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Das Buch beinhaltet eine Sammlung inspirierender Essays, in der sich der Autor als Sprachvirtuose betätigt, der die menschliche Seele, das menschliche Verhalten, den Alltag und das ganze Leben wie unter dem Mikroskop seziert. Mit spitzer Feder, die einem Seziermesser gleicht, greift er das Handeln und Tun auf. Ob Banales oder Hochdramatisches – alles wird analysiert und bis auf den kleinsten Nenner zerlegt.
Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und die Leser*innen mit auf den Königsweg der Erkenntnis und Eigenreflektion nimmt. Dabei steht das virtuose Spiel mit der Sprache immer im Vordergrund.
HELMUT ECKLKOFER
Jahrgang 1961

Unternehmer, Baumeister, Tennislehrer, Skilehrer, Hobbyfotograf und vor allem kreativer Autor.
· In seinen Essays vereint er seine reiche Lebenserfahrung aus einem aktiven und erfolgreichen Leben mit Feingefühl und messerscharfer Beobachtungsgabe.
· Aus Ecklkofers Feder entstehen Essays, die den Sinn des Lebens auf vielfältige, manchmal gnädige, manchmal ungnädige Weise beleuchten und die Leser*innen mitnehmen auf eine Reise zu sich selbst.
PUNKT
HELMUT ECKLKOFER . ESSAYS
IMPRESSUM
EINS Punkt
Essays
Helmut Ecklkofer
© 2019 basic erfolgsmanagement Verlag, Pfarrkirchen
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Josef Nöhmaier, Susanne Wagner
Bildnachweis:
Coverbild: ©kramynina / Adobe Stock
Autorenfoto: IM Fotografie
Umschlaggestaltung, Layout/Satz:
Michaela Adler, Pfarrkirchen
Made in Germany
ISBN 978-3-944987-30-9
eISBN 978-3-944987-33-0
www.basic-erfolgsmanagement.de
FÜR DANIEL
INHALT
FIDELITY
THE LAST WALZ
99 PROZENT
CLEAN
GREENPEACE
SHADOW
REMEMBER
TACT
COMING HOME
ESCAPE
C-CODE
THE UNPREDICTABILITY OF HAPPINESS
START
GOLD
LIGHT
BEAUTY
ABSOLUT(ION)
BLUE
PETER PAN
TRANCE
SOMETIME
SUNDANCE
VOYAGE
OPEN
TAKE A BREATH
GRAVITATION
FERRIS WHEEL
TIME WINDOW
MOUNTAIN MAN
2027
HIGH
SUMMIT MEETING
SUMMERTIME
THE TABLE – THE CHAIR
FINAL CHORD
THE RUSHING OF TIME
SILENT POST
PRAY
DANCE INTO DEATH
WONDER CHILD
PLANET SIRIUS
CHAMELEON
JEALOUSY
HIDE
EX/TRA
SKIN
EXPERIMENT
MONOLOG
BLACK-WHITE
SNOW-QUEEN
COLORFUL
SECRET
HEART OF GOLD
AS TIME GOES BY
FOREVER
WAITING FOR A GIRL LIKE YOU
POSSESSION
HEART
WHY
BRIGHT EYES
EMBRACE
BELIEVE
MA-NU-ELL
BREATHTAKING
WORDS
PICTURE
LUCKY CHILD
KAIROS
JULIET
THINK
ETERNITY
DELETE
FREE
SOUL TO SOUL
FRAGRANCE
CHILDHOOD
LIFETIME
????????
WISH
SPEED-DATING
FAR FAR FAR
MONOTONY
FLIRT
NIGHT-LIFE
MOVIE
BEAUTY
NAMASTE
MAGIC
DREAM-GIRL
WINGS
LILLET
RELATIV
VOLUME
NOSTALGIA
DIAMANT
ALLAH
THE END OF PART /EINS
WELTKINDERLACHEN
QUELLENANGABEN
Montag, 29. Februar 2016
Lieber Helmut!
ICH FLOG WIE EIN VOGEL
Es fühlt sich ungewohnt an, dir zu schreiben, aber warum eigentlich nicht? So kann ich dir endlich mal sagen, dass du das bis jetzt ganz gut hinbekommen hast. Ja, du hattest viel Glück und jede Menge Spaß. Mein liebes Leben, jetzt habe ich schon so viel an dir entdeckt. Mehr Freude als Trauer, mehr Höhen als Tiefen, mehr ja als nein, mehr Glücksgefühle als Leidensgeschichten. Mehr Leidenschaft, als Leiden schafft. Du hast mir Signale gesendet. Manchmal habe ich hingehört, manchmal nicht. Als ich dich zum ersten Mal wahrgenommen habe, fand ich dich wunderbar, in deiner Freiheit, in deiner Ungezwungenheit. Ich hab mich gleich in dich verliebt. Doch wer willst du sein. Eigentlich ist es ganz einfach. Immer mehr ICH. Die letzten 20 Jahre waren eine sehr bewegte Zeit, beruflich, privat, persönlich. Ob ich noch der bin, der ich mal war? Voller Optimismus, voller Tatendrang, voller Pläne, voller Ziele, voller Phantasien. Mit vielen Träumen, aber auch vielen Begegnungen. Ich stieg auf hohe Berge und tauchte tief ab ins Meer. Ich flog wie ein Vogel und raste über den Asphalt. Ich stürzte mich auf weißen Pisten ins Tal hinab. Ich liebte die Menschen ohne Vorurteile. Ich gab ihnen alles und sie mir manchmal auch etwas zurück. Ich hatte viele Freunde und viel Vertrauen.
ICH VERTRAUE MEINEN FÄHIGKEITEN
Geld spielte keine Rolle. Und irgendwann wurde es ernst in meinem Leben. Dem Erfolg wurden zuerst die Freunde geopfert, dann das Lachen und die Unbekümmertheit. Fortan beherrschte Misstrauen mein Leben. Es gab nur noch wenige engste Vertraute, engste Verbündete. Verträge, Vermögen, Versicherung. Der Beruf war keine Berufung mehr, es war ein Funktionieren, wie ein Uhrwerk, ja nicht aus dem Takt kommen. Nur ab und zu. Ich beginne zu laufen. Irgendwann auch vor mir wegzulaufen. Ich habe mich wieder eingeholt. Bin ich zufrieden? Mit mir, mit meinem Leben? Ich möchte mich wieder besser kennenlernen, wieder hineinhorchen in mich, was tut mir gut, wer tut mir gut. Was sind meine wahren Bedürfnisse? Was brauche ich noch, was nicht? Was brauche ich noch auf meiner Lebensreise? Es geht so viel besser mit leichtem Gepäck. Welchen Ballast kann ich noch abwerfen. Welche Fehler, welche negativen Eigenschaften. Was sind das für Eigenschaften? Ich wäre so gerne ein vielleicht noch besserer Mensch, aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht genau, was das ist und wie man das wird. Eines Nachts wachte ich neben der Angst auf und mein Lebenstraum war geplatzt. Ich habe nicht weggeschaut, sondern zugehört. Was du mir die ganze Zeit mitteilen wolltest? Ich erlaubte der Traurigkeit, sich dazuzugesellen. Doch ich habe die Sehnsucht in mir behalten, das Vertrauen, die Liebe. Ich habe das Drehbuch meines Lebens umgeschrieben, ja ich habe mit mir gehadert, alles war so vertraut, so bequem, so leicht. Alles war perfekt. Bis auf mich selbst. War ich perfekt unglücklich? Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und beschlossen, wieder der zu werden, der ich war. Ich vertraue meinen Fähigkeiten und bin neugierig auf den Zauber. Ich schreibe den Brief, damit du in einem Jahr feststellen kannst, wie weit du gekommen bist. Du hast schwere Zeiten hinter dir und du schaffst es trotzdem Tag für Tag, wieder zu lächeln und für andere da zu sein. Ich hoffe, du bist auf irgendeine Art und Weise glücklich. Du kannst sicher stolz auf dich sein. Wie ich dich kenne, bist du schon wieder neu verliebt! Du glaubst weiter an die Liebe. Du bist ein wunderbarer Mann. Versuche immer, dein Bestes zu geben. Bleib dir selbst treu. Hinterfrage und analysiere nicht alles und jeden. Versuche loszulassen, gelassen zu sein. Einatmen, ausatmen, wie beim Yoga. Entspanne dich. Ich will, dass Du Frieden mit Erlebnissen in der Vergangenheit schließt. Genieße das Leben mit Dir selbst. Achte auf Deine Gedanken, lass sie positiv sein. Betrachte Deinen Körper voller Liebe. Akzeptiere Deine Vergangenheit. Habe Spaß an Dir selbst. Umgebe Dich mit Menschen, die Dir guttun. Sei dankbar für all die tollen Dinge, die Dir widerfahren. Sei glücklich mit den Menschen, die dir nahe stehen und dich wirklich lieben. Halte inne und lausche deinem Puls. Verliere niemals dein Lachen und deine Kreativität. Sie sind so wichtig für dich. Verschwende nicht deine Zeit mit negativen Menschen. Ich wünsche mir für dich eine gewisse Leichtigkeit, mit der du durch dein neues Leben gehen kannst. „Wenn du es träumen kannst, kannst du es auch tun“, sagt Walt Disney. Du hast vielen Menschen eine Freude bereitet. Nun bereite dir selbst eine Freude. Nur du weißt, wo du im Leben stehst.
