Czytaj książkę: «NOTIZEN EINER VERLORENEN»
Impressum
zweite überarbeitete Ausgabe
Copyright Gesamtausgabe © 2019 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Cover: Michael Schubert
Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2019) lektoriert.
ISBN E-Book: 978-3-943408-88-1
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis
Notizen einer Verlorenen
Impressum
Sarah
Jens
Das Haus der Verlorenen
Träume
Eine Weiche in meinem Leben
Eine Einladung
Marc und ich
Mein Kopf
Graffiti und geplatzte Köpfe
Das Haus und ich
Lebenslänglich
Das Streben nach Tod und Leben
Der Crash
Komposition eines Lebens
Mein Riesenrad
Alex und ich
Alexanders Kunstwerk
Leo und Mathilde
Kevin und seine Freunde
Hoffnung auf Zukunft
Buchheims Drohung
Der Tag X
Silvester auf einem Marktplatz
Meine Hölle
Die Scheune
Marc
Buchheim
Über die Autorin
Sarah
Ihr Unterkörper war unversehrt, bis auf die abgeschürften Füße, doch Kopf und Brustkorb ruhten deformiert über ihrer restlichen zierlichen Gestalt. Erst das Licht einer Petroleumlampe offenbarte ihm den grausamen Fund. Als er sie dort liegen sah, auf dem Boden der verlassenen Scheune, wurde ihm schlecht und er hätte sich fast über ihrem Blut erbrochen, in das er im Dunkeln getreten war. Schon krochen die ersten Fliegen über ihren Leichnam. Wusste der Teufel, woher die Viecher in dieser kalten Jahreszeit kamen!
Hast du das wirklich so gewollt, Sarah? Ist das die Erfüllung, das Lebensende, das du geplant hast?
Glauben konnte er das nicht.
Nur das Summen der Insekten und sein eigener stockender Atem in der fäulnisschwangeren Luft zeugten in der Stille von Leben.
Sie lag unter einer makabren Tötungsmaschine, deren Funktion aus einem Comicheft hätte stammen können. Irgendwo zwischen Zeichentrick und ernst gemeinter Physik fand sich die Kettenreaktion dieser Maschine wieder. Es war nicht ihr Werk, das wusste er, es musste von Alexander stammen. So etwas Monströses hätte sie sich niemals ausgedacht, und ohne Hilfe hätte sie das nicht zustande gebracht. Schon wegen des schweren alten Ofens, der an einem Seil hängend letztendlich ihren Oberkörper zerschmettert hatte. Comics und Graphic Novels … nein das passte nicht zu Sarah.
Sie lag da, als hätte sie sich einfach darunter schlafen gelegt und mitten in dem ganzen Blut und der grauen Masse am Boden lagen ihre braunen gewellten Haare, wie eben noch glatt gestrichen. Mit den Augen folgte er dem Aufbau vor und über ihm. Ein metallenes Blasrohr, in der Länge etwa zwei Meter messend, schien ihm der Auslöser der todbringenden Kettenreaktion. Sie hielt das Metall noch, ganz wie nebenbei, locker in ihrer blassen Hand. Eine zielgerichtete Luftbewegung aus dem Rohr hatte den einfachen, aber einfallsreichen Mechanismus in Gang gesetzt. Ein leichtgängiges Windrad war angetrieben worden, nur eine halbe Umdrehung vielleicht. Ausreichend, um etwas in einen großen Kaffeebecher zu Fall und die darin enthaltene Flüssigkeit zum Überlaufen zu bringen. Ein Kaffeebecher, wie es ihn an jedem Frühstückstisch gab … der Überlauf der Tasse hatte anscheinend für den Fortgang der Kettenreaktion gesorgt. Ein schmales Brett auf einer Wippe war gekippt, ein Zylinder herabgerollt, der eine Kerze verschoben hatte, gar nicht weit. Es reichte ein leichter Ruck von zwei, drei Zentimetern. Jedenfalls stand die Kerze genau unter einem nun abgebrannten Seil, an dessen Ende dieser zentnerschwere Ofen hing, der sie schließlich zermalmt hatte. Das also war Alex' großartiges Kunstwerk.
Er fragte sich, wie sie während so einer Prozedur einfach still hatte daliegen und auf ihren Tod warten können. Entweder, sie war betrunken gewesen oder komplett ihrem Verstand entrückt oder aber, man hatte sie bereits tot hier abgelegt. Wie gebannt umrundete er bereits zum siebten Mal ihren Leib und er vermied es dabei, die Fliegen und vor allem ihren Kopf anzusehen, der unter der Last des Ofens hervorquoll. Bei diesem Rundgang jedoch sah er etwas Rotes unter ihrem Oberschenkel hervorblitzen, kaum erkennbar … ein rotes Stück Pappe vielleicht. Er ging in die Hocke. Mit zwei Fingern zog er an dem roten Karton unter ihrem Körper, bis er schließlich ein Buch in der Hand hielt. Ein Notizbuch, wie es schien, Din A5, etwas beschmiert von Sarahs Blut, aber nur äußerlich. Die Blätter selbst waren unbeschadet. Er ließ die zerknitterten Seiten durch seine Finger gleiten. Das Buch war bis zum vorletzten Blatt in kleiner geschwungener Schrift beschrieben – mit blauem Kugelschreiber. An manchen Stellen allerdings waren die Wörter unleserlich, als hätten herabgetropfte Tränen sie verwischt. Neugierig blätterte er zum Anfang zurück. Ganz oben, in der ersten Zeile, stand: Notizen einer Verlorenen.
Allein diese kleine Überschrift zerrte sofort an der Mauer aus Selbstlügen, die er sich in den letzten Wochen und Monaten zugelegt hatte. Sollte er das wirklich lesen? Unentschlossen ließ er sich auf einen der verrotteten Strohballen an der Seitenwand der Scheune fallen, stellte die alte Lampe neben sich und überflog, halb gebückt darüber kauernd, die ersten Seiten. Er war fast schon gehemmt bei dem Gedanken, auf ein noch grausameres Geheimnis zu stoßen, als das, was ihn bereits jetzt an die Hölle knebelte.
Sarah war tot. Trotzdem fühlte er sich wie ein Voyeur, weil er in diesem Buch herumschnüffelte. Wirklich sicher war er sich nicht, ob sie tatsächlich nichts dagegen hätte, wenn ausgerechnet er es las.
Notizen einer Verlorenen
Ich schreibe dies, weil ich Teil eines Geheimnisses bin. Ein Geheimnis, das mich am lebendigen Leib gnadenlos Zelle für Zelle erdrückt. Ich bin schuldig! Das muss ich jemandem mitteilen, deshalb schreibe ich es auf. Wissend, dass ich damit einen Schwur breche … eine besondere Gemeinschaft verrate … sie der verständnislosen Normalität aussetze und gleichzeitig unbeantwortete Fragen einer ahnungslosen Welt hinterlasse. Wer sollte das alles verstehen? Wer sollte uns verstehen? Alex, mich und die anderen?
Trotzdem will ich niederschreiben, was mich belastet. Dass meine Schuld damit nicht getilgt sein wird, weiß ich. Vielleicht wird das hier niemand lesen. Vielleicht wird man mir nicht glauben. Mag sein, doch es muss raus aus meinem Kopf und raus aus meinem Herzen!
Jens
Alles begann am 25. Juni 2011, zehn Tage nach meinem dreißigsten Geburtstag, mit einem verfluchten braunen Briefumschlag, den ich in meinem Briefkasten vorfand.
An Sarah, ohne Absender oder Briefmarke.
Ich war ziemlich gereizt an diesem Tag. Wahrscheinlich lag es an meiner Verabredung mit Jens in der Stadt, denn ich wusste zu diesem Zeitpunkt längst, dass ich meine Zusage bereuen würde. Meine verschwendete Zeit auch. Was er wohl von mir wollte? Sein geheimnisvolles Getue war der einzige Grund, weshalb ich ihm überhaupt zugesagt hatte. Ich bin eben doch neugierig, muss ich zugeben, und Jens hätte sowieso keine Ruhe gegeben. Immerhin wollte er nicht bei mir auftauchen. Ein Treffen in der Essener City – das war mir auf jeden Fall lieber als bei mir Zuhause. Gott, war ich froh, dass er mich seit ein paar Wochen in Ruhe ließ. Endlich gab es wieder eine Aussicht auf meinen stinknormalen einsiedlerischen und stummen Alltag, wenn man von der Zwangsgemeinschaft im Büro absah. Keine nächtlichen Anrufe mehr, kaum noch Gejammer am Telefon über sein schrecklich einsames Leben, als wäre das meine besser gewesen. Keine Vorwürfe, weil ich ihn verlassen hatte. Verlassen? Verlassen klingt viel zu harmlos! Geflüchtet passt wohl eher.
Ich fuhr mit dem SB15 von Burgaltendorf aus zum Essener Hauptbahnhof und wie immer hoppelte der Bus so grauenhaft über die Ruhrallee, dass es mir unmöglich war, irgendetwas auf meinem Smartphone zu lesen. Aber wer, außer Jens oder meinen Eltern, hätte mir auch schon eine Nachricht gesendet? Wichtig war es also nicht.
Leider hatte ich diesen Umschlag zuhause in einer anderen Jacke vergessen. So ist das Leben. Man missachtet die Kleinigkeiten, weil man ihnen zu wenig Bedeutung beimisst. Dabei sind es oft genug die Geringfügigkeiten, die sogar Leben kosten können.
Am vereinbarten Ort in der Stadtmitte, an unserem Lieblingskino Lichtburg, wartete Jens und begrüßte mich, indem er wie immer todernst auf mich herabsah. Mit diesem Blick, der in mir all die unguten Gefühle aufkommen ließ. Erinnerungen an eine furchtbar anstrengende Zeit in meinem Leben. Mir fiel wieder einmal auf, wie groß Jens war. Stand ich vor ihm, ohne den Kopf in den Nacken zu legen, reichte ich ihm gerade mal bis zu den Warzen seiner mageren Brust, über denen an diesem Tag ein schwarzes T-Shirt mit der seltsamen Aufschrift Verloren Knitterfalten bildete. Jens erfasste mich mit anklagend zusammengezogenen Augenbrauen. Nicht die Spur eines Lächelns zur Begrüßung in seinem fahlen Gesicht. Mit einem Auge zwinkerte er nervös.
»Da bist du ja endlich!«, sagte er, als wäre ich zu spät gekommen.
Jens hatte es gleich eilig. Flüchtig drückte er mir einen Kuss auf die Wange, der nichts von den kurzlebigen Gefühlen von damals in mir zurückholte. Ein Kuss, wie der eines Bruders, für den ich mich verantwortlich fühlte.
Von ihm am Arm gepackt, wunderte ich mich über seine heute ungewöhnlich zielstrebige Art. Ich wusste auch nicht, warum er so viel Wert darauf legte, gerade jetzt und ganz pünktlich, von unserem Treffpunkt aus loszulaufen, ohne vorher wenigstens das Kinoprogramm der Lichtburg anzusehen. Morgen: Die Nordsee von oben, mit einem Meet&Greet der Filmemacher vor Ort. Aber Jens wollte nicht. Ich nahm es hin. Wenn man so jemanden kennt, wundert einen irgendwann nichts mehr. Und mich nannten die Leute komisch!
Er schob mich die Fußgängerzone auf der Kettwiger entlang in Richtung Hauptbahnhof, mitten durch das Gewühl der Kaufsüchtigen.
