Czytaj książkę: «Der graue Reiter»

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Herbert von Hoerner

Der graue Reiter

Saga

Der graue ReiterCopyright © 2019 SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711593097

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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Der Wirbelwind

Es sing damit an, dass auf dem Wasser ein Wirbel entstand, der offenbar nicht von der Strömung herrührte, sondern von einer drehenden Bewegung der Luft. Es sah fast so aus, wie wenn die Bauersfrau mit einem Löffel in der Milch rumrührt. Nur hätte es freilich müssen ein riesenhafter Löffel sein und eine riesenhafte Hand, die ihn führte. Die drehende Bewegung setzte sich von der Mitte des Flusses, wo sie zuerst sichtbar geworden war, fort bis zum Ufer, an welchem der Bauer und die Bäuerin standen, das seltsame Naturspiel anstaunend. Ans Land springend; verwandelte sich die Bewegung in einen Wirbel von Staub und Stroh und was sonst noch sich vom Boden hochfegen liess. Der Wirbel fuhr gegen eine Weide an, deren hängende Zweige nach oben reissend und verdrehend, stieg, um abgerissene Blätter bereichert, als ein toller Tanz in die Höhe, zerflatterte, liess alles Mitgenommene fallen und war vershwunden.

„Ein Wirbelwind“, sagte der Mann, indem er sich mit dem Handrücken über die von Schweiss feuchte Stirn strich. Die Luft war drückend. Das Wasser, wieder beruhigt, glänzte bleiern. Von drüben leuchtete weisslich die Ruine. Hinter ihr hervor stieg in den schon getrübten Himmel eine Wolke auf, grau, von geballter, nach oben seitlich verbreiterter Form.

„Wie ein Pferdekopf“, meinte die Frau, auf die Wolke deutend.

„Unsinn“, antwortete der Mann. „Wolken haben keine Köpfe, weder die von Pferden noch andere.“

„Der graue Reiter“, sagte die Frau.

Der Mann wurde ärgerlich. „Denkst du wieder an deine Märchen? Erzählst sie wohl den Kindern?“

„Du hast es mir verboten“, sagte die Frau.

„Und daran tat ich recht“, erwiderte der Mann ernsthaft. „Es gibt im Leben Gefährlichkeiten genug, wirkliche, vor denen soll man die Kinder warnen. Übrigens“ — er lachte kurz auf — „erzähl es ihnen, wenn du Freude daran hast, dich von den Kindern auslachen zu lassen. Sie sind gross und verständig genug. Ich habe ja auch die Grossmutter dafür ausgelacht, und da war ich noch nicht so alt wie Maris. Die Grossmutter glaubte daran.“

Ich sage ja nicht, dass ich daran glaube“, antwortete die Frau. „Aber es ist eine Sage. Warum soll man sie nicht erzählen?“

Es ist eine unnütze Sage“, erwiderte der Mann, „und ich mag davon nichts hören. Aber die Wolke wächst. — Heh, Attis! Lauf, sieh dich um, wo das Vieh weidet. Mikelis und Maris sollen es in den Stall zurücktreiben. — Und Grieting die Hühner!“ rief er ihm noch nach.

Das Gewitter kam. Grieting, das zarte Gemüt, das vor allen gewalttätigen Äusserungen der Natur zitterte, verkroch sich unter das Bett der Eltern und wurde dafür von Attis verhöhnt. — „Hörst du, Gott schilt“, spottete er, während des Donners tiefe Stimme die Fenster klirren machte. Die Mutter wies ihn zurecht. — „Ich glaube“, sagte sie, „das Schelten gilt eher dir als Grieting, die immer gottesfürchtig ist.“

„Gottesfürchtig sind wir alle“, sagte der Mann.

„Freilich“, meinte die Frau, „wenn du ein Gewitter über dem Kopf hast, bist du es auch.“

Milda lachte über die Bemerkung der Mutter. Immer fand Milda etwas zum Lachen. Ansis sass schweigend da. Er blickte in das Gesicht des Vaters und las darin dieselbe Besorgnis, die auch ihn erfüllte: Wenn das Wetter nur nicht Hagel brachte! Die Wolken hatten danach ausgesehen. Das Korn stand grün und hoffnungsvoll auf dem Halm. Die Ernte war in Gefahr. Es blitzte und donnerte, ohne dass es beginnen wollte zu regnen. Als wäre eine Unentschlossenheit in dem Wetter, schien es reglos über dem Hause zu stehen. Aber die Reglosigkeit war wie eine Drohung. Die acht Menschen in der Stube fühlten sich darunter klein wie unter dem finsteren Blick eines Riesen, der mit grollender Stimme sprach und einen blitzenden Hammer schwang. Er schien aber noch irgendetwas Gefährliches unter feinem Mantel zu bergen. Sollte es Hagel sein? — Wenn es nur erst anfangen wollte zu regnen!

Der Bauer blickte zum Fenster hinaus und bemerkte, dass die Tür vom Schuppen offen stand und im Winde schlug. Er ging hinaus, sie zu schliessen. Als er zurückam, berichtete er, am Himmel drehten sich die Wolken so ähnlich, wie es vorhin im Wasser angefangen habe. — „Ein tolles Wetter“, sagte er. „Da wird man zweiundvierzig Jahre alt und hat so etwas noch nicht erlebt. Wenn’s nur nicht Hagel wird!“

Endlich begann es, gegen die Scheiben zu prasseln. Aber das waren nicht Regentropfen und auch nicht Schlossen. Sand, kleine Steine, Staub und Mist wurden wie von unsichtbarer Hand gegen die Fenster geworfen. Und dazu begann ein fürchterliches Geheul, als raste ein wildes Tier schreiend auf dem Hofe umher. Das wilde Tier sprang mit stampfenden Hufen über das Dach des Hauses. Es schlug gegen die Tür. Es hatte Mähne und Schweif und peitschte damit die Wände, dass die Stube bebte. — Brüllte nicht auch das Vieh im Stall? — Irgendetwas krachte. Dabei war in dem Lärm nicht zu unterscheiden, was Wind, was Donner, was brüllendes Vieh, was Krachen war.

„Gnädiger Gott“, stöhnte die Bäuerin. „Die Welt geht unter.“ Sie zog ihr Grieting unter dem Bett hervor und nahm es schützend in die Arme. Welche Mutter würde bei Weltuntergang nicht zuerst das schwächste ihrer Kinder zu retten suchen? Selbst Attis machte ein ängstliches Gesicht.

Aber das wilde Tier hatte sich an der Stelle ausgetobt. Man hörte es davongaloppieren. Sein Wiehern verklang in der Ferne. Gleich darauf fielen schwer die ersten Tropfen. Sie mehrten sich, überdeckten den Boden mit Nässe. Der Regen rauschte. Es war kein Hagel dabei.

„Gott sei Dank!“ sagte der Bauer. Aber da wusste er noch nicht, was ihm das Wetter gebracht oder vielmehr genommen hatte. Dem kleinen Wirbelwinde am Vormittage war ein grosser Bruder gefolgt. Er war an dem Hof nicht spurlos vorübergegangen.

Mikelis und Maris waren die ersten, die es bemerkten. Sie waren noch im Regen hinausgelaufen, um in den Pfützen zu patschen. — „Das Dach“, riefen sie, einander überschreiend, „das Dach vom Stall ist weg!“

Das ganze Dach war es nicht, doch fast das halbe. Grad über dem Abteil des Pferdes stand es noch. Aber die Seite über den Kühen, den Schafen, den Schweinen war wie mit der Faust weggeschlagen. Es musste eine grosse Faust gewesen sein. Auch von der Deckenlage, wo unter dem Dach noch ein Rest von altem Heu lag, waren Bretter herausgerissen, so dass der freie Himmel zu den verängsteten Tieren hereinsah. Die Hühner fehlten. Sie waren durch ihren Notausgang geflüchtet. Mit einer einzigen sehr traurigen Ausnahme: Die alte Gans, die schon vierzehn Bruten hinter sich hatte, lag, durch ein herabgefallenes Brett erschlagen, mit ausgebreiteten Flügeln, als habe sie zum letztenmal ihre Gössel beschützen wollen. Und es kam auch wirklich eines unversehrt unter ihr hervorgewatschelt und piepste.

