Czytaj książkę: «Herbstnebel»
Heribert Weishaupt
Herbstnebel
Ein Troisdorf-Krimi

Heribert Weishaupt
Herbstnebel
Ein Troisdorf-Krimi
Cover:
Burg Blankenberg Foto: Heribert Weishaupt
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Alle Rechte vorbehalten!
© Herbst 2016
Impressum
ratio-books • 53797 Lohmar • Danziger Str. 30
info@ratio-books.de (bevorzugt)
Tel.: (0 22 46) 94 92 61
Fax: (0 22 46) 94 92 24
www.ratio-books.de
eISBN 978-3-939829-74-4
published by

Betrogene Liebe ist
wie Menschenblut –
sie schreit aufwärts
nach Rache.
Matthias Claudius
(1740 – 1815)
Prolog
Es war ein schöner Sommermorgen. Noch lag das kleine Städtchen hoch oben auf dem Berg verträumt im Sonnenschein. Das normalerweise lebhafte Treiben in den Straßen und vor den Häusern hatte noch nicht begonnen. Lediglich in der Schmiede hörte man handwerkliches Arbeiten und mehrere laute Schläge des Schmiedehammers dröhnten über das Siegtal. Für den Sonntagmorgen war das äußerst ungewöhnlich.
„Hätte das denn nicht Zeit bis morgen gehabt?“, regte sich der Schmied auf.
Er hasste es, bereits kurz nach Sonnenaufgang sein Feuer mit dem Blasebalg zu entfachen, um für die Gerichtsbarkeit den Schmiedehammer zu schwingen. Und das an einem Sonntag, dem einzigen arbeitsfreien Tag der Woche. Demzufolge schlecht war seine Laune, zumal er für seine Arbeit kaum das angemessene Salär erwarten durfte.
Durch das lodernde Feuer war es in der Schmiede heiß und stickig. Den Oberkörper des Schmieds umspannte nur eine ärmellose, schwarze Weste aus Leder. Der hervorquellende, riesige Bauch ließ vermuten, dass seine Geschäfte gut gingen. Ein breiter Gürtel, ebenfalls aus schwarzem Leder, umspannte seinen Leib – nein, er verlief unterhalb des Bauches, und hielt seine Hose, die ihm bis unterhalb der Knie reichte, zusammen. An seinen Füßen trug er klobige Holzschuhe. Von seiner Stirn, die von schwarzen Locken umgeben war, tropfte der Schweiß auf den staubigen Boden.
Der Schmied riss ein schmuddeliges Tuch hoch, das er zwischen Gürtel und Bauch geklemmt hatte. Damit wischte er sich über die Stirn und über seinen stoppeligen Bart.
„Dann bringt mir das Weibsstück, damit ich ihr die Arm- und Fußfesseln anlegen kann“, rief er lautstark seinem Gehilfen und dem Gerichtsdiener zu. Sie standen in der Nähe der Tür und hielten mit beiden Händen eine junge Frau fest.
Die Haare der Frau waren ursprünglich blond gewesen. Jetzt, nach der Gerichtsverhandlung und zwei schlaflosen Nächten waren sie fettig und klebten an ihrem Kopf. Dreck und Staub vom nächtlichen Schlaflager im Kuhstall, wo sie an einem Pfosten festgekettet war, hatten die Haarfarbe ins Bräunliche verändert.
Ihr hübsches Gesicht war vom Schmutz und den vergossenen Tränen verschmiert. Jetzt weinte sie nicht mehr – sie hatte alle ihre Tränen vergossen und erwartete, man könnte fast meinen störrisch, den Vollzug des Urteils.
Widerstandslos ließ sie sich von den beiden Männern zum Amboss führen, wo der Schmied die eisernen Fesseln fachkundig um ihre zierlichen Handgelenke legte. Die daran befestigten schweren Eisenketten drückte er ihr in die Hände. Sie sollte selbst ihre Fesseln tragen – sie hatte es schließlich nicht besser verdient.
„Sag deinem Herrn, dem Richter, dass ich mir morgen mein Salär abhole. Und er soll erst gar nicht versuchen, mit mir zu handeln“, sagte er zum Gerichtsdiener und schlug ihm mit seiner riesigen Pranke auf die Schulter.
Der Gerichtsdiener ging dabei in die Knie und konnte nur ein zaghaftes „Jawohl“ über die Lippen bringen. Auch von seiner Stirn rannen Bäche von Schweiß. Trotzdem würde er nie seinen, bis oberhalb der Knie reichenden, Gehrock während der Vollstreckung eines Gerichtsurteils ausziehen, um sich Erleichterung zu verschaffen. Er war froh, als sie die Schmiede verlassen konnten. In der frischen Morgenluft atmete er einmal hörbar tief durch. Verstohlen zog er ein Tuch aus der Innentasche seines Gehrocks und tupfte seine Stirn ab.
Der Gerichtsdiener und der Helfer des Schmieds führten und stießen die Frau unsanft die Straße hoch, die zum nahegelegenen Marktplatz führte. Rechts und links der Straße reihten sich kleine Fachwerkhäuser aneinander. Der Platz lag am Ende der Steigung, die sich vom Beginn des Ortes bis zur Kirche oberhalb des Marktplatzes erstreckte. Auch er war eingerahmt von Fachwerkhäusern, wobei das Haus des Wirtes das Größte und Ansehnlichste war.
Nach den Entbehrungen während ihrer Haft musste die junge Frau jetzt alle ihre Kräfte zusammennehmen, um den steilen Berg mit den schweren, eisernen Ketten in den Händen, zu bewältigen. Obschon ihre Gelenke schmerzten, kam kein Laut über ihre Lippen.
Riesige Buchen spendeten auf dem Marktplatz angenehmen Schatten. Dies sollte für die Frau in den Eisenfesseln aber auch das einzig Angenehme an diesem Morgen sein.
Vor einem mächtigen Holzpfahl, der zwischen dem Rathaus und der Kirche stand, geboten die Männer der Frau, stehen zu bleiben. Der Pfahl war exakt sieben Fuß hoch. Mit dem Rücken gegen den Pfahl, verankerten die Männer die Ketten an dafür vorgesehene Stellen des rauen Holzes. An manchen Stellen waren Bilder und Texte eingeritzt, die jetzt durch die Frau zum Teil verdeckt wurden.
Hier und da öffneten sich Fenster und neugierige Gesichter schauten zum Marktplatz. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die ersten Gläubigen den Weg zur Kirche antreten würden, um dem sonntäglichen Gottesdienst beizuwohnen. Alle Blicke der Kirchenbesucher würde die Frau dann auf sich ziehen und jeder Einwohner würde überzeugt sein, dass seine Heimatstadt eine florierende Rechtspflege besaß.
Als die Glocken der Kirche die Gläubigen zur Messe riefen, hatte sich bereits eine stattliche Anzahl Menschen vor dem Pfahl, der allgemein „Schandpfahl“ genannt wurde, versammelt.
Zur Feier des Tages hatten die Kirchenbesucher ihre beste Garderobe angelegt.
Jeder der damaligen Herrscher hatte für seine Stadt und sein Land eine gewisse Kleiderordnung erlassen, damit sich bereits rein äußerlich der gehobene Stand von den Arbeitern unterschied. Jedoch wurde vielerorts an normalen Sonntagen wie heute dagegen verstoßen. So sah man bei dem einen oder anderen gutgestellten Handwerker am Kragen des Gehrocks das Fell eines Marders, das nach der bestehenden Kleiderordnung nur den Bürgern vom Rat oder den Kaufleuten vorbehalten war. Andererseits war es manch einem Bürger vornehmer Herkunft zu lästig, sich nur für den Kirchgang die beste Robe anzulegen. Man tolerierte diese kleinen Abweichungen. Und da es keinen Kläger gab, gab es auch keinen Richter. So blieb der Erlass zur Kleiderordnung weitgehend wirkungslos.
Trotzdem hatten die Gattin des Handwerkermeisters und die Frauen der Händler ihre bodenlangen Roben, Kombinationen aus Rock und Jacke, angezogen. Die Frauen der einfachen Arbeiter hatten sich jeweils in ihre sonntägliche, vorne überlappende Jacke mit Schürze und dazu einen knöchellangen Rock und ein Schultertuch gekleidet. Die Köpfe der Frauen bedeckten Hauben, manche in einfacher, andere in aufwendiger Verarbeitung und Verzierung.
Die wohlbetuchten Herren trugen ihre besten Anzüge, wobei die Männer der Unterschicht in Ärmelwesten gekleidet waren, die nicht so weit und aufwendig verarbeitet waren. An Werktagen waren bei ihnen weite Kniehosen wegen der besseren Bewegungsfreiheit üblich, am Sonntag wurden jedoch enge Hosen bevorzugt. So hatten sie zumindest das Gefühl, der Oberschicht ein wenig näher zu sein.
Alle gafften die junge Frau am Schandpfahl an. Die Frauen schauten voller Verachtung, die Männer eher gierig, obschon das ungepflegte Aussehen der Frau nicht gerade ansprechend war. Hatte sich doch das Gerücht verbreitet, dass sie in mehreren Fällen einen verheirateten Mann verführt hatte. Manch einer der Männer dachte sicherlich mit Blick auf seine Gattin: Hätte sie doch nur mich verführt, ich hätte nichts dagegen gehabt.
Möglichst unauffällig reckten die Frauen ihre Hälse. Nein, der von diesem Weibsstück verführte Ehemann und dessen Frau waren nirgendwo zu sehen. Dieser Umstand war natürlich Anlass zu unüberhörbarem Getuschel und Nährboden für Vermutungen und Gerüchte, insbesondere unter den Damen des Ortes. War es vielleicht doch nicht nur eine einfache, unsittliche Verführung, sondern steckte vielleicht mehr dahinter – vielleicht sogar Liebe?
Als die Glocken verstummten, baute sich der Richter vor der Frau auf. Wie auf ein unsichtbares Zeichen erstarb jedes Gespräch und Getuschel. Der Richter schaute sich Beifall heischend um und ergriff das Wort: „Dieses Kind unserer Stadt hat schweres Unrecht begangen. Eindeutig, durch mehrere Zeugen belegt und letztendlich auf frischer Tat überführt, hat sie sich mehrmals der Prostitution schuldig gemacht. Ihr Lieben, lasst uns in die Kirche gehen und für die verführte Seele unseres lieben Mitbürgers und Freundes beten. Nach dem Gottesdienst wird die gerichtlich beschlossene Anprangerung beginnen.“
Damit drehte er sich um und schritt gemessenen Schrittes zum Kirchenportal. Die Gemeinde folgte gehorsam und leise murmelnd in gebührendem Abstand.
Die Frau hatte den Kopf gesenkt, denn sie wusste was in Kürze auf sie zukam. In ihrem Kopf gingen immer wieder die gleichen Gedanken herum: Wieso wurden nur immer die Frauen bestraft, wenn sie einem Mann und dem Ruf der Liebe folgten? Die Männer hatten alle Freiheiten und Entschuldigungen auf ihrer Seite und gingen dabei grundsätzlich straffrei aus. War das Gerechtigkeit?
Sie galt jetzt als „öffentliche Frau“ – als Prostituierte. Man würde sie verspotten, beleidigen und anspucken. Sogar Freunde würden sie mit Unrat bewerfen. Bei dessen Wahl waren die Bürger durchaus kreativ und nicht zimperlich. Faule Eier, verfaultes Obst und Salatköpfe waren als Wurfmaterial üblich. Aber auch Exkremente und tote Ratten wurden nicht selten als Wurfgeschosse eingesetzt. Lediglich das Anfassen und Schlagen sowie das Werfen harter Gegenstände war verboten und galt als unehrenhaft. Trotzdem kam es gelegentlich zu „Unfällen“, wenn die Verärgerung der Bürger zu groß war. Manchmal dann sogar mit Todesfolge für den Verurteilten.
