Czytaj książkę: «Jakob Zollinger»

Jakob Zollinger Vom Flarzbueb zum Ehrendoktor
Der Verlag Hier und Jetzt wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.
Mit weiteren Beiträgen haben das Buchprojekt unterstützt:
Elisabeth Zollinger-Anliker, Ottikon
Emil und Carolina Zollinger, San Francisco
Gemeinnützige Stiftung Basler & Hofmann, Zürich
Gemeinde Gossau
Zürioberland Kultur
Verein der Freunde der Paul-Kläui-Bibliothek, Uster
Stadt Uster
Gemeinde Grüningen
Raiffeisenbank Zürcher Oberland
Heimatschutzgesellschaft Grüningen
Antiquarische Gesellschaft Wetzikon
Nachtheuel-, Dorf- und Frauenverein Herschmettlen
weitere private Spenderinnen und Spender
Dieses Buch ist nach den aktuellen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckigen Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.
Umschlagbild: Fotomontage von Jakob Zollinger, Nachlass Zollinger
Lektorat: Stephanie Mohler, Hier und Jetzt
Gestaltung und Satz: Simone Farner, Naima Schalcher, Zürich
Bildbearbeitung: Benjamin Roffler, Hier und Jetzt
Druck und Bindung: Kösel GmbH, Altusried-Krugzell
ISBN Druckausgabe 978-3-03919-467-4
ISBN E-Book 978-3-03919-942-6
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
© 2019 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden, Schweiz www.hierundjetzt.ch
Inhalt
Vorwort
Leben
Später Lohn für lebenslanges Forschen
Zollikon, Oberottikon, Herschmettlen
Aus dem Exil zurück nach Herschmettlen
Kobi verschafft sich Respekt
Schülerlust
Schülerfrust
Ein junger Lehrer auf Wanderschaft
Die Herschmettler Nachtheuel
Zurück zu den Wurzeln
Das Heimatdorf unter dem Mikroskop
«… die alten Häuser noch …»
Der streitbare Bürger
An der Grenze des Machbaren
Rückzug in die inspirierende Natur
Bachab in die Mühle
Schlusswort
Werk
Der umfangreiche Nachlass von Jakob Zollinger Walter Bersorger
Einblicke ins Werk
Anhang
Publikationsverzeichnis Jakob Zollinger
Familienchronik
Literatur
Bildnachweis
Dank
Autor
Vorwort
Es war an meinem 60. Geburtstag. Eine bunte Gesellschaft von Angehörigen und Freunden traf sich an einem strahlenden, kalten Januartag in einem Hotelsaal im obersten Toggenburg zu einem reichhaltigen Frühstück. Unsere beiden Söhne nahmen ihren Papa dort ganz ordentlich auf die Schippe und zerrten Müsterchen mehr oder weniger gelungener Erziehungsbemühungen ans Licht der Halböffentlichkeit. Ganz unvermittelt fiel dabei der Satz: «Was unser Vater genau denkt und glaubt, ist uns nie so richtig klar geworden, aber eines ist sicher: Er glaubt an Kobi Zollinger.»
Ich sass betreten da und konnte das eben Gehörte kaum fassen. Was hatte die beiden jungen Männer zu diesem Satz bewogen? Sie kannten Jakob Zollinger, meinen hochgeschätzten Mittelstufenlehrer, späteren Vereins- und Bergkameraden, kaum. Sie hatten ihn vielleicht ein-, zweimal gesehen. Ich forschte nicht weiter nach dem Ursprung dieser Aussage, aber sie wirkte in mir in den folgenden Monaten nach. Ich begann, über meine Beziehung zu Jakob Zollinger nachzudenken. Dabei wurde mir manches bewusst, was uns verband. Irgendwann kam mir die Idee, das Leben dieses so eigenwilligen Mannes in einer Biografie nachzuzeichnen, und ich hoffte, eine solche Aufgabe könnte meinen bevorstehenden Pensionierungsschock abdämpfen. Das Einverständnis von Witwe Elisabeth Zollinger-Anliker und ihren drei Kindern zu meinem Vorhaben kam prompt.
Nachdem ich den Schritt in die grosse Altersfreiheit getan hatte, begann ich mit der Recherche. Zuerst galt es, das Gespräch mit den noch lebenden Weggefährten zu suchen. Angefangen bei den Brüdern Emil und Fritz Zollinger führte ich rund sechs Dutzend Interviews. Danach las ich ein paar Tausend Seiten Tagebucheinträge durch. Weil in der Zwischenzeit der Historiker Walter Bersorger den Jakob-Zollinger-Nachlass im Dürstelerhaus Ottikon im Auftrag der Gemeinde Gossau geordnet hatte, fand ich mich in dem überreichen Material überhaupt zurecht. Ich richtete mir einen Arbeitsplatz inmitten der Akten ein und schrieb das vorliegende Buch in der Jakob-Zollinger-Stube des altehrwürdigen Hauses.
Es geht mir nicht darum, die Forschertätigkeit Jakob Zollingers zu würdigen und zu beurteilen. Dafür fehlt es mir an fachlicher Kompetenz. Diese Aufgabe übernimmt hier der Fachmann Walter Bersorger. Wenn sich künftig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Zollingers Werken, Materialien und Arbeitsweisen auseinandersetzen wollen, steht ihnen dafür eine gewaltige Menge eindrücklichen Materials zur Verfügung.
Jakob Zollinger hat für seine Heimat – vor allem, aber nicht nur für das Zürcher Oberland – Grossartiges geleistet. Er hat das Verständnis der Oberländerinnen und Oberländer für ihre Herkunft sowie ihr Selbstbewusstsein gestärkt, indem er die Geologie dieser Region, ihre Natur, die Entwicklung der Kultur- und Siedlungslandschaft und die Lebensweise ihrer Bewohnerinnen und Bewohner in seiner eigenwilligen Art gründlich erforscht und packend dargestellt hat.
Ich möchte hier den Werdegang Jakob Zollingers nachzeichnen und herauszuarbeiten versuchen, was ihn zu seiner so vielfältigen Tätigkeit angetrieben hat. Einzelne Beispiele sollen zeigen, wie er geforscht und wie präzise er seine Erkenntnisse jeweils dargestellt hat. Bei meinen Nachforschungen habe ich manche Überraschung erlebt: Der äusserlich so ruhig und geerdet wirkende Mann wurde von grossen Selbstzweifeln geplagt und focht grosse innere Kämpfe aus. Er war als Lehrer nicht so unumstritten, wie ich das geglaubt hatte, und ist mit seiner Hartnäckigkeit beim Bewahren von Dingen und Zuständen, die er als wertvoll erachtete, weit mehr angeeckt, als ich es zunächst wahrhaben wollte.
Hätte Jakob Zollinger Freude am Erscheinen seiner Biografie? Sicher würde er sie in wohl anerzogener Bescheidenheit vordergründig als unnötig taxieren – und sich dann gleichwohl geehrt fühlen und sich ein bisschen freuen. Vielleicht so wie 2003, als die Universität Zürich dem einstigen Flarzbueb den Ehrendoktortitel verlieh.
Nachdem ich mich nun durch viel Material gearbeitet, mit Dutzenden von Menschen Gespräche geführt und den Kosmos meines ehemaligen Lehrers und Freundes weiter ergründet habe, muss ich meinen beiden Söhnen recht geben. Die Faszination für die Persönlichkeit Kobi Zollinger war immer da, und sie ist durch die spannende und bereichernde Arbeit an diesem Buch nicht kleiner geworden.
Heinz Girschweiler
Leben
Später Lohn für lebenslanges Forschen
Nein, das ist nicht der Ort, den er für eine Feierlichkeit zu seinen Ehren ausgewählt hätte. Dieser Bau aus Glas und Beton ist ihm fremd. Der ganze weitläufig auf den Milchbuck gepflanzte Campus der Universität Irchel ist es. Auch wenn grosse Blumenbouquets das Rednerpult und die Orchesterbühne im grossen Hörsaal schmücken, richtig wohlfühlen kann Jakob Zollinger sich hier nicht. Er ist inmitten der Honoratioren der Philosophischen Fakultät in den vollen Saal einmarschiert, streng gemäss dem Protokoll der Universität Zürich – es ist ihr 170. Dies academicus. Er sitzt jetzt in der ersten Reihe seitlich des Rednerpults neben dem Dekan und den weiteren Personen, die von der Philosophischen Fakultät geehrt werden.
«Auf in den Kampf», hat er am Morgen zu Hause in der Chindismüli in Ottikon-Gossau scherzhaft zu seiner Frau Elisabeth – seinem Bethli – gesagt. Sie sitzt auf einem reservierten Platz etwas weiter hinten, die beiden Töchter Eva und Lisa, der Sohn Röbi und weitere Familienangehörige und Freunde irgendwo in den steil aufsteigenden Reihen des Auditorium maximum. Elisabeth hat sich für den besonderen Tag ein neues, dunkelrotes Kleid gekauft. Jetzt stellt die Bauerntochter aus Schlatt am Schauenberg erschrocken fest, dass die geladenen Damen an diesem Ehrentag der Universität Zürich eigentlich nur Schwarz tragen, und sie fühlt sich ein bisschen deplatziert. Das Akademische Orchester spielt einen Satz aus einer Schumann-Sinfonie. Professor Udo Fries hält eine Vorlesung zur Corpuslinguistik als Werkzeug zur Beschreibung von Sprachvarianten. Sprache, das ist ein Medium, das Jakob Zollinger ein Leben lang geliebt, gepflegt und genutzt hat: Neben wissenschaftlichen Aufsätzen und Büchern hat er Abertausende von Tagebuchseiten und Zeitungsartikeln damit gestaltet, immer um eine präzise und anschauliche Ausdrucksweise bemüht.
Jetzt hält Rektor Hans Weder das Mikrofon in der Hand. Er hebt zu einer zehnminütigen Eloge auf Ernst Buschor an, den abtretenden Bildungsdirektor des Kantons Zürich. Jakob Zollinger spürt ein Würgen im Hals. Das ist schwere Kost am Tag, an dem er in wenigen Minuten den Ehrendoktortitel der Universität Zürich erhalten wird: Ausgerechnet Ernst Buschor, der Künder von moderner Schule und New Public Management, der ihm die letzten Jahre in seinem Lehrerberuf so vergällt hat, wird da geehrt. Von Autonomie, Flexibilität, flacher Hierarchie spricht der Rektor, von einer etablierten neuen Diskussionskultur. «Er [Buschor] hat uns auf die Finger und zu uns geschaut», sagt Weder. Den ersten Teil des Satzes würde Ex-Primarlehrer Zollinger unterschreiben, den zweiten eher nicht. Eigentlich hat Jakob Zollinger den Erziehungsdirektor Buschor nicht mehr als aktiver Lehrer erlebt. Zollinger quittierte den Schuldienst 1993, Ernst Buschor wurde erst 1995 Erziehungsdirektor. Aber der Professor aus der St. Galler Wirtschaftsschmiede hatte schon als Finanzdirektor seine politische Wirkung entfaltet. Doch dann ist es überstanden: Ernst Buschor ist jetzt ständiger Ehrengast der Universität Zürich, Jakob Zollinger dagegen nur Gast an diesem einen Tag. Ihre Wege werden sich also wohl kaum so bald wieder kreuzen.
