gut hören und mitdenken. Zwei Säcke Gold hatte er zunächst gefunden und nun sind sie wieder weg, hat Fabian gesagt – und dass er ein Idiot sei.«
Wenn sich der Zweifel ein Gesicht suchen wollte, würde er Marens auswählen. »Das Letzte mag ja stimmen. Ich kenne diesen Fabian nicht und weiß nicht, ob er ein Idiot ist. Das mit dem Gold klingt aber ziemlich idiotisch und wie ein Kindermärchen oder eben Karl May.«
»Ich habe nachgelesen. So abgedreht ist das gar nicht. Man hat auch in dieser Gegend immer wieder Schätze gefunden.«
»Einzelne Münzen vielleicht. Aber doch keine Säcke mit Gold. Von einem Bankraub habe ich auch nichts gehört. Wo also sollte so etwas herkommen?«
»Keine Ahnung. Erst 2014 hat man in Lüneburg einen beachtlichen Goldschatz gefunden. Der kam von den Nazis, die ihn kurz vor Kriegsende verbuddelt haben, damit er den Briten nicht in die Hände fällt.«
»Ich erinnere mich. Raubkunst, Nazigold ... eingeschmolzene Schmuckstücke aus den Konzentrationslagern und so etwas. Ja, das gab und gibt es sicher in Österreich, der Schweiz und dort, wo Tunnel, Stollen und Höhlen als Verstecke genutzt wurden, aber hier bei uns?«
Nun ist Maren wach. Der Kaffee und ein Müsli mögen auch dazu beigetragen haben, vor allem jedoch das Thema. Allemal wenn meine Liebste ein bisschen psychologisieren darf, ist ihre Müdigkeit schnell vorbei. So auch jetzt.
»Schatz! Welch eine Metapher! Sie steht für die großen, unerfüllten Träume von uns Menschen. Der Treffer des Lebens, der Lottogewinn, der Traumprinz, der reiche Erbonkel in Amerika, die einzig wahre Chance ... wir fallen doch immer wieder auf so etwas herein. Schatzsuche, Schatzgräber, Piratenschatz ... davon haben wir bereits als Kinder geträumt.«
»Das stimmt. Aber immer wieder hört man von Träumen, die in Erfüllung gehen. Auch ich habe ja meinen ‚Schatz’ gefunden. Dich!«
Sie tätschelt meine Wange und gibt mir einen Kuss.
»Zum Glück! Auch in der Bibel ist vom Schatz die Rede. Jesus beschrieb das Reich Gottes als ‚Schatz im Acker’. Er hat die Menschen und sich selbst gut beobachtet. ‚Wo dein Schatz ist, dort ist auch dein Herz’ hat er einmal mit Blick auf die Vergötterung des Reichtums gesagt.«
»Siehst du. Es geht also um ein zentrales Thema. Es geht um die Frage, was uns besonders wertvoll ist, worauf wir auf keinen Fall verzichten wollen und woran wir unser Herz hängen! Sag’ also nicht, die Sache mit dem ‚Schatz’ ist nur ein Kindertraum oder ein Märchen.«
Maren lacht und beginnt, den Frühstückstisch abzuräumen.
»Jens, du findest auch immer wieder ein Argument für deine Sicht der Dinge. Natürlich lieben wir alle unsere Schätze und es gibt sie gelegentlich auch, sowohl materiell als auch ideell. Aber zwei Säcke Gold bei einem Himmelstaler Bauern halte ich doch für reichlich fragwürdig – zumal die ja auch wieder weg sind.«
Ich stelle das Geschirr in die Spülmaschine. Maren wischt den Tisch ab und signalisiert so, dass dieses Thema für sie zuerst einmal beendet ist.
»Okay«, ich habe gern das letzte Wort, »ich treffe diesen Fabian gleich und kann dir dann ja berichten.«
*
Ich muss heute noch einen Artikel über die gestrige Veranstaltung schreiben. Die Kombination Erntedankfest und Tag der Deutschen Einheit finde ich interessant, und was die Verantwortlichen in Himmelstal daraus gemacht haben prima. Hier wurde ja gewissermaßen Einheit praktiziert: Kirche, Sportverein und Feuerwehr haben den Festtag gemeinsam gestaltet. Ich ziehe mich für eine knappe Stunde in mein Arbeitszimmer zurück und mache mir Notizen.
Die Fotos von meiner Canon sind gut geworden. Dem Artikel werde ich ein Bild vom Gottesdienst und eines vom Tanzabend beifügen.
Auch der Bürgermeister beim Grußwort darf nicht fehlen. Ich weiß, das alles ist typischer Provinzjournalismus – aber eben diesen liebe ich. Das wahre Leben in seiner Vielfalt und Normalität zu dokumentieren, macht mir mindestens ebenso viel Freude wie »die Story des Monats« zu recherchieren und zu schreiben. Mit zweiundsechzig Jahren sollte man wissen, wo man hingehört. Ich habe mich schon vor Jahren entschieden, auf eine journalistische Karriere bei einer großen Zeitung zu verzichten und lieber Reporter der »kleinen Leute« zu bleiben. Dafür haben viele meiner Kollegen kein Verständnis, was mir egal allerdings ist. Mein Chef Florian Heitmann versteht es zum Glück. Zwar mag er als ehemaliger Redakteur der BILD-Zeitung am liebsten spektakuläre Aufmacher, im Grunde seines Herzens tickt er aber ähnlich wie ich. Auch mein Chef liebt die Provinz, die Vereine, Lokalpolitik, Firmenempfänge und die vielen Geschichten um Menschen, Tiere und Schicksale aus der Heide.
Meinen Artikel werde ich also morgen locker unterbringen, auch dann, wenn er über 75 Zeilen benötigt. Heute Abend werde ich ihn schreiben, jetzt habe ich die Notizen dafür im Computer hinterlegt.
*
Ich hätte auch das Fahrrad nehmen können. Der Hof der Familie von Heimfeld liegt nur einen knappen Kilometer entfernt vom nördlichen Ortsschild unseres Dorfes. Auch heute bleibt das Wetter stabil. Es ist zwar bewölkt, aber trocken und windstill. Ein Hauch »goldener Oktober« liegt weiterhin in der Luft. Zu beiden Seiten der schmalen Asphaltstraße wurden in diesem Jahr Zuckerrüben angebaut. Die Rübenkampagne in der Fabrik beginnt erst Mitte November. Die Ernte ist hier trotzdem fast beendet. Hunderte Meter lang ziehen sich die aufgeschichteten Zuckerrüben wie Schutzwälle entlang der Straße und warten auf den Abtransport. Im Hintergrund drehen sich Windräder. Mit inzwischen vierundzwanzig Anlagen ist dieser Windpark einer der größten in Niedersachsen.
Der Hof ist nicht zu verfehlen. Ich lenke meinen grauen Golf IV durch die Einfahrt in der Feldsteinmauer. Die zur Mauer verarbeiteten Steine sind riesig. Teilweise wurden sie beschlagen und mit Mörtel verbunden, teilweise liegen sie lose aufeinander. Mitten auf dem weiten Hof steht eine mächtige Kastanie. Da im Umfeld des Anwesens hunderte Eichen und Buchen wachsen, vermute ich, dass die einst hier stehenden Bäume gefällt wurden, um Platz für landwirtschaftliche Gerätschaften und Fahrzeuge zu machen. Ganz links auf dem Gelände wurde ein neuer, flacher Bungalow errichtet, vermutlich als Altenteil für Fabians Eltern. Eine lange, neue Maschinenhalle liegt vor mir. Zwei Männer hantieren dort an einem großen Trecker herum. Vermutlich gibt es auf diesem Hof auch Personal und es handelt sich nicht um einen reinen Familienbetrieb. Zwei ältere Scheunen und ein schiefes Fachwerkhaus zeugen von der langen Geschichte dieses Anwesens.
Das Haupthaus erhebt sich rechts vor hohen Bäumen, die vermutlich im Garten dahinterstehen. Die mit Kopfsteinpflaster befestigte Zufahrt wirkt etwas verwahrlost. Der quadratische, wuchtige Bau könnte etwas Farbe vertragen. Er wirkt durch den schmutziggrauen Putz ziemlich triste. Ein runder Vorbau aus rotem Klinker, mehrere Erker und weiße Fenster auf beiden Etagen verleihen dem Haus aber doch eine stattliche Würde.
Ich parke neben einem braunen Dacia Duster. Sollte Fabian von Heimfeld diesen Billig-SUV selbst fahren, legt er entweder keinen Wert auf sein Image als adeliger Gutsbesitzer oder er betreibt selbstbewusst Understatement.
Eine Klingel finde ich nicht. Vom Traktor vor der Halle winkt mir einer der Arbeiter zu. »Klooopfen!«, brüllt er. Jetzt entdecke ich einen altertümlichen Türklopfer und mache mich bemerkbar. Hohl klingt es durch das riesige Gebäude.
Eine junge Frau öffnet die Tür. Im Hintergrund höre ich Kindergeschrei. Dieser graue Bau ist also doch belebt!
»Sie müssen der Reporter sein«, begrüßt mich die hübsche Brünette. »Ich bin Rebecca, Fabians Frau und Mutter seiner zwei Kinder.«
Rebecca hat bei mir schon beim ersten Lächeln gewonnen. Sie bittet mich in die Halle. Wären da nicht sie und das Kinderlachen im Hintergrund, mir wäre kühl und unwohl zumute. Das alte Haus, die Einrichtung mit antiken Möbeln, die Lilientapete und der etwas modrige Geruch wirken auf mich nicht gerade einladend. Außerdem setzt sich der schmuddelige und ungepflegte Eindruck vom Außenbereich des Hauses hier drinnen fort. Die Fliesendiele wurde jedenfalls lange nicht mehr geschrubbt. Vermutlich mangelt es an Personal, vielleicht sind aber auch die Wahrnehmungen verschieden, denke ich.
Eine der dunklen Eichentüren im hinteren Bereich öffnet sich. Fabian von Heimfeld strahlt mich an.
»Herr Jahnke, auf Sie ist Verlass! Genau deshalb habe ich mich ja an Sie gewandt.«
In den eigenen vier Wänden tritt der Jungbauer deutlich selbstsicherer auf als auf fremdem Terrain. Hier trägt er Jeans, Poloshirt und eine dunkelgrüne Fleecejacke.
»Kommen Sie doch in mein Büro. Rebecca, kannst du uns einen Tee bringen? Oder lieber Kaffee?«
»Nein, Tee ist okay. Danke.«
Wir setzen uns in seinem Büro auf Ikea-Sessel, die um einen Ikea-Couchtisch herum gruppiert sind. Billyregale mit Krimis und Literatur zu landwirtschaftlichen Themen, ein Ikea-Schreibtisch, eine Ikea-Lampe und vermutlich auch ein bunter Teppich aus dem schwedischen Möbelhaus zieren den recht großen Raum. Über Geschmack kann man streiten. Oder nicht? Irgendwie stimmt beides. Das Büro des jungen Landwirts bildet ein deutliches Kontrastprogramm zur alt-ehrwürdigen Halle. Es riecht sogar anders, frischer und nach nordischem Holz. An der Wand hängen zwei landwirtschaftliche Diplome. Die Rahmen sind vermutlich auch von Ikea.
Rebecca kommt mit dem Tee. Ich hatte vermutet, klobige Ikeabecher zu bekommen, habe mich jedoch geirrt.
Ein friesisches Service bringt frische Farben in den Raum, blau und rot, und strömt ein bisschen von dem aus, was ich mit »adelig« verbinde.
»Sorry, mich würde ja echt interessieren, was Sie uns raten. Aber ich muss mich um die Kinder kümmern.«
Rebecca geht wieder.
Daran erinnert, dass wir uns nicht zum Smalltalk treffen, rührt Fabian zuerst drei Stücke Zucker in seinen Tee und eröffnet dann das Gespräch.
»Ich habe ja gestern schon angedeutet, worum es geht.«
Ich stimme ihm zu: »Sie haben gesagt, dass Sie zwei Säcke mit Gold gefunden haben, die wieder weg sind und dass Sie ein Idiot sind.«
Er lacht etwas verschämt.
