Czytaj książkę: «Liebe und Alltag in der DDR»

Czcionka:

Helena Zauber

Liebe und Alltag in der DDR

Bewahrt in Briefen der NVA-Zeit von Mai 1985 bis Oktober 1986

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

0. Vorwort

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

68. Kapitel

69. Kapitel

70. Kapitel

71. Kapitel

Impressum neobooks

0. Vorwort

Geboren 1960 in der DDR habe ich, Helena Zauber, 2020 ein Patt. 30 Jahre leben in der DDR und 30 Jahre im vereinten Deutschland.

Anlass genug, um mal zurück zu schauen. Vieles gerät in Vergessenheit.

Aber es gibt ja Zeugnisse darüber, wie das Leben und Lieben in der DDR war.

Damit meine ich nicht die offiziellen Reportagen und Geschichten, die jetzt gehäuft im Fernsehen zu schauen sind. Sondern die privaten „Archive“, wie Fotoalben, alte Zeitungsausschnitte, Postkarten, Aufzeichnungen, Dokumente usw.

Besonders freue ich mich darüber, dass ich all die Jahre ganz besondere „Zeitzeugen“ aufgehoben habe.

Es sind Briefe, die mein damaliger Mann Hannes und ich während seines

18-monatigen Grundwehrdienstes bei der NVA geschrieben haben.

Ich habe diese Briefe nach Hannes` Armee-Zeit sorgsam verpackt und bei jedem Umzug mitgenommen.

Auch als wir uns nach 30-jähriger Ehe 2014 trennten, war das für mich kein Grund, diese Briefe zu vernichten.

Sind sie doch Zeugen einer wunderschönen jungen Liebe, die trotz äußerer Widrigkeiten und Geschehnisse lange existierte. Und sie sind Zeitzeugnisse des Lebens in der DDR, Schilderung des ganz normalen Alltags, den eine junge Ehe in der DDR zu dieser Zeit gelebt hat.

Es gibt für mich also genug Gründe, diese Briefe wieder zu lesen und auch für die nachkommenden Generationen fest zuhalten.

Aber vielleicht erkennt sich der ein oder andere Leser darin ja auch wieder und erinnert sich.

Oder es hilft Außenstehenden, das Leben in der DDR besser zu verstehen, bzw. nachzuvollziehen.

Dabei handelt es sich um einen kurzen Zeitraum, eben um diese 18 Monate von Mai 1985 bis Oktober 1986.

Rückblickend vergingen diese 18 Monate wie im Flug, was wir damals tatsächlich ganz anders empfunden haben. Wir haben die Tage gezählt, bis wir uns wieder sehen konnten oder bis ein Brief vom Anderen kam. Dabei hatte ich in meinem Alltag genug zu tun, woran ich mich nur teilweise erinnere und die Briefe mir bestätigen werden.

Nun bin ich selbst gespannt, was in diesen Briefen steht, abseits unserer großen, in diesen Monaten sehnsüchtigen Liebe.

Bei einigen Stichproben, die ich während des Sortierens aus Neugier machte, fiel mir schon auf, dass ich vieles vergessen habe oder falsch in Erinnerung hatte. So wird es mir sicher immer wieder gehen.

Deshalb habe ich mich entschlossen, diese 410 Briefe nicht einfach zu scannen und ohne Kommentar zu veröffentlichen, sondern meine Erinnerungen dazu aufzuschreiben, untermalt von Fotos der Briefe und aus den Fotoalben dieser Zeit.

Auch sind viele Begrifflichkeiten aus dem DDR-Alltag in Vergessenheit geraten oder gänzlich unbekannt. Dafür habe ich in diesem Buch einen Anhang erstellt und solche Begriffe in loser Reihenfolge aufgeführt.

Natürlich habe ich die Namen der Beteiligten geändert, bei den Zitaten aus den Originalbriefen die Rechtschreibung angepasst und manchmal den Wortlaut des besseren Verstehens angepasst. Auch habe ich meine Briefe teilweise sehr gekürzt, manchmal auch zusammengefasst, da sich doch vieles wiederholte und einige Briefe tatsächlich bis zu 14 Seiten lang sind. Ich habe versucht, die Chronologie der Briefe darzustellen und deshalb auf die Einteilung des Buches in Kapitel verzichtet, für die e.book - Variante habe ich aber Kapitelnummern eingefügt. Nun wünsche ich allen, die sich darauf einlassen, viel Spaß beim Eintauchen in eine vergangene Zeit.

Helena Zauber

Stade, 2019/2020

1. Kapitel

Angefangen hat alles an einem Samstagabend im Oktober 1983 bei einem Diskobesuch in Greifswald. Eine Freundin wollte unbedingt dort hin und ich habe mich überreden lassen mitzugehen.

Marianne hatte an diesem Abend ihren „Schwarm“ nicht getroffen, aber ich habe meinen Hannes kennen gelernt.

Acht Monate später, am 8. Juni 1984, heirateten wir im Greifswalder Standesamt. Es war, wie wir fanden und ich heute noch finde, eine sehr romantische Hochzeit, aber für unsere Familien ungewöhnlich.

Hannes und ich sind alleine mit dem Stadtbus zum Standesamt gefahren. Damals brauchten wir keine Trauzeugen. Ich hatte ein bunt gestreiftes glänzendes Kleid an. Einen Biedermeierstrauß aus roten Rosen, den ich unbedingt wollte und im Haar ein „Klapsband“, quasi als Schleierersatz. Mein Hannes hatte Kordhosen und ein blau-weiß-gestreiftes Hemd an. Aber wir hatten einen Fotografen bestellt, um diesen besonderen Moment festzuhalten.


Nur die Standesbeamtin und der Fotograf wussten außer uns, dass wir an diesem Tag heiraten werden. Hannes hatte diesen Vorschlag gemacht und ich fand es spannend und aufregend, so heimlich, ohne unsere Familien zu heiraten.

Anschließend sind wir in das nahe gelegene Cafe zum Frühstücken gegangen. Dort bestaunten einige Gäste meinen wunderschönen Blumenstrauß. Wahrscheinlich vermuteten sie richtig.

Mit dem Zug fuhren wir dann frisch vermählt und glücklich auf Hochzeitsreise nach Erfurt.

Hannes hatte dort Maschinebauer gelernt und wollte mir diese wunderschöne Stadt in Thüringen bei dieser Gelegenheit zeigen.

Da wir ja gleich vom Standesamt aus gereist sind, hatten wir die Eheurkunde dabei. Das war auch gut so, da ich diese im Hotel „Vilnius“ in Erfurt vorzeigen konnte. So bekamen wir eine zukünftige Ein-Raum-Wohnung mit Kochnische für uns.

Damals war es in Städten, wie Erfurt und anderswo üblich, dass man zukünftige Wohnblöcke eine Zeit lang als Hotel nutzte und sie später als Wohnungen vermietete. So konnte es sein, dass man ein Zweibettzimmer in einer zukünftigen 3-Raum-Wohnung bekam. Das bedeutete, man teilte sich das Bad mit den Gästen aus den anderen Zimmern, was für uns auf keinen Fall in Frage kam. Wir wollten unser junges Glück mit viel Zweisamkeit und ungestört genießen.

Wenn ich jetzt daran zurück denke, muss ich schmunzeln. Wir waren ja so verliebt, gingen Hand in Hand glücklich in Erfurt spazieren, küssten uns immer wieder und genossen unsere Liebe.

Dann entdeckten wir, dass man in dem Hotel Westfernsehen empfangen konnte. Das war ja was, das mussten wir unbedingt ausprobieren und erwischten gleich den Hitchcock-Thriller „Die Vögel“. Oh je, solche Art Thriller hatten wir noch nicht gesehen. Wir waren ganz gebannt davon und es ließ uns eine ganze Weile nach Ende des Films nicht mehr los.

Aber dann fingen wir an, uns gegenseitig zu erschrecken und alberten rum bis wir irgendwann lachend ins Bett fielen, uns wild küssend umarmten und uns unsere Liebe immer wieder mit wunderschönem Sex bewiesen.

Nach diesen Tagen in Erfurt, von wo aus wir Karten an alle, die es wissen sollten, schrieben, dass wir geheiratet haben, fuhren wir zu meinen Schwiegereltern. Auch sie sollten wissen, dass ihr 23-jähriger Sohn geheiratet hatte. Hannes wollte es Ihnen direkt mitteilen.

Ich weiß gar nicht mehr, ob sie überhaupt schon was von meiner Existenz wussten. Das Verhältnis zwischen Hannes und seinen Eltern war sehr angespannt. Besonders zu seinem Vater.

Dieser lies sich dann auch erst mal die Eheurkunde zeigen, ob das auch wahr ist, was sein Sohn da erzählte.

Ich erinnere mich noch genau an sein, sagen wir mal, erstauntes Gesicht. Er schaute auf die Eheurkunde dann auf mich, dann wieder auf die Eheurkunde usw. bis er schließlich ein „herzlichen Glückwunsch“ knurrte.

Später habe ich erfahren, dass er sich für seinen schlanken, 1,89 m großen, rotblond gelockten Sohn eine große, schlanke Blondine wünschte und nicht eine 1,66 m Frau mit südländischem Schlag, die auch noch ein Jahr älter war. Aber er fand wenigsten, dass unsere Namen zusammen passten: Hannes und Helena.

Ich glaube wir blieben ein, zwei Tage in Cottbus und fuhren dann zurück nach Greifswald in unsere Wohnunterkunft.

Da wir ja nun verheiratet waren und beide im Kernkraftwerk Lubmin arbeiteten, bekamen wir ein Zweibettzimmer in einer Drei-Raum-Wohnung, die bis zur Fertigstellung des AKWs als Wohnunterkunft für die Monteure und Arbeiter des AKWs diente.

Dieses richteten wir uns gemütlich ein, kauften von unserem Ehekredit schon mal einen Kühlschrank und zwei tolle Bettliegen.

Meine Schwester lebte damals mit Ihrer Familie, Mann und eine Tochter, auch in Greifswald. Sie hatten eine 3-Raum-Neubauwohnung in einem der neuen Stadteile, die damals entstanden, Schönwalde 1. Mit ihnen und meiner Mutter, die aus Wolgast zu Besuch kam, feierten wir unsere Hochzeit nach. Auch mit unseren jeweiligen Kollegen und Freunden feierten wir die Hochzeit tüchtig nach. Ich glaube es waren vier oder fünf Nachfeiern, die sehr viel Spaß gemacht haben und viele Geschenke brachten, alles was man so als Jungvermählte noch so brauchte, wie Töpfe, Bettwäsche, Geschirr und viele andere Dinge.

Aber ich erinnere mich auch daran, dass ich bei jeder Gelegenheit gefragt wurde, wann es denn soweit wäre?

Beim ersten Mal, wusste ich gar nicht, was die Neugierigen meinten. Aber durch nachhaken wurde klar, was. Sie meinten, wann unser Kind käme.

Zu DDR-Zeiten war es oft üblich, dass junge Leute geheiratet haben, wenn die Frau schwanger war oder das erste Kind schon geboren war. Ehepaare mit Kindern bekamen tatsächlich schneller eine Wohnung und wurden durch staatliche Zuwendungen auch finanziell unterstützt.

Das wollte ich auf keinen Fall!

Ich wollte erst den Mann, dann ein Kind, na ja zwei oder drei.

Ich erinnere mich, dass ich bei dem zweiten Treffen mit Hannes tatsächlich dachte: „Das ist der Vater meiner Kinder!“

Ich betrachtete ihn damals das erste Mal ganz genau. Hannes war schlank, hatte wunderschöne blaue Augen und ein bisschen wildes rotblond gelocktes halblanges Haar. Und was ihn auf mich besonders männlich wirken ließ, einen rotblonden gepflegten Vollbart.

Offensichtlich ahnte ich damals, dass unser beider Gene super zusammen passen.

Mein südländischer Hauch drückte sich in braunen Augen, braunen Haaren und einer fraulichen Figur aus.

Na jedenfalls waren die Frager immer sehr verwundert, dass ich nicht schwanger war und wir trotzdem geheiratet hatten.

Das ging so eine ganze Weile, aber langsam kamen wir wieder im Alltagstrott an.

Da wir beide in Schichten arbeiteten, Hannes in der Elektromotorenabteilung, ich in der „Arbeiterversorgung“, war es manchmal schwierig, gemeinsame Freizeit zu haben. Aber irgendwie bekamen wir das hin und freuten uns doppelt, wenn wir mal ein gemeinsames Wochenende frei hatten.

Wir liebten es, mit Freunden auszugehen. Wir tanzten so gut zusammen, dass viele glaubten, wir haben uns auf einer Tanzschule kennen gelernt. Wir genossen so oft wir es konnten unser Zusammensein, denn wir wussten, jeden Tag kann ein besonderer Brief kommen, der „Einberufungsbefehl“.

Damals wurden die jungen Männer, wenn sie sich nicht 10 Jahre und länger freiwillig verpflichteten, für 18 Monate zur NVA (Nationale Volksarmee) einberufen.

Meist nach der Lehre oder dem Abitur. Aber mein Hannes war noch nicht bei der NVA. Er hat immer gesagt, sie würden ihn erst holen, wenn er verheiratet ist, weil er immer mal wieder „aufmüpfig“ in der Vergangenheit aufgefallen wäre. Und so lauerte dieses Geschehen über unserem Glück.

Aber noch war es ja nicht so weit.

Durch unsere Schichtarbeit verdienten wir gutes Geld und konnten uns im ersten Jahr unserer Ehe auch noch einen zweiten Urlaub im Harz gönnen.

Ich erinnere mich auch an diesen Urlaub sehr genau.


Bei der Erinnerung helfen mir viele Fotos aus diesen Tagen. Es war ein goldener Herbst und wir machten viele Ausflüge rund um Wernigerode. Natürlich immer mit der Bahn. So waren wir viel wandern, auf dem Ottofelsen, zur Hermannshöhle, nach Thale, zur Rappbodetalsperre und zur „Steinernen Renne“.

Aber die Fotos zeigen nicht, dass wir auf dem geplanten Weg nach Ilsenburg nach einer Kontrolle der Personalausweise aussteigen mussten. Wir vermuteten damals, dass Hannes tatsächlich irgendwie registriert war und nicht in das Grenzgebiet rund um den Brocken durfte.

Und die Fotos zeigen auch nicht, dass wir einmal mit dem Bett zusammengebrochen sind.

Heute weiß ich, das lag wohl doch nicht an unserem wilden Sex, sondern an der Stabilität der damaligen „FDGB-Betten“.

Doch die Krönung war, dass Hannes nicht den Mut hatte, das unseren Vermietern zu beichten und mich vorschob mit den Worten:

„Meine Frau möchte Ihnen was sagen!“

Der Vermieter hat nur gelacht und gesagt, er würde sich darum kümmern.

So verbrachten wir unsere zweite Hochzeitsreise mit einigen Überraschungen und Hindernissen, die wir aber nicht als störend empfanden, da wir ja uns und unsere Liebe hatten.

So verflog unser erstes Ehejahr rasant und plötzlich war er da, der Einberufungsbefehl für Hannes.

Am 2. Mai 1985 sollte er sich in Rostock, Kröpeliner Straße melden. Genau weiß ich das nicht mehr. Auf alle Fälle war die Kaserne in Rostock.

Wir waren sehr erleichtert, dass Hannes nicht zu den Grenzern musste.

Unsere größte Furcht war, dass er in die Situation kommen könnte, auf einen Menschen schießen zu müssen.

Um dem aus den Weg zu gehen, gab es in der DDR die Bausoldaten, aber um dort hin zu kommen, war das Prozedere sehr kompliziert. Außerdem galten Bausoldaten als Staatsfeinde und wurden vor der Öffentlichkeit weggesperrt, z.B. in Prora auf Rügen. Wir hatten den Spruch gehört: Drei Worte genügen, nie wieder Rügen.

Auch wussten wir, dass diese Zeit eine harte Probe für unsere Liebe wird. Waren uns aber sicher, auf keinen Fall würden uns diese 18 Monate auseinander bringen.

B


Wir versprachen uns, diese Zeit gemeinsam zu überstehen. Ein sehr wichtiger Teil um dies zu schaffen war, uns so oft wie möglich zu sehen und zu schreiben.

Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir ja nicht, was alles in diesen 18 Monaten geschehen würde!

2. Kapitel



Meinen ersten Brief an Hannes

schrieb ich gleich am nächsten Tag, nachdem sich Hannes am 2.Mai 1985 auf den Weg zur Kaserne in Rostock gemacht hatte. Wir hatten, glaube ich, am 1.Mai noch Abschied gefeiert.

Wann würden wir uns wieder sehen können? Wir wussten spätestens zur Vereidigung. Aber das konnte Wochen dauern und war kein Trost. Und so standen uns beim Abschied die Tränen in den Augen, aber wir wussten, wir schaffen das!

Anlass diesen Brief zu schreiben, war einmal die Nachricht, dass wir eine schöne Zwei-Raum-Neubauwohnung bekommen werden und ich zur Verlosung gehen konnte.

„Ich kann am 21.5. 85 zur Wohnungsverlosung gehen!“,

schrieb ich und schilderte den entscheidenden Anruf:

„Ich kann ihnen das genau sagen, Frau Zauber. Das ist der Block 026, WBR83 und die Verlosung ist am 21.5. um 17:00 Uhr in der Mensa!“,

und weiter:

„Ich war wie geplättet! Das kannst Du Dir ja vorstellen. Zur Schlüsselübergabe ruft sie mich dann an.“

Natürlich wollte ich auch wissen, ob Hannes gut angekommen und wie sein erster Tag war.

Ich erinnere mich auch daran, dass ich sehr einsam ohne meinen Ehemann war und ihn vom ersten Tag an sehr vermisste. Beim Schreiben der Briefe kam ich mir dann auch weniger alleine vor. Und so schrieb ich oft seitenlange Briefe, auch weil ich dann das Gefühl hatte, näher bei meinem Fratz zu sein.

Irgendwann nannten wir uns gegenseitig „Fratz“. Wir hatten da mal einen Film gesehen, wo sich das Liebespaar darin so nannte. Das fanden wir toll und übernahmen das.

Ein wenig gegen die Sehnsucht half auch, dass es eine Freundin gab, deren Mann ebenfalls bei der NVA war. Wir saßen oft abends zusammen, schauten fern und machten Handarbeiten. Auch Freunde und meine Schwester mit ihrer Familie standen mir zur Seite.

Also die gute Nachricht war, dass wir eine Wohnung bekamen. Aber es gab auch das Problem, dass wir die Einbauküche selbst bezahlen sollten und wir mussten die Wohnung selbst renovieren.

Die Wohnung kam tatsächlich schneller als wir dachten, aber irgendwie musste es gehen. Ich schrieb meinem Hannes, dass ich vielleicht ein zweites Arbeitsverhältnis aufnehmen oder Fellmäuse nähen und verkaufen könnte.

Daran kann ich mich überhaupt nicht erinnern! Nachdem ich gestern mit meiner Schwester telefoniert habe, weiß ich, dass damals 1985 solche Fellmäuse unglaublich beliebt waren z.B. als Schlüsselanhänger. Sie konnte mir auch noch genau berichten, wie wir diese Mäuse damals hergestellt haben und aus welchem Material. Meine große Schwester hat mir wieder mal geholfen, wie damals als sie und ihr Mann bereit waren, uns zu helfen, sei es finanziell oder beim Renovierender Wohnung.

Aber ich schrieb natürlich auch, wie sehr ich ihn, meinen Hannes vermisste und liebte.

Leider fehlt das nächste Blatt und so kann ich nur ahnen, was ich da noch geschrieben habe.

Vielleicht gibt der nächste, der zweite Brief Auskunft darüber oder Hannes´ Antwort.

U

nd das steht tatsächlich

Ich hatte wohl doch ganz schön viel zu erledigen bis zur Schlüsselübergabe und wollte noch Etliches fertig bekommen, z.B. Gardinen für die neue Wohnung nähen.

Eine Freundin hatte mir angeboten, den „Kleinkram“ nach der Schlüsselübergabe schon mal mit ihrem Trabbi zur Wohnung zu fahren.

Jetzt weiß ich auch wieder, was das mit der Verlosung auf sich hatte. Die Wohnungen wurden Aufgangsweise bei Neubau vergeben. Wer dort einziehen würde war klar, nur nicht genau in welche Wohnung des Aufgangs. Da das ein kompletter Erstbezug war, 5 Stockwerke ohne Aufzug mit je drei Wohnungen, wurden diese verlost. Da wir ohne Kinder aber verheiratet waren, nahmen wir natürlich nur an den Verlosungen der Zwei-Raum-Wohnungen teil.

Das alles beschäftigte mich sehr. Aber ich schrieb ihm auch, wie sehr er mir fehlte und wie merkwürdig es war, abends ohne ihn ins Bett gehen zu müssen.

Ich hatte wohl auch Befürchtungen, dass ich ausgerechnet jetzt schwanger sein könnte. So schrieb ich:

„Hoffentlich bin ich nun nicht schwanger! Das wäre die totale Katastrophe für mich. Aber warum soll es gerade diesmal geklappt haben, wo es so lange nichts geworden ist?“

Seit unserer Hochzeit verhüteten wir nicht mehr und wünschten uns Kinder.

Geplant waren drei und sie sollten am besten bis ich 30 wurde kommen.

Aber jetzt damit anzufangen, wo Hannes doch bei der Armee war und wir die Wohnung bekamen, machte mir offensichtlich doch Angst.

Und immer wieder schrieb ich ihm Pläne, wie wir das Problem der Küchenfinanzierung beheben könnten. Ein Vorschlag war, dies mit Hilfe des Ehekredites zu beheben, um nicht andere Schulden machen zu müssen, z.B. bei meiner Schwester.

„Vielleicht kann ich die Küche doch vom Ehekredit zahlen? Aber was sind dann noch 2300,00 Mark? Ich darf gar nicht daran denken!“,

schrieb ich damals und weiter:

„Warum haben sie Dich nicht erst im Herbst geholt? Aber dafür bist Du ja auch früher zurück! Ich schaffe das schon! Schließlich haben das andere Frauen auch geschafft. Mach Dir also bitte keine Sorgen! Du weißt doch, dass ich Dich liebe!“

Zur Erklärung muss ich hinzufügen, dass Wohnungseinrichtungen in der DDR recht teuer waren im Gegensatz zu Lebensmitteln und den Wohnungsmieten.

So genau erinnere ich mich nicht mehr, wie wir es dann gemacht haben, aber ich bin mir sicher, ich werde es durch die Briefe erfahren, die ich nun einen nach dem andern lese.

Dann teilte ich ihm mit, dass ich meiner Mutter, seinen Großeltern und seine Eltern geschrieben hatte, dass wir eine Wohnung bekommen haben.

„Auch, sei bitte nicht böse, an Deine Eltern. Aber ich denke doch, dass sie das mit der Wohnung interessiert.“

Das Verhältnis zu seinen Eltern war nach wie vor besonders.