Acht neue Ehrendoktoren ernennen die verschiedenen Fakultäten an diesem Samstagmorgen Ende April 2003. Jakob Zollinger kommt als Letzter an die Reihe, nach der Galeristin und Kunstsammlerin Angela Rosengart aus Luzern und dem Musikforscher Ludwig Finscher aus Wolfenbüttel. Ernst und ruhig hört er sich die ehrenden Worte von Dekan Franz Zelger an:
«Die Philosophische Fakultät der Universität Zürich verleiht eine Ehrenpromotion an Herrn Jakob Zollinger. Herr Zollinger, Primarlehrer im Ruhestand, hat als Erforscher und Vermittler der Regionalkultur des Zürcher Oberlandes nicht nur in der Öffentlichkeit allgemein, sondern auch wissenschaftlich vielseitige Anerkennung und hohe Wertschätzung gefunden. Einen Schwerpunkt seiner bis heute weitergeführten Forschungstätigkeit bildet das Bauernhaus. Der kürzlich erschienene Band Die Bauernhäuser des Kantons Zürich: Das Zürcher Oberland wäre ohne seine jahrzehntelange Erhebungsund Deutungsarbeit nicht möglich gewesen. Verschiedene historisch bedeutsame Bauten im Zürcher Oberland sind auf Jakob Zollingers Initiative hin vor dem Abbruch bewahrt worden. Einen zweiten Bereich in Herrn Zollingers Wirken bilden seine Untersuchungen der Hochmoore im Zürcher Oberland, vor allem im Hinblick auf die Geschichte ihrer Nutzung und ihrer Integration in den Siedlungsund Wirtschaftsraum. Das Buch Zürcher Oberländer Urlandschaft – eine Natur- und Kulturgeschichte enthält auch bemerkenswerte Beiträge zur Erforschung der Orts- und Flurnamen. Die Verbindung verschiedener akademischer Disziplinen ergibt sich für Jakob Zollinger aus der Wahl seiner regionalen Themen. So öffnet sein Buch über Leben und Werk von Jakob Stutz auch den Zugang zur Erzählforschung. Herrn Zollingers Arbeiten sind wesentlich mitgeprägt durch seine gestalterischen Fähigkeiten. Hunderte von Zeichnungen ergänzen in minutiöser Darstellungstechnik seine Dokumentationen, und viele davon illustrieren seine Bücher und Zeitungsartikel in genauer Abstimmung von Bild und Text. Jakob Zollingers Wirken als Lehrer und Forscher kann schliesslich sowohl als fruchtbare Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft als auch als exemplarischer Beitrag zum Dialog zwischen Universität und Region gewürdigt werden.»
Zwei Ehrendoktorinnen und sechs Ehrendoktoren ernennt die Universität Zürich 2003. Rektor Hans Weder steht in der Mitte, Jakob Zollinger in der ersten Reihe ganz rechts.
Erst beim Händedruck lächelt er und geniesst den tosenden Applaus des Publikums. Dann geht Jakob Zollinger – die grosse Rolle mit der Urkunde unter dem Arm – an seinen Platz zurück. Dvořáks «Slawischer Tanz», interpretiert vom Pianisten Oliver Schnyder, beendet den formellen Teil des Anlasses. Jetzt wechselt die Gesellschaft in den grossen Lichthof zum Bankett für gut 500 Gäste. Die frisch dekorierten Ehrendoktoren haben sich schon vor dem Festakt im Irchelpark mit Rektor Weder für die Presse ablichten lassen. Beim Bankett folgt auf marinierte Antipasti mit Spargelspitzen, grünem Olivenöl und Rosenessig ein Schweinskarreebraten mit Bärlauchfüllung, neuen Kartoffeln und Frühlingsgemüse. Pannacotta mit Löwenzahnhonig und Erdbeeren beschliesst das Festessen. Wäre es nach dem Ehrendoktor aus dem Zürcher Oberland gegangen, hätte ein Schüblig mit Kartoffelsalat vollauf genügt. Den Räuschling und den Klevner vom Stäfner Lattenberg aber geniesst er uneingeschränkt.
Die Aufregung in der Ottiker Chindismüli war gross, als man bei der Rückkehr aus den Skiferien am Heinzenberg Anfang März in der Post den kurzen Brief des Rektorats entdeckte. Ehrendoktor der Universität Zürich sollte Jakob Zollinger werden, er möge sich den Samstag, 26.April, dafür freihalten. Rasch war ein Kärtchen aus eigener Produktion mit einem Winteraquarell von der Höchhand hervorgeholt und das überraschende Geschenk aus Zürich verdankt:
«Sehr geehrter Herr Professor Weder,
eben heimgekehrt aus den Ferien, erreichte mich Ihre Post … Zuerst sprachlos, ungläubig, fast erschlagen. Nie hätte ich es gewagt, mir diese Ehrung nur zu erträumen, obschon ich aus dem Kreise meiner hiesigen Mitbürger immer wieder zu hören bekam: ‹Du chunsch emol de Tokter über für dini Aarbet …›
Niemals habe ich diese Ehre, wie sie meinen lieben Freunden Peter Ziegler, Heinrich Krebser und Heinrich Hedinger aus ähnlichen Gründen zukam, erwartet. Umso beglückter bin ich über Ihre Mitteilung, die meine Frau – bis der Brief vor mir lag – getreulich verschwiegen hatte. Zu viel der Ehre! Bin ich doch «nur» aus lauterer Freude und innerem Antrieb, seit meiner Jugendzeit, meinem Forschungsdrang auf historisch-volkskundlichem und naturwissenschaftlichem Gebiet gefolgt. Immer noch sprachlos, danke ich Ihnen für diese grosse Anerkennung, die mir neuen Antrieb für weitere Tätigkeiten gibt.
Ihr Jakob Zollinger»
Tochter Eva Zollinger weiss: «Der Dr. h. c. bedeutete unserem Vater viel. Spät bekam er jetzt auch noch Anerkennung von Fachgremien.» Und Sohn Röbi erinnert sich, dass der Ehrendoktor wochenlang das dominierende Thema in Ottikon war. Die Ehrung habe seinem Vater eine grosse Genugtuung verschafft. Zurückhaltender hat sich Fritz Zollinger zur Auszeichnung seines Bruder geäussert: «Der späte Ehrendoktor dürfte für ihn stille Genugtuung gewesen sein, mehr nicht. Da hat die Erziehung des Vaters nachgewirkt: Man verhält sich zurückhaltend und bescheiden.» Bestätigung findet die Sicht des Bruders in den Tagebüchern Jakob Zollingers. Er hat davon über Jahrzehnte zwei parallel geführt. In einem kleinformatigen Kalender notierte er das Tagesgeschehen. In den etwas grösseren Büchern schwelgte er in Text und Zeichnungen oder Aquarellen in Erinnerungen an die ihm so wichtigen Naturerlebnisse – Stimmungsbilder nannte er sie. In beiden Tagebüchern wird der Ehrendoktor mit nur je einem knappen Satz erwähnt.
Das Ehepaar Zollinger rätselt monatelang, wie es zu dieser Doktorwürde gekommen ist. Wer nur hat das eingefädelt? Denn von selbst geschieht so etwas nicht, sind sich die beiden einig. Bekannt ist, dass der Volkskundler Arno Niederer ein grosser Bewunderer von Zollingers Arbeiten gewesen ist. Ihm hat Heinz Lippuner, Wetziker Kantonsschullehrer aus dem Grüt und Privatdozent an der Universität, Ende der 1990er-Jahre erstmals die Idee eines Ehrendoktors Zollinger gesteckt. Doch dann verstirbt Niederer, und Lippuner verlässt altersbedingt die Universität. Er erzählt seinem Nachfolger in der Vereinigung der Privatdozenten, Ruedi Schwarzenbach, dem Rektor der Wetziker Kantonsschule, jedoch von dieser Idee. Die Privatdozenten schlagen am Ende die Promotion vor, und die zuständige Prüfungskommission kommt zu einem positiven Ergebnis. Jakob Zollinger hat diese Geschichte nicht mehr erfahren.
Aber ist er von der späten Ehrung tatsächlich so sehr überrascht worden, wie er in seinem Dankesbrief an Professor Weder schreibt? Da sind doch Zweifel angebracht. Einerseits verweist er auf wiederholte Anspielungen in seinem Bekanntenkreis. Das Thema muss also immer wieder einmal aufgegriffen worden sein. Und dann ist er in seinem kurzen Brief an Rektor Weder auch nicht um die Nennung von Ehrendoktor-Kollegen unter den Lokalhistorikern verlegen: Heinrich Hedinger aus dem Zürcher Unterland, Heinrich Krebser aus Wald und der Wädenswiler Peter Ziegler. In diese Reihe passt der Name Jakob Zollinger fraglos ausgezeichnet, das muss auch ihm klar gewesen sein.
Wie dem auch sei – es finden sich zahlreiche Personen, die diese späte Ehrung Jakob Zollingers für sein lebenslanges Forschen gutheissen. Für Ruedi Schwarzenbach ist Zollinger ein beispielhafter Forscher auf dem Land, der aus persönlichem Interesse und ohne akademischen Hintergrund wichtige Forschungsarbeiten betrieben hat. Heinz Lippuner sagt, für seine tiefschürfenden Forschungen habe Zollinger den Ehrendoktor mehr als verdient. Ein schönes Beispiel für das grosse Echo, das die Ernennung ausgelöst hat, ist der Gratulationsbrief, den ihm der Grütner Hausarzt Christoph Meili im Sommer 2003 geschrieben hat:
«Lieber Jakob
Die Würdigung Deines Lebenswerkes mit dem Ehrendoktortitel freut uns ausserordentlich. Deshalb vor allem, weil er die Anerkennung einer Leistung bedeutet, die nicht dem Ehrgeiz des Karrieredenkens entsprungen ist. Es ist ein beseeltes Werk, so auch eine Gnade, es schaffen zu müssen und zu können. Wir glauben deshalb in Deinem Sinne zu denken, wenn wir meinen, dass für Dich die grösste Genugtuung darin besteht, dass die «Gesellschaft» den kulturschaffenden und -erhaltenden Wert deiner Arbeit beachtet und damit Zeugnis ablegt von einem immanenten Verantwortungsgefühl.
Wir wünschen Dir noch für lange Zeit die Kraft, auf Deinem Weg weiterzugehen.
Mit herzlicher Gratulation und lieben Grüssen Ch. und Ch. Meili»
Jakob Zollinger bezeichnet in seiner Antwort das Glückwunschschreiben des Ehepaars Meili als die «treffendste und zugleich gehaltvollste und tiefsinnigste von all den vielen Gratulationen», die er habe entgegennehmen dürfen.
