Czytaj książkę: «Der Wanderer»
Der Wanderer
Roman
H .G.GÖTZ
Inhaltsangabe
2016………………………………………………………………………………………………Seite 3
Im Nichts…………………………………………………………………………………Seite 13
Zweifelhafte Freiheit…………………………………………………Seite 26
Anfang ohne Ende………………………………………………………………Seite 41
Lange Nächte, Einsame Tage……………………………………Seite 68
Frau Dollein…………………………………………………………………………Seite 76
Schlaflos in Zwingendorf…………………………………………Seite 86
Feuchte Erde…………………………………………………………………………Seite 91
Magdas Gugelhupf………………………………………………………………Seite 99
Der Besuch bei Magda……………………………………………………Seite 107
Neuer Sinn in altem Leben………………………………………Seite 118
Einsamkeit………………………………………………………………………………Seite 131
Nachhilfe…………………………………………………………………………………Seite 141
Aller Anfang…………………………………………………………………………Seite 151
Das Geständnis……………………………………………………………………Seite 161
Mühe, Schmerz und Katzenliebe……………………………Seite 174
Freunde des Lebens…………………………………………………………Seite 188
Marties Besuch……………………………………………………………………Seite 204
Der Sprung ins kalte Wasser…………………………………Seite 215
Neues Leben, Alter Tod………………………………………………Seite 229
2016
Die Sonne schien ihm direkt in sein verschwollenes Gesicht.
Wieder hatte er „vergessen“, die Jalousien zu schließen. Dass es eigentlich daran lag, dass es seine, gut und gerne 1,8 Promille gewesen waren, die ihn daran gehindert hatten, verschwieg er geflissentlich.
„Blödheit rächt sich", fluchte er dennoch. Das Fluchen darüber, das schon wieder ein Morgen die Nacht vertrieben hatte, gehörte einfach dazu. Es war ihm so zur Gewohnheit geworden. So wie das allmorgendliche Urinieren.
Ächzend drehte er sich auf die andere Seite. In seinem Kopf begann es wie verrückt zu hämmern.
„Scheiße“, dachte er sich, wobei er sich an den Kopf fasste, der ihm jeden Moment zu explodieren drohte.
Er hatte keine Ahnung, wie spät es war.
In diesem Moment war es ihm auch egal.
Nachdem das Hämmern in seinem Kopf nachgelassen hatte, fragte er sich, was ihm wohl an diesem Tag den letzten Nerv rauben würde.
„Muss ich heute eigentlich arbeiten“, fragte er sich.
Ein Gedanke, den er augenblicklich wieder verscheuchte.
Langsam wandte er den Kopf, versuchte sich daran zu erinnern, wie er eigentlich ins Bett gekommen war.
„Verdammte Shots“, fluchte er.
Neben ihm regte sich etwas. Mühsam zog er das Kissen von seinem Kopf, dass seiner Meinung nach, viel zu schwer war, und zwang sich ein Auge aufzumachen.
Neben ihm lag jemand mit blonden Haaren.
„Ich hoffe, du bist eine Frau“, dachte er sich so leise es ging.
„Verdammt, was machst du denn noch hier“, dachte er sich.
Er hasste es, wenn er wach wurde und die Eroberung des letzten Abends, lag noch neben ihm.
Er schloss das Auge wieder, dass er so mühsam dazu gebracht hatte, sich zu öffnen.
Wissend, dass es nicht dabei helfen würde, dass dieser Mensch, wer immer es auch war, verschwunden sein würde, sollte es wider Erwarten gelingen, sein Auge noch einmal aufzubekommen.
Für Sekunden konnte er es unterdrücken. Dann, so
schnell er nur konnte, schlug er die Decke zur Seite, um seine Beine aus dem Bett zu schwingen. Kaum, dass er diese auf den Boden gesetzt hatte, spürte er, wie es seine Speiseröhre hochkam. Sich eine Hand vor den Mund haltend, stürzte er ins Bad, wo er seinen Mageninhalt in das Waschbecken leerte.
Nach mehreren Minuten, in denen er, alles ausgekotzt hatte, dass er in den letzten 24 Stunden zu sich genommen hatte, zog er sich einen Schemel heran und legte seinen Kopf, erschöpft auf den Rand des Waschbeckens.
Der ekelige Geruch, der vom Waschbecken aufstieg, veranlasste ihn dazu, blind nach dem Wasserhahn zu greifen. Er drehte daran und ließ kaltes Wasser in dasselbe fließen, wobei er eine Hand unter das fließende Wasser hielt, um den ehemaligen Inhalt seines Magens, in den Abfluss zu schwemmen.
„Michael, gehts dir gut“, hörte er eine Stimme vom Schlafzimmer herrufen.
„Doch eine Frau. Wenigstens was.“
Er war versucht zu antworten, spürte jedoch das Brennen in der Kehle. Er nahm einen Schluck vom kalten Wasser, gurgelte damit und spuckte es wieder aus.
„Ja, alles gut, schlaf nur weiter“, krächzte er zurück.
Im Moment konnte er alles nur keine Blondine ohne Namen gebrauchen, die ihm fürsorglich den Kopf halten wollte, während er sich die Seele aus dem Leib kotzte.
Er hob den Kopf, sah in den Spiegel, um ihn sogleich
wieder sinken zu lassen. Seine Augen waren blutunterlaufen, dicke schwarze Augenringe gaben Zeugnis davon, dass er es, wieder einmal übertrieben hatte.
Nachdem er sich der ersten Selbstvorwürfe entledigt hatte …, etwas das schnell geschafft war, wusch er sich das Gesicht mit kaltem Wasser, fuhr sich mit feuchten Händen durchs Haar und überlegt dabei, ob er wieder ins Bett gehen sollte.
„Bloß kein Gekuschel jetzt“, warnte er sich selbst.
Als er, er hatte versucht es nicht zu tun, sich im Spiegel betrachtete, sah er einen Michael den er mittlerweile nur zu gut kannte. Keine Spur mehr von dem Michael, der gerade einmal die 35 angekratzt hatte. Dafür war es noch zu früh.
Nun gut, die vollen gewellten blonden Haare, gut getrimmt waren noch immer da, ebenso das gutgeschnittene Gesicht, die fast schon griechische Nase und der volle Mund.
Momentan jedoch sah dies alles aus, als würde es einem 50-ig Jährigen gehören!
Schließlich kam er zu der Einsicht, dass es ohnehin nichts bringen würde und schlurfte in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen.
Das Mahlwerk sprang an, verursachte einen Krach, der ihm fast die Schädeldecke wegsprengte.
„Scheiß Gerät“, schimpfte er seinen teuren Vollautomaten.
Es kam ihm endlos lange vor, bis das Gerät endlich eine Tasse voll hergegeben hatte.
Als er die Tasse mit seinem liebsten Getränk, nach Wodka, in der Hand hielt, ging er auf die Terrasse, um sich dort auf einen der Korbsessel zu setzen. Zum Glück befand sich auf diesem noch die Polsterauflage. Jetzt diese noch suchen zu müssen, hätte zu viel Energieaufwand bedeutet.
„Schon besser“, dachte er sich.
Den Kaffee in kleinen, vorsichtigen Schlucken schlürfend, lehnte er sich zurück, um den Morgen langsam auf sich einwirken zu lassen. Er versuchte, am Stand der Sonne auszumachen, wie spät es sein mochte. „Neun, vielleicht zehn“, meinte er abschätzend.
In diesem Moment läutete sein Handy.
„Scheiße“, fluchte er erneut.
Nach dem sechsten Mal Klingeln gab der Anrufer auf. Der nachfolgende Piepton machte ihm klar, dass derjenige, der es darauf angelegt hatte, ihn schon am frühen Morgen mit einem Anruf den Tag zu vermiesen, eine Nachricht hinterlassen hatte.
Der Kaffee half. Nachdem er die erste Tasse ausgetrunken hatte, wissend, dass ihm eine Tasse bei Weitem nicht reichen würde, um ihn halbwegs auf die Beine zu bringen, raffte er sich auf, um zurück in die Küche zu schlurfen.
„Machst du mir auch einen Michael“, kam die Frage aus dem Schlafzimmer.
„Klar doch“ rief er zurück zu der Stimme der Person, deren Namen er vergessen hatte. Er drückte die Taste, stellte eine Tasse unter den Ausgabehahn und ging mit seiner wieder auf die Terrasse.
„Room Service is´ hier nicht.“
Am Weg auf die Terrasse kam er an dem Tisch vorbei, an dem er am Abend zuvor, sein Handy hingelegt hatte. Hin und hergerissen, ob er einen Blick darauf machen sollte, nahm er es schließlich doch in die Hand.
„Stefan“, sagte er.
