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Czytaj książkę: «Die hölzerne Clara»

Czcionka:

I

Meine Nichte Frederika, die kleine, liebe – Gott sei ihrem armen Seelchen gnädig – fragte mich oft mit thränenden Augen, warum ihre Mitschülerinnen immer spottend sagten: »Du stehst da wie die hölzerne Clara.« Sie wußte so gut als ich, daß hölzerne Clara der Name eines Bildes war, was an der Treppe des Antwerpner Mägdehauses (Waisenhaus für Mädchen) stehet, aber sie hätte gern von mir erfahren wer diese Clara gewesen ist, und was ihr Name bedeutet.

Ich konnte damals ihrem Wunsche nicht entsprechen und mußte sie ungetröstet und ohne Antwort lassen.

Längst ruhete mein Nichtchen schon auf dem Kirchhofe zu Stuivenberg und das Kreuzchen auf ihrem Grabe war schon verfallen und verschwunden, als ich, von poetischer Begeisterung dazu getrieben, endlich anfing mit Ernst und Ausdauer die alten Volkssagen meiner Vaterstadt Antwerpen zu studieren und dann auch erfuhr, wer diese »Houten Clara oder Houten Cleer« – wie die Antwerpner sagen – eigentlich war. Diese Geschichte, die sich kurz nach der Einnahme Antwerpens durch den Herzog von Parma ereignet haben soll, gleicht durchaus nicht einer gewöhnlichen Volkssage, und man darf daher mit Recht vermuthen, daß ihr ein wahres Ereigniß zu Grunde liegt. Wie dem auch sei, das, was ich hier erzähle, ist Nichts als die Verknüpfung und freie Bearbeitung dessen, was ich bruchstücksweise aus dem Munde verschiedener alter Leute vernommen habe.

*                   *
*

Als an einem Frühlingstage des Jahres 1589 die Waisen aus dem Mägdehause in der Gasthuisstraße mit ihrer Mutter oder Aufseherin spazieren gingen, blickten Viele nach den Fenstern eines nebenstehenden Hauses empor und deuteten neugierig auf eine reiche Frau, die vom Fenster aus auf sie herabschauete.

– Sieh, sprach die Eine, das ist die reiche Senora, die kürzlich hierher gezogen ist.

– Ich weiß wie sie heißt, rief eine Andere; es ist die Gräfin d’Almata und kommt aus Spanien.

– Ja, und von wem weißt Du das? fragte eine Dritte.

– Ich habe es von der Mutter und Schwester Monika gehört, – und die reiche Senora ist keine Spanierin; auch seht Ihr wohl, daß sie blaue Augen hat und blondes Haar? Nein, es ist ein Fräulein aus Antwerpen, die an einen reichen Spanier verheirathet ist.

– Hört Trees, die Lügnerin, wieder Lügen ersinnen! lachte eine der Zuhörerinnen.

– Fragt doch lieber die hölzerne Clara; die war auch dabei . . . Eh, pst, hölzerne Clara, hölzerne Clara!

Bei diesem Rufe wandte die Mutter des Mägdehauses sich um und bemerkte wie einige der Mädchen unverwandt nach den Fenstern des Herrenhauses hinblickten während sie selbst beschäftigt war die anderen in Reihe und Glied zu stellen. Strengen Blickes trieb sie die Neugierigen in den Zug zurück, ergriff dann mit besonderer Vorliebe eines der Mädchen bei der Hand und gab dann das Zeichen zum Aufbruch.

– Schon wieder hölzerne Clara! sagte Trees; dieses Zuckerkind, das arme, daß es nur nicht in Stücke bricht!

– Eh, Anna Moeyal, sieh, wie hochmüthig und steif sie mit ihrem Besenstiele im Rücken nun neben der Mutter hergeht! Sie hat wieder über ihre Aufgabe gearbeitet, die Närrin.

– Schweigt nur von der hölzernen Clara! sie ihr die lange Mie, die Schwätzerin, in die Rede; sie kann wieder ein neues Liedchen. Ach es ist so schön! Es geht so:

 
Gott grüß’ Dich schöne Blume,
Maria edle Jungfrau.
 

Und sie soll es uns heute Nachmittag lehren und noch dazu mit Begleitung des Clavecimbel’s: Ich gäbe zwei Finger meiner linken Hand darum, wenn ich auf dem Clavecimbel so schön wie die hölzerne Clara spielen könnte!

– Das ist ganz gut; allein muß sie deshalb immer das liebe Kind sein, als wenn sie keine Waise wäre gleich uns Anderen? Warum ist sie denn so hochmüthig?

– Hochmüthig? sie? Ich dächte sie wäre die Freundschaft und Sanftmuth selbst.

Vielleicht würden die meisten Mädchen ihren Zungen noch lange Zeit auf Clara’s Rechnung freien Lauf gelassen haben, wenn nicht ein schöner und kräftiger Jüngling auf schäumendem Pferde daher gesprengt wäre. Nun hatten die Mädchen genug zu thun, um diesen zu betrachten und sich gegenseitig ihre Ansichten über ihn mitzutheilen.

Während die Waisen also langsam durch die Gasthuisstraße fortschritten, fand die Edelfrau noch immer hinter dem Fenster und blickte träumerisch hinab auf die Straße. Alles an ihr, die durchscheinende Blässe ihrer Gesichtszüge, der matte Blick ihrer blauen Augen wie die Abgemessenheit ihrer Bewegungen gab Zeugniß von einer tiefen Melancholie. Trotz ihres Alters, denn sie mochte wohl über dreißig Jahre zählen, war sie noch eine schöne und herrliche Frauengestalt.

Die Senora hatte fast eine Viertelstunde unbeweglich am Fenster gestanden, als die Thüre leise geöffnet ward und ein Mann den Kopf forschend in das Zimmer steckte. Da die Dame sich nicht regte, so trat der Mann geräuschlos, jedoch ohne augenscheinlich überraschen zu wollen, in das Zimmer. Er nährte sich der Dame und warf einen flüchtigen Blick über ihre Schultern durch das Fenster.

Beruhigt, da er Nichts auf der Straße bemerkte, trat er einige Schritte zur Seite und warf sich in einen Sessel.

– Immer so traurig, Catalina? sprach er zur Edelfrau. Ihr täuschtet mich also als Ihr mir unaufhörlich versichertet, daß die Luft der Niederlande Euch erquicken sollte? Nun weilen wir bereits vierzehn volle Tage hier, und statt aß der Aufenthalt in Eurer Geburtsstadt Euch erheitern sollte, ist im Gegentheil das holde Lächeln von Eurem Antlitze verschwunden, was während unserer Reise so tröstlich darauf strahlte. Ich bedaure sehr, daß ich Eure Bitten so leicht erhörte, denn gewiß ist Spaniens glühender Himmel gesünder und heiterer als jener dicke Nebel der hier unaufhörlich bleischwer au die Erde drückt. Wahrhaftig, Catalina, meine Liebe zu Euch muß sehr groß sein, daß ich mich bewegen ließ eine so weite Reise zu unternehmen um ein Land wieder zu besuchen, in welchem ich Freunde und Blut verwandte durch Feuer und Schwert umkommen sah. Ich hoffte, daß Ihr die Aufopferung wenigstens durch Zeichen des Wiederauflebens und der Freude belohnen würdet. Leider aber seid Ihr jetzt gefühlloser als zuvor. Habt Ihr au er den Besuchen, die wir zusammen bei Euren Blutsverwandten abgestattet haben, unsere Wohnung nicht verlassen?

Diese letzten Worte wurden in einem eigenthümlich forschenden Tone ausgesprochen. Die Edelfrau schlug die Augen nieder und blieb sprachlos und wie beschämt stehen.

Ihr Ehegenosse fuhr mit erkünstelter Kälte fort:

– Nein, Senora, Ihr habt das Haus nicht verlassen. Selbst nicht gestern gegen Abend als ich ausgegangen war um Don Fabricio aufzusuchen – selbst dann seid Ihr nicht ausgegangen, Ihr und Eure Duena – die ich schon wieder hier nicht sehe?

– Calisto! Calisto! seufzte die Edelfrau, warum beobachtet Ihr meine geringsten Schritte? Ihr fragt, warum ich unter niederländischem Himmel nicht wieder auflebe? Es war die Freiheit, die ich hier suchte – und, leider, die Sklaverei hat mich bis hierher verfolgt. Es ist weder niederländische Luft noch die vlämische Sonne, die mich zu erquicken vermag. Die niederländische Freiheit muß ich genießen; und wenn mir dieselbe hier eben so grausam entzogen wird, wenn Ihr auch hier wie in dem erstickenden Spanien immer bezahlte Spione um Eure Gattin pflanzt – erwartet dann keine Besserung in meinem Zustande, Senor. Es ist nutzlos einen andern Aufenthaltsort für mich zu suchen; ich werde überall verkommen, wo Sklaverei mich niederdrückt.

Während die Edelfrau mit schlecht verhehlter Bitterkeit also antwortete, schauete Graf d’Almata ihr tief in die Augen und das Lächeln des augenscheinlichsten Zweifels bewegte seine Lippen.

– Sollte Senora, fragte er, wohl die Güte haben Ihrem Gatten mitzutheilen, wo sie gestern Abend in der Dämmerung mit ihrer Duena gewesen ist?

– Auf dem Groote Markt, Calisto.

– Darf ich auch wissen, Catalina, was Ihr dort in einem Hause von sehr geringem Anscheine zu suchen hattet?

– Ach, Gott, Calisto, in welchem Tone fragt Ihr mich da!

– Es wäre viel einfacher, Catalina, mir ganz kurz zu sagen, was ich wissen will.

– Wohlan, ich war ausgegangen um in Freiheit die Abendluft zu genießen – in Freiheit, versteht Ihr, Calito? – Auf dem Groote Markt erinnerte ich ich, daß dort eine alte Dienstmagd meines Vaters wohne und ich wollte sie noch einmal sehen. Sie war es, die mich zur Schule brachte, als ich noch Kind war; allein es sind nun bereits acht Jahre verflossen seit wir die Niederlande verlassen haben. Die alte Dienstmagd ist längst weggezogen und spurlos verschwunden: Niemand weiß wo sie geblieben ist. Was ist da zu argwöhnen bei einer so einfachen Sache?

– Um so besser, Catalina! Ich werde Euch selbst suchen helfen, wenn Ihr wollt. Wie heißt die alte Dienstmagd?

Eine hohe Röthe überflog die bleichen Wangen der Edelfrau und nur nach einem augenblicklichen Besinnen antwortete sie stockend:

– Sie heißt . . . Anna De Zwart.

– Ha! wiederholte Graf d’Almata ungläubig, sie heißt Anna De Zwart! Das ist gut, Senora, vielleicht habt Ihr aber ihren Namen vergessen, denn es ist doch bereits so lange her, nicht wahr?

– Calisto, rief die Edelfrau voll Schmerz und Zorn, ich verbiete Euch in diesem Tone mit mir zu sprechen! Wenn Euer eifersüchtiges Gemüth Euch auch Mißtrauen einflößt gegen Eure Gattin, so ist es Euch, Senor d’Almata, doch nicht gestattet das Blut Eures alten Waffengefährten in seiner Tochter zu erniedrigen. Achtet in mir den edlen Stamm der Ghyseghems, dem Ihr die Rettung Eures Lebens zu danken habt.

– Euer Vater, Juan Van Ghyseghem, mein Waffengefährte und Retter – Ihr seht, Senora, daß ich es nicht vergessen habe – hat Euch meiner Sorgfalt anvertraut. Ich erfülle nur der Ehe heilige Pflichten – und was Ihr auch dagegen sagen oder thun möget, Catalina, ich will und werde entdecken was Ihr hier in Niederland sucht und ich nicht wissen darf. Ich gestehe gern, daß Euch mein Betragen peinlich sein muß, wenn Ihr frei seid von jedem Vorwurf, und noch lieber gestehe ich Euch, daß ich Euch für ehrbar halte und treu; aber wachen muß ich über Euch, denn das Herz täuscht sich zuweilen, und in dem unverbrüchlichen Geheimnisse, in welches Ihr Euch hüllt, liegt vielleicht eine drohende Gefahr verborgen. Ihr seht, daß ich zum wenigsten unverholen spreche – da ich das Recht, auf meiner Seite habe. Ihr, Catalina, könnt freilich dies nicht sagen, denn wer sich verbirgt und versteckt muß wissen, warum er dies thut.

Die Senora empfand in ihrer Übereilung eine schmerzliche Reue ihr Zorn war unter dem Einflusse der letzten Worte des Grafen ganz verschwunden. Ein Lächeln auf den Lippen und eine Thräne in jedem Auge näherte sie sich ihm, und seine Hand mit Zärtlichkeit erfassend, sprach sie bittend:

– Guter Calisto, verzeiht mir; ich habe Unrecht.

Aber warum mir auch ein solches Mißtrauen zeigen? Warum mich über eine unbedeutende Sache ausfragen wie eine Angeklagte, die vor ihrem Richter steht? Ihr verlangt, daß ich fröhlich und lebendig sei, daß ich Euch Freundschaft beweise und eine heitere Gefährtin werde? Wohlan, hört auf mich so ängstlich zu bewachen, gönnt mir die Freiheit, die anderen Frauen in den Niederlanden genießen, und Ihr sollt sehen, wie dankbar ich Euch lieben werde, nicht nur als einen zärtlich geliebten Gatten, sondern auch als meinen Wohlthäter und als den Retter meines Lebens!

– Ich weiß nicht, Catalina, wie Ihr Euch nur den Gedanken hingeben könnt, daß Ihr in Sklaverei leben sollt. Ich überwache Euch nicht, allein warum erregt Ihr meinen Argwohn indem Ihr heimlich ausgehet ohne mein Wissen und ohne es mir zu sagen? Mein Diener, Domingo, sah Euch gestern auf der Schwelle eines Hauses auf dem Groote Markt mit einer Frau sprechen; was war natürlicher als das er mir das erzählte? – Könnt’ ich doch jedes Mißtrauen aus meiner Brust verbannen! ich verlange nichts Besseres; aber, sei es eine Eigenschaft des spanischen Blutes, was in meinen Adern rollt, oder eine Folge Eures räthselhaften Betragens, Catalina, ich werde nicht eher zufrieden gestellt sein, bis ich aus Eurem eignen Munde die Erklärung des Geheimnisses vernommen habe, dessen Existenz Ihr leugnet und das dennoch existiert. Ich bin überzeugt, daß Ihr nichts Böses beabsichtigen könnt, Catalina; allein ich bin Mensch . . . und, was mehr ist, ich bin Spanier. Seid doch großmüthig und vergeßt das nicht so oft.

– Calisto, Calisto, könntet Ihr doch in meinem Herzen lesen! Ehe ich jemals der Liebe und Dankbarkeit ermangeln werde, die ich Euch schulde, wollte ich lieber tausend Mal den Märtyrertod erleiden. Ach! Euer Mißtrauen beengt mir die Brust; habt doch Mitleid mit mir!

– Nun, meine arme Catalina, trauert nicht; es ist vorüber. Laßt uns diese peinliche Unterredung abbrechen. Lebe wohl, meine Liebe! binnen einer halben Stunde müssen wir bei Senora de Beza de Santa-Cruz den versprochenen Besuch abstatten. Hoffentlich wird Eure Duena bis dahin zurück sein um Euch zu begleiten.

Bei diesen Worten küßte er liebevoll die Hand seiner Gattin und verließ das Zimmer.

Die Edelfrau fiel abgemattet in einen Sessel und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. Sie mußte in diesem Augenblicke heftige Schmerzen empfinden, denn alle ihre Glieder zitterten fieberhaft. Zwischen ihren Händen rollten einige glänzende Wasserperlen hervor und schmerzliche Seufzer wanden sich empor aus ihrer beengten Brust. Zweifellos kämpfte die unglückliche Senora gegen ein Loos an, dem sie auf keine Weise zu entfliehen vermochte, bis sie endlich entschlossen und muthvoll sich erhob und die Thränen von ihren Wangen trocknete. Auf ihrem Angesichte erschien selbst ein Ausdruck, der einem Lächeln des Verlangens glich – und zur Wand des Zimmers tretend, klopfte sie dreimal mit der Hand daran. Augenblicklich vernahm man im Nebenzimmer das Geräusch eines Stuhles und dabei die heftigen Schritte eines Menschen, der vielleicht schon lange auf dieses Zeichen gewartet haben mochte.

Einige Augenblicke später trat eine alte Frau vorsichtig in das Zimmer. Die Senora stand schweigend auf, öffnete leise alle Thüren und schloß sie wieder eben so geräuschlos, ergriff endlich die Duena bei der Hand und zog sie zum Fenster, dem fernsten Winkel des Zimmers. Mit gedämpfter und fast unhörbarer Stimme unterhielt sie sich mit der Alten, während auf ihrem Antlitze der Ausdruck einer entzückenden Hoffnung glänzte:

– Wohlan, Ines, gute Ines, hast Du endlich etwas entdeckt? Weißt Du was aus Anna Canteels geworden ist?

– Ja, ich weiß wo sie wohnt, Senora.

– O Gott, endlich doch Etwas! Ha! dies mildert meinen Schmerz . . . wie bin ich froh, liebe Ines!

– Ihr werdet noch froher sein, Senora, wenn ich Euch erzähle, was ich noch erfahren habe.

– Was? Was, Ines? Solltest Du . . .

Die alte Duena brachte mit fröhlichem Lächeln den Finger auf ihren Mund und flüsterte dann der Edelfrau ins Ohr:

– Gott sei Dank, ich weiß auch wo sie ist.

Das Wort sie, mit Nachdruck ausgesprochen, mußte für die Edelfrau eine leicht zu errathende Bedeutung haben; denn sie sprang fröhlich und doch bebend auf und rief, während sie sich offenbar Gewalt anthat um ihre Aufregung zu verbergen:

– Sie? Sie?

– Ja, Senora; sie lebt nur wenig Schritte von Euch entfernt.

– Ach, wie viel läßt Du mich leiden, Ines! sprich doch deutlich; ich kann an solch’ ein unerwartetes Glück nicht glauben.

– Zweifelt nicht länger, Senora; sie, die wir suchen, – nicht die Alte, die Andere – ist nicht fern von hier.

Eine heftige Aufregung befing die Edelfrau bei dieser vollen Bestätigung dessen, was sie kaum hatte hoffen dürfen; Blässe und Gluth wechselten auf ihrem Angesicht, sie fühlte ihre Kräfte schwinden und lehnte sich gegen den marmornen Pfeiler des Kamins. Fast ohnmächtig, seufzte sie flehend:

– Wo? Wo lebt sie? Ach, unterstütze mich, gute Ines, es ist mir als sollte ich ohnmächtig werden . . . Nein, es ist vorüber, glaub’ ich . . . Sag schnell, wo ist sie?

– Geduldet Euch, Senora, bis Eure Aufregung sich etwas gelegt hat, wartet nur einen Augenblick . . . die Freude über die glückliche Nachricht erschüttert Euch zu sehr . . . Ihr könntet vielleicht die Botschaft, die ich Euch bringe, nicht ertragen.

– Wohlan, häßliche Peinigerin, betrachte mich! Ich bebe, nicht wahr? aber an Kraft fehlt es mir doch nicht mehr. Sag an, von welcher Botschaft sprichst Du denn? Muß ich statt der Rettung, die Du mir gelobtest, aus Deinem Munde mein Urtheil vernehmen?

– Ach, arme Senora, Ihr irrt Euch. Bleibt ruhig und kaltblütig und ich werde Euch sagen wo sie ist.

Bei diesen Worten trat die Duena an die gegenüberliegende Wand des Zimmers heran und indem sie mit dem Finger auf ein eigenthümliches Geräusch zu deuten schien, flüsterte sie geheimnißvoll:

– Senora, die Waisenmädchen aus dem Mägdehause hier nebenan sind mit ihrer Mutter so eben vom Spaziergange zurückgekehrt. Vernehmt Ihr nicht ihre Stimmen?

– Ja, Ines, ich höre sie täglich so . . . aber, o Himmel! was willst Du damit sagen?

– Sie ist dort unter den Waisenmädchen, Senora, und vielleicht klingt in diesem Augenblicke ihre Stimme in Eurem Ohr!

– Gott, ist es möglich! rief die Edelfrau mit unvorsichtiger Kraft; sie wäre dort, so nahe bei mir!

Und wie von einem unwiderstehlichem Gefühle fortgerissen, eilte sie zur Mauer und lehnte das Haupt dagegen, während der Ausdruck der Seligkeit und die Spannung einer ängstlichen Aufmerksamkeit sich gleichzeitig auf ihrem Angesichte ausprägten.

Lange verharrte sie schweigend in dieser lauschenden Stellung, bis diese ruhige Haltung ihr jagend Blut abgekühlt und ihre erschütterten Nerven nach und nach beruhigt hatte. Zudem hatte der Gesang der Waisenmädchen, die sich wahrscheinlich wieder in den Arbeitssaal verfügt hatten, bereits aufgehört.

Die Edelfrau kehrte, noch ganz mit Freude erfüllt, zur wartenden Duena zurück, und, sich neben ihr niedersetzend, fragte sie mit gedämpfter Stimme:

– Aber, liebe Ines, erzähle mir doch wie Du mich auf einmal mit so viel Glück überschütten konntest, wie es Gott gefallen hat Dich so sichtbar bei Deinen Nachforschungen zu leiten? Du bist doch überzeugt, daß man Dich nicht getäuscht hat? – ach! ich stürbe davon!

– Hört denn meine Erzählung mit Geduld an, Senora.

Die Zeit ist kostbar, denn Domingo hat mir bei meiner Rückkehr gesagt, daß Ihr mit dem Grafen augenblicklich ausgehen würdet.

– Es ist wahr, was Domingo sagte; beeile Dich also!

– Wohlan. Ich wußte heute nicht mehr wohin ich gehen oder bei wem ich mich erkundigen sollte. Kein Wunder, Senora, es dauert bereits vierzehn Tage, dieses nutzlose Suchen. So wollte ich eben unverrichteter Sache nach Hause zurückkehren, als mich eine alte Frau, die früher zuweilen in dem Hause des Herrn Grafen gearbeitet und gescheuert hat; auf der Straße anredete und sich nach Euch erkundigte. Ihr werdet sie wohl noch kennen, Senora, da sie auch bei Eurem Vater arbeitete.

– Meinst Du Theresia Costerlings?

– Ja, dieselbe. Ein Wort gab das andere und so brachte ich das Gespräch endlich auch auf Anna Canteels – und ich vernahm von Theresia, daß sie einen schlechten Lebenswandel geführt und endlich einen Soldaten geheirathet habe, mit welchem sie in der Klosterstraße ein Zimmer in einem schlechten Häuschen bewohne. Voller Freude begab ich mich in das spanische Quartier und nach vieler Mühe entdeckte ich endlich auch ihre Wohnung. – Ach! Senora, diese Frau ist zu beklagen! ausgemergelt und gelb, mager wie ein Geripp und unreinlich; es ist kaum zu glauben. gleichwohl muß das Herz der unglücklichen Soldatenfrau noch gut sein, denn kaum fing ich an von Euch zu sprechen, so stürzten ihr auch schon die Thränen aus den Augen und schluchzend bat sie um Verzeihung. Aus ihrem Munde vernahm ich auch wie sie sie bei einem Bauer, von dem Schatze, den ihr ihr gelassen, einige Jahre hatte verpflegen und erziehen lassen. Später ist A na Canteels liederlich geworden und mit Soldaten in Berührung g kommen, die sie zu einem schlechten Leben und zur Verschwendung verleiteten. Zuletzt hat sie Einen unter ihnen geheirathet und wahrscheinlich d n Schlechtesten unter Allen; dieser hat ihr durch Schläge und allerlei Mißhandlungen anderer Art das Geld entrissen, was ihr anvertrauet war. Allein sie hat dasselbe jedoch nur unter der Bedingung hergegeben, daß ihr Los sicher gestellt würde. Es wäre zu weitläufig Euch zu erzählen, wie sie eine traurige Geschichte von einem todten Soldaten und einem verbrannten Dorfe erfunden und es durch Fürsprache reicher Leute endlich dahin gebracht haben, daß sie in das Waisenhaus aufgenommen wurde. Gegenwärtig befindet sie sich also hier neben an im Mägdehause und die Mädchen nennen sie unter einander »die hölzerne Clara.«

– Hölzerne Clara! ein Spottname! ihr! Gott, ist sie vielleicht ein Gegenstand der Verfolgung?

