Czytaj książkę: «Kapitalismus und Opposition»

Czcionka:

Herbert Marcuse

Kapitalismus und Opposition

Vorlesungen zum eindimensionalen Menschen

Paris, Vincennes 1974

Herausgegeben von Lisa Doppler,

Peter-Erwin Jansen und Alexander Neupert-Doppler

Mit einer Einleitung von Roger Behrens


© 2017 zu Klampen Verlag ∙ Röse 21 ∙ 31832 Springe

www.zuklampen.de

Umschlaggestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH · Hamburg, unter Verwendung eines Marcuse-Portraits (© Ulf Andersen)

Satz: Germano Wallmann · Gronau · www.geisterwort.de

Druck: Bookfactory Buchproduktion GmbH · Bad Münder

ISBN 978-3-86674-688-6

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Zurück nach Paris Vorwort

Um der Hoffnungslosen willen. Marcuses kritische Theorie der Praxis Roger Behrens

Die Pariser Vorträge. Globaler Kapitalismus und radikale Opposition

1 Monopolkapitalismus und Opposition

2 Die Ideologie der postindustriellen Gesellschaft

3 Integration ins etablierte System

4 Auflösung der Vaterfiguren

5 Neoimperialismus und Klassenkonstitution

6 Konsumkapitalismus

7 Kritisches Bewusstsein und Revolte

Die »entfremdete Arbeit« durch Kreativität ersetzen. Interview mit Herbert Marcuse, »Le Monde« 1974

Verschwunden, aber nicht vergessen. Die Reformuniversität Vincennes Lukas Wieselberg

»Das Buch wird ein großer Erfolg« (Leo Löwenthal, 1964). Peter-Erwin Jansen und Detlev Claussen im Gespräch zu Der eindimensionale Mensch

Literaturverzeichnis

Autoren und Herausgebende

Herbert Marcuse – Nachgelassene Schriften

Anmerkungen

Zurück nach Paris1

Vorwort

Die Anekdote, dass Herbert Marcuse ausgerechnet am 1. Mai 1968 in Paris eintraf und dann von dort am 12. Mai nach Berlin weiterreiste, ist bekannt und wurde immer wieder, vor allem in der bürgerlichen Presse jener Zeit, zu einer Art öffentlichem Geheimnis stilisiert.2 So, als ob die zufällige Anwesenheit des Theoretikers irgendwie die politischen Proteste und Barrikadenkämpfe des sogenannten Pariser Mai ausgelöst hätte, um dann weiterzureisen zu den Revoltierenden nach Berlin oder Berkeley.

Marcuse hat freilich die Besetzung der Universität Sorbonne am 3. Mai, die Barrikadenkämpfe am 10. Mai und die wilde Streikbewegung ab dem 14. Mai teilweise als Augenzeuge miterlebt und die weiteren Ereignisse durchaus kritisch zur Kenntnis genommen. Ein Jahr später schreibt er 1969 in seinem Versuch über die Befreiung über die soziale Kraft der Fantasie, wie sie sich in der Wandparole »Die Phantasie an die Macht« an der besetzten Sorbonne ausdrückte: »Die Phantasie solcher Männer und Frauen würde ihre Vernunft bilden und tendiert dazu, den Produktionsprozeß zu einem Schöpfungsprozeß zu machen. Dies ist die utopische Konzeption des Sozialismus. […] Sie war die großartige, reale transzendierende Kraft, die idee neuve bei der ersten machtvollen Rebellion gegen das Ganze der bestehenden Gesellschaft, der Rebellion für die totale Umwertung der Werte, für qualitativ andere Lebensweisen: der Mai-Rebellion in Frankreich.«3 Die letzten zehn Jahre seines Lebens, bis zu seinem Tod am 29. Juli 1979, wurde dieser Kampf um qualitativ andere Lebensweisen zum bestimmenden Thema seiner Philosophie und Veröffentlichungen. Gespeist von älteren Arbeiten, etwa seiner Studie zu Freud Triebstruktur und Gesellschaft (1955) oder seiner Kritik des Sowjetmarxismus (1958), entstanden die vielgelesenen Schriften über Repressive Toleranz (1970), Konterrevolution und Revolte (1972), Marxismus und Feminismus (1974) und das Scheitern der Neuen Linken? (1975). Das Buch jedoch, das in den sozialen Kämpfen dieser Zeit am stärksten wirkte und rezipiert wurde, war zweifellos Der eindimensionale Mensch von 1964.

Zehn Jahre nach dessen Erscheinen und sechs Jahre nach dem Pariser Mai kehrte Marcuse nach Paris zurück, um zwischen dem 10. April 1974 und dem 10. Mai 1974 insgesamt sieben Vorlesungen am Vincennes-Campus der Universität Sorbonne zu halten. Mitschriften dieser Vorlesungen, die Peter-Erwin Jansen, einer der fünf Direktoren der Internationalen Herbert-Marcuse-Gesellschaft (Sektion Europa), im Marcuse-Archiv entdeckt hat, werden hier erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht und damit der philosophischen und politischen Diskussion zugänglich gemacht. Jansen und sein amerikanischer Kollege Charles Reitz hatten diese Dokumente 2015 unter dem Titel Paris Lectures in den USA publiziert. Die Übersetzung ins Deutsche, die in diesem Band unter dem Titel Kapitalismus und Opposition – Vorlesungen zum eindimensionalen Menschen vorliegt, besorgten Lisa Doppler und Alexander Neupert-Doppler. Von Lisa Doppler stammt außerdem die Übersetzung des Interviews aus dem Französischen, das Herbert Marcuse am 10. Mai 1974 der Zeitung »Le Monde« gegeben hat. Roger Behrens, ein ausgewiesener Experte der Kritischen Theorie im Allgemeinen und der Gesellschaftskritik Marcuses im Besonderen, leistet in seinem Beitrag eine erhellende Einordnung der Pariser Vorträge in den Kontext von Marcuses Gesamtwerk. Wir sind ihm dankbar für die Unterstützung des Projekts, über dessen Hintergründe und Bedeutung wir uns im Folgenden äußern. Für das Wissenschaftsmagazin »Science« des Österreichischen Rundfunks recherchierte Lukas Wieselberg die außergewöhnliche Geschichte der Reformuniversität Vincennes. Als Gegenentwurf zur Sorbonne, die schon nach einem Jahr der Pariser Mai-Revolte erneut in ein hochschulpolitisch konservatives Fahrwasser geriet, entstand in einem Wald am Stadtrand von Paris eine chaotisch organisierte, aber intellektuell äußerst bedeutende, alternative und kritische Bildungsinstitution. Wieselberg erklärte sich großzügig bereit, das Manuskript der Sendung für diese Ausgabe zu überarbeiten, wofür wir ihm herzlich danken. Anlass des hier abgedruckten Gesprächs zwischen Detlev Claussen und Peter-Erwin Jansen war das 50. Jahr des Erscheinens der amerikanischen und in diesem Jahr der deutschen Ausgabe von Der eindimensionale Mensch.