Es gab offensichtlich ebenso ein Problem in der Wohnunterkunft. Schließlich hatte ich ja nun ein Ehepaarzimmer alleine und sollte es räumen. Ich war mir sicher, dass das nun nicht mehr passieren würde. Es wäre tatsächlich unsinnig gewesen, mich für drei oder vier Wochen vor dem Wohnungseinzug dort rauszusetzen und in ein kleineres Zimmer ein zu quartieren.

Dann gab es ein kleines finanzielles Trostpflaster. Hannes bekam von seinem Betrieb das sogenannte Gardinengeld in Höhe von 200,00 Mark.

Ich habe mir damals viele Gedanken gemacht, wie ich das alles schaffen könnte und konnte wohl auch oft nicht schlafen deswegen. Auch bestand die Möglichkeit, sich auf der Wohnungsliste zurücksetzen zu lassen.

„Und zurücksetzen, lass ich uns nicht auf der Liste oder was sagst Du dazu?

Schreib mir nur recht bald, mein lieber Fratz!“

Es gab damals tatsächlich die Möglichkeit, uns auf dieser Wohnungsliste zurück zu setzen. Dann hätten wir aber eventuell noch ein Jahr und länger auf eine Wohnung warten müssen. Und so schrieb ich weiter:

„Ich könnte vor Angst heulen! Aber, das schaffen wir schon! Das mit der Wohnung und Deiner Armeezeit!“

Ab dem 4. Mai hoffte ich natürlich auch auf Post von Hannes, obwohl mir klar war, dass er bestimmt nicht sofort schreiben könnte. Schließlich war für ihn alles komplett neu und ungewohnt.

3. Kapitel

U

mso größer war die Freude

Oh je, mein armer Hannes dachte ich damals und heute nach 35 Jahren, denke ich das auch.

Er schrieb, dass er in einer „10-Mann-Bude“ sei. Dass er nur einmal in der Woche, mittwochs, duschen konnte, ansonsten nur mit kaltem Wasser waschen!

Und das ihm! Er duschte mindestens einmal am Tag, manchmal zweimal. Er schrieb:

„Ich muss ganz ehrlich sagen, es ist große Scheiße.“

Versicherte mir aber, er nehme das alles nicht so verbissen. Wer das glaubte, kannte Hannes nicht.

Die gute Nachricht war, dass die Vereidigung schon am 18. Mai sein würde.

Das bedeutete, wir konnten uns schon nach gut zwei Wochen wieder sehen.

Hannes bat mich, alleine zu kommen, da er bis 20:00 Uhr Ausgang bekäme.

„Ich will keinen weiter hier haben.“, schrieb er.

Dann kamen genaue Beschreibungen, wie ich zur Kaserne käme und eine Aufzählung, was ich ihm sofort schicken sollte.

Wenn ich das heute lese, klingt es schon ein wenig nach Befehl. Aber ich war damals so verliebt und glücklich, dass Post von ihm kam, dass ich das wohl nicht bemerkte.

Außerdem stand am Ende ja schließlich, dass er mich liebe!

Der ganze Brief war tatsächlich nur eine A5-Briefkarte. Aber es waren Zeilen von meinem Hannes! Noch 12 Tage, dachte ich, bis zu unserem Wiedersehen.

Meistens habe ich oft schon den nächsten Brief angefangen, wenn mein vorher geschriebene abgeschickt war. Das macht es heute ein wenig mühsam, gerade jetzt am Anfang, zu erkennen und sich zu erinnern, wann was war. Aber die Erinnerungen kommen beim Lesen. Manchmal muss ich eine Pause machen und sortieren, was ich gerade gelesen habe. Aber das meiste fällt mir wieder ein und ich hoffe, dass bleibt so während der Lektüre der 410 Briefe.

H

annes zweiter Brief,

„Mein lieber Fratz! Ich hoffe, du hast meinen ersten Brief erhalten. Wie ist es so, ohne mich Ekelpaket? Ich jedenfalls würde viel lieber mit Dir Gnatzpaket zusammen sein als hier. Ich liebe Dich eben!“

Gnatz- und Ekelpaket nannten wir uns scherzhaft, wenn Hannes und ich nach einem Streit Versöhnung feierten.

Aber, das würde jedem so gehen, der nicht freiwillig bei der Armee ist, denke ich heute. Bin schon auf meine damalige Antwort gespannt. Er schrieb weiter:

„Urlaub gibt es höchstwahrscheinlich im August für 5 Tage. Könntest Du Dir ja schon mal festhalten. Besuchen könntest Du mich ab Mitte Juni jeden Sonntag von 10:00 bis 21:00 Uhr.“

Nichts, was darauf hindeutet, dass er sich freuen würde, wenn ich käme und auf den Urlaub, sondern:

„Vom 15. Juni bis 7. Juli sind wir im Feldlager, also nicht hier. Ansonsten bleibe ich in Rostock. Flur bohnern (70 m lang), Revier reinigen, Schrankbau, Bettenbau sind zur Zeit meine Hauptbeschäftigungen. Ab Montag geht es los mit Frühsport, eine Woche lang jeden morgen 3000 m laufen. Unterwäsche, Strümpfe und Kragenbinden schicke ich Dir dann zum Waschen, d.h. wenn Du es für mich machen würdest? So das wär´s wieder für heute (Sonntag der 5. 5). Bis zur Vereidigung sei ganz lieb gegrüßt von Deinem Hannes.“

M

ein dritter Brief

„Mein lieber Fratz! Heute habe ich Deinen Brief bekommen. Dem Hilferuf wird gefolgt. Die Latschen schicke ich mit den Schlafanzügen, die ich morgen erst kaufen muss. …alles weitere im Brief, der ja schon da sein muss. Ich küsse Dich ganz doll Dein Fratz.“

So ein kurzer Brief war für mich sehr ungewöhnlich. Meine Briefe waren meist echt lang. Ich schrieb, dass ich Post meiner Schwester weiter geschickt habe, dass er ja doch Geld bekäme für den Monat Mai, was ja für den Umzug helfen würde und dass ich alles morgen, also am 7. 5.85 genauer schreiben würde. Wahrscheinlich wollte ich das Paket so schnell wie möglich aufgeben und habe diese Briefkarte mit den wichtigsten Informationen für Hannes kurz gefasst.

U

nd dieser, mein vierter Brief

Darin berichte ich z.B. dass meine Freundin Konstanze mit mir Besorgungen machte. Ich für Hannes, sie für ihren Frank, der ja auch bei der Armee war. Es gab Engpässe beim Packpapier um die Pakete an unsere Männer einzuwickeln. Irgendwie gelang es uns dann doch, welches zu organisieren.

Ich beschreibe auch, wie ich das erste Paket verschickt habe.

Also ganz normaler „DDR-Alltag“.

Dann kommen meine Reaktionen auf Hannes´ zweiten Brief:

„Es ist ganz beschissen ohne Dich, Ekelpaket! An Deiner Stelle würde ich wohl auch lieber mit irgendwem zusammen sein, als dort in Rostock! Du schreibst, dass ich Dich besuchen kann. Willst Du das denn überhaupt? Ich könnte ja mindestens jeden zweiten Sonntag, wenn ich frei habe, kommen.“

Weiter schrieb ich:

„Natürlich kannst Du Deine stinkigen Socken und schwarzen Kragenbinden schicken.“

Ich glaube, dass damals alle Ehefrauen, Freundinnen und Mütter von Soldaten das taten. Wohl denjenigen, die eine Waschmaschine, z.B. eine WM 66 hatten! Was nicht unbedingt für jeden Haushalt galt. Aber in der Wohnunterkunft gab es eine.

Dann schrieb ich ihm noch genau, wie ich zur Vereidigung käme, mit welchem Zug usw. Dafür hatte ich das aktuelle Kursbuch durchstöbert.

„Ich freue mich schon so auf den 18. 5.! Hoffentlich fällt kein Zug aus oder verspätet sich. Irgendwie ist das alles ganz komisch, ich weiß nicht! Manchmal sehe ich von der Kochstraße aus jemanden, der Dir auf den ersten Blick ähnelt. Dann wundere ich mich, dass Du nicht zu mir kommst. Beim Fernsehen abends, denke ich, Du kommst ja bestimmt gleich von der Spätschicht oder von einem Lehrgang wieder.

Aber Frank ist tatsächlich noch beschissener dran als Du! Der muss nächstes Jahr im Mai nach Kasachstan Raketenschießen üben. Die haben wohl in Basepohl SS20! Da sind sie drei Wochen unterwegs für dreimal schießen.“

Wenn ich das heute lese, stockt mir der Atem!

War es mir damals nicht bewusst über was ich da schrieb? Oder war es der „Kalte Krieg“, der uns Menschen auf beiden Seiten so alltäglich vorkam, dass uns gar nicht bewusst war, auf welchem Pulverfass wir lebten, im Osten wie in Westen?

Oder dachte ich, damit könnte ich Hannes trösten, dass er ja nur in ein ganz normales Feldlager musste?

Fakt ist, dass wir uns damals, wie so viele andere auch, in unserer kleinen Welt einrichteten, unsere Liebe lebten und diese ungeliebte Armeezeit unbeschadet überstehen wollten. So schrieb ich weiter:

„Soll ich mich mal um ein Zimmer in Rostock bemühen oder kannst Du sowas organisieren? Jetzt im Sommer geht das ja alles vielleicht irgendwie, aber im Winter?“

Ich dachte wohl auch daran, dass es ziemlich teuer werden würde, wenn wir uns jedes Mal, wenn ich Hannes besuchte, ein Hotelzimmer nähmen. Wo sollten wir mit unserer Lust aufeinander sonst hin? Es draußen zu treiben, schien mir sehr kompliziert in einer Stadt wie Rostock. Mir fehlte unsere Zweisamkeit und so schrieb ich weiter:

„Fratz, ich liebe Dich ganz doll!!! Du fehlst mir jetzt schon! Was soll das noch alles werden?! Ach Hannes! Ich freue mich so sehr auf das Wiedersehen mit Dir! Morgen bist Du erst eine Woche weg und mir kommt es so vor, als wäre es ein Monat!“

Natürlich hoffte ich jeden Tag auf Post von Hannes und zwang mich, nicht enttäuscht zu sein, wenn keine da war.

Aber ich schrieb fast jeden Tag, so dass ich oft zwei Briefe in einen Umschlag legte. So auch in meinem fünften Brief, einen vom 9. und einen vom 10. 5.

4. Kapitel

D

ieser Brief beginnt

Nun erinnere ich mich auch, dass es ziemlich kompliziert war, da ich ja von der Arbeit erst mit dem Zug von Lubmin nach Greifswald fahren musste. Dann ging es per Pedes zur Wohnunterkunft, um dort das Paket zu holen. Anschließend lief ich in einen anderen Stadtteil, um das selbige an Hannes zu senden. Bei meinem Schichtsystem in der Arbeiterversorgung war ich 12 Stunden am Tag unterwegs. Da wurde es zeitlich knapp, um noch rechtzeitig bei der Post zu sein.

Aber ich war wohl schon damals ein Organisationstalent.

Freundin Konstanze kommt auch wieder in diesem Brief vor:

„Dann haben wir noch eine halbe Flasche Klaren mit Orangen-Möhrensaft getrunken und über die Wohnung diskutiert.“

Igitt, mir wird ja übel, wenn ich das lese! Schien aber damals ein Modegetränk gewesen zu sein und ich hatte wohl langes Wochenende.

Zu der Zeit habe ich immer zehn Tage gearbeitet und hatte dann vier Tage frei. Was sich tatsächlich als praktisch in Hinblick auf die Besuche bei Hannes in Rostock erwies. Auch hatte sich die Möglichkeit für eine dortige Unterkunft ergeben:

„Ich habe eine Ein-Raum-Wohnung für uns in Rostock. Höchstwahrscheinlich! Die Delegierte von uns ist aus Rostock. Sie lebt mit ihrem Freund in dessen Wohnung.

Ihre Wohnung ist vom Ostseestadion 20 Minuten mit der Straßenbahn entfernt.

Sie würde mir ihre Wohnung für 20,00 Mark am Tag vermieten. Ich meine, das wäre doch schon was, oder? Wenn ich Dich besuche, brauchen wir nicht in der Stadt umher zu latschen oder in irgendeine Kneipe gehen. Außerdem könntest Du dort baden! Das denke ich mir jedenfalls. Ich muss morgen noch mal fragen. Findest Du das nicht auch gut?! Ich ja. Man muss halt an den Winter denken und 20,00 Mark würden wir dicke in der Gaststätte ausgeben, oder? Ich liebe Dich, Fratz! Und ich möchte uns die Zeit so leicht wie möglich machen! Ich versuche es jedenfalls.“

Die Zeilen vom 10. 5. beginnen mit:

„Da ich heute wieder keine Post von Dir hatte, wollte ich erst gar nicht schreiben. Wenn ich zu viel schreibe, musst Du es mir sagen!“

Autsch, da war ich wohl doch etwas sauer, aber die Informationen, die ich hatte, wollte ich natürlich doch noch an Hannes weiter geben:

„Das mit der Wohnung in Rostock geht klar! Leider hat sie doch kein Bad.“

Offensichtlich wollte ich vermeiden, dass sich mein Liebster auf ein Bad freut, das dann doch nicht da war.

Ich ahnte ja, wie sehr er darunter litt, dass er in der Kaserne nur einmal in der Woche duschen konnte. Ob das wohl heute auch noch in Kasernen so ist?

Dass ich gerade sauer oder traurig gewesen sein muss, merke ich heute auch daran, dass ich dieses Blatt vom 10. 5. nur von einer Seite beschrieben habe. Auch habe ich tatsächlich bis zum 12. 5 mit dem nächsten Brief gewartet, dann aber doch geschrieben, obwohl immer noch keine Post von Hannes kam. Meine Gefühle gingen damals hin und her, was ich heute in diesem Brief lesen kann. Mich aber auch daran genau erinnere:

„


Mein lieber Fratz, Hannes!

Da ich weiß, dass ich bis zur Vereidigung sowieso die Hälfte von dem vergesse, was ich mit Dir bereden will, schreibe ich heute noch ein paar Zeilen. Ich hoffe, Du bist nicht böse darüber, dass ich Dir so oft schreibe. Mir ist da nämlich noch ein anderer Gedanke in punkto Wohnung gekommen.“

So war es. Manchmal tauschten junge Ehepaare ihre Zwei-Raum-Neubauwohnung gegen eine Drei-Raum-Altbauwohnung und nahmen in Kauf, dass sie dann mit Ofen heizen mussten. Diese Idee griff ich nun auf und schrieb:

„Meistens sind die Räume größer und wir bräuchten nicht noch mal umziehen, wenn wir ein Kind haben.“

Tatsächlich gab es in den Städten wie Greifswald oder Rostock noch etliche so genannte Altbauwohnungen, die recht geräumig waren, aber unsaniert. Deshalb haben sich gerade ältere Leute auf solch einen Tausch eingelassen. In unserer damaligen Situation hätten wir dann unsere AWG-Anteile wieder bekommen und wären erst mal finanziell aus dem Schneider gewesen. Es zeigt sich in meinen Briefen immer wieder, dass mich das sehr beschäftigte. Aber ganz deutlich lese ich in den Briefen, welche Sehnsucht und Gedanken ich damals hatte:

„Ja, Samstag! Du glaubst ja gar nicht, wie sehr ich mich darauf freue! Dann haben wir uns 16 Tage nicht gesehen. Mir kommt es wie ein Jahr vor! Na ja, wie ein Monat bestimmt. Manchmal ist mir ganz komisch, als wenn es unsere Trennung für immer ist. So als wenn Du weggegangen bist von mir oder tot! Aber das war nur ein, zwei Mal in ganz trüben, einsamen Stunden, abends im Bett, so im Halbschlaf.

Ich liebe Dich so sehr!“

Ob ich darauf in einem seiner Briefe Antwort bekomme?

Dann habe ich noch Grüße weiter gegeben von Freunden und Kollegen, die ich alle einzeln aufgezählt habe.

Am nächsten Morgen schrieb ich dann, dass ich es mir mit dem Wohnungstausch doch überlegt habe, weil ich dann wohl noch mehr Hektik haben würde und:

„Vielleicht habe ich ja heute Post von Dir!“

Ich hatte Post, sogar gleich zwei Briefe von meinem Hannes.

Der vom 9. 5. 85 begann so:

„Mein lieber Fratz! Habe heute Deine liebe Post erhalten, worüber ich mich herzlich gefreut habe und auc

h mir ein paar Tränen gekommen sind. Ich habe ja erst nächste Woche mit Post gerechnet. Ansonsten ist alles Scheiße hier. Na ja, was soll´s.

Zur Vereidigung musst Du von 9:00 bis 10:30 Uhr in der Kaserne sein, Lass mich hier ja nicht hängen.“

Dann folgt eine Liste weiterer Bestellungen, was ich am 18. 5. zur Vereidigung alles noch mitbringen sollte und dass er ein Paket mit seiner zivilen Wäsche abgeschickt hat. Dann endlich was zu der Wohnung:

„So, mein Fratz, nun noch wegen der Wohnung. Hoffentlich kommt sie nicht in der Zeit vom 1. 7. – 22. 7., da fahren wir ins Feldlager in die Nähe von Rathenow. Da kriegen wir natürlich kein Frei. Übrigens in den 1,5 Jahren gibt es 3 x 5 Tage Urlaub und 3 x verlängerten Kurzurlaub. Mehr ist hier nicht drin. Wenn ich Sonderurlaub kriegen soll, musst Du mir die Zuweisung für die Wohnung von der AWG mitschicken (Einschreiben). Ich würde es ja nicht wollen, dass Du noch arbeiten gehst. Und ich bitte Dich um eins, greife den Ehekredit nicht an. Ich liebe Dich ebenfalls ganz doll. Sei ganz lieb gegrüßt von Deinem Hannes.“

Diesen Brief hatte Hannes an einem Donnerstag geschrieben und den folgenden am Samstag darauf. Trotzdem kamen beide gleichzeitig am Montag bei mir an. Und ich hatte so sehr auf Post noch vor dem Wochenende gewartet, dabei hatte er ja geschrieben, nur die Post war so langsam. Damals gab es eben noch keine E-Mails und schon gar nicht Whats App. Telefonieren war auch nicht so einfach. Das können sich junge Leute heute gar nicht mehr vorstellen.

Umso mehr freute ich mich nun, dass ich gleich zwei Briefe lesen konnte, obwohl wieder Aufträge für mich darin standen. Aber immerhin stand da auch, dass auch er mich liebte!

Und so las ich mit Spannung und Freude seinen nächsten Brief:

„Mein lieber Fratz! Ich habe Deine beiden Briefe heute mit großer Freude erhalten. Dein Paket mit dem Essen ist auch angekommen. Waffeln sind hier brauchbar, aber mit Büchsen geht hier noch nichts. Wenn das mit der Wohnung hier in Rostock klappt, das wäre ja toll, mal sehen, wie das alles so anläuft. Dann könntest Du ja mindestens einmal im Monat sonntags kommen. Das wäre auch so gut, wegen der Wäsche.“

Oh man, dass mit der Wäsche und was ich alles mitbringen sollte, war Hannes damals echt wichtig. Es folgte auch gleich noch eine Bestellung für den 18. 5. aber auch:

„Ich hoffe, dass es Dir nicht allzu lästig ist, aber wir werden uns schon noch einspielen mit Besuch, Wäsche, Lebensmittel u.a., oder? Was machen wir überhaupt am 18. 5.? Ich möchte nur mal unter Menschen sein oder hast Du da schon die Bude? Na ja, Du hast, soweit ich sehe, alles im Griff und Hilfe.“

Hatte ich? Ja, ich hatte alles im Griff. Hatte ich übrigens noch die nächsten 20, 25 Jahre. Aber dann kamen die Antworten auf einige meiner Fragen. Kurz gesagt, es war nichts planbar, weder Ausgang, noch Kurzurlaub zu den Feiertagen. Aber:

„Von unserer Batterie, 18 Mann, sind bloß vier verheiratet, also könnte ich vielleicht Weihnachten fahren. Es ist alles Kann-Bestimmung. Schikaniert werden wir hier kaum, auch wenn es manchmal so scheint. Unsere ganze Batterie ist total neu, also alle am 2. Mai eingezogen. Wir sind alle im Zimmer zusammen gekommen und gehen zusammen.“

Und zum Schluss dann, die für mich am wichtigsten die Worte:

„Ich freue mich schon ganz doll auf Samstag, ich liebe Dich wie toll.“

Ja, ich erinnere mich, es hat sich alles eingespielt, obwohl wir in der NVA-Zeit nicht nur die Wohnung bekamen.

5. Kapitel

N

atürlich brachte ich in meinem Antwortbrief

Meine Schwester Ella und mein Schwager Olaf kamen zu Besuch. Sie boten an, mit mir nach Wolgast zu fahren. Da sie damals einen Trabant hatten, konnten wir damit Sessel, die meine Mutter mir für die Wohnung schenken wollte, holen. Wir diskutierten darüber, ob Olaf mich direkt vom Kernkraftwerk nach der Arbeit abholen durfte. Für Nichtkraftwerker war die Zufahrtsstraße damals gesperrt. Aber da er ja jemanden abholte, der dort arbeitete, durfte er das. So schrieb ich Hannes freudig darüber, dass wir ja jetzt nur noch ein Sofa kaufen mussten.

Auch schien es ein Problem zu geben, Kragenbinden für meinen Soldaten zu kaufen. So was gab es nur in Armeeläden. Auch war es ziemlich kompliziert, ein Nebengewerbe mit Fellmäusen anzumelden. Einfach los nähen und verkaufen ging nicht. Ella und Olaf hatten darin Erfahrung, da sie selbst Ohrringe als Nebengewerbe herstellten und verkauften.

Ich weiß heute ehrlich gesagt nicht mehr, ob ich damals tatsächlich Fellmäuse produziert oder mir einen Nebenjob gesucht habe. Ich glaube nicht, sonst wüsste ich das doch. Aber sicherlich werden auch hier die kommenden Briefe Aufschluss geben.

Auch war ich mir nicht sicher, ob es mit der kleinen Wohnung in Rostock zum 18. 5. schon klappen würde.

„Aber um diese Zeit, kann man ja noch ein Hotelzimmer bekommen!“

Diese Zuversicht hatte ich, weil im Mai noch keine Ferien waren und so die Ostseeküste als beliebtes Feriengebiet noch nicht mit Urlaubern aus dem Süden der DDR überlaufen war.

Dann noch mal was zu der Wohnung:

„Von einem Tausch in eine Altbauwohnung haben Ella und Olaf mir abgeraten. Man braucht da zu viel Geld, um diese zu sanieren. Ich glaube, sie haben recht. Mit dem Restgeld vom April zahle ich diesen Monat die AWG-Anteile. Irgendwie bekomme ich das hin.

