Czytaj książkę: «Strohöl»
Strohöl
Impressum
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
Hansjörg Anderegg
Hansjörg Anderegg
Strohöl
Der 6. Fall mit BKA-Kommissarin Chris
Thriller
Impressum
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
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Print-ISBN: 978-3-96752-198-6
E-Book-ISBN: 978-3-96752-696-7
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unter Verwendung der Bilder:
Stockfoto-Nummer: 1929147230, 1181778928
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Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag
Hergestellt in Bremen, Germany (EU)
XOXO Verlag
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Gröpelinger Heerstr. 149
28237 Bremen
Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
KAPITEL 1
ÜBERLINGEN
Judith – was für ein bescheuerter Einfall, dachte Emma. Es war nicht ihr erster Einsatz unter falschem Namen aber mit Abstand der dümmste. Sie wollte nur weg. Barbarossa reichte es noch nicht, obwohl sie den Kanister sichergestellt hatten, ihn nur ins Auto schaffen und verschwinden mussten. Im Scheinwerferlicht der Versuchsanlage leuchtete sein roter Vollbart, als stünde er in Flammen. Breitbeinig, mit erhobener Faust, stand er vor der Fracking Bohrstelle wie Hagen vor Siegfried, bevor er ihm den Speer zwischen die Schulterblätter rammte.
»Judith, wir werden uns nicht verdrücken wie Blagen aus Nachbars Garten«, sagte er feierlich. »Wir erfüllen eine wichtige Mission. Denen müssen wir zeigen, wer da war.«
»Du bist verrückt. Lass uns abhauen! Dein Verdacht wird sich bestätigen, sobald der Inhalt des Kanisters untersucht ist. Du hattest recht. Du bist der Größte. Was willst du mehr?«
Im Schatten der Stahltanks rannte sie mit dem Kanister übers Feld in die Richtung, wo sie ihr Auto vermutete. Ihre Hände fühlten sich klamm an trotz der trockenen Hitze der Hochsommernacht. Angstschweiß. Sie wagte erst, sich umzusehen, als sie das Streulicht der Scheinwerfer nicht mehr streifte. Die Versuchsanlage glich entfernt einer mobilen Erdölraffinerie im Kleinformat, als hätte jemand die Container, Stahlgerüste, Trucks, Tanks, Pumpen und Rohrleitungen mit ihren mannshohen Ventilen als Kulisse für einen Katastrophenfilm aufs Feld gestellt. Nur die zwei zwanzig Meter hohen Bohrtürme deuteten darauf hin, dass hier tatsächlich gearbeitet wurde. Das Bohrgestänge hatte sich wohl schon kilometerweit ins Gestein gefressen, um dem Tonschiefer mit allen Mitteln noch den letzten Rest gefangenen Erdgases zu entreißen. So genau wollte sie es gar nicht wissen. Das Auto in Reichweite, gab es nur ein Ziel: abfahren.
Barbarossa hatte den Zündschlüssel in der Tasche, doch er war nirgends zu sehen, wie vom Erzboden verschluckt.
»Dieser verdammte Idiot!«, rief sie und schleuderte den Kanister wütend gegen das Auto.
Der Verrückte musste ins Magazin zurückgekehrt sein, ins Lager, wo sie das Beweisstück gefunden hatten und wo jetzt ein Blitz einschlug, der alles überstrahlte. Die Detonation ließ den Boden unter ihren Füßen zittern, dass sie vor Schreck beinah das Gleichgewicht verlor. Die Explosion musste bis nach Überlingen zu hören sein. Die Lagerhalle, ein einziger Feuerball, spie dichten, schwarzen Rauch in ihre Richtung. Es stank nach Diesel, Ruß und faulen Eiern. Die Zeit blieb stehen. Sekundenlang starrte sie wie gelähmt auf die Lagerhalle, die sich vor ihren Augen im Funkenregen in Rauch und Asche verwandelte, als hätten die Bohrer der Fracking Anlage den Deckel der Hölle durchstoßen. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander wie die Rauchschwaden im Licht der Scheinwerfer. Unfähig, sich zu rühren, musste sie sich eingestehen, dass sie die neue Lage vollkommen überforderte. Eine Alarmsirene begann zu heulen. Wie auf einen Schlag wimmelte es von Arbeitern, die aus den Wohncontainern strömten und aufs freie Feld flohen. Eine Kolonne blinkender Blaulichter näherte sich vom See her, während erste Wasserstrahlen aus dem Tanklöschfahrzeug der Versuchsanlage in den Himmel schossen. Das Horn der anrückenden Feuerwehr rief ihr endlich in Erinnerung, dass sie nicht allein hierhergekommen war.
»Barbarossa!«, keuchte sie entsetzt.
Wie in Trance zerrte sie den Feuerlöscher aus dem Kofferraum. Ihr Kopf stieß an den Deckel. Die scharfe Metallkante hinterließ eine blutige Schramme, doch sie bemerkte den Schmerz nicht. Die erste Welle der Gluthitze traf sie auf halben Weg zum Feuer. Die Knie gaben nach. Sie stolperte, fiel der Länge nach hin. Der Feuerlöscher entglitt ihr. Als sie ihn vor sich im Gras liegen sah, begriff sie die Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens. Sie ließ das lächerliche Gerät liegen, raffte sich auf und näherte sich vorsichtiger der Stelle, wo einmal das Tor der Halle gestanden hatte.
»Barbarossa!«, schrie sie unentwegt.
Sie kannte seinen richtigen Namen nicht, genauso wie er sie vor Kurzem nur als Judith kennengelernt hatte. Das Lager war nicht mehr zu retten. Die Feuerwehr richtete ihre Strahlrohre und Schaumkanonen auf die nahen Stahltanks und Druckleitungen, um weiteren Schaden zu verhindern. Sie rief aus Leibeskräften. Die Rufe verhallten ungehört im Zischen und Prasseln des Feuers. Glühende Balken verbogen sich singend. Ein Knall wie von einer zweiten Explosion fuhr ihr in die Glieder, dass sie ein paar Schritte rückwärts taumelte, gerade rechtzeitig, um dem Stahlträger auszuweichen, der zwei Meter vor ihren Füßen auf den Boden krachte. Zitternd wich sie weiter zurück. Die Flammen sprangen auf einen Eimer über. Der Inhalt explodierte in einem grellen Blitz, der die Umgebung für einen Sekundenbruchteil taghell erleuchtete. Sie sah es dennoch deutlich: die schwarze Sonnenblume, das Zeichen der Umweltaktivisten, deren Anführer Barbarossa war. Nur er konnte es ans Tor gesprayt haben.
»Barbarossa!«
Verzweifelt rannte sie an der brennenden Fassade entlang, direkt in die Arme eines Feuerwehrmannes.
»Sie sind verletzt«, sagte er. »Ich bringe Sie zum Notarzt.«
»Barbarossa«, antwortete sie.
Ihr verängstigtes Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen erschreckte ihn.
»Sie stehen unter Schock«, schloss er messerscharf, griff ihr unter die Arme und führte sie weg aus der Gefahrenzone.
Sie hing an ihm wie ein Sack Kartoffeln vom nahen Acker, während sie die Umgebung verzweifelt nach einer Spur ihres Begleiters absuchte.
»Er muss hier irgendwo sein«, murmelte sie kaum verständlich.
»Vermissen Sie jemanden? Waren Sie in der Halle, als es passierte?«
»Barbarossa war da.«
»So wird das nichts.« Er schulterte sie mit dem Rettungsgriff. »Schlingen Sie die Arme um meinen Hals. Halten Sie sich fest. Geht das?«
Er trug sie im Laufschritt huckepack zum Rettungswagen, wo er sie in die Arme des Sanitäters gleiten ließ. Ohne ein weiteres Wort rannte er zum Löschtrupp zurück, um das Phantom Barbarossa zu suchen. Der Notarzt stellte sich als Frau in ihrem Alter heraus. Kaum hatte sie begonnen, Fragen zu stellen, erregte eine zweite Gruppe Nothelfer ihre Aufmerksamkeit. Ein scheinbar lebloser Mann lag auf der Trage. Sie stand bei ihnen, bevor sie den Rettungswagen erreichten.
»Barbaros…«
Der Schwerverletzte war nicht ihr Begleiter. Ein zweiter Unbekannter hing bereits im Auto am Tropf, Sauerstoffmaske über Mund und Nase. Er war bei Bewusstsein. Sie beugte sich zu seinem Ohr hinunter.
»Haben Sie einen Mann mit rotem Haar und Vollbart in der Halle gesehen?«
Er blickte sie mit zugekniffenen Augen an und stöhnte. Die Ärztin zog sie ärgerlich beiseite.
»Was fällt Ihnen ein?«
Sie murmelte eine Entschuldigung und entfernte sich. Der Verletzte hatte ihre Frage beantwortet. Sein Kopfschütteln war nicht zu übersehen gewesen.
»Warten Sie!«, rief die Ärztin. »Ihre Wunde am Kopf muss versorgt werden. Bleiben Sie stehen.«
Sie wankte weiter wie eine Schlafwandlerin auf die Gruppe Zuschauer zu, die sich von Minute zu Minute vergrößerte. Barbarossa war untergetaucht. Eine andere Erklärung fiel ihr nicht ein. Die Gaffer hatten keinen roten Vollbart gesehen. Von Weitem bemerkte sie, wie die Polizei Barbarossas Auto durchsuchte. Das Fahrzeug konnte sie sowieso vergessen – ohne Zündschlüssel. Sie war zwar geübt, in rechtlichen Grauzonen zu operieren, aber die Kunst des Autoknackens beherrschte sie nicht. Vielleicht wartete er aufs erste Schiff nach Konstanz Wallhausen. Sie brauchte dringend einen Transport zum See. Ein Zuschauer im Trainingsanzug, der genug gesehen hatte, nahm sie mit nach Überlingen.
Kein Barbarossa weit und breit. Einmal mehr hörte sie die zwei Akkorde von Mötörhead auf seinem AB. Sie verzichtete auf eine weitere Nachricht. Der feine Herr blieb wie vom Erdboden verschwunden. Er würde ihr einiges zu erklären haben. Kein Zweifel: Es war ihr dümmster Einsatz seit Langem.
Sie erschrak ob der Fratze, die sich im ersten Licht des Tages im Fenster einer Bäckerei spiegelte. So durfte keine Mutter eines Fünfjährigen aussehen, wollte sie ihr Kind behalten. Sie strich sich das Haar notdürftig mit den Fingern glatt, worauf das eingetrocknete Blut auf der Stirn wie Besenreiser hervortrat.
Als das Schiff endlich ablegte, fiel ihr Äußeres dem Personal und den wenigen Fahrgästen kaum noch auf. Sie stand während der kurzen Überfahrt an der Reling und starrte unentwegt ins Wasser, damit niemand auf den Gedanken kam, mit ihr über die Explosion in der nahen Fracking Anlage zu sprechen. Kaum hatte sie festen Boden unter den Füßen, sprang sie ins nächste Taxi. Im letzten Moment unterdrückte sie die automatische Ansage »Paradies«, wo sie mit der jüngeren Schwester und dem kleinen Julian wohnte, die wie immer nichts von ihrem nächtlichen Ausflug ahnten. Sie durfte noch nicht nach Hause zurückkehren. Erst musste sie wissen, in welches Schlamassel sie geraten war.
»Mittelzell, Reichenau«, sagte sie und schloss die Augen.
INSEL REICHENAU
»Hier wollen Sie aussteigen?«, fragte der Taxifahrer verwundert.
Das einsame Holzhaus an der Feldstraße glich eher einem verlassenen Stall denn einem Wohnhaus. Von der Straße aus war der üppige Garten mit den Hängematten und dem Froschteich nicht zu sehen. Sie drückte dem Fahrer einen Zwanzigeuroschein in die Hand.
»Stimmt so«, sagte sie und stieg aus.
Sie wartete, bis er außer Sichtweite war, bevor sie das Haus betrat. Bauer Lorenz rammte sie beinahe unter der Tür, so eilig hatte er es, sein Haus zu verlassen.
»Die spinnen doch alle zusammen«, knurrte er.
»Was ist denn los?«
»Ihre Kollegen schwirren im Haus herum, als hätte ich ins Wespennest gestochen. Dabei starren sie auf ihre Handys und haben Stöpsel in den Ohren, dass sie kein Wort verstehen.«
»Ein Wespennest?«
Lorenz nickte. »Unter dem Dach. So was kommt halt vor auf dem Land. Ihr könnt mich ja anrufen, wenn ihr euch beruhigt habt, falls euch das Nest dann immer noch stört.«
Damit trat er ins Freie und schlug die Tür zu. Während sie den Traktor wegfahren hörte, bereitete sie sich geistig aufs doppelte Wespennest im Haus vor. Barbarossas Truppe bestand aus überzeugten Umweltschützern, Aktivisten für eine bessere Zukunft, wie sie sich bezeichneten, grüner als jede grüne Partei. Die vier Männer und zwei Frauen, alle mindestens zehn Jahre jünger als sie, hatten sich im notdürftig zu Wohnungen umgebauten Stall von Bauer Lorenz als Studenten eingenistet. Bei Dreien stimmte die Berufsbezeichnung ungefähr, obwohl sie bisher nicht herausgefunden hatte, was die Kollegen eigentlich studierten. Jedenfalls trieben sie sich regelmäßig auf dem Campus der Uni Konstanz herum. Dort hatte sie den Anführer dieser weltfremden Ökologen entdeckt. Er wäre ihr nicht aufgefallen, hätte er nicht mit seinen intimen Kenntnissen der Versuchsanlage bei Überlingen geprahlt. Solches Wissen war Gold wert für ihre Recherche. Deshalb spielte sie jetzt die Judith im Wespennest. Die andern Drei, alles Männer, hatten nie ein Abitur geschafft. Dennoch konnten sie einen nächtelang mit Theorien über die Gefahren von Genmais, Kernenergie und Fracking zutexten, als hätten sie ein Leben lang nichts anderes studiert.
Sie stieß die Tür auf, an der die schwarze Sonnenblume prangte. Barbarossa war nicht da. Sobald die erste junge Frau den Blick von ihrem Handy lösen konnte, riss sie sich die Stöpsel aus den Ohren und schrie sie an:
»Wo ist er?«
Im Nu waren die Smartphones mit der Live Berichterstattung aus Überlingen nicht mehr wichtig. Die Gruppe umringte sie, dass sie kaum Platz fand, sich zu setzen.
»Ich habe angenommen, Barbarossa sei bei euch«, sagte sie betont kühl, obwohl sie ein Kribbeln im Bauch spürte, als hätten die Wespen dort genistet.
»Was erzählst du für einen Schwachsinn«, rief ein anderer. »Ich denke, du wolltest unbedingt mit ihm nach Überlingen. Wo wart ihr denn, als der ganze Dreck in die Luft flog?«
Bevor sie antworten konnte, fuhr seine Kollegin dazwischen:
»Zwei Verletzte soll es gegeben haben, erzählen die in den Nachrichten, einer schwer. Ist er …?«
Sie sorgte sich offensichtlich sehr um Barbarossa. Emma beruhigte:
»Ich habe die Verletzten gesehen. Barbarossa war nicht dabei. Er ist plötzlich verschwunden. Ich habe überall gesucht, das könnt ihr mir glauben.«
»Er geht nicht an sein Handy.«
»Das habe ich auch schon festgestellt.«
»Sieht ihm gar nicht ähnlich«, bemerkte der Kollege mit der hohen Denkerstirn. »Verschwunden sagst du? Was heißt verschwunden?«
»Verschwunden ist das Partizip Perfekt von verschwinden«, gab sie bissig zurück. »Wir haben einen Kanister mit Giftcocktail als Beweis sichergestellt, da wollte er unbedingt noch einmal ins Lager zurück.«
»Wollte …«
»Er war dort. Ich habe sein Zeichen am Tor gesehen, frisch gesprayt. Dann fliegt die Halle in die Luft und ich sehe ihn nicht mehr.«
»Er ist in die Luft geflogen!«, rief die besorgte junge Dame hysterisch.
Die Konversation stockte für einen Augenblick, bis Emma den Gedanken aussprach, der sie den ganzen Weg hierher beschäftigt hatte.
»Es ist angezeigt, mit der Wahrheit herauszurücken, meint ihr nicht auch?«, fragte sie lauernd.
Fünf Augenpaare starrten sie an.
»Ich denke, es wäre nur fair, mich jetzt über Barbarossas ›hidden agenda‹ aufzuklären. Immerhin wäre ich um ein Haar abgekratzt.«
»Ich höre immer ›hidden agenda‹. Was erzählt die Braut da?«, brummte einer, der bisher nur mit vernichtenden Blicken kommuniziert hatte.
»Es ist doch auffällig, dass das Lager just in dem Moment hochgeht, als er dahin zurückkehrt«, hakte sie nach.
Beide jungen Frauen drohten, ihr an die Gurgel zu springen.
»Das ist eine ganz infame Unterstellung. Barbarossa würde nie Gewalt anwenden«, behauptete die Denkerstirn. »Wir sind keine Terroristen. Und überhaupt – woher sollte er den Sprengstoff haben?«
Das war die zweite Frage, die sie schon stundenlang beschäftigte. Auch sie ging von einem Sprengstoffanschlag aus, obwohl noch keine offizielle Bestätigung der Behörden vorlag. Wie viel Sprengstoff braucht es, um ein solches Höllenfeuer zu zünden? Wahrscheinlich nicht mehr, als was in Barbarossas Rucksack passte – bei der Menge hochexplosiven Materials im Lager auf dem Fracking Gelände.
»Die Braut war mir von Anfang an suspekt«, brummte der Schweigsame, ohne sie anzusehen.
»Ihr könnt mich mal«, herrschte sie ihn an. »Fragt doch euren Barbarossa, was wirklich geschehen ist, falls er doch noch auftaucht. Für mich war‘s das jetzt. Und merkt euch: Mich habt ihr nie gesehen. Haben wir uns verstanden?«
Das Handy summte auf dem Weg zu ihrem Zimmer. Sie erschrak, als sie auf dem Display sah, wie spät es geworden war. Um diese Zeit hätte sie längst zu Hause sein müssen. Die kleine Schwester am Apparat begrüßte sie entsprechend aufgebracht.
»Wo steckst du die ganze Zeit, verdammt noch mal?«
»Tut mir leid, Kleines …«
»Du sollst mich nicht so nennen. Geht das nicht in deinen Kopf? Es ist schon acht vorbei, und ich muss zur Uni.«
»Wie geht es Julian?«
»Er schläft wie ein Murmeltier. Das ist ja das Problem. Ich hätte ihn längst in die Kita bringen müssen.«
Ihre kleine Schwester konnte manchmal unglaublich kompliziert sein. Ob sie das von ihrem Vater geerbt hatte? Er war ein bekannter Politiker gewesen und berüchtigt für seine unverständlichen Formulierungen, die oft in unvollendete Sätze mündeten.
»Warum weckst du ihn nicht auf?«
»Du hast gut reden! Nachher bin ich schuld an seinen psychischen Problemen. Was ist, wenn er plötzlich ADHS entwickelt?«
»Weil du ihn weckst? Ich glaube, du verwechselst da etwas. Also, liebes Schwesterherz: Drücke Julian einen dicken Kuss von mir auf die Wange und bringe ihn in die Kita, dann fährst du zur Uni, in dieser Reihenfolge. Schaffst du das?«
»Maria hat auch schon nach dir gefragt«, tönte es beleidigt aus dem Hörer. »Wo warst du denn die ganze Nacht? Warum hast du dein Handy ausgeschaltet?«
»Ich war auf Recherche, das weißt du doch.«
»Und was hat die ach so studierte Frau Journalistin recherchiert?«
»Das willst du nicht wissen.«
Es knackte in der Leitung, dann kam der Summton. Emma lächelte glücklich, während sie die Tasche packte. Zu Hause im Paradies war die Welt in Ordnung. Ihre Schwester hatte den Kleinen ins Herz geschlossen wie einen eigenen Sohn. Und drüben in Wollmatingen lebte und arbeitete ihre große Liebe Maria, das Beste, was ihr das Schicksal geschenkt hatte – nach Julian. Die kleine Welt am Bodensee war eine einzige Idylle, fast zu schön, um wahr zu sein. Ach was, Konstanz, die ganze Region rund um den schönsten See Europas war ein einziges Paradies, dachte sie, um sich sogleich zu korrigieren: gewesen. Als Journalistin bemühte sie sich stets, sachlich zu urteilen, aber die Bohrtürme bei Überlingen empfand auch sie als Bedrohung der sonst weitgehend intakten Landschaft. Warum mussten ausgerechnet hier ergiebige Tonschiefer-Schichten entstanden sein? Warum konnte dieses Gestein nicht wenigstens so tief liegen, dass ein Petrochemie-Konzern wie die NAPHTAG die Finger davon ließ? Sie dachte schon beinahe wie Barbarossas Jünger.
Ihr Gastspiel war beendet. Sie hatte den Kanister aus dem Lager der Fracking Anlage zwar nicht retten können, war aber überzeugt, auch ohne dieses Beweisstück genug in der Hand zu haben, um den Verantwortlichen der NAPHTAG ordentlich auf die Zehen zu treten. Sie rief ein Taxi, schulterte die Tasche und verließ das Haus.