Es gibt doch dieses Sprichwort, das sagt, dass das Leben ein Zug ist und an jeder Station steigen Menschen ein oder aus. Also, wer ist zugestiegen und wer fährt noch mit? Wer ist gegangen und wem hast du die Tür aufgehalten? Und wessen Platz ist noch frei und wen vermisst du?
Ja, ich weiß, all diese Fragen sind sinnlos, wenn man bedenkt, dass du mir gar nicht antworten kannst. Oder weil du und ich ein- und dieselbe Person sind. Wir sind beide Helmut. Aber ich bin noch nicht du und du bist nicht mehr ich. Ich hoffe, du kannst uns alle meine Fragen beantworten. Wenn nicht, such‘ die Antworten. Aber mach es nicht für mich oder sonst irgendjemanden. Mach es für dich. Dir stehen alle Möglichkeiten offen – im Beruf, privat – immer. Das darfst du nie vergessen. Und falls uns das Leben mal in die Knie zwingt, tanzen wir Limbo.
Was du dir auch wünschst, es wird in Erfüllung gehen. Mach etwas aus deinen Talenten. Verzaubere Menschen und schenke ihnen glückliche Stunden. Begeistere die Menschen und bringe sie zum Lachen. Es hat dir immer so viel Spaß gemacht, anderen eine Freude zu bereiten, sie zu verwöhnen ohne große Erwartungen. Freue dich über die kleinen Dinge. Behalte deinen Sinn für das Schöne, deinen Ordnungssinn, deinen Fleiß, deinen Ehrgeiz, deinen Mut, deine Kraft, deinen Optimismus und deine Ruhe. Stärke deine Zuversicht und lebe ein Leben voller Licht und Strahlen. Sei geduldig und gehe einen Schritt nach dem anderen. Zaubere mit deinen Worten. Finde tausend Gründe, um zu lachen. Finde tausend Gründe, um zu lieben. Ich wünsche dir weiterhin viel Freude, Gesundheit, Lust und Leidenschaft am Leben. Behalte dein Urvertrauen und genieße jeden Augenblick und lass dein Herz weiterhin dir den Weg aufzeigen, denn dein Herz weiß immer, wo es lang geht. Bleib neugierig und dankbar für jeden einzelnen Tag. Du bist wundervoll!
FIDELITY
ICH SUCHE MEIN LEBEN
„Die Treue gibt unserem Leben eine Einheit, ohne die es in tausend flüchtige Eindrücke zersplittert.“ Ich suche mein Leben, meine Spuren, mein Ich und lerne eigenartige Dinge. Wo liegt die Balance zwischen Traurigkeit und Freude? Sie hat ihre Stimme in meinem Kopf zurückgelassen. Was wollte sie mir sagen? Was wollte ich sie noch fragen? Ich befinde mich in einem Tunnel der Gefühle. Eingezwängt zwischen den Wänden Denken und Handeln, Harmonie und Schmerz. Es ist dunkel. Nach und nach zeichnen sich atlasweiße Fragmente ab.
Wir tanzten im Gleichklang wie Fred Astaire und Ginger Rogers. Wir stehen uns nochmals gegenüber in dem großen Saal. Alles um uns verschwimmt. Die Geräusche verstummen. Ich berühre dich. Ich führe dich. Ich fühle dich. Aber etwas ist anders. Wo sind unsere Grenzen. Es wechselt das Draußen und das Drinnen. Sie trägt einen anmutigen obsidiangrauen Nebelschleier.
Wo liegt der Schlüssel des Rätsels? Wie ein Sonar sind meine Sinne. Ich taste nach der Wirklichkeit, die Ränder verschmieren, unscharf sind die Übergänge zwischen Tag und Nacht, Wachen und Schlafen, Leben und Tod. Wiedersehen. Ein schmaler Streifen aus Wahrheit liegt vor mir. Jeden Tag eine neue Etappe. Ich strample Kilometer um Kilometer wie die Radfahrer der Tour de France. Winde mich steile Pässe in die Höhe. Kein Blick zurück. Rase waghalsig die Abfahrten hinunter. Spüre den Fahrtwind, fühle für einen kurzen Augenblick die Freiheit. Was kommt nach dem Traum? Tränen füllten ihre Augen. Ich versuche, mich zu fokussieren.
Ich bin eine Mischung aus Peter Pan und Hans im Glück.
„So glücklich wie ich“, rief er aus‚ „gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“ Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter angekommen war. Auch ich tauschte viele Dinge, traf viele Leute und hatte immer Glück. „Alles, was du brauchst, ist Glauben, Vertrauen und ein bisschen Feenstaub“, sagte Peter Pan. Ja, ich hatte viel Vertrauen und auch etwas Feenstaub.
Ich lebe in der Vergangenheit und du in der Zukunft. Alles trennt uns, sogar die Zeit, die Zeit, die uns sonst so geeint, so vereint hat. Die Zeit, die wir ohne nachzudenken so unglaublich gut verbracht haben, die wir so mit Leben gefüllt haben. Die uns nie zu wenig war. Die wir immer so genossen haben. Du steigst auf in ungeahnte Höhen, ich tauche ab in die Tiefe meiner Seele. Suche nach dem Sinn. Nach meinem Sinn. Nach Sinn-Bildern. Nach Sinn-Symbolen.
SUCHE NACH DEM SINN
„Der Sinn des Lebens ist mehr, als das Leben selbst. Man kann nie wissen, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann. Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung“, sagt Milan Kundera.
Ich lege das iPad auf die Seite. Ich fühle das Buch in meinen Fingern. Ich spüre den samtweichen Einband und bin fasziniert von den filigranen Verzierungen. Meine Finger gleiten wie über Blindenschrift. Die feinen Erhebungen helfen meinem Tastsinn. Meine Nervenbahnen geraten in Schwingungen. Die Synapsen verbinden sich wieder. Meine Augen erfassen die ersten Zeilen. Noch ist alles ungewohnt. Die Handschrift, die Materie jeder einzelnen Seite. Aber langsam kommt der Rhythmus. Wie im Takt der Musik arbeitet mein Gehirn. Ich lese aufmerksam und meine Sinne haben Zeit, sich zu akklimatisieren. Ich bin wie ein Schwimmer, der nach jedem zweiten Zug eine Atempause einlegt. Ich sauge die Worte auf wie ein Laubsauger, unermüdlich Blatt für Blatt. Die Buchstaben stellen Fragen und manchmal ist die Antwort leicht. Das Kerzenlicht scheint golden auf die fein säuberlich beschriebenen Seiten. Es ist, als ob die Sonne morgens aus diesem Buch aufgeht und alles in ein magisches Licht taucht. In Karmesinrot, in Glutorange, in Farbmischungen, die nur die Natur zustande bringt.
Ich bin mächtig stolz. Ich bin wertvoll. Mein Herz klopft unaufhörlich. An manchen Stellen des Textes bleibt es kurz stehen. Ich habe sicher vielen Menschen Freude bereitet, manche auch enttäuscht. Doch ich weiß jetzt erst, dass viele Menschen meine Worte, meine Gedichte nicht verstanden haben. Es ist ein Neubeginn. Wohin mich meine Reise führt, weiß ich noch nicht. Es gibt wunderschöne Bilder dieses Jahr. Ob es für ein Jahrbuch reicht? Ich habe unglaubliche Dinge erlebt und wundervolle Menschen kennengelernt auf meiner Reise zum Ich. Damit eine Reise beginnen kann, muss eine andere Reise zu Ende gehen. Ich habe viel gelacht und viel geträumt. Ich war verzaubert und verwirrt, ich war verrückt und verstört. Ich liebe extreme Gegensätze, doch dieses Jahr waren sie sehr extrem. Wie heißt ein so schöner Spruch: „Wirf deine Gedanken wie Herbstblätter in einen blauen Fluss, schau zu, wie sie hineinfallen und davontreiben – und dann vergiss sie!“ (aus dem Zen-Buddhismus).
THE LAST WALZ
Ihre Arme berühren sich. Das Schauspiel beginnt.
„If you don‘t know me by now.“
Wenn du mich jetzt noch nicht kennst, wirst du mich nie nie nie mehr kennenlernen. All die Probleme, die wir zusammen gelöst haben – du solltest mich und ich dich verstehen können. Ich kenne jetzt den Unterschied zwischen richtig und falsch. Vertrau mir nur so, wie ich es bei dir tue, so lange, wie wir schon zusammen sind, sollte das sehr einfach sein. Deswegen nimm dich ein wenig zusammen, sonst können wir gleich für immer „Leb wohl“ sagen. Wofür soll eine Liebesbeziehung gut sein, wenn man sich nicht in die Augen sehen kann? Wenn du mich jetzt noch nicht kennst, wirst du mich nie, nie, nie mehr kennenlernen.
