Czytaj książkę: «Einführung in die Philosophie»
UTB 4424 
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Manfred Riedel
Harald Seubert
Einführung
in die Philosophie
Herausgegeben von Friedemann Sprang
BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN · 2015
Impressum
Manfred Riedel (1936–2009) war zuletzt als Professor für Philosophie an der Universität Halle-Wittenberg tätig. Er gilt als einer der profiliertesten deutschen Denker der Gegenwart.
Harald Seubert (geb. 1967) ist Professor für Philosophie und Religionswissenschaft an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel.
Friedemann Sprang (geb. 1941) betreut den schriftlichen Nachlass von Manfred Riedel.
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Bildausschnitt aus: Die Schule von Athen, Raffael 1510/11 (Foto nach der Restaurierung). © akg-images/Erich Lessing.
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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Korrektorat: Patricia Simon, Langerwehe
Satz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, Bielefeld
Druck und Bindung: Pustet, Regensburg
Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier
Printed in Germany
UTB-Band-Nr. 4424 | ISBN 978-3-8252-4424-8 | eISBN 978-3-8463-4424-8
Über dieses eBook
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Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Über dieses eBook
Vorwort
Einleitung
1 Was ist Philosophie?
1.1 Philosophie und Weltanschauung
1.1.1 Die kritische Aufgabe der Philosophie
1.1.2 Zur aktuellen Problemlage
1.2 Philosophie und Wissenschaft
1.2.1 Prinzipienerkenntnis und Erkenntnis aus Prinzipien
1.2.2 Zwischen Wissen und Information
1.3 Der Ursprung der Philosophie
1.3.1 Grenzgänge: Staunen, Fragen, Denken, Wissen
1.3.2 Der Ursprung der Philosophie im Lichte der heutigen Denkerfahrung
2 Die Grundprobleme der Philosophie
2.1 Die Frage nach der Wahrheit
2.1.1 Das Problem der Dialektik
2.1.2 Wahrheit und Begründung: Die Aktualität von Dialektik und Dialog
2.2 Die Bedingungen des Guten: Das Problem der Ethik
2.2.1 Die Transzendenz des Guten und das Sittengesetz
2.2.2 Das Gute und das Nützliche
2.3 Die Bedingungen der Freiheit: Das Problem der Politik
2.3.1 Das Wesen der Freiheit und die Konstitution der Polis
2.3.2 Die unbeweisbare Freiheit: Politische Philosophie an der Schwelle zum 21. Jahrhundert
2.4 Der Sinn von Sein
2.4.1 Das Problem der Metaphysik
2.4.2 Ende oder Zukunft der Metaphysik: Die unhintergehbare Seinsfrage
3 Wie sollte im 21. Jahrhundert Philosophie studiert werden?
Literaturverzeichnis
Personenregister
Sachregister
Editorische Notiz
Rückumschlag
Vorwort
von Harald Seubert
Die Einführung in die Philosophie ist die elementarste und grundlegendste Vorlesung eines philosophischen Lehrers. Dadurch ist sie auch eine Königsdisziplin. Auf knappem Raum gilt es zu sagen, was Philosophie ist, die, im Unterschied zu anderen Wissenschaften, nicht einen festgelegten Kanon von Methoden und wissenswerten Sachverhalten enthält, sondern in der buchstäblich alles zur Disposition steht. Man lernt die Sache und den Denker gleichermaßen kennen. Manfred Riedel (1936–2009) hat seine ‚Einführung‘ eine ‚Hinführung‘ genannt, und er hat Philosophie zuerst dadurch gekennzeichnet gesehen, dass sie radikales Fragen sei. Die Vorlesung situiert deshalb Philosophie zwischen Weltanschauung und Wissenschaft: Es sind die beiden Dimensionen, aber auch Deformationen des Geistes, zwischen denen die Philosophie in der Zeit nach Hegel ihre eigenständige und vermittelnde Bedeutung zu verlieren drohte. So besteht die Gefahr, dass Philosophie zu Wissenschaft oder zu Ideologie degeneriert. In einer Weltanschauung bricht die philosophische Fragebewegung ab. Sie erstarrt zu Dogma oder Ideologie. Dies zeigt Riedel im Blick auf den Marxismus, den er seit seiner Schul- und Studienzeit kannte und der in den frühen Siebzigerjahren die westlichen Intellektuellen in ihren Bann zog. Eine nur szientistische wissenschaftliche Weltorientierung, der sich zu weiten Teilen die angelsächsisch-sprachanalytische Philosophie verschrieben hat, reduziert ihrerseits die Fragebewegung im Namen von vorgegebenen Erkenntnismodellen, vor allem des physikalistischen. Philosophie aber ist, dies betont Riedel eindrücklich, nichts Nachträgliches – weder bezogen auf Weltanschauung noch auf Wissenschaft. Sie ist selbst Ursprung der Denkbewegung, die über die gegebene faktische Welt, sei es eines Zeitgeistes, sei es eines positivistisch gesetzten Theorierahmens hinausgeht. Eindrucksvoll zeigt er deshalb im Rückgriff auf die mittelalterliche Transzendentalienlehre [<<7] und die kantische Transzendentalphilosophie, dass Philosophie aus sich heraus die Grenze zwischen dem Transzendenten und dem positiv Gegebenen überschreitet. Anders gesagt: Sie muss als Philosophie einen spekulativen Weg nehmen. Wenn sie dies nicht tut, verfehlt sie sich.
Von diesen Vorklärungen her exponiert Riedel die vier Grundprobleme der Philosophie, die in einer jahrhundertelangen Auseinandersetzung umkreist werden. So entsteht ein Gespräch zwischen antikem, neuzeitlichem und modernem Denken, das im besten Fall zu immer größerer Sinnklarheit führt, nicht aber zu verwertbaren dogmatischen Sätzen und auch nicht zu szientifischen Lösungen.
Riedel benennt zunächst die Frage nach der Wahrheit, die auf das Sich-Unterreden über die Sache, die Grundbedingung von Identität und Differenz, führt. Mit seinem Lehrer Gadamer hält er fest, dass Dialektik im Dialog gründet. Das zweite Problem ist die Frage nach den Bedingungen des Guten: Sie führt auf die Ethik. Das dritte Problem betrifft die Bedingungen der Freiheit und damit der Manifestation und Realisierung des Guten in der politischen bürgerlichen Gesellschaft. Die vierte Frage gilt schließlich dem ‚Sinn von Sein‘, worin Riedel das Grundproblem der Metaphysik zwischen Aristoteles einerseits, Hegel und Heidegger andererseits eindrucksvoll sichtbar macht.
Das Manuskript kann und soll nicht verleugnen, dass es aus den Debattenlagen der Siebziger- und Achtzigerjahre hervorgegangen ist. Dennoch ist es von bemerkenswerter Aktualität: Die gegenwärtig dominierende Tendenz der Philosophie, sich nur noch szientistisch zu verstehen, hat zumal in Deutschland seither vehement zugenommen. Man findet kaum zeitgenössische ‚Einführungen‘, die einen unreduzierten Philosophiebegriff entwickeln. Schul- und abgezirkelte Spezialdebatten verdunkeln das Selbstverständnis. Die Präsenz von ‚Weltanschauungen‘ ist im Zeitalter der ‚globalisierten Welt‘ gewiss geringer geworden. Dieses Buch kann aber dazu verhelfen, die Frage nach der impliziten ‚Ideologie‘ des entfesselten globalen ‚Weltinnenraums des Kapitals‘ aufzuwerfen. Wie kann sich demgegenüber die Eigenständigkeit der Philosophie bewähren?
Manfred Riedels bestechend klarsichtige Gliederung lässt Raum für die Selbstentfaltung des philosophischen Gedankens in großen Vertretern. So entsteht ein Gespräch der Antike mit der Moderne, in das durch die [<<8] Veränderungen der politischen und der Wissensformen Brüche eintreten, das aber nie abbricht. Riedel, der eingehend über Hegel, Nietzsche und Heidegger gearbeitet hat, weiß um die Problematik des ‚Endes der Philosophie‘ und zumal der ‚Metaphysik‘. Doch spielt er nie mit modischen Epitheta wie der Berufung auf ein ‚nachmetaphysisches Denken‘. Die Eigenständigkeit zeigt sich auch gegenüber dem ‚linguistic turn‘, in dem hermeneutische und semantisch analytische Philosophie konvergierten. Riedel legt großen Wert darauf, dass die philosophischen Probleme nicht auf Sprachprobleme reduzierbar sind.
Unverkennbar ist Riedel den vier kantischen Fragen: ‚Was können wir wissen?‘ – ‚Was sollen wir tun?‘ – ‚Was dürfen wir hoffen?‘ – und der dahinter liegenden nach der „Bestimmung des Menschen“ verpflichtet, und nicht minder der auf Aristoteles zurückgehenden Tektonik von Theoretischer Philosophie als dem Wissen um des Wissens und Praktischer Philosophie als Wissen um des Handelns willen. Sein Ansatz ist aber eigenständig; einem Primat Praktischer Philosophie verbunden, vor deren Horizont der spekulative Fragezusammenhang sich entfalten wird. Die Nähe zu Heidegger deutet sich an. Doch Riedel folgt ihm nicht in seinem Diktum vom Ende der Philosophie und einem ‚anderen‘, anfänglichen Denken. Er hält vielmehr das große europäische Denkgespräch offen in einer souveränen Verbindung des sachgemäßen und damit systematischen Denkens und der Kenntnis der Philosophiegeschichte. Aktuell ist diese Hinführung nicht zuletzt in einer Zeit, in der beides auseinanderfällt. Riedel meidet jedes Pathos. Seine Sprache ist sachbezogen und zutiefst human. Wie könnte man besser die Lebensbedeutsamkeit der Philosophie und ihre Suche nach Sinnklarheit sichtbar machen?
Harald Seubert
Basel, München, Nürnberg, im März 2015 [<<9]
Einleitung
von Manfred Riedel
Diese Vorlesung führt nicht in die Philosophie ein, sie soll zur Philosophie hinführen. Der Titel müsste genauer heißen: Hinführung zu den Grundfragen der Philosophie. Denn die Philosophie ist kein Fach wie andere Fächer, in die man jemanden „einführt“, indem man ihn mit den Grundlagen, den Arbeitsweisen, den in Lehrbüchern festgehaltenen Ergebnissen des betreffenden Faches vertraut macht. Denken Sie etwa an eine Einführungsvorlesung in die Geschichtswissenschaft, in die politische Wissenschaft, in die Sozialpsychologie oder an die Einführungskurse in die verschiedenen Gebiete der Medizin, der Chemie, der Physik usw. „Einführen“ heißt: Jemanden mit etwas vertraut machen, was ein anderer weiß. Ich führe jemanden in eine Gesellschaft ein, das will sagen: Ich mache ihn mit den mir bekannten Personen der betreffenden Gesellschaft vertraut, ich stelle ihn vor. Ich führe in ein Fach ein, das will dann sagen: Als Fachmann mache ich jemanden, der mit dem Fach noch nicht vertraut ist, mit den fachlichen Grundlagen, dem Gegenstand der betreffenden Wissenschaft, den allgemein anerkannten und bewährten Methoden, den Arbeitsweisen und Arbeitszielen vertraut, ich stelle das Fach vor. Lässt sich das, was Philosophie heißt, vorstellen – so vorstellen, wie wir Personen oder Sachen präsentieren? Ist sie ein Fach unter Fächern, deren Methoden und Ergebnisse bekannt und allgemein anerkannt sind? Das ist offensichtlich nicht der Fall. Die Philosophie hat weder einen bestimmten Gegenstand noch eine bestimmte Methode oder ein bestimmtes Ziel, auf das alle Philosophen verpflichtet sind. Sie bleibt ein Fragen, das über jedes Ergebnis schon hinweggesprungen ist. Sie ist, so scheint es, überhaupt keine Wissenschaft. Wenn sich das so verhält, dann erhebt sich gleich zu Anfang die Frage: Was ist das – die Philosophie? Wenn sie nicht, wie andere [<<11] Fächer, einen bestimmten Gegenstand, bestimmte Methoden und ein bestimmtes Ziel hat, was ist dann ihre Sache?