Liebst Du mich auch wirklich noch? Hast Du manchmal Sehnsucht nach mir?

Bis morgen früh verabschiede ich mich erst einmal von Dir. Gute Nacht Fratz!“

„


Mein lieber Fratz Hannes!

Habe heute Deine Sachen bekommen, aber leider keine Zeile von Dir darin gefunden.“

So beginnt mein 8. Brief an Hannes vom 14. Mai. Meine Enttäuschung war bestimmt groß, trotzdem ging ich gleich zur Tagesordnung über:

„Jetzt weiß ich wenigsten, wie Kragenbinden aussehen.“

Inzwischen hatte ich alle möglichen Kolleginnen, deren Männer schon bei der Armee waren, damit genervt, nach Kragenbinden zu kucken. Mit Erfolg! Sie haben mir dann auch gleich Tipps gegeben, wie man die Dinger am einfachsten sauber bekommt. Einer meiner Kollegen hat mir erzählt, dass er nur drei hatte, diese jeden Tag selber gewaschen hat. Das alles berichte ich sehr ausführlich.

Natürlich auch wieder, wer uns was für die Wohnung geben konnte. Meine Schwester hatte noch eine Wohnzimmerlampe, meine Mutter noch Gardinen. Auch wo ich günstige Gardinenstangen bekommen kann schrieb ich Hannes.

Ella hatte mir auch noch den Tipp gegeben, mal nach gebrauchten Küchen zu schauen, um das Geld für eine AWG-Küche zu sparen. Bestimmend teilte ich ihm aber auch mit:

„Auf alle Fälle möchte ich es so machen, dass nicht umgezogen wird, wenn Du da bist! Da möchte ich nur schöne Tage mit Dir haben!“

Und das, obwohl ich keine Zeile von Hannes im Paket gefunden habe? Erstaunlich, aus heutiger Sicht. In diesem Brief schickte ich meinem Schatz auch einen Kalender mit, in welchem meine freien Wochenenden eingetragen waren und, das erstaunt mich heute auch, meine Regeltage.

„Ich weiß, was Du jetzt denkst. Aber es muss ja nicht sein, wenn ich komme und meine Regel habe.“

Aus heutiger Sicht finde ich das ganz schön pragmatisch.

Ich berichte auch wieder über einen Engpass:

„Hannes, Sirup habe ich bis jetzt nicht bekommen. Du wirst es nicht glauben, es gab keinen in der Kaufhalle.

Ich weiß nicht, ob ich bis zur Vereidigung noch mal schreibe. Es wäre eigentlich Quatsch. Aber ich habe immer das Gefühl, ich rede mit Dir, wenn ich schreibe. Ich liebe Dich so mein Hannes-Fratz!“

Heute wundere ich mich, dass ich es tatsächlich geschafft habe, vor dem 18. Mai nicht mehr zu schreiben.

In der Nacht, bevor ich zu Hannes nach Rostock fuhr, konnte ich kaum schlafen. Ich hörte in der Wohnunterkunft die leisesten Geräusche. Drehte mich im Bett hin und her. Wie gerädert stand ich um 5:00 Uhr auf. Meine Gefühle glichen einem absoluten Chaos. Freude und Sorge vermengten sich zu einem irren Aufgeregt sein, dass mich die ganze Zugfahrt über begleitete. Trotzdem fand ich alles gleich, die richtige Straßenbahn zu Hannes´ Kaserne schien für mich bereit zu stehen, bzw. zu warten. So kam ich gegen 8:30 Uhr, viel zu früh dort an. Vor dem Eingang versammelte sich eine Menschentraube. Viele waren offensichtlich mit der ganzen Familie gekommen. Man ließ uns schon rein und dirigierte die Besucher auf einen großen Platz. Nun hieß es warten. Würde ich meinen Soldaten erkennen? Wie sah er wohl jetzt aus? Ich hörte, dass um mich herum die gleichen Fragen gestellt wurden. Dann begann Marschmusik und die Rekruten marschierten auf den Platz. An das ganze Prozedere der Vereidigung erinnere ich mich nicht mehr. Aber daran, wie erschrocken ich war, als ich Hannes entdeckte. Er sah nicht gut aus und schien 10 Kilogramm abgenommen zu haben. Verstohlen schaute er sich um und sein Gesicht strahlte kurz auf, als er mich entdeckte. Nach der Vereidigung wurden wir Besucher wieder aus der Kaserne geschickt, um dort auf unsere Männer oder Söhne zu warten. Zur Feier des Tages gab es für alle Vereidigten bis 24:00 Uhr Ausgang. Wieder war ich aufgeregt und mein Herz schlug bis zum Hals. Es schien eine Ewigkeit zu dauern bis Hannes endlich kam.

Schnell gingen wir aufeinander zu. Wir sprachen kein Wort. Schauten uns in die Augen und weinten. Es war eine Mischung aus Freudentränen, dass wir uns wiedersahen und Traurigkeit darüber, dass ja alles erst begann. Hannes konnte als erster von uns beiden reden und sagte: „Komm schnell, lass uns erst mal ein Ende weg gehen. Ich will keinem von denen begegnen!“

Ich brauchte noch eine Weile, bevor ich reden konnte, sah Hannes von der Seite beim gehen an und dachte:

„Oh je, mein armer, armer Fratz. Was haben sie mit Dir gemacht?“

Hannes bemerkte meine Blicke und zog mich auf eine Bank. Jetzt umarmte und küsste er mich voller Kraft und Leidenschaft. Ich bemerkte, dass seine Küsse salzig schmeckten oder waren das meine Tränen, die ich bemerkte. Ich sah ihm in die Augen. Diesen Blick werde ich nie vergessen. In seinen Augen war die pure Verzweiflung zu sehen. Augenblicklich begriff ich, so geht das nicht. Wir müssen in der wenigen Zeit, die wir jetzt verbringen können fröhlich sein und unsere Zweisamkeit genießen. Zum Glück war schönes Wetter, ich entdeckte in der Nähe einen Park und sagte:

„Komm, mein Hannes, lass uns dorthin gehen und einwenig reden, küssen dabei und aus diesem Tag das Beste machen. “

Ich nahm Hannes an die Hand und er ließ sich bereitwillig von mir in den Park ziehen. Dort küssten wir uns ausgiebig, mal wild, mal zärtlich und langsam kam ein Lächeln auf sein Gesicht. Nun plapperte ich los, was mir einfiel. Bestellte Grüße von allen möglichen Leuten aus der Firma, von Ella und Olaf. Langsam gewöhnten wir uns an die Situation und wurden ruhiger. Vorsichtig löste ich mich aus seinen Umarmungen und sagte lächelnd:

„Jetzt könnte ich was essen. Heute Morgen habe ich keinen Bissen runter bekommen und Du siehst auch so aus, als könntest du was vertragen.“

Hannes stimmte mir zu und meinte:

„Ein paar Häuser weiter soll es ein gutes Restaurant geben. Lass uns dort mal schauen.“

Er gab mir einen Kuss und dann gingen wir Hand in Hand wieder zurück an die Straße, von wo aus wir die Gaststätte schon sehen konnten. Wir gewöhnten uns immer mehr an die Situation und machten wirklich das Beste daraus.

Sofort nachdem ich am 18. 5. nach der Vereidigung wieder in Greifswald war, um 22:10 Uhr setzte ich mich in unser kleines Zimmer und beschloss den Tag, positiv zu beenden und aufmunternde Worte an Hannes zu schreiben.

„


Mein lieber Fratz, Hannes!

Ich freue mich schon auf den nächsten Sonntag in zwei Wochen.

Jedenfalls war es ein schöner Tag heute. Hoffentlich haben wir diese Tage mindestens einmal im Monat!“

Bei der NVA war es so, dass nur 15 % der Soldaten täglich in Ausgang durften, In der Woche abends, an den Wochenenden ab 9:00 Uhr. Um 24:00 Uhr mussten sie wieder in der Kaserne sein. Hannes hatte mir das gesagt.

Ich brachte noch meine Hoffnung zum Ausdruck, dass es beim nächsten Mal mit der Rostocker Wohnung meiner Kollegin klappt, dann verabschiedete ich mich bis zum nächsten Tag.

Da ging es meiner Freundin Konstanze und ihrem Frank nicht so toll und so schrieb ich Hannes:

„Na, sie hatte das am Samstag vielleicht beschissen. Seine und ihre Eltern waren mit zur Vereidigung. Sie waren erst bis 14:00 Uhr in Demmin in einer Kneipe. Dann durften sie sich drei Stunden lang mit den Eltern unterhalten und sich nicht weiter als 60 Meter von denen entfernen. Um 18:00 Uhr kam dann ein Tatra und hat alle Soldaten wieder eingesammelt.

Die beiden Mütter haben die ganze Zeit nur geheult. Da kannst Du Dir ja vorstellen, was sie von ihrem Frank hatte. Samstag hat Frank das erste Mal Ausgang ab 14:00 Uhr. Da will Konstanze dann alleine hinfahren.“

Ich schrieb noch, dass ich den Sonntag mit Freundinnen verbringen werde und dass ich mich über eine ärgere. Wo ich nun Gardinenstangen herbekomme und das Geld dafür. Offensichtlich hatte ich vor, einige Schallplatten (eine von Frank Schöbel) und Kassetten beim An- und Verkauf zu verkaufen. Dann auch wieder die Hoffnung, dass es in zwei Wochen mit der Bude, wie ich es im Brief nannte, klappt und ich Manuela noch mal geschrieben habe. Auf der siebten Seite des Briefes dann eine große Liebeserklärung an meinen Hannes:

„Ach Fratz! Mein lieber Hannes! Ich glaube ganz fest daran, dass wir nicht zu den

50 % Ehepaaren gehören, die während der Armeezeit auseinander gehen. Langsam komme ich auch zu der Überzeugung, dass ich noch nie einen Mann so geliebt habe wie Dich! Das waren doch alles im Grunde genommen nur oberflächliche Verhältnisse. So ein anhaltendes Gefühl, wie bei Dir hatte ich noch nie. Das steigt immer wieder in mir hoch. Ich weiß auch nicht. Sicher wird sich unsere Liebe bewähren, wie man so schön sagt. Ich bin davon fest überzeugt. Und Du brauchst Dir deswegen keine Gedanken zu machen. Glaub mir, Du brauchst keine Angst zu haben! Das Wort Angst ist eigentlich blöd, nicht der richtige Ausdruck dafür. Man glaubt fest aneinander und hat trotzdem Angst? Das haut irgendwie nicht hin. Höchstens Angst in dem Sinne, dass dem Anderen irgendwas zustößt. Das ja! Aber im Bezug auf unsere Liebe habe ich keine Angst! Ich hoffe, dass Du verstehst, was ich meine. Ich liebe Dich eben! Und das wird auch so bleiben, auch wenn wir uns lange nicht sehen können, bzw. lange nicht so wie immer zusammen sein können!“

Hatten wir darüber zur Vereidigung gesprochen? Immerhin kannte jeder einen, der einen kannte, bei denen die Ehe während der NVA-Zeit auseinander ging.

Ich bin schon ganz gespannt, was Hannes darauf geschrieben hat. Immerhin hatte er auch schon am 19. 5., einen Tag nach der Vereidigung geschrieben, aber da hatte er ja meinen Brief mit der Liebeserklärung noch nicht.

Se

in Brief nach der Vereidigung

„Mein lieber Fratz! So nun bist Du wieder weg, ist mir aber auch unwahrscheinlich schwer gefallen. Ich liebe Dich ganz doll!“

Dann schrieb er, dass er sofort den Spieß gefragt hat, wie das geht mit dem „Ausgang beantragen“ und dass er das gleich machen wird für den Sonntag in zwei Wochen.

Dann seine Frage:

„Du kommst doch so oder so, nicht wahr?“

Hannes meinte, dass ich ihn auch sonntags in der Kaserne besuchen kann, wenn er keinen Ausgang bekommt. Ich erinnere mich, dass wir dort tatsächlich mal in einem ungemütlichen Aufenthaltsraum mit anderen Soldaten und deren Besuchern saßen.

Ich hatte Kuchen usw. mitgebracht. Es war fürchterlich! Aber der Brief endete nicht

ohne eine Bestellliste mit Sachen, die ich mitbringen sollte.

6. Kapitel

S

chon am 20. 5.

„Sie hat gleich zwei Briefe geschrieben und per Einschreiben zur Post gebracht. Einen an das ZK der SED und einen an den Chef von Franks Truppe.“

Da bin ich heute gespannt, was daraus geworden ist. Ich vermute mal, es ist gut für Konstanze ausgegangen. Denn in dem Brief schlug ich noch vor, dass Konni ja dann während der Armeezeit der Männer mit in unsere neue Wohnung ziehen könne und ich dann sogar Miete bekäme. Aber ich erinnere mich sehr genau, dass sie nie in unsere Wohnung ziehen musste.

Dann beschreibe ich, dass das Geld, was ich für Schallplatten und Kassetten bekommen habe für Gardinenstoff gereicht hat, dass ich Flurmöbel und Gardinenstangen gekauft habe. Ich erinnere mich daran genau, ich musste es nehmen, wenn es diese Sachen gab. Man konnte sich nicht darauf verlassen, dass es das so in einer Woche wieder gab. Sämtliche Möbel konnte ich vom Ehekredit bezahlen. So versuchte ich auch, gebrauchte Möbel zu kaufen, um Geld zu sparen, um wenigsten einen Kleiderschrank zubekommen und Möbel für unser Wohnzimmer. Noch im Nachhinein muss ich sagen, das gelang mir recht gut. Ein Teil dieser Möbel haben wir noch mit nach Stade genommen, wo wir 1991 im Dezember hinzogen. Ich war natürlich gespannt, was mein Hannes auf all das antworten würde und wartete sehnsüchtig auf Post von ihm.

N

ach der Wohnungsverlosung

„Wir werden Riemser Weg 9, 1. links wohnen. Das ist die selbe Wohnung, in der Konni und ich waren. Schlüsselübergabe für die Aufgänge 9 und 10 ist um den 20. Juni herum. Ab 1. Juli gilt der Mietvertrag. Es läuft also alles, wie geplant. Ich ziehe um, wenn Du im Feldlager bist und brauche auch nicht mehr aus der Wohnunterkunft zu ziehen. Darauf gibt es jetzt mit Freundinnen Sekt! Aber Konstanze weiß noch nichts. Wir sind gespannt, was sie für Antworten auf ihre Einschreiben bekommt.

Ich hoffe, Du freust Dich auch! Mehr Glück kann der Mensch nicht haben. Immerhin läuft alles, wie von mir erhofft.“

Da ich seinen Brief schon vor der Verlosung hatte, hatte ich gleich nach der Verlosung die Bestellliste abgearbeitet und es Hannes berichtet. Ich hatte wohl sogar lange Unterwäsche bekommen.

„Natürlich komme ich so oder so! Du kannst Fragen stellen!“ , habe ich meinem Schatz bestätigt.

Dann wieder was zur Wohnung:

„Wir werden 55,50 Mark Miete bezahlen. Ich musste einen Schein für die Abbuchung ausfüllen, natürlich von meinem Konto. Da ist Heizung und Warmwasser mit drin. Wie das mit der Elektrizität ist, weiß ich noch nicht. Aber das werden wir ja dann sehen. Übrigens haben sie heute auch gleich die Hausvertrauensmänner, die Stellvertreter und die Hausbuchführer bestimmt. Unser Nachbar ist Stellvertreter. Seine Frau machte leider keinen sympathischen Eindruck, wollte gleich von der 1. in die 2. Etage tauschen.

Ansonsten sind es alles junge Leute, die in den Block ziehen, 20 bis 30 Jahre alt. Für das Küchengeld gibt es ein Nassteil, also die Spüle mit Untersatz, einen zweitürigen Hänger und einen zweitürigen Unterschrank. Aber billiger kann man das nicht kaufen und jede Wohnung hat einen Keller. Der Balkon ist so breit wie die Küche und 1,5 Meter tief. Von den Quadratmetern her ist unsere Wohnung wohl größer als die im WBS70. Mach Dir keine großen Gedanken. Wenn Du das Feldlager überstanden hast, kommst Du schon in unsere Wohnung in Urlaub. Richtig fassen kann ich das noch nicht. Endlich eine eigene Wohnung! Du?!

Jetzt noch 10 Tage arbeiten, dann einen Tag frei, dann komme ich zu Dir!

Also noch 12 Tage! Ich kann es kaum erwarten.“

In der Zwischenzeit hatte ich auch erfahren, dass das mit der Bude in Rostock am 2. 6. klappt.

N

un ging es mit Motivation

Das hatte mindestens zwei Vorteile. Stoff für Gardinen war im Gegensatz zu Fertiggardinen relativ günstig und ich konnte mir die Gardinen so nähen, dass diese mir gefielen. Aber es ging in diesem Brief auch wieder ums Geld:

„Heute habe ich die 300,00 Mark Genossenschaftsanteile gezahlt. Für die Küche brauche ich mir nun nur 900,00 Mark von Ella und Olaf borgen. Sie kostet ja nur 917,00 Mark. Konni hat wohl kaum eine Chance im Wohnzimmer der Wohnunterkunft zu bleiben. Auf einmal heiratet hier alles, was schon ein Kind hat und ein Wohnzimmer bekommen muss. Alles Kolleginnen von der HO und plötzlich gilt sie als alleinstehend! Ihr Mann zählt nicht mehr, seit er bei der Armee ist! Über mich verlieren sie kein Wort. Nicht, weil ich die Wohnung bekomme, Schlafzimmer braucht zur Zeit keiner.

Heute habe ich versucht, einen Möbeltransporter zu bestellen. Die geben jetzt Termine für Oktober raus. Also muss ich doch mit Eurem Multi-Car umziehen. Der voraussichtliche Umzugstermin ist jetzt der 28. 6. Wenn Du im August auf Urlaub kommst, ist der ganze Trubel vorbei!“

Und gleich am nächsten Tag morgens, es war der 23. 5.:

„Heute bist Du drei Wochen weg. Mir kommt es ewig lange vor.“

Dann schrieb ich, wie toll seine Kollegen helfen und sich Gedanken machen. Auch dass jetzt das Geld von meinem Neuerervorschlag kommen könnte. Ah, da erinnere ich mich. Ich hatte doch tatsächlich eine ganze Arbeitskraft mit dem Vorschlag eingespart. Das war damals so gewollt, da gerade in der Gastronomie ständig Arbeitskräftemangel herrschte.

D

en nächsten Brief begann ich

Es ist ein kurzer Brief, nur eine Seite, in dem ich beklage, dass ich keine Post habe und ein Päckchen zum Geburtstag von Hannes Oma bekommen hatte:

„Ehrlich, daran habe ich nicht mehr gedacht, ich meine an meinen Geburtstag.“, schrieb ich. Und ich erinnere mich, das war tatsächlich so. Kein Wunder, wenn man bedenkt, was ich in den vergangenen drei Wochen im Mai 1985 alles zu organisieren hatte. Aber es war ja auch nur mein 25., den ich ohnehin mit Hannes am 2. 6. ein bisschen feiern wollte. So hoffte ich zu mindestens, wenn ich zwischendurch mal kurz daran dachte.

M

ein 14. Brief hatte

„Mein lieber Hannes! Heute war wieder keine Post von Dir da. Dafür kam heute Post aus Leipzig von meinem Vater und von Yvonne Anton. Den Brief von Yvonne habe ich öffnen müssen, da ich keinen passenden Briefumschlag hatte, um ihn an Dich weiter zu schicken. Ich habe ihr schon mal geschrieben, dass Du mit mir glücklich bist. Ich hoffe, ich habe nicht gelogen.“

Ups, da war ich wohl ein kleinwenig eifersüchtig! Ich fragte mich natürlich, warum diese Yvonne ausgerechnet jetzt an Hannes schrieb. War da mal was und vor allem, wenn ja wann?

Trotzdem ging ich danach gleich wieder zum Alltäglichen über. Nämlich, was ich nach der Arbeit gemacht habe und dass eine Kollegin ihr Kind mit Kaiserschnitt bekommen hat.

Aber dann schrieb ich doch noch das:

„Ich hoffe, Du bist mir nicht böse, dass ich gleich geantwortet habe. Ob Du nun auch noch schreibst, ist Deine Sache! Du musst wissen, ob es angebracht ist.“

Am Samstag, den 25. 5. hatte ich mich wohl wieder beruhigt:

„Noch 8 Tage bis Sonntag! Bekommst Du nun Ausgang? Was macht Ihr Pfingsten?“

Das hatte ich aber auch schon im Vorangegangenen Brief gefragt. Ich schrieb noch, dass das mit Konstanze als Untermieter wohl sehr kompliziert ist. Aber ich machte mir wohl große Sorgen um sie und wo sie nun hinsollte. Immerhin hatte sie noch keine negative Antworten auf ihre Einschreiben. Das konnte ohnehin lange dauern, dachten wir damals. Da ich über Pfingsten arbeiten musste, vergingen die Tage wenigstens schnell. Es muss sehr schönes Wetter gewesen sein, ich schrieb was von 30 Grad und wollte mich mit einer Freundin nach Feierabend zum Sonnen treffen.

So begann ich dann auch am Pfingstsonntag, den 26. 5.:

„Ein wunderschönes Pfingstfest und einen schönen guten Morgen mein Fratz!

Über Pfingsten tue ich nichts Besonderes. Schlimm genug, dass ich arbeiten muss (5:46Uhr). Wie hell das draußen ist!

Wir haben gestern doch schon Kursbücher bekommen. An den Zügen nach Rostock ändert sich kaum was.

Über die Feiertage hat nur der „Struck“ auf. Kannst Dir ja vorstellen, was gestern los war. Aber dann vergeht die Zeit schnell. Noch eine Woche, Fratz! Dann komme ich zu Dir! Freust Du Dich auch schon so wie ich?“

Am gleichen Tag nach Feierabend gegen 16:00 Uhr, berichtete ich noch, wie viel Arbeit es gab und von unhöflichen Kunden. Aber dann erzählte ich wieder von meinen Plänen für unsere Wohnung. Ich liebte und liebe das immer noch, Wohnungen einzurichten. Und erst recht, wenn nur wenig finanzielle Mittel vorhanden sind. Kreativität und Improvisationstalent kommen mir dabei noch heute zugute.

Auch der Plan mit den gebrauchten Möbeln schien aufzugehen. So schaffte ich es tatsächlich, die Wohnung fast komplett einzurichten. Neue Möbel waren in der DDR richtig teuer. Aber gebraucht gab es das eine oder andere schicke Schnäppchen.