LEVERKUSEN
Fabian Schröder betrat das Sitzungszimmer als Letzter. Vertieft in die Lektüre des druckfrischen Berichts über den Anschlag auf sein Projekt am Bodensee, würdigte er die übrigen Sitzungsteilnehmer keines Blickes. Er sparte sich die üblichen Floskeln zur Begrüßung und Eröffnung, sagte nur:
»Meine Herren, dies ist eine Krisensitzung.«
Um die bedrohliche Lage zu unterstreichen, legte er eine Pause ein, während sein Blick über die Anwesenden schweifte. Es war der harte Kern des Fracking Projekts Kranich, und er fragte sich, was er dabei gedacht hatte, den Grünschnabel Tim Jansen als Organisator mit ins Boot zu holen. Der Versuchsleiter und Ingenieur Niklas Kolbe war nicht zu beneiden, diesen Schnösel am Hals zu haben. Das hatte er ihm auch ziemlich direkt zu verstehen gegeben, aber was konnte er dagegen tun? Jansen war der Neffe und Protegé des Finanzvorstands Finn Matthes, und der wiederum die graue Eminenz im Konzern. Ohne dessen Wohlwollen konnte er sich den Aufstieg in den Vorstand abschminken. Die einzige Chance bestand darin, Jansen derart offen ins Messer laufen zu lassen, dass ihn sein Onkel freiwillig aus dem Verkehr ziehen würde. Jansen war nahe an diesem Punkt, schloss er aus dem Bericht des Organisators. Er knallte den Wisch auf den Tisch und fragte:
»Was ist das?«
Jansen wagte nicht, ihm in die Augen zu sehen.
»Der vorläufige Bericht«, murmelte er kaum hörbar.
»Einen Bericht nennen Sie das? Im Ernst?«, fuhr er ihn an.
Ingenieur Kolbe machte eine beschwichtigende Handbewegung und öffnete den Mund. Schröder kam ihm zuvor:
»Ich habe Sie etwas gefragt, Jansen.«
Der junge Mann schluckte leer. Er brauchte eine Sekunde, um das bisschen Mut, das ihm in die Hose gerutscht war, zu retten, dann räusperte er sich und sagte:
»Entschuldigung, Herr Direktor. Die Betonung liegt auf vorläufig. Mir ist bewusst, dass der Bericht unvollständig ist, aber seit dem Anschlag sind gerade einmal vierundzwanzig Stunden vergangen.«
»Vierundzwanzig Stunden, in denen Sie nichts herausgefunden haben? Was haben Sie die ganze Zeit gemacht, wenn ich fragen darf?«
»Die Polizei tappt noch im Dunkeln …«
»Bleiben sie mir vom Leib mit der Polizei! Wo sollen die denn sonst herumtappen? Wir in diesem Raum sind die Insider. Der Anschlag galt unserem wichtigsten Projekt. Fracking ist die Zukunft, und es ist ganz allein unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit gegenüber der Konzernleitung, Kranich zum Erfolg zu führen. Polizei spielt dabei keine Rolle. Ist das angekommen?«
»Ja.«
Der Mund im blassen Gesicht bewegte sich kaum. Täuschte er sich oder schrumpfte Jansen gerade um ein paar Zentimeter? Der junge Mann ging in Deckung, denn alle im Raum wussten, dass der Chef erst dabei war, sich warmzulaufen.
»Die Mühe hätten Sie sich sparen können«, fuhr Schröder fort, um den Druck aufrecht zu erhalten. »Wir wissen alle, wie die Versuchsanlage aufgebaut ist und dass explosive Flüssigkeiten im Magazin lagerten. Was uns aber stört, ist die Tatsache, dass zwei Mitarbeiter beim Anschlag verletzt worden sind. Wenn der Teufel will, wird es einer nicht überleben.«
»Sie sind beide über den Berg«, unterbrach Ingenieur Kolbe.
»Wie auch immer. Ich möchte wissen, was die Zwei um diese nachtschlafende Zeit im Lager zu suchen hatten. Kann mir das mal jemand erklären?«
Alle Augen richteten sich auf Jansen.
»Ich – weiß es nicht«, stammelte er.
»Mir reicht es allmählich, Jansen. Nachts wird nur an den Pumpen gearbeitet. So steht es doch in den Einsatzplänen, die ein gewisser Herr Jansen ausgearbeitet und netterweise diesem – Bericht – beigelegt hat. Ist es nicht so?«
Jansen schüttelte stumm den Kopf, um sogleich heftig zu nicken.
»Was jetzt?«
»Ja, so ist es. Ich weiß nicht, weshalb die Arbeiter im Magazin waren. Vielleicht suchten sie außerplanmäßig Ersatzteile.«
»Danke, spekulieren kann ich selbst. Warum zum Teufel haben Sie die Leute nicht gefragt?«
Kolbe rettete Jansen vor einer weiteren Schelte. »Sie waren beide bisher nicht ansprechbar«, erklärte er.
»Dann holen Sie das gefälligst sobald als möglich nach. Und jetzt möchte ich hören, was nicht in Ihrem Bericht steht, Jansen.«
Der junge Mann klappte schleunigst sein Notizbuch auf.
»Also – inzwischen ist das Ausmaß des Schadens ziemlich genau bekannt …«
»Will ich hoffen!«
»Die Lagerhalle ist vollständig ausgebrannt. Da wo der Sprengstoff explodiert ist, mitten unter den Fässern mit Fracking Zusatz, stehen nicht einmal mehr die Stahlträger. Einzig der Bürocontainer beim Tor konnte von der Feuerwehr gerettet werden. Andere Gebäude oder Anlagen sind nur minimal oder gar nicht in Mitleidenschaft gezogen worden.«
»Wenigstens ein Lichtblick. Wie viele Fässer sind übrig geblieben?«
»Keines, fürchte ich.«
»Fürchten Sie oder wissen Sie?«
»Einige Fässer sind zwar noch als solche zu erkennen«, präzisierte der Ingenieur, »aber der Inhalt ist vollkommen vernichtet worden.«
Schröder konnte ein ironisches Grinsen nicht ganz unterdrücken. »Pyrotechnische Reinigung, sozusagen«, murmelte er. »Irgendwelche Hinweise auf die Täterschaft?«
»Jawohl, Herr Direktor«, rief Jansen zu seiner Verblüffung. »Die Polizei hat am Tor das Zeichen einer Gruppe militanter Umweltaktivisten sichergestellt, eine schwarze Sonnenblume. Die Gruppe nennt sich Gaia. Der Begriff stammt aus der griechischen Mythologie und bedeutet soviel wie Erde.«
Die Neuigkeit raubte Schröder für einen Augenblick die Sprache. Über die Konsequenzen der Entdeckung musste er jedoch keine Sekunde nachdenken. Die grünen Spinner hätten ihm keinen größeren Gefallen erweisen können.
»Wissen Sie, Herr Jansen«, sagte er mit wohlwollendem Lächeln, »mir ist total schnuppe, woher das Wort Geige stammt, aber auch das hätte ohne Weiteres in Ihrem Bericht Platz gefunden. Jedenfalls scheint mir, die Polizei tappe doch nicht mehr ganz im Dunkeln.«
»Es gibt möglicherweise noch eine Spur«, sagte Jansen, der neuen Mut schöpfte. »Am Tatort ist ein verlassenes Auto sichergestellt worden, vielleicht das Fahrzeug des Täters.«
»Gut, sehr gut. Das kommt alles in Ihren Bericht. Hat man den Täter schon identifiziert?«
»Leider noch nicht«, antwortete Ingenieur Kolbe. »Die Polizei geht aber davon aus, dass es sich um zwei Täter handelt, wie wir unter der Hand vernommen haben. Ein Mann und eine Frau wahrscheinlich.«
»Das ist doch schon etwas, Leute.«
Im Grunde kam ihm jede Entwicklung gelegen, welche die Aufmerksamkeit vom Projekt weg lenkte. Der Betrieb musste weiterlaufen. Der materielle Verlust des Lagers war schmerzhaft aber nicht zu vergleichen mit dem Schaden, der bei einer längeren Unterbrechung entstünde. So gesehen sah es aus, als wären sie mit einem blauen Auge davongekommen.
»Da ist noch etwas, Chef«, sagte Kolbe.
Die Besorgnis in seiner Stimme war nicht zu überhören. Jansen schrumpfte um ein paar weitere Zentimeter, dass Schröder fürchtete, der junge Mann würde unter dem Tisch verschwinden.
»Es sind Dokumente aus dem Magazin verschwunden, Chef.«
Schröder spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten.
»Ich höre«, sagte er tonlos.
»Wir legen die Lieferscheine und Bohrprotokolle im Bürocontainer ab, bevor sie nach Leverkusen ins Archiv wandern«, erklärte Kolbe. »Ein Ordner mit sensitiven Daten ist nicht mehr auffindbar.«
»Vielleicht ist er verbrannt.«
»Unmöglich, das Feuer hat nicht auf den Container übergegriffen.«
Da war sie, die zweite Bombe, und sie detonierte mitten in seinem Sitzungszimmer. Gemüse aus Protest an Türen malen und Lagerhallen abfackeln war eine Sache, aber Betriebsgeheimnisse stehlen und womöglich veröffentlichen …
»Jetzt sind sie zu weit gegangen«, sagte er, stand auf und entschuldigte sich für einen Augenblick.
Außer Hörweite im Flur rief er seinen Mann für solche Fälle an.
»Wir haben ein Problem«, sagte er. »Die Freaks haben sensitive Dokumente mitlaufen lassen. Die dürfen auf keinen Fall an die Öffentlichkeit, sonst sind wir erledigt. Dann ist das schöne Projekt Geschichte. Also, was gedenkst du zu unternehmen?«
Die Stimme am andern Ende der Leitung klang erstaunlich zuversichtlich.
»Ich habe schon Lunte gerochen. Keine Sorge, Fabian, die kommen nicht weit mit den Papieren.«
»Du sprichst, als hättest du sie schon.«
»Ich habe einen Verdacht.«
»Sieh zu, dass er sich schnell erhärtet.«
Etwas optimistischer kehrte er ins Sitzungszimmer zurück. Sein Mann für besondere Aufgaben hatte ihn bisher noch nie enttäuscht – bisher.
»Keine Sorge, Leute, die Angelegenheit ist unter Kontrolle«, sagte er und schloss die Sitzung.
Der gläserne Turm des Verwaltungsgebäudes sollte wohl Transparenz und Macht des NAPHTAG Konzerns vermitteln und den Investoren Vertrauen einflößen. Emma ließ sich nicht beeindrucken. Alles Fassade, dachte sie, als sie die Empfangshalle betrat, die sich wie ein Atrium über fünf Stockwerke erstreckte. Die Angestellten am Empfang lächelten schon, als sie ein Anruf stoppte. Ihre Lebenspartnerin Maria hörte sich besorgt an.
»Du hast doch nichts mit dem Anschlag in Überlingen zu tun?«, fragte sie ohne Umschweife.
Emma dämpfte die Stimme und entfernte sich vom Empfangspult.
»Was fällt dir ein, Liebes. Du kennst mich doch.«
»Eben.«
»Jetzt ist ein ganz schlechter Zeitpunkt für Erklärungen. Ich bin gerade bei der NAPHTAG eingetroffen. Ich werde erwartet – vom obersten Boss persönlich. Das ist wichtig für meine Arbeit. Das verstehst du doch.«
»Du hörst dich allmählich an wie ein karrieregeiler Ehemann, dem die Arbeit wichtiger ist als die Familie.«
»Sei doch nicht gleich eingeschnappt. Du arbeitest auch fast rund um die Uhr in deiner Hexenküche.«
»Das nennt man Labor, und es ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die nichts mit Hexerei zu tun hat. Nebenbei sind meine Kollegen gerade damit beschäftigt, Julian zu beschäftigen.«
Sie erschrak. »Wieso? Warum ist er nicht in der Kita?«
»Er hatte am Morgen leicht erhöhte Temperatur. Nichts Schlimmes, du kannst dich gleich wieder beruhigen. Es ist schon vorbei. Jetzt baut er mit seinen Holzklötzchen unser Labor nach.«
»Ich möchte ihm kurz Hallo sagen.«
Sie hörte, wie Maria mit dem Kleinen sprach, dann sagte sie lachend:
»Er lässt dir ausrichten, er sei jetzt bei der Arbeit und habe keine Zeit. Ich soll dich ganz lieb grüßen.«
Der Junge war erst fünf. Gab es womöglich doch ein Problem mit ihrem Lebenswandel als freie Journalistin?
»Du bist also bei der NAPHTAG«, sagte Maria.
»Ja, und ich muss jetzt …«
»Sei vorsichtig. Du betrittst die Höhle des Löwen. Das ist dir hoffentlich bewusst.«
Die Höhle eines Löwen wäre möglicherweise weniger gefährlich als die Teppichetage in diesem Turm, dachte sie, denn was sie mit dem Vorstandsvorsitzenden zu besprechen hatte, würde ihm kaum Freude bereiten. Nach dem Anschlag am Bodensee dürften die Nerven in der Konzernleitung ohnehin blank liegen, nahm sie an.
»Frau Kaiser?«, sagte eine angenehme Altstimme.
Die Dame aus dem Vorzimmer des obersten Chefs grüßte zuvorkommend, als ginge es um einen wichtigen Geschäftstermin. Vielleicht stimmte das auch.
»Ich bringe sie zu Dr. Wolf. Bitte folgen Sie mir.«
Der Small Talk im Aufzug verlief ebenso makellos unaufdringlich, wie die Vorzimmerdame zurechtgemacht war. Emma kontrollierte heimlich ihr Äußeres im Spiegel, strich die Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich andauernd selbstständig machte, und zupfte den Rock glatt, um wenigstens optisch nicht abzufallen gegenüber Dr. Wolfs Vorzimmer. Die Dame geleitete sie in einen mit teuren, weißen Polstersesseln ausgestatteten Raum. Die Fensterfront bot ein spektakuläres Panorama der Stadt Leverkusen, das der Sky Lounge eines Fünf-Sterne-Hotels wohl angestanden hätte.
»Herr Dr. Wolf wird Sie gleich empfangen«, sagte die Vorzimmerdame. »Darf ich Ihnen etwas anbieten, Kaffee, Wasser?«
Sie begnügte sich mit Wasser und versuchte, sich aufs bevorstehende Interview zu konzentrieren. Es fiel nicht leicht in dieser Umgebung, wo alles drauf angelegt war, den Besucher durch Luxus und zur Schau gestellte Effizienz zu beeindrucken oder gar einzuschüchtern. Sie kannte solche Tempel, wo große Geschäfte abgeschlossen und eiskalte Intrigen ersonnen werden, von vielen Interviews in Banken, Versicherungen und Anwaltskanzleien. Sie selbst war keine Unbekannte in diesen Kreisen. Dennoch grenzte es an ein kleines Wunder, beim ersten Versuch vom großen Vorsitzenden persönlich empfangen zu werden. Sie kannte sein Gesicht aus Zeitungsartikeln und dem Geschäftsbericht. Der Mann, der auf sie zutrat, war allerdings einen Kopf kleiner, als sie sich vorgestellt hatte.
»Frau Kaiser, entschuldigen Sie die Verzögerung. Ein Anruf in letzter Minute, Sie wissen schon …«
Sie gab ihm lächelnd die Hand und ging dabei leicht in die Knie, um die hohen Absätze zu kompensieren.
»Ich bin froh, dass Sie so schnell Zeit für mich gefunden haben.«
»Ist doch selbstverständlich«, wehrte er ab. »Öffentlichkeitsarbeit überlasse ich nicht ausschließlich der Presseabteilung, und Sie sind schließlich keine Unbekannte in Ihrem Beruf, habe ich mir sagen lassen.«
Er führte sie in sein Büro, größer als Lounge und Vorzimmer zusammen, mit Glaswänden auf zwei Seiten.
»Ich hoffe, man hat Sie nicht falsch über mich orientiert.«
Damit beendete sie die unverbindlichen Höflichkeiten und kam zur Sache.
»Wie ich telefonisch angekündigt habe, arbeite ich seit einiger Zeit an einem umfassenden Bericht über Fracking Vorhaben in Deutschland. Ihr Konzern ist maßgeblich an der Erschließung solcher Erdgasvorkommen beteiligt, die vor allem in grünen und linken Kreisen der Bundesrepublik mit großer Skepsis verfolgt wird.«
Dr. Wolf lächelte wie ein gutmütiger Vater, der seiner Tochter zum x-ten Mal geduldig erklärt, weshalb sie nicht mehr Taschengeld erhält.
»Sie drücken das sehr milde aus«, sagte er. »In Wahrheit haben uns gewisse Kreise den Krieg erklärt.«
»Der Anschlag.«
Er nickte. Seine Betroffenheit wirkte echt.
»Gibt es schon Hinweise auf die Täterschaft?«
»Die Ermittlungen laufen.«
»Es ist ein unglücklicher Zufall, dass wir uns ausgerechnet kurz nach dem Anschlag auf das Versuchsgelände am Bodensee zum Thema Fra-cking unterhalten.«
»Ist es das?«, fragte er mit ironischem Lächeln. »Gibt es so etwas wie Zufälle bei Ihren Recherchen?«
»Oh ja, mehr als mir lieb ist, aber lassen Sie uns über die neue Art der Erdgasförderung sprechen. Rohstoffe vor der eigenen Haustür betrachten Sie als ein enorm wichtiger Schritt in die Zukunft. Stimmt dieser Eindruck?«
Der Steilpass behagte ihm. Er bejahte entschieden und begründete die Strategie wortreich. Sie gab vor, eifrig Notizen zu machen, doch ebenso gut hätte sie die entsprechenden Abschnitte aus dem Geschäftsbericht abschreiben können. Ihre dreißig Minuten waren beinahe um, als sie endlich Gelegenheit bekam, zum Angriff überzugehen.
»Ich entnehme den Ertragszahlen in Ihrem letzten Geschäftsbericht, dass die unsichere politische Lage im Nahen Osten und die Spannungen mit Russland Anlass zu großer Sorge für die petrochemische Industrie hierzulande sind«, stellte sie fest. »Das bedeutet doch, dass der Konzern unter großem Druck steht, alternative Rohstoffquellen wie Fracking zu erschließen. Stimmen Sie dem zu?«
Er versuchte, die Tatsache zu verharmlosen, doch die etwas herablassende Haltung wirkte nicht mehr so überzeugend wie bei ihrer Ankunft. Sie ließ nicht locker:
»Der Konzern wird also mit allen Mitteln versuchen, das Fracking Projekt Kranich zum Erfolg zu führen.«
Die Behauptung machte ihn für kurze Zeit sprachlos.
»Unterstellen Sie uns unlautere Methoden?«, fragte er schließlich verärgert. »Ist es das, worauf Sie hinaus wollen?«
»Ich unterstelle Ihnen gar nichts, aber wie würden Sie die Aussagen in diesem Bericht deuten?«
Der Augenblick der Wahrheit war gekommen. Sie schob ihm zwei Kopien über den Tisch. Die kritischen Stellen waren gelb markiert.
»Diese Seiten stammen aus einem Bericht an die Kranich Projektleitung«, bemerkte sie dazu.
Er reagierte erstaunt. Nach sorgfältiger Lektüre fragte er mit kaum unterdrückter Erregung:
»Woher haben Sie das?«
Sie war nicht psychologisch geschult, aber die Erfahrung sagte ihr, dass der Vorstandsvorsitzende der NAPHTAG diesen Bericht nicht kannte. Noch etwas schloss sie aus seiner Reaktion: Die Angaben im Bericht entsprachen höchst wahrscheinlich den Tatsachen. Dr. Wolf fiel es schwer, Haltung zu bewahren. Nur mit Mühe gelang ihm, zur alten Selbstsicherheit zurückzufinden. Er blickte auf die Uhr und erhob sich abrupt.
»Der nächste Termin«, sagte er kopfschüttelnd. »Ich muss unser Gespräch leider abbrechen. Sie entschuldigen mich.«
Er verabschiedete sie hastig. Sie stand schon an der Tür, als er die zwei Blätter hochhob und rief:
»Ich glaube, Sie haben etwas vergessen.«
»Die Kopien sind für Sie«, antwortete sie lächelnd und zog die Tür hinter sich zu.
Sie fiel nicht ins Schloss, sodass sie unabsichtlich Zeugin eines sehr erregten Telefongesprächs wurde. Sie konnte nicht ermitteln, wen er anrief, aber das Wort Industriespionage fiel mehrfach. Wie sie angenommen hatte, war sie der Konzernleitung gehörig auf die Zehen getreten.
Fabian Schröder war nicht erbaut. Was sein Vertrauter ihm am Telefon aus Konstanz berichtete, eignete sich nicht, ihn zu beruhigen.
»Ich dachte, die Polizei hätte diese Gruppe Gaia längst kassiert«, sagte er ärgerlich.
»So einfach ist das nicht. Man weiß zwar, dass die Gruppe existiert, aber die Mitglieder sind nicht bekannt, behauptet jedenfalls meine Quelle.«
»Ich frage mich, welche Schlafpillen unsere Behörden einwerfen. Die müssten ein verdammtes Vermögen wert sein auf dem freien Markt.«
Der Mann am andern Ende der Leitung lachte schallend.