In einer Ecke des Estrichs ihres Müllerhauses in der Ottiker Chindismüli findet Elisabeth Zollinger-Anliker 15 Jahre nach dem Ehrentag an der Universität Zürich nach einigem Stöbern eine prall gefüllte Schuhschachtel voller Glückwunschschreiben zum Ehrendoktor. Gut 200 sind es, allesamt in zollingerschem Sammeleifer aufbewahrt. Viele von ihnen hat Jakob Zollinger schriftlich verdankt und beantwortet. Seminarkollegen, Jugendfreunde, Lehrerinnen und Lehrer, einzelne Schüler, Nachbarn und viele mehr drücken ihre Freude aus über den wohlverdienten Ehrentitel. Manche freut besonders, dass ein Nichtakademiker zum Zuge gekommen ist. Peter Surbeck, Ustermer Sekundarlehrer und Historiker, drückt es treffend aus: «Die Würde eines Dr. h. c. war meines Erachtens lange Zeit in dem Sinne zweifelhaft, als nur bereits gekrönten Häuptern eine weitere Krone aufgesetzt wurde. […] Dabei war dieser Ehrentitel in der Vergangenheit sicher für Nichtakademiker gedacht, die aus bescheidenen Anfängen heraus Grosses geschaffen haben. Und das ist bei dir der Fall!» In manchem Schreiben kommt der Stolz zum Ausdruck, dass ein Oberländer aus einfachen Verhältnissen berücksichtigt worden ist – und in der Ehrung des Kollegen, des Mitbürgers, des Vereinsmitglieds sonnt man sich auch gern ein wenig. Das betonen Glückwunschschreiben des Stadtrats von Uster, des Gemeinderats Gossau, der Antiquarischen Gesellschaft Wetzikon, der Sektion Bachtel des Schweizerischen Alpen-Clubs. Ja, selbst aus Kalifornien liegt ein Glückwunschschreiben vor. Der Swiss Athletic Club in San Francisco gratuliert – stellvertretend – Jakob Zollingers Bruder Emil, genannt Migg, zur Ehrendoktorwürde seines Bruders in der fernen Heimat. Auch ein ehemaliger Schüler Zollingers möchte sich vom Ruhm eine kleine Scheibe abschneiden. Auf seiner Gratulationskarte bemerkt er trocken, wenn ihn künftig jemand frage, wo in Herschmettlen er denn aufgewachsen sei, dann werde er nicht mehr sagen, im Flarz Zollinger/Girschweiler gegenüber der Weinschenke, sondern ganz einfach: «Im Tokterhuus.»
Worin aber liegt die besondere Leistung Jakob Zollingers als Forscher? Die Laudatio an der Universität Irchel deutet einiges an: Er hat ein Leben lang seine Umgebung in der historischen Dimension erforscht: Das Entstehen der Drumlinlandschaft fasziniert schon den Knaben in Herschmettlen, ebenso wach ist sein Interesse für die Pflanzen und Tiere seiner Umgebung. Sein besonderes Augenmerk gilt den alten Wirtschaftsweisen, den Flurnamen, den Bauernhäusern und dem Leben darin. Jahrelang hat er Häuser besichtigt, aufgenommen, gezeichnet, dokumentiert und katalogisiert, zum Teil nebenberuflich, drei Mal auch während halb- oder ganzjähriger Urlaubsphasen vom Lehrerberuf. Als es dann aber gilt, sein Buch über das Zürcher Oberland abzuschliessen, gewähren ihm die Schulbehörden keinen weiteren Urlaub mehr, und andere müssen das Werk vollenden, das er von langer Hand und mit reichem Material vorbereitet hat.
Ein ganz und gar ungewöhnliches Kleinod ist seine Herschmettler Chronik. Darin hat er zwischen 1949 und 1964 – also im Alter von 18 bis 33 Jahren – die Entwicklung seines Heimatdorfes zuoberst im Glatttal in 19 handgeschriebenen, kleinformatigen Heften dokumentiert. Sie sind mit vielen Skizzen, Tabellen und Zeichnungen illustriert – wahrscheinlich ist Herschmettlen die besterforschte Kleinsiedlung weit und breit. Die Chronik enthält Informationen zur Geologie und Bodennutzung, zu Einwohnern, zur Wasserversorgung, zum Schulwesen und zu Kirchlichem. Neben Anekdoten aus dem Dorf wird darin auch der Dorfbrand von 1870 und seine Folgen geschildert. Jakob Zollinger hat seine Herschmettler Chronik mannigfach ausgewertet. So bezieht eine ganze Anzahl seiner gesamthaft 75 umfangreichen Beiträge im Heimatspiegel, der historisch-kulturellen Monatsbeilage des Zürcher Oberländers, ihren Stoff aus der Chronik. Die Vielfalt der Themen lässt sich an einigen der Titel ablesen: «Mannhafte Wächter im Blumengarten der Töchter – die Geschichte des Nachtheuelvereins Herschmettlen», «Ein Haus erzählt – zum Grossbrand vom 20.Juli 1996», «Kein Platz für Tante Emma – zur Schliessung des Dorfladens in Herschmettlen», «Grenzstreit am Gerbel – Sonnen- und Schattenseiten eines Oberländer Hügels», «Eine Oberländer Kleinsennerei – als es noch Fuchsrütlerkäse gab».
Eine eigene Qualität erhalten Zollingers Publikationen durch seine Illustrationen. Mit Recht wird in der Laudatio der Universität ihr besonderer Charme hervorgehoben, den sie dadurch erhalten, dass der Autor auch ihr Illustrator ist und sie so eigentliche Gesamtkunstwerke darstellen. Ob mit dem Bleistift, mit Farbstiften, Tuschefeder, Ölkreide oder Wasserfarben – Zollingers zeichnerisches Talent ist offensichtlich, seine Gabe des genauen Hinsehens ebenso. Und dann sind da seine berühmten Fragen. Schon im Jünglingsalter hat er einen Fragebogen mit 65 Fragen entwickelt, den er dann mit Dutzenden vorwiegend älteren Frauen und Männern aus seiner Umgebung systematisch durchgeht. Später wechselt er zu Tonbandinterviews mit betagten Gewährsleuten. Der Volkskundler Richard Weiss hat sich schon beim ersten Kontakt erstaunt über die innovative Forschungsmethode Zollingers gezeigt. Er sei ein früher Repräsentant des Forschungsgrundsatzes «Grabe, wo du stehst» und der Oral History, der Geschichte, die aus mündlichen Erzählungen geschrieben wird. «Zollinger betrieb Feldforschung, als die Studierten an der Uni noch mehrheitlich in Büchern blätterten» stand in einem Zollinger-Porträt im Tages-Anzeiger.
Stoff und Themen gibt es also genug, um in den folgenden Kapiteln den Werdegang Jakob Zollingers nachzuzeichnen. Zumal da auch noch vom Kleinbauernbub aus einer religiösen Familie, vom erfolgreichen und vom leidenden Schüler, vom Lehrer, vom Erzähler, vom politischen Kämpfer ganz eigener Art, vom Ehemann, vom Vater und vom Lebemann, der er zeitweise auch war, zu berichten ist.
Zollikon, Oberottikon, Herschmettlen
Die Zollinger hiessen ursprünglich Zolliker und stammen aus Zollikon am Zürichsee. 1332 ist das Geschlecht in Grüningen und in den umliegenden Gemeinden, also auch in Gossau, erstmals nachgewiesen. Das hat der junge Jakob Zollinger Ende der 1940er-Jahre bei seinen Nachforschungen im Staatsarchiv und auf dem Notariat Grüningen herausgefunden. Die Familienchronik begründet er in seinen Jugendjahren und führt sie bis 1947. Dann übernimmt beim Umzug der Familie auf den neu erbauten Bauernhof im Grüt sein Vater Emil die Aufgabe, womit sie zu einer eigentlichen Hofchronik wird. Ab 1967 verfasst sein älterer Bruder Fritz weitere Einträge.
Der erste bekannte Vorfahre der Familie Zollinger ist Peter. Er wird 1535 in Oberottikon geboren. In dieser Zeit verbreitet sich Zwinglis Reformation im Zürcher Oberland. Die Kirchgemeinden führen deswegen erstmals zuverlässige Tauf-, Ehe- und Todesregister. Von diesem Zeitpunkt an lässt sich die Geschichte der Familie nachverfolgen. So ist im Gossauer Taufregister für den 4. April 1557 die Geburt des ersten Sohnes von Peter Zollinger vermerkt. Johannes ist sein Name, und als Taufzeugen sind Hans Isler aus dem Hanfgarten und Anna Dürsteler aus Adletshausen aufgeführt. Jörg Zollinger – ein weiterer Sohn von Peter Zollinger – wird 1592 als Schneider zu Ottikon bezeichnet. Der Chronist vermutet, dass Jörg nur im Nebenberuf als Schneider gewirkt hat, weil in jener Zeit die Bauernhöfe so klein sind, dass ein Zusatzeinkommen unabdingbar ist. Drei Generationen später heiratet Hans Jacob Zollinger im Jahr 1723 Anna Egli aus dem Nachbardorf Herschmettlen. Weil ihm sein Vater Ezechiel keinen Hof hinterlässt, zieht er mit seiner Einheirat nach Herschmettlen um. Von nun an bleibt die Familie Zollinger über mehr als 200 Jahre bis in die Mitte des 20.Jahrhunderts in der südlichsten Aussenwacht der Gemeinde Gossau sesshaft. Das Ehepaar Zollinger-Egli hat sieben Kinder, von denen aber drei das Kindesalter nicht überleben – die Kindersterblichkeit ist zu dieser Zeit hoch. 1732 wirkt Hans Jacob – genannt Jagli – in der Kirchgemeinde Gossau als «Ehegaumer». Als verlängerter Arm des Pfarrers ist er dabei eine Art Sittenpolizist. In der Gemeinde gibt es sechs solche Ehegaumer. Weil sie jeweils am Sonntag nach der Predigt in der Kirche beisammen stillstehen und aktuelle Fragen besprechen, heisst ihr Gremium Stillstand – es ist quasi der Gemeinderat. Diese Institution beleuchtet Jakob Zollinger in einer Abhandlung zur Gossauer Kirchengeschichte, die er 1982 in der Vierjahresschrift Gossau – Deine Heimat publiziert. In ihrem Amtseid müssen die Ehegaumer schwören, Hurerei und Ehebruch anzuzeigen. Ebenso haben sie Ehescheidungen zu verhindern sowie das Schwören, Gotteslästerung, Trunksucht, Spielen, Tanzen und andere Laster zu bekämpfen. Das ist alles andere als ein leichtes Pflichtenheft, das Amt ist denn auch nicht begehrt. Hans Jacob Zollinger absolviert eine Amtszeit von zwei Jahren. Die Bedeutung seiner Funktion unterstreicht die Tatsache, dass der Grüninger Landvogt die Ehegaumer vereidigt.