„Was willst du denn um diese Tageszeit?“
Erst da sah er auf dem Display, die Uhrzeit, die ihm auf schockierende Weise klarmachte, dass es nicht nur halb Elf, sondern auch noch Donnerstag war.
„Ach nicht doch“, entkam es ihm.
„Na was solls. Jetzt ist es ohnehin schon zu spät“, beruhigte er sich selbst, schlurfte davon, um sich wieder auf den Stuhl zu setzen.
Nachdem er die Hälfte der zweiten Tasse Kaffee getrunken hatte, konnte er seinen Gewissensbissen nicht länger standhalten.
Stefan, der ihm unter all den Arbeitskollegen, die er hatte, der liebste war, hatte es nicht verdient, ignoriert zu werden. Er nahm sein Telefon zur Hand und wählte die Nummer seines Freundes.
„Mann, Michael du hast vielleicht Nerven“, hörte er die vorwurfsvolle Stimme Stefans sagen.
„Der Big Boss ist so was von verdammt sauer auf dich.“
„Wo bist du denn? Hast du die Abschlussbesprechung heute Morgen vergessen“, wollte dieser von ihm wissen.
Nachdem er ein erneutes „Scheiße“, losgeworden war, meldete sich augenblicklich sein Magen wieder.
Ja, er hatte sie vergessen!
„Warte … “, sagte er zu seinem Freund. Er musste Zeit gewinnen, um nicht den Kaffee, den er gerade erst getrunken hatte, wieder herzugeben.
Der weg von der Terrasse zum Badezimmer war eindeutig zu weit. Tief Luft holend, darum bemüht das bisschen Mageninhalt dort zu belassen, wo es hingehörte, schaffte er es. Am anderen Ende der Leitung hörte er Stefan etwas sagen, verstand ihn aber nicht, weil er das Telefon von seinem Ohr weggehalten hatte.
„Was hast du gesagt“, fragte er, als er sich endlich wieder sicher sein konnte, dass er Stefan nichts vorkotzen würde.
„Ich habe gesagt, dass der Chef sauer auf dich ist, weil du heute wieder nicht aufgetaucht bist! Der will dich sofort sehen, wenn du bei der Tür hereinkommst.“ „Mann, du hast uns ganz schön hängenlassen.“
Der Gedanke, dass er diesen Termin in seinem Suff tatsächlich vergessen hatte, ließ ihn erneut würgen.
„Hast du was gesagt“, hörte er Stefan fragen.
Michael ließ das Telefon erneut sinken.
„Durchatmen“, mahnte er sich.
„Immer schön durchatmen!“
Es half nichts. Sein Magen, auf Aufregungen dieser Art noch nicht vorbereitet, ließ sich nicht weiter besänftigen. Er warf das Telefon auf den Tisch, stürzte ins Badezimmer und gab die eineinhalb Tassen schneller wieder von sich, wie er sie getrunken hatte.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass nichts mehr kommen würde, ging er zum Tisch zurück, nahm das Telefon auf und hörte, dass Stefan in der Zwischenzeit aufgelegt hatte.
So sehr sich alles in ihm sträubte. Er musste in die Gänge kommen. Auch wenn sich sein Kopf anfühlte, als würde jemand versuchen seine Schläfen mit Hammer und Meißel bearbeiten.
Als er aus der Dusche kam, um sich aus dem Kleiderschrank etwas zum Anziehen zu holen, sah er, dass Blondie sich verdünnisiert hatte.
Ohne die benutzte Tasse in die Spüle zu stellen.
„Du kommst mir nicht mehr ins Haus“, dachte er sich. Er hasste Unordentlichkeit.
Er musste Stefan anrufen!
Mit angezogener Jeans und freiem Oberkörper ging er erneut auf die Terrasse, wo noch immer die halbe Tasse Kaffee stand. Mittlerweile kalt.
„Kalter Kaffee macht schön“, dachte er und nahm einen Schluck davon.
„So, wie ich heute Morgen aussehe, brauch ich jede Menge davon.“
Stefan nahm nach dem ersten Läuten ab.
„Sag mal Alter“, hast du dir gestern Abend wieder derartig den Rest gegeben, dass du das heutige Meeting vergessen hast?“ Unglaube schwang in seiner Stimme mit.
„Schuldig.“ Michael wusste nicht, ob der seichte Scherz angekommen war, wartete mit gekrauster Miene, wie Stefan reagieren würde.
„Du sitzt tief in der Scheiße!“
Mehr kam nicht.
Nach einer Pause, die Michael zu lange vorkam, fragte er: „Wie schlimm ist es?“
Stefan ließ mit der Antwort auf sich warten. Die Pause zog sich, so schien es ihm, endlos hin.
„Na komm schon“, wandte Michael ein.
„Er wird mich schon nicht gleich rausschmeißen“, meinte er.
Noch immer keine Antwort.
„Ich glaube, du solltest auf alles vorbereitet sein.“ Diese Antwort hatte er nicht erwartet.
„Was soll denn das heißen?“
Die Atmosphäre, die sich rund um diese Frage gebildet hatte, schien sich mit einem Mal geändert zu haben. Er spürte, dass da mehr im Busch war, wie nur der übliche Anschiss.
„Hör mal“, begann Stefan.
„Du sollst morgen früh sofort zu ihm kommen."
Ja, die Tonlage hatte sich geändert.
„Da ist wirklich was im Busch."
„Aber, er hat mich doch noch nicht mal angerufen“, warf
Michael ein.
„Hast du sie noch alle“, wollte Stefan von ihm wissen. „Was erwartest du denn“, gab Stefan zurück.
„Das der Chef dich anruft, um dich zum wiederholten Male darauf aufmerksam zu machen, dass du einen Job hast?“
„Beim letzten Projekt hast du mehr wie einmal einen Termin verbockt, weil du dir die Nacht davor die Birne zugeknallt hast. Ganz zu schweigen von den Ausfällen zwischendurch.“
Stefans Litanei schien kein Ende zu nehmen.
„Schon gut, schon gut“, protestierte Michael. „Ich weiß, ich weiß.“
Die erneute Pause zog sich wieder in die Länge. Sie fühlte sich wie etwas Endgültiges an. Nach einer Weile meldete sich Stefan wieder zu Wort.
„Hör mal“, begann er.
„Komm morgen früh so frisch und nüchtern wie möglich in das Büro des Chefs. Er erwartet dich.“
Michael glaubte, einen Seufzer durch den Hörer wahrzunehmen.
„Also, ruh´ dich aus. Wir sehen uns dann morgen!“
Stefan hatte aufgelegt.
„Das sieht nicht gut aus. Das sieht gar nicht gut aus“, hallte es in seinem Kopf.
Noch war nichts gesagt, nichts entschieden, versuchte er sich zu beruhigen. Offiziell hatte er seinen Job noch. Offiziell. Zumindest bis morgen früh!
„Du wusstest doch, dass es irgendwann einmal so weit kommen würde“, sagte er sich. Nur um sich im nächsten Moment zu sagen: „Was redest du denn da.“
„Du tust ja gerade so, als hättest du den Job so gut wie verloren!“
Er war durcheinander. Wusste nicht, was er denken sollte.
Er sah vor sich hin, sah auf den Rasen seines gemieteten Hauses. Sah wie sich der Goldregen, den irgendwer einmal an den Rand des kleinen Gartens gesetzt hatte, sich leicht im Wind bewegte.
So eigenartig es ihm ihn diesem Augenblick auch vorkam. Nach einer, wie es ihm schien, endlos langen Zeit empfand er so etwas wie Frieden.
Frieden der ihm, dem kurzen Gespräch zufolge, dass er gerade mit Stefan geführt hatte und dass nichts Gutes erwarten ließ, seltsam vorkam.
„So musste sich ein Delinquent vorkommen, der, wenige Stunden bevor er hingerichtet werden sollte, sich mit der Tatsache abgefunden hatte, dass er an dem was ihm bevorstand, nicht mehr ändern konnte.
Der seinen Frieden mit sich selbst und der Welt geschlossen hatte.
Und so ließ er es zu. Ließ es zu, dass egal was ihn morgen auch erwarten würde, er darüber seinen Frieden nicht verlieren würde!
Im Nichts
„Tut mir leid, aber ich kann sie leider nicht mehr halten“, war der Satz der Michael für lange Zeit in Erinnerung bleiben würde.
Er war am nächsten Tag, pünktlich um neun Uhr im Büro des Regionalmanagers angetanzt, um sich für sein wiederholtes Fehlverhalten, so wie dieser es ausdrückte, zu entschuldigen. Denkend, dass er auch diesmal wieder davonkommen würde.
