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Heiko Werning

Schlimme Nächte

Von Abstürzen und bösen Überraschungen

FUEGO

- Über dieses Buch -

Geplatzte Dates und geplatzte Kondome, schreiende Nachbarn und krakeelende Kinder, billiges Bier und billige Ausreden, Urängste und Selbstzweifel...

Es wäre kaum zu ertragen, wenn man nicht wüsste, dass am nächsten Morgen, bei Lichte betrachtet, alles noch viel schlimmer sein wird. Heiko Werning leuchtet in seinen Geschichten die finstersten Ecken der menschlichen Existenz aus: Feten, auf denen Westernhagen gespielt wird, Massagesalons, in denen man »no sex« bestellen muss, Übernachtungen in zerstrittenen WGs oder Saufgelage mit Striptease-Einlagen. Und trifft dabei auf allerlei Nachtgestalten: Künstlerinnen, die sich Sperma in die Haare stricken, Transvestiten, die sich mit vorgehaltenem Messer auf eine Pizza einladen lassen, Lesben, die junge Männer abschleppen, und Freunde, die man gut zu kennen glaubte und die sich dann als Klaus-Hoffmann-Fans entpuppen.

Die Nacht des untoten Kaninchens

Wir waren in der vierten Grundschulklasse. Eine dreitägige Klassenfahrt sollte uns in die Lüneburger Heide führen. Für viele von uns war es das erste Mal, dass sie ohne Eltern verreisten. Es war sehr aufregend.

Es wurde noch aufregender, als wir uns am letzten Abend entschlossen, auf eigene Faust eine Nachtwanderung zu unternehmen. Um neun Uhr mussten alle in den Schlafsälen der Jugendherberge in ihren Betten liegen, um halb zehn unternahm Frau Gerling ihren letzten Inspektionsgang, um zehn schliefen sie alle, die Luschen, diese Langweiler. Da waren wir aber aus anderem Holz geschnitzt! Wir suchten das Abenteuer!

Zu fünft machten wir uns auf. Auf Socken schlichen wir zum Hintereingang der Jugendherberge, erst draußen wagten wir, unsere Schuhe anzuziehen. Und erst, als wir auf einem der zahllosen Wanderwege so weit von den Straßenlaternen entfernt waren, dass ihr Licht kaum noch hinter die Wacholderbüsche reichte, schalteten wir unsere Taschenlampen an. Nun konnte es losgehen.

Gregor erzählte wilde Geschichten von Geistern und Heidemonstern, wir lachten überdreht, um unsere Furcht zu überspielen. Es war nämlich doch ganz schön unheimlich, das Spiel der Schatten im Schein der hin und her irrenden fünf Taschenlampen auf den Heidesträuchern, und mancher Wacholder wirkte vor dem Sternenhimmel zunächst wie eine der Figuren aus dem Gruselrepertoire von Gregor. Der sich zudem immer mal wieder den Spaß erlaubte, uns zu erschrecken, in dem er seltsame Laute von sich gab oder seine Taschenlampe ausschaltete, sich hinter einem Busch versteckte und dann kurz vor einem von uns mit heiserem Gurgeln dahinter hervorsprang.

Plötzlich rief er: »Psst! Seid mal leise, da ist was!«

»Na klar«, gab ich mich betont abgeklärt, »wieder einer von deinen Heidemördern!« (Ein damals noch ganz und gar unpolitischer Begriff.)

»Nein, echt jetzt! Hört doch mal, da, hinter dem Busch, bewegt sich da nicht was?«

Auch wenn klar war, dass es sich wieder um einen seiner blöden Scherze handeln musste, wurde mir die Sache doch etwas unheimlich. Wie überhaupt der ganze Ausflug. Vielleicht wäre ich doch besser im Schlafsaal bei den anderen geblieben. Was wussten wir schon, was nachts in der Heide alles unterwegs sein konnte?

Plötzlich sah ich im fahlen Mondlicht, wie etwas aus einem Busch heraus direkt in meine Richtung sprang. Ich schrie auf. Die anderen richteten ihre Taschenlampen auf mich, ich kniff die Augen zu. »Da, da vor mir, an dem Busch!«, schrie ich.

Als ich die Augen wieder aufmachen konnte, sah ich auf dem Boden vor mir, in der Mitte von fünf zitternden Lichtkegeln – nun ja: ein Kaninchen. Ich seufzte, bereit, das höhnische Gegacker von Gregor und den anderen über mich ergehen zu lassen.

»Oh, ein Karnickel, wie gefährlich!« – »Pass auf, dass es dich nicht packt!« – »Hilfe, hilfe, ein Häschen!« – und so weiter. War ja klar.

Während ich versuchte, meine Gefährten zu ignorieren, betrachtete ich das Tier. Es hüpfte nicht weg, es saß einfach da. Seltsam, eigentlich. So kannte ich Wildkaninchen nun überhaupt nicht. Und wenn man genauer hinsah, war es auch im gelbstichigen Schein der Lampen nicht zu übersehen: Seine Augen glupschten aus den Höhlen, waren blutunterlaufen, das Fell um sie herum war verschmiert und verklebt mit Tränen und Sekreten. Das Tier zitterte am ganzen Körper.

Myxomatose, keine Frage. Oft schon hatte ich von der Kaninchenseuche gehört, zum ersten Mal nun sah ich ein leibhaftiges Opfer. Es war kein schöner Anblick. Das Johlen der anderen war längst verklungen, inzwischen war ihnen wohl auch aufgefallen, dass mit dem Tier etwas nicht stimmte, auch sie schauten nun genauer hin. »Igitt«, fasste Jens den Gesamtzustand durchaus treffend zusammen, und Fridtjof ergänzte: »Kommt, lasst uns schnell weitergehen.« Aber wir zögerten. »Wir können es hier doch nicht einfach so sitzen lassen!«, fand Gregor, »wir müssen etwas tun. Wir müssen ihm helfen! Wie echte Pfadfinder!« Aber mitnehmen, das war uns klar, konnten wir es auch nicht. Man durfte es nicht anfassen, das hatten wir gelernt. Wildtiere, die nicht weglaufen, niemals anfassen. Uns gruselte davor, unsere Augen könnten sonst bald genauso aussehen wie die des Kaninchens, und womöglich hatte es auch noch Tollwut obendrein.

»Lasst uns Hilfe holen«, schlug Jens vor, aber wir sahen uns nur ratlos an. Wen denn? Die Polizei? Die Feuerwehr? Unseren Lehrer gar? Nein, das ging alles auf gar keinen Fall. Mitleid hin oder her – unser nächtlicher Ausflug durfte nicht auffliegen, das würde ordentlich Ärger geben. Wir würden, das wurde uns zunehmend klar, das Problem irgendwie selbst lösen müssen.

Gregor war es, der es als Erster aussprach: »Wir müssen es töten.« Beifälliges Nicken, zustimmendes Murmeln. Ja, wir mussten es töten. Wir sahen Gregor an. Er war der Coole, der Chef unserer Bande, er hatte den ganzen Weg über schon blutige Schauermärchen erzählt, da waren ganz andere Wesen zu Tode gekommen als ein todkrankes Kaninchen, er verjagte die Mädchen. Es war also sozusagen seine natürliche Bestimmung, nun das Kaninchen zu erlösen. Dieser Aspekt war ihm offenbar auch gerade aufgefallen, denn jetzt blickte er sich verwirrt um. »Äh, na ja«, meinte er schließlich, »dann lasst es uns mal tot machen.« Niemand reagierte, alle blickten ihn erwartungsvoll an. »Ähem!«, räusperte er sich, sah auf das bibbernde Fellknäuel, ging einen Schritt näher heran und inspizierte es noch einmal eingehender.

Dann kam ihm die erlösende Idee. »Jens, mach du mal«, entschied er souverän, ganz der Boss, der eine Aufgabe auch mal delegieren kann. Jens war entsetzt: »Ich? Wieso das denn?«

»Ey, ich kann doch nicht immer alles machen! Erst heute morgen noch habe ich die Spacken aus der 4b von unserem Tisch im Frühstückssaal vertrieben, jetzt bist du halt mal dran!« »Aber ...«, Jens’ Blick wurde panisch.

»Trauste dich nicht, oder was?«, setzte Gregor noch einen drauf. Kurz irrlichterte Jens’ Lichtkegel zwischen dem Karnickel und Gregors zu einer hämisch grinsenden Fratze verzogenem Gesicht hin und her – natürlich, er wollte kein Feigling sein. Aber um welchen Preis? Vielleicht würde er sich morgen zu den Spacken aus der 4b setzen müssen, aber nach einem weiteren Blick auf das Kaninchen schien ihm das wohl die preiswertere Lösung. »Was jetzt? Biste zu feige? Trauste dich nicht?«, wiederholte Gregor, und mit der festen Stimme dessen, der sich entschlossen hatte, sein Schicksal anzunehmen, sagte Jens einfach nur: »Ja.« Gregor lachte spöttisch auf, »Feigling!«, zischte er, er wähnte sich noch auf der sicheren Seite, »dann mal los, wer von euch will?«, trieb er die Mutprobe weiter voran.