Die hier veröffentlichten Reden eignen sich als Einführung in Marcuses Theorie insgesamt und als Ergänzung zu Der eindimensionale Mensch. Es finden sich Argumente aus den 1960er und 1970er Jahren, die auch für die heutigen Diskussionen über Kapitalismus und Opposition Anknüpfungspunkte bieten. Die Titel der einzelnen Vorträge wurden von der Herausgeberin und den Herausgebern gewählt. Damit soll der weite Bogen angedeutet werden, den Marcuse 1974 in Paris gespannt hat. Ausgehend von seinen Beobachtungen zur Gesamtlage des Monopolkapitalismus (1) untersucht Marcuse die mögliche Bildung von kritischem Bewusstsein gegen die Ideologie der postindustriellen Gesellschaft (2) und gibt eine Definition dessen, was er die kapitalistische Integration der Massen nennt (3). Im Hinblick auf eine Revolution des 20. oder 21. Jahrhunderts und das Fehlen von Vaterfiguren in der Politik (4) fragt er nach der Bedeutung des Neoimperialismus (5), und nach den Kräften des Wandels im Konsumkapitalismus (6) der möglichen Opposition. Für seine kritische Haltung spricht, dass er weniger Prognosen zur Überwindung des kapitalistischen Systems abgibt, sondern auf einen für ihn grundlegenden Widerspruch hinweist und danach fragt, wie sich dieser in Bewusstsein und Revolte ausdrücken könnte (7).

»Die erweiterte Akkumulation erfordert Güter und Güterproduktion über die Reproduktion der Arbeitskraft hinaus, über die Lebensnotwendigkeiten hinaus. Das bedeutet Produktion für den Bereich der Freiheit und Vergnügung. Aber die Befriedigung dieser Bedürfnisse innerhalb des kapitalistischen Systems benötigt und bedingt lebenslänglich andauernde Arbeit, bedingt nicht nur die Aufrechterhaltung, sondern die Ausdehnung der Mühen entfremdeter Arbeit auf andere Bevölkerungsschichten, bedingt die Fortsetzung der Vollzeitausbeutung. Dies ist die Ausprägung des Widerspruchs im 20. Jahrhundert. Auf der einen Seite die steigende Produktion von Gütern, die ein Reich der Freiheit, Freude und kreativer Betätigung schaffen könnte. Auf der anderen Seite die Aufrechterhaltung der Mühen und entfremdeter Arbeit, um diese Güter zu erwerben und zu verkaufen und in Freiheit zu genießen.«4

Marcuses »Widerspruch des 20. Jahrhunderts«, die Zunahme des gesamt gesellschaftlichen Reichtums bei gleichzeitiger Vorenthaltung der gesamtgesellschaftlichen Verfügung, ist auch für das 21. Jahrhundert noch aktuell. Wenn die kritischen Analysen stimmen, wonach es sich bei der Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008 auch um eine Überakkumulationskrise handelt, verweist dies auf die Aktualität seiner Überlegungen. Dem mittlerweile globalisierten Weltkapital fehlen Verwertungsmöglichkeiten, die Weltgesellschaft ist demnach für den Kapitalismus zu reich geworden. Sowohl der Sozialabbau in den reichen Industrieländern als auch die fortwährende Verelendung und Verarmung im sogenannten globalen Süden stehen im Widerspruch zu den heute vorliegenden Möglichkeiten eines guten Lebens für alle. Gleichwohl gehört es zu den besonderen Verdiensten Marcuses, beständig zu betonen, dass nur die praktische Bewusstwerdung oppositioneller Subjekte in der Lage wäre, diesen objektiven Widerspruch zu lösen.

Auf dieser Denkleistung beruht das in den letzten Jahren wieder zunehmende Interesse an Marcuses Theorie. Zum 50. Jubiläum des Eindimensionalen Menschen gab es ungewöhnliche Formen der Erinnerung, zum Beispiel die durch zahlreiche deutschsprachige Städte tourende Bühnenshow Der eindimensionale Mensch wird 50. Nicht nur der Publizist Thomas Ebermann (Jahrgang 1951), sondern auch deutlich jüngere Akteure, wie der Schauspieler Robert Stadlober (Jahrgang 1982) und der Musiker Andreas Spechtl (Jahrgang 1984) traten vor einem durchaus auch jungen Publikum mit Texten und Songs zu Marcuses bekanntestem Werk auf. Sicherlich dürfen wir zudem gespannt sein, was uns 2018, zum 50. Jubiläum der Revolte von und nach 1968, bevorsteht. Einen Marcuse-Kongress im März 2018 in Berlin hat bereits die Gesellschaft für Psychologie unter dem Titel Die Paralyse der Kritik: Eine Gesellschaft ohne Opposition (Herbert Marcuse) angekündigt.

Unabhängig von solchen Jubiläen hat Peter-Erwin Jansen in den Jahren zwischen 1998 und 2009 bei zu Klampen insgesamt sechs Bände mit nachgelassenen Schriften herausgegeben. Zeitgenossen, einstige politische Aktivisten oder Experten des Werkes von Herbert Marcuse wie Oskar Negt, Gerhard Schweppenhäuser, Alfred Schmidt, Wolfgang Kraushaar, Detlev Claussen und Iring Fetscher, trugen dazu Einleitungen bei, die beständig um die Frage der Aktualität Marcuses für heute kreisen.

Die letzte populärere Einführung in das Werk Herbert Marcuses dürfte hingegen, abgesehen von Roger Behrens Band Übersetzungen – Studien zu Herbert Marcuse aus dem Jahre 2000, von Hauke Brunkhorst und Gertrud Koch aus dem Jahr 1987 stammen. Nachdem der letzte große akademische Kongress 2003 zur Aktualität der Philosophie Herbert Marcuses anlässlich der Bestattung seiner Asche auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Freien Universität Berlin stattgefunden hat,5 war es in den folgenden Jahren bis 2010 publizistisch eher ruhig um Marcuse. Erst 2014, das Jubiläumsjahr der Erstveröffentlichung von Der eindimensionale Mensch, rückte Marcuse wieder stärker in die Öffentlichkeit. Die drei umfangreichen Analysen von Tim B. Müller, Rafele Laudani und Robert Zwarg eröffneten in den letzten Jahren erneut eine Diskussion einerseits über Marcuses Analyse-Tätigkeit im Office of Strategic Services6 und andererseits über den Einfluss Marcuses auf die Theorieproduktion in der amerikanischen scientific community.

Von der Situation in der Bundesrepublik Deutschland unterscheidet sich die Rezeption in den USA, wo die Internationale Herbert-Marcuse-Gesellschaft seit 2005 alle zwei Jahre große, internationale Kongresse an renommierten amerikanischen und kanadischen Universitäten durchführt. Gerade die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Latein- und Südamerika weisen in ihren Beiträgen immer wieder auf die anhaltende Relevanz Kritischer Theorie für ihre Analysen des globalen Kapitalismus und dessen Auswirkungen auf die fortschreitenden Probleme in ihren Ländern hin. Das zeigt sich besonders an der regelmäßigen Teilnahme brasilianischer Kolleginnen und Kollegen. Insofern ist es kein Zufall, dass der Anstoß für die Zusammenarbeit an dem hier vorliegenden Projekt von der letzten Marcuse-Tagung an der Universität von Salisbury (Maryland, USA) ausging. Bereits im Vorfeld der US-amerikanischen Publikation der Paris Lectures korrespondierte Jansen mit Ulf Andersen, von dem Fotos der Pariser Vorlesungen von 1974 stammen.

Neben der Aufarbeitung der Geschichte Kritischer Theorie gehört zu den heute anstehenden Aufgaben auch, die Vermittlung zwischen der Zeitzeugengeneration und denen herzustellen, für die Marcuses Analysen richtungsweisend sein können. Zur publizistischen oder theoretischen Praxis kommt daher notwendig auch die lehrende Vermittlung hinzu.