„Du hast dir in den letzten 5 Jahren den
Arsch für die Firma aufgerissen. Die werden dich, nur weil du mal bei einer Besprechung gefehlt hast, nicht gleich rausschmeißen.“
Der Versuch, sich die Situation schön zu reden, wirkte nur solange bis er in dessen Büro kam.
Ein Versuch, den er ohne die Unterstützung des Alkohols, nicht zuwege gebracht hatte.
„Ich brauche in dieser Position wirklich jemanden, der die Sache vorantreibt. Sie am Laufen hält.“
„Wenn ich mich auf diesen jemand, in dem Fall auf sie, nicht verlassen kann, weil er, verzeihen sie, ein Alkoholproblem hat, dann muss derjenige die Konsequenzen dafür tragen!“
Die Worte kamen klar, deutlich und durchdringend bei Michael an.
Fast wäre es den Sätzen gelungen, ihn nüchtern zu machen.
Bereits während der „Ansprache“ wusste er, dass er diesmal nicht mit einer Rüge davonkommen würde.
„Sie können mir nicht vorwerfen, dass ich nicht immer wieder ein Auge zugedrückt habe, wenn sie wieder einmal, nun, sagen wir mal, nicht ganz nüchtern dahergekommen sind. Oder, so wie gestern nicht zu einem Termin, einem wichtigen, wie sie wissen, erschienen sind. Sie haben sich in den letzten Monaten zu sehr gehen lassen“, fuhr er fort.
„Sich dann und wann einen hinter die Binde zu gießen, schön und gut, aber fast jeden Tag …!"
„Verdammt“, schoss es ihm durch den Kopf. „Der kleine Scheißer hat alles mitbekommen.“
Der Regionalmanager, mit dem Namen Weißbauer-Zipfler, dem er den einen oder anderen unschönen Reim beschert hatte, hatte sich in einen regelrechten Rügen-Rausch geredet.
„Wir alle wissen, dass der Stress in diesem Gewerbe überhandnehmen kann und das viele, dann und wann, ein Problem mit Alkohol bekommen.“
„Ich dachte allerdings, dass sie das eventuell unter Kontrolle halten könnten.“
Der Blick, mit dem er ihn musterte, empfand Michael
als abschätzend. So als wäre er enttäuscht von ihm. Dieser Weißbauer-Zipfler, ein Anfang Fünfziger, mit einem mehr als lächerlichen Namen, dünnem, schütterem Haar, dem er zu viel Haaröl zukommen ließ und einem schief, stehenden Zahn, der ihm, wenn er nicht darauf achtgab, aus dem Mundwinkel ragte.
„Seltsam“, dachte er sich. „Ich hab es gewusst. Hab es kommen sehen!“
War das der Grund warum er, seit dem gestrigen Anruf von Stefan diese Ruhe, diesen Frieden verspürt hatte? Weil er die Gewissheit hatte, dass er, einem Delinquenten gleich, der nicht mehr auf ein Pardon hoffen dufte, sich mit der Tatsache abgefunden hatte, dass das Urteil unumstößlich war?
Es machte ihm, zumindest nicht allzu viel aus, dass er gerade dabei war, gefeuert zu werden! Das Unangenehme bei der ganzen Sache war, dass er sich das Herumgezetere dieses Zipflers anhören musste. Den er, ohnehin noch nie leiden konnte.
Als es ihm schließlich reichte, beschloss er die einseitige Unterhaltung zu beenden. Bevor der Typ ihn mit noch mehr Gejammer in den Ohren liegen würde.
„Wissen sie was“, begann Michael.
„Sie haben vollkommen Recht. Machen sie mir einfach die Papiere, die Abrechnung, inklusive Urlaubs- und Weihnachtsgeld fertig und wir gehen getrennte Wege.“
Er war tatsächlich weder nüchtern noch betrunken genug, um sich dessen Litanei länger anhören zu können.
Damit stand er auf, knöpfte sich den mittleren Knopf
seines Sakkos zu und hielt Weißbauer-Zipfler, seine Hand zum Abschiedsgruß hin.
„Verstehen sie mich …“, setzte dieser nochmals an.
„Ich verstehe sie vollkommen“, entgegnete ihm Michael.
Michael, machte sich daran zu gehen.
„Ich darf mich für alles Bedanken und gleichzeitig verabschieden“, womit er ihm seine Hand geradezu zum Gruß aufzwängte, diesen seicht anlächelte.
Er wollte nur noch eines. Schnell aus diesem Büro raus, in dem ihm das Atmen zunehmend schwerfiel.
Verblüfft hielt ihm Weißbauer-Zipfler – diesen Namen würde er sein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf bekommen – die Hand hin.
Michael schüttelte diese brav – nichts lag ihm ferner, als sich als leidenden Scheidenden zu zeigen – und verließ das Büro.
Auf dem Weg nach draußen sah er Stefan, der ihm einen fragenden und zugleich ernsten Blick zuwarf.
Das mitleidige Lächeln seines, nunmehr ehemaligen Arbeitskollegen, verdrängte er so gut es ging.
Was er jetzt auf keinen Fall brauchen konnte, war ein „Ei-Ei-armer Junge“.
Michael warf ihm ein “Ich-ruf-dich-an“ Zeichen zu während er sich auf den Lift zubewegte.
Draußen an der frischen Luft, nahm er die, ohnehin lose
gebundene Krawatte ab, steckte sie in die rechte Tasche
seines Sakkos und blieb einen Moment lang stehen.
„So, Alter, jetzt hast du es geschafft“, sagte er zu sich selbst.
Seltsamerweise erregte ihn die Tatsache, dass er gerade
seinen Job verloren hatte, nicht besonders.
Irgendwie verspürte er sogar Erleichterung. Es kam ihm vor, als wäre ihm eine Riesenlast von den Schultern genommen worden.
Kaffee, das war es jetzt was er brauchte.
Keine 50 Meter von ihm entfernt war die Cafeteria, die zu dem gleichen Bürotower gehörte wie die Firma, welcher er bis vor Kurzem noch angehört hatte. Das Risiko, von den anderen, ehemaligen Kollegen gesehen zu werden, wie er dort seinen Kaffee trank, er der soeben Geschasste, ließ ihn von der Idee abkommen.
Unschlüssig wohin er gehen sollte, stand er einen Moment lang da.
Es war ein fast wolkenloser Tag, es würde wieder sehr warm werden. Er sah sich um, hob den Kopf, so als müsste er Witterung aufnehmen, um zu erschnuppern, wo er seinen Kaffee bekommen könnte, und hatte mit einem Mal eine Eingebung.
„Auf zu Marties“, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf.
Marties, der eigentlich Martin hieß, betrieb eine der Bars, in die er zwei bis dreimal die Woche ging, um sich dort seine Wodkas ohne Ende reinzuziehen und sich eine der Büro-Tussies, wie er alle nannte, die zwei Beine, Brüste und alle anderen weiblichen Attribute besaßen, auszusuchen.
Ein Vorhaben, dass, abhängig von seinem Alkoholpegel, meistens gelang.
Von Martie wusste er, dass er vormittags immer in seinem Laden war, um all das zu erledigen, wofür er nachts keine Zeit oder Lust hatte. Es wäre nicht das erste Mal, dass er tagsüber bei diesem reingeschneit käme, um sich seine Dosis Büffelgras Wodka zu gönnen.
„Also, dann trinken wir einen auf die neu gewonnene
Freiheit“, rief er aus. Das ihn dabei die beiden
vertrockneten Bürotanten abschätzend beobachteten, die gerade an ihm vorbeigingen, kümmerte ihn wenig.
Als er, nach dem dritten Mal an die Tür der Bar geklopft hatte, schloss Martie, die Tür auf.
„Morgen Michael“, sagte dieser. Anscheinend wirklich erfreut diesen zu sehen.
„Solltest du nicht im Büro sein, um einer Sekretärin die Bluse auszuziehen!“
„Das mit der Bluse der Sekretärin hat sich momentan“,
erwiderte dieser nur.
„Obwohl das …, unter normalen Umständen tatsächlich das wäre, das ich jetzt tun würde.“
„Wie das“, fragte er Michael, der, kaum dass er eingetreten war und die Tür hinter ihm schloss.
„Ich hab meinen Job geschmissen“, gab er zurück. „Scheiße, wieso das denn.“
Die beiden kannten sich, seit Martie die Bar vor drei Jahren übernommen hatte. Damals, eine Bar die der Vorbesitzer an die Wand gefahren hatte, hatte Martie mit unermüdlichem Einsatz und dank seiner guten Kontakte innerhalb der Gastronomie, schnell zu einem Geheimeitipp gemacht.