»Da habe ich vermutlich den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich bin ein Idiot.«
Ich sage nichts, sondern warte, dass er mir seine Geschichte erzählt. Er nickt und legt los.
»Okay, also erzähle ich es mal von Beginn an. Es begann alles am 14. September, also vor inzwischen knapp drei Wochen. Ich habe oben am Acker hinter dem Pastorenhaus eine alte Buche gefällt. Der Baum war morsch, ist beim letzten Gewitter vom Blitz getroffen worden und war auseinandergebrochen. Mit Hilfe des Treckers, einer Kette und der Motorsäge habe ich Äste und Stamm zerteilt und als Feuerholz beiseitegelegt. So weit, so gut.«
Ich unterbreche ihn nicht, schaue ihn nur an. Das irritiert ihn offenbar und er nimmt erst einmal einen Schluck Tee.
»Dann habe ich mich an die Wurzel gemacht. Die Buche stand nicht unmittelbar am Waldrand, sondern im Bereich des Ackers. Wir hatten sie bisher stehenlassen, da es ein extrem alter und schöner Baum war. Nun aber musste auch ihr Stubben weichen, damit er uns nicht bei der Arbeit entlang des Feldrandes behindert. Ja, und da ist es passiert.«
Er sieht mich an als warte er auf mein »Was?«. Als das nicht kommt, berichtet er weiter.
»Beim Befestigen der Kette am Wurzelwerk stoße ich auf so etwas wie Plastik oder auch Gummi. Ich wundere mich, derartiges Material unter einer vielleicht hundertjährigen Buche zu finden. Ich buddle weiter und am Ende ziehe ich zuerst ein und dann ein zweites Paket aus einem Loch zwischen den Wurzeln. Sie glauben gar nicht, wie meine Pumpe ging. Adrenalin pur, sage ich Ihnen. Meine Aufregung und Euphorie wurde nur noch getoppt, als ich das erste Paket oder nein, es war eher ein zusammengeschnürter Sack, öffnete.«
Er fummelt an seinem Handy herum.
»Hier ist es. Genauso sah es aus.«
Das etwas unscharfe Foto auf dem Display zeigt einen fast schwarzen Behälter mit einer Art Klappe. Wenn es ein Sack ist, dann ein kleiner, etwa dreißig Zentimeter hoch, zwanzig breit und zehn tief. Unter der geöffneten Klappe schimmert es golden. Ich erkenne mir fremde alte Münzen und ein oder zwei kleine Goldbarren.
Der Jungbauer hat den Reporter im Netz ...
»Zu Hause habe ich das Gold dann ausgepackt. Natürlich heimlich. Selbst meiner Frau habe ich es erst nicht gezeigt. Von Beginn an hatte ich Angst, mit dem Gold erwischt zu werden.«
»Aber Sie haben es doch auf Ihrem eigenen Grund und Boden gefunden!«
»Trotzdem. Jeder Grundbesitzer weiß, dass solche Schätze meldepflichtig sind. Am Ende kriegt man einen Finderlohn und das war’s dann.«
Da hat er sich richtig informiert. Ich habe heute Morgen bei meiner Recherche gelesen, dass nach altem Hadrianischen Recht der Landbesitzer und Finder sich den Schatz teilen, sofern der Eigentümer der Wertsache nicht zu ermitteln ist. Die Rechtsprechung in den meisten Bundesländern ist heute allerdings anders: Der Staat bekommt den Schatz und der Finder einen Finderlohn. Im Falle des Goldfundes in Oedeme hat der Sondengänger Florian Bautsch 2.500 Euro bekommen, also nur einen Bruchteil des materiellen Wertes.
Wer solche Schätze nicht meldet, muss mit erheblichen Strafen wegen Raubgrabung, Unterschlagung und womöglich Hehlerei rechnen.
Ich habe mein Gegenüber also durchschaut.
»Sie wollten sich jedoch nicht mit einem schnöden Finderlohn abspeisen lassen.«
Er bekommt einen roten Kopf und antwortet verlegen.
»Sie haben recht. Das war dumm. Ich dachte, vielleicht könnte ich auf diese Weise unseren Hof sanieren. Die neue Halle und zwei Maschinen haben ein tiefes Loch in die Kasse gerissen und extrem belastende Schulden hinterlassen. Die Preise unserer Erzeugnisse sind am Boden. Da nützt uns unser Adelstitel auch nichts mehr. Wir müssen uns auf dem Markt behaupten, wie alle anderen auch.«
»Deshalb haben die Säcke also mitgenommen.«
»Ja. Ich habe sie hier auf dem Tisch ausgeschüttet und mir den Schatz angesehen.«
Wieder blättert er in seinem digitalen Fotoarchiv. Das Bild, das er dann zeigt, lässt das Ausmaß des Fundes erahnen. Münzen, etwas Goldschmuck und kleine Goldbarren lagen da auf dem Tischchen. So wertvoll war ein Ikea-Tisch noch nie!
»562 Goldmünzen aus verschiedenen Ländern, zwölf Goldringe, drei Armbänder und sieben Goldbarren waren in den beiden Behältern. Ich habe sie gezählt und gewogen. Alles in allem wog das Gold knapp vier Kilo.«
Wir schweigen.
Ich bin sicher, er kennt den reinen Goldwert des Schatzes. Eben deshalb hat er ihn ja nicht sofort abgegeben. Ich nehme mein Handy zur Hand und gebe »Goldpreis« ein. Das Ergebnis habe ich ähnlich erwartet. Ein Kilo kostet heute knapp fünfzigtausend Euro. In den Säcken war das Vierfache.
»Und warum sind Sie ein Idiot? Weil Sie den Schatz nicht abgegeben haben?«
Fabian seufzt. Selbstmitleid klingt durch seine Stimme.
»Im Gegenteil. Ich bin ein Idiot, weil ich ihn abgegeben habe und vor allem, wem ich ihn gab.«
»Das erklären Sie jetzt sicher.«
»Ja, auch wenn es extrem peinlich für mich ist. Drei Tage nach dem Fund, also am Freitag den Siebzehnten, habe ich die Säcke in einen kleinen roten Blechkoffer gepackt und bin zum Bürgerbüro in die Gemeindeverwaltung gefahren.«
»Warum dorthin und nicht zum archäologischen Amt?«
»Gute Frage. Ich dachte, die geben das dann sicher an die richtige Stelle weiter und wollte nicht erst sonst wohin fahren.«
»Ich vermute, der Entschluss entstand auf Druck ihrer Frau Rebecca.«
»Stimmt. Nachdem ich es ihr dann doch erzählt habe, hat sie mir keine Ruhe gelassen. Letztlich musste ich mich entscheiden: Sie auf meiner Seite oder der Schatz. Ich habe mich für sie entschieden. Die Partnerin und unsere Kinder sind um vieles wichtiger als Geld und Schuldenfreiheit.«
»Da haben Sie durch dieses Gold ja schon mal eine wichtige Erkenntnis gewonnen. Und warum sind Sie nun ein Idiot?«
»Weil ich Tobi den Koffer überlassen habe und mir noch nicht einmal eine Quittung habe geben lassen!«
Er sieht aus, als würde er sich am liebsten im nächsten Mauseloch verkriechen, so peinlich ist ihm diese Sache.
»Wer ist nun wieder Tobi?«
»Tobias Bahn ist gemeint. Er ist ein alter Schulfreund von mir. Wir haben zusammen Abi gemacht. Er arbeitet, solange ich denken kann, im Gemeindebüro. An jenem Freitag hatte er Dienst und war kurz vor zwölf nur noch als Einziger im Amt. Punkt zwölf Uhr machen die zu und gehen ins Wochenende. Ich war also gerade noch rechtzeitig erschienen.«
»Dieser Tobias hat Ihnen dann den Koffer abgenommen. Hat er eine genaue Bestandsaufnahme gemacht?«
»Nein. Er hat sich nur Notizen gemacht, während ich von dem Fund berichtet habe, hat dann einen kurzen Blick in den Koffer geworfen, ein Foto mit dem Handy aufgenommen und den Koffer wieder verschlossen. Dann hat er ihn in einem Stahlschrank deponiert. Ich bin davon ausgegangen, dass das so eine Art Safe war.« Fabian seufzt, spricht aber gleich weiter.
»Dann hat er noch eine Kopie von meinem Personalausweis gemacht und die zusammen mit seinen Notizen in einen frischen Aktendeckel gelegt.«
»Sie sind nicht ein bisschen misstrauisch geworden?«
»Warum sollte ich? Tobi war ein Freund, ein jahrzehntelanger Mitarbeiter der Samtgemeinde, Gildemitglied wie ich, im selben Fitnessstudio – also einer von uns! Aber hinterher ist man eben immer klüger.«
Ich muss erst einmal tief durchatmen.
»Nicht einmal eine Quittung hat er Ihnen gegeben?«
»Leider. Wir haben noch über dies und das gequatscht. Dann hatte er es wegen der Schließzeit plötzlich eilig. Da habe ich dann auch nicht mehr an irgendwelche Belege gedacht und bin gegangen. Er wollte sich melden, sobald er Nachricht aus der archäologischen Abteilung hatte.«
Ich kann es nicht fassen. Die Selbstanalyse »Idiot« beschreibt die Dummheit und Vertrauensseligkeit dieses jungen Mannes nur annähernd. Mich wundert es nicht, dass er mit seinem Hof Probleme bekommt, wenn er auch anderweitig derart naiv mit geschäftlichen Dingen umgeht.
»Sie haben Ihren Freund Tobi also in den verdienten Feierabend entlassen und sind wieder nach Hause gefahren.«
»Richtig. Irgendwie war ich auch erleichtert. Rebecca hat sich gefreut, dass sie mir wichtiger war als dieses Gold. Allerdings hat sie mir bereits am Montag schon wieder zugesetzt.«
»Sie sollten von Tobi eine Quittung besorgen?«
»Genau. Und ich sollte nachfragen, wie die Sache weitergeht und wann ich einen schriftlichen Bescheid bekomme.«
»Kluge Frau. Sie haben also angerufen. Oder sind sie persönlich ins Bürgerbüro gefahren?«
»Beides. Ich habe Tobi anzurufen versucht. Seine Nummer war nicht erreichbar. Dann bin ich ins Gemeindebüro gefahren. Der Kollege Tobias Bahn sei in Urlaub, haben sie mir gesagt, auf Mallorca. Ganz plötzlich habe er sich abgemeldet.«
»Da endlich haben Sie Verdacht geschöpft, oder?«
»Natürlich! Die beiden Frauen im Büro haben mich vermutlich allerdings heimlich ausgelacht. Ich habe ihnen die Wahrheit gesagt, jedes Detail beschrieben. Sie haben den Aktendeckel mit der Kopie meines Personalausweises gesucht, ihn aber nicht gefunden. Auch den Stahlschrank haben sie durchstöbert, mir sogar dessen Inhalt gezeigt. Es waren nur Akten und Formulare für die Steuererklärung drin, keine einzige Goldmünze! Dass ich Tobi dermaßen beschuldigt habe, hat die ältere der beiden Frauen ziemlich aggressiv gemacht. Er habe schon seine Lehre im Amt absolviert und sei seitdem ein überaus zuverlässiger Mitarbeiter.«
»Haben Sie Anzeige erstattet?«
»Zuerst noch nicht. Ich habe Tobis Adresse herausgefunden und bin zu seiner Wohnung gefahren. Er wohnt ganz in der Nähe des Amtes. Alles war verrammelt. Er war nicht da. Die Nachbarn meinten, er sei in Urlaub gefahren, mit einem Kumpel.«
»Wann war das?«
»Gleich am Montag, also am Zwanzigsten. Eine Nachbarin hat mir verraten, dass Tobi eine Freundin in Himmelstal hat und die vielleicht mehr weiß. Sie heißt Dari und arbeitet im Tagungshaus. Ich bin also am nächsten Tag zu ihr gefahren.«
»Sie arbeitet dort in der Küche. Ich kenne sie, zumindest vom Sehen.«
»Ja, sie ist eine hübsche und selbstbewusste Frau, fand ich. Ich glaube, sie kommt aus der Ukraine. Sie hat mir erzählt, dass es mit Tobi vorbei ist. Sie haben kaum noch Kontakt.«
»Und Sie haben ihr von dem Schatz erzählt?«
Fabian hält sich den Kopf, als ob er nachdenken muss.