Hans Heinrich, der jüngste Sohn des Ehepaars Zollinger-Egli, heiratet 1761 die Baumerin Susanna Spörri und übernimmt den elterlichen Hof. Das Paar hat nicht weniger als elf Kinder, von denen aber ebenfalls sechs im Kindesalter sterben. Weil es üblich ist, dem nächstgeborenen Kind den Namen des zuletzt verstorbenen zu geben, haben Susanna und Hans Heinrich zwei Töchter namens Anna Cleopha und vier Knaben mit dem Namen Hans Jakob.
Zu Lebzeiten Hans Heinrichs beginnen die Eintragungen des Notariats Grüningen. So kann Jakob Zollinger nachverfolgen, welche Käufe und Verkäufe von Äckern, Wiesen und Waldparzellen getätigt werden. 1775 kauft Hans Heinrich gemäss Grundbuch einen Acker und drei weitere Grundstücke rund um Herschmettlen. Im Gegenzug verkauft er ein Wegrecht. Bei seinem frühen Tod im Jahr 1783 mit erst 45 Jahren hat er seinen Hof auf sieben Grundstücke vergrössert. Als 1797 die Mutter Susanna stirbt, leben nur noch vier Kinder: die Söhne Hans Jakob und Felix sowie die Töchter Maria und Susanna. Die Brüder zahlen die beiden ledigen Schwestern aus. Maria bekommt 35 Gulden, Susanna 40. Das Geld wird ihnen allerdings erst bei ihrer Heirat ausbezahlt, und das zinslos. Bis dahin haben sie ein Wohnrecht bei ihren Brüdern. «Womit sie dann des gänzlichen ausgericht heissen seijn und bleiben, und an ihre Brüder des väter- und mütterlichen Erbguts halber weiter nichts zu suchen noch anzustreben haben sollten», lautet der unmissverständliche behördliche Kommentar zu dieser Abfindung. Gleichzeitig teilen die Brüder den Hof auf. Sie bauen eine zweite Wohnung an die bestehende an und teilen diese mittig – eine damals übliche Methode, zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Diesem Phänomen, dem sogenannten Unterschlagen einer Wohnung, widmet sich der Bauernhausforscher Jakob Zollinger 150 Jahre später intensiv.
Im gleichen Jahr 1797 heiratet Felix Zollinger Anna Diener aus Binzikon-Grüningen. Das Paar hat acht Kinder, zwei weitere Knaben werden tot geboren und nur gerade zwei der Kinder überleben das Kindesalter. Im Totenregister der Kirchgemeinde ist damals als häufigste Todesursache «Gichter» – eine Krankheit, die sich in Krämpfen und Lähmungserscheinungen äussert – genannt. Die Säuglinge sterben in der Regel im Alter von einem bis fünf Monaten.
Für kurze Zeit bricht damals die europäische Geschichte in die kleine Welt zuoberst im Glatttal ein. Fremde Truppen besetzen die Schweiz während der Koalitionskriege. Im August 1799 bietet sich den Einheimischen ein besonderes Spektakel. Der russische General Alexander Korsakow zieht mit seinem Heer südlich des Herschmettler Haushügels Gerbel auf der alten Landstrasse Rapperswil–Zürich vorbei. Eine Woche später folgen die verbündeten Österreicher unter General Friedrich von Hotze. Er bezieht mit 5300 Mann im nahen Grüningen Quartier. Ganz Herschmettlen soll dem Durchzug der Truppen staunend zugeschaut haben. Einen Monat später geht es in die umgekehrte Richtung zurück: Die in der zweiten Schlacht von Zürich geschlagenen Russen ziehen plündernd ostwärts ab, verfolgt von den siegreichen Franzosen. Vor allem auf den Höfen in der Fuchsrüti richten sie grosse Schäden an.

Das Wappen der Familie Zollinger mit einem Auszug aus dem Stammbaum. Jakob Zollinger hat es als 19-Jähriger recherchiert und in seiner Familienchronik dargestellt. In der untersten Reihe finden sich Jakob und seine fünf Geschwister.
Doch zurück zu den privaten Angelegenheiten der Familie Zollinger. Die Brüderteilung führt auch zu einer Präzisierung des Familiennamens. Um die beiden Zollinger-Zweige auseinanderzuhalten, gibt man ihnen Beinamen. Seit Ezechiel haben seine Nachkommen den Beinamen «s’Zäche» getragen, jetzt kommt Felix hinzu. «S’Zäche Felixe» ist fortan der Beiname des Zweigs, dem Jakob Zollinger entstammt. Die Familie bleibt nicht untätig. Es gelingt Felix, durch zahlreiche Zukäufe sein Heimwesen in den folgenden Jahren markant zu vergrössern. Bei seinem Tod umfasst es nahezu acht Jucharten; vier Jahrzehnte zuvor waren es lediglich dreieinhalb Jucharten – eine Jucharte entspricht etwa dem dritten Teil einer Hektare. Der einzige Sohn von Felix, Hans Jakob, ist dann weit weniger rührig. Er ist auf dem Landhandel kaum aktiv und stirbt bereits 1858 mit 56 Jahren. Ob er selbst an der wenig ruhmreichen Züriputsch-Episode der Herschmettler beteiligt war, ist nicht belegt, es ist aber wahrscheinlich. Die konservativen Bauern auf der Landschaft zwingen damals die liberale Zürcher Regierung zum Rücktritt. Am 6. September 1839 zieht eine Schar Herschmettler, mit Stöcken und Knüppeln bewaffnet, gegen Zürich. Aber schon vor dem Wirtshaus Hirschen in Egg «muss der Durst grösser gewesen sein als ihr Patriotismus» heisst es in der Zollinger-Chronik. Die Männer bleiben im Wirtshaus hängen. «Als ihr Freiheitsdrang genug mit Flüssigem abgekühlt war, schenkten alle ihre Waffen der Wirtin als Brennholz» – so viel zu den Herschmettler Kriegshelden.
Die Ehefrau von Hans Jakob, Elisabeth Bünzli aus Bäretswil, stirbt bereits mit 45 Jahren. Von den fünf Kindern überleben drei, Sohn Heinrich (1830–1907) übernimmt das väterliche Erbe. In einem umfangreichen Auskaufsvertrag wird das Erbe detailliert aufgelistet. Die beiden Schwestern werden mit je 500 Franken für ihren Verzicht auf die Realteile entschädigt. Der vergleichsweise stattliche Hof bleibt also ungeteilt – eine gute Voraussetzung für die Zukunft der bescheidenen Existenz. Kommt hinzu, dass der junge Bauer in den Folgejahren Torfland und kurz darauf ein Stück Ackerland zukaufen kann.
Doch dieses gedeihliche Fortkommen hin zu einem bescheidenen Wohlstand findet in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1870 ein jähes Ende. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Herschmettlen haben sich an diesem Mittwochabend nach dem Schulexamen und dem anschliessenden Umtrunk in den beiden Dorfwirtschaften noch kaum schlafen gelegt, als um halb 12 Uhr nachts das Feuerhorn ertönt. Im Oberdorf steht eine kleine Scheune in Flammen. Ein Anwohner hat das Feuer gelegt, wie sich später herausstellt. Angefacht durch einen kräftigen Westwind breiten sich die Flammen in Windeseile aus. Zuerst fängt das angrenzende Dreifamilien-Flarzhaus Feuer, in dessen mittlerem Teil «s’Zäche Felixe» wohnen. Sie können bloss ihr Leben retten, sonst aber fast nichts. Auch die hinter dem Haus stehende, noch nicht versicherte Scheune geht in Flammen auf. Das Vieh kann bis auf zwei Schweine mit nachbarlicher Hilfe gerettet werden. Noch bevor die auswärtigen Feuerwehren eintreffen, brennen vier weitere Häuser, und das oberste im Dorf beginnt ebenfalls Feuer zu fangen. Es findet in den alten, hölzernen Häusern mit ihren Schindeldächern allzu leichte Nahrung, und zu allem Übel dreht plötzlich der Wind. Ein kräftiger Föhn bläst das Flammenmeer und die herumfliegenden Holzstücke in Richtung Mittel- und Unterdorf. Bis über den zwei Kilometer entfernten Rebberg am Bernet hinaus seien brennende Teile in Richtung Oberottikon geflogen, berichten Augenzeugen. Erst als die grossen Pumpenspritzen aus Hombrechtikon, Rüti, Hinwil und Wetzikon eintreffen, kann das Feuer wirksam bekämpft werden. Der Doppelflarz im Mitteldorf, in dem später Jakob Zollingers Familie wohnen wird, beginnt ebenfalls zu brennen, kann dann aber vor der gänzlichen Zerstörung bewahrt werden.
Am Morgen bietet sich in Herschmettlen ein schreckliches Bild: 13 Wohnungen und 9 Scheunen liegen in Schutt und Asche. 42 Menschen fehlt das Dach über dem Kopf. Im ganzen Oberdorf stehen nur noch drei Häuser. Die Habseligkeiten sind fast alle verloren. Die beiden Söhne Heinrich Zollingers, Jakob und Rudolf, haben trotz ihrer Wache nicht verhindern können, dass gerettete Gegenstände während der Wirren der Nacht verschwanden: vertauscht, verloren, gestohlen. In den folgenden Wochen sammelt der Gossauer Pfarrer Kägi in den Nachbargemeinden Hilfsgelder für die Geschädigten. Bis Ende Juni kommen 4221 Franken zusammen, die an die Opfer des Brands verteilt werden. Auch Kleider und Lebensmittel werden gespendet. Die Schilderung dieser Brandnacht und von deren Folgen hat Jakob Zollinger in einem Kapitel seiner Herschmettler Chronik festgehalten. Er hat dazu zeitgenössische Dokumente und Zeitungsartikel beigezogen. Vor allem aber hat er in jungen Jahren noch mit einem Augenzeugen sprechen können. Rudolf Rüegg (1859–1951) hat die Brandnacht als Elfjähriger miterlebt.
All die obdachlos gewordenen Bewohnerinnen und Bewohner von Herschmettlen beginnen nach dem verheerenden Brand, eine neue Existenz aufzubauen. Die Familie Zollinger bezieht für mehrere Monate die Wohnung des Schulhauses im Mitteldorf. Die Brandreste werden abgetragen, die Fundamente entfernt. Keines der zerstörten Häuser wird am alten Standort wiederaufgebaut. Nur fünf der geschädigten Familien bleiben im Dorf, darunter «s’Zäche Felixe». Trotz einer nur geringen Versicherungsleistung gelingt es dem mittlerweile vierzigjährigen Heinrich, ein neues Haus mit Scheune aufzubauen. Er kauft dafür zwei Grundstücke, die sein eigenes umgeben. Wegen der finanziellen Notlage muss beim neuen Haus an allen Ecken und Enden gespart werden. Es wird vom Dürntner Baumeister Johann Jakob Hess gebaut und kostet lediglich 5500 Franken. Trotzdem muss es Heinrich sogleich an den Baumeister verpfänden. Auch in den Folgejahren ist Heinrich gezwungen, Schulden zu machen. Einmal sind es 200 Franken, zweimal sogar 1100 Franken.
