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Helmut Lauschke

Der Weg nach Afrika - Teil4

Das Anlegemanöver und der Machtwechsel – Von den gestaltlichen Verformungen und Vergehen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Anlegemanöver

Der schwarze Freitag

Aus: Tote ohne Begräbnis – (Sartre: ‘Morts sans sépulture’)

Die Last des Alleinseins

Vom Kommen der deutschen Jungsärzte nach Oshakati unweit der namibisch-angolanischen Grenze

Die Übergangsperiode

Rückkehr der Namibier aus dem Exil

Flugsafari im Militärhubschrauber vor dem Abzug aus Namibia

Der Machtwechsel und die Folgen

Die neue Weichenstellung

Das Wunder der Hospitalrestauration

Der königliche Besuch

Die schwarze Besatzung an den Hebeln der Macht

Aufbau einer akademischen Weiterbildung

Wenn akademisches Streben und politische Interessen einander schneiden

Unabhängigkeit zwischen Verstehen und Missverstehen

Vorbereitungen für den internationalen Kongress zur Errichtung einer medizinischen Fakultät an der Universität von Namibia (UNAM)

Der internationale Kongress zum Für und Wider einer medizinischen Fakultät an der Universität von Namibia (UNAM)

Der zweite Kongresstag

Besichtigung der beiden Staatshospitäler in Windhoek

Das Barbecue

Der dritte Kongresstag

Es gab noch was zu sehen

Der Pierrot mit Geige ohne Boden

Impressum neobooks

Das Anlegemanöver

Das Anlegemanöver

und der Machtwechsel

Von den gestaltlichen Verformungen und Vergehen

Autobiographie Teil 4

Was die schöpferisch-erfinderische Leistung des Menschen zum Wohle und Fortbestand der Menschheit betrifft, da mag es Unterschiede von Volk zu Volk geben. Was aber den Vertrauensbruch, den Machtmissbrauch, die Selbstbereicherung und Korruption angeht, da stehen die Menschen der dunklen Haut den Menschen der weissen Haut in keiner Weise nach. Bedenkt man, dass besonders von den hautschwarzen Menschen eine beachtliche Zahl sich aus der Not der Armut befreit und erhoben hat, dann verwundert ihr korruptes, selbst- und machtsüchtiges Verhalten in der Rücksichtslosigkeit der Selbstbereicherung umso mehr, als sie von den Nöten der Armut und des Hungers von Menschengruppen und ganzen Völkern wissen und trotzdem ihre charakterlosen Betrügereien auf Kosten der wehrlosen Menschen fortsetzen und sich für ihr unmenschliches Verhalten nicht entschuldigen, sondern weiter den Mund der Falschheit mit der Lüge und der sträflichen Selbstbereicherung gross auftun.

Die deutsche Studentin hatte ihr dreimonatiges Praktikum beendet und war nach Deutschland zurückgekehrt. Sie hatte die ärztliche Begabung mitgebracht und ihre Augen für Afrika geöffnet. So konnte sie viel sehen und lernen, was nur hier in der Kürze der Zeit möglich war. In der Geburtshilfe hatte sie eine grosse Zahl von Geburten verfolgt und assistiert und eine kleinere Zahl, die für eine Studentin schon erstaunlich war, unter Anleitung der Hebamme selbst ausgeführt. Sie lernte die Pflegearbeit an den Frühgeborenen und verfolgte die Untersuchung an Kindern mit Aufgeschlossenheit und Fragen. Sie assistierte bei einigen Operationen, so auch bei einem Verletzten, dem die Knochenstücke des gebrochenen Unterkiefers zusammengedrahtet wurden. Sie nähte unter Aufsicht zahlreiche Hautwunden und hatte Freude an der Arbeit. Es war Dagmar, die an einem frühen Abend unter die Dusche sprang und dort, als wäre es ein Bombenkeller, Schutz suchte, als es mehrere Male fürchterlich krachte und die Wohnstelle von Dr. Ferdinand aus den Fugen zu reissen drohte. Da hatte es im Hause der Cronjes bis ins elterliche Schlafzimmer eingeschlagen, wo der Vater seine Hand im Badezimmer über seine Jungen hielt. Nach den Einschlägen, die die heftigsten waren, fuhren sie mit dem Toyota Corolla zum Hospital, den sich Dr. Ferdinand vor einiger Zeit zugelegt hatte, nachdem es das Getriebe im Heckmotor des VW-Käfers nicht mehr tat.

Auf dem Vorplatz trafen sie auf Dr. Witthuhn mit seiner Freundin. Allen steckte der Schreck tief in den Knochen. Das Hospital war noch einmal davongekommen, wenn auch sein Wasserturm beschädigt wurde. Die andern Einschläge trafen einige Häuser und Hütten in "Klein-Angola" gleich hinter dem Hospital. Die Studentin sollte die zischenden Granaten und das Einschlagsgetöse nicht vergessen. Näher war sie noch nicht am Krieg gewesen. Sie nahm auch teil am Lesen der Briefe deutscher Ärzte auf die Kleinanzeige im Deutschen Ärzteblatt, von denen sie beeindruckt war. Es waren einhundertzweiundreissig Briefe, die da eingegangen waren, die nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem Elsass und aus Südamerika kamen. Es waren ältere Ärzte, die es auf mehr als einen "Dr." vor ihren Namen gebracht hatten. Bei einem standen drei Doktortitel vor dem Namen. Ein Neurologe aus Hamburg schrieb, dass er gern nach Afrika kommen möchte, um die Apparatemedizin hinter sich zu lassen und wieder Medizin am Menschen zu betreiben. Andere schrieben, dass sie bereits in Pension seien, sich aber noch jung genug fühlten, um als Ärzte in Afrika tätig zu werden. Es gab auch zwei Ehepaare, wo Mann und Frau Ärzte waren, und die Frauen gleich mitkommen wollten. Viele Jungärzte hatten auf die Anzeige geschrieben, die kommen wollten, um ihre ersten Erfahrungen nach Abschluss des Studiums zu sammeln. Sie schrieben davon, wie schwierig es war, in Deutschland einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Das Studium der Briefe gab einen guten Überblick über die Situation in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1987, wo der Wohlstand die Dinge der Gesellschaft beherrschte, in der es menschlich aber kalt und einsam geworden war. Der Drang nach Freiheit lag zwischen den Zeilen vieler Briefe.

Als die Studentin Oshakati verliess, wusste sie, dass sie viel gelernt hatte, medizinisch wie aus der Armut der Menschen. Sie wusste auch, dass einen Monat nach ihrer Ankunft in Deutschland die Zweierdelegation aus ärztlichem Direktor und dem Superintendenten ihr folgen würde, um die Auswahl der Kollegen zu treffen, die für den afrikanischen Krisenherd vor der angolanischen Grenze geeignet schienen. Die Vorauswahl wurde gemeinsam mit Dr. Ferdinand getroffen, weil er sich in den deutschen Verhältnissen am besten auskannte. Es waren die Jungärzte, die in Betracht gezogen, angeschrieben und zum Interview in verschiedenen deutschen Städten eingeladen wurden. So kam der deutsche Ärztenachschub in Sicht. Die Reaktion auf die Kleinanzeige war ein Zeitphänomen für sich, weil hier keiner mit einer solchen Resonanz gerechnet hatte. Sie übertraf bei weitem alle Erwartungen. Es war ein sichtbares Zeichen, dass etwas in Bewegung kam, das für die Zukunft des Hospitals von Bedeutung war und den Patienten helfen sollte. Die deutsche Resonanz zeigte auch, dass der Weg in die Unabhängigkeit Namibias nicht mehr so weit sein konnte, wenn auch die Granaten weiter einschlugen, das Leben erschwerten und die Menschen in Angst und Schrecken versetzten. Doch da kam Licht am Ende des Tunnels auf und mit ihm die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Die Weissen im Dorfe wurden weniger. Immer mehr Familien verzogen sich aus Gründen der zunehmenden Unsicherheit weiter südlich oder ganz nach Südafrika zurück, wo das Leben eben sicherer und angenehmer war als vor der angolanischen Grenze. Es waren jene Familien, deren Väter entweder Offiziere waren und durch andere Offiziere abgelöst wurden, die im Wissen um die letzte Entscheidungsschlacht, wie es der Brigadegeneral einmal sagte, nun ohne Familie kamen, oder in Zivilkleidung etwas mit dem Militär, wie Materialbeschaffung, Brückenbau, Flughafensicherung oder Maschineninstandhaltung und Motorenwartung zu tun hatten. Da die Granaten immer näher einschlugen, wuchs auch die Furcht vor dem Kessel, den jeder Krieg immer mehr machte, in dem man sass und sich denken konnte, dass da ein Rauskommen immer schwieriger wurde. Man stellte sich auf' s Letzte ein, ohne das Letzte mit den Granatenschlägen erleben zu wollen. Da war es nicht verwunderlich, dass die Väter ihre Familien in Sicherheit brachten, um den Frauen und Kindern das zu ersparen, was sie den andern Müttern und Kindern zumuteten. Das Dorf war zur Festung geworden, in dem sich die Menschen verbunkerten, so wie die strotzenden Munitionslager verbunkert waren. Wofür eigentlich noch geschossen wurde, den Gesichtern konnte man es nicht mehr eindeutig ablesen wie noch ein Jahr zuvor. Viele Häuser waren unbewohnt, an manchen standen einige Fenster offen, und die Türen waren nicht richtig verschlossen. Die Vorgärten verwilderten, und der Wind überzog sie mit dem Sand der ausgestreckten Wüstententakel. Es war ein trostloses Bild, das mit der letzten Entscheidungsschlacht einherging, das eine depressive Wirkung hatte, die stärker als erwartet war, die sich der verdammten Vereinsamung und allgemeinen Verelendung wie ein Wasserkopf aufsetzte. Es war soweit, dass die Menschen auf ein Ende mit Schrecken warteten, weil der Schrecken ohne Ende lang genug gedauert hatte. Unter diesen Begleitumständen wurde die Arbeit am Hospital fortgesetzt, wo die grosse Zahl der andrängenden Patienten die zuverlässigste Grösse war. Um dem Arbeitsleben den Anstrich der Routine zu geben, wenn man vom abblätternden Anstrich von den Wänden und Türen und von dem vielen andern absah, das verbeult und rissig, rostig, verklemmt und abgebrochen war, wurden die Morgenbesprechungen um halbacht weiterhin eingehalten.

Der schwarze Superintendent gab sich alle Mühe, um das Hospital nicht weiter runterkommen zu lassen und die Depression nicht von den Wänden tränen zu lassen. Er hatte es durch ständigen Einsatz und Erinnern erreicht, dass die rausgebrochenen Fensterscheiben durch neue ersetzt wurden, von denen mittlerweile durch neue Detonationen einige wieder gerissen und zersplittert waren. Er hatte erreicht, dass an den Toiletten gearbeitet wurde, sie weniger verstopft waren als davor, wobei altes durch neues nicht ersetzt wurde, weil es nichts Neues gab. Er hatte erreicht, dass es mehr Waschschüsseln in der inneren Medizin, Spucknäpfe für die Tuberkulösen und Milch für die Kinder und andern Patienten gab, wenn es auch nicht für alle langte. Was er nicht erreicht hatte, obwohl er sich den Mund fuselig telefoniert hatte, wie er sagte, waren neue Schaumgummimatratzen, um die verrotteten alten mit den Uringerüchen, den Scheiss- und anderen Flecken, was da nicht rauszukriegen war, dem Verbrennungsofen zu übergeben, damit endlich matratzenmässig, Reinschiff gemacht wurde. Auch gab es keine neue Hospitalkleidung und Bettwäsche für die Patienten, weil es dafür kein Geld gab und im Budget der Administration nicht vorgesehen war, wie es der 'Sekretaris' sagte, als er dem Superintendenten zusagte, darüber nachzudenken und mit den Leuten, die das Geld verwalteten, zu sprechen. Der 'Sekretaris' hatte offensichtlich noch nicht zu Ende gedacht oder mit den Fachleuten noch nicht zu Ende gesprochen, obwohl das Telefonat mit der Nachdenk- und Sprechzusage schon einige Monate her war. Da konnte auch der Superintendent mit der Hautfarbe der Zukunft, der sich der weisse 'Sekretaris' trotz Nichteinhalten seiner Zusagen möglicherweise aus Gründen des besseren Rüberkommens und Anschmiegens an die neue Besatzung verpflichtet gefühlt haben mochte, nichts machen. So gut wie alle Themen, die in den Morgenbesprechungen angesprochen wurden, hatten die Eigenschaft des Dauerbrenners an sich, weil es an Mangel mehr als genug gab, wo aber zu den alten immer neue dazukamen, sich den unteren turmhoch aufsetzten, und der Mangelturm in den Himmel wuchs, an dem die unteren Mängel noch glühten. Es war das besondere Verdienst der weissen Matrone, der Anschmiegsames nicht stand und sich auch nicht gefallen liess, die die Patienten im Blickfeld behielt, wenn sie in die Zukunft schaute und dabei den Mangelturm nicht schrumpfen liess. Andererseits war sie realistisch genug, um den Turm nicht zu tief in den Himmel reinzustecken. Sie war eine gerade und kluge Frau, die kämpferisch blieb und den Reichenturm zu Babel sehr wohl vom Armenturm zu Oshakati zu unterscheiden wusste.

Es kam die Zeit, als sich der weisse ärztliche Direktor und der schwarze Superintendent auf den Weg nach Deutschland machten, um die Jungärzte dort zu interviewen und fürs Hospital zu rekrutieren. Der Eine kannte das geteilte Deutschland, weil er als Fliegerarzt mit südafrikanischem Arztdiplom für einige Jahre beim Richthofengeschwader der Bundeswehr im Oldenburgischen gedient hatte. Der Andere kannte es nicht, auch wenn er eine gute Meinung von den Deutschen hatte, weil er sie für fleissig, gründlich und sauber hielt. Für den Superintendenten war "made in Germany" ein Qualitätszeichen, an das er nichts kommen liess. Die Leitung des Hospitals übergab er während seiner Abwesenheit dem schwarzen Kinderarzt, dem er die erhöhte Verantwortlichkeit anvertraute. Der Superintendent sagte dem Dr. Ferdinand, dass er sich auf den Deutschlandbesuch freue und gespannt sei, wie dort die Menschen leben. Dr. Ferdinand hatte ihm zwar schon so manches aus dem deutschen Leben erzählt, doch sollte er seine eigenen Erfahrungen machen, die er mit hohen Erwartungen auch machen wollte. So waren sie abgereist, wollten sich etwa einen Monat Zeit auf dem andern, kleineren Kontinent leisten, sich im deutschen Leben umsehen, deutsch essen und trinken und mit vier Händen voller Zusagen zürückkommen. Der schwarze Kinderarzt hatte das Regiment übernommen, führte die Morgenbesprechungen an, indem er weit vor der Zeit bereits auf dem erhöhten Superintendentenstuhl sass, in dem er durch seine Körperkürze fast versank, und sich mit beiden Armen über die grosse Schreibtischplatte vornüber lehnte. Die Note des Wichtigen war nun hinter dem Schreibtisch nicht zu verkennen. Der Interimsuperintendent setzte sich aufrecht auf den Drehstuhl, selbst dabei blieb er kurz, wenn er etwas genauer hören wollte. An den Themen in den Morgenbesprechungen änderte sich ebensowenig wie am Versagen, die besprochenen Dinge in die Tat umzusetzen und den runtergekommenen Zustand des Hospitals zu heben. Die Arbeit nahm ihren gewohnten Gang, für Dr. Ferdinand mit vielen Operationen, was ihm körperlich anzusehen war, weil es sich da meistens um harte Knochenarbeit handelte. Doch auch er hatte sich daran gewöhnt, hatte sich gleich zu Beginn auf die Arbeit körperlich eingestellt, als er in drei Monaten zwanzig Kilo an Gewicht verlor und von da an den Gürtel immer enger schnallte, neue Löcher mit dem Pfriem in den Gürtel stach, um die Schnalle festzumachen. So waren nach drei Jahren statt der vier nun acht Gürtellöcher. Das war deutlich genug, wie die Arbeit an ihm zehrte. Doch selbstgemachte Gürtellöcher sah er auch an den Patienten, wenn sie die Hose zum Untersuchen öffneten, wo die alten Männer noch viel mehr Löcher in den teils verdrehten, teils angerissenen Gürteln hatten.

Der schwarze Freitag

Die Zweierdelegation nahm sich die zweite Woche in Deutschland, als der schwarze Freitag kam. Es war der 19. Februar 1988 ein Zahltag, an dem Menschen, so einige Schwestern, in der Barclay's Bank Schlange standen, um ihre Gehaltschecks gegen bares Geld einzulösen. An den Schaltertheken schoben sie noch die Querformate mit den aufgedruckten Zahlen von Datum und Geldbetrag und den beiden Unterschriften durch den Spalt unter der dick verglasten Trennwand mit dem Sprechloch weiter oben und bekamen dafür die bunteren, oft nachgeahmten Scheine mit den Münzen hinter dem Komma zurück, steckten das Gewechselte in Taschen weg, als sieben vor eins die ganze Bank in die Luft flog. Die Riesenladung Dynamit hatte das Dach hoch katapultiert, die Seitenmauern weggesprengt und vierunddreissig Menschen in den Tod gerissen. Es gab eine grosse Zahl an Verletzten und Schwerverletzten, die wie auf einem laufenden Fliessband gebracht wurden mit Verbrennungen, zerschmetterten und abgerissenen Armen und Beinen, zerrissenen Gesichtern, Armen, Händen und Füssen. Schwestern und Ärzte legten Infusionen, machten Wiederbelebung dort, wo das Leben zu kippen drohte, machten Verbände, wo eine Operation nicht erforderlich war. Da kamen die Patienten in den Sälen auf den Boden, denen es besser ging, um Betten für die Verletzten freizumachen. In allen Op-Räumen wurde operiert, sogar Dr. Ruth, die Gynäkologin, stieg da mit ein, und operierte Dinge, die sie noch nie getan hatte. Einige der Verletzten waren durch die Verbrennungen fürchterlich entstellt. So kam eine Frau im 'theatre 2' auf den Op-Tisch, der das verbrannte Gesicht zu einem Mondgesicht aufgequollen war, das es unmöglich machte, ihr Alter zu schätzen. Sie hatte weitere Verbrennungen an den Armen, über Brustkorb und dem Rücken. Die Gewalt der Explosion hatte ihr den rechten Unterschenkel abgerissen. Die Schwestern sagten, dass sie Sarah sei, eine junge Schwesternhelferin, die vor dem Gang zur Bank eine hübsche, junge Frau gewesen war. Ihr schnitt Dr. Ferdinand im Schnellverfahren den Rest des Beines ab und nähte die überhängenden Weichteillefzen über dem kurzen Oberschenkelstumpf zusammen. Dann versorgte er die vielen Risswunden im Gesicht, an Armen und Händen und legte die Verbände an, die den grösseren Teil des Körpers bedeckten. Ihr wurde das Leben gerettet auf Kosten der Lebensqualität. Für Sarah sollte ein anderes Leben beginnen, von dem sie noch nicht geträumt hatte. Auch der neue Chirurg, der nun nicht mehr so neu war, versorgte im 'theatre 3' Brandwunden und machte Amputationen an Fingern und Füssen. Die Schwestern rannten, wischten den Boden, räumten die gebrauchten Instrumente in die Siebe zurück und brachten neue, verpackte Instrumentensets, wechselten Sauerstoffflaschen und füllten die Narkosegeräte mit flüssigem Lachgas auf. In der Desinfektionsabteilung wurden die Instrumente blutfrei gebürstet, neu verpackt und mit Volldampf sterilisiert. Es war die Not, die alle im Teamgeist vereinte, und keiner nahm Notiz von den durchschwitzten, grünen Hemden und Hosen. Not war der grosse Meister, der jegliches Nörgeln und Zaudern verbot. Alle steigerten sich bis zur obersten Leistungsgrenze, verschütteten ihr Adrenalin, mit dem sie sonst vorsichtiger umgingen. So war die Erschöpfung, die alle nach sechs Stunden befiel, als der letzte Verletzte das 'theatre' verliess, ein Beweis für die aussergewöhnliche Anstrengung und Leistung. Der schwarze Freitag nahm seine zweite Tücke. So gingen schlagartig alle Lichter aus, als sich Dr. Ferdinand im Umkleideraum den Schweiss vom Körper rieb und dabei war, sich das Zivile überzuziehen. Warum das noch dazukommen musste, das wusste er in diesem Augenblick nicht und bekam es auch später nicht heraus, als das Anlegemanöver schon Jahre zurücklag. Der schwarze Kinderarzt als der amtierende Superintendent und ärztliche Direktor in einer Person erschien vor der Ausgangstür des 'theatre', als Dr. Ferdinand das 'theatre' verliess. Draussen, als er auf ihn stiess, stellte der amtierende Superintendent banal fest, dass da ein "power cut" sei, den ein Schaden am Hauptkabel verursachte, was nicht mehr banal, sondern völlig unverständlich war. Da war Glück im zweiten Unglück, dass die Verletzten versorgt waren, bevor der Stromausfall das ganze Hospital befiel und lahmlegte. Da ging nun nichts mehr, und auch in der Nacht sollte es dunkel im 'theatre', dem 'Outpatient department' und in den Sälen bleiben.

Die beiden Sterilisatoren hatten den Dampf und Geist aufgegeben, und die Schwestern dort räumten und bürsteten die Instrumente im Dämmerlicht sauber, so gut da noch sauber zu bürsten war. Ein Unglück kommt selten allein, eine Lebensweisheit, die sich hier an diesem Nachmittag erneut bewahrheitet hatte. Diese Wahrheit holte rasch alle Überflieger jedweder Art auf den Boden der traurigen Tatsache zurück. Die wartenden Patienten, die im 'Outpatient department' im Dämmerlicht sassen, wurden auf ihre Dringlichkeit hin geprüft. Dort trafen die Schwestern die notwendige Auslese, machten aus der geringeren Dringlichkeit die aufgeschobene Dringlichkeit und schickten einen Grossteil der Patienten wieder nach Hause, um am nächsten Morgen bei Tageslicht zu erscheinen. Die dringlichen Fälle mit dem Aufschubsverbot wurden dann und in der Nacht bei Kerzenlicht untersucht und behandelt. Operationen konnten nicht druchgeführt werden. So mussten chirurgische Fälle zum evangelisch-lutherischen Missionshospital nach Onandjokwe weitergeleitet werden, das fünfundvierzig Kilometer von Oshakati entfernt lag.

Dr. Ferdinand verliess das Hospital bei Dunkelheit. Er hatte nochmals nach den Patienten gesehen und Notizen in den Krankenblättern nachgetragen. Es war still über dem Vorplatz, als er ihn überquerte. Der Betonboden vor der Rezeption war von Patienten dicht angereiht, die dort unter Tüchern und Decken lagen und übernachteten. Es waren mehr Patienten als sonst, unter denen auch jene waren, die im Dämmerlicht auf den Bänken in der OPD sassen und darauf warteten, vom Arzt gesehen zu werden, denen die Schwestern aufgrund des Stromausfalls den Status der aufgeschobenen Dringlichkeit gaben und aufs Licht des nächsten Tages vertrösteten. Der Pförtner schob das Tor hinter ihm zu und setzte sich auf seinen Stuhl zurück. Dr. Ferdinand nahm den kürzeren Weg zwischen Stacheldraht und zerfleddertem Lattenzaun und an den fünf leerstehenden, hochgestelzten Blockhäusern vorbei, passierte den Kontrollpunkt am Dorfeingang mit dem zerknitterten 'Permit'-Papier in der Hand, sah vor ihm streunende Hunde die Strasse entlanglaufen, die ihren Kopf geradeaus hielten und von ihm keine Notiz nahmen. Er ging durch eine Sandwolke, die sich legte, und sah von der Fünferkolonne der 'Elands' mit den langen Rohren den letzten von hinten. Dann öffnete er vor seiner Wohnstelle das Tor, schob es wieder zu und legte den Riegel ins Schloss. Die Sandalen mit den durchschwitzten Korksohlen streifte er in der Veranda ab, zog sich im Wohnzimmer das klebrige Hemd vom Körper, warf es über die Sessellehne und machte in der Küche eine Tasse Tee. Mit der Tasse setzte er sich auf die Stufe vor der Veranda und zündete eine Zigarette an. So schwarz war ein Freitag noch nicht gewesen wie dieser, an dem gleich massenweise Menschen in den Tod gerissen wurden. Er erinnerte sich an die russischen Tiefflieger über Pirna, die den Bus zerschossen, den der Vater zur Flucht der Familie, einiger Patienten und Freunde organisiert hatte, der sie durch das ehemalige Böhmisch Mähren zu den besseren Amerikanern fahren sollte, wo dann bei Aussig die gefürchteten Russen kamen, die den Kindern von den urigen 'T-34' Schokoladen und Süssigkeiten runterwarfen. Nach dem Tieffliegerangriff über Pirna lagen die Toten zerschossen in den Strassen, und die Verletzten bluteten sich aus. Er dachte darüber nach, warum der Mensch es nicht seinlassen kann, andere Menschen umzubringen. Da war er sich sicher, dass da die Politik im Spiele war, wo der eine den Erfolg dem andern nicht gönnt, der da kein Pardon und keine Skrupel kennt, das Leben unschuldiger Menschen gleich mit zu vernichten. Die Verrohung im Denken mit der rücksichtslosen Besessenheit nach Macht macht aus dem Menschen den Barbaren, der beim Töten nichts mehr empfindet, auch nicht, wenn er sich vorher an wehrlosen Frauen und Mädchen vergeht. Es war ein Freitag, den er so schwarz nicht wieder erleben wollte. Dr. Ferdinand setzte sich ins Wohnzimmer und las den siebten Psalm in der Buber'schen Verdeutschung: "DU, mein Gott, an dem ich mich berge, befreie mich von all meinen Verfolgern, rette mich!, sonst zerreisst man löwengleich meine Seele, zerspellt, und kein Rettender ist. // Steh auf, DU, in deinem Zorn, erhebe dich wider das Aufwallen meiner Bedränger, rege dich mir zu in dem Gericht, das du entbietest!" Wie oft mögen sich die Juden diesen Psalm vorgesagt haben, als sie nackt Schlange vor den Gaskammern in Auschwitz und Treblinka standen, dachte er in diesem Augenblick. Dr. Ferdinand war erschöpft, doch Hunger hatte er nicht. Er holte sich die zweite Tasse Tee und machte die folgende Notiz:

Nicht nur verfressen seid ihr und spuckt den Wortkern der Not wie einen billigen Kirschkern aus, ihr seht noch zu, wie da gemordet wird, seid selbst Zeuge und fresst weiter.

