Czytaj książkę: «Wohltöter»
WohlTöter
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Hansjörg Anderegg
Hansjörg Anderegg
WohlTöter
Der 1. Fall mit BKA-Kommissarin Chris
Thriller
Impressum
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
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Print-ISBN: 978-3-96752-193-1
E-Book-ISBN: 978-3-96752-691-2
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Gröpelinger Heerstr. 149
28237 Bremen
Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Kapitel 1
Reculver Beach, Canterbury
Schon beim ersten Wurf verfing sich die Angelschnur im Seegras zwischen den Felsen. »Du wirst es nie lernen«, schalt Paul seinen kleinen Bruder. »Nicht zerren! Du musst die Schnur lösen. Nimm das Messer.«
Mikey schmetterte die Angelrute zu Boden, nahm das Fischmesser aus dem Korb und kletterte missmutig über die aufgeschütteten Felsblöcke ans Ende des kurzen Damms. Paul widmete sich kopfschüttelnd wieder seinem Köder. Er liebte diesen Platz im Schatten der Reculver Towers, an der Küste, wo sich das Wasser der Themse mit der Nordsee vereinigte. Seit dem Tod des Vaters war er der Experte in der Familie. Er kannte jeden Stein, wusste, wo sich die Krabben versteckten, die so vorzügliche Köder abgaben, kannte die Wetterlagen, bei denen sich die Barsche an der Küste versammelten und die Jahreszeit, in der die Rochen im flachen Wasser laichten. Nur als Lehrer eignete er sich nicht. Er verzweifelte, wenn er Mikey mit seinen zwei linken Händen zusah, aber er musste sich weiter um ihn kümmern. Er hatte es Vater in die Hand versprochen.
Ein entsetzter Schrei ließ ihn zusammenfahren. »Paul, ein Ungeheuer, schnell!« Mikey stand wild gestikulierend auf dem Damm.
»Einer deiner Drachen?«
Der Kleine entwickelte eine lebhafte Fantasie, sauste als Drachentöter durchs Haus und getraute sich nicht mehr allein in die Vorratskammer. Das nervte.
»Blödsinn«, rief Mikey. »Komm doch endlich!«
Widerwillig erhob sich Paul. Die reinste Nervensäge, der Kleine. Er schwor sich, in Zukunft vorsichtiger zu sein mit seinen Versprechen. Kaum hatte er den Damm betreten, sah er das Ungeheuer. Es war braun und nackt, hatte zwei Beine und zwei Arme und einen Kopf, dessen schwarze Haarsträhnen unheimlich mit dem Seegras auf den Wellen tanzten. Das Gesicht war nicht zu sehen. »Ein Toter«, murmelte er erschrocken. »Dein Ungeheuer ist eine Leiche, Mikey.«
Der Kleine schauderte. »Ist sie tot?«
»Leichen sind immer tot.«
»Was machen wir jetzt?«
Paul wusste es auch nicht. Es war seine erste Leiche. Der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Er begann leise zu zittern und bekam Gänsehaut. »Komm, wir müssen Mom holen«, flüsterte er, um den Toten nicht zu stören. Sie ließen das Angelzeug liegen und rannten los. Das Handy lag zu Hause auf der Kommode. Man angelte nicht mit Telefon, das hatte ihm Vater beigebracht.
»Ich habe Angst«, keuchte Mikey hinter ihm.
»Warum? Der Tote tut dir nichts.«
»Aber wenn der Mörder …«
»Ach lass den Quatsch. Hast du Blut gesehen?«
Keine Antwort. Paul hoffte, sie würden ihr Haus erreichen, bevor der Kleine realisierte, dass man Leute auch ohne blutende Wunden umbringen konnte.
Ihre Mutter stand im Garten. Sofort hetzte Mikey auf sie zu und rief atemlos: »Mom! Komm schnell! Ein Toter ist ermordet worden!«
Mrs. Croydon schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Beruhige dich erst mal, Mikey. Tote kann man nicht ermorden.«
Typisch für Mom, die Lehrerin. Sie reagierte besonders empfindlich auf sprachlichen Unsinn.
Ihr Jüngster ließ nicht locker: »Mom, ich schwöre, er ist tot.«
Sie warf Paul einen fragenden Blick zu.
»Es stimmt, was Mikey sagt. Droben bei den Towers liegt ein Toter im Wasser.« Er versuchte, möglichst erwachsen, cool, zu schildern, was sie gesehen hatten, obwohl ihm der Schreck noch tief in den Gliedern saß. Sie hörte mit besorgter Miene zu, dann hängte sie die Gartenschürze an den Geräteschuppen und sagte nur:
»Kommt.«
Ein Arm der Leiche hatte sich in einer Felsspalte verhakt, als versuchte der Tote verzweifelt, sich aus dem Wasser zu ziehen. Paul konnte nicht länger hinsehen. Er nahm seinen Bruder bei der Hand und zog ihn weg, zurück an den Strand zum Angelzeug.
»Glaubst du mir jetzt?«, rief Mikey triumphierend über die Schulter.
»Ja, schrecklich. Geht nach Hause. Ich komme sofort nach und rufe die Polizei.
Constable Sean Sellick von der Kent Police in Canterbury blickte verärgert von seinem Bildschirm auf. »Carol, kannst du bitte mal rangehen?« Das Telefon klingelte schon eine ganze Weile, doch seine Kollegin machte keine Anstalten, abzuheben. Sah sie nicht, wie beschäftigt er war? Der Wochenbericht duldete keinen Aufschub. Inspector Fry wollte ihn auf seinem Tisch, sobald er zurückkehrte. »Carol?« Er schaute sich um. Ihr Platz war verwaist. Mit einer unterdrückten Verwünschung griff er zum Hörer.
»Mary Croydon hier, Constable. Ich muss einen Leichenfund melden.«
Police Constable Sellicks Ärger verflog augenblicklich. Er tastete nach dem Meldeblock, zückte den Schreibstift und begann mit ruhiger Stimme die sieben Fragen zu stellen, wie er es vor nicht allzu langer Zeit gelernt hatte. Eine nackte, männliche Leiche an der Reculver Beach, praktisch vor der Haustür. Natürlich an einem Nachmittag, wo kein Inspector im Haus war. Wo zum Teufel blieb Carol? Er zwang sich, ruhig zu bleiben. »Mrs. Croydon, sind Sie sicher, dass Ihre Jungen den Toten gesehen haben?«
»Hören Sie, junger Mann. Ich habe mich selbst überzeugt. Sie können mir glauben, da liegt ein junger Mann im Wasser, und der ist so tot wie Sie, wenn Sie nicht bald jemanden vorbeischicken.«
»Beruhigen Sie sich, Mrs. Croydon. Ich muss Ihnen diese Fragen stellen. Sie glauben nicht, was …«
Die Anruferin unterbrach ihn ungeduldig: »Papperlapapp. Was ist, kommen Sie?«
Sellick atmete auf. Carol kehrte endlich mit zwei Pappbechern und einer braunen Tüte an ihren Platz zurück. »Wo sind Sie jetzt, Mrs. Croydon?« Er notierte die Adresse und verabschiedete sich: »Bleiben Sie bitte dort. Wir sind sofort bei Ihnen.«
Carol schob ihm einen der heißen Becher hin. »Wieder die Vandalen?«, fragte sie.
Er schüttelte den Kopf, während er die Nummer des Notarztes wählte. »Wasserleiche bei den Reculver Towers«, erklärte er schnell, bevor sich die Einsatzleitung meldete. Fünf Minuten später fuhr er hinter dem Rettungswagen auf der A28 nach Norden. Carol musste den Kaffee allein trinken.
»Das hat ja gedauert«, empfing sie Mrs. Croydon ungehalten.
Sellick wusste jetzt, dass sie Lehrerin an der Grundschule war und genau so verhielt sie sich. So stellte er sich eine Lehrerin vor, in deren Klasse er lieber nicht sitzen wollte. »Wir kamen, so schnell wir konnten«, versuchte er zu beschwichtigen. »Steigen Sie bitte ein und zeigen Sie uns die Stelle.«
Der Fundort lag genau bei der Ruine des alten Klosters. Die sensationelle Neuigkeit hatte sich offenbar herumgesprochen, und das gefiel ihm gar nicht. Ein halbes Dutzend Neugierige standen am Damm und auf den Felsen. Spuren eines Verbrechens, falls es denn eines war, konnten sie unter diesen Umständen vergessen.
»Am Ende des Damms, zwischen den Felsen«, sagte Mrs. Croydon, als sie ausstiegen.
»O. K., Sie bleiben bitte hier. Zurücktreten, Leute. Bitte treten Sie hinter die Wagen zurück, sonst behindern Sie die Polizeiarbeit.« Er stieg mit dem Arzt auf die Felsen. Sie kletterten bis ans Ende des Damms und schauten sich verblüfft an. Weit und breit war nichts von einer Leiche zu sehen.
»Scheint wasserlöslich zu sein«, grinste der Arzt.
Sellick blickte mürrisch aufs Meer hinaus. »Finde ich gar nicht witzig.« Es blieb ihm nichts anderes übrig: Er musste ein ernstes Wort mit der strengen Mrs. Croydon reden.
Sie empfing ihn mit rotem Kopf. »Die Leute behaupten, es gäbe keine Leiche«, sagte sie schnippisch. Es klang wie ein Vorwurf.
»Er war tot, ganz sicher«, ereiferte sich der kleine Mikey, der sich trotz Mrs. Croydons Verbot wieder zu den Gaffern gesellt hatte.
Sellick zählte innerlich bis fünf, dann beugte er sich zum Knaben hinunter und fragte ruhig: »Was hast du denn genau gesehen. Erzähl mal.«
Mikey ließ sich nicht zweimal bitten, ignorierte den strafenden Blick seiner Mutter und berichtete ausführlich über seinen fantastischen Fund. Sellick begriff, dass der Junge eine lebhafte Fantasie hatte, aber die Schilderung deutete auch auf eine gute Beobachtungsgabe hin. Unsicher, ob er der Beschreibung glauben sollte, wandte er sich wieder an Mrs. Croydon, die ihm diesen Einsatz eingebrockt hatte:
»Tatsache ist, dass hier keine Leiche zu finden ist. Wenn es stimmt, was Sie sagen …«
»Hören Sie«, brauste die Frau auf. »Ich weiß, was ich gesehen habe, und ich bin nicht betrunken oder bekifft. Da draußen am Ende des Damms lag ein dunkelhäutiger, schlanker Mann mit glänzend schwarzem Haar im Wasser. Ich habe sein Gesicht nicht gesehen, aber es muss ein Inder oder Pakistani oder etwas Ähnliches gewesen sein. Ich weiß auch nicht, wie er es geschafft hat, zu verschwinden, aber ich weiß, dass er vor einer Stunde noch da war.«
»Vielleicht die Strömung«, meinte Mikey mit Kennermiene. »Die Flut ist vorbei, das Wasser fließt zurück ins Meer.«
»Das Wasser ist das Meer, Dummkopf«, lachte sein großer Bruder.
»Brauchen Sie uns noch?«, wollte der Arzt wissen.
»Sieht nicht danach aus.« Kurz bevor die Tür des Rettungswagens zuschlug, fügte er hinzu: »Danke, Doktor.« Er beschloss, die Lehrerin und ihre aufgeweckten Jungen ernst zu nehmen, obwohl die Tatsachen gegen sie sprachen. »Ich werde eine Suche veranlassen, Mrs. Croydon. Mehr kann ich im Moment nicht tun, wie Sie sehen. Ich muss Sie bitten, morgen bei uns auf dem Revier vorbeizukommen, um das Protokoll zu unterschreiben.«
Sie nickte, nahm den Kleinen bei der Hand, versetzte dem Grossen einen leichten Stoß und machte sich mit den andern auf den Heimweg ins Dorf. Sellick holte den Fotoapparat, Pflöcke und die blau-weiße Rolle aus dem Wagen. Er dokumentierte die mysteriöse Fundstelle und sperrte sie weiträumig ab, während er angestrengt überlegte, wie er seinen Einsatz dem von Natur aus skeptischen Inspector erklären könnte, ohne dabei den Kopf zu verlieren. Sie hatten nicht einmal eine anständige Personenbeschreibung für den Abgleich mit den Vermisstmeldungen.
Scotland Yard, London
Detective Chief Inspector Adam Rutherford ließ es klingeln. Der Chief wollte ihn sprechen. Das konnte warten. Chief Superintendent Whitney würde seinen zweifellos enthusiastischen Monolog noch früh genug loswerden. Er hatte grundsätzlich Mühe mit begeisterten Leuten, vor allem, wenn sie ihn von der Arbeit abhielten. Er verließ das Glashaus, das er sein Büro nannte und fröstelte, als er das unterkühlte Großraumbüro seiner Mitarbeiter betrat. Er hielt nicht viel von Privilegien und Rängen, aber die Tatsache, dass er als DCI ein sonniges Einzelbüro mit botanisch herausragender Kakteenzucht besaß, entschädigte für vieles. Nicht zuletzt die niemals versiegende Begeisterung seines Chefs.
Die Mannschaft erwartete ihn im Sitzungszimmer zur Lagebesprechung. Es waren tatsächlich alles Männer, die mehr oder weniger entspannt am langen Tisch saßen. Bisher hatte es keine Frau zu ihm an die Front geschafft. Den Grund kannte er nicht, und er bedauerte es manchmal. Das andere Geschlecht schien sich mehr für die Arbeit hinter den Kulissen in den Labors zu interessieren. Er nickte den Leuten kurz zu.
»Wo sind Miller und Cawley?«
»Die Inspectors sind noch in Hammersmith, Sir«, antwortete Ron Cornwallis, der Jüngste und Schnellste seiner Truppe. »Befragung der Stammkunden in der ›Red Lantern‹.«
»Wird allmählich Zeit, dass wir die Clan-Sache abschließen«, brummte Rutherford ärgerlich. »Also, wo stehen wir, Pete?«
Sein alter Leidensgenosse bei Schotland Yard, Detective Sergeant Pete Townsend, der seit fünfzehn Jahren partout nicht Inspector werden wollte, kam nicht mehr dazu, zu antworten. Der Telefonapparat auf dem Tisch erwachte lautstark zum Leben. Der schnelle Ron hatte den Hörer in der Hand, bevor sich der DCI ärgern konnte. Er hörte kurz zu, dann reichte er den Hörer seinem Chef. »Wir haben eine Leiche, Sir.«
Mit zusammengekniffenen Augen hörte er sich an, was die Zentrale ihm zu melden hatte. »Kent? Was geht uns das an?«, unterbrach er unwirsch. Sie hatten wahrlich genug eigene Probleme und keine Zeit und Ressourcen, die Aufgaben der lokalen Polizei auch noch zu übernehmen. Überdies begannen sich seine Männer bereits zu langweilen. Das mochte er am allerwenigsten. »Wann sagten Sie? Heute Mittag?« Es war fünf Uhr abends. Die Spur, wenn es denn eine gab, dürfte längst kalt sein. »Hören Sie, ich bin mitten in einer Besprechung. Ich rufe …«
Der Rest blieb ihm im Halse stecken, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür und Chief Whitney trat mit strahlender Miene ein. Hinter ihm tauchte ein strohblonder Haarschopf auf. Er gehörte einer jungen Frau, deren Ausstrahlung den kühlen Raum erwärmte wie ein laues Frühlingslüftchen. Wären plötzlich Maiglöckchen aus seinem Hörer gewachsen, der DCI hätte sich überhaupt nicht gewundert. Seine Männer saßen kerzengerade am Tisch wie brave Primaner, bereit aufzuspringen und die Lady im Chor zu begrüßen, so schien es. Dabei war die unerwartete Erscheinung eher klein. Sie trug weder extravagante Kleider noch schwindelerregende Schuhe. Jeans, weißes T-Shirt, hellbraune Lederjacke, bequeme Schnürschuhe, das war’s. Ihr Gesicht aber mit den blau schimmernden, neugierigen Augen, der angedeuteten Stupsnase, den weichen Lippen und der dicke, goldene Zopf zogen sofort alle Blicke magisch auf sich. Auch Rutherford vermochte sich dem Bann nicht sogleich zu entziehen. Ganz sanft legte er den Hörer auf die Gabel zurück, als dürfte kein Geräusch die Weihe des Augenblicks stören.
»Meine Herren«, begann der Chief freudig, »ich möchte Ihnen Detective Sergeant Hegel vorstellen.« Er trat etwas zur Seite, um seine Begleiterin ins rechte Licht zu rücken. »Dr. Hegel ist Deutsche. Sie arbeitet beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden und wird uns ein Jahr lang im Rahmen des internationalen Austauschprogramms ihr Wissen und ihre Erfahrung zur Verfügung stellen.«
Die Erinnerung traf Rutherford wie ein Schlag. Längst hatte er die unangenehme Unterhaltung mit dem Chief verdrängt. Schon damals lag die Betonung auf international, als würde die Schnapsidee die Bedeutung Scotland Yards und insbesondere des Chiefs enorm steigern. So sah also das internationale Austauschprogramm aus. Na ja, angenehm anzusehen war es. Trotzdem hätte er liebend gern auf die Bereicherung verzichtet. Der eigene Nachwuchs wie der schnelle Ron machte schon genug Arbeit. Verstand das Programm überhaupt ihre Sprache?
»Guten Abend meine Herren«, sagte das Programm in tadellosem Oxford-Englisch. »Ich freue mich auf die Zusammenarbeit und bin sicher, eine Menge von Ihnen lernen zu können.«
Der Chief strahlte noch intensiver, als er sah, wie sich die Männer reihum erhoben, um ihrer neuen Kollegin die Hand zu geben. »Ich sehe, Sie sind in guten Händen«, schmunzelte er mit einem Seitenblick auf seinen DCI. Der studierte seine Uhr. Ein Wink, den auch der Chief verstand. »Lassen Sie sich nicht aufhalten«, meinte er beim Hinausgehen.
Ron, ganz Gentleman, bot Sergeant Hegel seinen Stuhl an. Im Nu zauberte er einen Neuen herbei und schaffte es irgendwie, sich neben das blonde Programm zu setzen.
Rutherford beobachtete die Szene mit zunehmendem Unbehagen. Es geht schon los, dachte er angewidert. Der Chief würde seine internationalen Ambitionen noch bitter bereuen. »Kann ich weitermachen?«, fragte er provozierend. Noch vor ein paar Minuten gab es nur den üblichen Ermittlungskram und eine verschwundene Leiche in Kent, aber jetzt … Es gab Tage, die man besser aus dem Kalender streichen sollte. Er war, verdammt noch mal, kein Psychiater. Beziehungskisten waren das Letzte, was er sich in seiner Abteilung wünschte. Die Deutsche schaute ihn mit ihren großen Augen erwartungsvoll an, während die Männer zur Sicherheit mit gesenktem Blick Coolness demonstrierten. Die Ankunft der Frau hatte die Atmosphäre aufgeladen, dass man es knistern hörte. Es gab nur eine Lösung. Er musste die Besprechung so rasch als möglich beenden. Die Neue brauchte Arbeit, draußen, wo sich das richtige Leben abspielte. Er brach die Sitzung ab und beorderte Sergeant Hegel in sein Terrarium.
»Mein Gott, ein blühender Ariocarpus«, rief die Frau überrascht, als sie sein Büro betrat.
»Sie kennen sich aus?«, fragte er misstrauisch.
»Nicht wirklich, aber an diese Art erinnere ich mich. Eine Kollegin in Oxford hatte so ein Prachtstück mit der weißen Wolle auf dem Scheitel. Nur blühen wollte er nie. Wunderschön.«
Falls sie sich einschleimen wollte, war sie bei ihm an der falschen Adresse. »Finden Sie?«, brummte er mürrisch. »Sie waren in Oxford?«
»Ja, auch ein Jahr. Post graduate Studium analytischer Methoden.« Sie beugte sich vor, deutete auf ein Dossier, das wie durch ein Wunder zuoberst auf seinem Schreibtisch lag. »Steht alles in meinen Unterlagen.«
Die Lady konnte auch ziemlich direkt sein. Er war sicher, das Dossier ›Internationales Austauschprogramm‹ zuunterst in der Schublade versteckt zu haben. Gedankennotiz: Sekretärin befragen.
»Setzten Sie sich bitte«, forderte er Sergeant Hegel auf, während er ihr Dossier aufschlug. »Sie haben Geologie und Chemie studiert, sehe ich.«
»Ja, abgeschlossen in Geologie.«
Es hatte keinen Zweck, weiter Theater zu spielen. Sie musste längst gemerkt haben, dass er ihre Unterlagen noch nie angesehen hatte. Er klappte das Dossier zu, lehnte sich mit verschränkten Armen zurück und sagte: »Nun erzählen Sie mal. Was führt Sie zur Polizei.«
»Der Zufall«, gab sie unumwunden zu.
Die Offenheit und Selbstsicherheit, mit der sie diese Antwort gab, beeindruckte ihn. Wider Willen deuteten seine Lippen ein Schmunzeln an.
Sie fuhr lächelnd weiter: »Es geschah im letzten Jahr vor dem Master. Ich beschäftigte mich mit neuen Methoden der Bodenanalyse. Dabei stieß ich auf ein Verfahren, mit dem sich auch kleinste Proben mit hoher Sicherheit einer bestimmten Fundstelle zuordnen lassen. Röntgenfluoreszenzanalyse.«
»Sparen Sie sich die wissenschaftlichen Erklärungen«, unterbrach er entsetzt. »Ich verstehe sowieso nichts.«
»Verzeihung. Kurz gesagt erlaubt die Methode, nachzuweisen, wo sich eine Person oder ein Fahrzeug aufgehalten hat, auch wenn sonst keine Spuren vorliegen. Jeder Boden hinterlässt eine Art geologischen Fingerabdruck. Das brachte mich auf den Gedanken, mich nach dem Studium beim BKA zu bewerben.«
»Mit Ihren Qualifikationen müssten Sie bei der Spurensicherung arbeiten.«
»Habe ich. Tue ich immer noch zeitweise. Ich bin ausgebildete Kriminaltechnikerin, arbeite aber gerne an der Front. Oft ist der allererste Eindruck eines Tatorts der wichtigste. Ein entsprechend geschultes Auge kann nicht schaden.«
Er schaute sie nachdenklich an. Diesen Augen traute er tatsächlich zu, mehr zu sehen als andere. Und er hatte genau den passenden Job für sie. »Augenblick«, murmelte er, ging zur Tür und winkte Ron herein.