Im Vorfeld der Marcuse-Konferenz 2015, auf der die USamerikanische Publikation der Paris Lectures vorgestellt wurde, kann in diesem Zusammenhang sowohl ein Seminar der Mitveranstalterin Sarah Surak – Creating the Impossible: Utopian Political Theory – als auch eine Kooperation zwischen Jansen und einem Seminar von Angela Siebold an der Universität Heidelberg genannt werden. Aus eigenen, gemeinsamen Seminaren zur Kritischen Theorie an der Universität Gießen können Doppler und Neupert-Doppler eine Erfahrung festhalten, die mit Marcuses Theorie in Verbindung gebracht werden kann: Niemand wird durch Kritische Theorie zum Rebellen, vielmehr ermöglicht Kritische Theorie den bereits kritisch Denkenden und politischen Aktivistinnen und Aktivisten eine Reflexion über den Sinn oder auch Unsinn ihres jeweiligen Protests und der darin enthaltenen Widersprüche. Ideologische Gewissheiten eines »linken« Fortschrittsglaubens sind längst obsolet. Neue Formen und Analysen radikaler politischer Opposition, die sich auch mit den sozialen Veränderungen durch die »Web 4.0-Gesellschaft« befassen, dringender denn je.

Dennoch sieht sich gerade die junge Generation in der Bundesrepublik zum einen mit einer zunehmenden Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse, zum anderen mit bedrohlichen Abstiegsängsten konfrontiert. Im Sinne Marcuses könnte ein solches Unbehagen nur unter bestimmten Bedingungen in Protest umschlagen: »Es gibt keine Revolte und es gibt keine Revolution ohne qualitative Veränderungen im Bewusstsein, im Unbewussten, in den Trieben und Zielen der Menschen selbst. Aber das Bewusstsein und das Unbewusste, die Triebe, sind nicht ausreichend. Die objektiven Bedingungen müssen vorhanden sein, unter denen die subjektiven Tendenzen heranreifen und sich übersetzen können in organisierte und geleitete politische Praxis.«7

Dieser Fokus auf die objektiven Bedingungen verweist nicht nur auf den notwendigen gesellschaftlichen Reichtum, sondern auch auf die Krisenhaftigkeit einer Zeit. Aufgabe kritischen Bewusstseins bleibt es, nicht nur die multiplen Krisen der Gegenwart in den Blick zu nehmen, sondern sich auch aus dem subjektiven Konformismus herauszuarbeiten. Die Relevanz der utopischen Perspektive, die in Marcuses Schriften lebendig ist, hängt daher nicht ab von einem linearen Fortschrittsdenken, sondern von einem Bewusstsein für historische Gelegenheiten und politische Inventionsstrategien. Nicht eine bloß quantitative Vorstellung historischer Zeit, die im Altgriechischen mit dem Begriff des Chronos, unserer Chronologie, belegt ist, sondern ein Blick für qualitative Zeitmomente, was bei den alten Griechen mit dem Begriff des Kairos ausgedrückt wird, wäre hier philosophisch geboten. Marcuse ist sich dessen bewusst, wenn er gegen den Konformismus die Idee der Antizipation hochhält: »Während das Bewusstsein der konformistischen Mehrheit, verstanden als die Macht, den objektiven Bedingungen entspricht, eilt das radikale Bewusstsein diesen objektiven Bedingungen weit voraus. Es erkennt Potenzial in den objektiven Bedingungen. Es antizipiert noch nicht realisierte Möglichkeiten.«8

Wie ein solches Möglichkeitsdenken philosophisch geerdet werden kann, führt Marcuse in seinen Pariser Vorlesungen von 1974 vor. Auch er nutzte dafür eine besondere Gelegenheit. Nicht zufällig handelte es sich beim Vincennes-Campus um eine Reform-Universität im Rahmen der Sorbonne, die neben offiziell eingeschriebenen Studierenden ebenso der allgemeinen Pariser Bevölkerung offenstand. Wie Douglas Kellner in seinem Nachwort zur amerikanischen Ausgabe der Paris Lectures hervorhebt, stellen Marcuses Vorträge, die zum Teil bis zu drei Stunden dauerten und in denen er immer wieder Zwischenfragen beantwortete, Kernpunkte seiner Theoriebildung dar. »Die Pariser Vorlesungen präsentierten Marcuses Schlüsselideen einer Periode im Kontext der politischen Kämpfe der 1970er und verweisen sowohl auf Kontinuitäten als auch Brüche gegenüber seinen Schriften der 1960er, in denen er auftrat als radikaler Kritiker und Fürsprecher des revolutionären sozialen und politischen Wandels.«9

So sehr Marcuse seinen Fragestellungen aus den 1960er Jahren treu bleibt, so ist er zugleich in der Lage, seine Thesen den jeweils aktuellen Entwicklungen anzupassen. Bezogen auf die teilweise gängigen Vorurteile in der heutigen Kritischen Theorie, wonach Marcuse und Bloch in den 1960ern (und zum Teil 1970ern) die naiven Optimisten gegenüber dem Pessimismus von Adorno und Horkheimer gewesen wären, taugen Marcuses Pariser Vorlesungen als Gegenbeweis. Vor allem in den besonders langen letzten beiden Vorträgen bezieht er sich auch immer wieder auf empirisches wie statistisches Material, zum Beispiel zu dem, was er »Neue Arbeiterklasse« nennt, und führt methodisch vor, wie radikale Philosophie und qualitative Soziologie zusammengehen können. Er bemüht sich immer wieder darum, verbreitete Missverständnisse gegenüber seinen eigenen Texten auszuräumen. So kritisiert er durchaus nachdrücklich den revolutionären Voluntarismus der bereits zerfallenen Neuen Linken. Die neo- und alt-kommunistischen Varianten der zahlreichen K-Gruppen konnten mit Marcuses Kritik am klassischen marxistischen Determinismus längst nichts mehr anfangen. Sein Ausweg besteht immer wieder darin, den Zusammenhang von objektiven Gelegenheiten und subjektiver Sensibilität und rebellischer Subjektivität hervorzuheben. Die Präzision, mit der er stets auf diese Grundfrage seiner Philosophie zurückkommt, und zugleich die immense Bandbreite der behandelten Themen ist sicherlich durch die Situation einer Vortragsreihe ermöglicht, in der Marcuse die Gelegenheit nutzt, um auf Einwürfe zu reagieren, Aspekte assoziativ auszuführen und im besten Sinne öffentlich zu denken.