Um Himmelswillen!, wo fresst ihr euch hin?, und seid doch Teil des Mordes! Von euren Mäulern trieft das Fett, wenn die andern nichts zu essen haben, nur reden wollt ihr nicht, wenn ihr reden solltet.

Was denkt ihr, wer ihr eigentlich seid? Habt ihr Gott in euren Taschen, wenn ihr das Taschentuch herauszieht und das Fett euch von den Lippen, den Essschweiss aus euren Gesichtern wischt?

Denkt ihr euch denn nichts dabei, wenn ihr seht, dass andere hungern, gefoltert und ermordet werden?

Das kann doch nicht sein, solang die Kirche noch im Dorfe steht, wo die Psalme gelesen und nachgesprochen werden!

Ihr, mit den fetten Ärschen, lasst die andern ruchlos verkommen? Geht das schon soweit?

Habt ihr's nicht von den Kindern gelernt, die euch die Plastiken auf die vollen Tische knallen, die Bilder mit den Wasserbäuchen um die Ohren hauen, dass ihr mal zur Besinnung kommen müsst und statt zu fressen jetzt arbeiten und antworten sollt!

Ist es wirklich schon soweit, dass ihr's wisst und das Gewissen schweigt, ihr euch nichts mehr dabei denkt, was da jeden Tag passiert, weil ihr so verfressen seid?

Dann soll euch doch der Teufel holen, egal, wie erhaben ihr euch dünkt!

Die Zeit rennt aus, vergesst es nicht, auch ihr kommt an die Reihe, da werdet ihr's bekommen, um was ihr euch verfressen habt.

Die Hähne krähten den Samstagmorgen ein, die Sonne schickte ihre ersten Strahlen in den Tag. Die Nacht war ruhig gewesen. Dr. Ferdinand nahm den Hörer ab und legte ihn wieder auf. Da war Totenstille. Er ging unter die Brause, um sich den Schlaf vom Körper zu waschen und setzte sich mit der Tasse Kaffee in den ausgesessenen Sessel, um Zeuge des Sonnenaufgangs zu sein und aus ihm das Wissen abzuleiten, dass das Leben weitergeht. Er machte sich auf den Weg zum Hospital und wollte ihn als Spazierweg verstehen. Katzen huschten hinter hohen Grasbüscheln und lauerten. Hunde liefen gedankenlos über die Strasse, als hätten sie nichts im Sinn. Der Wachhabende an der Sperrschranke verschluckte sein Gähnen, als Dr. Ferdinand ihm das "goeiemôre" sagte und das verknitterte 'Permit'-Papier in der Hand hielt. Der Pförtner an der Toreinfahrt sass auf dem Stuhl und pellte das Ei, steckte es in den Mund und verrieb die Eierschalen mit dem Schuh im Sand. Er überquerte den Vorplatz, wo die Menschen vor der Rezeption dicht gedrängt auf dem Betonboden lagen. Im ersten Raum der Intensivstation lag Sarah, deren Gesicht geschwollen war, dass sie die Augen nicht öffnen konnte. Die Temperatur ihres Körpers war erhöht, sie musste mehr Flüssigkeit trinken. Der Blutdruck hielt sich an der unteren, der Puls an der oberen Grenze. Sie schlief, da ihr die Schwester kurz vorher die Spritze gegen die Schmerzen gegeben hatte. Er trug ihr Befinden mit den lebenswichtigen Daten im Krankenblatt ein, sah nach den andern Patienten und notierte deren Lebensdaten ebenfalls. Dr. Ferdinand ging noch durch die anderen Säle, um auch dort nach den Patienten zu sehn, die das Unglück des schwarzen Freitags hart getroffen hatte. Dann schaute er noch ins 'Outpatient department', wo die Patienten vom vergangenen Abend sassen, denen die Schwestern aufgrund des Stromausfalls die aufgeschobene Dringlichkeit zugesprochen und sie aufs Licht des nächsten Morgens vertröstet hatten. Da es keine chirurgisch Verletzten gab, trat er den Rückweg an, nahm den Weg über das Postamt, wo er einen Brief aus Deutschland aus dem Postfach zog, kaufte im kleinen Supermarkt Brot, Aufstrich und Zigaretten und ging zur Wohnstelle zurück. Er streifte die Sandalen in der Veranda ab und machte sich in der Küche einen Tee, in den er zwei Teelöffel Zucker einrührte. Der Brief kam vom Bruder, der wissen wollte, wie es ging, ob es etwas Neues zu berichten gab. Er schrieb von der Arbeit in Deutschland, wo die Menschen im Dauerstress stecken, weil sie anders nicht mehr leben könnten. Alle machten ein ernstes Gesicht, weil das Finanzamt immer tiefer in den Taschen griff. Die Zahl der Arbeitslosen nehme zu, doch die Gewerkschaften streiken weiter. Die grossen Unternehmen verlegen ihre Werke nach Asien und Amerika, um billiger zu produzieren und die hohen Lohn- und Lohnnebenkosten zu umgehen. So nehme die Armut im Lande zu und mit ihr die Diebstähle in den Kaufhäusern und der Autos von den Parkplätzen. Die Autos fahren dann mit neuen Besitzern in den Ostblockländern weiter oder werden über Italien und den Balkan nach Afrika verschifft. Millionenbeträge gingen in die DDR, die ihre politischen Gefangenen zu Höchstpreisen verhökerten und mit dem Menschenhandel ihre Devisenlöcher stopfen.

Aus Afrika wusste der Bruder zu berichten, dass sich die südafrikanische Armee aus Angola zurückziehe, die dem Dr. Jonas Savimbi und seiner UNITA (União Nacional da Independencia Total de Angola) den Rest überlasse. Da dachte der Bruder in Afrika an die letzte Entscheidungsschlacht, wie sie der Brigadegeneral bezeichnete, als er mit erhobenem Zeigefinger sagte, dass da viel auf dem Spiele stehe und das Pulverfass erwähnte, auf dem er wie die andern Weissen sässen, das jederzeit hochgehen könne. Dr. Ferdinand legte den Brief zur Seite und zündete sich eine Zigarette an. Er dachte an die Menschen in Deutschland, die dem Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre nachtrauerten und denen es im Vergleich zu den Menschen vor der angolanischen Grenze noch ausgezeichnet ging. Was würden die Menschen sagen, wenn dort die Bank in dem Augenblick in die Luft gesprengt würde, wenn sie vor den Schaltern Schlange ständen, um ihre Schecks gegen Bares einzulösen? Doch damit war seit dem Ende der RFA mit der Philosophiestudentin Ulrike Meinhof und dem Rechtsanwalt Andreas Baader, für den sich der Existentialphilosoph, Schriftsteller, Theaterstückschreiber und Erzähler Jean-Paul Satre ('Wege der Freiheit', 'Der Aufschub', 'Der Pfahl im Fleische', 'Tote ohne Begräbnis') noch eingesetzt hatte, wohl nicht mehr zu rechnen.

Dr. Ferdinand setzte sich gegen elf ins Auto und fuhr zur katholischen Missionsstation nach Okatana. An der Sperrschranke des zweiten Dorfausgangs mit der MG-Doppelstellung auf dem Wasserturm, der vor einem Jahr einen Granatenschlag abbekommen hatte, dass er schief stand, und wieder ins Lot gesetzt wurde, zeigte er sein 'Permit'-Papier vor, liess das Auto mit Verschieben der Vordersitze von innen inspizieren, und setzte die Fahrt fort. Er bog nach etwa einem Kilometer von der geteerten, strategischen Ost-West-Strasse nach rechts ab, passierte die vorwiegend von angolanischen Flüchtlingen bewohnte Blechhüttensiedlung mit den hängenden Tüchern vor den Eingängen und den gaffenden, schäbig gekleideten oder nackten Kindern, die am Strassenrand standen und grosse Augen machten. Da liefen die ständig knabbernden Ziegen zwischen den tuchverhängten Blechgestellen hin und her, gefolgt von abgemagerten Hunden. Dort lag die bunte Wäsche zum Trocknen auf den Dächern, wo daneben wenige, dürre Rinder in enger Umzäunung standen und auf ihren Schlachttag warteten. Vor ihm liess er zwei Schweine die Strasse in Richtung angolanische Siedlung überqueren, bevor sich die Räder durch den lockeren Sand mit den tief eingefahrenen 'Casspir'-Spuren wühlten. Er kam am Wasserturm vorbei, der etwa hundert Meter links von der Sandstrasse stand, von dessen Dach ihm das MG fast eine von rechts verplättet hätte, als er eines Nachts auf dem Rückweg von Okatana nach Oshakati war und nicht angehalten hatte, als ihm die Leuchtraketen in den Farben blau, gelb, rot das sofortige Anhalten signalisierten, was er damals nicht lesen konnte und die Farbenfreude der Raketen für einen freundlichen Nachtgruss hielt.

So schlingerte er die langen fünf Kilometer bis zur Mission, wo ihn die Patres freundlich begrüssten. Sie standen unter dem grossen Baum vor dem Eingang zum Haus der Patres. "Das ist ja schlimm, was da passierte", sagte der eine Pater, der sonst immer sagte, dass es schön sei, den Doktor mal wieder zu sehen, der solange nicht mehr da war. Sie gingen ins Haus und setzten sich ins Wohnzimmer mit den langen Wandregalen, die mit theologischen Büchern, Biographien und zusammengefassten Traktaten einiger Päpste und anderer frommer Männer gefüllt waren, und dem grossen Eisschrank, aus dem der andere Pater ein kaltes Bier herausholte, es in ein Glas einschenkte und Dr. Ferdinand vorsetzte. Auf dem Tisch lagen der 'Osservatore', das offizielle Wochenblatt des Vatikans und die 'Allgemeine Zeitung' für die Deutschsprachigen in Südwest. "Es war ein schwarzer Feitag, der viele unschuldige Menschen in den Tod gerissen hat, andere, die es überlebten, durch die Verbrennungen und andere Verletzungen ein Leben überliess, an dem sie sich nicht mehr erfreuen könnten, der Kinder zu Waisen machte und die Menschen noch mehr verunsicherte, als sie es schon waren", kam er auf die Begrüssungsworte des Paters zurück, der das Wort "schlimm" gebrauchte. Sie sagten, dass es auch Familien in ihrer Gemeinde getroffen habe, wo den Kindern nun die Mütter fehlten. In einigen Familien hätte das Schicksal noch schwerer zugeschlagen, weil da beide Eltern fehlten, weil es den Vater seit langem nicht mehr gab, der entweder im Gefängnis sässe, oder mit der Swapo ins Exil gegangen war, oder erschossen oder von einer Mine zerrissen wurde. "Da kann man nur hoffen, dass das bald zu Ende geht, sonst haben wir nur noch Waisenkinder", sagte der andere Pater. Dr. Ferdinand erzählte von den Verletzten, von Sarah mit den schweren Verbrennungen, die er auf dem Op-Tisch nicht wiedererkannte, weil ihr Gesicht zugeschwollen war, die vor dem Gang zur Bank eine hübsche, junge Frau gewesen war, der er nachher, weil sie die Explosion überlebte, das rechte Bein abschneiden musste. Da sagten beide Patres aus einem Munde: "das ist ja furchtbar.” Er sprach von den vielen Operationen, als sich keiner schonte, weil die Not der Meister war, die weder ein Nörgeln noch ein Zaudern erlaubte, die Ärzte und Schwestern zu einem Team zusammenschweisste.

Als er dann vom Stromausfall sprach, nachdem der letzte Verletzte aus dem 'theatre' gefahren wurde, weil das Hauptkabel beschädigt war, da fiel es den Patres schwer, ein Wort zu sagen, weil sie an ein Wunder da nicht glauben wollten. Das Mittagsglöckchen läutete zum Essen, und die Patres luden Dr. Ferdinand zum Mittagessen ein. Ein Pater sprach das Gebet vor dem Essen, in dem er der Toten und Verletzten, ihrer Familien und der Waisenkinder gedachte und den lieben Gott mit ganz einfachen Worten um seine verspätete Barmherzigkeit bat. Zu lang wollte er sein Gebet nicht machen, und so blieben die Obdachlosen und Hungernden diesmal unerwähnt. Nach dem "Amen" schlug jeder der Patres sein Kreuz auf die Brust. Im Einnehmen der Stühle wünschten sie einander und Dr. Ferdinand einen guten Appetit. Mit dem schärferen Messer war das zarte Schweinekotelett mühelos zu schneiden. Die gedämpften Kartoffeln hatten ihre Form behalten, sie waren weder wässrig noch versalzen. Der Salat war köstlich zubereitet, und der Zitronensaft war hausgemacht. Da liess sich gut essen unter dem verglasten Foto der freundlich auf den Tisch blickenden Muttergottes an der Wand, und Dr. Ferdinand genoss das Essen, das sich von der Hospitalkost so sehr unterschied. Die Patres wussten es offenbar besser, als sie sagten, dass das Ende des Apartheidregimes greifbar nahe sei, und die Menschen voll hinter der Swapo ständen. Dr. Ferdinand wollte es gerne glauben, doch nannte er den schwarzen Freitag einen barbarischen Schlag gegen die Menschen, der einen tiefen Krater auf dem letzten Wegstück gerissen hatte.

"Wer konnte dahinter stecken?", fragte er über den Tisch. Die Antwort kam spontan: "die Swapo tut so etwas nicht." Auch die Patres hatten es erfahren, dass da wenige Minuten vor der Explosion schwarze Männer eine Kiste in der Bank abgestellt hätten, was im Gedränge der Menschen unbeachtet blieb. Sie sagten, dass es schwarze Männer nicht nur bei der Swapo, sondern auch bei der Koevoet (Brecheisen) gäbe, die weiterhin ihre nächtlichen Patrouillen mit den 'Casspirs' fuhren und hin und wieder Männer aus den Dörfern mitnähmen. Sie fügten hinzu, dass es schwer sein würde, die Schuldigen ausfindig zu machen. Nach dem kurzen Dankgebet zeigten die Patres das vergrösserte, neu ausbetonierte und blau gestrichene Schwimmbecken, das neben dem Patreshaus hinter hohen Mauern geschützt lag, zu dem sie durch eine schmale Aussentür gingen, die zu verschliessen war. Hinter der hohen Grenzmauer hatte sich das breite, gebogene Flussbett des Cuvelai zu einem See gestaut, über dem das grelle Sonnenlicht gleisste. Sie zeigten den Garten, in dem das Gemüse stand mit den grossen Salat- und Kohlköpfen, die Stangenbohnen, die die Zweimeterhöhengrenze überstiegen, wo der Boden dunkelerdig war und täglich aus den verlegten Leitungsrohren bewässert wurde. Die Gänse, bei denen es Junge gab, stolzierten durch ihren kleinen Garten an zwei Schildkröten vorbei. Sie hatten ihren kleinen Teich für sich, in den sie die Köpfe tauchten und nach dem Auftauchen mit den Schwingen hin und herschlugen. Daneben stand das grosse Vogelhaus mit den afrikanisch bunten Vögeln, die da munter dazwischenzwitscherten. Dann kam der Hühnerstall mit den Eiergelegen und den Durchgängen zu den zwei grossen, hoch eingezäunten Aussengehegen, getrennt nach jung und alt, wo einigen Hähnen der Kamm schwoll, wenn es die Hennen nicht wollten, oder das Jungvolk ihnen lästig wurde. Schliesslich machten sie den zwei Schweineställen die Aufwartung, von denen der eine durch halbhohe Trennmauern in Abteilungen für die Säue, die tragend waren und jene, die geworfen hatten, unterteilt waren, wo die Frischlinge mit der rosanen Haut vor den Zitzen der vollen Milchleisten lagen und an ihnen sogen, dabei mit den Vorderpfötchen gegen das Gesäuge der Mutter traten, um da noch mehr herauszusaugen. In den beiden letzten Abteilungen waren die Eber, erst der jüngere, der erregt grunzend und unruhig mit den Füssen in seiner Stallung auf der Stelle trat, weil er es kürzlich zum Vater brachte, und schliesslich der Stammeber, ein Riesenkerl, der da ausgestreckt lag, weil er das Ruhealter erreicht und als Vater genug Gutes geleistet hat. Er hatte ausgedient. Die Patres sprachen ihm weitere Vaterschaften ab und den nächsten Schlachttermin zu, weil es der Sohn beim Besteigen der Säue nicht weniger leidenschaftlich als der Vater machte und dabei gute Resultate erzielte. Im anderen, dem Kommunenstall, wurden die Ein- bis Vierjährigen gehalten, die durch grössere Durchgänge zum Schweinehof ausliefen und für den regelmässigen Fleischvorrat sorgten. Für den Schlachttermin hielten die Patres einen Revolver bereit, den sie, wenn es soweit war, eigenhändig dem Schwein ins Genick drückten und ihm den Gnadenschuss von hinten gaben. Sie sprachen aus Erfahrung, dass bei diesem Schuss, bei dem alles sehr schnell ginge, das Schwein erst gar nicht zu leiden hätte. Die Ställe waren von hervorragender Sauberkeit, dass man eigentlich nicht von einem Schweinestall sprechen sollte. Die Schweine der Kommune wurden täglich abgespritzt, wie ihre Stallung auch. Die Schweine bekamen eine hochwertiges, vitaminreiches Futter, wozu gestampfte Blätter vom Feigenkaktus aus dem davorliegenden Kaktusgarten als Zwischenspeise kamen, was ihnen dem wohligen Grunzen nach zu schmecken schien.

Hier war das Biotop in Ordnung, ein Mikrokosmos war auf der Mission im unheilvollen Makrokosmos heil versteckt. Es war die Leistung der Patres und der fleissigen Nonnen, die kein Aufheben davon machten, was aber anzuerkennen war. Ein Stück Frieden lag in dieser Mission eingezäunt im Durcheinander des Krieges. Dr. Ferdinand verabschiedete sich, und die Patres begleiteten ihn zum Auto. Sie gaben ihm die Worte mit: "Gott wird es schon recht machen", und "kommen Sie bald wieder!"

Beim Wegfahren waren einige ältere Schwestern, denen das Pensionsalter anzusehen war, auf dem Wege zur kleinen Kapelle gegenüber dem Patreshaus, um ihr Gebet zu verrichten. Ihre leicht nach vorn gebeugten Rücken konnte Dr. Ferdinand im Rückspiegel sehen, bevor er die Mission hinter dem offenen Tor verliess und in die erste Rechtskurve vor dem kleinen Hospital fuhr, um nach dreissig Metern die Linkskurve vor der kleinen Missionsschule zu nehmen. Die Räder des Frontantriebs wühlten sich in den aufgeworfenen Sand neben den eingefahrenen, breiten 'Casspir'-Spuren. Er fühlte sich nach den Stunden seines Dortseins erleichtert und erholt. Er sah, wie alte Männer mit kurzen Stöcken in der Hand mal auf der linken, mal auf der rechten Strassenseite einige magere Rinder vor sich hertrieben, alte Frauen schmale Äste von toten Bäumen brachen, das Holz zusammenlasen, mit jungen Palmblättern zusammenbanden, die Bündel auf den Kopf luden und sie davontrugen. Andere Frauen, einige mit kleinen Kindern auf ihre Rücken gebunden, und Mädchen trugen Eimer mit Wasser und Schüsseln mit Maiskolben und andern Feldfrüchten auf den Köpfen, ohne dass sie beim Gehen verrutschten. Das Auto schlingerte über die Fahrspuren nach beiden Seiten durch den lockeren Sand, und die Räder schlugen einige Male in die ausgefahrenen Schlaglöcher. Den Wasserturm mit der aufgesetzten MG-Stellung liess er nun rechts vom Wege liegen und dankte dem Schutzengel von damals, dass er ihn in eine dichte Sandwolke gesteckt und so vor dem Erschiessen gerettet hatte. Nach der langen Rechtskurve fuhr er an der Strassensiedlung angolanischer Flüchtlinge mit den erbärmlichen, zusammengestückten Hütten aus verdelltem Blech, verwittertem Sperrholz und verbogenen Pappen mit den herabhängenden bunten Tuchfetzen vor den Eingängen, was 'Angola' genannt wurde, vorbei, wo Schweine des mageren Formats die Strasse nach beiden Seiten überquerten, und Kinder mit dünnen Armen und Beinen in armseliger Bekleidung, die ganz kleinen nackt, am Strassenrand standen und weiter grosse Augen machten, als wären es dieselben, an denen er auf seiner Hinfahrt zur Mission vorbeigefahren war. Auf der geteerten Strasse bog er links ein und nach zwei Kilometern nach rechts. Da verliess er die Teerstrasse, und die Räder schlugen einige Male in tiefe Schlaglöcher, weil sie einfach nicht zu umfahren waren. An der Sperrschranke neben dem instandgesetzten Wasserturm mit der MG-Doppelstellung auf dem Dach wies er sich mit dem zerknitterten 'Permit'-Papier aus, während die Wachhabenden von den Seiten und von unten den Wagen unter die Lupe nahmen und dabei den Kofferraum bis zum Ersatzrad durchsuchten. Die Sonne senkte sich dem Horizont zu, als er die Wohnstelle erreichte. Er öffnete das Tor, fuhr das Auto auf seinen Platz, schob das Tor wieder zu und drückte den Riegel ins Schloss zurück.

Aus: Tote ohne Begräbnis – (Sartre: ‘Morts sans sépulture’)