Trotz der prekären Lage ist das Ehepaar Zollinger im Dorf sehr beliebt. Besonders Heinrichs Gattin, Esther Baumann (1828–1906), wird als gütige, liebevolle und intelligente Frau hochgeachtet. Sie schenkt den Nachbarskindern Trauben und Äpfel, und wenn Metzgete ist, werden Bittsänger – sogenannte Chrumbbeisänger – niemals abgewiesen. In ihren alten Tagen sitzt die rundliche Esther gern an der Sonne vor dem Haus. Dort gibt es Sträucher mit «Chruselbeeri» (Stachelbeeren) und «Sante Hanse Beeri» (Johannisbeeren), von denen sie im Herbst jeweils an die Kinder verschenkt, die es niemals wagen würden, von den Beeren zu stehlen.
In der Stube des neu gebauten Hauses stehen zwei Webstühle. An Wintertagen arbeiten daran Esther und ihr älterer Sohn Jakob. Vater Heinrich besorgt derweil zusammen mit dem jüngeren Sohn Rudolf das Vieh. Er ist ein ruhiger, zurückhaltender Mann, der sich aber durch Fleiss und grosse Gewissenhaftigkeit auszeichnet – Eigenschaften, die er seinen Nachkommen weitergibt und die bis tief ins 20.Jahrhundert hinein so etwas wie das weitherum bekannte und geschätzte Zollinger-Ethos bilden. Um die drückenden finanziellen Sorgen der Familie zu lindern, arbeiten die beiden Söhne nicht nur auf dem Hof. Rudolf hilft auf der Post Ottikon aus. Wegen unglücklicher Umstände verpasst es der hochintelligente junge Mann jedoch, nach dem Rücktritt von Statthalter Schaufelberger dessen Nachfolger auf der Post zu werden. Auch eine Försterstelle im Sennwald, die ihm ein festes Einkommen gesichert hätte, bekommt er nicht. Rudolf stirbt früh. Sein älterer Bruder Jakob arbeitet auf dem Landwirtschaftsbetrieb von Baumeister Hess in Dürnten. Weil er sich mit Reben bestens auskennt, wird ihm die Aufsicht über den Weinberg anvertraut. Besonders geschickt sind die beiden Zollinger-Brüder beim Turpen, dem Stechen von Torf. Zusammen mit dem Nachbarn Jakob Baumann, Stutze Schaagg genannt, kauft Vater Heinrich ein Stück Turpenland bei Betzholz. Doch kommt es bald schon zu Streitigkeiten, weil Stutze Schaagg angeblich immer die hochwertigeren Stücke an sich reisst. Die beiden Zollinger-Brüder führen ihr Brennmaterial mit einem Kuhgespann nach Hombrechtikon und Stäfa, wo sie es verkaufen. Aber auch das Herschmettler Schulhaus wird mit zollingerschen Turpen warmgehalten, wie eine Rechnung aus dem Jahr 1875 belegt.
Dank Fleiss und Geschicklichkeit kommt die Familie langsam aus ihrer finanziellen Bredouille heraus. Vater Heinrich kann an die Zukunft seiner beiden Söhne denken. 1891 kauft er im Herschmettler Mitteldorf gegenüber der Weinschenke für 10 500 Franken ein kleines Heimwesen dazu. Neben einem Flarzhausteil mit Stall und Scheune umfasst es mehrere kleine, weit verstreute Stücke Acker-, Wies- und Riedland. Es wird 1907 von Sohn Jakob übernommen und bleibt für vierzig Jahre die Heimat der Zollinger. Das nach dem Brand von 1870 neu erbaute, aber stark verschuldete Haus im Oberdorf hingegen wird verkauft, weil Rudolf es nicht übernehmen will. Esther und Heinrich sterben mit einem Jahr Abstand 1906 und 1907. An der Abdankung für Heinrich in der Kirche Gossau erinnert Pfarrer J.J. Frei an den schweren Schicksalsschlag von 1870 mit den Worten: «Weinend und händeringend standen sie am Tag nach dem Unglück am Grab ihrer Habe.»

Das Elternhaus von Jakob Zollinger und des Autors in Herschmettlen. Links der Hausteil der Familie Zollinger, rechts jener der Familie Girschweiler. Neben der hinteren Haustüre steht Kobi als Bub in den 1930er-Jahren.
In der Zwischenzeit ist 1892 Emil geboren worden, der Vater von Jakob Zollinger, genannt Kobi. Emils Eltern sind Jakob Zollinger und Anna-Julia Bai aus Truttikon im Weinland. Anna-Julias Vater ist dort ein angesehener Schreinermeister und Rebbauer. Das junge Paar wohnt vorerst in einer gemieteten Wohnung im Oberdorf, zieht aber schon bald in den umgebauten Hausteil im Mitteldorf um. Ein zweiter Sohn des Paares stirbt zwei Jahre später mit nur neun Monaten an Diphterie. So muss Emil als Einzelkind im kleinen elterlichen Unternehmen schon früh tüchtig mithelfen. Die Familie ist stark verschuldet, und der Erlös aus dem kleinen landwirtschaftlichen Gewerbe reicht nicht aus. Da erhält Vater Jakob 1902 eine Teilzeitstelle als Strassenwärter beim Kanton und erzielt damit ein gesichertes Einkommen. Das ermöglicht es ihm, sich allmählich von der Last der Schulden zu befreien. Das dritte wirtschaftliche Standbein der Familie ist jenes von Mutter Anna-Julia. Sie arbeitet ganzjährig am Seidenwebstuhl in der Stube, im Winter bedient Jakob neben ihr einen zweiten. Aufträge bekommen sie von einem Stadtzürcher Seidengeschäft. Auch Emil hilft mit. Seine Aufgabe ist es, die Spülchen mit Seidenfaden voll zu spulen. Sie werden in die Webschiffchen eingelegt. Diese Tätigkeit liegt dem Buben nicht sonderlich am Herzen, und so kommt es öfter vor, dass die Qualität seiner Arbeit ungenügend ist, wie er in seinem eigenen Lebenslauf vermerkt.
Haben die Eltern einen dringenden Auftrag und leisten deshalb Überstunden, hat Emil Küchendienst. Kaffee kochen und Milch erwärmen sind auf dem einfachen, zweilöchrigen Sandsteinherd keine knifflige Sache. Hingegen braucht es einige Übung, bis das Kehren der Rösti in der Bratpfanne glückt, sodass am Schluss eine kompakte, braun gebrannte Scheibe auf dem Tisch dampft. Gelingt dieses kleine Kunststück, so ist sogar Vater Jakob zufrieden, der mit Lob sehr sparsam umgeht. Emil schreibt in seinem 1966 verfassten Lebenslauf, dass er eine glückliche Jugend gehabt habe. Der Vater habe sich als «ernster, nachdrücklicher, mit Gerechtigkeit gepaarter Erzieher entpuppt». Die sanfte, liebevolle und fromme Wesensart der Mutter habe aber Vaters eiserne Zucht und Disziplin zu mildern vermocht. Es ist eine Familienkonstellation, die sich in der nächsten Generation wiederholen sollte.
Der kleine Emil besucht gern und häufig seine Grosseltern Esther und Heinrich im oberen Bauernhaus. Er tritt 1899 in die dörfliche Sechsklassenschule bei Lehrer Emil Trachsler ein, weitherum als Brissago-Miggel bekannt. Emil zeigt sich interessiert und lernt leicht. So sind Lehrer und Eltern der einhelligen Meinung, er solle die Sekundarschule in Gossau besuchen. Emil ist nicht begeistert, fügt sich aber und marschiert drei Jahre lang zweimal täglich eine knappe Stunde nach Gossau und zurück. Wegen eines parteiischen Lehrers, der den Kleinbauernsohn schikaniert, wo er nur kann, verleidet Emil die Schule im dritten Jahr der Sekundarschule vollends. Als die Eltern und sein Primarlehrer ihn drängen, ins Lehrerseminar Küsnacht einzutreten, widersetzt sich der Schulmüde diesem Ansinnen vehement. Gern würde er dagegen eine Lehre als Bau- oder Maschinenzeichner absolvieren. Das aber kommt für den Vater nicht infrage: «Entweder du wirst Lehrer, oder du bleibst zu Hause und hilfst auf dem Hof», lautet seine unmissverständliche Botschaft. Emil fügt sich. Neben der Arbeit auf dem Hof geht er in die Fabrik nach Bubikon, in die Schraubenfabrik Frey in Wändhüsle. Später wechselt er in die Maschinenfabrik Rüti, die Joweid.
Ab 1914 muss er im Ersten Weltkrieg wiederholt Militärdienst leisten. Jedermann glaubt, der Spuk sei in ein paar Monaten vorbei. Doch der Abnützungskrieg in Europas Schützengräben zieht sich über vier quälend lange Jahre hin. 1916 lernt Emil bei Nachbarn eine junge Besucherin kennen, ein Mädchen, das ihm ins Auge sticht: Hermine Hauser, eine Bauerntochter aus Fällanden. Ein Jahr später verloben sie sich, 1919 findet die Hochzeit statt. Darauf folgt das für die Familie so wegweisende Jahr 1920.
Aus dem Exil zurück nach Herschmettlen
Als am 26.Juni 1931 der jüngste Sohn von Hermine und Emil Zollinger-Hauser in Riedikon-Uster seinen ersten Schrei ausstösst, stehen fünf ältere Geschwister an seiner Wiege. Martha ist elfjährig, Otto ist neun, Hans sieben. Fritz ist fünf und Emil, genannt Migg, dreijährig. Das neu geborene Kind bekommt wie zahlreiche seiner Ahnen den Vornamen Jakob, wird in der Familie und unter Freunden aber ein Leben lang Kobi – oder Köbi – genannt.
Die Familie wohnt in der Ustermer Aussenwacht Riedikon, nicht in Herschmettlen. Wegen eines familiären Zerwürfnisses, dessen Ursprung auf den Herbst 1920 datiert ist, lebt sie sechs Jahre lang im Exil. Im besagten Jahr hat sich im Leben des jungen Vaters Emil Entscheidendes zugetragen. Zwei Kolporteurinnen der Vereinigung der ernsten Bibelforscher gehen in Herschmettlen von Haus zu Haus. Sie bieten das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter an. Emil Zollinger kauft es. Dazu erhält er einen Handzettel mit der Einladung zur öffentlichen Vorführung des Photodramas der Schöpfung an vier Abenden im Gossauer Gasthaus Löwen. Emil geht hin und ist begeistert. «Was ich da hörte, war wirklich Neuland, war aufrüttelnd, packend, ein weites Tor biblischer Erkenntnis öffnete sich gleichsam», schreibt er in seinem Lebenslauf, den er 1966 mit 74 Jahren verfassen wird. Es folgen Nachvorträge mit Bibelauslegungen in Wetzikon. Emil schafft sich alle sieben Bände der Schriftstudien an und sammelt die Zeitschriften. Er schliesst sich der Oberländer Gruppe der Bewegung an. Und er vollzieht 1923 an der Hauptversammlung der Schweizer Bibelforschervereinigung, wie die Zeugen Jehovas damals noch heissen, in der Zürcher Stadthalle die Wassertaufe als öffentliches Bekenntnis zur Gemeinschaft. Seine Ämter in der Gemeinde, so das Präsidium des Musikvereins Gossau, gibt Emil Zollinger ab. Jetzt fühlt er sich frei für seine missionarische Arbeit. Seine Gattin Hermine duldet das Engagement widerspruchslos. Nach und nach macht sie selbst mit und lässt sich später auch taufen. Die Kinder Martha und Fritz schliessen sich zusammen mit ihren späteren Familien und Nachkommen ebenfalls den Zeugen Jehovas an. Hans und Migg stehen rasch abseits, und Otto und Kobi lavieren lange. Erst mit der Gründung seiner Familie distanziert sich Kobi endgültig. Obwohl Emil und Hermine tief überzeugt sind von ihrer Sache und weitherum im Oberland neue Glaubensgefährten anzuwerben trachten, akzeptieren sie, dass sich einzelne Kinder abwenden. Das bestätigen zwei spätere Schwiegertöchter: «Mein Schwiegervater ermunterte mich einmal, ebenfalls zu den Versammlungen nach Wetzikon zu kommen, mein Nein akzeptierte er aber klaglos. Und er hat mich nie wieder zu bekehren versucht», sagt Jakob Zollingers spätere Frau Elisabeth Zollinger-Anliker heute. Und ihre Schwägerin Carolina Zollinger-Acquistapace, die Ehefrau von Migg, machte exakt die gleiche Erfahrung.