Aber er hatte zu hoch gepokert, einer nach dem anderen gaben wir es zu: Ja, wir waren zu feige. Wir trauten uns nicht. Ganz allmählich ging Gregor auf, was das bedeutete. Aus der Nummer kam er so nicht wieder heraus. Ein Rückzug in Würde war für ihn nicht mehr möglich. Alles lag auf dem Tisch: Die von ihm selbst erhobene moralische Forderung, das Tier zu töten, ebenso wie sein Verdikt, sich als Feigling zu outen, wenn man dies nicht selbst zu erledigen vermochte. Wir hatten alle etwas von unserem Gesicht verloren, aber für Gregor ging es um die ganze Fresse, von der Schmach würde er sich so schnell nicht wieder erholen. Er atmete tief durch. »Also gut«, knurrte er, und wir erschraken fast ein bisschen. Dann ließ er den Lichtkegel seiner Lampe über den Boden tanzen, bis er plötzlich auf einem großen Ast zur Ruhe kam. Nun ja, eher ein Ästchen. Wie gesagt, ein Heidegebiet, die Vegetation beschränkte sich auf einige größere und viele sehr kleine Büsche. Gregor bückte sich nach dem Stock. »Du willst doch nicht ...«, stieß Jens noch aus, da ging das brüchige Holz schon auf das Kaninchen nieder. Das Tier erschrak und taumelte zwei, drei Schritte auf Gregor zu. Der schrie entsetzt auf und machte einen gewaltigen Satz nach hinten, als sei ein gefährliches Raubtier auf ihn zugestürmt. Wir kicherten etwas, seine panische Flucht vor einem blinden, sterbenden Kaninchen wirkte dann doch nicht so richtig souverän. Ein Fehler, denn nun fühlte er sich wohl endgültig in seiner Ehre herausgefordert, hob den Ast an und ließ ihn mit aller Kraft mehrfach auf das hilflose Tierchen niedergehen. Das kauerte sich nur noch mehr zusammen, ein Schlag hinterließ eine blutende Wunde, dann brach der Ast endgültig, und das Kaninchen war unzweifelhaft noch lebendig. »Verdammt ...«, flüsterte der merklich erbleichte Gregor, »verdammt, lasst uns abhauen. Das ist vielleicht gar kein normales Kaninchen. Das ist vielleicht untot. Man kann es nicht einfach so ... Es ist gekommen, um uns zu holen. Los, schnell weg!« Mir kroch ein Schauer über den Rücken, kurz wollten wir tatsächlich schnell in Richtung des Rettung verheißenden hellen Scheins hinter den Wachholderbüschen zurücklaufen, wo die Jugendherberge sein musste, aber dann siegte eben doch die Vernunft: »Quatsch, Halt!«, rief Jens, »es gibt keine Zombiekaninchen. Und du hast das Tier jetzt erst recht verletzt, schau doch!« Anklagend richtete er den Spot auf die Fleischwunde, die Gregor dem zitternden Fellknäuel zugefügt hatte. Er war es auch, der es aussprach: »Zertreten! Du musst es zertreten! Tritt kräftig auf den Kopf.« Gregor aber begann nun selbst zu zittern, er stand vor dem erbärmlich zugerichteten Tier, er rang mühsam um Fassung.

Dann verlor er sie einfach. Tränen stiegen ihm in die Augen und kullerten seine Wangen herunter. »Ich kann nicht«, flüsterte er wimmernd, »ich kann das einfach nicht«. Diesmal lachte niemand.

»Los, lasst uns abhauen«, verlangte Fridtjof erneut, »das stirbt doch sowieso bald, was haben wir denn damit zu tun, lasst uns einfach schnell abhauen.« »Aber wir können das arme Ding doch nicht einfach so sitzen lassen«, brüllte Jens, schon zunehmend desperat, »jetzt erst recht nicht, guck doch, es blutet, es hat Schmerzen.« Tatsächlich war das Zittern deutlich stärker geworden, es war ein Bild des Jammers.

Ratlos tanzten die Lichtkegel auf dem Boden, bis meiner schließlich über einem fast großen Findling zur Ruhe kam. Er strahlte unwirklich hell wider im Schein der Lampe. Er leuchtete geradezu, als wollte er uns etwas sagen. Wir verstanden ihn.

»Wenn wir alle anfassen, könnte es klappen«, meinte Jens. Fritjof sah ihn entsetzt an: »Das meinst du doch nicht ernst, oder?« Niemand antwortete.

Tatsächlich gelang es uns mühsam, den Stein anzuheben. Mit verzweifelter Kraft wuchteten wir ihn die paar Meter zum Kaninchen herüber, jetzt noch einmal alle Kraft zusammennehmen, um wenigstens ein bisschen Fallhöhe zu erreichen, mit vor Anstrengung und Ekel verzerrten Gesichtern schafften wir es, das Ding vielleicht einen Meter über das Tier zu stemmen, dann ließen wir los – botsch. Es war merkwürdig leise, ein gedämpfter, dumpfer Aufprall, eher war die Erschütterung des Sandbodens zu spüren, als dass man etwas hörte. Aber so riesig, wie er uns schien, war der Stein dann wohl doch nicht gewesen. Das hintere Drittel des Kaninchens guckte noch darunter hervor. Das kleine Schwänzchen zuckte ein bisschen auf und ab, Gregor heulte nun hemmungslos, aber die Bewegungen des Schwanzes wurden sichtbar schwächer. Die Blume, ging es mir sinnlos durch den Kopf, in der Jägersprache heißt der Schwanz von Hasen Blume, und diese hier verblühte, ein bisschen wackelte sie noch. »Das sind nur die Reflexe«, versuchte ich uns zu beruhigen, der Sand an dieser Seite des Steins färbte sich rot. Erstaunlich unspektakulär eigentlich, dachte ich. Dann drehten wir die Taschenlampen weg.

»Gut, wir haben es geschafft«, sagte Jens, »das Tier ist erlöst! Wir haben es gerettet!« Aber Jubelstimmung kam so recht nicht auf. Betreten schlichen wir Richtung Jugendherberge. Immer wieder versicherten wir uns unterwegs gegenseitig, dass es das einzig Richtige war, das arme Tier von seinen Leiden zu erlösen, dass das verdammt noch mal eine wirklich gute Tat war, dass wir stolz auf uns sein konnten. Einzig – es fühlte sich einfach nicht so an. Wir stahlen uns zurück in das Gebäude und gelangten unentdeckt in unseren Schlafsaal, wo wir uns, jeder für sich, in unsere Betten kauerten.

Ich träumte von einem riesigen Hasen, der erst Gregor, dann Jens und Fritjof mit einem großen Felsen zermatscht hatte und der nun hinter mir hersprang und mir immer ein bisschen Vorsprung ließ, bevor er mit einem Satz wieder direkt hinter mir war. Ich fuhr mehrmals in der Nacht nassgeschwitzt hoch. Einmal hörte ich Gregor leise wimmern. Aber, soweit ich das im fahlen Licht der durch die Fenster dringenden Morgendämmerung erkennen konnte, lag er nur unter seiner Decke, nicht unter einem Felsbrocken.

Zum Frühstück setzten wir uns widerspruchslos zu den Spacken aus der 4b. Wir waren sehr schweigsam.

Meine geistig-moralische Wende

Mein Freund Ralf stammte aus einem stramm konservativen Haus, wie eigentlich fast alle meine Mitschüler und auch ich selbst. So war das eben, in den Achtzigern, in einem Vorort der schwarzen westfälischen Metropole Münster. Als 1982 die sozial-liberale Koalition zerbrach, standen wir am Beginn der Pubertät. Unser politisches Bewusstsein war noch äußerst begrenzt und beschränkte sich im Wesentlichen darauf, dass wir CDU waren, weil unsere Eltern auch CDU waren, und jeder in Münster war eigentlich CDU. Bis auf die ganz Wilden. Da waren manche auch SPD. Angeblich. Wir kannten aber niemand von diesen verruchten Typen. Es waren vermutlich dieselben, vor denen uns unsere Eltern immer eindringlich warnten, wenn sie sagten, wir dürften auf keinen Fall mit fremden Leuten mitgehen.

Erster Oktober 1982. In der Schule und in den Elternhäusern bekamen wir natürlich mit, dass sich da etwas Großes anbahnte. Die Aufregung übertrug sich auch auf uns, obwohl wir keinen blassen Schimmer von unechten Vertrauensfragen und Koalitionswechseln hatten. Aber, und noch heute bin ich etwas fassungslos, bei so etwas mitgemacht zu haben, Ralf rief anlässlich des Tags des konstruktiven Misstrauensvotums eine Party bei sich aus, denn es galt zu feiern, dass jetzt bald alles gut werde im Land und letztlich in der Welt. Die Probleme, von denen wir zwar keine sehr konkreten Vorstellungen hatten, aber von denen wir ahnten, dass es sie gab, diese Probleme jedenfalls würden jetzt alle gelöst werden.

Und so sahen wir nachmittags live, wie Helmut Schmidt aufrechten Ganges auf den in der ersten Reihe feixenden Helmut Kohl zuging, ihm die Hand gab und zur Wahl zum Bundeskanzler gratulierte, und wie kurz darauf, um 15:12 Uhr, Kohl, vor Zufriedenheit fast platzend, zur Kenntnis gab: »Herr Präsident, ich nehme die Wahl an.« Wir stießen darauf mit unseren Fanta-Gläsern an, während Ralfs Mutter zur Feier des Tages ein Tablett mit Negerküssen – die hießen damals noch so – ins Zimmer brachte. Ein rauschendes Fest also. So rauschend, dass mit zunehmendem Zuckerpegel im Blut die Hemmschwellen allmählich fielen. In Wirklichkeit, das brachte das Alter mit sich, waren die real existierenden Mädchen doch letztlich erheblich interessanter als das Duell der Helmuts im Fernsehen. Und diese Mädchen fanden wir seit kurzem nicht mehr grundsätzlich blöd wie noch vor den Sommerferien. Deren Gesellschaft war plötzlich irgendwie cool.

Was soll ich lang reden: An jenem Nachmittag geschah es. Es fing unschuldig an, mit einem Negerkuss, der Zuckerschaum an den Lippen von Martina, ihr albernes Kichern, das vorsichtige Streichen mit dem Finger über ihre Lippen, das Ablecken, das scherzhafte »jetzt schmier’ ich dir auch den Mund ein«. Schließlich küssten wir uns. Mit Zunge. Für mich war es das erste Mal. Mit Negerkussschaum auf den Geschmacksknospen und Helmut Kohl auf dem Bildschirm, der etwas von einer »geistig-moralischen Wende« erzählte. Womit er in meinem Fall eindeutig Recht hatte. Unzählige Male musste ich in den nächsten Monaten an diese erregende Situation zurückdenken. Und fortan richtete sich jedes Mal, wenn ich einen Negerkuss aß, mein winziges Glied keck ein wenig auf.

Martina, die wie Ralf in Münster-Amelsbüren wohnte und nicht auf unsere Schule ging, sah ich erst ein halbes Jahr später wieder. Kohl hatte die Sache mit der uneigentlichen Vertrauensfrage durchgezogen, und so standen Neuwahlen an. Erneut lud Ralf zu sich nach Hause, diesmal zum Abend, damit wir bei dem historischen Machtwechsel live dabei sein könnten. Eine echte Wahlparty also. Aber Helmut Kohl interessierte mich inzwischen einen Dreck. Denn Martina war da! Und: Es gab Negerküsse! Prickelnde Erotik lag also in der Luft, denn meine erste gemeinsame Nacht mit Martina stand bevor – ich würde erst um neun abgeholt werden.