Das Gericht hatte für die Anprangerung trotz der Schwere des Vergehens mit Rücksicht darauf, dass es sich um eine zierliche Frau handelte, zwei Stunden festgelegt. Lediglich bei Männern konnte die Strafe in seltenen Fällen vier Stunden und mehr betragen. Die Gerichtsbarkeit war der Meinung, binnen dieser Zeit sei die Schmerzgrenze für die Delinquenten erreicht.
Der Pfarrer hatte schließlich mit seiner aufgeregten und ungeduldigen Gemeinde ein Einsehen. Der Gottesdienst dauerte bei Weitem nicht so lange wie üblich. Vielleicht konnte der Pfarrer auch selbst das bevorstehende Ereignis kaum erwarten, war die Verführung zum Ehebruch doch eine Todsünde und die Anprangerung durchaus die gerechte Strafe dafür.
Der Bürgermeister schritt als Erster durch das, vom Kirchendiener geöffnete, Portal der Kirche in die gleißende Sonne. Dann drängten die Männer, danach die Frauen und Kinder durch die Kirchenpforte …
*
Jemand rüttelte vorsichtig an seiner Schulter.
„Sie müssen jetzt gehen. Wir schließen“, sagte die Bibliothekarin, die leise neben ihn getreten war.
Verärgert hob er den Kopf und schaute die junge Frau vorwurfsvoll, ja fast vernichtend, an. Dabei rutschte ihm das Buch von den Oberschenkeln und polterte zu Boden.
„Ich räume das Buch schon ins Regal. Sie müssen jetzt leider gehen“, flüsterte die Frau, damit niemand der noch vorhandenen Besucher der Bücherei etwas hören konnte.
Sie bückte sich und hob das Buch mit dem Titel „Gerichtsbarkeit vom Mittelalter bis zur Neuzeit“ auf.
Aus dem In-Ear-Kopfhörer seines Smartphones drangen die Stimmen der Folk-Gruppe „Faun“ mit der Ballade „Diese kalte Nacht“ in sein Ohr: „Diese Nacht ist kalt und der Wind, der bläst durch unser Land. Und wer jetzt noch geht, ist ein armer Tor oder auf dem Weg zu der Liebsten, die jede Reise lohnt …“
„Verdammt“, sagte der Mann enttäuscht und verärgert zu sich selbst.
Dabei riss er sich die Kopfhörer aus den Ohren.
Wie gerne hätte er seinen Tagtraum, von dem was er vorher gelesen hatte, zu Ende geträumt und dabei der schönen Musik, die thematisch zwischen Spätmittelalter und Romantik angesiedelt war, gelauscht.
Gerade jetzt, wo die Frau in seinem Traum ihre gerechte Strafe bekommen sollte, wurde er in die Wirklichkeit zurückgeholt.
„Sie können ja gerne morgen wiederkommen“, sagte die junge Bibliothekarin besänftigend.
Sie hatte die Verärgerung des Mannes bemerkt.
Ohne eine Antwort zu geben und ohne die Frau eines Blickes zu würdigen, schritt der Mann zum Ausgang und verließ die Städtische Bücherei.
Teil I
Ich habe sie beobachtet.
Alle ihre Aktivitäten,
die Gemeinsamkeit mit ihrer Tochter,
ihre verwerfliche Beziehung.
Wie kann eine Frau nur so verdorben,
rücksichtslos und gefühlskalt sein?
Kapitel 1
Es war Spätherbst. Viele Bäume hatten bereits ihre Blätter abgeworfen. In den Wäldern, auf den Wiesen und in den Parks lag ein bunter Teppich Herbstlaub. Lediglich Eiche, Esche und Rotbuche trugen noch Restbestände der wunderschön gefärbten Blätter, die den Herbst zu einer bunten und wenn die Sonne auf die Blätter schien, leuchtenden Jahreszeit machten. Aber nur noch wenige Tage und auch diese Bäume würden ihre kahlen Äste in den Himmel recken.
Die Tage wurden merklich kürzer und die Abende und Nächte bereits recht frisch. Wer morgens zur Arbeit fuhr, hörte im Verkehrsfunk häufig die Warnung vor zähem Nebel, der sich erst in den Vormittagsstunden auflösen würde. Dieses Naturschauspiel war den Menschen im Siegtal vertraut und sie hatten gelernt, ihr Leben darauf einzustellen. Abends legte sich der Nebel über den Fluss und über die feuchten Wiesen rechts und links des Ufers. Die wärmenden Strahlen der Sonne waren an manchen Tagen nicht in der Lage, den Nebel bis in Bodennähe vollständig aufzulösen. So konnten die Tage auf den Höhen meistens einige Sonnenstunden aufweisen, im Tal war es dagegen durchgehend trüb.
Es war nicht zu übersehen: Der Herbst lag in den letzten Zügen und der Winter kündigte sich an.
*
Ein kurzer Blick reichte, um festzustellen, dass der Platz, auf dem sie gewöhnlich saß, auch heute Abend frei war. Es waren lediglich einzelne Plätze besetzt. Nur wenige Fahrgäste fuhren an Wochentagen zu dieser Zeit mit der S-Bahn in Richtung der oberen Sieg. Erschöpft ließ sich die junge Frau direkt am Fenster mit dem Gesicht in Fahrtrichtung nieder. Bei einer ihrer ersten Fahrten hatte sie einen Platz gewählt, von dem sie nicht in die Fahrtrichtung blicken konnte. Bereits nach kurzer Zeit hatte sie mit Übelkeit zu kämpfen.
Sie stellte ihre Handtasche auf den Schoß. Es war eine dieser großen Taschen, die man über die Schulter hängen und auch für kleinere Einkäufe nutzen konnte. Sie zog den Reißverschluss auf und nahm eine kleine Flasche Wasser heraus. Es war gerade noch ein Schluck in der Flasche, die sie gierig leer trank. Gerne hätte sie noch mehr getrunken – aber es musste bis zu Hause reichen.
Langsam setzte sich die S-Bahn der Linie 12 in Bewegung, um dann bereits nach wenigen Sekunden volle Fahrt aufzunehmen.
Es war ein langer, anstrengender Tag für die Frau gewesen. Sie lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe. Wie ein Film zogen die Lichter der Straßenlaternen, der Reklametafeln und der Häuser an ihr vorüber. Sie schloss die Augen. Erschrocken riss sie sie wieder auf, als der Zug in den nächsten Haltepunkt einfuhr. Sie durfte nicht noch einmal eindösen. Zu groß war die Gefahr, an ihrem Zielbahnhof vorbeizufahren. Dies war bereits die nächste Haltestelle.
Mit quietschenden Bremsen hielt die S-Bahn am Bahnhof Blankenberg an. Der S-Bahn-Haltepunkt bestand lediglich aus einem Bahnsteig für beide Richtungen. Im direkten Anschluss an den Haltepunkt überquerten die Gleise auf einer schön geschwungenen Bogenbrücke die Sieg und schlängelten sich fortan nur noch einspurig durch das enge Siegtal.
Alle Türen öffneten sich und aus der Tür direkt hinter dem Triebfahrzeugführer stieg die Frau aus. Sie schlug zielstrebig den Weg zum Ende des Bahnsteigs ein. Als sie am Fenster des Triebwagens vorüber kam, winkte sie kurz dem Bahnbeamten im Führerstand zu. Sie kannten sich flüchtig, denn die junge Frau fuhr oft diese Strecke und in den meisten Fällen war sie, so wie auch heute, der einzige Fahrgast, der um diese späte Uhrzeit hier ausstieg. Sie saß immer direkt bei der ersten Tür. Von hier war der Weg zum Ende des Bahnsteigs, kurz vor der Brücke, am nächsten. Von dort führte ein schmaler Pfad hinunter zu den Wiesen und Feldern am Ufer der Sieg. Der Hauptausgang des Bahnhofs befand sich am anderen Ende des Bahnsteigs, dort, wo das verlassene Bahnhofsgebäude stand und der Weg zum P+R-Parkplatz an der Siegtalstraße führte.
Sie hatte schon seit Monaten kein Auto mehr. Nach dem schweren Unfall im letzten Winter, den sie selbst verschuldet hatte, hatte ihr Wagen nur noch Schrottwert. Eine Vollkaskoversicherung hatte sie nicht und für ein neues Auto fehlte ihr zurzeit das Geld. Spätestens im nächsten Sommer, wenn ihre Tochter in die Schule kommen würde, benötigte sie einen neuen Wagen. Bis dahin musste sie eisern sparen und jeden überzähligen Euro zur Seite legen.
Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Die Zeiger zeigten ihr 22:35 Uhr an. Na, ist doch klar, dachte sie bei sich. Die Bahn hatte wie in den meisten Fällen auf diesem Streckenabschnitt zehn Minuten Verspätung.
Als sie den Bahnsteig verlassen hatte, nahm sie ihre Taschenlampe aus der Handtasche und schaltete sie ein. Kein Stern und kein Mond erhellten die Nacht. Das spärliche Licht des Bahnsteigs wurde vom Nebel, der über Flur und Feld lag, verschluckt. Der Strahl der Taschenlampe zeichnete sich weiß im Nebel ab und konnte den Weg nicht wesentlich ausleuchten. Sie hasste diese zehn Minuten Fußweg über den unbefestigten Pfad bis zur Siegtalstraße. Obschon sie ihn in diesem Jahr oft gegangen war, erschreckte sie jedes Mal, wenn ein Kaninchen plötzlich ihren Weg kreuzte, um augenblicklich im Nebel des Bahndamms wieder zu verschwinden.
Die L333, die Siegtalstraße, schlängelte sich von Hennef kurvenreich durch das Tal dieses Rheinnebenflusses. Nachdem sie die Straße erreicht hatte, atmete sie durch. Hier gab es zumindest wieder eine spärliche Straßenbeleuchtung. Ein einzelnes Auto raste an ihr mit viel höherem Tempo, als an dieser Stelle erlaubt war, vorbei in Richtung Hennef. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein Restaurant, das natürlich zu dieser Uhrzeit geschlossen war und dunkel am Aufstieg zur Stadt Blankenberg lag.
Trotzdem hatte sie das Gefühl, sicher und wieder unter Menschen zu sein.
Anfang des Jahres hatte sie eine Putzstelle in Hennef angenommen. Sie war sich darüber im Klaren gewesen, dass besonders der Rückweg nach Hause kein Vergnügen sein würde. Aber sie hatte keine Wahl. Putzstellen gab es in ihrem Heimatort nicht viele und die es gab, waren bereits seit Jahren durch Frauen aus dem Ort besetzt, die diese Arbeit nie aufgeben würden. Da ihre Tochter jeden Dienstag und Freitag bei ihrem geschiedenen Mann war, hatte sie die Stelle in Hennef angenommen. Jeden Dienstag und Freitag von 18:00 bis 21:30 Uhr. Bis 14:00 Uhr war sie im Büro eines großen Unternehmens in Siegburg beschäftigt. Ihr Ex-Mann war selbstständig und konnte es so einrichten, dass er ihre Tochter mittags im Kindergarten abholte und zuverlässig am nächsten Morgen, wenn er nach Eitorf zur Arbeit fuhr, wieder zu ihr brachte.