Sein Anspruch wird dabei besonders in der Ansprache an sein Publikum deutlich. Der Bogen wird gespannt von Marx und der Pariser Kommune über seine eigene Lebenszeit und den Pariser Mai hinaus in eine Zukunft, für die Marcuse eine sozialistische Revolution gerade nicht als Naherwartung zu behaupten wagt. »Ich denke, um wirklich global und erfolgreich zu sein, muss sie, wie Marx es vorhersah, im höchstentwickelten Industrieland der Welt auftreten, und zu ihrem Entstehen wird es einer Zeitspanne von 75 bis 150 Jahren bedürfen. Da haben Sie es. Wenn Sie diese Daten als optimistische Schätzung ansehen, zeigt es Ihnen nur, dass Sie noch einige Zeit haben, daran zu arbeiten, dass sie früher kommen wird. Einer Sache bin ich mir absolut sicher, dass, wenn Sie nicht jetzt dafür arbeiten, sie nicht in 75 Jahren kommen wird, sie nicht in 100 Jahren kommen wird, sie vielleicht überhaupt nicht kommen wird.«10

Indem Marcuse seine Zuhörenden als diejenigen anspricht, die bereits die Grundlagen für eine Veränderung legen sollen, die vielleicht erst gegen Mitte bis Ende des 21. Jahrhunderts kommen würde, spricht er sie als (welt-)historische Individuen an, denen er ein ungeheures, geradezu utopisches Geschichtsbewusstsein zu lehren versucht. Gerade in solchen direkten, persönlichen Äußerungen wird die Energie erahnbar, die seine Vorträge in ihrer Wirkung auf die unmittelbar Zuhörenden gehabt haben müssen. Aspekte, die er in schriftlichen Werken so vielleicht nicht formuliert hätte, auch wenn sie den Hintergrund seines Denkens ausmachen, werden hier öffentlich ausgesprochen.

Marcuse schreibt von Paris aus am 22. April an Leo Löwenthal: »My lectures here are a big success, but again much too large crowd.«11 Die besondere Qualität, die er hier selbst anspricht, macht seine Pariser Vorlesungen zum eindimensionalen Menschen zu einer besonders wertvollen Quelle und zu einem sehr speziellen Lesevergnügen. Während sich der Text also, wie Kellner erwähnt, hervorragend für einen Einstieg in die Beschäftigung mit Marcuse eignet, da eine Vielzahl von Aspekten seines Werkes angesprochen werden, so waren für die Präsentation der Vorträge als lesbarer Text doch auch einige Eingriffe stilistischer Art notwendig. So wurden bestimmte Wendungen, wie sie für mündliche Rede typisch sind, geglättet, sodass sie dem Lesefluss nicht im Weg stehen. In der vorliegenden Form sind die Pariser Vorlesungen nicht zuletzt sowohl als Textgrundlage für akademische Seminare als auch für selbstorganisierte Lesekreise geeignet.

So sehr also die Form der Pariser Vorlesungen selbst der Beschäftigung mit Marcuse förderlich sein kann, so ist es doch in erster Linie die Aktualität ihrer Inhalte, die eine Auseinandersetzung mit ihnen motivieren soll. Was Marcuse teilweise erst als Tendenzen erkennen konnte, namentlich die Formen einer neoimperialistischen Verlagerung der Produktion in Billiglohnländer, die autoritären Tendenzen in westlichen Demokratien, die bröckelnde Integration der Lohnabhängigen ins herrschende System, oder die Bedeutung der Frauenbewegung, sind heute angesichts der kapitalistischen Globalisierung, des autoritären Neo-Nationalismus, des Sozialabbaus und der Prekarisierung in den Industrieländern und des sexistischen Backslashs hoch aktuell. Grundsätzlich argumentiert Marcuse aus einer mehrdimensionalen und planetarischen Perspektive. Die behandelte Vielfalt der Widersprüche, etwa wenn er Naturverhältnisse oder rassistische Unterdrückung anspricht, stellt sich heute z. B. durch den Klimawandel und weltweite Migration, als Präsenz der Armut des globalen Südens im reichen Norden selbst, nur umso eindrücklicher dar. Was von Marcuse übernommen werden kann, ist seine Suche nach Verbindungen zwischen Krisen und Widersprüchen, Möglichkeiten und Akteurinnen und Akteuren.

Lisa Doppler, Peter-Erwin Jansen

und Alexander Neupert-Doppler

Um der Hoffnungslosen willen

Marcuses kritische Theorie der Praxis

Roger Behrens

»Menschen als Spezies stehen zwar seit Jahrzehntausenden am Ende ihrer Entwicklung; Menschheit als Spezies aber steht an deren Anfang.«

Walter Benjamin, Einbahnstraße (1928, S. 148)

Für Martin Jay

– und in Erinnerung an Leo Löwenthal (1900–1993)

Paralyse der Kritik

»Das es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe.«

Walter Benjamin, Das Passagen-Werk (1991, S. 592)

Selbstverständlich wird heute vom »Globalen Kapitalismus« gesprochen, von seiner Allgegenwart ebenso wie von seinem – nahenden, wenn nicht absehbar bevorstehenden – Ende.1 Allein, den Kapitalismus als Kapitalismus zu benennen – noch zu Beginn unseres Jahrhunderts eine geschmähte Vokabel, die auszusprechen einer (an Marx orientierten) Kritik der Politischen Ökonomie vorbehalten blieb –, gehört längst zum guten Ton öffentlicher Debatten über den Zustand der Welt:2 ohne Weiteres ist von Krise beziehungsweise Krisen die Rede, zahllose Bücher, Reportagen und Berichte dokumentieren das Elend, die Not, die Ungerechtigkeit und Ungleichheit, den Terror, dokumentieren ebenso das moralische, rechtliche, politische und wirtschaftliche Versagen der »westlichen«, »wohlhabenden« und »reichen« Gesellschaften,3 schließlich den Rechtsruck, die populistische Reaktion und die autoritäre Revolte.4 – Wie schon im vergangenen Jahrhundert ist das Inhumane die politische und ökonomische Signatur auch des 21. Jahrhunderts; schon vor zehn Jahren warnte der ansonsten mit geschichtlichen Prognosen zurückhaltende Physiker Stephen Hawking, dass die Menschheit die nächsten einhundert Jahre auf diesem Planeten nicht überleben werde.5

Gleichwohl: Im Angesicht der Katastrophe wird eben diese Katastrophe doch allenthalben – mal mehr, mal weniger luzide, mal mehr, mal weniger radikal – kritisiert. Von einer »Paralyse der Kritik«, die Herbert Marcuse vor einem halben Jahrhundert einleitend in seinem Eindimensionalen Menschen (1964, dt. Übersetzung von Alfred Schmidt 1967) diagnostizierte, kann also augenscheinlich gar keine Rede sein. Widerspricht das insofern Marcuses Analyse von einem »korporativen Kapitalismus«6, der eine Gesellschaft durchherrscht, in der die Menschen auf allen Ebenen in einer Logik der Eindimensionalität derart verfangen sind, dass sie eben diese Logik beständig stützen, reproduzieren und sogar optimieren? Marcuse deutete die »Paralyse der Kritik« nicht nur als Mangel oder Schwäche einer kritischen Theorie, sondern als (politisches) Problem der Praxis: Anfang der sechziger Jahre sprach Marcuse konsequent, zumal im Spiegel der konsumkapitalistischen Verhältnisse in den USA, von einer »Gesellschaft ohne Opposition«. Demgegenüber ist jede Kritik wie paralysiert.