– Ach nein, Senora; man nennt sie nur so weil sie die Gewohnheit hat stets ganz gerade und aufrecht zu gehen; wie es scheint haben alle Waisenmädchen einen Spitznamen bekommen – und hölzerne Clara wird vielleicht noch einer der schönsten sein. – Aber laßt mich doch fortfahren; ich höre unten bereits Geräusch. Kommt hierher vor den Spiegel, Senora, damit ich Euch bei Eurer Toilette helfe; ich will dabei in meiner Erzählung immer fortfahren. – Aber das leise Sprechen wird doch lästig, es erstickt mich beinahe. – Während ich mich noch mit der weinenden Anna Canteels unterhielt, ging plötzlich die Thüre auf und ein gräßlicher Soldat mit langem Knebelbart und abscheulichem Gesicht schwankte herein. Es war ihr Mann: Der betrunkene Kerl besah mich mit mißtrauischem Blicke und brach in Zorn aus als er bemerkte, daß Thränen über die Wangen seiner Frau rollten. Mit wüster Gewalt riß er sie vom Stuhle, schleppte sie in eine Ecke und verlangte, fluchend und schwörend, die Ursache meiner Anwesenheit zu erfahren. Die arme Anna widerstand ihm einen Augenblick aber grausame Mißhandlungen zwangen sie schnell genug zum Bekenntniß. Dann fabelte der wüthende Soldat von Belohnung und von Geld bis ich Alles, was meine Tasche enthielt, vor ihm ausgeschüttet. Ich habe versprochen ihm wöchentlich eine Gabe zu bringen. Er ist ganz gezähmt, denn . . . horcht, Senora, da höre ich den Grafen d’Almata die Treppe heraufkommen. Wie gut daß Ihr zum Ausgehen fertig seid!

In der That trat der Graf d’Almata mit freundlichem Lächeln in das Zimmer. Am Spiegel wartete er noch einen Augenblick bis seine Gattin ihre Toilette gänzlich beendet hatte. Mit Bewunderung und Freude bemerkte er wie ihre Augen im Feuer eines neuen Lebens glänzten und selbst oft mit dem Ausdrucke der innigsten Liebe auf ihm ruhten. Er glaubte darin das Gefühl der Dankbarkeit für seine Nachgiebigkeit am Morgen zu sehen, und erfreute sich darum doppelt an der so liebenswürdigen Erscheinung seiner Frau. Zärtlich ergriff er ihre Hand und Beide verließen das Zimmer um Senora de Beza de Santa Cruz ihren Besuch abzustatten.

II

Am andern Morgen erwachte die Gräfin d’ Almata viel früher als gewöhnlich. Ihre Duena selbst war noch nicht aufgestanden als die Edelfrau bereits das Bett verlassen und sich zum Ausgehen angekleidet hatte. An dem immerwährenden Lächeln auf ihren Lippen, so wie an der Hast ihrer Bewegungen errieth man leicht daß eine fröhliche Ungeduld sie befeuerte.

Als die Duena in das Zimmer trat, war ihre Toilette bereits fast ganz vollendet. Die Alte erblickte darin einen Verweis ob ihrer Schläfrigkeit und mit stummem Aerger fing sie an hier und da Etwas am Anzuge der Gräfin zu ordnen, diese aber kehrte sich scherzend zu ihr um:

– Nun, Ines, sei nicht böse, Liebe; die Freude hat mich aus dem Bett getrieben. Du hast Dich gestern so viel für mich bemühet, daß ich Dich aus Erkenntlichkeit für Deine Dienstleistungen nicht wecken mochte.

Geheimnißvoll nährte sie sich hierauf der bereits getrösteten Duena, ergriff sie bei der Hand und flüsterte ihr, von ihrer Freude hingerissen, mit leiser Stimme zu:

– Ines, ich werde sie sehen! werde sie besuchen! Mein Herz klopft so fröhlich; es ist als wenn ein neues Leben mein Blut und meine Adern durchströmte. Komm, hilf mir noch ein wenig; ich weiß vor lauter Freude und Hast kaum was ich thue.

Die verwunderte Duena gehorchte.

– Und der Graf d’ Almata, Senora? fragte sie zweifelnd. Wird der nicht schrecklich erbittert werden, wenn Ihr nochmals ohne sein Wissen und trotz seines Verbotes Eure Wohnung verlaßt?

– Er weiß es, Ines; er hat es mir erlaubt.

– So! Und seid Ihr gewiß, Senora, daß Euch diese Erlaubniß in aller Form gegeben ward?

– Ganz gewiß; Du kannst nicht glauben wie gütig, wie vertrauensvoll und wie zärtlich er gestern gegen mich war. Ich begreife diese plötzliche Veränderung nicht.

– Ich wohl, Senora. Der Graf liebt Euch über Alles. Seit acht Jahren trauert Ihr nun und erwiedert Beweise seiner Zuneigung durch eine unüberwindliche Niedergeschlagenheit. Als ich Euch gestern die frohe Nachricht brachte, da glänzten Eure Augen voll Lebensfeuer, eine warme Röthe überflog Eure Augen und Eure Stimme ward sanft und klar wie Saitenton. Ihr wart schön, Senora, schön, lachend und stolz. Er, der Euch liebt und anbetet, vermochte diesem Zauber nicht zu widerstehen; – und, Senora, habt Ihr selbst nicht mit ihm mit mehr Heiterkeit und zugleich Zärtlichkeit denn je gesprochen?

– Wie klar durchschauest Du doch die Herzen, Ines! Ja, so ist es: nach vierzehn Tagen der Verzweiflung und der Thränen ward ich plötzlich so sehr von Freude erfüllt, daß Alles, was von meinen Lippen strömte, den Stempel einer angenehmen Heiterkeit und einer innigen Freundschaft trug, die den Grafen auf den Gipfel des Glückes erhob. Als ich ihm dann im Laufe des Gesprächs, unter dem Vorwande einige Spitzen zu kaufen, den Wunsch ausdrückte das Mägdehaus zu besuchen, umarmte er mich mit Inbrunst: Geh, liebe Catalina, jedes Mißtrauen ist verschwunden; verbirg Dich nicht mehr vor mir; ich weiß wohl daß nur die Sucht nach Freiheit Dich so geheimnißvoll handeln läßt, da Du glaubst, daß ich Dich überwache. Bleibe immer so froh, sei immer so gut und thue was Du willst. Deine edle Seele wie Dein ehrsamer Stolz sind mir genugsame Bürgschaften gegen die unruhige Bekümmerniß meines castilianischen Gemüths.

Ein Seufzer entschlüpfte der Brust der Duena; sie hob die Hände empor und sprach:

– Und solch’ einen Mann, die Güte und Liebe selbst, müssen wir hintergehen! Gott vergebe es uns, Senora; wir thun großes Unrecht!

Die Edelfrau ließ ihr Haupt auf die Brust sinken; sie schien von der Bemerkung der Duena niedergedrückt zu werden. Endlich antwortete sie traurig:

– Wir thun Unrecht, sagst Du? Leider! es ist vielleicht wahr; aber ist es möglich diesem Schicksal zu entfliehen? Ich bin unschuldig, Du weißt es – und eher stürbe ich vor Schaam ehe ich einem einzigen unedlen Gedanken in meinem Herzen Zugang verstatten würde . . . und doch muß ich leiden und unter den Verdacht gebeugt einher gehen.

Einen Augenblick schwieg sie, dann aber fuhr sie fragend fort:

– Soll ich ihm Alles entdecken, Ines?

– O, was sagt Ihr da, Senora!

– Sieh, Ines, ich liebe den Grafen so wohl aus Neigung wie in Folge meiner grenzenlosen Dankbarkeit. Die Ueberzeugung, daß ich ihn hintergehen muß, ist für mich eine Hölle voll Schmerz und Pein: es giebt Augenblicke, in denen ich ihm Alles entdecken könnte.

– Hütet Euch wohl davor, Senora; das spanische Blut würde dann gewiß – und mit Recht – die Oberhand gewinnen. Sein Leben würde von einer für ihn gräßlichen Gewißheit vergiftet werden und Ihr selbst könnt nicht voraussehen, was in diesem Falle Euer Loos sein würde. Es wäre besser wieder nach Spanien zurückzukehren und zu vergessen warum wir nach den Niederlanden gekommen sind.

Diese letzten Worte der Duena machten auf die Edelfrau einen sehr peinlichen Eindruck; als wenn ihr ein Hohn geschehen, erhob sie sich mit würdigem Stolz und, indem sie der alten Frau einen finstern Blick zuwarf, sprach sie:

– Wie darfst Du davon sprechen, Ines? Abreisen ohne sie zu sehen? Du spottet sicher, denn besser als ich weißt Du daß dies unmöglich ist – Komm, meine Haube . . . wir gehen!

*                   *
*

In der Gasthuisstraße steht ein Haus mit seltsamem, gothischem Giebel, dessen oberstes Fach mit einer symbolischen Darstellung der heiligen Dreifaltigkeit geziert ist. Ueber der Hauptthür befindet sich ein in erhabener Bildhauerarbeit ausgeführtes Gemälde, eine Anzahl junge Mädchen vorstellend, die von einer Mutter oder Lehrerin unterrichtet werden, wie auch einige Waisen an der Thüre des Stifters. Unter dieser kunstvollen Bildhauerarbeit liest man folgende Erklärung über den Ursprung und Zweck des Mägdehauses:

Tot eerlick onderhout van Myskens Cleene,
Die Nasnaels duer armoede mochten sneven,
Heeft een godfurchtig man wt liefde alleene
Dit godhuys wel begaeft, onbekennt in d’leven1
Dese goede man is wt dit leven gescheyden,
den XIX november MDLXII. Hy heeft geleeft
LXXIII jaren ende was geraempt
Jan van der Meere Coopman alhier.2

Vor diesem Hause war es, wo die Gräfin d’Almata am frühen Morgen mit ihrer Duena sich zeigte. Diese Letztere hob den eisernen Thürklopfer empor und ließ ihn niederfallen, daß der Schlag im Innern des Hauses wiederhallte.

– Nun, Senora, sprach sie unterdessen hastig zu ihrer Gebieterin, um Gottes Willen bezwingt Euch; man könnte aus Eurem Gesicht errathen, was Niemand auch nur vermuthen darf.

Die Edelfrau antwortete nicht.

Einen Augenblick später öffnete ein Waisenmädchen, was ein großes Bund Schlüssel an der Schürze trug, die Thür. Die Kleine sah ungemein fröhlich aus; ihre ganze Kleidung war so nett und rein, Schürze, Kape, Mützchen und Vorärmel waren von Leinwand, aber so blendend weiß und so glänzend, daß das Mägdlein für einen lebendigen Beweis der Reinlichkeit, der Sorgfalt und der kundigen Arbeit, die das Institut auszeichnete, gelten konnte.

– Was beliebt der Edelfrau? fragte das Mägdlein mit freundlichem Lächeln.

– O! Du liebes Kind! rief die Senora wie bezaubert, während sie die Kleine freundlich am Kinne faßte. – Sie griff in die Tasche und zog nach kurzem Suchen einen silbernen Fingerhut hervor, den sie der Kleinen zum Geschenk machte.

– Nimm das, mein Kind, weil Du so freundlich bist und nett. – Ich komme um hier einige schöne Spitzen zu kaufen.

– Dank Euch, Dank Euch, Edelfrau, antwortete das Mädchen. Wir haben sehr schöne Spitzen. Beliebt hier in dieses Zimmerchen zu treten. Und unter die Thür schreitend rief sie nach oben:

– Frau Mutter, Frau Mutter, kommt schnell herab! Hier ist eine schöne Edelfrau, die Euch zu sprechen verlangt! Einen Augenblick später erschien eine Frau von vielleicht vierzig Jahren im Sprachzimmer. Gesundheit und Gemüthsruhe spiegelten sich in ihrem Angesicht und ihre ganze Erscheinung zeugte von Güte und Frieden. Sie verneigte sich vor der Senora, und bot ihr höflich einen Sessel an.

– Welche Ehre, edle Frau, sprach sie, daß die Gräfin d’Almata unser Haus und eine armen Waisen eines Besuches würdigt! Worin können wir Euch dienen?

– Wohlan, Frau Mutter, ich wünsche einige schöne Spitzen zu kaufen und bei dieser Gelegenheit eine Stiftung zu sehen, die so berühmt ist ob ihrer Reinheit und ihrer Zucht.

Die Mutter öffnete hastig eine große Lade und breitete große Stücke Spitzen vor den Augen der Edelfrau aus. Diese jedoch konnte ihre Ungeduld nicht bezwingen.

– Ja, sprach sie, die Spitzen sind außerordentlich schön und ich werde deren gewiß kaufen; wollt Ihr aber, Frau Mutter, nicht die Güte haben mir vorerst Eure Waisen zu zeigen wenn sie bei der Arbeit begriffen sind?«

Ohne dieser Bitte die schuldige Aufmerksamkeit zu schenken, fing die Mutter plötzlich an die Senora verwundert zu betrachten, und zwar in einer Weise, die keineswegs von Unhöflichkeit frei zu sprechen war.

– Wohlan, Frau Mutter, sprach die Gräfin, Ihr antwortet mir nicht?

– Verzeiht, edle Frau, erwiderte diese, ach Gott, wo sind meine Sinne! Ich war ganz zerstreuet! . . . Es ist doch sonderbar!

– Was ist’s denn, was Euch so sehr überrascht? fragte die Senora fast zitternd.

– Nichts, nichts, eine Aehnlichkeit . . . aber, mein Himmel, wie ich auch nur daran denken konnte! – Habet die Güte mir zu folgen, edle Frau!

Sie führte beide Frauen über einen viereckigen Hof nach dem Hintergebäude, wo die Waisen sich befanden.

– Cuidado, Senora! (Gebt acht!) flüsterte unterwegs die Duena ihrer Herrin mit Nachdruck in das Ohr.

Der Saal, in welchen die Gräfin von der Mutter geführt ward, war von arbeitenden Mädchen verschiedenen Alters angefüllt.

Sie waren alle gleich gekleidet: ein schwarzer wollener Rock, ein blaues wollenes Leibchen mit plattem weißem Krägelchen, eine schneeweiße Schürze und ein schwarzes Sammtkäppchen, dies war ihr ganzer Schmuck. Das Haar war hinten aufgebunden und in das Käppchen gefaßt, so daß die Stirn ganz frei und sehr erhaben erschien. Bei der Arbeit trugen sie, um die Aermel ihrer wollenen Leibchen vor zu schneller Abnutzung zu bewahren, leinene Vorärmel.

Die Meisten waren mit Spitzenklöppeln beschäftigt, Andere nähten oder zeichneten Wäsche, strickten bunte Wolle oder stickten mit Seide und Gold in verschiedenen Stoffen.

Vor Ankunft der Mutter waren die Mädchen mit dem Singen eines geistlichen Liedes beschäftigt; die Senora hatte dies gehört und namentlich eine sanfte Discantstimme unterschieden, die wie der Ton einer silbernen Flöte den Gesang beherrschte. Es war ihr peinlich, daß bei Ihrem Erscheinen plötzlich die tiefste Stille herrschte und jedes Mädchen das Haupt über ihre Arbeit beugte. So lautete indessen die Hausordnung und die Mutter war nicht mild im Strafen.

Nach dem Wunsche der Senora zeigte ihr die Mutter die Arbeit eines jeden Mädchens und gab dabei so weitläufige Erklärungen, daß sie nur sehr langsam zwischen den Reihen der Mädchen fortschreiten konnte. Nach Derjenigen fragen, die sie zu sehen wünschte, das durfte die Gräfin nicht und sie sah sich mithin zur peinlichsten Geduldprobe verdammt und hörte, ganz mit dem Gedanken beschäftigt, daß Jemand, der ihr theurer war als selbst ihr eigenes Leben, in diesem Augenblicke mit ihr die Luft desselben Zimmers athme, fast nicht mehr auf ihre Begleiterin.

Die Mutter war über die sonderbare Unaufmerksamkeit der Gräfin nicht wenig verwundert, und eben wollte sie ihre Erklärungen unterbrechen, als diese plötzlich fragte:

– Eure Töchter, Mutter fingen wohl lieblich und schön; vor Allen ist unter ihnen ein Discant von bezaubernder Reinheit.

– — Ich glaube es wohl, rief die Mutter; das ist die hölzerne Clara . . . Was fehlt Euch, Edelfrau? die Luft beengt Euch vielleicht? Kommt, wir wollen in den Hof gehen, dort ist es frischer.

– Ihr irrt Euch, Mutter, antwortete die Duena mit Hast doch sehr kaltblütig. Meine Gebieterin erbleicht oft plötzlich; es ist dies ein nervöses Uebel, was jedoch weiter Nichts bedeutet.

– Ah! um so besser, versetzte die Mutter. Wollt Ihr, edle Frau, das Lied vielleicht noch einmal hören?

– Ach ja, ich würde Euch dafür dankbar sein; aber erlaubt, daß ich mich ein wenig setze, denn ich bin sehr ermüdet.

Die Mutter eilte nach dem oberen Ende des Saales und holte ihren eigenen mit Leder überzogenen und mit vergoldeten Nägeln besetzten Sessel herbei. Sie ersuchte die Gräfin sich darauf niederzulassen und sprach dann zu den Mädchen gewandt:

– Kinder, diese Edelfrau wünscht Euch singen zu hören. Clara Houtvelt stelle Dich vor das Pult.

Während die Waisen sich anschickten Ihrer Mutter zu gehorchen, fragte die Gräfin mit schlecht bezwungener Aufregung:

– Clara Houtvelt, sagt Ihr, Mutter? Ich glaube Ihr habt von einer (hölzernen) Clara gesprochen, die Vorsängerin ist?

– Ja, edle Frau, Clara Houtvelt ist Houten Clara, das liebe Engelchen, was dort vor dem Pulte steht.

Und ohne weiter auf den Gesichtsausdruck der Senora, noch auf die ängstliche Aufmerksamkeit, womit die Duena ihre Gebieterin betrachtete, Acht zu geben, wandte sie sich zu den Mädchen:

– Das Christlied! Clara, Kind, sing Du vor; Deine Schwestern sollen den Gruß (die Salution) wiederholen.

Clara stand da vor dem Pulte wie ein poetisches Bild des Kindes. Ihre Glieder waren außerordentlich zart, vielleicht etwas mager, doch dies that ihren zwölf Jahren keinen Eintrag. Ihre großen Augen schienen das Blau des Himmel zurück zu strahlen, ihr Mündchen war klein wie ein gefaltetes Rosenblatt und das Grübchen auf ihrer Wange lieblich wie ein glänzendes Sternchen. Was sie jedoch am Meisten vor ihren Genossinnen auszeichnete, aber zu ihrem platten Mützchen, ihrer Schürze und ihrem wollenen Leibchen am Wenigsten paßte, das war die Würde ihrer Haltung und etwas unaussprechliches in ihrem Blick, was in ihr das Kind hoher Eltern vermuthen ließ. Unter ihren Gespielinnen selbst war Keine, die diesen Eindruck nicht bereits erfahren hatte; alle waren überzeugt daß Clara von keinen geringen Eltern stammen könne, obschon dieser Glaube sich bei ihnen nur auf die würdige Haltung und die edle Seele dieses reinen und schönen Kindes gründete. Als Clara von der Mutter das Zeichen zum Anfang erhalten hatte, erhob sie ihr schmeichelnd hohes Stimmchen und sang:

 
Maria ende Joseph mede
Voeren beyde te samen
Tot Bethleem ter stede,
Daer si haer herberghe namen.3
 

Die andern Mädchen antworteten Alle zugleich:

 
In excelsis gloria!
Et in terra pax hominibus.
Valasus! Valasus!
Swighet soete Jhesus;
Ghi sijt ons Dominus,
Et in terra pax hominibus!
 

Maria und Joseph fuhren zusammen nach Bethlehem zur Stadt, wo sie ihre Herberge nahmen.

 
In excelsis gloria! etc.
 

In einem armen Häuschen, wo weder Wiege noch Thüre fand, mußten sie übernachten, denn sie waren von aller Habe entblößt.

 
In excelsis gloria! etc.
 

Als nun die Mitternacht erschien, da hat die Jungfrau ein Kind von großer Macht geboren, wie schon die Engel uns erklärt.

 
In excelsis gloria! etc.
 

Da gebar die Reine den Herrn, der da gebenedeiet ist im Himmel und auf Erden. Gelobt sei sie zu aller Zeit!

 
In excelsis gloria! etc.
 

Da fang mit frohem Schalle Joseph Hallelujah, und die Engel alle: In excelsis gloria! Valasus! Valasus! Schweige süßer Jesus, du bist unser Dominus. Et in terra pax hominibus.

Diesen Refrain fangen sie dann nach jeder Strophe.

Clara aber fuhr fort:

 
In een arm huyseken,
Al sonder weeghe oft doeren,
Omdai si waren van have bloot
Moesten hem also gheboeren.
In excelsis gloria, enz.
 
 
Alst quam ter rechter middernacht,
Soe hevet die maghet ghebaert
Een kindeken van groter macht,
Als die engel ons verklaert.
In excelsis gloria, enz.
 
 
Daer baerde die suverlijke
en Heere ghebenedijt
Van hemel ende aertrijcke.
Lof si haer tot alder tijd!
In excelsis gloria, enz.
 
 
Doe sanck met bliden gheschalle
Joseph-alleluya, en die Enghelen alle:
In excelsis gloria! Valasus! Valasus!
Swighet soete Jhesus,
Ghi sijt ons Dominus.
Et in terra pax hominibus.
 

Während dieses Liedes saß die Gräfin mit offenem Munde da und lauschte ganz erstaunt, als hätte sie in der That dem heiligen Hallelujah des Himmels beigewohnt. Ihre Augen waren keinen Augenblick von Clara abgewandt, sie hingen buchstäblich an den Lippen des Kindes. Und in der That besaß die singende Waise in ihrer Erscheinung etwas so Reines und Himmlisches; aus ihren blauen Aeuglein strahlte eine so innige Begeisterung, sie schien so ganz in ihren Lobgesang versunken, durch ein geheimnißvolles Gefühl der Harmonie fortgerissen zu sein, daß sie mit Nichts als mit einer verklärten Seele, die vor dem Throne Gottes steht, verglichen werden könnte. Die Duena selbst war dadurch so gerührt, daß sie ganz die Gefahr vergaß in der ihre Gebieterin schwebte; mit vorgestrecktem Haupte und offenem Munde starrte auch die unverwandt auf Clara hin.