Sparren, Latten und Stroh fanden sich weit auseinandergerissen und etliche hundert Schritt weit über Garten und Feld verstreut. Einer der Bienenstöcke war umgefallen. Sonst hatte der grosse Bruder Wirbelwind keinen nennenswerten Schaden angerichtet. Die Scheune stand nicht schiefer da als vorher. Das kleine Vordach der Kleete hinkte ein wenig nach der einen von seinen zwei Säulen hin, liess sich aber mit Leichtigkeit wieder grade richten. Nur noch das Strohdach des Wohnhauses sah aus, als hätte man die Katze gegen den Strich gebürstet. Die Moospolster hatten es zusammengehalten. Und sonst war nichts geschehen. Wirbelwinde sind launisch.

Aber das halbe Dach vom Stall, das war Schaden genug, und noch nicht der schlimmste. Denn der schlimmere wurde durch ihn erst aufgedeckt.

Wie sahen die Holzwände innen aus! Atem und Dampf der Tiere hatten sie Jahrzehnte lang nass erhalten. Das Holz fasste sich an wie Schwamm. Man konnte die Finger hineindrücken. — Hatte der Bauer das nicht gewusst? Jetzt, da in den sonst nur mangelhaft erhellten Raum durch das Loch in der Decke der Himmel hereinleuchtete, war es nicht möglich, zu übersehen, dass der Stall baufällig war, der ganze Stall. Ein neues Dach auf solche Wände zu setzen, erschien nutzlos.

Der Bauer murrte: „Wäre nur gleich der ganze Stall davongeflogen!“

„Aber die Tiere“, wandte die Bäuerin ein. „Welch ein Glück, dass uns kein Tier dabei umgekommen ist! Bis auf die alte Gans, nun ja, es ist schade um sie. Aber sogar das weisse Hühnchen, um welches Grieting geweint hat, weil wir es vermissten, ist wieder da.“

„Wenn man ein Bein bricht“, erwiderte darauf der Bauer, „so kann man es wohl ein Glück nennen, dass man nicht beide Beine gebrochen hat. Ich nenne es aber ein Unglück, wenn ich sehen muss, wie der ganze Stall nichts mehr taugt. Wo soll denn ein neuer herkommen? Kannst du mir das sagen?“

Das kann ich dir sagen“, antwortete die Bäuerin. Sie legte ihm den Arm tröstend um die Schultern. „Hast du nicht selber schon davon gesprochen, dass der Stall einmal neu gebaut werden müsste?“

„Aber doch nicht in diesem Jahr. Es ist zu spät, damit anzufangen.“ — Er griff sich ratlos ins Haar und kratzte sich den Kopf.

„Mann“, sagte die Frau, „du bist klug, du bist stark, du bist fleissig. Und du hast Ansis zum Gehilfen. Ich sehe euch beide schon, wie ihr zusammen den neuen Stall baut. Der wird schöner werden als der alte.“

Mit Ansis zusammen — das war ein Gedanke, dem sich Freude abgewinnen liess. — „Ich will mir’s in Ruhe überlegen“, sagte der Bauer.

Ansis als der älteste Sohn war dem Vater das wichtigste seiner Kinder. Zählte er sie an den Fingern her, so brauchte er für fünf von ihnen, mit Milda angefangen, die linke Hand. Aber für Ansis hielt er den Daumen der rechten hoch. Die anderen waren am Baum der Familie die Asttriebe. Ansis war der Stammtrieb.

Auch sollte ja Ansis einmal den Hof erben, also derjenige sein, der den Namen des Hofes wie der Familie zusammenhielt. Ob der Hof nach der Familie oder die Familie nach dem Hof, den sie besass, hiess, hätte niemand zu sagen gewusst. Die Sippe war über das Land verbreitet. Man wusste von einander nicht mehr, als sich aus nächster Verwandtschaft ergab. Mochte zu einer Zeit, da die Familiennamen verteilt wurden, ein Erzvater des Geschlechts den seinen sonstwoher bekommen oder sich nach der Scholle, auf der es sass, genannt haben, in jedem Falle gehörten sie, soweit sich zurückdenken liess, zusammen: die Wezrumbas und ihr Hof. — Wezrumba — mit einem solchen Namen konnten sie wohl zufrieden sein, und sie waren es.

Es hätten sich in ihrer Familiengeschichte, wenn jemand ihr hätte nachforschen wollen, unter Glück und Unglück, die ja beide nicht ausbleiben können, von letzterem sicherlich auch solche Fälle nachweisen lassen, die dem von dem Wirbelwinde angerichteten Schaden mehr oder weniger ähnlich gesehen hätten. Und wahrscheinlich haben sich bei solchen Gelegenheiten die davon betroffenen Männer genau in derselben Weise den Kopf gekratzt, wie es Karlis Wezrumba, Träger der Stammlinie, angesichts seines zerfledderten Stalldaches tat. Und wenn die Frauen dabei waren, haben sie ihnen Mut zugesprochen, genau wie Frau Anne. Wie denn überhaupt anzunehmen ist, dass die Wezrumbas von Urzeiten her ihre Abstammungsähnlichkeit nicht verleugnet haben.

Hinter der Stirnlocke aber des Urahns muss ein Gedanke gewohnt haben, wie ihn nicht jeder Stammvater gedacht hat: Ur-Wezrumba hat etwas im Geiste erschaut, das hat er wie einen Segen und eine Verheissung für das ganze Geschlecht vorausgesehen, gedacht und vielleicht auch ausgesprochen: Es soll einmal zu irgendeiner Zeit, in der es schon sehr viele Wezrumbas geben wird, unter ihnen einer sein, der soll in sich vereinigen alle Tugenden seiner Vorfahren unter Weglassung aller ihrer Untugenden.

Das war Ansis, wie der Vater ihn sah: Der leibhaft Wirklichkeit gewordene Gedanke Ur-Wezrumbas.

„Du verziehst ihn“, sagte zuweilen die Mutter.

„Was ist an Ansis zu erziehen?“ pflegte darauf der Vater zu erwidern.

Siebenmal schon hatte die Bäuerin dem Manne zu dem Glück verholfen, Vater zu werden. Nur leider war das Jüngste — ein Mädchen war es und sollte Welta heissen — noch im zarten Säuglingsalter gestorben. Der liebe Gott hatte das Engelchen wieder zu sich genommen. Aber wenn er wollte, so konnte er ja die Zahl sieben wieder herstellen, indem er den heranwachsenden Geschwistern noch einmal so ein Kleines zugesellte. Mit dem Heranwachsen ging es ja sonst zu schnell. Milda mit ihren achtzehn Jahren war ohne Zweifel schon heiratsfähig. Das konnte man freilich von Ansis, der erst im siebzehnten stand, noch nicht sagen. Aber wie Milda die Magd, so ersetzte er, kräftig entwickelt, vollauf schon den Knecht. Gerwiss, es war vorteilhaft, schon so grosse Kinder zu haben, die in der Wirtschaft tüchtig halfen. Auch Attis, der Vierzehnjährige, obwohl noch ein rechter Lümmel, war schon zu vielem zu gebrauchen. Tischler wollte er werden. Den Verstand und das Geschick hatte er dazu, und die Lehre würde ihm gut tun. Von Grieting, dem schmächtigen Ding, war nicht viel zu verlangen. Sie fütterte die Hühner. Man musste ja die Kinder so nehmen, wie Gott sie gab, und weniger geliebt war darum Grieting auch beim Vater nicht. Blieben als die beiden Jüngsten noch Mikelis und Maris, von Fremderen stets für Zwillinge gehalten, obwohl sie mit neun und zehn ein ordentliches Jahr auseinander waren. Auch sie assen schon ihr Brot am Tische der Eltern nicht umsonst: sie hatten das Vieh auf die Weide zu treiben und zu hüten, dass es nicht hinginge, wo es nicht sollte. Im Winter freilich schieden sie als nützliche Familienmitglieder aus, denn dann mussten sie zur Schule. Aber das alles ging dem Bauern zu schnell, und darum wünschte er, es träte noch einmal die Notwendigkeit an ihn heran, die Wiege vom Dachboden herunterzuholen, wo sie, seit das Engelchen aus ihr fortgeflogen war, in leerem Dasein verstaubte.