Der Junge kam wie der Blitz. »Sir?«
»Detective Cornwallis, ich möchte, dass Sie sich zusammen mit Sergeant Hegel der Sache in Kent annehmen. Rufen Sie Inspector Fry in Canterbury an. Sehen Sie sich die Stelle genau an, wo diese Leiche verschwunden sein soll.« Er wandte sich wieder an die Neue und betonte: »Aber treiben Sie keinen unnötigen Aufwand.«
»Verstanden, Sir«, versicherte Ron zackig.
Er hielt seiner Kollegin die Tür auf. Die beiden zogen sich an Rons Schreibtisch zurück, und Rutherford atmete auf. Zwei Fliegen auf einen Streich, dachte er zufrieden. Wenigstens für ein paar Stunden war er den lästigen Fall in Canterbury los und er musste sich heute nicht mehr um den deutschen Nachwuchs kümmern.
Canterbury, Kent
Sergeant Hegel lächelte still in sich hinein. Der erste Kontakt mit ihrem neuen Boss war glimpflicher abgelaufen, als sie befürchtet hatte. Der DCI schien ein ehrlicher Typ zu sein. Jedenfalls hatte er ihr keine Komödie vorgespielt. Sie fühlte sich wohler in seiner Gegenwart als während der Gespräche mit Chief Superintendent Whitney.
»Ist etwas nicht in Ordnung, Sergeant?«, fragte Ron besorgt.
Sie schüttelte den Kopf. »Was soll sein?«
»Sie haben mich so komisch angesehen.«
Sie schmunzelte. »Komisch nennen Sie das. Eher verwundert, würde ich sagen. Verwundert über Ihre Hartnäckigkeit.«
Er saß am Steuer des Dienstwagens. Der Feierabendverkehr erforderte seine ganze Aufmerksamkeit. Trotzdem warf er ihr einen verblüfften Blick zu, sagte aber nichts.
»Hartnäckig, wie Sie am Sergeant festhalten, meine ich.«
»Soll ich Sie lieber mit DS ansprechen?«
Der gute Ron meinte es ernst. Von ihren deutschen Kollegen war sie einiges gewohnt bezüglich Titelsucht, aber die Angelsachsen trieben es auf die Spitze. Fast jeder Satz begann oder endete mit Sergeant, Detective Inspector, Chief Inspector. Sie war und blieb hier offenbar der Detective Sergeant. Den temporären Rang hatte sie der Tatsache zu verdanken, dass sie zu Hause beim BKA als Kommissarin arbeitete.
»Nennen Sie mich doch einfach Chris wie alle meine Bekannten, O. K.?«
Der Vorschlag gab dem jungen Detective zu denken. Sie fühlte förmlich, wie seine Neuronen feuerten. Erst nach einer Schrecksekunde antwortete er unsicher: »Wie Sie wünschen, Sergeant.«
»Chris«, korrigierte sie lachend. »Steht für Christiane. Kann sich kein Mensch merken. Also, Ron, wo sind wir eigentlich?«
»Fünf Minuten bis zum Revier schätze ich.«
Sie mussten sich beeilen, wollten sie heute noch etwas sehen.
Es war bereits halb acht, als sie in Begleitung eines nervösen Constable Sellick bei den Reculver Towers eintrafen. In einer guten Stunde würde die Sonne untergehen. Ein Glück, dass das trockene Frühlingswetter anhielt, dachte sie. Bis sie näher an die Absperrung trat. »Oh mein Gott«, murmelte sie erschrocken. »Woher stammen all diese Fußspuren?«
Sellick wollte antworten, kämpfte aber gegen einen plötzlichen Hustenanfall.
Ron schüttelte verächtlich den Kopf. »Wann haben Sie denn abgesperrt? Nachdem es alle gesehen hatten?«, fragte er giftig.
Sie versuchte zu beschwichtigen. »War wohl nicht einfach, die Meute zurückzuhalten«, meinte sie.
Hier am Ufer brauchten sie nicht nach Spuren Unbekannter zu suchen. Die Tritte der Dorfbewohner hatten alles gründlich zertrampelt. Sie sah, wie Ron zu einer weiteren Bemerkung ansetzte, und sagte schnell:
»Zeigen Sie uns bitte die Stelle, Constable.«
Auf einem Felsblock am Ende des Damms blieb sie stehen. Sie ließ den Blick langsam über die vermeintliche Fundstelle schweifen, prägte sich fast unbewusst Eigenart und Einzelheiten der Umgebung ein, bis sie das Gefühl hatte, die Gegend seit Langem zu kennen. Sie stellte sich den toten Körper im Wasser vor. Gestrandet, den Arm eingeklemmt in der Felsspalte. Die Steine wiesen keine sichtbaren Spuren eines Verbrechens auf. Sie mussten natürlich noch mit ihren Instrumenten nach Blutspuren suchen, aber sie glaubte nicht daran, welche zu finden. Die Beobachtung deckte sich mit den Aussagen der Zeugen. Der Körper schien unversehrt gewesen zu sein.
»Der Fundort ist wohl nicht der Tatort«, sagte sie zu Ron.
»Wenn es denn ein Fundort ist.«
Constable Sellick lief rot an. »Die Zeugen sind absolut zuverlässig. Hätten wir Sie sonst alarmiert?«, brummte er ärgerlich.
»Ron, holen Sie doch bitte das Luminol und die UV-Lampe und etwas zum Abdecken aus dem Wagen.« Der Mann musste beschäftigt werden. Zu Sellick bemerkte sie leise: »Nehmen Sie es nicht persönlich. So ist er immer.« Sie glaubte das selbst nicht, aber es half, die Wogen zu glätten.
Sie kehrte zu ihrem Gedankengang zurück. War der Mann selbst ins Wasser gesprungen und ertrunken? Suizid? Alles sprach dagegen. Man hatte nirgends Kleider gefunden. Und warum sollte sich jemand die Mühe machen, sich auszuziehen, bevor er sich umbringt? Hatte jemand den Toten hineingeworfen? Unwahrscheinlich. Erstens hätte der Täter die denkbar dümmste Zeit dafür ausgewählt, während das Wasser anstieg. Die Flut hätte den Toten gleich wieder an Land gespült. Jeder halbwegs vernünftige Verbrecher hätte den Leichnam bei abnehmender Tide entsorgt. Zweitens hätte ein Täter nicht ausgerechnet den populären Platz bei den Towers ausgesucht. Die letzte Variante schien ihr am wahrscheinlichsten. Die Meeresströmung hatte den toten Körper angeschwemmt. Das passte zu den Gezeiten und Zeugenaussagen.
Ron brachte die Lampe, eine Spezialanfertigung, die ohne Generator wie eine starke Taschenlampe funktionierte. Sie bat die beiden Männer, die Schutzfolie über ihr auszubreiten, um sie vom Licht der untergehenden Sonne abzuschirmen. Langsam bewegte sie den unsichtbaren Kegel des ultravioletten Lichts über die Steine. Hin und wieder leuchteten ein paar Punkte auf. Mikroorganismen, keine Blutspritzer. Nach einer Weile richtete sie sich auf. »Nichts, keine Blutspuren und keine Abschürfungen. Hier ist kein Gewaltverbrechen geschehen.«
»Sag ich doch«, grinste Ron.
»Bleibt die Frage: Wie ist der Tote wieder verschwunden?«
»Sie glauben immer noch an die Leiche, Sergeant?«
»Nichts zu finden heißt ja nicht, dass nichts da war, Detective«, gab sie gereizt zurück.
Ron übertrieb seine Skepsis, fand sie. Vielleicht die Schule des DCI? Es gab immerhin Zeugenaussagen. Die durften sie nicht einfach ignorieren. Hatten Wellen und Strömung die Leiche wieder auf die offene See getrieben? Auch das war unwahrscheinlich, wenn sie der Aussage der Knaben und der Lehrerin glauben wollte. Der eingeklemmte Arm sprach deutlich dagegen. Je länger sie darüber nachdachte, desto klarer sah sie das Bild. Jemand hatte den Toten in der Zeit zwischen der Meldung des Fundes und dem Eintreffen der Polizei abtransportiert. Die Ebbe hatte einen schmalen Streifen des sandigen Bodens um den Damm freigelegt. Fußspuren würde sie kaum finden, aber vielleicht …
Sie stutzte plötzlich und fragte Sellick: »Legen hier Boote an?«
»Boote? Meines Wissens können hier gar keine Boote anlegen.«
»Und doch war kürzlich eines da, sehen Sie?« Sie zeigte auf eine keilförmige Vertiefung im Sand. »Die Kanten sind zu regelmäßig und deutlich ausgeprägt. Sie sind nicht zufällig entstanden. Ich meine, dort lag ein kleines Boot.«
Ron kniff die Augen zusammen, starrte eine Weile auf die Stelle, dann gab er kleinlaut zu: »Sie könnten recht haben, Sergeant.«
»Chris«, schmunzelte sie.
»Das bedeutet, dass wir Küste und Häfen nach ungewöhnlichen Bootsbewegungen absuchen müssen«, murmelte Sellick nachdenklich. »Ein hoffnungsloses Unterfangen, wenn Sie mich fragen.«
Sie nickte. »Trotzdem notwendig, fürchte ich.«
»Und nicht nur die Küste Kents«, ergänzte Ron. »Ihre Kollegen gegenüber in Essex sind genauso betroffen.«
»Ist mir klar. Ich kümmere mich darum. Ich werde mich auf Sie berufen, falls es Schwierigkeiten gibt.«
Damit hatten die Detectives kein Problem. Als sie wieder in Rons Wagen saßen, zögerte er, den Motor zu starten.
»Ich verstehe ja, dass ein Täter seine Leiche verschwinden lassen will«, meinte er kopfschüttelnd. »Aber dass Opfer ausbüchsen und wieder eingesammelt werden, ist mir neu.«
»Ungewöhnlich«, gab sie zu.
Sie äußerte ihren Verdacht nicht laut. Spekulationen brachten sie nicht weiter. Ob es ihr passte oder nicht, sie konnten im Augenblick nichts mehr tun. Wohl ganz im Sinne des DCI.
»Ziemlich enttäuschend, mein erster Einsatz«, sagte sie mehr zu sich selbst als zu ihrem Kollegen.
Ron zog ein schiefes Gesicht. »Daran können Sie sich gar nicht schnell genug gewöhnen, Sergeant – Chris. Der DCI hat zwar eine phänomenale Aufklärungsquote, aber es gibt immer wieder Fälle wie diesen, wo wir in sehr dünner Luft ermitteln müssen. Vor allem im Küstenbereich wird es extrem schwierig. Wissen Sie, wie lang die Küstenlinie Großbritanniens ist?«
»Keine Ahnung.«
Er startete den Motor und fuhr los. »Etwa so lang wie der Durchmesser des Planeten, knapp 8‘000 Meilen.«
Sie schmunzelte. »Zum Glück sind die Küsten von Kent und Essex etwas kürzer.«
»Schon, bloß glaube ich nicht, dass uns das viel nützt. Ein kleines Boot ist schnell verschwunden, eine Leiche auch.«
»Sie haben also die Meinung geändert?«, fragte sie spöttisch.
Er blieb die Antwort schuldig, schweifte vom Thema ab. »Wenn Sie wollen, fahre ich Sie nach Hause. Wo wohnen Sie?«
»Hätten Sie wohl gern. Obwohl, wenn ich es mir überlege, könnte ich durchaus zwei handwerklich begabte Hände brauchen.«
Er grinste. »Meine Hände sind erprobte Universalwerkzeuge.«
»Was würde denn Ihre Freundin dazu sagen?«
Er kam nicht dazu, die heikle Frage zu beantworten. Im Lautsprecher des Funkgeräts knackte es, dann meldete sich die Einsatzleitung:
»Zentrale an Delta Bravo 42, bitte melden. Zentrale an …«
Die Nummer ihres Wagens. Sie nahm das Mikrofon. »Delta Bravo 42 an Zentrale. DS Hegel am Apparat, was gibt’s?«
»Ein Toter am Hampton Pier, westlich Herne Bay. Die Kent Police ist schon vor Ort.«
»Da sind wir gerade vorbeigefahren«, rief Ron und begann sofort zu wenden.
Diesmal durfte nichts schiefgehen. Vor ihrem geistigen Auge sah sie, wie das Volk die Spuren zerstörte. Sie sprach hastig ins Mikrofon: »Wir sind ganz in der Nähe, schon unterwegs. Sorgen Sie dafür, dass niemand die Fundstelle betritt. Die lokale Polizei soll nur den Fundort sichern, verstanden? Bieten Sie sofort ein Team der Spurensicherung auf. Und den Pathologen. Die sollen sich, verdammt noch mal, beeilen.«
Ron grinste übers ganze Gesicht, als sie das Mikrofon in den Halter steckte. »Alle Achtung, Sie reden schon wie der DCI«, meinte er.
Sie hörte nicht hin, hatte schon das Telefon am Ohr, wartete ungeduldig auf die Stimme ihres neuen Chefs.
»DCI Rutherford.«
»Sir, DS Hegel hier. Detective Cornwallis und ich sind unterwegs zum Hampton Pier. Man hat dort einen zweiten Toten gefunden, oder vielleicht den gleichen. Wir sind eben von der Zentrale informiert worden. Die Kent Police ist vor Ort.«
Sie hörte ihn etwas Unverständliches brummen, dann antwortete er ruhig: »Sorgen Sie dafür, dass der nicht auch wieder davonschwimmt.«
»Selbstverständlich, Sir. Spurensicherung und Pathologe sind aufgeboten.«
»Davon gehe ich aus«, meinte er trocken. »Halten Sie mich auf dem Laufenden.«
Damit war das Gespräch beendet.
Wieder grinste Ron. »Der Pathologe wird wahrscheinlich eine Pathologin sein.«
»Wenn schon. Was ist daran so lustig?«
»Sie werden schon sehen. Aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt, Sergeant – sorry, Chris.«
Ihr Bekannter, Constable Sellick, unterhielt sich am Pier mit einem grauhaarigen Mann. Die zwei Rhomben auf seiner Uniform deuteten darauf hin, dass es sich um seinen vorgesetzten Inspector handelte. Wie sie sofort bemerkte, als sie sich näherten, hatte es Sellick mit zwei Kollegen diesmal geschafft, die Stelle sofort abzusperren, wo der Tote angespült worden war. Nicht einfach an diesem Ort, unmittelbar neben dem Parkplatz an der Esplanade.
»Könnte ein langer Tag werden«, meinte Sellick, als sie sich begrüßten. »Darf ich vorstellen: Inspector Fry vom Siebten in Canterbury.«
Sie gaben sich die Hand.
»Dachte auch nicht, dass wir uns so schnell wieder begegnen«, lachte Chris. »Wie ich sehe, hat man Sie diesmal früh genug alarmiert.«
Inspector Fry schaltete sich ein: »Wenigstens suchen wir kein Phantom mehr. Was ist mit der Spurensicherung?«
»Technik und Pathologie sind unterwegs. Sie werden allerdings nicht vor halb zehn hier sein«, antwortete Ron.
Der Inspector runzelte die Stirn. »Wie ich befürchtet habe«, knurrte er. »Na ja, der Tote wird sich nicht wieder aus dem Staub machen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Stelle.«
Sie hatten kaum zwei Schritte gemacht, als sie laute Rufe von der Absperrung her stoppten.
»Inspector, handelt es sich um den Toten von den Towers?«
»Hat man die Leiche identifiziert?«
»Ist der Mann ermordet worden?«
»Wie ist er gestorben?«
»Zwei Gewaltverbrechen binnen wenigen Stunden! Wie gedenkt die Polizei, die beunruhigte Bevölkerung zu schützen?«
»Hat die Polizei die Lage noch im Griff?«
Inspector Fry lief rot an, als er die Journalistenmeute erblickte. »Wer zum Teufel …« Man hörte förmlich seine Zähne knirschen. »Informieren Sie die Detectives, Sellick. Ich muss mich um die Bluthunde kümmern.«
Er stapfte wütend auf den Mob zu, während Sellick sie zur Leiche führte. »Wir wurden um 19:52 Uhr alarmiert«, erklärte er. »Die Wirtin vom ›Hampton Inn‹ hat uns angerufen. Zwei Zeugen haben gesehen, wie der Körper von der steigenden Flut angeschwemmt wurde. Wir sind um 20:17 Uhr eingetroffen, haben sofort alles abgesperrt.«
»Wo sind die Zeugen?«, wollte Ron wissen.
»Sie warten im Pub. Es ist das Ehepaar Myers. Sie haben die Szene beim Strandspaziergang beobachtet. Die Aussagen sind bereits protokolliert.«
Chris beugte sich zum Toten hinunter, betrachtete ihn eingehend, ohne ihn zu berühren. Es war ein hagerer junger Mann, dunkelhäutig, mit langem, schwarz glänzendem Haar. Inder oder Pakistaner, wie die Phantomleiche. Aber dieser Tote trug zerfetzte Kleider, die einmal königsblau gewesen waren. Hose und Jacke wie ein Spitalpfleger und nichts darunter, wie es schien. »Keine Wunden, soweit ich sehen kann. Erinnert sehr an Ihren ersten Fall von heute Mittag, was meinen Sie, Constable Sellick?«
»Ich meine, er hat sich wohl nicht selbst wieder angezogen, aber nach der Beschreibung könnte es sein Bruder sein. Für mich sehen diese Leute sowieso alle gleich aus.«
Sie richtete sich auf. »Warten wir ab, was die Pathologie dazu sagt.«
Inspector Fry trat wieder hinzu. »Brauchen Sie die Zeugen noch? Ich meine, wir können sie nach Hause schicken.«
»Ich möchte mich nur kurz mit ihnen unterhalten, wenn das O. K. ist.«
Der Inspector zuckte die Achseln.
Eine Welle züngelte bis zu ihren Füssen. Die steigende Flut drohte, den Leichnam wieder fortzuspülen. Ron gab Sellick einen Wink, und gemeinsam zogen sie den Toten näher ans Ufer, ohne seine Stellung zu verändern. Der Constable hielt Wache an der Fundstelle, während sie dem Inspector zum Pub folgten.
Plötzlich blieb Ron stehen und sagte hastig: »Die Anwohner der Küste in der Umgebung müssen noch befragt werden.«
»Stellen Sie sich vor«, schnaubte der Inspector, »daran haben wir auch schon gedacht. Unsere Leute sind seit einer Stunde am Klinken putzen. Die Wasserschutzpolizei ist auch längst informiert.«
»Entschuldigung«, murmelte Ron kleinlaut und trottete weiter.
Die Befragung des Ehepaars Myers ergab nichts, was sie nicht schon wusste. Das hatte sie auch nicht erwartet. Ihr ging es nur darum, die Zeugen einschätzen zu können. Die beiden älteren Leute waren regelrecht erschüttert von ihrer Entdeckung. Sie spielten unmöglich Theater, schloss Chris nach kurzer Zeit. Sie durften mit Bestimmtheit davon ausgehen, dass der Tote tatsächlich durch die Strömung an dieser Stelle gestrandet war.
»Endlich«, rief Ron ärgerlich, als eine Stunde später die ersten Blaulichter vor den Fenstern des ›Hampton Inn‹ auftauchten. Der Wagen des Einsatzleiters parkte vor dem Haus, dahinter der Minibus der Kriminaltechnik. Zuletzt fuhr der Rettungswagen vor. Noch bevor er anhielt, öffnete sich die Tür auf der Beifahrerseite. Eine gertenschlanke Frau im blauen Overall sprang elegant aus dem Wagen. Ihr rotes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie musste mindestens vierzig sein, benahm sich wie dreißig.
»Hoppla, jetzt wird’s spannend«, grinste Ron.
Die berüchtigte Pathologin. In diesem Fall sicher die wichtigste Person am Fundort. Das gleißende Licht der Scheinwerfer flammte auf, blendete Chris für einen Augenblick. Dann folgte sie Ron, der langsam auf die Frau zuging, während der Inspector den Einsatzleiter informierte.
»Guten Abend Dr. Barclay«, grüsste Ron überaus freundlich.
Die Rothaarige ignorierte seine ausgestreckte Hand, schob ihn einfach beiseite, bevor er weitersprechen konnte. Sie hatte nur Augen für Chris. »Großer Gott, wen haben wir denn da?«, strahlte sie und trat so nahe an Chris heran, dass sie einen Schritt zurückwich. »Wollen Sie mir das süße Kind nicht vorstellen, Detective?«
Chris konnte nicht glauben, was sie hörte. Die Pathologin litt offensichtlich nicht unter Minderwertigkeitskomplexen. Behandelte sie jeden Neuen wie einen Schüler am ersten Schultag? Oder war es ihre Art, mit ihr zu flirten? Die Antwort interessierte sie nicht wirklich. Es war spät. Sie hatte genug für heute.
»DS Hegel, freut mich«, sagte sie kühl, streckte ihr dennoch artig die Hand entgegen.
»Sieh an, sie kann reden«, freute sich die seltsame Pathologin.