Die Bar zeigte sich von da an im coolen stylishen Lounge Stil. Klassische Ledermöbel standen in angenehmen Abstand zueinander, dazwischen kleine Tische in edlem Holz und Marmor gehalten. Die falschen Palmen hatte er gegen echte getauscht und das musikalische Hintergrundprogramm umgestellt. Das Personal, gut trainiert und alle, selbst die Männer gutaussehend und sexy, wussten was sie taten und behandelten die Gäste wie Freunde, die sie schon seit Langem kannten. Auch wenn sie diese erst zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hatten.
Die Getränkeliste konnte mit den besten Bars der Stadt mithalten und wer es drauf anlegte, konnte hier auch seinen Bedarf an bestem weißen Pülverchen decken, dass einem selbst den beschissensten Tag, herrlich erscheinen ließ.
Michael, so er auch wusste das Martie nicht zu den
Plaudertaschen gehörte, wollte ihm nicht unbedingt beichten, dass er rausgeschmissen wurde, weil er in den letzten Monaten zu sehr Gas gegeben hatte, und so sagte er: „Ich hab´ einfach die Schnauze voll gehabt von diesem andauernden Stress!“
Für einen Tag lang, war es genug der Litaneien.
„Und ich hab´ immer geglaubt, dass du eines Tages die
Kündigung kriegst!“
Michael hielt kurz inne, versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.
„Und was machst du jetzt“, wollte Martie von ihm wissen.
„Jetzt bekomme ich zuerst mal deinen besten kalten Wodka und ein paar gesalzene Erdnüsse! Und währenddessen ich den flüssigen Teil davon vernichte, überlege ich mir, was ich mit der neu gewonnenen Freiheit anfange.“
„Dein Wunsch ist mir Befehl“, gab Martie zurück, bewegte sich hinter die Bar und holt eine nagelneue, eiskalte Flasche Büffelgras-Wodka aus dem Eisfach, griff nach einem Glas das er vor Michael hinstellte und sagte: „Wohl bekomm’s!“
„Hör mal. Ich würde ja gerne mit dir auf die neu gewonnen Freiheit anstoßen …“; begann er.
„Aber Monatsbeginn steht an und ich muss noch einen ganzen Arsch voll Buchhaltung abarbeiten! Hast du was dagegen, wenn wir das ein andermal nachholen?“
„Klar doch“, sagte dieser nur.
„Ich hab´ ja alles, was ich brauche. Wenn ich Nachschub brauche, weiß ich, wo ich dich finde“, fuhr er fort.
„Ich setz mich dort auf die Couch“, sagte er nur.
„Mach es dir bequem“, erwiderte Martie.
„Willst du was Chilliges hören“, fragte Martie.
„Ja, das wäre nett. Aber schön leise bitte!“
„Dein Wunsch ist mir Befehl“, antwortete Martie, drückte daraufhin auf einen Knopf der B&O Anlage, woraufhin sanfte, melodische Chillout Musik ertönte.
„Bis dann“, hörte er Martie noch sagen und war auch schon wieder in Richtung seines Büros verschwunden.
„So lässt es sich leben“, dachte er sich als er auf der breiten, gemütlichen Ledercouch Platz nahm.
Erst jetzt fiel ihm ein, dass ihm ursprünglich mehr nach einem Kaffee zumute war. Martie jetzt aber schon wieder von seiner Arbeit abzuhalten, widerstrebte ihm.
„Was solls“, sagte er zu sich selbst.
„Der frühe Vogel, ertränkt sich früh“, wobei er sich das erste Glas des Tages einschenkte.
Es schüttelte ihn, als er den Wodka getrunken hatte.
Er sah auf das leere Glas in seiner Hand und würde mit einem Mal nachdenklich.
„Bist du jetzt schon so weit, dass du schon am hellen Vormittag mit Wodka anfängst?“
Normalerweise begann er den Tag mit etwas Sanfterem. Ein trockener Martini oder dergleichen, reichte gerade um ihn in die Gänge zu bringen und die Hände ruhig genug zu halten.
Er wusste, dass er damit zu weit ging. Es schon lange tat. Tief in seinem Innersten, so tief er dabei auch nicht graben musste, wusste er, dass er auf einem Weg war, auf dem er nichts Gutes finden würde.
In diesen Augenblicken der Einsicht, die immer dann kam, wenn seine Stimmung gedrückter war, wie sie hätte sein sollen, hatte es für ihn den Anschein, als würde er an einem Scheideweg stehen. An einer Weggabelung, an der er genau wusste, welchen Weg er zu gehen hatte.
Nur um am Ende wieder die falsche Richtung einzuschlagen.
„Was mach´ ich hier nur“, fragt er sich. Er sah sich um, sah die Bar, die jetzt so verlassen, so einsam wirkte. Sah den Raum, der abends voller, gut gelaunter attraktiver Menschen war. Menschen die alle auf der Suche nach …, etwas waren. Wovon, so glaubte er zu wissen, die meisten keine Ahnung hatten, was dieses Etwas eigentlich war.
Es war gegen Mittag, als Martie ihn weckte. Zuerst ungehalten, weil ihn jemand bei seinem Nickerchen störte, beruhigte er sich augenblicklich wieder, als er durch halb geöffnete Lider sah, dass er nicht Zuhause war.
Früh hatte er herausgefunden, dass es von Vorteil sein konnte, dass man sich ungehalten sein nur dann erlauben konnte, wenn man sich in den eigenen vier Wänden befand.
„Mann, wir kennen uns ja schon eine ganz Weile, aber dass du die ganze Flasche Wodka in so einer kurzen Zeit wegkippst, hätte ich auch von dir nicht erwartet.“
Martie hatte sich auf die Lehne des Couchsessels gesetzt, eine Tasse Kaffee in der Hand und sah auf ihn hinunter.
„Wie spät ist es denn“, fragte Michael ihn.
„Na ich schätze so um Mittag herum. Hab meine Uhr im Büro“, erwiderte Martie kurz.
„Verdammt“, stöhnte Michael.
„Ich hätte mir vielleicht doch nicht die ganze Flasche reinziehen sollen.“
„Zu spät Alter!“
Er lehnte sich wieder zurück, legte seine Hände über sein Gesicht, weil der einzige Sonnenstrahl, der durch das Fenster drang, ausgerechnet den Weg zu seinem Gesicht gefunden hatte.
„Hör mal“, fing Martie an.
„Ich will hier ja nicht wie deine Tante Emma rüberkommen. Abgesehen davon das ich nicht einmal weiß, ob du eine solche Tante hast. Aber denkst du nicht das du vielleicht ein wenig langsamer mit dem Alkohol machen solltest?“
Michael ließ sich mit der Antwort Zeit.
Welche Antwort sollte er auch auf eine Frage geben, von der er wusste, dass sie ihn so oder so, schlecht aussehen ließ?
„Du willst doch nicht deinen besten Kunden verlieren, oder“, versuchte Michael einen Scherz.
Eigentlich ging ihm die Bemerkung Marties auf den Geist, beherrschte sich aber.
Außerdem war ihm nicht danach, an ein und demselben Tag Job und Freund zu verlieren.
„Kannst du mir bitte ein Taxi rufen“, bat er Martie.
„Klar“, sagte dieser.
„Hier, ich habe dir einen doppelten Mokka gemacht“, wobei er ihm eine Tasse hinhielt.
„Danke“, bekam er gerade noch heraus, bevor sein Magen heftig zu rebellieren begann. Martie schien es mitbekommen zu haben und warnte ihn.
„Wenn du mir jetzt hier auf den Boden kotzt, wischt du die Scheiße weg.“
Eine Warnung und Aussicht, die Michael davon Abstand nehmen ließ, sein Mageninneres von sich zu geben.
„Du solltest zwischendurch auch mal was essen“, hörte er Martie sagen, der schon auf dem Weg ins Büro war, um ihm einen Wagen zu rufen.
„Echt Mann, du hast gut und gerne 10 Kilo abgenommen.“
Michael gab ein „Ja, Tante Emma zurück“; dass ihm einen Stinkefinger von Martie einbrachte.
Nach einer knappen Minute kam Martie wieder aus dem Büro zurück.
Michael hatte sich in der Zwischenzeit aufgesetzt, versuchte, sich an die aufrecht sitzende Position zu gewöhnen.
„Der Wagen ist in ungefähr 5 Minute da, haben sie gesagt“, sagte Martie zu ihm.
„Danke“, erwiderte Michael, wobei er dankend seine Hand hob.
„Geh am besten nach Hause und schlaf dich mal so richtig aus. Du siehst aus, als hättest du seit einer Woche nicht mehr richtig geschlafen“, ermahnte er ihn.
Nach wenigen Minuten klopfte es an der Tür der Bar.
„Das wird dein Taxi sein“, sagte Martie.
„Warte mal, ich muss dir noch den Wodka zahlen“, fiel Michael ein, der begann in seinen Taschen nach Geld zu suchen.