»Aber Jens, von da komme ich gerade. Lass uns doch erst mal durch die Geschäfte hier unten bummeln, ja?«
»Nein.«
»Nein? Warum nicht?«
»Das wirst du noch sehen. Komm mit.«
Seine Bestimmtheit verdutzte mich. Tatsächlich suchte ich nun doch nach einem Grund für sein Verhalten. Vielleicht wollte er mir etwas Besonderes kaufen, aber das wäre wahrhaftig das erste Mal gewesen. Besser, ich spekulierte gar nicht erst. Ich ließ mich stumm weiter ziehen, während Jens scheinbar versuchte, unsere Laufgeschwindigkeit zeitlich abzustimmen. Manchmal schlenderte er mit mir fast in aller Ruhe an einigen Schaufenstern entlang, dann wieder drängte er mich nach einem Blick auf die Armbanduhr zur Eile. Während wir gingen, sah ich auf seine langen Beine, in enge Jeans gepackt, die unablässig und mit viel größeren Schritten als meine vorwärts staksten. Ich musste stets zwei Schritte laufen, um einen von seinen aufzuholen. Auf den Oberschenkeln seiner ehemals blauen Hose fand ich eine feine, aber deutliche Schicht schmierigen Drecks. Typisch Jens – keine Zeit für das wahre Leben.
Unvermittelt blieb er stehen und packte mich bei den Schultern. Seine Finger kniffen schmerzhaft in meine Haut. Wollte er mir einen Antrag machen? Außer meinem Hirn lehnte sich sofort auch mein Magen auf. Eine derartige Verbindung mit Jens wollte ich mir keinesfalls mehr vorstellen … nicht noch einmal das Leben mit einem so schwierigen Menschen teilen. Jens sollte nur ein Freund bleiben. Von mir aus, ein guter Freund, aber mehr nicht. Wie aber sollte ich das diesem hochsensiblen und ständig suizidgefährdeten jungen Mann jetzt beibringen?
»Das hatten wir doch schon mal, Jens … bitte …«
Aber von einem Antrag schien nicht die Rede zu sein.
»Was?«, fragte er. Jens sah so verständnislos aus, dass ich mich fast für meine Verdächtigung schämte. Er eröffnete mir, dass ich Post von ihm erhalten würde.
»Diese Post …« Seine Stimme klang feierlich zitternd. »… diese Post darfst du erst heute Abend öffnen!«
»Warum das denn?«
»Mach' es so, wie ich es dir sage … bitte!«
»Was hast du vor?«
»Frag nicht! Es muss alles genau so ablaufen. Wirklich alles! Machst du es so, wie ich es dir sage, ja?«
»Also gut, heute Abend. Aber dann hast du mir alles zu erklären, okay?«
Jens sah zu Boden. »Ja, ja.«
Ich wusste ja nicht, was er vorhatte. Man könnte es mir zum Vorwurf machen. Doch seltsame Andeutungen und geheimnisvolle Untertöne von ihm ließen mich schon lange nicht mehr aufhorchen.
Wieder sah er auf die Uhr. »Komm, wir müssen los!«
Ohne sonstige Kommentare zog er mich mehr, als dass ich selbst lief. Und so eilten wir im strammen Gang durch den Hauptbahnhof. Ich immer hinter ihm her. Hinter seinen langen dürren Beinen in der schmutzigen Hose. Kaum noch vorstellbar, dass ich diese Beine zwischen meinen eigenen Beinen geduldet hatte. Dafür verachtete ich mich inzwischen … und ja – dafür hasste ich Jens! Dafür, und weil er mich nicht in Ruhe ließ, wo ich doch kaum mit mir selbst klarkam, und er mir jetzt auch noch die Schuld an seinem weiteren Unglück aufbürdete!
Wir eilten bis zum Ausgang Freiheit und von dort auf diesen neu gestalteten Platz hinter dem Bahnhof, der die A40 überbrückte. Hier blieb er mit mir stehen und von hier aus blickten wir nach unten auf den fließenden Verkehr.
Jens beugte sich über das Geländer und fixierte die in unsere Richtung kommenden Fahrzeuge, als wartete er auf ein bestimmtes.
»Es steht eine Adresse darin«, sagte er, ohne mich anzusehen.
»In deiner Post?«
»Ja.«
»Aber warum gibst du sie mir nicht einfach jetzt?«
»Das ist eine ganz besondere Geschichte, weißt du. Schwierig, zu erklären.«
Er verlor während der ganzen Zeit nicht einmal die mit mäßiger Geschwindigkeit anfahrenden Autos aus den Augen. Nur ab und zu schwenkte sein Blick für den Bruchteil einer Sekunde auf seine Uhr. Warum konnte er nicht einfach nur einen unkomplizierten Bummel durch die Stadt mit mir machen? Was hatte ich nur erwartet? Nun stand ich mit ihm auf dieser Brücke, wusste – wie so oft – nicht, was er eigentlich wollte und sehnte mich nach bescheidener Normalität.
Auf einmal richtete sich Jens auf und riss hektisch seinen Kopf zu mir herum.
»Jetzt … jetzt …«, rief er und seine Stimme kippte in einen aufgeregten Tonfall, wie ich es noch nie bei ihm gehört hatte.
Mit einem Satz sprang er auf das Geländer der Brücke. Er wäre fast sofort vornüber gekippt, bevor er einen Stand fand, die Schuhe teils frei schwebend, nur in der Mitte der Sohle von dem schmalen Stahl getragen. Unsicher ruderte er noch mit den Armen, um die Balance zu halten. Bedenklich schwankend drehte er sich auf seinem begrenzten Halt in meine Richtung. Doch bald beruhigte sich sein Körper.
»Jens! Was machst du?!«
Ich schrie ihn an! Die Brücke führte mehr als haushoch über die Straßen hinweg. Mir selbst blieb die Luft zum Atmen weg vor Angst, doch in seinen Augen sah ich keine Furcht, eher so etwas, wie – ja, Tatendrang. Es klingt unwirklich, aber genauso kam es mir vor. Erwartungsvoll begeistert und doch aufgeregt ängstlich blickte er mich an, als wollte er sich gleich in nichts weiter als in eine irre Achterbahnfahrt stürzen.
Im nächsten Moment aber biss er sich auf die Unterlippe, sog sie ein, während er mich noch immer ansah. Dabei verlor sich seine Begeisterung in einem Ausdruck, der direkt in mein Herz griff. Ich spüre es jetzt noch. Sein Gesicht vor mir – in jedem Detail seiner Hautfältchen, seiner Lippen und seiner Augen, lagen die Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit, seine verlorenen Träume und alle Anklagen gegen mich. Ein Gesicht, das ich nie mehr vergessen werde.
Jens schwankte nicht mehr auf dem Geländer. Er stand still, bewegungslos im vollen Gleichgewicht. Nun sah ich nur noch seine Augen. Traurige Augen.
»Geh hin! Du bist es mir schuldig«, sagte er ruhig und leise.
Er wendete sich schwankend um und blickte noch einmal auf die Autobahn unter ihm, vielleicht drei Sekunden lang, während ich tatenlos hinter ihm stand.
Dann sprang er.
Einfach so.
Ohne etwas zu erklären. Ohne sich zu verabschieden. Er sprang einfach so aus unserem Leben.
Ich weiß nicht mehr, was ich dachte, als ich ihn dort unten liegen sah, mitten auf der A40, zwischen den Autos, die ineinander gefahren waren. Ob ich ihm bestürzt und wie gelähmt hinterherblickte, oder vielleicht sogar froh darüber war, dass er mich endgültig verlassen hatte – dass sein Sturz mich davor bewahrte, ihn eines Tages eigenhändig hinunterzustoßen – ich weiß es wirklich nicht. Ein Fahrzeug hatte nicht mehr bremsen können und ihn nach seinem Aufschlag auch noch überfahren. Sein Körper zuckte und krümmte sich unter dem Wagen. Ich sah es von der Brücke aus und konnte nichts dagegen unternehmen. Es war unbeschreiblich. Einige Leute sahen zu mir nach oben und starrten mich an. Dieses Angaffen – als wüssten sie von den heimlichen Mordgedanken in meinem Inneren, die mir selbst nicht bewusst gewesen waren. Sofort erzeugten meine Finger diesen Schweiß, der vergeblich versuchte, sich wie eine Schutzglasur gegen die Ächtung menschlicher Blicke über meine Haut zu legen.
Der Krankenwagen kam fast gleichzeitig mit der Polizei. Sie nahmen Jens auf einer Trage mit.
Unten im Menschengewirr sah ich die Silhouette eines Mannes, der mir bekannt vorkam. Er blickte zu mir hoch und ich hätte schwören können, dass es Marc gewesen war. Ich war mir nicht ganz sicher. Es wäre ein unglaublicher Zufall gewesen. Doch dieses Gesicht in der Ferne, sein langer Blick zu mir nach oben, schien mir, als erkannte die Person da unten auch mich.
Die Polizisten fragten nicht, warum ich nicht nach unten gelaufen war. Sie nahmen meine Aussage verständnisvoll entgegen. Anscheinend fanden sie es auch nicht verwunderlich, dass ich zitterte und mich immer wieder verhaspelte, während ich redete. Ich denke nicht, dass sie mir misstrauten.
Ich hatte ihn nicht gestoßen, nicht einmal mit dem Finger berührt!
Als ich später wieder im Hausflur stand, dort wo mein Ausflug begonnen hatte, dachte ich, wie sinnvoll es doch ist, die Ereignisse des kommenden Tages nicht vorhersehen zu können. Am Morgen fingert man ohne jede Ahnung unbekümmert im Briefkasten herum, beginnt unschuldig und naiv seinen Weg in den Tag und ein paar Stunden später schon fühlt man sich schuldig und schlecht. Wehe dem, der wüsste, welche Unglücke ihn erwarten. Er würde sich weigern, morgens aufzustehen, und sein Leben hassen.
Ich warf mich auf mein Bett. Jens war noch nicht tot, aber doch so gut wie. So etwas konnte er nicht überleben. Niemand überlebt so etwas! Wollte ich, dass er zurückkommt?
Wie oft hatten Jens und ich darüber gesponnen, es gemeinsam zu tun. Einfach springen und diese verlogene, uns quälende Welt loslassen. Gemeinsam in der Badewanne unsere Arterien aufschneiden, unser pulsierendes Blut der Leichtigkeit des warmen Wassers übergeben, und dann in unserem erträumten Paradies aufwachen. Ein Paradies, in dem alles Vergangene vergessen sein würde, in dem wir beide geliebte Menschen waren. Doch jedes Mal hatte einer von uns gekniffen – meistens ich. Du lässt mich im Stich – noch heute höre ich sein Heulen. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass er es gerade heute wahr machen würde.
Ich wollte schlafen, mitten am Tag, wenigstens für ein paar Stunden vergessen, doch schon bald erwachte ich wieder. Es ging mir schlecht. Mein Kopf schmerzte, wie eine kurz vor dem Platzen gärende Melone. Dazu war mir übel, als müsste ich das ganze Elend dieses Tages auskotzen. Ich wollte eine von diesen starken Tabletten gegen Migräne nehmen – Sumatriptan – und kramte in der Medikamenten-Schublade, wühlte erst schwitzend dann fröstelnd in sämtlichen Futteralen meiner Handtaschen, aber ich fand nicht einmal die Notreserve. Verzweifelt schluckte ich ein gewöhnliches Schmerzmittel und verzehrte mich noch Stunden hinter zugezogenen Vorhängen nach Besserung.
Dieser Tag übertraf alles, was ich mit Jens je durchmachen musste. Jens hatte keine engeren Verwandten mehr. Somit war ausgerechnet ich die Einzige, die sich um ihn kümmern konnte. Ich rief im Krankenhaus an, es machte aber keinen Sinn, ihn zu besuchen, denn er war ohne Bewusstsein und lag auf der Intensivstation. Das Letzte, was die da brauchten, war eine leidende Besucherin, die jeden Moment umkippen konnte – ganz sicher. Für alle Fälle hinterließ ich jedoch meine Telefonnummer. Dann saß ich in meinem Bett, so steil wie möglich, damit das Blut aus meinem Kopf nach unten sackte, und starrte im Dämmerlicht den Buddha auf dem Bild vor mir an der Wand an. Der schloss wie immer die Augen vor dem Leid.