Sie hielt die Hand des neuen Sergeant ein wenig zu lang fest. Ihr Blick klebte an Chris’ Lippen, als wollte sie die Lebensenergie des ›süßen Kindes‹ restlos aufsaugen. Dabei strotzte sie selbst vor Energie. Auf Chris wirkte sie wie eine gespannte Feder. Mit Unbehagen stellte sie fest, dass die Männer in der Nähe die Szene beobachteten. Dr. Barclay mochte nicht ganz bei Trost sein, aber sie schlug jeden sofort in ihren Bann. Chris versuchte es mit Ironie:
»Wenn Sie die Leiche untersuchen wollen, müssen Sie mich jetzt loslassen, Doctor.«
»Ungern«, schmunzelte die Pathologin. Bevor sie den festen Griff löste, fügte sie mit rauchiger Stimme hinzu: »Morgen will ich alles über Sie wissen, Detective Sergeant Hegel.«
Sie nahm ihren Koffer aus dem Auto und ging zum Strand. Chris folgte ihr sichtlich verstört, was Ron mit zufriedenem Grinsen quittierte.
»Ich habe Sie gewarnt«, murmelte er so leise, dass es die Pathologin nicht hören sollte.
Sie blieb augenblicklich stehen, drehte sich um und bedachte Ron mit einem eisigen Blick. »Ich mag es übrigens gar nicht, wenn man hinter meinem Rücken tuschelt.« Dann wandte sie sich an Chris. Ein spöttisches Lächeln umspielte ihren Mund, als sie mahnte: »Vergessen Sie einfach, was er gesagt hat, meine Süße. Der Mann versteht nichts von Frauen.«
»Sie umso mehr«, flüsterte ihr Ron grinsend ins Ohr.
Sellick stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, als die Pathologin sich endlich über den Leichnam beugte. Er entfernte sich rasch in Richtung Pub. Dr. Barclay betrachtete den Toten eingehend, tastete ihn ab, suchte nach verborgenen Verletzungen, maß Körper- und Wassertemperatur.
Schließlich richtete sie sich auf. »Kann mir mal jemand helfen? Wir müssen ihn auf den Rücken drehen.«
Zum ersten Mal sah Chris das Gesicht des Toten. Kein schöner Anblick, die blauen, fast weißen Lippen und die eingefallenen, schwarzen Augen, die einen anklagend anstarrten. »Können Sie den Todeszeitpunkt eingrenzen?«, fragte sie.
»Schwierig zu sagen, wenn man nicht weiß, wie lange der Körper im Wasser gelegen hat. Die Totenstarre ist vom Sartorius abwärts noch nicht voll ausgeprägt. Die niedrige Wassertemperatur verzögert den Prozess. Ich schätze, der Mann ist vor vierzehn bis zwanzig Stunden gestorben.«
»Ertrunken?«
»Vielleicht. Jedenfalls nicht erschossen. Ich sehe keine Zeichen von Gewaltanwendung. Die Hämatome sind Schürfungen, die er sich vor dem Tod zugezogen hat. Sieht nicht nach Todeskampf aus.«
»Ein Unfall?«
»Vielleicht«, wiederholte die Pathologin lächelnd. »Genaues kann ich natürlich erst nach der Obduktion sagen.« Ihr Lächeln wurde noch strahlender. »Ich freue mich schon auf unser Rendezvous in der Gerichtsmedizin.«
Sie erhob sich, packte ihren Koffer und gab den Helfern das Zeichen, den Toten abzutransportieren.
Kapitel 2
South Kensington, London
Gegen ein Uhr morgens betrat Chris den Laden des Pakistaners an der Sloane Avenue gegenüber ihrem Wohnblock. Der Tante-Emma-Laden war nicht viel mehr als ein prall gefüllter Schlauch. Ein Füllhorn mit allerlei Nützlichem und noch mehr Ramsch. Vierundzwanzig Stunden am Tag offen, sieben Tage die Woche. Das Family Business des Rashid Barija. Das greise Familienoberhaupt stand an manchen Abenden selbst im Laden, außer freitags. Er brauche wenig Schlaf, hatte er ihr schon beim ersten Besuch anvertraut. Er liebte lange Gespräche, kannte sich aus in der Lokalpolitik und hatte eine klare Meinung zur Regulierungswut des Mayors. Auch das hatte sie schnell festgestellt, nachdem sie vor zwei Wochen im Haus gegenüber eingezogen war. Einen besseren Einstieg ins pralle Londoner Leben hätte sie sich nicht wünschen können.
»Ist Rashid nicht da? «, fragte sie den jüngeren seiner Söhne an der Kasse, der praktischerweise auch Rashid hieß.
»Nein, Miss Chris. Vater hat sich erkältet.«
»Das ist doch kein Grund für ihn, nicht im Laden zu stehen.«
Rashid lachte. »Ja, Sie haben recht, aber Mutter hat es ihm verboten.«
»Kluge Frau.«
Im Grunde kam ihr die Abwesenheit des kommunikativen Alten nicht ungelegen. Der erste Arbeitstag im Yard hatte sie ziemlich geschafft. Sie war zu kaputt für lange Diskussionen. Beide Hände voll mit Essigchips und vier Flaschen Mineralwasser und Cola, alles Größe XXL, verließ sie den Laden. Sie hatte Glück. Eine Nachbarin, die in der Etage unter ihr wohnte, traf gleichzeitig ein und schloss die Haustür auf. Unter dem leichten Mantel trug sie elegante Abendkleidung.
»Auch Spätschicht?«, scherzte Chris.
Die Frau war etwa gleich alt wie sie, hatte ungefähr die gleiche Statur. Neckische Ponyfransen kitzelten ihre Stirn, und sie schaute sie mit braunen, fast schwarzen Rehaugen erschrocken an. »Nein – ich war in der Oper. Orfeo«, stammelte sie.
»Oh, Barock, Monteverdi.«
Die Frau lächelte erleichtert. »Kennen Sie die Oper?«
»Nur Ausschnitte. Ich habe sie nie gesehen. Barockopern sind nicht so mein Ding.«
»Meins auch nicht, ehrlich gesagt«, lachte die Nachbarin. »Ich habe nur meiner Freundin einen Gefallen getan. Eigentlich mag ich die modernen Musicals.«
»Ich liebe so ziemlich jede Musik seit Mozart.«
Die Frau hielt ihr die Lifttür auf. Es gab doch Menschen im Haus, mit denen man reden konnte, dachte Chris. Während der ersten zwei Wochen war sie hin und wieder einem Mitbewohner begegnet, hatte jedoch kein Wort gewechselt. Es war beim freundlichen Kopfnicken geblieben, wie sie es nicht anders erwartet hatte in der Großstadt. Sie benutzte die Gelegenheit, streckte der Nachbarin ihre Rechte entgegen, so gut es ging, ohne die Flaschen fallen zu lassen, und stellte sich vor:
»Ich bin übrigens Chris.«
Die Frau schlug zaghaft ein. »Kate. Freut mich – dass wir uns kennenlernen.«
»Mich auch, Kate. Ich fürchtete schon, die Leute im Haus hätten die Sprache verloren.«
»Sind alle sehr beschäftigt, wie Sie.«
»Da haben Sie wohl recht.«
Sie verließ den Aufzug mit ihrer neuen Bekanntschaft, verabschiedete sich und stieg die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung. Jeder Schritt schmerzte. Sie hätte im Stehen einschlafen können. Ihre Hand tastete nach dem Schlüssel. Eine der Plastikflaschen begann zu rutschen. Sie fiel zu Boden und rollte polternd die Treppe hinunter. Mit einem leisen Fluch ging sie in die Knie, schaffte es gerade noch, ihre Einkäufe abzusetzen, bevor sich weitere Flaschen selbständig machten.
»Alles in Ordnung?«, fragte Kate besorgt mit der Flasche in der Hand.
»Ja, Entschuldigung – danke. Ich glaube, ich bin nicht mehr ganz zurechnungsfähig.« Sie erhob sich ächzend und schloss auf.
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Nein, vielen Dank, ich bin schon O. K., nur zum Umfallen müde.«
Es war ihr äußerst peinlich, dass Kate die Unordnung in ihrer Wohnung sah. Im Korridor stapelten sich immer noch die Umzugskartons. Die drei Zimmer waren bestenfalls notdürftig eingerichtet. Was eigentlich ein schönes Apartment hätte sein können, glich einer Besenkammer. Das fiel ihr erst jetzt auf, nachdem fremde Augen das Chaos gesehen hatten. Für die paar Stunden, die sie sich, meist schlafend, hier aufhielt, genügten ein Bett, ein Schrank, ein kleiner Küchentisch und ein Stuhl. Zwei Stühle, falls doch einmal jemand zu Besuch käme. Die paar Bücher, die sie nicht elektronisch besaß, lagerten noch in einer Kiste, zusammen mit der Musikanlage und dem originalverpackten ›IKEA‹-Regal. Nur das Wichtigste hatte sie ausgepackt. Die Zahnbürste, ein paar Klamotten, ihre Schuhe und das Saxophon, ihren treusten Begleiter, dem sie täglich eine Stunde widmete, um abzuschalten oder sich aufzurichten. Charlie ›Bird‹ Parkers ›My Melancholy Baby‹ war eine kostenlose Droge, wirksamer als jedes Valium oder Aspirin. Am Ende des ersten Arbeitstages wollte sie allerdings nur noch eines: Die Augen schließen in der Hoffnung, nicht von Wasserleichen und Pathologinnen zu träumen.
Scotland Yard, London
Vielleicht hätte sie doch besser einen der Kollegen gefragt, statt sich auf den Plan im Intranet zu verlassen. Chris stand ratlos, mit dem halbleeren Pappbecher in der Hand, im Gebäudeflügel, der die Labors der Kriminaltechnik beherbergen sollte. Es roch nach frischer Farbe. Die meisten Türen im langen Korridor waren nicht angeschrieben. Dort, wo das forensische Labor sein sollte, fand sie ein leeres Großraumbüro und endlich einen Menschen, den sie fragen konnte. Der Maler bemerkte sie nicht. Er stand auf seiner Leiter, summte leise vor sich hin und strich die Decke im Rhythmus der Musik aus seinem iPod. Sie blieb in sicherer Entfernung stehen, winkte und rief, bis er den Farbroller absetzte und einen Stöpsel aus dem Ohr zog. Er starrte sie mit offenem Mund an.
»Das hier ist wohl nicht die Kriminaltechnik?«, fragte sie ironisch.
»Keine Ahnung, Miss.«
Er stopfte den Knopf ins Ohr und widmete sich wieder der Decke. Humor ist auch in England Glückssache, dachte sie kopfschüttelnd. Sie trank die kalte Brühe aus, zerknüllte den Becher und warf ihn zum andern Müll neben der Leiter. Mit dem Telefon am Ohr kehrte sie dem passionierten Maler den Rücken.
Ron lachte laut auf, als er hörte, wohin sie sich verirrt hatte. »Wie, um alles in der Welt, sind Sie denn auf die Idee gekommen?«
»Sie werden’s nicht glauben. Ich habe im Netz nachgesehen.«
»Verstehe. Ich weiß nicht, wie gut das Intranet beim BKA ist, aber hier nimmt man es nicht mehr so genau mit der Aktualität seit der letzten Sparrunde. Manchmal hat man Glück …«
»Beschreiben Sie mir einfach den Weg, Ron«, unterbrach sie ungeduldig. Sie war schon zehn Minuten zu spät und kam sich reichlich albern vor.
»Sicher, Entschuldigung, Sergeant. Die Technik ist vor zwei Wochen ins Erdgeschoss umgezogen, 10 Broadway.«
»Heißen Dank.«
Die hellen, großzügigen Räume und die moderne Einrichtung der Labors flößten ihr wieder etwas Vertrauen ein. Niemand wunderte oder beklagte sich, dass sie eine Viertelstunde zu spät zur vereinbarten Besprechung kam. Im Gegenteil, ihr schien, die Leute wären überrascht, dass sie überhaupt auftauchte.
»Sie müssen Dr. Hegel sein«, begrüßte sie ein älterer Gentleman im offenen, weißen Labormantel freundlich.
Sie nickte und gab ihm die Hand. »Dr. Powers, nehme ich an?«
»So ist es. Freut mich, Adams neue Stütze in unserer Küche willkommen zu heißen. Ich hoffe, der DCI hat Ihnen die Lust an der Arbeit noch nicht ganz genommen.«
»So leicht, wie er sich das vielleicht vorgestellt hat, wird er mich nicht wieder los«, lachte sie.
»Nehmen Sie nur nicht alles ernst, was er sagt. Meist bereut er es, sobald es raus ist. Dann läuft er mit einer Miene durch die Gegend, als säße er auf seinem Echinocactus, und das ist wirklich sehenswert.«
Die Atmosphäre in diesem Labor gefiel ihr immer besser. Hier unter Chemikern, Physikern und Hochleistungsmessgeräten fühlte sie sich ohnehin zu Hause. Powers bat sie an einen der Schreibtische, wo Beutel mit Proben, Akten, Fotos vom Fundort der Leiche und Großaufnahmen von Details der Kleidung auslagen. Er nahm eine der Akten und gab sie ihr.
»Das sind unsere vorläufigen Erkenntnisse. Wir müssen davon ausgehen, dass der Tote mindestens zwölf Stunden im Wasser lag. Das macht es uns nicht gerade leichter, wie Sie wissen.«
Sie überflog die wenigen Seiten schnell, während er die weiteren Ergebnisse zusammenfasste. Plötzlich stutzte sie. »Sie haben ein Haar an der Jacke gefunden«, staunte sie. »Wieso wurde das nicht weggespült?«
»Es befand sich im Innern der Seitentasche.«
»Stammt es vom Toten?«
»Mit Sicherheit nicht. Und der DNA-Abgleich mit der Datenbank war negativ, falls das Ihre nächste Frage ist.«
»Ein fremdes Haar«, murmelte sie nachdenklich. »Könnte wichtig werden.«
»Falls sich diese Person meldet«, spottete Powers.
»Was ist mit dem Blut auf der Kleidung?«
»Sein eigenes. Es gibt keine fremden Blutspuren.«
»Also doch ein Unfall?«
Er zuckte die Achseln. »Spekulationen überlasse ich Ihnen. Ich stelle nur die Tatsachen zusammen.«
»Schon klar«, grinste sie. Mit dem gleichen Satz hatte sie während ihrer Arbeit im Labor des BKA den Kommissaren geantwortet. Sie fragte weiter: »Gibt es irgendwelche Hinweise auf die Herkunft der Kleider?«
»Ja und nein. Es handelt sich um Massenware, Standardausrüstung für Pflegepersonal. Finden Sie in jedem Spital und an tausend anderen Orten. Nach dem Zustand der Fasern zu urteilen, dürfte das Material höchstens zwei Jahre alt sein. Wir kennen die Lieferanten. Dauert eine Weile, alle Lieferungen zu überprüfen.«
»Vielleicht wurden die Sachen gestohlen.«
»Auch daran haben wir gedacht. Ein Schuss ins Leere, wie sich rasch zeigte. Sie glauben nicht, was alles in den Kliniken gestohlen wird.«
Sie deutete auf einen der Beutel, in dem ein schmutziger Stofffetzen steckte. »Was wissen wir über diese Schmutzspuren?«
»Rost und mikroskopische Farbreste, die wir bisher leider nicht zuordnen konnten.«
Sie blickte ihn erstaunt an. Die Analyse solcher Spuren war forensische Routine, dauerte normalerweise keine zwei Stunden. »Wann glauben Sie …«, begann sie vorsichtig, doch er winkte ab.
»Ich weiß, was Sie denken, und ich muss Ihnen leider zustimmen.« Er ließ den Blick betrübt über sein Labor schweifen, während er murmelte: »Wir sind eben erst umgezogen.«
Sie konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. »Ich weiß.«
»Was Sie aber nicht wissen: Einige Apparate sind noch nicht einsatzfähig, zum Beispiel unser MS.«
»Sie haben kein Massenspektrometer?«, rief sie bestürzt.
»Sieht so aus«, gab er kleinlaut zu.
Sie schüttelte verwirrt den Kopf. Ein modernes forensisches Labor ohne MS mutete an wie ein Büro ohne elektrisches Licht. Der gute Dr. Powers und seine Leute waren sozusagen auf einem Auge blind, solang diese Geräte nicht funktionierten. »In diesem Fall kann ich wohl annehmen, dass es auch kein Gaschromatogramm gibt«, meinte sie mitfühlend.
»Sie vermuten völlig korrekt: Die ganze GC/MS Kette ist außer Betrieb. Und das Beste ist, ich weiß noch nicht einmal, wann wir wieder voll einsatzfähig sind.«
»Na prost!«
Sie schaute ihn eine Weile unschlüssig an. Dieser Zustand bedeutete schlicht, dass die Spuren nicht professionell analysiert werden konnten. Nicht eben beruhigend, wenn sie daran dachte, dass es sich bereits um Leiche Nummer zwei handelte.
»Was machen wir jetzt?«
»Ich habe vor vier oder fünf Tagen den Antrag gestellt, externe Labors zu benutzen, während wir hier nicht arbeiten können. Die Antwort steht noch aus.«
»Warum überrascht mich das nicht?«
»Ich sehe, Sie verstehen unsere Situation. Für die Schreibtischtäter in der Administration bedeutet es kaum mehr als eine Kaffeemaschine, die nicht funktioniert. Vielleicht können Sie mehr Druck aufsetzen.«
»Ausgerechnet ich als blutiger Neuling?«
»Unterschätzen Sie sich nicht. Sie haben das Ohr des DCI, da bin ich mir ganz sicher. Er erkennt Kompetenz sofort, auch wenn er nichts vom Fach versteht.«
Sie schaute ihn misstrauisch an. Nahm er sie auf den Arm? Als sie seinen ernsten, gespannten Ausdruck sah, errötete sie leicht. »Ich kann’s versuchen«, meinte sie unsicher. »Aber das hilft mir in unserm Fall nicht weiter. Sie erwähnten externe Labors. Meinten Sie ein Bestimmtes?«
Er entspannte sich. »Aber sicher«, lächelte er. »Meine Tochter arbeitet als Assistentin im Chemielabor des Imperial College.«
»Zufälle gibt’s. Und ihr Massenspektrometer funktioniert?«
Er brach in schallendes Gelächter aus. »Davon können wir wohl ausgehen«, rief er, »ebenso wie alle andern Geräte, von denen wir hier nur träumen können.«
Beim Blick auf die Uhr erschrak sie. Höchste Zeit, sich zu verabschieden. Der DCI und die rote Zora erwarteten sie in der Pathologie.
»Na, ausgeschlafen?«, brummte DCI Rutherford mürrisch, als sie den Obduktionssaal betrat.
Einer seiner Kaktussprüche, nahm sie an und ignorierte die Bemerkung. Stattdessen grüsste sie ihn und die Pathologin freundlich.
»Treten Sie näher, meine Süße«, lockte Dr. Barclay mit ihrer rauchigen Stimme.
Der Tote vom Hampton Pier lag unter einer Decke auf dem Chromstahltisch. Einen Augenblick lang bildete Chris sich ein, selbst unter dem Tuch zu liegen. Dr. Barclay war eine attraktive Frau. Ihre forschenden und zugleich sinnlichen Blicke schnitten wie scharfe Skalpelle in ihre Seele. Das beklemmende Gefühl, ihr ausgeliefert zu sein, löste sich erst, als der DCI sich ungeduldig räusperte:
»Können wir loslassen? Wir haben nicht ewig Zeit.«
Die Pathologin schlug das Tuch soweit zurück, dass sie Kopf und Brust des Toten sehen konnten. »Männliche Leiche, 25 bis 30 Jahre alt«, begann sie. »Höchstwahrscheinlich Pakistaner aus dem Nordosten des Landes, Kaschmir vielleicht. Schürfungen am rechten Ellenbogen, beiden Unterarmen und am linken Schienbein.« Sie ergriff die rechte Hand des Toten und hielt sie Chris unter die Nase. »Abgebrochener Fingernagel am rechten Pollex und Index. Die Schürfungen hat er sich kurz vor seinem Tod zugezogen. Sonst keine äußeren Wunden.«
»An den kaputten Fingernägeln ist er wohl nicht gestorben«, brummte Rutherford.
»Sind wir schlecht gelaunt, Chief Inspector?«
»Keine Ahnung, wie du dich fühlst. Ich weiß nur, dass ich so schnell wie möglich wieder hier raus will. Also, woran ist er gestorben?«
Dr. Barclay neigte ihren Kopf, dass sie fast Chris‘ Wange berührte, und flüsterte ihr ins Ohr: »Was sagen Sie dazu, der DCI hat Angst vor Toten.« Laut antwortete sie: »Der Mann ist auf See ertrunken, und zwar eindeutig im Bereich der Themsemündung. Es muss schnell gegangen sein. Er hat sich nicht lange über Wasser halten können.«
»War er geschwächt, krank?«, fragte Chris.
Die Pathologin schenkte ihr ein warmes Lächeln, als sie antwortete: »Kann man wohl sagen. Wäre er nicht ertrunken, hätte ihn die fortgeschrittene Pneumonie getötet.«
Der Befund erstaunte Chris. »Tod durch Lungenentzündung? Ungewöhnlich bei einem so jungen Menschen.«
»Sie haben völlig recht, meine Teure. Aber dies ist kein gewöhnlicher junger Mann. Sein Immunsystem war erheblich geschwächt.«
»Drogen, HIV?«
»Nein, Medikamente. Immunsuppressoren.«
»Todkrank ertrunken, mal was Neues«, meinte der DCI kopfschüttelnd. Anzeichen, dass er ins Wasser gestoßen wurde?«
Dr. Barclay schüttelte ihren roten Pferdeschwanz. »Keine Hämatome, die darauf hindeuten. Er hat zwar alte Druckstellen an beiden Hand- und Fußgelenken, als hätte man ihn eine Weile gefesselt oder irgendwo festgebunden, aber die haben nichts mit seinem Tod zu tun.«
Rutherford rümpfte die Nase. »Also doch ein Unfall.«
»Oder eine Panikreaktion?«, vermutete Chris. Die abgebrochenen Nägel und Schürfungen deuteten für sie eher auf eine Flucht. »Vielleicht wollte er sich in letzter Minute festhalten und ist dann ins Wasser gestürzt.«
»Das wiederum kann ich mir sehr gut vorstellen«, pflichtete die Pathologin bei.