Dann verabschiedete ich mich. Nicht ohne die folgenden Worte noch zu schreiben:

„Hoffentlich vergeht die Woche schön schnell! Ich kann es kaum noch abwarten. Du fehlst mir so, Fratz! Es müsste jetzt einen Knall geben und Du würdest vor mir stehen. Da wäre so schön! Aber leider geht das nicht, Schade! Muss ich eben mit dem Teddy schlafen und lesen im Bett.“

Am nächsten Morgen, es ist der Pfingstmontag schrieb ich natürlich wieder einen Guten-Morgen-Gruß. Diesmal berichtete ich von einem Traum:

„Jetzt fange ich an zu träumen. Du hast gerade an mir rumgemäkelt, als der Wecker geklingelt hat. Hast gemeckert wegen meiner Figur und ich würde zu viel wiegen.

63 kg seien zu viel. Und wenn ich wollte, dass wir zusammen bleiben, solle ich mich gefälligst auf die 50 herab begeben. Ich habe natürlich widersprochen. Ein Glück, dass der Wecker geklingelt hat und das bloß ein schlechter Traum war.“

Ich muss schmunzeln, wenn ich das heute lese. Solche Träume hatte ich? Na ja, das ist 35 Jahre her.

Dann schlug ich vor, doch am 2. 6. nach Warnemünde an den Strand zu fahren weil das Wetter wohl so schön bleiben soll. Außerdem beschloss, ich diesen langen Brief schon mal zur Post zu bringen, da er sonst zu schwer geworden wäre und begann am Abend des Pfingstmontag den nächsten Brief an meinen Hannes.

7. Kapitel

I

ch konnte zu diesem Zeitpunkt wohl nicht anders

„Ich habe heute Nachmittag wieder am Store genäht, aber ich bin noch lange nicht fertig. Die Falten müssen alle einzeln gelegt werden. Ich kriege schon wieder einen Bauch. Hoffentlich habe ich Sonntag nicht meine Regel.

Konstanze hatte wohl doch Erfolg mit ihren Briefen. Jedenfalls mit dem an Frank´s Chef. Der Major hat Frank zu sich holen lassen und gesagt, Konstanze soll nicht umziehen. Außerdem meinte der Major, er würde sich drum kümmern, schließlich habe die Armee den längeren Arm.“

Dann erzählte ich noch von einer Freundin, die jemand heiraten wolle, den sie nicht liebt.

„So was könnte ich nicht, mein Fratz!“, war mein Kommentar dazu.

Gleich am nächsten Morgen noch schnell ein paar Zeilen vor der Arbeit. Abends dann wieder mehr und voller Freude mit Traurigkeit:

„Eben habe ich Deine beiden Briefe erhalten. Mir kamen auch schon wieder die Tränen. Besonders bei dem, wo drin steht, was ich besorgen soll und gelesen habe, dass Dir auch die Tränen kommen.“

Hannes hatte also auch über Pfingsten geschrieben. Wieder Mal kam seine Post gebündelt an. Mir wäre es damals lieber gewesen, wenigstens jeden zweiten Tag einen Brief, ein paar Zeilen von meinem Schatz zu bekommen. Und so schrieb ich noch am 29. 5. abends:

„Hoffentlich klappt alles am Sonntag. Und hoffentlich habe ich morgen wieder Post von Dir. Du kannst es Dir gar nicht vorstellen, wie blöd es ist, fast eine Woche keine Post von Dir zu haben. Aber ich weiß ja, Du kannst sicher nicht immer schreiben. Bei mir wird sich das während des Umzuges auch reduzieren. Wir werden sehen“

A

ber nun erst mal die Briefe von Hannes

Leider hat Hannes nicht immer am Anfang der Briefe das Datum geschrieben, so dass ich oft nur im Inhalt Hinweise finde, von wann der Brief ist. So auch bei diesem:

„Mein lieber Fratz! Ich habe heute Deine beiden Briefe erhalten. Deine Post bekomme ich immer von 13:50 bis 14:00 Uhr, also unmittelbar vor dem Mittagessen. Von 14:30 bis 15:00 Uhr habe ich dann meistens Zeit zum Lesen. Seit Mittwoch stehen wir in der speziellen Ausbildung. Montag und Dienstag war noch mal voll Stress, es waren die letzten zwei Tage Grundausbildung. Mir tut noch alles weh, blaue Flecken. Ich muss wahrscheinlich wieder in die 4-Mann-Bude zurück. Wäre nicht so schön, ich habe mich hier wirklich gut eingelebt. Radio haben wir jetzt auch, zwar noch wenig Zeit zum Hören, aber immerhin.

Heute vor drei Wochen bin ich hergekommen, mir kommt es irgendwie länger vor. Dir bestimmt auch, oder? So nun genug von dem Laden hier. Ich habe gerade gefragt, wegen Ausgang am Sonntag. Ich kann mich erst Samstagfrüh ins Ausgangsbuch eintragen und Samstagmittag weiß ich dann, ob es klappt. Ja so ist das eben.

Wegen der Wohnung, ich bin natürlich nicht begeistert davon, wenn Konni mit einzieht. Vielleicht kriegt sie es auch so geregelt, dass sie drin wohnen bleiben kann. Wir werden sehen am 2. 6. Na, das mit Konni hatte sich ja vielleicht schon erledigt.

So, heute am Samstagnachmittag kann ich endlich weiter schreiben. Wir haben gerade zwei Stunden Zwiebeln gepellt. Pfingstsonntag und Pfingstmontag liegen ein Haufen Maßnahmen an, politische Vorträge usw. So kann man die Feiertage auch rum kriegen.“

Und dann zum Schluss die wichtigsten Zeilen für mich:

„Ich freue mich riesig auf Sonntag, 2. Juni. Hoffentlich komme ich raus. Ich liebe Dich wie verrückt! Sei lieb gegrüßt von Deinem Hannes. Ich liebe Dich!“

U

nd nun zu dem zweiten Brief, seinem siebten

„Es ist Sonntag 14:00 Uhr und wieder so herrliches Wetter. Ich glaube das wird der Jahrhundertsommer. Fratz, ich liebe Dich. Hoffentlich ist bald der 2. Juni. Ich kann es kaum erwarten. Wenn Du diesen Brief liest, dann sind es vielleicht, bloß´ noch vier Tage. Wegen meinem Sonderurlaub müsstest Du mal zum Wehrkreiskommando in Greifswald gehen und Dir bestätigen lassen, dass wir eine Wohnung bekommen.

Überhaupt hat man mir gesagt, dass das WKK für Dich immer der Anlaufpunkt ist, falls Du Probleme hast (Todesfall, Krankheit usw.) Wenn ihr Deinen Geburtstag feiert, trinkt für mich einen mit. Bestelle allen liebe Grüße von mir und ich danke allen, die Dich in dieser schweren Zeit unterstützen, besonders Ella und Olaf. Mir stehen schon wieder Tränen in den Augen. So ist das halt. Ich glaube ich höre jetzt auf. Sei ganz lieb gegrüßt von Deinem Hannes.“

Ja, ich erinnere mich, wie sehr mich das rührte. Auch heute finde ich es noch unglaublich, wie verliebt wir waren und welche Sehnsucht wir beide fühlten. Und so füge ich den nächsten, den 8. Brief von Hannes gleich noch an, da er ihn Pfingstmontag geschrieben hat.


Ich möchte Dir heute schon wieder schreiben

, wer weiß, wann ich wieder dazu komme. Morgen geht der Stress wieder los. Ich habe echt gesagt, die Schnauze voll. Solch ein Wetter zu Pfingsten hatten wir lange nicht. Wenn ich daran denke, dass es noch ein Pfingsten hier gibt, au weh? Habe über die Feiertage viel Heimweh gehabt, weil man wahrscheinlich zu viel Zeit hatte nachzudenken. Noch 6 Tage bis Du kommst, eine halbe Ewigkeit.

An meine Eltern habe ich immer noch nicht geschrieben. Ich weiß einfach nicht, was ich denen schreiben soll. Hast Du denn schon Post von Deinen Schwiegereltern?

Hattest Du viel Arbeit über Pfingsten? Was macht das zivile Leben überhaupt?

Fühlt Ihr Euch sicherer, wenn ich hier Euch den Frieden schütze?“

Wow, was für eine Frage aus heutiger Sicht. Wenn ich das jetzt lese, fühle ich mich wieder bestärkt in der Ansicht, dass nur Freiwillige zur Armee sollten. Am besten wäre natürlich, es gäbe überhaupt keine Armeen auf der Welt!

M

eine Antworten kommen prompt im Brief vom 29. 5.

„Unsere Wohnung scheint fertig zu sein, aber noch habe ich keinen erreicht, der mir einen genauen Termin sagen kann. Das zivile Leben ist ohne Dich beschissen. Und ich würde mich sicherer fühlen, wenn Du bei mir wärst! Ich darf auch nicht daran denken, dass es noch ein zweites Pfingsten ohne Dich gibt. Ich freue mich auf den 2. Juni. Dann bist Du erst einen von 18 Monaten fort. Ich darf gar nicht daran denken.

Sicher werden wir noch viele solcher Stunden erleben, an denen uns das Grausen kommt, wenn wir an die lange Zeit der Trennung denken. Und wir können nur hoffen, dass Frieden bleibt. Verzeih mir, ich will keine trübe Stimmung aufkommen lassen.

Ich selbst traue mich nicht, solche Gedanken zu Ende zu denken.

Aber nun zu etwas Erfreulicherem. Ich habe heute die Bilder geholt. Da waren ja noch welche von Wernigerode bei. Die von Zinnowitz sind alle geworden. Oma und Hans haben uns eine Glückwunschkarte zur Wohnung geschickt und mein Papa auch.

Ella hat noch keine Raufasertapete bekommen. Heute kam keine Ware, weil Pfingsten war. Jetzt in meinem Frei mache ich das mit der Küche klar. Mein Gehalt habe ich diesen Monat noch nicht angerührt und Ehekredit haben wir noch 2270,00 Mark. Ich gebe es nicht mit vollen Händen aus und rechne nur noch. Aber das bequatschen wir alles am Sonntag. Schick mir bitte ein Telegramm, wenn Du keinen Ausgang bekommst, dann brauche ich nicht zu Manuela fahren und den Schlüssel für die Bude holen.

In drei Tagen mache ich mich auf den Weg zu Dir. Was sagst Du dazu? Und wenn Du diesen Brief bekommst, ist es sicherlich schon morgen! Hoffentlich bekommst Du Ausgang!“

8. Kapitel

Am 31. 5., meinem 25.Geburtstag, morgens schrieb ich noch ein paar Zeilen, obwohl


„Guten Morgen mein lieber Fratz! Ich habe mich gestern Abend sehr über Deine Geburtstagskarte gefreut! Habe gar nicht damit gerechnet!

Jetzt ist es halb sechs und ich bin schon ne Weile wach und aufgestanden, obwohl ich schlecht geschlafen habe. Wir haben gestern noch das Zimmer umgeräumt. Da sich doch einige Leute zur Feier heute Abend angemeldet haben. Um 22:00 Uhr kam dann der kleine Michel zu mir und wollte bei mir schlafen. Oh man, der macht sich ganz schön dick.“

An diesen Geburtstag habe ich leider keine Erinnerung mehr. Wahrscheinlich hatte ich nur die Gedanken an meinen Besuch bei Hannes im Kopf. „Sonntag besuche ich meinen Fratz, was bedeutet da schon eine Geburtstagsfeier!“



Nachdem ich zwei Tage, am 6. 6. keinen und am 7. 6. nur einen kleinen Brief geschrieben habe, tat ich das am 8. 6., es war ein Samstag wieder ausführlich.

Dieser Brief beginnt wieder früh morgens vor der Arbeit (5:30 Uhr) und endet am folgenden Montagmorgen, damit ich ihn noch in den Briefkasten werfen konnte.

Natürlich beginnt dieser Brief mit:

„Mein lieber Fratz, Hannes! Erst einmal meinen herzlichen Glückwunsch zum 1. Hochzeitstag!“

Unseren 1. Hochzeitstag mussten wir nun jeder für sich alleine verbringen. Und so hatte ich auch gleich wieder Fragen an meinen Ehemann:

„Was ist mit Deinem Ausgang am Sonntag? Vielleicht kann jemand mit Dir die Wache tauschen, wenn Du eingeteilt bist. Schade, dass diese Woche keine Post von Dir gekommen ist! Was musstet Ihr denn wieder machen, abends? Aber das ist wohl überall bei der Armee so. Konni hat diese Woche auch keine Post von ihrem Frank.

Noch eine Woche , Fratz! Dann komme ich wieder zu Dir!

Ella hat immer noch keine Raufasertapete bekommen. Wenn ich nun doch andere kaufen muss, ist es ja nicht so schlimm. Die Decken sind ja weiß.

Ich war gestern wieder gucken, es sieht so aus, dass die Wohnung rechtzeitig fertig wird. Ach so: Den BMK-LKW bekomme ich nun doch nicht. So ein Mist, was? Na ich werde sehen, dass ich mit Marianne den Kleinkram rüber fahre. Die Möbel dann mit Deinen Kollegen und ihrem Multi-Car.“

Sonntagabend berichte ich, dass Konstanze vorsichtshalber ihre Anbauwand verkauft hat. Auch dass jetzt der Eingang unseres Hauses gestrichen ist und es nicht mehr lange bis zur Schlüsselübergabe dauern kann. Dann die Frage:

„Hoffentlich habe ich bald Post von Dir, sonst werde ich hier wahnsinnig! Warum hast Du denn nicht geschrieben? Ich liebe Dich doch so! Wenn ich Dienstag keine Post von Dir habe, werde ich sauer! Fratz, Fratz! Schreibe mir bloß bald! Ich muss doch auch wissen, ob Du Ausgang bekommst, auch wegen der Bude.“

Aber dann habe ich schon wieder Ideen, hier für die Einweihungsfeier der Wohnung:

„Die Einweihungsfeier für unsere Wohnung starten wir am besten, wenn Du da bist. Damit werden auch die Anderen, die helfen, einverstanden sein. Dann habe ich auch sicherlich schon die Möbel für das Wohnzimmer. So richtig kann ich mir das immer noch nicht vorstellen, dass ich in knapp einem Monat in unserer eigenen Wohnung sein werde. Fratz, schreibe mir bitte! Wenn Du diesen Brief liest, sind es nur noch vier oder fünf Tage bis ich zu Dir komme!“

Am Montagmorgen auch noch ein paar Zeilen, wie es Sonntag auf Arbeit war, dass ich Kartoffelsalat mit Paprika gemacht habe und dann die Worte:

„Heute sind es nur noch sechs Tage! Hoffentlich vergehen die so schnell, wie die Tage der letzten Woche. Fratz, ich liebe Dich ganz doll und freue mich schon so auf Sonntag! Du auch?“

Dann endlich kam Post von Hannes, sogar wieder zweimal. Auch er hatte, zu meiner Freude, an unseren Hochzeitstag gedacht:



Herzlichen Glückwunsch

zu unserem Hochzeitstag wünscht Dir ganz lieb Dein Hannes. Auf noch viele gemeinsame und glückliche Jahre mit Dir. Ich liebe Dich ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz doll!“,

stand zu meiner Freude quer geschrieben auf einer Briefkarte. Auf deren Rückseite dann kurz:

„Mein lieber Fratz! Ich habe Deine beiden Briefe natürlich erhalten. Muss Dir leider sagen, dass ich gar keine Zeit habe. Seit Montag ist hier Ballett, weil die ganze Woche Kontrolloffiziere von der Division hier sind. Ich liebe Dich ganz doll, aber ich muss aufhören, Stuben- und Revierreinigen ist gleich dran. Ich schreibe noch ausführlicher.“, und das tat er dann auch in seinem 10. Brief, den ich ja auch am 10. 6. erhalten habe.

D

ieser begann, wie immer mit:

„Meine lieber Fratz! Ich möchte nun endlich mal in Ruhe schreiben. Es ist morgens 3:30 Uhr und ich sitze hier mutterseelenallein auf dem Flur. Ja, ich habe Dienst, muss GUVD stehen und das am 1. Hochzeitstag. Fratz, sei mir nicht böse, dass ich noch nicht weiter geschrieben habe, aber ich hatte wirklich nicht viel Zeit diese Woche. Es war wieder verstärkter Stress. Der Tag ging von 6:00 bis 22:00 Uhr. Ich liebe Dich ganz doll. Wenn dieser Brief ankommt, sind es wohl bloß noch 5 oder 6 Tage bis zu unserem Treffen. Ja, Fratz, ich bin froh, dass ich `eine selbstständige, resolute Frau` habe. Sonst hätte ich Dich ja wohl nicht geheiratet. Dann bist Du ja sehr spät nach Hause gekommen, als Du das letzte Mal hier warst. Das tut mir leid, aber was will man machen. Ich bin gut ins Objekt gekommen, aber mein Bus fuhr auch erst um 23:00 Uhr. Ehe ich geschlafen habe, war es auch 23:45 Uhr. Aber es war ja doch noch ganz schön gewesen, trotz des Zwischenfalls mit dem Uffz. Dass die Wohnung Dir gefällt, freut mich aber auch. Ich bin jetzt auch schon immer ganz gespannt, wie sie aussehen wird. Mach Dich nicht selbst verrückt, wegen dem Umzug. Es wird schon alles klappen. Du wirst das Kind schon schaukeln, Ich habe vollstes Vertrauen in Dich. Ich werde wahrscheinlich Sylvester fahren (in VKU), das wäre dann vom 30. 12. nach Dienst bis zum 4. 1. zum Dienst früh 6:00. Wenn ich richtigen Urlaub habe, ist auch Dein Großfrei drin. Ich habe mal geguckt wegen dem 7. Oktober. Da dieser ein Montag ist, wäre es sehr günstig, wenn ich dann meinen ersten VKU bekommen würde. Dann wäre ich vom 4. 7. nach Dienst bis 9. 7. zum Dienst zu hause und Du hast auch gerade frei. Wenn das klappen würde, das wäre eine Wucht. Ja das sind die kleinen Träume hier. Der Zwischenfall mit Yvonne ist natürlich nicht gerade sehr schön, aber was soll´s. Lass es ruhen, wie es ist. So Fratz, nun ist es 4:30 Uhr. Ab 5:00 Uhr gibt es genug zu tun für mich. Sei ganz lieb gegrüßt von Deinem Hannes. Ich liebe Dich, wie verrückt!“

Es zeigte sich also, dass meine Idee, Hannes meinen Kalender zu schicken, genau richtig war. Ich freute mich natürlich auch, dass er den Brief dieser Yvonne nicht wichtig und ernst genommen hat. Dem entsprechend klang mein nächster (19.) Brief vom 10.6. als Antwort auf seine Briefe vom 8. und 9.6.:



Mein lieber Fratz Hannes!

Ich habe mich sehr über Deine beiden Briefe gefreut! Endlich Post von Dir! Musst Du die ganze Nacht auf dem Flur hocken? Wann schläfst Du denn dann? Kannst Du dabei wenigstens Radio hören?

Weißt Du nun schon, ob Du am Wochenende Wache hast?

Ja, wir lassen den Brief von Yvonne ruhen.

Heute bin ich mit dem Zug nach Hause gefahren. Es hat bei uns gewittert mit Hagel. Es wird wohl doch nicht der Jahrhundertsommer. Aber das kann uns ja nicht ärgern, dann musst Du nicht so sehr schwitzen. Morgen wollen Konstanze und ich nach der Arbeit gleich zum WKK fahren. Ich will fragen, wie das läuft mit dem Tag des Umzuges und Konni hat immer noch Ärger, wegen der Unterkunft. Sie will auch noch mal an den Major von Franks Einheit schreiben. Vom ZK hat sie die Antwort bekommen, ihr Fall werde bearbeitet. Ich halte mein Angebot aufrecht, dass sie zu mir kommen kann, wenn Du nicht da bist, aber offiziell in die Massenunterkunft zieht.

Heute habe ich wegen Sonntag an Manuela geschrieben. Hoffentlich klappt alles! Ich liebe Dich doch so!

Ach so: Könntest Du bitte auf Deine Brief das Datum vorne schreiben. Manchmal kommen die ja zu zweit hier an und ich weiß dann nicht, welchen soll ich zuerst lesen. Gute Nacht und ein dickes Küsschen von Deinem Fratz Helena.“

Am nächsten Morgen war ich schon um 4:00 Uhr wach, weil jemand vergessen hatte, sein Radio auszumachen und in Frei gefahren ist.

„Danach gab´s irre Träume. Hundekalt ist es auch. Den Träumen nach stehe ich freiwillig auf. Der Kälte nach möchte ich lieber im Bett bleiben. Mein Fratz, weißt Du schon, ob Du Wache hast am 16. 6.? Hoffentlich nicht! Ich liebe Dich ganz doll! Und heute ist erst Dienstag!“

9. Kapitel

A

uch Hannes hat am Pfingstsonntag noch mal geschrieben.

„Ich möchte wieder mal was von mir hören lassen, wenn es Dir recht ist.“

Und wie recht es mir war!

„Es ist Sonntag, 18:30 Uhr und ich habe gerade Fußball-Panorama gesehen. Eine feine Sache in Farbe, bloß blöd, dass man auf einem Hocker sitzen muss und das im Flur. Morgen geht der Stress wieder los, eine neue Woche fängt an. Ich sehe unser Wochenende in Gefahr kommen. Wir müssen wahrscheinlich Wache stehen, aber ich werde mich noch genau erkundigen. In genau 2 Monaten bin ich bei Dir im Urlaub. Im Radio läuft gerade ,Ìch sterbe nicht noch mal´. Du weißt doch was ich meine. Wir müssen unbedingt tanzen gehen, ich freue mich schon riesig darauf. Wie war Dein Wochenenddienst, so wie immer? Deine Schwiegereltern haben sich bestimmt auch noch nicht gemeldet, oder? Was ist eigentlich mit Konni geworden? Hast Du schon neue Termine für die Wohnung? Was macht das Transportproblem? Ich wollte, ich wäre doch lieber bei allem dabei. Aber es ist nun mal nicht zu ändern. Übrigens, Post bekommen wir im Feldlager, die wird wohl von hier nachgeschickt. Aber ich werde nicht schreiben können. Dann bist Du also mindestens 3 Wochen ohne Post. Das waren aber auch zwei schlechte Nachrichten heute.“

J

a, das waren schlechte Nachrichten.

„Hoffentlich müsst Ihr keine Wache stehen!“

Ich wünschte es mir so sehr.

Den Liedtext, den Hannes erwähnte, fand ich nicht passend und fragte:

„Hast Du Angst, es selbst mal singen zu müssen?“, und weiter:

„Natürlich gehen wir tanzen, wenn Du auf Urlaub kommst. Am besten ins ,Boddenhus´, da haben wir es dann nicht so weit nach hause. Von meinem Wochenenddienst habe ich Dir ja schon geschrieben.“

Dann berichte ich von Zoff in der Wohnunterkunft, wegen der Küchen- und Badreinigung, dass mich das aber nicht mehr gestört hat, da meine Tage dort ja eh gezählt waren. Dann fiel mir ein:

„Wieso bist Du erst in zwei Monaten auf Urlaub. Du bekommst doch Deinen Sonderurlaub noch.