Der Gesang war längst geendigt und Clara bereits wieder zu ihrem Klöppelkissen zurückgekehrt, die Gräfin und die Duena indessen saßen noch gleich unbeweglich da.

– Ja, ja, edle Frau, sprach die Mutter sich der Senora nähernd, voll Stolz, man suche in der ganzen Stadt noch eine einzige Sängerin wie dieses liebliche Kind! Auch wird sie niemals außerhalb unseres Hauses in Dienste treten. Da sind die Elisabethsnonnen hier hinten, die Witte Zusters (weißen Schwestern) in der langen Niewstraße, und die Oostmallen auf dem Ossenmarkt die unserer Clara bereits zugeredet haben in ihr Kloster zu treten wenn sie alt genug sein würde. Man wolle sie ohne Mitgift annehmen, denn sie sollte in der Kirche die erste Stimme führen; aber sie sollen sie nicht haben, edle Frau. Clara ist mein Kind und wenn es Gott gefällt soll sie mich, so lange ich lebe, nicht verlassen. Was denkt Ihr, Gräfin, von dieser schönen Stimme?

Senora war von einem unwiderstehlichen Gefühle beherrscht; und kaum vermochte sie zwei Thränen zurück zu halten, die gewaltsam sich aus ihren Augen stahlen. Die Duena bemerkte den inneren Kampf ihrer Gebieterin und ergriff sie, um sie zur Besinnung zu bringen, heimlich bei der Hand. Ohne weder dieses Zeichen noch die Frage der Mutter zu beachten, erhob sich die Edelfrau von ihrem Sessel und ging gerade zu Clara hin, die aus Ehrfurcht vor der Fremden gleichfalls aufstand und die Augen bescheiden niederschlug.

Bebend ergriff die Gräfin des Mädchens Hand und sprach stammelnd:

– Welche engelgleiche Stimme hast Du doch, mein Kind! Sieh mich doch an, meine Kleine; fürchtest Du Dich denn vor mir?

– Ach nein, Edelfrau, antwortete sie; sprecht Ihr doch so freundlich zu Eurer Dienerin!

– Dienerin! seufzte die Dame schmerzlich, während sie die Hand der Waise noch zärtlicher drückte. Willst Du mich wohl umarmen, Clara? . . . o, Du singst so schön!

– Umarmen, Edelfrau? fragte das Mädchen verschämt. Ich möchte wohl, aber ich darf nicht.

Kaum waren diese Worte dem Munde des Kindes entfallen, als die Senora dasselbe beim Kopfe ergriff und es so lange und mit einer solchen Leidenschaft küßte, daß die Kleine davon ganz roth wurde und sich erstaunt und überrascht wieder zu ihrer Arbeit niederbückte.

Unterdessen hatten sich die Mutter wie die Duena, Beide von dieser flüchtigen Scene angezogen, der Gräfin genähert. Die Erstere wußte nicht was sie von dem Betragen der Edelfrau denken sollte und bereits durchkreuzten sonderbare Vermuthungen ihren Kopf. Da diese Vermuthungen jedoch jedes wahrscheinlichen Grundes entbehrten, so that sie sich selbst innerlich Gewalt an, um zu glauben, daß Clara’s Gesang allein die Gräfin zu Thränen gerührt habe. Die übrigen Waisenmädchen betrachteten das, was vor ihren Augen geschah zum Theil mit gedankenloser Neugierde, zum Theil mit Neid. Sie waren gewöhnt in Clara stets und überall den Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit und besonderer Liebkosung zu erblicken, so daß sie auch bei dieser Gelegenheit nichts Weiteres vermutheten.

Die Duena hingegen zitterte vor Angst, und kaum bemerkte sie, daß ihre Gebieterin nach dem Kusse, den sie auf die Stirn des Kindes gedrückt, erbleichte, daß ihre feuchten Augen im Feuer der Verwirrung funkelten, als sie auch schon mit lauter Stimme sprach:

– Senora, der schöne Gesang hat Euch zu sehr auf geregt; Ihr seid unwohl . . . Die frische Luft wird Euch wohl thun. Laßt uns lieber Nachmittag oder Morgen wiederkehren.

Bei diesen Worten schien sie ihre Gebieterin scheinbar zu unterstützen, in der That aber zog sie dieselbe mit fast unwiderstehlicher Kraft am Arme aus dem Saale fort, und führte sie so nach dem Sprachzimmer, in welchem sie vorher die Spitzen gemustert hatten.

– Nun, Mutter, sprach die Duena, zeigt uns schnell die besten Spitzen; meine Gebieterin bedarf der Ruhe. Auf der ganzen Welt kenne ich Niemand der empfänglicher wäre für Gesang als die Gräfin. Er erschüttert alle ihre Nerven und zieht ihr zuweilen Ohnmachten zu.

– Ach, wenn ich der Frau Gräfin damit angenehm sein kann, so möge sie kommen wenn es ihr gefällt. Clara kann noch viele schöne Liedchen; ich werde sie vor meiner edlen Nachbarin allein singen lassen; das Kind ist so sanft und so freundlich; es hat noch niemals Etwas geweigert was Jemand Vergnügen machen könnte!

Die Senora besaß in der That nicht mehr Geistesgegenwart genug um zu antworten. Der Kuß brannte noch immer in ihrem Geiste, und ihre Seele hing noch immer an dem Mündchen des angebeteten Kindes. Die Duena begriff den Zustand ihrer Gebieterin sehr wohl und ohne deren Zustimmung abzuwarten, fuhr sie fort:

– Ja, die Spitzen sind außerordentlich schön; der Preis, den Ihr fordert, Mutter, ist wahrlich hoch; allein dies schadet nicht: meine Gebieterin nimmt das ganze Stück: ich werde sie augenblicklich holen und auch diese schmale Spitze zu fünf Karolusgulden . . . Auf Morgen, Mutter. Seid hundertmal b dankt für Euern freundlichen Empfang. Wir gehen, nicht wahr, Senora?

Die Gräfin wandte sich zur Mutter und sagte:

– Ich möchte der Sängerin gern ein Geschenk machen; könnte ich sie vielleicht noch einmal sehen?

– Augenblicklich, edle Frau, antwortete die Mutter und eilte aus dem Zimmer.

– Um Gottes Willen, Senora, was thut Ihr da! rief die Duena mit gefalteten Händen.

– Ich will sie noch einmal küssen ehe ich gehe und sollte ich darüber das Leben verlieren, Ines.

– Möge Euer Schutzengel Euch beistehen, Senora; die Gefahr ist groß! Vorsichtig, vorsichtig, da ist sie bereits.

Clara ward von der Mutter zur Gräfin geführt; diese ergriff ihre Hand.

– Liebes Kind, Deine Stimme und Deine Anmuth haben mich bezaubert, sagte sie. Ich muß Dich doch für Deinen schönen Gesang belohnen. Da nimm Dies von mir als von einer Freundin die Dich liebt.

Das Kind betrachtete erstaunt das glänzende Geschenk in seiner Hand. Das war ein Scheerchen mit silbernen Augen und ein Nadelbüchschen, von demselben Metall.

– Küsse nun die Senora, sprach die Duena.

Clara voller Freude über das niedliche Scheerchen und das noch schönere Nadelbüchschen, ließ sich das nicht zweimal sagen und hob ihre Arme, ein holdes Lächeln in den Augen, zur Gräfin empor. Diese küßte und küßte das Kind bis die Duena mit der strengen Bemerkung:

– Senora, der Graf wartet Eurer; er wird sonst über unser langes Ausbleiben ungehalten werden, dazwischentrat, während sie selbst einige Schritte nach der Thür hin that.

– Auf Morgen, Frau Mutter, sprach die Gräfin; auf Morgen, mein Kind.

– Es fehlt Dir noch ein Fingerhut, meine kleine Sängerin; ich werde Dir ihn auch schenken.

Hierauf folgte sie ihrer Duena und die Thür schloß sich hinter ihnen zu.

– Senora! Senora! rief die Duena als sie auf die Straße gekommen waren, wie unvorsichtig waret Ihr doch! Diese Leute müßten in der That stockblind sein, wenn sie nicht errathen sollten, daß Eure Rührung ein Geheimniß verberge, und . . .

Die Senora indessen hielt ihr die Hand auf den Mund und von Entzücken ganz außer sich sprach sie: – Schweig, Ines, schweig: Und wenn der Graf auch Alles entdecken, und wenn ich auch ein Opfer eines Hasses und seiner Rache werden sollte, was wäre das? Ha! Du scheint es nicht zu wissen, daß ich sie gehört, gesehen und geküßt habe? daß sie mir entgegen lachte, daß sie mit mir gesprochen? daß ihre Lippen voll Liebe auf den meinigen ruhten! o Gott! es ist des Glückes zu viel! Ich bin bereit Alles auszustehen, Alles zu leiden, aber raube mir doch die beseligende Freude nicht, die jetzt mein Herz überströmt! . . . Schweig doch, Ines, laß mich baden in diesem unaussprechlichen Genusse; trübe den Himmel meiner entzückten Seele nicht! . . . Was ist der kleine Engel nicht schön, nicht wahr, Ines? Welch edler Hauch ist nicht über die kleine Nachtigall ausgegossen!

Zwei Thränen trocknend öffnete die Duena die Thür und als ihre Gebieterin eingetreten war, schloß sie dieselbe sorgfältig wieder zu.

Unterdessen war die Mutter des Mägdehauses gedankenvoll vor sich hin sprechend nach dem Sprachzimmer zurückgekehrt, um dort die Laden, in denen die Spitzen verschlossen wurden, wieder zu schließen. Als sie indessen dort angelangt war, hatte sie jedoch bereits wieder vergessen was sie denn eigentlich thun wollte, und so sank sie denn fast bewußtlos in einen Stuhl und sprach, die Augen zu Boden gerichtet, endlich leise und langsam vor sich hin:

– Aber die Geschichte von dem abgebrannten Dorfe und dem mitleidigen Soldaten? – Sollte dies denn eine Erdichtung sein? – Houivelt? Ein sonderbarer Name. – Es ist vielleicht ihre Schwester . . . aber wäre dies möglich? Ist Clara wohl älter als zwölf Jahre? Nein, vielleicht ist es eine Nichte, eine Tante . . . Wer weiß? Aber ist es möglich, daß eine Nichte, eine Tante – eine Schwester selbst – bei einem einzigen Kusse auf den Mund eines Kindes sich entfärbe, ohnmächtig werde, Thränen vergieße? Könnte dieses unwiderstehliche, dieses hinreißende Gefühl wohl ein anderes sein als das, was die Gräfin beim Anblicke ihrer Rührung in meinem eigenen Herzen entzündete? Was beherrscht Anderes die Seele einer Frau wenn nicht die Mutterliebe? . . . Ach, ich begreife! Arme Mutter, was muß sie leiden! Ein Kind, so schön und bezaubernd! Es seit Jahren nicht gesehen haben, es wiederfinden unter Mädchen die zum Dienen erzogen werden, es weder erlösen noch beschützen können, ohnmächtig werden bei einem Kusse und sich dennoch mit gebrochenem Herzen entfernen müssen! o Gott! einen Händedruck, einen Kuß, ein Lächeln von seinem eigenen Kinde stehlen und mit ihm reden müssen als wenn es eine Fremde wäre! Vergehen und stets das glühende Schwert der Schande über seinem Haupte schweben sehen, gegen Natur und Gesellschaft blutig ankämpfen und hundertmal unter dem unerbittlichem Schicksal zerschmettert niedersinken! Arme Mutter! . . . Aber wer kann es wissen? Ich irre mich vielleicht – und dann wäre meine Vermuthung ein der Gräfin ganz unwürdiger Hohn – Wie dem auch sein mag, die Gräfin ist gut, sie liebt das Kind feurig was ich über Alles lieb habe: was auch das Geheimniß ihres Herzens sein möge, ich werde es nicht verrathen – dafür bewahre mich Gott! Und wenn sie Vergnügen daran findet – und ich zweifle nicht daran – wenn sie in Clara’s Anblick und in ihrem süßen Lächeln die mütterliche Seligkeit kosten will . . . so möge sie kommen die arme Mutter, ich werde ihr behilflich sein . . .

– Frau Mutter, rief jetzt die Schließerin, hier ist Schwester Begga von den Annunciaten, sie kommt wegen des Chorhemdes für den Kanonikus Visschers!

– Ich komme, ich komme! antwortete die Mutter hastig, indem sie schon der Schwester entgegeneilte.

III

Kaum hatte die Sonne einen geringen Theil ihrer Himmelsbahn durchlaufen, als die Gräfin d’Almata in Begleitung ihrer Duena schon ihre Wohnung verließ um zum zweiten Male das Mägdehaus zu besuchen. In ihren Augen glänzte die reinste Freude; seit sie selbst aus ihrer langjährigen, gefühllosen Trauer erwacht war, erschien ihr Alles in der Welt wieder schön und freundlich. Ihr Gemahl erblickte in ihrer Heiterkeit eine Quelle des Trostes, des Genusses; er war so gütig und zärtlich gegen sie, bewies ihr ein wirklich grenzenloses Vertrauen und sie war überzeugt, daß ferner kein Argwohn mehr in seinem Herzen wohnte! Sie konnte also die Kleine besuchen ohne fürchten zu müssen, daß das Auge eines Spähers sie verfolge.

Die Duena klopfte.

Ohne Zweifel hatte die Mutter der Schließerin besondere Befehle gegeben, denn als diese sah wer draußen wartete, riß sie die Thür weit auf, und sprach erfreut mit heiterer Gefälligkeit:

– Willkommen, willkommen, Gräfin d’Almata! Eure unterthänige Dienerin. – Geruht näher zu treten, Gräfin; ich werde unsere Frau Mutter augenblicklich rufen.

Die frische Maid schloß die Thür wieder zu und eilte dann schnell wie ein Reh nach dem Hintergebäude. Einige Augenblicke später erschien die Mutter mit der hölzernen Clara.

Als das Kind in das Sprachzimmer trat und die Gräfin bemerkte, eilte es auf sie zu und küßte ihr die Hand.

Ein Zittern durchlief die Adern der Gräfin, doch sie bezwang sich und mit Wollust blickte sie sprachlos in des Kindes blaue Augen. Sie auch hatte Claras Händchen gefaßt und streichelte ihr mit der andern Hand vertraulich Stirn und Schulter. Der unbestimmte und seltsame Blick der Gräfin erzeugte in dem Kinde ein unbegreifliches Gefühl; das Lächeln verschwand von seinen Lippen und fragend, als wenn es eine Erklärung erwartet hätte, blickte es der Senora in die Augen. Es schien zu sagen:

– Ich bin von Jedermann geliebt und bevorzugt, aber Ihr liebt mich anders. Wie kommt das? Und warum wünsche ich so sehnlich stets bei Euch zu sein?

Die Gräfin schien die stumme Frage der Waise zu verstehen:

– Du armes Kind! seufzte sie traurig.

Die Mutter hatte alle Gemüthsbewegungen, die sich auf dem Angesicht der Edelfrau abspiegelten, aufmerksam verfolgt und sie erkannte leicht etwas Gezwungenes, was in ihrem Zustande herrschte, während weder sie noch Clara Etwas zu sagen wußten.

– Gräfin, wandte sie sich daher an die Senora, laßt uns in das Zimmer gehen, wo die Clavecimbel steht. Ihr sollt hören wie Clara spielen kann. Ach es ist eine köstliche Perle von einem Kinde; Schwester Cathelyne im Falconskloster hat sie in der Musik unterrichtet und sie spielt so schön, daß man Tage lang ohne zu essen oder zu trinken dasitzen und ihr zuhören könnte.

Zwischen der Gräfin und Clara mußte bereits ein Band der Liebe und des Vertrauens entstanden sein, und ohne Zweifel trieb ein geheimes Gefühl das Kind an in dieser reichen und mächtigen Frau mehr als eine bloße Beschützerin zu erblicken, denn als die Mutter sprach: »laßt uns in das andere Zimmer gehen, hatte die Kleine die Senora bereits bei der Hand ergriffen, als wenn sie ihre Mutter gewesen. Diese Bewegung, wie einfach auch, ließ die Augen der Gräfin in Freude und Stolz erglänzen und sie führte Clara an der Hand, wie sie es mit ihrem eigenen Kinde gethan haben würde.

In dem Zimmer, wo die Clavecimbel stand, bot man der Gräfin einen Sessel an; die Duena setzte sich neben der Mutter auf einen Stuhl und Clara stellte sich vor das Instrument.

–Nun, sprach die Mutter, sing das Lied: »Mit Freude wollen wir singen,« das hat ein so schönes Vorspiel.

Clara begann. Sie mußte für die Musik ungemein empfänglich sein; schon beim Anfang des Spieles schien sie von Begeisterung ergriffen zu sein. Während ihre Fingerchen auf den Tasten dahin liefen, lachte ihr Mündchen den süßen Tönen entgegen oder eine leichte Falte auf ihrer Stirn zeigte an, daß sie eine tiefere Saite berührt hatte.

Voll Bewunderung dieses zugleich prächtigen und bezaubernden Spieles, von einem Regen harmonischer Töne überladen, blickten die drei Frauen unverwandt auf die begeisterte Maid, die plötzlich den schlanken Hals emporrichtete, das blaue Auge zum Himmel wandte und unter Begleitung der Clavecimbel folgendes Lied sang:

 
Met vruechden willen wi singen
Ende loven die Triniteit,
Dat si ons wil bringhen
Ter eeuwigher salicheit,
Die eeuwelijc sal dueren,
Eeuwelijk sonder verghanck,
Och mocht ons dat ghebueren;
Och, eeuwelijk is so lanck!
 
 
Die bliscap is sonder eynde
Daer boven in Hemelrijck,
Die wi daer sullen vinden
En heeft egheen gelijck.
Daer is dat godlijk wesen, -
Het scenct ons goeden dranck,
Also wi horen lesen,
Och eeuwelijc is so lanck!
 
 
Die heylighen alle gader
Sy maken grote feest,
Sy loven God den Vader,
Den Soon, den heylighen Gheest.
Die goeden sullen scheyden
End singhen der engelen sanck
Tot eeuwelicken tijde
Och eeuwelijc is so lanck!
 
 
Maria, moeder ons Heeren,
Sij is van ons verblijt,
Wanneer wi ons bekeeren
In deser allendigher tijt.
Maria, maghet reyne
ô, Edel Wijngaertranck,
Bidt voer ons int ghemeyne.
Och, eeuwelijc is so lanck!4
 

So lange die Stimme der singenden Maid in perlengleichen Tönen das Ohr der Frauen erfüllte, so lange hatte weder die Mutter noch die Duena einen Blick von dem Kinde abgewandt. Als aber Clara ihren Gesang beendet hatte, da blickten Beide nach der Gräfin hin als wenn sie sagen wollten:

– Ist dies nicht himmlisch schön, nicht wahr? Die Gräfin indessen saß da mit gesenktem Haupte und ein Strom stiller Thränen rollte in ihren Schoos!

Clara, die dies nun auch bemerkte, stieß einen lauten Schrei aus und eilte auf die Senora zu. Sie betrachtete sie mit seltsamem Blick, fing dann gleichfalls an zu weinen, legte ihr Köpfchen auf das Knie der Gräfin als glaubte sie dadurch ihr Herz von dem trüben Mitgefühl zu entlasten.

Die Senora hob alsbald das Kind in die Höhe, schloß es in ihre Arme und benetzte eine Stirn mit ihren Thränen. Keine Klage, kein Seufzer entschlüpfte weder dem Kinde noch der Frau.

Diese Scene war so feierlich und so rührend, daß die Duena ihre Gebieterin ehrfurchtsvoll betrachtete und nicht zu sprechen wagte; was die Mutter betrifft, so war sie nun überzeugt, daß sie sich in ihrer ersten Vermuthung nicht getäuscht hatte. Sie fühlte was im Herzen der Senora jetzt vorging und mühsam bekämpfte sie das Mitleid, was sich bei ihr in Thränen Luft zu machen suchte; allein Pflichtgefühl und ein gewisser Edelmuth halfen ihr ihr Erstaunen zu bezwingen und gaben ihr selbst Kraft zu heucheln als wenn sie die Ursache dessen nicht zu errathen vermöchte, was hier geschah.

Nach einigen Augenblicken erwachte die Gräfin aus ihrer Selbstvergessenheit. Die Stille, die sie umgab, überraschte sie, sie hob das Haupt empor und sah die Augen der Mutter prüfend auf sich gerichtet. Sie begriff wie sehr sie sich blosgestellt hatte und suchte, wenn auch nur scheinbar, sich zu beruhigen. Sie trocknete zu wiederholten Malen die Thränen aus ihren Augen und liebkoste das Kind um ihre fortdauernde Rührung zu verbergen. Als sie endlich wieder zu sich selbst gekommen war, küßte die Clara und sprach mit scheinbarer Kaltblütigkeit:

– Deine Stimme, liebes Kind, hat mich ganz verwirrt . . . Du bezaubert förmlich durch Deinen schönen Gesang.

Das Kind jedoch fuhr fort zu weinen und antwortete schluchzend:

– Ja, es ist gut, nun singe ich auch nicht wieder . . . im ganzen Leben nicht mehr.

– Warum denn, Kind?

– Ja, weil es Euch weinen macht . . . Und gewiß singe ich nicht mehr, weder vor Euch, noch vor Anderen . . . denn ich bin mit mir selbst böse, daß ich Euch betrübt habe. Ich bin sehr unglücklich, daß ich singen kann.

Die Worte des Kindes waren gewiß nicht geeignet die Senora zu beruhigen. Sie unterdrückte die hervorbrechenden Thränen, denn noch war der aufmerksame Blick der Mutter auf sie gerichtet. Die Gräfin nahm das Kind liebevoll auf ihren Schoos und sprach schmeichelnd:

– Liebe Clara, es ist nicht darum, mein Kind; es sind Freudenthränen, die ich vergieße. Hast Du denn nicht geweint, mein Kind, als Du zum ersten Male ein schönes Lied hörtest?

– Wenn Schwester Cathelyne und Meister Huygens unter Begleitung der Clavecimbel zusammen singen, antwortete das Kind ganz betrübt, dann weine ich immer, Edelfrau; aber es ist doch so nicht.

– Ja wohl, mein Kind, es ist das Gefühl der Seele was in der Harmonie der Musik verschwimmt.

– Ja, die Seele verschwimmt; das Herz bebt . . . aber ich will doch nicht mehr singen . . . daß ich Euch betrübte das macht mich sicher krank und thut mir so weh, so weh!

– Armes Kind! weißt Du was Du thun mußt um mich zu trösten? Du mußt fröhlich sein und das Weinen lassen. Ein Lächeln Deiner Lippen wird mich schnell wieder fröhlich machen.

Clara hob das Köpfchen empor und zeigte der Senora ein noch ganz von Thränen benetztes Gesicht, auf welchem jedoch auch gleichzeitig ein süßes und bezauberndes Lächeln ergänzte. Dieser Beweis der Liebe und einer himmlischen Herzensgüte des Kindes rührte die Gräfin so sehr, daß sie einen Augenblick ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckte und dann das Kind wiederum mit Uebertreibung küßte.