Und schliesslich brauchte es ja bei Sieben auch noch nicht sein Bewenden zu haben. Aber selbst wenn die Finger beider Hände zum Herzählen nicht mehr ausreichen sollten, so würde doch immer der Daumen der rechten Hand dem Ansis vorbehalten bleiben. Ansis war ja nicht nur der Daumen, er war — so sprach der Vater es einmal aus — seine ganze rechte Hand. Und darum hatte die Frau genau das Richtige damit getroffen, dass sie dem Manne, als dieser mutlos werden wollte, den Namen desjenigen vors Ohr sprach, der ihm Sohn und Gehilfe war, und mehr als beides: eine Verheissung.

So dauerte denn auch sein Überlegen nicht lange. — „In diesem Jahre wird das nicht mehr“, sagte er. „Wo nehme ich trockenes Holz her? Es muss im Winter geschlagen sein. Wir werden ein Notdach machen. Den einen Winter hält es das Vieh wohl noch in dem alten Stall aus. Aber vom nächsten Frühjahr an — — Frau, ich danke dir, dass du mir wieder Mut gemacht hast.“ — Er spuckte zum Zeichen seines wiedergewonnenen Mutes in die Hände, als wollte er gleich ein Werkzeug anpacken.

„Nun ich sehe schon“, sagte die Frau, „ein Dach hat uns der Wirbelwind zerblasen. Aber da drunter“ — sie griff dem Mann in die Stirnlocke — „hat er noch keinen Schaden angerichtet. Und darum wird auch alles wieder gut.“

„Ja, das wird es“, sagte der Mann.

Sie blickten sich vergnügt in die Gesichter, und keines von ihnen erschien dem anderen gealtert.

Der Einfall

Während der folgenden Tage sann der Bauer Wezrumba darüber nach, was alles zum Bauen nötig sein werde. Da war an vielerlei zu denken.

„Holz gibt es genug im Walde“, sagte er sich. „Der Wald ist nicht weit. Er gehört dem Staat. Zum Zwecke des Bauens kriegt man’s billiger als vom Händler. Auch sucht der Staat immer Arbeiter für seinen Wald. Man kann also Holz auch ohne bares Geld kaufen, wenn man sich dafür zu bestimmten Arbeiten verpflichtet. Notfalls aber, wenn mir das zu viel wird, weil das Schlagen und Anfahren und Bearbeiten der Stämme schon Mühe genug ist, kann ich auch bei der Bank ein Darlehen aufnehmen. Der Hof ist unverschuldet, da lässt sich das schon machen, auch ohne dass ich deshalb die Summe angreifen müsste, die ich mir zum Kauf des zweiten Pferdes zurückgelegt habe. Schade um den schwarzen Peter!“

Diesem letzteren Gedanken schickte er einen kleinen Seufzer nach, und damit verhielt es sich so: Immer, solange man denken konnte, hatten die Wezrumbas mit zwei Pferden gepflügt. Was ist das auch für eine jämmerliche Wirtschaft, in der man sich mit einem Pferde begnügt! Damit mochten die Jaunsems auskommen, aber nicht die Wezrumbas. Nun hatte aber im vergangenen Winter der vortreffliche schwarze Peter, ein uraltes Pferd, zum erstenmal in seinem Leben Fleiss und Gehorsam verweigert, indem er sich einfach hinlegte und starb. Er war gebührend betrauert worden. Für einen sofortigen Ersatz war das Geld nicht da. Seitdem hatte der noch jugendliche gute Braune, zum Kummer seines Pflegers Ansis, mehr leisten müssen, als ihm lieb war, und beim Pflügen hatte man sich mit den Nachbarn, den Jaunsems, gegenseitig ausgeholfen. Denn mit einem Pferde kam man ja mit dem Pfluge nicht tief genug in den schweren, lehmigen Boden. War aber erst die neue Ernte, die gut zu werden versprach, geborgen, so rollte auch wieder Geld ins Haus. Keinesfalls sollte wegen des Neubaus auf die Wiederanschaffung des zweiten Pferdes verzichtet werden. Nur war es vorteilhafter, es erst im nächsten Frühjahr zu kaufen, des Futters wegen.

Überhaupt sollte nach Möglichkeit, trotz Wirbelwind, nichts unterbleiben, was für den Zuwachs der Wirtschaft gedacht und beabsichtigt war: Die Rodung des Strauches, die Entwässerung des Sumpfes, nichts sollte deswegen hinausgeschoben werden. Ausführbar war alles. Die Frage war einzig die, ob man gegenüber einer stark vermehrten Arbeitslast noch einen Überschuss an Kräften in sich spürte, den man dafür einsetzen konnte. Und diesen Überschuss spürte der Bauer in sich. Darum hatte er auch die Frau so vergnügt anlachen können.

Was er bisher gedacht hatte, waren alles noch keine sehr ungewöhnlichen Gedanken. Sie ergaben sich sozusagen von selbst. Er hatte in Holz gedacht, und dass er sich dabei den neuen Stall ein wenig grösser, schöner und irgendwie besser vorstellte als den alten, das setzte wohl seinen Verstand in Bewegung und frischte ihm den Mut auf, griff aber noch nicht zutiefst in sein Gemüt. Dazu musste ihm erst ein anderer Gedanke kommen, ein völlig neuer, ungewöhnlicher, von der Art, von der man manchmal nicht weiss, wo sie herkommt, und die man darum Einfall nennt.

Der Einfall war: „Ich bane gar nicht wieder aus Holz, sondern aus Stein. Feldstein kostet nichts. Drüben liegt er bei der Ruine. Man muss ihn nur über den Fluss herüberholen.“

Wezrumba fing beim Denken nicht mit Begründungen an. Hätte er aber nachträglich welche vorbringen sollen, so wäre er darum nicht verlegen gewesen. — „Stein hält länger als Holz“, hätte er gesagt. „Zwar die Ruine drüben war ehemals eine stolze Ritterburg und nachher ein Schloss und Herrenhaus, und dann ist sie doch zerfallen. Aber wie hat man sie auch behandelt! Zerschossen hat man sie und angezündet. Die Ritter sind ausser Landes gegangen. Und nachher hat jeder, der dort in der Nähe wohnte und Steine zum Bauen brauchte, sich welche von den Trümmern der Burg geholt. Darum ist so wenig mehr von ihr übrig, nur noch der Turm und die Wand mit den drei Fensteröffnungen. Als ich ein Kind war, habe ich in ihr vier Fensteröffnungen gesehen. Also ist seitdem ein Stück von ihr weggebrochen, und bricht noch ein Stück weg, so werden es nur noch zwei Fenster sein, wie Augen in einem Kopf. Auch der Turm ist früher höher gewesen, als er heute ist. Warum hat man das nach dem Brande nicht wieder aufgebaut? Jetzt ist das weiter nichts als ein Steinbruch.

Die drüben haben zum Bauen immer den Stein gehabt. Noch heute haben sie beim Pflügen ihre Plage mit den Steinen im Acker. Wir auf unserer Seite des Flusses haben den Feldstein nicht. Das ist fürs Ackern gut. Aber zum Bauen fehlt’s. Darum hat man bei uns immer aus. Holz gebaut. Und war es gutes, gesundes, trockenes Holz, so mag der Bauende wohl über die eigene kurze Lebenszeit hinausgedacht haben, an Kind und Kindeskind. Viel weiter hat dabei keiner denken können. Das kleine Kleetchen hat der Urgrossvater gebaut. Man weiss von ihm sonst nichts. Er hat es schön hingestellt mit dem Vordach auf den zwei Säulen. Und das hat ja auch gehalten. Das kommt von seinem trockenen Inhalt. Es lagert in ihm die reine Gottesgabe, das ausgedroschene Korn. Die Frau hängt die geräucherten Schinken und Würste, das getrocknete Schaffleisch und den gedörrten Fisch hinein, so sie welchen für uns hat. Das Kleetchen ist unsere Schatzkammer, und darum braucht es auch nicht grösser zu sein. Unter der Tür ist ein Loch, dass die Katze durchschlüpfen kann, zum Mäusefang. Das Kleetchen mag noch eine gute Weile stehen.