Der Wandel seines Sohnes Emil zum religiösen Eiferer passt Vater Jakob ganz und gar nicht. Er hat gehofft, sein einziger Sohn würde eine politische Karriere machen. Immer heftiger lässt er Emil seine Abneigung gegenüber dessen Engagement spüren. Und dies, obwohl der Sohn alles unternimmt, um seine Pflichten auf dem Hof und innerhalb der Familie nicht zu vernachlässigen. 1924 eskaliert der Zwist. Jakob droht, Emils Familie vom Hof zu jagen. Auch mehrere Aussprachen mit dem Vater bringen für Emil keine Versöhnung. Mutter Anna-Julia steht unglücklich zwischen den Fronten und versucht nach Kräften, zu vermitteln und zu schlichten. Doch im Herbst 1925 sieht sie ein, dass es besser ist, wenn die junge Familie auszieht. Zwar ist ihr bang, mit ihrem griesgrämigen Gatten allein zurückzubleiben, doch sie denkt an das Wohlergehen ihrer drei Enkel und trennt sich schweren Herzens von ihnen.

Die Familie Zollinger 1924. Links Hermine und Emil Zollinger-Hauser, vorne das Grosselternpaar Anna und Jakob Zollinger-Bai. Dazwischen die kleine Martha und eine Schwester von Anna im Hintergrund.
Erste Station im Exil ist Ettenhausen-Wetzikon, wo die junge, mittlerweile fünfköpfige Familie eine preiswerte Wohnung findet. Doch ein halbes Jahr später zieht sie auf den Gossauer Berg weiter, weil Emil in der Schreinerei Trüeb in der Unterottiker Chindismüli eine Stelle gefunden hat. Nach der Geburt der Söhne Fritz und Migg zieht die Familie 1928 nach Nänikon. Emil arbeitet jetzt in einer Ustermer Holzbaufirma. Weil die Wohnung Mängel aufweist, ziehen sie aber bald nach Riedikon um, wo im Sommer 1931 ihr jüngster Sohn Kobi geboren wird.
Wenige Monate später erleidet Jakob Zollinger in Herschmettlen einen Schlaganfall, dem er Tage später erliegt. Jetzt stellt sich für Emil und seine Familie die Frage: Bleiben, wo sie sind, oder nach Herschmettlen zurückkehren? Emil würde gern bleiben, denn er hat in Uster eine ihm zusagende und gut bezahlte Stelle, der Patron will ihn auch nicht ziehen lassen. Doch Anna-Julia Zollinger möchte ihr Herschmettler Heim nicht verlassen. Und die Gossauer Behörden setzen sich dafür ein, dass Emil die Strassenwärterstelle seines Vaters bekommt, denn allein mit dem bescheidenen Hof lässt sich die neunköpfige Familie nicht durchbringen. So kehrt Emil mit Hermine und den sechs Kindern Anfang 1932 nach Herschmettlen zurück. Er ist verantwortlich für den Unterhalt der damals noch ungeteerten Staatsstrassen Herschmettlen–Birch, Fuchsrüti–Hanfgarten und Hanfgarten–Grund–Herschmettlen, zusammen rund sechs Kilometer. Damit wegen dieser ausserhäuslichen Arbeit Vieh, Äcker, Obstbäume, Wiesen, Weiden und Riedland nicht vernachlässigt werden, muss die Jungmannschaft tüchtig mithelfen. Kinderarbeit also zuhauf, damals so selbstverständlich wie nötig.
Die junge Familie wohnt nun also wieder in Herschmettlen, dieser etwas besonderen Siedlung weitab der grossen Oberländer Zentren. Ob es ein Dorf oder doch nur ein Weiler ist, ist umstritten. Anfang der 1930er-Jahre gibt es immerhin noch zwei Dorfwirtschaften, den «Sonnenhof» im Unterdorf und die Weinschenke gleich gegenüber dem zollingerschen Doppelhaus im Mitteldorf. Auch hat es einen Dorfladen für den täglichen Bedarf und eine Sennhütte zuunterst im Töbeli. Sie wird dann 1937 zusammen mit der Käserei in der Fuchsrüti stillgelegt, als die Herschmettler und die Fuchsrütler Bauern gemeinsam eine neue Käserei an der Hauptstrasse im Ermisriet bauen. An der Strassengabelung im Mitteldorf steht das stolze Schulhaus. Zum Schulkreis Herschmettlen gehören auch das Ermisriet im Westen und die Fuchsrüti im Süden sowie der Weiler Hellberg im Nordosten, hinter dem Sennwald. So hat Lehrer Emil Trachsler nicht selten um die fünfzig Schülerinnen und Schüler in seiner Schulstube zu belehren, zu bändigen und wenn nötig zu züchtigen.
Die Herschmettler Familien bilden zwei Gruppen: die Bauern und die Fabrikarbeiter. Selbstständige Handwerker gibt es kaum, dafür fehlt die Kundschaft. Wer keinen eigenen Hof hat, arbeitet auswärts in einer Fabrik, hauptsächlich in der Schraubenfabrik Frey in Wändhüsle-Bubikon oder in der «Hösli», der Papierhülsenfabrik Robert Hotz und Söhne beim Bahnhof Bubikon. Nicht wenige der Fabrikarbeiter haben zu Hause noch ein Stück Land hinter dem Haus und halten ein Schwein, ein Rind oder ein paar Ziegen. Die Bauern gehen einer körperlich anspruchsvollen Arbeit nach: Kuh- und Ochsengespanne dominieren, Maschinen, welche die Arbeit erleichtern würden, gibt es noch nicht. Es kommt zu Rivalitäten und kleinen Reibereien zwischen den Bauern und den Fabrikarbeitern. Die Bauern beneiden die «Fabrikler» um ihre geregelten Arbeitszeiten und ihren bescheidenen Ferienanspruch. Die Arbeiter missgönnen den Bauern wiederum ihre Freiheiten und die reichhaltiger ausfallende Selbstversorgung. Doch die kleinen Sticheleien hindern die Frauen und Männer nicht daran, wöchentlich die Proben des Frauen- und Töchterchors beziehungsweise des Männerchors in Ottikon zu besuchen, anschliessend kehren sie jeweils gemeinsam ein.
Die Herschmettler gelten seit jeher als eigenwilligste Dorfgemeinschaft in Gossau mit einem starken Zusammenhalt. Das gilt bis heute. Zusammen mit Bertschikon, Grüt und Ottikon gehört Herschmettlen zu den Gossauer Aussenwachten. Der Bezug zum Gemeindezentrum ist lose. Gossau ist weit weg. Man geht dort in die Sekundarschule, man besucht sonntags allenfalls den Gottesdienst in der Kirche oder bemüht sich, an einer Gemeindeversammlung teilzunehmen. Die Bauern holen im Lager der Landwirtschaftlichen Genossenschaft auf dem Gossauer Berg ihren Dünger und ihr Saatgetreide. Sonst aber arbeiten die Herschmettler, wenn auswärts, dann in Bubikon. Für Einkäufe sind Wetzikon, Rüti und selbst das Städtchen Grüningen attraktiver. Und das Tor zur weiten Welt sind in dieser noch fast autolosen Zeit der Bahnhof Bubikon oder das Bahnhöfli der Wetzikon-Meilen-Bahn in Unterottikon.
So orientieren sich die Herschmettler, wenn auch in kleinräumigen Verhältnissen zu Hause, doch nach allen Himmelsrichtungen. Topografisches Symbol für diesen Blick hinaus in die Welt ist der Gerbel, ein runder, etwas quer in der durch Eis und Schnee gestalteten Landschaft liegender Moränenhügel. Er liegt auf der Wasserscheide von Glatt und Jona und exakt auf der Gemeindegrenze zwischen Gossau und Bubikon. Es ist ein Ort, von dem aus der Blick über mehr als ein Dutzend Kirchtürme im Oberland, am Greifensee, am Pfannenstiel und am Südufer des Zürichsees schweift. Hier auf diesem Hügel hütet Kobi Zollinger zusammen mit seinem Bruder Migg schon als kleiner Bub Kühe. Es mag sein, dass er deswegen zeitlebens den Gerbel als Zentrum seines Fühlens, Denkens und Handelns beschreibt. Sinnigerweise steht dort oben heute eine Ruhebank zu seinen Ehren, und sein wunderbar gezeichnetes Panorama lädt Wanderer dazu ein, die Gipfel der Glarner- und Innerschweizer Alpen benennen zu lernen. Schon als kleiner Junge setzt sich Kobi in den Kopf, all die Gipfel, die er vom Gerbel aus sehen kann, einmal in seinem Leben zu besteigen. Ein Vorhaben, das der begeisterte Berggänger dann auch umsetzt.