Ich unterrichtete niemanden von Jens' Unglück … oder wie man es nennen mochte. Wen auch? Höchstens Marc, den ich ja anscheinend unten am Unfallort gesehen hatte. Hatte Jens vor seinem Sprung auf Marcs Auto gewartet? Aber warum?
Für wenige Stunden nickte ich ein, doch dann riss mich das Telefon aus dem Schlaf. Wahrscheinlich war es schon länger aktiv, denn der Anrufer verlor die Geduld und legte auf. Mit heraushängendem Oberkörper angelte ich den Wecker unter dem Bett hervor. Da war es wieder, das Drücken in meinem Hirn. Bloß nicht nach unten beugen!
Samstag, 7.06 Uhr! Mein Blick hinter die Vorhänge ließ eine viel zu helle Morgensonne in meine Augen.
Leider erinnerte ich mich nach wie vor an gestern. Jeden anderen Mist vergisst man.
Wieder läutete das Telefon. Ich nahm ab.
Jens war tot! Genau um 5.28 Uhr war sein Hirntod festgestellt worden.
Nach dem ersten Schock machte ich mich fertig, um ins Krankenhaus zu fahren. Vorher rief ich in der Firma an und nahm mir für die nächsten Tage Urlaub. Meine Chefin schien nicht gerade glücklich über meinen Anruf zu sein.
Es ist ein seltsames Gefühl, zu jemandem ins Krankenhaus zu fahren, von dem man weiß, dass er bereits tot ist. Was sollte ich anziehen? Schwarz? Ich wusste es nicht.
Das Haus der Verlorenen
Vom Auto aus blickte ich noch lange auf den Krankenhauseingang und wäre am liebsten den ganzen verdammten Tag dort sitzen geblieben. Ich wollte da nicht rein. Was würde mich erwarten? Wie würde Jens aussehen? Abermals hasste ich mein Leben!
Außer den Ärzten und Jens' Körper warteten im Krankenhaus noch zwei unbekannte Männer auf mich. Die Kripo! Ich fand es erschreckend, dass man mich verhörte. Man fühlt sich sofort schuldig, obgleich man genau weiß, dass man nichts verbrochen hat. Allein die Frage danach, ob ich etwas geahnt hatte! Was hätte ich denn gegen seine so oft geäußerten Selbstmordabsichten unternehmen können?! Nein, er hatte nichts hinterlassen, keinen Abschiedsbrief oder Ähnliches. Die beiden Männer nahmen meine Personalien auf, obschon das alles ihren Kollegen bereits vorlag. Sie kündigten mir einen Brief an.
In dem Moment, als die Beamten mir den Rücken zukehrten, fiel mir Jens' seltsamer Hinweis auf Post für mich ein.
Geh hin!, flüsterte es in meinem Kopf. Warum ich den Polizisten nicht davon erzählte, weiß ich nicht. Selbstschutz vielleicht, wahrscheinlich wollte ich einfach nur meine Ruhe haben.
Jens' Körper war mit einem Tuch bedeckt, aber nicht sein Kopf. Als ich vor diesem Bett im Keller des Krankenhauses stand, war ich nicht sicher, ob ich das schaffen würde. Warum bringen sie die Toten in den Keller? Hinter mir standen ein Arzt und eine Krankenschwester und ich wusste nicht, was sie von mir erwarteten. Die dünne weiße Decke reichte Jens bis zum Hals. Darüber ruhte sein Kopf und sein Gesicht war … schief! Es war verformt, so als hätte man ihn zertreten. Seine rechte Kieferseite war derartig geschwollen, dass das, was man als die Wange bezeichnet und das nun nicht im Mindesten danach aussah, blau und schwarz bis über das rechte Auge reichte. Sein unnatürlich zur Seite verschobenes Kinn machte aus seinem Mund eine Grimasse. Eine offene Wunde konnte ich nicht erkennen. Vielleicht hinten am Kopf? Oder bluten Tote nicht mehr? Hätte Jens gedacht, dass sein Gesicht so entstellt sein würde nach seinem Sprung?
Ich hätte ihn umarmen sollen, ungeachtet seines schockierenden Aussehens, ihn drücken, wenigstens streicheln, ein letztes Mal. Stattdessen zog ich meine eben noch ausgestreckte Hand zurück und ließ ihn kalt liegen. So schnell ging es also, dass aus Jens ein Toter für mich wurde, den anzufassen ich zögerte. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, schäme ich mich dafür.
Der Arzt sprach mich an. Jemand sollte Jens' Angehörige informieren.
»Sicher«, sagte ich nur.
Danach ging ich mindestens drei Stunden spazieren, zu Fuß bis in den Stadtgarten. Hier lief ich eine flache, breitstufige Treppe hinab. Eine von denen, die zwei oder drei Schritte pro Stufe verlangen, bevor man die nächste erreicht. Die Treppe führte tief in den Park hinein. Lichtspiele auf einer alten Mauer blendeten mich, bevor ich ganz in den Schatten eintrat. Ein Wegstück weiter setzte ich mich auf diese graue kalte Bank, die vor drei Jahren mein Schicksal besiegelt hatte. Ab und zu schloss ich die Augen und lauschte der Umwelt. Man konnte Vögel hören und von Weitem die Fahrgeräusche der Autos. Rollläden wurden hochgezogen. In einem nahe liegenden Haus öffnete jemand ein Fenster. Geschirr klimperte und Kinderstimmen wehten herüber.
Überall war dieses zufriedene Leben der anderen, das unerschüttert weiterging.
In meine Nase stieg der Geruch sich aufwärmenden, feuchten Rindenmulchs, leicht süßlich und leicht säuerlich-modrig. Für mich roch es nach Tod.
Hier hatte ich mit Jens gesessen, damals, vor drei Jahren. Ich erinnerte mich an seinen Redeschwall über seine katastrophale Kindheit und all die völlig übertriebenen Ängste. Ich hatte ihn nicht wirklich verstanden an jenem Tag, war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen. Aber seine Einsamkeit, die meiner eigenen glich, die hatte ich begriffen. Wir hatten fast schon zu viel gemeinsam. Ich glaube, genau deswegen konnte das mit uns nicht gut gehen. Das war der Tag, an dem ich eine Beziehung zu ihm eingegangen war und ich weiß heute, ein guter Funken Mitleid und ein ebenso dicker Funken Selbstmitleid hatten ihren Teil dazu beigetragen.
Meine Finger erwischten beim Graben in den Jackentaschen den noch immer ungelesenen Brief von gestern. Der Umschlag war längst zerknittert und ich wunderte mich erneut über die einfache Anschrift An Sarah in Druckbuchstaben und den fehlenden Absender. Wie viel Trägheit meinen Körper beherrschte, zeigte sich in meinem Bemühen, den Absender und den Inhalt des Briefes zu erraten, bevor ich ihn öffnete.
In dem Briefkuvert steckten ein weiterer verschlossener Umschlag und ein beschriebenes Blatt aus Rechenpapier. Gleich beim Auseinanderfalten erkannte ich die spitze und ständig unterbrochene Handschrift von Jens. Und dieser Brief schmachtete seit fast zwei Tagen bei mir Zuhause in der Jackentasche! Sogar schon vor unserem Treffen in der Stadt.
Bedenkt man, welche Schritte Jens ankündigte, lasen sich seine Worte fast sachlich. Genau genommen war es auch keine Ankündigung, sondern vielmehr eine Verabschiedung.
Liebe Sarah,
ich weiß nicht, ob du mir überhaupt nachtrauerst. Ich glaube, eher nicht. Aber das ist jetzt egal.
Auch wenn wir häufig Probleme miteinander hatten, unsere Beziehung leider nicht von Dauer so eng sein konnte, wie ich es mir gewünscht hätte (du meinst ja, es lag an mir): Du warst die einzige Frau, die ich je liebte. Ich habe inzwischen verstanden, dass du mich nicht mehr brauchst, und das ist auch gut so. Ab heute halte ich dich nicht mehr fest. Du bist frei. Denn heute bin ich tot. Aus und vorbei! Trotzdem wollte ich, dass du mich nicht vergisst und ich wählte einen Tod, an dem du teilhaben solltest. Bitte verzeih mir dafür. Für mich war das wichtig.
Hoffend, dass alles wie geplant geklappt hat, bitte ich dich um einen letzten Gefallen. Es ist ausgesprochen wichtig für mich:
Überbringe den inliegenden Umschlag bitte persönlich an folgende Adresse in der Stadt:
Haus der Verlorenen Weberstraße 9c
Um alles weitere – Beerdigung, Kosten und so Ähnliches, wird man sich dort kümmern. Es sind gute Freunde von mir, die mir sehr geholfen haben. Wenn mein Tod einen Sinn haben soll, ist es unbedingt nötig, dass dieser Umschlag seine Empfänger erreicht.
Du darfst mich nicht vergessen – niemals. Ich werde irgendwo auf dich warten.
Dein Jens
Mir wurde klar, dass ich seinen Tod vielleicht hätte verhindern können, hätte ich diesen Brief nur eher gelesen. Aber andererseits wer wusste das schon, vielleicht hätte ich trotzdem nichts tun können. Wahrscheinlich war alles nur eine Frage der Zeit gewesen. Was mich ebenso erschaudern ließ, war der Gedanke, dass Jens nach meinem eigenen Tod irgendwo im Jenseits auf mich warten könnte. Und das dann für alle Ewigkeit! Was, wenn er alle Geister da oben oder da unten davon überzeugte, wie sehr wir seiner Meinung nach zusammengehörten? Egal wo, selbst der Himmel würde mir zur Hölle werden, wenn ich Jens in der Endlosigkeit begleiten müsste; mein Geist gefesselt an seinen Geist.
Ich versuchte solche Gedanken zu verdrängen und sachlich zu bleiben.
Jens' Vorbereitungen zu seinem Selbstmord stellten sich wie ein regelrechter Plan dar. Das muss man erst einmal nachvollziehen! Jens verabredete sich mit mir, stimmte unseren Weg durch die Stadt zeitlich ab und sprang, minutiös geplant, von der Brücke – nicht, ohne mir vorher eine Botschaft zu übermitteln. Er sprang vor ein Auto in den Tod. Vor Marcs Auto. Marc – unser gemeinsamer Schulfreund – auch er spielte eine Rolle in Jens' Plan. Warum? Ich musste unbedingt Kontakt zu ihm aufnehmen. Noch heute wollte ich ihn anrufen und Licht in den dunklen gestrigen Tag bringen. Marcs Nummer musste ich noch irgendwo haben, obwohl wir uns seit mindestens zwei Jahren nicht mehr getroffen hatten. Nicht allein deshalb, weil ich seit geraumer Zeit kaum noch jemanden in meine Wohnung ließ.
Es kostete mich einige Überwindung, Jens' verschlossenen Umschlag, der seinem Abschiedsbrief beigefügt lag, nicht einfach zu öffnen. Haus der Verlorenen – das klang wie ein Heim für Obdachlose oder verlorene Seelen. Ich versuchte durch den Umschlag hindurchsehen, indem ich ihn gegen das Licht hielt. Zwecklos! Was tat ich hier eigentlich? Ich war im Begriff, den Wunsch eines verstorbenen Freundes respektlos zu übergehen. Ich hatte das Gefühl, Jens seinen letzten Wunsch erfüllen zu müssen und den Umschlag an den genannten Ort zu bringen. Und ich war neugierig. Wer verbarg sich hinter dieser seltsamen Einrichtung, von der ich noch nie etwas gehört hatte?
Weberstraße – das lag irgendwo in diesen uralten Häuserblöcken der Stadtmitte, die ich sonst eher mied. Vom Stadtpark aus war es ein ganzes Stück bis zur City, aber ich brauchte sowieso frische Luft. Also stopfte ich den Brief in die Tasche zurück und ging los, überzeugt, das Richtige zu tun. Abseits des wilden Einkaufsrummels der Fußgängerzone und vorbei an den Junkies am Kopstadtplatz bog ich in die Weberstraße ein. Schon deshalb, weil dort keines der größeren Geschäfte seinen Sitz hat, erinnerten mich diese Straßen hier auch an diesem Tag an eine dunkle, verruchte Gegend. Ich rechnete mit den finstersten Gestalten und verdächtigte innerlich jeden, der mir begegnete, eines Verbrechens. Die Häuser waren alt, hoch, grau und teilweise mit Graffiti beschmiert. Was hatte Jens überhaupt in diese Gegend getrieben? Und was hatte er hier getrieben?