Die Möglichkeit einer Antwort auf die Wozu-Frage scheint mir aus sachlichen Gründen begrenzt zu sein. Das folgt gewissermaßen aus der Grammatik der Frage, die zuerst der Klärung bedarf. Jede Frage motiviert sich durch eine bestimmte Fragesituation und enthält implizit Voraussetzungen, die ihrerseits bestimmte Antworten implizieren. Wozu-Fragen sind uns aus dem Alltagsleben vertraut. Sie werden gewöhnlich damit beantwortet, dass man entweder den Zweck von etwas angibt, was man tut, oder das Tun als Mittel versteht, um einen Zweck zu erreichen. Wir wollen diese Art von Fragen teleologische Fragen nennen. Danach ist Philosophieren ein Handeln, das grundsätzlich durch Vorerwartungen seiner Relevanz und unter Benutzung dieser Erwartung als Bedingung oder Mittel für rational erstrebte Zwecke oder Zweckzusammenhänge bestimmt ist.
Teleologische Fragen und Vorerwartungen einer Zweck-Mittel-Rationalität gibt es nicht erst seit heute. Wir begegnen ihnen im ältesten Anfang der Philosophie. Nach der Legende soll Thales, der zuerst hinter dem Wechsel des Vielen Einheit gewahrt und diese ins Wasser gesetzt hatte, statt Wasser zu schöpfen, in den Brunnen gefallen sein. Thales war Geometer und Astronom, der alles, was in den Tiefen der Erde und in der Höhe des Himmels ist, gemessen und dabei das Nächstliegende übersehen hat. Um Thales’ Gestalt rankt sich jedoch neben der Geschichte vom Brunnenfall und dem daran anschließenden Gelächter der Wasser holenden Magd eine weitere Legende: Er soll, von Bürgern seiner Vaterstadt mit der Nachrede provoziert, seine Armut beweise die Praxisferne der Philosophie, unter zweckrationaler Einsetzung astronomischer und ökonomischer Daten eine gute Olivenernte vorausgesehen, alle Ölpressen in Milet gemietet und durch Weitervermietung in der Erntezeit ein schwerreicher Mann geworden sein. Aristoteles, der diese Geschichte erzählt, fügt hinzu: Thales habe damit gezeigt, wie leicht den Philosophen der Gegenbeweis fällt, dass dies aber eben nicht Sache der Philosophie sei (Politik I 11, 1259a 5–8). Dies ist eine frühe Apologie – eine Verteidigung der Philosophie gegenüber der Ignoranz der Welt. Mit seiner großen ‚Apologie‘ wird Sokrates sich gegenüber der Bürgerschaft von Athen als Philosoph erweisen. [<<12]
Apologien dieser Art entspringen Fragen, die dem Philosophieren von außen gestellt und nach außen hin beantwortet werden. Wir könnten hier auch von pragmatischen Fragen sprechen. Obwohl sie seinen Gang von Anbeginn begleiten, treten sie innerhalb der Philosophie erst dann auf, wenn sie ihre Sache verfehlt oder sich zum Schuldogma verfestigt haben. In unserem Kulturkreis – die asiatischen Hochkulturen kennen ähnliche Erscheinungen – geschieht dies in den spätantiken Philosophenzirkeln, die das Christentum auflöst, in der Schulphilosophie der frühen Neuzeit, die sich dem geschichtlich neuartigen Typ der Erfahrungswissenschaften verschließt, und schließlich – mutatis mutandis – nach der spekulativen Erschöpfung der antik-christlichen Lehrtradition in Hegels Philosophie. Was das „Ziel“ und der „Zweck“ der Philosophie sei, – dies ist die Frage der griechisch-römischen Denker von Epikur bis Seneca an Platon und Aristoteles, der Märtyrer und Väter des frühen Christentums von Justin bis Augustin an die antiken Philosophenschulen, von Galilei und Bacon an die Scholastik, von Marx an Hegel, von Wittgenstein an Russel. Und die Antwort lautet: das Wohl der Seele, die Eudämonie des Einzelnen statt bloßer Theorie (so bei Epikur), der Glaube statt eudämonistischer Seelentechnik (so bei Augustin), Beherrschung der Natur statt bloßer Glaubenslehre (so bei Bacon), Weltveränderung statt Interpretation der Welt.
Mit der Hegel-Kritik von Marx wechselt freilich die Grammatik der Wozu-Frage den semantischen Kontext. Aus der 11. These über Feuerbach – „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern“ – hat Marx bekanntlich weiter gefolgert, dass Philosophie als universalhermeneutische Vernunftinterpretation im Sinne Hegels abgeschlossen und vollendet, ihr Anspruch einer vernünftig geordneten Welt aber erst noch praktisch zu verwirklichen sei. Weltveränderung, der Zweck von Wissenschaft und Industrie, setzt nicht mehr philosophische Theorie, sondern revolutionäre Politik und Sozialwissenschaft – die Kritik der politischen Ökonomie – voraus.
Marx’ Folgerung ist, makrohistorisch gesehen, eine Variante des ursprünglich positivistischen Geschichts- und Wissenschaftsbegriffs, wonach Philosophie den Mythos ablöst, bis sie ihrerseits durch Wissenschaft überwunden wird. Dem folgt Auguste Comtes Dreistadienlehre [<<13] mit der Aufeinanderfolge von mythischem – metaphysischem (also philosophischem) – und wissenschaftlichem Denken. Positivistische wie dialektische Geschichtsphilosophie – auf die Unterschiede gehe ich nicht näher ein – sind dabei nicht nur an pragmatischen Zweckbegriffen, sondern am Begriff von einem Endzweck im Sinne eines „Äußersten“ und „Letzten“ orientiert. Indem sie behaupten, dass Philosophie im Anderen der Wissenschaft und der ihr zugehörigen Gesellschaft sich aufhebt, verkünden sie das zeitliche Ende der Philosophie. Ihr Ende, so erläutert der späte Martin Heidegger, ein Denker, der sich selbst nicht mehr als Philosoph versteht, „zeigt sich als der Triumph der steuerbaren Einrichtung einer wissenschaftlich-technischen Welt und der dieser Welt gemäßen Gesellschaftsordnung. Ende der Philosophie heißt: Beginn der im abendländisch-europäischen Denken gegründeten Weltzivilisation.“1
Wir untersuchen zunächst nicht den sachlichen Kern dieser historischen Aussage, sondern fragen: Was ist eigentlich sprachlich gemeint, wenn von einer Sache behauptet wird, sie gehe zu Ende? In der Umgangssprache heißt „Ende“ nicht nur so viel wie „Aufhören“ und „Verschwinden“, sondern „Ort“. Von einem Ende zum anderen gehen heißt: der Gang von einem Ort zum andern. Wer von einem Ende der Stadt zum anderen geht, bleibt damit noch innerhalb derselben Stadt, wer in fremde Länder reist, verlässt damit noch nicht den Erdball. Obwohl sich auch Heidegger auf diesen Sprachgebrauch ausdrücklich bezieht, spricht er dem Wort „Ende“ im Sinne von „Ort“ eine andere („a-topische“) Bedeutung zu. Die Rede vom „Ende der Philosophie“ bezeichnet nach Heidegger einen „letzten Ort“, nämlich „dasjenige, worin sich das Ganze ihrer Geschichte in seine äußerste Möglichkeit versammelt“, die „Vollendung“ der Philosophie durch „Aufhebung“ in einem Anderen ihrer selbst. Wir können hier von einer dysteleologischen Bedeutung sprechen. In diesem Kontext – und nur in ihm – gewinnt die teleologische Frage die durch Enderwartung verschärfte Fassung: wozu noch Philosophie? [<<14]
Es ist die Frage, die während der Sechzigerjahre neben dem Denker der Seinsgeschichte vor allem die kritische Theorie, das Denken von Adorno und danach von Habermas in Bewegung gehalten hat. Wer so fragt, setzt den Satz vom „Ende der Philosophie“ voraus; er geht davon aus, dass im Zeitalter der Wissenschaft und Industrie die Zeit des Philosophierens abgelaufen und vorbei ist. Philosophie, so heißt es dialektisch-negativ beim späten Adorno, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Die Philosophie, sagt Heidegger, endet im gegenwärtigen Zeitalter. Sie hat ihren Ort in der Wissenschaftlichkeit des gesellschaftlich handelnden Menschen gefunden. Die parallelen Antworten der Antipoden deutscher Nachkriegsphilosophie überschneiden sich im Verzicht auf apologetische Rede. Sie gebrauchen dafür Sprechweisen der Eschatologie. Lässt sich, was Philosophie ist, in einem Augenblick verwirklichen?
„Eschatologie“ ist nach theologischem Sprachgebrauch die Lehre von den „letzten Dingen“ – von der großen Katastrophe, die, wenn sie „radikal“ oder die „letzte“ ist, Philosophie mit einschließt. Gott hält Gericht über seine Geschöpfe. Die Schöpfung wird zertrümmert, ein neuer Himmel, eine neue Erde geschaffen. Die Katastrophe ist die Vorstufe zum Heil. Auch die Philosophie ist eine Lehre von den letzten Dingen, nämlich die theoretische Beschäftigung mit den letztlich grundlegenden Dingen, die dem Menschen zu wissen möglich sind. Aber die These der Philosophie lautet: Von diesem Wissen müssen wir uns theoretisch Rechenschaft geben können, wir müssen den Grund seiner Möglichkeit untersuchen. Die Rede vom „Letzten“ ist Denkern, wenn sie nur radikal genug, das heißt Philosophen sind, die diesen Namen verdienen, nicht fremd. Radikale mögen, frei nach Marx, Leute heißen, die eine Sache an der Wurzel fassen, und die Wurzel – das ist für Philosophen die Möglichkeit des Begreifens, „der Begriff“. Philosophisch radikal sein heißt, jede Behauptung, eschatologische Rede nicht ausgenommen, auf ihre Begreiflichkeit hin überprüfen. Zu fragen wäre demnach: Wie kann man es wissen, dass Philosophie mit dem Übergang zur Moderne untergeht? Oder anders ausgedrückt: Wie ist eine Geschichte a priori möglich? Wenn ich es richtig sehe: durch Geschichtsphilosophie, indem man eine selber philosophische These aufstellt, die These vom Ende der Philosophie, [<<15] oder das Diktum Adornos, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, sei barbarisch. Was besagt aber diese These? Oder mit Kant weitergefragt: Was will man hier eigentlich wissen, wenn man das zeitliche Ende der Philosophie prophezeit? Offensichtlich genügt es nicht zu wissen, ob diese oder jene Zeit des Philosophierens abgeschlossen und vollendet, dass Philosophie in ein „Anderes“ ihrer selbst umgeschlagen ist. Wir wollen wissen, ob es zum Begriff der Philosophie gehört, je in der Zeit zu enden oder sich in anderer Gestalt, in Wissenschaft und Technik, in Kunst, Religion und Politik zu erfüllen.
Fragen vom Typ: „Was ist Philosophie?“ sind zweideutig. Sie können einmal besagen: Welche Klasse von Personen bzw. Sätzen benennt das Wort „Philosophie“ – eine wiederum zweideutige Frage, die zweierlei meinen kann; 1. wie es traditionell gebraucht wird, etwa bei Platon oder Kant, bei Heidegger oder Popper, deren Wortgebrauch wir untersuchen und begriffsgeschichtlich vergleichen müssten; 2. kann die Frage meinen, welchen Wortgebrauch wir selbst vorschlagen, und das ist zuletzt eine Definitionsfrage, eine Frage der Festsetzung, die uns erlaubt, „Philosophie“ als „Wissenschaftstheorie“ zu definieren. Aber mit gleichem Recht kann dann der Wissenschaftstheoretiker behaupten: Alles dasjenige, was nicht Theorie der Wissenschaft sei, ist „Mystik“ oder Begriffsdichtung oder Okkultismus. Gleichzeitig weist die Was-ist-Frage über rein terminologische Festsetzungen wie über Begriffsgeschichten hinaus. Wenn wir etwa fragen, was die Zeit oder was der Mensch ist, dann wollen wir nicht wissen, was das Wort „Zeit“ und das Wort „Mensch“ heißt; wir verlangen vielmehr nach Sachkenntnis. Wer so fragt, will also etwas über die Sache wissen, mit der es der Philosophierende zu tun hat. Die These dieser Vorlesung lautet: Die Sache der Philosophie, das sind nicht irgendwelche vorstellbaren Gegenstände, keine Ergebnisse, sondern Aporien, – die Aporien, in die wir geraten, wenn wir die letztlich grundlegenden Fragen stellen, danach, was die Zeit ist oder wer wir selbst sind, die wir in der Zeit leben, einen Anfang und ein Ende haben. „Aporie“, ein griechischer Ausdruck für „Not“ und „Mangel“, bedeutet vorphilosophisch die Bedrängnis desjenigen, der unterwegs ist, die Not eines Reisenden, dem auf der Fahrt durch schwieriges Gelände plötzlich der Weg versperrt ist, daneben auch die Notlage desjenigen, [<<16] der bei der Verteilung von Gütern ausgeschlossen wird oder sonst in irgendeiner Weise zu kurz kommt. In dem Sinn, in dem wir hier das Wort zur Bezeichnung der Sache der Philosophie verwenden wollen, bedeutet „Aporie“ zweierlei: erstens die Verlegenheit, die uns dann überfällt, wenn wir nach den letztlich grundlegenden Dingen fragen, wenn wir an eine Grenze treffen, an der wir nicht weiterkommen, und zweitens den Inbegriff der logischen und hermeneutischen Schwierigkeiten, die uns bei der theoretischen Beschäftigung mit den letztlich grundlegenden Dingen erwachsen, insbesondere dann, wenn die Schwierigkeiten nicht nur als die Erfahrung der Grenze, sondern in der Form des Widerspruchs auftreten. In diesem Falle sprechen wir auch von „Antinomie“. Philosophie, so wollen wir als Erstes festhalten, ist keine Lehre, kein lehr- und lernbarer Bestand von Sätzen und Methoden, sondern die Tätigkeit des Philosophierens. Philosophieren – was immer das heißen mag – ist zunächst und zuerst Fragen-Können, und zwar radikales, an die Wurzel gehendes Fragen.