Wir saßen vor dem Fernseher, und ich hatte mich im Lauf des Abends allmählich so vorgearbeitet, dass ich pünktlich zur Prognose wieder neben Martina auf dem Sofa saß. Der Balken für die Union kletterte auf unglaubliche 48 %, wir jubelten. Helmut Kohl dankte für das Vertrauen, das ihm die Deutschen entgegengebracht hätten, wir ließen die Negerküsse kreisen. Graf Lambsdorff hinkte durchs Fernsehstudio, Martina biss herzhaft in einen hinein. Meine kühnsten Träume schienen wahr zu werden. Helmut Schmidt zog traurig an seiner Pfeife, wir sogen glücklich an unseren Mündern.

Schließlich zog Martina mich unauffällig in den benachbarten Spielkeller. Wir verkrochen uns hinter einigen Kisten mit Playmobil, die schon lange niemand mehr ausgepackt hatte, und hier, ganz ungestört, knutschten wir weiter. Und weiter. Und weiter. Allmählich legte sich die erste Euphorie bei mir. Dafür wurde mir zunehmend klar, dass ich nicht die geringste Vorstellung davon hatte, wie das hier weitergehen sollte. Die Situation machte mir Angst. Plötzlich zog Martina den Reißverschluss meiner Hose auf. Ich war starr vor Schrecken. Sie wühlte ein bisschen in meiner Hose herum, dann legte sie, sorgfältig wie ein Chirurg bei der Operation, meine kleine Erektion frei. Und sah mich überrascht an. Und lachte laut auf. »Da ist ja noch gar nichts!«, kicherte sie, »du hast ja noch nicht mal Haare!« Auf der Stelle verlagerte sich mein gesamtes Blut in den Kopf, für den Unterleib waren da leider keine Kapazitäten mehr frei. Das kleine Stängelchen schrumpelte in sich zusammen, da half auch nichts, dass ich protestierend darauf hinwies, dass da sehr wohl schon Haare seien: »Hier! Guck doch!«, und ich zog das T-Shirt ein bisschen höher, damit sie freie Sicht hatte auf den zarten, zu allem Überfluss auch noch hellblonden Flaum, auf den ich so stolz gewesen war in den letzten Wochen, aber sie schüttelte nur lachend mit dem Kopf und zog das Schlüpfergummi nach oben, sodass gnädig alles verhüllt wurde.

Dann gingen wir wieder rüber zu den anderen. Um überhaupt irgendwo hinschauen zu können, guckte ich von nun an konzentriert und stier auf den Fernseher und sah direkt in das feiste Gesicht von Helmut Kohl, der sehr glücklich und zufrieden wirkte. Ich konnte den Blick nicht davon lassen, bloß nicht zu den anderen, bloß niemand ins Gesicht gucken, erst recht nicht Martina, und so starrte ich auf Kohl und hing an jeder Bewegung seiner Lippen. Dieses Bild brannte sich für immer unauslöschlich in mein Gedächtnis. Lange Zeit schmeckte ich unweigerlich den penetranten Geschmack von Negerküssen auf meiner Zunge, wenn ich im Fernsehen Helmut Kohl sah. Und der Mann war lange Zeit wirklich oft im Fernsehen.

Schließlich überfällt mich noch heute ein Gefühl tiefer Scham, wenn ich etwas von Negerküssen höre. Weshalb ich ihre Umbenennung sehr begrüße.

Der Soundtrack meiner Jugend

Ahne war genervt. »Was für eine Scheiß-Musik«, schimpfte er.

Ich lauschte eine Weile: da war in der Alten Kantine der Kulturbrauerei wohl von der letzten Achtzigerjahre-Party noch eine CD liegen geblieben, die ein argloser Techniker jetzt vor dem Kantinenlesen eingelegt hatte. Ein Hit nach dem anderen, und irgendwie überkam mich eine angenehm sentimentale Stimmung. Ich ermahnte den zornigen Kollegen: »Sei doch nicht so herzlos. Scheiß-Musik hin oder her – das wurde früher bei uns immer gespielt! Da wird einem doch ganz warm ums Herz!«

Ahne schaute mich ungläubig an: »Dabei wird dir warm ums Herz? Das ist doch furchtbar.«

»Natürlich ist es furchtbar. Aber damals ...«

»Damals war das auch schon furchtbar«, zeigte Ahne sich unerbittlich.

»Ja, schon«, gab ich zu, »aber trotzdem ... Das war er eben, der Soundtrack einer Jugend in den Achtzigern in Westdeutschland. Es geht doch um Erinnerungen. Um Gefühle. Bei Musik geht’s doch immer zuerst um Gefühle!«

»Ich fühle mich aber schlecht, wenn ich solchen Dreck höre«, sagte Ahne. Ach, was wusste der schon. Die hatten im Osten ja schließlich gar keine Musik damals.

Für mich aber sind so viele schöne Erinnerungen mit diesen Hits verbunden. Scheiß drauf, ob die Songs gut sind! Es ist halt unsere Musik! Ich höre ja praktisch nie Radio und auch nie englischsprachige Musik, aber diese Lieder, die kannte ich alle. Weil sie eben damals liefen. Auf den ersten – huch, jetzt kommt ein Wort, bei dem ich sogar ein bisschen zusammenzucke – auf den ersten Feten. Eine Fete, das hieß: ein dunkler Raum. Und: Mädchen.

Ich fand das schrecklich. Die Musik sowieso. Aber die musste halt laufen, wenn man modern war. I am hai-ai-ai-ai-ai on Emotion. Ich dagegen hörte, wenn ich überhaupt was hörte, Reinhard Mey. Eigentlich hörte ich aber gar nichts, Musik interessierte mich überhaupt nicht. Das war mir – ich weiß auch nicht – zu modern. Genau wie die Sache mit den Mädchen. Das war mir auch zu modern.

Also, nicht, dass ich nicht durchaus Sehnsucht nach Annäherungen verspürte, das schon. Aber dass es für die Befriedigung dieses drängenden Bedürfnisses allen Ernstes nötig sein sollte, in einem dunklen Raum herumzuhoppsen und die Arme und Beine seltsam und unkontrolliert zu bewegen, das fand ich inakzeptabel.

Nun wollte ich mich sozial allerdings auch nicht völlig isolieren, also ging ich halt hin zu den Feten. Und suchte mir zielgerichtet die dunkelste Ecke im abgedunkelten Gemeindesaal, setzte mich dort hin und betrachtete missmutig das Geschehen. Wie die anderen zu dieser furchtbaren Musik tanzten. Und dabei rätselhafterweise irgendwie mit den Mädchen in Kontakt kamen. Und, das wusste ich aus den Erzählungen der anderen, dieser Kontakt wurde dann manchmal, wenn die Eltern nicht zu Hause waren, auf eine Art und Weise fortgesetzt, die mich durchaus interessiert hätte. Aber deswegen wirklich jede Würde aufgeben? Und zu Big in Japan wild mit den Armen in der Mitte des Saals herumschlenkern? Nein! So groß war meine Verzweiflung nun doch wieder nicht. Das würde sich schon auch irgendwie anders ergeben.

Ich saß also in meiner Ecke und nippte Apfelsaft. Wenn sich versehentlich oder aus Mitleid mal einer der Klassenkameraden kurzzeitig dazu gesellte, versuchte ich, meine soziale Inkompatibilität mit ein paar sarkastischen Bemerkungen zu übertünchen. So galt ich bald schon als intellektuell, was mir einen gewissen Respekt in der Hackordnung sicherte. Später entdeckten wir dann den Alkohol für uns, und die Lage entspannte sich etwas. Jetzt musste ich nicht nur einfach so in der Ecke sitzen, sondern konnte dabei trinken. Damals galt es als cool, Bier zu trinken. Und als sehr cool, sehr viel Bier zu trinken. Eine Technik, die ich rasch erlernte und perfektionierte. Zwar konterkarierte ich den Eindruck der Coolness empfindlich mit meiner Kleidung, die nach wie vor ausschließlich meine Mutter für mich aussuchte, und zwar nach den Geschmackskriterien, die bürgerliche Mittfünfziger-Hausfrauen einer gut situierten westdeutschen Vorortsiedlung an die Begriffe »schick« und »jugendlich« anlegten, was ziemlich genau das Gegenteil von dem war, was unter den Jugendlichen derselben Vorortsiedlung als schick und jugendlich galt. In meinem Fall bedeutete das: Cordhose und bunt gestreifter Nicki. Was meine selbstverständlich Jeans tragenden Mitschüler erstaunlicherweise wiederum als Ausdruck meines Intellektuellentums missinterpretierten, erst recht in Kombination mit meiner Verweigerung, beim Tanzvergnügen mitzumachen, was ich wiederum mit immer zynischeren Kommentaren auszugleichen versuchte. Wenn ich heute manchmal gefragt werde, wie man eigentlich dazu kommt, Satiriker zu werden: so geht’s. In der Ecke sitzen, zugucken, trinken – dann läuft es eigentlich ganz von allein.

Andererseits: Sie machten es einem ja auch wirklich nicht schwer. Wenn eine Horde Fünfzehnjähriger mit von tiefem Empfinden gezeichneter Miene und nach oben gereckter Faust über die Tanzfläche hoppelt und dazu grölt: Verdamp lang her, verdamp lang, verdamp lang her. Oder wenn eine Gruppe von Arztsöhnchen und Anwaltstöchtern mit adretten Scheiteln und steifkragigen weißen Hemden unter den V-Ausschnitt-Strick-Pullovern wie in Extase brüllt: Born to be wild. Oder wenn sich am Ende einer Fete alle umfassen, um gleichgeschaltet und mit Tränen der Ergriffenheit in den Augen zu singen: Freiheit, Freiheit, ist das Einzige, was zählt. Bevor dann um neun Uhr abends das Licht angeht und Mutti vor der Tür im Wagen wartet, um den Nachwuchs nach Hause und ins Bett zu bringen. Was könnte man dazu groß sagen, ohne zum Zyniker zu werden?