Damals, als ihr Mann von ihrer Affäre mit Erich erfuhr, war er ausgerastet. Bereits am nächsten Tag hatte er ihre gemeinsame Wohnung verlassen und war fürs Erste in eine kleine Pension gezogen. Er war einfach geschockt, als er seine Frau mit einem fremden Mann im eigenen Ehebett vorgefunden hatte. Als sie ihm dann noch beichtete, dass die Beziehung bereits mehrere Monate andauerte, konnte er keine Minute länger in der Wohnung mit ihr zusammen sein. Von Verzeihen und Versöhnung war keine Rede, weder für ihn, noch für sie. Für sie war das mit Erich nicht nur eine Affäre. Sie wollte diese neue Beziehung nicht beenden, sondern wollte sich von ihrem Mann trennen und mit Erich zusammenleben. Für ihren Mann brach die Welt zusammen. Er konnte das nicht begreifen – insbesondere nicht im Hinblick auf ihre kleine Tochter.
Erst nach Wochen, nein, erst nach einigen Monaten hatte sich ihr Verhältnis als „getrennt lebende Eheleute mit Kind“ soweit beruhigt, dass sie eine Vereinbarung über das Aufenthaltsrecht ihrer Tochter treffen konnten.
Inzwischen war auch die Beziehung mit Erich zerbrochen. Sie hatten zu wenige Gemeinsamkeiten und mit ihrer Tochter konnte er rein gar nichts anfangen.
Jetzt stand sie wieder einmal am Fuße des Bergs, auf dessen Höhe die Stadt Blankenberg lag. Der Aufstieg würde wie immer anstrengend sein, aber sie hatte keine Wahl. Öffentliche Verkehrsmittel verkehrten um diese nächtliche Zeit nicht mehr. Zum Glück regnete es heute nicht und die Temperaturen waren auch für die Jahreszeit bereits sehr niedrig, so dass sie nicht so ins Schwitzen geraten würde, wie so oft in den heißen Sommermonaten.
Sie streifte ihre blonden Haare glatt, zog sie mit einem Haarband zu einem einfachen Zopf zusammen, atmete einmal tief ein und ging los. Bereits nach einem kurzen Stück des Weges bemerkte sie, dass heute nicht ihr Tag war. Es war Dienstag und der größte Teil der Woche lag noch vor ihr. Wie würden die nächsten Tage werden, wenn sie bereits heute erschöpft war und ihre Beine sich schwer wie Blei anfühlten? Sie keuchte.
Ihre Taschenlampe hatte sie inzwischen wieder eingesteckt. In großen Abständen beleuchtete das schale Licht alter Straßenlaternen die Straße. Nach einigen hundert Metern zweigte ein Fußweg von der Straße ab. Eine Abkürzung für Fußgänger und Fahrradfahrer. Der Weg führte jetzt steil in den Ort hinauf.
Um sich von ihrer Erschöpfung abzulenken, machte sie sich positive Gedanken. Sie dachte an ihre Tochter, die morgen in aller Frühe wieder zu ihr zurückkam. Sie hatte Glück, dass ihr geschiedener Mann dieser Regelung zugestimmt hatte. Auch er hatte dadurch den Vorteil, regelmäßig seine Tochter bei sich zu haben. Mia gefiel es, oft bei ihrem Vater zu sein. Nur sie hatte ihre Probleme damit. Wenn sie müde und abgespannt wie heute nach Hause kam, fühlte sie sich einsam und verlassen. Die Wohnung war menschenleer, niemand war da, auf den sie sich zu sehen freute. Wenn sie dann ins Kinderzimmer ging und das unbenutzte Bett sah, kamen ihr schon manchmal die Tränen und sie dachte darüber nach, wieso ihr Leben und vor allem ihre Beziehungen so verkorkst waren.
Der Fußweg wurde steiler und ihre Schritte langsamer. Wieder einmal, wenn sie müde war und ihren Gedanken unkontrolliert freien Lauf ließ, zog ihr Leben in lockerer Bildfolge an ihr vorüber: die anfängliche Liebe zu ihrem Ex-Mann, die Geburt ihrer Tochter, dann die Trennung und neue Liebe und wieder eine Trennung. Die ewige Suche nach Geborgenheit und Anerkennung. Besonders nach der Trennung von Erich, für den sie schließlich ihren Mann verlassen hatte, war sie verzweifelt, fühlte sich am Ende und konnte sich nur mit unzähligen Medikamenten durch den Tag schleppen. Wenn Mia, ihre Tochter, nicht gewesen wäre, die ihr einen Sinn im Leben gab, wer weiß, wo sie geendet wäre.
Mit einem Mal hatte sie den Eindruck, als höre sie Schritte hinter sich. Langsam drehte sie den Kopf und blickte über die Schulter nach hinten. Es war aber niemand zu sehen. Sie schien allein mit sich und ihren Gedanken zu sein. Sie kannte das, schließlich ging sie nicht zum ersten Mal bei solch einem Wetter nach Hause. Der Nebel beeinträchtigte nicht nur die Sicht, er täuschte auch das Gehör. Entfernte Geräusche oder auch Stimmen klangen im Nebel näher.
Nach nur wenigen Metern hörte sie rechts hinter sich das Rascheln von Blättern. Sie schaute sich erneut um. Bis zu der Wegbiegung, die sie gerade passiert hatte, sah sie niemand. Vielleicht ein Tier, ein Kaninchen, das in den Böschungen seinen Bau aufsuchte, dachte sie. Trotzdem konnte sie eine innere Unruhe nicht ignorieren.
Plötzlich packte sie jemand bei der Schulter und ein spitzer Gegenstand bohrte sich in die Haut ihres Halses. Sie erstarrte und fühlte sich wie zu Eis gefroren. Ihr Herz schien stehen zu bleiben.
„Ganz ruhig und keinen Laut“, forderte sie eine ruhig klingende, männliche Stimme auf.
Zur Unterstützung dieser Aufforderung bohrte sich der Gegenstand tiefer in ihre Haut. Sie bemerkte, wie eine warme Flüssigkeit an ihrem Hals hinab lief.
„Geh schneller, wenn ich bitten darf“, flüsterte jetzt sarkastisch die Stimme direkt an ihrem Ohr.
Die Haare auf ihren Unterarmen richteten sich auf. Sie begann zu zittern. Sie wollte sich zur Ruhe zwingen – aber es misslang.
„Was … was … wollen …“
„Kein Wort, habe ich gesagt.“
Und wieder schien sich der spitze Gegenstand tiefer in ihr Fleisch zu bohren.
Sie ging so schnell, wie es ihr möglich war. Sie japste nach Luft. Die Messerspitze, und sie war sicher, dass es eine Messerspitze war, blieb fest an ihrem Hals. Sie hatte keine Möglichkeit, den Kopf zu wenden und ihren Angreifer anzusehen.
In ihrem Kopf ging es zu, wie in einem Bienenstock. Es brummte und summte – sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.
„Jetzt nach links, hinüber zur Burg“, befahl ihr die Stimme.
Sie überquerten die Straße, die an dieser Stelle durch eine Straßenlaterne beleuchtet wurde und betraten den Burgparkplatz. Kein Auto parkte dort. Manchmal stand hier ein Auto, in dem ein junges Liebespaar saß. Aber heute war kein Wagen zu sehen, keine Menschenseele da, die ihr zur Hilfe kommen könnte.
Der Mann drängte sie zu einem unbefestigten Fußweg, der durch den Wald zur Burg führte. Mehrfach stolperte sie in der Dunkelheit. Beim ersten Mal war sie froh, dass sie das Messer nicht mehr am Hals spürte. Doch bei jedem Stolpern riss der Unbekannte sie an den Haaren zurück. Jedes Mal schrie sie laut auf. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie brutal er sich verhalten würde, wenn sie hinfallen würde. Ihre Schritte wurden langsamer. Mit einem Male war das Gelände offen und es schien, als wenn sich der Nebel etwas lichtete. Sie kannte sich hier aus und wusste, dass sie an der Stelle waren, wo die beiden steilen Wegbiegungen zum Burggelände hoch führten. Weiter oben zeichnete sich die Silhouette der Burgruine ab.
Der Mann gebot ihr, stehen zu bleiben. Der Druck des Messers verschwand. Erleichtert, fast dankbar, atmete sie tief ein. In diesem Augenblick des Einatmens legte sich etwas über ihren Mund, das ihr die Zähne auseinanderdrückte und sich tief in ihre Mundwinkel einschnitt. Sie spürte, wie dieses Etwas hinter ihrem Kopf zusammengezogen wurde. Sie konnte kein Wort mehr sagen – sie konnte nicht einmal ihre Zunge bewegen. Auch das Atmen war nur noch durch die Nase möglich. Für einen kurzen Augenblick breitete sich der Geschmack von Gummi oder Leder in ihrem Mund aus. Sie war sich nicht sicher. Dann schmeckte sie nur noch den metallischen Geschmack von Blut – ihrem eigenen Blut.
„Geh‘ weiter“, flüsterte die Stimme und der Druck des Messers an ihrem Hals war wieder da.
Da sich die Messerspitze exakt an derselben Stelle wie zuvor in ihre Haut bohrte, wollte sie vor Schmerz schreien. Es kam aber nur ein Würgen aus ihrer Kehle.
Der Weg war jetzt wieder asphaltiert. Langsam schlurfte sie die beiden Kehren der Straße hoch und sie erreichte völlig außer Atem den Burghof.
Im Tal hatte der Nebel jedes Licht der Sterne und des Mondes verschluckt. Bis hier oben waren die Nebelschwaden noch nicht in diesem Maße vorgedrungen und der Mond, es war beinahe Vollmond, beleuchtete schemenhaft das Geschehen auf dem Burghof. Der Mann drängte sie, den Burghof zu überqueren. Unter einer mächtigen Buche kurz vor der Burgmauer forderte er die Frau auf, stehen zu bleiben.
Mit schnellen, festen Griffen packte er ihre Handgelenke, spannte eine Gliederkette darum und zog die Frau mit dem Rücken gegen den Baum. Er zog die Ketten so fest an, dass sie zu keiner Bewegung mehr fähig war. Hinter dem Baum fügte er beide Ketten zusammen und verband sie mit einem Kabelbinder. Danach schritt er vor die Frau und betrachtete selbstgefällig sein Werk. Ihre flehenden, angsterfüllten Augen nahm er in der Dunkelheit nicht wahr.
Ja, ja, sein Werk war gut gelungen. Er zerrte einen prall gefüllten Rucksack herbei, den er wahrscheinlich irgendwann vorher hinter dem Baum abgelegt hatte. Neben dem Rucksack lag ein großer Felsbrocken. Im Schein des Mondes sah die Frau, dass er den Sack nur wenige Schritte vor ihr abstellte und sich kurz mit dem Inhalt beschäftigte. Er nahm einen Gegenstand heraus und stellte ihn auf die Bruchsteinmauer, die den Burghof umgab. Sie hatte keinerlei Vorstellung, um was es sich dabei handelte. Wenn es nicht so abwegig gewesen wäre, hätte sie auf ein Stativ mit einer Kamera getippt. Ihre Augen hatte sie weit aufgerissen. Es war nicht die Kälte, weswegen die Frau am ganzen Leib zitterte. Sie hatte Angst – Todesangst. Sie ahnte, dass sie der Mittelpunkt der Vorbereitung war und etwas Schreckliches mit ihr geschehen würde.