Hier geschieht etwas sehr Merkwürdiges, nämlich dies, dass sich die Aporie im Doppelsinn der Verlegenheit und logisch-hermeneutischen Schwierigkeit wie von selbst einstellt. Wir brauchen sie nicht zu suchen, sie ist immer schon da, nur wissen wir das nicht, solange wir nicht philosophieren. Ich verdeutliche das an einem Text von Augustin, der den Begriff der Zeit erörtert – radikal, nämlich im Ausgang von einer an den Gottesbegriff der christlichen Theologie gerichteten Frage: Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde schuf?2
Das Wissen des Nicht-Wissens in der Bewegung des radikalen Fragens, dass wir auf einmal nicht mehr wissen, was das Wort „Zeit“ bedeutet, dies und nichts anderes, so behaupte ich, ist der Anfang des Philosophierens. Wer philosophiert, ist von dem, was er zu wissen meint, nicht mehr eingenommen. Er findet, was er meint, fragwürdig und setzt das Meinen der Frage aus. Sich der Fraglichkeit einer Meinung öffnen und unvoreingenommen weiterfragen zu können, das ist der Weg zur Philosophie. [<<17]
Philosophie, mit dieser Behauptung möchte ich die Vorüberlegungen abschließen, ist der Versuch einer Antwort auf radikales Fragen, das uns zuletzt vor die grundlegenden Dinge, die Grundfragen unseres Lebens führt. Wie lauten diese Grundfragen? Wenn wir uns dazu in der Philosophie der Gegenwart umsehen, so kommen wir wohl ebenfalls in eine Art von Verlegenheit. Die Grundfrage der Philosophie, so sagen die Anhänger der Dialektik, des dialektisch-historischen Materialismus, ist die Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sein. Was ist das Ursprüngliche: der Geist oder die Natur, theologisch variiert: Hat Gott die Welt erschaffen oder ist die Welt von Ewigkeit da? Und je nach dem, auf welche Seite sich eine Philosophie schlägt, ist sie entweder idealistisch oder materialistisch, es gibt nicht eine Philosophie, sondern grundsätzlich und notwendig zwei Philosophien3 (vgl. F. Engels, L. Feuerbach, 1888, Ww 21). Die Anhänger der Hermeneutik sehen hierin gar keine radikale, keine ursprünglich gefragte Frage. Weil diese Fragestellung die geschichtliche Motivation des philosophischen Fragens überspringt, bringt sie immer schon die Eingenommenheit von einer Meinung, den Dogmatismus einer abgeleiteten, sekundären Antwort ins Spiel. Die Philosophie, so entgegnet der Hermeneutiker, bezieht sich unmittelbar weder auf das Denken noch auf das Sein, sondern auf Sprache. Ihre Grundfrage ist das Verhältnis der Sprache, die wir sprechen, zum Text. Wie verhält sich das Gespräch, das wir sind, zur Tradition, aus der wir kommen? Philosophieren, sagt Hans-Georg Gadamer, heißt Wiedererkennen, nämlich so, dass es als Antwort auf eine Frage verstanden wird, die durch die Aussage des Textes erst geweckt wird.4 Die These, dass Philosophie nichts anderes als Wiedererkenntnis des Erkannten, die Hermeneutik von Texten, [<<19] sei, bringt ihrerseits einen Dogmatismus ins Spiel, nämlich die Eingenommenheit von der Tradition. Unter dieser Voraussetzung entfällt das radikal-ursprüngliche Fragen, da die hermeneutische Fragestellung abgeleitet oder sekundär ist: Sie richtet sich auf die Sprache der Texte und nicht auf die Sache, die infrage steht. Wenn dem so wäre, hätten die Analytiker, die Anhänger der dritten Position der Gegenwartsphilosophie, wahrscheinlich recht mit der These: Die Philosophie entspringt den Verhexungen unseres Verstandes durch die Sprache. Die meisten Sätze und Fragen, heißt es im ‚Tractatus logico-philosophicus‘, „welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen. Die meisten Fragen und Sätze der Philosophen beruhen darauf, daß wir unsere Sprachlogik nicht verstehen (sie sind von der Art der Frage, ob das Gute mehr oder weniger identisch sei als das Schöne). Und es ist nicht verwunderlich, daß die tiefsten Probleme eigentlich keine Probleme sind.“5
Dem letzten Satz von Wittgenstein möchte ich zustimmen; er hätte hier nur unterscheiden müssen. „Problem“ ist die lösbare Aufgabe, eine Streitfrage, die wir entscheiden, ein Rätsel, das wir entschlüsseln können, nämlich dann, wenn wir uns der Mittel und Methoden der Wissenschaften bedienen. Was für Wittgenstein die „tiefsten Probleme“ sind, sind die mit wissenschaftlichen Mitteln und Methoden unlösbaren Aufgaben der Philosophie, die im Wesentlichen ein Vierfaches betreffen: die Frage nach der Wahrheit (1), die Frage nach dem Guten (2), die Frage der Freiheit (3) und zuletzt die Sinnfrage (4). Was hat es eigentlich mit dem Sein in seinen verschiedenen Bedeutungssinnen auf sich? Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts (Heidegger)? Kant hat die Grundfragen in die Formulierung gefasst: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen? Nach Kant verweisen diese Fragen auf die Frage nach uns selbst: Was ist der Mensch? Ich denke, dass Heideggers Formulierung radikaler ist: Sie reicht an die Wurzel aller Fragen: Was [<<19] heißt uns Menschen danach fragen, was ist? Letztlich grundlegend ist die Seinsfrage: Was ist der Sinn von Sein? Es sind die Probleme, die Wittgenstein, obwohl er sie für die tiefsten hält, durch Sprachkritik zum Verschwinden bringt. „Wir fühlen“, heißt es am Schluss des ‚Tractatus‘, „daß selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.“6 Ist damit wirklich alles geklärt? Ich denke nicht. Der Wittgenstein des ‚Tractatus‘, der gegen die Philosophie geschrieben worden ist, kann für dieses Werk immerhin nicht auf einen der philosophischen Grundbegriffe, den Begriff der Wahrheit, verzichten. Er hält die Wahrheit seiner Sätze für unantastbar und definitiv, um sie wenig später gleichwohl selbst anzutasten und zu revidieren – das klassische Zeugnis dafür, dass die Grundfragen der Philosophie unhintergehbar sind, und zwar auch dann noch, wenn man, wie Wittgenstein, gegen die Philosophie philosophiert. Dem Philosophieren gegen die Philosophie kommt jedoch ein höchst wichtiges Verdienst zu. Er hat die radikal-philosophischen Grundfragen noch einmal radikalisiert, indem er die Philosophie selbst dem Fragen ausgesetzt hat. Was für eine Tätigkeit ist das Philosophieren? Mit welcher Art von Problemen hat es der Philosoph zu tun? Und wie geht er bei seinem Geschäft vor? Der erste Philosoph, der diese Fragen gestellt hat, war Sokrates. Wittgenstein hat sie nur sprachkritisch radikalisiert, sodass sich inzwischen sogar Berufsphilosophen mehr Gedanken über ihren Beruf machen als zuvor. Es ist die Gegenbewegung zur Philosophie, die sie in unserem Jahrhundert selbst fraglich gemacht hat. Diese Bewegung geht in unserem Jahrhundert von zwei Seiten aus: vonseiten der Wissenschaft, genauer: der Naturwissenschaft und Sozialwissenschaft und vonseiten der Weltanschauung, genauer: der Ideologie. Damit komme ich zum ersten Teil der Vorlesung. Ist Philosophie Wissenschaft oder Weltanschauung? Oder ist sie beides in einem, eine „wissenschaftliche Weltanschauung“, wie der dialektisch-historische Materialismus den Begriff „Philosophie“ definiert? [<<20]
1 M. Heidegger, Zur Sache des Denkens, Tübingen 1969, S. 65.
2 Vgl. Augustinus, Confessiones, 11. Buch, 12–14.
3 H.-G. Gadamer, Kleine Schriften IV, Variationen, 1977, S. 3.
4 Vgl. zum Verhältnis von Frage und Antwort in der Hermeneutik: H.-G. Gadamer, Hermeneutik II. Wahrheit und Methode, Gesammelte Werke Band 2, Tübingen 1986, S. 395 ff. Siehe auch Band I, S. 375 ff. Grundlegend für diese Dialogizität von Frage und Antwort ist R. G. Collingwood, Denken. Eine Autobiographie. Eingeleitet von H.-G. Gadamer. Übersetzt von H.-J. Finkeldei, Stuttgart 1955; und ders., Philosophie der Geschichte. Aus dem Englischen von G. Herding, Kohlhammer, Stuttgart 1955.
5 L. Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus. Werkausgabe Band 1. Frankfurt/Main 1984, S. 26, Nummer 4.003.
6 Ebd., S. 85, Nummer 6.52.
1 Was ist Philosophie?
1.1 Philosophie und Weltanschauung
1.1.1 Die kritische Aufgabe der Philosophie
Ich gehe aus von der Definition des Weltanschauungsbegriffs bei G. Klaus/M. Buhr, Philosophisches Wörterbuch, Bd. 2, den ich mit Kants Definition des Begriffs der Philosophie konfrontiere. Die Hauptfrage der Weltanschauung ist im Sinn der marxistischen Autoren identisch mit der Grundfrage der Philosophie, von deren jeweiliger Lösung die Grundauffassungen in allen anderen Fragekomplexen der Weltanschauung beeinflusst werden: Es gibt demnach grundsätzlich zwei Weltanschauungen, eine idealistische und eine materialistische, so wie es grundsätzlich zwei Philosophien gibt, die miteinander im Kampf sind.
Kants Definition der Philosophie findet sich in der ‚Kritik der reinen Vernunft‘ (B 866–867).7 Eine ähnliche Version findet sich in der Einleitung zur Logik, dem letzten Werk, das Kant publiziert, wenn auch nicht mehr selbst herausgegeben hat (1800 ed. G. B. Jäsche). Da es die Begriffsbestimmung der ‚Kritik der reinen Vernunft‘ in einem wichtigen Punkt präzisiert, sei es hier zur Ergänzung danebengestellt (S. 26–27).8
Der Leitbegriff, in dem Kants Definition der Philosophie und die marxistische Definition von Weltanschauung konvergieren, ist der Begriff des „Systems“. Er leitet sich her vom griechischen συνίστημι, zusammensetzen, [<<21] ordnen, aneinanderfügen. Was der Systembegriff analytisch und hermeneutisch impliziert, wird erst an späterer Stelle zu verhandeln sein. Zum Zwecke der angestrebten Vergleichung halten wir zunächst fest, dass er bei Kant nur in der Definition des Schulbegriffs der Philosophie auftritt. Philosophie, so hatte Kant gesagt, ist das System aller philosophischen Erkenntnis (KrV. B 866), der Vernunfterkenntnisse aus Begriffen. Als System ist sie Wissenschaft im Sinne eines logisch und methodisch geordneten Zusammenhangs von Wissen, das sich nach Kant der Geschicklichkeit im Ableiten und Begründen der einzelnen Wissensdisziplinen, ihrer Zusammensetzung, Ordnung und Aneinanderfügung zu einem Ganzen verdankt, der Wissenschaft als System. Kant nimmt hier auf, was seit der frühen Neuzeit unsere Wissensmöglichkeit bestimmt: ihre Eingrenzung durch die Methode, einen Inbegriff spezifisch technischer Geschicklichkeiten der Wissensfindung, die sich verselbstständigen, allgemein verfügbar und damit auch manipulierbar sind – alles Merkmale der neuzeitlichen Wissenschaft, die im marxistischen Weltanschauungsbegriff wiederkehren.