Aber schon bei dem Wohnhause wird es bedenklich. An den Türen sieht man es, wie die Balkenwände sich verzogen haben. Der Grossvater hat es gebaut. Aber wer weiss, ob es einmal dem Ansis, wenn er der Herr darin sein wird, noch genügen wird. Man könnte wahrhaftig schon an einen Neubau des Wohnhauses denken, wenn nicht der Stall so viel wichtiger wäre. Und der ist nun hin. Bis zu mir, dem Enkel, hat’s gereicht. Bis zum Urenkel Ansis reicht es nicht mehr. So vergänglich ist das Holz als Baustoff. Und darum, wer etwas recht Dauerhaftes hinsetzen will, der soll aus Stein bauen. — Drüben bei der Ruine liegt er.“

Das waren ja nun gewiss recht gute Begründungen. Aber wo ein Gedanke wächst, da wachsen meist auch gleich ein paar Bedenken. Das erste Bedenken war: „Wie kriege ich die Steine über den Fluss herüber? Der Fluss ist breit, die Strömung lebhaft. Das Boot ist klein. Das wäre eine zu grosse Anstrengung und würde zu lange dauern. Ja, wenn es nah eine Brücke gäbe! Aber die Brücken sind weit. Eine befindet sich unterhalb, und es liegt eine Stadt an ihr, von der ist es schon nicht mehr fern bis zum Meer. Die andere Brücke, oberhalb, ist noch weiter. Auch dort liegt eine Stadt. Sie ist für die Bahn ein wichtiger Knotenpunkt. Aber was nützen Knotenpunkte, Eisenbahnstrecken, Brücken, wenn sie alle so weit sind? Die Gegend ist still. Ist sie darum so still, weil sie abseits des Verkehrs liegt, oder hat man den Verkehr darum nicht hergeleitet, weil die Gegend so still ist? Wäre eine Brücke da, dann wäre es leicht, die Steine von drüben herüberzuholen. Aber sie ist nicht da. Oder doch? — Im Winter, wenn der Fluss fest zufriert, dass man mit Pferd und Schlitten darauf fahren kann, dann ist der Fluss eine grosse Verkehrsstrasse, in seiner ganzen Länge, und wird auch als solche benutzt, und eine einzige Brücke, in seiner ganzen Breite. Dann ist Ufer zu Ufer nah.“

Also: Es musste nur erst Winter werden, damit der Fluss zufror. Vor dem nächsten Frühjahr war an Bauen doch nicht zu denken. Der gute Branne würde nicht dazu kommen, sich allein im Stall zu langweilen. Für den gab’s Arbeit! Und der Schlitten war auch noch gut und ganz.

Schwerer schien ein anderes Bedenken zu wiegen: „Das Ufer drüben gehört dem Staat. Dem Staat gehört der bewaldete Hang und nach der anderen Seite der Hügel, so weit er bewaldet ist. Also gehört dem Staat auch die Ruine, und ihm gehören die Steine, die von ihr sind. Der Staat ist genau mit seinen Sachen. Aber wozu braucht der Staat die Steine? Er baut ja dort nichts. Man hat auch nicht bemerkt, dass drüben einmal ein Wächter zu sehen gewesen wäre. Wer Steine braucht, der holt sich welche, das ist immer so gewesen. Und man hat noch nie davon gehört, dass deswegen einer Unannehmlichkeiten gehabt hätte. Was nicht bewacht wird, das ist frei, und man kann davon nehmen. Es ist wie die Luft und das Wasser, die auch nichts kosten. In alten Zeiten soll ja auch der Boden nichts gekostet haben, und auch das Holz aus dem Walde nichts, und es konnte jeder im Walde jagen und im Wasser fischen, wo es ihm gefiel. Der Staat ist ja nun nicht so wie die alte Zeit, sondern er ist genau. Und wenn man ihn fragen wollte, so würde man ihn vielleicht damit erst auf den Gedanken bringen, sich’s auszurechnen, was die Steine drüben wert sind. Darum fragt man besser nicht.“ — Also, das Bedenken, fand der Bauer, war eigentlich keins. Es liess sich ganz leicht aus dem Kopf schütteln.

Aber das eine, das grösste Bedenken, blieb bei alledem doch noch bestehen: die Kosten! Darum war ja auch an Ziegelbau, Zementguss und dergleichen nicht zu denken. Und wenn nun auch der Feldstein nichts kostete, so kostete doch der Kalk, den man für den Mörtel brauchte. Auch kam man ja bei keinem Bau ohne Holz aus. Was da allein für das Dach draufgehen würde! Eigentlich müsste man es mit Dachpfannen decken, der Schönheit wegen. Aber wer konnte das bezahlen? Stroh? — nein, Stroh sollte es nicht sein, aber Schindeln. Und es gab eine rote Farbe. Wenn man mit der die Holzschindeln strich, sah es von weitem genau so aus wie ein Ziegeldach. Auch sollte die Farbe das Holz vor Fäulnis schützen. Das war eine Lösung. Es musste sich auch für alles andere eine Lösung finden. Ein wenig Eisen, ein wenig Glas, und was sonst noch zum Bauen nötig war — nun, was wirklich nötig war, das musste eben beschafft werden! Hauptsache, dass die Steine nichts kosteten!

Wezrumba freute sich so, als hätte er die Steine schon, die er brauchte. Er trug seine Gedanken schweigend umher. Die Arbeit am Heu liess keine Zeit zu Gesprächen. Aber die anderen merken es, wenn einer im Hause seine Gedanken verbirgt. Die Frau sah zuweilen den Mann prüfend von der Seite an. Sie freute sich über sein frisches, unternehmendes Aussehen. Es kam ihr aber eine kleine Bangigkeit dabei. Sie wusste nicht, woher.

Zu den feststehenden Gewohnheiten des Bauern Wezrumba gehörte natürlicherweise auch die, dass an jedem Tage des Jahres beim Erwachen sein erster Blick und seine erste Frage dem Wetter galten. Dabei begnügte er sich nicht damit, durch die immer ein wenig trüben kleinen Scheiben eines der Fenster zu sehen, sondern er trat vors Haus, um zu spüren, wie und von woher die Luft wehe.

Sein Haus, durch einen Mittelgang geteilt, hatte zwei Ausgänge, den einen nach dem Inneren des Wirtschaftshofes und den anderen nach der Seite des Flusses. Und weil über das Wetter das Nahe nicht so viel zu sagen weiss wie das Ferne, darum trat der Bauer Wezrumba an jedem Morgen zuerst nach der Seite des Flusses hinaus.

Es hätte schon fast genügt, diesen allein zu befragen. Am Glanz des Wassers, ob es trüber erschien oder klarer, am Himmelsabbild auf der durch die Strömung immer bewegten, immer leise fortgleitenden Fläche und am jenseitigen Ufer, an dessen Färbung, Dunkelheit, Deutlichkeit, oder auch Verschwommenheit und Blässe erkannte der Wetterkundige, worauf er sich für den Tag einzurichten hatte. — „Wir müssen uns nach dem Wetter richten und dürfen nicht erwarten, dass das Wetter sich nach uns richten wird“, pflegte Wezrumba zu sagen, wie das schon sein Vater und dessen Vater und wahrscheinlich auch schon Ur-Wezrumba gesagt hatten.

Aber ein Wetteranzeiger besonderer Art war ihm drüben die Ruine. Kein Gegenstand in der Nähe oder Ferne konnte so verschieden gefärbt erscheinen wie sie. Und darüber hinaus war sie ihm auch noch Sonnenuhr und Kalender. Ob auch der Wald, den steilen Hang unter ihr hinaufwachsend, mehr und mehr von ihr verdeckte und sie selber, bröckelnd, sich verringerte, so ragte doch noch genug von ihr über die Spitzen der Bäume vor, woran, zumal am Nachmittage, am Schatten von Turm und Wand genau die Stunde des Tages abzulesen war und, was sie noch bedeutender machte, bei Sonnenaufgang der Tag des Jahres.

Zweimal im Jahr ging die Sonne, von Wezrumbas Hause aus beobachtet, genau hinter der Ruine auf. War es in der steigenden Hälfte des Jahres, so schlug danach das grosse Pendel von Tag zu Tag ein Stückchen weiter nach links hin aus, bis an einer bestimmten Uferstelle der Wendepunkt erreicht war, von dem aus der Sonnenaufgang nun wieder zurückwanderte, das zweite Mal, nun in der sinkenden Hälfte, die Ruine berührte, um sich sodann nach rechts und immer weiter nach rechts von ihr zu entfernen, über den Oberlauf des Flusses bis auf die Seite des Bauern, bis auch hier wieder an einem bestimmten Punkt über dem Walde des Staats die Umkehr geschah, wonach der Sonnenaufgang sich wieder der Ruine zu nähern begann. Und eben daran, an Stellung und Abstand der aufgehenden Sonne zur Ruine, liess es sich untrüglich ablesen, bis zu welchem Tage spätestens im Frühjahr der Hafer gesät sein musste, wie ebenso auch der Roggen im Herbst, und auch, wann es Zeit war, ans Heu zu denken und gleicherweise an die Kartoffeln.