Rutherford schnaubte verächtlich. »Großartig. Halten wir uns doch an die Tatsachen: Es gibt offenbar keine Anzeichen von Gewalteinwirkung. Der Junge ist einfach ertrunken, wie du versicherst, Doctor. Damit ist der Fall wohl fürs Morddezernat erledigt.«
Dr. Barclay warf ihm einen eisigen Blick zu und wetterte: »Ich bin noch lange nicht fertig, Chief Inspector. Oder interessieren wir uns heute nicht für die Innereien?«
»Nicht wirklich. Mach es kurz.«
Sie schlug die Decke noch weiter zurück, legte den Unterleib des Toten frei. »Hier habe ich etwas Interessantes festgestellt, sehen Sie?«
Chris bemerkte zwei lange Narben zu beiden Seiten auf Taillenhöhe. »Operationsnarben«, rief sie überrascht. »Die linke sieht noch ziemlich frisch aus.«
Die Pathologin strahlte. »Dein süßer Sergeant hat eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe«, verriet sie dem DCI. »Vielleicht wissen wir auch, was man hier operiert hat?«
»Soll das ein Scheiß Quiz werden?«, gab Rutherford unwirsch zurück.
Dr. Barclay wartete schmunzelnd auf Chris’ Antwort. Sie tat ihr den Gefallen und sprach aus, was sie sofort vermutet hatte: »Nierentransplantation?«
»Bingo!«, freute sich die Ärztin.
»Man hat beide Nieren ersetzt?«
»Das nicht, sehen Sie selbst.«
Die Pathologin fasste ohne Vorwarnung in den Bauchhöhlenschnitt, zog das Gewebe auseinander, sodass sie das Innere der rechten Seite sehen konnten. Der DCI wandte sich angewidert ab, während Chris sich keine Blöße geben wollte. Sie brauchte keine medizinische Ausbildung, um festzustellen, dass die Niere auf dieser Seite fehlte. Wo das Organ liegen sollte, klaffte eine Lücke. Die Gefäße waren sauber verschlossen, die Wunden vernarbt. Man hatte diese Niere chirurgisch entfernt.
»Der junge Mann hat seine rechte Niere gespendet«, bestätigte Dr. Barclay. »Freiwillig oder unfreiwillig, das müssen Sie entscheiden.«
Sie schloss die Bauchdecke wieder und holte eine Nierenschale vom Arbeitstisch. »Das ist die andere Niere«, erklärte sie. »Und dieses Organ hat es in sich«, bemerkte sie dazu, während sie den Deckel entfernte.
Rutherford schaute nicht hin, und Chris konnte nichts Ungewöhnliches feststellen. Kein Wunder, hatte sie doch noch keine Niere gesehen, abgesehen von geschnetzelter Kalbsniere an Sahnesauce. Auch das nur einmal.
»Fällt Ihnen nichts auf?« Sie beantwortete die rhetorische Frage gleich selbst: »Das ist keine menschliche Niere.«
Rutherford fuhr herum, als wäre eine Bombe detoniert. »Was?«, rief er verblüfft.
»Du hast schon richtig gehört, Chief Inspector. Das hier ist keine menschliche Niere.«
»Was zum Teufel ist es dann?«
»Ich vermute, sie gehörte einem Sus domestica, bevor man sie dem Mann eingepflanzt hat.«
»Rede Klartext, verdammt.«
»Es ist wahrscheinlich die Niere eines gemeinen Hausschweins. Die Untersuchung steht noch aus.«
Chris starrte den blaugrauen Klumpen in der Schale an wie ein Wesen aus einer andern Welt. Ihr wurde übel beim Gedanken daran, einst etwas ganz Ähnliches gegessen zu haben. »Xenotransplantation«, murmelte sie bestürzt. »Das ist doch …«
»Verboten, nehme ich an«, ergänzte der DCI.
Die Pathologin runzelte die Stirn und schüttelte ärgerlich den Kopf. »So klar ist das leider nicht, wie vieles in unserem Rechtssystem. 1997 wurde die ›UK Xenotransplantation Interim Regulatory Authority‹, kurz UKXIRA, gegründet. Dieses übergeordnete und unabhängige Gremium sollte alle Aspekte und Aktivitäten im Zusammenhang mit der Verpflanzung von tierischem Gewebe und tierischen Organen auf den Menschen untersuchen und koordinieren. Die UKXIRA hatte das letzte Wort bei Forschungsprojekten und Transplantationen. Das Gremium wurde allerdings im Dezember 2006 stillschweigend aufgelöst. Seither ist es praktisch den einzelnen Forschungseinrichtungen überlassen, an welche ethischen und medizinischen Richtlinien sie sich bezüglich Xenotransplantation halten wollen.«
»Mit andern Worten, jeder macht, was er will«, schnaubte Rutherford.
Chris wollte nicht glauben, was sie hörte. »Sie sprachen von Forschungseinrichtungen«, sagte sie unsicher. »Was bedeutet das aber für Spitäler und Kliniken? Führen die solche Transplantationen tatsächlich durch?«
»Mir ist bisher nur ein Fall bekannt«, lächelte die Ärztin mit einem Blick auf den Toten. »Und der war nicht sehr erfolgreich. Nein, die klinische Anwendung ist nicht erlaubt. Wer diese Schweineniere einem ursprünglich gesunden jungen Mann eingepflanzt hat, gehört hinter Gitter, wenn Sie mich fragen.«
Die Pathologin bedeckte den Toten wieder, warf die Gummihandschuhe in den Abfalleimer und packte Chris plötzlich am Arm. »Gilt unsere Verabredung noch?«, fragte sie lauernd.
Der unerwartete Angriff warf Chris völlig aus dem Gleichgewicht, schnürte ihr die Kehle zu. »Welche Verabredung?«, wollte sie fragen, doch sie sah die Ärztin nur entgeistert an.
»Sie wollten mir alles über sich erzählen«, flüsterte die Frau nahe an ihrem Ohr, bevor sie den Arm losließ.
Der DCI wandte sich zum Gehen. »Wenn das alles ist, wir haben zu tun. Kommen Sie Sergeant.«
Chris zwang sich, nicht aus dem Saal zu rennen. Draußen bedankte sie sich hastig bei ihrem Vorgesetzten. »Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist«, murmelte sie errötend. »Wir haben keine …«
Rutherford lachte. »Vergessen Sie’s. Die spinnt, wenn Sie meine bescheidene Meinung hören wollen. ›Mad‹ Barclay verdient ihren Spitznamen zu Recht. Hat Detective Cornwallis Sie nicht gewarnt?«
»Er hat etwas angedeutet. Mad also. Ich weiß nicht. Für mich sieht es eher aus wie der verzweifelte Versuch, der Einsamkeit der Leichenhalle zu entfliehen.«
Der DCI schüttelte den Kopf. »Pathologen haben grundsätzlich nicht alle Tassen im Schrank«, grinste er. »Ich wundere mich, dass es stets genügend von der Sorte gibt.«
Das verstand sie auch nicht. Pathologen wie Mad Barclay mussten ausgesprochene Materialisten sein. Für sie war ein toter Körper nichts weiter als eine schier unerschöpfliche Experimentiermasse. Aber vielleicht galt das auch für andere Mediziner und lebende Körper. Die Besprechung in Dr. Barclays Totenreich hatte jedenfalls eines deutlich gemacht: Sie konnten den Fall des Toten vom Hampton Pier nicht einfach als unaufgeklärten Unfall zu den Akten legen. Zurück im Büro besprach sie die Obduktionsergebnisse mit Ron. Sie hatte eine neue Aufgabe für ihren Partner.
»Wir müssen die Transplantationszentren befragen. Können Sie das machen?«
»Klar. Die Suche in der Vermissten-Datenbank hat bisher nichts ergeben, und bis die Resultate aus Canterbury vorliegen, wird es noch eine Weile dauern. Womit vertreiben Sie sich die Zeit, Sergeant, wenn ich fragen darf?«
»Ich helfe der Kriminaltechnik«, schmunzelte sie. Auf den Sergeant würde er nicht so schnell verzichten.
Der DCI saß in seinem Terrarium am Schreibtisch. Sie benutzte die Gelegenheit, klopfte an die Glastür und trat ein. Er schob den Bericht beiseite, an dem er gearbeitet hatte, und blickte sie fragend an.
»Sir, Detective Cornwallis wird die 25 Kliniken befragen, die Nierentransplantationen durchführen.«
»Wird zwar nichts bringen, aber es muss sein«, meinte er stirnrunzelnd.
»Das fürchte ich auch. Ich war übrigens heute Morgen bei der Kriminaltechnik. War – ziemlich enttäuschend.«
»Kein Vergleich mit dem BKA?«
»Das habe ich nicht gemeint, Sir.«
»Wollte ich Ihnen auch nicht raten«, grinste er. »Jonathan ist ein alter Freund von mir. Ich halte große Stücke auf ihn. Übrigens versteht er etwas von Kakteen.«
»Was natürlich nicht zu unterschätzen ist«, spottete sie. »Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich zweifle nicht im Geringsten an der Kompetenz von Dr. Powers oder an der Qualität der Arbeit in seinem Labor. Das Problem ist, dass er zurzeit ein scheinbar unlösbares Problem hat.«
Um Rutherfords Augen bildeten sich Lachfältchen. »Haben wir das nicht alle?«
»Im Ernst, Sir. Seit dem Umzug funktionieren wichtige Apparate nicht mehr oder noch nicht. Das Labor verfügt nicht einmal mehr über ein Massenspektro …«
»O. K., O. K.«, winkte er ab. »Was wollen Sie mir eigentlich sagen?«
»Wir müssen die Materialproben extern untersuchen lassen, wenn wir in unserm Fall weiterkommen wollen. In diesem Zustand kann uns Dr. Powers Labor nicht weiterhelfen.«
Rutherfords Reaktion überraschte sie völlig. »Warum sagt mir das der alte Bock nicht selbst?«, brauste er auf. »Scotland Yard ohne Kriminaltechnik. Das darf nicht wahr sein.« Er starrte eine Weile missmutig durch sie hindurch, dann begann er plötzlich zu schmunzeln. »Das scheint mir eine ideale Aufgabe für unsern Chief zu sein, meinen Sie nicht auch?«
Sie hütete sich, zu antworten, obwohl sie ihm zustimmen musste. Für eine funktionierende Infrastruktur und reibungslose Abläufe zu sorgen, war eine ebenso edle Aufgabe des Managements, wie Beförderungsanträge abzulehnen.
»Mager, in der Tat«, kommentierte er ihre Schilderung der Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung.
»Eben. Ich meine, wir sollten wenigstens versuchen, die Herkunft der Kleidung und der Rost- und Lackspuren genauer einzugrenzen. Mit den geeigneten Geräten hätten wir in kurzer Zeit Gewissheit, nichts zu übersehen.«
»Spart im Endeffekt Kosten«, nickte der DCI. »Auch das müsste der Chief einsehen.«
Er hatte seinen Entschluss gefasst, gab ihr das O. K. für die externe Untersuchung und griff zum Telefon.
Imperial College, London
Das physikalisch-chemische Labor am Imperial College, das Dr. Powers empfohlen hatte, wirkte auf den ersten Blick nicht sehr vertrauenerweckend. Der Raum war zu klein und vollgestopft mit Instrumenten, deren Zweck Chris nur erraten konnte. Aber Gaschromatograph und Massenspektrometer funktionierten, wie ihr Powers Tochter Janice erfolgreich demonstrierte.
»Wundert mich, dass Dad nicht dabei ist«, bemerkte Janice, während sie auf die Ergebnisse der ersten Probe warteten. »Sonst lässt er keine Gelegenheit aus, mich zu kontrollieren, wissen Sie.«
Genau um dieses Vorurteil zu entkräften, hatte Powers sie allein geschickt. Vielleicht sollten die beiden öfter miteinander reden. Während sie Janice insgeheim beobachtete, bereitete sie die zweite Probe vor, ein handtellergroßes Stück der Jacke des Toten. Janice hatte sofort begriffen, was sie mit der Analyse erreichen wollte. Sie arbeitete schnell und konzentriert, beherrschte ihren Stoff und die Hightech-Werkzeuge. Dr. Powers brauchte sich wirklich keine Sorgen um seine Tochter zu machen. Der Apparat begann, das Ergebnis der Analyse auszudrucken. Chris atmete auf, als sie die ersten ›Peaks‹ sah, deutliche Ausschläge des Detektors. Entgegen ihren Befürchtungen war die Kurve, die das Spektrogramm darstellte, alles andere als flach. Janice hatte nicht zuviel versprochen. Ihr Gerät der neusten Generation vermochte auch metallische und metallorganische Atome und Verbindungen zu entdecken. Das war wichtig für die Untersuchung der Rost- und Farbspuren.
»Ich kopiere das Ergebnis jetzt auf Ihren USB-Stick, ist das in Ordnung?«
Chris nickte. »Ja, bitte. Den Abgleich mit den Referenzdaten muss ich im Büro machen.«
Die Kurve des Spektrogramms war eine verwirrende Folge unterschiedlich hoher und breiter Spitzen, jede charakteristisch für die Häufigkeit eines chemischen Elements oder Moleküls. Der Computer im Yard würde diesen ›Fingerabdruck‹ mit dem Spektrogramm bekannter Substanzen vergleichen. So hoffte sie, mehr über die Art der Umgebung herauszufinden, wo sich der junge Mann vor seinem Tod aufgehalten hatte.
Die zweite Probe enthielt keine sichtbaren Verunreinigungen. Mit ihr suchte sie nach Hinweisen über die Atmosphäre, die Luft, in der das Opfer seine letzten Stunden verbrachte. Die Kleider nahmen Gerüche auf, die mit diesen empfindlichen Geräten auch nach Stunden im Seewasser nachzuweisen waren. Nach einer Stunde steckte sie die Ergebnisse beider Proben in die Aktentasche. Mehr war aus den Stofffetzen nicht herauszuholen, war sie überzeugt.
Janice schaute befremdet zu, wie sie zusammenpackte. »Was ist mit den andern Tests?«
Dr. Powers Liste! Die Checkliste mit seinen genauen Anweisungen lag unbenutzt auf Janices Schreibtisch. Chris hatte sie sofort nach ihrer Ankunft in diesem fantastischen Labor verdrängt. »Ach – richtig«, murmelte sie verlegen, »wir sollten Ihren Vater nicht enttäuschen.«
»Nein, sollten wir nicht«, lachte Janice.
»Wäre es möglich, mir die restlichen Resultate zu mailen? Ich möchte mich so schnell wie möglich um diese Auswertungen kümmern.«
»Kein Problem. Die Rechnung schicke ich dann Dad.«
Scotland Yard, London
Chris’ Augen schmerzten von der stundenlangen Arbeit am Bildschirm. Die Auswertung der Spektrogramme war schwieriger, als sie angenommen hatte, doch allmählich ergab sich ein zusammenhängendes Bild. Sie erhob sich, um die verkrampften Muskeln zu dehnen. Sofort stand Ron neben ihr.
»Kaffee?«
»Ein Schokoladeriegel wäre mir lieber, ehrlich gesagt.« Sie hatte den ganzen Tag nichts gegessen, brauchte dringend Zucker.
»Ihr Wunsch ist mir Befehl«, grinste Ron. Er ging zu seinem Schreibtisch, durchwühlte mehrere Schubladen und kehrte schließlich mit einer Auswahl von Süßigkeiten zurück. »Alles originalverpackt«, versicherte er triumphierend.
Sie betrachtete erst ihn, dann seine Riegel misstrauisch. Die Kandidaten hatten teilweise ihre Form verloren. Sie sahen alle nicht sehr vertrauenerweckend aus. Aber der Hunger siegte. Sie zog einen heraus. »Wusste nicht, dass die noch hergestellt werden«, wunderte sie sich, bevor sie ihn in den Mund schob.
»Werden sie auch nicht. Das Ding hat Seltenheitswert.«
Die Kollegen ringsum brachen in lautes Gelächter aus, was Ron die Zornesröte ins Gesicht trieb.
»Ehrlich, das war einer der Letzten weltweit«, verteidigte er sich.
Chris schluckte die antiken Kohlenhydrate in einem Kraftakt hinunter. »Ein Kaffee wäre jetzt doch nicht schlecht«, meinte sie dann. Sie zupfte den verstörten Detective am Ärmel, um ihn zum Automaten zu lotsen.
»Pass auf, sie ist scharf auf deine Sammlung«, war das Letzte, was sie verstand, bevor Ron die Tür hinter ihnen zuschlug.
»Idioten«, zischte er wütend.
Nur mit Mühe verbarg sie ihre Heiterkeit. Um die Klippe zu umschiffen, fragte sie ihn nach seinen Ermittlungsergebnissen.
»Enttäuschend«, antwortete er. »Die Kliniken weisen jeden Verdacht auf Xenotransplantation weit von sich. Ich habe trotzdem die Operationsprotokolle der letzten zwei Monate verlangt. Die schriftlichen Unterlagen werden morgen oder übermorgen eintreffen. Ich nehme allerdings nicht an, dass wir darin etwas Neues finden werden.«
Sie nickte. »Keine Überraschung. Das bestätigt nur unsere Vermutung: Die Transplantation wurde illegal, ohne offiziellen Nachweis, durchgeführt. Was wiederum ganz gut zu meinen Resultaten passt.«
Das Mahlwerk des Kaffeeautomaten verhinderte jede weitere Unterhaltung. Sie wartete, bis der Apparat die braune Brühe ausspuckte, dann fasste sie zusammen, was die Analyse der Kleiderproben aufgedeckt hatte:
»Ich habe Rückstände von Peroxiden gefunden. Das sind Sauerstoffverbindungen, die vor allem in aggressiven Reinigungsmitteln vorkommen, wie man sie in Kliniken verwendet. Typische Komponenten solcher Spitalreiniger sind PES, Peroxiessigsäure, und Wasserstoffperoxid, wie man es auch zum Bleichen verwendet. Zudem gibt es Spuren von Chlor, was auf Ammoniumchlorid oder Salmiak hindeutet, auch eine häufige Komponente in Spital-Reinigungsmitteln. Die Waschmittelrückstände sind nicht aussagekräftig. Übliche Waschmittel eben, wie man sie überall findet. Soweit deckt sich das Ergebnis mit den Spuren, die man von einer Klinik erwartet.«
»Aber?«, drängte Ron, als sie eine Kunstpause einlegte.
»Jetzt kommt die Überraschung. Die Umgebung, in der sich der Mann vor seinem Tod aufgehalten hat, weist geringste Spuren metallorganischer Farbe auf, wie man sie benutzt, um Eisen zu färben – oder zu tarnen.«
»Ein Container?«, rief Ron verblüfft.
Sie schmunzelte. »Dachte ich zuerst auch, bis ich noch etwas herausfand.«
»Jesus, Sergeant. Machen Sie’s nicht so spannend. Ich fange gleich wieder zu rauchen an.«
»Das würde ich mir nie verzeihen«, lachte sie. »Dieser Typ Farben wird seit 1945 nicht mehr benutzt.«
»Ein alter Container.«
Sie schüttelte den Kopf. »Unmöglich. Die ersten Container tauchten in der US-Armee 1948 auf.«
»Ein Schiff? Die Navy?«
»Könnte sein. Ich habe auch deutliche Spuren von Dieselkraftstoff entdeckt. Allerdings …«
Ron zerknüllte den Becher in schierer Verzweiflung, als sie innehielt. »Mensch!«
»Zuviel ›GtL‹«, grinste sie. »Anteile, die aus Synthesegas hergestellt werden. Dieses Gemisch verbrennt sauberer, wird aber kaum auf Schiffen verwendet.«
Er schnaubte verächtlich. »Großartig. Die Wissenschaft gibt uns mehr verfluchte Rätsel auf, als sie löst.«
»Ein wahres Wort, Ron. Immerhin wissen wir jetzt, dass sich das Opfer vor seinem Tod mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in einer normalen Klinik aufgehalten hat. Wir suchen nach einem alten Gebäude, dessen Wände vermutlich aus Stahl bestehen oder mit Stahlplatten verstärkt sind. Mindestens Teile davon müssen mit grauer Tarnfarbe bestrichen sein, wie man sie von alten Kriegsschiffen kennt. Und das Gebäude ist nicht am Stromnetz angeschlossen.«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Der Dieselkraftstoff. Ich nehme an, die Spuren stammen von einem Generator.«
Ihre Geschichte gefiel dem DCI gar nicht, als sie eine Stunde später den Bericht ablieferte. Die Andeutung, es könnte sich um eine Einrichtung der Navy handeln, bedeutete Ärger. Gewaltigen Ärger.
»Und Powers stützt diese Hypothese?«, wollte er wissen. »Ich habe seinen Bericht noch nicht gesehen.«
Sie nickte. »Er bestätigt die Ergebnisse der Untersuchung, obwohl er die Navy nicht explizit erwähnt.«
»Wenn die etwas beherrschen, ist es dichtzuhalten«, schnaubte er. »Die Militärköpfe werden uns gar keine Informationen liefern. Sie werden ihre eigene Untersuchung durchführen, ohne Ergebnis. Das ist so sicher, wie ich hier sitze und mich blau ärgere.«
Er meinte es keineswegs ironisch, sprach offenbar aus Erfahrung.