Die Mutter fühlte, daß ihre Gegenwart der Gräfin peinlich sein müsse. Sie war edel genug ihre Neugierde zu bemeistern und darum verließ sie mit folgenden Worten das Zimmer:

– Edelfrau, ich muß nach meinen Mädchen sehen, denn es ist keine kleine Sache so viele Waisen in Ordnung zu halten. Bleibt indessen, wenn es Euch gefällt, ruhig hier mit Clara: Niemand wird Euch stören. Ich werde schnell wiederkommen . . .

– Senora, sprach die Duena, als die Mutter das Zimmer verlassen, auf Spanisch zur Gräfin, sollte diese Frau Nichts vermuthen? Ich glaube im Gegentheil, daß die Alles errathen hat.

– Es ist wohl möglich, Ines, antwortete die Edelfrau ohne Schrecken; indessen fürchte ich Nichts. Sie liebt das Kind vielleicht so sehr als ich; sollte sie ihm also etwas thun können was ihm Schaden brächte?

– Die Zunge einer Frau, Senora, wird zuweilen wider Willen zum Verräther.

– Ach Gott! Ines, betrübe mich nicht; laß mich die Seligkeit genießen.

– Ich schweige, Senora; genießt immerhin Euer Glück: es ist bezahlt . . .

*                   *
*

Als die Mutter eine halbe Stunde später zurückkehrte, sprang Clara von dem Schoose der Gräfin, und eilte ihr entgegen um ihr ein Buch zu zeigen.

– Ach, Frau Mutter, jauchzte das Kind fröhlich, seht nur dieses schöne Gebetbuch mit goldnem Schloß und den vielen Bilderchen! Meister Jan van den Rozier, der Euch conterfeite, hat Blumen von Silber und Lafur hinein gezeichnet. Ach Gott, wie bin ich froh! Und morgen bekomme ich ein Liederbuch! Und ich habe auch noch Perlenschnuren in meiner Tasche . . . ach seht nur . . . sie sind selbst zu schön für ein Königskind!

Die Gräfin war von ihrem Sessel aufgestanden und schickte sich an das Mägdehaus zu verlassen. Sie ergriff die Hand der Mutter und drückte sie freundlich:

– Ich bin Euch sehr verpflichtet. Wenn ich Etwas thun kann um Euch meine Dankbarkeit zu beweisen, so wendet Euch an mich, meine Wohnung ist Euch zu jeder Stunde geöffnet. Laßt mich Euch nützlich werden – und ich werde Euch dafür noch dankbar sein.

– Ihr seid zu gütig, Gräfin. Eure geehrte Freundschaft ist für mich eine schöne Belohnung. Verfügt über mich, betretet unser Haus wenn es Euch gefällt: Alles soll Euch zu Diensten stehen.

– Auf morgen also, gute Mutter. Wenn ich Euch einst gern sprechen möchte, würdet Ihr dann wohl die Güte haben einmal zu mir zu kommen?

– Gewiß, edle Frau; zu viel Ehre.

Clara stand da ganz betrübt und schien große Lust zum Weinen zu haben.

– Auf morgen also, kleine Nachtigall! sprach die Senora.

– Bleibt Ihr nicht hier? seufzte das Kind.

– Ich komme morgen wieder – und dann bringe ich Dir ein schönes Liederbuch. Komm, küsse mich noch ein- mal und vergiß Deine Freundin nicht.

– Nein, nein, ich werde auch diese Nacht wieder so fröhlich von Euch träumen.

– Du hast von mir geträumt? fragte die Gräfin verwundert. Und was träumte Dir denn, liebes Kind?

– Ach, es war so schön! Ich träumte Ihr wäret meine Mutter, ich ruhte in Eurem Bette in Euren Armen, Ihr küßtet mich . . .

– Auf morgen, auf morgen! rief die Gräfin mit gepreßter Stimme.

Sie ergriff die Hand der Duena und zog sie fort auf die Straße als wenn sie einer drohenden Gefahr hätte entfliehen wollen.

IV

– Ihr habt die Güte gehabt mich rufen zu lassen, Edelfrau, sagte die Mutter des Mägdehauses als sie in das Zimmer der Gräfin d’Almata trat. Hier bin ich zu Euren Diensten.

– Seid willkommen, Frau Mutter, rief die Senora. Setzt Euch zu mir auf diesen Stuhl: ich wünschte gern mit Euch zu sprechen. Ihr vermuthet ohne Zweifel worüber ich mich mit Euch unterhalten will.

– Ueber Clara, Edelfrau?

– In der That. Kennt Ihr die Geschichte dieses Kindes?

– Ich weiß nicht viel davon, edle Frau. Clara war bereits ungefähr ein Jahr im Mägdehause ehe ich als Mutter desselben angestellt ward.

Von den Vorstehern und Almoseniers habe ich vernommen, daß sie nach der Verwüstung eines Dorfes ganz elternlos geworden, von einem Soldaten aus Mitleid an Kindesstatt angenommen und verpflegt ward. Später ist sie auf Fürsprache eines Blutsverwandten des Stifters unseres Hauses bei uns aufgenommen worden. – Was mich betrifft, so glaube ich kein Wort von dieser Geschichte, die mir immer wie eine Erdichtung vorgekommen ist, erfunden um Claras wahre Abkunft zu verbergen.

– Weiß denn aber Clara selbst Nichts von ihren Eltern?

– Alles, dessen sie sich noch unbestimmt zu erinnern vermag, ist, daß sie in ihrer frühesten Jugend auf einem Dorfe in einem Bauernhause wohnte. Und was mich vermuthen läßt, daß sie niemals die Sorgfalt und Liebe einer Mutter genoß, ist, daß sie sich aus jener Periode nur mit Klarheit auf ein kleines, buntes Schäfchen, mit dem sie spielte, zu besinnen vermag. – Dies beweist meiner Meinung nach unumstößlich, daß das Kind entweder keine Mutter hatte oder von derselben verlassen worden war.

Die Gräfin versank unter dieser Erzählung in ein tiefes Nachsinnen und schien ganz von einem Gedanken beherrscht zu werden. Die Mutter sah es wohl und täuschte sich auch über die Ursache nicht. Die gute Frau war überzeugt, daß die Gräfin sie zur Vertrauten eines Geheimnisses machen wollte, und in diesem Glauben bemühte sie sich selbst der Senora Gelegenheit zu geben. Wohlwollen und Edelmuth hinderten sie indessen direkt auf ihr Ziel loszugehen. Sie fühlte, daß sie die Gräfin schonen und ihr kein Bekenntniß entreißen müsse, was sie zu machen vielleicht nicht geneigt war – wenn sie sich dennoch getäuscht hätte?

Sehend, daß die Senora schwieg suchte sie deren Aufmerksamkeit aufs Neue auf sich zu ziehen.

– Seht, Gräfin, sprach sie, daß ist Alles was ich von der hölzernen Clara und ihrer Geschichte weiß.

– Hölzerne Clara! Warum hindert Ihr denn Eure Mädchen nicht sich gegenseitig so häßliche Beinamen zu geben?

– Ja, edle Frau, wollen und können ist zweierlei. Wir haben auf wichtigere Dinge aufzupassen. Seid versichert, daß ein Fähnlein Soldaten leichter denn so viele Mädchen in Ordnung zu halten ist.

– Seht, Mutter, ich habe Euch ersucht zu mir zu kommen um von Euch zu erfahren, was Jemand, der die kleine Clara gern beschirmen und begünstigen möchte, für sie zu thun vermag.

– Ich nehme an, daß diese Gönnerin die Gräfin d’Almata sein wird? Sie kann erstens: das Kind aus dem Mägdehause nehmen und es im eigenen Hause erziehen; denn alle Waisen sind bestimmt als Arbeiterinnen oder Mägde irgendwo in Dienste zu treten, wenn sie nicht, was auch wohl zuweilen geschieht, das Haus in Folge einer anständigen Verheirathung verlassen.

Die Mutter schwieg und schien eine Antwort von der Gräfin zu erwarten, diese jedoch machte nur eine ungeduldige Bewegung als wenn sie sagen wollte:

– Und weiter! Weiter!

– Zweitens erhält jede Waise einen Antheil vom Ertrage ihrer Arbeit; dieser unbedeutende tägliche Verdienst wird für Jede besonders gespart. Wenn sie sich dann außer dem Hause verheirathen, so dient ihnen das Ersparte als Brautschatz; verlassen sie hingegen das Haus um in Dienste zu treten, so dient ihnen das Ersparte als Nothpfennig zum Schutze gegen Mangel und Laster. Eine Wohlthäterin kann also, Geld in die Sparbüchse einer Waise legend, deren Zukunft erleichtern oder sichern.

– Ist dies Alles, Mutter?

– Ich weiß kein anderes Mittel, edle Frau; denn so lange eine Waise im Mägdehause bleibt, trägt sie die Kleidung des Institutes; sie ißt an der gemeinschaftlichen Tafel, darf, eine Kleinigkeit ausgenommen, kein Geld besitzen, darf ohne besondere Erlaubniß nicht ausgehen und auch dieses nur um in den Häusern achtbarer Bürger zu arbeiten.

An den unruhigen Bewegungen der Gräfin war leicht zu erkennen, daß die Worte der Mutter sie bekümmerten.

– Gott! was soll denn aus Clara werden? seufzte sie leise im Tone des Schmerzes.

– Das, edle Frau, ist nicht schwer zu prophezeien. Sie soll im Mägdehause meine Dienstmagd werden, muß dann freilich auch ihre Genossinnen bedienen, scheuern, waschen, kochen . . .

– Sie, Clara? rief die Gräfin fast erzürnt, sie soll die Magd der andern Waisen werden?

– Ja, gewiß, edle Frau.

– Das darf nicht geschehen, Mutter; ich will es nicht!

– Es ist aus Liebe zu dem Kinde, daß ich dies beschlossen habe, Gräfin; nehmt an daß sie meine Dienstmagd, das heißt die Dienstmagd unseres Hauses nicht werde. Dann ist sie sicher noch viel schlimmer daran, denn dann muß sie sich als Dienstmagd in ein anderes Haus vermiethen, und Barschheit, Sklaverei und vielleicht Mißhandlungen ertragen. Dem zu entgehen bliebe nur das Kloster übrig, allein es wäre grausam und unmenschlich in diesem Sinne über die Zukunft eines zwölfjährigen Mädchens zu beschließen, da Niemand wissen kann wie es bei ihr mit Herz und Geist stehen wird, wenn erst die rechte Zeit dazu gekommen ist.

Gerührt faßte die Gräfin der Mutter Hand.

– O Dank, daß Ihr das Kind so edelmüthig liebt, sagte sie; eine Mutter könnte nicht sorglicher sprechen. Ihr seid eine gute und verständige Frau. Aber, sagt an, wäre es nicht möglich die kleine Clara ihrem niederen Loose zu entziehen?

– Ich begreife nicht recht, edle Frau.

– Wenn man ihr zum Beispiel Lehrer gäbe um sie im Spanischen wie in allen Dingen zu unterrichten, die ein gebildetes Mädchen wissen muß?

– Ach, edle Frau, dies würden die Herren Vorsteher nicht zulassen. Solche Dinge passen für keine Dienstmagd oder Arbeiterin; es wäre dies nur eine Ursache zur Eitelkeit und Untugend.

– Dienstmagd! Dienstmagd! seufzte die Gräfin sich erhebend. Nein, nein, es soll nicht sein, o Gott!

Sie öffnete ein Kästchen, nahm eine schwere Börse heraus, die sie der Mutter überreichte.

– Seht, theure Freundin, hier ist eine Börse voll Gold; sie enthält eine ansehnliche Summe. Thut dies Alles in Claras Sparbüchse und verschönert damit ihr Leben; weigert Ihr Nichts, erfüllt ihre geringsten Wünsche, laßt sie Alles lernen, macht sie froh und glücklich, daß nicht der geringste Verdruß das theure Kind betrübe. Thut dies und seid überzeugt, daß ich Euch für Eure Güte ewig dankbar sein werde.

– Der Sparpfennig der Waisen steht unter der Verwaltung der Vorsteher, edle Frau; wenn diesen einmal das Geld übergeben ist, so kann nur aus triftigen Gründen Etwas davon genommen werden. Ich kann es also zu dem Zwecke, den Ihr mir anweist, nicht gebrauchen.

– Warum tritt doch Alles meinen Wünschen in den Weg? das ist wahrlich unheilvoll.

– Wenn Ihr, edle Frau, dagegen einwilligt, daß ich einen geringen Theil dieses Geldes zu meiner Verfügung behalte, so will ich so viel als möglich Euren liebevollen Wunsch erfüllen.

– Ja, ja, ich danke Euch Mutter, daß Ihr mir so edelmüthig zu Hilfe kommt!

– Das Uebrige soll ich in Clara’s Sparbüchse legen als eine Gabe . . . der Gräfin d’Almata? Die Senora erschrak bei dieser Frage offenbar; sie schlug die Augen nieder wie Jemand der nachsinnt oder beschämt ist.

– Soll ich sagen, daß ein Unbekannter mir dieses Geld übergeben hat? fragte die Mutter mit einem gewissen Nachdrucke.

– Ja, ja, ein Unbekannter, antwortete die Senora, eine Person die verschwunden ist und von der man weiter Nichts weiß. Ha! das ist gut!

Je länger diese Unterredung dauerte, um so fester wurzelte auch bei der Mutter die Ueberzeugung, daß sie sich in Bezug auf die zwischen der Gräfin und Clara herrschenden Beziehungen in der That nicht getäuscht hatte: sie bemerkte gleichfalls daß Etwas das Herz der Senora bedrückte und daß diese geneigt war ihr Leid in ihren Busen auszuschütten, sie schloß dies aus der geringen Sorgfalt, die sie anwandte um ihr Geheimniß zu verbergen. Die Mutter nahm sich vor den Weg der Erklärung, wenn diese überhaupt in der Absicht der Senora lag, abzukürzen und zu erleichtern. Die Gelegenheit dazu bot sich ihr unverweilt dar.

– Nicht wahr, sprach die Senora, Ihr werdet Clara im Spanischen unterrichten lassen? Ihr werdet ihr Alles lehren, was man wissen muß um mit Ehren in der Gesellschaft zu erscheinen?

– Nein, edle Frau, es darf nicht sein; zu viel Wissen ist für eine Frau niedrigen Standes fast immer eine Ursache des Unglücks.

– Ach Gott, Mutter, Ihr seid wahrlich unerbittlich. Aber Clara ist von edlem Blute, sag’ ich Euch.

– Ich weiß es noch ehe ich die Ehre hatte Euch zu kennen, Gräfin, antwortete die Mutter kaltblütig.

– Von wem wißt Ihr denn das? rief die überraschte Senora.

– Von Clara selbst.

– Wie? Clara sollte dies wissen.

– Nein, Gräfin, sie weiß es nicht und doch sagt sie es.

– Was ist das für ein Räthsel? Ich begreife es nicht.

– Es ist seltsam in der That. – Ihr, edle Frau, habt gewiß schon oft von einer Krankheit sprechen hören die man Mondsucht oder Schlafwandel nennt?

– Ja, und nun?

– Die kleine Clara leidet an dieser Krankheit.

– Ach, die Arme!

– Beruhigt Euch, Gräfin, sie leidet nicht dabei: es wird mit dem Alter vorübergehen. Sie ist auch nicht das ganze Jahr mondsüchtig, die Krankheit befällt sie nur im Mai, wenn die Knospen hervorbrechen, und das Blut heißer in den Adern gährt. Das dauert ungefähr drei Wochen oder einen Monat.

– Und was geht dann mit ihr vor? Um Gottes willen beruhigt mich, Ihr verursacht mir ein bitteres Leiden.

– Bauet auf mein Wort, edle Frau; es ist gar kein Grund zur Besorgniß dabei. Anfangs schlief Clara im allgemeinen Schlafsaal der Waisen, wenn sie dann die Krankheit überfiel, so jagte sie den andern Mädchen – obwohl diese Claras Krankheit kannten – oft einen solchen Schreck ein, daß das ganze Haus dadurch in Aufruhr gerieth. Zudem fürchtete ich, daß das Kind sich vielleicht einst tödtlich beschädigen möchte, und setzte darum ein Bettchen in das Vordergebäude über der Treppe in das hängende Kämmerchen. Anfangs hielt ich Claras Kämmerchen verschlossen; allein dies verursachte ihr ohne Zweifel großes Leid, denn wenn sie in der Nacht aufstand, so schlug sie ihre Händchen braun und blau am Schloß. Einmal verwundete sie sich selbst ziemlich stark indem sie die Fensterscheiben zerschlug. Meister Tyflynk, der Doktor unseres Hauses, befahl mir dann die Thür des Kämmerchens aufzulassen. Ihr wißt, edle Frau, es giebt bei uns im Vordergebäude nur zwei Thüren, von denen die eine auf die Straße, die andere auf den Hof führt. Clara kann also im Schlaf nur die Treppe heruntersteigen und in dem Platze zwischen den beiden verschlossenen Thüren, wo sich Nichts befindet was sie verwunden oder sonst beschädigen könnte, hin und her wandeln . . .

– Mutter, Mutter, um Gottes willen beeilt Euch – Eure Erzählung macht mich zittern wie Espenlaub.

Die Mutter warf der Senora einen forschenden Blick zu und fuhr dann fort:

– In der Zeit, wo Clara an der Mondsucht leidet, verläßt sie allnächtlich um Mitternacht ihr Bett, steigt vorsichtig die Treppe hinab und setzt sich auf der untersten Treppenstufe nieder. Dort sitzt sie ungefähr eine halbe Stunde, steigt dann wieder in ihr Kämmerchen hinauf und schläft ruhig bis zum Morgen. Aber nun kommt das Seltsame. Ihre Augen sind geöffnet, sie sieht in der Dunkelheit wie bei Licht, sie spricht, fragt und antwortet deutlich, aber dies Alles mit unendlich mehr Gefühl als bei Tage. Ihr Erinnerungsvermögen muß dann auch viel stärker als gewöhnlich sein, denn sie erzählt gewisse Umstände aus ihrer frühesten Kindheit deren sie sich bei Tage auch nicht im Entferntesten mehr zu erinnern vermag. Eine Frau muß ihr oft gesagt haben, aß ihre Mutter reich und von Adel ist; dies habe ich mehr als einmal in abgebrochenen Worten von Clara gehört. Bei Tage darf man ihr indessen nicht davon sprechen, denn sie weiß nicht das Geringste von dem, was sie in ihrer Nachtwandelung thut, ja sie würde selbst nicht wissen, daß sie das Bett erlassen, wenn man sie nicht zu weilen geweckt hätte, indem man sie beim amen ruft. – Wenn man sie nämlich bei ihrem Namen nennt, dann erwacht sie augenblicklich.

– Aber, Frau, ich höre nicht daß Ihr jemals versucht habt das arme Kind von seiner gefährlichen Krankheit zu heilen. Diese Gleichgültigkeit ist unverzeihlich. Wie kann man nur diesen kleinen Engel so leiden sehen ohne Himmel und Erde zu einer Genesung in Bewegung zu setzen? Wäre ich an Eurer Stelle!

– Ich weiß, Gräfin, daß dann hundert Aerzte von nah und fern zu Rathe gezogen sein würden. Aber wer sagt Euch denn, daß ich, die ich unbemittelt bin, nicht aus Liebe zu dem Kinde gethan habe, was eine Gräfin mit allem Gelde in der Welt nicht hätte thun können?

– Ach, vergebt mir meine Uebereilung; ich leide so sehr.

– Und doch muß ich fortfahren, edle Frau, denn das Sonderbarste habe ich Euch noch zu erzählen. Wenn Clara nun dort auf der Treppenstufe sitzt, dann antwortet sie, wenn man sie fragt, als ob ihre rechte Mutter vor ihr stände. Wenn man dem Zuge ihres Herzens nicht widerstrebt, so erglüht in ihr die Flamme der innigsten Liebe; sie liebkost und umarmt Euch, küßt und lacht; sie setzt sich auf Euren Schoos, streichelt Euch die Wangen und blickt Euch in die Augen, daß Eure Seele sich erschreckt; ergießt einen Strom bezaubernder Worte in Euer Ohr und durch eine unerforschliche und unbegreifliche Macht, die mich zuweilen zittern macht, reißt sie Euch bis zur Selbstvergessenheit hin.

Hier unterbrach die Mutter, eine Bemerkung der Gräfin erwartend, ihre Mittheilung; diese indessen saß da, bewegungslos, mit weit geöffneten Augen lauschend und sichtbar nach einer fernern Erklärung ängstlich verlangend. Die Frau fuhr fort:

– Ich bilde mir ein, edle Frau, daß Clara’s Mutter ihr Kind in einer frühesten Jugend oft Stunden lang geliebkost, geküßt und dabei Thränen vergossen hat; wenn zuweilen fängt Clara in ihrem Schlafe an zu weinen, weil sie glaubt daß ihre Mutter weint! Dann, edle Frau, ist das Kind ein so treffendes und schönes Bild der Zärtlichkeit und Liebe, daß kein Mensch auf Erden, und wäre ein Herz von Stein, dem Eindrucke ihrer Geberden und Worte zu widerstehen vermöchte. Wann ihre Mutter sie hören könnte! Gewiß, sie würde jede Gefahr verachten um ihr Kind mit ihrer Liebe zu laben, um es in seiner Trauer zu trösten . . . um es glücklich zu machen; denn leider leidet diese reine Seele schrecklich, vergeht unter dem Einflusse eines geheimen Schmerzes . . . Aber ihr weint, Gräfin; meine Erzählung hat Euch zu tief erschüttert. Verzeiht mir!

Die Senora saß da, ganz verwirrt, gedankenlos, stumme Thränen in den Augen. Sie antwortete nicht auf den Ausruf der Mutter und schien selbst deren Gegenwart vergessen zu haben, und regte sich selbst dann nicht als diese tröstend ihre Hand ergriff.

Zwischen den beiden Frauen herrschte eine ziemlich lange Stille. Plötzlich erhob sich der Busen der Senora, eine lebhafte Röthe überflog ihre Stirn, sie schlug die Augen wie beschämt zu Boden und mit fast unhörbarer Stimme seufzte sie:

– O, habt Mitleid mit mir! Clara ist mein Kind! Ich bin ihre Mutter! Mich ruft sie! Mich liebkost sie . . .

Eine Thränenfluth entstürzte ihren Augen und erstickte ihre Stimme.

Anfangs achtete die Mutter den Schmerz der Gräfin, dann aber fing sie an ihr allerlei tröstliche Worte zu spenden. Sie erzählte ihr noch mehr von Clara, zeigte ihr die Wege des Kindes Glück zu sichern und that Alles, was ihr edles Herz ihr eingab, um den Kummer der Senora zu lindern. Allmälig erreichte sie ihr Ziel; – und da das Herz der Gräfin jetzt von einem Geheimnisse befreit war, was sie so lange bedrückt hatte, so sprach sie auch viel freier und zuletzt selbst mit einer gewissen Heiterkeit des Geistes.

So unterhielten beide Frauen sich noch lange über das Kind, besonders aber über seine Krankheit, deren geringste Umstände die Gräfin zu erfahren wünschte.

Plötzlich erbleichte die Edelfrau und fing ängstlich an zu zittern.

Während die Mutter erschrocken nach dem Schlüssel dieser plötzlichen Aufregung suchte, riß die Gräfin hastig eine Lade auf und warf einige Stücke Spitzen auf die Tafel.