Termine für die Wohnung habe ich noch nicht. Aber man sagte mir heute, das kann ganz plötzlich kommen.“

Ja und dann ausführlich zu Konnis Situation:

„Um Konnis Sache steht es ganz schlecht! Sie hat heute einen Anruf von der SED-Kreisleitung bekommen und ist heute Nachmittag gleich hingefahren. Die Genossin dort hat ihr gesagt, in der Massenunterkunft sei das doch gar nicht so schlecht. Sie habe auch mal in einem Studentenwohnheim gewohnt. Nun hat sich Konni doch über den Schwarzwohner in ihrer Wohnung beschwert. Aber die Objektleitung kümmert sich nicht mehr um so was, das müsse der Betrieb regeln. Na und wie der das regelt, kannst Du Dir ja vorstellen. Sie hat zum Schluss nur gesagt: Ich muss raus und die Schwarzwohner können drin bleiben! Die Genossin meinte dann noch, wenn Frank auf Urlaub kommt, können die anderen aus dem Zimmer ja so lange ausziehen! Bietet ihr also an, dass er sich dann dort schwarz aufhält. Du kannst mir glauben, sie hat die Nase voll! Ich verstehe auch nicht, warum sie Konni nicht ein kleines Zimmer geben. Da braucht der Betrieb auch nur ein Bett bezahlen. Na jedenfalls will die Genossin am 2. Juli eine Aussprache veranstalten, mit Konstanze, unserem Chef und einen Kollegen von der Kaderabteilung. Am Montag wollen wir mal zur BGL fahren, mal sehen, was die dazu sagen. Du siehst wie beschissen man dran sein kann, wenn der Mann zur Armee muss. Aber Konstanze kann sich meiner Unterstützung sicher sein. Schon alleine, weil ich immer daran denke, dass es mir hätte genauso gehen können.

So, Fratz, ich hoffe, ich habe Deine Neugier für heute gestillt. Ich liebe Dich ganz doll und bin ewig Deine Dich liebende Helena. Gute Nacht.“

Gleich am nächsten Morgen wieder Zeilen an Hannes. Diesmal über einen guten Traum:

„Heute Nacht haben wir unsere Wohnung bekommen. Ich habe das eine Zimmer gleich eingerichtet, aber leider keine Tapeten gefunden.“

Daran sehe ich heute wieder, wie sehr mich das Ganze auch in meinen Träumen beschäftigt hat. Auch bei meiner Mutter gab es Veränderungen.

„Meine Mutter habe ich gestern angerufen, sie lässt schön grüßen. Gestern war sie beim Arzt. Jetzt ist klar, sie wird nicht mehr beim DFD arbeiten. Dieses Jahr wird sie das wohl überhaupt nicht mehr. Sie ist noch krank geschrieben und dann geht sie noch zur Kur. Haben Deine Eltern Dir denn schon mal geschrieben? Ich möchte wissen, was in denen vorgeht! Vielleicht sind sie böse weil ICH ihnen das mit der Wohnung geschrieben habe. Na wer weiß!“

Was damals mit meiner Mutter in Wolgast war, wurde mir erst später wirklich klar.

Auf Anraten der DFD-Bezirksvorsitzenden ist sie von ihrer Wahlfunktion als

DFD-Kreisvorsitzende zurück getreten und zog 1986 auch nach Greifswald in das Haus, in dem in der Zwischenzeit auch die Familie meiner Schwester lebte.

Hannes Eltern waren ja, wie erwähnt, speziell. Aber ich kann es bis heute nicht verstehen, dass nicht mal seine Mutter sich gemeldet hat. Immerhin war er ihr einziges Kind!

A

m Abend des 12. 6. berichtete ich

„Heute ist die Bestätigung gekommen, dass die AWG Deine Anteilsstunden stundet. Zwei Jahre nach Beendigung des Wehrdienstes musst Du sie dann bringen.“

So hatte ich wenigstens gute Nachrichten für meinen Hannes.

Dann wieder Gedanken zum bevorstehenden Umzug:

„Hoffentlich hält Marianne Wort! Dann könnten wir schon Fernseher, Tonband und den anderen Kleinkram rüber bringen. Wenn sie ein paar Mal fährt, bezahle ich ihr auch das Spritgeld. Ich werde sie mal morgen anrufen. Heute hat Dein Kollege Heinz gefragt, ob Du beim Umzug dabei bist. Ich habe gesagt, dass Du zu der Zeit im Feldlager bist, aber dass wir feten werden, wenn Du da bist. Er hat geantwortet, Du würdest also kommen, wenn alles fertig ist, aber das man das nicht ändern könne.“

Dann verabschiedete ich mich mit den Worten:

„So mein Fratz, ich werde jetzt noch ein wenig lesen und versuchen zeitig zu schlafen.

Ich wünsche Dir eine Gute Nacht! Ich liebe Dich, Hannes!“

Auch den Morgen des 13. 6. beginne ich mit ein paar Zeilen an meinen Soldaten:

„Heute habe ich meinen vorletzten Arbeitstag! Noch drei Tage, das heißt am 3. komme ich ja schon zu Dir. Hoffentlich geht alles klar und Du hast keine Wache! Ich freue mich auf unser Wiedersehen und bin jetzt schon wieder ganz aufgeregt. Ich liebe Dich eben und da kannst Du nichts gegen machen!“

D

och dann wurde klar, dass die Befürchtungen,

„Ich muss Dir heute ganz wichtige Dinge mitteilen. Vom Samstag 17:00 Uhr bis Sonntag 17:00 Uhr stehe ich Wache. Ich werde aber trotzdem Ausgang beantragen. Bis 18:00 Uhr könnte ich es schaffen raus zu kommen. Dann können wir ja noch lostoben. Wenn nicht, tut es mir leid. Unser anderes Wochenende (30.6.) ist wahrscheinlich auch futsch, wir fahren nämlich am 30. 6. bereits los ins Feldlager.

Du müsstest Dich also schon mal auf den Samstag (29. 6.) einrichten. Für den Umzug brauchst Du mir gar nichts schicken. Das geht alles so seinen Gang (angeblich). Ich habe schon angesprochen, dass ich das erste Wochenende nach dem Feldlager fahren würde (27./28. 7.). Na ja Fratz, wir werden sehen, wie es wird. Sonntag können wir dann alles besprechen, ob in der Kaserne oder draußen, wird sich zeigen. Den Umständen entsprechend geht es mir einigermaßen gut. Ein paar blaue Flecken und etwas erkältet, aber was soll´s. Das Wichtigste ist eben, dass wir uns lieben, oder? Ich liebe Dich, glaube ich, von Tag zu Tag mehr? Ich kann es gar nicht erwarten bist Du kommst. So, nun bin ich vom Mittag zurück und habe Deinen Brief, den ich sehnsüchtig erwartet habe, erhalten. Ab 17:00 Uhr stehe ich wieder Dienst (GUvD). Da werde ich in der Nacht, bestimmt Zeit haben zu schreiben.“

Oh je, was für schlechte Nachrichten! Was mich natürlich nicht von einem Antwortbrief am 13. 6. abgehalten hat. Und ich konnte mich ja schon auf weitere Post freuen, da Hannes es ja geschrieben hatte, dass er sicherlich in der Nacht noch Zeit dafür hätte. Aber wenn ich jetzt die Briefe durchsehe, erkenne ich, dass er erst am Freitag nach unserem Treffen wieder geschrieben hat. Obwohl er da wieder das Datum vergessen hatte, kann ich erkennen, dass es der 21. 6. gewesen ist und mich der Brief wohl am 22. erreicht hat.

Bis dahin habe ich aber noch fleißig geschrieben. Doch nun erst mal zu meinem

2

2. Brief vom 13. 6.

„Mein lieber Hannes! Ich habe mich heute sehr darüber gefreut, dass ich Post von Dir hatte. Einiges, was Du schreiben musstest, war natürlich weniger erfreulich. Fratz, dann sehen wir uns Sonntag ja noch später! Und wie ist das dann mit dem 29. 6.? Da fahren die Züge nur im großen Abstand. Na ja, dann muss ich eben mal eine Busfahrt ertragen. Warum hast Du hinter dem Satz: `Ich liebe Dich glaube ich von Tag zu Tag mehr` ein Fragezeichen gemacht? Weißt Du es nicht genau? Wenn Du beim GUvD noch mal geschrieben hast, bekomme ich ja morgen noch mal Post. Das wäre ja herrlich. Dann kannst Du ruhig immer GUvD sein, damit ich alle Tage Post von Dir bekomme!“

Dem war ja leider nicht so, aber das wusste ich noch nicht, als ich diesen Brief schrieb und so berichtete ich weiter:

„Um Konni sieht es ganz böse aus! Ein Glück, dass ich den Ärger nicht habe, aber ich kann mitfühlen! Sie soll bis Dienstag aus dem Zimmer sein, sonst wird sie zwangsgeräumt. Ja Du hast richtig gelesen: zwangsgeräumt. Das hat man gestern für sie bestellt. Die Typen sollten alle mal zur Reserve. Da hat sie so auf das ZK gehofft. Das sind doch unsere obersten Volksvertreter, oder? Mich regt diese Sache sehr auf.“

Dann verabschiede ich mich freudig bis Sonntag von meinem Hannes.

Leider kam kein Brief mehr von meinem Schatz, aber ich glaube am Samstag kam ein Telegramm, dass Hannes keinen Ausgang bekommt. Ich weiß es tatsächlich nicht mehr, habe aber zwischen den Briefen zwei Telegramme gefunden mit dem Bescheid. Leider sind diese ohne Datum. Unvorstellbar heute! Aber auch Hannes hatte in dem kurzen Text kein Datum angegeben. Aber wenn ich die Telegramme bekommen habe, wusste ich ja worum es geht. Mein Brief nach unserem Treffen, bestätigt meine Vermutung. Ich habe ihn in der Kaserne besucht, nicht ohne Hannes die von ihm gebrauchten Sachen zu bringen und seine Wäsche mit zu nehmen.

10. Kapitel

A

ber erst mal schilderte ich Hannes

„Guten Morgen mein lieber Hannes! Du siehst, ich bin zu hause. Die Fahrt verlief einigermaßen, d.h. die Züge fuhren leidlich pünktlich.“

Dann berichte ich von besoffenen Typen und einer Fastschlägerei unter Matrosen. Auch dass ich vom Greifswalder Bahnhof mit einem Schwarztaxi nach hause gefahren bin und es nicht bezahlen musste, weil es ein Kollege von mir war, der sich ertappt gefühlt hatte. Aber um 12:00 Uhr habe ich schon wieder an Hannes geschrieben. Ich wollte noch vieles erledigen an diesem Tag und so nahm ich diesen Brief gleich mit und begann um 21:30 Uhr den nächsten.

I

ch sah wohl eine Gelegenheit,

„Dann war ich mit Ella zusammen eine Wohnzimmerlampe kaufen. Die sieht wirklich gut aus und war für die heutigen Verhältnisse billig (256,50 Mark). Es war auch die letzte, sie mussten mir das Muster verkaufen. Ich hoffe, Du bist zufrieden mit mir. Und mache Dir wegen der Arbeit keine Gedanken, es gibt ja nur zwei Möglichkeiten. Aber ich halte es im ,Struck´ kaum noch aus. Das kannst Du mir glauben. Der Brief von Manuela ist heute gekommen. Den Briefkastenschlüssel habe ich jetzt. Da brauche ich jetzt nicht mehr in Rostock hin- und her fahren. Den Budenschlüssel können wir nun immer aus dem Briefkasten holen, wenn ich Dich besuche. Alles in Allem sieht das doch gut aus, mein Fratz.“

Wenn ich das jetzt lese, bin ich doch recht positiv verwundert, was ich alles organisiert habe in den paar Wochen, seit Hannes bei der Armee war. Und mit Hilfe meiner Schwester, konnte ich auch die Küche bezahlen. Das berichtete ich dann auch freudig am Abend des 18. 6.:

„So mein Fratz, ich bin zurück. Bei der AWG haben wir jetzt keine Schulden mehr. Habe heute alles bezahlt, auch die restlichen Stunden. Die habe ich heute auch gleich angerufen. Der Termin verschiebt sich wohl. Da kann es sein, dass Umzugstermin = Tapeziertermin wird. Dann kann ich aber nicht am 29. kommen. Wenn ich das genau weiß, versuche ich in der Woche irgendwie zu kommen, vlt. am Mittwoch, den 26.6.. Dann nehme ich nämlich meine Umzugstage am 26. und 27. Das mit der anderen Arbeit geht auch nicht. Sie dürfen niemand von Lubmin ,wegnehmen´. Es wäre auch märchenhaft gewesen, hätte alles wie geplant, geklappt. Raufasertapete haben wir auch nicht bekommen. Ella kauft heute ganz billige (3,75/ 10 Meter). Die kleben wir dann verkehrt rum an und streichen sie weiß an. Das reicht auch erst einmal. Schöner können wir es ja machen, wenn Du von der Armee zurück bist.“

Dieser Brief, der bis zum 18. 6. geht, endet natürlich nicht ohne die üblichen Grüße an meinen Hannes und die Worte:

„Ich liebe Dich ganz doll!“, so wie jeder unserer Briefe in den verschiedensten Varianten.

I

n meinem Brief vom 20. 6. morgens,

„Da sie nichts von NVA in den Verträgen gefunden haben und Frank ja nicht gekündigt hat, kann sie drin bleiben. Das wäre ne Wucht. Nun macht Konni auch keine Schichten! Ich kann das noch gar nicht glauben!“, berichtete ich Hannes.

A

uch der nächste Brief enthält noch mal eine

„Ich habe nun beschlossen, dass ich am 12. 7. umziehe. Bis dahin werden sie den Schlüssel ja wohl rausrücken. Becker hat mir erzählt, die Aufgänge sind fertig aber es fehlen die Herde. Wenn der Schlüssel nächste Woche kommt, tapeziere ich am 29.6.. Dann komme ich am 28. zu Dir. Da nehme ich dann meinen Haushaltstag für Juni. Ich hoffe, dass Du damit einverstanden bist. Ich schreibe Dir das noch genauer. Sei bitte nicht böse, dass ich Dich auf später vertrösten muss. Ich liebe Dich heiß und innig! Das kannst Du mir glauben!“

Am nächsten Morgen, es war der 21. 6., noch schnell ein paar Grüße an Hannes vor der Arbeit. Und ich erinnere ihn noch, dass ja sein Jahrhundertsommer nun beginne.

Was mich wundert jetzt beim Lesen meiner Briefe, dass ich nicht nach Post von Hannes fragte. Hatte er mich am 16. 6. vorgewarnt? Ich hoffe, dass mir die nächsten Briefe Aufklärung darauf geben.

D

ann schreibe ich am 22. 6. morgens wieder.

Abends dann wieder mehr über den Tag und natürlich wieder über das Thema „Konstanze und ihr Zimmer“.

Offensichtlich war das immer noch nicht zu ihren Gunsten abgeschlossen. Der Chef der Unterkunftsverwaltung, wollte der Bezirksleitung nicht nachgeben und hatte Konni für Montag zu sich bestellt. Ich plante an dem Tag, mit ihr mitzugehen.

Aber dann auch wieder Vorschläge für das Treffen mit Hannes in Rostock:

„Am Freitag nehme ich auf alle Fälle meinen Haushaltstag. Ich muss ihn ja im Juni schon nehmen. Vielleicht bekommst Du ja Ausgang. Schreibe mir bitte ab wann das dann ist. Ich habe ja jetzt den Postkastenschlüssel für Manuelas Bude. Wenn Du Ausgang bekommst, brauche ich ja erst Samstag früh zurück fahren und wir könnten bis 23:00 – 23:30 Uhr zusammen sein.“

Das wünschte ich mir so sehr. Seit Hannes bei der Armee war, also seit fast 8 Wochen konnten wir keine Zweisamkeit genießen. Dann erzählte ich, dass alle Freundinnen entweder nach hause gefahren sind, arbeiteten oder Besuch von ihren Freunden hatten:

„Ich werde heute also wieder einen einsamen Fernsehabend verbringen. Da gewöhne ich mich langsam an das Alleinsein im Ostseeviertel. Fratz, ich liebe Dich ganz doll und ich habe solche Sehnsucht nach Dir!“

Am Sonntag, den 23. 6. geht der Brief natürlich morgens weiter.

Ich hatte es mir angewöhnt, dass ich morgens noch mal schrieb, bevor ich die Briefe an Hannes zum Briefkasten brachte. Am Wochenende sind die Briefe dementsprechend länger, da sie erst Montag weggingen. Irgendwie schlau, finde ich heute. Und so beginnt auch dieser Sonntagmorgen mit Zeilen an meinen Hannes.

Von der Arbeit aus konnte ich an den Wochenenden wohl auch mal telefonieren:

„Vielleicht kann ich heute mal Mutti anrufen.“, schrieb ich und dann auch gleich wieder:

„Ich denke gerade, wenn ich Dich besuchen komme, sind schon fast zwei Monate rum. Schon? Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor. Ich freue mich jetzt schon auf Deinen Urlaub. Hoffentlich habe ich Montag von Dir mal wieder Post! Zur Zeit geht’s auch wieder mit der Arbeit im ,Struck´. Also, es ist auszuhalten.“

Die gleichen Fragen nach Post noch mal am Montagmorgen. Dann der Hinweis, dass ich meine Mutter doch nicht anrufen konnte, aber plane, sie in meinem Frei zu besuchen. Dann eine Anmerkung auf die Wäsche, die Hannes mir mitgegeben hatte:

„Was war das eigentlich für Unterwäsche? Ich habe sie nicht sauber bekommen, trotz Einweichen, Vorwaschen, Kochen und Waschen. Entfärber gibt es ja nicht zu kaufen.“

Na ja, das war wohl Wäsche, die Hannes beim Militärsport anhatte. Ich habe da gerade so Bilder im Kopf, wenn Soldaten durch den Schlamm robben müssen. Ich bin mir aber sicher, dass ich das auch ohne Entfärbermittel hin bekommen habe.

S

elbstverständlich beginne ich den nächsten Brief am

Nach Feierabend hatte ich mal wieder genäht. Ich wollte wohl unbedingt vor dem Einzug alles für das Wohnzimmerfenster fertig haben. Außerdem war ich so beschäftigt und dachte nicht dauernd sehnsüchtig an meinen Hannes. Das heißt, ich stellte mir schon vor, wie er sich freuen würde, wenn wenigsten ein Zimmer in der neuen Wohnung fertig wäre. Dann wieder ein Bericht über meine Freundin Konstanze:

„Konni und ich waren heute bei dem Chef der Wohnunterkünfte. Mich hat er gleich rausgeschmissen. Aber ich habe ihn im Vorzimmer gehört. Er hat Ihr ein ,Angebot` gemacht, sie solle in das Barackendorf ,Leuna II´ in Lubmin ziehen. Jetzt ist sie soweit, dass sie einen Aufhebungsvertrag machen will, vorher aber noch mal mit der Bezirksleitung telefonieren. Und Du hast damals gesagt, ich bräuchte nicht aus der Unterkunft raus. Wäre jetzt die Wohnung nicht so schnell gekommen, hätte ich jetzt das gleiche Theater wie Konni, Zwangsräumung! Entschuldige bitte, dass ich so viel von ihr schreibe. Aber das beschäftigt mich doch sehr. Dabei vergesse ich uns aber nicht. Ich habe schon an Manuela geschrieben, dass wir Freitagabend kommen.“

Auch dieser Brief geht am Folgemorgen weiter:

„Dein Jahrhundertsommer regnet sich so richtig ein. Mal aufpassen, ob es am Siebenschläfer auch regnet. Hoffentlich regnet es nicht, wenn ich umziehe oder mit Marianne den Kleinkram rüber fahre. Heute werde ich noch mal bei der AWG anrufen, langsam muss doch da mal was kommen. Mir wird das Warten langsam lang.“

Dann kamen wieder detaillierte Beschreibungen, was ich wie machen wollte. So z.B., wo mein Schwager Olaf, die Löcher auf dem Balkon für die Wäscheleine bohren sollte u.v.m. Aber auch ein aktueller Bericht über die Wohnunterkunft:

„Seit gestern Abend ist hier das warme Wasser weg. Das kann uns im Riemserweg nicht passieren. An das Einteilen der 80 Liter im Boiler gewöhnen wir uns bestimmt. Oder was sagst Du dazu? So mein Fratz. Das war es für heute früh. Hoffentlich habe ich heute Post von Dir! Aber wenn nicht, liebe ich Dich trotzdem! Dein Fratz Helena.“

11. Kapitel

U

nd ich hatte Post! Endlich!

„Mein lieber Fratz! Ich muss mal die Gelegenheit nutzen und versuchen, etwas zu schreiben. Heute ist schon Freitag und ich habe noch nichts von mir hören lassen. Du kannst mir glauben, ich hatte wirklich keine Zeit. Seit gestern 17:00Uhr stehe ich hier schon Wache hier draußen im Wald. Noch 7 Stunden, dann ist für heute Schluss. Vom Samstag zu Sonntag stehen wir schon wieder. Ja ,ja es ist hart, aber da müssen wir durch.“

Ich erinnere mich, dass Hannes davon erzählt hat. Es gab da wohl ein Waffendepot mitten im Wald, das zu den Kasernen in Rostock gehörte.

„Ich habe Deine liebe Post erhalten und mich darüber gefreut, auch wenn wieder einige Hiobsbotschaften darin waren. Willst Du wirklich in einer Boulettenbude anfangen? Da zieht es ja an allen Ecken und Kanten. Warum fängst Du nicht in der Kaufhalle ,Ostseeviertel´ an, die soll doch jetzt auf sein. Nun denkst Du bestimmt, der kann auch bloß noch meckern. Aber ich will doch bloß, dass Du nichts überstürzt.“

Also hatte mein Hannes den Brief von mir noch nicht, in dem ich ihm schrieb, dass das nichts wird. Aber er hat nach der Wache noch ein paar Zeilen geschrieben:

„So nun bin ich wieder von der Wache zurück. Wir werden gegen 19:30 Uhr im Objekt sein, total verdreckt, mit Stoppelkinn und fix und fertig. Nachher noch ca. eine Stunde Ausrüstung und danach noch Stube und Revier reinigen. Um 22:00 Uhr falle ich dann tot ins Bett und das Selbe morgen noch mal, dann bin ich durch. Sei bitte also nicht böse, wenn ich so wenig schreibe. Das Wichtigste ist, ich liebe Dich.“

Ja, das war das Wichtigste! Trotzdem vermisste ich eine Antwort auf die Frage, ob wir uns am Freitag treffen können. Aber es war ja erst Dienstag. So hoffte ich natürlich, dass ich bis Donnerstag noch Post aus Rostock bekommen werde. So schrieb ich weiter an Hannes, wie inzwischen gewohnt am Abend des 25. 6.:

„


Guten Abend mein lieber Hannes!