»Noch wissen wir nicht, ob die Navy betroffen ist«, betonte sie. »Wir haben nur Hinweise auf die Art des Gebäudes, das wir suchen.«
»Und genau das werden wir tun«, nickte er. »Geben Sie eine neutrale, aber möglichst detaillierte Suchmeldung an die Dienststellen rund um die Themsemündung in Kent und Essex heraus. Keine Aktion, nur Meldung, verstanden?«
Vielleicht handelte es sich doch um eine Abrechnung unter den Clans. Chris zweifelte daran, aber sie konnten bisher keine Möglichkeit ausschließen. Es gab zwar keinen Beweis, dass der junge Pakistani ins Wasser gestoßen worden war, aber gegen die Hypothese eines simplen Unfalls sprach die erste, verschwundene Leiche. Die beiden Fälle hingen mit großer Wahrscheinlichkeit zusammen, aber auch das war nicht sicher. Was allerdings eine Schweineniere mit einer Familienfehde zu tun haben sollte, verstand sie am allerwenigsten.
Sie hatte Rutherfords Glashaus schon verlassen, als er sie zurückrief. Er hielt ihr eine Akte hin. »Der Obduktionsbefund«, murmelte er und widmete sich wieder seiner Arbeit.
Erleichtert nahm sie die Klemmmappe entgegen. Sie hatte schon befürchtet, Mad Barclay würde ihr den Bericht persönlich überbringen. Den ersten Teil des Dokuments überflog sie schnell. Die Beschreibung des Leichnams und der Organe enthielt nichts, was sie nicht schon wusste. Der letzte Teil über die toxikologische Untersuchung interessierte sie mehr. Im Blut des Toten wurden keine Drogen gefunden, wohl aber Rückstände eines Medikaments, dessen Name ihr nichts sagte. Die Pathologin beschränkte sich darauf, diese nüchterne Tatsache festzuhalten, ohne zu erklären, was sie bedeutete.
»Mist«, seufzte sie schwer.
Ron, den Telefonhörer am Ohr, schaute verwundert über den Bildschirmrand. Er bot ihr einen der grasgrünen Äpfel an, die plötzlich wie durch ein Wunder auf seinem Schreibtisch lagen, während er am Telefon die immer gleichen Fragen stellte. Sie betrachtete das Obst misstrauisch, rieb, bis es glänzte, dann biss sie vorsichtig hinein. Die Säure fühlte sich angenehm frisch an. Sie ließ sich Zeit beim Kauen. Zeit, die sie brauchte, um sich auf das unvermeidliche Gespräch mit der gefährlichen Pathologin vorzubereiten.
»DS Hegel!«, freute sich Dr. Barclay mit einer Stimme, als hätte sie eine 0909 Nummer gewählt. »Ich wusste, Sie würden anrufen. Im Augenblick habe ich allerdings sehr wenig Zeit für Sie …«
Chris dankte dem Himmel. »Kein Problem, Doctor«, unterbrach sie schnell. »Ich habe nur eine ganz kurze Frage zu Ihrem Obduktionsbericht.«
Ein langgezogenes »Jaaa?« war die Antwort.
»Der Tote hat das Medikament Thymoglobulin im Blut, und Sie erwähnen explizit, dass kein Tacrolimus nachzuweisen ist. Was bedeutet das?«
»Eine kurze Frage, sagten Sie. Meine Liebe, die Antwort könnte dauern. Wollen Sie nicht lieber …«
»Ein knapper Hinweis würde mir genügen.« Mit der Elektronik der Telefonverbindung zwischen ihnen war es leichter, Abstand zu wahren, fand Chris.
»Wie Sie meinen.« Sie hörte Dr. Barclay die Enttäuschung an. »Also, kurz gesagt geht es um Folgendes: Die Schweineniere wurde dem jungen Mann höchstens zwei Wochen vor dem Tod eingepflanzt. In dieser Phase von Leber- und Nierentransplantationen ist es üblich, Medikamente wie ›Prograf‹, also Tacrolimus, zu verabreichen, ein Immunsuppressivum. Das Immunsystem wird dadurch geschwächt, das fremde Gewebe wird besser angenommen. Dass er kein ›Prograf‹ erhalten hat, ist für mich unverständlich.«
»Thymoglobulin statt ›Prograf‹?«
»Nein, die beiden ergänzen sich. Thymoglobulin wird verwendet, um akute Abwehrreaktionen zu verhindern. Es tötet T-Lymphozyten, weiße Blutkörperchen. Die Behandlung ist sehr heikel, da sich der Patient extrem leicht infizieren kann, weil sein Abwehrsystem nicht mehr funktioniert. Daher die schwere Lungenentzündung. Die Thymoglobulin-Therapie findet deshalb praktisch ausschließlich in keimfreien Klinikräumen statt.«
»Herzlichen Dank, Doctor. Sie haben mir sehr geholfen.«
Sie legte auf, bevor die Pathologin doch noch mehr Zeit für sie erübrigen konnte.
»Neues von Mad Barclay?«, fragte Ron grinsend.
»Allerdings. Unser Container muss mit ziemlicher Sicherheit auch eine moderne Klinik sein.«
Kapitel 3
South Kensington, London
Wieder hörte Chris das ungewohnte Geräusch. Mit geschlossenen Augen drehte sie sich auf den Rücken. Es war Samstagmorgen. Gab es einen Grund, die Augen aufzuschlagen? Das hartnäckige Geräusch. Sie blinzelte. Es war düster im Zimmer. Die weiße Decke wirkte alt und grau. Das Geräusch kam vom Fenster. Ein steifer Wind schmetterte schwere Tropfen an die Scheibe. Das Trommeln hatte sie geweckt. Mürrisch schaute sie auf die Uhr und sprang mit einem Satz aus dem Bett. Schon nach neun. Sie erinnerte sich plötzlich wieder an den Grund für das Aufstehen am freien Samstag. Die Gründe, um genau zu sein. Während der hektischen ersten Woche beim Yard war so ziemlich alles Private liegen geblieben. Morgens vor sieben ohne Frühstück aus dem Haus, nachts kaum vor Mitternacht ins Bett, todmüde und doch den Kopf voll neuer Eindrücke, Theorien und Zweifel, die sie lange nicht einschlafen ließen. Ihr neues Leben in der City war geprägt von einem eklatanten Mangel an Zeit. Das Apartment brauchte dringend eine Putzfrau, obwohl sie es kaum benutzte. Die Umzugskartons in Flur und Wohnzimmer blickten sie mit jedem Tag vorwurfsvoller an. Sie war weit davon entfernt, den Rhythmus zu finden, den man hier brauchte, um längere Zeit unbeschadet zu überleben. Sie hatte nicht einmal ihre Dreizimmerwohnung im Griff, geschweige denn ihr gesellschaftliches Leben.
»Welches soziale Leben?«, fragte sie die sperrige Schachtel mit dem Aufdruck ›BILLY Bookcase‹.
»Alles braucht seine Zeit«, antwortete die Schachtel.
»Und genau die habe ich nicht.«
Was konnte sie anderes erwarten von einem Stück Pappe. Sie schlurfte lustlos in die Küche. Die stumme Zwiesprache mit dem Kühlschrank blieb kurz und heftig. Nach einem Blick ins leere Eierfach schlug sie ärgerlich die Tür zu. Brot gab es zwar, aber ihr fehlte das Beil. Und draußen regnete es von allen Seiten, als hätte der Himmel beschlossen, die Stadt einmal gründlich zu waschen.
»Das ist gemein, weißt du das?«, schalt sie den Kühlschrank.
Vorsichtig, als dürfte sie nicht stören, prüfte sie die Kaffeemaschine, ihre letzte Hoffnung auf ein menschenwürdiges Erwachen. Bohnen waren da, Wasser auch, mehr brauchte sie nicht. Mit der Belebung ihres Geistes flammte die Erinnerung an ihr fehlendes Sozialleben wieder heftig auf. Überrascht stellte sie fest, dass sie möglicherweise ein Problem hatte. »Du lässt niemanden an dich ran«, hörte sie ihre Mutter händeringend ausrufen. Sie hatte den Vorwurf nie begriffen. Die lange Ausbildung, die ersten, harten Jahre in Wiesbaden, die geschlossene Gesellschaft in Oxford, zwei, drei lockere Affären, an ein anderes Leben hatte sie nie gedacht. Soziale Kontakte musste sie nie suchen, sie waren einfach passiert. Bisher.
»Bis jetzt hast du dich auch nie mit Schachteln unterhalten«, sagte ›BILLY‹.
Höchste Zeit, etwas dagegen zu unternehmen. Wozu gab es Nachbarn? Sie duschte, zog dem schlechten Wetter zum Trotz das ärmellose Top zu den engen Jeans an und eilte die Treppe hinunter zu ihrer neuen Bekannten.
»Chris«, rief Kate erfreut. »Guten Morgen. Kommen Sie herein.«
Chris zögerte. »Ich möchte nicht stören. Ich hätte nur eine Bitte. Haben Sie eventuell zwei Eier für mich übrig?«
»Sie haben noch nicht gefrühstückt«, lachte Kate. »Kommen Sie herein, keine Widerrede. Ich habe auch Speck und Bohnen.«
Die Ausrede lag ihr auf der Zunge, aber der Gedanke an ihr Sozialleben ließ sie doch eintreten. Die verspielte Wohnungseinrichtung, die Pastellfarben und Rüschen an den Vorhängen muteten an, als wohnte hier ein romantischer Teenager. Sie schätzte Kates Alter auf etwa 35, ähnlich wie ihres. Auch die äußerliche Ähnlichkeit war erstaunlich. Selbst die Andeutung einer Stupsnase fehlte nicht. Nur im Geschmack unterschieden sie sich fundamental.
Kate stellte ein perfektes Arrangement mit Spiegelei, Speck, weißen Bohnen und gegrillter Tomate vor sie hin. Es duftete zu verführerisch, um zu protestieren. Sie ließ sie eine Weile in Ruhe essen, dann fragte sie unvermittelt:
»Sie arbeiten bei Scotland Yard?«
Chris nickte langsam. »Woher …«
»Im Haus wird getuschelt«, lachte Kate. »Es sind nicht alle so sprachlos, die hier wohnen. Mr. Henderson, der Hausmeister, zum Beispiel. Der redet gerne. Er hat die vertrauliche Information wohl von der Hausverwaltung. Aber ich hab’s nicht weitergesagt.«
Chris zuckte die Achseln. »Es ist kein Geheimnis. Von mir aus darf es jeder wissen.«
»Mein Gott, ich stelle mir das aufregend vor, wie im Fernsehen. Völlig falsch und irre, nicht wahr?«
Chris schmunzelte. »Ich schaue selten Krimis, und wenn, dann alte Filme mit rauen Sitten, wo sich der Gute nur durch den fehlenden Schlips vom Bösen unterscheidet.«
Kate nickte begeistert. »Humphrey Bogart, Michael Caine, Bob Hoskins.«
»Eher den französischen ›Film Noir‹, Delon, Belmondo, die Art. Ich war einmal richtig verknallt in Alain Delon.«
»Oh, kenne ich leider nicht. Na ja, so wie in den Filmen wird’s wohl bei Scotland Yard nicht zugehen. Trotzdem beneide ich sie ein wenig.«
»Wieso das denn?«, wunderte sich Chris. Sie liebte ihren Job, hielt sich aber für eine Ausnahme. Welcher normale Mensch mit hervorragender Ausbildung wollte sich schon freiwillig mit Gewalt, Mord und Totschlag beschäftigen, bei bescheidenem Gehalt und jeder Menge unbezahlter Überstunden. Sie musste eine psychisch gestörte Ausnahme sein, anders konnte sie sich ihr Verhalten selbst nicht erklären.
Kate hatte andere Vorstellungen: »In Ihrem Job blicken Sie hinter die Fassaden, lernen die wahre Natur und die dunklen Geheimnisse der Leute kennen. Das ist doch viel interessanter, als Termine von Patienten und Ärzten zu koordinieren. Ich bin Arztgehilfin, müssen Sie wissen.«
»Ärzte haben manchmal auch ihre dunklen Seiten«, murmelte Chris beim Gedanken an Mad Barclay.
Kate überraschte mit der prompten Antwort: »Oder Ärztinnen.«
Chris’ Telefon piepste. Mit einer Entschuldigung zog sie es aus der Tasche. Der Bildschirm zeigte den Empfang einer neuen E-Mail an. »Letzte Warnung!«, stand im Betreff.
Liebe KollegInnen,
heute Nachmittag ist es soweit. Ich werde euch für zwei Jahre verlassen. Wie schon angekündigt, sind alle, die sich über meinen Abgang freuen oder um mich weinen werden, herzlich eingeladen. Ab 14 Uhr geht’s los im Jazz Keller des Big Bang. Bier und Bangers hat’s, solang’s hat.
Euer Marcus
Sie hatte Marcus’ Ankündigung völlig verdrängt. Auf seine erste Mail vor einem Monat hatte sie mit einem zurückhaltenden »Vielleicht« geantwortet. Damals stand noch nicht fest, wann sie ihren Job in London antreten würde. Der Hauptgrund ihres Zögerns war jedoch die reichlich chaotische und am Ende recht einseitige Affäre, die sie mit dem Abenteurer gehabt hatte.
Sie stand auf, bedankte sich bei Kate und entschuldigte sich: »Ich muss leider wieder.«
»Hab ich’s nicht gesagt? «, lächelte Kate unter der Tür. »Das meinte ich mit ›interessant‹.«
Die ›IKEA‹-Schachtel stand immer noch untätig in ihrer Wohnung herum, aber sie glotzte nicht mehr gar so vorwurfsvoll, und sie schwieg. Beinahe hätte Chris zum Kreuzschraubenzieher gegriffen, den sie am Vorabend bei Wilson gekauft hatte. Den Staubsauger ließ sie ebenso in Ruhe, denn vor dem Fenster zeigte sich der erste blaue Fleck am Himmel. Das Unwetter verzog sich. Es versprach, ein ganz ordentlicher Samstag zu werden. Entschlossen tippte sie ein paar Mal auf ihren Handy-Bildschirm. Wenn sie nicht trödelte, würde sie den 12:21h Zug ab Paddington noch erreichen. Oxford, ich komme. Von wegen kein Sozialleben.
Oxford, UK
Als Chris in Oxford auf den Bahnsteig trat, beschlich sie das angenehme Gefühl, nicht nur an einem andern, ruhigeren Ort, sondern auch in einer andern Zeit angekommen zu sein. Eine Zeit, in der irgendwie alles einfacher war, spontan, unverbindlich und doch berechenbar. Sie beschloss, zu Fuß weiterzugehen, noch einmal durch ein paar Straßenzüge zu schlendern, die sie an ihr Studium am ›CRL‹, dem topmodernen Chemical Research Laboratory, erinnerten. Ihre Hand umschloss den Griff des Saxophonkoffers unwillkürlich fester, als sie in die Museum Road unweit des Labs einbog. Hier hatte sich nichts verändert. Das gelbe Haus mit der karminroten Tür am Anfang der Häuserzeile, eines der wenigen ohne Erker, sah genau so frisch gewaschen aus wie damals, als sie es mit den zwei schweren Koffern verlassen hatte. Selbst die dicht gedrängten Fahrräder am Zaun schienen sich nicht bewegt zu haben.
Sie wagte einen Blick hinauf zum niedrigen Sprossenfenster im zweiten Stock. Ihr Schlafzimmer. Nicht gerade ein Hort der Tugend damals, in ihrer Zeit mit Marcus. Der Kindskopf hätte beinahe ihren Rauswurf provoziert. Kurz und stürmisch war ihre Affäre. Die Letzte übrigens, wie sie mit einem leisen Seufzer feststellte. Mit einem Urknall hatte sie begonnen, mit einem lapidaren »Hat Spaß gemacht« in der Cafeteria geendet. Warum war sie auf den Frauenschwarm hereingefallen wie die andern Tussis? Und warum stellte sie sich jetzt diese Frage? Sie verließ die Straße der Erinnerungen eilig. Erst unter den Platanen der St. Giles Street verlangsamte sie ihre Schritte.
Bei der Abzweigung in die Little Clarendon blieb sie unschlüssig stehen. Am ›Maison Blanc‹ gegenüber war sie noch nie vorbeigegangen, ohne wenigstens ein ›Chocolate Éclair‹ zu kaufen. Die Bäckerei übte früher eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie aus. Die Kraft spürte sie heute nicht. Kopfschüttelnd schlenderte sie weiter. Wahrscheinlich gehörte sie nicht mehr hierher. Kapitel abgeschlossen. Sie hatte das Gefühl, heute würde nicht nur Marcus seinen Abschied feiern.
Die Jamsession im Keller des ›Big Bang‹ war in vollem Gange, als sie eintraf. Ein Volk füllte den engen Schlauch wie sonst um Mitternacht. Marcus war nirgends zu sehen, so packte sie das Instrument aus und gesellte sich zu Schlagzeug, Bass und Klarinette. Sie hörte ein paar Takte lang zu, dann fiel sie in den Chorus ein. »Baby Please Don’t Go«, wie passend, der Titel des uralten Blues-Standards. Aus Freude über die unerwartete Verstärkung verstieg sich der Holzbläser in eine abenteuerliche Improvisation. Die lebhafte Unterhaltung im Keller verstummte für einen Augenblick. Chris nutzte die Gelegenheit, um mit einem langgezogenen, jaulenden G zu ihrem Solo überzuleiten. Sie interpretierte den Part mit der gleichen flehenden Stimme, wie Muddy Waters ihn gesungen hatte. Ihre Zauberflöte wirkte Wunder. Nach wenigen Takten stand Marcus neben ihr, grinste übers ganze Gesicht und rief in die Menge:
»Ladies and Gentlemen, live from Scotland Yard: die wundervolle Chris!«
Sie spielte trotzdem weiter, entschlossen, die Gelegenheit voll auszukosten. Zu lange hatte sie nicht mehr in Formation gespielt. Der fetzige Beat verlieh ihr Flügel. Ihre Ex-Affäre musste warten.
»Super, du bist also doch gekommen«, freute sich Marcus albern nach einem herzhaften Kuss auf die Lippen, der sie wohl an alte Zeiten erinnern sollte.
»Wie du siehst, aber keine Angst: Ich bin nicht im Dienst und unbewaffnet.«
»Was heißt das schon«, seufzte er. »Deine Waffen sind die schönen Augen, das Näschen, dein spitzbübisches Lächeln. Du siehst immer noch gleich hinreißend aus.«
»Oh, du meinst, man sieht mir die zwei Jahre gar nicht an? Heißen Dank auch.«
»Du weißt, wie ich es meine …«
Eine strohblonde Schöne drängte sich dazwischen. »Willst du uns nicht vorstellen, Schatz?«
Er warf Chris einen verlegenen Blick zu. »Entschuldige, meine Freundin Lizzy, und das ist Chris. Wir haben uns am Institut kennengelernt.«
Chris wunderte sich, wie viele Lizzies er in der Zwischenzeit vernascht haben mochte. Andererseits – so genau wollte sie es auch wieder nicht wissen. Sie stellte zwei, drei harmlose Fragen, um den ungeschriebenen Gesetzen höflichen Smalltalks zu genügen, dann setzte sie sich ans Büfett ab.
»Die Oxford Bangers sind schon die Besten«, sagte eine lange nicht mehr gehörte Stimme hinter ihr.
Sie wirbelte erfreut herum. »May, wie geht es dir?«
Dr. May McGregor hatte sich verändert. Die schwarz umrandete, viel zu große Brille war verschwunden. Statt des knöchellangen, bunten Rocks trug sie einen eleganten Hosenanzug, und die Füße steckten in richtigen Schuhen, nicht den alternativen Flachtretern, die sie während ihrer Arbeit am ›CRL‹ getragen hatte. Keine Spur mehr vom früheren Landei. Diesmal waren ihre Komplimente ernst gemeint. Sie umarmten sich und zogen sich mit ihren Würsten in eine ruhigere Ecke zurück.
»Wo bist du gelandet?«, fragte Chris.
»Edinburgh.«
»Die alte Heimat.«
»Aye, aber nicht aus Heimweh«, sagte die Schottin in ihrem herben Akzent, der Chris stets an das Plätschern eines Bergbachs erinnerte. »Ich hatte die Gelegenheit, ein spannendes Projekt an der Uni zu übernehmen. Wir wollen die chemische Bodenbeschaffenheit der ganzen Insel katalogisieren.«
»Da hast du dir einiges vorgenommen.«
»Allerdings. Die Beschaffung und Analyse der Proben grenzt schon an Sisyphusarbeit, aber die echten Probleme beginnen mit dem Indizieren. Die Datenbank soll allgemein für möglichst verschiedenartige Zwecke zur Verfügung stehen. An dieser Knacknuss arbeiten wir noch.«
»Mich überrascht, dass ihr eure Geologie noch nicht vollständig erfasst habt«, meinte Chris erstaunt.
May lachte. »Natürlich ist das längst geschehen, aber unser Projekt geht viel weiter. Wir messen die chemische Zusammensetzung so genau, dass die Herkunft jeder Bodenprobe praktisch auf den Quadratkilometer genau bestimmt werden kann.«
»Alles klar. Der Traum jedes Kriminalisten.«
»Wer weiß schon, wovon ihr träumt, Detective.«
»Detective Sergeant«, grinste Chris.
Nicht jede Begegnung auf dieser Party verlief so harmonisch. Auf der Toilette stellte sie Lizzy die falsche Frage. Die Antwort interessierte sie nicht im Geringsten. Sie wollte nur höflich sein, nicht wortlos an Marcus’ letzter Eroberung vorbeigehen.
»Schon gepackt?«, fragte sie arglos.
Lizzy schaute sie entsetzt an, dann brach sie in Tränen aus und warf sich heulend an ihre Brust. Sie schluchzte hemmungslos, dass Chris nicht wusste, wohin sie blicken und was ihre Hände tun sollten. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff: Lizzy musste zu Hause bleiben. In den Geologen-Camps am Kap Hoorn und in der Antarktis gab es weder Platz noch Arbeit für ein Model.
Ihr gesellschaftliches Soll war für heute erfüllt. Sie griff noch einmal zum Saxophon und spielte Marcus zum Abschied einen Ausschnitt aus dem ›Farewell Blues‹ in der Version von Charlie Parker. Solo, schnell. Es sollte ein fröhlicher Abschied werden, obwohl sie das Stück schon in besserer Stimmung interpretiert hatte.