»Nicht direkt. Ich habe sie mehrfach nach einem roten Koffer gefragt. Vielleicht hat sie hat deshalb vermutet, dass sich darin Wertvolles befindet. Wir haben vereinbart, dass sie mich informiert, wenn sich ihr Freund oder Ex-Freund bei ihr meldet.«
»Und das war`s dann? Nach dem 21. September, also heute vor zwei Wochen, haben Sie nichts mehr unternommen?«
Ich kann es nicht fassen. Er allerdings widerspricht.
»Doch! Rebecca hat mir ja keine Ruhe gelassen. Also bin ich zwei Tage danach in die Kreisstadt gefahren und habe Tobi in der dortigen Wache angezeigt. Im Übrigen musste ich ja ohnehin warten, bis er von Mallorca zurück ist. Ich hätte ihm ja nicht einfach nachreisen können, oder?«
»Wieso nicht? So ein Ticket ist schnell gebucht. Es ging um viel Geld! Was hat die Polizei gesagt?«
Er schmollt. »Die haben mir meine Geschichte auch nicht abgenommen. Vermutlich haben sie es nur aus reiner Höflichkeit aufschrieben. Ich hatte aber den Eindruck, dass sie mich für einen Wichtigtuer hielten, der sich irgendwie interessant machen will.«
»Und heute, oder schon gestern Abend? Haben Sie da erneut versucht, Tobias zu erreichen? Er müsste doch inzwischen aus dem Urlaub zurück sein.«
»Im Gemeindebüro haben sie von zwei Wochen gesprochen. Ja, Tobi müsste nun zurück sein. Aber ich dachte ...«
Fabian führt seinen Satz nicht zu Ende.
Ich ergänze ihn: »Sie dachten, wir könnten ihn ja zusammen suchen? Deshalb haben Sie mich angesprochen? Oder hat Rebecca Sie geschickt? Oder wollen sie einfach nur mal in der Zeitung erwähnt werden?«
Ich habe den Satz kaum beendet, da bereue ich ihn auch schon. Je länger wir miteinander reden und er den »Idioten« beschreibt, desto geknickter wird er. Vor mir sitzt das berühmte »Häufchen Elend« in Person.
Jetzt jedoch richtet er sich wieder ein wenig auf.
»Nein, nein! Sie zu fragen habe ich mir ganz allein überlegt. Ich habe sie gestern im Festzelt gesehen und sofort gewusst, dass Sie meine letzte Chance sind. Und in die Zeitung will ich auf keinen Fall. Das alles ist für mich doch nur peinlich!«
»Und Sie hoffen, dass ich Ihnen helfe, den Schatz zu finden? Selbst wenn dies gelänge, müsste er abgegeben werden.«
»Damit habe ich mich abgefunden. Selbst wenn ich keinen Finderlohn bekomme, geht das klar. Im Moment stehe ich als Betrüger, Wichtigtuer, Fantast, Spinner oder sonst was da. Niemand glaubt mir. Ich mag vielleicht ein Idiot sein, aber ich bin ehrlich! Alles was ich will, ist meine Würde zurück!«
Es geht also um die verlorene Ehre des Fabian von Heimfeld. Okay. Und es geht auch um eine Story, die es in sich hat. Gemeindebedienstete und Polizei haben Fabian nicht geglaubt. Mit Blick auf die bizarre Schatzgeschichte wundert mich das nicht und so dämlich zu sein ist schwer nachvollziehbar.
Ich aber glaube ihm. Ich gehe davon aus, dass es diesen Schatz wirklich gibt. Und ich werde ihn finden! Hoffe ich jedenfalls.
Fabian ruft im Gemeindebüro an. Wie ich erwartet habe, ist Tobias Bahn nicht zum Dienst erschienen. Der private Anschluss des »Freundes« führt auch nicht weiter. Es klingelt, niemand nimmt ab. Vermutlich hat Tobias sich abgesetzt. Die Frage ist, wo er dann den Schatz gelassen hat. Mit dem Zoll am Flughafen hätte er sicher Probleme bekommen. Also muss er ihn irgendwo in seinem Umfeld versteckt haben, vielleicht ja in seiner Wohnung.
*
Ich bitte Fabian, mir zu zeigen, wo genau er die Säcke gefunden hat. Ohne Rebecca noch einmal zu treffen, fahren wir in meinem Golf Richtung Ortsrand. Der Landwirt will das kleine Stück später zu Fuß zurückgehen.
Rechts stehen vereinzelt Häuser, darunter ein etwas verwahrloster Bauernhof, der offenbar auch noch Milchvieh hält. Links wächst besagter Buchen- und Eichenwald. Wir halten am Ende des Waldes und umgehen zu Fuß ein Anwesen, das hinter einer dichten Buchenhecke liegt. Fabian erklärt mir, dass in diesem Haus die Familie eines ehemaligen Pastors lebt.
Besagte alte Buche stand direkt hinter dem Grundstück am Waldrand. Wir stapfen durch prächtigen Laubwald über altes Laub, Moos und Gras und kommen zum Feldrand. Auf dem abgeernteten Acker liegen die Reste der Buche. Die Äste wurden meterweise am Waldrand aufgestapelt, der Stamm liegt in Blöcke geschnitten auf der dunkelbraunen Erde.
Die noch belaubten dünneren Äste hat Fabian zum Verrotten ins Gebüsch gezogen. Der Wurzelballen der Buche liegt in drei oder vier Teile zerrissen und zersägt dort, wo Fabian ihn herausgezogen hat. Er zeigt mir die Stelle, an der er die Pakete gefunden hat. Jemand muss sie direkt zwischen den Wurzeln verbuddelt haben. Wenn der Schatz hier schon Jahrzehnte lag und die Buche damals noch jung war, kann ich mir das gut vorstellen. Bei einem alten Baum käme man beim Graben vermutlich nicht zwischen die Wurzeln.
Ich schieße ein paar Fotos.
»Und was soll ich jetzt machen?«
Diese Frage habe ich erwartet. Als wir wieder beim Auto sind und uns verabschieden wollen, stellt Fabian sie. Meine Antwort mag ihm gefallen oder nicht.
»Nichts. Lassen Sie hier alles so liegen, damit Archäologen den Fundort des Schatzes später untersuchen können. Gehen Sie nach Hause, unterstützen Sie Ihre Frau und leiten Sie Ihren Betrieb. Wenn ich noch Fragen habe, melde ich mich.«
*
Es fällt mir schwer, mich auf den Artikel vom Tag der Deutschen Einheit am Erntedankfest zu konzentrieren. Für eine goldene »Ernte« danken zu können, wäre Fabian von Heimfeld natürlich am liebsten gewesen. Wäre er mit einem Finderlohn zufrieden gewesen und hätte er es nicht so dumm angestellt, wäre dies ja auch gelungen. So ist das mit den Möglichkeiten – manchmal versaut man sie sich selbst.
Dienstag, 5. Oktober
Schade, dass ich der Schatz-Geschichte gestern nicht weiter nachgehen konnte. Wegen eines Corona-Ausfalls fehlte »Feldpersonal«, wie unser Chef uns Journalisten nennt. Ich war deshalb noch bei der Vorstandswahl eines Schützenvereins, der Einweihung eines Kindergartens und am Abend in einem Konzert mit Orgel und Violine. Als ich meine Artikel endlich fertig und abgeschickt hatte, war Maren längst von der Schicht zurück und bereits zu Bett gegangen.
Jetzt bin ich umso gespannter, was die Recherche in Sachen »Schatz im Acker« bringen wird. Auf die Bezeichnung komme ich, weil Maren mir beim Frühstück das von Jesus erzählte Gleichnis aus dem Evangelium nach Matthäus vorgelesen hat:
»Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker.«
Maren hatte gemeint, diesen Schatz hebt man nur, wenn man ihn entdeckt, sich riesig darüber freut und dann wie selbstverständlich alles dafür einsetzt. Der Finder im Gleichnis war vermutlich ein Tagelöhner. Um damals rechtssicher an den Schatz zu kommen, musste er den Acker kaufen, auf dem sich dieser befand. Dafür seinen gesamten Besitz einzusetzen, wäre natürlich Blödsinn und viel zu riskant – es sei denn, er hat den Schatz mit eigenen Augen gesehen und er weiß, dass er viel, viel mehr kriegt, als er einsetzt.
»So ist das auch mit dem Himmel und mit Jesus Christus«, hatte Maren behauptet. »Etwas Besseres, als daran zu glauben und damit verbunden zu sein, gibt es nicht!«
Noch vor Jahren hätte sich das in meinen Ohren wie frommes Geschwafel angehört, inzwischen weiß ich, dass es stimmt. Wer entdeckt, worum es im christlichen Glauben wirklich geht und diesen »Schatz« findet, der oder die ist bereit, dafür alles einzusetzen. Okay, nun aber geht es hier nicht um Jesus und den Himmel, sondern um ganz und gar »irdisch Gut«, um zwei Säcke oder Pakete mit Gold.
Es ist zehn Uhr. Ich steige den »Affenfelsen« hinauf. So nennen Einheimische die Betontreppe am Rathaus der Samtgemeinde. Vor vielen Jahren gab es im Keller des schmucklosen, aber zweckmäßigen Betonkomplexes eine Eisdiele.
»Aldo« war damals ein Zauberwort für Jugendliche, Familien, Biker, Radwanderer und alle Freunde italienischer Eissorten. Auf der breiten Treppe hinunter in den Sitzbereich zur Eisdiele traf man und klönte, küsste sich, diskutierte und schleckte vor allem sein Eis. Wenn es voll war, saßen die jungen Leute auch auf der Treppe zum ersten Stockwerk. Wie auf einem »Affenfelsen« eben ...
Die Tür zum Bürotrakt öffnet sich automatisch. Alles ist sauber, der Teppich frisch gesaugt. Hinter einer Glastür sitzen zwei Frauen und ein Mann in einem großen Büro an ihren Schreibtischen. Ich klopfe. Eine junge Frau kommt an die Tür, bittet mich herein und fragt nach meinem Anliegen. Freundlich sind sie jedenfalls in diesem »Bürgerbüro«.
»Ich suche einen Ihrer Mitarbeiter«, sage ich und beobachte, so gut es geht, die Minen der drei. »Tobias Bahn.«
Ich habe die Aufmerksamkeit aller drei. Die ältere Frau erhebt sich und kommt auf mich zu. Ich schätze sie auf knapp sechzig. Sie trägt ein knielanges dunkelblaues Kostüm und ihre grauen Haare kurz.
»Darf ich fragen, wer Sie sind?«
Ich zücke meinen Presseausweis.
»Ich komme vom Kreisblatt. Ein Landwirt aus der Region hat angeblich einen besonderen Fund gemacht. Ihr Kollege Tobias Bahn müsste mehr darüber wissen.«
Die Minen aller drei Kollegen verfinstern sich. Die Frau vor mir schaut mich an als wolle ich ihr etwas antun und sie müsse ihren Panzer anlegen.
»Der ist nicht da. Hat Ihnen dieser von Irgendwas also auch den Floh vom Schatz ins Ohr gesetzt?«
»Fabian von Heimfeld heißt der Mann. Und er ist Mitglied Ihrer Samtgemeinde und Steuerzahler.«
»Aber er ist auch unverschämt und hat unserem Kollegen Bahn extrem gemeine Unterstellungen angehängt.« Der Mann mischt sich ein. Er ist etwa dreißig, hat sich die dunklen, sorgfältig frisierten Haare nach hinten gekämmt und trägt Jeans, Hemd und Strickjacke.
»Ich war nicht da, als dieser von Heimfeld hier war. Aber meine Kolleginnen haben berichtet, was der Mann behauptet hat. Ich sage Ihnen, dass Tobias sich diesen ominösen Schatz einfach unter den Nagel gerissen hat, ist absolut nicht möglich. Er war schon Verwaltungs-Lehrling hier. Wir kennen und schätzen ihn.«
»Aber jetzt ist er nicht da.«
Die Frau nickt. »Das stimmt. Wir machen uns ein bisschen Sorgen. Er hatte bis Sonntag Urlaub und war mit seinem Freund auf Mallorca. So jedenfalls hat er es in einer Mail geschrieben. Vielleicht ist der Flieger ausgefallen oder sie mussten wegen einer Corona-Infektion in Quarantäne. Das kommt ja vor. Mallorca war Hochrisikogebiet.«
»Ja, das kommt vor. Haben Sie denn Kontakt mit seinem Freund aufgenommen? Wissen Sie überhaupt, wer er ist?«
»Beides nein. Wir wissen nur, was er in der Mail geschrieben hat.«
»Darf ich die Mail mal sehen?«
Die drei schauen sich gegenseitig an. Der Mann schüttelt dann mit dem Kopf.