Wirklich nachvollziehbar wirkte die Begeisterung nur, wenn Herbert Grönemeyer erklang: Kinder an die Macht! Ich war damals schon dankbar, dass kein auch nur halbwegs bei Sinnen stehender Erwachsener diesen Quatsch in die Tat umzusetzen gedachte. Auch bei Männer aus gleichem Hause wirkte das Mitsingen glaubwürdig: Wann ist ein Mann ein Mann? – das dürfte unterm Strich die vielleicht entscheidende Frage für die meisten Jungs gewesen sein, wenn sie morgens vor dem Spiegel ihre Haut, auf der sie so etwas wie die flaumige Ahnung von Bartkeimung ausfindig gemacht zu haben glaubten, wie besessen abschabten, weil irgendwer ihnen erzählt hatte, dass so die Entstehung von nachweisbaren Stoppeln beschleunigt werden könnte. Und Wann ist ein Mann ein Mann? haben sich fraglos auch alle gefragt, die misstrauisch allabendlich den Baufortschritt ihrer Schambehaarung und der Geschlechtsteile beäugten.

Vielleicht deswegen legte sich die allgemeine Grönemeyer-Begeisterung recht bald wieder. Dafür kam Marius Müller-Westernhagen. Während Herbert unter dem Verdacht stand, eher von uncoolen Typen gut gefunden zu werden, galt Marius als total wild und authentisch. Der Mann wurde rasch ein weiterer Grund, warum ich Feten hasste. Denn ganz und gar nicht lächerlich wirkte es, wenn fünfzig Teenager wie im Wahn herumsprangen und -hantierten, dabei wie die Schweine schwitzten und mit vor Verachtung bebender Stimme brüllten: Dicke schwitzen wie die Schweine / Fressen, stopfen in sich rin. / Dicke, Dicke, Dicke, Dicke – na du fette Sau?

Das war für mich als jemand, der dem Sujet des Liedes unangenehm nahekam, ohne jede Frage eine unangenehme Situation. Natürlich war das irgendwie anders gemeint, das war mir damals schon klar, irgendwas mit Vorurteilen vorführen und so – aber so oder so rückte der Song unweigerlich meine Statur ins Rampenlicht, und das gefiel mir schon mal gar nicht. Und erst recht gefiel mir nicht, dass die Situation mich zwang, mich aus meiner Ecke begeben und mithopsen zu müssen. Denn es war ja ohnehin klar, dass alle bei dem Lied an mich denken würden, und wenn ich dann sauertöpfisch in der Ecke sitzen bleiben würde, könnte ich Bier trinken und intellektuelle Sprüche klopfen, so viel ich wollte, es würde meinen sozialen Status nicht mehr retten. Sie hätten mir meine Souveränität nicht abgekauft, intellektuelle Textexegese hin, Vorurteile vorführen her. In dem Moment war ich einfach der Dicke. Was blieb mir also übrig? Also Angriff.

Ungelenk, unrhythmisch und übellaunig sprang ich also in die Menge hinein und kam mir dabei vor wie eines dieser Barbapapa-Männchen, nur dass ich hier nicht süßlich-klebrig von heiler Welt säuselte, sondern mit der Menge schrie: Dicke müssen ständig fasten / damit sie nicht noch dicker werden / und ham sie endlich zehn Pfund abgenommen / ja dann kann man es noch nicht mal sehn, und wie einer dieser furchtbaren Hüpfbälle, auf denen wir immer durch die Turnhalle hopsen mussten, schlug ich eine Schneise durch meine zunehmend etwas verängstigten Mitschüler, die auch nicht so recht wussten, was sie von der Situation nun halten sollten. Aber ich sprang enthemmt durch den Saal und brüllte jedem, der sich nicht schnell genug wegducken konnte, hysterisch ins Ohr: Und darum bin ich froh, dass ich kein Dicker bin! Denn Dicksein ist ne Quälerei! Ich fühlte mich unwohl, aber ich wusste, ich musste es durchziehen. Ich bin froh, dass ich so’n dünner Hering bin / denn dünn bedeutet frei zu sein, schrie ich den verunsicherten Mitschülern ins Gesicht und bewegte mich dazu so energisch wie im Sportunterricht der gesamten Mittelstufe nicht, Dicke ham’s so schrecklich schwer mit Frauen / Denn Dicke sind nicht angesagt / drum müssen Dicke auch Karriere machen / Mit Kohle ist man auch als Dicker gefragt, blaffte ich den Mädchen ins Gesicht, mein Gesichtsausdruck bekam etwas Wahnhaftes, ich donnerte weiter wie eine Abrissbirne von einer Seite des Gemeindesaals zur nächsten, meine Mitschüler brachten sich zunehmend in Sicherheit. Als der beschissene Song endlich zu Ende war, sahen mich alle ein wenig furchtsam, aber auch erkennbar respektvoll an.

Außer Peter. Der war immer schon etwas schlicht gestrickt, halt einer von denen, die im Sport gut waren. Seine ganze Reputation zog er aus diesem Umstand, ansonsten hatte er wegen erwiesener Vollpfostigkeit keinen allzu guten Stand. Er guckte mich nur verwundert an: »Aber du bist doch selber dick?« »Das ist Ironie, du Vollidiot, der Song ist ironisch!«, fuhr ich ihn an. Er schaute nur verständnislos, und dann sagte er es: »Was ist denn daran bitte schön ironisch? Das stimmt doch alles!«

Ich sah ihn kurz fassungslos an, dann schlug ich zu. Er war so überrascht, dass er, vermutlich eher vor Schreck als durch meinen wenig professionellen geführten Kinnhaken, zu Boden ging. Mitschüler quiekten und giggelten, sofort stürzten sich einige auf uns und zogen uns auseinander, und jetzt ging auch gleich das nächste Lied los: The Final Countdown. Na also. Ich tanzte weiter. Mein Ruf als Intellektueller hatte womöglich etwas gelitten, aber in der Klassenhierarchie war ich eindeutig ein paar Stufen aufgestiegen. Zum Glück war Peter nicht nachtragend. Trotzdem ließ ich nach diesem Vorfall die nächsten zwei oder drei Feten ungenutzt verstreichen.

Aber irgendwann musste ich ja doch wieder hin, es half ja nichts. Also saß ich wieder in meiner Ecke und lästerte. Tobias mochte mich wegen meiner Kommentare und respektierte mich wegen meines Trinkvermögens, er erkannte aber, dass die Sache mit den Mädchen noch suboptimal lief und redete auf mich ein. Ich müsse halt auch mal wieder mittanzen. Aber vielleicht anders als beim letzten Mal. Am besten – huch, noch so ein Wort, bei dem ich heute ein bisschen zucken muss – am besten sollte ich einfach mal schwofen.

»Los jetzt«, zischte er mir ins Ohr, als Forever young ertönte. »Frag Jana, ob sie mit dir schwoft!«

Ich wollte lieber in meiner Ecke sitzen bleiben. Einerseits. Andererseits: Mit ausgerechnet Jana sprach er aber auch wirklich mal was an. Mit der hätte ich ja sehr, sehr gerne mal was zusammen gemacht. Also: nicht schwofen, natürlich, aber die Erfahrung der letzten Monate hatte mir gezeigt, dass von alleine ansonsten auch nicht so recht was begann.

Andererseits: Und wenn sie nein sagt? Ich fühlte mich ebenso hilflos wie zunehmend panisch, nachdem Tobias mir erneut in die Seite boxte. »Und wenn sie nein sagt?«, fragte ich ihn also. »Ach was, die sagt nicht nein.«

»Und was soll ich dann machen? Ich kann das nicht!«

»Meine Güte, ist doch nur Schwofen. Da muss man nichts machen. Das geht ganz von allein. Hör einfach auf die Musik, beweg dich ein bisschen, und vor allem: halte sie in deinen Armen. Die führt dich schon irgendwie. Das ist alles. Das kann jeder. Das kann sogar Hannes, Mensch!« Das saß. Hannes war modisch auf einem ähnlichen Level wie ich, in Sachen Mädchen wohl auch, aber er hatte ein paar wichtige andere Aspekte vernachlässigt. Er trank weiterhin nur Apfelsaft und sagte nie etwas Lästerliches über seine Mitschüler, sondern versuchte einfach, dazuzugehören. Weshalb er eben nicht dazugehörte, sondern einfach als doofer Außenseiter galt. Und selbst der, das stimmte allerdings, selbst der schaffte es immer mal wieder, mit einem Mädchen zu schwofen, wenn dieses sich danach auch meist albern kichernd davonmachte. Aber immerhin.

»Na los, frag sie. Mach schon, jetzt, das ist das richtige Lied.« Gut, also, was soll’s. Schwofen wir halt. Die Flying Pickets. O Gott, das ist ja noch furchtbarer. Da-da-da-da, da-da-da-da – jetzt oder nie, also hin zu ihr – Da-da-da-da, da-da-da-da – »wollen wir zusammen tanzen?« Da war es raus. Guck mal, ist ja gar nichts bei passiert. Vorher war ich mir nicht sicher gewesen, ob in dem Moment die Musik aus- und das Licht angehen und irgendwer laut rufen würde: »Ha! Heiko hat Jana gefragt, ob sie zusammen tanzen wollen. Zu den Flying Pickets. Ha-ha!« Aber nichts: Die Musik ging einfach weiter, die anderen torkelten eng umschlungen über die Tanzfläche, und Jana lächelte mich freundlich an und sagte: »Klar, gerne.« Ich war verblüfft. Das war ja einfach.