»Schon möglich«, sagte er, »aber sieh es mal positiv. Solang die Bullen den Laden nicht hochgehen lassen, sind unsere Chancen intakt, die verschwundenen Papiere vorher sicherzustellen.«
»Ich glaube nicht, dass mich das beruhigt.«
»Sollte es aber. Im Übrigen gehe ich nicht davon aus, dass die Umweltfreaks die Papiere haben. Der Inhalt wäre sofort im Internet aufgetaucht. Ist er aber nicht. Nee, mein Lieber, ich glaube, der zweite Täter, oder besser: die Täterin, hat die Dokumente und will sie womöglich zu Geld machen.«
Es klopfte an der Tür.
»Was du glaubst, ist mir so was von egal«, sagte er hastig. »Finde das Material, und zwar gestern. Ich muss Schluss machen.«
Wütend knallte er den Hörer auf die Gabel.
»Herein!«
Ingenieur Kolbe trat ein, Sorgenfalten auf der Stirn wie häufig in letzter Zeit. Gleichzeitig summte das Telefon. Er drückte auf die Besetzt-Taste, um den Anruf an die Sekretärin umzuleiten. Das ›Bilaterale‹, die Lagebesprechung mit seinem Versuchsleiter, hatte höchste Priorität.
»Sie bringen keine guten Nachrichten, stimmt‘s? Setzen Sie sich.«
»Wir brauchen jetzt sofort Nachschub, Chef. Ohne den Zusatz fördern wir höchstens Wasserdampf. Wenn wir nicht sofort etwas unter-nehmen, fällt der Druck zusammen, und wir können nochmals von vorne beginnen. Das Magazin sagt mir, Sie hätten die Lieferung gestoppt.«
Kolbe war ein Mann der klaren Worte.
Schröder nickte. »Und das mit gutem Grund.«
»Aber – so kann ich nicht arbeiten. Das gefährdet das ganze Projekt.«
»Immer mit der Ruhe. Ich habe die Lieferung gestoppt, weil ich nach dem Brand im Lager keine Chemikalien mehr vor Ort dulde. Sie haben sich doch selbst über die dauernde Schnüffelei der Polizei am Tatort beklagt. Wir können es uns nicht leisten, dass die sich am Ende noch für unsere Betriebsgeheimnisse interessiert.«
Kolbe brauchte nicht lang über die Erklärung nachzudenken.
»Es gibt nur zwei Möglichkeiten«, sagte er. »Entweder mischen wir vor Ort wie bisher oder hier am Produktionsstandort. Dann benötigen wir allerdings Spezialtransporter.«
Schröder nickte lächelnd. Kolbe war der richtige Mann für den Job.
»Ich habe es bereits in die Wege geleitet«, bestätigte er.
»Das führt zu erheblichen Mehrkosten, Chef.«
»Darum müssen Sie sich nicht kümmern. Überdies bezahlt die Versicherung für den Ersatz des Lagers. Wir werden die Mittel kreativ umleiten.«
»Verstehe.«
Kolbe erlaubte sich zum ersten Mal seit Langem eine Art Grinsen, bis ihm das nächste Problem einfiel. Er stieß einen halb unterdrückten Fluch aus und sagte:
»Wir müssen den Bericht zurückhalten. Der liest sich, als wären der Wiederaufbau des Lagers und die neue Lieferung beschlossene Sache.«
Die Bemerkung wirkte wie ein Faustschlag in die Magengrube. Schröder begriff sofort, was sein Ingenieur meinte. Von diesem Bericht ging automatisch eine Kopie an die Konzernleitung. Er hatte bisher stets peinlich darauf geachtet, keine technischen Einzelheiten darin zu erwähnen. Wenn nun plötzlich neue Details über die Fördermethode in seinem Bericht auftauchten, führte dies zu unangenehmen und vor allem überflüssigen Fragen. Gerade jetzt konnte er sich keinen Klecks im Heft leisten. Finn Matthes, der den Steuerungsausschuss leitete, würde ausrasten, falls ihn seine Vorstandskollegen damit bedrängten. Schröder starrte Kolbe an, als wartete er auf die Lösung des Problems.
»Der Bericht sollte in Ihrer Mail sein«, sagte der Ingenieur zu allem Überfluss.
Er hatte seinen Posteingang noch nicht geleert.
»Gut, ich kümmere mich darum«, murmelte er. »War‘s das? Sind wir fertig?«
Sobald Kolbe das Büro verlassen hatte, setzte er sich an den Computer. Die Betreffzeile der Mail mit dem angehängten Bericht sprang ihm sofort in die Augen. Wie befürchtet, war sie auch ans Sekretariat des Vorstands adressiert. Wie holt man eine verdammte E-Mail zurück? Er fluchte ausgiebig, bevor er die Sekretärin rief. Sie war noch jung genug, sich besser mit Computern auszukennen.
»Warum wollen Sie die Mail zurückholen?«, fragte sie zu seiner Überraschung, nachdem er ihr das Problem geschildert hatte.
»Der Bericht darf so nicht zum Vorstand.«
»Das habe ich schon verstanden. Die Mail geht aber nur ans Sekretariat. Dort wird der Bericht ausgedruckt und in Papierform verteilt. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.«
Kaum hatte sie es gesagt, hetzte er aus dem Büro, in den Aufzug und stand fünf Minuten später schwer atmend im Sekretariat.
»Suchen Sie so dringend eine neue Sekretärin, Schröder?«, fragte Finanzvorstand Matthes, der unbemerkt hinter ihm eingetreten war.
Er quittierte den Scherz mit dem erwarteten Lacher, obwohl ihm zum Kotzen war. Die Kopien des Berichts lagen gut sichtbar im Korb für den Postausgang. Mit angehaltenem Atem verfolgte er das kurze Gespräch des Finanzvorstands mit seinem Vorzimmer, vergeblich nach einer Strategie suchend, wie er die Zeitbombe von Matthes fernhalten könnte. Der Finanzvorstand schickte sich an, den Raum ohne Bericht zu verlassen.
»Wollten Sie zu mir?«
Schröder schüttelte stumm den Kopf.
»Es läuft doch alles wieder rund am Bodensee?«
»Selbstverständlich. Kleine Verzögerung, kein Problem.«
»Die Versicherung macht keine Schwierigkeiten?«
»Sie haben Zahlungsbereitschaft signalisiert.« Es gelang ihm, ein selbstsicheres Lächeln zu simulieren. »Die haben ja gar keine Wahl nach dem eindeutigen Polizeirapport.«
Matthes deutete ein Nicken an und verließ den Raum. Nachdem Schröder sich versichert hatte, dass noch keine Kopie im Umlauf war, ordnete er an, die gedruckten Exemplare zu vernichten und die E-Mail zu löschen.
»Ein Irrläufer«, bemerkte er dazu. »So ersparen wir uns allen eine Menge Ärger. Sie werden den korrekten Bericht umgehend erhalten.«
Im Flur wischte er sich die Schweißperlen von der Stirn.
BERLIN
Die Anzeige des British Airways Fluges nach London blinkte.
»Es wird Zeit«, seufzte Chris.
Sie schlang die Arme um ihren Geliebten und presste sich an seine Brust, als könnte sie so einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie eignete sich ebenso wenig für solche Szenen wie Jamie. Dr. Jamie Roberts ließ ihre stürmische Umarmung über sich ergehen, wie man es von einem steifen Engländer erwartete. Dabei drückte sein Gesicht eine Art Betroffenheit aus, die kaum zu beschreiben war, irgendwo in der Mitte zwischen Wollust und Weltschmerz. Für diesen Gesichtsausdruck allein würde sie ihn jederzeit wieder heiraten, wäre sie nicht schon seine Frau.
»Sind ja nur drei Monate, Mrs. Roberts«, versuchte er zu scherzen.
»Ich vermisse dich jetzt schon«, klagte sie seiner Schulter.
Warum fiel ihr der Abschied diesmal so schwer? Sie beide besaßen jahrelange Übung im Getrenntsein. Damals während ihrer Fernbeziehung waren sie Dauergäste in den Terminals von Frankfurt und Heathrow gewesen. Abschied und Wiedersehen gehörten zum ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Seit sie verheiratet waren, galten andere Naturgesetze. Drei Monate allein im großen Haus in Dahlem, wo alles an ihn erinnerte: Ihr graute schon jetzt davor.
»Du wirst keine Zeit finden, mich zu vermissen«, murmelte er. »Die schweren Jungs werden dich Tag und Nacht beschäftigen.«
Der Einwand war nicht von der Hand zu weisen. Als Hauptkommissarin beim Bundeskriminalamt war sie oft selbst Tage und Wochen weg von zu Hause. So gesehen sorgten seine drei Monate in London für ausgleichende Gerechtigkeit.
Am Ausgang zum Gate küssten sie sich ein letztes Mal.
»Fast wie früher«, sagte er mit verlegenem Grinsen.
»Lass dich nicht entführen«, gab sie ihm mit auf den Weg.
Sie stand ihm in nichts nach, was müde Scherze betraf. Kaum saß sie im Auto, klingelte das Telefon.
»Wo sind Sie?«, fragte Staatsanwältin Winter aufgelöst, als wäre sie dem BKA abhandengekommen.
»Auf dem Weg ins Büro.«
»Sie haben den Termin um 14 Uhr nicht vergessen, hoffe ich.«
»Ich werde pünktlich da sein, sofern mich keine Streife aufhält.«
Man darf doch wohl seinen Mann zum Flughafen bringen zwischen zwei Fällen, wollte sie hinzufügen, verzichtete jedoch darauf, da die Winter ihre Art Humor nicht kapierte.
Der Duft, der von Haases Büro ausströmte, war zu verlockend, um daran vorbeizugehen. Sie kam fünf Minuten zu spät, aber ein Espresso von der frisch gemahlenen Arabica Mischung ihres Kollegen musste erlaubt sein.
»Die Winter war schon da«, sagte Haase schmunzelnd, »hat ganz aufgeregt nach Ihnen gefragt. Sie haben nicht etwa Geburtstag oder so?«
»Ich glaube nicht.«
Mit der Tasse in der Hand betrat sie das Büro der Staatsanwältin. Beim Duft von Haases Kaffee ertrug sie die pathologische Atmosphäre in diesem Raum besser.
»Da sind Sie ja endlich«, rief Dr. Winter und sprang auf.
Sie war nicht allein. Das Profil des älteren Herrn im Maßanzug war nicht zu verwechseln. Generalstaatsanwalt Dr. Hendrik Richter trat lächelnd auf sie zu.
»Erfrischend und eigensinnig wie eh und je«, sagte er und begrüßte sie mit Küsschen auf die Wangen.
Staatsanwältin Winter sah mit säuerlicher Miene zu.
»Ich denke, wir sind uns soweit einig«, meinte sie.
Richter nickte. »Wir werden Sie selbstverständlich auf dem Laufenden halten. Danke, dass wir Ihr Büro benutzen dürfen.«
»Keine Ursache. Wie gesagt, ich muss mich jetzt leider entschuldigen.«
Damit verließ sie ihr Reich.
»Was war denn das?«, fragte sie den Herrn, den sie Hendrik nannte, seit er mehr oder weniger zufällig ihr Trauzeuge geworden war. »Was verschlägt dich nach Berlin?«
»Zwei Fragen, eine Antwort«, sagte er lächelnd, »aber erst will ich wissen, wie es um die junge Ehe steht.«
»Jamie hat mich heute verlassen.«
Sein betroffener Gesichtsausdruck erinnerte stark an ihren Ehemann.
»Nicht was du denkst«, beruhigte sie lachend. »Er leitet ein Seminar am Imperial College für drei Monate.«
»Dein Humor wird dich eines Tages in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.«
»Ich liebe Schwierigkeiten. Das weißt du.«
»Genau deswegen bin ich hergekommen.«
»Also doch mehr als ein Höflichkeitsbesuch.«
Er gab ihr die magersüchtige Akte, die auf dem Schreibtisch lag, mit der Bemerkung:
»Vielleicht hast du schon davon gehört.«
Misstrauisch überflog sie die wenigen Blätter, während sie versuchte, Richters Hintergedanken zu erraten.
»Ziemlich mager, der Bericht«, sagte sie einigermaßen ratlos. »Ein Sprengstoffanschlag auf ein Fracking Versuchsgelände, militante Umweltaktivisten, die niemand zu kennen scheint – muss mich der Fall interessieren?«
»Bei Sprengstoffanschlägen ermittelt der Bund.«
»Das ist mir bekannt. Dafür gibt es Sprengstoffexperten. Ich gehöre nicht dazu, wie du weißt.«
Er nahm den Einwand schmunzelnd zur Kenntnis.
»Ich glaube, du hast längst begriffen, weshalb ich auf den Gedanken gekommen bin, dir den Fall zu übertragen.«
»Ach darüber seid ihr euch einig, du und die Winter. Na, wenn das so ist, bleibt mir nur noch, mich artig zu bedanken.«
»Es ist noch gar nichts entschieden. Ich habe nur vorsondiert …«
»Das hörte sich eben noch ganz anders an.«
Hinter ihrem Rücken über sie zu bestimmen, verzieh sie auch Hendrik nicht. Ihr Blick gab ihm zu verstehen, wie ernst ihr Protest gemeint war. Er hob beschwichtigend die Hand.
»Entschuldige, Chris, ich habe wirklich nur über die Möglichkeit eines Einsatzes am Bodensee gesprochen. Betrachten wir doch mal nüchtern die Fakten. Der Anschlag galt einem Unternehmen, das Umweltschützer und militante Aktivisten bundesweit bekämpfen. Bisher ist es bei Schmierereien und geringfügigem Sachschaden geblieben, aber jetzt sind diese Kreise mit dem Sprengstoffanschlag entschieden zu weit gegangen. Machen wir uns nichts vor: Die Petrochemie hat eine starke Lobby in diesem Land. Die Industrie wird nicht zögern, ihren Einfluss auf Politik und unsere Behörde geltend zu machen.«
»Was der NAPHTAG Konzern sicher schon getan hat, stimmt‘s?«
»Beck hat so etwas angedeutet.«
»Beck?«
»Der Aufsichtsratsvorsitzende der NAPHTAG. Wir sind alte Bekannte.«
»Die alten Seilschaften. Daher also weht der Wind.«
Er hob lachend den Zeigefinger. »Nur nicht frech werden, Frau Hauptkommissarin.«
Beck war der Grund für sein Interesse an diesem Fall. Sie zweifelte keinen Augenblick daran.
»Jetzt mal im Ernst«, fuhr er weiter, »ein Sprengstoffanschlag ist ein schweres Delikt, zumal es Verletzte gab. Das allein erfordert unsern vol-len Einsatz. Mir geht es aber noch um etwas anderes. Hast du dich nicht auch sofort gefragt, weshalb die Täter gerade dort mit extremer Gewalt zugeschlagen haben?«
»Weil die NAPHTAG da bohrt?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich vermute, es gibt einen anderen Grund. Sicher, ein einheimischer Konzern wie die NAPHTAG ist immer ein gefundenes Fressen, aber die bohren auch an der Ostsee. Das Motiv der Täter muss irgendwie direkt mit der Versuchsanlage bei Überlingen zu tun haben.«
»Verschmutzung des Grundwassers, illegale Bohrungen, so etwas?«
»Möglich.«
»Dein alter Freund Beck wäre aber gar nicht begeistert, falls wir so eine Schweinerei entdecken würden.«
Er winkte ärgerlich ab. »Mir selbst würde es ganz und gar nicht gefallen, vom juristischen Standpunkt aus. Im Übrigen sind wir nicht befreundet. Ich kenne Beck aus alten Zeiten an der Uni. Das ist alles.«
»Umweltverschmutzung, Verstoß gegen Auflagen beim Abbau von Rohstoffen: Nicht gerade mein Zuständigkeitsbereich«, erwiderte sie trotzig.
»Ich sehe das etwas anders. Beim Fracking geht es um Geologie und Petrochemie. Du bist die einzige Kommissarin mit Hochschulabschluss in Geologie und Chemie beim BKA. Wenn jemand dieser Sache auf den Grund gehen kann, dann du.«
Die Chemie der Erdkruste, die sie studiert hatte, war zwar meilenweit von der Petrochemie, der Wissenschaft des Erdöls, entfernt, aber der Fall begann sie zu interessieren. Nach kurzer Denkpause sagte sie lächelnd:
»Es muss ja nicht immer Mord und Totschlag sein.«
»Oh, da kann ich dich beruhigen. Der Fall könnte durchaus in Mord und Totschlag ausarten. Der Hauptverdächtige ist nämlich seit dem Anschlag wie vom Erdboden verschwunden.«
»Das überzeugt mich natürlich sofort.«
Richters Team hatte wie erwartet Kontakte und Formalitäten für ihren Einsatz am Bodensee bis in alle Einzelheiten vorbereitet. Hendrik brauchte nur noch auf den Knopf zu drücken, nachdem sie sich geeinigt hatten.
Sie stand abends im stillen Haus in Dahlem vor der leeren Reisetasche und dachte an Jamie. Ein anonymes Hotelzimmer in Konstanz statt ihres einsamen Hauses – warum nicht? Vielleicht würde die Luftveränderung über die Trennung hinweghelfen. Sie packte wahllos Wäsche und Kleidung in die Tasche, legte die Ersatzmagazine für ihre Glock aus dem Waffenschrank dazu und verließ das Haus mit Tasche und Instrumentenkoffer. Lieber eine Nacht im Auto als allein in diesem Schlafzimmer, dachte sie und startete den Motor.
KAPITEL 2
KONSTANZ
Der süße Duft frischgebackenen Brotes stieg Chris in die Nase. Sie lag schon eine Weile wach im Zimmer über der Bäckerei, obwohl sie erst gegen zwei Uhr morgens ins Bett gekrochen war. Die Altstadt erwachte früh. Sie hörte durchs halb offene Fenster Passanten miteinander schwatzen und lachen, als freuten sie sich, zu dieser gottlos frühen Stunde unterwegs zu sein. Bevor sie ins Bad ging, schaltete sie den Laptop ein. Die Verbindung mit Berlin klappte auf Anhieb. Wenigstens ein Lichtblick an diesem Morgen. Die Dusche spülte den Schlaf in den Ausguss mit der Folge, dass sie im Wachzustand jeden einzelnen Knochen zu spüren glaubte. Sie hatte die lange Fahrt an den Bodensee unterschätzt. Vielleicht war es auch nur das Alter. Die Vierzig stand schon auf der Anzeigetafel, ganz unten zwar, aber immerhin: vierzig, Halt auf Verlangen. Vielleicht rebellierte ihr Körper gegen die hellwachen Leute auf der Gasse, das geschäftige Treiben im Laden unter ihrem Fenster oder den Lärm der Möwen. An diesem Morgen ging ihr so ziemlich alles auf den Geist – keine ideale Voraussetzung für die erste Begegnung mit der Konstanzer Kripo. Die Kollegen auf dem Polizei-präsidium taten ihr jetzt schon leid.
Sie klappte den Instrumentenkoffer auf, betrachtete ihr Altsaxofon unschlüssig und schloss den Koffer wieder. Ein paar Blues Riffs wirkten oft Wunder – nicht an diesem Morgen. Zu unmotiviert, ihr langes, strohblondes Haar zum Zopf zu flechten, band sie es rasch zum Pferdeschwanz zusammen. So sah es eher nach Tatendrang aus.
Der Computer kündigte neue Mail an. Die Betreffzeile entlockte ihr das erste Schmunzeln an diesem traurigen Tag. Munition hatte Jens Haase seine Mail betitelt, die ausgedruckt einen ansehnlichen Ordner gefüllt hätte. Haase vereinigte drei Eigenschaften, die ihn als Kollegen unentbehrlich machten. Er verbrachte gefühlte vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche im Büro, erledigte seine Recherchen ebenso schnell wie gründlich, und er braute den besten Kaffee, den sie je gekostet hatte.
Die Munition für den Einsatz in Konstanz umfasste nicht nur die Berichte des Kommissars Rappold, der die Ermittlungen vor Ort leitete. Haase hatte zudem eine intelligente Auswahl an Fachartikeln zur Fracking Technologie beigefügt und nicht vergessen, die häufigsten Argumente für und wider diese Fördermethode auf einem Blatt zusammenzufassen. Die Information stellte ein hilfreiches Repetitorium für sie dar. Die Zeit des Studiums lag doch schon einige Jahre zurück. Das Material über den NAPHTAG Konzern barg echten Sprengstoff. Sie fragte sich, wie Haase so schnell an die sensitive Information gelangt war, zweifelte aber keinen Augenblick am Wahrheitsgehalt. Nach diesen Unterlagen fanden die Testbohrungen bei Überlingen am falschen Ort statt. Das Fracking Projekt mit dem Namen Kranich – welch absurder Euphemismus, intakte Natur vorgaukelnd – war ursprünglich auf dem Gelände eines Klosterguts geplant gewesen. Da der Konzern sich nicht mit den Verantwortlichen des Klosters Mariafeld einigen konnte, hatte man die Versuchsanlage kurzerhand im hügeligen Gelände eines Nachbargrundstücks aufgebaut. Der Zugang zu den Schiefergas-Schichten gestaltete sich dadurch wesentlich komplizierter und erforderte längere, heikle Horizontalbohrungen. Diese Tatsache mochte für den Fall irrelevant sein, doch ihr Bauchgefühl sagte etwas anderes. Der Gedanke war jedenfalls notiert.