Neue Sensibilität

Doch bereits als der One-Dimensional Man 1964 bei Beacon Press in Bosten erschien, zeichnete sich eben jene »Übersetzung« ab,7 die Marcuse als notwendig für die Einrichtung einer menschlichen Gesellschaft, also die Befreiung und Befriedung des Daseins herausstellte: Es konstituierten sich politische Bewegungen, es politisierten sich kulturelle Bewegungen – die bisher Ausgegrenzten und Marginalisierten, die Diskriminierten und Erniedrigten, die von Rassismus, Sexismus, politischer (also staatlicher) Willkür Betroffenen rebellierten, revoltierten, fingen an, sich zur Wehr zu setzen. Und sie erprobten dies mit bis dahin unbekannten, völlig neuen Formen wie Inhalten des Protests. Es war ein Protest nicht nur gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen den Krieg (ab 1964: Vietnam-Krieg) und Diktatur (ebenfalls ab 1964: Militärregierung in Brasilien), gegen Hunger und Elend (1967 ff.: Biafra-Konflikt), sondern es war auch ein Protest für, nämlich für ein besseres Leben, für ein schönes Leben, für ein richtiges und gutes Leben, und überdies ein Protest für alle. Was dann in Paris im Mai 1968 seinen Höhepunkt fand, war zugleich die menschheitsgeschichtlich erste Situation (die, überschattet vom Franco-Faschismus, im »kurzen Sommer der Anarchie« in Katalonien 1936 einen Vor-Schein hatte)8, in der eine Revolution sich nicht als äußerste Verzweiflungstat ergab,9 sondern als möglicher Schritt von der Vorgeschichte in die wirkliche, von Menschen für Menschen unter menschlichen Bedingungen gemachte, selbst bestimmte Geschichte.10

Die Revolte, die revolutionäre Protestbewegung, der Pariser Mai 68, hatte freigesetzt, für einen historischen Moment wenigstens, was Marcuse mit dem Begriff der »neuen Sensibilität« umschrieb: »Die neue Sensibilität ist zum politischen Faktor geworden … Die neue Sensibilität, die den Sieg der Lebenstriebe über Aggressivität und Schuld ausdrückt, würde im gesellschaftlichen Maßstab das vitale Bedürfnis nach Abschaffung von Ungerechtigkeit und Not fördern … Die neue Sensibilität ist eben deswegen Praxis geworden; sie entsteht gegen Gewalt und Ausbeutung, in einem Kampf für wesentlich neue Weisen und Formen des Lebens; sie impliziert die Negation des gesamten Establishments, seiner Moral, seiner Kultur; die Behauptung des Rechts, eine Gesellschaft zu erreichten, in der die Abschaffung von Armut und Elend Wirklichkeit wird und das Sinnliche, das Spielerische, die Muße Existenzformen und damit zur Form der Gesellschaft selbst werden.«11

Zwei einander widersprechende Hypothesen

»Bis heute realisieren die Utopien sich bloß, um den Menschen die Utopie auszutreiben und um sie aufs Bestehende und aufs Verhängnis desto gründlicher zu vereidigen.«

Adorno (1953, S. 517)

Doch auch diese Revolution scheiterte, die Revolte wurde niedergeschlagen, hatte – trotz ihrer weltweiten Aktionen – mit ihrem Antiautoritarismus keine Kraft gegen die Gewalt des herrschenden Autoritarismus. Und mehr noch: Die vitalen Bedürfnisse der Revolte konnten soweit entschärft werden, dass sie halfen, die gesellschaftliche Ordnung zu sichern, statt sie emanzipatorisch zu verwandeln. Die gesellschaftliche Entwicklung, die daraus folgte, haben Luc Boltanski und Ève Chiapello als den »Neuen Geist des Kapitalismus« ausgemacht: dass der Kapitalismus alle menschlichen Kräfte, auch und gerade diejenigen, die gegen ihn – in destruktiver wie emanzipatorischer Absicht – gerichtet sind, integrieren kann, und zwar so, dass diese Kräfte nicht einfach entschärft werden, sondern sogar zur Stabilisierung und »Verbesserung« der kapitalistischen Gesellschaft »funktionalisiert« werden können; kurzum: Antikapitalistische Kräfte werden in Kräfte des Kapitalismus verwandelt. Dass sich derart ein regelrecht neuer Geist des Kapitalismus verfestigt, verorten Boltanski und Chiapello in den 1970er Jahren: Hier wird – um es diskursanalytisch zu sagen – ein Dispositiv der »Sozialkritik« (definiert durch die Verteidigung von Gleichheit und Solidarität) durch ein Dispositiv der »Künstlerkritik« (definiert durch die Forderung nach Selbstbestimmung und Authentizität) abgelöst; es etablieren sich Protestformen, die als Kritik am Kapitalismus gleichzeitig zum Engagement für den Kapitalismus werden.12

Dass Marcuse in seinen Pariser Vorlesungen das dynamische Verhältnis von »Kapitalismus und Opposition« in ähnlicher Weise beschreibt, ist mehr als bloß eine zeitliche Koinzidenz; zentrale Aspekte der Analyse von Boltanski und Chiapello antizipiert Marcuse, wenn er 1974 sagt, »dass diese Integration, diese verbreitete Unterstützung« der Menschen für ein ihren objektiven Interessen – Überleben, und dies womöglich auch angenehm, erfüllt, glücklich – widersprechendes System »auf einer breiten materiellen und kulturellen Basis begründet ist. Anders gesagt handelt es sich sicherlich nicht nur um ein rein ideologisches Phänomen. Sie hat […] eine starke materielle Basis.«13

In den 1970ern bewegt sich Marcuse weiterhin zwischen den Optionen, die durch »zwei einander widersprechenden Hypothesen« markiert sind, die er bereits im Eindimensionalen Menschen skizzierte:

»1. dass die fortgeschrittene Industriegesellschaft imstande ist, eine qualitative Änderung für die absehbare Zukunft zu unterbinden;

2. dass Kräfte und Tendenzen vorhanden sind, die diese Eindämmung durchbrechen und die Gesellschaft sprengen können.

Ich glaube nicht, dass eine klare Antwort gegeben werden kann. Beide Tendenzen bestehen nebeneinander – und sogar die eine in der anderen. Die erste Tendenz ist die herrschende, und alle Vorbedingungen eines Umschwungs, die es geben mag, werden benutzt, ihn zu verhindern. Vielleicht kann ein Unglück die Lage ändern, aber solange nicht die Anerkennung dessen, was getan und was verhindert wird, das Bewusstsein und Verhalten des Menschen umwälzt, wird nicht einmal eine Katastrophe die Änderung herbeiführen.«14

Noch 1974 – also zehn Jahre nach dem Eindimensionalen Menschen – war nicht entschieden, ob eine Große Weigerung sich Bahn bricht, oder »uns« die Hoffnung »nur um der Hoffnungslosen willen« gegeben ist. Es ist – gerade im Versuch der Aktualisierung15 – noch keineswegs ausgemacht, welche »Tendenzen« sich durchsetzen werden. Dies als praktische Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Emanzipation zu begreifen, ist Aufklärung als kritische Theorie der Gesellschaft, von der Marcuse handelt.