Wenn sie gewusst hätte, was auf sie zukommen würde, hätte sie wahrscheinlich bereits vorher das Bewusstsein verloren. So dauerte es für sie noch eine lange Zeit, bis die Ohnmacht und letztendlich der Tod sie erlöste.
Kapitel 2
Lisa war froh, als sie ihren Wagen von der Straße auf den Parkplatz an der Burg Blankenberg einlenken konnte. Der Parkplatz lag in einer Kurve der Serpentinen, die hoch zur Stadt führten. Hier im Wald hing der Nebel noch dicht zwischen den Bäumen und Sträuchern und sie wäre fast am Parkplatz vorbei gefahren.
Vor einigen Wochen hatte sie die Zusage zur Versetzung nach Bonn erhalten. Sie hatte einen Versetzungsantrag von Köln zum Kommissariat in Bonn-Beuel gestellt, da dort im KK 11 eine Stelle freigeworden war und sie in Bonn bessere berufliche Möglichkeiten und Chancen sah. Außerdem wäre sie um einiges näher an ihrem Wohnort Troisdorf und die zermürbenden Fahrten im Berufsverkehr über den Rhein und durch Köln würden entfallen.
Die wenigen Tage Resturlaub, die sie genommen hatte, wollte sie unter anderem dazu nutzen, sich in Bonn vorzustellen und sich ihren neuen Arbeitsplatz anzusehen. Kurz nach der Zusage stattete sie ihrer neuen Arbeitsstelle aus diesem Grunde einen Besuch ab.
Obschon sie bereits seit einigen Jahren Kommissarin war, klopfte ihr Herz. Sie war aufgeregt. Heute ging es nicht um Entführung, Brandermittlung oder Bandenkriminalität,sondern heute war ihre Vorstellung beim Leiter des KK 1, dem auch das KK 11 für Tötungsdelikte unterstand.
„Gehen Sie bitte nach dort drüben zum Aufzug und fahren Sie in den 3. Stock. Der Leiter des KK 1 erwartet Sie“, sagte ihr die freundliche Dame beim Empfang, nachdem sie die Besucherin telefonisch im KK 1 angemeldet hatte.
Auf dem Weg zum Aufzug versuchte sie, ihre Nervosität in den Griff zu bekommen, indem sie ihre Gedanken ablenkte und an ihre Tochter dachte. Hoffentlich war ihre Mutter heute mit ihrer Tochter klar gekommen. Sie hatte ihre Mutter gebeten, dafür zu sorgen, dass Nicole, die nicht gerade einfach im Umgang war, rechtzeitig zur Schule kam. Insbesondere bei ihrer Mutter versuchte sie ständig, ihren Willen durchzusetzen, da sie ihrer Meinung nach oft zu nachgiebig mit ihrer Tochter war. Etwas mehr Konsequenz war manchmal angebracht.
Zu weiteren Gedanken kam Lisa nicht, da ein leises Klingeln des Aufzuges andeutete, dass die dritte Etage erreicht war.
Auf dem Flur kam ihr ein Mann entgegen. Er war groß und bullig mit einer ausgeprägten Halbglatze. Mit lauter, sonorer Stimme stellte er sich ihr als Leiter des Kriminalkommissariats 1 vor. Er war ihr keineswegs unsympathisch und begleitete sie zu den Zimmern des KK 11. Dort stellte er sie ihren neuen Kollegen mit netten Worten vor und zeigte ihr sowohl ihren Arbeitsplatz als auch anschließend das gesamte Haus. Ihr erster Eindruck war, dass in dem Kommissariat ein gutes Betriebsklima herrschte. Obschon sie überzeugt war, dass Schmitz, so hieß ihr Chef, bei allen Freiheiten, die er seinen Mitarbeitern erlaubte, sich nicht das Heft aus der Hand nehmen ließ. Als er sich ihr vorstellte, konnte sie sich ein Grinsen wegen des „seltenen“ Namens kaum verkneifen, was er wiederum sofort bemerkte.
„Ja, ja, grinsen Sie nur. Wir Schmitzen‘s sind immerhin jahrhundertealter, rheinischer Adel. Können Sie das auch von sich behaupten?“, lachte er sie lauthals an.
Sie hatte den Eindruck, er hätte ihr am liebsten wie einem Kumpel heftig auf die Schulter geschlagen.
Gleichzeitig konnte sie sich aber auch vorstellen, dass er im Ernstfall gerecht aber unerbittlich war und seine Vorstellungen und Entscheidungen durchsetzen konnte.
So wie heute hatte Lisa sich ihren ersten Arbeitstag beim Kriminalkommissariat 11 des Bonner Polizeipräsidiums nicht vorgestellt. Kurz vor sieben Uhr rief ihr neuer Chef sie zu Hause an.
„Frau Brenner! Wir haben einen Notfall, den wir schlechthin immer haben: Uns fehlt Personal! So wie ich Sie kennengelernt habe, sind Sie bestimmt eine Frau, die flexibel und belastbar ist und gut improvisieren kann. Ich werfe Sie jetzt ins kalte Wasser. Anstatt hier ins Präsidium, fahren Sie sofort zum Tatort Ihres ersten Falls.“
Nach diesen Worten lachte er aus vollem Hals.
„Dann heißt das, dass ich nicht nur flexibel und belastbar sein muss, sondern auch noch eine gute Schwimmerin?“
„Ja, genau, diese Antwort habe ich erwartet. Nicht lange zetern, sondern das Problem sofort auf den Punkt bringen und anpacken.“
„Okay, wo soll ich hin?“, fragte Lisa, die nun wirklich nicht begeistert war.
Sie ließ sich das aber nicht anmerken.
„Fahren Sie zur Burg Blankenberg. Wahrscheinlich ein Mord.
Alles weitere erfahren Sie von dem Kollegen vor Ort. Mehr weiß ich auch noch nicht“, waren die einzigen Informationen, die er ihr mit auf den Weg gab.
Lisa wohnte in Troisdorf in einer kleinen aber gemütlichen Mietwohnung. Die Fahrt von Troisdorf zur Burg Blankenberg war alles andere als angenehm gewesen. Bereits bei ihrer Abfahrt in Troisdorf war es neblig. Später, als sie im Tal der Sieg entlangfuhr, nahm der Nebel noch zu. Es wirkte, als wäre die gesamte Natur in Watte eingepackt. Ihre Nebelscheinwerfer fraßen sich Kilometer um Kilometer durch die weiße Suppe. Die schlimmsten Augenblicke waren für Lisa immer, wenn ihr ein schwerer LKW auf der kurvenreichen Siegtalstaße entgegenkam. Wie aus dem Nichts tauchten sie manchmal in einer Kurve auf und rasten für die Sichtverhältnisse viel zu schnell an ihr vorbei.
Jetzt stand sie hier auf dem Parkplatz in der Nähe der Burg Blankenberg und schaute sich um. Am Waldrand konnte sie schemenhaft zwei Personen erkennen und ging darauf zu. Es handelte sich um zwei Streifenpolizisten.
„Halt! Wo wollen Sie hin? Hier können Sie nicht durch!“, blaffte einer der beiden sie an.
Lisa zeigte den beiden Polizisten ihren Dienstausweis.
„Mein Name ist Lisa Brenner von der Mordkommission“, sagte sie trotzdem zusätzlich, als wenn sie die Befürchtung hätte, dass die beiden ihren Ausweis nicht lesen könnten.
„Was ist geschehen?“
„Ein Mord“, sagte der größere und jüngere der beiden Männer. Dabei drehte er sich von Lisa weg, als Zeichen, dass er weiterhin keine Auskunft mehr geben wollte.
„Ach, ja? Wie kommen Sie auf Mord?“, fragte Lisa weiter, die gerne etwas mehr gehört hätte.
„Selbstmord ist sicherlich kaum möglich“, beteiligte sich jetzt der andere Polizist am Gespräch.
„Wie soll die Frau sich denn selbst an den Baum gekettet und sich dann selbst den Schädel eingeschlagen haben?“, ergänzte er aufgeregt.
Er war das glatte Gegenteil seines Kollegen: Wesentlich älter, klein, korpulent und anscheinend auch gesprächiger.
„Was Sie nicht sagen“, bemerkte Lisa lediglich.
„Liebe Frau Kommissarin. Trotz meiner vielen Dienstjahre habe ich so etwas noch nicht gesehen. Sie sind noch jung, ist vielleicht Ihr erster, richtiger Mord und ich sage Ihnen, bereiten Sie sich auf einen schlimmen Anblick vor. So etwas werden auch Sie nicht alle Tage sehen. Das geht an die Nieren.“
Dabei schüttelte er unablässig seinen Kopf, als wenn er nicht glauben wollte, was er gesehen hatte.
„Hier, mein Kollege war als Erster am Tatort. Er hat sich übergeben, bis sein Magen total leer war“, fügte er als abschreckendes Beispiel hinzu und wies mit dem ausgestreckten Arm auf seinen jungen Kollegen, der sich inzwischen einige Schritte entfernt hatte.
Dann hob er das Absperrband hoch, um die Kommissarin durchzulassen.
„Vielen Dank“, sagte Lisa abwesend, die aufgrund der Schilderung des Kollegen bereits ein grausiges Bild vor Augen hatte.
Gott sei Dank war die Tote kein Kind. Das wäre der absolute Horror für sie gewesen. Sie dachte dabei an ihre kleine Tochter.
„Wie weit ist es denn bis zum Tatort?“ rief sie, als sie bereits ein Stück gegangen war.
„Immer den Weg nach und dann hoch zur Burg. Ist nicht zu verfehlen“, rief der ältere Polizist ihr hinterher.
Der Weg führte durch einen Wald und es war nicht immer einfach, dem Weg im Nebel zu folgen, obschon sie der Meinung war, hier oben im Wald eine bessere Sicht zu haben, als unten im Tal.
Als sie um eine Biegung kam, sah sie das Licht von mehreren Scheinwerfern, das wie weiße Finger in den Himmel ragte. Nach zwei steilen Kehren betrat sie etwas außer Puste den Burghof. Sie stellte fest, dass sie nicht mehr so in Form war, wie früher. Der Dienst im KK 36 für regionale Kriminalität bestand aus viel Schreibtischarbeit und die Versorgung und Beaufsichtigung ihrer Tochter hatte sie doch mehr, als sie sich eingestehen wollte, vom sportlichen Training abgehalten.
Sie blieb stehen und ließ den Blick über den Burghof schweifen. Die Kolleginnen und Kollegen der Spurensicherung waren bereits eingetroffen. Personen in weißen Overalls arbeiteten in gebückter Stellung oder knieten auf dem Boden mit dem Gesicht direkt über der Erdoberfläche. Drei Polizisten in Uniform standen etwas abseits an einem Streifenwagen und unterhielten sich. Dann liefen noch einige Männer in Jeans, Winterjacken oder Parkas geschäftig umher. Alle hatten eines gemein: alle trugen blaue Überziehschuhe über ihren Straßenschuhen und alle, bis auf die drei Polizisten, hielten sich unterhalb der Krone einer riesigen Buche auf.
Lisa war gespannt, wer der Kommissar war, den sie unterstützen sollte.
Sie schaute unwillkürlich an sich herab. Mit ihren einfachen Lackschuhen, der dünnen Stoffhose und der modischen Regenjacke war sie nicht gerade passend und in erster Linie nicht warm genug gekleidet. Sie merkte bereits, wie die Kälte an ihren Beinen hochkroch.
„Bringen Sie uns eine Thermoskanne mit Kaffee?“, fragte plötzlich eine Männerstimme hinter ihr.