Die Hintergrundinformationen über die Gruppe Gaia beschränkten sich auf Gerüchte. Haase hatte dennoch mehr über die Umweltaktivisten zusammengetragen als die Kollegen in Konstanz. Es gab Hinweise, dass sich die Gruppe aus Studenten und Ehemaligen der Uni zusammensetzte. Der Hauptverdächtige hieß Thorsten Kramer. Ihm gehörte das sichergestellte Auto. Sein Name tauchte indessen in keinem Polizeibericht auf. Eine gute Frage als Einstieg, dachte sie, klappte den Laptop zu, schob ihn in die Tasche und verließ das Hotel.
Die Sekretärin im Präsidium führte sie an einen leeren Schreibtisch.
»Sind Sie sicher, dass Kommissar Rappold noch hier arbeitet?«, fragte sie.
Der junge Mann in der dunklen Ecke des Büros kugelte sich vor Lachen.
»Das ist sein Arbeitsplatz«, antwortete die Sekretärin schnippisch.
»Sieht nicht nach Arbeit aus. Wo steckt er?«
Der junge Mann fand auch das enorm lustig. Er stellte sich als Kommissaranwärter Hinz »wie Kunz« vor und beantwortete ihre Frage:
»Rappold ist beim Zahnarzt – Notfall.«
»Mein Beileid. Und Sie sind sein Stellvertreter?«
Der dritte Lacher erstarb abrupt, als sie ihm den Dienstausweis zeigte. Er mutierte binnen Sekunden vom Scherzkeks zum dienstbeflissenen Assistenten.
»Ich rufe ihn auf dem Handy an«, sagte er, das Telefon am Ohr. Nach einer Weile gab er auf. »Anrufbeantworter.«
Sie steuerte auf einen zweiten verlassenen Schreibtisch zu.
»Arbeitet hier auch ein unsichtbarer Kollege?«
Hinz drohte rückfällig zu werden.
»Nein – den – der ist frei«, stammelte er. »Wir sind etwas unterdotiert, was das Personal betrifft, dafür gibt‘s jede Menge freie Schreibtische.«
Der junge Mann besaß auch Humor. Das war ihr ein freundliches Lächeln wert.
»Kommissar Rappold sollte eigentlich schon zurück sein«, sagte er. »Ich kann Ihnen inzwischen die Akte zum Fall Überlingen heraussuchen.«
Er blickte sie erwartungsvoll an oder eher ihren Hintern in den engen Jeans, wie sie aus den Augenwinkeln feststellte.
»Wenn Sie mir dann die Akte geben könnten, sobald sie sich sattgesehen haben …«
Im nächsten Augenblick lag die Mappe auf ihrem Tisch. Zu verlegen für eine Antwort, eilte Hinz hinaus. Nach wenigen Minuten kehrte er mit einem älteren Herrn im Schlepptau zurück, der eindeutig zu viel Kohlenhydrate konsumierte. Seinen Schmerbauch zu bewegen, erforderte sichtbaren Kraftaufwand. Er ließ sich schwer atmend in den Sessel am leeren Schreibtisch fallen. Umständlich betastete er den Kiefer und brummte dabei Unverständliches. Verwünschungen, die sich gegen den Zahnarzt oder Zahnärzte im Allgemeinen richteten, nahm sie an. Er schien sie erst zu bemerken, als sie auf ihn zutrat.
»Sie müssen Kommissar Rappold sein«, sagte sie und stellte sich vor.
»So – muss ich?«
Noch ein Scherzkeks.
»Meinetwegen können Sie den Osterhasen spielen, aber wir müssen uns über den Fall Überlingen unterhalten. Und fragen Sie jetzt nicht: So – müssen wir?«
Ihr Ärger prallte an ihm ab, als säße er in einer Blase ohne Verbindung zur Außenwelt.
»Wir müssen nämlich«, fuhr sie fort, »ob es Ihnen passt oder nicht. Also lassen wir die Spielchen und kümmern uns um den Fall, einverstanden?«
Er bewegte sich, setzte sich aufrecht und öffnete die oberste Schublade des Schreibtisches. Sehnte er sich heimlich nach einer Domina? Ihr fehlte im Grunde nur die neunschwänzige Katze.
»Sie haben den Bericht sicher schon gelesen«, sagte er, wobei er sich demonstrativ den Kiefer rieb.
»Tut‘s weh?«, fragte sie lächelnd.
Der Kommissaranwärter in der dunklen Ecke musste sich abwenden.
»Ich bin im Bilde über den Stand der Ermittlungen. Allerdings vermisse ich die Vernehmungsprotokolle der beiden Verletzten.«
»Einer liegt noch im Koma. Der Zweite kann erst seit gestern Abend vernommen werden.«
»Und – was sagt er?«
»Gar nichts. Die Vernehmung ist für heute geplant.«
Sie traute ihren Ohren nicht.
»Ach, Sie planen die Vernehmungen langfristig«, brauste sie auf. »Warum nicht erst am nächsten Freitag?« Kopfschüttelnd fügte sie hinzu: »Mensch, Rappold! Der Verletzte ist der vorläufig einzige Zeuge in einem Sprengstoffanschlag! Der Hauptverdächtige läuft da draußen frei herum. Wer weiß, wie viel von dem Zeug der noch in seiner Garage hat. Wir müssen den Mann sofort befragen. Auf geht‘s!«
Der Tonfall der Domina setzte ihn tatsächlich in Bewegung. Die Rolle begann ihr zu gefallen. Müsste ich mal bei Jamie versuchen, dachte sie, während sie sich in Rappolds Dienstwagen zwängte.
Die Befragung des Verletzten lieferte keine neuen Erkenntnisse. Er gab an, im Magazin »Zusatz« für die Druckleitung geholt zu haben, als es krachte. Er verlor das Bewusstsein und wachte erst im Krankenhaus wieder auf. Er erinnerte sich zwar, vor der Explosion Geräusche vernommen zu haben, als befände sich noch jemand in der Halle, hatte aber niemanden gesehen.
»Wir müssen alle Mitarbeiter und Zulieferer des Projekts Kranich befragen«, sagte sie, als sie wieder im Auto saßen.
»Kranich?«
»So nennt die NAPHTAG ihr Fracking Projekt in Überlingen. Wussten Sie das nicht?«
Er wusste es nicht, ebenso wenig kannte er die mögliche Verbindung der Gruppe Gaia zum Campus der Uni Konstanz.
»Mensch, Rappold! Es wird Zeit, dass wir uns ernsthaft unterhalten.«
Die Domina hatte gesprochen. Der Sklave fuhr schweigend weiter.
Ein Tag mit Rappold genügte für ein halbes Leben. Chris fehlte die Kraft, noch am selben Tag an den Tatort in Überlingen zu fahren. Stattdessen verließ sie das Präsidium fluchtartig nach dem langen Gespräch mit dem Kommissar kurz vor dem Ruhestand, der seinen Arbeitsplatz schon einmal vorsorglich geräumt hatte. Sie schlenderte eine Weile ziellos durch die Gassen der Altstadt. Jetzt saß sie in einem Café am Hafen. Lustlos stocherte sie in ihrem Salat. Immer wieder blickte sie auf die Uhr. Es war zu früh, um Jamie anzurufen.
»Alles in Ordnung?«, fragte die Bedienung.
Sie nickte stumm und zwang sich, das Grünzeug in sich hineinzustopfen. Sie musste den Magen irgendwie beruhigen. Er war schon dabei, sich um sich selbst zu wickeln. Sie dachte ernsthaft darüber nach, die Maschinerie in Bewegung zu setzen, um dem offensichtlich überforderten Rappold den Fall zu entziehen und allein weiter zu ermitteln. Unschlüssig wog sie die Vor- und Nachteile ab, bis sie wütend beschloss, den Kommissar im Vorruhestand aus ihren Gedanken zu verbannen. Sie verließ das Lokal und rief Jamie an, während sie an der Mole entlang schlenderte. Es war noch zu früh. Sie würde ihn in der Vorlesung stören, aber sie konnte nicht länger warten. Zu ihrer Überraschung hob er sofort ab.
»Langweilst du dich?«, fragte er lachend.
»Ich wollte testen, ob du an der Arbeit bist, und prompt habe ich dich erwischt. Ich warte gespannt auf deine Erklärung.«
Eine kurze Pause entstand. Zu ihren Füßen klatschte der Kot einer Möwe auf die Plastikplane eines Bootes, dass sie unwillkürlich mit einem Kraftausdruck zurückwich.
»Also hör mal!«, rief er erschrocken.
Sie stellte sich sein verdutztes Gesicht vor, und der Tag im Präsidium war schon fast vergessen.
»Eine Möwe hat mich erschreckt«, beruhigte sie.
»Hat sie getroffen? Bist du verletzt?«
»Jetzt mach aber einen Punkt.«
Das Geplänkel ging weiter. Mit jeder Minute fühlte sie sich besser. Sie hätten übers Wetter oder Nordkorea reden können. Der Inhalt zählte nicht, nur seine warme Stimme.
»Du bist also tatsächlich an den Bodensee gereist«, sagte er unvermittelt.
»Wegen der Möwe meinst du? Die gibt‘s auch woanders, aber es stimmt. Ich bin in Konstanz, ein Einsatz am Bodensee.«
»Schade, wirklich schade«, seufzte er. »Ich hatte gehofft, du könntest nach dem letzten Fall für ein paar Tage rüber kommen.«
»Nach London?«
»Ja, wenigstens für ein verlängertes Wochenende. Ich bin einigermaßen flexibel.«
»Hab ich‘s doch gewusst! Dein Seminar ist nur Show. Du wolltest in die alte Heimat zurück. Das ist es doch. Gib’s zu.«
Er lachte schallend, ein wenig zu heftig, fand sie.
»Leider kann ich hier nicht weg. Die Kollegen brauchen jede Unterstützung.«
Da war es wieder, das Gespenst mit dem Schmerbauch. Um es endgültig zu vertreiben, holte sie nach dem Anruf das Saxofon aus dem Hotel und setzte sich im Stadtgarten ans Ufer. Eine angenehm laue Brise wehte vom See her. Sie saß lange unbeweglich an der Böschung und ließ ihre Gedanken übers Wasser schweifen, bevor sie den Instrumentenkoffer öffnete. Erstaunlich wenige Spaziergänger waren unterwegs. Nur eine Gruppe junger Leute unterhielt sich lautstark im Rasen zwischen den alten Bäumen. Ab und zu wehte ein Lacher zu ihr herüber. Behutsam nahm sie das Instrument aus dem Koffer. Das goldene ›Senso‹ von Buffet Crampon stellte so ziemlich den einzigen echten Luxus dar, den sie sich bisher geleistet hatte. Sie liebte die samtig weichen Tiefen des Altsaxofons. Jedes Mal, wenn sie zu spielen begann, hörte ihr verstorbener Vater lächelnd zu. Er hatte ihr in seinem Musikladen die ersten Töne auf der Blockflöte beigebracht. Sie begann, in tiefen Lagen zu improvisieren, leise, als spielte sie nur für sich und ihren Vater. Allmählich befreite sich die Musik wie von selbst. Sie verband die liebsten Motive ihres Meisters Charlie Parker im Blues-Schema zu einer nicht enden wollenden Kette von Kadenzen und Akkorden. Es war, als wehte die Brise durch ihren Kopf, trüge den Müll mit sich fort und füllte die grauen Zellen mit reiner Freude. Ins Spiel vertieft, bemerkte sie nicht, wie die jungen Leute sich näherten. Sie lauschten im Halbkreis hinter ihrem Rücken der Darbietung, als hätten sie teuer dafür bezahlt. Der Applaus erschreckte sie, als sie das Instrument absetzte.
»He – fantastisch – wer bist du, woher kommst du, was war das?«
Lächelnd ließ sie die Fragen an sich abperlen. Nur eine beantwortete sie gerne:
»Charlie Parker. Das waren Motive von Charlie Parker. Der war noch etwas besser auf dem Altsaxophon.«
»Wer ist Charlie Parker?«
Die jungen Leute gehörten zu einer anderen Generation. Sie kannten wohl die Namen aller angesagten DJs. Jazzgrößen wie ›the bird‹ waren etwas für Ewiggestrige, interessant nur, dass ihre Musik immer noch faszinierte.
»Du musst unbedingt am Freitag in der ›Blechnerei‹ spielen«, rief einer und drückte ihr einen Flyer in die Hand.
Open Stage!, stand darauf, quer über die Seite gedruckt, mit Ausrufezeichen. Sie bekam endlich Gelegenheit, ihre Frage zu stellen:
»Wer seid ihr?«
Die Jungs erinnerten sich blitzschnell an ihre Vornamen. Die Mädchen hielten sich zurück. Sie schüttelte lachend den Kopf.
»Ich meinte eigentlich: Was tut ihr hier in Konstanz?«
Es waren Studenten von der Uni, wie sie gehofft hatte. Sie merkte sich die Gesichter. Uni – Gaia – interessant. Ein unauffälliger Zugang zum Campus könnte sich eines Tages als nützlich erweisen.
»Also bis Freitag«, sagte der Blasse mit den roten Wangen, der ihr das Flugblatt in die Hand gedrückt hatte.
»Mal sehen.«
Nachdem sich die Gruppe Richtung Altstadt entfernt hatte, schickte ihr Saxofon ein paar letzte Seufzer über den jetzt fast schwarzen See. Kurz bevor sie das Instrument absetzte, klingelte es in ihrem Koffer. Zwei Fünfzig-Cent-Münzen und drei Fünfer lagen auf dem Staubtuch, das ihre Glock abdeckte. Sie rief dem einsamen Spaziergänger ein Danke nach und packte zusammen. Der Tag endete besser, als er begonnen hatte. Immerhin war sie um 1.15 Euro reicher. Das Geschenk erinnerte sie an den Vorsatz, Jamie eine Kleinigkeit mitzubringen nach ihrem Einsatz – bloß was? Das Problem würde sie noch lange beschäftigen, fürchtete sie.
Sie hatte den Eindruck, Rappold ducke sich vor ihr, als sie am Morgen fast gleichzeitig das Präsidium betraten. Im schwarzen Gilet über der ärmellosen Bluse, Pistole gut sichtbar im Schulterhalfter, erinnerte sie ihn vielleicht noch stärker an eine zu allem entschlossene Domina. Kaum stand sie im Büro, kam Hinz aus der dunklen Ecke geschossen und haspelte den Stand der Ermittlungen herunter. Er war schnell fertig.
»Thorsten Kramer hat niemand mehr an seiner Meldeadresse in Litzelstetten gesehen seit einem halben Jahr«, berichtete er. »Das bestätigen alle Nachbarn, sagen die Kollegen.«
»Was sagt die KTU über den Sprengstoff?«
»Die Analyse ist noch im Gang.«
Mehr gab es nicht zu berichten an diesem Morgen. Rappold hatte endlich die bequemste Stellung auf dem Sessel gefunden und war dabei, seinen Kaffee aus dem Pappbecher zu kosten, als sie ihn mit der Bemerkung schockierte:
»Wir fahren zum Tatort.«
Um ein Haar entglitt ihm der Becher. »Was – wieso das denn? Steht doch alles im Bericht.«
»Im Bericht steht, dass Sie gerade mal den leitenden Ingenieur und die Arbeiter der Nachtschicht vernommen haben.«
»Das waren die einzigen potentiellen Zeugen.«
Sie schüttelte den Kopf, beugte sich zu ihm hinunter und zeigte ihm den Drohfinger. Sofort brachte er seinen Kaffee in Sicherheit.
»Mein lieber Kommissar Rappold. Mir scheint, Sie ermitteln allzu offensichtlich nur in eine Richtung. Wie ich gestern schon erwähnt habe, müssen alle Leute befragt werden, die irgendwie mit dem Versuchsgelände in Kontakt gekommen sind. Insbesondere sollten wir uns um entlassene oder anderweitig frustrierte Mitarbeiter kümmern. Wer sagt uns denn, dass der Anschlag kein Insider Job gewesen ist? Bis wir die Phantome der Gruppe Gaia vernehmen können, müssen wir in alle Richtungen ermitteln, einverstanden?«
Ohne die Antwort abzuwarten, ging sie zur Tür.
»Auf geht‘s!«
Er betrachtete unschlüssig den Becher mit der siedend heißen Brühe.
»Lassen Sie den Kaffee stehen, Kollege. Sie werden ihn nicht vermissen. Zu viel Säure ist nicht gut für den übersäuerten Magen.«
Hinz versteckte sich wieder in der dunklen Ecke, wo seine Gesichtszüge weniger deutlich zu erkennen waren.
»Hinz, Alibis!«, brüllte Rappold ihn an.
»Ich fahre mit meinem Wagen«, sagte sie.
ÜBERLINGEN
Ingenieur Niklas Kolbe empfing sie im Bürocontainer. Er wischte sich mit einem öligen Putzlappen Striemen ins Gesicht und rieb die Hände am schmutzigen Tuch, bevor er sie begrüßte. Sollte heißen: Hier wird hart gearbeitet, keine Zeit für Fragen. Sie überließ Rappold die Einleitung.
»Wieso zum Teufel wollen Sie die Leute zum zweiten Mal befragen?«, fuhr ihn Kolbe an. »Sie halten uns von der Arbeit ab. Bei uns kostet jede Minute bares Geld, Mann!«
Sollte wiederum heißen: Bei uns wird gearbeitet, nicht wie bei der Polizei. Rappold hatte den Ingenieur wohl bisher mit Samthandschuhen angefasst. Kolbe schien jedenfalls keine besonders hohe Meinung vom Kommissar aus Konstanz zu haben, was sie durchaus nachvollziehen konnte. Diesmal sollte er sich täuschen. Mit der Domina im Rücken lief Rappold zur Hochform auf.
»Herr Kolbe, wir sind nicht hier, um Zeit zu vergeuden. Ich kann gerne die gesamte Belegschaft aufs Präsidium vorladen, wenn Ihnen das lieber ist. Also?«
Kolbe traute seinen Ohren nicht. Sein Blick wanderte unschlüssig zwischen dem Kommissar, ihr und Hinz, der hinter ihrem Rücken Deckung suchte, hin und her.
»Was wollen Sie?«, fragte er schließlich mit vor Ärger bebender Stimme.
»Wir werden sämtliche Mitarbeiter zur Tatnacht befragen, auch die, die jetzt in ihren Wohnwagen schlafen. Dazu brauchen wir eine vollständige Liste des Personals inklusive aller Zulieferer. Wir befragen jeden, der im letzten halben Jahr Zutritt zur Versuchsanlage hatte.«
Kolbe lachte hysterisch auf. »Sie sind verrückt!«
»Halten Sie sich zurück, sonst sind Sie wegen Beamtenbeleidigung dran. Wir machen nur unsere Arbeit und zwar gründlich. Es sollte auch Ihnen einleuchten, dass wir alle Alibis überprüfen müssen.«
Ihre Worte. Sie musste sich zurückhalten, um Rappold nicht auf die Schulter zu klopfen.
»Während die Kollegen Ihre Leute befragen, möchte ich mich auf dem Areal umsehen«, sagte sie.
Er warf ihr giftige Blicke zu und fragte mit kaum verhohlener Wut:
»Wozu soll das gut sein?«
»Wenn Sie gestatten, stelle ich die Fragen.« Mit einer einladenden Handbewegung wies sie nach draußen. »Bitte sehr, Herr Kolbe, nach Ihnen.«
Er rührte sich nicht.
»Je schneller ich mir einen Überblick über die Anlage und Abläufe verschafft habe, desto früher sind Sie mich wieder los«, fügte sie hinzu.
Dieses Argument leuchtete ihm ein. Er gab ihr einen Schutzhelm und trat ins Freie.
»Sie wissen, was wir hier tun?«
»Ganz grob«, antwortete sie und spielte die Naive. »Sie suchen im Tonschiefer nach Gas. Erklären Sie es mir.«
»Da haben wir schon das erste Missverständnis. Die Gesteinsschicht, in der das Erdgas, vor allem Methan, gebunden ist, hat nichts mit Schiefer zu tun. Es ist eine Schicht aus Tonstein. Die Bezeichnung Schiefergas ist Unsinn. Sie beruht auf einem Übersetzungsfehler.«
»Ach so, und dieser Tonstein befindet sich hier unter unseren Füßen?«
Er nahm ihr die wissbegierige Dilettantin ohne Weiteres ab. Die Kommissarin rückte in den Hintergrund. Es reichte gar für ein verständnisvolles Lächeln, als er antwortete:
»Nicht direkt an dieser Stelle. Wir befinden uns am Rand des Vorkommens. Die Bohrung führt senkrecht unter die undurchlässige Schicht, über der das Grundwasser liegt. Von dort bohren wir horizontal weiter in die Tonschicht hinein.«
»Horizontal?«, unterbrach sie mit großen Augen. »Wie geht denn das?«
»Es ist im Grunde eine alte Technik, die wir heute natürlich mittels Sensoren und Computern wesentlich besser beherrschen. Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen die Auswertungen im Überwachungswagen.«
»Danke, später vielleicht.«
Ihr Interesse galt im Augenblick eher dem Inhalt der vielen Tanks auf dem Gelände. Sie standen bei den Bohrtürmen.