WIE SAMT UND SEIDE IHRE HAUT
Der Rhythmus nimmt sie mit in eine andere Welt. Sie sind wie zwei Schneeflocken unter Millionen anderen. Leicht tanzen sie in der Luft. Sie sind eins, wenn auch nur für Sekunden. Ein Schleier hängt unsichtbar zwischen ihnen. Ihr Leben war immer wie ein entspannter Sonntagnachmittag. Ein wolkenloser Tag reihte sich an den anderen. Ihr ganz eigener Duft löst sich in meiner Nase auf. Vanille, Rosenblüten, Lavendel mischen sich zu einer neuen Duftnote. Goldene Zeiten im Paralleluniversum. Wie Samt und Seide ihre Haut. Eine kurze Berührung, ein kurzer Blick, der aus einem Spiegel entsteigt. Der tiefblaue Ozean spiegelt sich in ihren Augen und ein Funkeln wie Sternenstaub löst sich in der lauten Atmosphäre. Haut an Haut gleitet reibungslos aneinander vorbei. Gefühle reagieren unter der Haut wie ein warmer Sommerwind. Hüllenlos fällt sie und fällt sie. Sie fällt durch die Zeiten, die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft. Wie lange wird es dauern, bis die Erinnerungen im Meer der Zeit untergehen? Traum und Wirklichkeit verschmelzen in einer neuen Dimension. Alles wird von Extremen zusammengehalten. Wie ein Glücksritter, seiner inneren Stimme folgend, ziehe ich in die Schlacht. Mit dem Schwert der Leidenschaft, das die Phantasien durchtrennt. Und plötzlich beginnen auch die Buchstaben zu tanzen. Und ich versuche, wie ein Analphabet das Buchstabenrätsel zu lösen. Die Wörter einzufangen, die wie in einem Ballsaal auf dem spiegelglatten Parkett ihre Pirouetten drehen.
ICH FÜHLE MICH WIE IKARUS
Ich schließe meine Augen und erkenne, wie die Konturen mehr und mehr verschwimmen. Noch höre ich den feinen Klang der Streicher. Ich steige mit ihnen immer höher und höher. Ich fühle mich wie Ikarus. Sehe das Licht vor mir immer heller und heller. Reflexionen scheinen auf meine Seele. Wieder bin ich mittendrin im Gewühl der Tänzer und Tänzerinnen. „Black Swan“ kommt mir in den Sinn. Schwanensee erklingt. Und vor meinem geistigen Auge schwebt das Ballett in einer perfekten Performance federleicht in der schwülen Luft. Eine scheinbar glückliche Welt. Ich konstruiere meine Welt, in und aus Sprache. Die Gedanken heben ab wie filigrane Origami-Kraniche. Wieder schreibe ich wortlose Wörter, sperre die Angst ein, um sie irgendwann wieder freizulassen. Teile die Welt, meine Welt und setze sie wieder zusammen. Intensiv. Dyadisch. Düster. Berauschend. Laut. Intim. Fordernd. Sinnlich. Brutal. Skulptural. Annäherung und Distanz. Stolz. Berührung. Vertrauen. Kampf. Ekstase. Wahnsinn. Reflex. Angst. Lust. Panik.
99 PROZENT
Sie wird unruhig, geradezu panisch. Meint sie das wirklich ernst? Silvia stellt sich hin und lässt sich ohrfeigen. Die einen erinnern sich und lachen, andere erregt es und sie rufen „fester“. So schnell, wie die Szene angefangen hat, so schnell ist sie wieder vorbei. Es fühlt sich an, als stände sie in einem zeitlosen Traum aus Lichtschleiern. Es fühlt sich an wie eine dunkle Wolke am strahlend blauen Himmel. Die Tage des warmen Regens strömen wieder auf sie ein.
DIE LIEBE HAT ETWAS FLIRRENDES.
Endlos lange windstille Sommernächte, geheime Momente in der Hitze des Tages. Kleine Inseln der Aufrichtigkeit tauchen im Meer der Lügen auf. Silvia spürt die Schläge nicht mehr. Irgendwo im Nirgendwo auf dem Weg in eine neue Zeit. Sehnsüchte ändern ihre Richtung. Und wenn Silvia mit sich selbst flirtet, hat es so etwas von Leichtigkeit, sie spürt ihre Gefühle, die sie vorantreiben. Die Liebe hat etwas Flirrendes. Sie hüllt alles in ein unbeschreibliches Gefühl. Doch dann sind sie wieder da, die Schläge, die sie in ihrem Gehirn in Zärtlichkeiten umwandelt. Sie tauscht ihre Freiheit ein. Sie will begehrt werden.
Es ist wie ein Handel. Ein Handel mit Liebe, mit Gefühlen mit Phantasien. Sie liegt da, ihr Körper eine Spielwiese. Eine Art Abenteuerspielplatz. Ihr Bauch, ein kleines Kunstwerk aus feinen zusammengesetzten Muskeln. Ihre Arme, wie geschliffener, polierter Marmor. Ihre Hüften erzählen von ihrer Weiblichkeit. Der Übergang zu den perfekten Beinen scheint ohne Ansatz. Glatt, unberührt. Die makellose Haut wirkt wie gewebt auf ihrem Torso. Ihre Brüste erinnern an die sanfte Hügellandschaft der Toskana im milchigen Frühnebel. Gierige Blicke zieht Silvia an. Unerfüllte Träume in einsamen Nächten. Protonen und Elektronen vereinen sich. Ein Gas, leichter als Luft, steigt einfach in den Himmel auf und verschwindet. Das Negative wird zum Positiven. Eine Art Selbstoptimierung setzt sich unaufhaltsam in Gang. Silvia, vom Karma gefangen, vergisst alles um sich herum und zum Schluss sich selbst. Noch nimmt sie die Schreie der Nacht wahr.
SIE TRÄUMT DEN TRAUM VOM FLIEGEN.
Sie träumt den Traum vom Fliegen, doch im Universum ist sie wie ein Fremdkörper. Nicht manövrierfähig, ohne Sauerstoff, ohne Schwerelosigkeit. Es scheint wie ein Blind Date mit dem Leben. Silvia steht außerhalb der Materie. Wie im Zeitraffer lösen sich die Möglichkeiten auf, werden bedeutungslos. Hastig schluckte sie eine Handvoll Globuli, die sie aus einer wunderschönen, mit unbekannten Ornamenten verzierten goldenen Schatulle nahm. Die Gehirnströme ändern ständig ihre Richtung. Sie taucht ein in ein Meer aus tintenschwarzen Tränen.
CLEAN
Es ist still. Die Uhr tickt. Gibt den Takt vor. Ihr Smartphone zeigt ein anderes Gesicht. Sie wischt es weg. Kiras Halluzinationen sind wie ein digitales Wachkoma. Sie bewegt sich wie eine Comicfigur. Die ersten Schritte, die ersten Bewegungen. Könnte jemand die Welt anhalten, sie würde aussteigen. Es umgibt sie ein gewisser Zauber. Keine Leerstelle ist sinnlos. Sie ist gefangen in existenzieller Einsamkeit. Sie hält nichts vom Sinn für Rhythmus. Ihre virtuosen Bewegungen zaubern eine gewisse Gleichgültigkeit in die flirrende, klare Luft. Die feinen Adern schimmern durch die helle Haut. Doch wann hört das auf?
DIE GOLDENE ZAHL PHI TAUCHT AUF
Es kreist der Schmerz im Kopf. Immer wieder neu. Die Bilder laufen ab. Der Film ist ein Blockbuster. Ein tödliches Video. Wie Wellen am Meer treffen sie auf die Steilküste ihrer Erinnerungen. Die Tränen auf ihren Augen funkeln wie Saphire im Sonnenlicht. Die goldene Zahl Phi taucht auf. Eiskalter Charme verschwindet hinter bunten Häuserfassaden. Kira will die Zeit in Sinn verwandeln. Ihre Wahnvorstellungen überträgt sie fein säuberlich in alle sozialen Netzwerke.
Ihr digitales Spiegelbild ist wunderschön. Makellos sitzt Kira da in einem lila Seidenkleid, die fast gläsern wirkenden Beine, die fragilen Arme, das schmale Gesicht, die pistazienfarbenen Augen, alles scheint perfekt. Nur ihre Seele schreit nach Liebe, nach Sex, nach dem gewissen Kick. Sie wendet ihren Blick ab vom leuchtenden Bildschirm, der wie eine altertümliche Höhensonne sein blaues fahles Licht auf ihre purpurroten Lippen wirft, die dadurch noch sinnlicher wirken. Das elektronische Summen des Computers ist das einzige Geräusch, das sie noch wahrnimmt. Ja, nein, vielleicht. Der weiße Tod wartet hinter der imaginären Leinwand. Sie spricht von einem anderen Ich. Ihre eigene Welt erscheint ihr plötzlich so fremd. Sie weckt ihre eigenen Dämonen. Ihr Geist hungert. Kira lächelt in die Kamera. Ein sinnlicher Blick, eine immer wieder einstudierte Pose. Ein kurzer Datencheck. Den Porträtmodus aktiviert. Alles scheint perfekt. Das Selfie gibt ihr Kraft zurück. Wie schön, einmal Dornröschen zu sein. Eine Armee von Schmetterlingen zieht los. Beflügelt von der Phantasie des Windes.