Wie in einem schlechten Film zogen auch draußen wieder schwarze Wolken auf, als sie das Lokal verließ. Die ersten Tropfen fielen, kurz bevor sie den Bahnhof erreichte. Auf der Rückfahrt betrachtete sie eine Weile die flüssigen Gemälde, die der Regen auf die Fensterscheibe zeichnete. Den Rest der Strecke versuchte sie, dösend die Leere in ihrem Innern zu vergessen.
Eine leichte Berührung weckte sie. »Your phone, Madam«, sagte der sichtlich ungeduldige Herr gegenüber.
Sie murmelte eine Entschuldigung, während sie das Handy aus der Tasche klaubte. Anrufer unbekannt stand auf dem Display. Missmutig drückte sie die Empfangstaste. »Hallo?«
»DS Hegel?«
Diese Stimme kannte sie. Ihr Puls beschleunigte sich. Es kostete sie einige Anstrengung, ruhig und freundlich zu antworten: »Dr. Barclay, was kann ich für Sie tun?«
»Nichts, meine Teure, aber ich kann etwas für Sie tun. Sie müssen herkommen.«
»Was – wohin soll ich?«, stammelte sie verblüfft.
»Zu mir in die Gerichtsmedizin. Es gibt Neuigkeiten.«
»Es ist Samstag. Ich bin nicht im Dienst. Hat das nicht Zeit …«
»Nein.«
Keine Verbindung mehr. Wie lange dauerte es wohl, sich an Mad Barclays erratischen Charakter zu gewöhnen, falls man es überhaupt schaffte? Die bohrende Frage beschäftigte sie, bis der Zug in der Paddington Station hielt.
Scotland Yard, London
Der Regen erwischte Chris doch noch auf den wenigen Schritten vom Taxi zum Gebäude. Sie wischte sich die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht und steckte den Ausweis in den Schlitz. Der Beamte an der Sicherheitsschleuse schmunzelte beim Anblick ihres Instrumentenkoffers.
»Etwas nicht in Ordnung?«, fragte sie spitz.
Der Uniformierte schüttelte den Kopf. »Sorry, Detective Sergeant, ich fragte mich nur, ob das Orchester nun komplett sei.«
»Wieso – sind noch mehr Musiker in der Pathologie?«
»Das nicht, aber ihre Kollegen sind schon da.«
Kollegen. Plural. Der Mann konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie diese Information erleichterte. Kein Tête-à-Tête mit der verrückten Pathologin. Der Samstagnachmittag war vielleicht doch nicht ganz verloren. Sie fand Dr. Barclay, den DCI und Ron im Labor.
»Tut mir leid, dass ich nicht früher kommen konnte«, entschuldigte sie sich. »Ich bin erst gerade nach London zurückgekehrt.«
»Wohnt er außerhalb?«, bemerkte die Pathologin spöttisch, offensichtlich ohne eine Antwort zu erwarten. »Wo war ich stehengeblieben? Ach so, ja, die Gewebeproben.« Sie führte sie zu einem Bildschirm, der an ein Mikroskop angeschlossen war. Mit einem wohlwollenden Blick auf Chris fuhr sie fort: »Das Telefongespräch mit unserm neuen Sergeant hier hat mir keine Ruhe gelassen. Ich musste der Sache mit dem fehlenden ›Prograf‹ auf den Grund gehen. Entgegen all meinen bewährten Prinzipien habe ich also nach der Obduktion, sozusagen in meiner Freizeit …«
»Und unserer …«, brummte der DCI mürrisch, aber laut genug, dass sie es verstand.
»Du wirst es überleben, Adam. Ich habe also in meiner Freizeit nochmals Gewebeproben von der Schweineniere genommen und Chemie und Struktur des Zytoplasmas und der Nuklei analysiert.«
Der DCI schüttelte ungeduldig den Kopf. »Kannst du vielleicht so reden, dass auch ich verstehe, warum wir am Samstagabend hier sind?«
Sie bedachte ihn mit einem eisigen Blick, der jeden zum Schweigen gebracht hätte, dann sprach sie weiter, ohne seinen Einwand zu beachten: »Gefunden habe ich das hier. Ich kann Ihnen sagen: So etwas habe ich noch nie gesehen, und Sie mit Sicherheit auch nicht.«
Da mochte sie recht haben, dachte Chris. Das Bild auf dem Monitor bestand in ihren Augen aus ein paar rot und blau gefärbten Klecksen. Es glich der Fensterscheibe in ihrer Küche, als sie eingezogen war, nur die Farben stimmten nicht. Um nicht ganz dumm dazustehen, wagte sie die Vermutung: »Verschiedene Zelltypen?«
Die Ärztin strahlte. »Jeder intelligente Mensch würde das vermuten, nicht wahr?«, platzte sie heraus. »Das ist ja das Verrückte, warum ich Sie hergebeten habe. Die unterschiedlich gefärbten Zonen bestehen alle aus ein und demselben Zelltyp. Alle stammen aus dem Nephron. Das ist das Gewebe, das die eigentliche Nierenfunktion ausübt.«
Sie stand mit verschränkten Armen vor dem Bildschirm und wartete auf Kommentare. Die Männer schwiegen, also versuchte Chris es nochmals:
»Das heißt …«
»Genau«, freute sich Dr. Barclay. »Das sind zwar alles Nephronzellen, aber sie stammen nicht alle von unserm Schwein. So ist das, meine Lieben. Die blauen Zellen sind normales Nierengewebe des Tiers. Die Roten, die sich da so friedlich zu den blauen gesellt haben, das ist menschliches Nephron, und zwar von unserm jungen Mann dort drüben im Kühlschrank.«
Chris schaute sie mit großen Augen an. »Aber …«
»Genau das sagte ich auch, als ich es entdeckte. So etwas gibt es gar nicht, dachte ich.«
»Sieht aus, als hättest du dich geirrt«, spottete der DCI. »Was lernen wir nun daraus?«
»Mein lieber Chief Inspector, das ist das Wesen der Wissenschaft. Je mehr wir wissen, desto mehr Rätsel entdecken wir. Das ist aber noch nicht alles.«
Sie schob eine andere Probe auf den Objektträger, justierte das Bild, dann trat sie einen Schritt zurück und wartete auf die Reaktion ihrer ahnungslosen Zuschauer.
»Links sehen Sie menschliche Zellen aus verschiedenen Gewebeproben des Toten. Oben zum Beispiel Hautzellen. Rechts daneben habe ich Nephronzellen präpariert. Menschliche Zellen aus dem Nierengewebe, die Sie vorher als rote Flecke gesehen haben. Was man in diesem Bild sehr schön sieht, ist das Alter der Zellen. Je dunkler die Färbung, desto länger die Telomere.«
Der DCI verdrehte die Augen. Er öffnete den Mund zu einer zweifellos spitzen Bemerkung, doch Ron kam ihm zuvor: »Telomere, das sind doch die Dinger, die bei jeder Zellteilung kürzer werden?«
Dr. Barclay schenkte ihm ein gnädiges Lächeln. »Genau so ist es, junger Mann. Siehst du, Adam, nicht allen Leuten fehlt es an Allgemeinbildung. Telomere sind repetitive Proteingruppen am Ende der Chromosomen. Sie schützen das Erbgut. Bei jeder Zellteilung werden sie kürzer, und irgendwann kann sich die Zelle nicht mehr weiter teilen. Sie stirbt, und schließlich stirbt auch der Organismus.«
»Das haben wir nun alles kapiert, Frau Professor, aber was hat es mit unserm Fall zu tun?«
»Hättest du verstanden, was ich gesagt habe, wüsstest du es«, antwortete sie mit einem spöttischen Grinsen. Sie wandte sich wieder dem Monitor zu. »Wie man feststellt, sind die Gewebeproben links alle ungefähr gleich alt. Sie haben in etwa gleich viele Zellteilungen hinter sich. Das Nephron rechts aber ist viel jünger. Die Zellen entsprechen denen eines Kindes. Sie stammen vom Opfer, sind aber viel jünger.«
»Sie können nicht in seinem Körper gewachsen sein«, murmelte Chris mehr zu sich selbst.
»Jetzt ist es raus«, freute sich die Pathologin. »Es sind verjüngte Zellen des Toten, wie sie nur in einem hochspezialisierten Labor hergestellt werden konnten. Der Rest ist Spekulation. Ich vermute, dieses eingeschleuste Nephron sollte eine Art immunologische Schutzschicht bilden, eine biologische Tarnkappe, um akute Abwehrreaktionen zu vermeiden. Das könnte zumindest das fehlende ›Prograf‹ erklären.
»Vollkommen irre«, brummte der DCI.
»Danke.«
Rutherford schnaubte. »Ich meinte nicht dich. Es ist irre, was die mit diesem Jungen angestellt haben.«
»Labors, die so etwas zustande bringen, gibt es wahrscheinlich nicht viele in Großbritannien?«, fragte Chris.
Dr. Barclay schüttelte den Kopf. »Nicht viele in Europa, würde ich sagen. Ich kenne kein Einziges, um ehrlich zu sein. Diese Frage kann nur ein Spezialist beantworten.«
»Und, gibt es einen Namen?«, drängte der DCI ungeduldig.
»Mir fällt nur einer ein. Er ist eine international bekannte Kapazität in der Transplantationsmedizin und Immunologie. Professor Nathaniel Pickering in Cambridge. Ich werde ihn gleich Montag früh anrufen.«
Rutherford schüttelte den Kopf. »Das lässt du schön bleiben. Wir werden dem Professor einen Besuch abstatten. Ich muss sehen, wie er auf unsere Fragen reagiert.«
Als Ron sie vor ihrem Haus absetzte, schoss Chris der Gedanke an das vernachlässigte ›BILLY‹-Regal und den neuen Schraubenzieher durch den Kopf. Sie verwarf ihn schnell wieder. Mochte Ron noch so geschickte Hände haben, ihr Bedarf an Sozialleben war gedeckt für diesen Samstag. Für den Rest des Wochenendes, um genau zu sein.
Anne McLaren Laboratory, Cambridge
Das Navigationssystem des Dienstwagens lotste sie auf den Parkplatz bei der Einfahrt in die Forvie Site. Chris schaltete den Motor ab. DCI Rutherford auf dem Beifahrersitz machte keine Anstalten, auszusteigen.
»Sir, wir sind da«, sagte sie lächelnd. »Jedenfalls behauptet das unser GPS.«
Er stieg aus, schaute sich vergeblich nach einem Wegweiser um und brummte ärgerlich: »Können die ihre Häuser nicht vernünftig anschreiben?«
Sie fragte den Gärtner, der in der Nähe wuchernden Klee ausstach. Das West Forvie Building befand sich am südlichen Ende des Gebäudekomplexes, der sich ›Biomedizinischer Campus der Universität Cambridge‹ nannte. Das Haus beherbergte das ›Anne McLaren Laboratory for Regenerative Medicine‹, das medizinische Forschungszentrum, über das Professor Nathaniel Pickering mit eiserner Hand herrschte wie Heinrich der Achte über seine Untertanen, wenn sie Mad Barclay glauben wollten.
Der DCI zückte den Ausweis und meldete sie beim Empfangsschalter an: »Detective Chief Inspector Rutherford und Detective Sergeant Hegel von Scotland Yard. Wir müssen Professor Pickering sprechen.«
Die Angestellte hinter dem Pult starrte mit aufgerissenen Augen auf den Ausweis, dann drückte sie nervös eine Taste ihrer Telefonanlage. »Hier sind zwei Detectives von Scotland Yard für Professor Pickering«, hauchte sie mit zitternder Stimme. Nach einer Weile legte sie den Hörer ganz sachte auf die Gabel zurück, um den Professor ja nicht zu erschrecken. »Es kommt gleich jemand«, versicherte sie leise.
Der Jemand ließ sich Zeit. Noch eine Minute, bis der DCI explodieren würde, schätzte Chris, als eine Dame im mausgrauen Deuxpièces mit strengem Blick auf sie zutrat.
»Sie sind nicht angemeldet«, stellte sie zur Begrüßung fest.
»Und mit wem haben wir das Vergnügen?«, knurrte Rutherford zurück.
Die Dame ließ sich nicht so schnell einschüchtern. »Professor Pickerings Sekretärin«, entgegnete sie spitz. »Der Professor ist auf dem Weg zum Flughafen. Wenn Sie einen Termin vereinbaren möchten …«
Chris beobachtete, wie Rutherfords Hals anschwoll und fragte schnell mit freundlichem Lächeln: »Hat der Professor das Haus schon verlassen?«
»N – nein«, stammelte die graue Maus überrascht, »aber der Wagen wird jeden Augenblick eintreffen.«
Chris lächelte noch freundlicher. »Gut, dann können wir ihm unsere Fragen stellen. Wir werden ihn nicht aufhalten. Es geht ganz schnell.«
Die Sekretärin blickte unschlüssig von einem Detective zum andern. Unvermittelt drehte sie sich auf den Absätzen um und forderte sie auf, ihr zu folgen.
Der Gesichtsausdruck des DCI sagte soviel wie: Darüber müssen wir noch reden, aber die Methode Hegel funktionierte wenigstens. Der Mann, der ihnen in seinem Büro entgegentrat, entsprach ungefähr dem genauen Gegenteil des Bildes, das sie sich von Pickering gemacht hatte. Er war auffällig klein, schon fast kleinwüchsig. Ein unscheinbares, dürres Männchen mit schütterem, grauem Haar und Spitzbart. Und er hatte entschieden bessere Manieren als sein Vorzimmer.
»Detective Chief Inspector, Detective Sergeant«, grüsste er freundlich. »Was habe ich verbrochen?«
»Das wissen wir nicht«, scherzte der DCI. »Aber Spaß beiseite. Wir möchten Ihnen nur einige fachliche Fragen stellen, deren Klärung uns bei einer Ermittlung weiterhelfen könnte.«
»Ich helfe der Polizei selbstverständlich jederzeit gerne, aber wie Ihnen Miss Jones gesagt hat, werde ich in Kürze abreisen.«
»Das ist uns bewusst, Professor. Deshalb gleich die wichtigste Frage: Sind Ihnen Fälle von Transplantationen bekannt, bei denen Patienten Schweinenieren verpflanzt wurden?«
Pickering schaute ihm unverwandt in die Augen. Außer einem leicht erstaunten Stirnrunzeln zeigte er keine Reaktion. »Xenotransplantation?«, fragte er nachdenklich. »Wie kommen Sie denn darauf?«
»Gibt es solche Fälle?«
Pickering schüttelte den Kopf. »Das wäre medizinisch höchst fragwürdig. Man diskutiert die Verpflanzung tierischer Organe in Fachkreisen schon lange als eine hypothetische Methode, dem eklatanten Mangel an menschlichem Spendermaterial zu begegnen. In der Praxis wird die Xenotransplantation aber nicht durchgeführt. Zu viele Fragen sind noch offen, medizinische und ethische.«
»Wie ist die Praxis im Ausland?«
»Meines Wissens wird Xenotransplantation nirgends praktiziert.«
»Pakistan?«, fragte Chris.
Einen Moment glaubte sie, einen irritierten Ausdruck auf seinem Gesicht zu entdecken, doch dann antwortete er kühl: »Es gibt natürlich keine Garantie. Sie müssen mich jetzt leider entschuldigen, Detectives.«
Als hätte sie es gehört, öffnete Miss Jones die Tür und kündigte den Wagen an. Pickering überlegte kurz, dann sagte er zu ihr:
»Führen Sie die Detectives doch bitte zu Dr. Roberts.« Zu Rutherford gewandt, erklärte er: »Dr. Roberts wird Ihnen alle fachlichen Fragen beantworten können. Ich habe jetzt leider keine Zeit mehr. Bitte entschuldigen Sie mich.«
Damit verließ er eilig das Büro und überließ sie der Obhut seiner Sekretärin. Chris wechselte einen verwunderten Blick mit ihrem Chef. Pickerings abrupter Abgang erstaunte sie umso mehr, als seine letzte Bemerkung mehr Fragen offen ließ, als sie beantwortete. Nach einem kurzen Telefongespräch führte sie Miss Jones ohne ein weiteres Wort durch die langen Gänge an einen verlassenen Arbeitsplatz im Erdgeschoss.
»Dr. Roberts ist noch im Labor. Er wird Sie gleich begrüßen«, sagte die Sekretärin und ließ sie stehen.
»Danke, Miss …«, rief ihr der DCI nach, doch sie war schon zu weit weg, um den subtilen Sarkasmus zu bemerken.
»Nette Gesellschaft hier«, murmelte Chris.
Rutherford schnaubte verächtlich, antwortete nur mit einem Wort, das offenbar alles erklärte: »Cambridge.«
»Tut mir leid, dass Sie warten mussten, Detectives«, sagte eine warme Männerstimme, die ein paar der empfindlichsten Saiten in Chris spontan zum Schwingen anregte. Die restlichen Saiten begannen vibrieren, als Dr. Roberts ihr die Hand gab. Der Mann, der lässig im offenen weißen Mantel vor ihr stand, hatte ungefähr ihr Alter. Er war ein bisschen größer als sie, sein Mund auf ihrer Augenhöhe umrahmt von Lippen, an denen sie sich jetzt schon nicht sattsehen konnte. Und er schaute sie so betroffen an, als müsste er ihr die denkbar schlechteste Diagnose stellen und wüsste beim besten Willen nicht wie. Mit weichen Knien murmelte sie eine unverständliche Begrüßung und zog ihre Hand im letzten Moment zurück, bevor ihr der Schweiß ausbrach. Befremdet stellte sie fest, wie der junge Mann den DCI mit genau dem gleichen Diagnose-Blick begrüßte.
»Bitte nehmen Sie Platz in meiner Präsidentensuite. Ich muss mich für die Unordnung entschuldigen.« Diagnose-Blick zu Chris, dann fragte er: »Was kann ich für Sie tun, Detectives?«
Welcher Teufel ritt den DCI, dass er ihr bedeutete, diesen Doktor zu befragen? Sie räusperte sich umständlich, versuchte, sich auf den Fall zu konzentrieren und klärte Dr. Roberts über den Obduktionsbefund auf, ohne unnötige Einzelheiten zu nennen.
»Eine Schweineniere«, wiederholte er ungläubig. »So etwas hat man bisher nur in der Theorie diskutiert.«
»Das meinte auch Professor Pickering. Seiner Ansicht nach wird Xenotransplantation nirgends praktiziert. Würden Sie das bestätigen?«
»Absolut. Wir beschäftigen uns zwar hier nicht selbst mit Transplantationen, dafür sind Kliniken zuständig, wie das ›Addenbrooke’s‹ nebenan. Aber als Forschungseinrichtung für regenerative Medizin stehen wir in engem Kontakt mit den Spezialisten. Nein, eine Schweineniere zu verpflanzen, würde keinem dieser Leute einfallen, da bin ich mir sicher.«
»Und doch ist es offenbar geschehen.«
»Ja, vollkommen unglaublich.« Wieder schaute er sie fast erschrocken an. »Ich kann es nicht fassen.«
Sie ertrug den Blick nicht länger, tat, als konsultierte sie ihre Notizen und fragte weiter: »Was können Sie uns über die seltsamen Zellen sagen, die unsere Pathologin entdeckt hat?«
»Die adulten Stammzellen?«
»Wenn Sie es sagen …«
»Ich müsste das Nephron natürlich selbst untersuchen, um eine fundierte Aussage machen zu können. Aus Ihrer Beschreibung schließe ich aber, dass es sich bei den menschlichen Nierenzellen um Material handelt, das man wahrscheinlich aus Stammzellen gewonnen hat. Da ich nicht annehme, dass embryonale Stammzellen des Mannes zur Verfügung standen, kann ich mir nur zwei Möglichkeiten vorstellen: Entweder hat man gesundes Nephron aus den entfernten Nieren retten können, oder man hat Stammzellen aus anderem gesundem Gewebe des Mannes gezüchtet, zum Beispiel aus Hautzellen. Solche Stammzellen kann man anschließend zu Nierenzellen umprogrammieren. Aber das sind alles Spekulationen.«
DCI Rutherford schaltete sich ein. »Sie produzieren hier solche Zellen – wie heißen die noch mal?«, fragte er misstrauisch.
»Adulte Stammzellen. Ja, das ist einer der wichtigsten Forschungszweige am Institut. Ich selbst beschäftige mich seit einem Jahr ausschließlich mit der Regenerierung von Nierengewebe.« Beim Anblick der überraschten Gesichter brach er in Gelächter aus. »Entschuldigen Sie. Bevor Sie mich jetzt verhaften, muss ich darauf hinweisen, dass sich allein in Großbritannien fast zwanzig Forschungseinrichtungen mit dem gleichen Thema befassen. Das Gebiet der regenerativen Medizin ist riesig und das Zukunftsthema der Medizin.«
Der DCI gewann seiner Bemerkung nichts Heiteres ab. Düster sagte er: »Wir brauchen die Liste aller Institute.«
Dr. Roberts setzte sich an seinen Computer. »Kein Problem«, meinte er. »Soll ich sie ausdrucken oder mailen?«
»Beides – bitte«, verlangte Chris hastig, bevor der DCI es sich anders überlegte. Sie hatte das Gefühl, Dr. Roberts Mailadresse in Zukunft noch zu benötigen. Sie gab ihm ihre Visitenkarte. »Hier steht alles drauf«, erklärte sie unnötigerweise. »Rufen Sie mich jederzeit an, wenn Ihnen etwas einfällt, was wichtig für uns sein könnte.«
»Ich nehme Sie beim Wort, Detective Sergeant«, schmunzelte er, steckte die Karte ein und gab ihr den Ausdruck.