Und dann schwoften wir also. Am Anfang war ich noch sehr unsicher. Ich hatte keine Ahnung, was ich eigentlich machen sollte, ich hatte kein Gefühl für Takt und keines für Bewegungen. Aber Tobias hatte Recht. Es ging irgendwie. Sie führte mich. Und wir bewegten uns tatsächlich. Irgendwie. Wir hatten sogar Körperkontakt! Ich war völlig benommen, aber ganz klar: Wir berührten uns. Einfach so! Da-da-da-da, da-da-da-da. Zunehmend fühlte ich mich sicherer, na also, das ging doch ganz gut, vielleicht war ich ja sogar ein begabter Tänzer, ein Naturtalent, wer weiß das schon, ich hatte es ja noch nie probiert. Ich wurde mutiger und traute mich sogar noch näher an sie heran. Natürlich nicht zu nah, das war ja klar. Und dabei einfach versuchen, irgendwie mitzuhalten, dabei möglichst gefühlig in ihren Armen die Richtung zu erahnen, in die es mit den nächsten Takten gehen sollte. Da-da-da-da, da-da-da-da. Am Ende des Liedes lächelte ich ihr schüchtern zu und flüchtete rasch zurück in meine Ecke. Wir wollen’s ja nicht gleich übertreiben. Tobias saß da und erwartete mich. »Und?«, fragte ich ihn stolz. Ich war sehr zufrieden mit meiner Premiere.

»Na ja«, antwortete er etwas zögerlich, »fürs erste Mal vielleicht ganz okay ...« Oha. Das klang aber nicht nach überschäumender Begeisterung. Hatte ich mein Naturtalent doch etwas überschätzt?

»Äh, wieso fürs erste Mal?«, fragte ich.

»Na ja«, antwortete Tobias, »es ist ... also ... zum einen: Es ist schon richtig, dass sie dich führt, aber es wäre trotzdem besser, wenn du dich zusätzlich auch noch selbstständig bewegen würdest.« Ich war irritiert. Was meinte er bloß? »Also: Der Sinn beim Schwofen ist eher nicht, dass sie dich durch den Raum trägt, verstehste? Und außerdem«, fügte er an, »wäre es auch besser, wenn du dabei nicht steif wie ein Brett bliebest, du kannst theoretisch sogar auch deinen Oberkörper bewegen, verstehste?« Ich nickte sicherheitshalber vorsichtig. »Na ja, und schließlich ...«, Tobias zögerte, , »also: Vom Schwofen kann man nicht schwanger werden.« Ich schaute ihn verständnislos an. »Hä?« »Na ja, es ist irgendwie uncool, wenn du deinen Hintern so weit nach hinten rausstreckst, dass da noch bequem jemand zwischen passen würde, verstehste? Es ist schon so gedacht, dass sich auch die Hosen mal berühren dürfen, da passiert nichts. Das ist, äh, irgendwie sogar der Sinn beim Engtanz. Bei dir sah’s aber eher so aus, als hättest du lange Nadeln vorne an der Hose und würdest sie für einen Luftballon halten, den du nicht zum Platzen bringen wolltest, verstehste?«

Vorsichtig schaute ich zu Jana rüber, die mit einigen Freundinnen zusammenstand. Gemeinsam gackerten und kicherten sie ausgelassen über irgendwas. Beziehungsweise wohl eher: über irgendwen. Oh, verdammt.

»Na, ist nicht so schlimm, fürs erste Mal, wie gesagt, schon ganz okay«, versuchte Tobias mich zu beruhigen.

Ich aber holte mir ein neues Bier und blieb den Rest des Abends unbeweglich in meiner Ecke. Und hielt es bei den nächsten Feten auch so, es galt, diese Schmach vergessen zu machen. Immerhin: Es gelang mir in den folgenden Monaten, meinen Ruf als zynischer Intellektueller deutlich zu festigen. Von Jana hielt ich aber lieber einen ordentlichen Sicherheitsabstand.

Da-da-da-da, da-da-da-da.

»Boah, das ist ja echt nicht zum Aushalten!«, schimpfte Ahne.

»Mann, da hängen doch so viele Erinnerungen dran. An die Jugend! Wie schön das damals alles war! Bei Musik geht’s doch immer zuerst um Gefühle!«, redete ich auf ihn ein.

Ahne sah mich misstrauisch an. Er glaubte mir nicht.

Aber die hatten ja sicher auch gar keine Musik damals, die da drüben im Osten.

Interrail machen

Wir konnten es kaum abwarten bis zu den Sommerferien. Ralf und ich waren gerade sechzehn geworden, und das bedeutete: Wir waren alt genug, Interrail zu machen.

Interrail machte man. »Machst du Interrail in den Sommerferien?« – »Natürlich mache ich wieder Interrail, ich habe ja letztes Jahr auch schon Interrail gemacht.« Interrail machen – das war die Chiffre für Abenteuerurlaub, Freiheit, Erwachsensein. Autofahren durften wir noch nicht, Fliegen war generell viel zu teuer, Bahnfahren eigentlich auch, aber Interrail, das ging. Ein Bahnticket, das es einem erlaubte, vier Wochen lang sämtliche Züge in fast ganz (West-)Europa kostenlos zu benutzen, ohne jegliche Einschränkung. Und das zu einem erstaunlich günstigen Preis. Interrail war für fast jeden finanzierbar. Wer sehr wenig Geld hatte, lebte halt ganz in den Zügen. Und galt damit zudem als ausgesprochen cool. Wir hatten mit leuchtenden Augen die Geschichten gehört davon, wie sie einfach abends zum Bahnhof gegangen und in den nächsten Nachtzug gestiegen sind, ganz egal, wo der hinfuhr, Hauptsache: Er fuhr durch bis zum nächsten Morgen. Wir hörten von Travellern, die in den Gepäckablagen in den Abteilen schliefen, wir hörten von Geschlechtsverkehr auf Zugtoiletten und davon, wie in Großraumwaggons Freundschaften in alle Teile Europas geschlossen wurden.

Unsere Eltern waren weniger angetan. Sie mochten es generell nicht, dass wir herumreisen wollten, sie hätten es lieber gesehen, wir wären einfach wieder auf einen Zeltplatz in Holland gefahren, so wie letztes Jahr. Herumreisen, das war ihnen suspekt. Trampen war uns kategorisch verboten, man sah ja bei Aktenzeichen XY ungelöst allmonatlich, was dabei herauskommt. Der Bahn, die damals ja noch Bundesbahn hieß und auch ein wenig die Aura einer rollenden Behörde hatte, war da ein gerade noch akzeptabler Kompromiss. Dabei, und das war für uns das Verlockendste, galt Interrail sogar in Marokko. Das war unser Plan. In Münster in den Zug steigen, und dann direkt durch Frankreich und Spanien bis nach Marokko. Wir waren zwar außer in Holland noch nie zuvor in Europa unterwegs gewesen, so gesehen wäre alles neu gewesen, aber Marokko, das klang halt doch noch mal ganz anders, das war Afrika! Exotisch, eine fremde Welt, da gab es eine richtige Wüste und wirkliche wilde Tiere, Dromedare etwa oder Dornschwanzagamen, und eine andere Kultur, Basare und Beduinen. Da wollten wir hin.

»Auf keinen Fall!« Da waren unsere Eltern sich ungewohnt einig. Marokko, das war Afrika. Dritte Welt. Elend. Kriminalität. Bürgerkrieg. Die würden einen nur ausrauben und schließlich gegen Maultiere in irgendein Arbeitslager verkaufen. »Aber Papa, warum sollten die uns in ein Arbeitslager verkaufen, wir können doch gar nichts, das sagst du doch selbst immer.«

»Außerdem hassen die uns, wegen dem Krieg. Wegen dem Rommel, dem Wüstenfuchs. Das ist nämlich einer der Guten gewesen, der konnte richtig Krieg führen, der verstand was davon!«

»Aber Papa, wir haben den Krieg doch verloren.«

»Ja, aber in Nordafrika hätten wir ihn gewinnen können. Weil der Rommel so gut war, und deshalb hassen die uns. Und außerdem: Da ist es sehr schmutzig. Da wird man krank vom Essen.« Es hatte keinen Zweck.

»Dann fahren wir halt nach Spanien.« »Auf keinen Fall!« Da waren unsere Eltern sich ungewohnt einig. Die Argumentation verlief ungefähr analog, ebenso bei Italien und Griechenland. Insgesamt, das war klar, war der kriminelle und unhygienische Süden einfach zu gefährlich für uns.

Wir einigten uns schließlich auf Irland und England. Vor allem angesichts des Arguments vom Essen, das einen krank mache, war das natürlich eine eher bizarre Wahl, aber gut. Leichte Vorbehalte gab es zwar auch, wegen dem Krieg, aber mein Vater war in englischer Gefangenschaft gewesen und hatte die Tommys, wie er sie zu nennen pflegte, als einigermaßen faire Gefangenschaftsgastgeber empfunden. Außerdem waren sie in Münster unsere persönlichen Besatzer, unser Wohngebiet war direkt eingekeilt zwischen der Kaserne und ihren Reihenhäusern, da hatte man über die Jahre Zeit gehabt, sich aneinander zu gewöhnen. Über Irland wusste ohnehin niemand etwas, das galt gemeinhin als abgeschieden, ruhig und unproblematisch. Und mein Vater mochte den Whiskey von dort.

So machten wir also Interrail auf die britischen Inseln. In Sachen Exotik und Wetter zwar eine herbe Schlappe für unsere Urlaubsplanung, verheißungsvoll war es aber trotzdem. Dass wir dafür durch Frankreich mussten, um mit der Fähre von Le Havre nach Cork überzusetzen, behielten wir lieber für uns.

Es wurde eine aufregende und schöne Reise. Zurück ging es über London, wo wir in einem internationalen Jugend-Zeltlager unterkamen. Im Prinzip wie eine Jugendherberge, nur in Form großer Zelte, mit Feldbetten. Abends gab es Grillfeste und Lagerfeuer. Ralf und ich feierten unsere letzte Nacht. Am nächsten Tag würde es über Dover zurück aufs Festland und dann direkt nach Münster gehen, unser Interrail-Ticket lief ab.

Wir saßen an einem der großen Tische, die überall aufgestellt waren, und kamen ins Gespräch mit den anderen Jugendlichen. Eine vielleicht zehnköpfige Gruppe junger Männer aus Marokko. Die auch Interrail machten. Wir erzählten ihnen, dass wir zuerst überlegt hatten, nach Marokko zu fahren. Die Gründe, warum wir uns dann doch anders entschieden, unterschlugen wir lieber. Sofort hatten die Jungs, die vielleicht so um die zwanzig waren, uns freundlich in ihre Mitte aufgenommen. Sie boten uns von ihren Getränken und ihrem Essen an, alles war sehr fremd für uns, wir waren begeistert. So gab es zum Abschluss unserer Reise doch noch einen Hauch der ursprünglich erhofften Kontakte mit aufregenderen Ländern und Kulturen.