„Lass gut sein Alter. Das machen wir das nächste Mal“, winkte Martie ab.
„Aber vergiss bloß nicht drauf“, erwiderte Michael.
„Schon gut“, meinte Martie, der sich an der Tür zu schaffen machte.
Michael kannte den Taxifahrer. Er hatte diesen schon des Öfteren als Fahrer gehabt, allerdings nur nachts.
„Alex“, rief Michael, der den Fahrer auf Anhieb erkannt hatte.
„Ich dachte, du fährst nur nachts.“
„Hallo Michael“, freute sich der Taxifahrer.
„Nein, ich habe die Schichten geändert. Mir war die Nacht zu anstrengend geworden, mit all den Besoffenen und Nutten!“
Erst jetzt merkte er, dass Michael auch nicht mehr zu den Nüchternen gezählt werden konnte.
„Anwesende ausgenommen“, setzte er schnell nach.
„Was haben sie denn mit dir angestellt“, wollte Alex von ihm wissen.
„Mit mir? Warum“, wunderte sich Michael.
„Mir gehts doch gut“, wollte er klargemacht wissen.
„Ja ja, bis auf die Tatsache das man dich kaum versteht und du aussiehst, als hättest du die ganze letzte Woche
durchgemacht!“
„Also, ich weiß nicht, was ihr habt“, gab Michael zu bedenken.
„Ich versteh mich einwandfrei.“
„Also“, sagte Martie.
„Tu mir einen Gefallen und bring ihn mir gut nach Hause. Und pass auf das er dir nicht in den Wagen!“
„Hier hast du einen Hunderter“, womit er Alex einen grünen Schein in die Hand drückte. Ich weiß nicht, ob Mr. Buffalo genügend Geld bei sich hat.“
„Aber ich hab doch … “, fing Michael an.
„Schon gut“, warf Martie ein.
„Wir rechnen schon noch ab. Und jetzt mach einen Abgang hier“, meinte er im Scherz. „Ich muss mich auch noch ein paar Stunden aufs Ohr hauen. Wird heute wieder eine lange Nacht“, gab Martie zu bedenken, wobei er auf dem Weg war, um Michael dabei zu helfen auf die Beine zu
kommen.
„Na komm. Hoch mit dir.“
Zusammen gingen sie zum Ausgang.
„Also dann, schlaf dich aus und lass für die nächsten zwei Tage mal die Finger vom Alkohol“, forderte er von Michael.
„Mach ich. Versprochen Tante Emma!“
Martie sah zu, wie Alex Michael in den Wagen half. Dieser, kaum dass er im Wagen war, fiel auf die Seite.
Martie sah dem Wagen nach, bis dieser um die
Straßenecke verschwunden war.
Er schüttelte den Kopf, sich wundernd und betroffen zugleich.
Er hatte schon den einen oder anderen Absturz Michaels
mitbekommen. Allerdings hatten sich diese Abstürze in den letzten Monaten gehäuft. Waren so häufig, dass er sich die Frage stellen musste, wie lange das noch gut gehen konnte.
Mit gesenktem Kopf ging er zurück in die Bar.
Er nahm sich vor, ihn ein wenig mehr im Auge zu behalten.
Zu oft, hatte er miterleben müssen, wie sich einer seiner Freunde zu Tode gesoffen hatte ohne, dass er etwas dagegen hätte unternehmen können.
Noch einer wäre zu viel.
Außerdem mochte er diesen Buffalo-Mike, wie nur er ihn nennen durfte. Hatte ihn vom ersten Tag an gut leiden können.
Schnell hatte er erkannt, dass hinter der Aufreißer-Fassade, sich ein Mensch befand, der wie so viele nur eines suchte.
Den Sinn im Leben.
Hatte so lange danach gesucht, bis ihm die Lust ausgegangen ist, danach zu suchen, um sich dann, enttäuscht vom langen erfolglosen Suchen, mit zu viel Arbeit und noch mehr Alkohol, abzulenken.
Zweifelhafte Freiheit
In den ersten Tagen nach seinem Rausschmiss schien sich die Welt für Michael im neuen Licht zu präsentieren.
Endlich genügend Zeit, um auszuruhen, durchzuhängen. Sich abends in Schale schmeißen, um all jene Orte zu besuchen für die er, eigener Meinung zufolge, nie genügend Zeit gehabt hatte.
Bars, Klubs und andere Orte, an denen es Wodka, Caipirinhas, und Tequila bis zum Abwinken gab. Ohne andauernd den Plagegeist im Hinterkopf hören zu müssen, der ihn ständig dran erinnerte, dass er es übertrieb. Das am nächsten Tag ein Job auf ihn wartete. Einen Job, den er zwar hasste, den er zum Teufel wünschte und dessen Sinnhaftigkeit er ohnehin schon lange infrage gestellt hatte.
All diese Dinge waren nun nicht mehr wichtig.
Freiheit hieß jetzt das magische Wort, dass so viel versprach, dass sich so gut anfühlte, als wäre es soeben erst geboren worden.
„So muss es sich anfühlen, wenn man neugeboren wird“, dachte er sich.
In den ersten Tagen, die auf seinen einsamen Absturz in Marties Bar folgten, hatte er sich – etwas das ihn selbst erstaunte - in seine vier Wände zurückgezogen. Lief in Shorts, barfüßig und frei von belastenden Gedanken in der Wohnung und dem kleinen Garten herum. Betrachtete die Nachbarin des Reihenhauses, die zwei Häuser weiter wohnte, befand, dass sie doch kein würdiges Opfer seiner sexuellen Lust sein sollte.
„Wer mit so einem Arsch herumrennt, ist es nicht wert von mir gebumst zu werden.“
Doch da war etwas.
Dieses drückende Gefühl, dass sich gnädiger Weise im Hintergrund hielt, aber dennoch immer da war und dass sich, so sehr es auch zu verdrängen versuchte, sich in seinem Kopf, festgekrallt hatte.
Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er dasaß, vor sich hinstarrte und versuchte etwas in diesem Raum zu erkennen, dass nur er sehen konnte.
Etwas, wovon er wusste, dass es ihn begleiten würde, bis er ihm Beachtung schenkte.
Da half nur eines.
Auf in die alten angestammten Jagdgebiete!
Zu Marties oder in einer der anderen Bars, in denen die Willigen zu Dutzenden an der Bar standen. Nur darauf wartend in seinem Bett zu landen oder auf dem Küchentisch.
Inmitten seines wiederaufgenommenen Lebensstils, der sich ohne Job umso vieles leichter leben ließ, machte er eine Entdeckung.
Eines Tages, er kam gerade aus der Dusche, besah er sich während des Abtrocknens im Spiegel.
„Mann, du siehst ja wirklich scheiße aus! Wann ist denn das passiert“, wunderte er sich über den Körper, den er im Spiegel sah. (Das Gesicht ließ er wohlweislich aus dem Spiel).
Konnte nicht glauben, dass dieses dünne Etwas, das ihm
da entgegensah, wirklich er war. Die Rippen waren deutlich zu sehen. Der einstige Sixpack, den er sich trotz der endlos langen Arbeitstage antrainiert hatte, war fast zur Gänze verschwunden. Seine Muskelmasse hatte sich in eine weiche Schlaffheit verwandelt.
Das was er da sah, schien nicht ihm zu gehören. Konnte es nicht!
So sehr ihn auch schockierte, was er da im Spiegel sah, so sehr er sich auch vornahm, dies zu ändern, so sehr wusste er, dass es ihm nicht gelingen würde.
Versuche, an seinem Aussehen etwas zu ändern, wie das
Auftragen einer Antifalten-Creme, die er sich in einem
seiner seltenen eitlen Anfälle besorgt hatte oder der Besuch im Sonnenstudio, hatten sich schon in der Vergangenheit, als zu stressig erwiesen.
Der Versuch etwas anderes zu trinken, dass weniger als 18 % Alkohol hatte, scheiterte an der Wirkungslosigkeit dieser Getränke.
Als Alex ihn von Marties nach Hause gebracht hatte, nahm er sich vor den Rest des Tages, wenn möglich die darauffolgende Nacht durchzuschlafen.
Kaum zuhause angekommen, streifte er die Schuhe ab, zog das Sakko aus, um es auf den Couchsessel fallen zu lassen, entledigte sich seines Hemdes, zog die Socken aus, die er dort liegen ließ, wo es ihm gelungen war, sie abzustreifen.
Es war ein schöner Tag. Es war warm und seine Terrasse lag in angenehmen Schatten.
Schließlich ging er in die Küche, um den Kaffeevollautomaten erneut wegen seines Höllenlärms zu verfluchen, und ließ sich von diesem einen großen schwarzen Kaffee machen.
Damit bewaffnet ging er mit auf die Terrasse.