Dr. Ferdinand hatte den üppigen Gemüsegarten, den Auslauf für die Gänse mit dem kleinen Teich, den beiden Schildkröten im Sand, den vollen Hühnergehegen mit den wenigen Hähnen, denen der Kamm schwoll, wenn es die Hennen nicht wollten, und die sauberen Ställe mit den gut genährten Schweinen und den tretenden Frischlingen gegen das Gesäuge der Sau im Auge, hatte das muntere Gezwitscher aus dem grossen Vogelhaus im Ohr und dachte über das Wunder des heilen Biotops auf der Mission nach mit dem eingezäunten Stück Frieden. Das war für ihn etwas Besonderes, dass es das in den Zeiten des Krieges mit seiner Eskalation gab. Er machte sich eine Tasse Kaffee und las ein Buch dazu. Die deutsche Studentin hatte ihm auf seine Bitte einige rororo-Bände von Sartre geschickt, die er an den Wochenenden, die er zu seinen Lese- und Schreibtagen ausgewählt hatte, lesen wollte. Es war Sartre's Bühnenstück 'Tote ohne Begräbnis' (Morts sans sépulture): Da spricht der Widerstandskämpfer Sorbier zu seinen Freunden, die alle in Handschellen auf dem Dachboden hocken, wo ein Stockwerk tiefer französische Milizionäre des Pétain-Regimes Geständnisse aus ihnen herausfoltern werden, in der ersten Szene des ersten Akts von "Dreihundert, die nicht sterben wollten und für nichts gestorben sind. Sie liegen zwischen den Steinen, und die Sonne schwärzt sie; man kann sie sicher von allen Fenstern aus sehen. Unsertwegen. Unsertwegen gibt es in diesem Dorf nur noch Miliz, Tote und Steine. Es wird hart sein, mit diesen Schreien in den Ohren zu krepieren." Der fünfzehnjährige Franpis hat Angst vor der Folter und geht auf und ab. Er sagt seiner älteren Schwester Lucie: "Ich muss im Kreis herumgehen. Wenn ich stillsitze, fangen meine Gedanken an zu kreisen. Ich will nicht denken." Über Sinn und Unsinn des Lebens, weil sie dem Befehl gehorchten, das Dorf einzunehmen, was ihnen missglückte, und dreihundert Menschen den sinnlosen Tod brachte, sagte Sorbier zu Canoris, dass der Mensch ein Recht habe, seinem Tod einen Sinn zu geben, weil das alles ist, was ihm noch bleibt. Henri sagte: "Wir hatten keine Zeit, sie zu begraben, auch nicht in unseren Herzen. Nein. Ich fehle nirgends, ich hinterlasse keine Leere. Ich bin aus der Welt gerutscht, und sie ist voll geblieben. Wie ein Ei. Man muss annehmen, dass ich nicht unentbehrlich war." Canoris sagt zu dem Dilemma: "Wir sind nicht dazu geschaffen, immer an den Grenzen unserer selbst zu leben." Henri meint: "Mit etwas Glück werde ich mir vielleicht sagen können, dass ich nicht für nichts sterbe." Beim Verhör eine Etage tiefer sagt Pellerin zu Henri, der vor dem Krieg Medizin studierte: "Du bist gebildet, du Schwein; (zu den Milizionären) schlagt zu." Clochet, der andere Verhörer, sagt: "Du wirst schreien, Henri, du wirst schreien. Ich sehe, wie der Schrei deine Kehle anschwellen lässt; er kriecht zu deinen Lippen hoch. Noch eine kleine Anstrengung. Dreht. (Henri schreit.) Ha! Wie du dich schämen musst. Dreht. Lasst nicht nach. (Henri schreit.) Du siehst, nur der erste Schrei kostet einen was. Jetzt wirst du reden, ganz leise, ganz natürlich." Am Schluss des ersten Verhörs (sechste Szene, zweiter Akt) sagt Clochet zu Henri; "Komm, sei nicht so stolz. Du hast geschrien, du hast doch geschrien. Morgen wirst du reden." Nach diesem Verhör sprechen die Verhörer unter sich: Pellerin: "Das Schwein!"; Landrieu: "Das ist eine Scheisse."; Clochet: "Was?"; Landrieu: "Das ist eine Scheisse, wenn einer nicht redet."; Clochet: "Er hat doch geschrien. Er hat geschrien..."; Pellerin: "Bringt das Mädchen!"; Landrieu: "Das Mädchen...Und wenn die nicht redet..."; Pellerin: "Dann..."; Landrieu: "Nichts ...Einer muss doch reden."; Clochet: "Den Blonden muss man runterbringen. Der ist reif."; Landrieu: "Den Blonden?"; Clochet: "Sorbier. Das ist ein Feigling."; Landrieu: "Ein Feigling? Hol ihn!". Beim folgenden Verhör (neunte Szene) Clochet zu Sorbier: "Du bist Jude?": Sorbier (erstaunt): "Ich? Nein."; Clochet: "Ich schwöre dir, dass du Jude bist. (die Milizionäre schlagen auf ihn ein.) Du bist nicht Jude?"; Sorbier: "Doch. Ich bin Jude."; Clochet: "Gut. Also hör zu: zuerst die Fingernägel. Das wird dir Zeit zum Nachdenken geben. Wir haben es nicht eilig, wir haben noch die ganze Nacht! Wirst du reden ? (zu den Milizionären) Nehmt die Zange und fangt an!" Sorbier, der als "Feigling" den Anschein zum Reden gab und vor Schmerzen nicht mehr sitzen konnte, wurde losgebunden. Er ging auf den Tisch der Verhörer zu und verlangte eine Zigarette. Landrieu: "Danach."; Sorbier: "Was wollt ihr wissen ? Wo der Anführer ist ? Ich weiss es. Die anderen wissen es nicht, aber ich weiss es. Ich war sein Vertrauter. Er ist...(zeigt abrupt auf einen Punkt hinter ihnen) ...da!" Die Verhörer und Milizionäre drehen sich um. Sorbier stürzt sich durchs offene Fenster, die Milizionäre können ihn nicht halten. Er springt ins Leere und schreit: "Denkst du! He, ihr da oben! Henri, Canoris, ich habe nicht geredet." Die Verhörer lehnen sich aus dem Fenster. Pellerin: "Das Schwein! Die Memme!" Die Milizionäre werden runtergeschickt, um ihn rauf zu bringen und weiter zu bearbeiten, "bis er uns unter den Händen abkratzt" (Landrieu). Sie kommen zurück: "Krepiert!" Um dem jungen Francois die Folterqualen zu ersparen, unter denen er reden würde, wird er von Henri auf dem Dachboden erdrosselt. Lucie (seine ältere Schwester) sagt da (zweite Szene, dritter Akt): "Du bist tot, und meine Augen sind trocken; verzeih mir. Ich habe keine Tränen mehr, und der Tod ist nicht mehr wichtig. Draussen liegen dreihundert im Gras, und auch ich werde morgen kalt und nackt sein, ohne dass eine Hand mir übers Haar streicht. Es gibt nichts, dem man nachtrauern müsste, weisst du. Auch das Leben ist nicht so wichtig. Adieu, du hast getan, was du konntest. Du hast vorher aufgegeben, weil du einfach noch nicht genug Kraft hattest. Niemand hat das Recht, dich zu verurteilen." Lucie wurden beim Verhör die Fingernägel mit Zangen ausgerissen. Sie wurde ausgepeitscht und vergewaltigt. Sie hatte nicht geredet, doch wurde sie in ihrem Stolz verletzt. Sie schreit es heraus (zweite Szene, vierter Akt): "Ihr habt mich vergewaltigt, und ihr schämt euch. Ich bin reingewaschen. Wo sind eure Zangen? Wo sind eure Peitschen? Heute morgen fleht ihr uns an zu leben. Und wir sagen nein. Nein! Ihr müsst eure Sache zu Ende machen." Pellerin: "Genug! Genug! (zu den Milizionären) Schlagt drauf!" Henri (dritte Szene, als sie sich auf der Verhöretage ohne die Verhörer absprachen): "Ich will dieses Kind nicht dreissig Jahre überleben. Ich will mich nicht jeden Tag fragen müssen, ob ich ihn aus Stolz umgebracht habe. Canoris, das ist so einfach. Wir haben nicht einmal Zeit, den Lauf ihrer Gewehre zu sehen ...(beim Blick aus dem Fenster) Soviel Sonne über so vielen Leichen. Diese Sonne werden wir jeden Tag wiedersehen müssen. Puah!" Lucie zu Canoris und Henri: "Idiot! Reines Herz! Du kannst gut leben, du hast ein ruhiges Gewissen. Sie haben dich ein bisschen herumgestossen, das ist alles. Mich haben sie erniedrigt, jeder Zoll meiner Haut widert mich an. Und du, der du dich aufspielst, weil du ein Kind erwürgt hast, denk mal dran, dass dieses Kind mein Bruder war und dass ich nichts gesagt habe. Ich habe alles Übel auf mich genommen; man kann mich nur noch auslöschen und alles Übel mit mir." Henri: "Es wird von uns nicht mehr verlangt, dass wir Helden sind; wir müssen leben. Gibt es nichts, dem du auf der Erde nachtrauerst ?" (Jean, den sie geliebt hatte, der als Anführer auf freiem Fusse ist). Lucie: "Nichts. Alles ist vergiftet." Henri zu Lucie: "Du wirst ihn wiedersehen, wenn du lebst ...Und die Kinder, die man im Frühling vor dem Sägewerk auf einem Baumstamm sitzen sah. Sie lächelten uns zu, wenn wir vorbeigingen, und es roch nach feuchtem Holz ...Trauerst du ihnen Nach ?" Lucie: " Sie sind geflohen, als die Deutschen kamen. Ich werde sie nicht wiederfinden." Henri: "Es gibt andere Kinder in den Lagern. Selbst über den Lagern ist ein Stück Himmel." Canoris: "Wir tun das Richtige. Man muss leben." Er geht auf einen Milizionär zu: "Sag deinen Vorgesetzten, dass wir reden werden." Landrieu (vierte Szene): "Nun ?" Canoris folgt der Anweisung Jean's, der als Anführer für kurze Zeit unerkannt mit ihnen zusammengesperrt war, die Verhörer auf die Spur in eine Grotte zu lenken, in die Jean einen toten Kameraden gelegt und seine Papiere in die Tasche des Toten gesteckt hatte. So nannte Canoris die Grotte, wo sich der "Anführer" mit den Waffen versteckt hält. Pellerin zu Landrieu (fünfte Szene): "Glaubst du, sie haben die Wahrheit gesagt ?" Landrieu: "Natürlich. Es sind Tiere ...Na? Wir haben sie schliesslich gekriegt. Hast du gesehen, wie sie abgezogen sind ? Sie waren weniger stolz als bei ihrem Einzug." Pellerin zu Landrieu: "Lässt du sie am Leben?" Landrieu: "Oh! Auf jeden Fall, jetzt..." Da kommt die Salve unter den Fenstern. Landrieu: "Was ist...? Clochet, du hast doch nicht etwa..." Clochet (lachend): "Ich war der Meinung, das ist menschlicher." Landrieu: "Schwein!"; Pellerin: "Wie würde man denn vor den Überlebenden dastehen."; Clochet: "In einem Augenblick wird niemand mehr irgend etwas über all das denken. Niemand ausser uns." Dritte Salve. Landrieu sackt zusammen: "Uff!" Clochet geht zum Radio, dreht an den Knöpfen. Musik.

Da stand die 'Uff' -Welt in ihrer hahnebüschenden Sinnlosigkeit diametral der gewachsenen, eingezäunten Sinnhaftigkeit des heilen Biotops auf der Mission gegenüber. Diese Gegensätze waren unvereinbar. Da gab es keinen Zwischenreim, weil das Dach des Verständnisses über dem 'Uff' nicht war, sehr wohl aber über dem Gemüsegarten, dem Gänseauslauf, den Hühnergehegen und Schweineställen. Das Schwein im Biotop der Mission hatte mit dem Schwein Clochet, wie Landrieu ihn nannte, nichts gemeinsam. Das Schwein auf der Mission war sauber, wurde täglich abgespritzt, war nützlich. Das Schwein Clochet war ein Mensch, der im Charakter runtergekommen war. Da war der Mensch dreckig im Gegensatz zum sauberen Schwein. Clochet war skrupellos und erschoss lachend die Opfer nach der bestialischen Folterei und Vergewaltigung der Frau, weil er beim Raddrehen der Geschichte einer späteren Abrechnung keine Chance geben wollte. Er tat es gegen den Befehl seines Vorgesetzten Landrieu, dem er deshalb auch die Erinnerung auslöschte und die dritte Salve verpasste. Alles das machte ein sauberes, natürliches Schwein nicht. Reichte es nicht, dass Menschen das Schweinefleisch essen? Musste das nützliche Schwein nun auch mit seinem Namen für die hemmungslose Gefrässigkeit des Menschen und seinen schmutzigen Charakter herhalten? Dr. Ferdinand fand es verkehrt, dass der Mensch dem Schwein etwas Unanständiges unterstellte, was dem Menschen, nicht aber dem Schwein, gehörte. Nur der Mensch hat keine Würde, der sich respektlos an seinesgleichen und den Tieren vergeht. Das Schwein, der Esel, und wie sie alle heissen, machen das nicht.

Der Mensch diskriminiert den Stolz der Tiere, wenn er ihre Namen auf Menschen setzt, denen es an Würde fehlt. Tiere haben ihren Stolz, respektieren sich untereinander. Sie kennen keine Folter und haben mit der Schlechtigkeit des Menschen nichts gemeinsam. Wie sagt doch der Dichter (Eugen Roth): "Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere." Sartre spricht von der Folter als dem Kapitalverbrechen gegen die Menschlichkeit, das noch heute auf der ganzen Welt verbreitet ist. Die Gefesselten fragen sich, ob sie unter der Folter schreien oder reden werden. Sie fragen sich nach dem Sinn eines befohlenen Unternehmens, bei dem Hunderte unschuldiger Zivilisten umgekommen sind. Sie fragen sich nach dem Sinn ihres Todes nach dem Fehlschlag des Unternehmens. Sie wissen, dass die Folterqual das Risiko des Redens hat, wenn man bis zum Verräter gefoltert wird. Selbstmord ist da nur wenigen vergönnt. Kollaborateure und Milizionäre wissen um ihre Schändlichkeit, wissen, dass sie Abschaum sind. Da sie auch wissen, dass der Krieg verloren ist, wollen sie an Menschlichkeit nichts zurücklassen. Da kommt die Bestie im Menschen heraus, wenn der Folterer das Opfer bis zum Abschaum verpeitscht, vergewaltigt und zerschlägt. Aus der Verantwortung für seine fürchterlichen Taten kann sich der Mensch dennoch nicht entziehen. Das ist es, wenn es auf den eigenen Tod zugeht, und Sorbier von den dreihundert Toten spricht, die nicht sterben wollten und für nichts gestorben sind. "Es wird hart sein, mit diesen Schreien in den Ohren zu krepieren." Das im Gegensatz zu Landrieu, der der Nachwelt ein "Uff!" hinterlässt.

‘Tote ohne Begräbnis’, ein Mahnmal der Zeit, ein Totenmonument, das nicht weniger hoch vor der angolanischen Grenze stehen könnte. Dr. Ferdinand legte das Buch zur Seite, machte sich einen Kaffee, setzte die Tasse neben sich auf die Stufe vor der Veranda und zündete eine Zigarette an. Die Sonne war hinter dem Horizont abgetaucht, und die Abendsterne flackerten ihr Licht herab. Er schaute auf die Pfoteneindrücke einer Katze und fragte sich, warum die Menschen es nicht schafften, von den Tieren zu lernen, die es doch vormachen, was natürlich, was anständig ist. Es musste etwas mit der Entfremdung zu tun haben, wo sich der Mensch von der Natur und von sich selber entfremdet, wo er sich selbst im Wege steht. Das Gewissen ist verkümmert, das Gefühl verloren, dass um sich noch was andres lebt, das ihn durchs Leben begleitet, ihn leiten möchte. Die verlorene Gemeinschaft ist ein verlorenes Sich selbst. Das Alleinsein trägt das Risiko des Ausgestossenseins in sich, wo es leicht zu Irrwegen kommen kann, die dem sozialen Frieden nicht bekommen. Das hat die Apartheid mit der weissen Hautfarbe zur Genüge gelehrt, die in einem Chaos gelandet war, wo eigentlich keiner mehr richtig weiss, wo vorn und hinten ist, weil im Drunter und Drüber des Vorrechtsdenkens die Orientierung verlorenging, es einen klaren Blick in die Zukunft nicht mehr gibt. Menschen des Abschaums hat es auch hier gegeben, die ihre Opfer hart verpeitschten, die Elektroden ans Genitale setzten und aufklebten, sie je nachdem, ob sie redeten oder nicht, unter steigenden Voltamperes zuasammenzucken liessen. Ja, die Opfer wurden entwürdigt, zu Abschaum verwandelt, ihr Stolz brutal zerschlagen. Da stieg die Wut der Ohnmacht ins Gesicht, da schlug der Ekel der Widerwärtigkeit auf den Magen. Die Menschen wussten mit ihren hohen Blutdrücken nicht mehr wohin. So war das verwüstete Feld vor der angolanischen Grenze, wo Armut und Elend herrschten, auch das Feld für die Toten ohne Begräbnis.

Dr. Ferdinand setzte sich ins Wohnzimmer und las den achten Psalm in der Buber'schen Fassung: "DU, unser Herr, wie herrlich ist dein Name in allem Erdreich! // Du, dessen Hehre der Wettgesang gilt über den Himmel hin, aus der Kinder, der Säuglinge Mund hast du eine Macht gegründet, um deiner Bedränger willen, zu verabschieden Feind und Rachgierigen. // Wenn ich ansehe deinen Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du hast gefestet, was ist das Menschlein, dass du sein gedenkst, der Adamssohn, dass du zuordnest ihm! // Liessest ihm ein Geringes nur mangeln, göttlich zu sein, kröntest ihn mit Ehre und Glanz, hiessest ihn walten der Werke deiner Hände. Alles setztest du ihm zu Füssen, Schafe und Rinder allsamt und auch das Getier des Feldes, den Vogel des Himmels und die Fische des Meers, was die Pfade der Meere durchwandert. // DU, unser Herr, wie herrlich ist dein Name in allem Erdland!" Er las den Psalm dreimal und schrieb seine Version auf ein Blatt Papier:

Herr! Du stehst über den Regierenden der Völker, über den Richtern, die sich mit dem Recht vertun, weil sie dem Besitz mehr zusprechen als den Kindern, die mit Wasserbäuchen dastehn und vergebens hoffen.

Herr! Der Du dem Leben den Tag gibst und wieder nimmst, der Du zusammenbindest, verwebst und auseinanderlöst und das von einer menschlichen Ewigkeit zur andern tust, das ist's, was deinen Namen weit über den Verstand erhöht.

Darum singen Dir Völker die Ehre im Wettgesang zu, der aufstieg wie der Adler mit kraftvollen Schwingen, als Du noch mächtig aus den Mündern der Kinder sprachst, aus der Zartheit der Säuglinge deine Macht grandest, die wilde Bosheit der Menschen in Schranken verklemmst, die Rachsüchtigen und Folterer als Feinde auslöschst.

Ich staune trauernd deiner Grösse unter dem Himmel nach, die auch jetzt unfassbar ist, wo ich dich brauche in meiner Not. Ich möchte dich berühren und kann deine Sterne nicht zählen, ich fühle mich verstampft und bin zu klein vor dir geblieben, als dass du meiner Wenigkeit noch gedenken müsstest, mich in meiner Erbärmlichkeit dem Adamssohn zuzuordnen.

Stimmt es, dass Du den Menschen Dir ähnlich machtest, ihm den Glanz des Lichts und die Krone der Ehre gibst, ihm die Schöpfung deiner Werke zu verwalten anvertraust? Als Du den Menschen in deine Schöpfung setztest, warum hast Du ihm nicht gezeigt, wie und wohin er gehen soll?

Du siehst, dass er weder standfest ist noch richtig gehen kann, dass er die Entscheidung umflieht, das Richtige zu tun, Du siehst, wie er sich in der Taubheit schwertut, dass den Kindern das Wasser in den Bäuchen steht, die da vergebens hoffen.

Herr, Du siehst, wie Menschen deine Werke verachten und treten, und siehst auch, wie sie Unschuldige foltern und morden. Stimmt es, dass Du den Folterern und ihren Opfern die Krone der Ehre gleichermassen aufsetzt?

Herr, wo ist dein grosser Name geblieben, wo dein Heiligtum hingeraten, wenn Menschen das Verwerflichste mit deinem Namen tun?!

Dr. Ferdinand legte das Blatt zurück, stellte die Tasse in die Küche, zog sich aus, putzte die Zähne und legte sich ins Bett. Vor seinen Augen richtete sich das Totenmonument im Wüstenfeld auf, das höher und immer höher wurde und seine Spitze mit dem vertrockneten Blut in den Nachthimmel steckte, wo das Ende nicht mehr zu sehen war. Er bat um Gnade für die Menschen, die es nicht mehr schafften, weil ihnen die Last zu schwer geworden war, die ganz unten am Monument standen, sich legten und sich dem Monument unterschieben liessen, dass die Spitze immer tiefer in den Himmel stach. Dabei verrutschten die Sterne, die diesem Monument nichts entgegenzusetzen hatten: "Wo ist dein grosser Name geblieben, wo dein Heiligtum hingeraten?"

Die Last des Alleinseins

Die Nacht war ruhig, die Hähne krähten den Sonntag ein, nicht anders, als sie es an den Wochentagen taten. Die Sonne schickte feuerrote Strahlen in den frühen Morgen, als gäben sie die Antwort auf die letzte Frage nach dem Ort des grossen Namens und des Heiligtums, was beides nicht von dieser Welt sein konnte und am Nachthimmel im Gewirr der Sterne nicht mehr auszumachen war. Die ersten Strahlen zeigten, wie es die letzten Strahlen des vergangenen Tages auf der anderen Seite taten, hinter dem Horizont auf die Quelle ihres Lichts. Man konnte die Uhr und den Winkel im Erdlauf durch die Jahreszeiten mit der Sekundenverschiebung stellen, wenn auch nur diesseits des Horizonts. Was dann jenseits war, das blieb dem Auge ganz und nicht viel weniger dem Verstand verborgen, je höher er den Horizont setzte, wo dann die Vernunft kommen musste, um dem Nachgrübeln über die unsichtbaren Dinge ein Ende zu machen. Er hörte das sonntägliche Bimmeln des Glöckchens vom Türmchen der weiss gestrichenen Burenkirche, wenig später die noch verbliebene Burengemeinde mit ihrem Gesang der tonalen Entgleisungen. Dem Gesang fehlte die Fülle der Herzen. Die verbliebenen Stimmen waren unsicher und schüttern, fragend und zweifelnd. Da musste ein Machtwort gesprochen werden ganz ohne Zweifel, um die Restgemeinde auf die Füsse zu stellen. So war es denn auch still, wo der Dominee zum rechten Wort gefordert war, die Reparaturarbeit an den Seelen vorzunehmen, sich mit aller Kraft für den inneren Wiederaufbau einzusetzen und mit der Wortfestigkeit des Reformators die Füsse auf den Boden der Gemeinde zurückzubringen.

Dr. Ferdinand nahm den Telefonhörer ab, doch am andern Ende blieb es totenstill. Er stellte sich unter die Brause und wusch das Klebrige der Nacht mit der aufgesetzten Schicht des vergangenen Tages von der Haut. Er wollte frisch sein, um sich der Herausforderung des Sonntags zu stellen, der ihm, wie die meisten Sonntage, die Last des Alleinseins aufdrückte. Er zog sich frische Sachen an, stopfte das verschwitzte Alte in die halbautomatische Waschmaschine und stellte sie an. Er machte sich einen stärkeren Kaffee, um stärker wach zu sein. So tat er statt zwei drei Teelöffel Instantkaffee mit der Chicoreeverstärkung in die Tasse, goss kochendes Wasser darüber bis zum obersten Rand und verkleckerte einen Teil beim Einrühren des Zuckers von zwei gehäuften Teelöffeln. Er genoss den Morgenkaffee zusammen mit der Zigarette und versuchte über etwas nachzudenken, was mit dem Hospital nichts zu tun hatte. Da fiel ihm aber kaum was ein, nein, es fiel ihm überhaupt nichts ein. So nahm er sich das Blatt der vergangenen Nacht vom Verandatisch und versuchte beim Überfliegen des Geschriebenen sich an irgend etwas festzuhalten. Man kann einfach nicht aus dieser Welt entfliehen, das stiess ihm beim ersten Überfliegen auf. So überflog er das Blatt einige Male von oben nach unten, von unten nach oben, von der Mitte nach oben und unten und hielt das Blatt hoch gegen das Licht, ob er dahinter noch etwas finden konnte. Natürlich konnte er dahinter nichts finden, und so stellte er betroffen fest, dass er beim kreuz und queren Überfliegen und Dahinterschauen des Geschriebenen eben alles andere, aber kein Überflieger war. Er hätte eher ein Taucher sein können, der sich in den Wasserbäuchen der Kinder festgetaucht hatte, weshalb es für ihn schwer war, von dieser Art des Tauchens loszukommen und wie ein Bergsteiger Höhen zu erklettern, oder auf halber Höhe zumindest ein Gelände zu erreichen, wo es kein Wasser in den Bäuchen gab. Er konnte eben nicht wertfrei denken, ein Manko, das ihm den Denkweg zu den Gipfeln der Philosophie versperrte und ihm selbst den Zugang zu den höheren Etagen der Philosophieschulen verwehren würde.

So dachte er wasserbäuchig, bezugsorientiert nach, ob er dem Herrn, dem er in der vergangenen Nacht einen Brief geschrieben hatte, nachdem ihn Martin Buber durch seinen achten Psalm dazu ermuntert, ja aufgeregt hatte, einen Vorwurf machen sollte, dass er nicht mehr so mächtig aus den Mündern der Kinder spricht, wie er es einst getan hatte, weil es eben die Kinder mit den Wasserbäuchen gibt, die hilflos dastanden, mit grossen Augen nach oben blickten und vergebens hofften. Auch wenn sie es nicht sagen konnten, sie hofften auf ihn. Warum dann vergebens? Der andere Punkt war die ewige Folterei, als könnten die Menschen ohne die Folter nicht leben, als seien sie folterabhängig und foltersüchtig, wie Menschen von Nikotin, Alkohol und anderen Drogen abhängig, ja süchtig danach sind. Nur ist die Folterabhängigkeit und die Sucht des Folterns die grässlichste Art der Abhängigkeiten und Suchten, weil das Verspannen des Menschen in der Folter nicht nur fürchterlich weh tut, sondern dem Opfer da der Stolz gebrochen und dem Folterer da die Würde genommen wird, und beides auf Lebenszeit, weil die menschenwiderwärtige Schändung beide betrifft, den Geschändeten und die Vergewaltigte mit dem Zusammenbruch des Stolzes, den Schänder und Vergewaltiger durch den Verlust der Würde. Da fragte Dr. Ferdinand den Herrn, ob er die Krone der Ehre dem Schänder wie dem Geschändeten gleichermassen aufgesetzt habe und weiter aufsetzt. Er fragte ihn am Schluss seines Briefes, wo denn sein grosser Name geblieben, wo sein Heiligtum hingeraten sei, wenn Menschen das Verwerflichste mit seinem Namen tun.

Die Frage, ob es nötig ist, dass es Kinder mit Wasserbäuchen und dünnen, faltigen Hälsen gibt, die mit grossen Augen blicken und dennoch vergebens hoffen, und die Tatsache der anhaltenden Folterei, diese beiden Punkte wollte er in die Vorlage einbringen, aus der er dem Herrn den Vorwurf des Schweigens machen will. Deshalb den Schweigevorwurf, weil er den Herrn für mächtiger als die Menschen hält und sich nicht vorstellen wollte, dass der Herr diesem Wahnsinn zustimmt, wie es die Menschen tun, die da schweigen, und die so etwas Abscheuliches und Untierisches zur totalen Erniedrigung des Menschen erfunden haben, oder sich dieses schmerzlich traurige Schauspiel der Wesen mit der aufgesetzten Krone der Ehre ansehen, ohne ein Wort dazu zu sagen, anstatt mit seinem Schwert da einmal mächtig reinzuschlagen und mit den Untieren ein und für alle Mal aufzuräumen. Er sass mit der zweiten Tasse Kaffee und der zweiten Zigarette da und dachte über seinen Nachtbrief an den Herrn nach, ob er in dem Brief unhöflich oder gar ungezogen gewesen war. Das wollte er nicht, denn dafür war ihm der Herr zu gross und teuer. Es waren die nackten Tatsachen, denen er zur Verdeutlichung kein falsches Kostüm überhängen wollte, um da nichts zu vertuschen, weil erst die Tatsachen in ihrer Nacktheit die Wahrheit voll ans Licht bringen und das Unvorstellbare der Schändung zeigen, wo nackt nichts zu vertuschen ist. Er bat um Verständnis, dass sein Brief den Tatsachen entsprach und nicht übertrieben war, dass er ihn in seiner Muttersprache verfasste, weil er es anders nicht konnte, und dass das Geschriebene so wahr war, wie das Nacktsein nackt sein konnte. Er bat den Herrn, dem täglich sicherlich unzählige Notrufe und -briefe zugingen, den Brief zu lesen (und nicht den Notrufbeanworter laufen zu lassen). Der Absender stellte sich auf eine Wartezeit ein, da sich der Herr noch nie zu einer niedrigen Eile herabgelassen hatte und sich die nackten Tatsachen gründlich durch den Kopf gehen lassen sollte. Der Breifschreiber hoffte, dass sein Brief nicht unterwegs verlorenging, was hier auf dem Postwege kleiner Entfernungen häufig der Fall war. Der Brief an den Herrn hatte einen weiten Weg zurückzulegen. Er hätte den Brief aus Sicherheitsgründen per e-mail an: notruf@herr.halleluja.com.na schicken können, was auch schneller gegangen wäre, was er aber nicht tat, weil der Brief handgeschrieben sein sollte mit seiner persönlichen Unterschrift, dem er dann noch zwei Zeichnungen hinzugefügt hatte, eine von einem dreijährigen Jungen mit einem extrem ausladenden Wasserbauch auf ganz dünnen Stöckchenbeinen und die andere von einer Folterszene, wo drei Männer mit Peitschen auf eine junge Frau mit entblösstem Körper einschlugen, sie dann alle drei vergewaltigten und schliesslich erschlugen, weil sie nicht reden wollte, um ihren Mann bei der Feldarbeit nicht zu gefährden.