Das war es, wodurch die Ruine, ob sie auch sonst zu nichts mehr zu brauchen war, für den Bauern Wezrumba immer noch als ein nützlicher Gegenstand ihre besondere, nicht geringe Bedeutung hatte. Aber nicht darum allein war er ihr wohlgesinnt und blickte gern zu ihr hinüber. Die Ruine war ihm das, wovon jeder Mensch sein bestimmtes Teil braucht: ein gewohnter Anblick. Er kannte sie so lange wie sich selbst, und das allein schafft ja schon immer eine gewisse Verbindung.

Aber schon eine lange Zeit war’s, dass er nicht mehr droben bei ihr gewesen war. Als kleiner Junge, während der Vater unten am Fluss angelte, war er wohl etliche Male hinaufgelaufen, um sich das alte Gemäner anzusehen und daran herumzuklettern. Er hatte auch einmal dagestanden und auf etwas gewartet, das nicht kam. Und nachher, als grosser Junge, fast schon Mann, er mochte etwa in Ansis Alter gewesen sein, hatte er einen ganzen müssigen Tag dort oben zugebracht, mit nichts beschäftigt als mit dem grossen Staunen, wie es ja zumeilen die Jugend hat über sich und die Welt. Er war von innen an der Wand emporgeklettert. Wozu hatte er das getan? Bloss um durch eine der leeren Fensteröffnungen zu gucken. Er hätte dabei abstürzen und sich das Genick brechen können. — Wie ja so die Jugend allerlei Unnützes tut, aus Übermut, aus Waghalsigkeit und weil sie nicht weiss, wohin mit ihren Kräften. Aber seitdem war er nun nicht mehr oben gewesen. Als Bauernsohn, zumal als Ältester, der früh den Vater verlor, hatte er anderes zu tun gehabt als merkwürdige Gegenden aufzusuchen und sich die Welt durch ein Burgfenster zu betrachten.

So kannte also Wezrumba die Ruine, obwohl nur durch den Fluss von ihr getrennt, die meiste Zeit seines Lebens nur von ferne, eben als den gewohnten Anblick, der ihm nur dann entzogen war, wenn der Nebel, wie es nicht selten vorkam, so dick über dem Fluss lag, dass man das andere Ufer nicht sah. Dann war natürlich auch die Ruine nicht zu sehen.

Sewohnte Anblicke sollten sich tunlichst überhaupt nicht ändern. Wer aber genauer hinsieht, merkt mit der Zeit an allem eine Veränderung, sogar an den Sternen. Wezrumba hätte nicht genau anzugeben gewusst, in welchem Jahre seines Lebens jenes Stück von der Mauer weggebrochen war, das von ihren vormaligen vier Fenstern nur noch drei übrig liess. Vielleicht hatte er damals gerade mehr in die Augen des Mädchens Anne als in die der Ruine geguckt. Es kann ja im Leben mal das eine und mal das andere das Wichtigere sein. Jedenfalls liess sich feststellen, dass während der zweiundvierzig Jahre seines Lebens der gewohnte Anblick nicht unverändert geblieben war.

Aber ändern können sich nicht nur die Gegenstände, auch der Blick, mit dem der Mensch sie betrachtet, kann anders werden. Wezrumba sah, seit er den Gedanken mit den Steinen gefasst hatte, die Ruine mit anderen Augen an als zuvor. Frau Anne merkte das, aber sie fragte nicht. Sie wunderte sich, da sie eines Morgens früh den Mann damit beschäftigt fand, das Boot — es hatte in der Nacht geregnet — auszuschöpfen.

Er liess sich von Ansis die Ruder bringen. Was wollte er? Angeln? Dazu war doch wohl jetzt, da die Ernte des Korns nahe bevorstand, nicht die Zeit. Auch war nicht zu bemerken, dass er irgendein Fischgerät mitgenommen hätte. Aber vielleicht steckten drüben Setzangeln, die er nachsehen wollte. Weder sie noch Ansis taten eine Frage. Sie sah dem Mann kopfschüttelnd nach, wie er davonruderte. Ansis ging an die Arbeit, die ihm aufgetragen war.

„Seit dem Wirbelwinde ist er anders“, dachte die Bäuerin. „Und ich bin auch anders. Wenn nur beides gut wird!“

Der Riss in der Mauer

Der Bauer ruderte. Über den Fluss hinüberzurudern, war ihm nichts Ungewohntes. Als Flussbauer war er natürlich auch Fischer. Einträglich war die Fischerei nicht. Dazu lagen die Städte mit ihren Märkten als Abnehmer zu weit. Doch für den eigenen Tisch hatte er schon manchen schönen Fisch aus dem Fluss geholt. An seinem Ufer hatte er ja auch die Berechtigung dazu. Die Berechtigung galt bis zur Mitte des Flusses.

Aber auf einem so breiten, noch dazu strömenden Wasser, konnte man da wohl immer vom Boot aus genau bestimmen, wo die Mitte sei? Und war denn das auch wichtig? So ein Hecht, wie man ihn gerne fing, der war ja kein angebundenes Haustier, das seinen Stall kennt. Der schwamm her und hin, wie es ihm gerade einfiel. Da nahm er vielleicht den Köder auf der Wezrumbaschen Seite an und zog mit der Schnur auf die Seite des Staates hinüber. Oder er machte es umgekehrt. Dem Hecht war das einerlei und dem fischenden Bauern auch. Und darum hatte er sich schon manchesmal unvermerkt und sachte bis zum anderen Ufer hinübergefischt, war dort wohl auch ans Land gestiegen, um auf dem Trockenen seine Schnüre zu ordnen. Zur Burgruine war er dann aber nicht gegangen. Wozu sich den steilen Hang hinaufbemühen, wenn man dort oben doch nichts zu suchen hatte! — Jetzt aber hatte er dort etwas zu suchen, vielmehr er wollte sich’s ansehen, wie das mit den Steinen wäre, dass man sie sich im Winter holen könnte.

Während des Ruderns, das seine Aufmerksamkeit weiter nicht in Anspruch nahm, überkam ihn eine Kindheitserinnerung. Sie drängte sich ihm ungerufen auf. — Wie ja so manchesmal eine Erinnerung uns plötzlich wieder wach und lebendig wird, ohne dass wir müssten woher und warum gerade in dem Augenblick. — Er sah sich als kleinen Jungen zu Füssen der Grossmutter sitzen, die ihm Märchen erzählte. Aber für die Erzählerin selbst waren es keine Märchen, sondern lauter wahre Geschichten. So hatte sie ihm auch die Sage vom grauen Reiter erzählt und war fest überzeugt davon gewesen, dass alles sich genau so zugetragen habe, wie sie es von ihrer Grossmutter, und die wohl auch schon von der ihren hatte erzählen hören.