Der Kaffee schmeckte schal.
Trotzdem, so viel wusste er, musste er runterkommen.
Zwei Schritte geradeaus zu gehen oder die Tasse mit dem Kaffee darin auf die Terrasse zu bringen, ohne auszuschütten, erwiesen sich als nicht zu bewältigende Challenge.
Als der Kaffee weit genug runtergekühlt war, trank er diesen auf einmal aus.
Seltsamerweise blieb der Wodka in ihm drin. Trotz des
Kaffees, der ihm in der Vergangenheit zu dem einen oder
anderen, rettenden Erbrechen verholfen hatte, wenn es wieder einmal darum ging, schnell und effektiv nüchtern zu werden.
Zumindest so nüchtern, dass man ihm nicht ansah, dass er vor Kurzem noch stockbesoffen gewesen war.
An diesem Tag auf der Terrasse schien dieses altbewährte Mittel nicht zu helfen.
„Na was solls“, fragte er sich.
„Wozu das Ganze?“
In den folgenden Wochen konzentrierte er sich darauf, sein Leben auf das für ihn, Wesentliche zu beschränken. Morgens, nachdem er das Schlimmste des
Hangovers bezwungen hatte, das erste Glas des Tages ebenso, genoss er die Zeit, die er plötzlich zur Verfügung hatte. Dabei hatte er herausgefunden, dass die Terrasse auch wirklich als solche benützbar war.
War sie früher nur ein räumliches Anhängsel, das sich nett ausmachte, ertappte er sich zunehmend dabei, dass er immer öfters auf dieser abhing.
Hier war er ungestört, allein.
Und wie gut ihm dieses Allein-Sein tat!
Die Welt, wie er sie kannte, hatte hier keinen Zutritt.
Dann und wann, erinnerte sich eine Hausfrau daran, dass es einen Staubsauger gab oder dass der Rasen, den ihr überforderter Ehemann zu mähen vergessen hatte, es wieder einmal nötig hatte.
Die einzigen störenden Hindernisse, die er gelten ließ.
Der Blick, den er von seiner Terrasse aus hatte, ließ ihn die angrenzenden Felder und Äcker sehen.
Erst jetzt, zu einem Zeitpunkt, als er bereits fünf Jahre hier wohnte, wurde er sich zum ersten Mal bewusst, das sich keine zweihundert Meter von seinem Zuhause einem Maisfeld befand.
Von den Windrädern, ganz zu schweigen.
Und dennoch, trotz all der Annehmlichkeiten, die er vor Augen hatte, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass etwas fehlte.
Bis er sich der wachsenden Unruhe, die all diese ungewohnten Emotionen in ihm wachriefen, nicht mehr erwehren konnte.
Die Frage nach der Bedeutung, dieses und jenen, war zu mühsam, um weiterverfolgt zu werden.
Das Denken verschlang zu viel seiner Energie, ließ ihn unrund werden.
Also trank er. Trank, was ihm in die Hände fiel. Anfänglich darauf bedacht, nicht schon am Vormittag mit harten Sachen anzufangen, versuchte er es mit Bier.
Ein Vorhaben, das er schnell wieder bleiben ließ, da die milde Wirkung desselben, die ständig wiederkehrenden Gedanken nach dem Warum und Wieso, nicht abzutöten imstande war.
„Einfach nur dasitzen und Sein!“
Ein Satz den er, einem Mantra gleich, immer wieder vor sich hinsagte. Nicht wissend, warum er es tat.
Es tat ihm gut und das reichte.
Dieses Wiederholen des immer gleichen Satzes hatte etwas Beruhigendes. Es war, als würde er sich damit Balsam auf die Seele streichen.
„Hat Gefühl denn etwas mit Seele zu tun", fragte er sich. Fragen wie diese, die plötzlich von irgendwoher aufgetaucht waren, begleiteten ihn durch den Tag.
Je mehr er trank, umso drängender wurden diese.
Es überraschte ihn, dass er sich plötzlich, mit Fragen dieser Art beschäftigte. Fragen die von irgendwoher auftauchten, sich in seinem Kopf manifestierten und sein Innerstes in Anspruch nahmen.
Er wusste nicht, ob er versuchen sollte, sie zu beantworten?
Er ertappte sich dabei, wie er versuchte herauszufinden, ob und von welcher Bedeutung es wäre, würde er auch nur eine dieser Fragen beantworten können.
Jedes Mal ohne Ergebnis.
Anfangs versuchte er die Wichtigkeit dieser, seiner Gedanken zu leugnen, doch merkte er schnell, dass diese eine Art eigene Existenz angenommen hatten.
Es füllte seinen Kopf mit Dingen, die ihn allesamt nur für eine kurze Zeit beschäftigten. Hauptsache er musste sich nicht mit jenen Fragen beschäftigen, die so unnachgiebig nach oben drangen.
„Was würde es schon bringen, eine Antwort auf jene Fragen zu bekommen, an denen sich schon andere, weisere Männer wie er, die Zähne ausgebissen hatten?“
Dennoch – er konnte es nicht leugnen - war es ihm zu einer lieb gewordenen Gewohnheit geworden, einfach nur dazusitzen und über Dinge nachzudenken. Ein Widerspruch in sich, wie er fand, dem er aber trotzdem Raum gab.
Er fragte sich ob es an seinem Charakter lag oder einfach an der Art wie er, bis vor Kurzem noch, gewohnt war zu denken, dass ihn plötzlich dazu trieb, sich mit diesen Widersprüchen auseinanderzusetzen.
Hatte er sich tatsächlich begonnen sich zu verändern? Er wusste es nicht.
Oft gelang es ihm nicht, einen Gedanken längere Zeit zu halten. Immer wieder sprinteten diese, seine Gedanken davon. Fand sie nicht wieder. Um dann den Nächsten aufzugreifen.
Immer dabei, ein Glas mit bernsteinfarbenen, weißen oder gold-gelben Inhalt darin.
Eines Abends, war er am Boden liegend aufgewacht. Es hatte ihn zu frösteln begonnen.
Seine rechte Seite, auf der er zu liegen gekommen war, schmerzte.
Um ihn herum, war es dunkel und schnell wurde ihm klar, dass er schon seit geraumer Zeit hier liegen musste. Sachte, ganz langsam hob er den Kopf an. Irgendetwas schien ihn am Boden festzuhalten. Er tastete seinen Kopf ab, bemerkte eine feuchte, verkrustete Stelle an seiner Schläfe. Als er die Finger wieder vom Kopf nahm, sah er etwas Klebriges daran.
Im Dunkeln konnte er nicht ausmachen, was es war und so beschloss er aufzustehen.
„Hast du Idiot dir den Schädel aufgehauen", fragte er sich.
Sein Kopf hämmerte derart, sodass es ihm fast unmöglich war, sich aufzurichten.
Langsam, sehr langsam gelang es ihm, sich aufzurichten, um sich auf den Stuhl zu setzen.
Erschrocken sah er, dass jemand auf dem zweiten Stuhl, der in etwa zwei Metern Entfernung stand, saß.
„Na endlich aus dem Koma aufgewacht?“
Es war Martie.
„Was machst du denn hier?“
Ein Satz, den er nur mit Mühe aus sich herausbekommen hatte.
Wieder tastete er nach seiner schmerzenden Schläfe. Das Gefühl sich übergeben zu müssen wurde zunehmend stärker.
Martie stand auf, ging zur Wand, wo der Schalter für die Terrassenbeleuchtung war und betätigte diesen. Michael zuckte zusammen.
Das Licht schoss wie ein Blitz in seinen Kopf. Als er den Schock überwunden hatte, öffnete er langsam die Augen. Er sah etwas dunkles Rotes auf seinen Fingern.
„Scheiße, was ist denn passiert?“
Mit einem Blick, der seine ganze Unfassbarkeit ausdrückte, sah er Martie fragend an.
„Was denkst du, was passiert ist“, fragte Martie ihn.
„Nach dem Szenario zu urteilen, das ich hier sehe, würde ich sagen, du hast dir derart die Kante gegeben, dass du einfach umgekippt bist.“
Auf dem Tisch standen mehrere Flaschen. Die meisten davon leer. Daneben ein Karton, in dem der Rest einer angebissenen Pizza lag.
„Wie bist du denn hier reingekommen und warum hast du mir nicht aufgeholfen, verdammt noch mal“, beschwerte sich Michael.
„Schon vergessen", fragte dieser ihn.
„Du hast mir vor ein paar Monaten einen Schlüssel gegeben, damit ich nach dem Rechten schauen kann, wenn du, aus welchen Gründen auch immer, nicht auftauchen solltest.“
„Was an und für sich eine weise Entscheidung war. In Anbetracht der Tatsache das du die größten Psychoschlampen dieses Universums abschleppst und dir seit geraumer Zeit danach ist, dich zu Tode zu saufen.“
„Jaja, schon gut“, erwiderte Michael.