– Mutter, Mutter, sagte sie, da ist der Graf d’ Almata; ich habe ihn zur Thüre hereinkommen hören! Ach, Liebe, entfernt Euch schleunigst damit er Euch hier nicht finde: er dürfte Euch Dinge fragen, die Ihr schwerlich beantworten könntet. Verbergt das Geld . . . und wenn Ihr ihm begegnet, sagt, daß Ihr mir Spitzen zum Kauf angeboten hättet. Geht, geht, auf morgen . . . ich komme alle Tage zu Euch.

Die Mutter fand auf und verließ hastig das Zimmer; der Ton und die Bestürzung der Gräfin hatten sie erschreckt. Auf der Treppe begegnete sie in der That dem Grafen d‘Almata, der sie wohl mit forschender Neugierde, die sie zittern machte, betrachtete, sonst aber kein Wort an die richtete.

Eben so stumm öffnete ihr Domingo die Thür.

V

Bereits waren vierzehn Tage verflossen seit die Gräfin d’Almata der Mutter des Mägdehauses ihr Geheimniß anvertraut hatte. Jeden Morgen und zuweilen selbst auch während des Nachmittags besuchte sie das Kind und blieb dann mit Zuthun der Mutter regelmäßig zwei bis drei Stunden mit ihm allein, es liebkosend und in höfischen Sprüchen und edlen Manieren unterrichtend. Sie hatte selbst angefangen Clara die spanische Sprache zu lehren. In jener Zeit nämlich mußte man, wollte man nicht für ungebildet gelten, dieser fremden Sprache mächtig sein; und da die Senora Alles aufbieten wollte um Clara so viel als möglich über ihren Stand als Waisenmädchen zu erheben, so war es natürlich daß ihre erste Sorge bei Ausbildung des Kindes sich diesem Punkte zuwandte.

Clara, deren Naturel für die Liebe so empfänglich war, hing mit grenzenloser Zärtlichkeit an ihrer Beschützerin und ihre süßen Worte und unschuldigen Liebkosungen, bezaubernd genug um selbst ein fremdes Herz zu gewinnen, hatten einen solchen Eindruck auf das Gemüth der Gräfin gemacht, daß diese die ganze Welt vergaß um nur an ihr engelgleiches Kind zu denken.

Freilich gefiel es dem Grafen d’Almata nicht sonderlich, daß seine Gemahlin unter dem unwahrscheinlichen Vorwande in der Mutter des Waisenhauses eine alte Schulfreundin wiedergefunden zu haben, deren Gesellschaft ihr ihr besonders angenehm sei, Tage lang außer dem Hause verkehrte. Der Argwohn war um so gewaltiger in seinem Herzen wach geworden, da er sich nun aufs Neue von der Gräfin fast ganz vergessen und vernachlässigt sah; allein er war entschlossen seinem Worte treu zu bleiben und wie sehr das Betragen der Senora ihn auch betrübte oder peinigte, so ließ er sie dennoch nicht beobachten, zeigte auch durchaus kein Verlangen mehr zu wissen als die Gräfin selbst ihm sagte. In seinem Busen häufte sich dagegen der Zorn und der Verdacht, und sicher mußte der Sturm furchtbar werden, wenn er sich einmal Luft machen sollte.

Da veränderte eine Nachricht aus Spanien plötzlich die Lage der Dinge. Ein Ohm des Grafen d’Almata war gestorben und hatte ihn zum Erben aller seiner Güter eingesetzt. Diese Güter bestanden aus einem großen Theile des Gebietes des Fleckens Rota, im fruchtbaren Andalusien, zahlreichen Häusern in der Stadt Xeres-de-la-Frontera und aus vielen schönen Seeschiffen, die von Cadix aus nach der neuen Welt fuhren.

Die Reichthümer, die auf diese Weise den Besitz des Grafen d’Almata vermehrten, waren fast unschätzbar, und um nicht einen Theil einer so weitläufigen Erbschaft einzubüßen, konnte er nicht umhin in aller Eile nach Spanien zurückzukehren. Er betrachtete dies als einen glücklichen Umstand um eine Gemahlin ohne Wiederstand zur Abreise zu bewegen. Als er der Gräfin die Abreise nach Spanien ankündigte, bemerkte er wohl, daß eine tödtliche Blässe ihr Antlitz überflog, und später sah er sie mit roth geweinten Augen, allein er stellte sich als wenn er diese Trauer keiner verborgenen Ursache zuschriebe. Die Gewißheit, daß er sich mit der Gräfin jetzt von dem unbekannten Gegenstande entferne, der sie an die Niederlande gefesselt hielt, genügte ihm.

Am Abend vor dem zur Abreise nach Spanien bestimmten Tage saßen die Senora und die Duena schweigend in dem Zimmer der Gräfin. Beide hatten seit langem kein Wort mehr gesprochen und schienen mit Ungeduld oder Furcht auf Etwas zu warten. Dann und wann überflog ein fast unerklärliches Lächeln der Freude das Antlitz der Senora, doch dieses Lächeln verschwand schnell wieder unter dem leblosen Ausdrucke der Vergessenheit und Träumerei.

Auf dem Gesicht der Duena spiegelte sich hingegen ein gewisser muthloser Trübsinn.

Als die Thurmuhr ebenfalls Elf schlug, richteten sich beide Frauen gleichzeitig empor und blickten nach der Thür des Zimmers, denn draußen hörte man die Dielen der Flur unter den Schritten eines Mannes ächzen.

– Himmel, er ist noch nicht zu Bett gegangen! seufzte die Edelfrau.

Der Graf d’Almata trat in das Zimmer, warf einen fragenden Blick auf die beiden Frauen und sprach:

– Noch auf, Catalina? Warum noch nicht zu Bett, da wir doch morgen eine langwierige und beschwerliche Reise unternehmen müssen? Ihr seid traurig, ich weiß es; allein Ihr müßt doch vernünftig sein und Euch der Nothwendigkeit unterwerfen.

– Wir gedachten augenblicklich zu Bett zu gehen, Calisto, antwortete die Senora indem sie aufstand und ein Licht ergriff.

– Ich weiß nicht, bemerkte der Graf, allein es ist doch sonderbar, daß heute Jedermann im Hause das Bett zu fliehen scheint. Da ist Domingo – der gewöhnlich schon um neun Uhr schläft und schnarcht – heute weiß er allerhand Vorwände zu ersinnen um fast bis Mitternacht zu wachen. Alles ist doch seit heute Morgen zur Reise bereit.

Auf diese Bemerkung antwortete die Senora nicht; sie schien eine längere Unterhaltung mit dem Grafen vermeiden zu wollen.

– Wohlan, Calisto, sprach sie, die Hand auf den Thürdrücker ihres Schlafzimmers legend, ich will mich beeilen Eurem Rathe zu folgen und schlafen, wenn dies möglich ist. Man verläßt sein Vaterland nicht ohne Trauer – wenn man nicht weiß, ob man es einst wiedersehen wird.

– Ihr sollt es wiedersehen, Catalina. Um Gottes willen, überlaßt Euch doch nicht so Allem was Euch traurig stimmen kann. – Nun schlaft wohl, auf morgen.

– Auf morgen, Calisto.

Der Graf verließ das Zimmer und begab sich nach seinem Schlafgemach, was an der andern Seite des Hauses gegen den Hof hin gelegen war. Die Senora trat in Begleitung der Duena in ihr Schlafkabinet.

Hier nahmen beide Frauen einander gegenüber Platz ohne daß sie indessen die Absicht, sich zur Ruhe zu begeben, hätten blicken lassen.

Nachdem sie einen Augenblick aufmerksam selbst auf das geringste Geräusch gelauscht hatte, sprach die Gräfin mit gedämpfter Stimme:

– Ach, Ines, wenn Domingo uns verrathen hätte! Wenn er unser Vorhaben seinem Herrn entdeckt haben sollte!

– Er wird es nicht thun, Senora.

– Bist Du dessen so gewiß, Ines?

– Ich habe ihm versprochen ihm bei unserer Ankunft in Madrid meine schöne Antonieta zur Frau zu geben. Für diesen Preis wäre er im Stande mit bloßen Füßen über glühendes Eisen hinwegzulaufen. Fürchtet Nichts von ihm.

– Habe Dank, Ines, dies mildert meine Angst: ich zitterte vor Verrath, denn der Graf besah uns so mißtrauisch und sein Blick drang so tief in mein Auge.

– Ich glaube nicht, edle Frau, daß er Etwas argwöhnt. Es ist sein gewöhnliches und leider gegründetes und gerechtfertigtes Mißtrauen. Aber ich ersuche Euch, ich flehe Euch an, edle Frau, hört noch einmal meine Warnung bevor Ihr Euren gefährlichen Entschluß ausführt und verzeiht mir, wenn ich Euch abermals mißfallen sollte.

– Sprich, Ines, sage was Du willst, Du Gute, aber, um meines Grames willen, peinige mich nicht allzusehr.

– Senora, Euer Vorhaben ist ein solches, wobei Ihr Euer eigenes Leben wie das meinige und, was mehr ist, auch Eure Ehre als Frau auf das Spiel setzt; denn wer könnte Euch rechtfertigen, wenn die blutige und scheinbar gerechte Rache Eures Gemahls Euer Geheimniß mit uns Beiden begräbt?

– Habe Mitleid, Ines, es ist vergebens.

– Mich kümmert die Sache wenig, Senora; ich habe Muth genug und habe zudem mehr als einmal die Spitze eines Dolches gesehen; aber Ihr, Senora, sollt mir wenigstens das Zeugniß geben, daß ich, die ich mich aus Liebe und Dankbarkeit zu Eurer Sklavin weihete, diesen unvorsichtigen, diesen wahnsinnigen Schritt nicht gebilligt habe. Ich habe Euch abgerathen, nicht wahr?

– Ja, ja, Ines.

– Mit Thränen, mit Beredtsamkeit, mit Zorn selbst, nicht wahr?

– Ja! Ich mache Dich ja auch für Nichts verantwortlich, Liebe.

– Und Ihr beharrt also bei Eurem ersten Entschlusse? Ihr wollt um eines höchstens halbstündigen Genusses willen. Euer Leben, Euer Ehre gefährden?

– Du sprichst fast leichtsinnig darüber, Ines. Du willst mich also der letzten Seligkeit berauben, die mir vielleicht auf Erden noch gegönnt ist? Morgen kehren wir nach Spanien zurück. Wer weiß ob wir die Niederlande jemals wiedersehen werden? Ich soll meine Clara verlassen ohne daß das Wort Mutter aus ihrem Munde in mein Ohr geklungen? Ohne daß sie weiß warum ich sie anbete? Ich soll wie eine Fremde von ihr gehen, die sie mit Gleichgültigkeit ihrem Loose als Dienstmagd überläßt? Nein, nein, das kann nicht sein. Ja, ich weiß, Ines, daß Du Recht hat, daß ich thörigt, daß ich wahnsinnig bin; allein ich würde es vergebens versuchen gegen das Gefühl anzukämpfen, was mich fortreißt. Es muß sein!

– Ich hätte Vieles gegen Eure Rede einzuwenden, Senora: ich weiß jedoch, daß dies nutzlos sein würde. Wohlan, es sei: fürchtet keine Einwendungen mehr von mir; was auch daraus entstehen möge, ich werde Euch gehorchen. – Noch einige Augenblicke und es wird Zeit sein. Domingo erwartet uns bereits mit dem Schlüssel; der Vater des Mägdehauses wird gleichfalls bereit sein: er glaubt, daß wir ein Werk der Barmherzigkeit thun und die kleine Clara von ihrer Krankheit heilen wollen.

Eine starke Viertelstunde verfloß in tiefster Stille, bis die Duena aufstand und der Gräfin die Haube zurecht setzte.

– Senora, es ist Zeit! Geht auf den Fußspitzen damit die Flur nicht knarrt. Und nun kein Wort mehr so lange wir im Hause sind. Folgt mir . . .

Beide Frauen verließen das Zimmer und stiegen in dichtester Finsterniß vorsichtig die Treppe hinab. Auf der Mitte der Treppe vernahmen sie. Beide plötzlich im ersten Stock ein Geräusch. Zitternd blieben sie stehen und horchten voll Angst: sie hörten indessen Nichts mehr.

– Weh uns! seufzte die Gräfin; war dies nicht auf dem Zimmer des Grafen?

– Schweigt, Senora; antwortete die Duena; ich glaube es nicht. Verhaltet Euch ruhig . . .

– Es ist Nichts, fuhr die Duena nach längerem Lauschen fort . . . Kommt! dann sich zur Thüre wendend, rief sie leise:

– Domingo, seid Ihr da?

– Ich warte schon lange, antwortete der Diener in der Dunkelheit.

Nachdem Domingo die Thüre vorsichtig geöffnet, verließ die Gräfin mit ihrer Duena das Haus.

Vor dem Mägdehause angelangt, öffnete sich die Hälfte der Thüre scheinbar von selbst, denn hinter dem Thürfensterchen wartete ihrer bereits der Vater des Mägdehauses.

Die Mutter empfing die Frauen und führte sie zum Sprachzimmer, wo ein Licht brannte.

– Edle Frau, Ihr habt lange gezögert, sprach sie zur Gräfin. Clara hätte längst unten sein können, denn ihre Stunde kommt nicht immer so pünktlich. Haltet Euch also bereit, edle Frau. Clara darf uns nicht sehen; wir wollen unterdessen hier warten. Nehmt Euch in Acht, daß Ihr sie nicht beim Namen nennt, sie würde augenblicklich aus ihrem Schlaf erwachen.

–Es ist kalt, bemerkte die Edelfrau; könnte das Kind nicht krank werden?


– Das hat keine Noth, edle Frau, ich habe für Clara Nachtkleider machen lassen. Während ihrer Krankheit schläft sie darin . . . Horcht, ich höre sie aus dem Bett aufstehen. Schnell also; wir bleiben hier. Bei der Treppe steht ein Stuhl zu Eurem Dienst . . . Nehmt die Lampe edle Frau! Die Gräfin wandte sich mit dem Licht in der Hand nach der Treppe hin. Das Herz klopfte ihr gewaltig, sie zitterte als wenn eine große Angst sie erfüllte. Trotzdem war es nur das Gefühl einer übermäßigen Freude, was ihre Nerven erschütterte, denn was hier vorgehen sollte, versprach ihr einen Himmel des Glückes und der Seligkeit. Arme Frau! In ihrem Herzen glühete wie eine verzehrende Flamme das grenzenlose, das unwiderstehliche Gefühl der mütterlichen Liebe; ein Kind nur hatte der Himmel ihr geschenkt, acht Jahre lang hatte sie getrauert und geschmachtet, sie hatte Unfrieden und Trauer um sich her verbreitet – aus Liebe zu ihrem armen und verlassenen Kinde allein hatte sie gleich einer Märtyrerin gelitten. Es ist wahr, sie hatte seit einiger Zeit eine Belohnung für so viel Schmerz gefunden: Sie hatte sich an Claras Liebkosungen, ihren Küssen, ihrem Lächeln gelabt; – leider jedoch war sie immer noch eine Fremde für sie: noch war das Wort Mutter nicht in ihrem Ohr erklungen! Nun sollte sie es hören, dieses heilige Wort, was wie ein göttlicher Klang das Herz der Frau berührt und es in unsäglicher Freude erzittern macht.

Kein Wunder, daß die tödtliche Stille, die sie umfing, und die undurchdringliche Finsterniß der fernen Winkel der Hausflur, die auch kein Strahl des schwachen Lichts erhellte, auf ihr Gemüth durchaus keinen Eindruck machte; die Erwartung des feierlichen Augenblickes flößte ihr eine Freude ein, die sie gänzlich beherrschte.

Sie stand am Fuße der Treppe und blickte empor.

Clara erschien auf der Schwelle und lächelte der Gräfin in holder Liebenswürdigkeit zu.

Das Kind war ganz in weißes Linnen gekleidet: seine nicht sehr langen, blonden Haare wallten in kunstlosen Locken auf ihre Schultern herab; eine schöne Rosenfarbe glänzte auf ihren Wangen, ihre großen Augen, die weit geöffnet unter ihrer spiegelreinen Stirne glänzten, schienen noch blauer als gewöhnlich zu sein. Und weit entfernt in dieser geheimnißvollen Mitternachtsstunde und unter diesen eigenthümlichen Verhältnissen eine gespensterhafte Erscheinung zu sein, glich Clara im Gegentheil einem spielenden Engel, wie die mütterliche Phantasie ihn an der Wiege ihres Kindleins träumt.

Kaum hatte Clara die Gräfin bemerkt, so rief sie auch schon mit dem ganzen, eindrucksvollem Zauber ihres silbernen Stimmchens:

– Ah! Mutter, bist Du da? ich komme, ich komme. Bei diesen Worten breitete sie die Arme aus und eilte in froher Hast die Treppe hinab, so daß das Kind bereits an ihrem Halse hing und sie mit Küssen bedeckte, als wenn es sich ob ihrer Rückkehr nach jahrelanger Abwesenheit freute, bevor die Gräfin noch Zeit gehabt hatte das Licht niederzusetzen. Zwischen ihren Küssen verschmolzen ihre Worte, die, obwohl unverständlich, wie Perlen des Glückes in das Herz der Gräfin fielen. Die Senora erstarb beinah unter des Kindes leidenschaftlichen Liebkosungen; sprachlos drückte sie die Kleine an ihre Brust und trank in Selbstvergessenheit den verführerischen Mutternamen, der nun unaufhörlich von Clara’s Lippen quoll.

Das Kind befreiete sich endlich aus den Armen der Senora und während sie sich selbst auf die unterste Stufe neben dem hölzernen Treppenpfeiler niedersetzte, ergriff es mit freudigem Lächeln die Hand der Gräfin:

– Ach, liebe Mutter, setze Dich dort auf den Stuhl: es ist hier so still und gemüthlich wenn Du da bist. Ach, ich bin so traurig gewesen und habe so viele Thränen vergossen! Es sind nun bereits sieben Tage, daß ich hier allein sitze und traurig warte!

– Du täuschest Dich! rief die Gräfin von Eifersucht gemartert. Die Frau, von der Du spricht, ist Deine Mutter nicht. Ich bin Deine Mutter. Du bist mein Kind!

Clara betrachtete die Senora mit Erstaunen.

– Wie bist Du heute, so seltsam? fragte sie. Ich weiß ja, daß Du meine Mutter bist . . . Aber warum kommt Du denn nicht täglich? – Du hattest es mir versprochen. – Die anderen Kinder, die eine Mutter haben, dürfen immer bei ihr sein!

In den Zügen der Gräfin malte sich eine tiefe Trauer und ihre einzige Antwort auf des Kindes Fragen waren schmerzliche Seufzer. Clara bemerkte dies.

– Ach, Gott, liebe Mutter, sprach sie, sei doch nicht traurig; ich will Nichts mehr sagen. Ich weiß ja, es ist nicht Deine Schuld, daß Du nicht immer kommst.

Und ihre Aermchen um den Hals der Gräfin schlingend, brachte sie so ihr Gesicht unter die Augen der trauernden Senora und flehte:

– Ach, Du bist doch nicht böse, lieb Mütterchen? Ich sehe Dich so gern! Wenn ich bei Dir sein, in Deinen Armen ruhen kann, dann bin ich so froh . . . so froh wie ein Engelchen im Himmel. Aber Du mußt nicht traurig sein, Mutter, denn das macht mir großen Schmerz . . .

Des Kindes süße Worte schienen ihren Eindruck auf das Gemüth der Gräfin verloren zu haben. Theilnahmlos ließ sie sich liebkosen und küssen während andere Gedanken ihren Geist bewölkten. Sie hatte gehofft, daß Clara, wenn sie zu ihr spräche: »ich bin Deine Mutter« das ganze Gewicht dieser Erklärung wenigstens in ihrem Scheinschlafe empfinden würde. Als Clara sie nun ohnedies als ihre rechte Mutter betrachtete und keinen Unterschied zwischen ihr und der Vorsteherin des Mägdehauses zu machen schien, da war es der Senora nicht möglich ihrer beabsichtigten Offenbarung einen Ausdruck zu geben. Da sie das geträumte Glück nicht fand, so war sie über diese langersehnte Zusammenkunft ganz entzaubert, und mit trüber Niedergeschlagenheit sagte sie:

– Armes Kind, die andere Frau ist nicht Deine Mutter: ich allein weiß was Deine Geburt mir gekostet hat, ich allein habe um Deines Daseins willen bittere Schmerzen gelitten, ich allein habe ob Deines unglücklichen Looses Jahre lang Thränen vergossen, ich allein werde vielleicht aus Liebe und Mitleid für Dich einen bitteren Gramestod sterben . . . Ich gebe mich der Rache eines erzürnten Gatten preis – ich wage meine Ehre und die meines Geschlechts um das Wort Mutter nur einmal von Deinen theuren Lippen zu vernehmen und ach! . . . Du begreift mich nicht!

Eine Fluth stiller Thränen ergoß sich in diesem Augenblicke aus den Augen der Gräfin. Clara, aus Mitgefühl gleichfalls weinend, betrachtete sie verwundert als wenn man sie in einer fremden, unverständlichen Sprache angeredet hätte.

– Ach, Gott, liebes Mütterchen, seufzte endlich das Kind, will man Dir wehe thun? Warum?

Die Senora preßte das Kind an ihre Brust und küßte es schweigend. Nach einigen Augenblicken tödtlichen Schmerzes, erhob die Gräfin plötzlich ihr Haupt, trocknete die Thränen von ihren Wangen und ergriff mit Fieberkraft des Kindes beide Hände. Während ein Lächeln der Verzweiflung ihr Gesicht entstellte, rief sie!

– Clara! Clara!

Zitternd und athemlos auf das Kind starrend, wartete sie der Wirkung dieses Namens.

Das Mädchen rieb sich die Augen wie Jemand der eben erwacht, sah sich ängstlich um und rief:

– Ach, Gott, wo bin ich denn? es ist Nacht!

– Und sich der Senora in die Arme werfend, seufzte sie:

– Ich fürchte mich . . . es ist hier so einsam und so kalt! . . .

Nachdem die Senora dem Kinde Zeit gelassen sich mit verminderter Furcht umzusehen und sich ganz zu beruhigen, sprach sie:

– Clara, meine Liebe, Du erkennst mich wohl, nicht wahr?

– Ach, ja, edle Frau, antwortete sie, und nun fürchte ich mich nicht mehr . . . da Ihr bei mir seid. Aber was thun wir hier so mutterseelenallein in der Nacht?

– Setze Dich, Clara, und höre mich an ohne mich zu unterbrechen: ich habe Dir Etwas zu sagen, was Du in Deinem ganzen Leben nicht vergessen darfst.

– Ach, Gott, Ihr zittert, edle Frau! nun fürchte ich mich wieder!

– Sei still und ruhig Clara. Es kann uns hier nichts Uebles geschehen. – Höre aufmerksam, um Gottes willen! . . . Jedermann denkt, daß Du eine arme Waise bist, Clara; Jedermann glaubt daß Du eine niedere Dienstmagd werden sollst, daß Du bestimmt bist Dein Leben lang wie eine Sklavin zu arbeiten und fremden Leuten zu Diensten zu stehen, die Dich bezahlen. Du glaubst es auch und bist mit Deinem elenden Loose zufrieden. Aber dem ist nicht so, Clara! einst wirst Du als Gebieterin befehlen, in reichen Kleidern prangen, in einer Kutsche fahren, durch Deine Schönheit selbst die Edelsten bezaubern und mit Stolz auf Alles niedersehen, was Dich an Deine erste Bestimmung erinnern könnte. Denn sieh, theures Kind, Du hast eine Mutter, die ihr Leben Deinem Glücke opfern könnte. Diese Mutter ist edel, reich und mächtig und . . . sie wird ihr Kind nicht verlassen! . . .