»Nein, das geht nicht. Wir sind nicht berechtigt, Fremden Zugang zu unseren Rechnern zu geben.«
»Ich will aber ja keinen Zugang, ich will einfach nur die Mail lesen.«
»Egal. Wir haben keinen Grund, Tobias zu misstrauen und werden um ihretwillen auch seine Post nicht herausgeben.«
Ich versuche einen anderen Weg, an Informationen zu kommen.
»Hat Ihr Kollege den Urlaub lange geplant oder kurzfristig beantragt?«
»Beantragt hat er ihn gar nicht. Wir können bei voller Besetzung des Büros auch kurzfristig mal einen Tag frei machen und noch am selben Morgen anrufen.«
»Das hat er gemacht?«
»Nein. Er war am Freitag vor seinem Urlaub der letzte im Büro. Er hat erst am Montag besagte Mail geschrieben. Da war er schon auf Mallorca.«
»Können Sie mir seine Adresse geben? Dann versuche ich, ihn dort zu finden.«
Wieder schaut eine zum anderen. Sie verständigen sich mit Blicken. Der Mann scheint ihr Sprecher zu sein.
»Wir können und wollen Sie nicht daran hindern, Tobias zu suchen. Die Adresse werden Sie als Journalist vermutlich ja auch anders herauskriegen – also können wir sie Ihnen auch gleich geben.«
Die junge Frau tippt etwas in den Computer und schreibt dann die Adresse vom Bildschirm ab auf einen Zettel. Den reicht sie mir.
»Es ist gleich um die Ecke. Er wohnt in einer neuen Eigentumswohnung.«
»Danke.«
Ich wende mich zum Gehen, da fällt mir noch etwas ein. Ein bisschen muss es wirken wie beim schrulligen Inspektor Colombo, als ich mich noch einmal umdrehe.
»Ach, das wollte ich noch fragen: Hatte Tobias Bahn bei einem oder einer von Ihnen Schulden?«
Das Flackern im Blick der älteren Frau ist nicht zu übersehen. Die anderen beiden sagen laut und klar »Nein«, diese Dame murmelt etwas, das ich nicht verstehe. Also hatte er Schulden. Ich vermute, sie wird es nicht zugeben. Trotzdem versuche ich, sie zum Reden zu bringen.
»Sie zögern? Also hatte er bei Ihnen Schulden?«
»Äh, ja. Tobias war oft klamm. Aber er ist ein guter Mensch! Er kümmert sich um seine alte Mutter. Die braucht teure Therapien und Stammzellen.«
»Sie hat Krebs? Wissen Sie, in welchem Krankenhaus sie liegt?«
»Leider nicht. Aber es muss etwas weiter weg sein, denn Tobias hat immer mal Zeit gebraucht, sie zu besuchen.«
»Und da haben Sie ihm Geld geliehen? Für Reisekosten?«
»Nein, natürlich nicht. Wir verdienen hier ganz gut, sind ja im öffentlichen Dienst! Aber Tobi musste teure Operationen für seine Mutter finanzieren. Er war oft in Sorge, dass er nicht helfen konnte und die ganze Therapie letztlich umsonst war.«
Mir schwant Schlimmes.
»Sie haben ihm also größere Summen geliehen?«
Sie schaut unsicher zu den beiden anderen. Die haben ganz offensichtlich von solchen Zuwendungen keine Ahnung.
»Nun sag’ schon, Friederike, wie viel hast du ihm gegeben und wie oft?«
»Nicht oft. Nur drei oder viermal. Er zahlt das Geld in kleinen Raten zurück.«
»Wie viel?« Ihr Kollege wird jetzt ungeduldig.
»Einmal tausend und dreimal zwei.«
»Was, zweitausend Euro?«
Friederike nickt und sackt in sich zusammen. Sie erinnert mich jetzt an Fabian Heimfeld gestern. Es ist ihr peinlich und sie ahnt, dass sie einen Fehler gemacht hat.
»Aber ich kenne ihn doch schon so lange! Er war immer ehrlich und ein guter Kollege!«
Ich versuche, sie zu beruhigen.
»Noch ist ja nichts geklärt. Also warten wir mal ab. Danke jedenfalls für seine Adresse.«
Als ich kam, fand ich ein selbstbewusstes Team vor, als ich mich jetzt zum Gehen wende, sind alle drei erschüttert.
»Sollen wir zur Polizei gehen und die Sache melden?«, fragt der Mann mit fast ängstlicher Stimme.
»Warten Sie noch. Am besten, Sie behalten die Sache zunächst für sich. Ich melde mich. Und wenn die Polizei eingeschaltet wird, sagen Sie einfach, wie es war – und nicht wie Sie es gerne hätten.«
*
Draußen im Golf checke ich die Adresse bei Google Maps. In drei Minuten müsste ich dort sein. Ich staune über uns Menschen. Nicht nur Fabian von Heimfeld hat dieser Tobi hinters Licht geführt, auch seine Kolleginnen und Kollegen. Vermutlich hat er bei Friederike mütterliche Gefühle geweckt und sie mit dem ältesten Trick der Welt überlistet, durch Mitleid.
Ich bin gespannt, welche Abgründe sich bei Tobias Bahn noch auftun.
Die Wohnung des Vermissten liegt in einem der neueren Mehrfamilienhäuser gleich neben einem griechischen Restaurant. Ob sich Tobias Bahn eine Eigentumswohnung leistet? Soweit ich informiert bin, wurden die unterschiedlich großen Wohnungen in diesem Haus vom Investor verkauft. Das Haus besitzt eine eigene Tiefgarage, die Besucher aber nicht einfach so nutzen können. Ich parke also vor dem Griechen.
Schnell finde ich die Klingel. Niemand macht auf. Ich meine, das Läuten aus einer Wohnung im ersten Stock zu hören. Ich klingle bei einem K. Meyer. Ohne dass jemand sich über den Lautsprecher unter den Klingeln meldet, ertönt der Summer. Ich öffne die Tür und bin in einem geräumigen, aber anonymen Flur. Aufs Geratewohl nehme ich die Treppe und stehe auch schon vor der Wohnung mit dem Namensschild »T. Bahn«. Wie erwartet, reagiert niemand. Dafür öffnet sich die Tür daneben einen Spalt weit. Eine alte, knorrige Hand ist zu sehen, mehr nicht.
»Sie wollten zu mir?«
Ich wende mich der Männerstimme zu. »Entschuldigen Sie, eigentlich wollte ich zu Ihrem Nachbarn, Herrn Bahn.«
»Warum klingeln sie dann nicht auch dort?«
»Bitte entschuldigen Sie. Er hat nicht reagiert.«
»Und wer sind Sie?«
»Oh, nochmals bitte ich um Entschuldigung. Mein Name ist Jens Jahnke. Ich bin von der Zeitung.«
Ich nestle meinen Ausweis aus der Lederjacke und zeige ihm den. Nun geht die Tür ein Stück weiter auf und ein grauer, bärtiger Kopf schaut heraus. Der Mann sitzt in einem Rollstuhl, trägt einen gestreiften Morgenmantel und seine nackten Füße stecken in Adiletten. Mit Links hat er die Tür geöffnet, in der rechten Hand hält er eine Sprühflasche.
»Was Sie da in der Hand haben, ist ja hoffentlich kein Pfefferspray«, meine ich freundlich und halte mir demonstrativ die Hand vor die Augen.
Er lässt die Flasche in seiner weiten Manteltasche verschwinden. »Man kann nie vorsichtig genug sein!«
Dass ich ihn längst hätte überrumpeln können, kommt dem Alten nicht in den Sinn.
»Wissen Sie, wo ich Tobias Bahn finden kann?«
»Er ist nicht da.«
Das weiß ich schon. »Ich suche ihn wegen seines Jobs.«
»Da müssen Sie im Rathaus fragen.«
»Dort war und ist er nicht, weder gestern noch heute.«
»Aber er ist zurück aus dem Urlaub, ganz sicher!«
»Haben Sie ihn gesehen?«
Der Alte nickt.
»Gesehen und gehört. Am Sonntag hat ihn sein Kumpel Malte Kornbach mit seinem aufgemotzten Golf hier abgeliefert. Er hatte einen Koffer dabei. Ich vermute, die beiden waren verreist.«
»War es ein kleiner roter Blechkoffer?«
Der Alte schaut mich an, als habe ich ihn um Drogen gebeten. »Nein, der war nicht aus Blech, sondern aus schwarzem Stoff. So ein normaler Reisekoffer mit Rollen eben.«
»Er ist dann also in seine Wohnung gegangen. Von dort haben sie ihn gehört?«
»Genau. Unsere Wohnzimmer grenzen an dieselbe Wand. Aber er war nur kurz hier.«
»Was bedeutet das?«
»Das bedeutet, dass die beiden Typen aus dem Mercedes die Treppe hinaufgepoltert sind und meinen Nachbarn angebrüllt haben.«
»Welche Typen aus welchem Mercedes?«
»Na, die Karre, die in den letzten zwei Wochen immer wieder auf dem Parkstreifen unten an der Straße stand, der graue, ältere Daimler.«
»Waren das Freunde von Ihrem Nachbarn?«
»Die sahen eher wie Gläubiger aus, wenn Sie mich schon fragen!«
»Wieso Gläubiger?«
»Na ja, der eine war ein Schlägertyp mit Jeansjacke und Muskeln wie Rambo. Der andere eher schmächtig mit goldener Halskette und schwarzer Wildlederjacke.«
Nun klingelt etwas bei mir. Grauer älterer Mercedes, ein schmächtiger Mann mit Goldkette. Ob das der Typ war, der am Sonntag am Festzelt aufgetaucht ist und jemanden gesucht hat? Es wäre ein seltsamer Zufall, aber möglich.
»Diese beiden waren also bei Herrn Bahn in der Wohnung und haben mit ihm gestritten?«
»Das Haus ist nicht übermäßig hellhörig. Aber ich habe gehört, dass nebenan Möbel gerückt wurden oder sogar umgefallen sind und dass laute Worte fielen. Dann war es still. Kurz darauf polterten Tobias Bahn und die beiden unangenehmen Männer die Treppe hinunter, stiegen unten in den Mercedes und fuhren davon.«
Der Alte ist ein guter Beobachter. Er hat viel Zeit, seine Umgebung zu beobachten und vermutlich nichts anderes zu tun.
»Danke, Sie haben mir gute Hinweise gegeben. Ist Ihnen noch etwas aufgefallen?«
»Eigentlich nicht. Vielleicht nur, dass diese beiden Typen schon irgendwann Mitte September in der Wohnung waren. Bahn war nicht da. Jedenfalls hörte ich diverse Geräusche von nebenan. Möbel wurden verschoben, Schubladen und Schranktüren klapperten, Geschirr klirrte. Die beiden kamen nach etwa einer Stunde wieder aus der Eingangstür, setzten sich in ihren Mercedes und fuhren davon.«
»Tobias Bahn hat davon nichts gewusst?«
»Woher, junger Mann, soll denn ich das wissen? Die beiden hatten ja wohl einen Schlüssel, wie sonst sollten sie geräuschlos hineinkommen? Bahn kam erst am späten Nachmittag zurück. Er war dann aber nur eine halbe Stunde in seiner Wohnung. Dann ist er mit dem Fahrstuhl hinuntergefahren, ich vermute bis in die Tiefgarage. Dort steht sein Auto.«
Erstaunlich, was ein an seinen Rollstuhl gebundener alter Mann alles mitbekommt.
»Wissen sie zufällig auch, welches Auto Ihr Nachbar fährt?«
»Natürlich weiß ich das. Es ist ein blauer BMW, so ein überflüssiger Stadtgeländewagen mit einem X.«
»Und können sie sich auch erinnern, wann genau das war?«
Nun überlegt der Mann einen Moment länger.