Es gab auch Bier, und bald schon stießen wir auf unsere Völkerfreundschaft an, tauschten Adressen aus, und wir versprachen, dass wir im nächsten Jahr dann aber wirklich Interrail nach Marokko machen würden. Ob das denn auch wirklich ungefährlich für uns sei, fragte ich behutsam. Ja, ganz bestimmt, beruhigten unsere neuen Freunde uns. Marokko sei ein friedliches, gastfreundliches Land. Da habe niemand etwas zu befürchten. Und wir ganz bestimmt nicht, denn schließlich seien wir doch Deutsche! Da würden wir überall in Marokko mit offenen Armen empfangen.

Ralf und ich sahen uns erstaunt an. Da hatten wir ja nun schon ganz anderes gehört. Warum werden wir als Deutsche mit offenen Armen empfangen, fragte ich also vorsichtig. Wegen dem Fußball, rief sofort einer. Die Deutschen sind die Besten im Fußball! Wir lachten und empfahlen, diese Einschätzung hier in England vielleicht lieber nicht so laut zu vertreten. Und wegen Hitler natürlich, riefen unsere neuen Freunde fröhlich. Ralf und ich sahen uns irritiert an. Was war das denn jetzt? Haben sie uns nur in Sicherheit gewogen, um jetzt doch mit uns abzurechnen? Würden sie uns verantwortlich machen für die Verbrechen, die in Nordafrika wahrscheinlich ja auch passiert waren? Und für den ganzen verdammten Krieg? Wir hatten ja im Grunde gar keine Ahnung davon, was dort damals passiert war.

Wir versuchten uns sofort in Verteidigung. Das sei doch schon so lange her, gaben wir zu bedenken, Deutschland heute sei doch ganz anders. Natürlich gebe es ein paar Unverbesserliche, aber die meisten Deutschen seien anderen Völkern gegenüber sehr aufgeschlossen. Ja, natürlich, rief einer der Marokkaner, mit dem Krieg hätten wir natürlich nichts zu tun. Darauf stießen wir erleichtert mit ihnen an. Aber, spann der Wortführer die Unterhaltung weiter, aber wenigstens hätte Hitler mal was gegen die Juden gemacht. Ralf und ich starrten ihn sprachlos an. War das eine Falle? Wir hatten ausgiebig im Unterricht die Gräuel des Holocaust durchgenommen, wir hatten Filme gesehen und Anne Franks Tagebuch gelesen, wir hatten leidenschaftlich geschworen, dass so etwas nie wieder passieren dürfe und man den Anfängen wehren müsse, wir hatten gegen die Wahlerfolge der Republikaner protestiert, und nun das. Jetzt wollten sie uns dafür verantwortlich machen? Überschwänglich prostete unser Gegenüber uns zu, dann rief er: Deutsche und Araber, wir sind Freunde und werden immer Freunde sein! Weil wir gemeinsam gegen die Juden kämpfen! Die anderen aus der Gruppe fielen jubelnd ein, die Bierdosen tockten zusammen. Und mir wurde allmählich klar: Die wollten uns überhaupt keine Vorwürfe wegen der Vergangenheit unseres Landes machen. Die mochten uns wegen der Vergangenheit unseres Landes.

Auf eine solche Situation hatte uns in der Schule niemand vorbereitet. Judenhass – das kannten wir ausschließlich als deutsches Phänomen aus der dunklen Geschichte. Uns wurde sehr unwohl zumute. Aber, so versuchten wir noch ein letztes Argument, die Deutschen hätten doch im Krieg auch gegen sie, die Nordafrikaner, gekämpft? Ja, schon, aber das sei doch so lange her, das könnten sie uns heute doch nicht mehr vorwerfen. Was zählt, ist das Heute! Und da verbinde uns eben die Abneigung gegen die Juden! Prost! Auf die arabisch-deutsche Völkerfreundschaft!

Wir hätten widersprechen müssen. Wir hätten gehen müssen. Wir hätten irgendwas tun müssen.

Wir sagten nichts. Wir gingen nicht. Wir taten nichts. Wir saßen da, versuchten uns nichts anmerken zu lassen, wir ließen uns sogar, als wir dann doch ins Bett gehen wollten, noch zu einem weiteren Bier überreden, auf die deutsch-arabische Freundschaft. Trotz allem: Wir genossen die Herzlichkeit und Freundlichkeit unserer neuen Bekannten, wir waren auch ein wenig stolz, dass wir dieses exotische Abenteuer bestanden hatten. Das leidige Juden-Thema war längst vergessen. Wir bleiben in Kontakt! Wir schreiben Euch mal! Wir besuchen Euch!

Der Kater am nächsten Morgen fühlte sich stärker an als üblich. Wir packten unsere Rucksäcke und zogen los, Richtung Bahnhof. Wir hatten Interrail gemacht. Morgen würden wir wieder im übersichtlichen, ruhigen Münster sein.

Wir haben uns nie geschrieben. Im nächsten Jahr haben wir tatsächlich wieder Interrail gemacht. Diesmal nach Skandinavien.

Die Knaben im Moor

Uns zog es gleich zu Beginn unserer ersten Interrail-Tour nach Connemara. Diese Region ganz im Westen von Irland galt als besonders ursprünglich und wild, mit weiten Moor-Landschaften. Nicht ganz Afrika, in unseren Ohren aber doch immerhin sehr exotisch.

Irland war, neben Skandinavien, das einzige Land in Europa, wo man sein Zelt einfach aufschlagen durfte, wo man wollte. Das erschien uns ebenfalls aufregend. Unterstrichen wurden unsere Fantasien noch von unserem Reiseführer, dem »Velbinger«, damals das unter Backpackern am weitesten verbreitete Standardwerk, das unsere Sympathie schon dadurch erobert hatte, dass es als Symbol für Camping-Hinweise ein comichaft gemaltes Zelt verwendete, aus dem die Füße eines kopulierenden Paares herausragten. Wild zelten! Mehr Freiheit und Abenteuer war ja gar nicht denkbar.

Tatsächliche, reale Gefahren schien es dagegen keine zu geben. Kriminalität galt als unbekannt, die beiden einzigen Warnhinweis waren, einerseits nicht direkt an Klippen zu zelten, damit das Zelt im Falle eines der häufigen Stürme nicht in den Abgrund geweht würde, und nicht auf Kuhweiden zu campieren, denn angeblich, so der »Velbinger«, habe es schon Todesfälle durch Stampeden gegeben. Beide Risiken schienen uns gut überschaubar. Steile Klippen würden wir einfach meiden, und Kühe kannten wir aus Westfalen hinreichend gut, die beunruhigten uns nicht.

Wir reisten mit dem Bus an, stiegen einfach irgendwo aus, wo alles schön grün aussah, wanderten ein wenig ins Moor hinein und schlugen an einer etwas erhöhten, nicht allzu nassen Stelle unser Zelt auf. Dann schmissen wir den Gas-Campingkocher an, um uns Spaghetti zu kochen und damit den kulinarischen Fahrplan für die kommenden vier Wochen vorzugeben, denn wir konnten beide sowieso nichts anderes. Es war herrlich! Gut, es war kühl und regnete, aber das gehört ja nun mal zu Irland dazu, das unterstrich nur den Hauch von Abenteuer. Als es dunkel wurde, zogen wir uns ins Zelt zurück, genossen das Pladdern des Regens auf unserem Zeltdach und unterhielten uns noch lange, ehe wir irgendwann glücklich einschliefen.

Mitten in der Nacht wurde ich wach. Der Regen war erheblich stärker geworden. Es schüttete. Na ja, so ist halt Irland, dachte ich. Auch wenn sich alles jetzt schon etwas ungemütlich anfühlte, die Sachen klamm, irgendwo tropfte es zudem offenbar, außerdem fröstelte mich etwas. Vor allem aber meinte ich, seltsame Geräusche zu hören. Ich konzentrierte mich, konnte aber nichts Genaueres ausmachen, zumal der auf das Zelt prasselnde Regen eine beachtliche Lautstärke erreicht hatte. Ein bisschen gruselig war es ja schon, das Wildzelten. Wir hatten uns zwar etwas von der Straße entfernt, damit nicht jeder vorbeifahrende Wagen uns gleich sehen konnte, und es gab ja praktisch keine Kriminalität in Irland. Andererseits – Geschichten von Trollen, merkwürdigen Wesen und Dorfwahnsinnigen gab es dann doch reichlich, auch dem Moor an sich haftete ja eine unheimliche Aura an. Tagsüber hätte ich jeden Gedanken daran natürlich lachhaft gefunden, aber jetzt nachts war mir meine Anette von Droste-Hülshoff, die jedes Kind in Münster mit der Muttermilch aufsaugt, doch plötzlich recht präsent.

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,Wenn es wimmelt vom Haiderauche,Sich wie Phantome die Dünste drehnUnd die Ranke häkelt am Strauche,

Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,

Wenn aus der Spalte es zischt und singt –O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Nun gut: Wir gingen ja nicht übers Moor. Wir zelteten auf ihm. Auf einem Hochmoor zudem, das eigentlich nicht sonderlich moorig gewirkt hatte. Am Tag jedenfalls. Da hatte es eigentlich eher wie eine große Wiese gewirkt, mit etwas anderer Vegetation und etwas wackligem Boden, was wir aber ausgelassen hüpfend genossen hatten. Wenn einer kräftig hochsprang und landete, wackelte der Boden im Umkreis von mehreren Metern, das hatten wir lustig gefunden.