Lisa hatte nicht bemerkt, dass jemand hinter sie getreten war. „Leider nein. Ich soll Sie hier unterstützen. Personalengpass und so, wurde mir gesagt.“
Dabei drehte sie sich zu dem Mann hinter ihr um.
Sie erkannte ihn sofort. Schon immer war sie stolz darauf, dass sie Gesichter, die sie einmal gesehen hatte, mit den dazu gehörenden Namen in Einklang bringen konnte. Daher fügte sie hinzu: „Guten Morgen, Herr Kern.“
„Na, ein guter Morgen ist das hier bestimmt nicht. Und wer sind Sie?“
Ronni Kern war überrascht, dass diese junge Frau seinen Namen kannte. Daher fiel seine Frage barscher aus, als er ursprünglich wollte.
„Mein Name ist Lisa Brenner, Ihre neue Kollegin. Genauer gesagt, seit heute Ihre Kollegin. Bei meiner Vorstellung vor einigen Wochen haben wir uns gesehen.“
„Respekt. Ich hätte Ihren Namen nicht mehr gewusst. Und das mit dem „Herrn Kern“ lassen wir künftig. In unserem Büro duzen wir uns alle. Ich bin Ronni“, dabei streckte er ihr seine Hand entgegen und lächelte sie gewinnend an.
„Prima, ich bin Lisa“, entgegnete sie und drückte seine Hand.
Ronni, mit seiner unkomplizierten Art, war ihr sofort sympathisch. Auch das gewinnende Lächeln, das er jetzt aufgesetzt hatte, gefiel ihr. Hinzu kamen seine gute Figur, seine pechschwarzen, glänzenden Haare und wenn sie dann in sein freundliches Gesicht sah, musste sie sich eingestehen, dass dieser Mann in hohem Maße ihrem Beuteschema entsprach. Ob er wohl verheiratet oder in einer Beziehung ist?, überlegte sie. Bereits damals bei der Vorstellung war er ihr angenehm aufgefallen. Und jetzt, nach diesen wenigen Augenblicken, hatte sie wieder dasselbe Gefühl: der Mann gefällt mir!
Mensch Lisa, was machst du dir bloß für Gedanken, schalt sie sich. Es wird Zeit, dass auch du wieder einen Mann findest, dachte sie und blendete dann den Gedanken sofort wieder aus. Hier gab es zurzeit Wichtigeres zu überlegen und zu tun, als sich über den eigenen Hormonstau Gedanken zu machen.
„Dann wollen wir mal“, sagte Ronni und holte sie endgültig in die Wirklichkeit zurück.
„Zieh die über.“
Er hielt ihr ein Paar blaue Einwegüberziehschuhe hin.
„Nicht nur wegen der Spurensicherung, sondern auch zum Schutz für deine Schuhe. Dort drüben ist es ein wenig matschig“, lächelte er sie an.
Ohne ein Wort zu sagen nahm sie die Schuhe und zog sie über ihre Lackschuhe. Es war ihr peinlich, wie unpassend gekleidet sie zu einem Tatort erschien.
Mit der Hand an ihrem Arm schob Ronni sie in Richtung des mächtigen Baumes.
Unterhalb der Buche, fast am Ende des Burghofs, war die Spurensicherung mit der Arbeit beschäftigt. Riesige Scheinwerfer beleuchteten das Geschehen. Die von den Scheinwerfern ausgehende Wärme schien den Nebel aufzulösen.
Als sie nur noch wenige Meter vom Stamm der Buche entfernt waren, hielt Ronni sie am Arm fest und beide blieben stehen.
„Jetzt müssen Sie, jetzt musst du“, berichtigte er sich, „stark sein. Die Leiche ist noch so, wie wir sie vorgefunden haben.“
Erst dann gingen sie die letzten Meter bis zum Stamm des Baumes, an dem eine Frau angebunden stand, nein – besser gesagt hing.
„Oh!“
Mehr war Lisa nicht in der Lage zu sagen. Sie wandte sich ab. Als der erste Schock überwunden war, drehte sie ihr Gesicht wieder dem Baumstamm zu. Es bot sich ihr ein Bild des Grauens, das ihre Vorstellungen, die sie sich auf dem Weg von den beiden Polizisten bis hierhin gemacht hatte, total übertraf. Ihr Blick wanderte von der Frau, die an den Baum gekettet war, über den Bereich vor dem Baum. Dann wieder zurück zu der Frau, ehe sie sich vollständig abwandte.
Sie hatte das gesehen, was sie sehen musste, länger wollte sie nicht hinsehen.
„Wer macht so etwas?“, fragte sie mehr sich selbst, als ihren Kollegen.
Mit den Händen nahm Ronni sie stützend an der Schulter und führte sie einige Schritte zur Seite. Hätte er sie genauer angesehen, hätte er erkannt, dass sie um die Nasenspitze blass geworden war.
„Was ist hier geschehen? Das sieht wie eine Hinrichtung aus“, sagte sie zu ihm, der ihr jetzt gegenüber stand.
„Das glaube ich auch. Und wir beide werden herausfinden, was hier geschehen ist – und wer das getan hat“, antwortete Ronni.
Lisa bemerkte, dass er seinen Zorn und seine Wut nur schwer unterdrücken konnte. Auch in Lisa kam augenblicklich der unwiderstehliche Wunsch hoch, den Mörder, nein, die Bestie, zu fassen.
„Komm, wie setzen uns drüben auf die Mauer und ich berichte dir, was wir im Augenblick wissen.“
„Die Tote wohnt hier in Blankenberg und ist sechsunddreißig Jahre alt. Ihr Name ist Franziska Schlierbaum. In ihrer Geldbörse fanden wir ein Foto eines kleinen Mädchens, wahrscheinlich ihre Tochter. Ebenfalls fanden wir eine 4er-Bahnkarte. Ein Kollege der SpuSi meinte, das sei eine Karte für die Fahrt von Hennef nach Blankenberg. Wir müssen das noch prüfen. Sonst war nur der übliche Krimskrams in ihrer Handtasche, den eine Frau so mit sich führt. Du kennst das ja.“
„Ja, ja, Krimskrams. Ich kenne das“, wiederholte Lisa leicht säuerlich.
„Entschuldigung, war nicht so gemeint“, antwortete Ronni, der einsah, dass er etwas Falsches gesagt hatte.
„Ist schon okay“, sagte Lisa leichthin und lächelte ihn an.
„Ach, noch etwas Seltsames: Ihre Handtasche stand fein säuberlich neben dem Baum, an den sie gefesselt war.“
„Das sieht ja so aus, als wenn der Täter wollte, dass wir möglichst schnell die Identität der Toten feststellen können. Der will uns etwas sagen“, war sich Lisa sofort sicher.
Für ihren ersten Mordfall ist die Kleine ganz schön clever, dachte Ronni.
„Wer hat die Tote gefunden?“, wollte Lisa jetzt wissen, denn sie hatte niemanden außer den Kollegen von der Spurensicherung gesehen.
„Ein Rentner, ein Hobbyfotograf. Er wollte von hier oben Bilder machen, wenn die Sonne sich zeigen und der Nebel sich langsam lichten würde. Von seinem Smartphone hat er über die 110 die Bereitschaftspolizei informiert. Er war fix und fertig. Wahrscheinlich hat er einen Schock. Ein Streifenpolizist hat ihn nach Hause gefahren. Zum Tathergang konnte er ohnehin keine Aussage machen.“
Lisa und Ronni saßen weiterhin nebeneinander auf der Mauer. Keiner sagte mehr etwas. Beide starrten vor sich hin, und jeder hing seinen Gedanken nach, bis Lisa ihren Kopf hob und Ronni ansah.
„Bist du allein hier?“, fragte Lisa skeptisch.
Sie konnte sich nicht vorstellen, dass bei so einem Fall lediglich ein Kommissar, na gut, mit ihr waren es jetzt zwei, vor Ort waren.
„Ich hatte Bereitschaft und war zu Hause. Schmitz sagte lediglich, dass ich Hilfe bekommen würde. Du bist dann ja auch gekommen. Wir beide werden den Fall allein lösen müssen – Personalmangel, Arbeitsunfähigkeit von Kollegen, Weiterbildung, Mutterschutz – du kennst das ja. Natürlich werden uns die anderen Kommissariate unterstützen, wenn wir Hilfe benötigen.“
Nein, so kannte sie das nicht. Da wo sie herkam, hatten sie genug Mitarbeiter. Aber wer wollte auch schon zum KK 11 und sich solche Bilder wie hier ansehen?
Sie wollte es!
Als ihre Tochter in die Schule kam und ihre Eltern sich bereit erklärten, sie zu unterstützen, war ihre Entscheidung gefallen. Sie wollte weg vom Schreibtisch und von der Kleinkriminalität. Sie wollte etwas verändern – sie wollte gegen das Böse kämpfen und dafür sorgen, dass ihre Mitmenschen sicherer leben konnten.
Von Ihrem Mann hatte sie sich scheiden lassen. Er war in ihren Augen ein kleinkarierter Schreibtischtäter. Bereits nach wenigen Jahren hatten sie sich auseinander gelebt. Sie hatten keine Gemeinsamkeiten und sich nichts mehr zu sagen, außer wenn sie sich stritten. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter in einer Ehe aufwuchs, in der es nur Schweigen und Streit gab. Dann besser ohne Vater. Danach hatte sie einige Liebschaften, der Richtige war aber nicht dabei und so war sie zurzeit in keiner Beziehung. Sie fand das zwar nicht in Ordnung, aber mit Hilfe ihrer Eltern konnte sie sich wenigstens voll auf ihre Arbeit und ihren neuen Job konzentrieren.
Das war auch notwendig, wie sie heute Morgen feststellte. Diese Arbeit war mehr, als nur ein Job und würde sie wahrscheinlich körperlich und mental vollkommen beanspruchen.
„Was habt ihr sonst noch heraus bekommen? Was ist genau geschehen?“, wollte Lisa wissen.
„Die Frau wurde mit dem Rücken an den Baum gefesselt, wobei die Handgelenke mit einer Kette zusammengehalten wurden“, begann Ronni.
„Und wieso wurden die Beine mit einem Paketklebeband um den Baum herum festgebunden?“
Ronni war ein wenig erstaunt, dass Lisa das Paketband um die Beine der Toten in den wenigen Augenblicken, die sie die Tote betrachtete hatte, gesehen hatte.
„Wir vermuten, dass das Klebeband angebracht wurde, als die Frau tot war. So als Stütze, damit sie aufrecht am Baum stehen blieb und nicht zusammensackte.“
„Dann sollte die Tote geradezu zur Schau gestellt werden?“, schlussfolgerte Lisa.
„Wahrscheinlich. Ihr Kopf weist viele kleine Wunden auf, die womöglich durch Werfen von Steinen entstanden sind.“
„Das kann aber nicht die Todesursache sein und der Grund für das viele Blut und den total zersplitterten Kopf“, warf Lisa ein.
„Richtig. Vielleicht hast du den Felsbrocken gesehen, der neben der Toten lag. Dieser Gesteinsbrocken wurde von oben auf ihren Kopf fallen gelassen. Vermutlich wurde ein Seil über einen Ast geworfen, womit der Täter dann den Stein hochzog. Wie er das im Einzelnen genau angestellt hat, wissen wir noch nicht. Ein Seil wurde nicht gefunden. Letztendlich ist die Frau verblutet.“
Ronni konnte seine neue Kollegin nicht ansehen, während er das alles berichtete. Er starrte vor sich auf den Boden und knetete unablässig vor Nervosität seine Hände.