Eher zufällig entdeckte ich von Weitem die Aufschrift hinter einem verdreckten Fenster: Treffpunkt Weberstraße 9c. Doch dieses Fenster gehörte zu einem leer stehenden Ladenlokal im Erdgeschoss. Nur zögerlich wagte ich mich an das alte Gebäude heran, mit dem Gefühl, dass sich diese Schritte auf mein weiteres Leben auswirken könnten und ich war mir nicht sicher, ob ich das wollte.
Ein paar über Jahrzehnte hinweg ausgetretene Steinstufen führten mich zu einer massiven Haustür mit einem kleinen Vordach und einem gusseisernen Gitter vor einer längst erblindeten Glasscheibe. Ich drückte auf den verrosteten Klingelknopf für die erste Etage und wischte meinen Finger gleich danach an meiner Hose sauber. Weder ein Türschild noch eine sonstige Beschriftung deutete darauf hin, wer hier wohnte. Es dauerte lange, bis der Summer ging und ich sah mich mehrfach um, weil ich jemanden hinter mir auf dem Gehweg vermutete. Mit ganzem Körpereinsatz stemmte ich die schwere Tür auf und betrat ein unbeleuchtetes Treppenhaus. Muffiger Geruch empfing mich und auf den Wänden prangte in der Düsternis eine gelbliche Tapete mit braunen Ornamenten. Ein deutscher Altbau-Hausflur, wie es sie in Essen noch zu Hunderten gibt, irgendwann in den Siebzigern renoviert, mit einer steilen blutbraun lackierten Holztreppe, die nach oben führte. Alles war still in dem Haus. Ich blieb unten stehen und hoffte, dass mir jemand entgegenkommen würde, um mich zu empfangen.
Dann jedoch hörte ich doch etwas im Dunkeln. Allerdings keine Menschenschritte, sondern viele Beine und Pfoten trabten von oben über die Treppenstufen auf mich zu. Ein tiefes Grummeln und ein Hecheln begleiteten jeden der schnellen Schritte und mir wurde mehr als unwohl. Aus der Dunkelheit tauchten zu meinem Schreck zwei Rottweiler auf. Groß und schwer verstellten sie mir mit ihren breiten Köpfen den Weg nach vorne. Hunde! Ausgerechnet! Auf bedrohliche Gesten von Menschen wusste ich vielleicht noch zu reagieren – aber Hunde? Hektisch riss ich mich herum und drehte an dem Knauf der zugefallenen Tür. Doch er rührte sich nicht. Ich rüttelte wie wild! Die Tür blieb zu. Hinter mir schwoll das Grummeln der Tiere immer mehr zu einem gefährlichen Gemisch aus Knurren und Bellen an, aber ich blieb hoffnungslos gefangen zwischen ihnen und dieser elenden Tür. Ruhig bleiben, ermahnte ich mich, nachdenken und bloß nicht in die Augen sehen! Langsam, ganz langsam, um sie nicht noch mehr zu provozieren, wandte ich mich ihnen zu, kaum gewillt, die Augen auf sie zu richten. Nur wenige Zentimeter von meinem Leib entfernt fletschten sie ihre spitzen Zähne, knurrten und sabberten bis in die äußersten Falten ihrer fleischigen Mäuler. Mir brach der Schweiß aus! Wer wusste, wie lange sie sich noch beherrschen konnten?
»Zeus! Odin!«
Eine laute Stimme lenkte die Tiere ab. Gleichzeitig ging das Licht im Hausflur an. Sie verstummten und wendeten ihre monströsen Köpfe zur Treppe hinauf, wo ich zu meiner Erleichterung einen Mann stehen sah. In diesem Moment war mir völlig egal, wer er war, Hauptsache er schaffte mir die Viecher vom Leib. Als er sie erneut zurückrief, ließen sie endlich von mir ab und stürmten nach oben.
»Ihre Tür klemmt«, rief ich zitternd hoch.
Der Mann antwortete nicht.
Ich versuchte noch einmal vergeblich die Tür hinter mir zu öffnen. Es war zwecklos.
»Ich wollte hier nur etwas abgeben«, ergänzte ich mit brüchiger Stimme und gab meinen Fluchtversuch auf.
»So? Dann kommen Sie hoch!«
Mein Blick fiel von unten nach oben auf einen der Hunde, der neben ihm am Geländer der Treppe stand und mich erbost fixierte.
»Was ist mit den Hunden?«
»Odin! Zurück! Los, ab mit dir!«
Augenblicklich zog sich das Tier hinter dem Mann in die Räume zurück.
»Kommen Sie hoch!«
Er verschwand hinter seinem Hund.
Dass ich tatsächlich nach oben ging, obwohl ich dort nichts Angenehmes vermutete, lag allein an der verschlossenen Haustür. Was sollte ich sonst tun?
Schritt für Schritt nahm ich die etwas zu hohen Stufen bis zur ersten Etage. Unter mir knackten uralte Holzdielen. Vor der Tür wagte ich nicht einzutreten, sondern klopfte nur kurz an den Rahmen.
Daraufhin tauchte der Mann wieder auf. Ich schätzte ihn auf Mitte fünfzig. Er trug einen dunklen Anzug mit schwarzem Hemd darunter. Die altmodischen Bundfalten seiner Hose stießen auf seine Schuhe, die wiederum glänzten, wie täglich poliert. Auf die Schnelle fand ich nichts Ungewöhnliches an ihm, außer, dass seine Brille an einer goldenen Kette vor seiner Brust baumelte. Eine Art Brillen zu tragen, die ich nicht mag.
Mich überfiel gleich das Gefühl, dass ich besser nie hier aufgetaucht wäre. Nicht nur wegen der Hunde. Sein Blick schien mir ungehalten – nein – ärgerlich! Als hätte ich ihn aus einem wichtigen Gespräch gerissen oder aus einem Nickerchen. Am liebsten wäre ich direkt umgekehrt.
»Ja, bitte?!«
Er musterte mich von oben herab, ohne zu lächeln. Nervös wühlte ich in meiner Jackentasche und förderte Jens' verschlossenen Umschlag zutage. Ich ärgerte mich über diese Nervosität, doch das Erlebnis mit den Hunden zerrte immer noch an meinen Nerven und ich wurde dieses Beben in meinem Körper nicht mehr los. Außerdem hatte der Mann vor mir etwas an sich, was mich einschüchterte. Eine gewisse Autorität in seinem harten Gesicht, in seinem Auftreten und in seiner Stimme. Etwas Herrschendes, was ich im Moment nicht genau ausmachen konnte, bei mir aber dieses unangenehme Gefühl von Unterlegenheit auslöste. Während ich ihm den Umschlag entgegenhielt, hoffte ich inständig, jetzt nicht peinlich zu zittern. Aber das Kuvert flatterte verräterisch vor seiner Nase und seinem strengen Blick herum.
»Ich bin hier, um … ich meine … diesen Umschlag soll ich hier abgeben.«
Meine unbeholfenen Worte weichten die Starre seiner Augen etwas auf. Nicht, dass ich seinen Blick nun als freundlich empfunden hätte, nur ein wenig interessierter.
»Ich glaube, ich weiß, was Sie mir sagen wollen.«
Er wies mit einer gewandten Armbewegung in Richtung der Innenräume. »Aber bitte, gehen wir doch rein.«
Während ich mich an ihm vorbeidrückte und betete, dass die Hunde neben ihm mich nicht zerfleischen würden, nahm er mir den Umschlag aus der Hand. Gerade jetzt, als ich das Gefühl bekam, diese letzte Erinnerung an Jens nicht abgeben zu dürfen, bevor ich sie selbst gelesen hatte. Doch dafür war es nun zu spät. Der feste Griff des Mannes zog mit einem Ruck Jens' Nachricht aus meiner Faust. Dann schloss der Kerl die Tür hinter mir und machte mich endgültig zu einer Gefangenen des Hauses. Ich sah, wie er den Schlüssel umdrehte, ihn abzog und in seiner Hosentasche verstaute.
Wo war ich hier nur hineingeraten?
»Warum schließen Sie ab?« Ich hatte Mühe, meinen Atem zu kontrollieren.
»Wegen der Hunde!«
Fast schmückte ein kleines, aber unschönes Lächeln seine steinernen Lippen. »Sie sehen ängstlich aus! Keine Sorge, die Hunde gehorchen mir aufs Wort.«
Mein Magen begann zu drücken und ganz allmählich meldete sich der Puls in meinem Kopf. Diese Kopfschmerzen – es ging schon wieder los!
Er wendete den absenderlosen Briefumschlag neugierig um.
»Lassen Sie mich raten … von Jens Klein?«
Woher wusste er das?
Ich wollte fast schreien, als er plötzlich seine Hand auf meine Schulter legte, eine große Hand, der ich das Fremde in ihr anfühlte und ich spürte förmlich, wie es in mich hineinkroch. Statt zu schreien, zuckte ich zusammen und mein Zucken schien dem Mann zu gefallen. Es löste ein flüchtiges Lächeln auf seinem Angesicht aus. Mit barschem Griff schob er mich weiter in den Raum hinein. Ein Raum, dessen Ausmaße ich nicht erwartet hatte. Ich stand in einem Saal, an dessen Vergangenheit als getrennte Altbauzimmer nur noch ein paar tragende runde Säulen erinnerten. Altmodischer Stuck zierte die hohe Decke. An einer Wand stand eine große Bar mit Barhockern und sehr vielen Flaschen. Die schwache Beleuchtung aus einem gusseisernen Kronleuchter reichte nicht aus, um alle dunklen Nischen und Hinterräume um mich herum so auszuleuchten, dass ich mich beruhigt gefühlt hätte. Wer wusste schon, wie viele abgerichtete Köter noch in diesen Winkeln lauerten?
Mitten im Raum ließ mich mein ungemütlicher Begleiter los und nahm einen Brieföffner von einem Sideboard zur Hand. Er nahm ihn ganz langsam aus der Halterung. Man hätte zusehen können, wie er die Luft damit durchschnitt und sein Gesicht wirkte dabei fast gehässig. Der Öffner selbst sah aus wie ein kleiner Dolch. Ich zog mich zurück, machte ein paar Schritte rückwärts und landete unabsichtlich in einer dieser finsteren Nischen, wo ich mir schmerzhaft die Hüfte an etwas stieß. Nur langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit und sie offenbarten mir einen Tisch, gegen den ich gelaufen war, ein Sofa und zwei Sessel. Auf dem Tisch stand ein Tablett mit Teegeschirr. Aus zwei halb gefüllten Tassen daneben dampfte Tee und auf der Tischdecke hinterließ ein kleiner Löffel einen nassen Fleck. In der Mitte des Tisches lag ein schwarzes Buch.
Ein Luftzug in meinem Nacken holte meine Aufmerksamkeit zurück. Ich zog den Kopf ein und drehte mich um. Der Mann mit Jens' geöffnetem Briefumschlag nickte mir zu.
»Nehmen Sie Platz!« Er wies auf das Sofa.
Dann setzte er die Brille auf und las kurz, aber aufmerksam in Jens' Zeilen, die ich liebend gern selbst gesehen hätte; mir vorenthaltene Gedanken eines toten Freundes!