Es regnete und regnete. Was aber, wenn der Boden aufweichte? Der ohnehin wacklige Moorboden? Ach, red‘ dir nichts ein, redete ich mir ein. Unsinn. Zelt im Moor versunken – das stand nicht mal im Velbinger. Das gab’s nicht. Es war ein nicht enden wollender Platzregen, ein Land-Platzregen sozusagen. Gut, Überschwemmungen durch zu viel Regen, so was gab es ja sogar im Münsterland. Die Werse trat regelmäßig über die Ufer und flutete die Weiden der Umgebung. Und so viel Regen wie hier hatte ich zu Hause noch nie erlebt. Jedenfalls klang es danach, das mir zunehmend ohrenbetäubend erscheinende Getrommel auf der Plane. Und wenn sehr viel Wasser auf eine ohnehin ja irgendwie matschige, wacklige, offenkundig also nicht wirklich stabile Oberfläche traf und diese weiter durchweichte ... – könnten wir womöglich einfach untergehen? Wie funktioniert das überhaupt mit diesen Moorleichen? Waren nicht schon ganze Mammutherden, Steinzeitmenschen und Saurier unter ähnlichen Umständen zu Tode gekommen? Die hatten bestimmt auch zuvor gedacht, sie seien sicher. Man weiß ja überhaupt sehr wenig über Moore.

Fest hält die Fibel das zitternde Kind

Und rennt, als ob man es jage;

Hohl über die Fläche sauset der Wind –

Was raschelt drüben am Hage?

Das ist der gespenstige Gräberknecht,

Der dem Meister die besten Torfe verzecht;

Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!

Hinducket das Knäblein zage.

Meine Gedanken jagten sich im Kreis. Und bildete ich mir das nur ein, oder wackelte es tatsächlich ein bisschen? Ja, Ralf hatte sich umgedreht. Und gleich bebte der ganze Boden. Das war am Abend aber noch nicht so ausgeprägt gewesen. Da musste man schon mit aller Kraft auftreten oder eben springen, um den Effekt zu erzielen. Ich verlor die Nerven. »Ralf, wach auf, wir gehen unter!«, rief ich, während der Regen weiter prasselte. Ralf fuhr hoch, sofort wackelte wieder alles. »Was ist los?«, fragte er verwirrt, »du spinnst. Auf der Fähre waren wir gestern, hier sind wir an Land, hier kann man nicht untergehen.« Jetzt schien er den Lärm des Regens erst richtig zu registrieren und schob ein etwas unsicherer klingendes » ... glaub ich jedenfalls« hinterher. »Guck mal, was passiert, wenn ich auf den Boden haue«, sagte ich. Es war, als zelteten wir auf einem großen Wackelpudding. Oder einem Wasserbett. Jede Bewegung führte sofort zu spürbaren Vibrationen und Gewackel. »Das war doch die ganze Zeit schon«, murmelte Ralf, aber richtig überzeugt wirkte er nicht. »Es hat die ganze Nacht geregnet«, gab ich zu bedenken, »das ganze Wasser muss ja hier ins Moor eingezogen sein. Vielleicht weicht jetzt der ganze Boden auf, und wir gehen unter?« »Quatsch«, sagte Ralf, aber er betonte es eher wie »schon möglich«. In dem Moment vibrierte der gesamte Boden wie toll. Wir sahen uns entsetzt an. Wieder eine Welle, wieder bebte der ganze Boden. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Ich wollte nach Hause. Aber das konnte ich natürlich auf keinen Fall sagen. Es war schließlich, nach der Nacht auf der Fähre, unsere erste richtige Feriennacht, das Abenteuer war gerade erst losgegangen. Und war uns schon erheblich zu abenteuerlich, denn jetzt bebte der Boden zwar nur recht fein, aber doch sehr anhaltend. Von uns, das war damit endgültig geklärt, gingen die Wellen also auf keinen Fall aus. »Ist da draußen nicht auch irgendwas?«, fragte ich unsicher. Allerdings hörte man kaum etwas, wegen dem Regen. Ralf schaute plötzlich wild entschlossen und knurrte: »Wir gehen da jetzt raus und gucken nach!«

Da birst das Moor, ein Seufzer geht

Hervor aus der klaffenden Höhle;

Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:

»Ho, ho, meine arme Seele!«

Der Knabe springt wie ein wundes Reh,

Wär’ nicht Schutzengel in seiner Näh’,

Seine bleichenden Knöchelchen fände spät

Ein Gräber im Moorgeschwehle.

Ich schluckte. Ich hatte Angst. Ich wollte nicht mitten in der Nacht bei Starkregen in ein bebendes Moor hinaus. Hier lagen wir wenigstens. Ich hatte in den Abenteuerbüchern meiner Kindheit gelesen, dass man sich hinlegen muss, wenn man in Mooren oder Treibsand oder auf Eis einzusinken oder einzubrechen droht. Wer weiß – wenn wir einen Schritt vor die Tür setzen, dann schnappt sich uns das Moor. Und zieht uns in die Tiefe.

Aber Ralf hatte sich schon vorgebeugt, die Taschenlampe angemacht und den Reißverschluss des Eingangs aufgezogen. Er lugte kurz nach draußen, dann stieg er aus dem Zelt. Ich wartete ängstlich, ob ein auffälliges Schmatzgeräusch davon kündetete, dass er vom Untergrund verschlungen worden war. Aber nichts. Nur der Boden wackelte erkennbar, als er offenbar ums Zelt stapfte. »Komm mal raus«, brüllte er mir zu. Also gut. Der Gefahr ins Auge sehen. Vielleicht wirkte ja alles auch ganz harmlos, wenn man erst mal die Perspektive wechselte. Ich schnappte mir meine Taschenlampe, quälte mich in die eklig feuchten Schuhe und stieg ebenfalls nach draußen. Ralf stand direkt neben dem Eingang und ließ den Schein der Taschenlampe um das Zelt wandern. Und im Lichtkegel tauchten sie dann auf, eine nach der anderen: Kühe. Eine ganze Herde. Sie waren gekommen, uns zu holen. Beziehungsweise: uns zu zermalmen. Noch standen sie rings um unser Zelt und käuten gelassen vor sich hin. Immerhin, das erklärte das Beben. So eine Kuh wiegt ja ordentlich was, wenn die einen Schritt geht, kann der Moorboden schon mal wackeln. Aber wenn die Kühe nachts einfach über unser Zelt stampfen würden, dann wäre es um uns geschehen. »Ach du scheiße«, murmelte ich also, »was machen wir jetzt?« Ralf schaute mich erstaunt an: »Was sollen wir denn machen?« Er hatten den »Velbinger« nicht gelesen. Er wusste nichts von der Gefahr, in der wir schwebten. »Wenn die jetzt eine Stampede machen? Über unser Zelt?« Ralf sah zu mir, als habe ich den Verstand verloren. »Die stehen hier in aller Seelenruhe herum und machen überhaupt nichts. Außer eine Menge Kuhfladen, was morgen beim Frühstück unschön sein könnte. Sonst sehe ich hier keine Gefahr. Und so lange der Boden hier eine ganze Kuh-Herde trägt, wird wohl kaum unser Zelt darin versinken, egal wie viel es noch regnet. Ich leg mich jetzt wieder hin. Ich bin schon völlig durchnässt.« »Aber ... wenn die ... und außerdem: Wenn es morgen hell wird, unser Zelt ist rot!« »Na und? Das sind Kühe, keine Stiere. Außerdem ist das doch sowieso nur ein Mythos mit dem Rot. Jetzt komm schon rein. Die einzige Gefahr hier ist, dass du dir den Tod holst bei dem Dreckswetter.«

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,

Unheimlich nicket die Föhre,

Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,

Durch Riesenhalme wie Speere;

Und wie es rieselt und knittert darin!

Das ist die unselige Spinnerin,

Das ist die gebannte Spinnlenor’,

Die den Haspel dreht im Geröhre!

Ich resignierte. Einschlafen konnte ich nicht mehr in dieser Nacht, ich fiel in einen unruhigen Dämmerzustand. Bei jedem Beben des Bodens, wenn eine Kuh ihre Position veränderte, fuhr ich hoch und schaute ängstlich zum Zeltdach, in der Erwartung, gleich von mehreren Tonnen Hamburger-Rohmasse zertreten zu werden. Oder doch noch im Moor abzusaufen.

Mit der ersten Morgendämmerung schälte ich mich aus dem Schlafsack. Der Regen hatte jetzt aufgehört, gebebt hatte es auch eine Weile nicht mehr. Ich kroch nach draußen im ersten Morgenlicht, die Kühe waren längst weg. Ich zog meine Iso-Matte nach draußen, schmiss den Kocher an und machte mir einen heißen Tee. Aus dem Boden stiegen Schwaden auf. Ich saß vor unserem Zelt, schlürfte meinen Tee und spürte, wie ein leichtes Glücksgefühl langsam in mir hochkroch, im selben Maße, wie das Frösteln nachließ. Wir hatten es überlebt. Und wir saßen hier, mitten in der Wildnis, am äußersten Rand von Europa. Wir hatten wild gezeltet. Wir konnten hingehen, wohin wir wollten. Wir hatten unser erstes Abenteuer erlebt. Endlich war es wirklich so weit: Wir machten Interrail.

Letzte Worte

Im Fall von Herrn Böttger entfiel immerhin dieser schreckliche Moment, wenn man einen bei vollem Bewusstsein liegenden Patienten zum Sterben in ein Einzelzimmer schiebt. Das habe ich in meiner Zivildienstzeit am meisten gehasst. Ich kam mir dabei vor wie der Assistent des Henkers, der den Delinquenten zum elektrischen Stuhl führt, nur dass der Vollstrecker bei uns in aller Regel Krebs hieß und sich weigerte, den Hebel auf Kommando zu drücken, das Überraschungsmoment gab er nie aus der Hand. Dennoch, wenn es wirklich zu Ende ging, veranlasste Schwester Eugenia die Verlegung aus dem Dreibett- in ein Einzelzimmer, wann immer das möglich war. Sie wollte die anderen Patienten nicht zu stark belasten, bei uns waren Sterbende immer Einzelfälle, wir hatten keine praktischen Sammelräume für sie wie die drüben auf der Internistischen, die meisten unserer Kunden gingen nach kurzem Aufenthalt auf der Station und noch kürzerem auf dem OP-Tisch wieder frohgemut nach Hause.