„Vor der Toten lagen mehrere vergammelte Salatköpfe und Tomaten. Kann es sein, dass ich auch eine tote Ratte gesehen habe?“, fragte Lisa und man konnte ihr den Ekel, den sie empfand, ansehen.
„Ja, nicht nur das. Im Gesicht der Toten, oder in dem was davon übrig geblieben ist, und auf dem Boden fanden wir Reste von Exkrementen. Wahrscheinlich von einem Tier, vielleicht von einem Hund. Wir gehen davon aus, dass der Mörder die Frau zu Beginn seiner Tat mit all diesen Sachen beworfen hat.“
Lisa schaute Ronni an und schüttelte angewidert den Kopf.
„Ich habe keine Ahnung, was das soll, und womit wir es hier zu tun haben.“
„Das hört sich an, als wenn der Täter ein Ritual durchgeführt hat – aber was für ein Ritual und wieso?“, überlegte Lisa laut.
In diesem Moment kam eine Frau in weißem Overall, weißen Schuhüberziehern und weißer Kapuze auf die beiden Kommissare zu. Der Ansatz ihrer schwarzen Haare lugte vorne aus der Kapuze heraus. In der Hand hielt sie einen Gegenstand, der aus Lederriemen bestand. Ronni erkannte sie trotz ihres weißen Overalls und der Kapuze sofort.
„Darf ich dir unsere Rechtsmedizinerin Susanne Ohlrogge vorstellen? Wir arbeiten bereits seit einiger Zeit zusammen und haben den ein oder anderen kniffligen Fall gelöst.“
„Ich freue mich. Mein Name ist Lisa Brenner, seit heute Kommissarin im KK 11.“
Die beiden Frauen gaben sich die Hand und lächelten trotz der widrigen Umstände ihres Kennenlernens.
„Ich habe hier etwas.“
Dabei hob sie den Gegenstand, den sie mitgebracht hatte, in die Höhe.
„Das ist der Knebel, den die Frau im Mund hatte.“
Ronni und Lisa schauten sich an. Sie hatten keine Vorstellung, was das sein könnte.
„Der Knebel erinnert an ein Zaumzeug bei Pferden. Man nennt diesen Knebel auch ‚Trensenknebel‘, der auch in erotischen Rollenspielen eingesetzt wird. Dieses Stück Hartgummi wird zwischen die Zähne geschoben.“
Susanne Ohlrogge fuhr zur Demonstration mit einem Finger über das Hartgummiteil.
„An den Enden sind in den großen Ringen Riemen befestigt, die hinter dem Kopf zusammengebunden werden.“
Sie wies jetzt auf die beiden Ringe und zeigte die Riemen. Ronni hielt es nicht mehr auf der Mauer. Er sprang auf.
„Womit haben wir es denn hier zu tun? Geht es hier vielleicht um Sadomaso, bei dessen Ausführung die Frau ‚zufällig‘ zu Tode gekommen ist?“
Ronni war außer sich. Er ging zwischen den beiden Frauen auf und ab.
„Nein, das glaube ich nicht. Geschlechtsverkehr oder Vergewaltigung kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestätigen“, sagte Susanne Ohlrogge ruhig.
Sie war eine erfahrene Rechtsmedizinerin, die ihre Emotionen ausklammern konnte und sich nur an Fakten orientierte.
„Ich habe da noch etwas.“
Ronni blieb wie angewurzelt stehen.
„Was kann es denn noch Furchtbares geben? Reicht es denn noch nicht?“
Lisa hatte bisher kein Wort gesagt und die Rechtsmedizinerin wegen ihrer Ruhe bewundernd angeschaut. Jetzt stand sie auf und legte Ronni zur Besänftigung eine Hand auf die Schulter. Ronni verstand diese Geste und beide setzten sich wieder auf die Mauer.
„Wir haben etwas im Mund der Toten gefunden“, fuhr Susanne Ohlrogge fort.
Aus der Tasche ihres Overalls zog sie einen kleinen Plastikbeutel hervor. In dem Beutel befand sich ein Stück Papier, das wahrscheinlich ursprünglich weiß gewesen, und jetzt offensichtlich von Blut rot getränkt war. Trotzdem konnte man eine Schrift erkennen.
„Dieser Zettel steckte im Mund der Toten.“
„Konnten Sie feststellen, was darauf geschrieben steht?“, fragte Lisa.
„Ja. Er ist zwar von Speichel und Blut durchtränkt, aber der Text ist noch lesbar. Er wurde mindestens mit Schriftgröße zwanzig und in „fett“ auf einem PC geschrieben. Auf dem Zettel steht ein Spruch.“
Susanne machte eine kurze Pause. Irgendwie genoss sie die Anspannung und Neugierde, die sich in den Gesichtern der beiden Kommissare spiegelte.
„Ein Spruch?“, kam die Frage gleichzeitig aus Lisas und Ronnis Mund.
„Ja. Ich lasse den Zettel in der Tüte. Die Gefahr ist zu groß, dass er beim Herausnehmen beschädigt wird. Aber ich kenne den Spruch auswendig:
„Treue kann man nie genug vergelten, Untreue nie genug bestrafen“, sagte Susanne langsam, steckte den Beutel wieder in ihre Tasche und ging zurück zum Tatort.
Die beiden Kommissare schauten ihr ratlos und verwirrt hinterher.
Inzwischen hatte sich der Nebel hier oben auf der Burg und gegenüber im Ort Blankenberg weitgehend aufgelöst. Lediglich der Talnebel im Bereich der Sieg lag noch wie festgeklebt auf dem Fluss.
Niemand auf dem Burghof bemerkte, dass am Ortsrand der Stadt Blankenberg ein Mann an einem Baum lehnte und das Treiben am Tatort mit einem Fernglas beobachtete. Das Fernglas schien aus hochwertiger Qualität zu bestehen und mit einer hohen Vergrößerungszahl ausgestattet zu sein. Kein Detail entging dem heimlichen Beobachter.
Die normalen Gesten zwischen Lisa und Ronni, als Ronni Lisa mit der Hand an ihrem Arm zum Tatort leitete oder wie Lisa beruhigend ihre Hand auf Ronnis Schulter legte, deutete der Mann als Vertrautheiten, die seiner Auffassung nach zwischen Polizeibeamten nicht sein dürften.
„Auch so eine Schlampe“, murmelte er vor sich hin, nahm das Fernglas von den Augen und verließ seinen Beobachtungsstand.
Kapitel 3
Der Kaffeeautomat pustete und stöhnte, wobei er die braune, wärmende und wachhaltende Brühe ausspuckte.
„Möchtest du einen Kaffee?“, fragte Lisa.
„Nein, nicht schon wieder. Ich hatte doch bereits zwei. Denk doch mal an mein Herz“, antwortete Ronni.
„Du bist vielleicht ein Weichei. Heute Morgen waren deine ersten Worte zu mir: Bringen Sie uns eine Thermoskanne mit Kaffee? Und ich dachte, du seiest ein richtiger Kaffeetrinker.“
Lisa lachte und stellte die Tasse zu sich auf den Schreibtisch. Ronni saß ihr gegenüber.
„Verstehst du das? Wieso schleppt der die Frau auf den Burgplatz? Und was soll dieser Spruch auf dem Zettel, den er ihr in den Mund steckte?“, sinnierte er.
„Und wieso bewirft er sie mit faulem Gemüse, um ihr anschließend den Kopf zu zertrümmern?“, erweiterte Lisa den Fragenkatalog.
„Er will die Frau zur Schau stellen und mit dem Spruch will er uns etwas sagen.“
„Richtig“, bestätigte Lisa. „Nur, was will er uns sagen? Wieso wählt er diesen komplizierten Weg? Wenn er mit uns kommunizieren will, soll er das doch auf die normale Art des 21. Jahrhunderts tun.“
Lisa wurde ungeduldig und nervös. Das kam immer dann vor, wenn sie etwas nicht verstand und nicht mehr weiter wusste.
„Der Spruch hilft uns nicht weiter. Es handelt sich um einen altdeutschen Spruch aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Der Verfasser ist unbekannt. Ich sehe da keinen Ansatzpunkt.“
„Oho, die neue Kommissarin hat recherchiert!“, frotzelte Ronni und Erstaunen machte sich auf seinem Gesicht breit.
Lisa zog ihm eine Grimasse und drehte sich um. Sie wollte nicht, dass ihr Kollege ihre leichte Verlegenheit bemerkte. Denn eine Besserwisserin war das Letzte, was sie sein wollte.
„Wir müssen mehr über die Frau erfahren. Wahrscheinlich liegt irgendwo in ihrem Leben der Schlüssel“, wurde Ronni wieder sachlich, der bemerkt hatte, dass er sich mit dem Veralbern der Kollegin auf dünnem Eis bewegte.
„Der Kollege, der zu ihr nach Hause gefahren ist, um jemanden zu benachrichtigen, hat zwar niemanden angetroffen, vielleicht haben wir mehr Erfolg oder Nachbarn können uns weiterhelfen. Komm, lass uns fahren.“
Ronni und Lisa nahmen ihre Jacken und verließen das Büro. Der Nebel hatte sich weitgehend verflüchtigt und es schien, dass es heute ein schöner Spätherbsttag werden würde.
Auf dem Weg zu ihrem Dienstwagen fragte Lisa „Wieso sind wir im KK 11 eigentlich so stark unterbesetzt?“
„Ein Kollege hat Burnout, eine Kollegin ist schwanger und dann ist da noch Frank Eisenstein, der fehlt.“
Lisa meinte gesehen zu haben, wie Ronni beim Namen Frank Eisenstein die Augen verdrehte.
„Was ist mit ihm?“, wollte sie jetzt genau wissen, denn sie war neugierig geworden.
„Frank und ich haben jahrelang in Duisburg zusammen gearbeitet, bevor wir beide uns aus unterschiedlichen Gründen nach Bonn haben versetzen lassen. Wir haben manchen schwierigen Fall durchgezogen. Insbesondere unser letzter Fall war nicht einfach. Ein geistig zurückgebliebener Serienmörder in Troisdorf hat uns alles abverlangt. Danach war Frank einfach fertig. Er wollte nicht mehr. Er hatte genug von Gewalt, Morden und Mördern. Ende vergangenen Jahres wurde er fünfundfünfzig und konnte sich unter Fortfall der Bezüge beurlauben lassen, ohne seinen Pensionsanspruch zu verlieren. Und das hat er gemacht. Jetzt ist er Hausmann und lebt mit Susanne Ohlrogge zusammen“, berichtete Ronni.
„Mit der Rechtsmedizinerin, die ich heute auf der Burg kennengelernt habe?“
„Ja, genau die. Sie liebt Frank, aber auch ihren Beruf. Diesen aufgeben, um Frank zu Hause Gesellschaft zu leisten, das wollte sie nicht.“
„Siehst du ihn denn noch manchmal?“
„Ja, wenn die Zeit es zulässt. Aber du kennst Frank nicht. Ich glaube, er fragt nur meinetwillen, ob es etwas Neues gibt. Ein Treffen, ohne dass wir über meine Arbeit sprechen, ist nicht möglich. Da wir beide das grundsätzlich nicht wollen, sehen wir uns eher selten. Trotzdem mögen wir uns weiterhin. So, und jetzt konzentrieren wir uns auf unseren Fall.“
Ronni hielt den Wagen vor einem alten Fachwerkhaus an. Auf dem unteren Klingelschild stand der Name „Schlierbaum“. Er klingelte.