Auf einmal bewegte sich etwas im schwachen Licht. Ich sah es im Augenwinkel. Kleidung raschelte in einer Ecke des Sofas neben mir und unerwartet sah ich mich einem dort sitzenden Mann gegenüber. Sein schwarzer Pullover und eine ebenso schwarze Hose verschmolzen ihn, bis auf das Gesicht und die Hände, mit dem Dunkel des Raumes. Er grinste mich an, aus der Gewissheit des heimlichen Beobachters heraus. Als er sah, dass ich ihn entdeckt hatte, stand er auf, kam geschmeidig näher und streckte mir seine Hand entgegen, die in dem Dämmerlicht wie die Hand eines Pantomimen wirkte.
»Alexander! Und der Mann hinter Ihnen ist Günter Buchheim! Ich glaube nicht, dass er sich Ihnen vorgestellt hat.«
Ich blickte ihn an – und meine Lunge stellte für Sekunden das Atmen ein. Dieser Mann sah aus, wie die Inkarnation meiner eigenen Vergangenheit! Dieses Gesicht mit den hellen blauen Augen in gebräunter Haut – volle Lippen, welche einen der Mundwinkel im Lächeln eine Spur nach oben zogen. Der Blick dieses Menschen – so selbstsicher, überlegen und so herablassend nachsichtig. Ich stand ihm regungslos gegenüber, einem Fremden, und doch kam es mir vor, als kannte ich ihn. Sein Griff fest und warm, die Stimme tief, zwinkerte er mir zu, während er mich unverhohlen betrachtete und meine Hand festhielt. In meinem Bauch wüteten lebende Steine, die sich an den Innenwänden des Fleisches rieben. Ich kann heute noch nicht sagen, ob ich ihn an diesem Tag grenzenlos selbstbewusst fand oder bloß anziehend anmaßend. Was ich fühlte, war ein Tsunami gemischter Erinnerungen, sprudelnd vor Sehnsüchten und Ängsten. Er war die Wiedergeburt meiner dunkelsten, verdrängtesten und erotischsten Lebensgeschichte. Er sah fast so aus wie Manuel!
Aufmerksam behielt er mich im Auge und umschloss meine gereichte Hand so lange, bis ich zögerlich auch meinen Namen nannte.
»Sarah – ein schöner alter Name! Gefällt mir sehr gut«, sagte er.
Dabei drückte er sanft mit den Fingern in meinen Handteller, und ich konnte nicht anders, als eine ganz leichte Gänsehaut zu empfinden, auch, wenn ich es nicht wollte. Es fühlte sich wie eine Massage an, deren minimaler Druck mich erschaudern ließ. Verlegen entzog ich ihm die Hand, wich diesem nicht enden wollenden Blick von ihm aus, der bis in meinen Unterleib kroch.
»Was führt Sie zu uns?«, fragte er.
Ich räusperte mich. Verdammt, warum war ich nur so leicht berührbar? Verstört suchte ich, meine Gedanken zu sammeln.
»Da Sie ja scheinbar eine Bekannte von Jens sind … ich meine, waren … muss ich Ihnen leider mitteilen, dass …« Mein Herz stotterte gleichlaufend mit meiner Stimme. »… Jens hat sich umgebracht. Es tut mir leid, das sagen zu müssen. Fragen Sie mich bitte nicht, warum.«
Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte ich die beiden Gesichter im Raum. Meine Nachricht verursachte nicht die Spur dessen, was ich erwartete; kein Zusammenzucken, kein erschrockenes Aufseufzen, keine bedrückten Blicke angesichts des Unfassbaren. Sie sahen sich lediglich einen Moment lang bedeutsam an. Es gefiel mir nicht, dass Jens ihnen offensichtlich mehr anvertraut hatte als mir. Ich riss mich zusammen, um nicht erneut zu stottern.
»Darf ich fragen, was Jens Ihnen geschrieben hat?«
Ich nahm an, dass Buchheim mir das Blatt Papier wenigstens einmal kurz unter die Nase halten würde, doch der faltete den kleinen Brief langsam und sorgfältig zusammen und reichte ihn an Alexander weiter, der ihn überflog. Breit grinsend stopfte dieser ihn in die Hosentasche.
»Erzählen Sie uns lieber, was geschehen ist«, forderte er mich auf.
Sie drängten mich, endlich Platz zu nehmen. Obwohl ich widersprach, saß ich bald auf dem Sofa. Rechts körpernah flankiert von diesem Abbild Manuels, der mich ab da an in einer ergreifend anmutenden Weise anlächelte. Beharrlich versuchte ich es zu ignorieren, schaffte es aber nicht. Sein aufdringliches Lächeln war immer da. Ich wich ihm auf dem Sofa etwas aus. Vor uns am Tisch stand Buchheim, mit seinen Oberschenkeln an der Tischkante angelehnt und noch immer mit dem Brieföffner in der Hand, den er so hielt, dass es mir so vorkam, als wollte er ihn mir gleich in den Hals stechen.
Wie konnte ich mich nur völlig unbekannten Männern ausliefern? Dazu die Hunde, die jetzt vor der Wohnungstür Wache hielten. So leichtsinnig hatte ich bisher nur ein einziges Mal gehandelt und es bitter bereut. Sie hätten mich töten können, mich vergewaltigen! Niemand wusste, dass ich hier war. Ich forschte in ihren Gesichtern, ob sich in ihnen Begierde oder etwas Mörderisches zeigte. Automatisch wanderte mein heimlicher Blick auf ihre Hosen. An Alexanders Hose klaffte die linke Tasche etwas auf und der zerknüllte Brief von Jens lugte heraus.
»Darf ich Ihnen etwas anbieten?«
Buchheim lächelte und zeigte dabei Zähne, was für mich aussah wie eine Fratze, weil er vorher gerade mal ansatzweise gelächelt hatte. Dann schenkte er Tee ein, ohne meine Antwort abzuwarten.
Sie sahen mich stumm an. Alexander auf dem Sofa wippte mit den Knien. Was wollten sie denn hören? Unsicher nahm ich den Tee, vibrierend vor Spannung. Ich nippte an dem heißen Getränk, um die Pausen auszudehnen, die ich brauchte, um über Jens und seinen Sturz auf die Autobahn zu berichten. Ungern beschrieb ich es so detailliert, wie sie es von mir verlangten.
»Was glauben Sie, woran er dachte, in diesem letzten Moment?«
»Wie er mich angesehen hat?« Vor meinen Augen sah ich Jens' entstelltes Gesicht mit dem verschobenen Kinn im Keller des Krankenhauses. Dieses Gesicht, das sich in meinen Kopf gepflanzt hatte und den vorherigen Jens meiner Beziehung und auf dem Brückengeländer fast schon beiseiteschob. Ich glaubte kaum an eine ernste Absicht hinter ihrer Frage.
»Ich soll den Gesichtsausdruck eines Selbstmörders kurz vor seiner Tat beschreiben? Die Augen eines Freundes, der Sekunden später mit einem fast geplatzten Kopf auf dem Asphalt einer Straße liegt? Ist das Ihr Ernst?«
Buchheim, noch immer vor dem Tisch stehend und noch immer mit dem Brieföffner hantierend, legte etwas unglaubwürdig Beschwichtigendes in seine Stimme.
»Es muss Ihnen merkwürdig vorkommen, dass wir so viel vom Tod Ihres – ich darf doch sagen Freundes – hören wollen.«
Er wartete kurz, ob ich antwortete, doch ich fand keine Worte mehr. Das Zögern, mit welchem er das Wort Freundes bedachte, als übertreibe er damit bereits, machte aus mir eine Randfigur in Jens' Leben, schob mich ganz weit weg, außerhalb ihres scheinbar so intimen Freundeskreises.
»Wir erleben es jedes Mal, dass die Angehörigen oder Freunde unserer Mitglieder irritiert sind, wenn Sie zu uns geschickt werden. Und das häufig unter den mysteriösesten Umständen. Ich meine diese Nachrichten, die verschlossenen Umschläge und dergleichen. Wie auch hier, im Falle unseres guten Jens.«
Buchheim lachte gekünstelt auf. Dass er Jens' Freund gewesen sein sollte, hielt ich für einen missratenen Witz! Jens hatte außer mir und einer Handvoll loser Bekanntschaften keine Freunde gehabt. Hätte er welche kennengelernt, hätte er sie mir vorgestellt oder zumindest von ihnen erzählt! Von diesem Haus hatte ich jedoch bis dahin nichts gewusst. Über all die Jahre hinweg war ich seine einzige Vertraute gewesen und nun wollten diese fremden Menschen ihn plötzlich besser gekannt haben?
Alexander beugte sich nach vorne und streifte dabei meinen Oberarm. Ich betrachtete seine dunklen Haare, die sich im Nacken etwas lockten, und sah zu, wie er mir ungefragt Tee nachschenkte. Er war jung, um einiges jünger als ich und doch hatte er diese bestimmende Ausstrahlung auf mich. Manchen Menschen scheint so etwas in die Wiege gelegt. Mir hat das Leben solch eine Gabe vorenthalten, aber das Leben ist ja nie gerecht. Besonders meines nicht! Schon einmal hatte sich ein Mann wie dieser in mein Leben gepflanzt – lange, bevor ich Jens kennenlernte. Ein Mann mit Führungseigenschaften, ein Alphatier, ein Herrscher! Manuel …
Ich lernte ihn in einem Taxi kennen. Er stieg ein, obwohl ich vor ihm in dem Taxi saß; er riss die Tür auf, grinste überwältigend und sagte: »Es macht Ihnen doch nichts aus, schöne Frau!« – nicht als Frage, sondern als Feststellung. Dann nahm er neben mir auf der Rückbank Platz – ähnlich wie Alexander, der jetzt auf dem Sofa neben mir saß, mit seinem Körper den meinen berührend – und gab dem Fahrer Anweisung, sein Ziel anzufahren. Er hätte es eilig und könnte nicht auf das nächste Taxi warten. Dafür wollte er mir den Umweg bezahlen. Tja, und ich saß da, stumm und dumm wie ein Fisch, und ließ mich widerstandslos entführen. Unterwegs lächelte er mich unentwegt an. Mich, sechzehnjährig, die bisher allen Jungen egal gewesen war, besonders solchen, die so gut aussahen, und er – Manuel – war bereits ein richtiger Mann.
Er witterte wohl den einfachen Fang, den er mit mir gemacht hatte.
»Wenn du kurz warten würdest, fahren wir gleich noch ins Casal, ein Eis essen«, sagte er und zwinkerte mir zu.
Ich wartete brav im Taxi. Casal, dort aß ich seit meiner Kindheit Eis. Was sollte mir da passieren? Warum also nicht mit ihm ein Eis essen gehen? Und, verdammt noch mal, er sah so gut aus! Warum sollte ich nicht auch mal Glück haben? Man muss auch mal etwas wagen! In Gedanken malte ich mir die neidischen Gesichter meiner schönen Klassenkameradinnen aus.
Es blieb nicht bei Krokantbecher und Kakao. Manuel wohnte ganz in der Nähe, in der Breslauer Straße, genauso wie meine einzige Schulfreundin, und er erzählte mir die ganze Zeit über, wie hübsch ich wäre und dass er so natürliche Mädchen wie mich besonders mochte und was man jungen Mädchen eben sonst noch so erzählt. Wie im Glücksrausch ging ich mit ihm mit. Schon im Hausflur fasste er mir zwischen die Beine. Ich wand mich, aber ich wollte auch nicht spießig sein. Ich hätte gern einen Freund gehabt und wollte es nicht verderben. Vielleicht waren ja alle Männer so, woher sollte ich das wissen? Er blieb auf der Treppe stehen und lächelte nachsichtig, nahm meinen Kopf in seine großen Hände und küsste mich behutsam. Das war mein erster richtiger Kuss gewesen. Ich genoss diese Zärtlichkeit, den fremden warmen Mund, die weiche Nähe eines anderen Körpers. Ja, es gefiel mir. Ich war sechzehn, alt genug, wie ich fand. Seine Hand fuhr unter meine Bluse, dann in meine Hose. Nun öffnete er die Wohnungstür, schob mich sanft von hinten hinein und schloss ab.
»Komm her!«, sagte er.