Bei diesen letzten Worten umarmte sie stürmisch das Kind, und gewiß hoffte sie daß dasselbe sich gleichfalls in Liebesbezeugungen ergießen würde; allein das Gegentheil von alle dem geschah. Clara schien ganz in tiefe Betrachtungen versunken und seufzte als wenn sie mit sich, selber redete:

– Ich soll reich werden, in einer Kutsche fahren und schöne Kleider tragen? Ach wie will ich sie gern sehen! . . . Aber warum holt sie mich nicht, meine Mutter. Ich kenne sie nicht.

– Sieh mich an, lieber Engel, sieh mich an . . . Ich bin Deine Mutter! Fühlst Du das nicht an dem glühenden Kusse, den ich Dir gebe, theurer Schatz meiner Seele? Mein geliebtes Kind!

Eine lebhafte Freude ergänzte auf Clara’s Gesicht, gleichwohl mischte sich in ihr Freudenlächeln noch ein Schein des Unglaubens.

– Ihr, – Ihr seid meine rechte Mutter? rief sie aus – meine Mutter, die bei meinem Vater wohnt?

– Dein Vater ist längst im Himmel, liebe Clara; er ist todt und bittet Gott für uns, seufzte die Gräfin während sie jede fernere Frage durch einen neuen Kuß unterdrückte. Ich bin Deine wahre und rechte Mutter – und ich habe ein anderes Kind!

– Ach Gott, seufzte das Kind, dafür möge die heilige Jungfrau gebenedeiet sein! Welche schönen Lieder will ich nun mein ganzes Leben lang ihr zur Ehre singen! Ich glaube, das hat sie gethan! Wie bin ich froh! Wie bin ich froh, daß Ihr meine Mutter seid! Ich sah Euch auch bereits so gern! ach so gern!

In diesem Augenblicke sprach eine geheimnißvolle Stimme in der Finsterniß:

– Senora, Senora, es ist Zeit! Die Gräfin fing an in leidenschaftlicher Hast mit Clara leise zu sprechen. Gewiß fürchtete sie von Der, die in diesem Augenblicke vielleicht als eine unzeitige Lauscherin in der Nähe stand, verstanden zu werden. Lang dauerte diese stille Unterhaltung; auf beider Angesicht wechselten Thränen und Lächeln, Trauer und Seligkeit bis Clara endlich entschlossen aufstand und nach einem feurigen Kusse zu ihrer Mutter sprach:

– Nein, ich werde nicht sagen, daß Du mich geweckt hast! Niemand soll erfahren, daß Du meine Mutter bist . . . Aber Du wirst wiederkommen, lieb Mütterchen? Ich will ohne Trauer warten . . . Geh nur ruhig auf die Reise! Ich will den heiligen Engel Sankt Michael bitten, daß er Dich geleite.

Das Licht ergreifend, stieg die Gräfin mit dem Kinde die Treppe hinauf, und kehrte einige Augenblicke später zu den zwei Frauen zurück, die bereits ungeduldig ihrer warteten.

– Komm, Ines, sprach die Senora; laß uns hastig nach Hause zurückkehren. Clara ist bereits hinaufgegangen; sie schläft ruhig. – Frau Mutter, ich werde Euch morgen früh rufen lassen; wir reifen erst Nachmittag, so daß ich noch Zeit haben werde mit Euch über wichtige Dinge zu sprechen.

Die Senora und ihre Duena verließen das Mägdehaus und kehrten nach ihrer Wohnung zurück. Leise klopften sie an die Thür damit Domingo ihnen öffne. Obschon sie das Zeichen mehrfach wiederholten, so empfingen sie dennoch keine Antwort. Schon fing die Senora an an allen Gliedern zu zittern, als die Duena mit der Hand die Thür betastete und fand, daß diese nur angelehnt aber nicht verschlossen war.

– Es ist Nichts, Senora, murmelte sie; der träge Domingo wird irgendwo eingeschlafen sein. Die Thür ist offen; kommt still herein und macht kein Geräusch auf der Treppe.

Nachdem die Duena die Thüre vorsichtig verschlossen, stiegen die Beide, im Dunkel tastend, die Treppe hinauf, ohne daß das geringste Geräusch auf der Flur ihre Gegenwart hätte verrathen können. Als sie das Schlafzimmer der Gräfin erreicht hatten, entschlüpfte Beiden ein schwerer Seufzer; es schien ihnen ein Stein vom Herzen zu fallen. Sie hatten das gefährliche Unternehmen vollführt, und nun standen sie wieder vor dem Zimmer, was sie verlassen hatten, ohne daß sie ein Unfall betroffen!

Die Duena öffnete die Thüre des Schlafgemachs um ihre Gebieterin vorangehen zu lassen; – bei dem zweiten Schritte aber, den die Senora zu thun wagte, entfloh ein eisiger Angstschrei ihrer Brust und bleischwer sank sie zu Boden. Bleich und zitternd stand die Duena neben ihrer regungslosen Gebieterin und wagte nicht sich zu ihr niederzubeugen: die erschrockene Frau blickte tiefer in das Zimmer hinein, und eine furchtbare Erscheinung beim flackern den Kerzenlichte erschreckte sie fast tödtlich . . . Am Bett der Gräfin saß, ein Pistol in jeder Hand und knirschend vor Wuth wie ein getroffener Löwe, der Graf d’ Almata! Er heftete ein glühendes Auge auf die Senora, lachte einen Augenblick mit bitterem Spott, stand auf, streckte seine Rechte mit dem Pistol nach einer unglücklichen Gattin aus . . . allein, wie von einem geheimen Gedanken beherrscht, stieß er plötzlich einen Schrei der Verzweiflung aus, ließ den Arm mit dem Mordwerkzeuge wie gelähmt sinken, und eilte davon wie Jemand, der vor dem Gedanken eines Mordes zurückschreckt oder einer eigenen Raserei entfliehen will. Er donnerte noch einen schrecklichen Fluch in das Ohr der zerschmetterten Ines und verschwand auf der Treppe im Dunkel. Die Duena sank neben der Senora auf die Knie nieder und überfluthete sie mit ihren Thränen. Bereits hatte sie die eigene Gefahr vergessen um allein an das Loos ihrer Gebieterin zu denken.

VI

Die Gräfin saß allein in ihrem Zimmer. Sie hatte den Kopf auf die Lehne ihres Armstuhles gestützt; ihr Haar hing verwirrt auf ihre Schultern herab; ihre Kleider waren zerknittert und verknüllt. Eine grausige Stille umringte sie: – sie schien eine Leiche zu sein, die eines plötzlichen Todes verblichen. Wenn indessen das langsame aber heftige Wogen ihres Busens noch Leben verrieth, so erkannte man doch auch, daß eine unaussprechliche Marter sie abgemattet und daß sich jetzt die bitterste Verzweiflung ihrer bemächtigt hatte.

Ein durch das gewaltige Zuwerfen der Hausthür verursachtes Geräusch machte sie zittern; matt erhob sie das Haupt zum ängstlichen Lauschen, doch eben so schnell ließ sie dasselbe wieder sinken.

Die Duena trat hastig, obwohl mit leisen Schritten, in das Zimmer, und ihre Gebieterin bei dem Arm ergreifend, sprach sie voll Freude:

– o, Senora, laßt uns Gott danken: eben ist der Graf nach Hause gekommen.

Die Gräfin, durch diese Nachricht wie gestärkt, richtete sich im Stuhl empor und mit zum Himmel erhobenen Händen betete sie voll Dankbarkeit:

– Gesegnet mußt Du sein, o Gott, daß Du es nicht geschehen ließest! Beschirme mein Kind, mein unschuldiges Kind, o Herr! Mag ich als Büßerin sterben . . . aber er! er, der Gute, dessen Leben ich vergiftet habe . . . o Dank, Dank, daß Du ihn bewahrtest! – Dein Engel hat den gräßlichen Gedanken aus seinem Herzen verscheucht; – Du hast es nicht gewollt, o Vater, daß ein Mord Deine niedere Dienerin belaste. Ach, Dein Name sei gebenedeiet!

– Aber, rief die Duena wie von unüberwindlichem Schrecken erfaßt, nun da der Graf zu Hause ist, kann er auch jeden Augenblick hierher kommen . . . o, sagt doch, was können wir thun? Ich bin rathlos und auf den Tod betrübt.

– Wohlan, geh, spute Dich, Ines, suche ihn auf.

Die Duena schien zu diesem Schritte keineswegs geneigt zu sein, sie schüttelte das Haupt und blieb sprachlos stehen.

– O weh mir! rief die Gräfin aus; Du willst nicht! Ines, verlangt Du denn daß ich selbst gehen soll? Du, so beredt, so geschickt das Herz zu rühren. Du willst mich im entscheidenden Augenblicke verlassen?

– Ach, theure Gebieterin, seufzte die Duena, ich darf es nicht wagen. Hättet Ihr gesehen wie er mit glühenden Augen und verwildertem Gesicht die Thüre zuwarf und wuthschnaubend zum Hause hereinstürzte, ach! Ihr würdet fliehen . . . denn der Tod begleitet ihn!

– Ja, Du weigert mir diesen letzten Dienst, sagte die Gräfin peinlich indem sie wie vernichtet das Haupt sinken ließ; Du willst den guten Gedanken nicht ausführen, den Du selbst mir als einen Rettungsanker gezeigt hat? Wohlan, es sei! ich befehle meine Seele Gott und harre in Ergebung des Schlages, der mich treffen soll.

Die Duenas stützte ihr Haupt auf die Lehne des Stuhles und weinte schweigend. Nach einigen Augenblicken der tiefsten Stille erhob die Gräfin das Haupt und sprach:

– Was! ich sollte undankbar und feige genug sein? Das Pflichtgefühl, mein blutendes Herz, mein nagendes Gewissen – Alles ruft mir zu, daß ich ihn aus der Hölle der Verzweiflung, worin er verkehrt und leidet wie eine verdammte Seele, erlösen muß; – und ich sollte vor einem offenen Bekenntnisse zurückschaudern? Nein, nein!

– Bleibt, ach bleibt, unglückliche Edelfrau! flehte die Duena mit gefalteten Händen. Er wird Euch tödten!

Die Senora indessen beachtete diese Bitte nicht weiter und fuhr mit wachsender Leidenschaft fort:

– Ich habe zur Nachtzeit das Haus verlassen . . . er glaubt mich des abscheulichsten Verrathes schuldig; um meinetwillen, um seiner geliebten Catalina willen, hat er zehn Jahre lang die Ruhe und den Genuß eines Lebens geopfert; ich bin in seinen Augen zum elenden und verächtlichen Geschöpf geworden: Liebe, Haß und Rache kämpfen nun in seinem Innern und zerreißen seine Brust . . . Und aus Scham, aus Furcht vor dem Tode soll ich ihn im Streite mit diesen gräßlichen Gedanken lassen? Nein, Ines, wenn ein Sühneopfer sein muß, so möge es die Schuldige sein. – Es ist geschehen, bleibe hier, ich gehe . . .

Bei diesen Worten schritt sie nach der Thüre, allein die alte Duena warf sich vor ihr auf die Kniee nieder.

– Verzeiht mir, verzeiht mir, edle Frau! rief sie aus.

– Ich habe Nichts zu verzeihen, antwortete die Senora indem sie die Duena aufrichtete und sie umarmte. Ich begreife Deine Furcht, gute Ines. Sei ruhig und laß mich gehen.

– Ihr sollt nicht gehen! ergriff die Duena im gebieterischem Tone das Wort. Euer Anblick würde ihn zur Wuth entflammen, und unter seinen Vorwürfen würdet Ihr nicht sagen können, was nothwendig gesagt werden muß. Euer Muth hat mein Pflichtgefühl neu belebt. Möge auch der Tod meiner warten, so werde ich doch hier als Vermittlerin auftreten. Ich will nicht daß meine Gebieterin sich bei ihren eigenen Worten zu schämen habe. Mein Entschluß ist gefaßt; was ich diesen Morgen versprach, das werde ich ausführen. Verhaltet Euch ruhig und hofft!

Sie ließ der Senora nicht Zeit irgend eine Einwendung zu machen und verließ hastig das Zimmer, was sie, den Schlüssel abziehend, von Außen verschloß. Als die Duena durch das Beispiel ihrer Gebieterin einmal zur Verachtung einer jeden Gefahr ermuthigt war, zitterte sie nicht mehr. Im Gegentheil hatte, da sie von Natur eine sehr muthige Frau war, das Gewicht ihrer Sendung sie selbst mit einer ungemeinen Gemüthskraft beseelt, und so schritt sie ohne Zögern durch die Corridore und plötzlich stand sie im Zimmer des Grafen d’Almata.

Der unglückliche Gatte saß, das Haupt auf die Hand gestützt, an einem Tische und blickte unverwandt zu Boden. Die beiden Pistolen lagen noch gespannt neben ihm.

Als er die Duena erblickte lief ein Zittern durch alle seine Glieder und ein bitteres Spottlachen verzerrte sein Gesicht.

– Elende Schlange, lebst Du noch! rief er aus; bringt Du mir Dein Blut zum Opfer . . . ich begehre es nicht. Der Henker und der Scheiterhaufen werden zu Gericht sitzen über Deinen schändlichen Verrath.

Die Duena ließ sich indessen durch diese schrecklichen Worte nicht niederdrücken, einen Augenblick schwieg sie, dann aber ergriff sie kaltblütig das Wort:

– Graf d’Almata, Ihr habt Eure Gattin ob einer Missethat in Verdacht: es ist eine Lüge! Heilig hat sie Euch die Treue bewahrt, welche sie vor Gottes Altar einst gelobte.

–Ha, der Betrug soll den Verrath verbergen! Nein, nein, es ist geschehen. Geh, erzürne mich nicht, das Feuer könnte nochmals in meinem Gehirn entbrennen . . . ich will Dein Blut nicht, sage ich Dir!

– Graf d’Almata, hob die Duena unerschrocken wieder an, seht mich an: ich zittere nicht . . . steht das Verbrechen so vor seinem Richter? Hört mich an, denn ich bringe Euch Ruhe und Friede – Glück vielleicht. Ihr leidet unaussprechliche Schmerzen, Euer Herz will Euch im Busen brechen. Wenn Euer entsetzlicher Verdacht gegründet wäre, so hättet Ihr nicht blos Grund Euch selbst zu foltern, sondern auch Euren Rachedurst in dem Blute der Schuldigen zu löschen. Doch es ist dem nicht so, Graf d’Almata. Ihr höhnt eine Gebieterin!

Der Graf schlug sich vor die Stirn und rang schmerzlich seine Hände, wie Jemand, der gegen einen Gedanken ankämpft, der sich mit unwiderstehlicher Gewalt unseres Geistes bemächtigen will.

– Und bedenkt, Senor, fuhr die Duena fort, wenn es wahr ist, daß die Gräfin Euch unaufhörlich geliebt hat, daß sie rein und treu geblieben, bedenkt dann wie ungerecht Ihr Euer eigenes Herz martert und das ihrige unter einem grundlosen Verdachte erdrückt. Und Alles dies ist Wahrheit, Graf d’Almata; jeder andere Gedanke ist eine Lüge!

– Ach Gott, wie darfst Du so sprechen! rief der Graf voll Schmerz und Zorn; und diese Nacht, diese Nacht?

– Beweist Nichts, Senor. Ich weiß es, wir handelten unrecht, wir versündigten uns schrecklich an Euch; Nichts kann uns über diesen Schritt entschuldigen; allein war unsere Handlung auch unvorsichtig, so hat unsere Absicht jedoch nichts mit Dem gemein, was Ihr fürchtet oder vermuthet.

– Verzeiht mir meine stolze Sprache; mit Ehrfurcht beuge ich mich vor meinem Herrn und Gebieter, allein ich vertheidige hier die verkannte Ehre meiner Gebieterin. Ich bin gekommen, um die Hölle des Zweifels in Eurer Brust zu ersticken. Mögt Ihr mich vernichten, wenn Ihr wollt: ich will von der Wahrheit Zeugniß geben und bedrohete mich auch schon der Tod!

– Mein Haupt ist glühend, seufzte der Graf, Alles drehet sich vor meinen Augen, ich leide furchtbar . . . Catalina rein! Ich sollte sie noch lieben dürfen! Ines, Ines, wenn Du auch nur Ein falsches Wort sprächet, so wäre Deine Verworfenheit nicht mit tausendfachem Tod zu sühnen! Ach, habe Mitleid mit mir, täusche mich nicht!

Langsam näherte sich die Duena dem Grafen und sank vor ihm auf die Knie nieder. Sie ergriff seine Hand und nachdem sie dieselbe ehrerbietig küßte, antwortete sie:

– Guter Herr, ich flehe es als eine Gnade für Euch selber, für die Gräfin und für mich, daß Ihr mich sprechen laßt. Ich bin gekommen, um Euch das Geheimniß zu erklären, was nun seit zehn Jahren wie ein vergifteter Schleier über Euer Leben ausgebreitet ist – und wenn dieses Geheimniß Etwas birgt, was Euch mit Recht erzürnen wird, so läßt Eure endlose Güte mich hoffen, daß Ihr verzeihen werdet, was zu verzeihen ist . . . Darf ich sprechen? Werdet Ihr mich anhören, ohne mich zu unterbrechen?

– Steh auf, sprach der Graf auf einen Stuhl zeigend, und wenn Du Wahrheit spricht, so möge Gott Dich segnen!

Die Duena setzte sich nicht, sondern blieb etwas seitwärts vom Grafen stehen, und mit gesenktem Haupte zu Boden blickend hob sie ihre Rede folgendermaßen an:

– Erinnert Euch, Graf d’Almata, jener Zeit, wo Ihr auf dem Landhause der Ghyseghems mit Eurem Bruder und seiner Gattin eine gastfreie Zuflucht gegen die Verfolgungen der Feinde Spaniens fandet. Dort war auch ein junger Edelmann, den Ihr als treuen Busenfreund liebtet und der auch Euch die innigste Freundschaft entgegen trug. Schmerz, Angst, Freude, Hoffnung theiltet Ihr mit ihm; er war Euch ein zweiter Bruder . . .

– Armer Lanceloot! seufzte der Graf.

– Lanceloot van Bisthoven liebte Senorita Catalina, fuhr die Duena fort, Ihr selbst, Senor, freutet Euch dieser edlen Zuneigung und ermangeltet nicht bei jeder Gelegenheit Lanceloot"s Tugend, Muth und Biederkeit in Gegenwart meines Fräuleins zu rühmen. Gleichwohl waret Ihr, Senor, selbst nicht gleichgültig gegen Senorita Catalina’s zauberische Schönheit. Indessen triebt Ihr Euren Edelmuth und Eure Güte so weit, daß Ihr selbst Eure eigne Leidenschaft unterdrücktet um das Glück Eures Busenfreundes zu befördern. Die Lobprüche, mit denen Ihr Lanceloot unaufhörlich überhäuftet, und die Mittel, die Euer erfindungsreicher Geist ersann, um ihn in seinen Wünschen behilflich zu sein, entzündeten endlich auch im Herzen meines Fräuleins die Flammen einer sanften Zuneigung für Euren Freund. Es war ein Freudentag – auch für Euch, Graf d’Almata – an welchem im Tempel des Herrn die Verlobung meines Fräuleins mit Lanceloot van Bisthoven gefeiert wurde. Diese gegenseitige in Gegenwart der Eltern und Verwandten geschehene Verlobung schien Allen unverbrüchlich und erhaben über jeden Zufall. Noch wenig Tage und das unverletzliche Band der Vermählung mußte meine Gebieterin mit Euren Busenfreunde verbinden.

– Warum, seufzte der Graf, mußt Du mich an diese trübe Zeit erinnern? leide ich noch nicht genug?

Ohne auf des Grafen Rührung weiter Rücksicht zu nehmen, fuhr die Duena fort:

– Die mitleidslose Hand des Todes zerriß dieses Band, bevor die Hand des Priesters es für immer geknüpft. Der alte Herr van Ghyseghem sah sich genöthigt nach Gent zu reisen, um dort bei den Friedensunterhandlungen gegenwärtig zu sein. Ich blieb demnach mit Fräulein Catalina allein in dem Hause zurück, was wir seit einiger Zeit in der Hoogstraße bewohnten. Ihr wißt es, Herr Graf, ich wurde plötzlich von einer tödtlichen Krankheit befallen, und lag fieberkrank im Bett. An einem Tage, den Antwerpen mit Thränen und Blut in seiner Geschichte aufgezeichnet hat, fielen die Spanier, den Degen in der einen, die flammende Fackel in der andern Hand, vom Castell aus in der Stadt ein. Mord und Brand bezeichnete in unsern Straßen ihre Spur. Die Bürger von Antwerpen griffen ihrerseits gleichfalls zu den Waffen und versuchten einen hoffnungslosen Widerstand. Alles, was Spanisch hieß und ihnen in die Hände fiel, mußte zur Wiedervergeltung ermordet werden. Ich höre noch das rasende Geschrei der Menge, die, um Euch zu ermorden, unser Haus bestürmte; ich höre noch Lanceloots Verzweiflungsruf, wie er, den Degen in der Faust und ganz mit Blut bedeckt, Euer Leben gegen den rasenden Volkshaufen vertheidigte. Als die spanische Furie5 endlich Blut genug vergossen und das Feuer Straßen genug verheert hatte, da fand man zuletzt auch Lanceloot’s von fünf Degenstichen durchbohrte Leiche. Euer Bruder mit Gattin und Kind war in dem Brande seiner Wohnung umgekommen. Verzeiht mir, Graf d’Almata, daß ich Euren Augen Thränen entlocke: ich bin dazu gezwungen. Lange Zeit danach, als man die seligen Todten nur noch im Innersten des Herzens betrauerte, erwachte in Euch aufs Neue das Feuer einer grenzenlosen Liebe für mein Fräulein Catalina. Ihr hieltet es für Eure Pflicht, die Verlobte Eures verstorbenen Freundes glücklich zu machen, und flehtet um ihre Hand. Mein Gebieterin achtete Niemand höher denn Euch, Niemand, Herr Graf, besaß in ihren Augen ein edleres Herz, war mehr der Liebe würdig als Ihr . . . dennoch weigerte sie sich ihr Loos mit dem Eurigen zu verknüpfen; sie verwarf Euren Antrag mit Angst und Schauder, als wenn Ihr ihr Schande und Unglück geboten. Ihr wißt, Graf d’Almata, welche vergeblichen Versuche Ihr machtet, um sie zu besiegen, wie sie Euch kniend und unter einer Fluth von Thränen bat von dieser Heirath abzusehen! Es wäre überflüssig Alles dies zu wiederholen – Endlich habt Ihr, von unüberwindlicher Liebe getrieben, die Macht ihres Vaters zu Hilfe gerufen, und unsere arme Senorita wie ein Opferlamm zum Altar geschleppt und ihr mit moralischer Gewalt das Jawort entrungen. Rede ich wahr oder nicht?

– Ach, ich liebte Catalina mehr als mein Leben!

– Ich weiß es, und ferne sei es von mir meinen Gebieter zu tadeln; aber wißt Ihr, Graf d’Almata, warum meine Gebieterin Euch widerstrebte, wie Jemand, der sie unglücklich machen und dessen Leben sie selbst mit Bitterkeit und Galle vergiften mußte? Kennt Ihr das Geheimniß, was Jahre lang wie ein finsterer Alp bleischwer auf uns gelegen?