Ein großer Mann, der beinahe den gesamten Türrahmen des alten Hauses ausfüllte, öffnete. Sein Gesicht wurde von einem Vollbart eingerahmt. Seine stechenden Augen, die unter buschigen Augenbrauen lagen, schauten Lisa und Ronni streitsüchtig an.
„Was gibt es?“, stieß er in Richtung der beiden Kommissare hervor.
„Sind Sie Herr Schlierbaum?“, fragte Ronni.
„Wer will das wissen?“, war die Gegenfrage des Bärtigen. Ronni zog seinen Dienstausweis aus der Tasche und hielt ihn dem Mann vors Gesicht.
„Wir sind von der Kriminalpolizei Bonn. Mein Name ist Kern und das ist meine Kollegin Brenner.“
„Okay, ich bin Lars Schlierbaum. Ist etwas mit meiner Frau? Meiner Ex-Frau. Wir sind geschieden“, stellte der Mann sich jetzt bereitwillig vor.
„Dürfen wir hereinkommen? Wo ist Ihre Tochter?“, fragte Lisa.
Lars Schlierbaum gab den Eingang frei und ging voraus ins Haus. Die beiden Kommissare folgten ihm ins Wohnzimmer.
„Die habe ich heute Morgen in den Kindergarten gebracht, da meine Frau nicht da war. Wahrscheinlich hat sie sich wieder mit diesem Erich versöhnt und ist jetzt bei ihm. Ihre Tochter hat sie bestimmt wieder total vergessen.“
„Wer ist Erich?“, fragte Lisa sofort nach.
„Erich Klein, ihr Liebhaber, mit dem sie mich betrogen hat und der unser Scheidungsgrund war. Ein Lebemann, ein von Frauen Besessener. Wahrscheinlich hat er neben Franzi noch andere Frauen. Aber Sie ist blind und läuft ihm wie ein Hund hinterher.“
Der Mann war sauer, sauer auf diesen Erich und auf seine Frau. Das war offensichtlich.
„Und wieso haben Sie Ihre Tochter in den Kindergarten gebracht? Sie sind doch geschieden.“
Lisa konnte es kaum glauben, dass ein Ex-Ehemann sich so verantwortungsbewusst um den Nachwuchs kümmerte. War sie doch selbst geschieden und hatte eine Tochter. Das kannte sie so nicht von ihrem geschiedenen Mann.
„Nach der Scheidung haben wir uns arrangiert, zumindest was unsere Tochter angeht. Sie soll nicht unter unserer gescheiterten Ehe leiden.“
„Wann haben Sie denn Ihre Tochter in den Kindergarten gebracht?“, fragte Lisa weiter.
„Wie immer, kurz vor acht Uhr. Meine Ex hat dienstags und freitags in Hennef eine Putzstelle. Ich hole Mia dann mittags vom Kindergarten ab und bringe sie am nächsten Morgen, wenn ich zur Arbeit fahre, wieder zurück nach Hause. Heute Morgen war Franzi nicht da, und ich warte seitdem auf sie. Ich muss schließlich wissen, wer Mia heute Mittag vom Kindergarten abholt. Ich bin selbstständig und kann es mir zum Glück leisten, hier herumzusitzen. Was ist nun mit meiner Frau?“
„Herr Schlierbaum, setzen Sie sich bitte“, forderte Ronni den Mann auf, der bisher aufgeregt im Wohnzimmer von einem Bein auf das andere getreten war.
Lars Schlierbaum ließ sich in einen der Sessel fallen und schaute Ronni mit einem Gemisch aus Neugierde und Furcht fragend an.
„Ihre geschiedene Frau ist tot. Sie wurde Opfer eines Verbrechens.“
Ronni sah bei diesen Worten den Mann aufmerksam an. Die erste Reaktion eines Angehörigen kann immer wichtig sein.
„Nein, das kann nicht sein!“
Der Ex-Mann von Frau Schlierbaum wurde weiß im Gesicht, schlug die Hände davor und begann hemmungslos zu weinen. Offenbar war da doch mehr Gefühl für seine geschiedene Frau, als er bisher zugegeben hatte.
Es dauerte sehr lange, bis er sich gefangen hatte. Für Lisa war klar, dass eine weitere Befragung heute nicht möglich war. Hier spielte niemand Betroffenheit, hier war das Entsetzen echt. Die Kommissarin und der Kommissar warteten eine Weile, bis Lars Schlierbaum sich etwas beruhigt hatte.
„Können Sie sich um Ihre Tochter kümmern?“, fragte Lisa mitfühlend, der diese, für sie unbekannte Situation, an die Nieren ging.
„Ja, ja, natürlich. Was ist passiert und wo ist Franzi jetzt?“, fragte Herr Schlierbaum mit erstickter Stimme.
„Wir haben Ihre Frau im Burghof der Burg Blankenberg gefunden. Sie befindet sich zurzeit in der Rechtsmedizin in Bonn“, antwortete Ronni.
„Was … was wollte Franzi denn auf der Burg?“
Es war klar, dass der frühere Ehemann des Opfers jetzt viele Fragen hatte, auf die er gerne eine ausführliche Antwort erhalten hätte.
„Wie kommt Ihre Frau, Entschuldigung Ex-Frau, normalerweise nach Hause?“, fragte Ronni, ohne auf die vorherige Frage einzugehen.
„Mit dem Zug bis zum Haltepunkt Blankenberg und den Rest des Weges bis hier oben zum Ort zu Fuß. Aber wieso war sie auf der Burg? Das macht doch überhaupt keinen Sinn.“
Der Mann schüttelte jetzt unablässig seinen Kopf und schien durch Ronni hindurchzusehen.
„Wir wissen es nicht – noch nicht. Womöglich hat der Täter sie abgepasst und gezwungen, zum Burghof zu gehen“, antwortete Ronni.
Dass der Täter in diesem Fall wissen musste, wann das Opfer nach Hause kam, oder dass er sein Opfer möglicherweise sogar persönlich kannte, sagte er nicht. Ein zufälliges Zusammentreffen von Täter und Opfer schien ihm ausgeschlossen.
Auch die fürchterlichen Einzelheiten der Tat behielt er für sich. Diese würde Herr Schlierbaum in den nächsten Tagen noch früh genug durch die Presse erfahren.
„Haben Sie jemanden, der sich um Sie und um Ihre Tochter kümmern kann, der vielleicht hierher kommen kann?“
Lisa hatte das Gefühl, dass sie den Mann nicht so allein hier zurücklassen konnte. Lars Schlierbaum schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein und es dauerte wieder eine Weile, ehe er antwortete.
„Ja, ich rufe meine Mutter an, die wohnt in Merten und kommt bestimmt sofort hierher.“
„In Ordnung. Wir werden Sie in den nächsten Tagen bestimmt nochmals aufsuchen. Bleiben Sie sitzen, wir finden schon hinaus“, sagte Ronni.
„Ach, noch eine Frage.“
Er blieb stehen und drehte sich nochmals zu Lars Schlierbaum um, der wie ein Haufen Elend im Sessel hing.
„Nur aus Routine. Wo waren Sie in der vergangenen Nacht?“ Lars Schlierbaum schaute den Kommissar verwundert an.
„Wo soll ich schon gewesen sein. Natürlich zu Hause im Bett.“
„Kann das jemand bezeugen?“
„Ich habe keine neue Frau oder Geliebte, wenn Sie das meinen. Werde ich vielleicht jetzt verdächtigt?“
Schlierbaum sprang aus seinem Sessel auf und kam schnellen Schrittes auf den Kommissar zu. Kurz vor ihm blieb er abrupt stehen. Man musste den Eindruck gewinnen, dass er sich nur schwer beherrschen konnte.
„Nein, nein. Ist schon gut. War wirklich nur eine Routinefrage“, beschwichtigte Ronni ihn und versuchte mit ausgestreckten Armen den Mann auf Abstand zu halten.
Er bedankte sich nochmals und folgte Lisa, die an der Haustür stehen geblieben war.
„Scheiße“, entfuhr es ihm, als er und Lisa im Auto saßen.
„Da stimme ich dir uneingeschränkt zu. Zuerst heute Morgen der Leichenfund der Frau und jetzt die Überbringung der Todesnachricht an den Ex-Mann. Ich glaube, ich hasse den Job bereits am ersten Tag.“
„Wenn ich sagen würde: du gewöhnst dich daran, wäre das sicherlich nicht richtig. So etwas geht dir immer an die Nieren. Aber es gibt auch andere Tage und auch so etwas gehört halt zu unserem Job. Akzeptiere es so wie es ist und versuche es so schnell wie möglich abzuhaken. Nur so kannst du dich selbst schützen“, versuchte Ronni seiner Kollegin Mut zu machen.
Lisa nickte und beide machten sich auf den Weg zurück ins Büro. Vielleicht lagen neue Erkenntnisse der Spurensicherung vor oder sogar das Ergebnis der Obduktion.
„Was hältst du vom Ex unseres Opfers?“, frage Lisa unterwegs.
„Ich bin mir nicht ganz sicher. Seine Reaktion schien nicht gespielt zu sein. Die Nachricht des Todes seiner geschiedenen Frau hat ihn wahrscheinlich sehr getroffen. Aber dieser Groll auf seine Frau und diese Emotion, als ich ihn fragte, wo er vergangene Nacht war – ich weiß nicht so recht.“
„Na klar hat der eine Wut auf seine Frau. Sie hat ihn schließlich mit einem anderen Mann betrogen und sitzen gelassen. Aber beide lieben ihre Tochter, weswegen sie sich auf irgendeine Weise arrangiert haben. Aber einen Mord? – Nein, das traue ich ihm nicht zu“, entgegnete Lisa.
*
Wieder im Büro musste Lisa erfahren, dass weder neue Erkenntnisse der SpuSi noch das Obduktionsergebnis vorlagen. Ronni wollte sich sofort an den Telefonhörer hängen und Susanne fragen, wann er mit einem Ergebnis rechnen könnte.
Lisa legte ihm eine Hand auf den Arm, um seinen Tatendrang zu stoppen.
„Ist es dir recht, wenn ich nach Hause fahre? Es ist bereits spät und meine kleine Tochter …“
„Du hast eine Tochter? Hätte ich nicht gedacht. Und dann bewirbst du dich bei der Mordkommission?“
Ronni war mehr als erstaunt und schaute Lisa mit großen Augen an.
„Ja, sie ist sieben und meine Mutter holt sie von der Schule ab und passt danach auf sie auf.“
„Und dein Mann? Unterstützt der dich auch? Wie stellst du dir das künftig hier vor? Wir haben nicht immer geregelte Dienstzeiten.“
„Ich bin geschieden. Als ich mich für die Stelle beworben habe, haben mir meine Eltern ihre Unterstützung zugesagt. Das wird schon klappen. Nur heute … gerade am ersten Tag … meine Mutter …“
„Okay, geh‘ schon. Es war ein harter Tag. Besonders, weil es dein erster Mordfall ist. Ich kann das verstehen. Und mit Susanne kann ich auch allein reden. Vielleicht wissen wir morgen mehr.“
„Danke“, sagte Lisa überglücklich und strahlte dabei ihren Kollegen wie eine fünfzehnjährige Teenagerin an.
Lisa schnappte sich ihre Tasche und im nächsten Augenblick hatte sie auch schon das Büro verlassen.
Ronni schaute ihr leicht irritiert hinterher. Was war das denn? So glücklich hat mich bisher nur selten eine Frau angeschaut, dachte er.
*
Zwei Tage waren inzwischen vergangen, ohne dass die Kommissare in der Ermittlung auch nur einen Schritt weitergekommen waren.