»Es war ein Samstag, definitiv. Meine Enkelin besucht mich da immer. Ja, es war der 18. September. Am Tag darauf, also Sonntag, muss mein Nachbar dann irgendwann nachts zurückgekommen sein. Früh morgens am Montag hat Malte Kornbach ihn jedenfalls abgeholt und erst vorgestern wieder abgeliefert.«
Ich bedanke mich noch einmal und verabschiede mich.
Das ganze Gespräch fand bei nur halb geöffneter Tür im Flur statt. Der alte Mann ist nicht nur aufmerksam, er ist auch vorsichtig.
Ich nehme den Aufzug in die Tiefgarage. Der besagte blaue X1 steht neben einem weißen Tiguan. Wenn es stimmt, was der Alte erzählt hat, dann wurde der BMW nach Bahns Mallorca-Reise nicht mehr benutzt. Folglich ist sein Besitzer in jenen mysteriösen grauen Mercedes dieser zwei Typen eingestiegen. Das bedeutet, der Gesuchte könnte am Sonntag sogar mit in Himmelstal gewesen sein – falls es dasselbe Auto war.
Als ich in meinem Golf sitze, schaue ich noch einmal zum ersten Stock hinauf. Eine Gardine bewegt sich. Ich bin sicher, der alte Mann mit dem Pfefferspray verfolgt jede meiner Bewegungen. Leider fällt mir nun ein, dass ich ihn nicht gefragt habe, wo der Kumpel seines Nachbarn wohnt. Wie heißt der noch? Richtig, Malte Kornbach.
*
Die Adresse finde ich problemlos im digitalen Telefonbuch. Bevor ich den Kumpel von Tobias Bahn aufsuche, gönne ich mir im Griechen-Imbiss eine Gyrostasche.
»Immer wieder gerne!«, sagt der Chef des Hauses, als ich mich bei ihm bedanke. »Stammgäste wie dich halten uns am Leben! Kannst uns ja mal in die Zeitung bringen!«
»Mit Foto von dir?« Wir lachen. Er ist tatsächlich fotogen: Gepflegter Kurzhaarschnitt, markantes Gesicht mit braunen Augen und immer freundlich. Nicht nur die Qualität des Essens, auch das Personal hier ist Grund für eine gewisse Berühmtheit dieses Schnellrestaurants. Viele Biker kommen im Sommer, essen hier zu Mittag und genießen zum Nachtisch dann ein leckeres Eis gleich schräg gegenüber.
Ich fahre in die Siedlung, wo Malte Kornbach in einem Einfamilienhaus zur Miete wohnt. Er ist nicht da. Ihr Mieter arbeitet im Raiffeisen-Markt, verrät mir die Hausbesitzerin.
Also fahre ich dorthin. Der Laden wird von den Menschen in unserer Region hochgeschätzt, ist er doch der einzige Bau- und Pflanzenmarkt weit und breit. Zwar ist sein Sortiment kleiner als das der städtischen Baumärkte, doch man bekommt in der Regel, was man braucht.
Kornbachs schwarzer Golf steht auf dem Parkplatz. Spoiler und verbreiterte Radkästen samt Breitreifen mit schwarzen Alufelgen zieren den GTI. Malte Kornbach selbst finde ich im Lager. Er überprüft gerade eine Lieferung Tierfutter.
Malte ist etwa dreißig, mittelgroß, trägt eine Brille mit starkem Rand und versteckt unter seinem grünen Kittel ein kleines Bäuchlein. Er wirkt wie ein freundlicher Kumpel vom Biertisch – was er ja vermutlich auch ist.
Nachdem wir uns vorgestellt haben, frage ich ihn, wann er seinen Freund Tobias zuletzt gesehen hat.
Ohne zu überlegen antwortet er: »Na am Sonntag, dem Tag der Deutschen Einheit! Wir waren zusammen auf Malle. Um neun Uhr morgens sind wir mit Ryanair in Hamburg gelandet. Meinen Wagen hatte ich im Parkhaus abgestellt. Kurz vor elf Uhr habe ich Tobi dann vor seiner Wohnung abgesetzt.«
»Danach haben sie ihn seitdem weder gesehen noch von ihm gehört oder mit ihm gesprochen?«
»Das stimmt. Ich habe versucht, ihn anzurufen. Aber er geht nicht ran.«
»Hatten Sie beide diese Mallorca-Reise langfristig geplant?«
»Nee. Zwar reden wir seit vielen Monaten davon, aber nun kam es ziemlich plötzlich. Tobi hat am Samstagabend bei mir übernachtet. Wir haben was getrunken und wieder mal von Malle geschwärmt. Da kam die Idee auf, unseren Traum umgehend zu realisieren. Also haben wir unseren Urlaub genommen, online gebucht und sind am Montag auch schon gleich losgeflogen.«
»Ganz schön spontan. War das typisch für Sie beide?«
»Ich weiß nicht, was hinter ihrer Frage steckt. Na ja, sonst gehörten wir eher zu denen, die von ihren Träumen ständig nur reden. Vor allem, wenn wir was getrunken hatten. Nun haben wir endlich gezeigt, dass wir auch Handeln können!«
Kein Wunder. Tobi war wegen des Schatzes unter Druck. Fabian von Heimfeld und vor allem diese beiden Mercedes-Typen saßen ihm im Nacken. Da hat er vermutlich gehofft, etwas Abstand ließe Gras über die Sache wachsen.
»Und, wie war Malle? Hat sich etwas Besonderes ereignet?«
Malte Kornbach schenkt mir einen mitleidigen Blick.
»Na, wie war Malle wohl? Feucht, sonnig und kurvig.«
»Also habt ihr am Ballermann das Bier, die Sonne und die Mädels genossen?«
»So kann man es sagen. Wegen Corona war alles noch etwas eingeschränkt, aber eben nur etwas.«
»Hat Ihr Freund, vielleicht nach genügend Alkoholkonsum, irgendetwas Auffallendes gesagt oder erzählt?«
Malte schaut mich fragend an.
»Was sollte das sein? Er hat mal gemeint, das nächste Mal ginge es auf die Malediven oder nach Dubai. Aber das war natürlich im Scherz. Wir könnten uns das nicht leisten.«
»Hat Tobias irgendwie auffällig mit Geld um sich geworfen oder einen Schmuckladen oder ähnliches aufgesucht!«
Wieder ein fragender Blick. »Nee. Er hat mit Karte zwar manchen Euro auf den Kopf gehauen und mich und die Mädels auch mehrfach eingeladen, aber so überaus auffällig war das nun auch nicht. Was bedeuten Ihre seltsamen Fragen?«
»Nun, Ihr Freund ist seit zwei Tagen verschwunden. Da macht man sich doch Sorgen, oder?«
Kornbach wird immer misstrauischer. Er weiß jedenfalls nichts vom Schatz. Davon etwas mitgenommen und auf der Insel verkauft, hat Tobias wahrscheinlich auch nicht. Folglich muss der komplette Schatz irgendwo hier in Bahns Umfeld versteckt sein.
»Na, wegen zwei Tagen Abwesenheit würde ich mir da keine Sorgen machen.«
Ich frage nach Tobias’ Freundin.
»Mit Dari ist er schon länger nicht mehr zusammen. Die arbeitet jetzt in einer Art christlicher Jugendherberge in Himmelstal und ist ja wohl fromm geworden. So eine passt auch nicht zu Tobi! Die beiden haben sich immer wieder gestritten. Dann kam Corona. Da hat sich Dari völlig zurückgezogen. So jedenfalls hat Tobi es mir erzählt.«
Wieder bin ich überrascht. Kornbach spricht von jener Dari, die auch ich kenne, die Auszubildende im Tagungshaus.
»Wissen Sie, wann die beiden sich zuletzt getroffen haben?«
»Tobias hat mir erzählt, dass er noch am Tag vor unserem Abflug bei Dari in der Wohnung war. Er habe dort noch etwas vergessen, meinte er.«
»Vergessen? Was?«
»Das hat er nicht gesagt. Aber warum fragen sie jetzt all dies? Tobi ist erwachsen. Er kann auf sich selbst aufpassen.«
Bevor Malte Kornbach noch misstrauischer wird, danke ich ihm und beende das Gespräch. Ich kann nicht ändern, dass Malte mit vielen Fragen zurückbleibt. Mir geht es ja nicht anders. Vor allem fehlen mir Antworten.
*
Es ist klar: Dari ist die nächste, mit der ich reden muss. Soll ich sie überraschen? Oder besser anrufen? Ich entscheide mich für die Überraschung.
Nur sieben Minuten brauche ich vom Fleckenzentrum bis nach Himmelstal. Links der Straße hat die Telekom kürzlich einen schlanken Turm errichtet, um das Mobilfunknetz zu verbessern. Das war auch dringend nötig! Diese Strecke fahre ich inzwischen gewissermaßen im Schlaf. Auch hier liegen lange Zuckerrübenwälle. Teilweise wurden sie mit Planen abgedeckt, gehalten von alten Reifen. Ein topp renovierter Bauernhof mit vielen Nebengebäuden betreibt in der Region Zuchtversuche mit Getreide. Ich staune, dass man mit Landwirtschaft ja offenbar auch viel Geld verdienen kann. Vielleicht muss Fabian von Heimfeld in dieser Firma mal fragen, wie das funktioniert.
Immer, wenn ich das Ortsschild und etwas später die alte Wassermühle mit den Teichen und dem Bach passiere, beschleichen mich gemischte Gefühle. Einerseits ist dies mein Dorf. Ich fühle mich hier sauwohl und gehöre dazu. Andererseits komme ich mir vor wie ein Kuckuck, der sich einfach in ein fremdes Nest gesetzt hat. Damit meine ich natürlich dieses Dorf, aber vor allem auch das Haus von Maren. So sehr ich es mag und mich dort zu Hause fühle, so sehr empfinde ich manchmal, dass ich dieses Geschenk nicht verdient habe und noch immer ein bisschen fremd bin.
Ich parke zwischen Kirche und Tagungshaus vor einem grünen Lastwagen, der hier fast immer steht und den Blick von der schönen alten Feldsteinkirche ablenkt. Der Zugang zum Tagungshaus durch eine enge Pforte könnte mal wieder etwas freigeschnitten werden. Die Büsche auf der einen und Strandrosen auf der anderen Seite verengen den Durchgang. Dabei marschieren hier fast täglich Jugendliche und Erwachsene hindurch in die Kirche auf der anderen Straßenseite.
Der Wein an der roten Wand des Haupthauses trägt Früchte. Die Trauben sind klein, süß und inzwischen fast reif. Im Vorbeigehen nasche ich ein paar davon.
Mich amüsiert das Schild zwischen den Reben am Pfosten der Überdachung vom Eingang immer wieder, wenn ich hier vorbeikomme. »Luther war hier nie« steht dort.
Das »nie« ist so klein geschrieben, dass man es erst auf den zweiten Blick sieht. Ob sie das irgendwann mal für den Reformationstag thematisieren? Evangelisch ohne Luther? Geht denn das überhaupt?
Ich klingle.
Eine etwas korpulente junge Frau öffnet die Tür. Sie trägt einen Kittel. Mir fällt ihr Name nicht mehr ein.
»Jens! Wie schön, dich zu sehen.«
Peinlich. Ach ja, Saskia heißt sie. Mit dem neuen Team habe ich erst ein einziges Mal zusammengesessen. Nun fällt es mir wieder ein. Saskia will nach ihrem Freiwilligen Jahr hier im Gästehaus Pastorin werden.