Als ich zögerte, Bedenken bekam, wegen der abgeschlossenen Tür, zog er mich bestimmend gegen sein Becken und küsste mich wieder – energischer diesmal. Ich schmeckte den Speichel seines Mundes, ließ ihn am Reißverschluss gewähren, fühlte seine Hände auf meinem nackten Po. Ich stöhnte. Es war mir peinlich, dass ich stöhnte. Alles war aufregend neu für mich. Auf einmal spürte ich seinen Gürtel um meine Hände! Trotzdem hielten seine Küsse an und ich empfand ein Gefühl zwischen Angst und Leidenschaft. Ich war sechzehn. Es war meine erste sexuelle Erfahrung.
Als ich ging, fühlte ich mich wie eine Hure; nüchtern, erwachsen, beschämt … und schuldig, weil ich gestöhnt hatte.
Manuel holte mich fortan von der Ausbildungsstelle ab, vom Sport ab, von der Fahrschule ab, drei Jahre lang und ich konnte nicht mit, und nicht ohne ihn leben. Er kleidete mich immer schon im Hausflur aus. Sein Gürtel zog sich von Mal zu Mal enger um meine Hände und zwischen den Küssen gab es nun auch Schläge. Ich ging mit immer mehr blauen Flecken nach Hause. Aber niemals im Gesicht. Meine Eltern merkten nichts. Wollte ich ihn verlassen, säuselte er von der Liebe, nach der ich mich sehnte, oder er drohte mir, dass er allen sagen würde, was ich Flittchen mit ihm getrieben hätte … schließlich würde es mir doch auch gefallen.
Eines Tages hatte er ein neues Mädchen. Von da an war ich ihn los – gepflückt und fallen gelassen. Erst lachte und dann heulte ich, tagelang, wochenlang … und ich vermisste ihn.
Liebe – was ist das? Gibt es Liebe zwischen Mann und Frau wirklich oder ist es nur eine Erfindung? Elf Jahre lang wagte ich danach keine Beziehung mehr, schämte mich für jeden sexuellen Gedanken. Männer? Ich weiß nicht recht, ob ich Männer seitdem hasse oder fürchte, für ihre Artverwandtschaft mit Manuel.
Später traf ich Jens. Jens war anders, zurückhaltend, nachdenklich, verstört wie ich, lebensmüde, zärtlich … nur zärtlich … reizlos … der hier, Alexander mit seinen Löckchen im Nacken, sah verdammt noch mal fast so aus, wie Manuel.
»Was ist das hier eigentlich für eine Vereinigung? Sie sprachen eben von einer Mitgliedschaft.« Ich fragte gereizt, denn neben der anrüchigen Erinnerung bereitete sich der eben noch flüchtige Schmerz ein bleibendes Nest in meinem Schädel. Für diesen Tag, das erkannte ich verbittert, würde er ihn nicht mehr verlassen. Außerdem wollte ich schon längst raus sein aus diesem beklemmenden Haus. Was hielt mich denn hier?
»Ja, das haben Sie richtig verstanden«, entgegnete Buchheim. »Wir sind eine Vereinigung. Ein eingetragener Verein sogar. Sie sitzen im Haus der Verlorenen, Verein für suizidgefährdete Menschen e.V. Wir selbst reden schlicht von Unserem Haus.«
»Und Jens war hier Mitglied?«
Verwundert, aber nicht zweifelnd, sah ich von einem zum anderen. Wirklich erstaunen sollte mich Jens' Mitgliedschaft in so einem Verein eigentlich nicht. Wahrscheinlich war er spontan, aus einer seiner vielen depressiven Launen heraus beigetreten. Meine Augen blieben an dem schwarzen Pullover dieses Alexanders haften, auch auf die Gefahr hin, dass er meinen Blick auf seinen muskulösen Brustkorb als Interesse auf sich selbst beziehen könnte. Verloren, die gleiche Aufschrift, wie die auf Jens' T-Shirt. Auch von Alexander hatte Jens mir nie etwas erzählt.
»Jawohl, das war er«, fuhr Buchheim fort. »Und ich kann Ihnen auch gleich mitteilen, welche Leistungen Jens zustehen, für den Fall, der nun eingetreten ist. Nämlich im Falle seines selbst herbeigeführten Todes.«
Buchheim setzte sich in den tiefen Sessel vor dem Tisch und senkte andächtig sein Haupt, was seinen Hals – er war vielleicht doch um einiges älter als ich ihn geschätzt hatte – heftige Falten schlagen ließ. Fast stolz hob er eine Hand bis über seinen Kopf, den Zeigefinger wichtig ausgestreckt. In der anderen Hand hielt er nun das kleine schwarze Buch, das er vom Tisch genommen hatte und aus dem er mit nahezu feierlicher Stimme ablas. Den Brieföffner hatte er vor sich auf dem Tisch abgelegt, die Spitze zeigte auf mich. Natürlich konnte das ein Zufall sein, aber ich fühlte mich noch immer bedroht von dieser Spitze. In diesem Moment erinnerte Buchheim mich an einen vehementen Prediger mit Bibel oder meinetwegen mit satanischen Schriften; genauso besessen und genauso unberechenbar.
Ungeachtet Buchheims doch sehr sonderlichen Auftritts ließ Alexander jedoch keinen Anflug von Belustigung erkennen. Ich sah ihn verstohlen an. Nicht einmal Mundwinkel, die mit ihren Fähigkeiten spielten, kein Grinsen also, kein Augenzucken, gar nichts, obwohl Buchheim mit seiner Gestik fast schon komisch wirkte. So blieb dessen Autorität in meinem Geist unantastbar. Jetzt sogar umso mehr, gerade deshalb, weil er sich selbst seine Würde bewahrte, als er eigentlich aussah, wie eine Karikatur seiner selbst.
Was mich beruhigte, war die Tatsache, dass er aus einem Buch ablas. Solange er las, schien es immerhin nicht so, als wollten sie mir etwas antun.
»Im Falle des bestätigten Selbstmordes … wozu uns sein Brief und Ihre Aussage dienlich sind …«, er nickte mir zu, »… erhält das Mitglied, beziehungsweise der eingeweihte Freund … Sie entschuldigen, dass wir die männliche Form im Text verwenden …«
Ein Korinthenkacker, dachte ich, jedes Wort genauestens überlegt.
»… eine Beerdigung nach vorheriger Wahl oder, wenn keine Wahl getroffen wurde, eine Beerdigung, wie er es wahrscheinlich gewünscht hätte, auf Kosten des Vereins. Dazu werden die Personen gemäß Wunsch des Verblichenen eingeladen. Bei Selbstmord ohne eingeweihte Personen … ach, das Weitere interessiert uns in diesem Fall ja nicht.«
Er klappte das Buch geräuschvoll zu und blickte mich schräg über seine Brille hinweg an.
»Jedes unserer Mitglieder hat eine Art Sterbeversicherung bei uns.«
Da man in allem eine Logik zu erkennen versuchte, meinte ich zu begreifen, warum hier niemanden Jens' Selbstmord überraschte. Wahrscheinlich musste es ab und zu vorkommen, dass sich jemand das Leben nahm, der einer Selbsthilfegruppe suizidgefährdeter Menschen angehörte. Dennoch erklärte das nicht ihre mangelnde Betroffenheit über seinen Tod.
»Wir übernehmen gerne die Organisation der Bestattung und Trauerfeier. Soweit ich weiß, gibt es ja keine weiteren Angehörigen.«
Ich überlegte nicht lange, wunderte mich zwar über dieses Entgegenkommen von dem Mann mir gegenüber, der mir so unsympathisch war und den ich ebenso gut für einen Vergewaltiger oder Mörder gehalten hätte. Dieses Angebot lehnte ich jedoch nicht ab. Im Gegenteil war ich froh, die Bürde loszuwerden. Sollten sie sich mit all den unbequemen Behördengängen und belastenden Gesprächen herumärgern, diese guten Freunde von Jens!
Mir fiel ein, dass sie wohl noch irgendwelche Unterlagen von Jens bräuchten. Zu meiner Überraschung war selbst das kein Problem für Buchheim.
»Ihr Freund hat alle notwendigen Papiere wie Stammbuch und Ähnliches hier hinterlegt, ebenso seine Wohnungsschlüssel. Wir werden uns um alles kümmern. Selbstverständlich auch um die Wohnungsauflösung. In diesem Fall hatten wir auch bereits ein Gespräch mit der Polizei.«
Er nickte einmal kräftig und Alexander erhob sich, als gäbe es nichts weiter zu besprechen. Ich trank den letzten Schluck des inzwischen abgekühlten Tees und stand ebenfalls auf. Noch immer zitterte ich leicht und ich war froh, unbeschadet gehen zu können, war jedoch nicht wirklich zufrieden mit dem Gespräch. Mir war, als hätten sie keine meiner Fragen beantwortet, ich aber im Gegenzug jede von ihren. Alexander schien mir diese Unzufriedenheit aus dem Gesicht zu lesen.
»Sollten Sie noch Fragen haben, Sarah … bitte. Sie dürfen mich gerne anrufen.«
Damit übergab er mir eine kleine runde Visitenkarte: Alexander Martin Rheine, Atelier, mit einer Mülheimer Adresse und einer Handynummer. Ich nahm sie an, steckte sie in dieselbe Jackentasche, in der noch immer Jens' Abschiedsbrief an mich sein Unwesen trieb.
»Es passiert wohl nicht selten, dass sich einer ihrer Schützlinge umbringt?!«, bemerkte ich Buchheim gegenüber.
Buchheims Mund spitzte sich etwas, während seine Augen scheinbar nach einer passenden Antwort suchten.
»Mmh … nun ja … Sie hören von uns, Frau Look.«
Schon lag seine Pranke erneut auf meiner Schulter und dirigierte mich in Richtung Ausgang, an den aufmerksamen Hunden vorbei. Alexander folgte uns und reichte mir noch einmal überschwänglich die Hand. Ich nahm sie, obwohl ich seine Blicke und seine seltsam anziehende Art auf mich inzwischen fast schon unheimlich fand. Es gab keinen Grund, ihm zu vertrauen. Gerade, weil er Manuel so ähnlich war. Tatsächlich aber sehnte ich mich insgeheim fast nach der spannungsgeladenen Handmassage von vorhin. Ich wollte sie stillschweigend genießen und dann nichts wie weg von dort. Stattdessen deutete er einen Handkuss an, der mir die Haare aufstellte, als sein warmer Atem über meine Haut strich.
»Alexander – falls Sie meinen Namen vergessen haben.«
Nein, das hatte ich bestimmt nicht.
Sein Lächeln mit vollen Lippen, leicht schräg und ein verschworenes Zwinkern um eine blaue Iris fesselten mich.
Buchheim verdrehte die Augen. Dann griff er in seine Hosentasche und wühlte darin herum, als wäre sie so tief, dass er nichts darin finden könnte. Schließlich ergriff er die Schlüssel, die mich endlich hier rauslassen sollten. Die Rottweiler standen sofort in Position und beäugten jede Bewegung ihres Herrn und von mir.
Dicht folgte Buchheim mir die Treppe hinunter. So dicht, dass ich seinen Körper hinter mir spürte und instinktiv einen Ellenbogen nach hinten drückte, um ihn auf Abstand zu halten. Mit der anderen Hand umklammerte ich das breite Holzgeländer, darauf gefasst, mich aufzufangen, falls er mich hinunterstoßen sollte. Ihn störte meine Abwehrhaltung nicht im Geringsten. Mitten auf der Treppe hielt ich es nicht mehr aus. Ich blieb stehen und blickte ihm aufgebracht ins Gesicht. Augenblicklich knurrte einer der Hunde neben ihm. Ohne eine Miene zu verziehen, glotzte Buchheim auf mich herab.
»Was ist?!«
»Ich mag es nicht, wenn man mir so nahe kommt!«
»Ach ja? Der galante Handkuss von Alexander schien Sie aber nicht gestört zu haben.«
Meine Wangen begannen zu glühen.