GREENPEACE
ES GIBT GENUG RAUM FÜR TRÄUME
Klick. Das Foto ist fertig. Die Szene ist für immer festgehalten, eingefroren, die Welt für einen kurzen Augenblick angehalten. Das satte Grün der Blumenwiese, die schneeweiße Tischdecke, der festlich gedeckte Tisch mit der üppigen Dekoration, die Ornamente, die Symmetrie der Gegenstände, die wie ein Heer von Soldaten in einer Reihe akkurat verteilt über die Fläche aufgereiht dastehen. Links daneben der alte Baum mit der großen Schaukel. Ein kleines Mädchen mit einem farbenfrohen Kleid, auf dem winzige Blüten aufgedruckt sind, schaukelt gedankenversunken auf und ab. Das Lachen der fröhlichen Menschen ist schon von weitem zu hören. War das eine imaginäre oder eine reale Welt. Es gibt scheinbar keine Trennlinie, keine Abgrenzung zwischen Schwerelosigkeit und Schwerkraft. Die Kulisse funktioniert, weil irgendjemand ihr eine Seele gegeben hat, eine Bedeutung, eine Existenz. Es gibt genug Raum für Träume und die ungeliebte Wirklichkeit. Und doch lockt das Schauspiel meine Neugier. Ich sitze da, als stiller Beobachter, und sehe, wie die Avatare ihre Gesichter tauschen. Plötzlich hatte die Welt andere Farben, andere Töne, andere Gerüche. Ich schlage das Buch der Phantasie auf, blättere und suche nach der einen Stelle. Und da ist sie. Es war also doch kein Märchen, keine Einbildung. Ich schließe die Augen und die Bilder holen mich ein, das Gestern wird aufgelöst, nur winzige Bruchteile bleiben mir im Gedächtnis. Und doch wäre ich gerne einer der Gäste an der reich gedeckten Tafel. Würde gerne meine Lachmuskeln spüren. Mein Herz hatte die gewisse Freiheit. Jeder Dialog ein kleines Geschenk. Akustische Muster dringen an mein Ohr. Ich bin wie ein Dolmetscher, der seine eigenen Worte übersetzt. Wie ein Maler, der sein Bild immer und immer wieder übermalt. Ein Zauberer, der sich selbst verzaubert. Ein BauMeister, der seine eigenen Luftschlösser baut. Es scheint nicht gut genug zu sein. Nicht perfekt genug. Die Farben strahlen noch nicht, der Ausdruck ist fahl. Ich zappe in der Vielfalt der Kanäle hin und her, auf und ab, rechts und links. Und dann entdecke ich die weiße Leinwand, die so rein und unberührt, so klar das Nichts widerspiegelt. Ich achte auf jedes noch so kleine Detail, das völlig unerheblich sein mag, und forme daraus meine Welt. Ich improvisiere mit Sehnsüchten, mit Affronts, mit Gefühlen, mit mir selbst.
SHADOW
ER BEFINDET SICH IN EINEM LICHTTUNNEL
Schallwellen verirren sich im Raum. Schatten verzieren die kahlen Wände. Mike Oldfields Hit „Shadow On The Wall“ erklingt digital, akkurat, remastered, perfekter als das Original. Erinnerungen legen sich wie Schatten über Leon. Die Töne treffen auf, heben ab, ein Teil wird verschluckt, so dass er nur den Refrain versteht. „Treat me like a prisoner“. Eine Metapher für den Zeitgeist. Leon wirft sich in die Hype-Arena. Tanzende Körper sprühen Funken – Metall wird durchtrennt. Jede Bewegung hinterlässt lange dunkle Schatten, die sich zu immer neuen Mustern vereinen. Sie docken an und reißen auseinander. Auch Leon sieht seinen Schatten inmitten der fragilen Scherenschnitte auf den aalglatten Betonwänden. Nur sein Schatten scheint anders zu sein. Filigraner, feiner, verletzlicher. Doch erst das Licht lässt auch all die anderen Schatten entstehen. Jedes Staubkorn wirft seinen Schatten. Alle Nuancen des Lichts strahlen auf ihn ein. Leon ist in all den Schatten gefangen. Ein unsichtbares Band verbindet ihn mit dem schwarzen Nichts, das dort am Boden, an den Wänden, plötzlich überall erscheint. Übermächtig. Die Stunden drehen sich um ein Karussell aus Eitelkeiten. Geblendet verlässt er die schwarze Hölle. Er befindet sich in einem Lichttunnel und jagt seine Ängste durch die Nacht. Die Straße liegt da, wie ein dunkler Schnitt in der Landschaft. Er folgt ihr, in der Hoffnung, sein eigenes Ich wiederzufinden. Im ersten Licht des Morgens empfängt er neue Nachrichten. Doch wie mutig wird er sein? Wird er sich gegen das Licht stellen? Wird er eins werden mit dem Licht? Wird er vom Licht verschluckt? Wird er unsichtbar? Oder erstrahlt er im Licht? In seinem Licht. Ja, alle sollten ihn sehen. Leon sieht sich im Scheinwerferlicht ganz oben und alles um ihn ist in absolute Dunkelheit gehüllt. Er ragt aus dem schwarzen Nichts heraus. Verwandelt sich unbemerkt in ein funkensprühendes Gebilde, dessen Strahlen sich messerscharf in die Herzen der Menschen bohren. Licht entzündet kleine Feuerwerke. Kunstwerke von so wunderbarer Schönheit, die jedoch nur er erkennt. Lichtpunkte wechseln die Richtung. Schwarz und Weiß wechseln sich ab. In Lichtgeschwindigkeit trägt ihn die Rauchwolke davon zu einer fernen Galaxie.
REMEMBER
DIE ZEIT ERSCHEINT IM SPIEGEL
WAS FÜR EINE VITA VON WAHNSINN
Die Musik klingt vertraut. Jeder Ton speichert eine Erinnerung. Gegen das Licht gehalten erscheint ihre Silhouette zerbrechlich. Alles ist fiktiv, alles wie feinstes Porzellan, das im Takt des Herzschlags vibriert. Er legt seine Gedanken zur Seite und sie verschwinden im nächsten Augenblick im Meer der Erinnerungen. Entscheiden feine Nuancen, die wie mit einem Glasschneider ihre Herzen zerschnitten haben, über Leben und Tod? Es ist wie ein Handel mit Devotionalien, ein Ablasshandel, ein Tauschgeschäft. Romeo und Julia tauschen ihre Liebe ein. Digitale Phantasien mischen sich zu jener schwarzen Masse, die undurchdringbar scheint. Der weiße Stift fährt über das weiße Blatt und allmählich erwachen die Buchstaben zum Leben. Klar und immer klarer. Sophia liest Zeile für Zeile. Doch nicht die Wörter ergeben einen Sinn, es sind die Abstände der Zeilen, die Abstände der Buchstaben, die ihre eigenen Geschichten erzählen. Die Finger gehorchen nicht mehr, die Tastatur wird zum Abenteuerspielplatz. Zeichen und Buchstaben wechseln einander ab. Shortcuts, Command, Steuerung Alt und D, Strg-C, Strg-D. Alles geschieht in Millisekunden. Icons, Piktogramme, Schriftzeichen, die große weite Welt der Buchstaben liegt vor ihr. Keine Farbe, keine bunten Tupfer, nur schwarz und weiß. Positiv und negativ. Clean, absolut rein. Messerscharfe Konturen schneiden sich ins Papier, tauchen ein in die unregelmäßige Struktur der Oberfläche. Sophia erreichte ein neues Level, wie in einem Computerspiel tastete sie sich voran, immer auf der Suche nach einem neuen Kick, einem neuen digitalen Abenteuer. Die Zeit erscheint im Spiegel der Glückseligkeit. Bleibt einen kurzen Moment, Glücksmomente paaren sich öffentlich in einer Art viraler Sexszene. Von Höhepunkt zu Höhepunkt schweben die Gedanken, die wie Starfighter den klaren Himmel mit ihren weißen Kondensstreifen in kleine überschaubare Spielfelder teilen. Sie hat das Passwort zu ihrem Glück nicht abgespeichert. Sophia versucht die verschiedensten Kombinationen und die aberwitzigsten Verknüpfungen. Erfolglos. Sie hat sich selbst den Zugang versperrt. Sie schwebt in der Cloud wie ein Rokkaku, einer dieser sechseckigen japanischen Kampfdrachen, der wie ein Blatt im Wind dahintreibt, um plötzlich zuzuschlagen. Sie kämpft gegen ihre Seele. Es vollzieht sich eine Metamorphose der ganz besonderen Art. Sie fühlt sich größer als das Leben. Was für eine Vita von Wahnsinn und Vergessen, von Gier und Hass. Bis endlich alles eins wird, ihr Kopf, ihre Seele, ihr Körper. Leise Zwischentöne, zarte Berührungen und doch fehlt die Liebe, die ganz große Liebe. Sie schwebt und fühlt sich wohl und doch bekommt sie bei ihrem Höhenflug Flugangst. Sie beobachtet sich selbstkritisch wie eine Voyeurin, die zwischen Depression und Genie hin- und herspringt. Sie feilt an jedem Wort, an jedem Satz. Sophia erinnert sich an die Feuerschlucker, die Gaukler, die fliegenden Menschen, die manchmal ihre Traurigkeit flankieren. Wird ihr Gerechtigkeit widerfahren? In ihrem Körper leben drei unterschiedlichste Personen, die androgyn-exzentrische Drag-Queen, die brutale Sado-Maso-Frau und die blasierte Mutter. Augenscheinlich steht Sophia sich selbst im Weg. Glück und Unglück im gleichen Atemzug.