Ich habe mich heute sehr gefreut, dass ich endlich Post von Dir hatte! Schade, dass Du so wenig Zeit hattest. Aber dann gewöhne ich mich schon mal an die Feldlagerzeit.

Konni hat heute die Bezirksleitung angerufen. Sie muss kein Zimmer nehmen in ,Leuna II´, wenn ihr das nicht zusagt.“

Am Mittwochmorgen stellte ich fest:

„Ich glaube, ich habe immer die gleichen Themen für Dich. Meine Liebe zu dir, die Wohnung und Konni. Hoffentlich wird Dir das nicht langweilig.“

Und dann berichtete ich doch wieder zum Thema Wohnung. Ich hatte keine passenden Möbel für das Wohnzimmer gefunden. Ich erinnere mich, dass ich damals tatsächlich den An- und Verkauf für Möbel regelmäßig besucht habe. An den Kauf der Sofagarnitur kann ich mich sogar erinnern, weiß aber nicht mehr wann das war. Erinnern kann ich mich daran auch nur, weil ich Probesitzen gemacht hatte. Das war Ella, die dabei war, peinlich. Außerdem hatte ich auch noch ausprobiert, wie man das Sofa zum Schlafen umbaut. Sicherlich habe ich ja Hannes davon berichtet und werde diesen Sofa-Kauf in einem der Briefe noch finden. Zum Thema Möbel schrieb ich dann noch:

„Es wird schon irgendwie gehen, wir müssen Geduld haben. Ich hoffe ja, dass wir schon im Riemserweg wohnen, wenn Du auf Sonderurlaub kommst. Leider wirst Du Ella und Olaf nicht sehen, da sie ab dem 15. 7. in Leipzig sind und dort Urlaub machen. Wenn Du im August auf Urlaub kommst, ist Olaf wohl zur Reserve. Er muss nun doch hin, obwohl der Chef vom NEG gesagt hat, er wäre unabkömmlich. Es ist schon wieder Zeit zum Losgehen, mein Fratz. Ich verabschiede mich bis Freitag!“

Dann müssen sich die Ereignisse überschlagen haben. Meinem nächsten Brief entnehme ich, dass ich doch am Donnerstag schon zu Hannes gefahren bin, weil Freitag die Schlüsselübergabe war. Aber auch Hannes schrieb in seinem 14. Brief, den ich wahrscheinlich erst nach dem Wochenende erhalten habe, noch von unserem Treffen am Freitag, den 28. 6.1985. Auf dem Umschlag kann ich den Poststempel vom 27. 6. erkennen.

„


Ich werde also wieder versuchen, einen Brief zu schreiben.

Heute und morgen (Dienstag) haben wir Politunterricht. Von Mittwoch zu Donnerstag stehen wir wieder Wache. Für Freitag habe ich mich erstmal ins Ausgangsbuch eingetragen. Ich hoffe für uns beide, dass es klappt. Ich liebe Dich doch ganz doll! Ich habe jetzt von Dir 30 Briefe bekommen, eine ganz stattliche Anzahl. Ich schätze Du hast von mir höchstens 15, oder?

Komme gerade vom Mittag. Es gab Erbseneintopf. Den gibt es hier glaube ich zweimal in der Woche. Na, ja, der Hunger treibt´s rein. Von Dir war gar keine Post da. Hast Du etwa Schlüsselübergabe? So nun ist auch der zweite Politiktag vorbei.

Ins Feldlager geht es in der Nacht von Sonntag zu Montag. Am 21.7. sollen wir dann wieder zurück sein. Post bekommen wir dann zweimal in der Woche, die wird aus Rostock nach geschickt. Ich freue mich schon auf Freitag, auch wenn ich keinen Ausgang bekomme. Aber in einem Monat bin ich bestimmt zu hause.“

Da Hannes es seit zwei Wochen nicht mehr in den MHO geschafft hatte, kam noch eine Bestellung für Nahrungsmittel dazu. Er beendete den Brief mit diesen Worten:

„Ich habe wieder mal die Schnauze voll. Gleich ist Abendbrot, um 19:30 Uhr ,Aktuelle Kamera´ gucken. Dann habe ich eine Stunde Zeit, 3 Paar Schuhe zu putzen, die Sachen in Ordnung zu bringen usw. Dann ab 21:15 Uhr Stuben- und Revierdurchgang und so läuft das jeden Tag hier. Ich höre lieber auf, heute reicht es mir wieder. Sei ganz lieb gegrüßt von Deinem Hannes. P.S. bis Freitag 17:00 Uhr.“

Ja mein Hannes war definitiv kein Fan der NVA und schon gar nicht als Soldat in dieser.

12. Kapitel

I

ch kann es nicht mehr sagen, wie wir es hinbekommen

,

Meine Vermutung, dass wir uns Donnerstag getroffen haben, entnehme ich den Zeilen in meinem 30. Brief vom 28. 6.:

„Der Zug hatte wieder eine halbe Stunde Verspätung. Aber es waren Taxen da, so dass ich schon um 1:45 Uhr in der Unterkunft war. Es ist jetzt 18:00 Uhr und der Tag ist endlich gelaufen, d.h. ich habe alles erledigt, was ich heute machen musste, obwohl mein Fahrrad heute Morgen kaputt war. Aber erstmal zur Schlüsselübergabe. Die begann eine halbe Stunde später. Dann kam der Chef vom AWG-Stützpunkt und hat geredet. Danach mussten wir einzeln in die Küche. Ich war als erste dran. Es kam heraus, dass wir für die Renovierung der Wohnung 150 AWG-Stunden gutgeschrieben bekommen haben. Dann wären es nur noch 60, die Du nach der Armeezeit leisten müsstest. Aber die kann ich auch bezahlen. Das ist doch toll, oder? Die 180,00 Mark bekomme ich auch noch zusammen. Unsere zukünftigen Nachbarn haben rumgemosert, weil sie erst als 10. dran kamen. Sie waren mit einem Möbelwagen aus Jarmen vorgefahren. Aber sie mussten warten. Ach übrigens, an dem Schlafzimmerfenster ist ein Fahnenhalter angebracht. Darüber freust Du Dich doch besonders, oder?

Dann war ich noch einkaufen. Alles was wir ab morgen zum Renovieren brauchen und ein Fresskorb für die Helfer.“

Dann berichtete ich noch genau, wer uns was für die Wohnung geschenkt hat. Zum Schluss:

„Das Wichtigste habe ich Dir nun geschrieben. Ach ja, für unsere Wohnungstür haben wir 5 Schlüssel bekommen. Du kannst also 3 verlieren. Ich liebe Dich mein Fratz Hannes. Lass es Dir im Feldlager nicht so schwer werden. Ich freue mich schon auf den 24. o. 25. o. 26. Juli“

Das mit den Schlüsseln war eine kleine Anspielung. Mein Hannes verlor öfter mal was, besonders irgendwelche Schlüssel, von der Arbeit oder der Wohnunterkunft. Später waren es auch gerne mal Tankdeckel von Leihwagen, bis er mal einen bezahlen musste.

Am morgen des 29. 6. meldete ich mich wie üblich wieder:

„Guten Morgen mein Fratz! Heute geht es los. Ich warte jetzt auf Olaf.“

Ja jetzt ging das Renovieren los. Detailliert schilderte ich meinem Soldaten im Feldlager, wer was machen wird. Wichtig war mir das alles an diesem Wochenende fertig tapeziert ist. Ich dachte, dass ich das Streichen der Wände notfalls alleine schaffe.

„Ich liebe Dich Fratz. Hoffentlich bist Du mit unserer Arbeit zufrieden. Ich bin ganz aufgeregt! Hoffentlich stelle ich mich nicht zu dämlich an. Ich habe zwar schon mal mit Mutti tapeziert und gemalert, aber das ist ewig her. Dein Werkzeug habe ich auch gleich mit in die Wohnung genommen. Hoffentlich musst Du nicht so lange auf diesen Brief warten. Wenn Du ihn liest, sind wir mit tapezieren und streichen fertig. Da er ziemlich lang ist, musst Du ihn wohl in Etappen lesen.“

Natürlich habe ich mich am Abend wieder gemeldet und einen Bericht über die geschaffte Arbeit geschrieben:

„Guten Abend mein Fratz Hannes! Es ist jetzt 23:15 Uhr. Aber bekomme keinen Schreck, ich war schon um 21:00 Uhr bei Konni und hab mit ihr ferngesehen. Aber Gerald und Olaf haben wie ein altes eingespieltes Team zusammen gearbeitet. Um 10:00 Uhr hat Olaf die erste Bahn geklebt, um 19:30 Uhr die letzte. Sie haben beide Zimmer geschafft. Becker braucht morgen nur noch den Flur tapezieren! Ella und ich haben alle Fenster geputzt und gewischt. Morgen kann ich dann schon streichen. Die Farbe ist schon angerührt. Wenn Becker auch so fix ist, kann er mittags nach hause.“

Dann erzählte ich noch, dass unser Namensschild weg war. Keine Ahnung, wer das gebrauchen konnte. Aber ich hatte schnell ein neues gemacht. Am nächsten Morgen ging es schon ab 7:00 Uhr für mich weiter. Ich wollte noch Marianne treffen, wegen der Fahrten mit dem Kleinzeug und um 9:00 Uhr Becker abholen. Auch dass Olaf Montag die Lampen, die meisten hatten wir geschenkt bekommen, in der Wohnung anbringen wird u.v.m., was mit der Organisation der Renovierung zu tun hatte. Heute würde man sagen, es lief. Und ich brachte immer wieder meine Hoffnung an, dass alles meinem Fratz gefallen wird:

„Ich freue mich schon auf Deine Augen, wenn Du nach Hause kommst in den Riemserweg 9 und das alles siehst! Du musst vom Bahnhof aus die H-Linie nehmen, nicht dass Du aus Versehen die G-Linie nimmst!“

Die fuhr damals in das Stadtviertel, in der unsere Wohnunterkunft war.

„So nun muss ich aber los. Lass Dir die Zeit bis zum Urlaub nicht lang werden. Aber dafür sorgen ja schon Andere. Ich küsse Dich ganz doll und lange! Dein Fratz Helena.“

A

m 30. 6. abends beginnt mein Brief nach der

„Heute war vielleicht ein Tag. Mariannes Auto muss morgen in die Werkstatt, ist aber noch fahrtüchtig. Deshalb haben wir heute schon alles in die Wohnung gefahren. Ich sitze hier nur noch mit einer Tasse einmal Besteck und Teller, ein paar Sachen und den Möbeln. Becker hat den Flur tapeziert. Ella und Olaf haben noch die Lampe und Bücher von Mutti vorbei gebracht. Als alle weg waren, 18:00 Uhr, habe ich noch das Wohnzimmer vorgestrichen. Und dann das erste Mal in unserer Wohnung geduscht! Herrlich, kann ich Dir sagen. Ein eigenes Bad!“

Ich berichtete von meinen Plänen für die nächsten Tage. Wann Olaf die Lampen und die Gardinenstangen anbringen wird. Es lief tatsächlich alles nach Plan. Und es war hilfreich, dass ich durch meine 10/4-Schichten, jetzt am Stück 4 Tage frei hatte.

Dann erzählte ich, dass in der Unterkunft Zoff unter den Mitbewohnern ist, die es kaum abwarten konnten, dass ich auszog, dass mich das aber nicht mehr interessierte. Abends war ich ja eh groggy, wenn ich von der Wohnung kam und wenn ich mal fernsehen wollte, ging ich zu Konstanze.

Der 1. Juli beginnt natürlich wieder mit einen Gruß und ein paar Zeilen für Hannes und was mir noch so einfiel, woran ich am Vortag nicht mehr gedacht hatte.

„Karl und Becker wollen den Umzug alleine machen. Sie meinen, dass sie das zu zweit schaffen. Ich freue mich schon so auf Deinen Sonderurlaub und wie Du alles findest, was wir gemacht haben! In Deinem ersten Urlaub kommst Du gleich in unser Zuhause!“

Wenn ich das heute alles so lese, denke ich schon, dass ich seit Hannes bei der Armee war, permanent unter „Strom“ stand und mich im Wechselbad der Gefühle befand.

A

us dem 15. Brief von Hannes

„Ich möchte Dir heute noch mal unter halbwegs normalen Bedingungen schreiben. Mein Bus fuhr um 22:55 Uhr. Ich war um 23:15 Uhr im Objekt. Weißt Du, wer im Bus saß? Unsere Vermieterin Manuela oder wie sie heißt. Habe sie natürlich über die Lage der Dinge aufgeklärt.“

Hannes und Namen, das passte nie zusammen! Dann berichtete er vom Armeealltag:

„Habe vorhin meine erste Feldtasche gepackt. Die zweite nehme ich mir morgen vor. Wir hätten auch gleich unseren ganzen Schrank mitnehmen können, der ist jetzt schon fast leer. Für die drei Wochen habe ich nur noch zwei Mal Unterwäsche, drei Paar Socken und acht Kragenbinden. Du kannst Dir also vorstellen, wie das dann aussieht. Wegen dem Sonderurlaub habe ich noch mal gefragt. Ich habe dem Spieß gesagt, dass ich dann das erste Wochenende fahren würde. Wie viel Tage ich bekomme, hängt von seiner Laune ab, sagte er mir.“

Ich glaube mit „ihm“ meinte Hannes den Feldwebel, genannt Spieß. Das klingt schon gewaltig nach Willkür, wenn man das heute liest.

„Die 6 Reservisten, die bei uns sind, haben an einem Tag 11 Flaschen Klaren leer gemacht, Waren total besoffen. Na ja, wenn man nur noch 30 Tage hat, geht das schon mal.

Sind wir nun stolze Wohnungsbesitzer? Du hast bestimmt viel geackert und hast hoffentlich, wie geplant Hilfe? Ich mach mir halt auch so meine Gedanken. Heute Abend werde ich wohl den Belmondo-Film gucken um abzuschalten.

Ich liebe Dich ganz, ganz, ganz doll!

P.S. Ab wann soll ich denn an die neue Adresse schreiben?

Heute sind es noch 485 Tage!“

Hannes meinte natürlich, die Tage, die er noch bei der Armee verbringen darf.

Während dessen gingen meine Tage wie im Flug vorbei. Und so begann ich erst am 2.7. wieder, einen Brief an meinen tapferen Soldaten zu schreiben. Aber ich hatte wohl ein schlechtes Gewissen, obwohl mir klar war, dass Hannes meine Post ohnehin nur zweimal in der Woche während des Zeltlagers bekam, wie er ja berichtet hatte.

13. Kapitel

„


Mein lieber Fratz!

Ich komme heute (2.7.)erst wieder zum Schreiben. Gestern war ich total groggy, war erst um 0:30 Uhr in der Unterkunft. Ich habe bis um 23:45 Uhr gemalert. Jetzt brauche ich nur den Flur das zweite Mal streichen. Habe fast alles selbst gemacht, eine Wand im Schlafzimmer hat Ella gestrichen. Aber mit der einen Wand im Wohnzimmer habe ich Mist gemacht. Ich wollte sie grün tönen. Das wurde aber quitte-grün. Nun musste ich die Wand noch zweimal weiß streichen,

Ich frage mich jetzt, warum wollte ich die Wand unbedingt grün tönen? Hatte ich die grüne Couchgarnitur, die ich in Ella´s Beisein getestet hatte doch schon? Die war nämlich in sich grün gemustert.

„Olaf hat gestern die Lampen angebracht und die Löcher für die Haken auf dem Balkon gebohrt. Dann hat er den Spiegelschrank im Bad anbringen wollen. Dabei ist er mit dem Bohrer in der Küche angekommen. Ich konnte nur noch lachen und habe gesagt:, Von der anderen Seite kann ich ja einen Topflappen anhängen!´. Es ist nämlich gleich neben dem Herd. Donnerstag macht Olaf dann die Gardinenstangen ran. Ich freue mich so auf Dich und darüber, dass Du im Urlaub nicht mehr in die Wohnunterkunft kommen musst!

Heute hatte ich Post von Deinen Eltern. Deine Mutter hat sich erbarmt und am 30.6. sich für meine Zeilen bedankt. Hat sie auch an Dich geschrieben? Sie haben mir auch nicht zum Geburtstag gratuliert.“

Hier muss ich doch mal erwähnen, meine Schwiegereltern waren vom Anfang unserer Ehe bis zum Ende sehr speziell.

„Ich bin ganz schön k.o., das Streichen mit der Rolle geht ganz schön in die Arme. Aber nun ist es ja bald geschafft und Konni hilft mir beim Saubermachen. Apropos: Konni: Ihre Aussprache war ja heute. Alle waren da, nur der Obermacker von der Unterkunftsverwaltung nicht. Er wollte wohl seine Niederlage nicht öffentlich hinnehmen. Jedenfalls bleibt sie nun erstmal in ihrem Zimmer.“

Ich beende den Tagesbericht an Hannes mit ein paar Bemerkungen abschließend zu seinen Eltern und dass ich mit dem schmerzenden Handgelenk aufhören muss zu schreiben, nicht ohne liebe Grüße und ihn meiner Liebe versichert zu haben.

G

leich am nächsten Morgen

„Nun bist Du schon zwei Monate dort und mir kommt es viel länger vor. Aber die nächsten drei Wochen werden für uns beide wohl sehr schnell vergehen, oder?

Fratz, Du wirst Augen machen, wenn Du kommst! Das Wohnzimmer ist dann nämlich fast komplett fertig. Ich hoffe, dass Dir alles gefällt und versuche es so schön, wie möglich für uns zu machen.“

Diese Zeilen sagen mir, ich hatte doch schon alle Möbel für das Wohnzimmer, als Überraschung für meinen Schatz. Das deckt sich auch mit meinen Erinnerungen.

A

m Abend des 3. 7. kann ich Hannes

„Und das kam so. Ich bin während der Pause auf Arbeit mal schnell zum Kuchenstand vorgelaufen und war ganz in Gedanken, wegen unserer Wohnung. Ich dachte gerade darüber nach, wo ich Bretter für ein Regal herbekomme. Da spricht mich ein Arbeiter an: ,Nun mal nicht so schnell!´. Er kam mir irgendwie bekannt vor, klar aus dem „Struck“ aber ich sage, ganz in Gedanken: ,Ich brauche Bretter´ und er antwortet doch prompt, in dem er fragt: ,Wie viele und wie groß?´. Da war ich baff, sagte aber die Größe und drei Stück. Du wirst es nicht glauben, Fratz, mittags brachte er mir die Bretter! So brauchte ich nur noch die Leitergestelle dazu kaufen und Olaf hat es mir gleich angebaut. Die Bretter sind so toll, das ist nie und nimmer Abfallholz. Und das Beste ist, sie kosten nichts. Er wisse ja, wie das so ist, wenn der Mann bei der Armee ist, wollte helfen. Na, ich gebe ihm am Wochenende im ,Struck´ einen Kaffee aus.

Fratz, freust Du Dich ein bisschen mit, dass doch noch alles so gut klappt? Ich denke doch, oder? Wie geht es Dir? Kannst Du mir mal schreiben? Ab nächste Woche Mittwoch kannst Du ja schon an die neue Adresse schreiben. Mir ist wie Weihnachten, weil ich so viel Vorfreude habe! Hoffentlich gefällt Dir alles!

Ach mein Liebling, noch drei Wochen bis wir uns sehen! Hoffentlich geht mit Deinem Urlaub alles klar! Schade, dass Du bei allem nicht dabei sein kannst! Konni meinte ja scherzhaft, unsere Männer würden sich ins gemachte Netz setzen und das müsse ja eigentlich umgekehrt sein. Aber keine Angst, ich lass Dir noch Arbeit übrig. Außerdem müssen wir ja im Frühjahr wieder renovieren, weil das Haus noch arbeitet. Da ist es auch gut, dass ich jetzt nur einfache Tapete genommen habe.“

Am Morgen des 4. 7. melde ich mich mit den Worten:

„Ich habe heute wieder wirres Zeug geträumt: Plötzlich standen Deine Eltern vor der Wohnungstür um gute Ratschläge zu geben. Meinst Du die kreuzen hier unangemeldet auf? Das machen sie ja bei Oma und Hans auch immer so. Na ja, ich vergesse diesen Traum schon wieder. Morgens wird man hier von der Kälte wach und das im Juli. Hoffentlich ist es bei Dir in der Nähe von Berlich nachts wärmer. Hast Du auch genug zu essen? Schreib bloß mal. Es ist nämlich doch ganz schön doof, wenn keine Post von Dir kommt, auch wenn ich weiß, dass so schnell keine kommen kann.

So nun muss ich aber los, hab ja noch ein Arbeitsverhältnis.“

Auc

h mein nächster Brief beginnt mit

„Bin gleich nach der Arbeit in die Wohnung gefahren und habe Erdbeeren eingeweckt. Es sind 4 große und 4 kleine Gläser geworden.“

Jetzt denke ich gerade, dass ich so was noch gemacht habe! Sicherlich, weil es auch Erdbeeren selten und wenig gab und Hannes und ich sie gerne aßen. Aber Ella und ich haben auch meine selbst genähten Gardinen aufgehängt. Wir fanden, diese sind toll geworden.

„Langsam wird aus dem Betonkasten eine Wohnung! Deine Boxen stehen jetzt 3,5 Meter auseinander, das ist ein Klang! Es ist schon wieder Zeit zum losgehen. Entschuldige, dass dies nur ein kurzer Brief geworden ist. Heute in einer Woche ist es soweit, dann ziehe ich um. Ich bin schon ganz aufgeregt!“

„


Ich war heute mit Konstanze

schon um 15:00 Uhr in unserer Wohnung. Wir sind von der Arbeit aus getrampt, um Zeit und Busgeld zu sparen. In der Beziehung wohnen wir dann günstig.“

Das Ostseeviertel, in das Hannes und ich zogen, war gleich der erste Stadtteil von Greifswald, der in Richtung Lubmin lag.

„Wir haben wieder geputzt und anschließend beide ausgiebig geduscht. Der Boiler ist nicht leer geworden. Das ist doch gut, oder? Danach waren wir bei Konni fernsehen und haben uns von der vielen Arbeit erholt.“

Am 6. 7. morgens stellte ich fest, dass ich in einer Woche schon in der neuen Wohnung aufwachen werde:

„Ich bin gespannt, wie das wird.“

14. Kapitel

M

ein 37. Brief geht wieder über 2 Tage,

Man konnte damals ganz legal Baumaterialien im AKW erwerben. So genanntes Rest- oder Abfallmaterial. Allerdings musste das bei Beton spontan und schnell gehen. Dann machte ich mir Sorgen, dass Hannes im Feldlager nachts frieren könnte:

„Frier Dir bloß nichts ab!“

Was ich damit wohl meinte?