„Er ist grau wie der Nebel“, hatte die Grossmutter gesagt, wie der Nebel, wenn er so dick über dem Fluss liegt, dass man das andere Ufer nicht sieht. Auch das Pferd ist grau. Man kann ihm auch auf dem Fluss begegnen, aber natürlich nur im Winter, auf dem Eise. Öfters zeigt er sich oben bei der Burg. Er ist einer von den Rittern gewesen, die dort gewohnt haben. Im Fluss ist er ertrunken. Er ist grau wie der Nebel, auch das Pferd ist grau. Nur das Gesicht und die Hände sind weiss.“

Die Grossmutter hatte dann noch eine lange Geschichte von dem Ritter erzählt. Der Bauer erinnerte sich der Einzelheiten nicht mehr genau. Der Ritter war vor etwas gewarnt worden. War es, dass er die Burg zu einer bestimmten Zeit nicht hätte verlassen dürfen oder, nachdem er daraus fortgeritten, nicht zu ihr hätte zurückkehren sollen? Oder war er im Frühjahr über das Eis geritten, als es schon unsicher war? Oder war nicht auch von einem Liebchen die Rede gewesen, das der Ritter nicht hätte zu sich nehmen sollen, und er hatte sie doch auf die Burg gebracht? Wonach denn ein grosses Unglück entstanden war, nicht nur für ihn und für das Liebchen, sondern für alle seine Leute und für das ganze Land. — Die Grossmutter hatte viele Märchen und Sagen erzählt, und der Bauer brachte sie in der Erinnerung durcheinander. Nur dessen entsann er sich noch genau, dass die Grossmutter gesagt hatte: „Er ist ein Warner. Wer etwas vor hat, und ihm erscheint der graue Reiter, der soll von seinem Vorhaben lassen. Er hat selber nicht auf Warnungen gehört. Nun warnt er andere. Er sagt nichts, er ruft nichts, er winkt nur mit der Hand. Dann weiss man schon, was es bedeutet.“ Und sie hatte Beispiele berichtet von solchen, denen der graue Reiter erschienen war, und sie hatten auf seine Warnung gehört, und von anderen, die hatten nicht darauf gehört, und dann war jedesmal ein grosses Unglück daraus entstanden, für sie selber und auch für andere.

Der kleine Junge hatte es der Grossmutter nicht geglaubt. Er hatte sie ausgelacht. Bei der nächsten Gelegenheit aber, als der Vater ihn wieder zum Angeln mitnahm, war er doch noch einmal zur Ruine hinaufgelaufen und hatte gewartet, ob ihm der graue Reiter erscheinen wollte. Er hatte, da nichts kam, zu rufen angefangen: „Grauer Reiter! Grauer Reiter!“ Der war ihm aber nicht erschienen. Da hatte er nachher der Grossmutter gesagt, dass sie lügt. Die Grossmutter hatte dazu nur milde mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: „Ich weiss, was ich weiss. Du bist ein Dickkopf und hörst schon jetzt auf keine Warnungen. Ich habe dich vor der Katze gewarnt, als sie Junge hatte, und sie hat dich doch gekratzt, weil du sie nicht in Ruhe liessest. Möge also der graue Reiter dir nie erscheinen, denn du würdest auch auf seine Warnungen nicht hören. — Geh und hole mir die Milch aus dem Keller!“ — Das hatte er folgsam getan. Denn die Milch war ja auch für ihn.

Der Erinnerung nachlächelnd, hatte der Bauer nicht bemerkt, wie er sich von der Strömung hatte abtreiben lassen. Er musste mit dem Rudern tüchtig aufholen, um nicht zu weit unterhalb der Burg zu landen. An geeigneter Stelle liess er das Boot im Flachen auflaufen und befestigte es im Schilf, dass es nicht mit der Strömung davonschwamm. Er stieg an Land und suchte nach dem Pfade, der zur Burg hinaufführte. Am ebenen Uferstreifen unterhalb des steilen Hangs lagen Steine. Sie mussten von der Burg herabgekollert sein. So weit wirkte sich ihr Verfall aus, bis ans Wasser. Der Pfad war als solcher kaum mehr zu erkennen, so sehr war er zugewachsen. Einstmals mochte es ein, wenn auch steiler, doch gangbarer Weg von der Burg herab zum Fluss gewesen sein. Aber längst hatten Strauch und Kraut und Baumgeäst sich über ihm geschlossen. Auch war wohl schon lange niemand mehr hier gegangen. Im Gras und auf dem Sande des Ufers zeigte sich nichts, das der Spur eines Menschen geglichen hätte. Nur ein Reh hatte den feinen Spalthuf im feuchten Schlamm abgedrückt.

Der Bauer fand den Pfad. Er klomm durch das Dickicht aufwärts. Oben angelangt, brauchte er eine Weile, um sich zurechtzufinden. So anders sah alles aus, als er es in der Erinnerung hatte. Früher hatten um die Burg nur wenige alte Bäume gestanden, zwischen ihren Stämmen den Blick nach allen Seiten freigebend. Jetzt war alles rundherum zugewachsen von jungem Baumvolk, das keck bis in das Innere der Burg vorgedrungen war. Selbst vor den noch aufrecht stehenden Resten des alten Baus hatte das junge Wachstum nicht Halt gemacht. Einzelne Bäumchen hatten kühn begonnen, Turm und Wand zu erklimmen, als sei das Mauerwerk auch nichts anderes als ein Stück Erde, darauf sich’s wachsen liess. Es lagen auch nirgends mehr Steinhaufen offen zutage. Gras und Disteln deckten sie zu, rankige, stachliche Sträucher hatten sie übersponnen. Schon lange schien niemand mehr Steine von hier geholt zu haben.

„Da müsste man ja erst ein Stück Wald roden, um an die Steine heranzukommen“, sagte sich der Bauer. Es war eine Mühe, mit der er nicht gerechnet hatte. Er trat dicht an die aufrechtstehende Mauer heran, dass er von unten an ihr hinaufsah. Ja, er erkannte sie wieder, nur dass seitlich ein Stück von ihr fehlte, mit dem vierten Fenster darin. An den drei noch vorhandenen hatte sich nichts geändert. Sie schlossen sich jedes nach oben in dem spitzen Bogen, der an die Fenster einer Kirche denken liess. In der Kirche, die der Bauer kannte, hing über dem Altar ein Bild, darauf war eine Frau dargestellt, die ihre Hände betend zusammenhielt. Wie sich ihre Fingerspitzen berührten, das machte denselben spitzgerundeten Bogen wie die Fenster mit ihrem Abschluss nach oben. — „Betende Fenster“, dachte der Bauer.

An der geringeren Verwitterung des Gesteins war die jüngste Abbruchstelle noch deutlich zu erkennen. Sie verlief fast senkrecht. Sonst nicht wahrnehmbare Verlagerungen oder Senkungen des Grundes, auf dem die Burg stand, mochten Ursache dafür gewesen sein, dass der Abbruch in dieser Weise erfolgt war. Das Mauerstück war nach innen gefallen, wie sich an dem gleichfalls schon überwucherten Steinhaufen feststellen liess, der dort lag. Überhaupt hatte sich der Einsturz der Ruine bisher in der Weise vollzogen, dass das meiste davon nach innen gefallen oder in sich zusammengesunken war. Anders, verhielt es sich mit den Steinen, die unten am Fluss lagen. Die waren nach aussen gefallen und den steilen Hang hinuntergerollt. Da lagen sie nun am Wasser, wo das Ufer unter dem Hang eben und flach war. Hochwasser und Eisgang konnten über sie hingehen. Hochwasser und Eisgang hatten auch an dem Hang geschürft und ihn unterhöhlt. Aber wenn kein Hochwasser war, lagen die Steine frei.

„Es ist sehr schade“, dachte der Bauer, „dass das Mauerstück nicht nach aussen gefallen ist. Dann läge der ganze Steinhaufe unten, wo es für mich am bequemsten wäre, mir das Nötige davon zu holen. Es wüchse dort auch nicht so viel Gestrüpp darauf infolge des Hochwassers. In jedem Fall wird es mühevoll sein, die Steine erst an den Fluss hinunterzuschaffen. Hier oben ist es unbequem, an sie anzukommen.“

Er betastete die Wand. Dabei entdeckte er einen Riss. Der Riss zog sich, unten dünn beginnend und sich nach oben ein wenig verbreiternd, in nicht gerader, aber im ganzen senkrechter Richtung die Mauer hinauf bis unter die Mitte eines der drei Fenster. Es war, so von innen gesehen, das Fenster rechts. Ob der Riss sich auch darüber noch bis zum oberen Rande der Wand fortsetzte, liess sich von unten her nicht erkennen. Dazu befand sich das Fenster zu hoch. Auch behinderte ein Bäumchen, das aus dem Spalt wuchs, die Sicht.

Der Riss gab zu denken. Offenbar war wieder ein Stück der Mauer im Begriff, sich aus seinem Verbande zu lösen und wegzubrechen. Tat es das und stürzte es gar nach aussen, nun, dann trat ja eben das ein, was der Bauer sich wünschte. Er wünschte es sehr.