TACT
Als ich zum ersten Mal diese Bar betrat, faszinierten mich die unzähligen Flaschen. Ich staunte über die Behändigkeit des Mannes hinter dem Tresen und seine ruhige Art. Ich war erstaunt über seine stoische Ruhe, seine Übersicht und sein Lächeln. Scheinbar blind griff er nach den wunderschönen bauchigen Flaschen, deren Farbigkeit sich im fahlen Licht deutlich abhob. Wie ein Magier entlockte er jeder einzelnen Flasche jene Einzigartigkeit. Er mixte vor meinen Augen mit einer mir unvorstellbaren Leichtigkeit. Die überschwänglichen, geradezu provozierenden Namen der Cocktails spürte ich auf meiner Zunge. Er beherrschte den Rhythmus, den Takt wie ein Dirigent, setzte an den richtigen Stellen Pausen, wechselte von piano zu mezzoforte. Er spielte gekonnt mit den Flaschen und deren Inhalt wie auch mit den illustren Gästen.
ES PRICKELT AUF MEINER HAUT
Eine eigene Welt, in der er sich wohlfühlte, tat sich vor mir auf. Eine Art Unterwelt. Es prickelt auf meiner Haut. Ich fühle Nähe, Verlust, Einsamkeit und Begehren in einer Sekunde, wenn der Alkohol sich durch den Mundraub in die Kehle und weiter in meiner Speiseröhre einätzt. Ein warmes Gefühl der Freiheit zerrt an meinen Lippen, die ausgetrocknet sich nach Liebe sehnen. Ich befeuchte die Haut mit Speichel. Meine Zunge spürt die zerrissene Oberfläche, die wie eine Mondlandschaft daliegt. Meine Nase versucht, einen Geruch wahrzunehmen. Vergeblich. Ich verirre mich im Schattenreich der Sucht. Dann tauche ich nochmals ein in die geheime Welt der Drogen. In ein Meer von Pillen und Tabletten. So überlebensgroß ist der Hauptpreis. Wie ein farbenfrohes Bilderbuch umgibt mich die Welt. Meine kleine Welt, die ich mir selbst erschaffen habe aus Perfektionismus, aus Idealismus, aus Harmonie, aus Ängsten und Träumen. Ich investiere in ein Magic Life voller Sweet Love. Eine Slide Show läuft unbemerkt im Hintergrund. Ich werfe meinen Körper in die Bilderflut. Die Wellen der Erkenntnis überspülen mich. Ich versuche, darauf zu surfen. Die Brandung der Ziellosigkeit wird vor mir sichtbar. In der Gischt der Liebe tauche ich wieder auf. Ebbe und Flut ziehen mich an, stoßen mich ab. Wie ein Apnoe-Taucher versuche ich, immer tiefer in die seelenschwarze Ungewissheit vorzudringen.
ICH FLIEGE IN DIE FERNE GALAXIE
Ich warte ungeduldig auf die Happy Hour. Mein Geschmackssinn verlässt mich nicht. Ich schmecke die Klarheit des Getränkes, mein Tastsinn erfühlt die schlanke Flasche mit der filigranen Prägung am Flaschenhals. Die Kombination aus Schmecken und Tasten, aus Riechen und Hören setzt die Grenzen eng. Erstaunlicherweise konnte ich die Zukunft antizipieren. Und ist alles auch Lichtjahre entfernt, der Mut, die Lügen, die Verzweiflung, die Ungewissheit, ich fliege in die ferne Galaxie. Es gibt kein Tabu, kein unvergesslich, ich nehme die Spur der Lügen auf. Doch was bleibt? Die flüchtigen Stoffe, die meine Nase berühren, eine Mischung aus ganz besonderen Düften. Freizügig präsentiert der Mann hinter der Bar seine neuesten Kreationen. Mit einem Monolog gespickt, erinnert mich die Szene an die unzähligen YouTube Videos, die all die Selbstdarsteller tagtäglich posten, uploaden in der Hoffnung auf Likes, Klicks der Bewunderung. Die hell ausgeleuchtete Realität steht gegen die abgrundtiefe Finsternis in den Herzen der Protagonisten. Die fragile Position des erzählenden Ichs steht im Mittelpunkt der Selbstverständlichkeit. Die omnipräsente Zurschaustellung der Intimität, der Individualität – klärt sie uns auf oder verschließt sie unsere Sicht? Geradezu harmlos stehe ich da mit meiner Weltanschauung. Ich verschränke die Arme, doch die bieten mir keinen Schutz. Es ist eine Grenzerfahrung ohne sichtbare Grenzen. Alles scheint im Fluss. Ich blicke nochmal zurück zum Barmann. Er schenkt mir sein schönstes Lächeln zum Abschied. In meinem Körper explodieren kleine Feuerwerke. Ich falle, suche Halt, alles scheint sinnlos. Bis jemand den Knopf an der PlayStation drückt. Game over.
COMING HOME
19. Februar 2017
„Falco lebt“, dringt es aus den Lautsprechern. Jedes Jahr lebt er neu. Die Magie der Unsterblichkeit. Kleine Glücksmomente lösen sich aus der Atmosphäre. Dekadenz drängt sich vor. Die Schlange wird länger. Er sieht sie vor sich, all die schönen Frauen, die ihre volle Weiblichkeit zur Schau stellen. All die Schönheiten, die in seiner Wahrnehmung Albträume auslöst. Schon wollen seine Hände nach den imaginären Hologrammen greifen, doch er greift ins Leere. Mit aller Kraft stemmt sich seine Phantasie gegen dieses Phänomen. Diese unstillbare Gier verfolgt ihn. Die Gegensätze, die er so liebt, scheinen ihn zu zerstören. Er, der Narzisst, zerbricht an seiner Selbstliebe, er erstickt an den übermächtigen Selbstzweifeln. Und immer wenn er die Geschichte erzählt, seine Geschichte, jede Einzelheit, jedes noch so kleine offenbar unwichtige Detail, dann, ja immer dann strahlen seine Augen, dann funkeln sie, wie kunstvoll geschliffene Diamanten. Er sucht einen Zeitvertreib, ein Spiel, das er jederzeit abbrechen kann. Wie wäre es, wenn er von einen auf den anderen Moment aussteigen würde?
ER BLICKT IN VIRTUELLE REALITÄTEN
Er blickt auf sein Handy. Wie lange reicht der Akku noch? Ist es eine spirituelle Sinnsuche? Besitzt er noch die Freiheit zu glauben? Das Gespür für Leben? Er blickt in virtuelle Realitäten. Tiefgründige Gespräche über den Sinn des Lebens folgen. Er fühlt sich wie eine Insel. Vielerlei Gebäude und steinerne Komplexe ragten in den Himmel, gingen ineinander über und bildeten eine gigantische Betonwüste. Schillernde Farben erreichten seine Augen. Er fühlte sich wohl in diesem Moment und mit dem Gefühl, in der alles eine gleichmäßige Einheit sein sollte, die Luft, die Sonnenstrahlen, der klare Himmel, wie unter einer riesigen Glaskuppel von etwas Unsichtbarem zusammengehalten. Sein Leben hängt an dieser Geschichte.