Es scheint, als wäre im Juli 1985 das Wetter merkwürdig gewesen. Seit ein paar Tagen war es am Tag heiß aber in der Nacht kalt, was ich sogar in meinem Unterkunftszimmer merkte. Gleichzeitig gab es dort immer noch kein warmes Wasser. Was mich ja nicht groß störte, da ich ja in der Wohnung duschen oder baden konnte. Aber am Vortag hatte ich festgestellt, dass unser Keller dort unter Wasser stand:

„Ein Glück, dass ich die Kartons auf einen Metallreif mit einer Sauerkrautplatte gelegt habe. Das habe ich hier gefunden. Hier ist sowieso rundum Baustelle. Es gibt auch noch keine Mülltonnen. Richtig fertig ist das Haus auch noch lange nicht. Es gibt auch noch keinen Fernsehanschluss. Der Antennenverteiler soll in den 3. Aufgang. Der soll nächste Woche fertig werden. Na warten wir es ab!

Heute Mittag war mir auf Arbeit richtig schlecht. Bestimmt die ganze Aufregung. Jetzt ist es aber wieder gut.

Fratz, was macht der Dreck? Wenn Du auf Urlaub kommst, mache ich Dir erst mal ein schönes Bad. Es badet sich ganz toll in einer eigenen Badewanne, kannst Du mir glauben! So nun muss ich aber los. Sei ganz lieb gegrüßt und geküsst von Deinem Fratz Helena. P.S. Hoffentlich bekomme ich bald Post von Dir.“

„


Dies ist mein vorletzter Brief

aus der Unterkunft, mein Fratz. Einen kann ich noch schreiben, dann erst wieder aus der Wohnung. Ich bin heute nicht in die Wohnung gefahren, sondern gleich in die Unterkunft. Da ich unser Bettzeug schon wegbringen wollte, damit ich das Freitag nicht machen muss. Da gab es doch tatsächlich Theater, ich könne das nicht vor dem Auszug machen. So ein Blödsinn! Man, war ich sauer. Nun mache ich erstmal passive Erholung und gehe in die Wanne. Das warme Wasser ist wieder da. Morgen und Donnerstag fahre ich aber wieder in unsere Wohnung. Ich will noch mit Marianne den Kühlschrank hinbringen, damit der am Freitag einsatzfähig ist. Abgetaut habe ich ihn schon. Endlich unsere erste eigene Wohnung, Fratz! Ich freue mich so! Noch mehr freue ich mich, wenn Du dann kommst und alles siehst! Mit dem Geld sieht auch alles gut aus. Becker hat mir

dass ihr

Treueprämie bekommen habt und ich habe meine Auslöse von Juni noch. Aber am 15. oder 16. geht ja schon wieder Gehalt auf mein Konto. Aber mit Geld befasse ich mich erst wieder nächste Woche. Welche Zeitungen wir bestellen wollen können wir ja bereden, wenn Du da bist. Das ,Neue Leben´ lasse ich von Mutti umbestellen. Konni fährt morgen wieder nach Berlin. Sie hat sich dort bei dem neuen Kaufhaus beworben und sie wollen ja eh nach Berlin ziehen, wenn Frank von der Armee kommt. So lange wohnt sie bei ihren Eltern, wenn das mit der Arbeit klappt. Wie mag das wohl in einem Jahr um die Zeit sein? Dann haben wir es fast geschafft, mein Fratz!“

Meine Briefe vom Juli sehen übrigens sehr mitgenommen aus, die Umschläge besonders, aber auch die einzelnen Blätter. Man kann erkennen, dass Hannes sie im Feldlager gelesen hat. So auch mein letzter Brief aus der Wohnunterkunft, den ich am Abend des 10. 7. beginne:

„M

ein geliebter Fratz!

Dies wird der letzte Brief aus der Unterkunft. Hinter unserem Haus haben sie heute den Müll zusammen geschoben. Ich war nach der Arbeit gleich da. Ella und Olaf bringen heute noch den Sessel von Mutti hin und morgen bohrt Olaf noch Einiges und Ella bringt uns zweimal Bettwäsche. Becker hat mir heute gesagt, dass wir am Freitag doch schon um 8:00 Uhr anfangen können. Das mit dem Zement hat sich erledigt. Da sind wir dann auch früh fertig. Fratz, ich bin so gespannt, was Du sagen wirst! Hoffentlich bist Du mit Allem zufrieden! Vielleicht bist Du ja schon in zwei Wochen da. Wenn schönes Wetter ist können wir baden gehen und tanzen. Ich weiß gar nicht, ob ich noch tanzen kann, Du? Nicht dass du nachher auf der Tanzfläche marschierst!“

Am nächsten Morgen, der vorletzte in der Unterkunft, berichte ich dann von einem Traum:

„Ich habe geträumt, Du kommst auf Urlaub. Du hattest eine Feldjacke an und Jeans. Dann bin ich leider wach geworden.“, und:

„Heute gehe ich das letzte Mal von hier aus zur Arbeit. Sei nicht böse, wenn ich erst wieder Freitagabend oder Samstag schreibe. Ich liebe Dich ganz doll! Dein Fratz Helena.“

Am Umzugstag hatte ich endlich Post von Hannes:

„


Mein lieber Fratz! Es grüßt Dich erst einmal ganz lieb

Dein Hannes!

Heute ist Samstag (6. 7.). Es ist 20:15 Uhr und ich habe mal Ruhe. Eine Woche Feldlager ist also fast rum und das bei herrlichem Wetter. Na ja, vlt. besser, als wenn es regnen würde und kalt wäre. Wir schlafen mit 14 Mann in einem Zelt und Gerüche sind hier viele vertreten. Wenn Du diesen Brief bekommst, sind es noch 14 Tage und ich bin zu hause (hoffentlich!). Wie ich Deinem Brief entnehme, bist Du also sehr fleißig. Ich glaube schon, dass mir gefällt, wie Du es einrichtest. Dass ich nur noch 60 Stunden bei der AWG machen muss. Ist natürlich sehr positiv für mich. Den Fahnenhalter werde ich wohl gleich als erstes abbauen, aber erst nach dem ,hökern´. Du kommst ja ganz schön spitz, wegen der fünf Schlüssel meine ich. Hört sich ja so an, als ob ich schon jemals einen verloren hätte. Morgen ist Sonntag, aber trotzdem ist hier bis 17:00 Ausbildung, in der Woche von 8:00 bis 17:00 Uhr. Wie geht es Deinem Handgelenk, hoffentlich besser. Bis zum SU sei ganz lieb gegrüßt von Deinem Hannes. Ich liebe Dich natürlich immer noch ganz doll.“

Welche Freude, dass ich diesen Brief noch am Umzugstag bekommen habe. Bloß nicht verlegen, dass ich ihn noch mal lesen kann, in Ruhe nach dem Umzug. Ich erinnere mich, dass ich Hannes Briefe öfter gelesen habe, auch in Ermangelung von Nachschub.

N

ach dem Umzug gleich die nächsten Berichte

„Ich schätze, ich werde heute Abend so lange möhlen, bis alles da ist, wo ich es hinhaben will.“

Am nächsten Tag schreibe ich Hannes alles ausführlicher:

„Ich sitze jetzt im Wohnzimmer und höre Radio nur von der Litze. Der Antennenanschluss wurde gestern doch nicht verlegt. Verzeih mir bitte, wenn ich alles ein wenig durcheinander schreibe, ich habe Dir ja so viel zu erzählen. Als ich Deinem Brief bekommen habe, hattest Du auch Post. Ich habe den Brief mit in meinen gelegt. Du brauchst aber keine Angst haben, ich habe diesmal nicht geantwortet. Ist Trixi die Schwester von den Nicoleis? Der Brief klingt ganz anders, als der von Yvonne.

Ella hatte am Donnerstag das Bettzeug vergessen und so habe ich unter Wolldecken geschlafen. Das hat vielleicht gekrabbelt. Als sie heute das Bettzeug brachte, hat sie gestaunt, wie toll das Wohnzimmer aussieht. Auch Konni gefällt es. Sie war natürlich gestern Abend schon mal da zum Gucken und wir haben gemütlich Abendbrot gegessen.

Heute habe ich Deine ganzen Sachen gewaschen und gleich auf dem Balkon aufgehängt, das ist echt prima. Montag kommt der Kleiderschrank, dann sind die Sachen, die jetzt noch im Schlafzimmer auf Deiner Liege liegen auch weg.

Ich habe die Litze vom Fernseher heute über die Lampe gehängt, so kann ich ohne schnurren fernsehen. Heute kommt eine Westernkomödie, die werde ich mir mal ansehen. Ich bekomme aber nur das 2. Programm. Das erste geht über Litze nicht. Aber mit Fernseher an oder Radio fühle ich mich nicht so allein. So nun gehe ich aber ins Bett. Heute mit bezogenen Betten. Gute Nacht mein liebster Fratz!“

Am nächsten Morgen berichtete ich, dass es nun nicht mehr von der Wolldecke gekrabbelt hat, aber eine Heerschar Mücken im Zimmer waren:

„Dieses Ostseeviertel ist ein Mückenviertel! Wenn die nicht bald den Müll wegbringen und Mülltonnen aufstellen, haben wir hier bald ein Fliegen- und Mückenparadies, wie in einem Moor. Dann kam Marianne und wollte mit mir an den Strand nach Lubmin fahren. Sie wollte da ihren Uwe nach der Schicht treffen. Ich habe abgelehnt. Erstens habe ich noch genug zu tun hier und zweitens, was soll ich da zwischen den beiden?

Ich muss morgen unbedingt was gegen Mücken und Fliegen kaufen, das ist ja furchtbar!

Fratz, ich liebe Dich so! Nicht mal mehr zwei Wochen und dann bist Du hier! Ich hoffe sehr, dass es klappt. Es muss einfach klappen und dann so lange, wie möglich, hörst Du?! Ich habe solche Sehnsucht nach Dir! Ich könnte jetzt glattweg heulen! Die Musik im Radio muntert mich gerade auch nicht auf. Aber ich werde gleich noch Wäsche waschen, dann komme ich wieder auf andere Gedanken.

Saugen muss man hier jeden Tag, ist ja rundum nur Baustelle. Sie bauen uns noch in G-Form zu. Also bis später mein Fratz!

Ich habe noch an Oma und Hans geschrieben, sie freuen sich bestimmt.“

Dann schrieb ich weiter mit Berichten, was ich an einigen Möbeln noch machen, bzw. verändern will und was ich dazu noch brauchte. Wenn nicht gerade Sonntag gewesen wäre, wäre ich wohl noch in die Stadt gefahren und hätte Allerlei gekauft. Aber so plante ich den Einkauf für den nächsten Tag.

„Ich habe eben unseren Namen an den Briefkasten gemacht. Hoffentlich habe ich darin bald Post von Dir! Ich glaube, ich schreibe Trixi doch. Sie tut mir nämlich leid, mit ihrer Flucht in die Vergangenheit. Du brauchst keine Angst haben, dass wird ein ganz vernünftiger Brief!“

Es ist ja doch interessant aus heutiger Sicht, wie unterschiedlich ich die Post von Yvonne und Trixi damals bewertet habe. Als ich diese Briefe jetzt gelesen habe, fand ich sie beide nicht schlimm.

An diesem Wochenende habe ich einen 14 Seiten langen Brief an Hannes geschrieben. Wann er das wohl alles lesen konnte. Na, beschwert hatte sich Hannes ja nie darüber, dass er zu viel Post oder zu lange Briefe von mir bekam.

Die letzten Zeilen in diesem Brief schrieb ich am Montagmorgen, den 15.7.1985:

„Ein Glück, dass heute Montag ist. Nun kann ich in die Stadt fahren und Mückentötolin kaufen. Heute Nacht sind die Mücken wieder über mich hergefallen. Zum Schluss habe ich die Küchengardinen über mich gehängt. Aber das Gesumme hat mich irre gemacht. Ich glaube, das wäre ein Thema Für Hitchcock! Wie ist es denn bei Dir im Feldlager, habt ihr auch so viele Mücken? Ich habe vor Verzweiflung geheult, bin dann ins Wohnzimmer umgezogen und hab Radio angemacht. Um 7:00 wollte ich aufstehen, weil ja heute der Schrank kommen sollte. Das war ja wohl nichts, um 8:30 Uhr bin ich aufgeschreckt und habe gleich auf dem Hausflur nachgesehen, ob sie den Schrank dort hingestellt haben. Aber sie kamen kurz danach. Glück gehabt!“

Dann beschrieb ich den Kleiderschrank und:

„Unser Schlafzimmer ist noch nicht voll und wenn man die Möbel ein bisschen anders stellt, passt hier auch noch ein Kinderbett rein.“

Wow, dass ich an so was gedacht habe! Da war wohl doch ein intensiver Kinderwunsch in mir.



„Ich habe sogar Mückentötolin bekommen!“ ,

freue ich mich in meinem nächsten Brief an Hannes. Auch Spray zum Einreiben war dabei, wie ich jetzt lesen kann. Ich kann mich an diese Plage überhaupt nicht mehr erinnern. Aber daran, dass ich Möbel beklebt und gestrichen habe, damit sie zusammen passend im Schlafzimmer stehen. Wenn alles so lief, wie geplant, konnte ich schon schreiben:

„Fratz nächste Woche kommst Du in unser zu Hause. Das hört sich doch schon besser an, nicht mehr so lange. Hoffentlich hast Du Zeit, meinen dicken Brief zu lesen. Wenn nicht musst Du es in Etappen tun. Vielleicht hattest Du ja doch noch mal Zeit, mir zu schreiben! Ich würde mich so freuen, wenn ein Brief von Dir der erste in unserem Briefkasten wäre! Warum ist nicht schon nächste Woche! Kannst Du nicht schon Mittwoch oder Dienstag kommen? Ich kann es kaum noch abwarten, dass Du da bist!“

Am Morgen des 16. 7. konnte ich endlich berichten, dass ich phantastisch geschlafen habe. Aber auch, dass der Kleiderschrank aufgebaut ist. Dank Nachbarschaftshilfe und Olaf.

„Das war vielleicht ein Akt. Aber das ganze Theater beim Schrank zusammen bauen, erzähle ich Dir, wenn Du hier bist, Fratz. Du lachst Dich kaputt! Da fällt mir ein, wir haben einen Telefonanschluss im Flur. Soll ich uns anmelden? Das soll hier gar nicht so lange dauern, vlt. ein Jahr nur. Das haben Nachbarn erzählt. Man trifft sich hier manchmal im Hausflur und redet über dies und jenes, wie die Mülltonnen usw.“

Am nächsten Morgen fuhr ich das erste Mal vom Ostseeviertel mit dem Bus zur Arbeit nach Lubmin. Ich brauchte auch nicht mehr so früh aufstehen.

„Hier reicht es, wenn ich um 5:00 Uhr aufstehe und um 5:45 Uhr losgehe.

Ich hoffe diese Woche vergeht ganz schnell! Nach der Arbeit will ich noch ein paar Besorgungen machen. Ich möchte, dass es schön wohnlich ist, wenn Du kommst. Gestern habe ich noch Erdbeeren eingefrostet, dann kannst Du auch frische essen, wenn Du hier bist. Ich kann es kaum abwarten. Vielleicht habe ich ja heute Post von Dir!“

Es war schon der 17. 7. Die letzte Post von Hannes kam ja am Umzugstag, den 12. 7. Aber ich hatte Glück! Als ich von der Arbeit und den Besorgungen nach hause kam, war ein Brief von Hannes in unseren Briefkasten! Sein erster Brief an den Riemserweg 9 und der erste Brief in diesem Briefkasten! Welch eine Freude für mich.

15. Kapitel

E

s war Freitag, der 12. 7. als Hannes diesen Brief

„Mein lieber Fratz. Ich will versuchen, Dir rasch ein paar Zeilen zu schreiben. Habe heute wieder 3 Briefe von Dir bekommen, worüber ich mich natürlich sehr gefreut habe. Es sind jetzt damit gesamt 8 Briefe, die ich hier bekommen habe. Vor zwei Stunden bin ich aufgestanden, es ist jetzt 16:00Uhr. Wir waren wieder Mal die ganze Nacht draußen mit den Maschinen. Sind gestern um 16:00 Uhr los und heute früh um 4:30 Uhr zurück. Das war bereits das dritte Mal. Heute geht es wohl wieder raus, aber das weiß noch keiner so genau. Ich sitze hier im großen Essenzelt nur mit Badehose und Turnschuhen. Es ist heute wieder unerträglich heiß und staubig, staubig und nochmals staubig. Das Wasserauto bringt vier Mal am Tag Wasser für 300 Personen. Duschen waren wir vorgestern, es wird wohl auch nicht noch mal sein. Du siehst also, Hygiene wird hier ganz klein geschrieben. Ansonsten geht es mir den Umständen entsprechend gut. Meine Brille ist kaputt. Der eine Bügel hängt nur noch an einem winzigen Draht. Du könntest schon Mal die andere Brille suchen. Ob das mit dem Urlaub klappt, werde ich wohl auch erst einen halben Tag vorher erfahren. Man weiß ja auch noch nicht mal, wann es nach Rostock zurückgeht. Aber wir bleiben erstmal bei dem geplanten Wochenende. Wenn Du diesen Brief bekommst, wohnst Du ja schon ein paar Tage in der neuen Wohnung und es werden wohl nur noch 8 bis 9 Tage sein, bis ich komme. Hauptsache, er kommt an, ich schicke ihn an die neue Adresse. Ja Fratz, gegen 4:00 Uhr wird es frisch im Zelt, aber es geht noch.

So nun sei ganz lieb gegrüßt von Deinem Hannes.

Ich liebe Dich ganz doll! Ich freue mich schon riesig auf unser neues Zuhause, welches Du sicher sehr schön hergerichtet hast. Ein paar ganz dicke Küsschen.

P.S. Einmal schreibe ich bestimmt noch. Ich will es versuchen.“

Hannes hat es nicht mehr geschafft, einen Brief zu schreiben. Aber ich schrieb unverzagt weiter:

I

n jedem der Brief vom 17. 7. bis zum 23. 7. immer

Dann wieder Pläne für die Zeit, wenn Hannes da ist, auch in Bezug auf seinen Brief:

„Dass ihr so wenig Wasser bekommt, ist eine Schweinerei. Aber Fratz, wenn Du hier bist, kannst Du endlich schön lange baden, nach einem viertel Jahr! Ich habe auch vier Karten für das ,Boddenhus´ bestellt, Wir können uns dann ja überlegen, wen wir mitnehmen, vielleicht Ella und Olaf, ach nein, die sind ja im Urlaub. Aber Frank kommt auch auf Urlaub am Donnerstag, dann nehmen wir Konni und ihn mit, wenn sie wollen. Am Freitag machen wir Einweihungsparty Ich habe schon alles dafür eingekauft, auch Braunen, Klaren und Pfeffi. Becker und Karl sollen nichts vermissen, schließlich hat uns das Malern und der Umzug nichts gekostet. Erdbeeren habe ich auch noch mal bekommen und die guten eingefroren.“

Ich berichtete, dass endlich der Antennenverteiler angeschlossen wurde und ich abends den Film:, Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss´ schauen wollte. Auch dass Olaf nun doch nicht zur Reserve muss. Zwischendurch immer wieder die Fragen:

„Seid ihr schon in Rostock? Kannst Du schon am Donnerstag kommen? Wie lange kannst Du hier bleiben?“

Natürlich zählte ich die Tage bis zu unserem Wiedersehen mit und dass ich immer noch auf einen Brief von meinem Hannes hoffte.

Am Morgen des 23. 7., in meinem letzten Brief vor dem Sonderurlaub erzählte ich von einem Traum:

„Heute Nacht habe ich geträumt, dass Du geklingelt hast und in dem Moment sind alle Möbel in der Wohnung zusammen gekracht. Ich habe versucht, alles wieder zusammen zu bauen, aber Du hast immer wieder geklingelt.

Plötzlich warst Du in der Wohnung. Aber, was Du gesagt hast, weiß ich nicht mehr. Ich war wach!“

Dieser Brief endet mit den Worten:

„Ich freue mich ja so auf Dich! Du musst unbedingt kommen! Und denke an den

H-Bus! Hoffentlich kommt heute noch Post von Dir und Du kannst mir noch Genaueres schreiben. Ich liebe Dich doch so und bin schon ganz aufgeregt. Komm bitte schnell!“

Ich weiß nicht mehr, wie ich die Tage in Ungewissheit verbracht habe. Wahrscheinlich mit Hoffen, Bangen und Warten. Außerdem musste ich ja noch jeden Tag bis zum

25. 7. arbeiten, hatte wieder Zeit zum Stricken beim Fernsehen.

Wie dem auch sei, ich erinnere mich, dass er plötzlich am Nachmittag in Uniform vor der Wohnungstür stand und wir tatsächlich gleich im Schlafzimmer gelandet sind. Dann machten Hannes und ich Hand in Hand einen Wohnungsrundgang. Er kam aus dem Staunen nicht heraus, was alles schon fertig war. Als wir auf dem Balkon ankamen nahm mein Soldat mich in den Arm und sagte ganz gerührt:

„Mein Fratz, das hast Du alles ganz toll gemacht! Ich bin so froh, dass ich so eine tolle Frau habe!“

Abends fand die Einweihungsparty statt. Ich weiß nicht mehr, ob wir tanzen waren. Hannes hatte auch ein paar Ideen, besonders zum Keller. Mit dem hatte ich mich natürlich auch noch nicht weiter beschäftigt. Wir fuhren in die Stadt bummeln, genossen unsere Zweisamkeit und Hannes zusätzlich unser Bad. Aber er rasierte sich erst wieder am Tag seiner Abreise, am 1. 8. Diesmal fiel uns der Abschied nicht so schwer, da wir ja wussten, dass er schon am 9. 8. in den geplanten Urlaub kommen würde. Und nun wusste ja auch Hannes genau, worauf er sich in Hinsicht der Wohnung freuen konnte. Immerhin hatten wir zum ersten Mal unsere eigenen

4 Wände, eine eigene Küche und ein eigenes Bad. Auch wenn rund um noch Baustelle war, es war unser wunderbares Zuhause.

Na

türlich habe ich gleich am nächsten Morgen

„Guten Morgen mein lieber Fratz! Ich hoffe, Du bist rechtzeitig und gut in Rostock angekommen. Ich habe gestern Abend doch noch ferngesehen. Es kam ein ganz brauchbarer Film. Außerdem war es plötzlich so leer in der Wohnung. Keiner mehr da, der meckert! Ich habe mich dann damit getröstet, dass Du ja in einer Woche wieder da bist. Heute auf Arbeit, werden sie wohl fragen, ob Du da warst und wie es war. Na, Du kannst Dir das sicher vorstellen. Dann muss ich noch alles klären für Deinen Urlaub, dass ich auch ja frei bekomme. Heute werde ich dann wieder anfangen, Fleisch zu kaufen, auf das der Kühlschrank wieder voll wird. Hat Dir der Kuchen geschmeckt? Ist die Hektik nach dem Feldlager vorbei?“

Jetzt fällt mir ein, Musik war gerade in dieser Zeit sehr wichtig für uns. So hörte ich immer wieder „Halt mich fest“ von Zwei Wege und „Zeit, die nie vergeht“ von Michael Barakowski. Die auch jetzt noch, wenn ich diese Titel höre, Erinnerungen an diese Zeit in mir hervorrufen.