Der DCI betrachtete die lange Liste argwöhnisch. »Sind das alle?«
»Alle in Großbritannien.«
»Und jedes dieser Institute hat die Fähigkeit, solches Nierengewebe herzustellen?«
»Theoretisch ja. In der Praxis allerdings …«
»Ja?«
Chris musste sich abwenden. Dr. Roberts leicht verlegenes Lächeln ertrug sie nicht.
»In der Praxis«, fuhr er fort, »fürchte ich, sind wir das einzige Labor, das sich auf die Erzeugung menschlichen Nephrons spezialisiert hat. Allerdings haben wir nichts mit Schweinenieren zu tun.«
»Interessant«, murmelte Rutherford mit steinerner Miene.
»Allerdings«, stimmte Dr. Roberts zu. »Je länger ich über Ihren Obduktionsbefund nachdenke, desto rätselhafter erscheint er mir.«
Chris wagte einen Blick. »Was meinen Sie damit?«
Die Verpflanzung von Zellmaterial aus iPSC …«
»Bitte?«
»Entschuldigen Sie. iPSC ist nur eine Abkürzung für die Stammzellen, über die wir vorher gesprochen haben. Der Begriff bedeutet ›induced pluripotent stem cells‹, also erwachsene, spezialisierte menschliche Zellen, die man in Stammzellen zurückverwandelt hat. Solche Stammzellen kann man anschließend zu praktisch jedem beliebigen Zelltyp umprogrammieren. Daher die Bezeichnung pluripotent. Das Hauptproblem dabei ist, dass die Herstellung der iPSC kompliziert, langwierig und sehr ineffizient ist, ebenso die Spezialisierung. Bei der heute üblichen Methode entsteht so ein Brei aus, beispielsweise, Nierenzellen und nicht umgewandelten iPSC. Diese verbleibenden Stammzellen können extrem gefährlich werden. Es besteht ein hohes Risiko, dass ein solches Gewebe karzinogen wird.«
»Sie lösen Krebs aus«, ergänzte Chris nachdenklich.
Er nickte. »Ich kann Ihnen das gerne im Labor zeigen.«
Diesmal war der DCI schneller. »Das wird nicht nötig sein, Doctor«, winkte er ab. »Wir bedanken uns erst einmal für Ihre Auskünfte und würden gerne auf Sie zurückkommen, wenn wir weitere Fragen haben. Ist das in Ordnung?«
»Selbstverständlich, wird mir ein Vergnügen sein.«
Der Diagnose-Blick! Chris erwiderte seinen Händedruck beim Abschied nur flüchtig. Schnell wandte sie sich ab und folgte dem DCI zum Ausgang.
Im Wagen beobachtete der Rutherford sie eine Weile spöttisch, dann fragte er: »Haben Sie mitbekommen, dass der gute Dr. Roberts sich gerade als einer der Hauptverdächtigen profiliert hat?«
»Nett von ihm, nicht wahr?«, lächelte sie gequält. »Ich kann mir allerdings nur schwer vorstellen, dass er etwas mit unserer Schweineniere zu tun hat. Er müsste schon ein außerordentlich begabter Lügner sein. Und warum sollte er uns auf die Nase binden, dass ausgerechnet er auf dem Gebiet künstlicher Nierenzellen forscht?«
»Eben weil er ein guter Lügner ist. Und weil wir das sowieso herausfinden würden.«
»Glaube ich nicht«, entgegnete sie trotzig.
»Was glauben Sie nicht?«
»Dass er ein Lügner ist.«
Der DCI nickte schmunzelnd, enthielt sich aber eines Kommentars. Erst als sie wieder auf der M11 Richtung London fuhren, hörte sie ihn murmeln: »Rufen Sie mich jederzeit an.«
Sie stellte sich taub, versuchte nur, Dr. Roberts Gesicht zu ignorieren, das sie ständig von der Windschutzscheibe her anlächelte.
South Kensington, London
Ihre Ermittlungen steckten fest. Nirgends sah Chris die brutale Wahrheit klarer als abends unter der Dusche. Die Suche nach der mysteriösen Klinik musste auf immer größere Gebiete ausgedehnt werden. Die Wahrscheinlichkeit, sie zu finden, nahm entsprechend rapide ab. Alle Indizien deuteten darauf hin, dass das Gebäude an der Küste stehen musste, doch die Durchsuchung der siebzehn Häuser, die dafür infrage kamen, war ergebnislos verlaufen. Ein buchstäblicher Schlag ins Wasser. Also doch ein Schiff? Dann würde der Fall kaum je aufgeklärt werden. Ron kam bei seinen Ermittlungen im undurchdringlichen Dschungel der pakistanischen Parallelgesellschaft auch keinen Schritt weiter. Die Familien und Clans hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Wo sie auch ansetzten, stießen sie auf eine Mauer des Schweigens. Nicht feindselig, meist durchaus freundlich, gar beredt, wortreiches Schweigen. Niemand schien den Mann in der Gerichtsmedizin und das unbekannte erste Opfer zu vermissen. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Sie hatte ähnliche Tiefpunkte in fast jedem Fall ihrer jungen Karriere erlebt. Allmählich sollte sie sich daran gewöhnen, aber diesmal fiel es ihr besonders schwer. Sie war nicht nach England gekommen, um mit wehenden Fahnen unterzugehen. Das Schlimmste an der Situation war, dass das einzige konkrete Verdachtsmoment ausgerechnet auf den netten Dr. Roberts fiel.
»Was heißt schon nett«, spottete die Dusche.
Sie war nicht in der Stimmung, sich auf diese Diskussion einzulassen. Noch einmal und noch intensiver spülte sie sich das Haar, dann drehte sie der vorlauten Dusche den Hahn zu. Sie richtete den warmen Strahl des Föhns zuerst aufs Gesicht, um die düsteren Gedanken aus ihrem Hirn zu blasen, dann begann sie seufzend mit dem umständlichen Trocknen ihrer langen Haare.
Ein neuer Ton überlagerte plötzlich das ermüdende Rauschen. Der Bildschirm des Telefons auf dem Fenstersims leuchtete. Die Nummer kannte sie nicht. Sie legte den Fön beiseite und drückte auf die Empfangstaste.
»Detective Sergeant Hegel?«, fragte eine warme Stimme, die ihr sogleich die Schamröte ins Gesicht trieb, denn sie stand nackt wie die Venus vor dem Spiegel und sprach mit Dr. Roberts.
»Ja?«, antwortete sie vorsichtig.
»Jamie Roberts hier. Sie haben mich in Cambridge befragt.«
»Ah, ja, ich erinnere mich.« Sie schnitt ihrem Spiegelbild eine Grimasse ob der albernen Bemerkung. Seit dem Besuch in Cambridge waren noch keine sechsunddreißig Stunden vergangen.
»Sie sagten, ich könne Sie jederzeit anrufen …«
»Ja – auch daran erinnere ich mich.«
»Mir ist noch etwas eingefallen, das Sie wissen müssten.«
»Ausgezeichnet, ich höre.«
»Nicht am Telefon. Ich bin zufällig in London.«
Beinahe ließ sie ihr Handy fallen. Es fühlte sich plötzlich heiß an. »In London?«, wiederholte sie erschrocken.
Er lachte. »Hin und wieder kommt es vor, dass mich meine Arbeit in die große Stadt führt.«
»Natürlich. Wenn das so ist, können wir uns in meinem Büro treffen. Sagen wir, um …«
»Ich dachte eigentlich eher an einen gemütlicheren Ort«, unterbrach er. »Haben Sie schon gegessen?«
Sie konnte sich an eine Schüssel Cornflakes zum Frühstück erinnern. Mit einem Mal spürte sie einen unbändigen Appetit und gleichzeitig einen Knoten im Magen. Sie wusste, wo das Gespräch hinführte, und der Gedanke gefiel ihr viel zu gut. Trotzdem antwortete sie mit einem ehrlichen Nein.
»Wunderbar, dann lade ich Sie zum Essen ein.«
»Das werden Sie schön bleiben lassen, oder wollen Sie mich bestechen?«
»Um Gottes willen, niemals. Ich finde nur, es wäre ganz angenehm, wenn wir beide unser Problem gemeinsam lösen würden. Wenn Sie wollen, können Sie natürlich auch mich einladen.«
Sie glaubte, sein betroffenes Schmunzeln in ihrem Spiegel zu sehen und wandte sich ab. »Soweit kommt’s noch.«
»Also, Detective Sergeant, was halten Sie davon, wenn wir uns bei sauber getrennter Kasse bei einem neutralen Italiener treffen?«
»Ich hatte eigentlich nicht vor, auszugehen.«
»Ich fahre Sie.«
»Sie geben nicht so schnell auf, wie?«
»Sind Sie denn gar nicht an meinen Informationen interessiert?«
»Doch, ich könnte Sie vorladen.«
»Das wäre schön«, lachte er, »dann müssten Sie mich treffen.«
Allmählich begriff sie, worum es hier ging. Dr. Diagnose-Blick mit der warmen Stimme wollte sie unbedingt sehen. Gut möglich, dass sie sich das nur einbildete. Solche Wunschvorstellungen waren ihr nicht neu. Vielleicht hatte er auch einfach Hunger und wollte seine Information loswerden. Die Antwort auf diese Frage war durchaus bedeutsam für ihr Verhalten, hielt sie sich doch bisher an die eiserne Regel, Berufliches von Privatem zu trennen. Auch wenn es da nicht viel zu trennen gab.
»Sind Sie noch dran?«, fragte er besorgt.
»Wie – ja – kennen Sie ›Orsini’s‹?«
Herausgerutscht, einfach so. Klar und deutlich hatte sie das Restaurant in ihrer Nähe vorgeschlagen. Entscheid des Unterbewusstseins. Wie sollte sie sich dagegen wehren?
»›Orsini‹, South Kensington? Klar, kenne ich. Wann?«
»Um acht«, antwortete sie mechanisch.
Die Uhr bestätigte ihr: Sie hatte genau 56 Minuten. Zuwenig, um ein privates Treffen vorzubereiten, also würde es eine rein dienstliche Besprechung werden beim gemütlichen Italiener. In aller Eile flocht sie ihre blonden Strähnen zu einem dicken Zopf, zog frische Arbeitskleidung an, Jeans, weißes Shirt. Viel anderes gab ihr Kleiderschrank auch nicht her. Bevor sie die Lederjacke anzog, warf sie einen letzten Blick in den Spiegel. So lupenrein dienstlich war das Treffen doch nicht, meinte ihr blasses Spiegelbild. Etwas Rouge und Wimperntusche würde ihr Gesicht schon vertragen, ohne wichtige Regeln zu brechen. Sorgfältig zog sie die Lippen nach, rieb sie, beugte sich ganz nah an den Spiegel, schüttelte unzufrieden den Kopf, tupfte etwas Rot weg, strich nochmals mit dem Stift über die Lippen, kontrollierte, tupfte, strich, bis sie halbwegs zufrieden war mit ihrem dienstlichen Äußeren.
Sie traf wie geplant zehn Minuten zu spät ein. Dr. Roberts wartete an der Bar auf sie.
»Drink?«, fragte er mit einem besorgten Blick, als fürchtete er, sie würde gleich wieder verschwinden.
Sie schüttelte den Kopf. Ihr Magen knurrte, und sie wollte die dienstliche Besprechung nicht mit gefährlichem Smalltalk an der Bar beginnen. Der Kellner schien sich an sie zu erinnern. Seinem Gesicht nach zu schließen, freute er sich außerordentlich, dass sie diesmal nicht allein zum Dinner erschien. Sie dankte ihm für die Speisekarte, hinter der sie sich unauffällig verstecken konnte.
»Sie haben ja wirklich Hunger«, meinte er schmunzelnd.
»Sie nicht?«
»Doch, natürlich.«
Wieder der besorgte Blick. Sie entschied sich für die große Variante: Salat, Linguine und die würzigen Scaloppine al Marsala mit grünen Bohnen, die sie schon kannte. Drei Gänge, genug mechanische Arbeit, um sich auf den Fall zu konzentrieren und weniger auf ihr Gegenüber. Den Wein schlug sie aus.
»Sie sind immer im Dienst«, bemerkte er bedauernd und bestellte sich ein Glas Brunello, wie sie es, weiß Gott, auch benötigt hätte.
»Was führt Sie denn so häufig nach London?«, fragte sie zwischen zwei Bissen Brot. »Wohnt Ihre Freundin hier?«
Sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen. Zum ersten Mal verschwanden die Sorgenfalten von seiner Stirn. »Meine Freundin«, sagte er gedehnt. »Ja – die hat einmal hier gewohnt. Dann ist sie eines Tages abgereist. Ist schon eine Weile her.«
»Sie Ärmster.«
»Ich hab’s überlebt, wie Sie sehen. Jetzt kennen Sie meine persönlichen Verhältnisse.« Das Sorgenfältchen erschien wieder. »Um auf Ihre eigentliche Frage zurückzukommen: Ich bin praktisch jede Woche einmal in der City. Wir pflegen einen regen Informationsaustausch mit unsern Kollegen am Imperial College. Zufrieden, Detective Sergeant?«
Sie überhörte die Spitze. »Stand auch auf Ihrer Liste«, murmelte sie nur. Sie schenkte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Salat. Er wartete, bis sie die Gabel weglegte, dann wollte er wissen, wie sie mit den Ermittlungen vorankam.
»Dazu darf ich nichts sagen, das wissen Sie. Aber wollten nicht Sie mir etwas erzählen?«
Er nickte bedächtig. »Ja, schon. Ist wahrscheinlich gar nicht wichtig.«
»Nicht wichtig?«, rief sie überrascht aus. »Und dafür opfere ich meinen Feierabend?«
»Ist doch gut hier.«
»Sie haben Nerven.«
Er reagierte bestürzt: »Jetzt sind Sie sauer.«
Die Pasta ersparte ihr die Antwort. So sehr sie auch kaute, der Gedanke ließ sich nicht vertreiben, dass sie einem Verdächtigen gegenübersaß. Zu allem Überfluss schien er sich in ihrer Gegenwart wohlzufühlen. Noch schlimmer: Ihr erging es ebenso. Warum konnte Dr. Roberts nicht einer der arroganten Sorte sein, die versuchten, die Polizei mit lateinischen Fachwörtern in die Flucht zu schlagen? Mit solchen Typen wusste sie umzugehen. Warum war ausgerechnet ihr Verdächtiger ein liebenswerter Kerl, den sie am liebsten ans Herz drücken würde wie ihren Teddy, so besorgt, wie er sie dauernd anblickte?
Der Teller war leer. Sie nippte an ihrem Wasserglas, dann forderte sie ihn auf: »Nun schießen Sie mal los.«
Seine Sorgenfalte verschwand für einen Augenblick. Sie spricht wieder mit mir, schien er zu denken. Er trank den Rest des Rotweins aus, tupfte sich die Lippen trocken, dann sagte er kleinlaut: »Professor Pickering führt eine Privatklinik. Fast ausschließlich Nierentransplantationen.«
Sie starrte ihn an, als hätte er sie ins Gesicht geschlagen. »Und das erfahre ich erst jetzt?«, schnaubte sie erregt.
»Es – tut mir leid, wirklich. Ich habe einfach nicht daran gedacht. Erst später ist mir eingefallen, dass es vielleicht wichtig sein könnte für Ihren Fall, obwohl ich mir das, ehrlich gesagt, nicht vorstellen kann.«
»Das zu entscheiden, überlassen Sie besser uns.«
Kopfschüttelnd fragte sie sich, wie sie so etwas bei der Vorbereitung des Besuchs in Cambridge übersehen konnte. Er beantwortete die Frage gleich selbst:
»Die Klinik heißt ›Winchmore Manor‹. Sie liegt im Westen von Cambridge und läuft auf den Mädchennamen seiner Frau, Lady Warton.«
»Deshalb ist sie uns nicht aufgefallen«, murmelte sie. »Ausschließlich Nierentransplantationen? Lohnt sich das?«
»Oh ja. ›Winchmore Manor‹ ist eine sündhaft teure Privatklinik, und der Name des Professors steht für medizinische Spitzenqualität. Ich selbst habe nichts mit der Klinik zu tun, aber ich weiß, dass dort nur Top-Leute operieren. Die Erfolgsquote liegt denn auch deutlich über dem Durchschnitt.«
»Wer kann sich diese teure Medizin leisten?«
»Vor allem Ausländer. Die Patienten kommen vorwiegend aus Israel und der Golfregion.« Er zögerte, bevor er lächelnd beifügte: »Kaum aus Pakistan.«
Sie stutzte. Hatte sie ihm erzählt, dass der Tote Pakistani war? Sie hatte. Die nächste Frage musste sie stellen, obwohl seine Antwort nur »Nein« lauten konnte. Der Gesichtsausdruck würde ihn verraten, falls er versuchte zu lügen. »Halten Sie es für möglich, dass in ›Winchmore Manor‹ eine Schweineniere verpflanzt wurde?«
»Ausgeschlossen.«
Kein Zögern, kein Wimperzucken, keine Spur von Stress in Gesicht und Stimme. Wenn sie nicht alles täuschte, sagte er die Wahrheit.
»Darum erscheint mir die Klinik ja auch nicht wichtig«, fuhr er fort. »Das Transplantationswesen ist streng reglementiert. Das ›NHSBT‹, das Direktorat des National Health Service für Organ- und Bluttransplantationen, kontrolliert und koordiniert Spender und Empfänger. Da bleibt kein Spielraum für solche Experimente. Trotzdem würde mich Ihre Gewebeprobe interessieren.«
»Sie haben selbst nichts mit der Klinik zu tun, sagten Sie?«
»Richtig. Der einzige Kontakt besteht in periodischen Informationsveranstaltungen, an denen wir unsere Forschungsergebnisse präsentieren.«
Nach dieser Bestätigung kehrte ihr Appetit zurück. Während sie die nur noch lauwarmen Schnitzel aß, überlegte sie, was die neue Information bedeutete. Vielleicht gar nichts. Ein weiteres Teil des Puzzles, von dem sie noch nicht einmal wusste, ob es sich am Ende zu einem Bild fügen würde.
»Enttäuscht?«, fragte er, nachdem der Kellner das Geschirr abgeräumt hatte.
Schau nicht so gequält, flehte sie im Stillen. Laut meinte sie: »Keineswegs. Es ist gut, dass Sie uns informiert haben.«
Das dienstliche Uns. Um die Härte der kühlen Formulierung etwas abzufedern, schenkte sie ihm ein warmes Lächeln. Das musste genügen als Nachtisch für ein dienstliches Dinner.
Kapitel 4
Newham, Greater London
Das dunkle, von Entbehrungen und Strapazen zerfurchte Gesicht des Mannes spiegelte sich im schmierigen Schaufenster. Der drahtige, athletische Körper deutete auf einen durchtrainierten Mann mittleren Alters hin. Ein verstörender Kontrast zu seinem Greisengesicht. Er musste Inder oder Pakistaner sein. Der Kleidung nach zu schließen, gehörte er zwar nicht zur Oberschicht, aber er war auch keiner der zerlumpten, armen Schweine, die mit nichts als der Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben in dieses Land kamen. Der Mann verharrte lange Zeit vor dem Schaufenster, studierte das kärgliche Angebot. Er musste die Preisliste schon auswendig kennen, als er endlich zurücktrat. Er beobachtete das Haus und die Umgebung mit grimmigem Blick, als filmte er das Ganze, dann ging er gemessenen Schrittes weiter.
Kopfschüttelnd wandte sich Barton Kingsley wieder seinen Abrechnungen zu. Die Arbeit zerrte an seinen Nerven. Seit Mary ihn nach vierundzwanzig Ehejahren verlassen hatte, blieb der ganze Bürokram an ihm hängen. Das war ungerecht, um es milde auszudrücken. Die Welt war ungerecht. Eine Binsenwahrheit, die er schon als dicker Junge begriffen hatte. Längst vergangene Zeiten. Seither hatte er die Ungerechtigkeit der Welt nicht mehr am eigenen Leib gespürt. Sein Reisebüro in Newham lief ausgezeichnet. Dank seinen guten Beziehungen zog er manch lukrativen Auftrag an Land. Sie konnten sich jedes Jahr anständige Ferien leisten. Flugreisen, eine Kreuzfahrt. Er war drauf und dran, ein Cottage in den Cotswolds zu kaufen. Warum hatte sie ihn verlassen? Ich kann nicht mehr, stand auf dem Zettel, den er eines Morgens vor genau einem Monat auf dem Küchentisch fand. Seither herrschte Funkstille. Was zum Teufel war in sie gefahren? Ein anderer Kerl? In ihrem Alter? Konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Hatte sie plötzlich festgestellt, wie fett er war? Wie schon oft zermarterte er sich das Hirn über ihren Abgang. Nicht so sehr, weil er sie vermisste, außer im Büro, sondern weil die Ungewissheit an ihm nagte. Vielleicht störten sie seine Geschäftspartner. Einige von ihnen mochte sie vom ersten Augenblick an nicht, soviel war klar. Aber was hatte das mit ihrer Ehe zu tun? Er verstand sie einfach nicht, und das steigerte die Motivation für seine Arbeit nicht im Mindesten.
Gerade heftete er den letzten Beleg ab, da erschien das zerfurchte Gesicht wieder an seinem Schaufenster. Was wollte der Unbekannte von ihm? Er zuckte unwillkürlich zusammen, als der Fremde plötzlich entschlossen die Tür aufstieß und eintrat. Er blieb wie gelähmt sitzen, bis der Mann vor ihm stand. Ächzend erhob er sich, während der andere ihn durchdringend musterte. Er versuchte, seine Unsicherheit mit einem geschäftstüchtigen Lächeln zu kaschieren.