Theorie und Praxis

»Alles, was dem Leben, besonders dem glücklichen Leben, dient, ist gut. Reduktion der repressiven Erlebens- und Lebensbedingungen ist schließlich das Ziel der erotischen Instinkte […] Das Kriterium ist das, was lebensbejahend ist, was der Entfaltung menschlicher Fähigkeiten, menschlichen Glücks und Friedens dient.«

Marcuse (1971, S. 428 und S. 436)

»Ich verstehe unter ›Theorie‹ die Marxsche Theorie und unter ›Praxis‹ die (im Sinne der elften Feuerbach-These) weltverändernde Praxis«,16 definiert Marcuse 1974 in einem Vortrag über Theorie und Praxis. Die letzte der elf sogenannten Thesen über Feuerbach ist berühmt wie berüchtigt: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.«17 Philosophische Interpretation muss zur politischen Veränderung werden,18 weil die Welt notwendig verändert werden muss, soll sie nicht untergehen; und das ist nicht nur Aufgabe »der Philosophen«, sondern Beruf aller Menschen, um der Menschheit willen. In dieser Notwendigkeit wird verändernde Praxis zur Signatur der kritischen Theorie; denn solche kritische Theorie ist ein soziales Verhältnis, das über diese soziale Verhältnismäßigkeit sich reflexiv und radikal aufzuklären versucht, und insofern ihrem theoretisch emphatischen Begriff von Kritik nach immer schon praktisch ist.19 Gerade Marcuse hat das in seinem Begriff einer kritischen Theorie hervorgehoben.

Kritische Theorie ist kritische Theorie der Gesellschaft; ihre Grundlegung ist die Kritik der politischen Ökonomie. Kants Begriff der Aufklärung und Kritizismus, Hegels Logik und Theorie der bürgerlichen Gesellschaft, Marx’ historischer Materialismus und Freuds Psychoanalyse sind die Fundamente der kritischen Theorie, wie Max Horkheimer sie 1937 begrifflich bestimmte: die kritische Theorie steht einer traditionellen Theorie gegenüber, die sie zugleich, in ihrem kritischen Potenzial, das in ihr idealistisch verfangen bleibt, in der materialistischen Verwirklichung der idealistischen Begriffe aufhebt und eben als kritische Theorie fortsetzt.20 Diese an die Theorie rückgekoppelte Dialektik von Aufhebung und Verwirklichung21 begründet kritische Theorie als ein gesellschaftliches Verhalten.22 Horkheimer und Marcuse haben das in ihrem zweiteiligen Essay Philosophie und kritische Theorie ausgeführt (jeder zeichnet für einen Teil verantwortlich),23 inwiefern sich damit der Begriff und der Status von Theorie selbst verändert: indem kritische Theorie einerseits die »idealistischen« Abstraktionen der Theorie als konkrete Praxis beziehungsweise praktische Konkretion begreift, indem sie andererseits die Theorieproduktion als vergesellschaftete und gesellschaftliche Wissenschaft und Wissenschaft als vergesellschaftete und gesellschaftliche Theorieproduktion fasst.24

Diese Spannung, dass die kritische Theorie der Gesellschaft mit ihrer gesellschaftlichen Gebundenheit vermittelt zu begreifen ist und deshalb notwendig auf ihre Bedingungen der Möglichkeit von Kritik reflektieren muss, hat Marcuse im Eindimensionalen Menschen zeitgemäß vergegenwärtigt:

»Von Anbeginn steht damit jede kritische Theorie der Gesellschaft dem Problem historischer Objektivität gegenüber, einem Problem, das an den beiden Stellen aufkommt, an denen die Analyse Werturteile einschließt:

1. das Urteil, dass das menschliche Leben lebenswert ist oder vielmehr lebenswert gemacht werden kann oder sollte. Dieses Urteil liegt aller geistigen Anstrengung zu Grunde; es ist das Apriori der Gesellschaftstheorie, und seine Ablehnung (die durchaus logisch ist) lehnt die Theorie selbst ab;

2. das Urteil, dass in einer gegebenen Gesellschaft spezifische Möglichkeiten zur Verbesserung des menschlichen Lebens bestehen sowie spezifische Mittel und Wege, diese Möglichkeiten zu verwirklichen. Die kritische Analyse hat die objektive Gültigkeit dieser Urteile zu beweisen, und der Beweis muss auf empirischem Boden geführt werden. Der etablierten Gesellschaft steht eine nachweisbare Quantität und Qualität geistiger und materieller Ressourcen zur Verfügung. Wie können diese Ressourcen für die optimale Entwicklung und Befriedigung individueller Bedürfnisse und Anlagen bei einem Minimum an schwerer Arbeit und Elend ausgenutzt werden? Die Gesellschaftstheorie ist eine historische Theorie, und die Geschichte ist das Reich der Notwendigkeit. Daher ist zu fragen: welche unter den verschiedenen möglichen und wirklichen Weisen, die verfügbaren Ressourcen zu organisieren und nutzbar zu machen, bieten die größte Chance einer optimalen Entwicklung?«25

Diese Frage ist nicht positiv zu beantworten, sondern negativ: Dieselben Kräfte der technologischen Rationalität, die Herrschaft, Elend und Leid vermehren, können auch die Kräfte sein, die eine Befreiung und Befriedung des Daseins bedingen. Die Logik des Fortschritts, die daraus resultiert, ist fatal und pervers: Auschwitz und Hiroshima bedeuten einen grausamen Höhepunkt der Dialektik der Aufklärung; trotzdem ging das Morden weiter, hat es Genozid gegeben, nicht nur in Kambodscha und Ruanda, und ein Ende des Terrors ist – seit der IS wütet – nicht abzusehen. Und dennoch: Die Lebensverhältnisse im zwanzigsten Jahrhundert haben sich verbessert, nicht nur für die Bevölkerungen in den westlichen Industrienationen. Doch die Zahlen sind zynisch: In den 1980er Jahren starb alle zwei Sekunden ein Kind an Unterernährung; ist es nicht obszön, wenn es ein Fortschritt sein soll, dass heute »nur noch« alle zehn Sekunden ein Kind verreckt, weil ihm das Nötigste fehlt? Es sterben weniger Menschen in Kriegen als früher; aber es gibt Kriege, und das Töten, Morden, Verstümmeln, Vergewaltigen geht weiter. Naturkatastrophen – Erdbeben, Wirbelstürme, Überschwemmungen, Epidemien – sind heute immer auch soziale Katastrophen:26 Die internationale Gemeinschaft hilft, und dennoch bieten die Krisengebiete ein schreckliches Bild, geprägt von unterlassener Hilfeleistung. Die ökologische Zerstörung wird eingedämmt, gleichwohl: Die Umwelt ist zerstört; regenerative Maßnahmen müssen nicht nur für die Zukunft wirksam sein, sondern jetzt sofort die Natur wiederherstellen.

Der rationale Charakter der Irrationalität

Die grausame, perfide, weil sowohl das gute Leben wie das elende Sterben bedingende, Logik der Geschichte ist zum Schicksal geronnen, »objektiv«. Es braucht ein historisches, ein revolutionäres Subjekt, um diese Logik aufzuklären, um dieses Schicksal zu bezwingen; solche Aufklärung ist notwendig Selbstaufklärung, und derart das Schicksal zu bezwingen, heißt, sich seine verhohlene Lebensgeschichte wieder anzueignen. Es geht ebenso um die Menschheitsgeschichte wie um die Individualgeschichte; dass vom Leben der Einzelnen das Leben aller abhängt, macht den besonderen Charakter der Revolution aus, die heute ins Auge gefasst werden muss, um die Gewalt des Zusammenhangs zu durchbrechen. Für die kritische Theorie der Praxis bedeutet das, dass kein historisches Subjekt sich unmittelbar aus den objektiven Strukturen ergibt – außer die Menschheit, der Mensch selbst.