Nur hin und wieder entpuppte sich die vermeintliche Zyste am Anus – von Schwester Eugenia wurden solche Patienten bei der Übergabe immer etwas respektlos als »wieder einer mit ‘nem Säuferpickel am Hintern« vorgestellt – als Botschafterin eines weit fortgeschrittenen Tumors, und dann wurde es sehr hektisch und ungemütlich. »Auf- und wieder zugemacht«, lautete der interne Kodex für hoffnungslos, wenn die Chirurgen nichts mehr ausrichten konnten, und wir versuchten dann, die Patienten möglichst schnell wieder loszuwerden. Wir waren eine chirurgische Station, und da gab es dann in so einem Fall ja nun einmal nichts mehr zu tun. Aber manchmal scheiterte die Abschiebung, dann mussten wir die Sache eben zu Ende bringen, und irgendwann wurde das Einbettzimmer fällig, damit die anderen Patienten nicht beunruhigt wurden und damit sich der Priester seinem fluchtunfähigen Opfer in Ruhe allein widmen konnte. Schließlich waren wir ein katholisches, klösterlich geführtes Krankenhaus.

Im Fall von Herrn Böttger entfiel immerhin also dieser schreckliche Moment, wenn man einen bei vollem Bewusstsein liegenden Patienten zum Sterben in ein Einzelzimmer schiebt, weil Herr Böttger von Anfang an in einem Einzelzimmer lag, denn er war Erste-Klasse-Patient. Als solcher genoss er das Privileg, von Schwester Eugenia, unserer Stationsnonne, persönlich für die Operation rasiert zu werden ebenso wie von ihr die Wundversorgung am Anus zu bekommen. Ich weiß nicht, wie sehr er das zu schätzen wusste, als er eingangs auf allen Vieren auf seinem Bett knien und der Nonne den Hintern entgegenstrecken musste, damit diese ihm dann mit ihren gummibehandschuhten Fingern seine Backen so weit wie möglich auseinander schieben konnte.

Eigentlich also sollte nur der Säuferpickel wegoperiert werden. Herr Böttger war ein sehr vital wirkender 60-jähriger, ein Geschäftsmann, sichtlich wohlhabend, gebildet und humorvoll, ein echter Traumpatient, einer von denen, die für üppige Trinkgelder und wenig Ärger sorgen. »Wieso Säuferpickel?«, hatte ich Schwester Eugenia gefragt, denn wie ein Alkoholiker wirkte der vornehme Herr Böttger wirklich nicht, und der Zusammenhang zwischen Anuszyste und Alkohol war mir auch nicht ersichtlich, aber Eugenia klärte mich darüber auf, dass bei überzogenem Biergenuss der Stuhlgang häufig sehr flüssig würde, was auf Dauer eben verstärkt zu solchen Zysten führe, daran erkenne man es dann immer.

Dann war Herr Böttger auf- und wieder zugemacht worden, und jetzt wurden wir ihn nicht mehr los. »Es ist seltsam«, meinte Schwester Eugenia, »die Leute merken überhaupt nichts, kommen wegen irgendeiner Lappalie zu uns, dann finden wir den Krebs und in ein paar Tagen ist plötzlich alles vorbei, die kommen nicht mal mehr wieder raus. Als würde sich der Krebs, wenn seine Heimlichtuerei einmal aufgeflogen ist, provoziert fühlen. Oder als ob die frische Luft bei der Operation ihn erst richtig munter gemacht hätte.« Der Krebs von Herrn Böttger war jedenfalls richtig munter geworden, hat vermutlich einen Sauerstoffschock erlitten oder sich erschrocken, als die Scheinwerfer im Operationssaal ihn plötzlich geblendet haben, und jetzt machte er Ernst.

Herr Böttger wirkte merkwürdig gefasst, nachdem er das niederschmetternde Resultat erfahren hatte, seiner Frau fiel es schwerer. Sie war eine Hausfrau, die alles sehr gut im Griff hatte, als sie ihren Mann abgab. Die bei jedem Besuch an Blumen für die Schwestern oder Kuchen für uns Pflegepersonal dachte. Die anschließend immer zu irgendeinem Termin musste, zur Dauerwelle oder zum Tennis, oder der Gärtner kam, um einen Baum zu stutzen. Und jetzt lief plötzlich nichts mehr nach Plan, jedenfalls nicht nach ihrem, das CA, wie es auf unserer Station hemmungslos angekumpelt wurde, das Carcinom also hatte die Planung übernommen und scherte sich nicht um die Gartensaison und das Turnier am Wochenende. Frau Böttger gelang es nicht, sich auf die neue Situation einzustellen, sie wurde zerrieben bei dem Versuch, draußen alles reibungslos aufrechtzuerhalten und drinnen ihrem Mann angemessen beizustehen. Wir waren verblüfft, ihrem täglich rasant fortschreitenden Zerfall zuzusehen. Erst als die Ärzte ihr sagten, dass es jetzt wohl jeden Moment so weit sein könnte, gab sie ihr Doppelleben auf und stellte sich ganz dem bevorstehenden Ende ihres Mannes, dessen Wunsch nach einer Erweiterung des Steingartens inzwischen ja irgendwie auch irrelevant geworden war. Trotzdem verschob sie den Termin mit dem Gärtner nur auf nächste Woche.

Ich schob ihr ein zweites Bett ins Zimmer, »es ist ja nicht für lange«, wie Schwester Eugenia meinte, »und ihr Mann isst ja auch nichts mehr, das kann sie ruhig haben. Ist ja schließlich bezahlt.«

Es war dann aber doch für überraschend lange. Herr Böttger starb und starb einfach nicht. Seit vier Tagen schon war er nicht mehr ansprechbar, atmete nur noch ganz flach, eigentlich war man sich nie ganz sicher, ob er überhaupt noch lebte. Seine Frau war der Verzweiflung nahe, aber sie weigerte sich, Eugenias Rat zu befolgen und nach Hause zu gehen. »Wir rufen Sie doch sofort an, wenn irgendwas ist«, versuchte sie, sie wegzulocken, als wäre nicht klar, was nur noch sein könnte. Aber Frau Böttger blieb standhaft, sie wollte auf jeden Fall dabei sein, Rhododendronpflanzung hin oder her.

Der Zustand von Herrn Böttger stabilisierte sich knapp über Null. Am achten Tag schließlich meinte seine Frau am Nachmittag, sie müsse jetzt doch wenigstens einmal eine Nacht wieder zu Hause schlafen, noch mal könne sie den Gärtner auch nicht verschieben, der käme gleich. Schwester Eugenia bekräftigte sie in ihrem Vorhaben und versprach flüsternd erneut, dass wir uns sofort melden, wenn »etwas ist«. Alle flüstern immer, wenn Sie vor Sterbenden stehen. Ob man dadurch ruhiger entschläft? Ich glaube, mich wird es eher einmal sehr beunruhigen, wenn es so weit ist und ich als Letztes mitbekomme, dass alle nur noch wispern.

Ich hatte Nachtdienst. Gegen vier Uhr morgens war nichts mehr los auf der Station, ich ging zu Herrn Böttcher und legte mich in das Bett neben ihm. Ich hoffte, der blöde Pieper würde den Schnabel halten bis zum Morgen.

Ich wachte kurz vor sechs wieder auf. Der Schichtwechsel nahte, ich musste ins Schwesternzimmer. Ich sah kurz zu Herrn Böttger rüber. Der lag mit wachen Augen da und lächelte mir entspannt zu. Mir schnürte sich die Kehle zu. Hatte ich nicht mal so was gehört, dass Sterbende noch einmal, kurz bevor es dann wirklich vorbei ist, einen klaren Moment haben? Verdammt, dachte ich, bloß das jetzt nicht. Halt durch! Deine Frau ist in einer halben Stunde wieder hier! Bloß jetzt nicht ...

»Was guckst du denn so erschrocken? Hast du gedacht, ich wär‘ schon tot?«, fragte Herr Böttger lächelnd.

»Äh, nein, es ist nur ... Ihre Frau kommt gleich zurück, die müsste jeden Moment hier sein.« Ich rang mit mir, ob ich jetzt einfach wild auf ihn einreden sollte, sozusagen um ihn am Einschlafen zu hindern, es konnten nur noch Minuten sein, bis sie zurückkäme, andererseits schien es mir auch unpassend, ihn am Ende nicht mehr zu Wort kommen lassen, zu jenen womöglich letzten Worten. Wer weiß, vielleicht hatte er ja noch etwas Wichtiges zu sagen, oder etwas Schönes, und wäre aber zu schwach, sich gegen meinen aufgeregten Wortschwall durchzusetzen, vielleicht hatte er sich etwas wirklich Großes zurechtgelegt, und ich plapperte ihn mit den Saufgelagen in der Zivi-Küche voll – war das wirklich das, war er als Letztes hören wollte? Ich hielt den Mund.

Er sah mich an und wirkte sehr entspannt dabei: »Meine Frau ist nicht da?«

Mein Mund, mein Rachen waren schlagartig ausgetrocknet, mühsam brachte ich ein leises »Nein, aber sie kommt wirklich gleich wieder« heraus, verdammt, wo blieb sie denn, sie war doch sonst immer pünktlich, um halb sieben, hatte sie gesagt, um halb sieben ist sie zurück. Er lächelte.

»Und ich hatte schon befürchet, die bleibt die ganze Zeit hier sitzen, die kann wirklich zäh sein«, sagte er kichernd. Dann griff er plötzlich nach meiner Hand, drückte sie fest – und das war es dann. Irgendwie sieht man sofort, wenn jemand tot ist. Einen kurzen Moment spürte ich Panik in mir aufsteigen und wollte den Alarmknopf drücken – aber wozu? Und schließlich musste seine Frau jeden Moment wieder reinkommen. Ich betrachtete noch einmal seinen zufriedenen, fast glücklichen Gesichtsausdruck. Seine Hand ruhe fest in meiner. Ich entschied mich, gar nichts zu machen. Fünf Minuten später kam seine Frau herein. Noch ehe sie etwas sagen konnte, flüsterte ich ihr zu: »Ich glaube, es ist so weit«, sie stürzte heran, ich ließ los und ging.

Als ich gerade nach Hause gehen wollte, kam sie zu uns ins Schwesternzimmer. »Ich habe Brötchen für Sie alle mitgebracht«, flüsterte sie zu den Schwestern und stellte uns die Papiertüte auf den Tisch. Dann wandte sie sich mir zu: »Ist denn noch irgendwas gewesen? Hat er noch irgendwas gesagt?«

Ich sah sie kurz an. »Nein«, antwortete ich, »es ist nichts gewesen. Er hat nichts mehr gesagt.«

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
202 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783862870226
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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