Sie rückte näher an den Grafen heran und flüsterte mit gedämpfter Stimme:

– Das Band, welches Lanceloot an Catalina knüpfte, konnte durch keine Macht der Erde zerrissen werden: selbst der Tod vermöchte es nicht. Es lebt auf Erden ein Kind Lanceloot’s, Herr Graf, ein armes, verborgenes Lämmchen, das unschuldige Pfand der ewigen Treue zwischen dem seligen Verlobten und der leidenden Frau!

Der Graf d’Almata erbleichte und die Duena senkte unter einem furchtbaren Blicke demüthig das Haupt. Ein schwerer Athemzug und ein tiefer Gurgellaut, bewiesen, wie tief diese Erklärung den Grafen verwundet hatte. Folternde Gedanken von Unehre und Schande durchkreuzten sein Haupt; doch er that sich selbst Gewalt an, um unter seinem Weh nicht zu erliegen und blieb schweigend sitzen.

Die Duena fuhr im trüben Tone in ihrer Erzählung fort:

– Gott hat Euch keine Kinder geschenkt, Herr Graf; es ist Euch mithin unmöglich zu ermessen, mit welcher unwiderstehlichen Gewalt das mütterliche Gefühl eine Frau beherrschen kann. Und wäret Ihr auch Vater, so würdet Ihr es dennoch nicht begreifen. Kein Mann auf Erden kann ermessen, mit welcher Kraft die heilige Flamme der Mutterliebe das Herz einer Frau erfüllt, daß sie selbst auf dem Todtenbette mit dem letzten Hauche zu Gott fleht: mein Kind! mein Kind! Wenn man schon sein Kind anbetet, wenn es in vollem Wohlsein und Lebensfreude vor unsern Augen empor blühet, wie muß dann die Mutterliebe sich nicht zum Wahnsinne entflammen, wenn das Kind, dem wir das Leben gaben, unglücklich ist? Wenn es fremden Händen übergeben ist und wie ein verlorenes Schaf in der Irre wandelt, wenn die Gesellschaft es verdammt, mit dem flammenden Stempel der Schande gezeichnet hat? Acht Jahre lang, Graf d’Almata, wußte meine Gebieterin nicht, wo Lanceloot’s armes Kind verblieben war . . . Acht Jahre lang hat sie betrauert und geweint, acht Jahre lang blutete ihr Mutterherz . . . und jemand, denn mich, ihre Dienerin, konnte sie zur Vertrauten ihres Schmerzes und ihrer bitteren Leiden machen. Sie mußte Euch hintergehen, Euch, den sie feurig liebte, den sie als das Vorbild der Güte und des Edelmuthes ehrte; sie mußte Euch hintergehen, Euch erzürnen durch das geheimnißvolle ihrer Worte und Thaten; sie mußte Euch in Eurem innersten Gefühl verwunden und Euer Leben in eine Hölle des Verdachts, der Verzweiflung und des Zweifels verwandeln. Ach, ich sah die Märtyrerin ergehen, sah die Röthe ihrer Wangen bleichen, sah, wie nagender Kummer sie verzehrte, wie der Tod sie allmälig beschlich. Und Ihr selbst, Herr Graf, habt Ihr es mir nicht oft mit Verzweiflung gesagt: Ach! sie wird sterben: ein geheimes unbegreifliches Leid verzehrt sie?

Ein dröhnender Seufzer unterdrückten Schmerzes war des Grafen einzige Antwort. Die Duena fuhr fort:

– Endlich willigtet Ihr ein, eine Reise nach den Niederlanden zu unternehmen. Ihr gabt dadurch meiner Gebieterin das Leben wieder. Nach langem, vergeblichem Suchen haben wir das Kind endlich hier in Antwerpen wiedergefunden: es lebt hier nebenan im Mägdehause. In dieser Nacht wollte die unglückliche Mutter ihr Töchterchen noch einmal umarmen, ihr Herz noch einmal von dem unendlichen Liebesgefühl entlasten, – noch einmal vor ihrer Rückkehr nach Spanien ihr Kind mit ihren Thränen benetzen. Die Gräfin hat ihre Wohnung zur Nachtzeit verlassen: es ist dies eine strafbare Thorheit in der That; allein sie hatte dabei keine andere Absicht, als die, ihr Kind zu umarmen . . . Und wenn Ihr an der strengen Wahrheit alles Dessen zweifeln solltet, Senor: – in der Klosterstraße wohnt eine arme Soldatenfrau, Namens Anna Canteels; sie war es, der man das Kind anvertraute, sie weiß Alles . . . Im Mägdehause nebenan wohnt das Kind als Stadtwaise: es ist ein Töchterchen und wird die hölzerne Clara genannt. Vielleicht wollt Ihr, Herr Graf, die Unschuld Eurer Gemahlin durch nähere Untersuchung bestätigt sehen . . . es ist dies ein Recht, was Euch zusteht; allein ich flehe Euch an, was auch Euer Entschluß sein möge, Graf d’Almata, schonet den guten Ruf meiner Gebieterin, schonet das Gedächtniß Eures Freundes Lanceloot, schonet Euer eigenes Haus vor Schande und Unehre! Ich habe Nichts mehr zu sagen; nun wißt Ihr die ganze Wahrheit . . .

Längst schon hatte die Duena geendet, als der Graf mit unterdrücktem Zorne endlich sprach:

Es ist gut; verlaß dieses Zimmer. Ha, Du wolltest mir Ruhe und Friede bringen und hat nichts gethan, als die Quelle meiner Verzweiflung, meines Schmerzes verändert! Neben der Wunde, die ein furchtbarer Verdacht meinem Herzen geschlagen, hast Du eine neue blutende Wunde geöffnet . . . Ich muß mich mit Freunden und Verwandten berathen über das, was mir zu thun geziemt: diesen Schimpf will ich von meinem Wappen entfernt wissen. Geh, laß mich allein, Deine Gebieterin soll vor der Nacht meinen Entschluß erfahren . . .

Halb traurig, halb vergnügt verließ die Duena das Zimmer und blieb einige Schritte entfernt im Gange stehen. Sie hoffte und fürchtete ohne den Erfolg ihrer Bemühungen errathen zu können. Wenn sie indessen bedachte, daß ihre Erklärung des Grafen aufbrausende Wuth gedämpft und in eine weniger folternde Trauer verwandelt hatte, so erfreute sie sich innerlich über das, was sie gethan. Ein einziger peinlicher Gedanke beunruhigte sie noch zuweilen: – wollte der Graf sich von Catalina trennen? Sollte er sie gleich einer schuldigen Gattin verstoßen wollen? Sollte er allein nach Spanien reisen – und dadurch den letzten Sprossen der Ghyseghems der Schande preisgeben?

Ganz in diese Betrachtung vertieft, trat die Duena endlich wieder in das Zimmer ihrer Gebieterin, was sie ebenso sorgfältig wieder von innen verschloß.

Unterdessen saß der Graf noch immer gleich regungslos in einem Sessel und blickte teilnahmslos vor sich hin, wie Jemand, der ganz in einen Abgrund von Gedanken und Betrachtungen versunken ist.

Nur die flüchtigen Falten, die zuweilen über sein Gesicht hinliefen, und das bittere Lachen, was einen Mund umzuckte, verriethen den Sturm, der in seinem Innern wüthete. Plötzlich fuhr er verzweifelnd über Stirn und Augen, als wenn er die drückenden Gedanken dadurch verscheuchen wollte. Er stand auf, ordnete hastig seinen Anzug, ergriff eine Hand voll Gold und stürzte zum Hause hinaus.

VII

Gewiß war der Graf aus seiner Wohnung entflohen, um unter dem offenen Himmel etwas Beruhigung zu suchen, denn nach wenig Augenblicken sah man ihn hinter den Stadtbefestigungen auf den Hospitaltristen spazieren gehen. Vielleicht hatte die Luft in der That sein Leid gemildert und seinen Zorn besänftigt, denn bald darauf schlug er wieder den Weg zu einer Wohnung ein und schien nach jenem Orte, wo ihn ein so bitterer Schlag getroffen, zurückkehren zu wollen. Indessen der Graf ging an einer Wohnung vorüber und klopfte an das Mägdehaus. Niemand konnte errathen, was er dort thun wollte, allein an dem mißgünstigen Ausdrucke seines Gesichtes hätte man fast vermuthen sollen, daß er nichts Anderes beabsichtige, als Clara mit feinem Zorn zu überschütten; allein dazu war der Graf wiederum zu rechtschaffen und edel. Vielleicht trieb blinde Eifersucht ihn an wenigstens die Ursache seines Unglücks und der Bitterkeit seines Lebens kennen zu lernen, vielleicht hatten ihn aufs Neue folternde Zweifel übermannt und ihn angespornt mit eignen Augen zu untersuchen, ob unter den Worten der Duena sich nicht ein schnöder Betrug verberge.

Wie dem auch sei, als die Schließerin ihm geöffnet, verlangte er in gebieterischem Tone die Mutter zu sprechen.

Die Schließerin führte ihn zum Sprachzimmer und eilte dann nach dem Hintergebäude, wo die Mutter beschäftigt war, Arbeiten unter den Mädchen auszutheilen. Sie ließ ihre Beschäftigung im Stiche und eilte nach dem Sprachzimmer, ohne zu vermuthen, wer dort ihrer warte. Als sie den Grafen erkannte, erschrak sie sichtlich, und eine ängstliche Blässe überflog ihr Gesicht.

– Frau, sprach der Graf d’Almata mit bitterem Lächeln, meine Gegenwart überrascht Euch und läßt Euch zittern, wie es scheint. Geht, ruft das Mädchen, die hölzerne Clara; ich will sie sehen!

Nun fing die bange Mutter in der That zu zittern an und murmelte eine unverständige Antwort.

– Wie? fuhr der Graf fort, ist es vielleicht nöthig, Frau, daß sich die Vorsteher des Hauses wegen der Sache bemühen? Verlangt Ihr ein ausdrückliches Gebot von ihnen?

– Ach, nein, nein! flehte die Mutter.

– Sputet Euch also und erfüllt mein Verlangen.

– Ja, ja, Herr Graf, stammelte die Mutter ganz verblüfft, ich glaube sie ist ausgegangen, ich will sehen!

– Ihr wollt mich hintergehen, Frau, rief der Graf zornig; Ihr möchtet es bereuen.

Seufzend verließ die Mutter das Zimmer und begab sich nach dem Hintergebäude, von wo sie bald darauf mit Clara zurückkehrte.

– Clara, sprach sie unterwegs zu ihr, da ist der Graf d’Almata, der Mann Deiner Beschützerin. Er sieht so verdrießlich aus und ist so zornig! Du mußt recht freundlich gegen ihn sein, hörst Du Kind!

– Ja, Mutter, meine Beschützerin hat es mir befohlen; allein sie hat gesagt, er sei so gut?

Die Mutter hatte nicht Zeit auf diese Bemerkung zu antworten, denn schon stand sie auf der Schwelle des Sprachzimmers. Sie führte Clara zu dem Grafen hin und blieb mit dem festen Entschlusse, weder der Bitte, noch der Gewalt zu weichen, wenn der Graf verlangen sollte, mit Clara allein gelassen zu werden, an der Thüre stehen; die bange Frau fürchtete, der Graf möchte das arme Kind mißhandeln.

Clara blieb schweigend vor dem Grafen stehen und blickte ihm mit ihrem gewöhnlichen sanften Lächeln in die Augen. Der Graf hatte das Kind anfangs mit finsterem Zorne betrachtet, kaum hatte er indessen den Eindruck dieses engelschönen Gesichts empfunden, als in seinem Herzen wie auf einem Antlitze eine plötzliche Verwandlung eintrat. Ergriffen und erstaunt starrte er auf die beiden himmelblauen Perlen, auf das zarte Mündchen, was ein unwiderstehliches Zauberlächeln umspielte. Er, der erzürnte, der beleidigte Gatte, mußte sich beugen vor der Macht eines Kinderauges!

Indessen war es Claras reine Schönheit nicht allein, die hier ein Wunder vollbrachte: etwas Anderes machte den Grafen vor Rührung zittern und ein Auge in Freude glänzen. Das Mädchen glich ihrem Vater: aus diesen reinen und edlen Zügen flehte der selige Lanceloot um Mitleid für ein Kind, um Gnade für seine Verlobte! Der Graf sah seinen Busenfreund vor sich stehen, es war eine theure Stimme, die in seinem Ohre wiederklang und nun war es ihm nicht mehr möglich, sein Auge von den Zügen abzuwenden, in welchen er, wie in einem offenen Buche, die schönsten und glücklichsten Stunden seines Lebens aufgezeichnet fand.

Nicht mächtig dem in seinem Herzen aufwallenden Gefühle länger zu widerstehen, gab er der Mutter ein Zeichen sich zu entfernen. Die aufmerksame Frau erkannte, daß jetzt alle Gefahr vorüber war; sie hatte innerlich gejauchzt über die Verwandlung des Grafen, den sie durch Clara’s süßen Zauber besiegt glaubte. Nun verneigte sie sich ehrerbietig und verließ das Zimmer.

Sobald Graf d’Almata sich allein befand, überließ er sich ganz dem Gefühl, was sich seiner bemächtigt hatte; er führte die rechte Hand an die Augen und mit der Linken die Hand Clara’s fassend, vergoß er in der Stille eine Fluth von Thränen, die seinen Busen von all’ dem Weh zu entlasten schienen, was sich darin aufgehäuft hatte. Unterdessen streichelte das Kind, in der augenscheinlichen Absicht, den leidenden Mann zu trösten, seine Hand.

Der Sturm im Herzen des Grafen beruhigte sich allmälig, Er betrachtete das Kind aufs Neue; allein diesmal war sein Gesicht von Freude erhellt und schien dem süßen Lächeln auf Clara’s Lippen zu entsprechen.

– Ach, liebes Kind, sprach er in ziemlich gutem Niederdeutsch, Du kennst mich also, daß Du mich so freundlich betrachtet?

– Seid Ihr nicht der Graf d’Almata? antwortete das Kind; meine Beschützerin liebt Euch so sehr und hat mir gesagt, daß Ihr so gut seid! Muß ich Euch da nicht gern sehen, Herr Graf?

Senor d’Almata hob das Kind auf seine Kniee und es freundlich liebkosend, fragte er:

– Kennst Du Deinen Vater?

– Mein Vater ist im Himmel, seufzte Clara, er bittet Gott für mich . . . ich habe ihn nicht gesehen.

Aber ich, antwortete der Graf seufzend. Ich habe ihn gesehen und gekannt, liebes Kind, er war mir ein theurer Freund und Bruder. Ich habe ihn geliebt, ach so sehr! Die Thränen, die ich jetzt vergoß, hast Du meinen Augen entlockt, denn Du gleichst ihm wunderbar!

Unter den Liebkosungen des Grafen war Clara schnell mit ihm vertraut geworden. Als sie hörte, daß der Senor ihren Vater geliebt hatte, da war alle ihre Schüchternheit verschwunden. Sie schlang ihre Aermchen um einen Hals und ihn auf die Wange küssend, sagte sie im schmeichelndsten Tone ihrer Stimme:

– Möge Gott Euch lohnen, daß Ihr meinen Vater geliebt habt . . . darum werde ich Euch auch stets gern sehen!

– Kennst Du wenigstens Deine Mutter? fragte der Graf.

Clara senkte das Haupt und antwortete nicht.

– Anbetungswürdiges Kind! rief d’Almata mit Entzücken; dieses Geheimniß willst Du nicht verrathen; aber lügen kann Dein reines Herz auch nicht. Nein, ein, sage es keinem Menschen auf der Erde!

– Ha! Du solltest unglücklich sein? Ich sollte die Stimme Deines Vaters überhören, seine Bitte verwerfen . . . mein Leben durch Gewissensbisse vergiften? Undankbar sein und Liebe mit Haß belohnen? . . . Kind, Kind danke Gott in Deinen reinen Gebeten. Dein süßes Lächeln hat zwei Menschen vom Tode errettet; zwei Menschen, von denen Einer Dir theuer ist und der Andere Dir theuer werden soll durch seine Wohlthaten . . . Fühlst Du in der That eine Neigung mich zu lieben, Clara?

– Ach, fragt das nicht, Herr Graf; seid Ihr nicht der treueste Freund meiner Beschützerin – muß ich Euch also nicht lieben? Und Ihr seid so gut und freundlich gegen sie, wie sie immer sagt! Darum werde ich Euch auch immer gern sehen.

Der Graf betrachtete das Kind schweigend. Ein unbeschreiblich seliges Lächeln glänzte auf einen Zügen, und er liebkoste das Kind nicht blos mit Freundschaft, sondern selbst mit Dankbarkeit. Den Trost, den er durch die Umwandlung einer Gedanken genoß, das Glück, das er in seinen edelmüthigen Entwürfen fand, die sein Leben in einen Himmel des Friedens und der Liebe umschaffen konnten – alle diese Gefühle ergossen sich wie ein erquickender Strom über sein Herz, und mit einer gewissen Bewunderung blickte er auf das einfache Kind, was diesen süßen Balsam in eine beklemmte Brust ergossen hatte.

Als wenn eine Stimme in einem Innern plötzlich gesprochen, stand er auf und sprach zu Clara:

– Man könnte sich Tage lang mit Dir unterhalten, strahlende Maid! Komm, damit ich Dir einen herzlichen Kuß gebe: vielleicht werde ich Dir Friede und Glück zu verdanken haben. – Aber Du wirst Nichts sagen von dem, was hier geschehen ist, nicht wahr? Komm, umarme mich noch einmal, hoffentlich wird es das letzte Mal nicht sein. Geh nun ruhig wieder an Deine Arbeit und sage Nichts: Du sollst glücklich werden, Clara.

Der Graf verließ das Zimmer und sprach noch einige geheimnißvolle Worte mit der Mutter des Mägdehauses, die nicht ohne Angst an der Thür wartete. Was der Graf ihr gesagt, mußte sie sehr erfreut haben, denn sie grüßte ihn lachend und fröhlich und eilte dann jauchzend zu Clara hin, die sie vom Boden aufhob und in höchster Freude mit Küssen bedeckte.

Graf d’Almata hatte sich unterdessen die Thüre öffnen lassen und eilte jetzt mit verdoppelten Schritten nach der Mitte der Stadt. Bald darauf befand er sich in der Klosterstraße; und später sahen eine Bekannten ihm die Treppe des Stadthauses hinaufsteigen. An diesem Tage mußte er gewiß an vielen Orten gewesen sein und eilige Angelegenheiten erledigt haben; er war zum zweiten Male im Mägdehause gewesen, gleichwohl aber noch immer nicht in seine Wohnung zurückgekehrt . . .

*                   *
*

Es war gegen vier Uhr Nachmittags; die Gräfin saß ganz abgemattet, ausgeweint und niedergedrückt in ihrem Sessel; die Duena betete in geringer Entfernung ihren Rosenkranz.

Im Herzen der Senora wohnte jetzt zwar weniger Schreck, allein desto mehr Verdruß; sie hatte von Ines vernommen, daß der Graf der Wahrheit Glauben geschenkt hatte und daß er nun nicht mehr von dem peinlichen Gedanken verfolgt ward, daß sie ihm untreu gewesen, allein sie dachte, daß er sie verlassen und allein nach Spanien abreisen wolle. Da sie ihren Gatten feurig liebte und sowohl durch die Bande der Dankbarkeit, wie der Zuneigung an ihn gefesselt war, so war diese Gewißheit ihr ein harter Schlag, dessen sie mit duldender Angst harrte, wie Jemand, der sich zerschmettert unter das Schicksal beugt.

Während sie im Innern über den Verlust alles Dessen, was ihr theuer war, weinte und trauerte: den Verlust ihrer Ehre, ihres teuren Gatten, während sie bei dem Gedanken zitterte, daß er in seinem Zorne vielleicht Worte gesprochen haben könnte, die sie und ihr Kind der öffentlichen Schmach preisgeben könnten, während sie ganz in diese trüben Betrachtungen versunken war, öffnete sich plötzlich die Thür und Graf d’Almata erschien im Zimmer.

Mit einem lauten Schrei sprang die Senora von ihrem Stuhle auf, sank auf die Kniee nieder und rief mit erhobenen Händen:

– Gnade, Gnade, Graf d’Almata! Ich habe übel gehandelt, ich bin schuldig, verdiene Eure Rache, Euren Unwillen, Euren Haß. Ach! handelt mit mir nach Eurem Gutdünken. Aber, bei dem bitteren Leiden unters Herrn, entfernt mich nicht aus Eurer Nähe, laßt mich nicht so grausam sterben! Laßt mich Eure Magd, Eure Sklavin sein, nur erlaubt, daß ich Euern Fußstapfen folge! Calisto, Calisto, verstoßt mich nicht! Ich werde Euch mein Kind opfern . . . und, wenn Gott mir die Kraft dazu verleihet, so will ich es ganz vergessen, um meine Schuld zu büßen . . .

Der Graf ließ ihr nicht Zeit fortzufahren; er hob sie vom Boden auf und küßte sie schweigend auf die Stirn.

Dieser Beweis von Liebe überraschte die Senora so sehr, daß sie fast ohnmächtig an die Brust ihres Gatten sank.

– Ach, habt Mitleid mit mir . . . rief sie, ihm mit ungläubigen Erstaunen in die Augen blickend, . . . ich werde wahnsinnig . . . aber nein, Ihr seid es, Calisto . . . und Ihr haßt mich nicht, Ihr, lacht mir entgegen . . .

Beklemmt und von Seligkeit fast erstickt, hing sie am Halse ihres Gatten, der sie liebevoll betrachtete.

– Dank, Dank! seufzte sie. Ihr habt mir also verziehen? Ihr achtet mich noch Eurer Freundschaft würdig? Ich will Euch lieben – anbeten wie das Bild der göttlichen Güte. Ach, Calisto, seid gesegnet!

Der Graf faßte den Arm der Senora und sie mit zärtlichem Lächeln zum Fenster führend, deutete er dort auf einen Stuhl, nahm neben ihr Platz und ergriff aufs Neue ihre Hand.

Ich habe einen tödtlichen Kummer ausgestanden, es ist wahr, sprach er: ein gräßlicher Verdacht hat mir das Herz zerrissen – Niemand weiß was ich gelitten habe; denn ich liebe Euch, theure Catalina, und ich dachte . . . doch ich hatte Unrecht; sprechen wir nicht mehr davon. Es ist mir heute ein Glück wiederfahren, was mich auf den Gipfel der Freude erheben würde, wenn Euer eigener froher Blick dazu nicht hinreichend wäre.

– Ein Glück? fiel die Gräfin ihm in das Wort, ein Glück, Euch, Calisto? o dafür sei Gott gedankt!

– Hört, fuhr der Graf mit geheimnißvollen, doch fröhlichem Tone fort; Ihr wißt wohl, Catalina, daß mein Bruder mit seiner Gattin an blutigem Tage der panischen Furie in einem Hause verbrannte. Ihr Kind war nach der Aussage einiger Nachbarn gleichfalls in den Flammen umgekommen; allein Ihr erinnert Euch wohl, daß Andere behaupteten, daß ein spanischer Soldat das Kind aus den Flammen gerettet habe?

Bei dieser Frage schüttelte die Gräfin das Haupt als wenn sie sagen wollte: – Ich erinnere mich dessen nicht.