Kobi verschafft sich Respekt
Der Jüngste hat in Familien oft eine besondere Stellung. Das ist auch bei der Familie Zollinger in den 1930er-Jahren so. Der Abstand zum nächstälteren Bruder Migg beträgt anders als die zwei Jahre zwischen den restlichen Geschwistern drei Jahre. Nicht, dass Kobi allzu sehr verwöhnt wird, aber weil es genug kräftigere Hände zum Anpacken gibt, fällt seine Abneigung gegen körperliche Arbeit nicht schwer ins Gewicht. Kaum kann er richtig gehen und reden, beginnt er, seine Umgebung zu erforschen. Natürlich hört er in der Familie aufmerksam zu, wenn seine Geschwister Neuigkeiten austauschen. Von seinem Vater und von der Grossmutter Anna-Julia Zollinger hat er das wache Interesse für alles, was sich ereignet, geerbt. Seine eigentlichen Mentoren aber sind Frieda und Oskar Baumann. Das Geschwisterpaar, das wenige Schritte oberhalb des zollingerschen Hauses einen Bauernhof betreibt, ist belesen und vielseitig interessiert. Frieda erzählt dem aufgeweckten Knaben aus früheren Zeiten und rezitiert aus ihrem unglaublichen Fundus Kinderreime und Gedichte. Oskar weiss alles über die Geschichte des Dorfes, die Arbeit in der traditionellen Landwirtschaft und kennt unzählige Sagen und Legenden. Er sitzt als Vertreter von Herschmettlen 27 lange Jahre im Gossauer Gemeinderat und ist Mitgründer der lokalen Sektion der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB). Und er ist 1930 – in der schweren Zeit der Weltwirtschaftskrise – der Initiant zur Gründung der Raiffeisenkasse Gossau, der einzigen im Zürcher Oberland. Oskar dient ihr auch als langjähriger erster Präsident. Frieda und Oskar lehren Kobi, die Natur genau zu beobachten, und erklären ihm das wundersame Tun der Bienenvölker, die sie in ihren Körben an der Scheunenwand und im nahen Brännhüsli halten. Wenn der junge Kobi Zollinger später seine Zeitungsberichte zu naturkundlichen oder geschichtlichen Themen verfasst, ist Frieda stets die erste Leserin, Oskar der erste Leser. Und nichts ist ihm wichtiger als ein anerkennendes Wort von ihnen.
Die häusliche Aufgabe, die Kobi am liebsten übernimmt, ist das Hüten des Viehs auf dem Gerbel. An Hanfstricken führen Migg und Kobi die drei, vier Kühe auf den nahen Hügel hinauf. Dort müssen sie dafür sorgen, dass Netti, Flori, Schäfli oder Brüni keine fremden Kräuter fressen. Zäune gibt es nicht, und die beiden Buben haben stets darauf zu achten, dass ihre Kühe nicht auf Nachbars Grundstück grasen. Die Nachbarbuben von der Familie Hefti haben für die eigenen Kühe dieselbe Aufgabe. Wenn die Hirten ihre Pflicht vernachlässigen und es zu Reklamationen kommt, bricht bei Zollingers ein zürichdeutsches und bei Heftis ein Donnerwetter in Glarnerdialekt los. Beide Väter sind bekannt für ihr strenges Regime gegenüber ihrem Nachwuchs. «Unser Vater war sehr streng, aber gerecht», bemerkt Fritz Zollinger Jahrzehnte später, und sein Bruder Emil pflichtet ihm bei. Ab und zu habe es Schläge gegeben, aber nie seien sie unverdient gewesen.
Natürlich hecken die Viehhüter gemeinsam den einen oder anderen Bubenstreich aus. Einmal stehlen Migg, Kobi und ein Kamerad in der Fuchsrüti Eier und veranstalten mit ihnen ein klebriges Schützenfest. Der Geschädigte meldet den Vorfall Vater Zollinger, der die Buben bestraft. Ein andermal wirft ein Verdingbub bei Oskar Baumann aus der Scheune Trester auf eines der damals noch selten vorbeifahrenden Autos hinunter. Der Automobilist schreibt daraufhin einen zornigen Brief an Dorflehrer Robert Merz. Einen besonderen Streich weiss auch Walter Kunz aus der Fuchsrüti zu erzählen. 1938, er selber ist erst vier Jahre alt, Kobi Zollinger schon sieben, beobachtet die Mutter von Walter am Sonntagmorgen, dass Buben auf dem Dach der alten Sennhütte in der Fuchsrüti herumklettern und Scheiben einschlagen. Vater Kunz hat die stillgelegte Käserei erst kurz zuvor erworben. Am Samstag darauf kommt Kobi vorbei – er trägt wie üblich das Gelbe Heft aus, eine illustrierte Zeitschrift, deren Vertrieb die Zollingerbuben organisieren. Mutter Kunz erkennt am schön gemusterten Pullover einen der sonntäglichen Übeltäter. Sie kann sich eine Bemerkung nicht verkneifen und meint, Vater Zollinger solle seine Kinder am Sonntagmorgen besser in die Sonntagsschule schicken, anstatt sie in der Nachbarschaft vandalieren zu lassen. Es ist eine kaum verkappte Anspielung auf Emil Zollingers Engagement bei den Zeugen Jehovas in Wetzikon.

Kobi beim Hüten der Kühe auf dem Gerbel – seine Lieblingsbeschäftigung auf dem elterlichen Hof. Die Weide hat keinen Zaun, der Hirte muss also sehr aufmerksam sein.
Als frech oder aufmüpfig kann man Kobi wegen solch einzelner Eskapaden aber nicht beschreiben. Vielmehr ist er ein zurückhaltender, oft in sich gekehrter, stiller Knabe, «mit starkem Hang zum Grüblerischen», wie es sein Lieblingsbruder Migg ausdrückt. Er beklagt sich bei seinen Geschwistern immer wieder, weil er sich einsam fühlt. Doch Einsamkeit und Langeweile weiss er schon früh kreativ zu nutzen. Kaum ist er des Lesens mächtig, verschlingt er Bücher. Er liest, was er in der Bibliothek seines Vaters oder bei den Baumann-Geschwistern findet oder was ihm Migg zusteckt: Heimatliteratur, Romantisches, Abenteuerromane, Klassiker, Lexika, aber auch Krimis und Schundhefte.
Kobi fehlt es keineswegs an Inspiration, und er beginnt zu schreiben. Er hat ebenso wie sein Vater und seine Geschwister Talent. Von seiner ersten Schulreise aufs Rosinli und auf den Pfäffikersee am 23.Juli 1938, einem heissen Sommertag, schreibt er einen detaillierten Bericht mit nur wenigen orthografischen Fehlern in ein winziges, selbst gebasteltes Heft. Und nur zwei Monate später entschliesst er sich, publizistisch aktiv zu werden. Im Selbstverlag namens Tierfang gibt er eine eigene Illustrierte heraus, die Herschmettler Heimat-Zeitung. Auf kleinste Blätter im Format 5,5 mal 7 Zentimeter schreibt er mit Bleistift Erlebnisse und Gedanken nieder. Dabei zeigt sich auch gleich sein zweites grosses Talent: das Zeichnen. Er wird die Symbiose zwischen Text und Illustration ein Leben lang in all seinen Publikationen beibehalten und pflegen. → S. 158–171
Für sich allein gestaltet er sein Werk nicht, es soll ja eine richtige Illustrierte sein. Bruder Migg ist anfänglich Mitherausgeber und erster Abonnent, seine Nachbarin Frieda Baumann die zweite. Später gehören zum treuen Leserkreis zuerst auch zwei, schliesslich drei Brüder Rüegg aus dem Unterdorf. Die fünfköpfige Leserschaft ist organisatorisch zusammengeschlossen: zuerst im Naturschutzbund, später im Heimatbund. Kobi lässt sein einziges, handgefertigtes Exemplar unter den Abonnenten zirkulieren und erhält es am Schluss zurück. Ordentlich wie er ist, sammelt er alle Exemplare über die Jahre hinweg in einer Kartonschachtel. Volle sechs Jahre, nur mit geringen Unterbrüchen, erscheint sein Werk erst im Wochenrhythmus, später monatlich. Nach und nach wird es grösser und endet 1944, im «Grossformat» 10 mal 14 Zentimeter.
Der Inhalt zeugt von Anfang an von den vielfältigen Interessen Kobis. Er porträtiert in kleinformatigen Farbstiftzeichnungen alte Schweizer Städte. Oder er stellt in Bild und Legenden zehn Kleearten vor. Ein andermal sind es vier Fasanenarten mit sehr schönen Farbstiftzeichnungen. Er beschreibt eine naturkundliche Wanderung im Mai. Dann wiederum startet er eine Serie von Porträts berühmter historischer Gestalten, meist mit einer Zeichnung auf dem Titelblatt: Johann Wolfgang von Goethe, Gottfried Keller, Königin Wilhelmina von den Niederlanden, Ludwig Uhland, Königin Victoria, William Shakespeare und die Frau von General Guisan finden sich darunter. Ein Schadenfeuer im Ritterhaus Bubikon nimmt Kobi zum Anlass für einen geschichtlichen Abriss zur prächtigen Johanniteranlage in seiner Nachbarschaft. Zum 1. August und zu Weihnachten gibts thematische Sondernummern.
Naturkundliche, historische und geografische Themen nehmen viel Raum ein. Aber auch eine Rätselecke und die Rubrik «Lustig» finden immer wieder Platz. Ein Beispiel: Der kleine Heiri murmelt beim Mittagessen vor sich hin: «Das isch schlächt.» Die Mutter ist erstaunt: «Du hast doch sonst das Voressen gern – oder hast du am Ende eine Gewürznelke erwischt?» Tatsächlich grübelt der Kleine zwischen seinen Zähnen ein solches Objekt hervor, legt es auf den Tisch und sagt, indem er es betrachtet: «Näi, es isch e Schruube.»

Frieda Baumann mit ihren Hühnern. Die Herschmettler Nachbarin weckt im kleinen Kobi die Wissbegierde und stillt sie mit zahlreichen Geschichten und Versen.
Selbstverständlich hat die illustrierte Heimat-Zeitung auch Inserate. Kobi erfindet Waschmittel- und Schokolademarken und preist deren Produkte an. Der Alleinredaktor macht Werbung für seine Leihbibliothek, bei der sich Abonnenten für eine Gebühr von einem Rappen pro Woche und Buch mit Lesestoff eindecken können. Oder er wirbt für die Heimatausstellung, welche die Zeitung alljährlich organisiert und die in der Stube von Frieda Baumann im Oberdorf stattfindet – inklusive Verköstigung. Frieda bereitet aus diesem Anlass jeweils eine Apfelwähe in ihrer alles andere als ordentlichen Küche inmitten von Hühnern und Katzen zu. Doch Migg Zollinger betont noch achtzig Jahre später: «Das Essen bei Frieda schmeckte uns besser als dasjenige zu Hause.»
Der Redaktor und Verlagsleiter in Personalunion richtet sich immer wieder mit wichtigen Mitteilungen an seine Leserschaft, so im Sommer 1944, im Alter von 13 Jahren:
«Brief an die Abonnenten
Die Heimat-Zeitung ist nun seit Mitte April nicht mehr erschienen.
Es war mir leider nicht möglich, sie regelmässig erscheinen zu lassen. Dagegen ist diese Nummer nun eine prächtige Doppelnummer.
Sie hat 28 Seiten! So dick und bunt war bis jetzt noch nie eine Heimat-Zeitung.
Da ich nun diesen Sommer nicht mehr viel Zeit zum drucken habe, habe ich beschlossen, dass die Heimat-Zeitung über den Sommer im Monat nur noch einmal erscheint. Dagegen wird sie immer 28 Seiten haben und viel reichhaltiger und schöner gestaltet sein. Ich schreibe sie dann auch mit Tinte, da diese viel besser leserlich ist.
Ich hoffe, dass dieser Plan meinen Lesern gefällt.