»Lassen Sie das bitte!«, beharrte ich.
»Kann es sein, dass Sie ein Problem mit mir persönlich haben, junge Frau?«
Ich sagte nichts mehr und eilte weiter zum Ausgang. Nur raus hier! Doch dort musste ich warten, bis Buchheim und seine Tiere mich aufholten. Mit dem Rücken quetschte ich mich an die Wand, um ihnen Platz zu machen. Buchheim grinste – schon das ein Grund, ihm aufs Maul zu hauen, wären die Hunde nicht gewesen. Natürlich hätte ich es nicht wirklich getan, ihm mit der Faust auf die Lippen geschlagen oder ihn in seinen Unterleib getreten, aber meine Gedanken taten es unweigerlich, als er so grinste. Ich hasste meine Unterlegenheit. Mit einem Handgriff, den ich so schnell nicht mitverfolgen konnte, öffnete er die verklemmte Haustür.
»Sie werden in Kürze eine Einladung zur Bestattung und zur Trauerfeier erhalten. Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute.«
Er klopfte mir auf den Rücken, während ich vorbeiging. Es brannte noch hundert Meter weiter.
Als ich schon ein paar Schritte auf den Gehweg gesetzt hatte, rief er mir hinterher.
»Frau Look …«
Ich wandte mich um.
»Feuerbestattung!«
Die Begegnung mit diesen Männern aus dem Haus der Verlorenen beschäftigte mich den gesamten Abend über. Mir war schlecht davon. Schlechter, als von dem Gedanken an Jens' schiefes Gesicht im Krankenhaus. Ich wusste nicht, ob der eiskalte Buchheim mit seiner groben Hand auf meiner Schulter und seine Rottweiler mich mehr einschüchterten, als Alexanders überheblicher Charme mich irgendwo bei den Hormonen packte. Sie machten mich ängstlich und wütend zugleich. Der ganze Besuch lag mir wie ein unverdautes Erlebnis im Magen und ich glaubte kaum, schlafen zu können. Mein Kopf pochte. Warum muss mir alles in den Kopf steigen? Ich hatte das Gefühl, als säße darin Jens und trete um sich, weil er nicht da raus konnte. Nichts hätte ich lieber geöffnet, als meinen verdammten Schädel.
Unruhig kramte ich in meinen Schubladen und alten Kalendern nach Marcs Telefonnummer, bis ich sie schließlich in einem Telefonverzeichnis von 2009 fand. Solange hatten wir uns also schon nicht mehr gesehen. Kein Wunder, nach unseren Streitereien, gerade in der Zeit, als ich noch mit Jens zusammengelebt hatte.
Marc ging nicht ans Telefon. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er schon schlief, eher, wie er sich mit Freunden beim Bier verquatschte oder mit einem männerfressenden Vamp vergnügte, während es mir schlecht ging. Aus Trotz wählte ich seine Nummer mehrmals. Irgendwann musste der alte Klugscheißer doch ran gehen.
Vergeblich!
Am nächsten Morgen ging ich arbeiten. Das erste Mal seit jenem Tag. Es hätte mir guttun können, wieder an etwas vollkommen anderes zu denken, im Büro zu sitzen, Rechnungen zu buchen und E-Mails zu bearbeiten, aber die Stimmung der Kolleginnen mir gegenüber war auch an diesem Tag nicht besser als sonst. Sie vermieden jedes Wort mit mir. Wahrscheinlich wussten sie nicht, wie sie mit der ganzen Sache umgehen sollten. Natürlich! Ich wusste es ja genauso wenig.
Per Internet versuchte ich etwas über dieses Haus der Verlorenen herauszufinden. Fehlanzeige! Nicht ein Hinweis auf den Verein, weder eine Webseite, noch etwas über Günter Buchheim. Auch Alexander hatte keine Homepage, obwohl auf seiner Visitenkarte Atelier stand. Als ich seinen Namen in einer Suchmaschine eingab, fanden sich ein paar Treffer aus dem Kulturbereich. Anscheinend war er freischaffender Künstler … Maler oder so etwas.
Träume
Ich träumte von Jens. Ich träumte davon, wie er mich ansah, während er auf mich einredete und wir zusammen zu dieser Brücke gingen. Im Traum wusste ich genau, was dort geschehen würde und nicht Jens zog mich, sondern ich ihn. Mit dem Wissen einer Täterin schob ich ihn an das Geländer der Brücke heran, redete nach außen hin belanglos mit ihm, während ich innerlich mit einem mörderischen Plan kämpfte. Scheinheilig überredete ich Jens, auf das Geländer zu steigen, und er tat es einfach, wie es im Traum eben geschieht. Kaum stand er darauf, verlor er die Balance. Ich erschrak. Mein Gewissen brannte. Da streckte ich ihm die Hand entgegen, um ihm Halt zu geben – aber stattdessen stieß ich ihn an. Jens bekam Angst. Er ruderte mit den Armen, um sein Gleichgewicht wiederzufinden, konnte sich gerade noch halten. Als er wieder Fuß fasste, tat ich es – ich stieß ihn hinab und ich erschrak über mich selbst. Sein Schrei verhallte mit der Entfernung seines Körpers, bis er mit einem dumpfen Aufprall erstarb. Von der Brücke aus blickte ich ihm eilig nach. Marcs Cabrio quietschte und überrollte Jens. Ich betrachtete den blutend aufgeschlagenen Leib. Er musste tot sein. Das war gut so, denn ich wollte nicht, dass er mich beschuldigen konnte. Zufrieden ging ich ein paar Schritte vom Geländer zurück, blickte auf und auf einmal entdeckte ich sie – die Passanten um mich herum, die mich entsetzt anstarrten. Ich war mir so sicher gewesen, dass ich alles andere um uns herum vergessen hatte. Als ich mit den Augen verzweifelt nach einem Fluchtweg suchte, kamen sie plötzlich näher und zogen einen engen Kreis um mich. In ihren Gesichtern erkannte ich Hass und Anklage …
Eine Weiche in meinem Leben
Die Einladung zu Jens' Beerdigung lag sehr bald in meinem Briefkasten. Im Grunde war ich froh, dass das alles so schnell ging. Irgendwie hoffte ich, ich könnte meine Unruhe, die mich seit Jens' Tod beherrschte und die vermehrten Kopfschmerzattacken ganz einfach mit in dieses Erdloch werfen, um mich meinem alten Leben zuzuwenden. Eine naive Vorstellung, ich weiß. Jens wird niemals aus meinem Leben verschwinden und ebenso wenig die Umstände seines Todes. Sie werden mich verfolgen bis zu meinem eigenen Tod und, wer weiß, vielleicht noch weiter. Jens hatte eine Weiche in meinem Dasein verstellt und auf dem Weg in die Zukunft gibt es ja keine Rückkehr. Mein altes Leben gab es längst nicht mehr.
Am nächsten Freitag ging ich dann zum Friedhof. Nicht ganz in Schwarz, aber mit einer schwarzen Jacke, die ich aus den hintersten Winkeln meines Kleiderschrankes hervorgekramt hatte. Für eine schnelle stille Beerdigung, wie ich hoffte. Wer sollte schon, außer mir und diesem unheimlichen Buchheim und vielleicht Alexander, vor der Leichenhalle auf mich warten?
Zu meiner Überraschung traf ich jedoch am Friedhof Marc an. In einem dunkelgrauen Trenchcoat lief er vor der Leichenhalle auf und ab. Ich erkannte ihn nicht sofort. Das Gesicht, das dunkelblonde Haar und seine schlanke Statur – das war schon Marc, aber nicht sein Gang. Die Art, wie er die Schritte setzte, so zögerlich, das war nicht er. Wie er sich an die Nase fasste, immer wieder, aus Betretenheit, so kannte ich ihn auch nicht. Und dennoch war es Marc. Er hob stumm und schlapp die Hand, als er mich kommen sah.
Ich konnte mich nicht erinnern, Buchheim Marcs Adresse oder Telefonnummer übergeben zu haben.
»Marc«, flüsterte ich, »woher weißt du …?«
»Ich wurde eingeladen«, flüsterte er zurück und wies nickend auf Buchheim und seine Mannschaft, die zu neunt erschienen war. Sie standen da wie eine Gruppe übereinstimmend schwarz gekleideter Spione aus alten Filmen und unterhielten sich lebhaft. Ab und zu warfen sie einen verstohlenen Blick zu uns herüber.
»Woher hat er deine Adresse?«
Marc zuckte die Schultern. Sein Kopf zitterte ein wenig, als er ihn bewegte, um mich flüchtig anzusehen. Er sah schlecht aus. Fehlender Schlaf zeichnete dunkle Ränder in seine blasse Haut. Ich traute ihm einiges zu, doch selbst nach einer Woche ausschweifender Dauerparty vor drei Jahren hatte er gesünder ausgesehen. Dass es ihn so mitnahm, wie mich selbst, verblüffte mich. Marc hätte ich Saufen und Vergessen zugetraut, aber nicht die Fähigkeit zu leiden. Allzu schnell wich er meinem fragenden Blick aus. Dabei wäre ich die Letzte gewesen, die ihm heute etwas vorgeworfen hätte. Noch bevor wir ein intimes Gespräch führen konnten, rollten sie ein paar Meter weiter eine blumengeschmückte Handkarre heran. Jens' Überreste ruhten darauf in einer schwarzen Urne. Die Trauergäste setzten sich in Bewegung. Sie reihten sich zu zweit oder zu dritt ein und wir alle folgten dem Geräusch knirschender Reifen über Schotter bis zur Grabstätte. Das Grab selbst war klein. Doch alles darum herum war so üppig mit Blumen und Kränzen geschmückt, als hätte Jens zu Lebzeiten unendlich viele Freunde gehabt. Ich blickte mich um. Von den Anwesenden kannte ich außer Marc nur meine beiden seltsamen Gesprächspartner aus dem Verein. Sie standen nebeneinander, die Hände gefaltet vor dem Bauch. Heimlich beäugte ich Alexander aus der Entfernung. Er sah gut aus. Natürlich sah er gut aus – er war jung und athletisch, der Einzige, dem dieses schwarze Sakko wirklich stand. Ich war schon dreißig, ging es mir durch den Kopf. So ein junger Mann würde sich wohl kaum ernsthaft für mich interessieren.
Buchheim beförderte mich, einer Marionette gleich, an den starrenden Gästen vorbei, bis an das Grab heran. Je näher ich der Urne kam, desto schäbiger fühlte ich mich. Mein Traum fiel mir wieder ein, mitsamt dem Gefühl, ihn gestoßen zu haben. Erschreckend, wie klein Jens geworden war. Unglaublich, dass er, der Lange, Schlaksige, nun in dieses winzige Gefäß passte. Sie hoben die Urne in die geöffnete Erde. Von meinen schlechten Erinnerungen, den miserablen Zukunftsvisionen und diesen Kopfschmerzen nahmen sie nichts.
Auch Marc holten sie nach vorne. So standen wir beide nebeneinander vor dem blumengeschmückten Grab und nahmen warme Taschentücher aus fremden Hosentaschen an. Vor uns baute sich kein Pastor auf, sondern Buchheim, der feierlich von Jens' Abschied sprach. Ich wollte seine Worte nicht hören, versuchte sie an mir vorbeiziehen zu lassen, indem ich an etwas anderes dachte. An meine Arbeit, die sich inzwischen auf meinem Schreibtisch in der Firma türmte oder an Alexander, der mich immer wieder beobachtete. Es gelang mir nicht ganz, mich abzulenken. Ständig glitten meine Gedanken zu Jens zurück und ich bekam unfreiwillig Bruchstücke von Sätzen oder einzelne Wörter der Rede mit. Wörter wie: … unser lieber Freund Jens … persönliches Ziel erreicht … Tod doch nichts Grausames …
Während ich mit meinen Tränen kämpfte, bemerkte ich hinter mir ein paar heitere Stimmen, vereinzelt gar ein verhaltenes Gespräch und leises Lachen. Unmöglich! Es fiel mir erst jetzt auf. Einige der fremden Gäste zeigten geradezu eine Unbekümmertheit, jedenfalls nicht das, was ich unter Trauer verstand. Nun ja, Freunde waren sie eben doch nicht gewesen. Marc dagegen bemerkte von all dem nichts und vergoss neben mir mehr Tränen als ich. Als ich seine verschwitzte Hand ergreifen wollte, zog er sie weg.