Ursprünglich hatte es nicht in seiner Absicht gelegen, dem alten Gemäuer, soweit es noch aufrecht stand, zu Leibe zu gehen. Seinen Kalender, sein Wetterglas, seine Stundenuhr und den gewohnten Anblick, den die Ruine ihm bot, hätte er nach Möglichkeit gerne geschont. Man vergreift sich nicht unnötig an Sachen, die eine gewisse Ehrwürdigkeit haben, wie solche Fenster, die an betende Hände erinnern. Wenn es nun aber mit dem Steineholen so viel umständlicher war, als er es sich vorgestellt hatte, und wenn doch der Riss schon da war, wenn also das Werk einer weiteren Vernichtung der Ruine schon von selber im Gange war — — — sollte man da nicht darüber nachdenken dürfen, ob und wie sich dieser Vorgang vielleicht auf eine vorsätzliche Art beschleunigen liesse? — Je länger er hinsah, desto deutlicher erkannte er: „Ein Stück der Mauer, ein beträchtliches, bricht weg. Aber wann geschieht das? An der Zerstörung arbeiten die Nässe, der Frost und auch die Pflanzen. Wurzeln haben sprengende Kraft. Da wächst ein Stück unterhalb des Fensters ein Ebereschenbäumchen aus dem Spalt. Knollig zwängt sich der Ansatz des Stammes daraus hervor. Es arbeitet am Riss. Aber das sind langsame Arbeiter. Es kann ein Jahr, es können Jahre darüber vergehen, bis der Riss sich merklich verbreitert. Eine senkrecht geplatzte Mauer kann noch lange stehen.“

Ein Mensch, der bauen will, lässt sich nicht gern auf lange Geduld ein. „Das Vieh braucht den neuen Stall“, sagte er sich. „Länger als einen Winter noch kann es nicht darauf warten. Und ich kann auch nicht warten. Also — was ist zu tun, damit das Manerstück, das fallen will, schneller fällt?

„Es sind gewaltig dicke Mauern. So ein Stück davon gibt mehr her, als man zu einem Stall braucht. Die Ritter haben kräftig gebaut, das muss man sagen.

„Freilich, es hat ihnen, auf die Dauer gesehen, auch nichts genützt. Die Burg ist verfallen. Aber natürlich, wenn man die Sachen verwahrlosen lässt, dann gehen sie zugrunde. Eines steht jedenfalls fest: Stein hält länger als Holz, und wer daraus baut, der kann dabei weiter denken als nur an Kind und Kindeskind. Man sieht es ja an den Grabsteinen auf dem Friedhof. Wie schnell verfaulen die Holzkreuze und fallen um. Uber so ein Stein mit seiner Inschrift, der hält, man sollte fast meinen, bis zum Jüngsten Tage.“

In der Stadt, in die der Bauer selten kam, standen merkwürdige Figuren: Männer aus Erz auf Sockeln aus Stein. Man hatte ihm gesagt, dass das Denkmäler seien, und ihm auch die Namen der erzenen Männer genannt. Nun, ein Denkmal wollte auch er sich setzen, er sich bei Lebzeiten. Und da sollte auch sein Name darauf angebracht sein, in Stein gehauen, wenigstens die Anfangsbuchstaben: K.W.

So sollte es über der mittleren der drei Türen des neuen Stalles, der wie der alte in Schuppen, Pferde- und Viehstall geteilt sein würde, zu lesen sein. So hatten es auch zu ihrer Zeit die Barone gemacht, wenn sie bauten. — Wer baut, der setzt sich damit ein Denkmal.

„Ansis wird den Hof erben“, dachte der Bauer weiter. „Und wenn Ansis Herr des Hofes sein wird, und wenn er Kinder haben wird, darunter einen Ältesten, und der wieder Kinder, und so fort, dann wird das immer noch der Stall sein, den ich, Karlis Wezrumba, aus den Steinen der Ruine gebaut habe, mit Ansis zusammen. So etwas vergisst sich nicht in Generationen. Das wird das Denkmal sein, das ich mir setze, unzerstörbar, soweit etwas auf Erden unzerstörbar ist, und mein Name wird unvergessen sein, solange die Wezrumbas auf dem Hofe leben werden, und das werden sie voraussichtlich bis zum Jüngsten Tage!“

Der Bauer untersuchte den Riss. Er dachte an Schiesspulver. Irgendwann einmal hatte er zugesehen, wie man Steine mit Pulver sprengte. Aber das hatte seine Bedenken: „Pulver ist eine gefährliche Sache, und man muss die Kenntnisse haben, richtig damit umzugehen. Auch macht es Lärm. Bei so vielen Dingen im Leben ist es besser, sie gehen ohne Lärm vor sich.

„Aber gibt es nicht noch anderes, das sprengende Kraft hat, ausser der Nässe, dem Frost und den Pflanzen, diesen langsamen Arbeitern?

„Holz, dieser vergängliche Baustoff, Holz hat sprengende Kraft, lebendes Holz hat es, totes auch. Wenn es nass wird, quillt es. Ein Holzkeil hat sprengende Kraft. Wenn er nass wird, vermehrt sich die.“

Das war ein grosser, ein ersinderischer Gedanke. Da sah man es, von woher Attis, der zweite, seine Erfindungsgabe hatte. Mochte Attis, der künftige Tischler, es sein Leben lang mit Holz zu tun haben, er, der Vater, würde es mit Stein zu tun haben, aber das Holz musste helfen, die Steinmauer auseinanderzusprengen.

Er sah an der Mauer in die Höhe. Das Ebereschenbäumchen, das aus dem Spalt wuchs, verhinderte ihn daran, festzustellen, in welcher Weise der Riss nach oben verlief. Er änderte seinen Standpunkt, aber dann standen wieder die Sträucher vor. Man hätte, um sich über die Beschaffenheit des Risses Klarheit zu verschaffen, an der Wand hinaufklettern müssen. Und dabei konnte vielleicht noch eine sehr wichtige Feststellung zu treffen sein: Zeigte die Mauer vielleicht schon die Neigung, ob sie nach aussen oder nach innen fallen wollte? An einer solchen Neigung würde sich kaum etwas ändern lassen. Immerhin war es nicht gleichgültig, in welcher Weise man dem Einsturz nachhalf. Holzkeile, wenn man solche verwandte, konnten in den Spalt von innen oder von aussen getrieben werden. Von aussen wäre es schwieriger gewesen, an der Mauer hinaufzugelangen. In jedem Falle brauchte man dazu eine lange Leiter. Glücklicherweise war er im Besitz einer solchen. Sie hing auf dem Hof an der Hauswand.

Aber ging es nicht auch ohne Leiter? Der Bauer erinnerte sich, wie er als grosser Junge, fast schon Mann, ganz unnützerweise an eben dieser Wand hinaufgeklettert war. War es nicht gar dasselbe Fenster, zu dem der Riss hinaufverlief? Was damals möglich gewesen war, sollte es heute unmöglich sein? War er schwächer geworden? Oder war der Mann weniger mutig, als der Jüngling gewesen war? Ja, damals war es wohl Übermut. Aber jetzt hatte es einen Sinn.

Die Wand war nicht glatt. Längst waren aller Putz und alle Glättung von ihr abgefallen. Sie hatte Vorsprünge und Löcher. Deutlich zeichneten sich noch die Stellen ab, an denen die Holzteile des Baues ihre Verbindung mit der Mauer gehabt hatten. Wer gut Klettern konnte, der kam wohl, wenn auch nicht ohne Mühe und Gefahr, an der Wand hoch, wenigstens ein Stück weit.

Da war das Ebereschenbäumchen. An dieses konnte man sich halten. An seinem Ansatz hatte der Stamm etwa die Dicke eines Handgelenks. Er strebte mit einer Biegung nach oben und trug ein buschiges Krönchen aus Laub, daran die Beeren noch nicht reif waren. Wenn sie sich röteten, würden die Vögel kommen, sich den Leckerbissen holen. Man konnte sich wundern, wie aus so sprödem Boden die Pflanze die Kraft zu so stattlichem Wuchse zog.

Bis zum Ansatz des Stammes liess es sich wohl ohne Gefahr klettern. Nachher half der Stamm weiter. Wie es darüber hinaus weitergehen würde, war nicht ersichtlich. Die Fenster gehörten zu einem oberen Stockwerk. Man sah in der Mauer noch die Ansätze der Balkenlage. Auch schien etwas wie ein Kamin hinaufgeführt zu haben. Sonst wäre der Bauer wohl auch als Junge nicht hinaufgelangt. Damals war er’s. Also — warum nicht auch jetzt?