»Also, hier führt die Druckleitung hinunter und stößt dann horizontal in die Tonschicht vor. Das Gestein bekommt durch den Druck Risse. So gibt es das eingelagerte Gas frei, das entlang der Bohrung aufgefangen und an die Oberfläche geleitet wird. Bei den Förderköpfen dort drüben fangen wir es auf und leiten es in die Vorratstanks. Das ist nur eine Versuchsanlage mit Testbohrungen. Deshalb sind wir natürlich nicht an ein Pipelinenetz angeschlossen.«
»Und das funktioniert einfach mit Wasser?«
Wieder lächelte er verständnisvoll. »Wir verwenden ein FracFluid aus Wasser, Sand und Stärke. Im Gegensatz zu klassischen Fracking Anlagen gibt es bei uns keine giftigen Chemikalien. Wir nennen die Methode deshalb ›Clean Fracking‹.«
»Tönt ja sehr fortschrittlich.«
»Ist es auch.«
Er führte sie zu einem Mischwerk nahe der Stelle, wo die Lagerhalle abgebrannt war. Es wies keinerlei Explosionsschäden auf, genau wie alle andern Anlagen, die sie besichtigte. Der Eindruck verstärkte sich, die Täter hätten genau darauf geachtet, nur den Inhalt des Lagers zu vernichten. Warum sollten Umweltaktivisten so etwas tun?
»Hier wird das Wasser mit dem Zusatz gemischt«, erklärte er. »So entsteht das FracFluid.«
»Mit dem Zusatz aus der abgebrannten Halle«, ergänzte sie mit ironischem Schmunzeln.
»Ja, Sie haben recht. Das funktioniert jetzt natürlich nicht mehr. Wir werden das Fluid vorderhand fertig gemischt aus Leverkusen beziehen.«
Die Auslagerung des Mischvorgangs und damit die Aufhebung des Lagers für Fracking Zusatz waren also die einzigen technischen Konsequenzen des Anschlags. Auf dem Weg zurück zum Container überraschte sie Kolbe mit der Frage:
»Warum gerade hier, so nahe am Schutzgebiet um den Bodensee?«
»Die Tonschicht verläuft nun mal genau hier entlang – und wie gesagt: Wir betreiben ›Clean Fracking‹ und halten uns an alle Auflagen.«
»Das möchte ich hoffen.«
Die Kommissarin war zurück, Kolbes Misstrauen auch.
»Ich muss Sie bitten, mir alle Arbeitsprotokolle und die Logfiles aus dem Überwachungswagen von der Nacht des Anschlags auszuhändigen. Wir brauchen ein vollständiges Bild der Ereignisse in jener Nacht.«
Nun waren auch Kolbes feindselige Blicke wieder da. Er hatte keine Wahl und wies eine Mitarbeiterin an, die gewünschten Informationen zusammenzustellen. Der dünne Papierstapel sah nicht sehr vertrauenerweckend aus. Sie zweifelte an der Vollständigkeit der Angaben, befasste sich aber zuerst mit der geologischen Karte, die Kolbe bei ihrer Ankunft weggeräumt hatte. Sobald sie allein war im Container, breitete sie die Karte aus. Die Tonschicht verlief in einem breiten Band vom See her nach Nordosten. Wie der Ingenieur behauptet hatte, befand sich das Versuchsgelände am südlichen Rand des Vorkommens. Sie rief das Satellitenbild der Umgebung auf ihrem Handy ab und legte es in Gedanken über die Karte. Zwanzig oder dreißig Stellen waren rot eingekreist, Gebiete, die sich besonders für eine Förderung eigneten. Die Kreise bildeten eine lange Kette, deren größtes Glied jemand durchgestrichen hatte. In diesem Kreis lag das Kloster Mariafeld.
Zehn Minuten später fuhr sie an einem Kornfeld entlang, wo ein Bauer auf dem Traktor dabei war, die Schwaden aus Stroh zu wenden. Sie hielt an, hupte und gab dem Mann Zeichen, dass sie mit ihm sprechen möchte. Er reagierte erst, als sie den Dienstausweis schwenkte.
»Es geht um den Sprengstoffanschlag, stimmt‘s?«, fragte er, kaum abgesprungen.
Er hieß Paul Weber und arbeitete als Gutsverwalter für das Kloster.
»Schon eine ganze Ewigkeit«, betonte er.
Sie brauchte nicht zu fragen. Er schnitt das Thema, das sie interessierte, von sich aus an.
»Wissen Sie, diese Chemie-Mafia will hier alles kaputtmachen. Sehen Sie sich das Land doch an.« Eine ausladende Handbewegung unterstrich sein Argument. »Das ist Landwirtschaftszone, so weit das Auge reicht. Seit vielen Generationen werden hier nachhaltig Getreide, Gemüse und Früchte produziert. Der Boden ist gut und ernährt uns alle zuverlässig. Und da kommen die geschniegelten Rechtsverdreher der Chemie-Bonzen in ihren Nadelstreifenanzügen und wollen den ganzen Landstrich mit Bohrtürmen überziehen.«
»Den ganzen Landstrich? Ich denke, es geht um einzelne Probebohrungen.«
Ein bitteres Lächeln umspielte seinen Mund. »Wäre es nur um diese zwei, drei Löcher gegangen, hätten sie nicht so einen Aufstand um unser Land gemacht. Dreimal waren die Herren Anwälte mit dem Ingenieur beim Prior, aber der hat sich Gott sei Dank nicht breitschlagen lassen. Es gibt eben noch anständige Menschen.«
»Verstehe ich Sie richtig: Die NAPHTAG wollte das Klostergut kaufen?«
»Genau, so heißt die Mafia, NAPHTAG. Sie haben am Ende eine astronomische Summe geboten für den Teil des Guts, auf dem wir jetzt stehen. Wenn Sie mich fragen, geht es denen darum, ein zusammenhängendes Gelände bis hinüber nach Memmingen zu erschließen. Einige Nachbarn haben schon verkauft oder gut bezahlte Vorkaufsrechte überschrieben.«
»Bis nach Memmingen! Das sind mehr als hundert Kilometer, Platz für hundert Förderanlagen.«
»Da sehen Sie es.«
Kolbe hatte nichts dergleichen erwähnt, als handelte es sich bei seinem Unternehmen nur um eine isolierte Probebohrung. Falls die Vermutung des Gutsverwalters zuträfe, könnte sich der Konzern ein Scheitern des Versuchsbetriebs gar nicht mehr leisten. Sie bedankte sich und zog das Telefon aus der Tasche. Es gab Arbeit für den Kollegen Haase. Bauer Webers Angaben bargen Zündstoff. Es lohnte sich, sie unverzüglich zu überprüfen.
Ingenieur Kolbe hatte das Versuchsgelände verlassen, als sie zurückkehrte. Sie benutzte die Gelegenheit, die Techniker an den Bohrtürmen direkt zu befragen. Beim Rundgang mit Kolbe war ihr der große, offenbar unbenutzte Vorrat an Bohrgestängen und Förderrohren aufgefallen. Sie suchte sich den Arbeiter aus, der sich am brennendsten für sie zu interessieren schien.
»Wie es aussieht, sind die Löcher noch nicht tief genug«, scherzte sie.
Der Scherz war offenbar gelungen. Er lachte herzhaft.
»Es täuscht«, sagte er mit dem Blick aufs Materiallager. Er neigte sich zu ihr herüber, dass sein Mund ihr Ohr beinahe berührte und flüsterte: »Der Herr Ingenieur hat sich verrechnet.«
»Wie darf ich das verstehen?«
»Wir sind schon in einer Tiefe von 2‘000 Metern auf ergiebige Schichten gestoßen.«
»2‘000 Meter, aha. Das ist aber ein ganz schön tiefes Loch.«
Er fand auch diese Bemerkung außerordentlich erheiternd.
»Sie haben keinen Schimmer von unserer Arbeit, was?«, platzte er heraus. »Zwei Kilometer sind gar nichts. Normalerweise treiben wir über vier Kilometer vor.«
3‘000 Meter war die gesetzlich erforderliche Minimaltiefe für solche Bohrungen. Das schien der Techniker nicht zu wissen. Kolbe wusste es ganz bestimmt. In seinen Protokollen war die Tiefe mit unbedenklichen 4‘500 Metern angegeben. Sie glaubte nicht an ein Versehen.
Hinz und Rappold hatten die Befragungen abgeschlossen. Die Überprüfung der Alibis für die Tatnacht würde einige Zeit dauern, ebenso wie die noch ausstehenden telefonischen Befragungen der externen Mitarbeiter und Zulieferer. Die bisherigen Ermittlungen ergaben kein einheitliches Bild. Nichts wies eindeutig in die Richtung eines Insider Jobs.
Hinz überraschte sie. Er hatte nicht nur Fotos aller Anwesenden geschossen, sondern auch die Autos auf dem Parkplatz abgelichtet und sie den Angestellten zugeordnet. Der Junge besaß Potenzial.
»Leider keine verdächtigen Fahrzeuge«, fasste er zusammen.
Nicht überraschend: Seine Aktion erfolgte einige Tage zu spät. In der Tatnacht war keinem Kollegen eingefallen, die anwesenden Autos zu kontrollieren.
»Wir fahren dann mal zurück«, sagte Rappold.
Die beiden saßen schon im Wagen, als laute Rufe und Flüche ihre Aufmerksamkeit auf die Förderköpfe lenkten. Dampf zischte pfeifend aus einem Ventil. Arbeiter flüchteten. Warnrufe scheuchten auch die letzten zwei Techniker von ihrem Arbeitsplatz. Der Druck von 400 bar sprengte das defekte Ventil. Es explodierte mit lautem Knall. Geschosse aus Gusseisen schwirrten durch die Luft wie gigantische Querschläger. Alarmsirenen schalteten sich ein. Mitten im Durcheinander entdeckte sie hinter dem Bohrgestänge am Rande des Versuchsgeländes ein geparktes Auto, das Hinz weder erwähnt noch auf einem Foto gezeigt hatte. Sie musste die Unglücksstelle mit dem geplatzten Ventil weiträumig umgehen, um zum Fahrzeug zu gelangen. Von Weitem sah sie eine Gestalt darauf zu laufen.
»Halt, Polizei, bleiben Sie stehen!«, schrie sie aus Leibeskräften.
Die tosende Schlammfontäne, die aus dem Leck in den Himmel schoss, übertönte alle Rufe. Sie verlor die Gestalt für kurze Zeit aus den Augen. Das Rohrlager versperrte den Weg. Fluchend rannte sie ums Hindernis herum. An der Ecke schoss die Schaufel eines Radladers wie das aufgerissene Maul einer Bulldogge auf sie zu. Ein Satz zur Seite in einen Sandhaufen rettete sie in letzter Sekunde.
»Alles in Ordnung?«, rief der Fahrer, ohne anzuhalten.
Er bremste nur leicht ab und beschleunigte sogleich wieder, als er sah, wie sie sich aufraffte. Wütend schüttelte sie den Sand aus den Kleidern, dann rannte sie weiter, den Puls auf hundertachtzig.
Die Gestalt war verschwunden, das Auto auch. Mann oder Frau? Sie konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Wagentyp und Kennzeichen blieben unbekannt. Eine schwarze oder dunkelblaue Limousine – mehr hatte sie nicht gesehen. Zu wenig für eine Fahndung, und die Verfolgung war zwecklos. Eine Stunde und unzählige Fragen später war sie kein bisschen schlauer. Niemand wollte den Unbekannten gesehen haben, aber es gab ihn oder sie, immerhin eine neue Erkenntnis.
Der rote Minivan hielt unterhalb des Hügels an. Von hier aus lag einem das ganze Klostergut zu Füßen. Die Luft flimmerte über den abgeernteten Feldern. In der Ferne glitzerte das schmale, silberne Band des Überlingersees. Maria Herzog stieg aus und atmete die trockene Landluft ein, die wie immer um diese Jahreszeit nach frischem Stroh roch. Sie war froh, wenigstens von ihrem Lieblingsplatz aus keine Bohrtürme zu sehen und das Summen der Pumpen nicht zu hören. Die Landschaft und das alte Gemäuer des Klosters hatten sich nicht verändert, seit sie als kleines Mädchen zum ersten Mal auf diesem Platz gestanden hatte. Die Zeit war stehen geblieben. Das erfüllte sie jedes Mal mit einer inneren Ruhe, die sie sonst im Alltag nicht kannte.
Die Marienglocke kündigte das mittägliche Angelusläuten mit drei bedächtigen Schlägen an. Sie war nicht religiös. Dafür war ihr Gehirn zu rational verdrahtet, aber die Jahre im katholischen Waisenhaus und Internat hatten ihr diese Kultur eingeimpft. Für sie war das Glockengeläute ein Stück Heimat wie der Bodensee oder der Zeppelin, der am stahlblauen Himmel surrend seine Runden drehte.
Bauer Weber war auf dem Weg in die Scheune. Seine Maschinen ruhten über Mittag wie früher die Landarbeiter. Er sprang vom Traktor, als sie auf den Hof fuhr.
»Da schau her, die Maria«, rief er freudig.
Für ihn war sie immer noch das Mädchen, das fast jede freie Minute auf dem Hof verbrachte. Er war der Herr Weber geblieben.
»Na, brauchen deine Pferde wieder Stroh?«, fragte er lachend.
Er wusste, dass ihre Pferde mikroskopisch kleine Lebewesen waren, die das Stroh schneller fraßen als ausgewachsene Pferde das Gras. Vorstellen konnte er sich dennoch nichts unter ihrer Arbeit.
»Sie lachen, Herr Weber, aber die Nachbarn haben uns tatsächlich schon gefragt, wann endlich die Pferde kämen.«
»Kann ich gut verstehen.«
Er half ihr, die zwei Strohballen ins Auto zu laden. Bald würde die ›Herzog Green Chemicals AG‹, ihre kleine Start-up Firma, mit einem Lkw vorfahren. Der Sprung vom Forschungslabor zur industriellen Produktion war endlich in Sichtweite gerückt. Sie war überzeugt, den endgültigen Durchbruch in den nächsten Tagen, höchstens Wochen, zu schaffen. Für sie und ihre Forscherkollegen, allen voran Felix Buchmacher, Mitbegründer und unverzichtbarer Partner, würde ein Lebenstraum in Erfüllung gehen. Ein Traum, an den auch die privaten Investoren glaubten, deren Risikokapital ihren Betrieb am Leben erhielt. Sie würden reich belohnt werden, daran zweifelte sie keinen Augenblick.
Bauer Webers Frage unterbrach ihre Gedanken.
»Hast du gehört, was ich gesagt habe?«
»Wie bitte – nein, Entschuldigung.«
»Ihr Akademiker seid ein zerstreutes Volk«, sagte Weber kopfschüttelnd. »Ich habe gesagt, das Stroh koste diesmal nichts.«
»Kommt nicht infrage.«
»Willst du Streit?«, lachte er.
»Was halten Sie davon, wenn ich diese zwei Ballen bezahle, dafür die nächste Ladung geschenkt erhalte?«
Er musterte sie misstrauisch. »Da steckt sicher einer deiner schlauen Schachzüge dahinter.«
»Abgemacht?«
Sie streckte ihm die Hand entgegen. Er schlug zögernd ein.
»Vielen Dank, die nächste Ladung holen wir nämlich mit dem Lkw ab.«
Sie nahm den Handel nicht ernst, er offenbar auch nicht. Mit den Schultern zuckend, sagte er:
»Ich wusste es. Gegen euch Studierte ist kein Kraut gewachsen. Aber egal, vielleicht stehst du das nächste Mal sowieso vor einer leeren Scheune.«
»Wie das?«
»Ich weiß nicht, wie lang der Prior dem Druck der Fracking Mafia noch standhält. Das Kloster ist alles andere als auf Rosen gebettet, und nach der miserablen Ernte im letzten nassen Sommer herrscht Ebbe in der Kasse. Ich müsste dringend das Gebläse erneuern und das Dach ausbessern lassen, aber dafür fehlt das Geld.«
»Sie meinen, Pater Raphael verkauft das Land doch noch an die NAPHTAG?«
»Überraschen täte es mich nicht.«
Die Nachricht schockierte sie. Das Stroh würde sie auch woanders bekommen, falls das Kloster den Getreideanbau aufgäbe. Ihr Problem bestand darin, dass sie den Verheißungen des ›Clean Fracking‹ keine Sekunde traute. Eine solche Industrieanlage praktisch vor der Haustür würde die Qualität der übrigen Güter, die Bauer Weber produzierte, beeinträchtigen. Bio Label ade, Lebensqualität ade. Vor allem aber schockierte sie, dass offenbar nichts und niemand die Profitgier des Petrochemie Giganten stoppen konnte. Weber hörte sich ihre Argumente geduldig an. Am Schluss bemerkte er nur:
»Wem sagst du das.«
Sie musste unbedingt den Prior sprechen. Die Mittagspause verbrachte sie am Telefon mit den Kollegen im Labor in Wollmatingen und ihrer Geliebten. Emma verhielt sich merkwürdig verschlossen seit einigen Tagen. Maria wusste nur, dass sie an einer heißen Story arbeitete, in der die NAPHTAG eine Hauptrolle spielte. Mehr war nicht aus Emma herauszuholen. Wie üblich hielt sie die Geschichte strikt unter Verschluss bis zur Veröffentlichung. »Sonst wird aus der Bombe eine harmlose Verpuffung«, war ihr Argument. Maria hatte kein Problem damit. Sie selbst verhielt sich nicht anders, was ihre Forschungsergebnisse anbelangte. Der entscheidende Unterschied bestand nur in Emmas Tendenz, sich bei ihren Recherchen in unmögliche Situationen zu manövrieren. Kurz bevor die Bombe platzte, steigerte sich die Sorge um Emma zum latenten Unwohlsein. Hörte sie einen halben Tag nichts von ihr, begannen sich die Nerven zu kräuseln, als stünden sie unter Hochspannung. Emma beendete das Gespräch mit dem üblichen Zweckoptimismus:
»Mach dir keine Sorgen. Es ist bald vorbei.«
Pater Raphael, der Prior des Klosters Mariafeld, empfing sie freudestrahlend wie Bauer Weber. Die Sorgenfalten auf seiner Stirn erschienen ihr zahlreicher und ausgeprägter als beim letzten Besuch vor zwei Monaten. Vielleicht bildete sie es sich ein nach dem Gespräch mit Weber, aber die Stimme des Paters bestärkte den Eindruck. Er klang müde, erschöpft, obwohl er sich alle Mühe gab, die gewohnte, unerschütterliche Kraft und Ruhe auszustrahlen, die ihr stets Halt und Zuversicht gegeben hatte. Sie sah in ihm nicht den Priester, den frommen Mönch. Pater Raphael war der gute Onkel, der sich ihrer nach dem Verlust der Eltern angenommen hatte. Ihm verdankte sie die Chance, an der Uni Konstanz das studieren zu können, was sie schon früh in den Bann gezogen hatte: Biologie, die Wissenschaft vom Leben. Er hatte sie letztlich überzeugt, den Schritt in die Selbstständigkeit mit dem Start-up-Unternehmen zu wagen, obwohl auch er sicher keine genaue Vorstellung davon hatte, was sein Schützling zwischen Petrischalen, Bioreaktoren und Chromatografen eigentlich trieb.
»Du hast Stroh geholt, nehme ich an«, sagte er nach der Begrüßung.
Sie nickte. »Die Mikroben brauchen Futter.«
»Eines Tages musst du mir mit den Worten eines Laien erklären, woran ihr arbeitet.«
»Es ist eigentlich ganz einfach, wenn man von ein paar Einzelheiten absieht. Wir bringen Bakterien dazu, bestimmte Chemikalien aus Biomasse zu erzeugen. Bauer Webers Stroh eignet sich hervorragend als Futter. Unsere Bakterien ersetzen also eine ganze chemische Fabrik.«
»Das hört sich so einfach an.«
»Ganz so einfach ist es schon nicht. Immerhin tüfteln wir schon fünf Jahre daran, und während meiner Doktorarbeit habe ich auch nichts anderes getan. Anfangs wollten die Viecher partout nur in teurem Traubenzucker gedeihen.«
Die Bemerkung rang dem Prior ein Schmunzeln ab.
»Riesling-Sylvaner, vermute ich.«
»So ungefähr.«
»Und jetzt habt ihr die Einzeller umerzogen?«
»Genau das haben wir getan. Ich bin zuversichtlich, dass wir bald eine stabile Population gezüchtet haben, Pater. Vielleicht sieht man es mir nicht an, aber ich bin richtig glücklich.«
»Man sieht es«, beruhigte er lächelnd, »andererseits hattest du schon immer ein sonniges Gemüt. Dafür beneide ich dich.«
Sie ließ den Blick durchs Arbeitszimmer des Priors gleiten. Wie oft hatte sie schon hier gesessen, das große, schwere Kruzifix vor Augen, das zu ihm gehörte wie die Kutte und die Brille mit dickem, schwarzem Rand? Auch dieser Raum veränderte sich nie. Pater Raphael besaß empfindliche Antennen. Ihm entging nicht, dass sie noch etwas loswerden wollte. Lächelnd forderte er sie auf, zu sprechen.