Den Brief mit den beiden Zeichnungen per Luftpost und eingeschrieben zu schicken, da machte das Postamt nicht mit, weil der Absender die Postfachnummer nicht auf dem Briefumschlag angegeben hatte und der Umschlag viel zu klein war, um die erforderlichen Briefmarken aufzukleben. Selbst mit einem grösseren Umschlag und Angabe der Postfachnummer hätte es die Post nicht getan, die sich für diese Art der Fernzustellung für nicht zuständig erklärte, weil sie Luftpostbriefe soweit hoch nicht beförderte, die über die Ionosphäre hinausgingen, auch wenn sie eingeschrieben waren. Da war die Technik eben noch weit zurück, dachte Dr. Ferdinand, der da eine Marktlücke sah, wo die Post bei der Grosszahl der Briefe an den Herrn allein durch den Verkauf der Briefmarken (mit den jeweiligen, ernst dreinblickenden Präsidentenköpfen) ein gutes Geschäft machen könnte.

Dr. Ferdinand machte einen kurzen Rundgang durchs Dorf, ging an den bewohnten Häusern mit den gepflegten Vorgärten und den leerstehenden Häusern mit den verkommenen Vorgärten vorbei, sah Männer in den Einfahrten ihre Autos polieren, andere unter geöffneten Motorhauben vornüber gebeugt stehen, die da mit Schlüsseln hantierten und mit Lappen wischten, sah Hunde vor den Autos und vor Hauseingängen liegen, hörte laute und leise Stimmen aus den Häusern kommen und roch den scharf gewürzten Dunst sonntäglicher Braten. So waren die Strassen, wie an jedem Sonntag, so gut wie menschenleer, auf die die Sonne brannte. Auch in den Militärcamps war es still, wo sich ausser den Wachhabenden an den Einfahrten nichts zu bewegen schien. So beendete Dr. Ferdinand seinen Rundgang, der keine Stunde dauerte, streifte die Sandalen in der Veranda ab und machte sich in der Küche eine Tasse Kaffee, zu der er zwei Scheiben Brot mit Orangenmarmelade ass. Dann prüfte er das Telefon aufs Lebenszeichen, das es noch nicht tat, und zündete sich eine Zigarette an, um die Ruhe zu geniessen, ohne an die verdammte Einsamkeit denken zu müssen. Da holte er sich die grossen Philosophen zu Rate und las bei Plotin (205-270 AD) weiter: "Der Geist ist etwas Anderes als das Denkvermögen im Menschen. Denn der Geist lässt die Denkakte zu einer Bewegung in der Seele auseinandertreten, die erkennt. Da der Geist die Ursache dieser Erkenntnis ist, kann man den Geist gleichsam sinnlich greifbar sehen, wie er über der Seele als ihr Vater thront. Es ist der Kosmos des Geistes, der sich "stillstehend", unerschütterlich bewegt. Der Geist trägt alles in sich, und jedes Teil in ihm ist alles, jedes Einzelne ist das Ganze. Der Geist ist nicht geschieden, wie die Gedanken voneinander geschieden sind. Die Teile des Geistes verfliessen nicht ineinander, wie die Gedanken ineinander verfliessen."

Da kam es ihm durch den Gedankentrichter, dass es der Geist war, der sich ständig bewegt (Perpetuum mobile) und sich nicht gönnt, als ruhende Einheit zu existieren, weil er dem jedesmal Anderssein offen ist. Wo der Geist das Denken berührt, beginnen die Gedanken zu fliessen (Heraklit: 'panta rhei'), während der Geist als Ursprung vielgestaltig, ‘ozeanisch’ bleibt. Von diesem Ursprung in seiner Omnipotenz leitet sich die Gedankenkette ab, deren Ende zum Abbild führt, das die Gedankengestalt annimmt und sich in der Form verfestigt, wenn der Geist (aus dem Ursprung der Vielgestaltigkeit) im Abbild gerinnt. Da lässt sich die ausgeformte Gestalt durch den Verstand und die Hände begreifen. Die Geburt des Abbilds wird mit der geistigen Gerinnung abgeschlossen. Nach Abschluss der physischen Gestaltung verharrt der zeugende Geist in seiner Unbegreiflichkeit, um mit seiner ungeheueren Kraft Ursprung neuer Abbilder und Gedankenketten zu sein. Doch bewahrt der Schöpfergeist die Verbindung zum Abbild und seinen Formen, schwebt quasi durch seine "stillstehende", unerschütterliche Bewegung (wie es einige Insekten beim Stehen in der Luft tun, die mal hier, mal dort und wieder anderswo stehn) über und um das Abbild herum, durchdringt es und gibt ihm die Atmung zum Leben. Die Aura der Geistigkeit umhüllt das Abbild, die beim Menschen zu seiner Persönlichkeit führt, die geistig ausstrahlt und den Augenblick hellsichtig macht. Das Schweben des Geistes über dem Abbild und seine geistige Durchdringung kann der Verstand nicht begreifen. Ihm bleibt es untersagt, den Geist in seiner Zeugungskraft zu sehen und zu messen. Was der Verstand kann, ist, sich an der Form, in der sich der Geist festgeronnen hat, also am Abbild selbst zu begreifen. In der Begriffsbildung, die durch das Abbild vorgegeben, festgelegt und verständlich ist, können sich die Gedanken auf die Schöpfung hin orientieren. Das ist ein grosses, ein unfassbares Wagnis, das sich dann lohnt, wenn der Ursprung des Seins nicht aus dem denkenden Auge verloren wird. So kommen immer neue Gedanken, die kräftig, schöpferisch sein können und das Wunder der Geburt und des Geborenen in seiner Kompaktheit ahnend durchschimmern lassen. Denn im Geborenen hat sich der Geist verdichtet, der den einsehbaren und messbaren Strukturen bis in die feinste Faser hinein die Fähigkeit und den Willen zum Leben eingehaucht hat.

Am geistgeronnenen Abbild in seiner verfestigten Form kann der Verstand sehen, messen und begreifen, dass es nach oben hin offenbleibt, weil der Geist im Ursprung noch vieles auf Lager hat, das er zur Geburt bringen kann, wenn ihn erst ein schöpferischer Gedanke berührt. So ist und durchwandert der Geist in unbegreiflicher Weise das Leben des Menschen und ganzer Völker. Der zeitlose Geist, weil er überzeitlich ist, überlässt es den Zeitgeistern, wie es der Vater seinen Kindern überlässt, in welcher Kleidung (Sprache, Musik, Kindergarten, Universität, Politik, Wissenschaft und Kunst) sie die Menschen und ihre Völker auf die Bühne der Welt treten lassen, um mit- und untereinander zu leben. Da zündete sich Dr. Ferdinand eine Zigarette an, weil er unruhig wurde, als er sich die Menschen hier in ihrer schäbigen Bekleidung und die nackten Kinder mit den ausufernden Wasserbäuchen auf den stelzigen Beinen vor die Augen stellte. Im Anblick dieser Erbärmlichkeit der runtergekommenen und entstellten, menschlichen Gestalten, die ja traurige Abbilder dieser Zeit sind, fragte er den schwebenden Zeitgeist, ob er da nicht ganz bei Troste war. Er konnte sich bei diesem Anblick nicht vorstellen, dass der Zeitgeist selbst soweit runtergekommen war, um diese Schäbigkeit am Menschen gewollt zu haben, mit anderen Worten, dass sich der Zeitgeist selbst in diesen Menschen zu solcher Schäbigkeit verronnen hatte. Er war erregt und schimpfte gegen die Zimmerdecke, rief dem Zeitsohn des Geistes, der um das Datum nicht herumkam, zu, dass er seine Augen öffnen solle, um zu sehen, was da aus ihm herauskam.

So war Dr. Ferdinand wieder drauf und dran, in die Wasserbäuche der Kinder ‘abzutauchen’. Der einfache Menschenverstand konnte es nicht begreifen, dass in den Kinderbäuchen das Wasser stieg, während es draussen kaum Wasser gab, da viele Brunnen ausgetrocknet waren. Was bildete sich der Zeitgeist ein, um sich in solche traurigen Abbilder zu vergehen? Wenn es so etwas wie eine Pathologie des Zeitgeistes gab, dann wäre das ein Forschungsgebiet von grosser Bedeutung, um da einmal bei den geistigen Ursprüngen nachzuhaken, die zu den gestaltlichen Verformungen und Vergehen führen, die in der geistgeronnenen Substanz krank sind und als Abbild zutiefst erschrecken. Das Dilemma ist da: die Menschen können nicht mehr richtig leben. Sie atmen verklemmt, schlucken die Luft in den Magen und ernähren sich falsch. Da ist nichts mehr sauber, auch nicht das Wasser, das sie trinken. Da kann es auch kein richtiges Zusammenleben geben, weil die Voraussetzungen nicht da sind, es an der einfachsten Ordnung und Sauberkeit fehlt. Es war die Frage nach der Hygiene, die er nach oben an den Zeitgeist richtete, der es zur Verschmutzung kommen liess, die sich in den Köpfen der Schänder und Folterer, der Fresssäcke und Schweiger festgesetzt hatte, wo der Schmutz mit den Minen, dem Unrat und den Toten über verwüsteten Dörfern und Feldern liegt. Es waren die Gefolterten und Vergewaltigten, die Arm- und Beinamputierten, die mit den zerschlagenen Gesichtern, den ausgestochenen und weggeschossenen Augen, die Kinder mit den Wasserbäuchen und die vielen anderen Kinder, die ohne Eltern leben müssen, die diese Verschmutzung beklagen. Sie weinen und schreien, weil sie es anders nicht ertragen. Die Pathologie des Zeitgeistes, ein Gebiet, das dem Zeitgeist entspricht (der nach dem 'Urgeist' vielgestaltig ist, also auch entarten kann), da sollte einmal gründlich nachgeforscht und gelehrt werden. Diese Pathologie gehört in die Universitäten, wenn sie die Kapazität für Lehre und Forschung noch haben und für die Zukunft der Menschheit etwas Vernünftiges beitragen wollen. Der Mensch muss sich etwas einfallen lassen, um die Hygiene ins Denken und Handeln zurückzubringen. Da können die Erkenntnisse auf dem Gebiet der Pathologie des Zeitgeistes hilfreich sein, wenn nur ernsthaft in den Zeitgeist eingedrungen und auf dem Gebiet der traurigen Abbilder und der flächendeckenden Verarmung und Verschmutzung geforscht würde. Am Geist setzt die Innovation an. Da sollte man sich nicht bei der akademischen Vorrede und Beschreibung der schmutzigen Dinge aufhalten, was jeder sieht, der die Augen offenhält. Man muss den Dingen auf den Grund gehen, um die traurigen Abbilder und die allgemeine Verschmutzung in ihren Zusammenhängen bis zum zeitgeistigen Ursprung zu verstehen. Der Zeitgeist ist krank, der in solchen abstossenden und widerwärtigen Formen festgeronnen ist. Da muss der Zeitgeist unter die Lupe genommen werden, um herauszufinden, warum er krank ist. Die blosse Beschreibung der Symptome hilft da nicht weiter. Es muss an den geistigen Ursprung herangegangen werden, wofür die Augen weit offen sein müssen, um das Denken frei von alten, verbrauchten Schemata zu halten. Das krankhaft Geronnene und das Feste der Krankheit müssen dorthin zurückverfolgt werden, wo alles begann, der Geist noch "flüssig" war und das Kranke gerade erst in die Form gegossen wurde. Der Mensch kann doch nicht so dumm sein, um sich beim grossen Dilemma, das sich immer weiter ausbreitet, zu schweigen, sich totzuschweigen. Fürs Schweigen steckt der Karren viel zu tief im Dreck, und Tote ohne Begräbnis (Sartre), die gab es übergenug.

So kann es nicht weitergehn, wenn dem Menschen am Leben und Zusammenleben noch etwas liegt. Es muss noch Menschen geben, die das begreifen, die noch sauber im Denken sind und mit diesem Denken am Überleben der Menschen arbeiten wollen. Die Menschheit soll es ihnen einmal danken, und besonders die armen Kinder. Da kann auch mal ein Vorschlag aus menschlicher Sicht kommen, der dem Zeitgeist weiterhelfen würde, der dann wieder schöne Abbilder mit gesunden Kindern und sauber denkenden Erwachsenen in die Welt bringt, wo der gestaltende Geist einen Menschen schafft, der wieder schön ist. Dr. Ferdinand hatte es sich versagt, die Kirchen und ihre zweitausendjährige Leistung für die Menschheit ins Kalkül zu ziehen, weil da ausser Lippenbekenntnissen, die sich nicht erfüllten, und einigen Mehlsäcken zu wenig kam, was den armen Menschen in ihrem Elend vor der angolanischen Grenze weiterhelfen würde.

Es war Montag. Die Vorhänge wurden für die Morgenbesprechung vor den Fenstern zurückgezogen. Dr. Ferdinand sah auf den alten Baum mit den langen Aststümpfen, die höher als der Raum waren und zum Raum hin ragten. Da kamen ihm die Arm- und Beinstümpfe in den Sinn, die er geschnitten hatte, weil es nicht anders ging, wo ihm jeder Stumpf ins Auge ‘stach’. Er dachte an das zehnjährige Mädchen, dem er wegen einer bösartigen Knochengeschwulst den rechten Arm abschnitt, um ihr das Leben zu retten oder zumindest zu verlängern. Er dachte an die vielen Kinder, die von einer Mine angerissen wurden, denen er Teile beider Arme, oder Arm und Bein, oder beide Beine vom Körper abtrennte, weil es auch da nicht anders zu machen war. Betroffene Stille lag über den Köpfen, nicht nur, weil es die Klimaanlage nicht tat, die endlich ihr schlagendes Rattern liess, sondern weil da am Freitag der vorangegangenen Woche Fürchterliches passierte, was mit dem Verstand nicht zu fassen war. Da sassen die Teilnehmer aufrecht auf den harten und den gepolsterten Stühlen, keiner lehnte sich bequem zurück, auch nicht der amtierende Superintendent, dem die Hochnäsigkeit vergangen war und der nun noch kürzer auf dem Drehsessel hinter dem Schreibtisch sass. Allen hatte es die Gesichter getroffen, keiner wagte ein vorlautes Wort. Er eröffnete die Besprechung und fand gemässigte Worte für die tiefe Trauer der Menschen und Kinder, die durch die Explosion, die die ganze Bank in die Luft sprengte, Menschen verloren hatten, die durch ihre Arbeit die Brotgeber der Familien waren. Er konnte vielleicht tiefer gefühlte Worte zur entsetzlichen Tragik finden, etwas menschlicher sprechen, aber viel konnte er nicht sagen, denn die Tatsache mit den vielen Toten und Verletzten war nicht umkehrbar.

Die Hintergründe des abscheulichen Attentats waren nicht erkennbar. Zwar hatte jeder seinen Verdacht, doch den behielt jeder für sich, weil es in der Phase der letzten Entscheidungsschlacht gefährlich sein konnte, den Verdacht auszusprechen. Es hatte sich herumgesprochen, dass Männer der schwarzen Haut eine Kiste in der Bank abgestellt hätten, was im Menschengedränge nicht beachtet wurde, doch daraus auf die Swapo zu schliessen, wie es einige Weisse im Sinn hatten, war einäugig, weil das zweite Auge sah, dass es schwarze Männer auch bei der Koevoet und beim südafrikanischen Militär gab. (Später, als das Anlegemanöver abgeschlossen war, und die schwarze Besatzung die Hebel der Macht fest in ihren Händen hielt, da wurde noch einmal in die Banksprengung und die Trümmer der Barclay's Bank hineingeleuchtet. Da ergab sich ein anderes Bild, wo die Spektralfarben beim Lichteinfall aufs Trümmerfeld, das über die Jahre so geblieben war, wie es der schwarze Freitag hinterlassen hatte, sehr nah an das neue, politische Spektrum heranreichten. Bei unvoreingenommener Lupenbetrachtung war auch da eine gewisse Einäugigkeit nicht abzusprechen. Das neue Licht war nicht flackerfrei, hatte zuwenig Weiss im Spektrum. Auch sah das eine, andere Auge ohne Lupe mehr, als zwei Augen zusammen durch die Vergrösserungsbrille sahen.) Jedenfalls hatte das Ereignis einen tiefen Krater ins letzte Wegstück zur Unabhängigkeit Namibias gerissen. Die Menschen trauten einander nicht über den Weg. Es gehörte zur südafrikanischen Strategie, Männer, der Koevoet (Brecheisen) in Swapo-PLAN-fighter Uniformen zu stecken, um die Bevölkerung auszuhorchen, an Informationen zu kommen, an die sie in den andern Uniformen nicht herankamen, weder im guten noch durch Folter. Die Strategie der vertauschten Kleider hatte die Menschen im höchsten Masse verunsichert, das Misstrauen geschürt, die Ratlosigkeit zur Verzweiflung gebracht und das Chaos komplett gemacht. Die Telefonleitungen waren unterbrochen, der amtierende Superintendent konnte nicht sagen, wann die Reparaturarbeiten am Hauptkabel abgeschlossen sein würden. Der operative Bereich des Hospitals war lahmgelegt. Die Besprechung beschränkte sich auf den schwarzen Freitag und seine Folgen, ein Themenkomplex, der schwer war und am Ende ungelöst blieb. Die Op-Liste, die an der verstochenen Korktafel im 'theatre' mit einer Reisszwecke angeheftet war, blieb für den nächsten Tag hängen. Dr. Ferdinand und der philippinische Kollege machten eine ausführliche Saalrunde. Sie gingen von Bett zu Bett, inspizierten die Wunden, entfernten Fäden, wenn es an der Zeit war, lösten Verbände und legten neue an, trugen ihre Befunde in die Krankenblätter ein.

Die Schwestern trauerten um Menschen, die bei der Explosion ums Leben gekommen waren, zeigten Mitleid mit den Hinterbliebenen, unter denen es viele Kinder gab. Sie bedauerten die Verletzten, die durch die Explosion verstümmelt wurden. Sie zeigten Stärke in der Arbeit, ohne ihre Gefühle den Patienten anmerken zu lassen, die es dennoch spürten. Den Verletzten ging es besser, das Leben drohte bei ihnen nicht mehr zu kippen. Sie taten sich schwer zu begreifen, dass ihnen das in der Bank passieren konnte. Da sagten die andern Patienten nichts und nahmen die Stümpfe klaglos hin, denn es hätte auch ihnen schlimmer kommen können. Im Kindersaal war es der zweijährige Junge, der seine linke Hand Dr. Ferdinand entgegenhielt, an der die zusammengewachsenen Finger vor einer Woche getrennt wurden. Der Engel der Schwestern löste in Engelsgeduld die Verbände von den Fingern. Der Junge sah glücklich in seine Hand, als er die Finger einzeln bewegte. Da dachte Dr. Ferdinand an das kleine Mädchen, das ihn anstrahlte, als es nach der Operation die Finger der rechten Hand bewegte. Im Bett, in dem vor drei Monaten das zehnjährige Mädchen lag, dem er wegen der bösartigen Knochengeschwulst den rechten Arm abtrennen musste, lag nun ein neunjähriges, dem er wegen eines Klumpfusses die Achillessehne verlängert hatte. Der Unterschenkel war noch im Gipsverband, der den Fuss in der notwendigen Stellung hielt. Das Mädchen war zufrieden und steckte sich mit den rechten Fingern den Mahangupapp in den Mund. Die Geschicklichkeit, mit der es den Papp zwischen die Finger nahm, verriet die tägliche Übung. Dr. Ferdinand hatte das zehnjährige Mädchen mit dem traurigen Blick vor Augen, das sich beim Pappessen bekleckerte, weil es das Greifen mit den linken Fingern noch lernen musste. Sarah lag auf der Intensivstation im ersten Raum mit verquollenem Gesicht. Sie konnte die Augen noch nicht öffnen. Der verbundene Oberkörper lag hoch, um der Gesichtsabschwellung nachzuhelfen. Der Oberschenkelstumpf lag unter einem 'Bahnhof', damit er vor jeglicher Fremdberührung verschont wurde. Sie lag an der Blutkonserve und klagte über Schmerzen, gegen die sie die Spritze in regelmässigen Abständen bekam. Die Körpertemperatur war erhöht aufgrund der verbrannten Haut. Die Antibiotika wurden ihr mit der Infusion gegeben. Sie sog den kalten Tee aus der Tasse durch einen Plastikhalm in den Mund, den sie zum Essen nicht öffnen konnte. Dr. Ferdinand wusste durch die Schwestern, wer Sarah war, aber wiedererkennen konnte er sie nicht.

Eine Teepause gab es, doch keinen Tee, da es kein kochendes Wasser gab. Sie setzten sich in den verdunkelten Teeraum, in den das Tageslicht durch die kleine Durchreiche und die offene Tür aus dem Unkleideraum kam. Die beiden Narkoseärztinnen sassen schon da und schwiegen in das Halbdunkel des Raumes. So tat es der philippinische Kollege auch. Alle sassen da wie bestellt und nicht abgeholt, und jeder ging seinen eigenen Gedanken nach. Da heulten die Sirenen über dem Dorfe auf. Sie heulten in drei Wellen. Dr. Lizette sagte das "ag nee!" (ach nein!) schon in einer routinierten Weise. Wenig später böllerten die Haubitzen, und die dumpfen Einschläge der Granaten irgendwo im Felde waren zu hören, die wenige Sekunden nach jedem Abschuss folgten. Im Teeraum entschärfte Dr. Christine die Situation treffsicher mit der Bemerkung, dass es an diesem Morgen weder Kaffee noch Tee gäbe. Dann ging doch eine Granate nicht soweit vom Hospital nieder, deren Einschlag die Wände erzittern liess. Dr. Lizette wiederholte ihr "ag nee!" lauter und mit ernstem Gesicht. Dr. Ferdinand dachte an den schwarzen Freitag und seine Folgen und sagte, dass alles seine Folgen hat. "Wenn jetzt Verletzte kommen, können wir nichts machen", sagte Dr. Lizette, und der philippinische Kollege schaute ihr sprachlos ins Gesicht, weil er da offenbar auch an seine Familie dachte. Da der Einschlag in der Nähe sich von den Haubitzeneinschlägen im Felde.durch die längere Detonationsdauer unterschied, war es für Dr. Ferdinand nicht klar, ob da nicht die Swapo im Gefecht stand und ihren Gürtel schnallte.

Der Weg in das Namibia von morgen wurde mit Granaten freigeschossen, den beide Seiten mit riesigen Löchern vertrichterten und unpassierbar machten, dass es schwer war sich vorzustellen, welchen Weg die neue Mannschaft antreten würde, wenn die alte erstmal verschwunden war. Es gab so gut wie keinen Zweifel mehr, dass da ein Weg gefunden wird, der von Norden aus über die angolanische Grenze führt. Die südafrikanische Armee zog ihre schweren Waffen aus dem Süden Angolas zurück. Dr. Jonas Savimbi füllte diese Lücke mit seinen Truppen (UNITA - União Nacional da Independencia Total de Angola), die amerikanisch und südafrikanisch ausgerüstet waren, denen von Norden die Truppen des Präsidenten Eduardos dos Santas (MPLA - Movimento Popular de Libertação de Angola) und die Kampfeinheiten der Swapo (South-West Africa People’s Organisation) entgegentraten, die mit sowjetischen Waffen und ostdeutschem Gerät ausgerüstet waren und von MIG's mit kubanischen Piloten aus der Luft unterstützt wurden.

Dr. Ferdinand und sein philippinischer Kollege hatten ihre Stühle im Untersuchungsraum 4 eingenommen und begannen mit der Durchsicht der Patienten, die aus den umliegenden Kliniken geschickt und aus den weiter entfernten Hospitälern mit Fahrzeugen gebracht wurden. Ein Mann setzte einen achtjährigen Jungen auf den Schemel, dem beim Sturz vom Baum der rechte Unterschenkel gebrochen war. Da ein Röntgen ohne Strom nicht möglich war, ging Dr. Ferdinand mit den beiden in den Gipsraum, gab dem Jungen auf der Liege die Spritze für die Kurznarkose ins Gesäss und richtete die Fraktur nach klinischem Ermessen und Augenmass ein. Der Mann, der nicht der Vater des Jungen war, zog den Grosszeh des Fusses nach oben. Er sagte nichts, als er beim Anlegen des Gispverbandes einige Spritzer abbekam. Nach dem Manöver der Fraktureinrichtung und dem Gipsen waren beide Beine gleich lang, und die Grosszehen schauten gleichermassen nach oben. Dr. Ferdinand trug die Schmerztabletten in den Gesundheitspass ein, den er dem Mann zwischen den rechten Daumen und Zeigefinger schob, der den aufgewachten Jungen in den Armen hielt. Er sollte zur Röntgenkontrolle nach einigen Tagen wiederkommen, wenn es den Strom dafür gab. Da sass nun eine alte Frau auf dem Schemel, die sich den linken Unterarm nach einem Sturz gebrochen und das Gesicht geschürft hatte. Sie bekam die ambulante Behandlung ohne Röntgenbild und bedankte sich, als sie mit dem Gipsverband, der von der Hand bis zum Oberarm reichte, den Gipsraum verliess und den verknitterten Pass, auf dem der Name abgegriffen war, mit dem Eintrag der Schmerztabletten in der rechten Hand hielt. Der junge Mann hatte sich bei einem Schlag gegen den Bolzen den linken Ellenbogen verrenkt. Eine Fraktur war nicht zu tasten. So brachte Dr. Ferdinand den Ellenbogen ins Gelenk zurück und stellte ihn mit einem Gipsverband ruhig. Auch ihm wurde aufgegeben, zur Röntgenkontrolle zu erscheinen, wenn es der Strom wieder tat. Es waren noch andere Patienten mit Knochenbrüchen, die ohne Röntgenbild behandelt werden mussten. Dazwischen wurden Wunden gesäubert und genäht. Die steril in Nierenschalen verpackten Instrumente waren zwischenzeitlich ausgegangen, dass sie gesäubert und in eine Desinfektionslösung gelegt wurden, um sie weiter zu gebrauchen. So machte es der philippinische Kollege auch, denn eine Dampfsterilisation gab es ohne Strom auch nicht. So wurde an allen Ecken improvisiert, um unter den kriegsbedingten Umständen den Menschen zu helfen, soweit es eben ging.