Marcuse hat darauf hingewiesen:27 Zwar ist die Arbeiterklasse an sich das revolutionäre Subjekt, für sich ist sie es aber nicht; in ihren Interessen (»Klasseninteresse«) und Kämpfen (»Klassenkampf«) ist sie in die bestehende Ordnung längst integriert, dass es für sie – als Proletariat, also als Kollektiv – keinen Grund gibt, um einzelne Lebensverhältnisse zu verbessern, den Kapitalismus als Ganzes infrage zu stellen und die Welt zu verändern.28

»Die Transzendenz der bestehenden Bedingungen (von Denken und Handeln) setzt Transzendenz innerhalb dieser Bedingungen voraus.«29 Das historische Subjekt repräsentiert diese Transzendenz: Die Überschreitung der bestehenden Verhältnisse ist auch eine Selbstüberschreitung; das historische Subjekt konstituiert sich überhaupt erst in der (Selbst-) Auseinandersetzung mit der (eigenen) Geschichte – und zugleich wird es damit geschichtlich handlungsfähig. Marx hat das benannt: »Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.«30

Aber auch das unmittelbar notwendige historische Subjekt revolutionärer Praxis ist nicht notwendig revolutionär: Mensch und Menschheit sind auf ihre Geschichte zurückgeworfen, auf die sie insofern keinen Zugriff haben, als dass sie ihnen so abstrakt (»unwirklich«) erscheint wie sie selbst (»Was ist schon angesichts der Vielfalt menschlichen Lebens eine konkrete Bestimmung des Menschen?). Solche Abstraktion ist nicht nur falsche Abstraktion, sondern zugleich gesellschaftlich notwendige Abstraktion, um als Mensch niemals als Mensch in Aktion zu treten, sondern in den entsprechend sozialisierten Rollen (Konsument, Bürger, Frau, Mann, »Individuum« etc.); eine gesellschaftlich notwendige Abstraktion, die überdies viel, ja wesentlich notwendiger erscheint als die Notwendigkeit, die Erde vor der menschengemachten Vernichtung zu bewahren und so die Menschheit selbst zu retten. Dass das naiv klingt, obwohl es das dringlichste wäre, verweist auf einen »der beunruhigendsten Aspekte der fortgeschrittenen industriellen Zivilisation […]: de[n] rationalen Charakter ihrer Irrationalität.«31

Es geht ums Ganze

»Dies ist die Ausprägung des Widerspruchs im 20. Jahrhundert. Auf der einen Seite die steigende Produktion von Gütern, die ein Reich der Freiheit, Freude und kreativer Betätigung schaffen könnte. Auf der anderen Seite die Aufrechterhaltung der Mühen und entfremdeter Arbeit, um diese Güter zu erwerben und zu verkaufen und in Freiheit zu genießen.«

Marcuse, Pariser Vorlesungen, S. 92

Das Verhältnis von »Kapitalismus und radikaler Opposition« ist ein dialektisches Verhältnis, das Marcuse in seinen Pariser Vorträgen in Begriffen des historischen Materialismus expliziert. 1974 ist Marcuse an der Universität Vincennes, zehn Jahre zuvor erscheint Der eindimensionale Mensch: Die in diesem Buch anvisierten historischen Möglichkeiten bestimmen die gegenwärtige Wirklichkeit dieser zehn Jahre von Mitte 1960er bis Mitte 1970er – eine Wendezeit, die beides war: eine revolutionäre Situation und eine »Kette von Begebenheiten«.32 Wie Marx mit seinen Pariser Manuskripten – den sogenannten Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844 (auf die ja im Übrigen Marcuse 1932 als einer der ersten rezipierend reagiert, was nicht nur seine eigenen Schriften nachhaltig bestimmt)33 –, bezeichnet auch Marcuse mit seinen Vortragsüberlegungen zum Verhältnis von Kapitalismus und radikaler Opposition eine geschichtliche, um nicht zu sagen: weltgeschichtliche Kulmination.

Die zehn Jahre von 1964 bis 1974 sind die grausamen Jahre des Vietnamkriegs, es sind die unheilvollen Jahre der chinesischen Kulturrevolution; es sind die Jahre, in denen in Argentinien, Chile, Brasilien der Militär-Terror herrscht; in Europa regiert in Spanien noch immer Franco (ökonomisch das Land für den Massen- und Pauschaltourismus öffnend); der sozialökonomische Wandel vom Fordismus zum Postfordismus charakterisiert die fortgeschrittene Industriegesellschaft, die durch Automatisierung und Rationalisierung der Produktion gekennzeichnet ist, schließlich auch durch Computerisierung und Digitalisierung – mithin eine Informationslogik, die mehr und mehr auch in das Alltags- und Freizeitleben eindringt (Elektronik und Mikroelektronik bestimmen zunehmend die Apparate und Gadgets der Unterhaltung).

In seinen Pariser Vorlesungen wendet sich Marcuse gegen Konzepte wie das der »postindustriellen Gesellschaft« (bekannt geworden vor allem durch Daniel Bell; fünf Jahre nach Marcuse, 1979, hat allerdings Jean-François Lyotard diesen soziologischen Befund aufgenommen und mit ihm den gesellschaftskritischen Begriff der Postmoderne geprägt).34

Marcuse kann seinerzeit, inmitten der noch offenen »Dialektik der Befreiung«35 und trotz der »Konterrevolution«, noch auf die Möglichkeit der Revolte hoffen, die wenigstens die Idee einer Welt jenseits des Kapitalismus lebendig hält. Gerade die Postmoderne, die als allgemeine Ideologie seit den späten 1970ern das soziale Lagebewusstsein – wenn auch diffus – bestimmt, bringt hier einen gravierenden Einschnitt: Fredric Jameson hatte darauf in den 1980ern hingewiesen, Slavoj Žižek hat es später wieder aufgegriffen – und Mark Fisher hat daran erinnert: »Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.« Der Kapitalismus erscheine nunmehr als »das einzig gültige politische und ökonomische System«; es sei, so Fisher, »mittlerweile fast unmöglich geworden […], sich eine kohärente Alternative dazu überhaupt vorzustellen.«36 Der Kapitalismus habe sich endgültig als »Realismus« erwiesen: ein Realismus ohne Alternative; anders gesagt: Der Kapitalismus sei eine Wirklichkeit, die keine Möglichkeit mehr kennt.

Richtig daran ist, dass der Kapitalismus eine Wirklichkeit darstellt, die alle verfügbaren Möglichkeiten, alle Alternativen also, als immanentes Angebot liefert; es ist überhaupt nicht nötig, sich eine Welt jenseits der Prinzipien von Verwertungslogik, Lohnarbeit (und ohnehin sinnloser und überdies krankmachender Arbeit), als »frei« verkaufter Marktungleichheit, Leistungszwang und dergleichen vorzustellen, weil die Vorstellungen von »Alternativen« und »Möglichkeiten« innerhalb des Kapitalismus vollends – und das meint auch: allein schon als Vorstellung – befriedigend sind. Mit anderen Worten: Es gibt offenbar kein vitales Bedürfnis nach einem Leben jenseits der bestehenden Verhältnisse.37 Marcuse hatte darauf schon 1964 hingewiesen: »Was heute geschieht, ist nicht die Herabsetzung der höheren Kultur zur Massenkultur, sondern die Widerlegung dieser Kultur durch die Wirklichkeit. Diese übertrifft ihre Kultur.«38

Eine Vorstellung vom Ende des Kapitalismus, die eine Gesellschaft entwirft, die, einmal über den Kapitalismus hinaus entwickelt, dem menschlichen Leben und Zusammenhalt, eine gänzlich neue Qualität verleiht, weil Mensch und Menschheit in ihrem Bewusstsein der Freiheit sich in konkreter Weise neu erfinden können, – eine solche Vorstellung ist, angesichts selbst der gegenwärtigen Virulenz ökonomischer und sozialer Krisen, die strukturell mit dem Kapitalismus zu tun haben, schlichtweg unsinnig.