In der Woche bis zum nächsten Urlaub von Hannes habe ich nur drei Briefe nach Rostock geschickt aber fast jeden Morgen, wie gehabt geschrieben. Ich hatte wohl viel zu tun, dass ich nicht immer abends geschrieben habe. So schreibe ich am 5. 8.morgens:

„Ich hoffe, Du hast das Wochenende einigermaßen über die Runden gebracht. Ich auch! Ich habe genäht, gewaschen und zwischendurch war ich ja auch noch ein bisschen arbeiten.“

Hier will ich erwähnen, dass das Wäschewaschen damals nicht so einfach war. Mit der WM-66 konnte man zwar die Wäsche erwärmen oder kochen, aber um sie zu spülen, musste man sie wieder rausnehmen. Das Wasser ablassen, wieder neues einfüllen usw. Ich habe sie dann meistens in der Badewanne gespült. Auch schleudern konnte diese Maschine nicht. Dazu gab es extra eine Schleuder. Ich hatte eine so genannte Tischschleuder, die auf einem Brett über der Wanne stand. Das bedeutete, Wäsche aus dem Spülwasser in der Wanne auswringen und dann in die Schleuder. Aber es war schon eine Erleichterung, da man die Wäsche nicht mehr im Topf kochen und mit der Hand dann waschen musste. Die Kragenbinden von Hannes habe ich aber immer vorher noch extra schrubben müssen. Wie toll, dass das jetzt nur ein Arbeitsschritt geworden ist!

Ich berichte natürlich auch von Treffen mit Freundinnen und das Neueste von Konni:

„Sie ist jetzt doch in ein Kinderzimmer gezogen und hat sich alles gemütlich gemacht. Das war von Anfang an ja ihr Vorschlag. Da musste es erst so ein Theater geben. Nur weil da normalerweise eine Mutter mit Kind wohnt. Ich habe auch Nähaufträge von Elke und Mutti. Dafür gab es 3 Geschirrhandtücher, 1 Flasche Ketschup und 1 Schachtel Zigaretten. Langsam hat sich die Nähmaschine bezahlt gemacht. Für mich habe ich ein Kleid genäht. Seit Samstag ist das erste Programm wieder schlecht. Komisch, immer nur das erste. Heute war aber auch der Radioempfang mies. An dem Wetter kann das ja wohl nicht liegen. Die über mir haben gar keinen Empfang. Das Wetter ist scheußlich, aber der Wind trocknet meine Wäsche auf dem Balkon und macht sie glatt, so dass ich nicht mehr so doll bügeln muss. Mit dem Urlaub bei mir geht alles klar. Fratz, ich hab Dir noch gar nicht gesagt, dass ich Dich liebe, auch wenn Du so ein Ekelpaket bist! Mit den Kartons geht das nicht so schnell, da müssen wir Geduld haben. Aber der Keller ist wieder voller Wasser, diesmal ist der Regen Schuld. Da müssen die sich aber noch was einfallen lassen bis zum Winter. Ich habe Ella, Olaf und Mutti zum Kaffee am Samstag, wenn Du da bist, eingeladen. Sie freuen sich schon, Dich wieder zu sehen. Hast Du Deinen Eltern geschrieben?“

Ja, seine Eltern waren auch im Sonderurlaub Thema. Ich hatte es immer versucht, zwischen Sohn und Eltern zu vermitteln. Was mir gerade am Anfang unserer Ehe selten gelang.

Als ich am 5. 8. abends von der Arbeit kam, konnte ich mich über einen Brief von Hannes freuen.

Er hat ihn am Freitag, den 2. 8. abends geschrieben:

16. Kapitel

„M

ein lieber Fratz! Sei ganz lieb gegrüßt von Deinem

Hannes. Ich liebe Dich ganz doll! Jetzt ist es 21:30 Uhr und ich sitze im Wachlokal. Ja wir stehen Wache bis zum Urlaub. In zwei Stunden muss ich wieder raus und ich bin jetzt schon müde. Das Wetter ist sehr ungemütlich, sehr windig mit teilweise Regen. Hässlicher geht es kaum noch. Ich bin noch gut in Rostock angekommen. Der D-Zug nach Stralsund war pünktlich. Der Personenzug nach Rostock auch. Aber 10 km vor Rostock war Schienenersatzverkehr.“

Hm, das scheint sich in all den Jahren nicht geändert zu haben.

„Trotzdem waren wir pünktlich auf dem Rostocker Hauptbahnhof. Von da bin ich mit der Straßenbahn weitergefahren und um 1:45 Uhr im Bett. Die neuen Reservisten waren schon da. Konnte aber ewig nicht einschlafen und bin dann um 5:30 Uhr aufgestanden. Vormittags war Sturmbahn und Exerzieren dran, ich habe jetzt noch Muskelkater. Durch den Urlaub bin ich raus aus dem Training. Übrigens noch vielen Dank für die doch schönen Urlaubstage, die ich mit Dir hatte. Ich freue mich schon auf den nächsten Urlaub am 9. 8., und Du?“

Wie bitte: „…für die DOCH schönen…?“ Wie sollte ich das denn verstehen? Ich denke, da kommt bestimmt noch ein Kommentar in meinem Antwortbrief!

„Hast Du schon Pappe für den Keller besorgt? Kommen alle zum Skat spielen? Du kannst ihnen ja sagen, dass sie alle Getränke mitbringen, würdest Du aber sowieso machen, nicht wahr? So Fratz, das war es für heute. Ich liebe Dich ganz, ganz, ganz doll! Dein Hannes.“

M

eine Antwort kam natürlich prompt.

„Natürlich waren unsere Urlaubstage DOCH schön, bis auf Dein Gemecker! Na, beim nächsten Mal, lasse ich es gar nicht dazu kommen. Da musst Du ran! Da will ich unser Kind machen! Kannst Dich schon darauf einstellen!“

Autsch, Hannes konnte per Brief nicht mehr antworten, da ich noch am 6. 8. weiter schrieb:

„Das mit dem Mitbringen, hätte ich nicht gesagt. Da schätzt Du mich wohl mal wieder falsch ein. Kjelt und Jimmi können nur Freitagabend zum Skat kommen. Also trink nicht so viel auf der Herfahrt, sonnst musst Du ins Bett und ich spiele mit den beiden alleine. So mein Fratz, ich muss mal wieder in die Spur! Lass die zwei, drei Tage nicht sauer werden! Ich freue mich auch schon auf Freitag! Noch

3 Tage, heute zähle ich nicht mehr mit.“

Ich überlege gerade, warum ich das mit dem Trinken auf der Herfahrt geschrieben habe. Keine Ahnung mehr. Wenn, dann kann ich nur vermuten, dass Hannes beim ersten Besuch nicht ganz nüchtern ankam. Aber das vermute ich tatsächlich nur.

Auf meinen Brief konnte Hannes nicht mehr per Post antworten, aber ich habe mich natürlich gefreut, dass ich diesmal noch vor dem Urlaub, Post bekommen habe:

„


Mein lieber Fratz! Ich schreibe hier heute früh

um 6:30 Uhr und es ist Mittwoch. Also nur noch zwei Tage bis zum Urlaub. Ich stehe aber keine Wache, sondern liege im Med.-Punkt. Ja, ich bin hier eingeliefert worden wegen Magenschmerzen. Hoffentlich komme ich spätestens Donnerstagabend raus, sonst fällt mein Urlaub nämlich aus.“

Beim Lesen dieser Zeilen bekam ich natürlich einen Riesenschreck und dachte nur:

„Oh nein, schnell weiter lesen!“

„Ich glaube, ich werde es schon schaffen. Bei der heutigen Visite werde ich erstmal berichten, wie gut es mir geht. Gestern kamen gleich zwei Karten, eine von Mutti aus Wolgast und eine aus Budapest von Deinen Schwiegereltern. Sie tingeln durch Ungarn. So nun ist auch die Visite vorbei und ich sitze jetzt wieder in der Batterie. Man hat mich also entlassen. Es war auch so gut wie nichts. Fratz, ich liebe Dich ganz doll und hoffentlich ist bald Freitag. Wir werden wohl schon um 15:00 Uhr entlassen. Du kannst also früher mit mir rechnen.“

Puh, da hatte ich aber Glück, da an diesem Wochenende, die Chance schwanger zu werden, hoch war. Außerdem fand ich, da wir jetzt eine Wohnung hatten und ich immerhin schon 25 Jahre alt, dass es dafür ein guter Zeitpunkt war. Ich musste mir auch keine geldlichen Sorgen machen. Selbst wenn Hannes bei der Armee war. In der DDR wurde für werdende und junge Mütter gesorgt. Der Mutterschutz vor der Geburt war gesichert und nach der Geburt konnte die junge Mutter ein bezahltes Babyjahr zu hause bleiben, wenn sie das wollte.

Für die Erstausstattung gab der Staat 1000,00 Mark dazu, außerdem wurden jungen Eheleuten beim ersten Kind 1000,00 Mark vom Ehekredit erlassen. Als werdende junge Mutter musste ich mir auch keine Sorgen um meine Arbeit machen. Es war gesichert, dass man nach dem Babyjahr einen Krippenplatz bekam und wieder an die alte Arbeit zurückkehren konnte, wenn Frau das wollte.

Meinem nächsten Brief und auch dem Brief von Hannes nach seinem Urlaub, entnehme ich, dass dieser besser gewesen sein muss, was unsere Beziehung anging, als der Sonderurlaub davor. So lese ich in meinem Brief vom 17. 8., also am Tag nach den Urlaubstagen mit Hannes:

„


Fratz! Der Urlaub war ganz toll, phantastisch!

Er war sehr schön. Es ist uns bei weitem besser gelungen, als der SU, oder?“

War das so? Ich weiß es nicht mehr so genau. Vielleicht war der Sonderurlaub auch ein wenig komisch, weil es für uns beide ja ungewohnt war, uns so selten zu sehen und wir einfach noch nicht richtig verstanden haben, wie wir uns die wenig verbliebene Zeit verhalten sollten. Alles war ja neu für uns. Ich bin mir sicher, dass wir uns beide für den nächsten Urlaub fest vorgenommen haben, das geht besser. Und das ist uns auch gelungen, wie ich unseren Briefen ja entnehmen kann. Wir lernten mit der Situation besser umzugehen und genossen unsere Zweisamkeit besonders.

Aber auch Treffen mit seinen Freunden zum Skat spielen oder mit Olaf, Ella und meiner Mutter sorgten wohl zusätzlich für gute Stimmung.

Da Hannes erst am Morgen des 16. 8. um 6:00 Uhr in der Kaserne in Rostock sein musste, fuhr er mit einem Kumpel im Auto mit, der auch nach Rostock musste. Das brachte uns noch einen ganzen Abend zu zweit, da er nicht mit dem Zug spätabends los musste. Wir verabschiedeten uns gegen 4:00Uhr. Aber ich musste an dem Tag sowieso arbeiten. Und so schrieb ich weiter:

„Ich habe den gestrigen Tag gut überstanden, war in der Küche. Dann bin ich gleich zur Sparkasse gefahren und habe die letzten 180,00 Mark an die AWG überwiesen. So sind wir das auch los und Du musst keine 60 Stunden mehr leisten, wenn Du von der Armee kommst. Abends kamen Konni und Elke mit Nähaufträgen.“

Am Samstagmorgen meldete ich mich wieder:

„Guten Morgen mein lieber Hannes! Wie schläft es sich denn so alleine? Warst Du schon beim Arzt wegen dem Bändchenriss? Ich habe gestern noch das Jugendlexikon studiert, das Kapitel ,Sex bis 30´. Habe aber nichts gefunden. Jedenfalls musst Du damit zum Urologen.

Fratz, ich liebe Dich, wann kommst Du denn wieder? Was ist mit dem nächsten Sonntag, bekommst Du da Ausgang? Schreibe mir bitte ganz schnell! Ich möchte Dich so gerne wieder sehen! Heute gehen Konni und ich wieder an die Kasse 1. Das funktioniert mit uns prima und Trinkgeld gibt es dann auch wieder. Irgendetwas müssen wir ja davon haben, dass wir am Wochenende arbeiten. Ich stecke diesen Brief noch schnell ein, vielleicht hast Du ihn ja Montag schon.“

17. Kapitel

I

n meinem Brief von Sonntag und Montagmorgen

„Es war ein herrlicher Urlaub! Schade, dass er so schnell zu Ende war! Ich liebe Dich so! Jetzt muss ich aber in die Heia. Gute Nacht und träume was Schönes von mir!“

Dann am nächsten Morgen vor der Arbeit noch schnell ein paar Zeilen:

„Ich hoffe, Du hast gut geschlafen und schön geträumt! Ich schlafe jetzt wieder kurz und tief meinen ,Hannes-ist-nicht-da-Schlaf´. Die Gardinen sind noch dran, wer hätte das gedacht. Ich bin um 5:00 Uhr aufgestanden, das ist ein bisschen knapp. Morgen stehe ich 4:45 Uhr auf, damit ich genügend Zeit habe, Dir einen Morgengruß zu senden.“

Wahnsinn, denke ich heute. Da bin ich doch tatsächlich früher aufgestanden, um Hannes noch morgens zu schreiben!

Aber ich hatte ja schon erwähnt, was mir das bedeutete. Aber als ich am Montagabend nach hause kam, konnte ich mich über einen Brief von meinem Soldaten freuen. Obwohl er ihn am Samstagabend geschrieben haben muss, war der Brief schon Montagabend bei mir. Da war die Post ja mal schnell, was mich heute noch wundert.

Es

war Hannes´ 20. Brief, seit er bei der Armee diente.

„Mein lieber Fratz! Jetzt ist es also soweit, dass ich Dir einigermaßen in Ruhe schreiben kann. Der erste Aufzug ist weg, es ist 19:30 Uhr. Ich bin der dritte Aufzug. Ach ja, ich habe ja noch gar nicht geschrieben, ich stehe mal wieder Wache. Von Dienstag zu Mittwoch ebenfalls, aber draußen im Wald. So und nun sei nicht sauer, vom Samstag zu Sonntag auch. Es ist also so gekommen, wie ich es bereits sagte, wir schieben eine Wache nach der anderen, also nichts mit Ausgang am Sonntag. Donnerstag und Freitag haben wir Polit, da werde ich wieder mit meinen Augen zu kämpfen haben. Ja, so schlägt man hier die Zeit tot.

Als wir am Freitagmorgen hier ankamen, wurden natürlich gleich die Reisetaschen durchsucht. Zweimal sogar, einmal am KDL und dann noch mal vom Spieß. Um 5:30 Uhr war ich dann im Objekt. Und rate mal wo wir Freitagvormittag waren? Natürlich im NAG, dort wurden wir herrlich geschliffen. Die Hälfte war noch total besoffen und hat die Capo´s wie verrückt belegt. Da war eine Stimmung! Na und ich hatte wieder Verdauungsprobleme. Einmal wäre es fast in die Hosen gegangen, habe es aber noch in´s nasse Gras geschafft. Du kannst Dir sicher vorstellen, wie die Unterwäsche aussieht. Nachmittags hatten wir noch Rotlicht. Dann war ich noch im MHO, es gab ja noch Geld (160,00 Mark). Habe gleich 30,00 ausgegeben für Pfirsiche und eine Melone und ich habe endlich einen schwarzen Beutel bekommen. Freitag und heute habe ich noch kein Mittag gegessen, der Unterschied war mir zu hart. Freitag gab es Grützwurst und heute Weißkohleintopf, igitt, igitt! Mal sehen, was es morgen gibt, vielleicht ,Sonntagsbraten´? Achso, Freitagabend war zum Glück schon 19:30 Uhr Stubendurchgang, da habe ich schon um 20:00 Uhr geschlafen. Mir wurde berichtet, dass ich in der ersten Stunde geschnarcht haben soll?

Was hast Du denn noch in den 1,5 Stunden, bis Du los musstest gemacht? Fratz, versuchst Du dann angesichts meiner Wache zu tauschen, so dass Du dann am Sonntag drauf kommen kannst?“

Also in diesem Brief noch nichts über unseren Urlaub? Hm, dann bestimmt im nächsten.

Wozu brauchte Hannes unbedingt einen schwarzen Beutel, überlege ich gerade.

Das werde ich ja vielleicht noch erfahren. Ich ahne es, bin mir aber nicht sicher. Ich glaube er brauchte einen undurchsichtigen festen Leinenbeutel, um Schnaps in die Kaserne zu schmuggeln.

N

atürlich antwortete ich sofort nach Erhalt seines Briefes

„Mein liebster Fratz! Habe soeben mit Freuden Deinen Brief erhalten. Hast Du denn meinen auch heute bekommen?

Schade, dass Du Wache hast! Aber weißt Du auch genau, dass Du am Folgewochenende,, also am 31. 8., 1. 9., keine hast? Übrigens wollten wir am 30. 8. in Urlaub fahren. Ich kann versuchen zu tauschen oder Sonntag frei zu nehmen. Aber so wäre es günstiger, da ich dieses Wochenende meine Regel bekomme.

Ich war heute bei der Frau Doktor Dickehut, habe gefragt, wegen Kinderkriegen. Sie meinte, die Untersuchungen müssten parallel laufen. Bei 40% aller Kinderlosen läge es an den Männern. Das kannst Du da bei euch nicht machen. Aber meine Zwischenblutungen seien normal. Das nächste Mal gehe ich zu einem Frauenarzt in der Stadt.

Heute konnten wir im ,Struck´ ablachen. Um 11:10 Uhr waren an allen Kochstraßen die Messer und Gabeln alle! Nicht mal so was haben wir mehr. Da kannst Du Dir ja vorstellen, was los war. Kasselerbraten möchte ich auch nicht mit dem Löffel essen. Aber am schlimmsten waren die Leute aus den Büros. Die könnten sich doch wirklich ihr eigenes Besteck mitbringen! Unsere Chefs sind aufgeregt hin und her gerannt. Aber davon bekamen wir auch kein Besteck. Leuna II kostet uns schon eine Menge Besteck und Geschirr.

Wenn Du nur die erste Stunde geschnarcht hast, geht das doch noch, Fratz. Dass Dir das Essen nicht gleich passt, kann ich mir vorstellen. Habe Dich eben zu sehr verwöhnt. Wovon hattest Du denn Durchfall? Gehe bitte zum Arzt! Soll ich am 25. gar nicht kommen? Vielleicht bekommst Du ja nach der Wache Ausgang, dann gehen wir gemütlich Essen. Da könnte ich sogar noch vorher arbeiten und dann zu Dir kommen.

Hast Du schon an Deine Eltern geschrieben? Sicher nicht.“

Am nächsten Morgen berichtete ich wieder von chaotischen Träumen. Auch, dass ich keine Melonen und Pfirsiche, aber Birnen bekommen habe, die ich leider nicht einwecken konnte. Das Wetter war im August 1985 auch nicht sommerlich, wie ich meinen Briefen immer wieder mal entnehme. Aber ich war nicht traurig darüber, da Hannes ja bei der Armee war und wir ohnehin kaum Zeit hatten, an den Strand zu gehen.

Meinen 50. Brief an Hannes begann ich am Abend des 20. 8.

„Mein geliebter Fratz!

Habe gerade einen japanischen Zeichentrickfilm gesehen. Es war ein Märchenfilm, ging aber traurig aus. Vorher habe ich mit einem Rock für mich begonnen. Es scheint, dass es einer wird. Mir ist so, als ob Du dieses Wochenende wieder kommst. Aber dann muss ich mir sagen, dass das nicht sobald sein wird. Könntest Du wenigstens einmal im Monat kommen! Aber leider geht das ja bei Euch nicht. Karin hat uns heute gefragt, ob wir einen Lehrgang mitmachen wollen zum Blindtippen (Kassierernachweis). Natürlich habe ich zugesagt. Mein Blick geht ja in die Zukunft! Schreib mir bitte Hannes! Hast Du Deinen Eltern geschrieben oder angerufen? Warst Du beim Arzt?“

Am nächsten Morgen schrieb ich noch, dass gerade das Hausbuch bei uns ist und Hannes sich dann beim nächsten Urlaub eintragen sollte, da dort auch die Personalausweisnummer stehen musste. Auch dass ich versuchte, am 1. 9. Haushaltstag zu nehmen, weil das Tauschen kompliziert war.

Den nächsten Brief begann ich aufgeregt darüber, dass ich ca. 130,00 Mark zu wenig Gehalt bekommen habe:

„Im Frei gehe ich zum Lohnbüro in Greifswald und lasse mir meinen Lohnstreifen aufschlüsseln. Ich verstehe das nicht. Wenn ich das alles überschlage habe ich 380,00 Mark zum Leben und Sparen. Und dafür arbeitet man nun jedes zweite Wochenende! Ich hatte schon wieder die Stimmung zum Kündigen! Aber ich schenke denen nicht meine anteilige Jahresendprämie. So lange muss ich durchhalten, wenn es auch schwer fällt. Ein Glück das unsere Wohnung soweit fertig ist. Da habe ich wenigstens nicht den Gnatsch in der Wohnunterkunft. Ach Fratz, Du fehlst mir so!“

Am späten Abend dann noch eine für mich freudige Nachricht:

„Der Rock ist fertig! Und er passt! Außerdem gefällt er mir sogar. Soeben ist das erste Kleidungsstück, dass ich auch auf der Straße anziehen werde und mit Maschine genäht habe, fertig geworden!“

Daran erinnere ich mich, ich war sehr stolz. Ich habe zwar schon seit ich 14 Jahre war Sachen für mich genäht, aber immer mit der Hand.

Am Morgen des 22. 8. berichtete ich wieder von wirren Träumen und erkundigte mich bei Hannes, ob es ihm besser ginge, sein Durchfall weg war. Ich erzählte, dass meine Freundin Konni, sich auf das Wochenende freute, weil Ihr Mann auf Urlaub kam. Dass ich kaum einkaufen müsse, wenn ich arbeitete und vielleicht Marianne mit ihrem Freund zum Skatspielen am Freitag kommen. Und natürlich schrieb ich in jedem Brief, wie sehr ich Hannes liebte und vermisste, wie sehr ich auf Post von ihm wartete. Am Abend des 22. 8., es ist ein Donnerstag, entschloss ich mich, folgendes zu schreiben:

„Schade, dass ich heute wieder keine Post von Dir hatte. Ich weiß nun wirklich nicht, was ich Sonntag machen soll. Wenn Du mir nichts anderes schreibst, komme ich wohl nicht. Ich hoffe, dass Du das verstehst.“

Als ich am 23. 8. von der Arbeit kam, war endlich Post von Hannes im Briefkasten!

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
446 str. 127 ilustracji
ISBN:
9783750233195
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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