Es war Mittagspause, und der Kollege ging pünktlich nach Hause, um seine Familie zu sehen, an die er während des Granateneinschlags dachte, als die Wände im halbdunklen Teeraum zitterten und er sprachlos Dr. Lizette anschaute, als sie mit ernstem Gesicht ihr "ag nee!" lauter wiederholte, das sie beim Aufheulen der Sirenen über dem Dorfe das erste Mal leiser sagte, und nun bedenklich hinzufügte: "Wenn jetzt Verletzte kommen, können wir nichts machen." Dr. Ferdinand bemerkte es und versuchte ihn zu beruhigen, als er sagte, dass da wohl nichts passiert sei, weil die Detonation so nah auch nicht war. Sie gingen ein kurzes Stück zusammen. Dem Kollegen war die Sorge auf dem Gesicht abzulesen, als er den Weg nach Hause antrat. Dr. Ferdinand ging zum Speiseraum, um zu sehen, ob es da etwas zu essen gab. Der Wärter im weissen Dress in der Teeküche stand hinter der Durchreiche und gab jedem zwei gekochte Eier auf den Teller, wozu der Gasherd gut war. Jeder konnte sich die Scheiben des geschmacklosen Brotes selbst nehmen. Zu trinken gab es Tee, für den das Wasser in einem grossen Topf auf der anderen Gasflamme kochte. So schlecht war es also nicht, es gab zu essen und zu trinken.

Dr. Ferdinand dachte beim Kappen des ersten Eis an die Patienten, wie die wohl über die stromlose Runde mit dem Essen kämen. Da halfen die Angehörigen aus, wenn Frauen und Mütter den Papp von zu Hause brachten. Die Genügsamkeit und Hilfsbereitschaft der einfachen Menschen waren sprichwörtlich und afrikanisch angeboren. Die Menschen bekamen diese Situation ohne unnötige Wort schnell in den Griff. Sie zeigten die Grösse in der Not und liessen keinen Zweifel daran aufkommen, dass das Leben weitergehen musste. Er sass noch eine Weile allein am runden Tisch, goss sich die zweite Tasse Tee ein und steckte sich eine Zigarette an. Er blickte durch die offenstehende Glastür über den kleinen, sandigen Platz zum Flachbau mit den kleinen Wohnstellen und den ockerfarbenen Asbestwänden und versuchte sich die Genügsamkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen in Deutschland vorzustellen. Da musste er bis in die letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre zurückgehen, wo es das auch gegeben hatte. Doch mit dem sogenannten Wirtschaftswunder waren diese Tugenden verkümmert. Der Gnom, der da zurückgeblieben war und sich nur vereinzelt und oft naseweiserisch blicken liess, konnte hier dem afrikanischen Riesen die Hand nicht reichen. Das Besitzdenken dort oberhalb des Äquators hatte die Menschen innerlich arm gemacht. Das Nordsüdgefälle galt für den äusseren Besitz, nicht aber für den inneren Verlust, wenn man bezüglich der inneren Werte eher von einem Nordsüdanstieg oder Südnordgefälle sprechen müsste. Er drückte die Zigarette auf der Untertasse aus, als der Wärter "ha!" rief und mit dem Zeigefinger auf den Kühlschrank wies, dessen Maschine wieder brummte. Er kam in den Speiseraum, um dort das Licht an- und wieder auszuknipsen. Er rief erfreut: "Kyk, nou he ons weer lig!" (schau, jetzt haben wir wieder Licht) und knipste zur Bestätigung den Lichtschalter wieder an und aus. So kehrte nach drei Tagen der Strom ins Hospital zurück, was für die Arbeit von grösster Bedeutung war. Dr. Ferdinand verliess den Speiseraum und ging mit dem Gefühl der Erleichterung zum 'Outpatient department' zurück, um dort die Arbeit an den Patienten fortzusetzen, die da geduldig auf den Bänken vor dem Untersuchungsraum 4 sassen und darauf warteten, gesehen zu werden.

Der philippinische Kollege kam mit entspanntem Gesicht zurück, weil sein Haus noch stand und die hausgemachte Kost in der Vollzähligkeit der Familie besonders gut geschmeckt hat. Er lächelte, als er seinen Stuhl am Tisch einnahm und mit der Arbeit begann. Die Arbeit wurde mit Elan getan, da hatte der Stromanschluss und das heile Haus des Kollegen die Gemüter belebt. Knochenbrüche wurden gerichtet, Fremdkörper entfernt, Abszesse gespalten; es wurde gegipst, genäht und wieder gegipst. Es lief wie am Schnürchen. Da brachte der Kollege ein ausgekugeltes Schultergelenk ohne Schwierigkeit in Ordnung, weil er den zweiten Handgriff der Kocher'schen Methode mit der Auswärtsdrehung und dem Anheben des angelegten, im Ellenbogen rechtwinklig gebeugten Armes bis zur frontalen Ebene beherrschte. Es machte dem Elan nichts aus, dass es mehr Patienten waren, von denen der letzte erst mit Eintritt der Dämmerung den Gipsraum verliess. Die Nachtschwester hatte seit über einer Stunde die Tagschwester abgelöst. Sie schob die Formulare auf dem Tisch zusammen und stapelte die Tüten mit den Röntgenbildern vom Nachmittag auf einen Stoss. Die Doktoren kratzten sich den Gips von den Fingernägeln und Hosen, wuschen die Hände und schlugen sie zum Trocknen durch die warme Luft. Es war ein erfolgreicher Montagnachmittag, an dem der Strom das Hospital wieder zum Leben erweckte. Sie wünschten einander eine ruhige Nacht. Der Kollege ging entspannt nach Hause zurück, und Dr. Ferdinand schaute noch einmal kurz in die Säle.

Die Nachtschwestern waren erleichtert, dass sie aufs Kerzenlicht nicht angewiesen waren, wie in den drei Nächten davor. Das Licht von der Decke machte ihnen Mut, die Nacht leichter durchzustehen. Beim Überqueren des Vorplatzes schaute er nach den Menschen, die auf dem Betonboden vor der Rezeption sassen, aus Blechschüsseln löffelten und Näpfen tranken, alte Frauen an Stummelpfeifen pafften, alte Männer an ihren krummen Stöcken rauf und runter griffen, und Mütter ihre Kinder stillten und in Tücher wickelten. Der Pförtner an der Ausfahrt schob hinter ihm das Tor zu und gab ihm den Nachtgruss durchs Gitter. Dr. Ferdinand nahm den kürzeren Weg zwischen Stacheldraht und zerfleddertem Lattenzaun, ging an den fünf hochgestelzten Blockhäusern vorbei, die leer standen, wo an einigen die Holzstiegen mit den fünf Trittbrettern schon fehlten. Die Sonne hatte sich hinter dem Horizont verabschiedet und zog das letzte Feuerrot aus dem Himmel zurück, als er das zerknitterte 'Permit'-Papier dem Wachhabenden an der Kontrollschranke vorhielt, der es sich ansah, obwohl er nichts sehen konnte und seine Taschenlampe in der Tasche stecken liess. Die streunenden Hunde waren wieder da, die mit waagerecht gehaltenen Schwänzen auf ihn zukamen, im Geradeausblick an ihm vorbeiliefen oder mit eingeklemmten Schwänzen vor ihm wegliefen. Die Fünferkolonne der 'Elands' mit den langen Rohren nahm die Linkskurve Richtung Dorfausgang, als er das Tor zuschob und den Riegel ins Schloss fallen liess. Die Sandalen mit den verschwitzten Korksohlen blieben in der Veranda. Er rieb den Schweiss von den Fusssohlen in den Sand und den Sand auf der Stufe ab, zog sich das klebrige Hemd vom Körper und machte sich in der Küche einen Rotbuschtee, den die Afrikaner 'rooibos' nennen. Mit Tee und Zigarette setzte er sich auf die Eingangsstufe und schaute dem Abend ins Gesicht.

Der zunehmende Halbmond stand schief am Himmel, nahm seinen Weg und schwieg sich aus, wie es die Sterne über ihm taten. Warum Mond und Sterne schwiegen, blieb ihm ein Rätsel, wo es soviel zu erzählen gab. Da knatterte in der Ferne ein MG, als wäre das des Rätsels Lösung. Er sah in das helle Halb des Mondes und ein Gnomengesicht, das ihn verlachte, weil er so naiv war, den Nachthimmel zum Sprechen zu bringen, wo es doch soviel mehr zu sehen gab. Ihn zu fragen, was am Tage auf der Erde ablief, das war absurd. So etwas Kleines fragt man nicht den Grossen. Er liess das Fragen sein und fuhr mit den Augen die Sternbilder ab, ob da etwas zu sehen war, was er noch nicht gesehen hatte. Die Lehre war, dass er jedesmal etwas Neues sehen konnte, wenn er die Augen nur weit genug aufmachte.

Drei Wochen waren fast vergangen, als die Zweierdelegation aus ärztlichem Direktor und dem Superintendenten aus Deutschland zurückkehrte. Sie kamen eine Woche früher als geplant zurück, weil sie vom schwarzen Freitag mit den vielen Toten und Schwerverletzten und dem Zwischenfall mit dem Stromausfall erfahren hatten, als sie Dagmar, die deutsche Studentin, die hier ihr dreimonatiges, klinisches Praktikum abgeleistet hatte, in Lübeck besuchten. Da kürzten sie den Deutschlandbesuch ab, um an den Ort zurückzukehren, wo sie nach den Ereignissen wie diesen hingehörten. Sie erzählten von den Interviews, die sie mit den jungen Ärzten in verschiedenen, westdeutschen Städten geführt hatten. Sie waren durch die Gespräche auf Kollegen und Kolleginnen gestossen, die interessiert und geeignet erschienen und ihr Kommen nach Oshakati zugesagt hatten. Dr. Witthuhn, der ärztliche Direktor, hatte eine amüsante Geschichte zu erzählen: Am deutsch-deutschen Grenzübergang von Ostberlin nach Westberlin schaute der ostdeutsche Grenzkontrolleur mit ostdeutschem Grenzkontrollblick ins Auto, verlangte im sächsischen Dialekt nach den Durchreisedokumenten, sah das Gesicht von Dr. Nestor und sagte erstaunt, dass er so ein schwarzes Gesicht noch nicht gesehen hätte. Dr. Nestor, dem Dr. Witthuhn die deutsch-deutsche Grenzbemerkung aus dem Sächsischen ins Englische übersetzte, lachte und gab dem erstaunten Grenzer recht, als er sagte, dass er auch zum ersten Mal in Deutschland sei. Da lachte auch der Grenzer, sprach sein "nu nuu" und wünschte den beiden Afrikanern eine gute Fahrt. Sie hatten von etwa vierzig Bewerbern, die von den einhundertzweiunddreissig Briefschreibern in die engere Auswahl genommen wurden, fünfzehn ausgesucht, von denen dreizehn zusagten. So war ihr Deutschlandbesuch ein voller Erfolg, und Dr. Nestor schwärmte von der Schönheit und Sauberkeit der Städte, vom Fleiss und Leben der Menschen. Die Kleinanzeige im Deutschen Ärzteblatt hatte sich gelohnt.

Vom Kommen der deutschen Jungsärzte nach Oshakati unweit der namibisch-angolanischen Grenze

Es waren noch keine zwei Monate vergangen, da traf der erste Deutsche, ein Riesenkerl, ein, der Aachener war und dort studiert hatte. Die anderen zogen nach, so dass es wenige Monate später dreizehn junge Ärzte und Ärztinnen am Hospital mehr gab, unter denen auch ein Facharzt für Frauenheilkunde war, der gleich mit Frau und zwei kleinen Kindern kam. Das brachte eine spürbare Entlastung bei der Bewältigung der Arbeit, und Dr. Nestor übte seine ersten deutschen Worte ein. Ausser den Jungärzten und dem Facharzt kam auch Hans, ein motivierter Physiotherapeut von kräftiger Statur, der den zart gebauten, begabten und gebildeten Etienne, der die Barockmusik liebte und sensibel auf der Gitarre spielte, ablöste, der nach Paris zurückgekehrt war, wo sein Vater als Internist und Gastroenterologe praktizierte. Hans brachte seine Verlobte Maria und auch eine Gitarre mit und war voller Tatendrang. Die Ärzte wurden dorthin verteilt, wo sie am dringendsten gebraucht wurden, so in die innere Medizin, die Kinderheilkunde, die Gynäkologie und Geburtshilfe, sowie die Anästhesie. Nach kurzer Zeit bekam das Hospital ein frisches Gesicht in der Ärzteschaft, von dem noch vor Monaten keiner geträumt hatte. Die Matronen und Schwestern konnten es zunächst nicht fassen, dass es nun soviel mehr Ärzte gab, die es über die Jahre zuwenig gegeben hatte. So war es auch verständlich und schön, dass der Superintendent und der ärztliche Direktor wieder lachen konnten. Sie waren stolz auf den Erfolg, den ihr Deutschlandbesuch gebracht hatte.

Am Hospital begann eine neue Ära der Zusammenarbeit, die Dr. Ferdinand die deutsch-namibische nannte, eine verheissungsvolle Ära, wo Ärzte aus dem Land der Ärzteschwemme den zu wenigen Ärzten am Oshakati Hospital aus der Not halfen. Sie waren motiviert und theoretisch gut ausgerüstet. So sammelten sie in kurzer Zeit die notwendigen, klinischen Erfahrungen, die sie in die Lage versetzten, Untersuchungen an den Patienten vorzunehmen, bis zur Diagnose vorzudringen und kleinere Wunden in örtlicher Betäubung selbständig zu versorgen. Sie lernten, den Atemtubus in die Luftröhre vorzuschieben, und die Hantierung des Narkosegerätes. Die Grundbegriffe des EKG-Lesens brachten sie mit, so dass ihnen das Geben von Narkosen nach wenigen Wochen, zunächst unter Anleitung der Narkoseärzte, dann allein anvertraut wurde. Sie assistierten bei Kaiserschnitten und grossen Operationen und wiederholten nun am lebenden Körper die Anatomie des Menschen. Operativ schafften sie es bis zum Kaiserschnitt und der Entfernung des Wurmfortsatzes (Appendektomie), wobei ihnen die Erfahrenen assistierten. Sie führten unter Anleitung eine Grosszahl von Geburten durch und waren aktiv in die Repositionsmanöver von Knochenbrüchen einbezogen. Die jungen, deutschen Ärzte hatten begriffen, dass es in Afrika etwas zu holen gab, was die praktisch-klinischen Erfahrungen betraf, und sie waren eifrig, diese Erfahrungen zu sammeln, die sie später in der Ersten Welt gut gebrauchen konnten. Einer der Kollegen, Dr. Christian, beteiligte sich an der Forschung über die Hintergründe der hämatogenen Osteomyelitis bei Kindern und wurde so Mitautor der umfassenden, klinischen Arbeit: "Hematogenous Osteomyelitis in Infants and Children in the Northwestern Region of Namibia", die in dem angesehenen US-amerikanischen 'The Journal of Bone and Joint Surgery' 1994 publiziert wurde. So erklomm das Hospital unweit der angolanischen Grenze die Höhe bis zu diesem Spitzenjournal, in dem sein Name international gelesen wurde. Klinik und Forschung von solcher Intensität war das afrikanische Gold für Mediziner, die grosse Chance auf dem schwarzen Kontinent, die die jungen Ärzte in Deutschland erhofften und in Oshakati beim Schopfe packten. So hielt das Hospital sein Versprechen der klinischen Frühreifung, und die deutsch-namibische Zusammenarbeit zahlte sich für beide Seiten aus. Daran änderte auch der Krieg nichts mit seinen fürchterlichen Erfahrungen und dem inständigen Hoffen auf sein baldiges Ende.

Diese Ära half den kranken Menschen, die im Denken und Handeln ganz oben standen. Sie war hilfreich und produktiv. Sie öffnete den jungen Deutschen die Augen auf die natürlich afrikanische Weise, was Armut wirklich war, was diese jungen Ärzte ebenso wenig vergessen würden wie die reichen Pfründe aus ihren eingesammelten Erfahrungen. Sie waren charakterlich sauber, sahen den Schwarzen als Menschen wie sich selbst, waren pünktlich und gewissenhaft bei der Arbeit und freuten sich, die Arbeit am kranken Menschen zu tun. Sie hatten die Möglichkeit, aus dem Elend der Menschen die Lehren zu ziehen, die zum Zusammenleben nötig waren. So war das Hospital klinisch wie menschlich ein Augenöffner, den es so in Deutschland nicht gab. Denn ausgemagerte Kinder mit den grossen Augen und ausufernden Wasserbäuchen oder Kinder mit amputierten Armen und Beinen nach Minenexplosionen hatten diese Ärzte in ihrer Studienzeit noch nicht gesehen. Dafür mussten sie nach Afrika kommen, um sich ein Bild dieser Wirklichkeit zu machen. Es war fürs Leben, wenn einer begriffen hatte, um was es hier ging. Der Uringeruch auf dem Vorplatz musste eingeatmet werden, um zu wissen, unter welchen Umständen hier die Arbeit geleistet wurde, um den Menschen der Armut und des Elends zu helfen. Da gab es kein Verdrückenwollen, und die jungen deutschen Ärzte taten es erfreulicherweise nicht, dass Dr. Ferdinand so etwas wie Stolz empfand, dass aus dem Land, in dem er geboren war, solche Menschen kamen, um mit anzupacken, und es bei der Vorrede nicht beliessen. Da lernte er, dass der Wertebegriff des Menschen noch nicht verkommen war, wenn auch gewisse Vorstellungen vom Leben afrikanisch nicht zu verwirklichen waren.

Die Übergangsperiode

Es war weniger als ein Jahr später, als das Anlegemanöver mit der neuen, schwarzen Besatzung konkrete Formen annahm und mit den Blauhelmen, der multinational zusammengesetzten Beobachtertruppe den Anfang machte beziehungsweise eingeleitet wurde, wie es die UN-Resolution 435 vorsah. Da rief der Superintendent an einem Dienstagmorgen gegen elf Dr. Ferdinand aus dem Op, um in sein Büro zu kommen. Dort machte der Superintendent ihn mit zwei anders uniformierten Militärs bekannt, von denen einer ein Schweizer im Range eines Hauptmanns und der andere, etwas ältere, ein Malaysier im Range eines Majors war. Dr. Ferdinand machte grosse Augen, grösser als die andern ihre Augen gross machen konnten, weil er nun mit den eigenen Augen sah, dass das Anlegemanöver in Gang kam. Die beiden Offiziere, von denen der Jüngere Chirurg, der Ältere Orthopäde war, erklärten ihren Auftrag und ihre Bedürfnisse im Falle von Verletzten. Da gab es rasches Einvernehmen auf der Basis der Gegenseitigkeit, dass Dr. Ferdinand im Ernstfall für Operationen zur Verfügung stehe. Der Superintendent stellte der medizinischen Abteilung der Schweizer Blauhelme den neu errichteten, psychiatrischen Saal zur Verfügung. Die Malaysier richteten sich in einem Militärcamp ein, das vom südafrikanischen Militär noch zu räumen war, jenem, aus dem die Fünferkolonne der 'Elands' mit den langen Rohren zur abendlichen Patrouille ausrückten. Das Gespräch wurde in gelöster Atmosphäre, ja mit Erleichterung von der Hospitalseite geführt, weil da an die lang ersehnte Zerschlagung des gordischen Apartheidknotens mit all seinen Fesseln gedacht wurde. Für Dr. Ferdinand strahlten die beiden Militärs mit den zusammengeklappten Blaumützen unter der rechten Epaulette nicht nur Intelligenz, sondern auch Menschlichkeit aus, was für ihn die Zusammenarbeit willkommen hiess. Die Unterredung nahm einen guten, fast freundschaftlichen Ausgang, und Dr. Ferdinand nahm sich vor, mit diesen Menschen der Friedenstruppe in Kontakt zu bleiben, weil er sich mit ihnen Gespräche erhoffte, an denen es ihm seit Jahren fehlte. Er ging mit neuen Erkenntnissen in den Op zurück, um den zertrümmerten Oberschenkel bei einem jungen Mann zu verplatten, den ein 'Casspir' der Koevoettruppe auf dem Felde verfolgt, gerammt und umgestossen hatte.

Mit dem Auftreten der UNTAG (United Nations Transition Assistance Group) war der Geist des Wandels spürbar. Die Menschen begriffen, dass das Kommandoschiff der weissen Apartheid so gut wie gesunken war, und hofften, dass so ein Schiff nie wieder auftauchen würde. Die südafrikanische Armee begann mit ihrem Abzug. Gepanzerte Kampfwagen (die zweiachsigen 'Elands' mit den langen Rohren und dreiachsigen 'Ratels' mit den kurzen Rohren) fuhren mit angehängten Lafetten der schweren Artillerie und Haubitzen in langen Kolonnen die Teerstrasse nach Osten, befuhren letztmalig den zweihundertachtzig Kilometer langen Teil der über fünfhundert Kilometer langen, strategisch bedeutsamen West-Ost-Achse, die im spitzen Winkel die angolanische Grenze im Westen an den Ruacana-Wasserfällen schnitt, fuhren nördlich am Etosha-Naionalpark vorbei, bis sie die Minenstadt Tsumeb erreichten, wo sie auf Waggons für den Rücktransport nach Südafrika verladen wurden. Mit dem Abzug des Militärs verliessen auch andere Weisse, die in der Verwaltung tätig waren, mit ihren Familien das Dorf, um nach Windhoek, nach Swakopmund an der Küste oder in den Süden des Landes zu ziehen, wo das Leben für die Weissen immer schon bequemer war. Die leerstehenden Häuser zeigten das Vakuum an, das diese Periode mit dem Abgang des Alten und dem Anlegemanöver des Neuen begleitete. Mit der Entfernung der MGs von den Wassertürmen hatte auch die Kontrolle der Fahrzeuge und Passanten an den beiden Dorfeingängen aufgehört. Die Schilder mit der Aufschrift 'For Whites Only' waren über Nacht bedeutungslos geworden. Sie standen neben den verwaisten Kontrollhäuschen als Relikte von gestern. Die Sperrschranken waren abmontiert, und die einbetonierten Ständer steckten sinnlos im Boden. Die ausgemauerte Grube mit den quer befestigten, stählernen Rundstäben zur Unterwagenkontrolle war leer. Sie würde der Wind mit der Zeit mit Sand füllen. Die Sperrstunde von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang wurde ausser Kraft gesetzt. Die schwarzen Menschen erhielten eine Bewegungsfreiheit, die sie nicht kannten, was den freien Zugang zum Dorf der Weissen einschloss. Von dieser Freiheit machten die Schwarzen Gebrauch. Es gingen täglich mehr durch die Strassen des Dorfes besonders dann, wenn die verbliebenen Weissen bei der Arbeit waren. Da setzte schlagartig mit dem Beginn der Übergangsperiode auch das Stehlen ein. Verschlossene Türen wurden aufgebrochen, ganz gebliebene Fenster wurden eingeschlagen, die restlichen Tische, Stühle, Bettgestelle, die letzten Eisschränke, Waschmaschinen, Kleiderbügel, und was sonst noch zu nehmen war, wurde davongetragen und weggekarrt. Die Plünderei ging bis zum Herausbrechen von Wasserhähnen, Deckenlampen, Steckdosen und Gardinenstangen, die Demolierung bis zur Zerschlagung von Türen, Fenstern, Waschbecken und Toilettenschüsseln. Das Vakuum des Übergangs brachte über Nacht ein neues Phänomen, mit dem eigentlich keiner gerechnet hatte, weil alle auf eine bessere Zukunft in Freiheit hofften, und die wenigen Weissen, die noch verblieben waren, mit dieser Hoffnung für die Schwarzen an den schwarzen Menschen im Hospital und in den Schulen arbeiteten.

Da blieb auch Dr. Ferdinand nicht verschont, bei dem mehrere Male eingebrochen, die Brille, Armbanduhr, die besseren Kleidungsstücke und das Radio gestohlen, die Wohnstelle bei der Suche nach Geld auf den Kopf gestellt wurde, wenn er die Schwarzen im 'theatre 2' operierte. Das Bild von den schwarzen Menschen erlitt schweren Schaden, weil es sich nun früh zeigte, dass sie so gut nicht waren, wie er sie all die Jahre sah. Da wurde die Zuneigung getrübt, das Vertrauen, das er ihnen schenkte, bekam einen Knacks, von dem es sich nie mehr erholte. Er war naiv, als er annahm, dass die Schwarzen jene Weissen verstünden und achteten, als ihresgleichen betrachteten, die es in den schlechten Jahren mit ihnen ausgehalten und an ihnen unter den miserablen Umständen mit dem Schweiss auf der Stirn und den verschwitzten Hemden gearbeitet hatten. Dass das Stehlen ein Früh-, ja ein Erstphänomen des Übergangs war, das machte ihn traurig. Er musste sein Zukunftsbild nach unten revidieren, wo es so etwas wie einen Rosengarten über den Gräbern der Toten ohne Begräbnis (Sartre) nicht mehr gab. Da brauchte er das Bild der Kinder mit den grossen Augen und den Wasserbäuchen auf den stelzigen Stockbeinen und jene mit den abgeschnittenen Armen und Beinen, um sich an ihnen aufzurichten. An diesen Kindern, die für all das nichts konnten und von jeher dastanden und vergebens hofften, hielt er sich fest, weil er sie liebte, wenn er ins Hospital ging, um an den Menschen zu arbeiten. Sicher waren die Schwarzen auch Menschen, die ihre Fehler hatten. Dass sie aber die Fehler so früh und ungerecht in die Tat umsetzten, das brach ein grosses Stück ihrer Würde und Glaubwürdigkeit weg.