Die Weltanschauung ist nicht ein Mittel, sondern der Zweck der Philosophie. Philosophie ist auf die Ausbildung einer systematischen Gesamtauffassung von Natur, Gesellschaft und Mensch gerichtet, sie ist im Kern Weltanschauungsphilosophie. Dass sie auf eine solche Gesamtauffassung, auf die letztlich grundlegenden Dinge, das Woher, das Wohin und das Wozu von Natur, Gesellschaft und Mensch abzielt, unterscheidet sie von den Wissenschaften, die immer nur ein bestimmtes Gebiet der Natur, der Gesellschaft und des menschlichen Lebens zum Gegenstand haben. Aber sie stützt sich gerade, wenn auch nicht ausschließlich, auf die Ergebnisse der einzelnen Wissenschaften. Neben der Entscheidung der von Engels so genannten philosophischen Grundfrage entweder zugunsten des Materialismus oder des Idealismus wird der Charakter einer Weltanschauung durch die Rolle, die der Wissenschaft in ihr zukommt, bestimmt. Die marxistisch-leninistische Weltanschauung soll „wissenschaftlich“ sein, und darunter versteht man, dass sie 1. die Resultate der einzelnen Wissenschaften in das System einbaut und 2. die Weltanschauung nach dem Grundzug der Wissenschaft, d. h. der Methode aufbaut, wobei die Anwendung der Methode der Verallgemeinerung von einzelwissenschaftlichen Resultaten eine vorrangige Stellung [<<22] innehat. Sie ist es, die „wissenschaftliche“ von nichtwissenschaftlicher, zum Beispiel religiöser, Weltanschauung unterscheiden soll.
Wenn Philosophie wissenschaftliche Weltanschauungsbildung ist, entfällt notwendig die Möglichkeit einer genaueren Abgrenzung zwischen Philosophie, Wissenschaft und Weltanschauung. Weder gibt es eine spezifische Differenz zu den Einzelwissenschaften – die Philosophie bekommt vielmehr die Aufgabe zugesprochen, die Einheit der Wissenschaften auf der Grundlage ihrer verschiedenen Methoden herzustellen, wobei das Ziel in der Herstellung einer Einheitsmethode liegt; noch gibt es eine spezifische Differenz zur Weltanschauung; deren Bildung auf der Grundlage einzelwissenschaftlicher Resultate, die „Weltanschauungssynthese“, wie man auch außerhalb des Marxismus, so bei W. Wundt, sagt,9 wird ja gerade zur Hauptaufgabe der Philosophie. Und da die Weltanschauungsbildung Regeln für das Verhalten in der gesellschaftlichen Praxis einschließt, kann die Philosophie nicht nur und auch gar nicht in erster Linie Erkenntnis aus Begriffen, theoretische Begriffswissenschaft sein; sie muss vielmehr praktisch die Gesamtauffassung von Natur und Gesellschaft und die Stellungnahme des Menschen zu ihnen und sich selbst lenken.
Die Philosophie, so lässt sich die marxistische These noch einmal kurz zusammenfassen, soll eine Weltanschauung vermitteln, und zwar auf wissenschaftlicher Grundlage. Das scheint auch die These von Kant zu sein, wenn er neben dem Schulbegriff der Philosophie einen Weltbegriff von ihr voraussetzt. Zur Philosophie nach dem Schulbegriff, so hatte Kant gesagt, gehören zwei Bestimmungsstücke: 1. ein bereits erarbeiteter Bestand von Vernunfterkenntnissen, womit Kant meint: die formalen Grundsätze des vernünftigen Denkens überhaupt, etwa den Satz der Identität oder vom Widerspruch, der denkend zu vermeiden ist (dass A = A ist, jedenfalls nicht zugleich B sein kann); und 2. ein systematischer Zusammenhang dieser Erkenntnis, d. h. die Erörterung und Bestimmungen derjenigen Begriffe und Grundsätze, die der Möglichkeit von Wissenschaft überhaupt zugrunde liegen. „Einen solchen [<<23] streng systematischen Zusammenhang“, heißt es in der Einleitung zur Logik, „verstattet nicht nur die Philosophie, sondern sie ist sogar die einzige Wissenschaft, die im eigentlichsten Verstande einen systematischen Zusammenhang hat und allen anderen Wissenschaften systematische Einheit gibt.“10 Die Philosophie nach dem Weltbegriff setzt diese Einheit voraus; sie handelt von dem, wozu aller systematischer Vernunftgebrauch, auch der der Philosophie selbst, ist, was er ist. Sie beantwortet die Frage: wozu Philosophie?, aber nicht so, dass sie das Philosophieren auf die Wissenschaften oder auf Weltanschauungsbildung hin orientiert. Die Philosophie nach dem Weltbegriff ist nach Kant selbst Wissenschaft; er nennt sie – und das ist eine ebenso merkwürdige wie entscheidende Bestimmung – „eine Wissenschaft von der höchsten Maxime des Gebrauchs unserer Vernunft, sofern man unter Maxime das innere Prinzip der Wahl unter verschiedenen Zwecken versteht“11. Hat diese Bestimmung etwas zu tun mit der Weltanschauungsaufgabe der Philosophie, wie sie vom Marxismus vertreten wird? Ja und nein. Ja, sofern Kant überhaupt innerhalb des Philosophiebegriffs zwei Arten von Philosophie, die Schul- und die Weltphilosophie, unterscheidet und auf der Basis dieser Unterscheidung die letztlich grundlegenden Fragen, die End- und Grenzfragen, in den Mittelpunkt des Philosophierens rückt. Nein, sofern die Philosophie nach dem Weltbegriff nicht die Aufgabe der Weltanschauungsbildung hat. Sie ist ja weder an einzelwissenschaftlichen Resultaten noch an der Methode der Verallgemeinerung orientiert. Was Kant voraussetzt, ist gerade die radikale Besonderung des Philosophierens, nämlich seine Zuordnung auf eine zu wählende Maxime. „Maxime“ ist etwas, das sich jemand, eine Person A, vornimmt, der Grundsatz ihres Handelns, der als solcher stets „subjektiv“, d. h. personal gebunden ist. Ein Grundsatz heißt eine Maxime, wenn das Motiv, ihn zu befolgen, nur für die Person gilt, die sich dafür entschieden hat (die maxima regula, also den höchsten Grundsatz, die [<<24] Richtschnur). Die Maxime wird dann zum Gesetz, wenn das in ihr formulierte und ausgedrückte Motiv zum Willen einer jeden Person gehört und als solches anerkannt ist. Das für alle geltende Gesetz bleibt aber gleichwohl personal gebunden. Es ergibt sich ja gerade daraus, dass es aus der kritischen Prüfung von Maximen, der Frage, ob das, was ich als Handlungsgrundsatz annehme, auch für jedermann gelten und von jedem anerkannt werden könne. Einschlägig ist hier der ‚Kategorische Imperativ‘ als „Sittengesetz“ nach seiner Grundformel: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Wenn Kant die Philosophie nach dem Weltbegriff die Wissenschaft von der höchsten Maxime unseres Vernunftgebrauchs nennt und unter „Maxime“ das innere Prinzip der Wahl unter verschiedenen Zwecken versteht, entlässt sich das so bestimmte Philosophieren nicht in die Anonymität einer Wissenschaft und ihrer wie immer gewonnenen Resultate; es verfällt auch nicht der Manipulierbarkeit der Methode, die solche Resultate zum Zwecke der Weltanschauungsbildung verallgemeinert. Vielmehr wird es aus der Anonymität der im Marxismus und anderwärts üblichen Berufung auf „die“ Wissenschaft und der Manipulierung ihrer Ergebnisse durch eine Methode – eine Tendenz, die sich im 19. Jahrhundert an den akademisch verselbstständigten Schulbegriff von Philosophie anschließt – auf den Boden personaler Entscheidung, eines verantwortlichen Denkens und Handelns, zurückgeholt. Der Weltbegriff der Philosophie thematisiert das jeden Einzelnen notwendig Interessierende, und was uns alle interessiert, sind die letztlich grundlegenden Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Es sind, mit einem Wort, die philosophischen Grundfragen, die das Philosophieren auf den Weg bringen: Was ist der Mensch? Wer bin ich und wer bist du? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Wie können wir einen Weg, und das heißt: ein Ziel finden? Nicht dadurch, dass wir uns von anderen Ziele vorschreiben lassen, sei es von einer bestimmten Wissenschaft oder von einer bestimmten Weltanschauung, sondern durch radikales Fragen: indem wir das Interesse an den letztlich grundlegenden Dingen auf den begrifflichen Grund und Ursprung zurückführen und so philosophisch, durch Begriffsanalyse und Begriffsinterpretation, aufklären. [<<25]
Ich verdeutliche das an einem Beispiel, an Kants Bestimmung der Rede von „wesentlichen Zwecken“ als Definiens der Philosophie. Nach dem Weltbegriff, so argumentiert Kant in der ‚Kritik der reinen Vernunft‘ (B 867), ist Philosophie „die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft (teleologia rationis humanae)“12. Wesentliche Zwecke, erläutert Kant, die wir zu erreichen streben, können vielerlei Zwecke sein, sie sind dann noch nicht der höchste Zweck, weil dieser nur ein einziger sein kann: das Ziel, zu dem wir philosophierend auf dem Weg sind. Kant spricht daher von einem Endzweck, im Vergleich mit dem alle anderen Zwecke als „subaltern“ oder untergeordnet erscheinen: das Wissen-Können ebenso wie das Tun-Sollen, ja zuletzt auch dasjenige, was für uns eine Sache der Hoffnung bleibt, die Verheißungen der Religion oder eines anderen Glaubens, etwa des Geschichtsglaubens an eine vollkommene Gesellschaft. Der Endzweck kann nur etwas sein, das ausschließlich mit dem Menschen, der jeder von uns für sich selbst ist, zu tun hat. Der Endzweck, so beschließt Kant diese Erörterung, ist kein anderer als die ganze Bestimmung des Menschen, und die Philosophie über dieselbe heißt Moral (B 868). Philosophie für die Welt, das ist im Kern nicht Weltanschauungsbildung, sondern Moralphilosophie, Ethik, – ein letztlich personalgebundenes Philosophieren, das aus unserer Welterfahrung und nicht aus Resultaten der Wissenschaft oder den Dogmen der Weltanschauung auftaucht.
Um dieses Vorzugs des Menschen willen, der durch Philosophie seine Bestimmung in der Welt aufklären und sich nicht umgekehrt durch Wissenschaft und Weltanschauung bestimmen lassen soll, ist der eigentliche Philosoph derjenige, auf den das Wort „Philosophie“ seit der Antike hindeutet: nicht jemand, der diese oder jene Wissenschaft erstrebt, sondern jemand, der das dem Menschen überhaupt mögliche Wissen, der die Weisheit im Sinne der Aufklärung über Ursprung, Umfang und Grenzen [<<26] menschlichen Wissens, anstrebt. Das Streben nach Weisheit, das in unserem Kulturkreis „Philosophie“ heißt, ist nichts anderes als Klarheitsstreben – dass wir Aufklärung über Wissenschaft und Weltanschauung erhalten und nicht umgekehrt! In der Aufklärung über Wissenschaft und Weltanschauung liegt heute die kritische Aufgabe der „Philosophie“. Diese Aufgabe impliziert Erkenntnis aus Begriffen durch Begriffsanalyse und Begriffsinterpretation, mit dem Ziel, sich über die letztlich grundlegenden Fragen Klarheit zu verschaffen.