»Danke. Ich hoffe, es geht euch gut im Team!«
Sie lacht. »So gut es eben geht, wenn nach der Corona-Pause wieder ’zig Gruppen das Haus stürmen.«
»Aber da werdet ihr euch doch hoffentlich freuen!«
»Klar. Gastfreundschaft – dafür sind wir schließlich angetreten! Nun endlich geht das normale Leben wieder los.«
»Hoffen wir, dass die vierte Welle nicht zu heftig wird!«
»Allerdings. Einige Gruppen haben schon wieder abgesagt. Theo Beyer ist bereits wieder am Rechnen, wie das alles finanziell klappt. Die Schließungen bisher haben wir ja dank vieler Spenden und Staatshilfen gut überstanden.«
Wir stehen im Flur vor dem Aufenthaltsraum des Teams. Zwei weitere junge Leute sagen »Hallo«, Anna und Kevin. Diese Namen habe ich behalten. Anna ist sehr still, macht aber äußerlich einen verwegenen Eindruck. Glatte, dunkle und lange Haare mit hellblauer Strähne, schwarze Jeans mit diversen Rissen, schwarze Kreuzanhänger im Ohr und eine tätowierte Möwe am Hals – die jungen Christen treten heute anders auf, als selbst ich es erwarte. Kevin dagegen bedarf keiner ausgefallenen Kleidung, um aufzufallen. Er ist ein schmächtiger Blondschopf, der sich immer ins Spiel bringt.
Wir nannten das früher »Rampensau«. Heute meinen manche, es sei ADHS, nur weil Menschen auf sich aufmerksam machen und dabei äußerst bewegt und vital auftreten.
»Hey, Jens! Willst du uns einfach mal so besuchen oder wieder über ein christliches Thema interviewen?«
»Hallo. Nein, ich suche eure Kollegin Dari.«
Die drei jungen Leute werfen sich Blicke zu.
»Dari? Warum suchst du sie?«
»Eigentlich suche ich ihren Freund Tobias Bahn. Aber der ist verschwunden.«
Wieder schauen sich die drei gegenseitig an, als erwarten sie vom jeweils anderen Antworten. Kevin ergreift das Wort.
»Tobi? Den haben wir nur ein- oder zweimal gesehen. Dari ist seit langem nicht mehr mit ihm zusammen.«
»Ich weiß. Eure Kollegin wollte die Coronazeit mit euch als Team und hier in der Hausgemeinschaft verbringen. Ich würde Dari aber echt gerne sprechen.«
»Wir auch. Leider ist sie seit gestern Morgen in Urlaub.«
Es hört sich an, als gäbe es dazu mehr als diese reine Sachinformation zu sagen.
»Ihr betont das etwas merkwürdig.«
Kevin nickt. »Es ist merkwürdig. Wir wussten von nichts. Dari hat eigentlich niemanden. Als Auszubildende wohnt sie ja nicht hier bei uns, sondern drüben bei den Strombergs. Da kriegen wir natürlich nicht alles mit. Am Sonntag, beim regionalen Kirchentag, hat sie noch normal in der Küche mitgearbeitet. Aber irgendetwas muss passiert sein. Sie war extrem still. Am Montag hat sie sich dann abgemeldet, angeblich weil jemand im Bekanntenkreis gestorben ist.«
»Das könnte sogar stimmen«, Saskia mischt sich ein. »Gestern Vormittag hat hier ein Mann mit ausländischem Akzent angerufen. Er hat gesagt, er sei ein Verwandter von Dari und wolle sie sprechen. Aber Dari war bereits weg.«
»Sie ist mit Andreas in die Kreisstadt gefahren. Er ist Einkäufer und wir brauchten Nachschub für die Gruppe, die morgen anreist. Er hat Dari am Busbahnhof abgesetzt.«
Mehr weiß Kevin nicht. Ich sollte also Andreas noch befragen, der allerdings hat heute frei und ist nicht hier.
Mir fällt auf, dass Anna noch nichts gesagt hat, aber irgendwie besonders betroffen zu sein scheint. Vielleicht weiß sie mehr. Allerdings werde ich sie lieber separat befragen, noch vor Andreas, wenn möglich.
»Willst du einen Kaffee mit uns trinken? Und ein Stück von Saskias Nusskuchen probieren?«
Kevin hält mir schon eine leere Tasse hin.
Ich schaue auf die Uhr. Für heute reicht es, Schatz hin und Schatz her! Ich habe noch viel zu tun und wollte eigentlich längst auf dem Weg in den Südkreis sein. Mein Kollege Stein ist in Quarantäne. Er ist unser Sportreporter und hat einen Fußballtrainer interviewt, dessen Zöglinge eisern den letzten Platz in der 3. Kreisliga verteidigen. Der Trainer wurde am Tag nach dem Interview positiv auf Corona getestet und Steini, wie wir unseren Kollegen liebevoll nennen, muss nun für vierzehn Tage in Quarantäne. Wie es kam, dass der Verein ohne seinen Trainer am Sonntag im Spiel gegen den führenden Club der Liga drei Punkte gemacht hat, soll ich nun herausfinden. Ich vermute, es wird eine lustige Story: Ohne Trainer spielt sich’s besser!
Ich verabschiede mich also von diesen sympathischen jungen Menschen, stibitze noch ein paar Weintrauben und mache mich auf den Weg zu neuen Herausforderungen.
Mittwoch, 6. Oktober
Während der Autofahrt zur wöchentlichen Redaktionskonferenz in das Verlagshaus muss ich schmunzeln, weil ich an den Besuch beim trainerlosen Training der erstmals erfolgreichen Fußballer denke. Die waren echt goldig. »Ohne Trainer haben wir nicht so viel Angst«, bekannte einer der Spieler.
»Der pfeift uns immer nur zurück und quatscht was von Taktik«, »Der brüllt uns nur an«, ergänzten andere. Ich habe den Artikel noch nicht fertig.
Vielleicht frage ich meine Kollegin Elske um Rat. Wenn ich die Wahrheit über diesen Verein und das Verhältnis zwischen Spielern und Trainer schreibe, dann gibt es ganz sicher Ärger. Der allerdings könnte extrem heilsam sein und das zwischendurch trainerlose Team auf die Siegerstraße führen.
»Ihr schafft das!«
Der Mutmachsatz unseres Chefs beschließt die Redaktionskonferenz oder versucht es jedenfalls. Ich muss an den Fußballtrainer denken. Wenn der seinen Leuten, statt sie unter Druck zu setzen, mehr Mut zugesprochen hätte, sähe es für den Verein deutlich besser aus. Florian jedenfalls wäre vermutlich ein guter Trainer. Er vermag es, die positiven Seiten aus uns herauszukitzeln. Zugegeben, manchmal gelingt ihm dies auch nur durch »paradoxe Intervention«, wie Therapeuten es nennen. Dann klingt derselbe Satz gänzlich anders: »Ihr schafft das nie!« Weil wir ihm aber dann beweisen wollen, dass er Unrecht hat, strengen wir uns besonders an und schaffen es am Ende doch.
Zum Glück wählt unser Chef meistens die Mutmacherversion »Ihr schafft das!«. Jetzt allerdings bezieht er das auf die Arbeitsverteilung für die nächste Woche. Vier freie und zwei hauptamtliche Journalisten sind wegen Krankheit, Quarantäne oder Urlaub nicht einsatzfähig. Inzwischen gibt es wieder unzählige Veranstaltungen. Im September waren Wahlen und neue Politiker in der Region stolpern zurzeit durch jeden Fettnapf. Die Coronazahlen steigen. Aus Afghanistan kommen mehr und mehr Flüchtlinge. Auch von hier waren THW-Helfer in den Flutgebieten im Einsatz. Die Polizei fürchtet neue Einbruchserien, je kürzer die Tage werden ... aber wir schaffen das natürlich alles locker! Jeden Tag drei Termine, so sieht mein und unser aller Arbeitspensum für die nächste Zeit aus. Plus Schatzsuche.
»Chef, ich habe da noch was.«
Florian trommelt mit seinen wurstigen Fingern auf der massiven Platte des Konferenztisches herum.
Wenn jemand außer ihm etwas »hat«, wird er leicht nervös und fürchtet, seine eigenen Aufträge werden für weniger wichtig erachtet.
»Jens? Ich dachte, du hast bereits genug. Steini ersetzen, Gerichtsreporter spielen und dann noch die Politik – das reicht ja wohl. Überstunden werden jedenfalls nicht vergütet!«
Er schiebt seine massige Gestalt halb aus dem Chefsessel und deutet an, dass er gerne aufstehen und die Konferenz beenden will. Allerdings weiß er sehr gut, dass ich mich davon nicht einschüchtern lasse.
»Ja, das ist viel. Aber ich habe trotzdem noch etwas.«
»Was denn?« Nun klingt er genervt.
»Zwei Säcke mit Gold.«
Die Runde schaut mich an, als wäre ich betrunken. Elske reagiert am schnellsten, und das mit Humor.
»Bravo, Jens! Dann mal auf den Tisch mit den goldigen Säcken! Eine kleine Gehaltserhöhung wäre angesichts der Mehrarbeit in diesen Zeiten durchaus angebracht.«
Elske ist meine Lieblingskollegin. Die blonde Ostfriesin begann als Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit in unserer Redaktion. Inzwischen übernimmt sie mehr und mehr auch journalistische Aufgaben. Vor allem als Lektorin meiner Artikel schätze ich sie enorm, dann bei Recherchen wegen ihres Einfühlungsvermögens, beim Redigieren ... eigentlich ist Elske so vielfältig begabt, dass ihr die Säcke mit Gold ganz allein zuständen. Was unser Chef zwar weiß, aber nicht umsetzt.
»Jens Jahnke, haben Sie von meinem Whisky genascht?«
Wow, auch Florian hat nach zwei Stunden Sitzung noch Humor. Dabei gibt er sonst selten zu, dass er in seinem Büro immer eine Flasche Whisky der Marke Dimple deponiert hat. Davon dürfen wir Reporter bei herausragenden Leistungen kosten und er selbst nach Bedarf. »Jedem Simpel seinen Dimple«, intoniert er dann als Trinkspruch. Wobei er mit »Simpel« auch sich selbst meint. Nun schüttelt er mit dem Kopf.
»Das musst du uns erklären, Jens Jahnke.«
Ich gebe der Runde ein paar oberflächliche Details der Geschichte um den Schatz im Acker, ganz ohne Namen und mir bereits bekannten Details: Ein Bauer ist an mich herangetreten. Er hat beim Roden eines Wurzelballens auf seinem Acker zwei kleine Säckchen mit Gold gefunden. Die hat er im Gemeindebüro abgegeben. Jetzt ist das Gold verschwunden.
Elske meint sofort: »Der Schatz im Acker, das passt zum Gleichnis Jesu.«
Elske ist im EC, dem ‚Entschiedenen Christentum’, aufgewachsen und hat sich dort früher in der Jugendarbeit engagiert. Was den christlichen Glauben angeht, hatte ich bereits viele gute Gespräche mit ihr. Jetzt jedoch geht es um andere Dinge. Ich will die Schatzsuche nicht privat in meiner Freizeit betreiben, sondern ganz offiziell recherchieren dürfen. Dabei geht es mir nicht zuerst um die Arbeitszeit – darin fühle ich mich sowieso unabhängig – sondern darum, für meine Artikel immer genug Platz in der Zeitung zu bekommen.
»Ja, Elske, ich weiß«, erkläre ich. »Hier geht es aber nicht um eine Parabel aus der Bibel, hier geht es um einen realen Goldschatz. Und der wurde nicht irgendwo gefunden, sondern hier bei uns, auf einem Acker in der Lüneburger Heide! Sollte die Story stimmen, ist sie gewissermaßen Gold wert!«
Florian Heitmann wäre nicht Chefredakteur, wenn er das nicht auch erkennen würde. Ich weiß, dass er anbeißt.
»Du bist dir also noch nicht sicher, Jens?«
»Doch. Ich habe diesen Schatz zwar noch nicht mit eigenen Augen gesehen, aber ich glaube dem Finder.«
Dr. Mayer, unser Anwalt und eigentlich immer auf meiner Seite, meldet sich zu Wort: »Ist die Geschichte der Polizei bereits bekannt?«
»Nein. Im Moment habe ich nur den Bericht des Landwirtes. Ich will der Geschichte nachgehen, bevor die Behörden davon Wind kriegen.«
»Da müssen Sie natürlich aufpassen. Wer immer einen Schatz findet, muss das melden und ihn komplett abgeben.«
»Ja, danke, Herr Mayer. Mir ist das klar.«
»Bis wann willst du recherchieren, Jens? Oder anders gefragt, wann brauchst du Platz für die Artikel? Da ist ja auch noch viel Beiwerk: Schatzfunde in Deutschland, Sondengänger, Blicke in die Geschichte ... man kann was draus machen, wenn der Mann wirklich zwei Säcke mit Gold gefunden hat.«
Unser Chef redet sich selbst ein bisschen in Rage. Die Müdigkeit von vorhin ist verschwunden. Ich habe gewonnen.