»Ich habe von Bauer Weber erfahren, dass die NAPHTAG Land vom Kloster kaufen will. Er ist sehr beunruhigt.«
Der Prior nickte nachdenklich. »Das kann ich verstehen. Er hängt am Klostergut wie wir alle.«
»Ehrlich gesagt, mache ich mir auch große Sorgen«, fügte sie hinzu.
»Du? Warum solltest du dir Sorgen machen?«
Sie wiederholte die Argumente, die sie schon beim Gutsverwalter vorgebracht hatte. Ähnliches musste Pater Raphael auch durch den Kopf gegangen sein. Er zeigte sich nicht überrascht, dachte aber lange nach, bevor er antwortete:
»Noch ist nichts entschieden.« Nach einer weiteren Pause ergänzte er: »Manchmal lässt einem der Herr nur die Wahl zwischen zwei Übeln.«
»Tun Sie es nicht. Verkaufen Sie nicht an die NAPHTAG, Pater. Ich weiß, es hört sich kindisch an, aber ich kann es nicht anders ausdrücken: Dieser Konzern ist böse. Die NAPHTAG kann sich die besten Anwälte leisten, dass Sie am Ende mit allen Konsequenzen leben müssen, selbst wenn das Fracking Unternehmen Ihr ganzes Grundwasser verseucht.«
»Übertreibst du jetzt nicht ein wenig, Maria?«
Sie schüttelte entschieden den Kopf. »Wir haben mit unserer Firma erlebt, wozu die NAPHTAG fähig ist. Wir haben bei verschiedenen Banken wegen des geplanten Börsengangs angefragt. Anfänglich erhielten wir attraktive Angebote, doch nach kurzer Zeit verabschiedete sich eine Bank nach der andern. Aus technischen Gründen, wie sie behaupteten. Ein paar ehrliche Banker haben uns den wahren Grund genannt. Die NAPHTAG hat gedroht, ihre Bankbeziehung zu beenden, falls sie weiterhin mit uns zusammenarbeiten.«
Der Pater starrte sie ungläubig an. »Warum sollten die so etwas Verwerfliches tun?«
»Weil sie sich bedroht fühlen, noch bevor wir unsere Forschungsergebnisse veröffentlichen. Der NAPHTAG Konzern will jede Konkurrenz im Keim ersticken. Eines Tages wird unsere ›grüne‹ Chemie große Teile der petrochemischen Industrie ersetzen. Davor haben sie panische Angst. Darum treiben sie dieses Fracking Projekt mit allen Mitteln voran, um Fakten zu schaffen und nachhaltige Alternativen wie unsere gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ich fürchte, dazu ist dem Konzern jedes Mittel recht.«
Sie war verstimmt, zornig. Pater Raphael kannte seine Maria so nicht. Jedenfalls ließ sie einen ziemlich verwirrten Prior im Kloster zurück, als sie sich auf den Heimweg machte.
KONSTANZ
Die Studentin sah die chemische Formel, die wie ein fettes Logo auf Felix Buchmachers Arbeitsmappe prangte.
»C4H6O4 – was ist an diesem Molekül so spannend?«, fragte sie provozierend.
»Was wissen Sie über Plattformchemikalien?«, fragte Felix zurück.
»So nennt man Basischemikalien, aus denen viele andere, komplexere Stoffe synthetisiert werden.«
»Das haben Sie schön auswendig gelernt«, sagte er lachend.
Er schob die Probe aus dem Labor in Wollmatingen ins NMR-Impulsspektrometer und schaltete das Gerät ein. Die Start-up Firma war zu klein und sparsam, um sich ein solches Instrument leisten zu können. Deshalb verbrachte er manche Stunde unter Studenten im Chemiegebäude der Uni – und in der Cafeteria. Er deutete auf die Formel und ergänzte:
»Bernsteinsäure ist so eine Basischemikalie. Man verwendet sie zum Beispiel zur Herstellung von Polyester. Lösungsmittel und Weichmacher für Kunststoffe werden daraus produziert. Sogar die Parfümindustrie braucht dieses Molekül.«
Die Studentin zeigte sich unbeeindruckt.
»Und jetzt wollen Sie die Struktur dieses einfachen Moleküls bestimmen?«, fragte sie mit einem ironischen Blick aufs Spektrometer.
Er schüttelte lachend den Kopf. »Die könnte ich im ›Beyer‹ nachschlagen. Nein, junge Dame, was das Instrument gerade analysiert, bleibt mein Geheimnis.«
»Na dann viel Erfolg.«
»Danke, werde ich haben«, murmelte er, während sie zur Tür hinaus rauschte.
Von hinten erinnerte sie entfernt an die Süße mit den Fransen, die ihm in der Cafeteria verstohlene Blicke zugeworfen hatte, wie er glaubte. Er wandte sich mit einem leisen Seufzer wieder dem Computerbildschirm zu, auf dem er den Fortschritt der Analyse kontrollieren konnte. Die Probe im Spektrometer gehörte tatsächlich zum bestgehüteten Betriebsgeheimnis der ›Herzog Green Chemicals‹. An der Struktur dieses Enzyms entschied sich, ob ihre junge Firma eine Zukunft hatte oder nicht. Das Molekül mit dem komplexen räumlichen Aufbau wirkte als Katalysator bei der Herstellung von Bernsteinsäure aus Stroh und anderen Zelluloseabfällen durch die eigens zu diesem Zweck programmierten Bakterien. Ohne Katalysator würde der Traum einer ›weißen Biotechnologie‹ nicht in Erfüllung gehen. Trotz unsicherer Rohstoffversorgung und schwankender Preise bliebe die klassische Herstellung von Basischemikalien und Kunststoffen durch petrochemische Verfahren attraktiver. Nachwachsende Rohstoffe statt Erdöl und Erdgas würden auf absehbare Zeit eine unbedeutende Randerscheinung bleiben. Das Molekül in diesem Spektrometer war die Zukunft – sofern die räumliche Struktur bis in alle Einzelheiten stimmte.
Er blickte auf die Uhr: halb eins. Die Analyse würde eine weitere Stunde in Anspruch nehmen. Er schaltete die Bildschirmanzeige aus und klebte Zettel an Computer und Spektrometer: Besetzt bis 15:00 Uhr, Dr. F. Buchmacher, dann verließ er das Labor. Der Zeitpunkt war günstig. Er schätzte die Chance auf über fünfzig Prozent, die blonden Fransen in der Cafeteria anzutreffen.
Er knabberte unruhig an einem Käsesandwich, dessen Semmel von letzter Woche stammte. Hin und wieder schlürfte er kalten Kaffee aus einem Pappbecher, um nicht zu ersticken. Er benutzte die traurigen Relikte nur als Tarnung, damit er nicht auffiel, während er das Uni Volk beobachtete. Sie ließ sich Zeit. Eine halbe Stunde verstrich ohne Fransen. Er nippte am leeren Kaffeebecher, unschlüssig, ob er diskret nach ihr fragen sollte. Erst als dieser verwegene Gedanke zwischen all den gefalteten Eiweißen in seinem Gehirn auftauchte, stellte er fest, dass er nichts über sie wusste, gar nichts. Außer dem liebenswürdigen Gesicht mit den Fransen gab es nichts, womit er sie hätte beschreiben können. War sie eine Studentin? Arbeitete sie in der Verwaltung? Wie hieß sie? Wie alt war sie? War sie schon vergeben? Fragen über Fragen und keine Antworten. Er kaute weiter an seinem Pappbecher und wartete.
Eine kleine Gruppe Studenten, zwei Männer, zwei Frauen, setzte sich eifrig diskutierend an einen Tisch am Fenster. Einer sprach ein Dezibel lauter als die andern. Felix verstand nur das Wort »Demo«, passend zu dem Typen im grünen T-Shirt, das lose an ihm flatterte, als wäre er nach dem Kauf vor Jahren in Hungerstreik getreten. Der Vortrag des Eiferers interessierte ihn nicht, wohl aber die Tatsache, dass er ihn einmal in Begleitung der Fransen gesehen hatte. Hoffnung keimte auf. Er erhob sich, um den Redefluss der Vogelscheuche mit seiner Frage zu stoppen, da stand sie unvermittelt am Eingang, Bücher unter dem Arm und heftig atmend. Sie steuerte stracks auf die Gruppe zu, wechselte einige hastige Worte, machte kehrt und eilte wieder hinaus. Mit der Geistesgegenwart des Verzweifelten stellte er sich ihr in den Weg. Der Zusammenstoß war kaum spürbar, verlieh dem zarten Geschöpf aber einen Drehimpuls, dass ihr Bücher und Notizen entglitten. Er entschuldigte sich wortreich, während er nach ihren Sachen tauchte. Ihre Blicke trafen sich zum ersten Mal richtig, länger als eine Millisekunde.
»Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht«, sagte er. »Es tut mir leid. Kann ich es mit einem Kaffee wiedergutmachen?« Er glaubte, sein Herz pochen zu hören, als er die Hand ausstreckte und verlegen zu lächeln versuchte. »Felix.«
»Sarah«, hauchte sie, senkte den Blick und huschte davon.
»Mit oder ohne H?«, murmelte er mit sturem Blick.
Sie war verschwunden, als sich der Verstand wieder einschaltete. Immerhin hatte er drei Dinge gelernt. Er kannte jetzt ihren Namen, wenn er ihn auch nicht mit Sicherheit richtig schreiben konnte. Zweitens duftete sie ebenso gut, wie sie aussah und drittens – das Wichtigste – errötete sie, als sie sich gegenüberstanden. Die Vorstellung, eine Chance bei ihr zu haben, verlieh ihm Flügel. Er rannte auf den Ausgang zum Parkplatz zu, wo er sie vermutete. Keine der Blondinen war seine. Enttäuscht stieg er ins Auto. Der Motor lief schon, als die Erinnerung ans Spektrometer zurückkehrte. Seufzend stellte er den Motor ab und stieg wieder aus. Felix, dich hat es schlimm erwischt. Es war das Vierte, was er an diesem Tag lernte: Möglicherweise gab es noch andere Dinge im Leben als gefaltete Moleküle.
Maria parkte vor dem Schuppen neben dem Haus in Wollmatingen, der alles enthielt, was in den wenigen Büros und im Labor der Firma ›Herzog Green Chemicals‹ nicht Platz fand. Die Nachwuchs-Akademiker, die hier ihr Praktikum absolvierten oder etwas Geld fürs Nachdiplomstudium und die Doktorarbeit verdienten, saßen an ihren Computern. Im Labor sah sie nur den Laboranten.
»Wo ist Felix?«
Der junge Mann unterbrach die Arbeit am Spülbecken und zuckte die Achseln.
»An der Uni nehme ich an.«
»Was – immer noch?«
Das Enzym musste eine sehr komplexe Struktur haben. Sie bat den Laboranten, ihr beim Ausladen zu helfen. Stroh war ein leichter Werkstoff, solang man es nicht zu Ballen presste.
Ein feines Stimmchen unterbrach wenig später ihre Arbeit im Schuppen:
»Was machst du?«
Emmas kleiner Sohn Julian stand neben dem Minivan. Er erkannte das rote Auto seiner Tante Maria von Weitem. Sie legte die Baumschere weg, mit der sie das Gebinde des einen Strohballens auftrennen wollte.
»Wo kommst du denn her, mein Großer?«
Er sprang in ihre Arme, um sich sogleich zu befreien, als sie ihm einen herzhaften Kuss auf die Wange drückte. Im nächsten Atemzug saß er auf dem Stroh und fragte:
»Was machst du damit?«
»Weißt du überhaupt, was das ist?«
»Ein Bett.«
Zum Beweis legte er sich darauf und schloss die Augen. Der Junge war schon jetzt nie um eine Antwort verlegen, wie seine Mutter.
»Als Bett kann man es auch brauchen, das stimmt«, gab sie lachend zu. »Früher haben viele Leute auf Stroh geschlafen. Heute tun es meist nur noch Pferde und Ponys.«
»Ponys sind doof«, rief er und sprang auf.
Die Baumschere weckte sein Interesse. Sie war schneller und brachte das gefährliche Werkzeug in Sicherheit. Er ließ nicht locker.
»Was machst du damit?«
»Mit der Schere schneide ich die Schnüre auf, die das Stroh zusammenhalten.«
Sie zeigte es ihm, sorgsam darauf bedacht, ihn auf Abstand zu halten. Der Junge war flink wie ein Wiesel.
»Warum?«
»Ich muss das Stroh auseinandernehmen und dann zerkleinern.«
»Warum?«
»Unsere kleinen Tierchen im Labor können Strohschnipsel besser essen.«
»Die Tierchen im Fernsehen?«
»Ja, die Bakterien, die ich dir auf dem Computerbildschirm gezeigt habe.«
»Die essen das?«
Er kaute auf einem Halm und spuckte ihn angewidert aus.
»Die Bakterien machen aus dem Stroh wertvolle Sachen – wie Rumpelstilzchen.«
Der Vergleich war ihr ungewollt entschlüpft. Statt weiterarbeiten zu können, besaß sie jetzt seine volle Aufmerksamkeit.
»Wer ist Rummelpilzchen?«
»Rumpelstilzchen«, korrigierte Emma lachend.
Julians Mutter trat auf sie zu und drückte beide an die Brust. Maria entschuldigte sich:
»Tut mir leid, Schatz, ich hätte das Märchen nicht erwähnen sollen, zu brutal für Julian.«
Emma lachte sie aus. »Papperlapapp, Julian liebt Märchen, stimmt‘s?«
»Ja – Rummelpilzchen, Rummelpilzchen!«, rief der Kleine und tanzte auf dem Stroh herum wie Rumpelstilzchen vor der Hütte im Wald.
»Da siehst du‘s«, grinste Emma. »Jetzt musst du ihm die Geschichte erzählen. Du hast keine Wahl.«
Tante Maria als Märchentante. Natürlich fehlte ihr die Zeit dazu. Sie wollte aufbegehren, doch Julians große Augen hingen so erwartungsvoll an ihren Lippen, dass sie nur einen Seufzer zustande brachte.
»Also komm her, Großer, setz dich auf meine Knie.«
Während er die bequemste Haltung suchte, lud sie Grimms Märchen vom Rumpelstilzchen vom Internet auf den Handy Bildschirm. Sie erinnerte sich nur an den Kern der Geschichte. Ein Junge wie Julian aber brauchte alle Einzelheiten. Emma schien sich köstlich zu amüsieren.
»Ich bin oben in der Wohnung«, sagte sie mit gemeinem Grinsen auf den Stockzähnen und verschwand.
Nach einem weiteren Seufzer begann Maria zu erzählen:
»Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter …«
Das Märchen vom Wicht, der aus Stroh Gold spinnen konnte, wäre schnell erzählt gewesen, hätte Julian einfach zugehört. Für den Kleinen war alles neu. Nach hundert Exkursen ins Handwerk des Müllers, den Sinn von Spinnrädern und den Wert des Goldes vermochte er immerhin den Zungenbrecher Rumpelstilzchen korrekt auszusprechen. Die Vorlesung dauerte so lange, bis Emma aus der Wohnung zurückkehrte und Julian zum Aufbruch drängte. Die beiden wohnten nicht bei ihr – leider. Andererseits hatte die räumliche Trennung durchaus ihre Vorteile, wenn sie an die Arbeit dachte, die liegengeblieben war. Bevor er ging, sah ihr der Junge tief in die Augen und fragte:
»Kannst du auch aus Stroh Gold machen?«
So klein er war, er hatte den Zweck des Unternehmens ›Herzog Green Chemicals‹ in vier Wörtern zusammengefasst: Aus Stroh Gold machen. Sie konnte die Frage nur mit einem klaren Ja beantworten.
»Dann bist du Rumpelstilzchen!«, rief er und rannte davon.
Emma wollte ihn einfangen, doch sie hielt ihre Lebensgefährtin zurück.
»Warte, Julian geht schon nicht verloren. Wir müssen uns mal ernsthaft unterhalten.«
»Tun wir doch die ganze Zeit.«
»Du weichst aus. Ich merke doch, dass etwas nicht stimmt. Dich bedrückt etwas. Warum sprichst du nicht mit mir?«
Mit mir ist alles in Ordnung – mit uns – glaub mir.
»Hat es mit deiner Arbeit zu tun, mit der Nacht, als du weg warst?«
Emma zögerte. Auf Julians Ruf wandte sie sich ab.
»Wir müssen jetzt … Mach dir keine Sorgen«, sagte sie und ging.
Maria konnte den Spruch nicht mehr hören. Jedes Mal, wenn Emma das sagte, kletterte ihr Sorgenbarometer einige Stufen höher.
Felix saß an seinem Computer, als sie ins Haus zurückkehrte.
»Wie sieht es aus?«, fragte sie.
Er studierte die Zahlenreihen und Grafiken, die das Spektrometer ausgespuckt hatte. Die Runzeln auf seiner Stirn bedeuteten nichts Gutes. Er zeigte auf eine Falte in der Proteinstruktur.
»Die war vorher nicht so ausgeprägt«, murmelte er. »Da stimmt etwas nicht. Ich dachte erst an ein Artefakt oder einen Messfehler, aber die zweite Probe zeigt die gleiche Anomalie.«
Es sah nicht allzu gut aus für ihren mühsam synthetisierten Katalysator.
»Aber die Endsequenzen mit den neuen Doppelbindungen sind in Ordnung?«, fragte sie.
Er nickte.
»Also, dann lohnt sich ein Versuch.«
Biochemie war eine Wissenschaft, die mindestens zur Hälfte auf der Methode ›Versuch und Irrtum‹ gründete. Man brauchte mitunter eine Engelsgeduld, bis alle Bedingungen für einen Erfolg versprechenden Versuch erfüllt waren.
»Der Reaktor ist vorbereitet«, sagte sie mit aufmunterndem Lächeln. »Nichts wie rein mit dem Enzym. Diesmal schaffen wir die fünfzig Prozent. So nah dran waren wir noch nie.«
Fünfzig Prozent Ausbeute an reiner Bernsteinsäure aus dem Bioreaktor: Damit wäre der Durchbruch geschafft, der Schritt zur industriellen Produktion realistisch.
»Das wäre die Sensation an der Pressekonferenz, was meinst du? Die erste echte Bioraffinerie in unserem bescheidenen Labor in Wollmatingen!«
Er saß gedankenverloren am Computer und starrte am Bildschirm vorbei ins Leere. Sie klopfte ihm auf die Schulter.
»Hallo, Dr. Buchmacher, jemand zu Hause?«
Er schreckte auf. »Wie – was ist los?«
»Das frage ich mich auch gerade. Hast du überhaupt zugehört?«
»Du – willst den Versuch trotzdem wagen?«
»Ja klar, und die Pressekonferenz wird ein Erfolg, habe ich noch gesagt. Die Anleger werden uns die Bude einrennen. Jeder will sich noch günstige Anteile sichern vor dem Gang an die Börse, du wirst sehen.«
Er blickte durch sie hindurch. Begeisterung sah anders aus.
»Bist du krank?«
Im Zeitlupentempo kehrte er zu ihr zurück und murmelte:
»Ja, vielleicht.« Unvermittelt grinste er, leicht errötend. »Eine Art Krankheit – du hast wahrscheinlich recht. Es fühlt sich ziemlich ungesund an.«
Es dauerte ein paar Sekunden, bis der Groschen fiel. Die Diagnose war so offensichtlich wie unerwartet für einen Nerd wie Felix.
»Du bist verliebt!«, rief sie lachend.
Er brauchte nicht zu antworten. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände.
»Unsern Felix hat‘s erwischt – ich fasse es nicht.«
Soweit sie sich erinnerte, war dies sein erstes Mal trotz der 27 Jahre.
»Wer ist die Glückliche, wie heißt sie, gibt‘s ein Foto?«
»Du nervst. Ich weiß, wie sie heißt.«
»Sag mal! Aber mir willst du den Namen nicht verraten?«
»Du kennst sie nicht.«
»Wer weiß. Du hast sie an der Uni kennengelernt, stimmt‘s? Klar, wo denn sonst.«
»Wir kennen uns eigentlich gar nicht«, entgegnete er mürrisch. »Sie passt einfach nicht zu den Typen, mit denen sie verkehrt, so ganz Grüne und Soziale im Schlabberlook mit total flachen Schuhen und großer Klappe.«
»Sie trägt Schlabberlook?«
»Nein, eben nicht. Sie ist – nett.«
Dabei schwankte sein Gesichtsausdruck zwischen keuscher Freude und Kummer.
»Warum hängt sie denn mit diesen Typen herum?«
»Sie hängt nicht herum – und überhaupt: Dazu müsste ich sie zuerst fragen.«
Er wich ihrem Blick aus. Es dauerte einen Wimpernschlag, bis sie begriff, was es bedeutete. Sie lachte laut auf.