Hochachtungsvoll
Redaktor
J. Zollinger»
Seine Zeitung wird wie bereits erwähnt von einem Bund getragen: Naturschutzbund heisst er zuerst. Eines Tages stellt der Verleger fest, dass der ursprüngliche Name Tierfang-Verlag töricht sei. Woher er diesen Namen genommen hat, weiss wohl nur Kobi selbst. Heimat-Verlag passe viel besser zu Heimat-Zeitung, findet er nun, und so wird auch der Naturschutz- in einen Heimatbund umgewandelt.
Dennoch sind die Natur und deren Schutz schon dem Knaben ein grosses Anliegen, er ist ein Umweltschützer zu einer Zeit, in der es diesen Begriff noch gar nicht gibt. So empört er sich über ein Erlebnis auf einem Spaziergang und entschliesst sich, dem Redaktor der Heimat-Zeitung – also sich selbst – einen Leserbrief zu schicken.
«Ein trauriges Beispiel eines Naturschänders
Ich schritt eine sanft absteigende Strasse hinunter. An beiden Seiten der Strasse waren steile Böschungen, die mit Wiesensalbei und Schafgarbe bewachsen waren. Ich spähte zwischen die Kräuter, ob ich auch einige Erdbeeren fände. Aber ich fand nichts. Ich schritt weiter. Am Boden bemerkte ich etwas. Und was sah ich da? Im Strassengraben lag ein dicker, grosser Strauss Margueriten. Die grössten und schönsten Margueriten waren abgerissen worden, um dann auf schändlichste Weise fortgeworfen zu werden. Der Strauss war schon dürr und beschmutzt, sonst hätte ich ihn mit nach Hause genommen – Naturfreunde! lasst das gesagt sein. Bekämpft diese schändliche, ja grausame Untugend des Blumenfortwerfens!
J.Z.»
Man liest diese Zeilen mit Schmunzeln und erahnt darin bereits den hartnäckigen Naturschützer späterer Tage. Im Herbst 1944 wird die Heimat-Zeitung eingestellt. Kobi besucht jetzt die Sekundarschule in Gossau und setzt sich für seine publizistische Freizeittätigkeit neue Ziele.
Bei allem schriftstellerischen Eifer, der neben der Heimat-Zeitung auch noch unzählige erfundene Geschichten oder naturkundliche Sammlungen in Kleinformat hervorbringt: Nur aus Schulbankdrücken und Schreiben besteht der Alltag im Hause Zollinger nicht. Kobi betreibt zusammen mit Migg auch noch einen Reisebund. Dieser führt mit einer Handvoll Mitglieder an den Wochenenden Exkursionen in die nächste und etwas weitere Umgebung durch. Die Teilnehmer sind stets mit Botanisierbüchsen ausgestattet und sammeln fleissig interessante Objekte in der Natur. → S. 172–175
Und auch wenn er sie nicht liebt: Die Arbeit auf dem Hof fordert auch Kobis Mithilfe. Was da im Verlauf eines Jahres an Arbeiten zu leisten ist, beschreibt er in seinem ersten Tagebuch. Am 1.Januar 1943 nämlich, im Alter von elfeinhalb Jahren, beginnt er, Tagebuch zu führen. Eine Gewohnheit, die er abgesehen von einem einzigen längeren Unterbruch zeitlebens beibehalten wird. In den ersten Jahren finden sich Einträge für jeden Tag, eine Art Kurzprotokoll des Tagesablaufs. Ein paar Jahre später hat er sich als Seminarist die Mühe gemacht, seinen ersten Tagebuchjahrgang im Hinblick auf die auf dem Hof anfallenden Arbeiten genau durchzusehen. Darum ist in der zollingerschen Familien- und Hofchronik für 1943 ein Arbeitsprotokoll für das ganze Jahr zu finden. Es sind Verrichtungen, die der Jüngste weitgehend selbst hat leisten müssen, rund 115 Einträge. Ein kleiner Auszug: Am 5.Januar gilt es den frisch gefallenen Schnee vom Hausplatz zu räumen und Stroh für die Lager der Kühe zu schneiden. Am 17. Februar ist die Schnapsbrennerei auf der Stör, und der Trester muss zum Brennen herangetragen werden. Am 14. März spaltet Kobi den ganzen Tag lang Holz. Am 4. April hütet er erstmals in diesem Jahr das Vieh. Am 19. Mai beginnt die Heuernte. Im Strasset muss Gras gemäht und «gezettet», mittags gewendet und abends «geschöchelt» werden. Am 24.Juni müssen Kirschen gepflückt werden. Am 28.Juli wird auf dem Heuboden der Raps mit Flegeln gedroschen. Am 4. September lautet der Eintrag «Zwetschgen geschüttelt, Strassenemd eingebracht, gemostet». Am 14. Oktober werden Runkeln ausgerissen und geputzt. Am 16. November führt Kobi mit den Kühen Netti und Brüni Mist auf die Felder. Am 9. Dezember lehrt er Ochse Sepp das Ziehen eines Wagens.
Luxus sucht man vergeblich im kleinen Hausteil im Herschmettler Mitteldorf. Die Buben schlafen zu viert im gleichen Zimmer, je zwei teilen sich ein Bett. Immerhin leidet die Familie dank dem Strassenwärtereinkommen von Vater Emil seit ihrer Rückkehr nach Herschmettlen keine Not. Der Speisezettel umfasst vor allem Eigenes und nahrhaftes Essen. Migg Zollinger erinnert sich: Zum Frühstück gabs gesottene Milch mit getunkten Brotmocken, ab und zu auch Haferbrei. Beim Zmittag war die Suppe wichtig. Dazu gab es Kartoffeln, viel Gemüse, ab und zu Fleisch. Die besten Stücke verzehrten stets der Vater als Familienoberhaupt und allfällige Besucher. Die Mutter und die Kindern gingen oft leer aus, reklamierten aber nicht. Beim Znacht war die Rösti wichtig. Und Mutter Hermine buk viel. Immer eigenes Brot, nur dunkles natürlich – Weissbrot oder «Gipfeli» kannte man nicht. Auch wunderbare Kuchen mit Nüssen kamen regelmässig auf den Tisch. Ganz zu schweigen von den geliebten Wähen, die mit Zwiebeln, Spinat, eigenen Kirschen, Zwetschgen oder Äpfeln belegt waren. Das Lieblingsdessert des Zollinger-Nachwuchses war aber «gschwungne Nidel», also Schlagrahm nature ohne Beigabe und selbstverständlich aus Milch der eigenen Kühe hergestellt.
Gegen Ende der 1930er-Jahre verringert sich dann der finanzielle Druck. Denn jetzt beenden die ersten Kinder die Schule und treten ins Erwerbsleben ein. Martha macht ein Haushaltlehrjahr am Zürichsee, geht dann für ein Jahr ins Welschland und absolviert anschliessend eine Verkäuferinnenlehre in Bäretswil. Nach dem frühen Unfalltod ihres Gatten Karl Trachsler arbeitet sie dann mehr als ein Vierteljahrhundert als Chefsekretärin in der Gossauer Accum. Otto arbeitet zuerst wie einst Vater Emil bei «Schrüübli»-Frey in Bubikon, später wird er Strassenwärter beim Kanton – eine Familientradition. Hans, begeisterter Funkamateur, arbeitet an verschiedenen Orten, bis er bei Siemens in Zürich seine Technikbegeisterung ausleben kann. Fritz entschliesst sich für die Landwirtschaft. Und Migg wird Maler und wandert 1961 nach Kalifornien aus. Die Löhne geben die jungen Erwachsenen – bis auf ein kleines Sackgeld – zu Hause ab. Und so abonniert die Familie bald Zeitschriften, hat ein Radio und den ersten Telefonapparat weit und breit. «Wir bildeten deshalb ein kleines Dorfzentrum», erinnert sich Migg.
Vor allem samstags und sonntags hat Kobi mitunter eine besondere Aufgabe. Er geht mit seiner Mutter auf Mission – in Bubikon, in Wolfhausen und in anderen Dörfern der Umgebung. Es sind kaum Bemerkungen erhalten, wie er sich zu dieser Aufgabe gestellt hat. Nur einmal findet sich im Tagebuch der Hinweis, er habe sich geweigert, mit Vater Emil in Rapperswil missionieren zu gehen, was Mutter Hermine sehr erbost habe. Die strenge Religiosität von Vater Emil äussert sich in der Familie in einem täglichen, längeren Tischgebet und in wöchentlichen Andachten. Solche besucht auch der Nachwuchs gelegentlich in Wetzikon – der fünf Kilometer lange Weg wird zu Fuss zurückgelegt. Migg Zollinger sind die spannenden Erlebnisse unterwegs, im Ambitzgiried oder im Sennwald, stärker in Erinnerung geblieben als die Unterweisung in den Versammlungen.
Im Zweiten Weltkrieg dann bekommt Emil Zollinger Ärger. Als Zeuge Jehovas weigert er sich, mit einer todbringenden Waffe wie dem Karabiner in den Militärdienst einzurücken. So kreuzt der Gossauer Polizist im Herschmettler Mitteldorf auf. Emil Zollinger habe sich sofort nach Pfäffikon zu begeben. Dort sitzt er im Sommer 1940 nach einer Verurteilung vor dem Militärgericht eine mehrmonatige Haftstrafe als Dienstverweigerer ab. Sonntags pilgert seine Familie zur moralischen Unterstützung dorthin. Und sie erhält vom Vater regelmässig Briefe aus dem Gefängnis. Als Emil Zollinger entlassen wird, verdrückt die Frau des Verwalters ein paar Tränen. Zu gern hätte sie den geschätzten Assistenten weiterhin an der Seite ihres Gatten gesehen. Emil Zollinger fungiert gegenüber den Ganoven aller Art als Hilfswärter, ja er predigt ihnen gar und hat die Erlaubnis, seine Zeitschriften zu verteilen.
Zu Hause betreibt der neunjährige Kobi in dieser Zeit sein kleines Unternehmen und führt dabei die Tätigkeit seiner älteren Geschwister fort. Zollingers verwalten Zeitschriften aus dem Hause Ringier. Kobi ist der Manager. Er setzt fürs Verteilen von Ringiers Unterhaltungsblätter, vom Schweizer Heim, der Schweizer Illustrierten, Gartenlaube und Schweizer Familie fürs Einkassieren und die damit gekoppelte Versicherung auch Schulkameraden ein, führt die Buchhaltung und zahlt die Botenlöhne aus. Nicht immer sei das lustig gewesen, erinnert sich Migg Zollinger. Da gibt es einsame Höfe mit bösen Hunden, vor denen den Zollinger-Buben graut. Und dann gibt es wiederholt Ärger mit den Finanzen. Ist jemand nicht zu Hause, legen die Buben die Zeitschriften neben die Haustür. Beim nächsten Mal behaupten Abonnenten dann jeweils keck, sie hätten vor einer Woche schon bezahlt. Mit seinen vielseitigen Aktivitäten verschafft sich der Jüngste innerhalb der Familie und darüber hinaus auf jeden Fall schon früh gebührenden Respekt.
Darmowy fragment się skończył.