Die Situation ist paradox: Die Kritik am Kapitalismus füllt Regalmeter um Regalmeter in den Buchhandlungen, in öffentlichen Debatten wird allenthalben über das Ende des Kapitalismus diskutiert (zumindest ist die Formel vom Ende des Kapitalismus freimütig im Umlauf), aber nicht mit der Konsequenz, dass die Kritik zugleich über diesen Kapitalismus hinausweisen muss. So werden sämtliche Gegensätze (»Widersprüche«), die eigentlich die revolutionären Tendenzen des Systems bezeugen könnten, soweit identifiziert (also: »gleichgemacht«), dass überhaupt kein Außen gedacht werden kann. »Die moderne Industriegesellschaft ist die durchgehende Identität dieser Gegensätze – es geht ums Ganze. Zugleich kann die Stellung der Theorie nicht eine bloße Spekulation sein. Sie muss insofern eine historische Stellung sein, als sie in den Fähigkeiten der gegebenen Gesellschaft begründet sein muss.«39

Die Fantasie an die Macht

»L’imagination au pouvoir!«

Parole der Pariser Studenten, Mai 196840

»Lieber Herr Adorno, in Paris ist die physische Luft verpestet, die intellektuelle Luft aber ist reiner denn je. Man lebt in einer Art Rauschzustand […] Die Situationisten sind ins Théatre de France am Odeon eingedrungen. Dort flattern jetzt eine schwarze und eine rote Fahne. ›L’imagination a pris le pouvoir‹ erklären sie. Barrault musste abtreten. Stattdessen diskutieren dort Schauspieler, Neugierige und Studenten die kulturelle Revolution […] Ach, wenn doch die ›attraction‹ endlich auch einmal den Seelenhaushalt der ordnungsliebenden Deutschen durcheinanderbrächte!«

Elisabeth Lenk, Brief an Theodor W. Adorno, Paris, den 15. Mai 196841

Die Fantasie an die Macht – eine radikale gesellschaftliche Opposition kann nur an solche Motive und Parolen anknüpfen, und zwar immer nur im kritischen Rekurs auf die – eigene – Geschichte des Scheiterns menschlicher Emanzipation. Dies bringt zwei Motive hervor, die augenscheinlich soweit gegeneinanderstehen, dass das eine nur als Luxus in Anbetracht des anderen erscheinen muss.

Das eine Motiv folgt einem Satz von Jean Ziegler: »Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.«42

Das andere Motiv ist von Marcuse: »Schönheit und Vollkommenheit […] Kraft dieser Qualitäten kann die ästhetische Dimension als eine Art Eichmaß für eine freie Gesellschaft dienen. Eine Welt menschlicher Verhältnisse, die nicht mehr durch den Markt vermittelt sind, nicht mehr auf wettbewerblicher Ausbeutung oder Terror beruhen, erheischt eine Sensitivität […], die für jene Formen und Eigenschaften der Wirklichkeit empfänglich ist, die bislang nur mittels ästhetischer Phantasie entworfen wurden.«43

Diese beiden Motive sind von jeder radikalen Opposition in der politischen Praxis wach zu halten, und sollten auch schon heute das Zusammenleben der Menschen bestimmen. In entscheidender Weise wirkt das auf die radikale Opposition zurück. Die radikale Opposition ist nicht identisch mit ihrer Organisation; sie kann nur aus lebendigen Subjekten bestehen (und eben nicht aus Parteien, Vereinen und Verbänden, Volk und Völkern etc., letzthin auch nicht aus Gruppen oder Klassen, schließlich ebenso wenig aus der unbestimmten Masse oder irgendeiner noch unbestimmteren Menge, Multitude). Die radikale Opposition wird gebildet aus und von einzelnen Menschen, aus und von Frauen, Männern und allen möglichen Geschlechtern; sie wird gebildet aus veränderungswilligen, interessierten Individuen, die, aufgeklärt für Emanzipation streitend, »den abstrakten Staatsbürger in sich zurück[zunehmen]«44 bereit sind (oder freilich das mindeste, was staatsbürgerlich noch zugestanden wird, schlechterdings aufzugeben).

Die radikale Opposition sind die Wenigen, die sich dem realen Humanismus verpflichtet sehen. Es ist eine radikale Opposition im Sinne der Großen Weigerung – bestrebt, nicht Schadensbegrenzung zu betreiben und notdürftig die Mängel des kapitalistischen Systems auszubessern, sondern wirklich die Welt zu reparieren, sie in Ordnung zu bringen, und zwar in menschliche Ordnung. Und im Sinne solcher Großen Weigerung ist die Opposition deshalb radikal, weil sie – nach Marx’ bündigem Hinweis – an die Wurzel geht; indes: »Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.« Die radikale Opposition demonstriert also »ad hominem […], dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei,« und demonstriert dies »mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.«45

Die radikale Opposition zehrt weiterhin von der »Hoffnung um der Hoffnungslosen willen«, wie es Walter Benjamin 1924 am Vorabend des Nationalsozialismus schrieb, wie Marcuse es 1964 als Beschluss vom Eindimensionalen Menschen zitierte, und wie es heute, 2017, noch immer gültig ist; eine zynische Gültigkeit, wenn die eigene Hoffnung sich von den Hoffnungslosen nährt, von Hoffnungslosen nämlich, deren Elend in der jüngeren Geschichte mitnichten gelindert, geschweige denn beseitigt wurde. Dieses Elend nicht länger zu beschweigen, ist der Ausgang der radikalen Opposition. Sie hat nicht nur die Abschaffung des Schlimmsten ins Auge zu fassen, sondern auch den Anbruch des Schönsten. Für die Hoffnung um der Hoffnungslosen willen bedarf es der Fantasie: Der Mensch selbst muss mit Fantasie begriffen werden; und die Parole »Die Phantasie an die Macht!« meint insofern nichts anderes als die Losung: Die Menschen an die Macht, – um die Macht so menschlich zu machen, dass sie endlich nichts mehr macht.



Herbert Marcuse während einer seiner Vorträge in Vincennes 1974

© Ulf Andersen


Links neben Herbert Marcuse: Rainer Lettau (1929–1996), Literaturwissenschaftler, geboren in Karlsruhe. Er studierte u. a. in Heidelberg und Harvard. Lettau nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an und folgte 1968 einem Ruf an die Universität von Kalifornien in San Diego. Marcuse und Lettau waren lange Jahre freundschaftlich verbunden und arbeiteten an vielen gemeinsamen Projekten. Das Foto zeigt Marcuse auf dem Gelände der Universität Vincennes. Unter dem Titel Pape de la contestation. Marcuse est prof à Vincennes erschien das Foto mit einem kurzen Text zum ersten Vortrag im April 1974 in »Le Gens«. Die Identität der Frau konnte nicht ermittelt werden.

© Marcuse-Archiv, Archivzentrum der Universitätsbibliothek Frankfurt/Main

Darmowy fragment się skończył.

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Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
164 str. 8 ilustracji
ISBN:
9783866746886
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