»Ach so – du hast sie noch gar nicht angesprochen?«
»Du verstehst das nicht. Lass mich in Ruhe.«
Er begann, eifrig auf die Tastatur einzudreschen. Plötzlich hielt er inne und sagte:
»Ich muss morgen früh noch mal an die Uni. Vielleicht habe ich die Lösung für unser Problem.«
Du meinst die Lösung für dein Problem, dachte sie und machte sich kopfschüttelnd auf den Weg ins Labor.
KAPITEL 3
KONSTANZ
Chris steuerte ohne zu zögern auf die Vollversammlung bei der Aula zu. Von allen Seiten strömten junge Leute und vereinzelte ältere Semester zusammen.
»Immer schön bei Mutti bleiben«, ermahnte sie Hinz.
Der Kommissaranwärter wirkte etwas verloren inmitten der aufgeregt diskutierenden Jugend. Von Alter und Gestalt her fiel er wenigstens nicht aus dem Rahmen. Er ging ohne Weiteres als Kommilitone durch, der den Bachelor vielleicht nicht im ersten Anlauf geschafft hatte. Sie selbst gab sich mit Zopf und roter Schleife ein paar Jahre jünger, um nicht allzu sehr aufzufallen.
»Was ist da los?«, fragte Hinz.
»Das werden wir gleich herausfinden.«
Eine junge Frau drückte ihr ein Flugblatt in die Hand, wie um die Frage des Kollegen zu beantworten.
»Den Film müsst ihr euch unbedingt ansehen«, sagte sie, während sie fleißig weiter Flugblätter verteilte.
DIE FRACKING LÜGE DEMO!
stand als Überschrift auf dem Zettel, darunter ein paar Schlagzeilen, die sie nicht zum ersten Mal sah:
Gift im Grundwasser!
Fracking Chemikalien erzeugen Krebs!
Brennendes Trinkwasser!
Wohin mit dem giftigen Rückfluss?
Wollt ihr mehr Erdbeben?
Noch ein Desaster wie die Kernkraft?
Clean Fracking ist eine Lüge!
Fucking statt Fracking!
Demo Freitag 11:00 Uhr
»Ziemlich aufgeheiztes Klima«, flüsterte Hinz ihr zu.
»Gut für uns. Augen auf, Hinz. Uns interessieren die Wortführer und Organisatoren der Demo. Knipsen Sie unauffällig und sammeln Sie Namen. Am besten teilen wir uns auf. Sie folgen der Demo, ich ermittle in der Uni.«
Sie sah ihm an, dass er sich am liebsten augenblicklich in seine dunkle Ecke verkrochen hätte, aber er wagte nicht zu widersprechen. In der Aula lief der Film ›Gasland‹, eine Dokumentation des Amerikaners Josh Fox über die Folgen des Fracking Booms in vier US-Bundesstaaten. Drastische Szenen wie aus einem Katastrophenfilm wurden mit Buhrufen quittiert: explodierende Brunnen und Häuser, Trinkwasser, das so viel Erdgas enthielt, dass es brannte, als hätte jemand Wasser- und Gasleitung vertauscht, Haustiere mit plötzlichem Haarausfall, Klärschlamm als Grundwasser, vom zuständigen Konzern als unbedenklich eingestuft. Sie kannte den Film, hatte selbst erlebt, wie leicht auch ein kritischer Geist durch die drastischen Bilder und Einzelschicksale Augenmaß und Objektivität verlieren konnte. Glaubte man den Bildern auf der Leinwand, musste man unausweichlich zum Schluss kommen, Fracking wäre vom Teufel persönlich erfunden worden, um die Menschheit zugrunde zu richten. Sie las Verwirrung, Abscheu und Entrüstung in vielen Gesichtern. Nur wenige Zuschauer zeigten sich unbeeindruckt. Ein spindeldürrer Typ in flatterndem grünem T-Shirt bemächtigte sich des Mikrofons, kaum war die letzte Abblendung über die Leinwand geflimmert.
»Leute, wir dürfen nicht länger schweigen!«, brüllte er in den Saal, dass es draußen durch die Gänge hallte. »Wir wissen jetzt, was Fracking anrichtet. Wir wollen diese Sauerei vor unserer Haustür unter keinen Umständen zulassen. Probebohrungen nennen sie das, was in Überlingen geschieht, dabei hat die NAPHTAG schon ganze Landstriche unter Kontrolle. Wir sagen: Wehret den Anfängen! Schnappt euch den Flyer mit unsern Schlachtrufen und ein Transparent am Ausgang. Auf dem Parkplatz und bei der Bushaltestelle gibt‘s Mitfahrgelegenheiten. Wir versammeln uns auf der Marktstätte beim Bahnhof. Um elf geht‘s los. Auf in den Kampf!«
»Auf in den Kampf!«, erscholl es vereinzelt aus dem Publikum.
Es war nicht gerade der Sturm auf die Bastille, aber der Hagere hatte doch genügend Wir-Gefühl verbreitet, dass der Großteil der Versammelten dem Aufruf folgte. Sie versuchte vergeblich, den Wortführer abzufangen. Seine Entourage erwies sich als undurchdringlich. Eine junge Frau stand etwas abseits, verächtlich den Kopf schüttelnd angesichts der Aufregung. Chris näherte sich unauffällig und fragte:
»Wer ist der Spinner?«
Die Frau zuckte die Achseln. »Ich kenne ihn nur als ›die Krähe‹.«
»Das passt«, sagte Chris lachend. »Ganz unrecht hat er ja nicht mit seinen Schreckensvisionen.«
»Ja schon, aber wir befinden uns doch nicht im Krieg. Er ist voll überzeugt, sie hätten Barbarossa gekillt.«
»Ich dachte, der wäre schon vor ein paar Hundert Jahren gestorben.«
Sie sagte es nur, um Zeit zu gewinnen. Bis sie begriff, worüber die junge Dame sprach, hatte die sich einem Kommilitonen zugewandt. Chris erinnerte sich: Barbarossa war der Spitzname des Umweltaktivisten Thorsten Kramer.
»Die Krähe ist einer von Kramers Leuten?«, fragte sie hastig.
Sie bekam keine Antwort. Das Pärchen entfernte sich und verschmolz mit der Masse.
Mit Transparenten und Tröten bewaffnet, setzten sich die Fracking Gegner in die Fahrzeuge und fuhren ab Richtung Innenstadt, begleitet von einem ansehnlichen Aufgebot der Stadtpolizei. Sie konnte sich nur wundern über die professionelle Organisation und Vorbereitung der Demo. Wer steckte dahinter? War dies die Handschrift der Gruppe Gaia? Sie rief Hinz an. Nachdem sie ihm die Krähe besonders ans Herz gelegt hatte, entschloss sie sich, ins Hotel zurückzukehren, um die gesammelten Informationen durch den BKA-Computer zu schicken.
Zwei Kollegen der Stadtpolizei standen mit einem älteren Mann im blauen Overall am Eingang. NAPHTAG = KILLER hatte jemand in schwarzer Farbe an die Wand gesprüht. Sie fand den Text nicht so spannend wie die Sonnenblume, dem Gerücht nach das Logo von Gaia. Vielleicht ein Trittbrettfahrer – vielleicht auch nicht. Sie war der geheimnisvollen Gruppe noch nie so nah gewesen, und doch wurde sie das Gefühl nicht los, bei jedem Griff ins Leere zu fassen.
Der Eindruck verstärkte sich während der Arbeit am Computer. Einzig die Identität der Krähe spuckte die BKA-Datenbank nach nervtötender Suche aus. Der Name Markus Hansen sagte ihr nichts, aber der Mann war aktenkundig wegen massiv überhöhter Geschwindigkeit in einem Kölner Vorort, wo er vor dem Studium gewohnt hatte. Also doch nicht so grün, das grüne T-Shirt. Herr Hansen war fällig für ein längeres Gespräch auf dem Präsidium. Sie griff zum Telefon, zögerte und legte es wieder weg. Ein Fanatiker wie Hansen würde nur unter massivem Druck auspacken, und dazu fehlten die rechtlichen Mittel. Es gab eine bessere Möglichkeit, mehr über die Gruppe Gaia und den flüchtigen Kramer alias Barbarossa zu erfahren. Das andere Flugblatt lag immer noch im Instrumentenkoffer. Open Stage in der ›Blechnerei‹, Frei-tagnacht. Der halbe Campus würde sich dort versammeln, und heute war Freitag.
Wegen der musikalischen Qualität der Darbietung auf der offenen Bühne hätte sie sich die Nacht in der ›Blechnerei‹ sparen können. Als Erstes fiel ihr der Mangel an Rhythmusgefühl des Trios auf, als Nächstes der Blasse mit den roten Wangen, dem sie den Flyer verdankte.
»Wo ist dein Saxofon?«, fragte er konsterniert.
»Ich will mich erst umhören.«
»Jammerschade.« Er wiegte ein paar hölzerne Takte mit der Musik. »Cool, was?«
Sie zog es vor, nicht zu antworten. Stattdessen blickte sie sich nach weiteren bekannten Gesichtern um. Hinz hatte ein halbes Dutzend Männer und Frauen abgelichtet, die möglicherweise zu den Organisatoren gehörten und nicht auf der offiziellen Liste der Behörde standen, welche die Demo bewilligt hatte.
»Suchst du jemanden?«
»Die Krähe.«
Er lachte verächtlich. »Was willst du denn von dem? Der linke Spinner würde sich nie hierher verirren, viel zu bourgeois für den. Komm lieber an unsern Tisch.«
Ihre Stimmung sank auf den Nullpunkt. Die Annahme, Hansen und seine Jünger hier zu treffen, erwies sich als Irrtum. Sie hatte um ziemlich genau 180° falsch gedacht. An diesem Abend versammelten sich nicht die Grünen und Linken in der ›Blechnerei‹, sondern die wirtschaftsfreundliche Sektion, BWL- und Jus-Studenten, Ökonomen und allerlei Arrivierte. Enttäuscht wollte sie das Lokal verlassen, als sie eine Bemerkung des Blassen zurückhielt:
»Dieses Gaia Pack geht mir so was von auf den Geist.«
»Was ist Gaia?«
»Das willst du lieber nicht wissen.«
Am Tisch des Blassen war schon reichlich Alkohol geflossen, was die Zungen löste. Das Schlagwort Gaia beschwor eine unerwartet heftige Attacke auf das »grüne Gesindel« herauf.
»Die haben die Demo doch nur organisiert, um den Sprengstoffanschlag zu rechtfertigen«, lallte einer, der sich nicht zwischen zwei Biergläsern entscheiden konnte und deshalb aus beiden trank.
»Du bist besoffen.«
»Recht hat er.«
Chris hörte sich noch ein paar tiefgründige Kommentare an, bevor sie nachhakte:
»Hat die Krähe etwas mit dem Anschlag zu tun?«
Eine Studentin, die sie schon im Stadtgarten gesehen hatte, schüttelte verächtlich den Kopf.
»Große Klappe, nichts dahinter«, fasste sie ihre Einschätzung von Markus Hansen alias die Krähe zusammen. »Die treibende Kraft hinter Gaia ist Barbarossa.«
»Den Namen habe ich schon gehört.«
»Im Geschichtsunterricht«, rief einer.
Er lachte als Einziger über seinen Scherz.
»Der Kerl ist allerdings genauso feige wie die andern – versteckt sich in seinem Stall.«
Chris spürte, wie sich die Nackenhaare sträubten. Bevor sie weiter fragen konnte, befand sich die Studentin auf dem Weg zur Toilette. Schlagartiger Harndrang trieb sie hinterher. Am Waschbecken konnte sie ihre Frage endlich stellen:
»Kann es sein, dass ich die Krähe auch im Stall finde?«
»Gut möglich. Soweit ich weiß, ist der Stall das Nest von Gaia.«
»Und wo finde ich diesen Stall?«
Die Studentin zuckte die Achseln. »Auf der Reichenau, mehr weiß ich nicht.«
Ein Stall auf der Insel Reichenau – eine genauere Adresse der Gruppe Gaia gab es nicht an diesem Abend. Überrascht stellte sie wenig später am Computer fest, dass die spärlichen Angaben genügten. Die Suche nach der Verbindung von Thorsten Kramer zur Insel Reichenau ergab einen eindeutigen Treffer. Die Familie Kramer hatte früher mehrmals Sommerferien auf einem Bauernhof bei Mittelzell verbracht, und auf diesem Hof gab es Wohnungen für Studenten. Zurzeit war dort eine junge Frau gemeldet, deren Foto Hinz an der Demo aufgenommen hatte.
»Na also«, sagte sie, streckte sich und griff zum Telefon.
Sie traute ihren Augen nicht, als sie morgens um vier beim Präsidium vorfuhr. Rappold hatte alles aufgeboten, was an diesem Samstag an Polizeikräften zur Verfügung stand, so schien es. Der sonst nicht eben flinke Kommissar wieselte zwischen den Einsatzwagen, Motorrädern und Technik Trucks hin und her, erteilte Anweisungen und konsultierte zwischendurch die Landkarte, als bereite er die Invasion der Insel Reichenau vor.
»Wo bleibt die Luftwaffe?«, fragte sie mit steinerner Miene.
Hinz hatte sein Gesicht weniger gut unter Kontrolle.
»Was gibt es da zu grinsen?«, fuhr der Kommissar ihn an. »Ich will die ganze Bande auf dem Präsidium. Keiner entwischt uns, verstanden?«
Sie nahm Rappold beiseite, um ungestört mit ihm sprechen zu können.
»Ich fürchte, wir werden die Leute zu früh aufscheuchen mit dieser Generalmobilmachung«, sagte sie nur für seine Ohren.
»Sprechen Sie es ruhig aus: Der Rappold spinnt. Ist mir scheißegal. Wir kassieren die Brüder jetzt!«
»Wie Sie meinen.«
Die Kavallerie setzte sich in Bewegung Richtung Reichenau. Sie bildete das Schlusslicht. Der heilige Pirmin bei der Brücke am Ende des Damms grüßte die Kolonne blinkender Polizeifahrzeuge freundlich, wenn auch etwas skeptisch. Er fragte sich wohl auch, ob es wirklich so viele Autos brauchte, um das kleine Paradies im Untersee einzunehmen. Nebelschwaden flüchteten über die verlassenen Felder. Je näher der einsame Stall bei Mittelzell rückte, desto lächerlicher erschien ihr die Übung. Sie dachte ernsthaft daran, umzukehren und Rappold die Schmach eines missglückten Einsatzes allein zu überlassen, als ihr ein Radfahrer auffiel, der gesenkten Hauptes vom Dorf her an der Kolonne vorbei schoss. Sie kannte die hagere Gestalt, trat hart auf die Bremse, wendete auf der schmalen Straße und nahm die Verfolgung auf. Ein Stück weit fuhr der Flüchtende auf der Mittelzeller Straße nach Süden, bis er in einen Feldweg abbog, auf dem sie ihm nicht folgen konnte. Sie studierte die Karte auf dem Navi. Falls der dürre Herr Hansen die Insel fluchtartig verlassen wollte, gab es in dieser Gegend nur eine Möglichkeit: die Schifflände. Sie bog an der nächsten Kreuzung rechts ab und trat kräftig aufs Gaspedal. Das Blaulicht brauchte sie nicht einzuschalten. Außer einem Bauern, der seinen Kartoffelacker umpflügte, schliefen alle Bewohner zu dieser frühen Stunde.
Er näherte sich dem Bootssteg, als sie auf dem Parkplatz wendete. Sie stieg aus und zückte den Dienstausweis.
»Polizei. Herr Hansen, wir müssen uns unterhalten.«
Er war abgestiegen. Wie hypnotisiert starrte er auf den Ausweis.
»Sie sind zu früh«, sagte sie lächelnd. »Es fährt noch kein Schiff.«
Erst als sie auf ihn zutrat, erinnerte er sich ans verhasste Wort Polizei. Plötzlich ragten Hörner aus ihrem Blondschopf. Er schlug einen Haken und rannte um sein Leben.
»Idiot.«
Sie schwang sich auf sein Rad und folgte ihm durch zwei enge Gassen aufs offene Feld, wo sie ihn schließlich stoppen konnte. Er stürzte. Sie kniete auf seinem Rücken, bog ihm unsanft die Arme nach hinten. Die Handschellen schnappten zu.
»Sie haben ihr Rad vergessen«, keuchte sie.
Ihr Knie musste ihn hart getroffen haben, da ihm die Pufferzone aus Fettgewebe fehlte. Dennoch lag er reglos unter ihr wie ein erlegtes Reh, ohne einen Ton von sich zu geben.
»Kann ich Sie loslassen, ohne dass sie wieder abhauen?«
Ein leises Stöhnen war die Antwort.
»War das ein Ja?«
Sie lockerte den Griff und ließ ihn aufstehen. Sein Blick streifte das Fahrrad, dann erinnerte er sich an die Handschellen und blieb stehen.
»Wo ist Thorsten Kramer alias Barbarossa?«
Er schien die Frage nicht gehört zu haben.
»Ich kann Sie auch gerne in Handschellen aufs Präsidium abführen, wenn Sie hier nicht mit mir sprechen wollen.«
Er blickte sie an wie ein begossener Pudel. Die Kunst der Rhetorik war auf der kurzen Flucht verloren gegangen. Immer noch nach einem Aus-weg suchend, den es nicht gab, bequemte er sich endlich zu fragen:
»Was wollen Sie?«
»Ich will, dass Sie meine Frage beantworten.«
»Welche Frage?«
»Sie haben Humor, Herr Hansen. Das gefällt mir.«
Zu seiner Überraschung löste sie die Handschellen und sagte:
»Nehmen Sie das Fahrrad und stoßen Sie es zum Parkplatz zurück. Wir unterhalten uns dort. Geht es so oder muss ich dem Rad erst die Luft rauslassen?«
Er trottete schweigend neben ihr her. Erst als sie das Fahrrad in den Kofferraum packte, protestierte er:
»Das dürfen Sie nicht!«
»Ist doch bequemer im Auto – und wir sind schneller in Konstanz.«
»Wieso Konstanz? Verdammt, ich will nicht nach Konstanz.«
»Sie sind aber dort gemeldet. Wohnen Sie denn nicht an ihrer Konstanzer Adresse?«
Der Ärger vernebelte sein Gehirn. Es dauerte eine Weile, bis er die Ironie verstand, dann gab er auf.
»Sie wissen ganz genau, wo ich wohne. Ihr Bullen schnüffelt doch jedem hinterher. Für euch gibt‘s so etwas wie ein Privatleben schon lang nicht mehr. Ihr wisst alles über uns.«
Sie schüttelte den Kopf. »Stimmt nicht. Wir wissen zum Beispiel nicht, wo Barbarossa steckt – also?«
Er widerstand ihrem durchdringenden Blick nur eine Sekunde lang, dann zuckte er die Achseln und murmelte:
»Mich brauchen Sie nicht zu fragen.« Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Das haben wir alles dieser verfluchten Judith zu verdanken.«
»Wer ist Judith?«
Er musterte sie misstrauisch.
»Sie wissen es wirklich nicht?«, fragte er zögernd.
»Klären Sie mich auf.«
»Ich kenne sie nur als Judith. Sie hat sich bei uns eingeschlichen, um an die Informationen über die NAPHTAG zu kommen, wenn Sie mich fragen. Sie wollte unbedingt in jener Nacht zur Bohrstelle.«
Chris glaubte, sich verhört zu haben. »In der Nacht des Anschlags?«
»Seither sind beide verschwunden.«
Sein Gesichtsausdruck verriet Ratlosigkeit. Sie würde später nachhaken.
»Um welche Informationen handelte es sich?«
»Nichts Weltbewegendes. Wir haben ein wenig recherchiert. Man muss ja wissen, wogegen man protestiert. Die war ganz scharf auf alles, was wir über das Fracking Projekt gesammelt hatten.«
»Wo ist das Material jetzt? Im Stall?«
Er nickte. »Das Wichtigste haben Sie sicher schon gestern auf den Transparenten gesehen.«
»Wo finde ich Judith?«
»Keine Ahnung, sagte ich doch schon.«
»Wo waren Sie in der Nacht des Anschlags?«
»Wir haben im Stall gepennt – alle außer Barbarossa und Judith. Waren ziemlich breit.«
»Das werden wir überprüfen.«
»Die andern werden es bezeugen. Kann ich jetzt gehen?«
»Sie müssen mit aufs Präsidium kommen, fürs Protokoll.«
Er antwortete mit einem Fluch, stieg aber ohne Widerstand ein.
Rappolds Kavallerie war am Aufbrechen. Der Kopf des Kommissars leuchtete wie der rote Traktor von Bauer Lorenz im Licht der aufgehenden Sonne. Kaum hatte er sie erblickt, rannte er in großen Sätzen auf sie zu. Sie zog es vor, sitzenzubleiben, kurbelte nur das Seitenfenster herunter.