Vielleicht habt Ihr es vergessen, fuhr der Graf fort. Ihr wißt, Catalina, wie ich meinen Bruder geliebt habe, daher werdet Ihr auch begreifen, welche Freude mich erfüllt, da ich heute durch einen Zufall das Kind meines Bruders entdeckt habe.

– Das Kind Eures Bruders? rief die Gräfin als ob sie an der Wahrheit dieser Nachricht zweifelte.

– Das Kind Senor Alonzo’s? wiederholte die erstaunte Duena.

– Ja, ja, antwortete der Graf, das Kind Don Alonzo d’Almata’s, meines seligen Bruders – und kein Zweifel bleibt mir übrig: ich habe das Zeugniß des spanischen Soldaten durch Schöffenbriefe bestätigen lassen, und bin zudem im Besitze anderer unwiederleglicher Beweisstücke. Und nun, hört aufmerksam auf das, was ich sagen werde, Catalina. – Der Himmel hat unsere Ehe mit keinen Kindern gesegnet; die Tochter meines Bruders . . . – Es ist eine Tochter? rief die Gräfin.

– Ein allerliebstes Kind, schön und lieblich wie ein Engel! antwortete d’Almata. Sie ist nach Recht und Gesetz meine einzige Erbin. Da sie nun bisher nicht die Sorgfalt genossen hat, welche dem letzten Sprossen der d’Almata geziemt, so bin ich Willens das Kind in meinem Hause, unter einen Augen zu erziehen. Ich habe auch bereits gehörigen Ortes eine Adoptionsurkunde ausfertigen lassen. Sie wird mein Kind und meine Erbin . . . Oeffentlich und mit dem größten Geräusche will ich sie in ihre Familie zurückführen, von welcher ein trauriges Unglück sie getrennt hat: so soll Jeder sie ehren nach ihrer hohen Geburt. Ich hoffe, theure Catalina, daß ihr gestatten werdet, daß sie Euch als Mutter liebe; was mich betrifft, so will ich, daß sie mir stets den Vaternamen gebe . . . Nicht wahr, Ihr werdet das arme Kind um meinetwillen lieben?

– Ach, daß es komme! antwortete die Gräfin, jedoch nicht ohne eine gewisse Niedergeschlagenheit; ich werde es lieben weil es von Eurem Blute ist.

– Catalina, sprach der Graf leise, ich weiß welcher Gedanke Euch betrübt; doch dafür soll auch Rath geschafft werden: ich werde Euch helfen. Wir ollen gemeinschaftlich für das Glück Derer wirken, die Einem von uns Beiden theuer sind. So ist es gut, nicht wahr?

– O habt Dank, habt Dank! seufzte die Gräfin während ihre Augen voll Freude glänzten.

– Wohlan, sprach der Graf aufstehend mit feierlicher Stimme, dies sei das Pfand unserer Versöhnung und unserer Liebe. Ich schenke Euch das Kind meines Bruders. Werdet seine Mutter, wie ich sein Vater sein will; es ist ein schönes Band zwischen uns, Catalina.

Bei diesen Worten reichte er der Gräfin ein Pergament, an welchem große, rothe Siegel hingen.

– Es ist schicklich daß eine Mutter weiß wie ihr Kind heißt, setzte er hinzu.

Mit Neugierde, doch ohne Hast entfaltete die Gräfin das Pergament; kaum hatte sie indessen einen Blick darauf geworfen, so entfloh ein lauter Schrei ihrer Brust.

– Clara! meine Clara soll Euer Kind sein! rief sie aus, indem sie vor dem Grafen auf die Kniee niedersank, Gott, es ist zu viel! . . .

Mehr konnte sie nicht sagen; kraftlos und ohnmächtig sank sie in die Arme ihres Gatten, der sie vom Boden auf gehoben hatte.

Die Duena stand neben dem Grafen und küßte weinend seine Hand.

VIII

Es war ein edler und glücklicher Gedanke des Grafen, Clara für das Kind seines Bruders auszugeben. Auf diese Weise entschlüpfte die Thatsache der Adoption allen Auslegungen, die Ehre seiner Gattin jedem Verdacht. Es war ihm auf diese Weise möglich geworden die Senora und ihr Töchterchen glücklich zu machen, dem Gedächtnisse eines Freundes Lanceloot ein dankbares Opfer zu bringen und in Catalinas grenzenloser Liebe selbst einen reichen Lohn zu finden. Nach zehnjährigem Kummer und Zweifel ging nun für ihn ein frohes und friedliches Leben auf, kein Geheimniß, wie eine unheilvolle Scheidewand, zwischen ihm und feiner Gattin, keine Trauer, keine Verzweiflung mehr: Liebe und Dankbarkeit sollten eine Bahn künftig mit Blumen einer zärtlichen Vertraulichkeit und der Lebensfreude schmücken. Zudem hatte der Himmel, ihm ein Kind geschenkt, was durch zarte Bande mit ihm verknüpft war, und was er in der That bereits wie ein Vater liebte. Der Graf war nicht der Mann um Etwas halb ausgeführt zu lassen, namentlich wenn Edelmuth und Güte dabei im Spiele waren. Er hatte Anna Canteels und ihrem Manne eine gute Leibrente geschenkt, um damit ihre zustimmende Erklärung wie ihre Verschwiegenheit zu erkaufen; diese Leibrente sollte nach Verlauf von zehn Jahren verdoppelt werden, wenn das Geheimniß von Claras Geburt bis dahin streng bewahrt geblieben sei. Uebrigens versteht es sich von selbst, daß diese armen Leute dem Grafen in allen Stücken zu Willen waren, um so mehr da das, was er von ihnen verlangte, allein die Ausführung einer guten That bezweckte. Demgemäß erklärten sie vor den Schöffen der Stadt Antwerpen, daß Clara das Kind Don Alonzo d’Almata’s sei und ließen darüber in Gegenwart des Grafen eine Urkunde aufnehmen, in welcher die Waise den Namen Brigita Clara Juana Condessa d’Almata empfing.

Dies Alles war indessen noch nicht genug. Um das Ereigniß dieser wunderbaren Wiederauffindung über jeden Zweifel und jede böswillige Auslegung zu erheben, hatte der Graf Sorge getragen, daß die Geschichte mit allen ihren Einzelheiten in der ganzen Stadt bekannt wurde. – Und hätten die hundert und aber hundert Stimmen, die diese Neuigkeit vom Mägdehause aus verbreiteten, nicht genügt die Geschichte zum Stadtgespräch zu machen, so würden die vom Grafen angewandten Mittel diesen Zweck schon allein erreicht haben.

Kein Wunder also, daß man in der ganzen Stadt von Nichts als von dem seltsamen Schicksal der hölzernen Clara sprach und daß Hunderte, und darunter Leute aus den höchsten Ständen, in der Hoffnung das Kind zu sehen, im Mägdehause einen Besuch abstatteten. Sie sahen sich indessen alle in ihrer Erwartung getäuscht, denn das Kind war bereits auf Befehl des Magistrates ihrem angeblichen Oheime, dem Grafen d’Almata übergeben worden.

Um allen Antworten auf unbescheidene oder neugierige Fragen zuvorzukommen, gebrauchte man überdies die Vorsicht Clara niemals allein zu lassen.

*                   *
*

Seit drei Tagen bereits war Fest im Mägdehause. Auf Grund dieses sonderbaren Ereignisses sahen die Vorsteher Manches durch die Finger und gestatteten der Mutter in dieser Woche nicht allzusehr auf das Vollbringen der auf gegebenen Arbeit zu dringen. Jede Waise hatte vom Grafen eine Wohlthat oder von Clara ein Geschenk zum Andenken erhalten. Die Sparbüchse einer jeden Waise war mit einer bedeutenden Gabe bedacht worden; die Zukunft der Mutter und ihres Mannes war gleichfalls gesichert. Außerdem hatte man jede Waise noch mit einigen kleinen Gold- oder Silbersachen beschenkt, die sie entweder bei ihrer täglichen Arbeit oder später zu ihrem Putze benutzen konnte. Es war indessen nicht die Freude über diese Geschenke allein, die heute eine solche Lebendigkeit und selbst Ausgelassenheit unter den Waisen erzeugte.

Die Aeltesten und Geschicktesten, unter denen sich Trees durch ihr lautes Wesen bemerkbar machte, waren am frühen Morgen damit beschäftigt auch ihrerseits ein Andenken für Clara zu verfertigen; – die Freude und Neugierde der Anderen war Ursache, daß jetzt nicht gerade sehr viel Zucht im Arbeitssaale herrschte, denn alle Augenblicke standen sie auf um zu sehen wie weit die Arbeit schon gediehen sei.

Und in der That war es wohl der Mühe werth dieses bescheidene Pfand der Liebe und Dankbarkeit zu sehen, an welchem so viele arme Mädchen mit dem Schweiße der Hast arbeiteten. Trees hatte die Worte erdacht und Meister Jan van der Rozier den Patron gezeichnet. Es war ein Prachttuch in welchen neben einigen leichten Verzierungen folgende Worte in buntfarbiger Seide und Gold- und Silberdrath gestickt waren:

GEFERTIGT ZUR EHRE
DER DONA BRIGITA CLARA JOANNA GRÄFIN d’ALMATA
von
IHREN VORIGEN GENOSSINNEN UND NUN
UNTERTHÄNIGEN DIENERINNEN
DEN WAISEN AUS DEM MÄGDEHAUSE ZU ANTWERPEN
1589
GOTT GEBE IHR GLÜCK AUF ERDEN
UND NACHMALS DIE EWIGE SELIGKEIT
AMEN

Gegen zehn Uhr Vormittags rief Trees mit lauter Stimme:

– Heil, Heil! Schwestern, es ist gethan! Noch etwas ausbessern und säubern und wir trennen es vom Rahmen!

Ein allgemeines Freudengeschrei begrüßte diese frohe Kunde. Trees ließ die Anderen die letzte Hand an das Werk legen und eilte zur Thür.

– Ha, Ha! rief sie aus, da kommt der Gärtner von Terzieken zur guten Stunde! Seht nur, drei Körbe voll Blumen!

Die Blumen nun, die Blumen! Drei Körbe voll Blumen wurden in das Zimmer gebracht und man fing an eine Menge kleiner Sträußer zu machen, was keineswegs ohne Wortwechsel und Lärm geschah. Da es indessen nicht sogar ernstlich gemeint war, so kam die Mutter nicht dazwischen; im Gegentheil sah sie Alles das mit fröhlichem Lächeln . . .

*                   *
*

Eine halbe Stunde später fanden die Waisen, jede mit einem Blumensträußchen in der Hand, in der Hausflur in Reihen geordnet; sie hatten ihre besten Kleider angezogen und glänzten in Reinheit; ihre Herzen klopften, das Verlangen hatte ihre Wangen geröthet, ihre Augen funkelten in Lebensfreude. Fürwahr, die Blumen erbleichten vor diesen lebendigen Rosen, denn der schönste Strauß, den ein menschliches Auge sehen konnte, war gewiß diese Schaar junger Mädchen, deren natürlicher Zauber durch keinen fremden Schmuck vermindert oder verdüstert ward.

An der Spitze des Zuges standen die vier ältesten Waisen des Mägdehauses:– Lange Mie, Trees, Geertruid de Kwezel und Anna Moeyal, die gemeinschaftlich ein rothes Sammetkissen trugen, auf welchem das für Clara bestimmte Geschenk ausgebreitet war.

Während die Waisen des Zeichens zum Aufbruche harrten, vernahm man in der Gasthuisstraße das Rollen der Kutschen und das Stampfen unruhiger Pferde. – Der Vater des Mägdehauses warf jetzt beide Thüren weit auf. Langsam und gemessen zogen die Mädchen unter dem Zuströmen einer großen Volksmenge, die einen guten Theil der Gasthuisstraße anfüllte und mit Gewalt vordrang um den Zug so nahe wie möglich vorüber ziehen zu sehen, zum Hause hinaus. In demselben Augenblicke war auch die Thür des nebenstehenden Hauses geöffnet, und Clara trat, wie ein Edelfräulein in die köstlichsten Stoffe gekleidet, an der Hand des Grafen und der Gräfin d’Almata heraus. Ihr folgten unter andern Bekannten und Freunden Schwester Cathelyne aus dem Falconskloster und Meister Huygens, der Organist der Hauptkirche. Man führte Clara zu den vier Mädchen, die ihr das Geschenk der Waisen überreichen sollten. Während das Kind mit klopfendem Herzen das glänzende Tuch betrachtete, wollte Trees im Namen ihrer früheren Gespielinnen eine Art Anrede an die richten; allein schon bei den ersten Worten versagte ihr die Stimme und sie brach in eine Fluth von Thränen aus. Diesem Beispiele folgten nicht nur die drei anderen Geschenkträgerinnen, auch Clara selbst fing an zu weinen. Die Gräfin dankte den Mädchen für ihr freundliches Geschenk und dachte durch Trostgründe ihrer Trauer ein Ende zu machen. Indessen glückte es ihr nicht, denn man weiß, daß unter Frauen Nichts ansteckender ist als Thränen. Zudem hatte Clara schluchzend Trees umarmt, und die anderen Waisen hatten dieses Schauspiel mit tiefster Rührung betrachtet. Auch sah man im ganzen Zuge bald Nichts mehr als Schürzen, die langsam nach den Augen geführt wurden. Alle Waisen hatten ihr Angesicht verborgen und weinten im Stillen.


Nach einigen Augenblicken glaubte der Graf, daß es Zeit sei diesen traurigen Liebesbezeugungen ein Ende zu machen. Er sprach einige Worte zu Clara, führte sie dann zum Wagen, der einige Schritte entfernt ihrer wartete, stieg mit der Gräfin gleichfalls ein, die Lakaien sprangen hinten auf, der Kutscher fuhr mit der Peitsche knallend durch die Luft . . . und die Reisenden verschwanden in der Richtung des Kaiser- oder Sent-Joristhores auf der Heerbahn nach Brüssel.

Arme Waisen! sie hatten mit so viel Freude an dem Geschenke und den Blumensträußen gearbeitet! Sie waren so froh in Aussicht auf die Freude, welche Clara bei diesem Beweise ihrer dankbaren Liebe finden würde . . . und nun gehen sie einsam dahin, das Herz voll Trauer, die Schürze vor den Augen! Nun kehren die schweigend und niedergeschlagen nach Hause zurück, um ihren Kummer im Mägdehause zu verbergen und in Freiheit über den Verlust ihrer engelgleichen Gefährtin zu trauern!

IX

Vierzehn Tage später wandelten die Mädchen während der Freistunde auf dem Hofe hin und her und schienen mit Geldeinsammeln beschäftigt, denn jedes Mädchen, von der Langen Mie dazu aufgerufen, warf eine Kupfermünze in Trees Schürze. In der Mitte des Platzes stand ein alter Mann auf einer Leiter und arbeitete an einem steinernen Liebfrauenbilde. Die Zeit hatte es beschädigt: es waren einige Stücke der Draperie abgefallen und er war damit beschäftigt, sie in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederherzustellen. Der greise Bildhauer mußte im Mägdehause sehr bekannt sein, denn die Mädchen tauschten mit ihm allerlei unschuldige Scherze und harmlose Neckereien aus. Auf einmal entstand in einer Ecke des Hofes ein heftiger Wortwechsel zwischen Lange Mie und Anna Moeyal über einen anscheinend sehr gewichtigen Streitpunkt, denn die anderen Mädchen fuhren mit großem Geschrei dazwischen. Als die lärmenden Berathschlagungen lange genug gewährt hatten, rief Trees endlich mit lauter Stimme:

– Kommt, kommt, das währt noch bis Ostern auf einen Freitag fällt! Was verstehst Du davon, Moeyal? Wir wollen nur gleich Meister Steven fragen, der soll uns sagen ob es möglich ist.

Meister Steven wandte sich auf einer Leiterum, um Richter über den Zwist zu sein, allein ihm tönten zu gleicher Zeit so viel verwirrte Fragen in die Ohren, daß er kein einziges Wort zu verstehen vermochte.

– Ho, Ho, Ihr seid allesammt von der Tarantel gestochen, daß weiß ich wohl, elsterschwätzige Mädchen! rief er, während er mit beiden Händen am Gesicht vorüber fuhr als wenn er einen Schwarm Fliegen verjagen wollte; genug, genug! um Gottes willen, schweigt – oder ich bekomme den Schwindel und falle von der Leiter. Wollt Ihr denn den armen Steven Arm und Bein brechen sehen? Hört auf, hört auf!

Trees, lauter denn alle Anderen schreiend, behielt wie gewöhnlich zuletzt die Oberhand.

– Nun laßt mich die Sache auslegen, rief sie aus, und sprecht dann wenn es Euch beliebt . . . mit dem Schreien zu gleicher Zeit.

– Du bist die größte Schreierin von uns Allen, murmelte die Lange Mie, da ist es freilich nicht leicht alle Zeit Recht zu behalten. Sieh nur zu daß Du die Wahrheit sagen kannst, wenn dies möglich ist!

– Hört, Meister Steven, wandte Trees sich nun an den Bildhauer, sagt Ihr lieber ob es sein kann. Wir haben von den Herren Vorstehern Erlaubniß erhalten unter uns allwöchentlich eine Pfennigsammlung zu veranstalten um mit diesem Gelde das Portrait von der hölzernen Clara malen zu lassen. Clara ist nun nach Spanien gereist, und nie hat ein Maler sie gekannt. Lange Mie behauptet, daß ein Maler nicht nöthig hat Jemand gesehen zu haben um ein Konterfei zu machen. Ist das wahr?

Meister Steven brach in ein lautes Gelächter aus und antwortete:

– Ja, ja, es ist möglich . . .

– Seht Ihr wohl! rief Lange Mie triumphierend.

– Ja, ja, fuhr der alte Bildhauer spottend fort, es ist so möglich, wie es möglich ist, daß ich heute Abend den Kapaun verschmause, der in diesem Augenblicke in der Küche des Großtürken am Spieße steckt! Lange Mie, Du mußt mal eilig einen neuen Henkel an meinen Mantel setzen . . . es ist wahr, ich bin in meinem Leben keinen Mantel reich gewesen; allein dies thut doch wohl Nichts zur Sache, Mieken?

Die Waisen brachen, zum großen Aerger der Langen Mie, in ein lautes Gelächter aus, so daß diese erzürnt und ganz beschämt davon eilte.

– Seht Ihr nun wohl, rief Trees ihren Gefährtinnen zu, seht Ihr wohl, daß es nicht sein kann? Wir haben schön Geld zu sammeln um ein Portrait machen zu lassen – und nun gibt es keinen Künstler, der die hölzerne Clara gekannt hat !

– Ho, ho, Trees, was sagst Du da? fragte Meister Steven; kein Künstler der die hölzerne Clara gekannt hat? – und für wen oder für was seht Ihr mich denn an? Ich, der ich den schönen Altar in Eurer Kapelle ganz allein gemacht habe?

– Aber Steven, Ihr macht doch keine Conterfeis?

– Ho! was keine Conterfei’s? Es ist was Schönes so ein rothes und blaues Geschmier, was die Signors vom Pinsel ein Conterfei zu nennen belieben! Wenn Ihr mit der Hand darüber fahrt, so ist es Nichts mehr als ein armseliges Blendwerk. Sprecht mir aber von einem gehauenen Bilde! Das ist Natur, Ihr könnt es sehen, tasten und fühlen . . . seht, Ihr wißt, daß ich Claras Kopf einst n Thon nachgebildet habe, ich wollte ihn als Modell für den Engel benutzen, er auf Eurem Altar steht. Laßt mich ihr Bild in Holz ausführen?

– In Holz! in Holz! riefen die Mädchen spottend.

– Ja in Holz, ergriff Meister Steven wieder das Wort, Ihr scheint darüber zu lachen; aber, Kinderchen lieb, wo sind denn Eure Sinne? Die hölzerne Clara von Holz ist das nicht klar?

Dieses sonderbare Wortspiel verschaffte dem Bildhauer den Sieg. Man übertrug ihm die Anfertigung einer Statue Claras in Holz und er bedung vorläufig den Preis.

Zwei Monate später kam Meister Steven eines Morgens in das Mägdehaus, die hölzerne Clara auf der Schulter.

Das Bild des Meisters Steven steht noch heute im Mägdehause links von der Thür und dient der Treppenlehne zum Pfeiler. Es steht auf derselben Stelle wo die hölzerne Clara so oft während ihrer nächtlichen Wanderung gesessen hat.

1.Diese Inschrift heißt auf Deutsch: »Zum ehrlichen Unterhalt kleiner Mädchen, die sonst der Armuth anheimfallen würden, hat ein gottesfürchtiger, während seines Lebens unbekannter Mann dieses Gotteshaus aus Liebe reich bedacht. D. Ueb.
2.Auf Deutsch: Dieser gute Mann ist am 19ten November 1562 aus dem Leben geschieden. Er war 73 Jahre alt, hieß Jan van der Meere und war Kaufmann allhier. D. Ueb.
3.Das hier mitgetheilte Christlied ist ein alter vlämischer Kirchengesang, ganz in jenem schwulstigen und barocken Style geschrieben, der die geistliche Poesie der damaligen Zeit charakterisierte. Der Uebersetzer hielt es aus diesem Grunde für passend den vlämischen Text auch in dieser deutschen Ausgabe unverändert stehen zu lassen, giebt aber hier eine Uebersetzung derselben in Prosa: D. U.
4.Auch dieses Lied ist ein altvlämischer Kirchengesang, der stark an die gleichzeitige deutsche Poesie, die Poesie eines Moscherosch erinnert. Wir lassen hier die Uebersetzung in Prosa folgen:
  Mit Freude wollen wir singen und loben die Dreieinigkeit, die uns wird bringen zur ewigen Seligkeit, die ewig währen soll, ewig ohne Ende. O möchte sie uns zu Theil werden, ach, ewig währt so lang!
  Endlos ist die Freude, die wir oben im Himmelreich finden sollen; sie hat nicht ihres Gleichen. Dort schenkt das göttliche Wesen uns einen guten Trank, während wir Horen lesen, ach, ewig währt so lang!
  Die Heiligen allesamt, die haben großes Fest, sie loben Gott den Vater, den Sohn, den heiligen Geist. Die Guten singen der Engel Gesang in alle Ewigkeit. Ach, ewig währt so lang!
  Maria, die Mutter unseres Herrn, ist über uns erfreut, wenn wir uns bekehren in dieser elenden Zeit. Maria, reine Jungfrau, Du edler Weinestrank, bitt für uns insgesamt. Ach, ewig währt so lang! D. Ueb.
5.Die spanischen Soldaten waren mehrere Monate lang nicht bezahlt worden und unter Bedrohung von Aufstand und Plünderung forderten sie ihren rückständigen Sold. Die Einwohner Antwerpens hatten, um sich gegen einen Ueberfall zu verschanzen, angefangen Erdwälle gegen das Castell hin aufzuwerfen. Allein Sanctius d’Avila, Befehlshaber der Besatzung, zog die Spanier von allen Punkten aus nach Antwerpen hin. Am 4. November 1576 fallen sie vom Castell aus mit unerhörter Grausamkeit in der Stadt ein, morden und brennen, setzen fünfhundert Häuser nebst dem Stadthaus in Brand und tödten gegen 50.000 Menschen. Mehr als 200 Spanier verloren gleichfalls das Leben. Diesen Ueberfall nennt man die spanische Furie. Anmerk. d. Verf.

Gatunki i tagi

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10 grudnia 2019
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