Wenn wir nun noch einmal auf den von Kant formulierten Weltbegriff der Philosophie zurückblicken, dürfen wir festhalten: Im philosophischen Weltbegriff von Kant besitzt nicht die Weltanschauung, sondern die Moralphilosophie, verstanden als Klarheitsstreben über die Bestimmung des Menschen, das eigentliche Gewicht. Diese Gewichtsverteilung auf der Grundlage einer ursprünglichen methodischen und systematischen Einheit zwischen Schul- und Weltbegriff der Philosophie verschiebt sich im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Entstehung des Marxismus. Das Gewicht verlagert sich auf die Wissenschaft auf der einen, die darauf gebaute Weltanschauung auf der anderen Seite, und was dazwischen bleibt, ist ein welt- und wissenloses Moralisieren. Die Philosophie zieht sich auf die Schule zurück. Sie wird, wie das Schopenhauer boshaft, aber zutreffend gesagt hat, zur Kathederphilosophie. Schopenhauer meint damit den professionellen Philosophiebetrieb auf Universitäten, die staatlich besoldeten Begriffsspielereien verbeamteter Denker, wie sie, ohne Erfahrungs- und Weltbezug, an Seminaren stattzufinden pflegen. Schopenhauer bezieht sich auf Hegel – darin zu Unrecht, wie mir scheint, da Hegel der letzte Philosoph ist, der die Einheit von Schul- und Weltbegriff philosophierend aufrechterhalten hat. Erst mit Hegels Tod treten beide auseinander: der Schulbegriff, der sich in den verschiedenen akademischen Erneuerungsbewegungen des 19. Jahrhunderts, im Neukantianismus und Neuhegelianismus, etabliert, und der Weltbegriff, der sich, nach der Preisgabe des moralphilosophischen Kerns zugunsten der Wissenschaften, zur Weltanschauung auseinanderdehnt. Zwischen beiden steht, als einzige Sachwalterin einer ursprünglichen, mit menschlicher Welterfahrung verknüpften Philosophie, die große Dichtung: Immermann und Keller, Balzac [<<27] und Dickens, Tolstoi und Dostojewski. Und am Rande die extrem-moralisierenden Existenzen: Kierkegaard und Nietzsche, an die sich in unserem Jahrhundert die Existenzphilosophie angeschlossen hat. Wie ist es zu dieser Lage, die sich heute, im Zeitalter der Wissenschaft, eher noch verschärft hat, gekommen? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir den Begriffen nachgehen, deren Gebrauch wir bisher als selbstverständlich unterstellt haben. Wir wenden uns zunächst dem Weltanschauungsbegriff zu.
Begriffe können wir nicht anders klären, als dass wir von ihrer Artikulation in der Sprache, dem sprachlichen Ausdruck, ausgehen, und der sprachliche Ausdruck für Begriffe ist das Wort. Wie Begriffe die Elemente des Denkens sind, so sind die Worte Elemente des Sprechens, der lebendigen Rede. Obwohl wir nicht in Worten, sondern in Begriffen denken, ist es das Wort, das unsere Möglichkeit zu denken begrenzt, es legt gewissermaßen die Artikulation unseres Begreifens fest.
Das Wort „Weltanschauung“ – dies sei als Erstes festgehalten – ist nicht, wie so viele andere philosophische Ausdrücke, eine Übersetzung aus dem Griechischen oder Lateinischen. Das entsprechende griechische Wort wäre κοσμοθεωρία, das lateinische mundi intuitus, aber beide Ausdrücke gibt es für die Griechen und Römer nicht. Das Wort ist vielmehr eine spezifisch deutsche Prägung, das in seiner naturwüchsigen Bedeutung: Weltanschauung als Ansicht der Welt zuerst in Kants ‚Kritik der Urteilskraft‘ auftritt. Im Sinne von „Weltansicht“, der sinnlich-leibhaftigen Anschauung des Universums, wird es bei Goethe und Alexander von Humboldt gebraucht. Was ist der Grundzug der Ansicht der Welt im Ganzen wie eines jeden ihrer Teile? Die Perspektive. Je nach dem Standort des Ansehenden sieht die Welt anders aus (Beispiel: die Ansicht einer Stadt). Was wir alle aus dem Alltag kennen, das hat der Philosoph Leibniz im 17. Jahrhundert in einen Gedanken gefasst. Das Universum, sagt Leibniz, ist nicht aus toter Materie zusammengestückt, sondern belebt, es ist eine Allheit von Einheitspunkten, von Monaden, deren jedes seine eigenen Fenster hat, also eine Allheit möglicher Gesichtspunkte, die Welt anzusehen. Der Ausdruck „Gesichtspunkt“ entstammt der Leibniztradition der deutschen Philosophie im 18. Jahrhundert. So spricht Chladenius, [<<28] ein Ahnherr der Hermeneutik, vom ‚Sehepunckt‘.13 Leibniz legt die begrifflichen Fundamente für den Aufstieg des Wortes „Weltanschauung“ in Deutschland. Es ist – dies folgt aus Leibniz’ Definition des Universums als einer Allheit möglicher Gesichtspunkte –ein Pluraletantum, ein Wort, das eigentlich nur in der Mehrzahl gebraucht werden kann. In diesem Sinne spricht etwa Goethe in der ‚Italienischen Reise‘ von der lebendigen Weltanschauung des Italieners, im Gegensatz zur unlebendigen des Deutschen. Ranke spricht von einer „religiösen und christlichen Weltanschauung“, Hegel von den verschiedenen Weltanschauungen der Religion, die den Geist der Völker und Zeiten, seine Erscheinung in den Werken der Kunst, bestimmen. Die Welt, so heißt es bei dem romantischen Dichter Novalis, ist das Resultat eines unendlichen Einverständnisses und unsere eigene Pluralität – dass sie jeder anders versteht – der Grund der Weltanschauung.
Eine Vertiefung des ursprünglichen Gedankens von Leibniz begegnet uns in Schellings ‚Einleitung zu dem Entwurf eines Systems der Naturphilosophie‘ (1799), und zwar auf der Grundlage der kantischen Lehre vom Schematismus der Anschauung, dem unser Begriffsgebrauch unterworfen ist: dass Begriffe nur dadurch auf Erfahrung anwendbar sind, dass wir uns ein Bild machen, z. B. von dem Begriff „rund“, den wir uns am Bild des Tellers veranschaulichen. „Die Intelligenz“, schreibt Schelling, und er meint damit in etwa, was Kant als „Erkenntnisvermögen“ bezeichnet hatte, „ist auf doppelte Art, entweder blind und bewußtlos oder frei und mit Bewußtsein produktiv; bewußtlos produktiv in der Weltanschauung, mit Bewußtsein in dem Erschaffen einer ideellen Welt“.14 Hier bedeutet „Weltanschauung“ mehr als bloße Weltansicht, da das Moment des Bildens, der Produktivität in der selbstständigen Bildung der Anschauung dominiert, wenngleich diese sich „bewusstlos“ bilden soll. Der Weg ist frei zu der Bedeutung, die [<<29] wir heute kennen, einer selbst vollzogenen, produktiven und dann auch bewusst-manipulierenden Ausdeutung der Welt, der Herstellung eines Weltbildes. Schelling spricht davon, dass alles Endliche eine Grenze seiner Weltanschauung habe, dass jeder Weltanschauung ein Schematismus zugrunde liege, nämlich so, dass mit ihren faktisch auftretenden Formen ein jeweils anderes Bild der Welt korrespondiert. Durch das Schauen – so lässt sich der hier gewonnene Begriff kurz umschreiben – wird das Geschaute erst hingesetzt. Es ist genau jene Bedeutung, die uns auch in Hegels Rede von einer „moralischen Weltanschauung“ entgegentritt. Mit ihr charakterisiert Hegel in der ‚Phänomenologie des Geistes‘ den Versuch von Kant und Fichte, im Ausgang von der schmalen Basis des Gewissens – dass wir uns bei unserem Tun und Lassen an ein „Sollen“, an das Bewusstsein der Verpflichtung gegenüber dem Sittengesetz, erinnert wissen – die traditionell-theoretischen Beweise der Metaphysik über das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der menschlichen Seele in praktisch-gewisse Sätze umzuformulieren. Was sich uns als Faktum der Vernunft aufdrängt, ist das Bewusstsein, sittlich gebunden zu sein: Handle so, dass die von dir gewählte Maxime zugleich als allgemeines Gesetz für jedermann gelten könnte! Das sagt uns nach Kant und Fichte unser Gewissen, das sittliche Bewusstsein. Über das Gewissen also – einen zugegebenermaßen winzigen Punkt des Philosophierens – sind wir auf das Sittengesetz bezogen, traditionell gesprochen: auf eine moralische Ordnung (ordo moralis), die Kant und Fichte selbst nicht mehr als Naturordnung interpretieren. Im Gegenteil: „Dieser Beziehung“, bemerkt Hegel zutreffend, „liegt zum Grunde sowohl die völlige Gleichgültigkeit und eigene Selbständigkeit der Natur und der moralischen Zwecke und Tätigkeit gegen einander, als auf der anderen Seite das Bewußtsein der alleinigen Wesenheit der Pflicht und der völligen Unselbstständigkeit und Unwesenheit der Natur.“15 Es handelt sich auch hier um eine perspektivische Ansicht der Welt: Das sittliche Bewusstsein wird im Gedanken der Pflicht verabsolutiert und [<<30] dann in das Weltganze hineinprojiziert. Hegel spricht davon, dass es sich in der moralischen Weltanschauung vergegenständlicht. Dies eben ist der Grundzug der Weltanschauung: Ein Bild des Ganzen wird von einer Teilerfahrung aus aufgebaut. Der Gesichtspunkt der Moral, der moralischen Selbsterfahrung, trägt nicht so weit, um das Wissen vom Ganzen theoretisch begründen zu können. Gott ist für Kant bekanntlich nur ein Postulat der praktischen Vernunft. Ich habe daran nur verdeutlichen wollen, was die Rede von der „Weltanschauung“ allgemein meint: dass über dasjenige, was uns erfahrungsmäßig „gegeben“ ist, hinausgegangen werden muss. Dieser Transzendenzbewegung ist bei Kant auch das Bewusstsein verpflichtet, das in der Stimme des Gewissens auf das Sittengesetz bezogen sein muss. Es ist, in der Tat, eine Art von Verallgemeinerung, die hier, ähnlich wie im Marxismus, ins Spiel kommt, mit einem gewichtigen Unterschied freilich: Die historisch-materialistisch bestimmte Weltanschauung stützt sich auf Resultate der Einzelwissenschaften, und die Verallgemeinerung wird als Methode verstanden, die eine wissenschaftliche, also eine theoretisch beweisbare Weltanschauung herbeiführen soll. Von dieser Aufgabenstellung der Philosophie ist Kants Postulatenlehre weit entfernt. Ja, es scheint mir kein Zufall zu sein, dass erst Hegel dieses Wort zur Kennzeichnung des kantischen Weltbegriffs von Philosophie verwendet und dass es schließlich als Modewort erst nach Hegels Tod, nach der Auflösung der Zusammengehörigkeit des Schul- und Weltbegriffs und dem damit einhergehenden Niedergang des ursprünglichen Philosophierens im 19. Jahrhundert, aufkommt.
Weltanschauungen – so etwa lässt sich das seither übliche Begriffsverständnis umschreiben – sind Sache einer zusammenhaltenden Sinnorientierung, die mehr oder minder ausdrücklich und direkt das Denken und Tun lenkt. Als solche sind sie auf die jeweilige heutige Situation bezogen, sie gelten relativ, nämlich zu einem jeweils vorausgesetzten Standort, einer Gruppe von Menschen, einer Zeit, einem Volk, einer ganzen Kultur. Sie setzen diesen Standort voraus, d. h.: Sie setzen etwas Positives, von dem ausgehend die Welt aufgefasst und gedeutet wird. Jede Weltanschauung ist in diesem Sinne „positiv“, und zwar selbst dann noch, wenn sie das, was ist, negiert, zum Beispiel – ich denke an [<<31] die nationalsozialistische „Weltanschauung“ – eine Rasse vernichtet: Die Vernichtung der jüdischen Rasse setzt voraus, dass der Nationalsozialismus das Germanentum als höherwertige Rasse „gesetzt“ hatte. In diesem Grundzug – dem Zug zur Position, die als solche die Negation impliziert – stimmt die Weltanschauung mit den von uns hervorgehobenen Grundzügen der Wissenschaft: Anonymität und Manipulierbarkeit, überein. Weltanschauungen sind zwielichtige Gebilde, die aus Wissen und Wollen zusammengemischt sind. Ihre Zwielichtigkeit überträgt sich auf die Philosophie, etwa dann, wenn man, wie während des Nationalsozialismus, das „Deutsche“ in der Philosophie heraussetzt, wenn man von einer „deutschen“ Philosophie oder, wie im Marxismus, von der „Philosophie der Arbeiterklasse“ spricht.
In dieser Redeweise wird „Philosophie“ nicht mehr primär einem Erkenntnisbegriff, sondern dem Begriff des Interesses zugeordnet: Philosophieren ist an das praktische Interesse einer Rasse, einer Klasse, einer Zeit, eines Volkes, einer Kultur usw. gebunden. Es ist, wie man dazu auch sagt, „Ausdruck“ oder „Überbau“ eines ganz anderen als des Begriffs, eben der Basis, der es gleichsam aufsitzt. Die ‚Basis‘ wäre dann im Marxismus die Produktivkraft, in einer vitalistischen Weltanschauung der „Wille zum Leben“, und es ließen sich durchaus weitere Varianten denken.