10. März 2017
ER HINTERFRAGT SEIN DASEIN
Eine Melodie wie aus einem Soundtrack legt sich auf seine Ohren. Geloopte Nachrichten, die wundersamen Töne aus einem Spielautomaten mischen sich mit Wortfetzen und unregelmäßigem Zischen. Akustische Muster, die so weit entfernt klingen. Höhen, Tiefen, leise, laut, Wiederholungen, die wie Heimweh klingen. Er ist wie elektrisiert von all den Eindrücken, den Masken und leblosen Gesichtern. Er durchbricht ein neues Level in einem ungleichen Spiel. Zufällige Entdeckungen werden zu spontanen Geschichten verarbeitet. Er erhebt seine Hände und die Geste wirkt wie eine schon tausend Mal ausgeführte Handlung, die Geste eines Pfarrers, der den Kelch des ewigen Bundes in die Höhe streckt, oder einer Braut, die ihren Strauß in die Höhe wirft. Die Lebenslinien treffen sich im Unendlichen und geben erst im Zusammenhang einen Sinn. Die Chiffre löst sich beinahe selbst auf. Er dreht den Zauberwürfel schnell und immer schneller. Die Farben wechseln, verschwinden und werden überdeckt von seinen flinken Fingern. In diesem Moment verlieren seine Finger den Kontakt und der Zauber ist zu Ende. Er hinterfragt sein Dasein, seine Rolle in dem Spiel. In Zeitlupe fällt er kopfüber in nichts. Hinter einer zerrissenen Dunstschicht erkennt er die Heimat. Überbelichtet, in gleißendes Sonnenlicht getaucht. Und in großen Lettern erkennt er die Schrift: COMING HOME
ESCAPE
HYSTERIE LIEGT IN DER LUFT
Digitale Strukturen umgeben Tessa. Ihre Perspektiven und ihr Denken laufen wie Programmcodes ab. Die Macht der Vernetzung dringt tief in sie ein. Sie steht an ihrem Lieblingsplatz, einem kleinen See weit außerhalb der Stadt. Die Wasserfläche gleicht einem mit schwarzem Klavierlack überzogenem Boden. Die unzähligen kleinen feinen Poren wirken wie die Haut in ihrem Gesicht. Die reale und die virtuelle Welt verschwimmen vor ihr. Doch plötzlich sieht sie ihn. Sie lässt sich von seiner Schönheit einfangen, genießt seine Bewegungen, beobachtet das Licht auf seinem Gesicht, die Art, wie er aus einer Flasche trinkt. Immer wieder verliert sie ihn aus dem Blick, immer wieder sucht sie ihn. Tessa lässt sich mitziehen von dem Unbekannten ins Unbekannte, in ein anderes Leben. Sie hört neue seltsame Töne. Wechselt die Tonspur. Verlockende Klänge treiben ihre Phantasie an. Monotone Gesänge breiten sich in ihren Gehörgängen aus. Es ist der Gesang von der großen Welt, von unendlicher Verschwendung und Übertreibungen, der Gesang des Verschuldens, Verbrennens und Verglühens, der Gesang des Begehrens und der unendlichen Liebe. Die Lust verleiht ihr starke Energie. Tessa verfolgt nur ein Ziel. Sie fragt sich, ob sie an Wunder glaubt. Sie bräuchte eins. Alle Register von kokett bis naiv zieht sie. Geschminkt mit Sternenstaub verbreitet sie einen betörenden süßlichen Duft. Die Sonne versetzt ihre Haut in ein golden schimmerndes Kunstwerk. Es gibt keine Zweifel, sie wird Zeuge ihrer eigenen Metamorphose. Sie arbeitet wie eine humanoide Maschine, in der die virtuose Transparenz deutlich wird. Hysterie liegt in der Luft. Sie scheint zu zerbrechen an ihrer Gläubigkeit. Tessa flieht in die Unendlichkeit. Sie nimmt all die göttlichen Symbole mit auf ihre Reise. Aspergill und Hostienschale, Ziborium und Monstranz. Sie spürt jede einzelne Perle ihres Rosenkranzes zwischen ihren zarten Fingern. „Gegrüßet seist du.…“ Monotonie erwacht zu einem Ritual. Die immer gleichen Schritte, die immer gleichen Bewegungen, tausend-, ja hunderttausendmal ausgeführt. Neugierig erfasst ihr Blick den Altar. Die goldenen Türen blenden ihre Augen. Versteckt sich dahinter das Paradies oder nur ein trauriges Abbild der Welt, rätselhafter unbegreiflicher, langweiliger?
C-CODE
WORTTÜRME BAUEN SICH VOR IHM AUF
ABGEHOBEN VON DER REALEN WELT
Langsam tippt er das Passwort ein. Seine Finger tanzen über die Tastatur. Nicht immer im gleichen Rhythmus. Er fühlt sich in diesem Augenblick wie ein berühmter Pianist, der große Konzertsäle füllt. Inmitten einer elitären Gesellschaft, die frenetisch Beifall klatscht. Es ist, als ob seine Finger mit den Buchstaben sprechen. Worttürme bauen sich vor ihm auf. Text, nichts als Text. Tim ist programmiert auf Leben. Auf Überleben. In seinem Herz tickt eine Zeitbombe. Alle 60 Sekunden eine Detonation. 1440 Mal täglich. Seine Drogen 0.1.010001, Bits und Bytes. Seine Geschichte erzählt er in Millionen Zeilen undurchdringbarer Quellcodes, die über den dunklen Bildschirm huschen wie kleine Lichtpunkte im Universum. Tims Tastsinn erfühlt die Leerstellen auf seiner inneren Landkarte. Er rast mit Überschallgeschwindigkeit an einer Zeitinsel vorbei. Künstliche Intelligenzen begleiten Tim auf seiner Reise, die er wie in Trance weiter fortsetzt. Dunkle Algorithmen kreuzen die Umlaufbahn seiner Gedanken. Der Sinn von Sprache wird zur Sinnsuche. Wörter zerfallen zu Sternenstaub. Sätze verglühen im Sonnensturm. Geschichten verirren sich in der unendlichen Weite des Andromeda-Nebels. Metadaten reihen sich auf, wie schimmernde kostbare Südseeperlen auf der Perlenkette. Künstliche Intelligenz nimmt den Raum neben ihm ein. Computerviren infizieren alle Lebewesen. Schläft er? Träumt er? Er ist gefangen zwischen Lust und Langeweile. Ist es noch der selbe Himmel, der unter seinen Füßen verglüht? Von Milliarden Funkspitzen durchbohrt, unsichtbar durchtrennt, von Daten überfüllt, von Gigabytes überladen? Tims Hirnströme verlassen die Atmosphäre und verbinden sich mit all dem Datenmüll zu einer neuen Galaxie. Tag und Nacht teilen sich das Firmament. Die Gravitation ist außerhalb jeglicher Reichweite. Er blickt gedankenverloren auf seinen ultraflachen Bildschirm und sieht in hungernde Kinderaugen. Er sieht in das Paradies mit Hindernissen, das im Algorithmus der Zeit dahin schwebt. Abgehoben von der realen Welt. Abgekoppelt wie das Raumschiff Voyageur. Sein Herz klopft, das Leben kommt dazwischen. Tim schnappt nach Luft. Dieses unsichtbare Element, das ihm sein Überleben sichert. Ein letzter Atemzug…
THE UNPREDICTABILITY OF HAPPINESS
EIN SPIEL AUF LEBEN UND TOD
DIE EKSTASE IST FÖRMLICH SPÜRBAR
Schlaftrunken bringt Kimberley ihren makellosen Körper aus dem Bett. Sie dirigiert ihn vorbei an ihrem strahlend kaschmirweißen Traum aus Kleidern und Schuhen. Sie erinnert sich nicht an die letzte Nacht. Trotz ihres fotografischen Gedächtnisses hat sie keinerlei Erinnerung. Wo war sie und mit wem? Ihr Mund ist trocken wie Mondstaub. Über die Treppe gelangt sie in das offene Wohnzimmer. Es ist ein strahlender Sommertag. Das Sonnenlicht blendet sie, wie der Lichtbogen beim Schweißen von Stahlteilen. „After the Love has gone“ von Earth Wind and Fire schallt aus unsichtbaren Lautsprechern. Die Musik bringt ihre Erinnerung an den gestrigen Abend wieder zurück. Da war dieser gut aussehende Mann mit den grauen Schläfen und dem Dreitagesbart. Er lächelte ihr zu. Seine blauen Augen strahlten wie Bergkristalle. Er hatte eine unglaubliche Ausstrahlung. Nach schier endlosen Augenblicken sprach er sie an. Hätte sie da nur im Entferntesten erahnt, dass er ein absoluter Psychopath mit einem ausgeprägten Borderline-Syndrom ist. Ja, sie fand ihn im ersten Moment sehr interessant, vielleicht begehrenswert. Es war ein Spiel. Ein Spiel auf Leben und Tod. Er war unberechenbar, das wusste Kimberley. Könnte sie doch Gedanken lesen. Der Tag war noch jung und hatte doch seine Klarheit verloren. Dichte Wolken ziehen vorbei. Das Glück schien so nah und dann die nackte Angst. Sie konnte im Traum manchmal fliegen. Sie geht ihre skurrilen Geistesblitze nochmals durch. War alles nur Einbildung oder die harte Realität? Sie denkt darüber nach, dass man im Leben keinen Einfluss hat, zu wem man sich hingezogen fühlt, man kann sich hinterher einfach nur wundern. Er gab vor, Broker an der Wallstreet zu sein. Dann hat sie kein Wort mehr verstanden und ihn auch kurzzeitig nicht mehr gesehen. Er ist vom künstlichen silbernen Nebel auf der tennisplatzgroßen Tanzfläche verschlungen worden. Sie tanzen zwischen 100 äußerst jungen Skeletten mit teuren Markenklamotten auf ihrer Haut, die sich hinter ihren Designerbrillen verstecken, überwiegend weiblich. Die Musik des DJ mit Wahlheimat Mallorca dröhnt aus meterhohen Blackboxen. Irrwitzige Remixe laufen auf und ab. Funk, Soul und Groove wechseln sich mit Deep House ab und ergeben ein sich immer schneller drehendes Klangkarusell. Er dreht an den imaginären Reglern. Klangkaskaden fallen auf die sich immer schneller drehenden Figuren herab. Grelle Scheinwerfer tauchen alles in ein mystisches, unwirkliches Licht. Hände suchen irgendwo Halt in der aus Bewegung, Musik und süßlichem Duft bestehenden undurchsichtigen Bühne. Die Ekstase ist förmlich spürbar und überträgt sich auf die glatten schmucklosen Betonwände, deren unspektakuläres Grau alles zu verschlucken sucht. Die Bässe vibrieren in den Knochen, das Herz schlägt im 6/8 Rhythmus, wie nach der erfolgreichen Behandlung mit dem Defibrillator. Champagner spritzt wie Weihwasser auf die unheiligen Körper. Das Stroboskobgewitter wirkt dabei wie die Taube des Heiligen Geistes, der auf alle herniederfällt. Das Dickicht aus Körpern, Stimmen, Rauch und Musikfetzen lockert sich von Minute zu Minute. Da erscheint er wieder, der unsichtbare Fremde. Kimberley zögert eine Sekunde. Wägt ab und dann…
START
Seit langer Zeit hört er seine innere Stimme. Das Band im Kassettenrekorder ist auf Anfang gespult. Nun drückt Milan die Starttaste. M. verlässt das Haus schon lange nicht mehr. Das Versprechen vom admiralblauen Himmel liegt lange zurück. Der Tanz ins Licht. Die Welt da draußen ist eine einzige Show. Überbelichtet, das Negativ vom Positiv. Eine skurrile Welt, voll von scheinbarem Gold und kitschigem Plüsch. M. hat allmählich seinen Rhythmus gefunden, nicht zu schnell und nicht zu langsam.