*
Als ich an meinem Schreibtisch sitze, steht Elske plötzlich neben mir. Bevor ich sie sehe, umweht ein frischer Wind meine Nase, so als komme sie direkt von der Nordsee.
»Jens, du hast doch mehr als das von eben! Oder ich kenne dich immer noch nicht richtig.«
Vielleicht werde ich ein bisschen rot.
»Doch, Elske, du kennst mich richtig. Du weißt ja, wenn ich so etwas wie diese Geschichte höre, juckt meine Spürnase und ich muss sofort losrennen.«
Sie lacht ihr fröhliches Lachen. So stelle ich mir das »Lachen der Erlösten« vor, von dem die Bibel spricht. Elske hat immer so etwas wie Leben pur in ihren leuchtenden blauen Augen, besonders wenn sie lacht.
»Also doch. Erzähl!«
»Nicht hier. Lass uns in der Stadt einen Kaffee trinken gehen und nimm dein iPad mit.«
Ich habe längst beschlossen, Elske um Unterstützung bei dieser Story zu bitten. Sie ist die Einzige im Team, mit der ich mich blind verstehe und der ich mich deshalb auch völlig anvertrauen kann.
Eine halbe Stunde später sitzen wir bei »unserem« Inder. Elske hat sich einen Masala-Tee, ich einen Cappuccino bestellt. Das indische Restaurant gefällt uns, da es drinnen hell und geschmackvoll eingerichtet ist, man aber auch gut draußen sitzen kann.
Der Inder, dessen Personal wie oft in solchen Restaurants aus Pakistan kommt, hat sich auf europäische Bedürfnisse eingestellt und einen Cafébereich mit Eistheke angegliedert. Die Qualität des Essens ist prima, das Angebot reichhaltig. Jetzt sitzen wir mit Blick auf einen großen Platz unter einem Heizpilz, haben eine Decke über die Knie gelegt und schlürfen das heiße Getränk.
Ich erzähle meiner Kollegin die ganze Geschichte. Sie hört konzentriert zu und fragt nur gelegentlich etwas nach, um es besser zu verstehen. Am Ende sitzen wir schweigend da.
»Eine gute Geschichte«, ist ihr erster Kommentar. »Armer Fabian von Heimfeld.«
»Stimmt, der Landwirt ist zu bedauern. Aber vielleicht auch ‚armer Tobias Bahn’ oder gar ‚arme Dari’.«
»Wie heißt Dari eigentlich mit richtigem Namen?«
Mir fällt auf, dass ich noch viel zu wenig über die junge Frau weiß. Nicht einmal ihren richtigen Namen.
»Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass sie ursprünglich aus der Ukraine kommt. Aber sie hat sich ja im Tagungshaus beworben. Also gibt es Unterlagen.«
Elske ruft den freundlichen jungen Kellner und bestellt einen weiteren Tee. Auch sie ist jetzt auf Schatzsuche.
»Ich nehme an, Jens, dass ich mein Tablet nicht umsonst mitgenommen habe. Wir schreiben also unsere Fragen auf?«
»Genau. Ich dachte, wir ordnen unsere Gedanken und planen eine Strategie für die weitere Recherche.«
»Also los!«
Die Liste der Fragen ist zunächst nicht besonders lang:
Wo ist der Schatz jetzt?
Wo sind Tobi und Dari?
Wer sind die zwei Typen im Mercedes?
»Machen wir doch zunächst einen Zeitplan und schreiben auf, wie die Sache abgelaufen ist«, schlägt Elske vor. »Vielleicht ergeben sich dann weitere wichtige Fragen.«
Gute Idee, finde ich. Wir bringen das Geschehen also in eine Reihenfolge und formulieren weitere Fragen.
14.9. Fabian von Heimfeld findet den Schatz.
17.9. Auf Druck seiner Frau geht er ins Bürgerbüro. Sein alter Schulkamerad Tobias Bahn betrügt ihn und stielt das nun in einen kleinen roten Blechkoffer verpackte Gold.
18.9. Tobias ist unterwegs. Was hat er gemacht? Versucht er, den Schatz zu verkaufen? Wo und an wen? Seine Wohnung wird während seiner Abwesenheit von den beiden Typen durchsucht. Wer sind diese Typen? Hehler? Wenn sie den Schatz gefunden hätten, wären sie später nicht wieder aufgetaucht. Tobias hatte den Schatz also mitgenommen oder gut versteckt.
Am Nachmittag kommt Tobi zurück, verlässt das Haus schnell wieder, übernachtet bei seinem Kumpel und sie buchen Flüge nach Mallorca. Tobias hat wegen der Durchsuchung Angst?!
19.9. Tobias taucht morgens in seiner Wohnung auf, verlässt das Haus schnell wieder und kommt erst nachts zurück. Wo war Tobias in dieser Zeit? War er bei seiner Ex-Freundin?
20.9. Tobias und Malte machen Urlaub auf Mallorca. Den Schatz kann Tobias nicht mitnehmen, hat ihn also versteckt. Wo?
Fabian von Heimfeld sucht erfolglos nach Tobias.
21.9. Fabian trifft Dari. Die weiß nicht, wo Tobias ist. Sie erfährt von Fabian von einem wertvollen Koffer im Besitz ihres Freundes. Hat Dari den Koffer gesucht und gefunden? Wenn ja, wo hat sie das Gold dann versteckt? In ihrer Wohnung? Irgendwo im Tagungshaus?
24.9. Fabian erstattet Anzeige bei der Polizei. Die glaubt ihm nicht, droht mit Strafe wegen Raubgrabung. Was hat die Polizei in dieser Sache bisher tatsächlich unternommen?
3.10. Zurück aus Mallorca wird Tobias am Morgen von Malte vor seiner Wohnung abgesetzt. Die zwei Typen erwarten ihn bereits. Sie haben zwischendurch das Haus beobachtet. Es wird laut. Kurz darauf fährt Tobias mit den beiden im Mercedes weg. Ist Tobias freiwillig mitgegangen, oder wurde er entführt?
In Himmelstal sind gegen Mittag ein grauer Mercedes und ein Typ mit Goldkette aufgetaucht. Der Typ hat im Tagungshaus nach jemandem gesucht. Dari hatte Dienst und hat die Festgäste versorgt. Hat der Typ Dari gesucht? Waren die Typen bei Dari in der Wohnung?
»Puh, das sind nun ja doch ganz schön viele Fragen!«
Elske streicht sich über die Stirn. »Wenn wir nicht schon vom Chef bis zum Anschlag mit Arbeit vollgestopft wären, würde ich sagen, dies hier wird ein Fulltime-Job.«
»Stimmt. Wir müssen es eben klug aufteilen. Immer ein bisschen.«
»Aber Tobias und Dari sind verschwunden. Vielleicht sind sie in Gefahr. Dann bleibt uns keine Zeit.«
»Genauso sehe ich das auch. Wir müssen uns also beeilen mit den Recherchen.«
»Und wer macht unsere offizielle Arbeit?«
»Na, wir – und ein paar Hilfsarbeiter.«
Ich sehe vermutlich nicht besonders attraktiv aus, wenn ich grinse. Jedenfalls schaut sie mich zweifelnd an.
»Du meinst freie Mitarbeiter? Die stehen aber ja wohl kaum zur Verfügung.«
»Dann müssen wir eben ein paar Neue finden!«
Zugegeben, die Idee ist mutig. Trotzdem steigt Elske darauf ein. Wir werden nachher als Erstes versuchen, unsere Termine an Bekannte abzugeben, denen wir das zutrauen.
»Wenn wir jemanden finden, der oder die zu den Veranstaltungen geht, sich Notizen macht und ein paar Fotos schießt, dann müssten wir nur noch die Artikel schreiben und würden enorm viel Zeit einsparen.«
Elske ist nun fast begeistert.
»Nebenbei entdecken wir womöglich noch neue Talente! Eine meiner Aufgaben ist ja auch die Anwerbung von freien Chronisten. Nichts anderes machen wir ja dann.« Sie lacht.
Wir teilen uns auf. Sie will mit der Polizei in der Kreisstadt sprechen und herauskriegen, was die in Sache Schatzfund unternommen haben. Außerdem will Elske versuchen, die Halter des Mercedes zu ermitteln. Ich übernehme alles, was mit Himmelstal zu tun hat, also vor allem mit Dari. Sobald wir etwas Neues wissen, wollen wir uns gegenseitig informieren.
*
Als ich an der Polizeiwache der Kreisstadt vorbeifahre, erschrecken mich Sirenen. Ich halte am Straßenrand. Zwei Polizeifahrzeuge schießen mit Blaulicht aus der Einfahrt der Behörde. Kurz vor dem Ortsausgang passiert mir ähnliches mit einem Krankenwagen. Er kommt aus der Straße zum Kreiskrankenhaus gerast und setzt sich vor mich. Ich hoffe nur, auf der Strecke gibt es keinen Unfall. Das würde mich ziemlich ausbremsen. Selbst wenn ich direkt vom Ort des Geschehens berichten könnte, meine Recherche wegen des Schatzes müsste ich dann zunächst hinten anstellen.
Als ich das Bürgerbüro erreiche, sind Kranken- und Polizeifahrzeuge längst verschwunden. Unterwegs war alles frei. Ich will hier nur kurz halten, um die Kollegen von Tobias zu fragen, ob es im Gemeindebüro einen Keller oder Dachboden gibt oder sonst eine Möglichkeit, den roten Koffer zu verste-cken. Es kann ja durchaus sein, dass Bahn den Schatz gleich hier im Gebäude in Sicherheit gebracht hat, statt ihn mit durch die Gegend zu schleppen.
»Mittwochs geschlossen«. Das hatte ich vergessen. Also werde ich hier jetzt nicht weiterkommen.
Ich bin aber nun mal im Ort, also kann ich auch noch einmal den Nachbarn von Tobias Bahn aufsuchen. Vielleicht gibt es einen Hausmeister, der mich in die Wohnung lässt. Wenn dort irgendwo der Schlüssel zum X1 herumliegt, könnte ich im Kofferraum nachschauen. Auch der ist noch ein potenzielles Versteck für den roten Koffer mit den Goldsäcken.
Ich klingle also wieder bei Herrn K. Meyer. Ob er Karl oder Klaus heißt? Diesmal summt es sofort. Ich vermute, der Alte hat mich bereits durch die Gardine gesehen, als ich am Parkstreifen unter seinem Fenster aus dem Golf stieg. Der Türspalt ist nun größer als beim letzten Mal. Das Pfefferspray bleibt in der Tasche. Man kennt sich.
»Ach, der Reporter. Sie suchen meinen Nachbarn vermutlich immer noch. Er war noch nicht wieder hier.«
Herr Meyer trägt dieselben Sachen wie beim letzten Mal. Allerdings hat er sich jetzt gekämmt und seinen Bart gestutzt. Vielleicht war sogar ein Frisör bei ihm.
»Sie haben Recht, Herr Meyer. Ich habe ihn noch nicht gefunden. Nun wollte ich Sie fragen, ob es eine Chance gibt, irgendwie in seine Wohnung zu kommen.«
»Wäre das nicht illegal?«
Ich setze meine unschuldigste Mine auf, zumindest mache ich ein Gesicht, das ich dafür halte.
»Nicht, wenn Gefahr im Verzug ist.«
»Aber Sie sind ja nicht die Polizei.«
»Stimmt. Aber ich arbeite in gewisser Weise mit der zusammen. Sie wissen ja, Presse und Polizei.«
Was rede ich da? Presse und Polizei sind meistens Konkurrenten, nicht Partner. Aber der Alte nickt. Vielleicht freut er sich auch über die Abwechslung.
»Ich habe einen Schlüssel.«
Was hat er eben gesagt? »Wie, einen Schlüssel?«
»Na, wenn Sie in die Wohnung wollen, brauchen Sie einen Schlüssel. Den habe ich.«
Er rollt etwas nach hinten in den Flur. Ich trete einen Schritt vor und sehe ihn in einer Schublade unter der Garderobe kramen. Triumphierend hält er einen Schlüssel hoch.