Mit der These, dass Philosophie Weltanschauung und nichts sonst ist, gerät das Philosophieren selbst in die Aporie. Vielleicht, so haben nicht wenige Philosophen unseres Jahrhunderts gemeint, ist es tatsächlich nur so etwas wie eine Denaturierung ursprünglicher Erfahrungsweisen, die als „Weltanschauungen“ in Kunst und Religion, im Mythos und in der großen Phantasiedichtung ausgedrückt sind. Vielleicht gehorcht es dem Primat des Interesses vor der Erkenntnis, ist also so etwas wie ein Instrument unseres ursprünglichen Weltlebens, der Lebenspraxis. Vielleicht hat die Philosophie den Charakter einer „Ausdruckserscheinung“, einer „Dichtung in Begriffen“, die ein literarisch anziehendes Gebilde sein mag, das wir aber nicht so ausbauen und festhalten können, wie wir das bei einer Wissenschaft voraussetzen. Den Rang einer Wissenschaft, so lautet die mit der genannten These verknüpfte Erwartung, wird die Philosophie erst dann erhalten, wenn [<<32] sie sich konsequent als Ausdruckserscheinung versteht – als Objektivation von Leben, als Überbauform einer Basis, die wissenschaftlich zu erforschen ist. Philosophie wird Wissenschaft, wenn sie sich selbst zum Gegenstand macht.
Die methodischen Einstellungen, in denen die Philosophie im 20. Jahrhundert zum quasiwissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand gemacht worden ist, verdanken sich entweder der Geschichte (1), der Psychologie (2), der Ökonomie (3) oder der Biologie (4). Dementsprechend unterscheiden wir vier Arten von Ausdruckserscheinungen, die entweder historistisch, psychologistisch, ökonomistisch oder biologistisch gedeutet und je verschiedenen „Weltanschauungsphilosophien“ zugeordnet werden. Ich werde sie der Reihe nach mit wenigen Sätzen charakterisieren:
1. Philosophieren entspringt dem ursprünglichen, nämlich geschichtlichen Weltleben. Das Leben der Griechen ist ein anderes als das der Römer und dieses wiederum anders als das der germanisch-romanischen Völker in der Neuzeit. Wer philosophiert, ob Platon oder Aristoteles, ob Descartes oder Kant, bringt geschichtliches Leben zum Ausdruck, er artikuliert eine je geschichtliche Weise, die Welt anzuschauen. Wenn das Philosophieren eine Ausdruckserscheinung geschichtlichen Lebens darstellt, dann kann Philosophie selbst nur die Lehre von diesen Ausdruckserscheinungen, sie kann nur Weltanschauungslehre sein. Jedes Philosophieren ist geschichtlich relativ, seine Relativität widerspricht dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit, den auf der anderen Seite jede Philosophie stellt. Dieser Widerspruch führt zur Suche nach einer dem Philosophieren eigenen Kontinuität, die sich im Wechsel der Weltanschauungen, im geschichtlich bewegten Ablauf, durchhält. Die Kontinuität im Wechsel drückt sich, so lautet die These der Weltanschauungslehre, in Typen des Philosophierens, einer sich ständig wiederholenden und sich beständig durchhaltenden Weltanschauungsbildung, aus. „Typus“ ist ein anderer Begriff für „Standort“ und „Gesichtspunkt“, von dem aus die Welt gesehen und gedeutet wird (Typos ist im Wortsinn der Abdruck, das Gepräge, etwa bei einer Geldmünze). Nach Wilhelm Dilthey, der die Weltanschauungslehre [<<33] zuerst begründet hat, gibt es drei solcher Grundtypen: den Materialismus oder auch Naturalismus, den Pantheismus oder objektiven Idealismus und den Idealismus der Freiheit oder den subjektiven Idealismus.16 Der erste Typus wird in der Antike von Demokrit und Epikur, in der Neuzeit von Hobbes, den französischen Enzyklopädisten und den Materialisten des 19. Jahrhunderts repräsentiert; den zweiten, der unter dem Gesichtspunkt eines objektiven, in der Welt selbst vergegenständlichten Sinnzusammenhangs entsteht, vertreten in der Antike Heraklit und die Stoa, in der Neuzeit Spinoza, Leibniz, Shaftesbury, Goethe, Schelling und Hegel; und unter den dritten Typus, den Idealismus der Freiheit, werden Dilthey, Platon und Cicero, die christliche Spekulation und schließlich Kant und Fichte subsumiert – eine durchaus zufällige Zuordnung, die auch nicht dadurch richtiger erscheint, dass Dilthey behauptet: Diese Typen selbst sind keineswegs zufällig, sondern geben notwendig der Mehrseitigkeit des Lebens Ausdruck: der Materialismus und Naturalismus unserer Abhängigkeit von der Natur; der Pantheismus oder objektive Idealismus den vergegenständlichten Sinnzusammenhängen unserer Kultur, die im Kern Erscheinung von Geist ist; und der Idealismus der Freiheit dem moralischen Bewusstsein, das sich von der Natur unabhängig weiß. Die von Dilthey vertretene Typenlehre der Weltanschauungen ist Philosophie der Philosophie, die sich selbst nicht mehr unter den Anspruch der philosophischen Grundfragen stellt. Das Problem der Wahrheit ist ebenso relativiert wie das Problem des Guten oder der Freiheit. Man schaut die Welt zwar nicht durchaus irrig, aber man schaut sie, und zwar unvermeidlich, perspektivisch an. [<<34]
2. An Dilthey – ich kann mich hier kürzer fassen – schließt sich K. Jaspers’ Frühwerk, die ‚Psychologie der Weltanschauungen‘ (1919) an.17 Zu ihrem Umkreis gehören ferner E. Sprangers berühmtes Werk: Lebensformen. Geisteswissenschaft, Psychologie und Ethik der Persönlichkeit, 1921, und H. Leisegang, Denkformen, 1931.18 Diese drei Hauptwerke des typologischen Psychologismus haben alle die gleiche logische Argumentationsstruktur: Die verschiedenen Denktypen sind in unserem Seelenleben angelegt, sie führen psychisch notwendig zu verschiedenen Weltanschauungen. Die psychologisch-verstehende Methode soll den Sinn der philosophischen Sätze, ihren Ursprung aus einer typischen Lebens- oder Denkform, erst ausweisen. Dass es eine Mannigfaltigkeit von Typen der Weltanschauung gibt, bezeugt die Mehrseitigkeit der Seele und des dem Menschen möglichen Weltlebens. Philosophie ist psychologisch notwendiger Schein, Erscheinung von seelischem Ausdruck. Die Aufgabe einer Psychologie der Weltanschauungstypen kann nur noch darin liegen, die Mannigfaltigkeit der Stand- und Gesichtspunkte deutend zu verstehen – unter Verzicht auf die Wahrheitsfrage.
3. Diltheys Typenlehre zeigt eine gewisse Verwandtschaft mit der marxistischen „Philosophie der Philosophie“, ihrer Beurteilung als eines Epiphänomens des Lebens. Der Unterschied besteht darin, dass „Leben“ im Marxismus nach Begriffen der Ökonomie ausgelegt wird – eben als Arbeit oder Produktion, als Produktivkraft und Produktionsverhältnis. Der Idealismus der Freiheit, z. B. Kants Moralphilosophie, wird als Ausdruck einer bestimmten ökonomischen Lage der deutschen Gesellschaft im 18. Jahrhundert gedeutet: Der Zustand Deutschlands, heißt es in Marx’ und Engels’ ‚Deutscher Ideologie‘ (1845),19 spiegele sich [<<35] vollständig ab in Kants ‚Kritik der praktischen Vernunft‘. Während sich die französische Bourgeoisie durch die kolossalste Revolution, die die Geschichte kennt, zur Herrschaft aufschwang und den europäischen Kontinent eroberte, während die bereits politisch emanzipierte englische Bourgeoisie die Industrie revolutionierte, brachten es die ohnmächtigen deutschen Bürger nur zum ‚guten Willen‘.20 Die philosophischen Sätze werden nicht mehr als Antwort auf ursprüngliche Fragen, sondern als etwas anderes genommen – eben als Ausdruck einer bestimmten Gesellschaft, deren ökonomische Situation durch sie gespiegelt und zugleich gerechtfertigt wird. Philosophie ist gesellschaftlich notwendiger Schein – terminologisch gesprochen: Sie ist Ideologie.
4. Das Hauptwerk der biologistischen Richtung ist A. Gehlens: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, 19401, 19719. Der methodische Ansatz in der Erörterung der Philosophie ist durch die Wahl des Ausgangspunktes bestimmt: Der Mensch ist das sich selbst behauptende Wesen, er besitzt einen ursprünglichen Trieb zur Selbsterhaltung (conservatio sui). Dieser Antrieb macht alles dasjenige biologisch notwendig, was wir an uns selbst gewahren: vom aufrechten Gang bis zur Moral, vom Lachen, Weinen, Sprechen bis hin zum Philosophieren. Für das sich selbst behaupten wollende Wesen Mensch ist Weltanschauung die Ausdeutung seiner Antriebe, sie besitzt eine biologisch notwendige Funktion. Als Weltanschauung ist Philosophie eine lebensfördernde Illusion – eine These, die so bereits Nietzsche vertreten hatte.
Wenn Philosophieren, wie hier in Übereinstimmung mit den unter 1) bis 3) behandelten Denkern argumentiert wird, eine sekundäre Ausdruckserscheinung von etwas darstellt, das faktisch vorausgesetzt wird, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt bis hin zur völligen Unverständlichkeit dessen, was im Philosophieren eigentlich geschieht. Philosophieren, so haben wir demgegenüber behauptet, heißt Fragen-Können; was den Philosophen auszeichnet, ist die Fähigkeit, radikal zu fragen, nämlich alles, [<<36] was als selbstverständlich vorausgesetzt wird, dem Zweifel aussetzen zu können. In der Weltanschauung kann aber gerade dasjenige nicht mehr befragt werden, was als selbstverständlich vorausgesetzt, was gesetzt ist. Wir müssen uns deshalb wieder einen Begriff von der Ursprünglichkeit des Philosophierens verschaffen, und in dieser Absicht fragen wir: Was ist Philosophie? Wenn sie nicht Weltanschauung ist, ist sie dann Wissenschaft? Und wenn ja, in welchem Sinne ist die Philosophie Wissenschaft? Um die Frage zu beantworten, was Philosophie sei, müssen wir zuvor klären, was Wissenschaft ist.
1.1.2 Zur aktuellen Problemlage
An dieser Stelle können wir zu der Ausgangsfrage: „Was ist Philosophie?“ zurückkommen. Riedel expliziert das Wesen der Philosophie zunächst vor der Unterscheidung zwischen Philosophie und Weltanschauung. Philosophie, ihrem Weltbegriff nach verstanden, betrifft das, was jedermann notwendig interessiert. Der Weltbegriff setzt dabei den Schulbegriff voraus, daher verfällt er nicht in Weltanschauungslehren. Der Schulbegriff legt nach Kant die formalen Denkgrundsätze frei und stellt den Zusammenhang zwischen ihnen her. Auch der Weltbegriff bewegt sich im Bereich der ‚Wissenschaft‘. Diese Wissenschaft soll aber auf die „höchste Maxime des Gebrauchs unserer Vernunft“ ausgerichtet und damit auf die Maximenwahl des Subjektes bezogen sein. Damit richtet sich der Weltbegriff gerade auf die Urteilskraft und auf die Grundfragen des Denkens. Er führt, wie Wolfgang Wieland gezeigt hat, keineswegs nur auf das Feld der praktischen Vernunft und ihrer Applikationen, sondern auf das Zusammenspiel von Urteilskraft und Gefühl. Damit liegt er aller Erkenntnis zugrunde, bestimmt sich Philosophie doch im Letzten als „Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft (teleologia rationis humanae)“. Es ist mithin Philosophie als Weisheit, die über die Quellen, den Umfang und die Grenzen der menschlichen Vernunft zuallererst Rechenschaft abzulegen erlaubt und dabei zu größerer Sinnklarheit führt. In jüngeren Arbeiten ist, ausgehend von [<<37] Kant, aber auch der Polanyis Unterscheidung zwischen ‚Knowing how‘ und ‚Knowing that‘21 – und nicht zuletzt im Rückgriff auf Aristoteles’22 Phronesis-Begriff – dieses Momentum wieder sichtbar gemacht worden. Riedel hat angedeutet, dass in der Begriffsgeschichte der Schulbegriff der Philosophie schon im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine immer weitergehende Verengung erfuhr, während der Weltbegriff in die Mühlen der Ideologien geriet. Dass es die der Unterscheidung theoretischer und praktischer Vernunft noch vorausgehende Urteilskraft sein kann, die das Proprium der Philosophie gegenüber der Weltanschauung sichert, könnte gegenüber der Funktionalisierung der Philosophie auch im postmodern pragmatistischen bzw. existenziell erbaulichen Sinn zur Geltung gebracht werden. Damit ist, wenn man der kantischen Tektonik auch nur einigermaßen folgt, klar, dass Philosophie Metawissenschaft zu einzelwissenschaftlicher Erkenntnis sein kann. Dies ist auch dort der Fall, wo sie nicht mehr den Anspruch erhebt, als erste Wissenschaft alle anderen Wissenschaften gleichsam in sich einzuschließen. Sie kann sich vielmehr von diesen Wissenschaften belehren lassen, muss deren Erkenntnis aber auf die Möglichkeiten und Grenzen der Vernunfterkenntnis zurückbeziehen.