Nach der Beerdigung fühlte ich mich nicht deutlich besser, aber ich dachte, das geschlossene Grab gäbe mir die Möglichkeit zu verdrängen. Ich setzte mich in meinen Wagen und warf die schwarze Jacke auf den Rücksitz. Zuhause wollte ich alles, was mich an Jens erinnerte, in einen Sack stopfen und in einen Container werfen. Marc sollte alleine sehen, wie er mit seinem Unglück fertig würde. Ich wollte gar nicht mehr wissen, warum Jens gerade auf Marcs Auto gewartet hatte, als es passierte. Vielleicht war es doch nur ein blöder Zufall gewesen.
Da sah ich Buchheim auf meinen Wagen zuschreiten. Ich versuchte loszufahren, bevor er mich ansprechen konnte, doch so schnell, wie er sich näherte, sprang der alte Wagen gar nicht an. Der Motor quälte und quälte sich, da klopfte Buchheim bereits an die Scheibe der Fahrerseite. Sollte ich ihn einfach ignorieren und wegfahren? Wahrscheinlich! Jeder andere hätte so gehandelt, aber ich ließ die Scheibe herunter.
»Ich dachte eigentlich, Sie kommen noch mit ins Vereinshaus«, sagte er.
»Woher kennen Sie Marc Schuch?«
Meine Frage ließ ihn kurz zögern.
»Von Jens!«
»Wieso hat er Ihnen so viel Intimes anvertraut? Er kannte Sie doch kaum.«
Buchheim lächelte mit dem Mund, ohne dass seine Augen dem folgten. Sie strahlten nichts wider, was sein Lächeln gefühlvoll begleitet hätte. Ein Mensch ohne Liebenswürdigkeit, ohne Güte für mich. Er hätte gesichtslos sein können, das wäre das Gleiche gewesen. Trotzdem folgte ich ihm. Ich weiß nicht warum. Es war, wie in einem Albtraum. Da ist es genauso. Man sieht sich in ein Unglück laufen und kann sich einfach nicht dagegen wehren. Allein der Gedanke, dass Jens diesem Mann mehr vertraut haben könnte als mir, erweckte in mir ein moralisches Pflichtgefühl, mich nicht zu widersetzen.
Der städtische Friedhof lag nicht allzu weit vom Haus der Verlorenen entfernt. Die schwarz gekleidete Gemeinde trampelte die braun lackierte Holztreppe hoch und breitete sich hinter der Tür im Saal aus. Sie schienen erstaunlich gut gelaunt, fast beschwingt, und ja – ich ließ mich mit der Zeit mittragen von ihrer sonderbaren guten Stimmung. Eine Ablenkung, die ich meinte, brauchen zu können. Warum sich nicht etwas aufheitern lassen und wann lernte man schon einen solchen Haufen angeblich suizidgefährdeter Menschen kennen?
Die Dekoration im Vereinshaus überwältigte mich. Ein Bild von Jens stand mitten auf einem großen ovalen Tisch, der im hinteren Teil des Saals stand, das Bild umrahmt mit bunten Blumen – maßlos übertrieben! Fast wie ein kitschiger Abklatsch einer Heldenverehrung aus fremden Kulturen. Es sah ganz danach aus, als wäre das Bild erst kurz vor seinem Tod entstanden, denn er war darauf schon so hager, wie in den letzten Tagen seines Lebens. Jens in Nahaufnahme, porträtiert vom Gesicht bis zur mageren Brust, im schwarzen Rollkragenpullover. Er hatte nie Rollkragenpullover getragen. Es war eine schmeichelhafte Aufnahme von ihm, warm und weich gezeichnet, jedoch völlig gestellt. Wer ihn nicht kannte, wusste das nicht. Das war vielleicht deren Jens, aber nicht meiner. Um das verlogene Bild herum standen Gläser mit Champagner.
Wir tranken auf Jens und ich prostete stumm mir vollkommen fremden Menschen zu und grinste, weil sie grinsten. Das Leben geht weiter, Jens, ob du es so wolltest oder nicht, sogar meines.
Nachdem wir die ersten Schlucke vergossen hatten, übernahm eine kleine ältere Frau das Wort. Eine wirklich sehr kleine Frau, von der Größe eines siebenjährigen Kindes. Sie zog ihre Schuhe mit erstaunlich hohem Absatz aus, stellte sie unter einen Stuhl und kletterte dann hinauf, um besser gesehen zu werden. Ihre noch vollen grauen Haare reichten als locker gebundener Zopf bis auf ihre Taille hinab. Ein Zopf, der mir allenfalls bis zur Brust gereicht hätte.
»Meine Lieben«, begann sie mit einer hellen und ein bisschen quäkenden Stimme aus einem viel zu kleinen Kehlkopf, aber nicht unangenehm hoch.
»Wir sind hier wieder einmal versammelt, um einen Abschied zu feiern. Jens Klein hat …«
»Achtung! Vergiss nicht unsere Gäste, Franziska!«
Buchheim warf es eilig ein, dann grüßte er mir überdeutlich zu. Franziska sah vom Stuhl aus auf mich herab. Auch von unten aus betrachtet erschien sie nicht viel größer, egal, auf wie viele Stühle oder Polster sie sich stellen würde.
»Ach ja … wir sind also zusammengekommen, um ihn zu verabschieden und …«
Franziska und Buchheim tauschten einen längeren Blick.
»… und zu sagen, dass wir stolz auf ihn sind … und …«
Jetzt folgte ein längerer Blickaustausch mit mir, dem ich ratlos folgte.
»… und wir ihn aufnehmen in die Reihe unserer Lieben, hier an dieser Wand.«
Den letzten Satz sprach sie rasend schnell und was sie nachher noch nuschelte, kam mir vor, wie Alles andere besprechen wir später. Sicher war ich mir jedoch nicht. Was sie mit Wand meinte, erfuhr ich aber sogleich, denn sie hoben Jens' Bild in die Höhe und trugen es andächtig zu einer reich bebilderten Wand im Saal, wo sie es ans Ende der zweiten Reihe aufhängten. Wie eine Traube versammelten sich diese Menschen um Jens' Abbild herum, hoben die Gläser, als gäbe es etwas zu feiern. Man trank dem Porträt zu, schaute mich und Marc, der Fingernagel knibbelnd in einer Ecke stand, wohlwollend an und verteilte sich anschließend in alle möglichen Winkel des Hauses.
Ich zog Marc am Ärmel und setze mich mit ihm auf die nächstbeste Couch. Es war die erste Gelegenheit, uns heute alleine zu sprechen, aber Marc versank teilnahmslos in seinem Glas, das nach einer ekelhaften Mischung aus Schnaps und Champagner roch. Woher hatte er den Schnaps bekommen? Es gab eine Bar in diesem Saal. Vielleicht hatte er sogar einen Flachmann in seinem Mantel versteckt. Marc ignorierte mich, bevor ich ihn überhaupt ansprach, indem er ohne Unterlass weiter in sein Glas hinein starrte. Ich gab es auf, ihn anzusprechen.
Zurückgelehnt beobachtete ich die Leute, die sich munter unterhielten. Selbstmordgefährdet sollten sie sein, wenn man dem Vereinszweck glaubte, und ich fragte mich, während ich sie betrachtete, wer von ihnen Betroffener und wer Berater war. Zumindest einige mussten schon mal nach ihrem eigenen Leben getrachtet haben. Doch ich konnte äußerlich nicht mehr Unterschiede zwischen ihnen ausmachen, als es sie in jeder Gesellschaft gab. Man sah ihnen ihre seelische Qual nicht an. Jens hatte man es schon angesehen. Dieser stets sorgenvolle Blick von ihm, diese jammervoll gerunzelte Stirn, jedes Mal, wenn man ihn antraf, hatten seinem Gesicht den Stempel seelenkrank aufgedrückt und er hatte sich nicht ungern im Mitleid der anderen gesuhlt. Im Gegensatz zu mir. Mir war es stets lieber gewesen, wenn niemand von meinen gehegten Gefühlen wusste. Ob Jens wirklich aus seinen düsteren Gedanken gerettet werden wollte? Da war ich mir nicht sicher. Wie viele Rettungsringe hatte ich ihm zugeworfen, denen er ausgewichen war? Wie oft hatte ich so getan, als stünde ich selbst wieder mit beiden Beinen auf gesichertem Boden, um ihm Stärke zu vermitteln. Ich konnte wahrhaftig nicht damit rechnen, dass er seine ständig wiederholten Andeutungen, die mich schon langweilten, weil sie nie durchgeführt wurden, tatsächlich wahr machen würde. Sein Selbstmord musste auch die Mitglieder dieses Vereins überrascht und schwer erschüttert haben, da es das Versagen all ihrer Bemühungen bedeutete. Erinnerte sie nicht der Freitod einer ihrer Freunde an ihre eigene Todessehnsucht? Von solch trüben Gedanken schienen sie jedoch alle recht fern.
»Sie erlauben?«
Ich schreckte auf. Alexander beugte sich zu mir herab, die Gesichtszüge ein bisschen spöttisch, wie beim letzten Mal den einen Mundwinkel höher gezogen als den anderen. Doch heute wirkte er etwas weniger bestimmt, eher entrückt und jungenhaft ungefasst. Stolz bemühte er sich um Standfestigkeit, denn er schwankte merkbar, hielt sich mit einer Hand an seinem eigenen Glas fest und glich mit dem linken Bein am Tisch seine Schräglage aus.
»Bitte!«, forderte ich ihn auf, aber da saß er bereits neben mir, presste sich sein Oberschenkel gegen meinen wegen der Enge auf dem Sofa. Er, eingezwängt zwischen mir und der Lehne. Ich, gequetscht zwischen ihm und Marc. Im Gegensatz zu seinem Körperkontakt spürte ich Marc auf der anderen Seite kaum. Alexanders Gesicht schwebte ungezwungen vor meiner Nase, in einer Nähe, welche die Wärme seiner Haut erahnen ließ. Rasierwasser strömte von Kinn und Kleidung und mischte sich mit Alkoholgeruch aus seinem Mund. Es war eine riskante Nähe, die leicht über unsere Sympathien füreinander Aufschluss geben konnte. Er reichte herüber zu unseren leeren Gläsern, die Marc und ich in den Händen hielten, und versuchte uns Champagner nachzuschenken, doch es fiel ihm schwer, weil der Arm ebenso schwankte, wie sein gesamter Oberkörper.
»Ein prima Kerl, der Jens«, nuschelte er.
Besorgt folgte ich der Flaschenöffnung in seiner Hand mit meinem Glas, um aufzufangen, was er verschüttete.
»Tschuldigung!«
Theatralisch zauberte er aus seinem Sakko eine Papierserviette und tupfte übertrieben sorgfältig auf meinem Knie herum.
»Macht nichts!« Ich wehrte ihn nicht ab, sondern beobachtete seine Hand, die fleißig tupfte. Eine Hand ohne Ehering und sein Gesicht, das belustigt dazu schmunzelte, als dachte er über etwas Verbotenes nach, während er mein Knie anfasste. Sein Pullover unter dem Sakko trug auch heute die Aufschrift Verloren. Alexander und Jens – was, außer der Aufschrift auf ihren Kleidungsoberteilen und mein Interesse an ihnen, verband diese beiden Menschen?
»Kam Jens eigentlich schon lange hierher, in das … Haus der Verlorenen?«
Darmowy fragment się skończył.