»Guten Tag, Sir. Was wünschen Sie?«
Sein Gegenüber starrte ihn weiter unverwandt an und schwieg, als hörte er auf eine innere Stimme, die den Gruß erst übersetzte. Dann fragte er unvermittelt:
»Sind Sie Mr. Kingsley, Barton Kingsley?«
»So ist es. Was kann ich für Sie tun?«
»Sie sind der Besitzer des Reisebüros?«
»Ja.«
Kingsley fragte sich, ob er einem unzufriedenen Kunden gegenüberstand, an den er sich nicht erinnerte. »Warum fragen Sie?«, wollte er wissen. »Ist etwas nicht in Ordnung mit unserem …«
»Wohnen Sie allein in diesem Haus?«
»Hören Sie, warum sagen Sie nicht einfach, was Sie von mir wollen?«
Der Fremde neigte sich über den Tisch. Den Mund nahe an Kingsleys Ohr, wiederholte er die Frage eindringlich.
Kingsley plumpste erschrocken auf den Sessel. Alarmglocken schrillten in seinem Kopf. Im Geiste sah er schon das Messer in der Hand des Fremden aufblitzen. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Während er unter der Tischplatte nach der Waffe tastete, nickte er.
»Ja, ich wohne hier, allein«, bestätigte er, um den andern nicht weiter zu reizen.
Seine Hand umschloss den Griff der Pistole, und sein Puls beruhigte sich etwas.
Auf dem Gesicht des Fremden zeichnete sich ein verächtliches Lächeln ab, dann drehte er sich um und verließ den Laden ohne ein weiteres Wort.
Das geschah vor zwei Tagen.
Zuerst hatte er den weißen Vauxhall Combo nicht weiter beachtet. Nichts Auffälliges, ein Wagen wie viele, die diese Straße passierten. Der Minivan stand seit einer halben Stunde auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Das einzig Ungewöhnliche daran war, dass er während dieser Zeit niemanden ein- oder aussteigen sah. Barton Kingsley wandte sich wieder seinem Computerbildschirm zu, beendete die angefangene Nachricht und wollte die Mail senden, als er unvermittelt innehielt. Auf der andern Seite bewegte sich etwas. Ein Mann stieg aus dem weißen Van. Kingsley erkannte die Gestalt, bevor er das zerfurchte, dunkle Gesicht mit den stechenden Augen sah. Sein Puls beschleunigte sich augenblicklich. Der unheimliche Fremde überquerte die Straße und blieb vor seinem Schaufenster stehen. Er hielt das Gesicht so nah an die Scheibe, dass die Nase das Glas berührte. So starrte er ihn eine Weile an. Mit klopfendem Herzen steckte Kingsley die Pistole ein und erhob sich. Er musste diesem Verrückten endlich beibringen, dass er hier nichts zu suchen hatte. Auf halbem Weg zur Tür glaubte er wieder das verächtliche Grinsen auf dem verwitterten Gesicht zu erkennen, dann drehte sich der Fremde um, ging zum Wagen zurück und fuhr weg.
Ärgerlich bemerkte Kingsley, wie seine Hände zitterten, als er zum Pult zurück schlurfte. Er verstaute die Pistole wieder im Geheimfach, bevor er zum Flachmann in der unteren Schublade griff. Das Zittern hörte erst nach dem zweiten Schluck auf. Sein Atem beruhigte sich. Er konnte wieder klar denken. Der Fremde hatte ihm mit seinem zweiten Auftritt deutlich zu verstehen gegeben, dass er ihn beobachtete, aus welchen Gründen auch immer. Er durfte ihn nicht länger ignorieren. Der Mann war nicht nur lästig. Kingsley traute ihm ohne Weiteres eine Gewalttat zu. Der Mann hatte ihn regelrecht eingeschüchtert. Vielleicht war das seine Absicht? Kingsley hatte das unbestimmte Gefühl, dass mehr dahintersteckte, aber was? Wenn er wenigstens wüsste, wovor er sich fürchtete. Die Polizei einschalten kam nicht infrage. Was sollte er den Beamten erzählen? Überdies brauchte er keine Schnüffler im Haus. Es gab eine bessere Lösung. Er griff zum Telefonhörer, begann die Nummer einzutippen, dann legte er wieder auf. Barton, du bist paranoid, dachte er kopfschüttelnd. Solange er nicht wusste, was der Fremde von ihm wollte, sollte er seine Freunde nicht mit dem Problem belästigen. Zu gefährlich.
Der weiße Wagen tauchte nicht wieder auf. Kingsley setzte die Flasche noch einmal an die Lippen, dann legte er sie mit einem Seufzer ins Schubfach zurück und widmete sich wieder seinen Mails.
Scotland Yard, London
Chris stellte ihre Tasse unter die Düse und drückte auf die Taste. Die eigene Tasse verlieh dem Automatenkaffee ein Minimum an Würde, einen Hauch häuslicher Behaglichkeit, anders als die anonymen Pappbecher. Wenn sie sich schon zu Hause zwischen sprechenden Kartons nicht sonderlich wohlfühlte, durfte der Arbeitsplatz ruhig etwas menschenfreundlicher gestaltet werden. Ron blieb bei den Pappbechern. Die musste man nicht abwaschen.
Sein Telefon klingelte. Während er zuhörte, verfinsterte sich seine Miene.
»O. K., brechen wir die Sache ab«, bestätigte er schließlich und steckte das Handy verdrossen wieder ein.
Ärgerlich enthüllte er die unerfreuliche Nachricht: »Das Gelände am New England Creek bei Southend ist sauber.«
Sie hatte es erwartet. »Der letzte Kandidat?«
»Ja, keines der untersuchten Objekte kommt als Klinik infrage. Jede verdammte Garage, jeden Lagerschuppen, ein Pornostudio, in dem sie Hunde beschäftigten und zwei illegale Bordelle haben die Kollegen ausgegraben. Nichts, keine Spur einer medizinischen Einrichtung. Es ist, als wären unsere Leichen vom Himmel gefallen. Sie stellen die Suche jetzt ein.«
»Dann kann ich ja wieder gehen«, sagte eine bekannte dunkle Stimme hinter ihrem Rücken.
Chris drehte sich um und schaute ins strahlende Gesicht der Pathologin. »Der DCI würde das wohl kaum schätzen, Doctor«, meinte sie.
Dr. Barclay antwortete mit einem kehligen Lachen. »Ach Kindchen, den guten Adam Rutherford wickle ich noch blind um den Finger.«
Chris glaubte ihr aufs Wort. Die Frau verstand es, sich durchzusetzen, das hatte sie schnell gemerkt. Immerhin war es ihr selbst bisher gelungen, der forschen Pathologin ohne Schaden auszuweichen. Begegnungen wie diese ließen sich nun einmal nicht vermeiden. Der DCI hatte das ganze Team aufgeboten für die heutige Lagebesprechung.
»Kaffee?«, fragte Chris überaus freundlich.
»Und süß, meine Süße«, nickte Dr. Barclay. »Womit habe ich diese Aufmerksamkeit verdient?«
Chris reichte ihr den Becher mit drei Stück Zucker. Dazu bemerkte sie: »Wissen Sie, Doctor, das ist eine Art Vorschuss.«
Die Pathologin hörte auf zu rühren und musterte sie misstrauisch.
»Ich hätte nämlich eine Bitte«, fuhr Chris fort.
»Wird mir schwerfallen, sie auszuschlagen«, kicherte die Ärztin.
»Wie Sie wissen, war Ihr Tipp mit Professor Pickering goldrichtig. Wir haben uns in Cambridge ausführlich mit einem Dr. Roberts unterhalten. Der Mann ist Stammzellenforscher und hat angeboten, das Nephron des Toten in seinem Institut zu untersuchen. Er fand den Befund äußerst rätselhaft.«
»Da ist er nicht der Einzige«, lachte Dr. Barclay.
»Ich glaube, es könnte uns weiterhelfen, wenn das Gewebe von den Fachleuten in Cambridge untersucht würde.«
Die Pathologin nippte an ihrem heißen Kaffee. Sie musterte Chris nachdenklich über den Rand des Pappbechers hinweg, als suchte sie die Antwort in ihren Augen. Nach einer Weile stellte sie den Becher ab und nickte. »Pickerings Team ist tatsächlich internationale Spitze auf diesem Gebiet. Wenn jemand das Rätsel lösen kann, dann seine Leute. Geben Sie mir die Adresse, mein Kind.«
Dr. Barclay war ganz in Ordnung, dachte Chris, solange man die Kosenamen ignorierte.
DCI Rutherford versammelte seine Leute vor der Pinnwand, die alle Ermittlungsergebnisse in Form von Fotos, Notizzetteln, Grafiken, Landkarten und vielen Fragezeichen festhielt.
»Also, was haben wir«, begann er. »Erstens: Die Leiche eines jungen Mannes, wahrscheinlich Pakistani, nackt, bei den Towers an der Reculver Beach angeschwemmt. Vor Eintreffen der örtlichen Polizei wieder spurlos verschwunden. Wahrscheinlichste Erklärung: Die Leiche wurde von einem Boot weggeschafft. Sie bleibt bis jetzt verschwunden. Zweitens: Die Leiche eines jungen Mannes, diesmal bekleidet mit einer Art Spitalkleidung. Der Tote stammt höchstwahrscheinlich aus dem Nordosten Pakistans, ist circa 25 bis 30 Jahre alt. Ertrunken im Bereich der Themsemündung. Keine Anzeichen äußerer Gewalt, aber fortgeschrittene Lungenentzündung. Die Spuren an Körper und Kleidern weisen darauf hin, dass der Mann bis zu seinem Tod in klinischer Behandlung war und möglicherweise von dort geflohen ist. Höchstens zwei Wochen vor seinem Tod hat man dem Mann eine Schweineniere verpflanzt. Die andere Niere ist schon früher entfernt worden. Xenotransplantation wird nirgends in diesem Land praktiziert, wenigstens ist das die offizielle Aussage der Kliniken und zuständigen Behörden, soweit wir sie bisher befragt haben. Wie es aussieht, stimmt die Wirklichkeit nicht mit diesen Aussagen überein. Wir haben es hier vielleicht nicht mit Mord zu tun, aber wir gehen zumindest von schweren Fällen fahrlässiger Tötung aus.«
Er betrachtete die Landkarte der Themsemündung eine Weile schweigend. Entlang den Küsten steckten nur noch blaue Nadeln. Die Roten waren verschwunden.
»Die Suche nach medizinischen Einrichtungen hat nichts ergeben, wie ich sehe«, brummte er verdrossen.
Ron bestätigte: »Ja, Sir. Die Suche in beiden Counties wurde heute Morgen eingestellt.«
»Wurde auch langsam Zeit«, flüsterte der alte Sergeant Townsend, laut genug, dass sein DCI es hörte.
»Möchtest du uns etwas sagen, Pete?«, fragte Rutherford gereizt.
Pete Townsend war nicht dafür bekannt, seine Meinung für sich zu behalten. Vielleicht auch ein Grund, weshalb er nie Inspector wurde. Seine Antwort ließ an Klarheit nichts zu wünschen übrig:
»Wir verschwenden nur Zeit mit diesem Fall, Adam. Es ist noch nicht einmal klar, ob er in unser Dezernat gehört. Wer sagt uns, dass der Mann nicht unbemerkt von einem Frachter gefallen ist, der inzwischen schon in China ankert? Die Schweineniere kann sonst woher stammen. Wenn du mich fragst, sollten wir den Fall zu den Akten legen, bis wir eine Vermisstenanzeige haben.«
Chris fühlte sich provoziert. Bevor der DCI reagierte, warf sie entrüstet ein: »Den Fall abschließen? Wir haben gerade erst angefangen.«
Dr. Barclay schien ihr Einwand zu gefallen, im Gegensatz zum DCI. Er warf ihr einen strafenden Blick zu, dann wandte er sich an seinen alten Freund:
»Wir bleiben dran, Pete, ist das klar? Hier ist eine buchstäbliche Schweinerei im Gang, und wir haben zwei Leichen. Motivation genug, nicht locker zu lassen. Meinst du nicht auch?« Er wartete nicht auf die Antwort, leitete zum nächsten Thema über: »Was wissen wir von den Transplantationskliniken?«
»Alle Befragungen negativ, Sir«, antwortete Ron. »Wir haben die ganze Liste abgearbeitet. Niemand will etwas von Xenotransplantation gehört haben.«
»Wir sollten unbedingt mit dem ›NHSBT‹ reden«, ergänzte Chris. »Dr. Roberts meint, die Organisation kontrolliere und koordiniere alle Transplantationen im Land.«
DCI Rutherford schaute sie überrascht an. »Ich kann mich nicht an diese Aussage erinnern.«
»Dr. Roberts hat mich gestern Abend darauf aufmerksam gemacht.«
»Hat er? Und warum erfahre ich das erst jetzt?«
»Es war sehr spät. Ich hatte noch keine Gelegenheit …«
»Sergeant Hegel«, unterbrach der DCI unwirsch, »solche Informationen will ich sofort, egal zu welcher Uhrzeit. Ist das klar?«
»Ja, Sir.«
Sie fühlte, wie sie errötete wie eine Schülerin, die beim Schwindeln erwischt wurde. Rutherford hatte natürlich recht. Sie hätte ihn noch gestern Nacht aufklären müssen. Vor allem über Pickerings Privatklinik. Kleinlaut holte sie das Versäumte nach. Rutherfords Blicke wurden noch finsterer, als sie die Gewebeprobe erwähnte.
»Ist Ihnen klar, Sergeant, dass Sie im Begriff sind, einem Verdächtigen Beweise auszuhändigen?«, fragte er mit verhaltenem Zorn.
»Jetzt mach aber mal halblang, Adam«, wetterte die Pathologin, »wenn dieser Dr. Roberts tatsächlich etwas mit dem unerklärlichen Nephron zu tun hätte, würde er uns dann seine Dienste anbieten? Pickerings Institut ist wesentlich besser ausgerüstet als unser Labor. Es gibt keine fähigeren Spezialisten, um dieses Rätsel zu lösen. Und überdies würde ich schnell feststellen, ob sie etwas verheimlichen. Das kannst du mir ruhig glauben.«
Der Rest der Besprechung verlief vergleichsweise ruhig. Rutherford beeilte sich, die nächsten Aufträge zu erteilen, dann winkte er Chris zu sich.
»Sie kommen mit, Sergeant.«
Sie folgte ihm ins Büro. Er schloss die Tür und setzte sich, ohne sie aufzufordern, das Gleiche zu tun. Er musterte sie nachdenklich, bevor er begann:
»Nun erzählen Sie mir mal ganz genau, wie das gestern Abend ablief.«
»Sir, da lief nichts«, wehrte sie ab. »Dr. Roberts hat mich angerufen, danach haben wir uns getroffen. Er war zufällig in London und hatte wichtige Informationen, wie er behauptete.«
So sehr sie sich auch bemühte, das Dinner mit Dr. Roberts rein dienstlich aussehen zu lassen, in den Augen des DCI war es nichts weniger als unprofessionelles Verhalten. Das machte er ihr unverhohlen klar. In Deutschland nannte man so etwas Standpauke. Bevor er sie mit einer Handbewegung entließ, schärfte er ihr ein:
»In Zukunft informieren Sie mich, bevor sie sich mit einem Verdächtigen treffen, verstanden?«
Zu aufgewühlt, um zu antworten, nickte sie nur und verließ Rutherfords Terrarium.
South Kensington, London
Wenigstens hatte der DCI den Anstand, sie nicht vor versammelter Mannschaft abzukanzeln. Schwacher Trost. Der Rest ihres Tages war ruiniert. Wie sehr ihr die Predigt des DCI zusetzte, merkte Chris erst am Abend zu Hause, als die Teile des ›BILLY‹ vor ihr auf dem Boden lagen und sie die Anleitung für Analphabeten studierte. Wie im Delirium schraubte sie das Gestell zusammen, räumte ein, leerte die andern Kartons, putzte, saugte ohne Pause, bis der Ärger über sich und ihren empfindlichen Chef zu verrauchen begann. So hatte auch dieser Tag am Ende noch etwas Gutes. Ihre Wohnung glänzte wie nie zuvor und es standen keine sprechenden Schachteln mehr im Weg.
Die Arbeit machte sie hungrig. Die paar Brotscheiben waren so staubtrocken, dass sie nicht einmal als Toast taugten, und im Kühlschrank brauchte sie nicht erst nachzusehen. Der kühlte die ganze Zeit bloß Luft. Ein anständiges, warmes Essen an einem nett gedeckten Tisch wäre genau richtig, aber es war zu spät, um auszugehen. Für solche Fälle gab es den Laden des Rashid Barija.
Der Alte begrüßte sie freudig. Um seinen dürren Hals hatte er einen Schal geschlungen, und seine Stimme klang immer noch heiser. Das hinderte ihn nicht daran, ihr wortreich zu versichern, die Geschichte mit seiner Erkältung sei maßlos übertrieben.
»Mit solchen Dingen ist nicht zu spaßen«, warnte Chris.
»In meinem Alter meinen Sie.« Seine Antwort erheiterte ihn bis zum Hustenreiz.
»Sehen Sie? Sie müssen sich schonen, Rashid.«
Sie ging nach hinten, wo die Essig Crisps im schummrigen Licht warteten. Als sie mit ihren Einkäufen wieder an der Kasse stand, schaute Rashid sie verschmitzt an und sagte:
»Ich habe Sie gesehen.«
»Das wundert mich wahrlich nicht.«
Wieder ein kurzer Hustenanfall, dann fragte er ernst: »Sie sind Polizistin, nicht wahr?«
Das überraschte sie nun doch. Woher konnte er wissen …
»Da staunen Sie«, kicherte der Alte. »Ich habe Sie neulich nachts aus einem Polizeiauto steigen sehen.«
Ron! Ihr Kollege musste das Blaulicht auf dem Dach gelassen haben, als er sie nach Hause fuhr. Sonst trug sein Wagen keine besonderen Kennzeichen. Sie nickte schmunzelnd. »Sie sind ein guter Beobachter, Rashid. Sie haben mich überführt.«
»Ich werde Ihr Geheimnis natürlich für mich behalten, keine Angst«, versicherte er.
»Ach, das ist kein Geheimnis. Es ist ein Beruf wie jeder andere.«
Rashid schüttelte den Kopf. »Sagen Sie das nicht. Sie müssen sich mit dem schlimmsten Gesindel herumschlagen. Ist es nicht so?«
»Kommt ganz darauf an, bei welcher Truppe man arbeitet.«
Er quittierte den Betrag an der Kasse und zählte das Wechselgeld ab. »Wenn ich mir vorstelle, ich müsste einen Toten aus dem Wasser ziehen«, murmelte er wie zu sich selbst.
»Auch das kommt nicht jeden Tag vor«, lachte sie.
Er stellte ihr die volle Tüte hin. »Nicht alle Tage«, meinte er betrübt, »aber erst vor Kurzem hat man doch einen jungen Landsmann herausgezogen. Unten an der Themsemündung.«
Aus den Medien konnte er diese Information nicht haben. Sie war sicher, dass nichts über die Identität des Toten veröffentlicht worden war. »Wissen Sie etwas darüber?«, fragte sie misstrauisch.
»Ich hab’s nur gelesen.«
Sie ließ nicht locker. »Wenn Sie etwas darüber wissen, müssen Sie es der Polizei melden, Rashid. Das ist wichtig.«
Eine Weile hielt er ihrem forschenden Blick stand, dann schüttelte er bedächtig den Kopf. »Ich weiß wirklich nichts, Miss Chris. Der Mullah hat am Freitag darüber gesprochen.«
»Der Mullah? Wen meinen Sie?«
»Mullah Rakhshani. Er kennt alle und weiß alles, was in unserer Gemeinschaft vorgeht.«
»Mullah Rakhshani«, wiederholte sie nachdenklich. »Hier in London?«
»Im Osten, Newham.«
Er kritzelte etwas auf einen Notizzettel und gab ihn ihr.
»Da finden Sie ihn, wenn Sie mit ihm sprechen wollen.«
»Danke. Aber wenn er etwas weiß, hätte er die Polizei informieren sollen.«
Rashid zuckte die Achseln. »Er wird seine Gründe haben«, meinte er nur. »Der Mullah hat immer gute Gründe für das, was er tut. Er ist ein weiser Mann.«
Oder nur schlau, dachte sie. Bevor sie sich verabschiedete, fragte sie wie üblich nach dem Wohlbefinden der Familie. Im Sozialleben der Barijas kannte sie sich besser aus als in ihrer eigenen Verwandtschaft. Schließlich verließ sie den Laden mit dem Gruß, den sie auch hier gelernt hatte: »Khuda Hafiz« – »Gott möge Sie beschützen.«
Noch bevor sie das Haus erreichte, öffnete sie eine der Tüten mit dem salzigen Knuspergebäck, nur um sicherzugehen, nicht vor der Haustür umzukippen.
Sie hörte ihr Handy schon im Treppenhaus.
»Wo stecken Sie denn die ganze Zeit?«, polterte ihr offensichtlich ungehaltener Chef.
»Entschuldigen Sie, Sir, ich …«
»Schon gut, sparen Sie sich die Ausrede. Wir müssen uns unterhalten.«
Versuchen wir gerade, dachte sie und schob zum Trotz noch einen Kartoffelchip in den Mund.
Der DCI hörte es knacken. »Was ist das?«
»Ich habe noch nichts gegessen, Sir«, erklärte sie während des Kauens.
»Morgen früh um sieben.«
Morgens um sieben. Die Zeit der Krisensitzungen. »Worum geht’s, wenn ich fragen darf?«
»Werden Sie morgen erfahren.«
»O. – K.«, sagte sie gedehnt. »Dann um sieben bei Ihnen im Büro.«
»Nicht im Büro. Kennen Sie das ›Waterside Café‹? Egal, es liegt mitten in Little Venice. Sie werden es schon finden. Gute Nacht.«
Ihre Antwort hörte er nicht mehr. Sie legte die Crisps angewidert weg und trank einen Schluck Wasser. Der Appetit war ihr vergangen. Wollte Rutherford sie rauswerfen? Warum nicht im Büro? Fragen über Fragen. Eine unruhige Nacht lag vor ihr, darauf würde sie einiges wetten.
Darmowy fragment się skończył.