Er balanciert auf dem Schwebebalken in eine neue Zukunft. Er versucht, allen Ballast abzuwerfen. Jeder Tag wird fein säuberlich eingeteilt in 24 gleiche Teile. Der Zeitraster nimmt seine Gedanken, seine Seele, seine Erinnerungen, seine Phantasie, seine Sehnsüchte, seine Freiheit auf. Zeitlos begrüßt er den Morgen, den Tag und die Nacht. Er schwimmt in einem Meer von Zeit – er taucht ab in die UHRzeit – er verschwendet seine LEBENSzeit – er erlebt die EISzeit, die FREIzeit. Er gerät in ein Labyrinth, das für ihn undurchsichtig, ja undurchdringbar ist.
Wie kam ich jetzt darauf? Ach ja, Lotterie des Lebens. M. ist überrascht von seiner irrwitzigen Comedy-Show. Er fühlt sich wie in einem Horror-Zirkus inmitten wilder Bestien. Zwischen Sex und Lametta, Freiheit und Abgrund. Er ahnt nur die Bilder von der Vergänglichkeit. In homöopathischen Dosen werden ihm die Worte verabreicht.
KALT FÜHLT SICH ALLES AN
M. riecht den Duft des Regens. Die Regentropfen prallen auf die feuchte Erde und katapultieren die Moleküle in seine Nase. Die Tropfen zerstäuben schlagartig und bilden kleine Wasserwolken. Nun steht er da, als stiller Held mit Herzkammerflimmern. Was für ein Genuss es doch war, beschützt zu sein. Beschützt in sich selbst. In seiner Liebe, in seiner Euphorie. M. wähnte in jedem Tropfen eine Gefahr. Der Regen hat alles um ihn verwandelt. Kalt fühlt sich alles an. Er spürt jeden Tropfen auf seiner Haut, wie tausende kleiner Explosionen. Die Erde bebt im Sekundentakt. Wie im Phantomschmerz liegt er da, beklemmend still, verletzlich. Stimmen und immer wieder Stimmen. Er hat ein Blind Date mit seinem Leben. Einem Leben, dessen Verlauf einer geraden Linie glich, ohne viel Höhen oder Tiefen. Ein Leben, das allmählich zu verglühen drohte wie ein Kaminfeuer ohne den entsprechenden Sauerstoff. Er hat sich selbst verloren in seiner kleinen perfekten Welt. Solide, gesichert, das eigene Ich umkreisend, in einer unendlichen Umlaufbahn. Wie der Mond um die Erde zieht er seine Kreise, wirkt anziehend und abstoßend. Er fühlt den schwerelosen Raum, die Atemlosigkeit und die Angst, dass das Raumschiff Schicksal seine Träume, seine Vollkommenheit durchtrennt. Zufällig, ja manchmal willkürlich wirkte die Szenerie. War er an der Schwelle zu einer neuen Zeit angekommen, deren Ende er nicht kannte?
GOLD
SEIN INSTIKT IST GESCHÄRFT
Das blütenweiße Hemd sitzt wie maßgeschneidert. Ecos ebenmäßiges Gesicht wirkt nachdenklich. Auf seinem Weg ins Büro ziehen einige Szenarien mit 36 Bildern pro Sekunde vorbei. Im Büro angekommen, sieht er aus dem Fenster mit dem gigantischen Panoramablick. Die Stadt liegt vor ihm, mit all den Glasfronten, die das Licht wie ein Prisma brechen. Regenbogenfarben reflektieren zwischen den Gebäuden und verbinden die Solitäre wie durch ein magisches Band. Die Silhouetten überlagern sich in alabastergrauen Schattenflächen. Der granitgraue Himmel lenkt seine Aufmerksamkeit auf ganz neue Dinge. Sein Instinkt ist geschärft. Wie ein Hellseher nimmt er die imaginäre Glaskugel und blickt damit in die Zukunft. Er hatte bisher immer alles goldrichtig vorausgesagt und vorhergesehen. Immer war sein Kompass auf Süden gerichtet. Seine Konzentration wird durch das Lied aus dem Radio kurz gestört. „Don‘t be so shy“, klingt es ihm entgegen. Er denkt einen kurzen Moment an Jennifer. Sie ist schön. Ganz sie selbst in seinen Gedanken. Er küsst ihre feuchten Lippen, streichelt ihre samtweiche Haut, er versinkt in ihr. Sie hebt leicht ihre muskulösen Arme und ihre Brüste ragen wie kleine Bergspitzen über ihr Dekolleté. Sein Handy meldet sich und er wird abrupt aus seinen Träumen gerissen. War nun der Tipp goldrichtig? Er checkt seine Mails und aktualisiert die Aktienberichte. Die Börse ist auf Talfahrt. Ging es doch lange immer nur bergauf. Man steigt an der Talstation nur in den Lift. Schon geht es bergauf ohne Mühe. Ecos Blick folgt dem Tragseil, das sich von Mast zu Mast spannt. Er gleitet mit dem Sessellift bequem über die Schluchten und die Schneisen, die sich wie Schlangen durch die Bäume schlängeln. Bunte Punkte wie in seinen unzähligen Diagrammen schwingen auf den schmalen weißen Bändern ins Tal. Im Zickzack bewältigen sie die kobaltblauen, die blutroten und pechschwarzen Pisten. Plötzlich ziehen Wolken auf und der Nebel wird dichter. Leere Sessel tauchen plötzlich aus dem Nichts auf. Endlich haben sie die Bergstation erreicht. Einzelne Schneeflocken tanzen gemütlich im ¾-Takt durch die kalte Luft. Ein letzter Blick auf das Profil des Hanges und dann stößt er sich kräftig mit seinen Stöcken ab und der Nebel verschlingt ihn.
Es ist, als ob ihm die Zeit durch die Finger gleitet. Jemand ruft laut seinen Namen. Sein Herz rast und zwischen den Herzschlägen schiebt sich in jeder Millisekunde eine Pause. Er war immer so ruhig und gelassen. Jetzt fühlte er sich urplötzlich so einsam und das trotz seines 100-köpfigen Expertenteams. Er ist der moderne Goldgräber in neuer Verpackung. Kaufen oder verkaufen? Das Aktienbarometer steigt nicht mehr. Die Stimmung ist frostig. Seine Mitarbeiter wirken wie Marionetten ohne eigenes Leben. Ihn umgibt eine sonderbare Stille. Augenblicke hüpfen vorbei wie Skispringer. Er möchte so gerne die Pausetaste drücken. Die Zeit anhalten. Aber dann würde die ganze Erde stillstehen.