Wenn Riedel begriffsgeschichtlich an den ‚Weltanschauungsbegriff‘ zwischen Leibniz und Heidegger erinnert, so instrumentiert dies diesen Ansatz. Die Welt- und Sprachansichten, die Leibniz zur Geltung bringt, und die Lehre vom „Sehepunckt“ bei Chladenius kreisen das Problem in einem noch nicht ideologisierten Verständigungssinn ein. Die entscheidende Frage bleibt freilich, ob verschiedene Formen von ‚Sinnverstehen‘ miteinander in einen Austausch kommen – oder ob sie unverbunden nebeneinander stehen bleiben. Dies aber verweist wiederum auf den Ursprungs- und Ansatzpunkt, den Primat bei der offenen Fragebewegung der Philosophie. [<<38]
Dies ist der kriteriologische Dreh- und Angelpunkt, an dem, wie Riedel exemplarisch verdeutlicht, die verschiedenen Weltanschauungsphilosophien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer Kritik zugeführt werden müssen. Riedel bemerkt im Blick auf Diltheys Typenlehre, Jaspers’ ‚Psychologie der Weltanschauungen‘ und erst recht einen biologistischen Weltanschauungstypus, wie er von Arnold Gehlen vertreten und mit der ‚deutschen Philosophie‘ der NS-Zeit amalgamiert wurde,23 dass sie Strukturähnlichkeiten mit dem marxistischen Weltanschauungsverständnis hätten. Fixierte Weltanschauungskonzeptionen lassen unverständlich werden, was „im Philosophieren eigentlich geschieht“.
Der Begriff der ‚Weltanschauung‘ wird, das ist auffällig, nach dem Ende der totalitären Systeme kaum noch normativ und in der Regel mit Vorbehalten gebraucht. Deshalb benennen sich heutige weltanschauliche Ansprüche, sowohl eines Pragmatismus als auch eines Konstruktivismus oder eines Ratgeberexistenzialismus, kaum mehr explizit als ‚Weltanschauungen‘. Dies macht es zu einer schwierigeren, aber auch umso notwendigeren Aufgabe, ihren Weltanschauungs- und Ideologiecharakter zu entschlüsseln. Riedel hat dazu eine Reihe wesentlicher Hinweise gegeben. Implizite Weltanschauungs- bzw. ‚Ideologiekritik‘ erscheint umso dringender erforderlich, als sie bislang immer parteilich, marxistisch oder konservativ,24 geführt wurde, kaum aber im Rahmen der Eigenständigkeit und Irreduktibilität der Philosophie. [<<39]
1.2 Philosophie und Wissenschaft
1.2.1 Prinzipienerkenntnis und Erkenntnis aus Prinzipien
Von der Weltanschauung unterscheidet sich die Wissenschaft dadurch, dass sie nicht auf das Weltganze, sondern immer nur auf einen Teil der Welt, auf ein vorausgesetztes Erfahrungsfeld gerichtet ist: entweder auf die Natur oder auf die Gesellschaft oder auf den Menschen, und darunter wiederum auf weiter vorausgesetzte Erfahrungsfelder. Wir kennen keine Wissenschaft von der Natur, sowenig es eine Sozial- und Humanwissenschaft gibt, wir kennen nur Natur-, Sozial- und Human-Wissenschaften. Mit der Weltanschauung stimmt die Wissenschaft darin überein, dass sie sich zu jedem ihrer Felder positiv verhält. Natur, Gesellschaft und Mensch, Raum, Zeit und Bewegung, Natur als anorganischer und organischer Körper, der organische Körper als pflanzlicher, tierischer und menschlicher Organismus, der menschliche Organismus unterteilt in einzelne Felder: in das Somatische, das Psychische und das Soziale, diese wiederum psychosomatisch und sozialpsychisch aufgegliedert – alle diese Felder werden von den Wissenschaften im Voraus gesetzt, sie sind für sie ein Positum. Alle Wissenschaften, auch die Mathematik, sind positiv, sofern sie in ihren Grundsätzen dasjenige, worauf sie sich beziehen, voraussetzen: die Arithmetik die Zahl, die Geometrie die Figur, die Physik Raum, Zeit und Bewegung, die Biologie das Lebendige, die Soziologie die Gesellschaft usw. Zur Wissenschaft gehört diese vielfache Positivität, die wir auch als einen Grundzug der Weltanschauung hervorgehoben hatten. Aber während diese die Positivität totalisiert, kommt es in jener zu ihrer Partialisierung: Die Wissenschaften sind ständig auf dem Sprung, sich an die Positivität des Einzelwissens gewissermaßen zu verlieren, weshalb sie auch gegenüber einer falschen Generalisierung ihrer Resultate, deren Einbau in eine Weltanschauung, wehrlos sind. Es handelt sich um eine gegensätzliche und gleichwohl einheitliche Tendenz, die das Verhältnis von Wissenschaft und Weltanschauung auf dem Boden der Neuzeit bestimmt. Wenn ich sage: auf dem Boden der Neuzeit, so behaupte ich damit: Das Verhältnis beider ist geschichtlich bestimmt, d. h. ein solches, das unserer Zeit das Gepräge gibt, das den vorneuzeitlichen Weltaltern [<<40] möglicherweise anders erscheint, ja ihnen vielleicht sogar ganz fremd ist, das jedenfalls kein ewiges, mit dem Begriff der Wissenschaft notwendig verbundenes Verhältnis darstellt. Um uns hierüber Klarheit zu verschaffen, müssen wir uns über den in unserer Zeit vorausgesetzten Begriff der Wissenschaft und seine Konnotation mit dem der „Positivität“ Klarheit verschaffen. Was heißt „positive Wissenschaft“? Was bedeutet für uns heute der Begriff „Wissenschaft“?
Wenn wir uns zunächst wieder an der gesprochenen Sprache, der Umgangssprache, orientieren, können wir darauf leicht eine Antwort geben. Das Wort „Wissenschaft“ bedeutet in den heutigen europäischen Sprachen, vom Englischen „science“ angefangen über das französische „science“ und das italienische „scienca“, so viel wie „Mathematik“ und „Naturwissenschaft“ – unter Einschluss der Sozialwissenschaften, soweit sie mathematisch und experimentell betrieben werden. „Positiv“ heißt eine Wissenschaft dann, wenn sie solche Methoden anwenden kann. In der Anwendbarkeit mathematisch-experimenteller Methoden besteht die Positivität der positiven Wissenschaften. In dieser Konnotation ist „Wissenschaft“ ein Singularausdruck, dessen Bedeutung einfach und deshalb wenig umstritten erscheint. Nicht ohne Grund assoziiert sich das von ihm abgeleitete Prädikat „wissenschaftlich“ ganz umstandslos mit Ausdrücken wie „empirisch“, „exakt“, „wertfrei“, „begründbar“, „erklärbar“, und da diese Ausdrücke den Inbegriff der Positivität – die „Wissenschaftlichkeit“ der Wissenschaften – umschreiben, gibt es heute kaum noch eine Meinung, die sich nicht auf „die Wissenschaft“ berufen kann. Das Positive ist dabei immer etwas, was im wissenschaftlichen Tun als gesetzt angenommen wird: die Tatsache (also die empirische Seite); die Zahl (die exakte Quantifizierung); die Wertneutralität; das Prinzip (die Begründung); das Gesetz (die Erklärung). In Wahrheit sind dies alles Voraussetzungen, die alles andere als selbstverständlich sind. Sie müssen bedacht und kritisch geprüft werden und Selbstverständliches bedenken, das ist die Aufgabe der Philosophie.
Der Begriff der Wissenschaft ist kein umgangssprachlicher Ausdruck, dessen Bedeutung durch den Gebrauch im Alltag festgelegt und durch Bezugnahme auf alltägliche Situationen verständlich ist. Vielmehr gehört er einer Klasse von Begriffen an, die weder formalanalytisch [<<41] noch empirisch hinreichend geklärt werden kann. Kandidaten dieser Klasse sind neben dem Begriff der Wissenschaft die Grundbegriffe des Philosophierens – der Begriff der Wahrheit, des Guten, der Freiheit und des Seins.
Wissenschaft geht, wie der Name sagt, auf Wissen zurück – ein Ausdruck, der freilich mehrdeutig erscheint. Eine notwendige, obwohl nicht hinreichende Bedingung seiner Eindeutigkeit ist die, dass das, was jemand weiß, wahr ist: Wenn A weiß, dass der Sachverhalt p besteht, dann ist p wahr.25 Wie die mit dem Ausdruck „Wissen“ verknüpfte Wahrheitsbedingung – dass niemand etwas Falsches „wissen“ kann – erfüllbar ist, davon werde ich an späterer Stelle noch sprechen. Zur Wissenschaft gehört zweierlei: 1. eine Mannigfaltigkeit wahrer, begründeter Sätze und 2. ein geordneter Zusammenhang des Wissens, der die Anforderung von Einheit impliziert. Die Einheitsforderung bezieht sich weder auf die Zusammenfassung aller Wissenschaften noch auf eines ihrer Fächer, das alle übrigen „vereinheitlicht“, etwa die Soziologie im älteren oder die Physik im neueren Positivismus. Wenn das einheitsstiftende Moment in keiner Einheitswissenschaft, auch nicht in der Logik, liegt, muss die Einheit nicht eindimensional, sie kann selbst vielfach sein. Ich möchte drei Arten von Einheit unterscheiden, und danach werde ich zu zeigen versuchen, was die Einheit am Grund stiftet.