»Da ist er! Den hat mir Herr Bahn für den Notfall anvertraut. Zweimal hat das schon geholfen. Mein Nachbar hatte seinen eigenen Schlüssel in der Wohnung gelassen und die Tür zugeschlagen. Da ist es gut, ein jederzeit erreichbarer Nachbar hat einen Reserveschlüssel!«
Genial. Ich habe mehr Glück als erwartet.
Kurz darauf stehe ich vor der Wohnung von Tobias Bahn. Das Schloss ist bis auf ein paar Kratzspuren unversehrt. Die Männer, die zwischendurch hier waren, haben also einen Dietrich benutzt oder einen Nachschlüssel gehabt. Ich drehe den Notfall-Schlüssel. Es ist nicht abgeschlossen, sondern die Tür wurde nur zugezogen.
Nun stehe ich im Flur der kleinen Wohnung. Auf dem Garderobentisch liegt ein Schlüsselbund. Tobias muss sehr unter Druck gewesen sein, wenn er es einfach liegen ließ. Der gesuchte Autoschlüssel ist dabei. Ich stecke den gesamten Schlüsselbund ein.
Der Alte ist mitgekommen und schaut sich ebenfalls um. Die Wohnung ist vermutlich ähnlich geschnitten wie seine.
»Dort hinten ist das Schlafzimmer und hier gegenüber die Stube«, informiert er mich und zeigt auf eine Tür. »Machen Sie ruhig, ich laufe nicht weg.« Humor hat er auch.
Als ich ins Wohnzimmer schaue, sehe ich sofort, dass hier etwas passiert ist. Ein Sessel und ein Stuhl sind umgekippt. Schubladen und deren Inhalt liegen am Boden. Ich meine sogar, etwas Blut an dem Stuhl zu sehen.
»Ich sage doch, es hat gepoltert wie verrückt!« Herr Meyer sitzt hinter mir in seinem Rollstuhl. »Das waren bestimmt die zwei Typen aus dem Mercedes.«
Davon gehe auch ich aus. Den Schatz allerdings haben sie nicht gefunden, als sie in Abwesenheit von Tobias die Wohnung auf den Kopf gestellt haben. Sonst hätten sie Tobias nicht mitgenommen. Ich vermute, sie haben ihn auf dem Stuhl gefoltert, um das Versteck des Schatzes zu erfahren. Auf dem Boden liegen zerschnittene Kabelbinder. Er war also gefesselt. Ob die Gangster Erfolg mit der Folter hatten? Ich vermute es.
Ich rühre nichts an. Das ist Sache der Polizei. Aber ich will mir den BMW genauer ansehen. Ich werfe einen kurzen Blick in das Schlafzimmer und die Küche. Überall Chaos.«
»Kommen Sie! Hier ist etwas passiert und ich werde die Polizei informieren. Wir dürfen keine Spuren verwischen.«
Der Alte nickt begeistert.
»Wie dumm, dass ich ausgerechnet heute von meiner Enkelin abgeholt werde! Da verpasse ich den Polizeieinsatz womöglich noch.«
»Keine Angst. Die Polizei wird Sie als Ersten befragen. Sie sind ein hervorragender Zeuge!«
Man sieht ihm seinen Stolz an.
Fünf Minuten später bin ich in der Tiefgarage. Wieder ist sie fast leer. Es hallt von Decke und Wänden. Das Fahrzeug reagiert auf den Schlüssel. Ich nehme ein Tempotaschentuch, um keine Spuren zu verwischen und zu hinterlassen. Der Innenraum des BMW ist leer. Nur eine halbvolle Wasserflasche und zwei medizinische Masken liegen vorn. Der X1 ist mehr Kombi als SUV. Vom Innenraum aus kann ich wegen der Sitze und einer Abdeckung allerdings nicht in den Kofferraum schauen. Ich gehe um das Auto herum zur Heckklappe. Mein Herz pocht vermutlich lauter als sonst. Was, wenn ich jetzt den »Schatz im Acker« finde? Oder in diesem Fall den »Schatz im Kofferraum«? Bleibe ich dann stark? Oder wäre ich auch so ein Tobias Bahn, der meint, die Chance seines Lebens zu bekommen und es stattdessen ruiniert?
Die Heckklappe schwingt nach oben. Der Kofferraum ist leer. Also Fehlanzeige. Meine »Versuchung« findet nicht statt.
Nachdenklich steige ich in meinen Golf. Oben am Fenster winkt Herr K. Meyer. Sollte ich ihn noch einmal treffen, werde ich nach seinem Vornamen fragen. Der alte Mann macht auf mich einen überaus ausgeglichenen Eindruck. Etwas schrullig, aber zufrieden und ziemlich helle. Was mag Herr Meyer alles erlebt haben? Ob er den »Schatz seines Lebens« gefunden hat? Ich vermute, dieser auf den ersten Blick einsame alte Mann hat mehr und Größeres entdeckt als Fabian und Tobias zusammen. Oder auch als Jens Jahnke?
*
Bereits als ich bei der Landbäckerei in Himmelstal um die Kurve biege, weiß ich, wo wie Blaulichter und Sirenen geblieben sind. Hinter der Kirche und schräg gegenüber dem Tagungshaus wirbeln mindestens vier blaue Lichter durch den Nachmittag. Langsam fahre ich näher. Vor der Kirche beim Bushaltehäuschen stelle ich meinen Golf ab. Die Kamera gezückt, gehe ich entlang der Straße auf den Ort des Geschehens zu – wobei ich keine Ahnung habe, was hier geschehen ist.
Teile des Hausteams stehen an der schmalen Gartenpforte. Ich erkenne Anna, Andreas und Saskia. Gegenüber, vor dem grünen Lastwagen haben sich etwa zehn Anwohner versammelt. Sie versuchen, einen Blick auf das Grundstück hinter den Einsatzfahrzeugen zu erhaschen. Zwei Uniformierte kontrollieren die Absperrung und niemand kommt an den Fahrzeugen vorbei.
Auch Axel, unser Sportwart, gehört zu den Neugierigen. Ich frage ihn, was dort los ist.
»Keine Ahnung. Irgendwer hat was von einem Toten gesagt und dass jemand bereits bei Hendrik angerufen hat. Der ist aber noch nicht da.«
Hendrik Meyer ist der Bestatter unseres Dorfes. Ich mache einige Fotos. Einer der Beamten, ein junger Mann mit viel zu großer Mütze, wird nervös.
»Packen Sie Ihre Kamera ein! Hier gibt es nichts zu sehen.«
Ich zeige ihm meinen Presseausweis.
»Ich bin von der Presse. Bitte holen Sie Ihren Vorgesetzen. Ich bin der Öffentlichkeit verpflichtet.«
Der junge Mann kontert: »Und ich bin dem Opfer verpflichtet.«
»Es ist hier also ein Verbrechen geschehen?«
»Darüber werde ich nichts sagen. Wir warten auf die Kripo. Vorher kommt hier niemand durch.«
Ein Leichenwagen fährt vor. Hendrik steigt aus und spricht mit den Polizisten. Dann fährt er auf den Hof des Anwesens.
»Niemand kommt durch? Sie haben gerade jemanden durchgelassen!« Ich beschwere mich bei dem Polizisten.
»Für später. Wenn die Kripo hier ist, wird dieses Fahrzeug erforderlich sein.«
Also stimmt, was Axel gehört hat. Es gibt einen Toten. Ich gebe es zunächst auf, den Beamten zu bearbeiten. Wenn die Kripo aus Lüneburg kommt und ein Kapitalverbrechen vorliegt, habe ich eine gute Chance.
Zuerst dachte ich, das schmucke alte Fachwerkhaus an der Ecke ist betroffen. Die Besitzer kenne ich.
Aber der Hof, auf dem sich das Ganze jetzt abspielt, steht links daneben. Das mit rotem Klinker gemauerte Wohnhaus wurde vermutlich noch vor dem Krieg direkt an der Straße errichtet. Links des Hauses befindet sich die Einfahrt zu einem teilweise gepflasterten Hof, der von Scheunen und Garagen umgeben ist. Ich frage Axel, wer hier wohnt.
»Seit etwa zwei Jahren gehört das Anwesen Isa und Markus Stromberg. Der Vorbesitzer war zuletzt Witwer. Als er eine Frau aus Schleswig-Holstein kennenlernte, hat er verkauft und ist zu seinem neuen Schatz gezogen. Schade, Manni war bei allen hier sehr beliebt.«
Ich erinnere mich an Manni. Er ist ein hilfsbereiter, fröhlicher und an allem interessierter Mann um die Fünfzig. Das Ehepaar Stromberg dagegen kenne ich nicht.
»Wohnen die Strombergs allein hier? Und bewirtschaften sie den Hof noch?«
»Ja, die beiden wohnen hier. Zwei Zimmer in dem für sie allein viel zu großen Haus haben sie allerdings vermietet. Manni hatte in einer der Scheunen eine Art Kneipe mit Tanzsaal eingerichtet. Er war ein echt geselliger Typ. Die zwei Neuen eifern ihm nach und hatten das Dorf vor Corona zum Hoffest eingeladen. Durch die Pandemie wurden sie jedoch total ausgebremst.«
»Und meinst du, einem von beiden ist jetzt etwas zugestoßen?«
Axel zuckt mit den Achseln. »Keine Ahnung. Vermutlich lese ich das erst morgen in der Zeitung.« Jetzt checkt er den Zusammenhang. »Mann, dich müssen die da unbedingt reinlassen. Sonst bleiben wir alle völlig ahnungslos!«
Endlich mal einer, der es begriffen hat!
Ein schwarzer Audi rollt auf die Absperrung zu. In Kombination mit dem Nummernschild LG-PD weiß ich, wer drinsitzt. Mein alter Pfadfinderfreund Georg Martens leitet die Mordkommission der Polizeidirektion Lüneburg. Ich hoffe, er sitzt selbst im Audi und hat nicht einen seiner Kollegen geschickt.
Immerhin weiß ich jetzt, dass es möglicherweise um ein Kapitalverbrechen geht. Sonst wäre die Polizei aus der Kreisstadt hier. Der Audi hält direkt hinter der Absperrung. Der Fahrer und ein uniformierter Polizist steigen aus. Die Frau, die den Audi dann verlässt, wuchtet mit Hilfe des Fahrers eine Alukiste aus dem Kofferraum. Es ist Frau Dr. Fuhrmann, die Gerichtsmedizinerin. Wir haben uns bereits kennengelernt. Zeitgleich taucht Schorse aus der Tiefe des Fahrzeuges in voller Lebensgröße auf und präsentiert sich mit seinen 1,90 Metern, der abgewetzten braunen Lederjacke, den braunen Augen und dem braun gelockten Haar. Als Kontrast zum Braun trägt mein Freund eine blaue Jeans und ein rotes Sporthemd. Er ist alles andere als »Braun«!
Bereits bei Erreichen der Absperrung hat mich Schorse vom Auto aus gesehen. Nun kommt er zu mir ans Flatterband.
»Jens Jahnke! Dass du hier bist, hätte ich mir denken können. Ist ja dein Revier!«
Ich lache. Er weiß natürlich, dass ich große Hoffnungen in ihn setze. »Revier ist gut. Ich hoffe, du lädst mich zur Jagd ein.«
Schorse lacht und zeigt dabei gleichmäßige weiße Zähne, für einen Mittfünfziger beachtlich.
»Um Wölfe geht es diesmal ja nicht! Vielleicht aber ja um menschliche Raubtiere.«
Wir diskutieren manchmal über den Umgang mit Wölfen. Die richten in unserer Region bei Tierhaltern große Schäden an. Schorse ist für den Abschuss, ich nur eingeschränkt.
»Ich kann also mit?«
Schorse schaut den Polizisten an, dem es sichtlich unangenehm ist, dass ich den Kripochef persönlich kenne.
»Ist Julius Siepermann bereits eingetroffen?«
Siepermann ist Pressesprecher der Lüneburger Polizeidirektion. Was immer die Polizei veröffentlichen will, er bringt es in die Presseverteiler. Doch nun ist er nicht da. Dabei wohnt er sogar in Himmelstal. Ich habe also Glück.
Darmowy fragment się skończył.