Lisa war der Meinung, dass der im Mund des Opfers gefundene Zettel mit den Worten:
„Treue kann man nie genug vergelten,
Untreue nie genug bestrafen“
ein Hinweis auf das Tatmotiv sei. Franziska Schlierbaum war schließlich ihrem Mann untreu geworden und womöglich wollte sich jemand dafür rächen? Sie hatte sich wegen eines Anderen von ihrem Ehemann getrennt. Doch dann käme nur ihr Ex-Mann als Täter in Frage. Ein Tatmotiv hätte er demzufolge. Diese Schlussfolgerung konnten weder Lisa noch Ronni so recht glauben. So wie der Mann aussah und wie er sich gab, so sieht kein Mörder aus und so verhält sich auch kein Mörder.
Aber wie sieht schon ein Mörder aus und wie verhält er sich im normalen Leben? Normen gibt es sicherlich keine, dachte Lisa.
Um Zeit zu sparen, hatten Lisa und Ronni sich die Vernehmungen der Menschen im sozialen Umfeld der Toten geteilt. Lisa befragte nochmals ihren Ex-Mann und versuchte, Freunde und Bekannte aufzuspüren. Die Mühe war so gut wie erfolglos. Lars Schlierbaum erklärte, dass durch die Arbeit seiner Frau kaum Zeit blieb, Freundschaften zu schließen oder gar zu pflegen. Natürlich, die eine oder andere Mutter, die sie vom Kindergarten ihrer Tochter her kannte … aber Freundschaften? Nein, Freundschaften waren das nicht, höchstens flüchtige Bekanntschaften. Dann waren da noch einige Nachbarn, mit denen sie hin und wieder ein paar Worte wechselte und eine langjährige Freundin, die in Troisdorf wohnte. Jedoch zu ihr war der Kontakt bereits seit längerer Zeit abgebrochen. Die Aussagen der Nachbarn und der Mütter vom Kindergarten deckten sich mit der Aussage von Lars Schlierbaum.
Ronni besuchte währenddessen Erich Klein, den neuen Freund von Franziska Schlierbaum. Ein unsympathischer Kerl, berichtete Ronni später.
Er hatte eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Troisdorf-Sieglar. Als Ronni klingelte, öffnete eine schwarzhaarige Schönheit die Tür. Gekleidet war sie in einem schwarzen, seidenen Morgenmantel, der perfekt zu ihrer Haarfarbe passte.
Erich Klein folgte wenige Augenblicke später in ihrem Schlepptau. Ebenfalls in einem seidenen Morgenmantel gekleidet. Allerdings in knallrot. Die Haare hingen fettig um seinen Kopf und ein Fünftagebart „zierte“ sein rot aufgedunsenes Gesicht.
Der Zugang zur Wohnung wurde dem Kommissar entschieden verwehrt. Erich Klein bestätigte lediglich dessen Frage, dass er eine Franziska Schlierbaum kenne. Mit einem tiefgründigen Blick zu der schwarzhaarigen Schönen meinte er lapidar, dass diese Franziska wohl zu viel in einige harmlose Treffen hineininterpretiert habe. Nein, eine nähere Beziehung bestehe da überhaupt nicht.
Ein Tatmotiv konnte der Kommissar bei Erich Klein nicht erkennen. Wahrscheinlich hatte er mit der schwarzhaarigen Schönheit eine neue Freundin gefunden. Vielleicht wollte er mit beiden Frauen ein „abwechslungsreiches Verhältnis“ führen. Vielleicht wollte er aber auch Franziska Schlierbaum einfach nur loswerden. Aber dafür einen so bestialischen Mord zu begehen, das konnte Ronni sich nicht vorstellen.
*
Für Lisa war das Positive der letzten beiden Tage, dass sie einigermaßen zeitig nach Hause zu ihrer Tochter kam. Auch schien es, dass ihre Eltern, in erster Linie ihre Mutter, gut mit ihr klar kamen. Natürlich versuchte Nicole in bestimmten Situationen ihren Dickkopf durchzusetzen, ihre Mutter war allerdings konsequenter, als Lisa angenommen hatte.
Lisa war glücklich, dass sie und auch ihre Tochter sich wieder gut mit ihren Eltern verstanden. Nicht nur, weil ihre Eltern ihr den Rücken für ihre berufliche Tätigkeit freihielten, sondern auch, weil sie nach ihrer Scheidung Halt und Verständnis bei ihnen gefunden hatte. Für ihre Tochter waren Oma und Opa ein Glücksfall, denn grundsätzlich mochte sie beide sehr.
Das Verhältnis zu ihren Eltern war jedoch nicht immer so gut gewesen, wie zurzeit.
Als Jugendliche hatten ihre Eltern viele Probleme mit ihr. Nicht, dass sie Schulprobleme hatte, nein, sie war eine gute Schülerin, der das Lernen leicht fiel. Wahrscheinlich viel zu leicht, denn sie verbrachte die Zeit, die andere Mitschüler zum Lernen brauchten, mit der Erforschung von Unbekanntem und Außergewöhnlichem. Immer wieder wollte sie die starren Zwänge ihrer Eltern aufbrechen und Neues kennenlernen und erleben.
So war es gar nicht verwunderlich, dass sie mit sechzehn zum ersten Mal Haschisch probierte. Es war auf einer Party ihrer besten Freundin. Sie hatte sich mehr davon versprochen und das ständige Nachfeuern, damit der Joint richtig brannte, fand sie nur ätzend. Im Gegensatz zu einigen Klassenkameraden blieb es bei diesem ersten Versuch – zumindest vorerst.
Mit siebzehn lernte sie Stefan kennen. Er war fünf Jahre älter und er faszinierte sie im höchsten Maße. Immer einen coolen Spruch auf den Lippen, lässig gekleidet und grundsätzlich gegen alles, was die „Alten“ sagten oder verlangten.
Nachdem sie mit 18 das Abitur gemacht hatte – ohne Mühe mit der Note 1,8 – zog sie von zu Hause aus und in seine Wohnung ein. Obschon der Begriff Wohnung bei Weitem zu hoch angesiedelt war. Es war ein schäbiges Loch. Eine Einzimmerwohnung in einem alten Mietshaus. Nicht renoviert und die Möbel bestanden ausschließlich aus Kisten und aus selbst zusammengezimmerten „Möbeln“. Lediglich das Bett hatte er von einem Freund geschenkt bekommen und es war fast neu. Hierin verbrachten sie die längste Zeit des Tages. Sie liebte ihn, oder meinte zumindest ihn zu lieben. Ob er sie auch liebte, wusste sie nicht. Obschon ihre wenigen, verbliebenen Freundinnen sagten, dass er nur ihren Körper zu seiner Befriedigung benutzte, konnte sie nicht von ihm lassen. Sie hatte keine Aussprache bei ihm und ein Gespräch über Probleme oder über die Zukunft fand nicht statt. Inzwischen war sie regelmäßige Haschischraucherin geworden. Gemeinsam rauchten sie das Gras und danach liebten sie sich und vergaßen die Welt um sich herum.
Um eine Ausbildungsstelle zu suchen, fehlte ihr die Energie. Er hielt sie beide mit Arbeitslosengeld, später Sozialhilfe und mit dubiosen Gelegenheitsjobs über Wasser. Manchmal erhielt er Geld von seinen Eltern. Dann war großer Bahnhof angesagt: Tolles Essen, neue Kleidung für sich und auch für sie und natürlich Drogen.
Grundsätzlich war sie einsam. Einsamer als bei ihren Eltern. Wenn sie allein war und Stefan seinen „Geschäften“ nachging, weinte sie viel. Sie weinte wegen Stefan, der sie enttäuscht hatte, über die Welt, die so ungerecht zu ihr war und auch ein wenig über sich selbst, weil sie keine Änderung herbeiführen konnte. Sie fühlte sich wie eine Pflanze, die kein Wasser erhält, die zu vertrocknen und einzugehen droht. Sie hatte bei ihren Eltern ein streng konservatives Leben kennen gelernt – das wollte sie auf keinen Fall für sich. Aber je mehr sie nachdachte, desto mehr sehnte sie sich nach einem geregelten Leben, einer befriedigenden Aufgabe und keine Abhängigkeit mehr von Sex und Drogen.
Irgendwann brachte Stefan härtere Sachen mit nach Hause: Amphetamine und einige Male Ecstasy. Sie blieb jedoch beim Haschisch, auch wenn es ihr unendlich schwer fiel.
Stefan hatte sich inzwischen beide Arme und Schultern tätowieren lassen. Eines Abends, sie hatten nochmals beide Hasch geraucht und sich wie immer anschließend geliebt, verlangte er von ihr, dass sie sich ebenfalls ein Tattoo machen lassen sollte. Er bestand darauf, dass sie sich seinen Namen auf ihren Unterarm tätowieren lassen würde. Sie lehnte das strikt ab und es kam zu einem heftigen Streit. In dessen Folge packte sie ihre wenigen Sachen und kehrte reumütig zu ihren Eltern zurück. Wo hätte sie auch sonst hin gehen sollen?
Sie hatte längst erkannt, dass sie dieses Leben mit Stefan nicht mehr wollte und endlich war sie so weit, eine entscheidende Wende ihres Lebens herbeizuführen.
Spät, aber nicht zu spät, begann sie das Studium bei der Polizei und heiratete einen Mann, den sie heute als „überhasteten Fehlgriff“ bezeichnete. Von diesem Mann trennte sie sich ohne Reue. Auf ihre Tochter aus dieser kurzen Ehe, war sie dagegen mächtig stolz. Danach hatte sie keine feste Beziehung mehr. Den einen oder anderen One-Night-Stand, auch gab es zwei Beziehungen, die einige Wochen andauerten. Aber das war‘s. Keiner der Männer erfüllte ihre Ansprüche, die, so meinte sie, nicht zu hoch waren.
Jetzt lag sie wie fast immer allein im Bett und schaute an die weiße Zimmerdecke ihres Schlafzimmers. Sie war froh, dass sie nicht in der völligen Dunkelheit des Raumes gefangen war. Das eindringende Licht der Straßenlaternen sorgte für genügend Helligkeit, damit sie ihre Einrichtungsgegenstände schemenhaft erkennen konnte. Ihre Gedanken waren weit in die Vergangenheit gedriftet. Zum ersten Mal seit ihrem Amtsantritt im KK 11 hatte sie nicht an den grässlichen Mord auf der Burg gedacht.
Morgen war Samstag, aber für sie würde das kein freier Tag sein. Solange dieser irre Mörder umherlief, würde es keinen freien Tag für sie geben. Und wieder waren ihre Gedanken bei ihrem und Ronnis Fall. Ja, Ronni – sie war froh, dass er der Kommissar war, den sie unterstützen sollte. Aber nicht nur das. Sie war auch froh, dass sie den Mann Ronni Kern kennengelernt hatte. Sie hatte ja bisher in ihrem Leben nicht die besten Erfahrungen mit Männern gemacht. Ronni schien anders zu sein, als die Männer, die sie bisher kennengelernt hatte. Sie fand, er war einfach sympathisch, nett und verlässlich. Oder war da womöglich noch mehr, das ihren Blick für die Realität trübte? Nein, eher nicht. Sie kannte den Mann doch erst seit ein paar Tagen.
Das letzte Mal, als sie zur Uhr blickte, war es 0:45 Uhr. Danach übermannte sie endlich die Müdigkeit und mit angenehmen Gedanken schlief sie ein.
Darmowy fragment się skończył.