Dieses ausgebrochene Stück war nicht mehr aufzukleben, so wie man einen zerbrochenen Krug nicht mehr zu seiner ungebrochenen Ganzheit zusammenkleben kann. Es war etwas in Bruch gegangen, was nicht hätte zerbrechen dürfen: das Vertrauen. Von dieser Bruchlinie aus, die da gleich zu Beginn der Übergangsphase über den Weg zog, verdunkelte sich auch das Licht, das über den Weg in die Zukunft leuchten sollte, dem soviel Hoffnung, soviel Herzensvorschuss gegeben wurde. Der Weg behielt seine Stolpersteine, wenn es auch andere waren, die nun von den Schwarzen gelegt wurden. Das tat der Grösse der Freiheit Abbruch, weil sie nun von schwarzen Menschen gleich zu Anfang zur Stehlerei missbraucht, durch neues Unrecht geschändet und beschmutzt wurde. Die Höhe im Denken und in der Erwartung der Freiheit wurde durch die kriminellen Ausschweifungen erheblich erniedrigt und geschmälert. La liberté sans responsabilité est réduit au libertinage. (Das in französisch, weil sich im Wort 'libertinage', das für Ausschweifungen steht, sich das Wort 'liberté' für Freiheit verklemmt.)

Die Weissen beklagten die zunehmende Stehlerei, so auch in den Morgenbesprechungen. Der Superintendent machte ein betroffenes Gesicht, weil er es nicht glauben wollte, dass es nun seine Leute sind, die da entgleisen liessen, was nicht entgleisen durfte, wenn die Ärzte und Apotheker, Hans, der Physiotherapeut, und die Sozialarbeiter im Hospital ihrer Arbeit nachgingen. Er setzte sich mit der Polizei in Verbindung, die es bei Versprechungen beliess, für Ordnung zu sorgen, und der Unordnung mit den Diebstählen tatenlos zusah. Die nächtlichen Raubüberfälle und Einbrüche häuften sich, dass sich die Weissen in Ermangelung einer wirksamen Polizei zum Selbstschutz zusammentaten und nächtliche Patrouillen auf Privatfahrzeugen mit lichtstarken Lampen und Schusswaffen fuhren, um dieser frühen Kriminalität Einhalt zu gebieten. Es half für die Nacht, dafür wurde am Tage mehr eingebrochen. Die Arbeit am Hospital musste weitergehen, sie ging weiter, wenn auch mit dem Hintergedanken, dass da in den Häusern eingebrochen wurde, während sie im Schweisse des Angesichts die Patienten untersuchten und operierten. Da schluckte die schwarze Frühkriminalität einen beachtlichen Teil der Konzentration weg, die eigentlich den kranken Menschen gehörte. Es lag ein schwarzes, asoziales Verhalten vor, das durch die Gemeinheit der Diebstähle sich gegen die eigenen Menschen richtete. So offenbarte die erste Phase der Übergangsperiode die erste neue Unordnung, die nicht in Ordnung zu bringen war, es sei denn, die Sperrschranken würden wieder errichtet, Fahrzeug- und Personalkontrollen wieder eingeführt. Aber gerade das sollte mit dem Versinken der weissen Apartheid ein für alle Mal überwunden sein. Die andere Alternative war die stählerne Vergitterung der Fenster und Türen. Doch dazu fehlte das Geld wie das Material. So blieben die Reinigungs- und Bügelfrauen in den Häusern und die Männer in den Vor- und Hintergärten übrig, denen man vertrauen musste, weil man ihnen vor Eintritt der ersten Phase des Übergangs auch vertraut hatte. Das ging leider nicht immer gut, weil es da Fälle der ungezogenen Zusammenarbeit mit den Dieben gab, denen sie den günstigsten Zeitpunkt zum Stehlen gaben, die es dann so taten, ohne dass Türen aufgebrochen und Fenster eingeschlagen wurden. Nach dieser tür- und fensterschonenden Ausräumung von Radios plus Tonbändern, Fotoapparaten, Uhren, Brillen, Sonnenbrillen, Schmuck mitsamt Kassetten, den weniger getragenen Schuhen, besseren Kleidungsstücken bis zur Bettwäsche und den Handtüchern und manchmal unter Mitnahme erheblicher Bargeldbeträge, oder von Ersatzrädern, Fahrrädern und gefüllten Benzinkanistern aus den Garagen kamen dann auch meist die Haushilfe oder der Gärtner oder beide am nächsten Morgen nicht zurück. Sie blieben verschwunden, oft mit dem Essbarem aus den Kühlschränken und Kühltruhen, die sie da gleich mit ausgeräumt hatten. In einigen Fällen wurden leere Bier- und Whiskyflaschen zurückgelassen. Die Diebe waren nicht zu fassen, weil keiner wusste und wissen wollte, wo sie wohnten oder waren. Die Kriminellen zogen sich auf die natürlichste Weise in neue Startlöcher zurück, ohne dass man sie zur Rechenschaft ziehen konnte. Nach grösseren Ausräumungen liessen sie sich dann im Dorfe für eine längere Zeit nicht blicken. Das war die Situation, kurz nachdem die UNTAG kam, um den friedlichen Übergang von der weissen Apartheid in ein freies, rechtschaffenes und demokratisches Namibia zu überwachen, gemäss der UN-Resolution 435. Gleich am Anfang war es nicht so gut, weil da Dinge durcheinanderkamen, die eigentlich in Ordnung sein sollten.

In dieser Phase des Übergangs, in der es eine Verwalzung, ein Plattdrücken des Alten gab, und eine Umwälzung, wie es der Pflug im Ackerboden tut, anzumerken war, bekam das Dorf unweit der angolanischen Grenze, das all die Jahre wie am Ende der Welt lag, eine neue Bedeutung. So wurde Oshakati mit dem 'International Guesthouse' eine wichtige Durchgangsstation, eine Art Umsteigebahnhof, wo Menschen der weissen Hautfarbe, die ausgeschlafen und Frühaufsteher waren, mit dem Auto aus dem südlichen Windhoek kamen, Dr. Ferdinand in seiner engen Wohnstelle einen Besuch abstatteten, ihn zum Abendessen im besagten Gästehaus des Internationalen einluden, oder nicht, und dabei Erkundigungen über die augenblickliche Lage einzogen. Mit den neuesten Kenntnissen vor Ort flogen sie am nächsten Morgen von Ondangwa nach Lubango im Süden Angolas weiter, um die ersten Kontakte mit den Menschen zu knüpfen, die "morgen" die Macht zu übernehmen gedachten. Da kam das Nordphänomen auf, das das Südphänomen mit dem Blick nach Pretoria oder dem pretorianischen Blick ablöste, wo das Dorf im Norden Eigenschaften eines Magneten bekam, das magisch Menschen aus dem Süden, hauptsächlich Windhoek, bis an die angolanische Grenze anzog. Sie alle waren vom Bedürfnis beseelt, den Übergang nicht nur gut zu überstehen, sondern auch "morgen" mit einer guten Position bei guter Bezahlung dabei zu sein, wenn die neue Mannschaft nach den Hebeln der Macht griff. Da galt, wenn es um die Macht und die nächstliegenden Posten ging, die in Sichtweite zur Macht waren, oder von denen aus durch das Fenster, das da jedesmal weit geöffnet wurde, die entsprechenden Hebel zu sehen waren, wenn man sie nicht selbst anfassen durfte, da galt noch immer das Prinzip: 'first come first served' (wer zuerst kommt, wird zuerst bedient). Da stellten sich jene mit den höheren Ambitionen frühzeitig in die Schlange, die vom Typ her ‘elastisch’ waren und die unterschiedlichsten Systeme für den eigenen Vorteil spielend in Kauf nahmen, als wäre es nicht mehr als ein Hemd- und Hosenwechsel. Da waren es wieder die Frühaufsteher, die als erste kamen, um mit veränderter Gesichtsmaske und veränderten Papieren sich ans Neue anzulehnen und ohne Hosenträger und mit offenem Hemd sich anzuschmiegen. Sie hatten ihren Schreibtisch mit der polierten Platte und den anderen Annehmlichkeiten in den höheren Etagen fest vor Augen. Da sollte es beim Status bleiben, egal, mit welcher Farbe sich das System politisch umhing.

Die Statusleute wollten auch diesmal wieder als erste bedient sein. Dafür waren sie früh aufgestanden und nahmen die Reisestrapaze in Kauf, um bis vor die angolanische Grenze zu fahren, wo das Dorf über all die Jahre von der Welt verlassen war. Nicht dass es aus dem Dornröschenschlaf geweckt wurde, dafür war der Krieg zu wild, das Elend zu gross, die Toten ohne Begräbnis (Sartre) zu viel, aber es bekam über Nacht mit dem Eintreffen der UNTAG eine Bedeutung, die die Menschen mit den unterschiedlichen Absichten überraschte. Das Dorf wurde politisch verkehrmässig zu einem Knotenpunkt, wo geknüpft und umgestiegen wurde. Von da gingen nun die Blicke nach Norden weit über die Grenze hinaus, wo die weiter südlich positionierten und einst pretorianisch ausgerichteten Frühaufsteher bereits in Halbachtstellung auf den neuen politischen Sonnenaufgang warteten, ihn eigentlich gar nicht früh genug erwarten konnten. Da gab es jene, denen man es nicht zugetraut hatte, die da bereits in aller Herrgottsfrühe dastanden und warteten, nach Norden schielten, vom Süden nicht mehr sprachen, sich auf die Ankunft der neuen Mannschaft eingestellt hatten und schon das neue Fähnchen zum Winken in der Hand hielten, auch wenn es aus taktischen Gründen noch zusammengerollt war. Was während der Apartheid Pretoria im Süden war, das wurde nun das Dorf Oshakati im Norden, als würde hier die schwarze Mannschaft anlegen, sich als Gladiatoren der Freiheit auf dem Platz vor dem 'International Guesthouse' aufstellen und mit Pauken und Trompeten feiern lassen.

Da wurden die Stühle mit den Schreibtischen umgestellt, um einhundertachtzig Grad gedreht und vor die Nordfenster gerückt, die weit geöffnet wurden, um den Apartheidsmief rauszukriegen und über die Schreibtischplatten den frischen Nordwind wehen und ziehen zu lassen. Es wurde sich nördlich umorientiert, so gut und so schnell es sich machen liess. Damit war für jene Aufsteher der Süden über Nacht abgehakt, bevor die andern kamen, die es ihnen nachmachten, aber den pretorianischen Südblick später aus ihrem Gesicht wischten und sich deshalb, nördlich gesehen, in der Schlange weiter hinten anzustellen hatten. Da stellten sich nun die Weissen in der Reihe an, die von den oberen Etagen vorn, die von den unteren Etagen hinten, wo die Auslese nun schwarz vorgenommen, sie schwarz getroffen wurde. Das Umsteigen im Dorf vom Auto von Windhoek ins Flugzeug nach Lubango zur frühen Kontaktaufnahme mit den zur Macht Greifenden in spe hatte sich für einige gelohnt, ihnen wurde das frühe Aufstehen mit den Reisestrapazen gut vergolten. So schaffte es einer, der mit seiner Frau Dr. Ferdinand in seiner kleinen Wohnstelle besuchte und ihn in ein stundenlanges Gespräch zur Förderung von Informationen über die Lage vor Ort verwickelte, nach vollzogenem Machtwechsel auf den Stuhl eines Ministerstellvertreters.

Die Schwarz-Intellektuellen nahmen das mit der künftigen Postenverteilung aufgrund des Melanozytenreichtums in der Haut gelassener. Sie rechneten sich gleich zu Anfang die besseren Chancen aus. Wenn auch die Bildung sich in den Grenzen des Durchschnittlichen hielt, so kam doch die nötige Einbildung mit der Portion überproportionaler Selbstsicherheit dazu, was beides oft nicht balanciert war, um sich schon auf einem Stuhl in der oberen Etage mit geräuschloser Klimaanlage und Sekretärin, dem hoch dotiertem Gehalt und den Extra-Zulagen, den vielen Annehmlichkeiten und Vergünstigungen sitzen zu sehen. Bei einem sah Dr. Ferdinand die Brust schon schwellen, obwohl es soweit mit dem Stuhl noch gar nicht war. Der kümmerte sich weniger um die Patienten als mehr um sich, fuhr schon auf Kosten der weissen Administration zu "Kongressen" in der Weltgeschichte rum und sorgte dafür, dass sein Name auf die Liste der schwarzen Kandidaten kam, wenn es um die Verteilung der Posten auf Regierungshöhe und darunter ging. Der andere, der die Patienten mehr im Auge behielt, liess sich im Status dadurch aufstocken, dass er sich von der noch weiss geführten 'Academy' den Titel eines Professors umhängen liess, obwohl er weder in Lehre noch Forschung tätig war und auch kein 'Paper' in irgendeiner wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht hatte. Da meinte es die 'Academy' gut mit dem ersten schwarzen Professor, deren weiss geführte Gesundheitsfakultät sich etwas dabei gedacht haben musste, wie am besten der Übergang von weiss nach schwarz zu überbrücken ist, wo das Weisse bei der akademischen Postenverteilung unter einem schwarzen Regime nicht vergessen werden sollte. Akademische Verdienste waren dafür nicht erforderlich, als zwischen den Hautfarben mit dem Blick nach vorne jongliert wurde. Da ging es um mehr. Es ging ums Überleben der Weissen in eine schwarze Zukunft hinein. Das wurde vor Toresschluss begriffen und mit pseudoakademischen Weichmitteln hantiert. Man wollte gut sein gegen alle und vergessen machen, dass man so gut gar nicht war.

Das Curriculum musste aufgebessert werden. So wurden Schadstellen geschwärzt, die weisse Geschichte, mit der die Persönlichkeit in der Apartheid gut gefahren war und es dabei zu etwas gebracht hatte, wurde ins Belanglose runtergeschraubt. Ein weicher Übergang ins neue Kapitel der schwarzen Gegenwartskunde und ihrer Geschichtsschreibung musste nahtlos gefunden werden, ohne dass es vorher zu einem Absturz kam. Die akademischen Meriten hielten sich im Allgemeinen ohnehin in bescheidenen Grenzen, wo ein Professor bei der Ausbildung in der Krankenpflege sich auf dem Niveau eines Studienrates bewegte, es eine eigene Forschung mit eigenen Publikationen nicht gab. Das alles war auch nicht so wichtig wie die eigene Haut, die es in die schwarze Welt hinüberzuretten galt. Man konnte und wollte sich weder allgemein noch akademisch vorstellen, dass mit dem Untergang des weissen Regimes die Weissen das Weniger- und die Schwarzen das Mehrsagen hätten. Da wollte man sich noch rechtzeitig in die Erinnerung rufen. Opportunismus hin, Opportunismus her, es war schwer auf den Vorrechtsstatus und das gute Leben im pretorianischen System zu verzichten.

Zu den Leuten der UNTAG entwickelte sich ein gutes Verhältnis, das von gegenseitigem Respekt und Vertrauen getragen wurde. Die Schweizer hatten ihre medizinische Abteilung im Neubau, der für die Psychiatrie vorgesehen war, mit europäischem Standard eingerichtet. Dort war eine kleine Klinik mit fünf Betten, über denen Moskitonetze hingen, mit allem Drum und Dran, die in ihrer Sauberkeit und Ordnung, die schweizerisch waren, vom übrigen Hospital in seinem runtergekommenen Zustand nicht krasser abstechen konnte. Dort gab es drei Ärzte, den Allgemeinarzt, den Chirurgen und den Anästhesisten. Dazu kam der Zahnarzt mit eigenem, voll eingerichtetem Behandlungsraum. Die Schwestern hatten ihre Diplome und Erfahrungen. Da war ein Bildungsstandard, von dem man in Afrika noch träumte. Geleitet wurde die Abteilung von einem Major, der intelligent und freundlich war und die Übersicht hatte. Es gab Fälle, für die sie Dr. Ferdinand riefen, der einige ihrer Patienten operierte, wobei ihm der Schweizer Chirurg assistierte und der Anästhesist die Narkose gab. Da waren Oberarmbrüche, die verplattet, Brüche an Unterarmen, Handgelenken und Unterschenkeln, die gerichtet und eingegipst wurden. Es wurden einige Appendektomien und ein Leistenbruch operiert, die die Schweizer überwiesen. Die Schweizer Gipsbinden waren von hervorragender Qualität und den afrikanischen weit überlegen. Sie brachten mit dünnen Lagen die nötige Festigkeit, für die mit den Gipsbinden des Hospitals dick aufgetragen werden musste. Es entstand eine Freundschaft zu den Kollegen der UNTAG. Man sprach viel und diskutierte miteinander. Man sah der Armut der Menschen gleichermassen ins Gesicht und versuchte, an das Gute im Menschen zu glauben, dem die Einbrüche und Stehlereien im Dorfe grossen Schaden zufügten. Da meinte der malaysische Kollege, dass es Diebstähle auch in seinem Land gäbe, sie hier als ein Übergang in Kauf genommen werden müssten, was die Schweizer Kollegen anders sahen, weil die sich an Diebstähle in der Schweiz nicht erinnerten. Sie meinten, dass das Ausmass der Plünderung und Demolierung, wie sie das Dorf befiel, mit Armut wenig und mit der Freiheit, die am Ende des Übergangs stehen soll, nichts zu tun hat. Das sagten sie, ohne deshalb ihre Schweizer Sonnenbrillen aufzusetzen, weil sie sich sicher waren, dass da noch ein Manko im Verständnis der Zivilisation zurückgeblieben war. Denn das hatten sie in anderen afrikanischen Ländern gesehen, die längst unabhängig waren, dass da die Menschen wie Raben stahlen und mit guten Zureden und milden Strafen nicht vom Stehlen abzubringen waren.

"Dann haben wir ja schlechte Aussichten", meinte Dr. Ferdinand. Die Schweizer verwiesen auf das korrupte Verhalten afrikanischer Präsidenten, die zu den reichsten Männern der Welt zählten, während ihre Völker zu den ärmsten gehörten, die sich nicht ernähren können. Sie erwähnten die Vetternwirtschaft in den Regierungen und die Skrupellosigkeit bei ihrer Selbstbereicherung. "Erst wenn die Politiker und Präsidenten von der Korruption ablassen und das Vorbild der Rechtschaffenheit und Sauberkeit geben, kann die Armut verringert und die Kriminalität ernsthaft und mit Aussicht auf Erfolg bekämpft werden." Sie setzten die Sonnenbrille auf, als sie sagten, dass da Namibia keine Ausnahme machen werde, wenn erstmal die Schwarzen an der Macht sind. So sprachen die Menschen der UN-Friedenstruppe, die den Kontinent besser kannten als Dr. Ferdinand, der sich bei der pessimistischen Bemerkung eine Pontonbrücke über den breiten Sambesi vor Augen hielt, an der die Flachkähne bereits unter Wasser standen, bevor die Menschen das Ufer der Freiheit erreichten. "Die Menschen müssen ehrlich werden, dann begreifen sie auch, dass man mit der Hände Arbeit viel erreichen kann, wenn die Hände die Armut mit den Wurzeln ausrotten, Mais- und Getreidefelder bauen, sich bei der Arbeit gegenseitig achten und unterstützen, als auf den Tag zu warten, der niemals kommt.".Das sagte der Schweizer Anästhesist, und bei Dr. Ferdinand klingelte das Brecht'sche Wort vom 'Sanktnimmerleinstag' im ‘guten Menschen von Sezuan’ im Ohr.

Rückkehr der Namibier aus dem Exil

Ein erstaunliches Begleitphänomen war die Rückkehr der Namibier aus dem Exil, die vom Juli des Jahres 1989 an zu einem regelrechten Rückstrom anschwoll. Da errichteten die australischen Blaumützen Aufnahmelager für die rückkehrenden Flüchtlinge in Ongwediva, etwa fünf Kilometer östlich von Oshakati, in Oshikuku, vor der katholischen Mission, auf dem Missionsgelände in Döbra bei Windhoek und anderswo. Dort entstanden Dörfer aus Zelten und gemauerten Waschräumen, Toiletten und einer Gemeinschaftsküche. Die Dörfer waren hoch eingezäunt und wurden durch australische Blauhelme vor Übergriffen von aussen gesichert. Es gab ein Scharmützel vor dem Lager in Oshikuku, als die Koevoet mit ihren 'Casspirs' versuchte, ins Lager einzudringen und die Exilanten zu durchsuchen. Die Australier wehrten das Eindringen mit Waffengewalt ab. Mit den Exilanten kamen auch die Ärzte zurück, die über die Swapo in den Ostblockländern, den skandinavischen Ländern und auf Kuba Medizin studiert und die ersten Schritte im klinischen Handwerk gelernt hatten. Die älteren von ihnen betreuten die PLAN-Kämpfer in Sambia und Angola, und einige standen ihnen mit der Waffe zur Seite. Sie kamen bis ins Büro des Superintendenten, der sie natürlich als Brüder und Schwestern im Kampf um die namibische Unabhängigkeit umarmte. Oft rief er Dr. Ferdinand hinzu, um ihm die ärztlichen Freiheitskämpfer mit brüderlichem Stolz vorzustellen. Da wurde nicht mehr afrikaans gesprochen, und weil das Englische stolperig war oder ganz haperte, kamen sie mit russisch, deutsch im sächsischen Dialekt, bulgarisch, rumänisch, polnisch, finnisch, schwedisch oder spanisch. Sie kamen mit Allerweltssprachen, die das einst am Ende der Welt gelegene Hospital in ein Sprachendurcheinander brachten, an dem einst Afrikaans die offizielle Sprache und nun eine kosmopolitische Sprachennote zuzusprechen war. Da bedrückte es Dr. Ferdinand, dass er da mit seinem Schulrussisch aus den Jahren 1945 bis 1951 nicht mithalten konnte. Das galt auch den lückenhaften Spanischkenntnissen, aber nicht für die anderen Sprachen, weil er die weder in der Schule unterrichtet bekam noch sich für diese Sprachen an der Volkshochschule eingeschrieben hatte.

Es fiel ihm bei der Vorstellung durch den Superintendenten und den anschliessenden Gesprächen auf, dass diese Intellektuellen lieber zuhörten als sprechen wollten. Freundlich waren sie und lächelten auch. Ob sie alles verstanden, was in englisch über die Medizin im Allgemeinen und die Medizin am Hospital im Besonderen gesprochen wurde, das war ihm nicht immer klar. Es lohnte sich weniger, ans medizinisch Eingemachte zu gehen, wie es die Engländer und Amerkaner tun, und nun auch die Schweizer taten, weil da in oft erschütternder Weise nicht viel kam, was hätte kommen müssen. Einige gaben dafür die fehlenden englischen Sprachkenntnisse an, andere sagten gar nichts und liessen die Frage mit dem Gesicht der grössten Selbstverständlichkeit offen im Raume stehn und an der Wand runterrutschen. Da gab es Unebenheiten, die nachdenklich machten in der Vorstellung, dass solche Ärzte, die es sicher schwer hatten, mit mangelhaften Sachkenntnissen ans Krankenbett der Patienten treten, die es nicht leichter haben. Von der Zahl her wurde die Ärzteschaft am Hospital erheblich aufgestockt, von der Qualität her blieb allerdings manches zu wünschen übrig. Da mussten Wissenslöcher ebenso gestopft wie technische Ungeschicklichkeiten geglättet werden. Der Wille aber, und das war das Entscheidende, am Patienten zu arbeiten, der war gegeben, dass man da nicht negativ sehen sollte, wenn es am Anfang Dinge gab, die nicht gewusst, und es technische Probleme gab, die nicht gemeistert wurden. So hatte die Übergangsperiode viele Facetten, die beachtet werden mussten, weil sie einerseits den Weg in ein freies Namibia säumten und andererseits einen vor den Kopf schlugen, wenn man gewisse Begleitumstände nicht begreifen konnte wie das Übel mit der ständigen Stehlerei. Doch gab sich Dr. Ferdinand selbst zu, dass er das Bild mit der Pontonbrücke über den Sambesi mit den unter Wasser stehenden Flachkähnen nicht aus den Augen bekam.

Es war an einem Donnerstag gegen ein Uhr mittags. Dr. Ferdinand fühlte sich durch einen fieberhaften Infekt geschwächt unf wollte statt Mittagessen im Speiseraum eine kurze Mittagsruhe in seiner Wohnstelle einlegen. Da klingelte das Telefon schon, als er sich die Sandalen in der Veranda abstreifte. Ein Verletzter war gebracht worden, dem eine Handgranate das rechte Bein abgerissen hatte und massiv aus dem Stumpf blutete. Er liess alles stehn und liegen, schlüpfte in die Sandalen zurück, ohne sie zuzuschnallen, und eilte mit dem Auto zum Hospital. Der Verletzte lag auf dem Tisch im kleinen Op-Raum des 'Outpatient departments' und schrie vor Schmerzen. Auf dem Boden hatte sich eine grosse Blutlache angesammelt. Dr. Nestor, der Superintendent, war blutverschmiert, der auf den Beinstumpf mit grossen Kompressen drückte, die blutdurchtränkt tropften. Der kleine Op war von Ärzten und Sehwestern gefüllt, in dem sich die Bullenhitze staute, dass man sich kaum bewegen und nur schwer atmen konnte. Die Begleitumstände waren die miesesten, die es gab, als Dr. Ferdinand die klitschnassen Kompressen übernahm, auf den Boden warf und neue aufdrückte, und Dr. Nestor dem Verletzten die Maske für die Narkose aufs Gesicht drückte. Es gab zu wenig Klemmen für die blutenden Gefässe. Zwei Schwestern rannten und brachten zwei verpackte Nierenschalen mit den wenigen Instrumenten. Sie öffneten sie in grösster Eile. So klemmte Dr. Ferdinand die grossen, dann die kleinen Gefässe am Beinstumpf ab, unterband sie, die grossen Gefässe doppelt, kürzte die heraushängenden Nervenschnüre weit zurück, schnitt das Verschmorte aus den herumhängenden Muskel- und Hautfetzen heraus, begradigte die Ränder nicht ohne Stufen, brach die spitzen Zacken vom Knochenstumpf weg, feilte ihn glatt und nähte über ihm die bizarren Lefzen des Weichteils zusammen.