Es ist ja zuweilen so, dass der Mensch sich selber etwas beweisen möchte, was ihm niemand bestreitet, wenn er’s nicht selber tut. Der Bauer spuckte in die Hände und fing an zu Klettern.

Es war ihm dabei zu Mut, als warne ihn etwas. Aber das war wohl nichts als eine kleine Angst, und die war ja gerade das, was er sich nicht zugestehen wollte.

Bis zum Ebereschenbäumchen ging’s gut und auch noch höher, so weit das Stämmchen Stütze und Halt bot. Die Zweige kamen dafür nicht in Betracht. Der Bauer Wezrumba war ein schwerer Mann, und ein solcher kann sich nicht auf dünne Zweige setzen wie ein Vogel. Das Ebereschenbäumchen konnte ihm nicht weiter helfen. Er musste es, wollte er höher hinauf, loslassen. Und hier nun trat für den Kletternden der Augenblick des Zagens ein. Jeder, der sich auf ein gewagtes Unternehmen eingelassen hat, kennt diesen Augenblick. In der Schlacht kennt ihn der Feldherr so gut wie der einfache Soldat. Es kennt ihn der Bergsteiger. Es kennt ihn sogar auch der Denker, dieser müssige Mensch, der sich auf den Weg eines gewagten Gedankens begeben hat. Es kennt ihn der Künstler bei seinem Werk.

Der Augenblick des Zagens rät zur Umkehr. Der Mensch verwünscht sein Vorhaben. — Welcher Teufel hat mich geplagt?“ — denkt der Mensch. Und: „Kann ich überhaupt noch zurück?“

Aber das ist gerade der Punkt, an welchem sich die Geister scheiden. Der eine kehrt um, wenn er’s noch kann. Der andere sagt sich: „Vorwärts!“ Es ist ein herrliches Wort. Es gibt nur wenige so gute.

„Vorwärts!“ sagte sich der Bauer. Er liess die als Halt schon zu dünne Spitze des Bäumchens los, und wirklich ging es noch ein Stück weiter in die Höhe, nur dass dabei mit jedem klammernden Griff der Hände, mit jedem tastenden Suchen der Füsse an Vorsprung und Loch der Mauer die Höhe nach unten hin zunahm.

Aber dann war es doch aus. Die Hände fanden keinen Griff, die Füsse keinen Halt mehr. Wär’s eine Treppe gewesen, so hätten bis zur unteren Kante des Fensters nur noch wenige Stufen gefehlt.

Ein vernünftiger Mensch sieht eine Unmöglichkeit ein. — „Ich hätte es doch nicht ohne die lange Leiter versuchen sollen“, sagte sich der Bauer. —

Ehe er an Umkehr dachte, nahm er seinen erhöhten Standpunkt wahr, um sich den Riss bis oben genauer anzusehen. Seine Vermutung bestätigte sich: Der Riss setzte sich über dem Fenster fort. Die Spitze des Bogens klaffte ein wenig. Die betenden Hände hatten sich aus der Berührung der Fingerspitzen gelöst. Auch erschienen sie gegeneinander verschoben, und zwar so, dass der Bauer daraus mit freudigem Schreck die Gewissheit gewann: Die Wand fällt nach aussen!

Also konnte er auch befriedigt umkehren. Aber das war ja nun nicht so ganz einfach. Abwärts ist es ja oft schwerer als aufwärts. Die Füsse sehen nicht, wohin sie treten. Aufwärts haben die Augen für die Füsse gedacht, abwärts sollen die Füsse selber klug sein. Der Bauer schaute unter sich. Es kam ihm vor, als sei die Mauer, während er an ihr klebte, gewachsen. Das Gefühl des Schwindels kannte er nicht. Sein Kopf blieb Klar, sein Blick sicher. Er redete sich selber Mut zu. „Falle ich“, sagte er sich, „so braucht es auch nicht gleich das Genick und das Leben zu kosten. Vielleicht breche ich ein Bein. Dann mag nachher die Frau sagen, es sei ein Glück, dass ich nicht beide Beine gebrochen habe. Vielleicht aber breche ich mir gar nichts. Wenn ich nur schon bis zum Ebereschenbäumchen gelangt wäre! Es würde mir auch abwärts gute Dienste leisten.“

An der Stelle unter ihm lagen die Steine, wie auch sonst rundherum, nicht nackt zutage. Sie waren mit Gras und Moos überdeckt. Dennoch musste es hart sein, auf sie hinabzustürzen. Der Schatten der Ruine breitete sich über den Platz. Wezrumba selber befand sich im Schatten. Vorsichtig liess er sich weiter hinab.

Glitt ihm die Hand ab oder der Fuss? Sass ein Stein, auf den er trat, locker? Hilflos griffen die Hände ins Leere. Die eine bekam etwas zu fassen. Es trug ihn nicht, aber es gab seinem Fall eine andere Richtung.

Ansis, der eben den Braunen, mit dem er geackert hatte, abschirrte, hörte einen Schrei, der von der anderen Seite des Flusses zu kommen schien. Da sich aber dort trotz genauen Hinsehens nichts bemerken liess, daraus sich die Herkunft des Schreies hätte erklären lassen, nahm Ansis ruhig dem Braunen das Kopfgeschirr ab, legte ihm den Zaum an und führte ihn in den Stall. Aber der Schrei wollte ihm nicht aus dem Sinn. Der Vater war drüben mit dem Boot. Ansis ging noch einmal zurück zum Fluss. Nichts zeigte sich.

In dem Augenblick, als Wezrumba den Halt verlor, sah er unter sich etwas vorüberhuschen. Es war wie ein Schatten. Aber da lag ja schon der Schatten der Ruine. Wie kann denn ein Schatten in den anderen fallen? Es hatte aber, wenn er es sich nachher vorstellte, genau so ausgesehen wie der Schatten eines Reiters im Sprung: Der Reiter nahm mit seinem Pferde ein Hindernis. Der Schatten davon war unter dem Abstürzenden vorübergehuscht, genau im Augenblick des Sturzes. — War dieser Schatten nicht grau gewesen?

Das Ebereschenbäumchen, als hätte es dem Stürzenden noch schnell einen Zweig hingereicht, sich daran zu klammern, hatte, biegsam die Richtung des Falles zur Seite ablenkend, den Bauern, wenn auch nicht eben sanft, so doch mit Schonung mitten in einen Strauch hinein abgesetzt. Es selber hing danach schräg herab.

Nachdem der Bauer zunächst einmal festgestellt hatte, dass er am Leben und bei Besinnung sei, richtete er sich in eine sitzende Stellung auf und befühlte seine Glieder. Stirn und Hände bluteten. Aber das kam wohl nur von den Sträuchern, durch deren dichtes Gezweig er durchgestürzt war. Gebrochen hatte er nichts.

,,Augenblendwerk!“ murmelte er. „Was man im Schreck nicht alles zu sehen glaubt! Wo sollte denn der Schatten eines Reiters hergekommen sein? Mein eigner Schatten ist es gewesen, den ich gesehen habe. Wie das bei dem Stande der Sonne möglich war, begreife ich nicht.“ — Er betrachtete seine blutenden Hände. — „Die Katze hat mich gekratzt“, dachte er. „Habe ich nicht im Fallen auch noch die Katze der Grossmutter gesehen?“ — Und so hinterher erst wurde er sich auch dessen bewusst, dass er im Sturz einen Schrei ausgestossen hatte. Es war ihm aber, als habe ein anderer für ihn geschrien. Er stand auf, überzeugte sich noch einmal davon, dass alle Glieder heil waren, und stieg langsam den Pfad abwärts zum Fluss.

Ehe er sich ins Boot begab, suchte er sich unter den Steinen, die am Ufer lagen, einen recht grossen, schweren aus. Den nahm er mit. Und während er sich mit dem Ruder vom Lande abstiess, dachte er noch: „Was man im Schreck nicht alles sieht!“ Aber den Stein mitzunehmen, wenn’s auch nur einer war, machte ihm Freude. Er lachte den Stein an und begann zu rudern.

„Es war mein eigener Schatten, nichts weiter“, sagte er sich noch einmal.

Darmowy fragment się skończył.

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170 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711593097
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Bookwire
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