Wissenschaft ist zunächst eine operative Einheit – der Zusammenhang von Wissensdispositionen wie Wahrnehmen, Sprechen, Denken nebst zugehörigen Betätigungen, z. B. Experimentieren, Messen, Deuten, die Wissen hervorbringen und niemals getrennt, sondern nur vereinigt betätigt werden können. Da jedes wissenschaftliche Operieren der Kooperation mit anderen bedarf, ist sie ferner eine kommunikative Einheit – die Gesamtheit der Wissenschaftsinstitutionen, an denen Wissen „vermittelt“ und in Büchern, Zeitschriften, Apparaten usw. zusammenhängend [<<42] mitgeteilt wird. Und schließlich ist sie eine finale Einheit von Bedürfnissen und Erwartungen, die sich mit der Hervorbringung und Mitteilung von Wissen verbinden. Was die Wissenschaften betreiben, ist auf einen Zweck-Mittel-Zusammenhang bezogen, es muss, so lautet die bekannte Forderung, „relevant“ sein. Wir haben es jedes Mal mit Begriffen zu tun, die partielle Modi von Einheit stiften und gerade deshalb Totalisierungen ausgesetzt sind. Missverständnisse von Wissensdispositionen haben in der Vergangenheit die entgegengesetzten Wissenschaftstypen des Empirismus und Rationalismus veranlasst. Eine Folge erkennt man darin, wie missverständliche Ausdeutungen von kommunikativen Erfordernissen die Zwecke der Wissenschaften unmerklich mit gesellschaftlicher „Relevanz“ verwechseln lassen und beliebiger Finalisierung Raum geben. Operative Begriffe beschreiben, wie Wissen im Zusammenspiel verschiedener Dispositionen entsteht. Ihre Begrifflichkeit ist deskriptiv und interpretiert den Hervorbringungszusammenhang der Wissenschaften. Deskriptiv ist auch der Status kommunikativer Begriffe, die beschreiben, wie Wissen kooperativ hervorgebracht und zusammenhängend mitgeteilt wird. Es ist die Begrifflichkeit der Wissenschaftssoziologie, die primär dem Mitteilungszusammenhang der Wissenschaften angehört. Im Unterschied dazu besitzen finale Begriffe normative Funktionen. Sie schreiben vor, „wozu“ Wissen gebraucht werden soll, weshalb wir sie zum Relevanzzusammenhang der Wissenschaften rechnen können. Was das Wissen zur Wissenschaft macht, ist aber weder die Hervorbringung noch die Art der Mitteilung oder seine Relevanz, sondern der Begründungszusammenhang. Im Blick auf ihn gewinnen wir erst ein philosophisches Verständnis dessen, was die „Einheit“ des Wissens stiftet, das Urstiftende am Grunde der europäischen Wissenschaft. Das ist nicht zu allen Zeiten dasselbe, sondern eine Einheit, die sich in der Zeit wandelt, deren Urstiftung nach verschiedener Weise geschieht (Stiftung bedeutet lateinisch constitutio). Das Urstiftende am Grunde heißt traditionell „Vernunft“ (gr. nus, lat. ratio). „Vernunft“ kommt von „Vernehmen“; es ist ein aporetischer Titel, der Ausdruck einer Verlegenheit, in der sich das Denken in Begründungen, die apodiktisch strenge Wissenschaft, seit ihrer Entdeckung bei den Griechen befindet: dass alles Begründen an ein Ende kommt. Mit diesem Ende, das vom Anfang her da ist, hat es die Philosophie zu tun. [<<43]
Ich analysiere nun Entstehung und Wandel der Wissenschaft und damit den Aufbau ihrer Idee aus der Begrifflichkeit ihres Begründungszusammenhangs. Der Begriff der Wissenschaft baut sich im terminologischen Rahmen von „Theorie“ (a), „Lehre“ (b) und „System“ (c) her auf. Ihm erwächst ein je verschiedener Typus von Einheit, der „theoretisch“ (a), „doketisch“ (b) und „systematisch“ (c) genannt und in seiner idealtypischen Geschichtlichkeit dem klassisch griechischen, christlich mittelalterlichen und neuzeitlichen Wissenschaftsbegriff zugeordnet sein soll. Ich erläutere diese drei Typen in wissenschaftsgeschichtlicher Reihenfolge, beginne also mit der Bestimmung des klassisch griechischen Wortes für Wissenschaft, das episteme heißt. Ihr ist der Begriff der Theorie zugeordnet, in der zuerst die Sache der Philosophie ins Spiel kommt.26
a) Als theoretische Einheit ist Wissenschaft der Zusammenhang wahrer, in einer Stufenfolge von Begründungen angeordneter Sätze über ein abgrenzbares Gebiet von Sachverhalten. Der explizit abgeleitete Begründungszusammenhang dieser Sätze formt die „Theorie“ des betreffenden Gebietes aus. Von „Wissenschaft“ wird nur dann gesprochen, wenn es um Begründung von Wissen und damit um Theorie geht.
Die Angleichung beider Begriffe im gegenwärtigen Sprachgebrauch und ihre Gleichsetzung mit einer wohlgeordneten Begründungsfolge von Sätzen verdeckt die ursprüngliche Begrifflichkeit von „Wissenschaft“ und „Theorie“. Episteme, der klassische Ausdruck für „Wissen“ und „Wissenschaft“, bezieht sich nicht primär auf eine Einheit von Sätzen, sondern auf eine menschliche „Habe“ (hexis), wie theoria nicht primär eine Sachverhaltseinheit, sondern eine Verhaltung (arete) meint. Ihr „Ort“ ist die Seele des Menschen. Was der Wissende „hat“, ist nach Aristoteles, der diesen Begriff von Platon her aufnimmt und analytisch durchreflektiert, die Fähigkeit, schlüssig abzuleiten oder zu beweisen: ἡ μὲν ἄρα ἐπιστήμη ἐστιν ἕξις ἀποδεικτική – eine Definition, die im christlich mittelalterlichen wie im frühneuzeitlichen [<<44] Aristotelismus in der Formulierung „Scientia est habitus conclusionum“ wiederkehrt.27 Die lateinische Version gibt sprachlich präzise an, dass Wissenschaft als Begriff in der Stufenfolge von Begründungen den Schlusssatz zur Grundlage hat. Episteme wie scientia bedeuten daher in der Regel „abgeleitetes und bewiesenes Wissen“, das der Mensch nur dann „haben“ kann, wenn er an Beweisgründen – dem Vorder- oder Grundsatz des Beweisverfahrens – teilhat, und dieses Gründe-Wissen ist nicht wiederum „wissenschaftlich“ ableit- und beweisbar. Es gehört zu jenen übergeordneten „Haben“, die Aristoteles nus und sophia, der christlich mittelalterliche Aristotelismus intellectus und sapientia nennt. Ihnen verdankt sich die Einsicht in Grundsätze (principia) der Wissenschaft und ihren Zusammenhang mit umfassenden Seins-Gründen (altissimas causas, quae sunt causae divinae).28 Wissenschaft, so lautet eine erste Implikation des klassischen Begriffs, ist Erkenntnis aus Prinzipien (cognitio ex principiis),29 die Prinzipienerkenntnis selbst aber ist nicht mehr Sache der Wissenschaft, sondern der Philosophie. Indem der Philosoph Begründungszusammenhänge untersucht, sieht er sich auf Prinzipien, die „ersten Gründe und Ursachen“ alles Seienden, verwiesen, die als für sich bestehende Sachverhalte lediglich anschauend hinzunehmen sind. Er verhält sich „theoretisch“ im Sinne von Anschauung, weil er Prinzipien nicht „erfinden“ und „aufstellen“, sondern nur finden oder entdecken kann.
Philosophie ist die theoretische Beschäftigung mit dem Gegenstandsbereich, der für die Wissenschaft letztlich grundlegend oder das „Erste“ ist, mit der Grundlegung des Wissens. Wie hängt dieses Erste, der Anfang des Denkens in Begründungsdingen, mit dem Ende zusammen? Ich verdeutliche das am klassischen Typus der empirischen Wissenschaft, der griechischen episteme. Wissenschaft, so haben wir gesagt, ist eine Einheit wahrer, begründeter Sätze. Wer Sätze als [<<45] wahr zu begründen sucht, muss sich, wie Platon und Aristoteles zuerst gesehen haben, auf Grundsätze zurückbeziehen. Der griechische Ausdruck für „Grundsatz“ ist arché (lat. principium). Dazu gehören Axiome (Sätze, die sich nicht weiter infrage stellen lassen), Thesen, die bezeichnen, was der Gegenstand einer Wissenschaft ist, und Hypothesen, die darauf verweisen, dass der Gegenstand Gegenstand einer Wissenschaft ist. Jede Wissenschaft – darin liegt ihr „axiomatischer“ Aufbau, den Aristoteles im Einzelnen durchanalysiert hat – besteht aus einer Folge von Begründungen, die sich in Grundsätze und begründete Sätze aufgliedert. Die begründeten Sätze heißen auch „abgeleitete“ oder „bewiesene“ Sätze, ihr Zusammenhang stellt dasjenige dar, was Aristoteles episteme nennt, also die Wissenschaft. Da die Grundsätze selbst nicht wissenschaftlich begründbar sind, müssen sie zuvor schon entdeckt, als solche zuvor gewusst und hinsichtlich ihrer Begründungsaufgabe verstanden sein. Dasselbe gilt von den in ihnen auftretenden Begriffen, den Grundbegriffen einer Wissenschaft, die nicht wiederum durch andere Begriffe definierbar sind. Als Grundbegriff müssen sie vielmehr schon zuvor gewusst und verständlich sein. Die Klärung der Grundsätze und Grundbegriffe, des Vor-Wissens, das wir vor aller Wissenschaft auf selbstverständliche Weise „haben“, ist Sache der Philosophie. Diese Unterscheidung bleibt bis hin zu Kant in Kraft. Wissenschaft ist Erkenntnis aus Prinzipien (also aus Sätzen); Philosophie ist Prinzipienerkenntnis.
b) Als doketische Einheit ist Wissenschaft der Inbegriff dessen, was gelehrt und gelernt werden kann – die Lehre. Ihr Problem ist die geordnete Mitteilung einzelner Lehrstücke, deren Zusammenhang untereinander und mit dem Lernen des Anfängers in einer Wissensdisziplin – der Mitteilungszusammenhang –, für den sich das Begründungsproblem ähnlich darzustellen scheint wie in der klassisch griechischen Wissenschaftsidee. Alles Lehren, so heißt es dazu wiederum bei Aristoteles, und alles Lernen geschieht aufgrund einer vorhergehenden Erkenntnis.30 Während diese Erkenntnis für die griechische episteme Sache der [<<46] theoria ist, wird sie in der christlich mittelalterlichen Wissenschaft, die scientia heißt, Sache des Glaubens.
Die doketische Einheit der Wissenschaft besteht in der geordneten Mitteilung des Wissens nach einzelnen Lehrstücken, ihrem lehrmäßigen Zusammenhang untereinander und mit dem Lernen des Anfängers in einer Disziplin. Bei Thomas von Aquin, dessen Begriffssprache als Beispiel für den christlich mittelalterlichen Wissenschaftsbegriff dienen mag, stellt sie sich in der Frage: Utrum sacra doctrina sit scientia, ob die Lehre der Heiligen Schrift eine Wissenschaft sei. Die Antwort erfolgt im Horizont des klassischen Begriffs von ihr, wonach alles Wissen eine aus Prinzipien bewiesene Erkenntnis ist, aber keine Wissenschaft diese selbst beweisen kann. Prinzipien, so lautet das nichtklassische Argument, werden nicht nur natürlich entdeckt, sie werden auf übernatürliche Weise geoffenbart. Was notwendig offenbart werden muss, sind die Prinzipien der sacra doctrina, die letztlich grundlegenden Sätze über das Dasein Gottes, die Erschaffung der Welt und die Sonderstellung des Menschen, deren Entdeckung nur wenigen Menschen möglich wäre, viel Zeit in Anspruch nähme und zudem mit Irrtum verbunden wäre.31 Die Gleichsetzung der heilsgeschichtlichen Prinzipien mit den Prinzipien der klassischen Wissenschaft, aus denen auf demonstrativem Weg weitere Sätze über das Verhältnis Gottes zum Menschen abgeleitet werden können, begegnet einem doppelten Einwand. Einmal geht die sacra doctrina nicht auf eine wie immer verstandene Philosophie, sondern auf Glaubensartikel zurück, die als solche nicht durch sich selbst einsichtig und deshalb auch nicht für alle Menschen annehmbar sind. Zum anderen handelt sie von einzelnen Ereignissen (singularia), etwa von den geschichtlich bezeugten Taten Abrahams, Isaaks, Jakobs und Ähnlichem, und vom Einzelnen gibt es keine Wissenschaft (scientia non est singularium).32 Beiden Einwänden begegnet Thomas mit der doketischen Einheitsthese. Die Wissenschaften sind untereinander so gegliedert, dass die einer höheren Wissenschaft untergeordnete Wissenschaft [<<47] keine durch sich selbst einsichtigen Prinzipien haben muss. Wie die Kunst der Perspektive oder der Musik ihre Prinzipien von der Geometrie und Arithmetik übernehmen, so die sacra doctrina von einer übergeordneten Wissenschaft, die Thomas scientia dei et beatorum nennt – die Wissenschaft Gottes und der Seligen, die dem Menschen durch die Offenbarung der Heiligen Schrift zuteilwird. Dass die Heilige Schrift Einzeldinge zum Gegenstand hat und in eine Vielheit von Geschichten zerfällt, stellt für Thomas keinen Einwand dar, weil sie davon nicht „principaliter“, also in der Weise von Grundsätzen, Gebrauch macht. Das Einzelne ist nur insofern Gegenstand der sacra doctrina, als es auf ein Allgemeines, das exemplum vitae in Geschichten hinzeigt (z. B. in der alttestamentarischen Geschichte von Joseph und seinen Brüdern) oder zum Erweis der Autorität jener Männer beiträgt, durch die dem Menschengeschlecht die göttliche Offenbarung zuteilgeworden ist.33 Die sacra doctrina heißt so mit Fug und Recht scientia – eine Wissenschaft, die ihre Prinzipien von anderswo übernimmt, nämlich vom Glauben an die göttliche Offenbarung, durch welche die letztlich grundlegenden Fragen, die der Mensch stellen kann, ein für alle Mal beantwortet sind.
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