Was er im Moment am wenigsten brauchen konnte, war eine Moralpredigt.
„Und warum lässt du mich einfach so am Boden liegen?“ Es war ihm tatsächlich gelungen einen vorwurfsvollen Ton zustande zu bringen.
„Ich bin erst seit einer viertel Stunde hier“, sagte Martie.
„Ich dachte mir, dass es eine gute Idee wäre, mal bei dir vorbeizuschauen, nachdem ich seit über einer Woche nichts mehr von dir gehört hatte.“
„Seit über einer Woche“, fragte Michael ihn ungläubig. „Ja, mein Lieber. Seit über einer Woche.“
„Das erklärt aber noch immer nicht, warum du mich am Boden hast liegen lassen“, wollte er erneut von ihm wissen.
„Ich hätte mir eine Lungenentzündung holen können!“
„Oh, mach dir keine Sorgen“, begann Martie.
„Die Chancen, dass du an einer Lungenentzündung anstatt einer Leberzirrhose stirbst, stehen sehr gering!“
Michael war es mittlerweile gelungen, sich hinzusetzen. Betroffen sah er auf das halb geronnene Blut an seinen Fingern.
„Ich dachte schon, dass du den Löffel abgegeben hast“, ließ Martie ihn ohne besondere Regung wissen.
„Dann hab´ ich aber deine Leichen hier gesehen.“
Er deutete auf die leeren Flaschen.
„Ich hab' nachgesehen, ob du noch atmest, und versucht, dich wach zu bekommen.“
„Kein Chance! Du hast mich regelrecht von dir
weggestoßen. Also dachte ich mir, ich lass´ dich einfach so daliegen, bis dir dein mickriger Arsch abfriert.“
„Das erklärt natürlich alles“, versuchte Michael einen
Scherz.
„Mann, du siehst wirklich scheiße aus“, hörte Michael ihn sagen.
Michael sah sich seine Hand an, mit der er wieder seine Stirn berührt hatte.
„Ich muss ins Badezimmer“, sagte er und machte sich daran aufzustehen. Beim Versuch, sich auf seine Beine zu stellen, wurde ihm schwindelig.
„Uff“, war das Einzige, das er sagen konnte, bevor er wieder in den Stuhl sank.
„Komm´ ich helf´ dir."
Martie war aufgestanden, um ihm aufzuhelfen.
Während er noch versuchte, das Schwindelgefühl zu
unterdrücken, stöhnte er etwas, dass Martie nicht verstand.
„Na los, wir gehen mal ins Bad. Dort sehen wir, dass wir dich sauber bekommen, und dann marschierst du ab ins Bett!“
Im Badezimmerspiegel sah er die ganze Misere, die sein
Gesicht ausmachte.
„Bei Licht sieht das auch nicht besser aus“, meinte Martie.
„Du solltest eine Dusche nehmen“, schlug Martie vor.
„Du stinkst, als hättest du das letzte Mal vor einer Woche geduscht."
Michael hielt sich am Rand des Waschbeckens an und starrte in das, worauf er einmal stolz gewesen war.
„Was ist nur los mit dir", hörte er Martie fragen.
Michael antwortete nicht.
Er warf einen Blick auf das Spiegelbild seines Freundes, der ihn ungläubig betrachtete.
„Was weiß ich“, gab dieser zur Antwort.
Er unternahm den Versuch, den Kopf zu schütteln, unterließ es aber sogleich wieder.
„Was es auch ist, es tut dir nicht gut", sagte Martie schließlich.
Beide standen da, sahen sich das an, was einst ein erfolgreicher Mann Mitte Dreißig gewesen war.
„Ich bin ja kein Psychiater", begann Martie.
„Aber irgendwie sieht das nach einem astreinen Burn-out aus. Oder du bist einfach nur zu einem Alkoholiker verkommen, der die Finger nicht von der Flasche lassen kann."
„Danke“, sagte Michael darauf.
„Na komm schon“, sagte Martie.
„Sieh dich einfach mal an“, forderte er ihn auf.
„Du siehst furchtbar aus.“
„Als ich dich kennengelernt habe, warst du einer der
bestaussehenden Typen in meinem Laden! Heute würde
dich der Türsteher nicht mal bei der Tür reinlassen!“
Michael wusste, dass das, was sein Freund sagte,
stimmte. Das da im Spiegel war nicht er.
„Ich hab´s einfach nicht mehr im Griff“, gab Michael zu.
„Die ganze Scheiße hängt mir schon seit Langem zum Hals
raus.“
„Du meinst den Job“, fragte ihn Martie, der sich auf den Rand der Badewanne gesetzt hatte.
„Den auch. Tagein, tagaus, jede verdammte Woche, jeden Monat, das ganze Jahr über immer den gleichen Scheiß!“ „Immer der gleiche Stress, die immer gleichen kaputten Typen, mit denen du dich herumärgern musst. Keine einzige Scheiß-Woche, in der du weniger als 80 Stunden runterzubiegen hast“, antwortete Michael
„Jeden Abend eine andere abgefuckte Tusse im Bett, die du noch nicht mal leiden kannst. Und wofür?“
Abscheu stand in seinem Gesicht geschrieben.
„Eigentlich dachte ich mir, du liebst den ganzen Scheiß“, sagte Martie.
Michael hatte das kalte Wasser aufgedreht, begann
seine schmutzigen Finger zu waschen, um sich danach
vorsichtig mit beiden Händen über sein Gesicht zu fahren.
„Aaahh“, stöhnte er dabei, besah sich seiner Schläfe und sah das er sich schlimmer verletzt hatte, als er es wahrhaben wollte.
„Vielleicht sollten wir das ansehen lassen“, schlug
Martie vor.
„Ach was“, wandte Michael ein.
„Ein bisschen Schlaf und Ruhe und ich bin wieder wie neu."
„Ich glaube nicht das es mit ein bisschen Schlaf getan sein wird“, sagte Martie.
„Ich glaube, dass du eine größere Pause brauchst. Ich wollte es dir gegenüber zuerst nicht erwähnen, aber du hast dich in den letzten Monaten ziemlich verändert.“
„Was heißt ich habe mich verändert“, wunderte sich Michael, während er sich weiter um seine Schläfe kümmerte.
„Na ja, im Feiern und Saufen warst du schon immer eine
Koryphäe, aber das, was du in den letzten Monaten abgeliefert hast, war nicht mehr normal.“
Michael betastete noch einmal seine Schläfe und kam zu dem Entschluss es sein zu lassen.
Schließlich nahm er ein Handtuch, tupfte sich damit sein Gesicht trocken und setzte sich neben Martie auf den Rand der Badewanne.
„Ich dachte mir, du wirst schon wissen, was du tust“, fuhr Martie fort.
„Du bist immerhin ein erwachsener Mann.“
„Aber …“, warf Michael ein.
Michael unterbrach ihn.
„Stimmt schon“, erwiderte Michael.
„Was, stimmt schon“, fragte Martie ihn verwundert.
„Ich hab´s übertrieben", gab Michael zur Antwort.
„Und…, wenn du es weißt, warum lässt du es dann nicht sein“, wollte Martie von ihm wissen.
„Weil es mir scheißegal war! Außerdem hats Spaß gemacht!“
Martie sah Michael erstaunt von der Seite an.
Die Pause, die jetzt eingetreten war, war länger als die vorhergegangene.
„Ich glaube, du solltest Hilfe in Anspruch nehmen“, schlug Martie ihm vor.
„Und was soll ich machen“, fragte ihn Michael.
„Runterkommen vom Alkohol, wäre ein guter Anfang!“
„Du meinst eine Entziehungskur“, fragte Michael und sah zum ersten Mal seit Beginn der Unterhaltung seinen Freund direkt ins Gesicht.
„Ich denke, dass das die beste Entscheidung wäre, die du im Moment treffen könntest. Ansonsten gebe ich dir
beste Chancen, dass du bestenfalls Vierzig wirst. Wenn du Glück hast.“
Michael wusste, dass er recht hatte. Er senkte den Kopf und ließ das Gehörte auf sich wirken.
„Eine Idee, wie ich das angehen könnte“, fragte er ihn.
Plötzlich begann er sich todmüde zu fühlen.
„Ich höre mich mal um und sag dir in den nächsten zwei Tagen Bescheid“, sagte er.
„Jetzt aber muss ich wieder zurück."
„Ich hab für morgen noch ein bisschen was zu tun“, sagte er und stand auf.
„Du solltest ins Bett. Ernsthaft."
Martie stand vor ihm, sah auf ihn runter. Wartete darauf, dass er seiner Aufforderung Folge leisten würde.