Der Beinstumpf war kurz und das Anwickeln des Verbandes schwierig, der mit dicken Pflastersteifen am Körper befestigt wurde. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld, als die Operation beendet war. Dr. Ferdinand war von oben bis unten mit Blut verschmiert. Er sah wie ein Schlächter, nicht aber wie ein Chirurg aus, dem das blutige Operieren ein Horror war. Während er versuchte, sich das Gröbste mit einem nassen Tuch aus Hemd und Hose zu wischen, erfuhr er, was passiert war. Es war gleich hinter dem Hospital auf dem Weg zum Postamt, als die Koevoet versuchte, in das Haus eines 'Architekten' zu dringen, in dem sie versteckte Swapokämpfer vermutete. Da wurde aus dem Haus geschossen, es traf einen Koevoetmann in den Arm. Ein anderer, der sich unter dem Fenster gebückt hielt, warf daraufhin mit über den Kopf erhobenem Arm eine Handgranate durchs Fenster in den Raum. Es gab eine gewaltige Explosion. Türen und Fenster zersplitterten, die Asbestplatten rissen aus der Decke, das Wellblechdach darüber wurde fünfzig Meter weiter auf die Strasse geschleudert. Die explodierende Granate riss dem Verletzten das rechte Bein ab. Zwei andere im Raum waren auf der Stelle tot. Es waren Begleitumstände, wie sie schlimmer nicht sein konnten, die den Weg des Übergangs in die Freiheit säumten.

Dr. Ferdinand fuhr verdreckt zur Wohnstelle zurück, warf die blutigen Klamotten in die halbautomatische Waschmaschine, wo er sie im Wasser, das sonnenerhitzt aus der Leitung kam, liegen liess, stellte sich unter die Brause, um das Blut aus Gesicht und Haaren, von den Armen und Füssen zu waschen, rieb sich kräftig mit dem Handtuch trocken, zog sich frische Sachen an und ging zum Hospital zurück. Er kam verspätet in den Untersuchungsraum 4, um dem philippinischen Kollegen bei der Durchsicht der Patienten zu helfen, die sich auf den Bänken stauten. Auf den Schemel setzte sich der dreizehnjährige Junge, dem er vor einem Monat den rechten Oberarm und linken Unterarm abgeschnitten und die Wunden im Gesicht und am Körper versorgt hatte. Die Verletzungen trafen ihn, als er der Mutter bei der Feldarbeit half und da etwas aufhob, das in seinen Händen explodierte. Es war die Ausnahme, das wusste der Junge genauso gut wie Dr. Ferdinand, dass er da mit dem Leben davongekommen war. Die Weichteildecke über den Stümpfen war verheilt, doch das Handlose auf der einen Seite und das Armlose auf der andern Seite, das musste mit dem Leben ausgetragen werden, das die Explosion noch überlebt hatte. Der Junge war intelligent und einsichtig genug, um das mit seinem vernarbten Gesicht und dem angerissenen Ohr auf der linken Seite zu verstehen. Er stand auf, stellte sich links von seiner unglücklichen Mutter, der Dr. Ferdinand den Gesundheitspass überreichte, in den er die Schmerztabletten und das Datum für die nächste Nachuntersuchung eingetragen hatte.

Während er die Tabletten und das Datum in den Pass eintrug, kamen ihm die Kinder in den Sinn, denen er die Arme und Beine abgeschnitten hatte, weil sie die hochgehende Mine überlebten. Er hatte diese Kinder nicht gezählt, doch waren es viele, vielleicht hundert, die das Hand-, Arm- und Beinlose aus demselben Grund mit ihrem Leben auszutragen hatten wie dieser Junge, der links neben seiner Mutter stand. Sie verliessen den Untersuchungsraum, indem ihm die Mutter die Pendeltür öffnete, offenhielt und hinter ihm wieder zuschob. Das Leben fragte eben nicht danach, ob einer noch zwei Hände, oder zumindest eine Hand hatte, um die Tür zu öffnen und wieder zu schliessen. Da waren die Hände anderer Menschen auf Lebenszeit gefordert.

Die alte Frau auf dem Schemel hatte es mit der rechten Hüfte und beiden Knien. Die Röntgenbilder wiesen den Gelenkverschleiss deutlich aus. Da es sich um eine Patientin mit den leeren Händen handelte, die sich das Private einer Hüftprothese nicht leisten konnte, punktierte ihr Dr. Ferdinand die Ergüsse aus beiden Kniegelenken ab, trug die Tabletten gegen Entzündung und Schmerz in ihren abgegriffenen Gesundheitspass ein. Er erklärte ihr, dass sie damit leben müsse, weil da nichts mehr zu machen sei. Die alte Frau richtete sich an ihrem Stock hoch, nahm den Pass in die eine Hand und humpelte mit dem Stock in der andern Hand aus dem Untersuchungsraum, ohne ihren Kopf seitwärts zu drehen. Das machten ihr an diesem Nachmittag andere alte Frauen und Männer nach, die sich mit der Bemerkung eines Arztes geschlagen gaben, dass sie mit den verschlissenen Gelenken zu leben hätten, die ihnen schmerzten und sie bei der Verrichtung der notwendigsten Arbeiten behinderten. Auch sie drehten die alten Köpfe mit den zersorgten Gesichtern nicht mehr zur Seite, als sie den Untersuchungsraum enttäuscht verliessen und dem Arzt das Vertrauen entzogen, dem sie mehr zugetraut und mehr von ihm erwartet hatten. Es war das leere Los, wenn die Hände leer waren, in denen sich die Falten zwischen den Schwielen der Arbeit und Armut tief eingekerbt hatten.

Auf den Schemel setzte sich ein Mann, der sich angeblich selbst durch die linke Hand geschossen hatte. Wie er das geschaftt hatte, konnte er nicht recht sagen, weil er es nicht sagen wollte. Das Röntgenbild zeigte den dritten und vierten Mittelhandknochen zertrümmert. Da ging er mit dem Mann zum kleinen Op-Raum, der mittlerweile gesäubert war, setzte ihm die örtliche Betäubung in die durchschossene Hand,, säuberte sie, schnitt die Ränder der Ausschusswunde aus und vernähte die Haut über der Hohlhand und dem Handrücken. Die Schwester gab ihm die Spritze gegen den Wundstarrkrampf, während ihm Hand und Handgelenk auf einer beugeseitig angelegten Gipsschiene ruhiggestellt wurde. Nun wurde auf der Trage ein junger Mann in den Untersuchungsraum gefahren, den Schwester Maria Gottfried vom katholischen Missionshospital in Oshikuku überwies, dem die Koevoet in den rechten Oberschenkel geschossen und den unteren Knochenschaft bis oberhalb der Gelenkknorren zerschossen hatte. Das würde es nicht ohne Beinverkürzung abgehen, so sagte es Dr. Ferdinand dem Mann, der mit der Operation einverstanden war, wenn er nur wieder laufen könne. Er wurde stationär aufgenommen und seine Name auf die Op-Liste gesetzt.

Der jungen Frau auf dem Schemel war das rechte Gesicht geschwollen und der linke Unterarm gebrochen. Ihr Mann hatte sie verprügelt und mit einem Stock auf den Unterarm geschlagen. Das waren Dinge, was sich die Frauen hier gefallen liessen, besonders wenn sie Kinder hatten, was in den meisten Fällen zutraf, damit der Mann und Vater als Brotgeber die Familie nicht verliess und ganz im Stich liess, der dann mit einer andern Frau woanders zusammenlebte und sie auch gleich schwängerte. Das war ein Schicksal, das so viele Frauen und Mütter mit ihren Kindern ungerecht traf. Dr. Ferdinand ging mit dieser Frau in den Gipsraum, wo er sie auf die Liege legen liess, ihr die Betäubungsspritze in den Bruchspalt setzte, die Unterarmknochen richtete und den Arm in einem gepolstertem Rundgips ruhigstellte, der von der Hand bis zum Oberarm reichte. Er schrieb ihr die Schmerztabletten und das Datum der Nachuntersuchung in den Gesundheitspass, mit dem sie den Gipsraum verliess.

Das neunjährige Mädchen auf dem Schemel war beim Wassertragen in eine Scherbe getreten. Es wickelte das umgebundene Tuch vom linken Fuss und hielt ihn Dr. Ferdinand entgegen. Unter der Schnittwunde steckte noch ein Scherbenstück, das er ihr im kleinen Op in örtlicher Betäubung entfernte und nach Säuberung der Fusssohle mit der braunen Lösung die Wunde vernähte. Die Schwester gab die Tetanusspritze, und das Mädchen sagte keinen Mucks.

Der alte Mann wurde vom Sohn geführt, weil ihm der graue Star auf die Augen geschlagen war. Der Sohn schob ihm den Schemel unter, und der Alte legte die rechte Hand mit dem gebrochenen Handgelenk auf den Tisch. Da ging es wieder in den Gipsraum, wo dem Alten das Gelenk gerichtet und der Unterarm eingegipst wurde. Der Sohn fasste den Vater am Arm und hielt den Pass in der anderen Hand, als sie den Gipsraum verliessen und zur Theke im grossen Wartesaal gingen, wo ihnen die Schwester das Tütchen mit den Schmerztabletten aushändigen würde.

Die Mutter brachte ihr nun viereinhalbjähriges Töchterchen zur Nachuntersuchung, dem er, als es drei Jahre alt war, den langen, rechten Daumen verkürzte, aus einem dreigliedrigen Daumen den zweigliedrigen machte. Die Mutter war glücklich, und das Mädchen lächelte Dr. Ferdinand an, dass er es fertigbrachte, einen Daumen menschengerecht zu machen. Das Mädchen nahm den Daumen in volle Funktion und zeigte, wie geschickt es den Kugelschreiber von Dr. Ferdinand zwischen Daumen und Zeigefinger halten konnte. Beim Herausgehen drehten Mutter und Töchterchen vor der Tür ihre Köpfe noch einmal zurück, um mit den Augen dem Arzt für seine Arbeit zu danken, wobei ihm das Töchterchen noch einmal zulächelte.

Auch kam der alte Mann, dem er vor über einem Jahr das geschwürig zerfallene Hautkarzinom aus dem rechten Oberschenkel geschnitten und den grossen Hautdefekt mit einem freien Transplantat vom linken Oberschenkel gedeckt hatte. Er war zufrieden und brachte als Dank einen selbst gefertigten Krückstock mit ausgewirktem Knauf, den er Dr. Ferdinand wortlos überreichte. Die grossen Gesten der einfachen Menschen ergriffen ihn jedes Mal aufs Neue. Er dankte dem Alten und hielt den Stock in der Hand, als der Patient mit dem andern Stock den Untersuchungsraum verliess und hinter der Tür verschwand. Er legte den Stock auf die linke Seite des Tisches und blickte jedesmal auf ihn, wenn er eine Untersuchung abgeschlossen hatte oder aus dem Gipsraum wieder zurückkam. Da erinnerte er sich an den Gitarrenbauer aus dem Taunus, der ihm eine Gitarre brachte, nachdem er seinen gebrochenen Oberschenkel verplattet hatte. Dieser Patient war glücklich, dass er bald danach so gehen konnte, als sei da nichts gebrochen gewesen. Menschen, die sich fürs Dankesagen noch etwas Persönliches einfallen liessen, gab es hier wie dort.

Die Dämmerung war angebrochen, als Dr. Ferdinand sich auf den Rückweg zur Wohnstelle machte. Er hatte noch kurz nach den Patienten geschaut, die am Tage operiert wurden, und einiges auf den Verlaufsbögen nachgetragen. Auf dem Vorplatz blickte er zur Rezeption zurück, wo sich nun keine Menschen mehr mit ausgelegten Pappen, Zeitungspapier, Decken und Tüchern auf dem Betonboden für die Nacht einrichteten, da mit dem Kommen der UNTAG die nächtliche Sperrstunde aufgehoben war, es auch keine Koevoetkontrollen in den Krankensälen und auf dem Hospitalgelände mehr gab. Er ging den kürzeren Weg zwischen dem ausgerollten Stacheldraht und den stehenden Resten des zerfledderten Lattenzauns entlang, an den fünf, hochgestelzten Blockhäusern vorbei, die weiterhin leerstanden, an denen einige Fenster eingeschlagen waren. Er hob die Füsse über die abgebrochenen Baumäste, die weiterhin quer über dem Weg lagen, um sich nicht die Zehen an ihnen aufzureissen, wie er es in der Dunkelheit einige Male tat, bevor die UNTAG kam. Am Dorfeingang passierte er das verwaiste Kontrollhäuschen neben dem das Warnschild 'For Whites Only', obwohl die Schwarzen den freien Zugang zum Dorf hatten und sich ungebührlich den freien Zugang zu den leerstehenden Häusern durch Aufbrechen der Türen und Einschlagen der Fenster nahmen, um sie von innen bis aufs Mauerwerk auszuräumen. Dabei blieben auch die bewohnten Häuser nicht verschont, wenn die Bewohner bei der Arbeit waren oder zu tief schliefen. Es waren jene neuen, negativen Begleitumstände, die mit dem Übergang einsetzten, eigentlich nicht erwartet wurden und im Ausmass, wie da geplündert und ausgeräumt wurde, schockierten. Er streifte sich die Sandalen in der Veranda ab, durchging den Wohnraum und das Schlafzimmer, ob da noch alles so stand, wie er es verlassen hatte, bevor er sich das Gefühl zu eigen machte, dass es sein 'zu Hause' war. Er setzte den verbeulten Wasserkessel auf die Gasflamme, goss das kochende Wasser über den Teebeutel vom 'rooibos'-Geschmack in die Tasse, rührte zwei Teelöffel Zucker ein und setzte sich mit der Tasse auf die Stufe vor der Veranda. Dazu zündete er sich eine Zigarette an und blickte in den aufkommenden Sternenhimmel, der ihm allabendlich zum Finden der Ruhe verhalf:

Sterne, Sterne, kommt herunter, kommt herunter, seht's euch an, da gibt's an allen Ecken was zu sehn, ich zeig es euch, wenn ihr nur kommt.

Sterne, Sterne, ihr geht weiter, wollt ihr an den Ecken es nicht sehn, was hier im Dunkeln vor sich geht? Ihr würdet es nicht glauben!

Sterne, Sterne, dann macht doch, was ihr wollt, euer Funkeln, das genügt hier nicht, hier wird geklaut, dass die Fetzen fliegen, die Fenster halten's nicht mehr aus, und die Türen krachen. Sterne, Sterne!

Freiheit, die ich meine, gegen Freiheit, wie sie's verstehn.

Vor dem 'International Guesthouse' war es totenstill. Auch das hing mit dem Übergang zusammen. Da wollte man sich verdecken und nicht das Geld noch falsch vertun. Er setzte sich ins Wohnzimmer zurück, dachte nach, wie schwer es der Übergang mit der Freiheit oder die Freiheit mit dem Übergang hat, wenn schon im Normalgang die Freiheit nicht ohne Probleme ist. Er knipste das Licht an und blätterte im ‘Das Prinzip Verantwortung’ (Hans Jonas, Suhrkamp Taschenbuch 1085). Da geht es auf Seite 392/93 "Um die Hütung des >Ebenbildes<": "Auch Ehrfurcht und Schaudern sind wieder zu lernen, dass sie uns vor Irrwegen unserer Macht schützen (zum Beispiel vor Experimenten mit der menschlichen Konstitution). Das Paradoxe unserer Lage besteht darin, dass wir die verlorene Ehrfurcht vom Schaudern, das Positive vom vorgestellten Negativen zurückgewinnen müssen: die Ehrfurcht für das, was der Mensch war und ist, aus dem Zurückschaudern vor dem, was er werden könnte und uns als diese Möglichkeit aus der vorgedachten Zukunft anstarrt. Die Ehrfurcht allein, indem sie uns ein >Heiliges<, das heisst unter keinen Umständen zu Verletzendes enthüllt (und das ist auch ohne positive Religion dem Auge erscheinbar) wird uns auch davor schützen, um der Zukunft willen die Gegenwart zu schänden, jene um den Preis dieser kaufen zu wollen. So wenig wie die Hoffnung darf auch die Furcht dazu verführen, den eigentlichen Zweck – das Gedeihen des Menschen in unverkümmerter Menschlichkeit – auf später zu verschieben und inzwischen eben diesen Zweck durch die Mittel zuschanden zu machen. Solches würden Mittel tun, die den Menschen ihrer eigenen Zeit nicht respektieren. Ein degradiertes Erbe wird die Erben mit degradieren. Die Hütung des Erbes in seinem >ebenbildlichen< Ansinnen, also negativ auch Behütung vor Degradation, ist Sache jeden Augenblicks; keine Pause darin zu verstatten die beste Garantie der Dauer: sie ist, wenn nicht die Zusicherung, gewiss die Vorbedingung auch künftiger Integrität des >Ebenbildes<. Seine Integrität aber ist nichts anderes als das Offensein für den immer ungeheuerlichen und zu Demut stimmenden Anspruch an seinen immer unzulänglichen Träger. Dies durch die Fährnisse der Zeiten, ja, gegen das eigene Tun des Menschen heil zu erhalten, ist nicht ein utopisches, doch ein garnicht so bescheidenes Ziel der Verantwortung für die Zukunft des Menschen." (aus: "Die negative Folie des Traumes, oder von der Vorläufigkeit aller bisherigen Geschichte. III. Von der Kritik der Utopie zur Ethik der Verantwortung")

Dr. Ferdinand stimmte dem Philosophen zu, dass für den Menschen die Verantwortung für die Zukunft ein hoch gestecktes Ziel ist, weil er ein Defizit im Offensein wie im Anspruch auf die Integrität hat, die für das Ebenbild unerlässlich sind. Da war die Apartheid ein grosses Unheil, wo die Würde und Integrität bei Weissen und Schwarzen geschändet wurde, indem die einen es taten und die andern es litten. Den einen waren die Schandtaten vorzuhalten, den andern, dass sie daraus nicht gelernt hatten. So war es mit der Verantwortung für die Zukunft nicht gut bestellt, weil die Täter schwiegen, mit der heilen Haut davonzukommen suchten, und es die andern nicht verstanden, wie hoch die Freiheit anzusetzen, wie verantwortungsvoll an sie heranzutreten war, um nicht vom einen Scherbenmeer ins andere zu kommen. Von einer Hütung des Erbes im >ebenbildlichen< Sinne und Ansinnen waren beide weit entfernt. Das Erbe wurde schändlich behandelt, wurde getreten und misshandelt. So mussten sich die Erben fühlen, denen Anstand und Würde abhanden kamen. Es fehlten der Respekt und die Furcht, dass mit dem Menschen achtvoll und behutsam umzugehen war, dem im Umgang leicht weh getan werden kann. Weil die einen es nicht begreifen wollten, die andern es nicht begreifen konnten, wuchsen die Menschen (barbarisch) in eine verkümmerte Menschlichkeit hinein, sie wühlten sich da mit Gewalt regelrecht hinein. Das "Zusammenleben" fand ohne Gemeinschaft statt, die nur eine Anhäufung schreiender und schlagender Unterdrücker und einem zusammengepressten Haufen schreiender und geschlagener Unterdrückter war. Da ging es acht- und furchtlos, respekt- und trostlos zu. Es gab kein Zurückschaudern vor dem, was aus dem Menschen werden konnte. Es gab keine Ehrfurcht vor dem Sein mit dem menschlichen Gebot. Da sollte es dann dauern, bis es gelernt werden wollte, dass es ohne Furcht und Ehrfurcht, Achtung und Schaudern nicht geht, dass ohne sie die Menschheit zum Kessel der Gemeinheit erstarrt, wo Raub und Totschlag nur noch technische Probleme waren. Solange der Mensch sich die Würde ausgezogen hat und völlig anspruchlos der Integrität des Heilseins gegenübersteht, also nackt und zerschunden dasteht, ohne sich um die höchsten Werte zu bemühen, um sie zu begreifen und sich mit ihnen neu zu kleiden, solange sollte es mit dem Leben, dem >ebenbildlichen< Erbe und den Erben auch nicht gehn. Offenheit und Anspruch durch Ehrfurcht und Schaudern, sie waren zerrissene Kleider, die nicht zu flicken waren. Wollte man sie wieder tragen, um nicht so schamlos nackt zu bleiben, dann mussten neue Kleider her. Da war das ABC zur Offenheit und Ehrfurcht neu zu lernen.

Flugsafari im Militärhubschrauber vor dem Abzug aus Namibia

Dr. Lizette und Dr. Christine, die beiden Narkoseärztinnen, waren mit ihren Männern beim Abzug des südafrikanischen Militärs nach Südafrika zurückgekehrt. Davor hatten Dr. Lizette und ihr Mann, der Psychologe, der die Erstschützen seelisch auf ‘Vordermann’ brachte, wenn sie beim ersten Scharfschiessen auf wehrlose Menschen Gewissensbisse bekamen, noch an einer Flugsafari in einem Militärhubschrauber über den unberührten Weiten des Kaokofeldes teilgenommen, das im Nordwesten des Landes bis an den Atlantik reicht, wo es vereinzelt noch Buschleute gibt und die Ovahimbas als Nomaden ihre Rinder und Ziegen vor sich hertreiben.

Sie berichteten von Bergzebras, den Wüstenantilopen und Elefantenherden, die es da in Frieden gab und stolz die Weiten durchschritten, dann aber scheuten und aus der Fassung gerieten, als ihnen der Hubschrauber auf die Fersen rückte. Da haben sie doch noch ‘die menschliche Sau’ rausgelassen, dachte Dr. Ferdinand, um die eigenen Ängste an den Tieren auszulassen, die die Menschen nicht, aber die Freiheit in der Wüste kannten. Es waren die schlagenden Rotorblätter dicht über ihnen, die die Ordnung zerstörten, wenn sie wehrlos von oben gejagt wurden. Da bekamen sie panische Angst und stoben in die Flucht, weil sie sich des Lebens nicht mehr sicher waren und sich auch nicht wehren konnten gegen einen Tierfeind, der sich selbst nicht stellte, sondern mit dem Hubschrauber über ihren Köpfen kreiste und ihnen die Ruhe und das Gefühl der Sicherheit raubte. Und genau das war das Motiv, dass die Obendrüberkreisenden auf ihrer Wild- und wilden Jagdsafari im Hubschrauber suchten und die Fotoapparate vor die Augen drückten, wenn die Tiere verängstigt wurden und vor ihnen wegliefen, um ihr Leben und bis zur Erschöpfung liefen. Es war der Instinkt, der sie am Laufen hielt, der ihnen einschärfte, dass mit diesen Menschen nicht zu spassen ist, die ihnen von oben auf den Fersen waren, die da aus guter Sicht und kleiner Entfernung abdrückten, ob am Fotoapparat oder am Gewehr. Da durfte es für die Tiere keine Müdigkeit geben, es sei denn, das Benzin in diesem fliegenden Koloss ging zur Neige, oder der Koloss stiess im Tiefflug gegen eine Wand. Doch das zogen sie nicht in ihr Fluchtkalkül.

Es wurden viele Fotos geschossen, das sagte Dr. Lizette, weil es da spannende Szenen über der steinigen Wüste gab, wo die Elefanten vor riesigen Sandwolken trabten, Antilopen in weiten Sprüngen davongaloppierten und die Bergzebras in dichten Rudeln um die Hänge rannten. Dr. Lizette meinte, dass es die schönsten Erinnerungsfotos aus ihrer Zeit in Oshakati werden würden. Dr. Ferdinand verstand es so, dass die Teilnehmer dieser Flugsafari ihren Wüstenorgasmus hatten, als sie die verzweifelten Tiere in ihrer Not auf der Flucht verfolgten und das Drama, das sie von oben her und gefühlskalt anrichteten, photographisch genossen. Fotos zeigen eben nicht den verfluchten Mangel an Ehrfurcht, die überhebliche Respektlosigkeit des Menschen vor dem lebenden Tier, sondern allein das Tier in den riesigen Weiten der Wüste, wie es davon und um sein Leben rennt. Auch da war der Mensch schon im Ansatz ohne Einsicht und Verstand, sonst hätte er so etwas nicht getan. Sich mit dem Hubschrauber die Überlegenheit zu verschaffen, das entsprach seiner Unbildung mit der verlorenen Offenheit vor der Natur und seiner aufgesetzten Unverschämtheit. Wenn es der Stolz der Tiere war, dann wollten sie sich nicht in ihrer Hilflosigkeit und auf der Flucht photographieren lassen. Das Foto war die Perversion dessen, was das Tier dem Menschen nicht zeigen wollte. Es lebte in Frieden, solange der Mensch von ihm wegblieb.

Dr. Ferdinand war sich sicher, dass diese Fotos ihre Runde machen würden, wo die Kommentare nicht schlechter ausfielen als das schäbige Unternehmen, Tiere auf der Flucht vor einem tief kreisenden und ihnen auf die Fersen rückenden Militärhubschrauber zu photographieren. Manche der Fotos würden da sicherlich vergrössert und eingerahmt an den Wänden hängen, wo eben "spannende Szenen" zu sehen waren. Sie würden immer wieder und besonders dann angeschaut werden, wenn sich der Betrachter schwach fühlte und eine Aufmunterung brauchte. Dazu sollte das Grossfoto an der Wand technisch wie motivisch gut genug sein, wie etwa der herrische Präsidentenkopf, der aus dem goldgerahmten Grossfoto an der Wand hinter dem erhöhten Schreibtischsessel des ehemaligen Direktors in Colonelsuniform den ihm gegenüber auf niedrigem Stuhl sitzenden Untergegebenen streng anblickte, Respekt einflösste und ihm von vornherein klarsehen liess, dass hier mit Schwäche nicht zu rechnen war. Dass in Wirklichkeit eine Unverschämtheit dahintersteckte, die zu diesem Foto führte, das wurde wohl den wenigsten klar, und erst recht nicht denen, die sich an den gemeinen Motiven ergötzten und den Mund nicht mehr zu bekamen. Die Betrachtung setzte da wie schon beim Photographieren ein gewisses Mass an Dummheit voraus, die, wie allzu oft, mit einer abgebrühten Verrohtheit einherging.