LIGHT
SIE FÜHLT SICH WIE ROBINSON
TÖNE GLEITEN DURCH DIE NACHT
Isabella hat es sich geschworen. Dieses Jahr nimmt sie sich endlich die Zeit, Zeit für Gefühle. Sie ist schon im Sommerfeeling. In ihren Träumen sieht sie einen feinsandigen, zimtbraunen Strand, irgendwo auf einer Insel, vielleicht auf Mallorca, Menorca, Zypern, Sardinien. Das ganze Jahr Bikini-Wetter, der Puderzuckerstrand ist makellos. In den Lagunen glitzert türkisblaues Wasser, die Palmenblätter flüstern im Wind. Der Rest der Welt mit all seinen Sorgen ist weit, weit weg. Hinter dem Horizont. Deshalb ist eine Insel der ideale Ort, um zu lernen, im Moment zu leben, dachte sie sich. Das wichtigste Element immer vor Augen: das Wasser. Vergessen hat sie das WOHER oder das WOHIN. Sie steht auf, wenn die Sonnenstrahlen durch die Jalousien fallen und sie wachkitzeln. Sie fühlt sich wie Robinson. Frühstücken, was gestern noch an den Bäumen hing. Mangos, Ananas, Papayas. Sie spürt die Wärme der glutroten Sonne auf ihrer kaokaofarbenen Haut. Sie liest in den Wolken und entdeckt Schwärme tropischer Fische und gigantische Korallenriffe. Am Abend schlendert sie ziellos durch Palmenhaine und dörfliche Straßen. Ab und an streift ein feiner Duft die Nase, denn auf den erhitzten Steinen gart das Essen, das mit Palmblättern bedeckt ist. Sie entdeckt Süßkartoffeln, fangfrische Krustentiere und Fisch. Die Natur hält alles bereit. Sie schaut aufs Meer und in den Himmel. Die wahren Wünsche aus ihrem Innersten kommen an die Oberfläche und mit ihnen die Energie. Auf ihrem Gesicht erscheint ein Lächeln. Keine Uhr, kein Smartphone, kein Terminkalender – nur die Einfachheit des Seins. Und das Vertrauen in die Natur und in den Lauf der Dinge. Sie lehnt sich zurück und ist einfach glücklich. Farben mischen sich immer neu und schöne Körper vergnügen sich. Wind und Wellen sind wie Samt und Seide und kleine Schallwellen stranden. Isabellas Herzklopfen schallt ins Universum. Ein kurzer Blick – ein Lächeln – und dann auf gleicher Wellenlänge. Ihre Sinne applaudieren beim Meerblick ins Paradies. Am nächsten Abend entsteht knisternde Spannung. Vor ihr schweben Traumtänzer durch die tintenschwarze Nacht. Die Gischt glitzert wie tausend Diamanten und das Lachen flirrt durch die klare Luft. Tausende und abertausende Töne gleiten durch die Nacht. Hände zeichnen Worte in die Luft und um sie nur fröhliche Gesichter. Plötzlich Stille: Robinson lebt!
BEAUTY
Julians Blick umkreiste sie wie ein Satellit den Planeten in einer ihm vorgegebenen Umlaufbahn. Mit einem engen schneeweißen Seidenkleid war sie gekleidet. Ihre schmale Taille konnte man durch den fragilen Stoff erahnen. Ihr blondes Haar bedeckte ihre schmalen Schultern. Wie eine vollkommen gebildete Statue stand sie da. All die Proportionen waren dem Meister perfekt gelungen. Sie war der lebende GOLDENE SCHNITT. Grazil ihre Bewegungen, fein ihr Lächeln, unbeschreiblich ihre strahlenden Augen. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Dessen ungeahnt, begann Julian ihr in Gedanken Geschichten zu erzählen. Das Licht schimmerte durch den dünnen Stoff und ähnlich einem Wasserzeichen, die filigranen Muskeln freigebend. Wie ein Orchester im Gleichklang passte scheinbar alles, fügte sich alles zu einem makellosen Ganzen zusammen. Sie ist vollkommen auf ihre Weise. Selbst ihr Schatten verfügt über die gewisse Grazie. Ein Schwalben-Ballett flog Kunststücke in den Himmel, an dem eine einzige weiße Wolke dahinirrte, und Julian schenkte den Künstlern der Lüfte kurz seine Aufmerksamkeit. Heute würde es vielleicht geschehen. Er blickte in ihre azurblauen Augen und vergaß dabei die Zeit und den Raum um sich. Er wünschte sich ein Fest im Park. In den Zweigen der Bäume hingen Lampions und an den Kieswegen tanzten die Flammen der Fackeln. Eine kleine Combo spielte seine Lieblingslieder. Julian betrachtete in seinem Traum von weitem die scheren-schnittartigen Kellner, die den Gästen bunte Cocktails reichten. Spärliche kleine Lichter legten funkelnde Bänder auf die glatte Wasseroberfläche des Sees. Völlig synchron waren ihre Bewegungen. Ihr strahlendes Lächeln war so natürlich, ihre Lippen so vollkommen. Wie feinstes chinesisches Porzellan war ihre Haut, so glatt und fein. Seine Augen verloren sich in ihrer anmutigen Gestalt. Ihre grazile Erscheinung fesselten ihn von Anfang an. Sie bewegten sich auf den beleuchteten See zu wie zwei Models. Ein Traum aus tausend und einer Nacht. Sie versprüht förmlich ihr Charisma. Menschen um sie herum tanzen zum Takt der Musik, schaukeln hin und her, wie kleine Boote auf dem Wasser. Julian reiste mit seinem Blick an ihrer Silhouette entlang. Er befand sich auf einer Weltreise. In Augenblicken durchreiste er Wüsten, Meere, Inseln, neue Kontinente. Er atmete die exotischen Gerüche ein. Pfefferminz mischt sich mit Safran. Rosenöl und Zedernholz. Er hört das rhythmische Klatschen, die Töne der Trommeln. Sie schwebt vor seinen Augen. Mit ihren langen braungebrannten Beinen tänzelte sie im Takt der Musik. Er war fasziniert von ihrer Schönheit in jeder Sekunde. Er stand neben ihr und plötzlich kommt sie näher und näher. Mit jedem Schritt zeigt sich ihre wahre Schönheit. Dann steht sie vor ihm. Das Gewitter hat sich verzogen. Die Luft ist klar und riecht frisch. Julian blickt in ihre Augen. Er umarmt sie vorsichtig. Er berührt sie und fühlt die weiche Haut, wie zerbrechliches Porzellan. Sie erwidert seine Berührungen und lächelt. Ihre strahlend weißen Zähne blitzen im Sonnenlicht. Für den Bruchteil einer Sekunde spürt er ihre Energie, ihre Freude. Er küsst sie auf ihre sinnlichen Lippen, vorsichtig spürt er die zarte Haut. Er ist fasziniert von ihrem Charme. Wie ein überdimensionales Weltraumteleskop spürt er ihre feinen Botschaften. Sein Lebensfluss scheint für einen kurzen Moment zu stehen. Wie ein Equilibrist versucht er, die Balance zu halten zwischen ihm und ihr. Das dünne Seil entlangzugehen, ohne abzustürzen. Wann wird er sie wiedersehen? Wann wird er sie wieder spüren? Wann…
ABSOLUT(ION)
DIE STERNE VERBLASSEN LANGSAM
Kim sieht aus dem Fenster. Der Festplatz am Ende der Straße leert sich langsam. Nur vereinzelte Musikfetzen dringen durch das Glas in den Raum. Sie trägt ein figurbetontes lavaschwarzes Kleid und ein mandarinfarbenes Armband mit einer silbernen Kugel. Ihre ahornbraunen Locken fallen lässig über ihren Hals. Sie sollte eigentlich in Muskat sein. Dort ist es jetzt sieben Uhr morgens. Die Sterne verblassen langsam im Dämmerlicht. Skelettartige Hunde stöbern in den Mauerresten nach Essbarem. Schrill klingt es aus den Lautsprechern, denn der Muezzin ruft zum Morgengebet. Leichen liegen verstreut wie ausgelegte Köder auf den staubigen Straßen. Kurzfristig wurde der Flug annulliert. Jetzt hat es nach dem Jemen, Iran, Irak, Saudi-Arabien auch den Oman erwischt. Der IS weitet sich wie ein Krebsgeschwür aus. Wie schön wäre es in Muskat doch gewesen. Im „The Chedi Hotel“. Sie sah sich schon im 103 m langen Pool schwimmen und abends bei Sonnenuntergang den feinen Lobster im Strandrestaurant bei Kerzenschein verkosten. Kreischende Möwen, Sonne, surferglitzerndes, unendlich scheinendes Meer. Wie würde sie den kühlen Schatten der großen mächtigen Dattelpalmen genießen und sich unter dem sichelförmigen Dach sicher und beschützt fühlen.
Darmowy fragment się skończył.