„Ja …, ich geh´ schon.“
„Du bist ja schlimmer wie meine Mutter. Möchte mal wissen was das Luder so treibt.“
Langsam begann er aufzustehen, schwankte.
Martie gelang es gerade noch, ihn am Arm zu greifen.
Zusammen trotteten sie in sein Schlafzimmer, wo er sich auf sein Bett fallen ließ.
„Ich lass dir draußen das Licht brennen“, sagte Martie. „Du wirst irgendwann mal wach werden und einen Höllenbrand haben. Ich will nicht schuld daran sein, wenn du dir das Genick brichst."
Michael, zu müde zum Sprechen hob die Hand, zum Zeichen, das er ihn verstanden hatte.
„Also, ich melde mich dann in den nächsten zwei Tagen bei dir und lass dich wissen, was ich herausgefunden habe.“
Er wartete ab, wollte sichergehen, dass er ihn verstanden hatte.
„Und lass die Finger vom Alkohol“, ermahnte er ihn.
Da aber war Michael schon eingeschlafen.
Anfang ohne Ende?
Monate später
Die ersten Schritte aus der Klinik waren für ihn die
schwierigsten. Zum zweiten Mal ging er nun durch diese
Türen. Zum zweiten Mal hatte er einen Entzug über sich
ergehen lassen und auch diesmal wusste er nicht, ob er es durchhalten würde.
Er ging ein paar Schritte von der automatischen Tür weg und sah sich um.
Martie war weit und breit nicht in Sicht.
„Hat er auf mich vergessen“, fragte er sich. Unsicherheit befiel ihn. Dieses Gefühl, dass ihn seit dem fehlgeschlagenen ersten Entzug nicht mehr losgelassen hatte, begleitete ihn nach wie vor.
Sein Selbstbewusstsein hatte sich irgendwo zwischen dem ersten und zweiten auf ein Minimum reduziert.
Die behandelnden Ärzte, allen voran Frau Doktor Pichler, hatten ihr Bestes versucht.
Doch trotz aller Bemühungen, die sich diese Frau Doktor Pichler – er hatte sich immer gedacht, dass Pichler eigentlich kein Name für eine Therapeutin war – diese mussten einen gut, zumindest seltsam klingenden Namen wie Brückenthaler-Teufer oder so ähnlich haben – gegeben hatte, sein angeknacktes Selbstvertrauen wieder aufzumöbeln. Bis zu seinem Ego hatten sich diese Bemühungen noch nicht herumgesprochen.
Diese Frau Doktor Pichler, die ihn auch dann nicht aufgegeben hatte, als sie ihn eines Tages dabei ertappt hatte, wie er sich einen der kleinen Seelentröster zu Gemüte führte, die er vom Kiosk an der Ecke hatte.
„Von wegen offener Entzug, der gute Erfolgschancen verspricht“, hatte er spöttisch gemeint.
Woraufhin sie ihn, unter vier Augen ins Gebet nahm.
„Hören sie“, sagte sie in ihrem mütterlich wohlwollenden Ton.
„Ich glaube wirklich, dass Sie alle Chancen haben, es zu schaffen. Aber sie müssen sich schon ein bisschen selbst an den Eiern packen!“
Der Satz hatte ihn wachgerüttelt. Nicht zuletzt deswegen, weil er ihr kaum zugetraut hatte, so einen Satz von sich zu geben. Aber auch deswegen, weil er – etwas das er fast schon vergessen hatte – solche tatsächlich sein Eigen nannte.
Wenn auch in leicht verkümmerter Form.
„Oder wollen sie wirklich wieder auf der Straße oder in Notunterkünften landen“, war das Nächste das sie ihn gefragt hatte.
Eine derartige Ansprache vergaß man nicht so leicht.
Die Aussicht darauf, dass er eventuell wieder in der Gosse landen würde, rüttelte ihn einigermaßen wach.
Von da an war es mit der relativen Freiheit vorbei und aus dem offenen Entzug wurde ein geschlossener.
Das Leben auf der Straße hatte er kennengelernt, als er herausfand, dass Freunde – zumindest, wenn es einem nicht ganz so rosig geht – rar werden.
Fast glaubte er schon, dass diese einen Riecher dafür hatten, wenn es einem dreckig ging.
Dies war, ziemlich schnell geschehen. Gleich nachdem ihn der Vermieter wegen der Mitrückstände an die frische Luft gesetzt hatte.
Natürlich hatte er Martie um Hilfe bitten können. Schon war er dabei, die Tür zu seiner Bar aufzumachen. Wäre fast eingetreten, um ihn zu fragen, ob er ihm helfen könnte. Von drinnen hörte er die Stimmen der Gäste. Alle waren sie froh gelaunt. Sie lachten, Gläser klirrten.
Nein. Er hätte sich zu Tode geschämt.
Das Ego des Trinkers ist nur dann ein starkes, wenn es unter dem Einfluss von ausreichend Alkohol steht!
An diesem Tag aber hatte sein Alkoholpegel noch nicht den rechten Level erreicht und so blieb die Tür ungeöffnet.
Wie schlimm konnte es schon werden? Ein paar Tage würde er das Ganze schon aushalten! Irgendetwas würde sich schon auftun.
Mit der richtigen Dosis Alkohol…!
Nie würde er die Zeit vergessen, die er auf der Straße und in Notschlafstellen verbracht hatte!
Schon in der ersten Woche, dachte er daran, sein Leben zu beenden.
Schnell fand er heraus, dass es nicht so einfach war, ein Plätzchen zu finden, an dem er sich ausruhen konnte. Stundenlang und am Stück lief er durch die Straßen Wiens, immer darauf bedacht die ruhigeren Seitenstraßen zu benutzen.
Den Gedanken, auf einen Bekannten zu treffen, der ihm auf den ersten Blick ansah wie es um ihn stand, fürchtete er mehr, wie von einem Parkwächter erwischt zu werden, der nichts Besseres zu tun hatte, als ihn von der Parkbank zu verscheuchen, von der er sich erhofft hatte, ein wenig Ruhe zu finden.
Doch dieses Leben kostete Kraft. Das Herumlaufen in den Straßen, kaum Schlaf und der Hunger, der ihm das restliche bisschen an Energie raubte, ließ ihn eines Tages in das Büro der Caritas gehen.
An einer der Anschlagtafeln, die er zuvor nie beachtet hatte, fiel ihm eine Angebot dieser Organisation auf, das besagte, dass man dort Hilfe finden könnte.
Seine Scham überwindend, die ebenfalls schwächer wird, wenn man nur müde genug ist, betrat er das Büro in einem der Vorbezirke.
Noch am gleichen Tag fand er sich in einer Notschlafstelle wieder.
Schon am Vormittag, lange bevor er diese betreten konnte, tigerte er nervös vor dem grauen Gebäude herum. Konnte er es einerseits nicht erwarten wieder einmal unter einer Dusche zu stehen, frische Kleidung am Leib zu spüren und in einem Bett zu schlafen…! Er fühlte sich erniedrigt, als so tief gesunken, wie ein Mensch nur zu sinken imstande ist.
Die Tatsache, dass er soweit gesunken war, ließ ihn fast zu dem Entschluss kommen, sich von irgendwoher Geld zu besorgen, um sich eine oder zwei Tetra Pak Wein vom Diskonter zu besorgen, sich auf eine versteckte Parkbank zu setzen, um sich die Scham so lange aus dem Bewusstsein zu trinken, bis er eingeschlafen oder gestorben wäre.
Doch die Tatsache, dass er wieder in die kleine Kirche gehen musste, um solange am Schlitz des Spendenbehälters herumzubohren, bis er das nötige Kleingeld daraus hervorgezwängt hatte, behagte ihm noch weniger.
Also wartete er bis es achtzehn Uhr geworden war.
Jede Faser seines Körpers sehnte sich nach Alkohol. Dutzende Male ging er an einem kleinen Supermarkt vorbei, der gleich um die Ecke der Notschlafstelle lag. Schon von draußen konnte er unweit des Eingangs, die sauber aufgestellten Flaschen stehen.
Es hätte nicht viel gebraucht, nur wenige Schritte, ein Griff in das Regal, eine Flasche gegriffen unter dem Mantel gesteckt …!
Ein Pärchen, dass an ihm vorbeiging, sah ihn mit schiefem Blick an.
Im ersten Augenblick angewidert von deren Reaktion, hinderten ihn diese Blicke daran, aus dem geplanten Verbrechen ein tatsächliches werden zu lassen.
Drei Nächte lang verbrachte er mit fünfzehn anderen Männern in einem Schlafsaal, der nach Schweiß, Alkohol und billigem Essen roch.
Darmowy fragment się skończył.