Der andere, weisse Kollege war jener Dr. Johan mit dem blassen Gesicht und den für Buren nicht ungewöhnlich weit abstehenden Ohren, der mit seiner Frau den Abzug von den Turbulenzen der Übergangsperiode in Richtung Süden vorzog. Der Verkehrpolizist des Dorfes hatte sich ihm noch erkenntlich gezeigt, indem er ihm und seiner Frau die noch fehlenden Führerscheine für Schwerlaster und schwere Kradräder (ob für Omnibusse, da war sich Dr. Ferdinand nicht sicher) ausgestellt hatte. Dieser Kollege, der für kurze Zeit auch Superintendent war, was seinem Image weiter in die Höhe half, hatte es in der richtigen Zeit richtig getroffen und ein Vermögen mit seinen Privatpatienten verdient, zu dem das übliche Gehalt von der Administration dazukam, weil er ab und zu die Patienten mit den leeren Händen an den Augen behandelte, was seine ursprünglich vorgetragene Intention war. Er war ein freundlicher, zielbewusster und meist lächelnder Kollege, der für seine Patienten keine Mühe scheute, sich dafür aber von den Nacht- und anderen Diensten am Hospital befreite, um die Abende und Wochenenden nach persönlicher Vorstellung mit seiner Frau zu gestalten, wozu der störungsfreie Gebrauch des Swimmingpools und der ungestörte Nachtschlaf gehörten. Dr. Johan mit den privaten Ambitionen war in den zwei Jahren konkurrenzlos, anerkannt und sehr erfolgreich bei denen, die es mit barer Münze zahlten. Er hatte es zu etwas gebracht und konnte stolz sein, dass er noch rechtzeitig kam, um abzusahnen, und auf seine Klugheit, es sich nicht gleich anmerken zu lassen, wo es für ihn lang ging, und aufkommende Probleme, wie sie beim Mehrverdienen und Nochmehrwollen nicht selten auftreten, elegant umschiffte. Da hatte das Finanzamt im siebenhunderfünfzig Kilometer entfernten Windhoek mit Sicherheit keinen Cent gesehn, weil für ein Kriegsgebiet die weit vom Schuss sitzenden Beamten lieber die Augen zudrückten, als da mit ihren Sitzärschen noch hinzufahren und für eine Buchkontrolle möglicherweise ihr Leben zu riskieren. So dumm waren die auch nicht, als dass sie mit Bilanzbüchern dort rechneten, wo sowieso alles drunter und drüber ging. Der lächelnde Kollege hatte sich zur richtigen Zeit den richtigen Ort für seine Tätigkeit ausgesucht, hatte sich den Umständen voll angepasst und war voll, wenn nicht mehr, auf seine Kosten gekommen. Er behielt sein Lächeln, als er zur richtigen Zeit den Platz im Untersuchungsraum für Privatpatienten mit der neu eingesetzten Tür räumte und das runtergekommene Hospital unweit der angolanischen Grenze verliess. Er hatte den Weitblick und seine guten Gründe, wenn er zur richtigen Zeit mit den neuen Führerscheinen seine reichen Pfründe unversteuert in Sicherheit brachte. Keiner sagte ihm etwas Abträgliches nach, weil es keinen gab, der sich von dem in so kurzer Zeit zusammengescheffelten Reichtum eine vage Vorstellung machte.

Ein schwerer Verlust war dagegen der Weggang des hervorragenden Spezialisten der inneren Medizin, Dr. David S., der unter grossem Einsatz und mit brillantem Wissen diese Abteilung im wahrsten Sinne des Wortes auf Vordermann und auf eine Standardhöhe gebracht hatte, die unter den miserablen Hospitalbedingungen Bewunderung verdiente. Ihm war es durch ständiges Monieren zu verdanken, dass da Ordnung und Sauberkeit einkehrten, die Betten sauber bezogen wurden und die Patienten Waschschüsseln, Spucknäpfe und saubere Hospitalkleidung bekamen. Dr. David S. war hart und gewissenhaft in der Arbeit und ein begabter Lehrer in der Weiterbildung der ihn begleitenden, jungen Kollegen. Die wurden akademisch poliert und hatten ihre Kenntnisse ernorm erweitert. Durch ihn hatten sie die systematische Arbeit am Patienten schätzen gelernt. David ging an die Wits-Universität nach Johannesburg zurück, um sich neuen Aufgaben in der Forschung zu widmen. Er war gross als Arzt und gross als Mensch und von allen hoch geachtet. Da konnte ihm keiner das Wasser reichen. Er bekam den grossen Abschied mit einem Geschenk, ihm sang der Chor der Schwestern und Studenten der Krankenpflegeschule den Schmerz des Abschieds aus den Herzen. Weil er Mensch war und mit beiden Füssen auf dem Boden stand, hatten ihn alle gemocht. So wurde er zum Abschied geküsst, wo schwarze Lippen die weisse Wange berührten. Er selbst wischte sich die Tränen aus den Augen, die andern waren nicht weniger gerührt, weil jeder wusste, dass es so einen Arzt am Hospital nicht mehr geben wird.

Neue Gesichter sassen in der Morgenbesprechung, wo der Trend von Weiss nach Schwarz unübersehbar und an den Fingern abzuzählen war. Der Superintendent gab sich Mühe, in den Haufen Ordnung zu bringen. Er verteilte die neuen Kollegen und Kolleginnen nach Wunsch und Können auf die verschiedenen Disziplinen, wo die meisten zur inneren Medizin und zum 'Sorting' im 'Outpatient department' und einige wenige zur Gynäkologie, Chirurgie und Kinderheilkunde kamen. Da blieb für die Orthopädie keiner übrig, weil da keiner hin wollte, die Knochenarbeit war ihnen zu schwer, und keiner hin konnte, da ihr Kenntnisstand praktisch null war. So mussten sich Dr. Ferdinand und der philippinische Kollege auf diesem operationsintensiven Sektor allein weiter durchschlagen. Sie taten es, ohne mit der Wimper zu zucken, auch wenn ihnen die Rücken und Hände schmerzten. Mit der Phase des Übergangs gingen die Schussverletzungen zurück, was erfreulich war. Dagegen kamen mehr Kinder mit fürchterlichen Minenverletzungen, nachdem sie mit diesen Tötungstellern auf den Feldern in Berührung kamen, oder sie auflasen, die dann in ihren Händen explodierten und sie entweder gleich an Ort und Stelle töteten oder ihnen die Hände, Arme und Beine abrissen. Die Verletzungen an Kindern, die nun frei herumliefen, waren die schlimmsten Umstände, die den Übergang begleiteten. Hunderte von ihnen verloren auf diese unerhörte Weise ihr Leben, viel zu viele Kinder wurden durch Minen entstellt und verkrüppelt, weil sie es überlebten. So war der Weg in die Unabhängigkeit nicht nur mit Steinen, sondern mit vielen Minen ausgelegt, die täglich ihre Opfer forderten, als gönnte das alte Regime dem neuen nicht den Frieden. Die eingefleischten Pretorianer in den Hochburgen des Burentums hielten krampfhaft die Hebel der Macht in ihren Händen. Sie wollten dort unten verhindern, was hier oben passierte. Für sie stand zuviel auf dem Spiel, um da von den Hebeln zu lassen, die ihnen über drei Jahrhunderte den Vorteil und Reichtum brachten.

Der Machtwechsel und die Folgen

Das neue Kommandoschiff mit den schwarzen Masten ging vor Anker. Schwarze Menschen kamen ins Büro des Superintendenten, die bei der Swapo gehobene Posten hatten. Sie kamen aus dem Exil zurück und erschraken beim Anblick der Wunden, die die Apartheid und der gegen sie gerichtete Befreiungskampf in ihrer Heimat, dem Ovamboland, gerissen hatten. Sie kannten das Land nicht wieder, das sie als junge Menschen verliessen, als es noch dichte Wälder gab und ihre Väter und Mütter, die vielen Geschwister noch lebten. Sie suchten nach den Wäldern, nach den Vätern und Müttern und den Geschwistern und fanden sie nicht mehr. Das Land war zur Wüste verödet. Abgehackte Baumstümpfe stachen aus dem Sand, die die Plätze markierten, wo sich einst laubbehängte Bäume reihten, unter denen sie mit Eltern und Freunden sassen, weil es da den erwünschten Schatten gab. Nun brannte die Sonne auf weite Flächen nieder, denen jeglicher Schutz genommen war. Die Krale waren verwildert, niedergebrannt und platt gewalzt, der letzte Dung versandet. Tiefe Krater und Gräben waren dort, wo einst die Schule mit dem alten Lehrer war, wo draussen die Rinder und Ziegen weideten. Das Land war bis zur Nacktheit abgeholzt, zur scheusslichen Fratze entstellt, zur unbeschreiblich trostlosen Wüste verkommen. Dass da Menschen waren, die Mahangu und Mais, Melonen und Bohnen zwischen schattigen Bäumen pflanzten, zogen und pflegten, die weidenden Rinder und Ziegen, die spielenden Kinder mit der Oma, die ihnen zusah und dabei die Wäsche wusch, das alles war verschwunden. Die Heimat von einst, sie gab es nicht mehr, und der Verlust schmerzte in der Erinnerung. Die Menschen kamen aus dem Staunen über die Verwüstung nicht hinweg.

Auch staunten sie und der Superintendent, dass sie sich lebend wiedersahen. Sie sahen es gegenseitig den Gesichtern an, dass sie älter geworden waren. Einer hatte den 'Dr' der Medizin, den ihm eine polnische Universität mit Abschluss des Studiums zuerkannte. Der hatte das Lächeln parat, weil er das Exil überlebte, was viele nicht schafften. Der erschien im Anzug mit Krawatte, obwohl die Hitze zum Öffnen des Kragenknopfes brüllte. Ein älterer Herr, der mit seiner weissen Frau und zwei jungen Kindern Wochen später im Büro des Superintendenten sass, der sass mit weissem Hemd und offenem Kragen. Er wirkte menschlich und bescheiden. Ihm hatte die Geschichte achtzehn Jahre Haft, siebzehn Jahre auf Robben Island (Gefängnisinsel vor Kapstadt) aufgedrückt, wo er unter verbesserten Haftbedingungen mit dem grossen Nelson Mandela Schach spielte. Die Geschichte der Entbehrungen war dem sympathischen Herrn, der zur Eliteklasse der neuen Mannschaft gehörte, ins Gesicht gemeisselt, dem ein tiefer Ernst aufsass, der sich nicht durch ein einfaches Lächeln verspielte. Dr. Ferdinand mochte ihn und sein Gesicht, weil beides stimmte und zusammenpasste. Seine ausnehmende Bescheidenheit weckte das Gefühl, dass man diesem Menschen trauen konnte, der auf das, was er durchgemacht hatte und die langjährige politische Haft von sich aus nicht zu sprechen kam. Zu diesem Mann sah Dr. Ferdinand auf, spürte Brüderlichkeit und stellte sich vor, dass der ältere Herr sein älterer Bruder war, auch wenn sie von der Hautfarbe her verschieden waren. Er sollte Andimba Toivo ya Toivo später noch einige Male wiedersehen.

Mit den Kollegen und Kolleginnen aus dem Exil kam auch ein Röntgenologe aus Tansania mit Frau und Kindern. Ihm wurde ein Haus mit drei Schlafzimmern zur Verfügung gestellt, das hinten in 'Klein-Angola' auf dem Hospitalgelände neben dem Haus stand, in dem der Superintendent mit seiner kinderreichen Familie wohnte. Zuvor bewohnte das Haus die sympathische Dr. Ruth, die fleissige Frauenärztin, mit Mann und Sohn. Da gab es ein Zerwürfnis in der Familie, weil der Mann ohne Alkohol nicht leben konnte, in Rauschzustände verfiel und dem Bösen im Charakter seinen Lauf liess, wenn er der herzensguten Frau ein blaues Auge schlug, mit dem sie dann operierte und ihre Patienten sah. Die Kollegen schämten sich, wenn sie am Morgen diesen guten Menschen mit dem blauen Auge im Teeraum des 'theatre' sahen, die selbst kein Wort darüber verlor. Der Mann war ihr in der Bildung unterlegen und konnte das Schlagen nicht seinlassen. So trennten sie sich, und Dr. Ruth ging mit ihrem Sohn nach dem äussersten Süden des Landes, bis an den Oranje, den Grenzfluss zu Südafrika, wo sie in Oranjemund, wo der Oranje in den Südatlantik mündet, ihre Tätigkeit im Hospital der Stadt mit der grossen Diamantenmine aufnahm. Ihr Weggang war ein schwerer Verlust für das Hospital im hohen Norden. Sie hinterliess eine so grosse ärztliche und menschliche Lücke, die eigentlich nicht mehr geschlossen wurde. Die Patienten und Schwestern weinten ihr nach Süden nach.

Dr. Daniel, der Röntgenologe, war ein freundlicher Kollege, der die Abteilung auf Vordermann brachte und jederzeit erreichbar war. So war er eine willkommene Hilfe bei der diagnostischen Abklärung der Patienten. Zum ersten Mal nach all den Jahren gab es Befundberichte zu den Röntgenbildern, die kompetent und lesbar waren. Sie erleichterten die Arbeit insbesondere für jene Kollegen, die beim Lesen des Röntgenbildes noch ungeübt waren. Dr. Daniel beschaffte ein kleines Ultraschallgerät, mit dem er grössere Blutungsherde im Schädel, Gallen- und Nierensteine lokalisierte und bei schwangeren Frauen das Geschlecht und die Lage des Föten bestimmte. Da wurde Dr. Lizette in den letzten Monaten ihrer Tätigkeit am Hospital und eine deutsche Jungärztin neugierig, die er hilfsbereit in die Untersuchungstechnik mit dem Ultraschall einführte. Das Hospital bekam dadurch einen akademischen 'Touch', aus dem die jungen Kolleginnen ihren Bildungsvorteil zogen.

Es kamen noch drei Kollegen aus Nigeria und einer aus Uganda. Von den Nigerianern war Dr. Onu ein Urologe, der in Budapest seinen Facharzt machte und mit Frau und zwei Kindern kam. Der zweite Nigerianer war Dr. Dennar, der für die Anästhesie kam. Er liess seine Familie in Nigeria zurück, denen er das bessere Geld zum Leben überwies. Dr. Mojekwu war der dritte Nigerianer. Der brachte seine junge Frau mit und zeichnete sich durch seine gleichbleibende Freundlichkeit vor den beiden andern Nigerianern aus. Dr. Mugimo aus Uganda war von hoher Intelligenz und nicht weniger freundlich. Er hatte an der bekannten Makerere-Universität in Kampala studiert. So wurde die Ärzteschaft gegen Ende des Übergangsjahres (1989) zunehmend afrikanisch durchmischt. Die neuen Kollegen belebten das Hospital durch die verschiedenen Sprachen und Ansichten, Temperamente und Expertisen. Da merkte Dr. Ferdinand doch die Unterschiede im Wissensstand, wo die hinzugekommenen Afrikaner den aus dem Exil zurückgekehrten Kollegen weit überlegen waren, die an den Universitäten im Ostblock studiert und dort ihre Examina abgelegt hatten. So war der Übergang vielgestaltig und vielschichtig, brachte Gutes und liess auf eine bessere Zukunft hoffen. Wenn da nicht so viele Minen lägen, die zurückgelassen wurden, und weiter viele Menschenleben kosteten, wäre der Weg ein schöner gewesen, der zu Frieden und Freiheit führte.

Und wenn da nicht soviel geklaut und geplündert würde. Dann hätten die Menschen die Integrität zum Offensein mit dem Anspruch zur >Ebenbildlichkeit< (Jonas) behalten, mit denen sie reif gewesen wären, die hohen Werte von Frieden und Freiheit zu verstehen und verantwortungsvoll zu begreifen. So gab es Licht und Schatten. Das Licht gehörte zur Hoffnung, der Schatten zur Nachdenklichkeit. Das Erste war erstrebenswert, weil es den Anspruch auf die hohen Werte zu erklimmen vermochte, das Zweite war widerwärtig, weil es dem Anspruch entgegenstand, ihm gemein ins "Gesicht" schlug.

Nach den ersten freien Wahlen, dem historischen Novum, die von der UNTAG unter Leitung des UN-Sonderbeauftragten Martti Ahtisaari überwacht und international beobachtet, von der UNO für "frei und fair" erklärt wurden, erzielte die SWAPO (South-West Africa People's Organisation) bei einer Wahlbeteiligung von über 96% 57,32% der Stimmen und damit 41 Sitze der 72 Mitglieder zählenden, verfassungsgebenden Versammlung. Namibia wurde als letztes afrikanisches Land am 21. März 1990 unabhängig und Sam (Shafiishuna Samuel) Nujoma, der am 14. September 1989 nach dreissig Jahren Exil von seinem Swapo-Hauptquartier in Lusaka (Sambia) schwerbewacht über den östlichen Caprivizipfel zurückkehrt war, sein erster Präsident. Die Swapo stellte die Regierungspartei, und die neue Mannschaft griff unverzüglich nach den Hebeln der Macht. Dieses Hebelgreifen mit der schwarzen Hand hatte für das Hospital gleich seine Folgen. Da wurde der schwarze Superintendent auf den Stuhl des weissen Direktors in Zivil gesetzt, der seinen Stuhl ohne grosses Aufsehen räumte.

Dr. Witthuhn hatte bis dahin seine Sache gut gemacht. Ihm war es in den kritischen Jahren zu verdanken, dass er das Hospital trotz aller Widrigkeiten und miserablen Zustände für die Menschen in Not offenhielt und es nicht in den Klauen weisser Opportunisten zerquetschen und schliessen liess. Es war seinem Grosseinsatz auch zu verdanken, dass es einen neuen, orthopädischen Operationstisch gab. Da kämpfte er und tat mehr für die schwarzen Menschen als so mancher schwarze Arzt, von denen einer, der damals schon opportunistisch begabt war, auf dem Wege der Beugung war. Der persönliche Einsatz für die Menschen in bitterer Not und das Verdienst, das Hospital für diese Menschen gehalten zu haben, werden unvergessen bleiben, auch wenn es Menschen gibt, die an diese Zeiten nicht mehr denken wollen. Dr. Witthuhn gehört zu den Einzelkämpfern in dieser Zeit, zu den Helden, der sich um die Menschen der schwarzen Haut verdient gemacht hat.

Den Machtwechsel wollte auch er mit einer Zukunftsperspektive begreifen und begriff in seiner Grosszügigkeit, seinem grossen Herzen und seiner musischen Begabung, dass da gleich manches anders kam. Da war er intelligent und tolerant, um zu verstehen, dass zwei Menschen nicht auf einem Stuhl sitzen konnten, zumal wenn der Stuhl gepolstert war und zwei Armlehnen hatte. So verliess er den erhöhten, drehbaren Direktorstuhl mit der hohen Rückenlehne und den gepolsterten Armlehnen, verliess das angenehm klimatisierte Büro und das runtergekommene Hospital, dem er eine gute Besserung wünschte. Ihm wurde kein gebührender Abgang beschert, wie er dem hervorragenden Arzt Dr. David S. gegeben wurde. Das stimmte Dr. Ferdinand traurig, weil es Dr. Witthuhn als abgehender Direktor, dem die weisse Administration nicht hold war, besser verdient hätte. Er verliess das Hospital sang- und klanglos als ein Mann, der integer war, dem, wenn schon nicht ein Zapfenstreich, so doch ein beherzt kehliger, mehrstimmiger Abgesang zugestanden und wohlgetan hätte. "Leon, dein Verdienst nimmt dir keiner weg", dachte Dr. Ferdinand, als er Dr. Witthuhn über den Vorplatz zum Ausfahrtstor begleitete, der ein Arzt mit Herz war und jegliche, opportunistische Anbiederung verabscheute.

Mit der friedlichen Machtübergabe und -übernahme, die nicht ohne Zwischenfälle und Toten verlief, von den Menschen und vielen Kindern abgesehen, die täglich Opfer der zurückgebliebenen Minen waren, war auch der Auftrag der UNTAG erfüllt, der ihr durch die UN-Resolution 435 vorgeschrieben war. Das Schweizer medizinische Corps packte seine Sachen zusammen und machte dem Hospital noch grosszügige Schenkungen. Da waren die sechs Krankenbetten mit Matratzen von bester Qualität, einige verpackte Siebe mit neuen Instrumenten, die so gut wie nicht gebraucht waren, einen Photokopierer und drei manuelle Reiseschreibmaschinen, den grossen Kühlschrank und die Waschmaschine. Von hohem Wert waren die acht, noch zugeklebten, grossen Kartons mit nagelneuen Laken und Bettbezügen aus bestem Leinen. Bei der Verteilung der Bettwäsche dachte Dr. Ferdinand auch an das katholische Missionshospital in Oshikuku, das es vor und während des Übergangs nicht weniger hart getroffen hatte, wo Schwester Gabriele und Schwester Maria Gottfried als Ärzte und die andern Schwestern Grossartiges geleistet hatten. Das sagte er den Matronen, die mit grossen Augen auf die Kartons mit der Bettwäsche schauten. Die Matronen verstanden, dass das Missionshospital Unglaubliches geleistet hatte, verstanden aber weniger, dass das Missionshospital in Anerkennung seiner Leistung an der grosszügigen Spende teilhaben zu lassen. Es wurden Argumente ausgetauscht, in denen die Matronen mit ernsten Gesichtern die Not an Bettwäsche vortrugen und einige Male wiederholten. Schliesslich setzte Dr. Ferdinand seinen Kopf durch, dass drei der acht Kartons nach Oshikuku gingen, wofür sich Schwester Maria Gottfried in einem handgeschriebenen Brief herzlich bedankte. Sie liess in ihrem Brief durchblicken, dass die Bettwäsche zur rechten Zeit kam, da bei der ständigen Überbelegung die Laken und Bezüge des Hospitals verbraucht seien und nicht ausreichten, weshalb die Patienten ihre Bettwäsche mitbrächten. Am Schluss ihres Briefes reichte sie Gottes Segen an den grosszügigen Spender weiter. Es sei hier angemerkt, dass Dr. Ferdinand bei seinen Saalrunden darauf achtete, ob er die Schweizer Laken und Bezüge auch auf den Betten der Patienten fände. Er fand einige und war erstaunt, dass nicht mehr Betten mit dem guten Leinen bezogen waren. Er war noch mehr erstaunt, als nach wenigen Monaten die Schweizer Laken und Bezüge auf den Betten nicht mehr zu finden waren. Da hegte er den dunklen Verdacht, dass die grosszügige Spende mit der ausgezeichneten Leinenqualität engherzig missbraucht und über dunkle Kanäle den Weg durchs Ausfahrtstor genommen hatten. Er wurde den Verdacht nicht los, dass da die Integrität zum Offensein mit dem Anspruch auf die >Ebenbildlichkeit< (Jonas) erneut geschändet wurde.

Auf dem erhöhten Stuhl des Superintendenten sassen in kurzer Folge eine Kollegin, die in Moskau ihre Ausbildung in der Gynäkologie und Gebursthilfe absolvierte, dann ein schwarzer Kollege, der ebenfalls in Moskau studiert und in der Gynäkologie begonnen hatte. Nach den beiden Exilkollegen kam Dr. Naftali, ein nicht mehr junger, schwarzer Kollege, der, wie Dr. Nestor, der neue ärztliche Direktor, seit vielen Jahren eingeschriebenes Mitglied der Swapo war. Dr. Naftali hatte sich durch seinen Fleiss um das evangelisch-lutherische Missionshospital in Onandjokwe verdient gemacht, in dem er über viele Monate der einzige Arzt war, der Tag wie Nacht den Dienst am kranken Menschen versah. Dieses Verdienst konnte ihm keiner nehmen. Er führte die Morgenbesprechungen straff und sachbezogen, aus denen sich was machen liess, wenn nicht das Geld zur praktischen Umsetzung fehlte. Dr. Naftali war der vierte, schwarze Superintendent in der Geschichte des Hospitals, der es dem ersten insofern nachmachte, als er die Sache ernst nahm, sich bei jeder Besprechung Notizen machte, und nicht versprach, was er nicht halten konnte. Darin unterschied er sich jedoch von seinem Vorgänger, dass er sich gleich von Anfang an von den Nacht- und Wochenenddiensten freiwillig ausnahm, sich für private Entbindungen allerdings rufen liess. Da rechnete Dr. Ferdinand die Kameradschaft, sich nicht vom "gewöhnlichen" Dienst freizustellen, dem ersten schwarzen Superintendenten noch nachträglich hoch an. Sicherlich war das zu Zeiten der grössten Not. Aber dennoch, ein Angebot des vierten Superintendenten, am Dienst teilzunehmen, wäre nicht auf taube Ohren gestossen, sondern hätte seine gebührende Resonanz mit dem Eintrag ins Geschichtsbuch des Hospitals nach der Unabhängigkeit Namibias gefunden. Es war unverkennbar, dass die Wertevorstellungen von einst, als die Not unter den Nägeln brannte, sich mit dem Machtwechsel von weiss nach schwarz verschoben hatten. Die hohen Erwartungen von einst, die an das Ethos und den körperlichen Einsatz eines Arztes gestellt wurden, waren nach unten geschraubt, als wäre dieser Einsatz nicht mehr nötig. Doch das Hochhalten des Ethos bedurfte der täglichen Übung mit der Kundgabe des Willens, da nicht nachzulassen, solange es noch kranke Menschen gab. So fasste die Freiheit nach aussen zwar Fuss, aber in den Herzen war sie nicht verstanden. Da wurde die Freiheit fälschlicherweise in eine intellektuelle Gleichung gebracht, wo man dem andern mehr zumutete als sich selbst. Damit nahm die Enttäuschung auf ethisch-moralischer Ebene ihre ersten, fassbaren Formen an, von denen man nur hoffen konnte, dass sie nicht Schule bei den andern machte. Denn so dumm war keiner, dass er es nicht merkte, und so blind fühlte sich keiner, dass er für ein gutes Vorbild keine Augen hätte.

Darmowy fragment się skończył.

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9783753189550
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