»Himmel Donnerwetter, wo stecken Sie die ganze Zeit?«
Statt zu antworten, deutete sie auf ihren Beifahrer. »Ich habe Ihnen jemanden mitgebracht. Das ist Herr Markus …«
»Hansen – die Krähe – ich weiß«, rief er. Sein Gesicht strahlte jetzt mit der Sonne um die Wette. »Der hat uns noch gefehlt.«
»Spinnt der?«, fragte Hansen leise, unruhig auf dem Sitz hin und her rutschend.
»Außer dem verdammten Barbarossa«, fügte Rappold düster hinzu.
»Sie vergessen Judith.«
»Wer ist Judith?«
»Ich glaube, das besprechen wir am besten auf dem Präsidium. Was sagt die Spusi?«
Rappolds Miene verfinsterte sich schlagartig. »Jede Menge Propagandamaterial und Spraydosen aber keine Spur von Sprengstoff.«
»Hinweise auf das Fracking Testgelände?«
»Bisher nur auf Papier.«
Sie hatte so etwas vermutet, hielt aber den Mund. Zudem kannte offenbar niemand den Aufenthaltsort des Hauptverdächtigen Thorsten Kramer.
»Die Damen und Herren der Gruppe Gaia werden schon noch auspa-cken auf dem Präsidium«, schloss Rappold grimmig. Er winkte einen uniformierten Kollegen vom Transporter herbei und zeigte auf den dürren Herrn Hansen. »Abführen!«
»Man sieht sich«, sagte sie zum Abschied.
Hansens Fluch verstand sie nicht, wollte ihn auch nicht verstehen.
ÜBERLINGEN
Pater Raphael erhob sich mit einem schweren Seufzer von seinem Schreibtisch und trat ans schmale Fenster. Der Ausblick auf den Klostergarten und die Felder erfrischte die Seele und belebte den Geist wie die Meditation im stillen Gebet. So hatte er die kurzen Pausen stets empfunden. Der Duft von Rosmarin und Thymian wehte vom Kräutergarten herein. Zwei Brüder zupften wuchernden Klee aus, der die zarte Zitronenmelisse zu verdrängen drohte. In der Ferne zog Bauer Weber, sein Gutsverwalter und treuer Freund, die Furchen für die Aussaat von Winterraps – ein Zeichen für das baldige Ende des Sommers.
Der Prior atmete tief durch, versuchte, sich dem pastoralen Bild ganz hinzugeben. Der innere Frieden aber wollte sich nicht einstellen. So sehr er sich bemühte, den Blick nach draußen zu richten, wanderte er doch wieder zurück zum Schreibtisch. Das offene Buch enthielt keine Psalmen oder Geschichten aus dem Heiligen Land, die Trost und Zuversicht verbreiteten. Es war das genaue Gegenteil der Bibel, eine endlose Reihe von Zahlen und Einzelposten, vor allem auf der Kostenseite. Der Brief der Bank, den ihm Bruder Anselm danebengelegt hatte, besiegelte das weltliche Elend endgültig.
Es klopfte. Bruder Anselm trat ein. Seine Miene verriet, dass ihn der Inhalt des Briefes ebenso bedrückte wie ihn selbst. Vielleicht noch stärker, denn als Cellerar war er der Herr der Zahlen, verantwortlich für die Finanzen des Klosters. Anselm sah den Brief, nickte betrübt und fragte:
»Was meint seine Exzellenz, der Bischof?«
»Die Mittel des Bistums sind ausgeschöpft, sagt er.«
»Gott stehe uns bei!«, rief Anselm entsetzt. »Die Bank stundet die Rückzahlung nicht länger. Wir haben noch einen Monat, nicht einmal ganz.«
»Ich habe den Brief gelesen, Bruder Anselm.«
Er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Rechnen war nie seine Stärke gewesen, aber er konnte sich denken, was es für das Kloster bedeutete, die 450‘000 Euro Schulden nicht zurückzahlen zu können. Der Betrieb müsste eingestellt werden. Das Gut käme unter den Hammer. Ohne weitere Einnahmen müsste das Kloster aufgegeben werden. Mariafeld wäre Geschichte. Er hatte sein halbes Leben hier verbracht, Wurzeln geschlagen wie die Linde im Klostergarten, die er bei der Ankunft gepflanzt hatte. Es war einer der Tage, an denen er die Last des Alters besonders stark spürte. Er fühlte sich matt und leer, am Ende seiner Kraft. Anselms Stimme unterbrach das lange Schweigen:
»Bruder Raphael?«
»Entschuldige, ich war in Gedanken versunken.«
»Du suchst nach einem Ausweg.«
Nicht einmal dazu reichte seine Energie.
»Auch ich habe lange nachgedacht«, fuhr Anselm weiter. »Am Ende sehe ich keinen andern Weg aus der Schuldenfalle als den, über den wir uns schon einmal gestritten haben.«
»Der Verkauf an den Chemiekonzern.«
»Der Verkauf eines Streifens Land an die NAPHTAG«, präzisierte Anselm. »Die 20‘000 Quadratmeter kann unser Gut ohne große Einschränkungen verkraften, und der Preis, den die NAPHTAG dafür zu zahlen bereit ist, würde all unsere finanziellen Probleme auf einen Schlag lösen. Mariafeld wäre gerettet. Das ist es doch, was zählt.«
Er blickte seinem Cellerar tief in die Augen, versuchte zu ergründen, was Bruder Anselm sich dabei dachte. Hatte die Aussicht auf den zweifelhaften Geldsegen am Ende den Dämon Gier geweckt? In Anselms Augen lag nichts als bange Hoffnung auf eine Zukunft für das Kloster, ihr Zuhause und das ihrer Brüder.«
»Hundert Euro für den Quadratmeter sind ein fürstlicher Preis für Ackerland«, gab Anselm zu bedenken.
Dieses ungewöhnlich großzügige Angebot der NAPHTAG war nicht zuletzt ein Grund, weshalb er den Verkauf bisher kategorisch abgelehnt hatte. Wenn ein gewinnorientierter Konzern bereit war, zwei Millionen für 20‘000 Quadratmeter zu bezahlen, musste er entschlossen sein, alles aus dem Streifen Land zu pressen, was menschenmöglich war. Maria Herzogs Warnung vor Umweltschäden und giftigen Nebenwirkungen für das Klostergut überschattete für einen Augenblick alle andern Gedanken. Schlimmer noch: Musste er wirklich in letzter Not ausgerechnet mit einem Unternehmen Geschäfte machen, das Marias junge Firma sabotierte?
»Zwei Millionen Euro«, sagte Anselm eindringlich. »Eine solche Gelegenheit, unser Kloster zu retten, gibt es wohl nie wieder. Das sollten wir bedenken.«
Eine lange Pause entstand, bis das Marienglöcklein zur Vesper rief.
»Lass uns eine Nacht darüber schlafen«, sagte er.
»Wir haben nicht mehr viel Zeit.«
»Ich weiß – eine Nacht noch. Morgen werden wir uns mit Gottes Hilfe entscheiden. Gelobt sei Jesus Christus.«
»In Ewigkeit, amen.«
Sie verließen das Arbeitszimmer des Priors, um sich mit den andern Brüdern in die Kapelle zu begeben.
Luc Kaiser beobachtete vom winzigen Fenster seiner Zelle aus, wie die Mönche in die Kapelle strömten, und schüttelte den Kopf. Was zum Geier sollte am Klosterleben weniger strapaziös sein als die Arbeit am Handelspult?, fragte er sich. Die Glocken läuteten ununterbrochen wie sein Telefon, und die Brüder fanden kaum Zeit, richtig zu scheißen zwischen den vielen Gebeten und Gesängen. Um keinen Preis würde er mit denen tauschen, selbst wenn er an all die Märchen und Wunder der Kirche glaubte.
Naserümpfend dachte er ans bevorstehende Mahl im Refektorium, das ihn schon das erste Mal ans einzige Ferienlager auf der schwäbischen Alb erinnert hatte. Die Eltern glaubten damals, sein Interesse an der Natur zu wecken, erreichten allerdings nur, dass er sich mehr denn je nach seinem Computer sehnte, bis er es nicht mehr aushielt, ausbüxte und eine Großfahndung auslöste. Er hatte seinen Punkt gemacht, und der galt bis heute. Die paar Tage als Gast im Kloster Mariafeld waren dennoch seinem kranken Hirn entsprungen. Die drei Kollegen, die er zu diesem Extrem-Urlaub überredet hatte, Aktienhändler verschiedener Banken, mit denen er sonst nur am Computer verkehrte, fanden den Trip in die Steinzeit anfangs ganz unterhaltsam. Nach zwei Tagen ohne Telefon und stummen Essens am langen Holztisch statt vor dem Bildschirm zeigten sich allerdings auch bei ihnen erste Ermüdungserscheinungen. Nein, von Erholung konnte hier keine Rede sein. Das Klosterleben war selbst für Laien wie sie der pure Stress. Sein »Selbstfindungs-Wochenende« war ein Flop, eine ausgewachsene Schnapsidee.
Das Essen verlief in stummer Eintracht, wie es die Brüder offenbar liebten. Die Gäste kommunizierten über ironische Blicke, die ausnahmslos nur eines zum Ausdruck brachten: Wir müssen raus hier. Beim Verdauungsspaziergang im Kreuzgang fiel die Entscheidung.
»Heute Nacht brechen wir aus«, sagte Luc.
Ein Kollege hatte den Fluchtweg über die Lücke in der Mauer des Klostergartens entdeckt.
»Ohne Auto?«, wunderte sich ein anderer.
Luc erläuterte seinen Plan:
»Ich bestelle uns ein Taxi zum Kreisverkehr. Vom Kloster dorthin sind es nicht mehr als 500 Meter. Wir fahren nach Konstanz ins Casino, wo ihr eure Boni unter die Leute bringen könnt. Danach chillen im ›Lulu‹. Ihr seid eingeladen. Guter Plan?«
Der Plan würde ihn einige Tausender kosten aber er war es wert, wie ihm die leuchtenden Augen bestätigten. Einer fand trotzdem einen Einwand.
»Was sagt deine Heike zu einem Puffbesuch?«
»Gar nichts, wir sind ja im Kloster, schon vergessen?«
»Wie könnte ich.«
»Eben – und zudem ist die Heike zwar ein rattenscharfes Luder aber nur meine Anwältin.«
»Ja klar«, war das einstimmige Echo aller Drei.
Auf dem Weg zu den Zellen hielt ihn der Mönch zurück, der ihren Aufenthalt im Kloster organisierte. Bruder Anselm nannte er sich. Er war so etwas wie der CFO des Klosters, der Chief Financial Officer, soweit er verstanden hatte.
»Herr Kaiser, darf ich Sie kurz sprechen?«
Oha, war die Kunde von der geplanten Massenflucht schon bis zu ihm gedrungen? Sie setzten sich auf eine steinerne Bank am Ende des Kreuzgangs.
»Es ist mir etwas peinlich, Sie mit diesem Anliegen zu belästigen, begann der Bruder, schließlich sind Sie ja hergekommen, um Einkehr zu halten und etwas Ruhe und Abstand vom hektischen Alltag zu finden.«
»Das hat bisher ganz gut geklappt«, log er. »Was haben Sie auf dem Herzen, Bruder Anselm?«
Das Problem musste den Mönch sehr aufgewühlt haben, nach seinem Gesicht zu urteilen. Er war es nicht gewohnt, Emotionen hinter einem Pokerface zu verbergen. Es war eine andere Welt hinter diesen Klostermauern.
»Sie sind doch ein Finanzexperte«, sagte Anselm.
Er nickte überrascht.
»Und Sie haben sich auf Aktien im Energiesektor spezialisiert.«
»Sie sind erstaunlich gut über mich informiert. Muss ich mir Sorgen machen?«, fragte er schmunzelnd. »Ich muss allerdings ergänzen, dass diese Aktien nur ein Standbein meiner Firma darstellen. Ich bin ebenso aktiv im Bereich Risikofinanzierung für junge Unternehmen. Das ist sozusagen meine karitative Seite.«
Der Bruder antwortete mit einem ironischen Lächeln. Er konnte sich ausmalen, dass auch sein »karitativer« Hedgefonds satte Gewinne abwarf.
»Es liegt mir fern, Ihre Geschäftstätigkeit zu kommentieren«, versicherte Anselm. »Der Grund, weshalb ich Sie darauf anspreche, ist ein anderer. Ich gehe davon aus, dass Sie sich umfassend informieren, bevor Sie in eine Firma investieren.«
»Stimmt, der Aktienkurs und ein paar Kennzahlen allein sagen nichts aus über die Perspektiven einer Unternehmung.«
»Das dachte ich mir. Damit komme ich zu meinem Punkt. Der Konzern, der die Probebohrung bei Überlingen durchführt, möchte Land vom Klostergut kaufen.«
»Die NAPHTAG?«
Bruder Anselm nickte bedächtig. »Ich muss Sie bitten, diese Information vertraulich zu behandeln. Noch ist nichts entschieden. Sie werden verstehen, dass wir als exponierte Institution der Kirche genau darauf achten, mit wem wir Geschäfte machen.«
Allmählich begriff er, was Anselm von ihm wollte.
»Nun möchten Sie wissen, was ich von der NAPHTAG halte?«, fragte er grinsend.
»Ja.«
Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr dem Mönch.
»Mit der NAPHTAG darf auch eine Institution der Kirche bedenkenlos Geschäfte tätigen«, beruhigte er. »Der Konzern ist ein absolut seriöses Unternehmen, das im Übrigen auf soliden finanziellen Füßen steht. Eine uneingeschränkte Kaufempfehlung würde der Fach-mann sagen.«
»Aber der Sprengstoffanschlag, die Verunsicherung über die Auswirkungen der Bohrungen …«
Luc lachte. »Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Nach dem Anschlag aufs Fracking Testgelände ist zwar der Aktienkurs etwas eingebrochen, aber soll ich Ihnen verraten, was das bedeutet?«
Bruder Anselm blickte ihn verwirrt an.
»Das bedeutet, dass der Titel jetzt deutlich unterbewertet ist. Wer jetzt kauft, wird bald einen schönen Gewinn einfahren.« Sibyllinisch fügte er hinzu: »Daran sind natürlich nur wir weltlichen Sünder interessiert.«
Zu seiner Überraschung widersprach der Mönch. Er schüttelte den Kopf und sagte:
»Auch ein Kloster braucht Geld, um zu überleben – leider. Sie würden uns also nicht abraten von einem Landverkauf an die NAPHTAG?«
»Ich wüsste nicht, aus welchem Grund.«
Anselm wirkte dennoch unsicher. »Wie schätzen Sie die Auswirkungen der Bohrungen ein, wenn das Versuchsgelände auf unser Land ausgedehnt wird? Man hat uns gewarnt.«
»Ach die linken Angstmacher«, entgegnete er lachend. »Da wird meiner Meinung nach maßlos übertrieben. Wissen Sie, meine Schwester Emma befindet sich auch auf diesem Trip. Beweise für erhöhte Erdbebengefahr oder Verschmutzung des Grundwassers durch die hierzulande angewandte Technik hat sie bisher nicht geliefert.«
Bruder Anselm atmete erleichtert auf. Lucs geschultes Auge erkannte auf den ersten Blick: Der Finanzminister des Klosters Mariafeld wollte oder musste unbedingt verkaufen. Ein Plan reifte in Windeseile in ihm, eine Möglichkeit, sein zweifelhaftes Image als profitgieriger Finanzhai aufzupolieren.
»Wenn Sie möchten, kann sich unsere Juristin den Verkaufsvertrag ansehen, bevor Sie etwas unterschreiben. Sie hat große Erfahrung im Umgang mit solchen Konzernen. Das würde Sie natürlich nichts kosten.«
Das unerwartete Angebot erschreckte den braven Mönch. Sein Mund klappte auf und zu. Ihm fehlten die Worte. Luc stand auf.
»Überlegen Sie sich‘s. Ich bin ja noch bis morgen Nachmittag da.«
Damit zog er sich in die Zelle zurück, um den nächtlichen Ausbruch vorzubereiten.
Am nächsten Morgen schritt Pater Raphael unruhig in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Fünf Schritte hin, fünf Schritte her, mehr waren nicht möglich. Jeden Augenblick würde sein Cellerar anklopfen, und er wusste noch immer nicht, wie er entscheiden sollte. Gab es überhaupt eine Alternative? Umschuldung, den teuren Kredit umwandeln – vielleicht war das eine Möglichkeit, die Zeit bis zum Verkauf der Ernte zu überbrücken. Der Gutsverwalter rechnete nach der Missernte im letzten Jahr heuer mit gutem Ertrag. Er dankte dem Herrn für diesen Hoffnungsschimmer.
Bruder Anselm klopfte an und trat ein, leichten Fußes, mit entspanntem Lächeln im Gesicht, wie er es bei ihm seit Langem vermisst hatte.
»Gestern Abend habe ich ein interessantes Gespräch geführt«, platzte er heraus.
»Ich höre.«
»Ich habe mich mit einem unserer Gäste unterhalten, Luc Kaiser. Er ist Finanzspezialist, und es stellte sich heraus, dass er die NAPHTAG sehr gut kennt.«
Der Prior horchte auf. »Rein zufällig nehme ich an.«
»Na ja – ich habe den Konzern wohl erwähnt wegen der Bohrung.«
»Und weiter?«
»Herr Kaiser hat mir bestätigt, dass die NAPHTAG einen makellosen Ruf genießt. Ich schließe daraus, dass wir uns auf die Aussagen und Zusicherungen des Konzerns voll und ganz verlassen können.«
»Können wir uns denn auch auf diesen Herrn Kaiser verlassen?«
Bruder Anselm nickte zuversichtlich. »Er ist ein ausgewiesener Fachmann.« Nach kurzer Pause fügte er an: »Und er macht einen durchaus ehrlichen Eindruck.«
»Hoffen wir, dass du dich nicht täuschst, Bruder Anselm. Du möchtest also verkaufen?«
»Wir würden das Richtige tun.«
Er war noch nicht überzeugt und erwähnte die Idee mit der Umschuldung. Anselm wiegelte sofort ab.
»Ich habe diese Möglichkeit zuallererst durchgerechnet. Wir müssten einen hohen Preis bezahlen und würden trotzdem weiter auf den Schulden sitzen, sollten wir überhaupt einen neuen Kredit erhalten. Und was passiert, wenn die Zinsen wieder anziehen? Nein, das ist leider keine Lösung.«
Die Vorstellung, den Schuldenberg und die Zinslast durch den Verkauf mit einem Schlag loszuwerden, war bestechend. Da musste er dem Cellerar zustimmen. Obwohl er innerlich entschieden hatte, zögerte er mit der Antwort. Schließlich sagte er:
»Ich möchte mir selbst ein Bild über Herrn Kaiser machen, bevor ich dem Verkauf zustimmen kann.«
»Gut, tu das, Bruder, aber du musst dich beeilen. Die Gäste reisen nach dem Mittagessen ab.«
Luc blickte dem Prior verwundert nach. Die Unterredung mit dem alten Herrn hatte keine drei Minuten gedauert und im Wesentlichen aus forschenden Blicken bestanden. Sollte es eine verkappte Standpauke sein wegen des Ausflugs nach Konstanz, obwohl er nichts dergleichen angedeutet hatte? Er wurde nicht schlau aus diesem Heiligen. Es war Zeit zu packen. Auf dem Flur fing ihn Bruder Anselm ab.
»Ich möchte mich bedanken«, sagte er.
»Wofür?«
»Für Ihren Rat gestern Abend. Der Prior hat sich jetzt doch entschlossen, das Stück Land an die NAPHTAG zu verkaufen – vorausgesetzt, seine Exzellenz der Bischof stimmt zu.«
»Rechnen Sie mit der Zustimmung des Bistums?«
»Oh ja, das ist nur eine Formalität. Schließlich geht es um die Zukunft des Klosters.«
»Sie werden also das Geschäft durchziehen?«
Bruder Anselm nickte lächelnd.
»Das freut mich, obwohl es mich eigentlich gar nichts angeht.«
»Ohne Ihren Rat …«
Den Rest sprach der Mönch nicht aus. Luc wollte sich verabschieden, doch Anselm zögerte.
»Darf ich auf Ihr Angebot zurückkommen, Herr Kaiser?«
Luc schmunzelte. »Die Anwältin – selbstverständlich, das Angebot steht.«
Anselm dankte beinahe unterwürfig. »Wir sind manchmal etwas weltfremd hinter den Klostermauern«, gab er zu. »Es wäre in der Tat äußerst hilfreich, wenn uns jemand beraten könnte, der sich auskennt. Zum Beispiel über den fairen Preis.«
Die Anwältin Heike Sommer kannte sich in Land- und Immobilienpreisen, Gesetzen und anderen Dingen aus, die sich der gute Bruder Anselm in seinen wildesten Träumen nicht vorstellen konnte.
»Darf ich fragen, wie viel die NAPHTAG zu zahlen bereit ist?«
Anselm antwortete ohne Zögern:
»Hundert Euro pro Quadratmeter. Es geht um 20‘000 Quadratmeter.«
»Das ist nicht sehr viel.«
Anselm erschrak. »Wie bitte?«
»Land in dieser Gegend für profitable industrielle Nutzung müsste eigentlich teurer sein.«
»Aber …«
Sein Einwand hatte den Bruder sichtlich erschüttert.
»Sie müssen pokern«, sagte er mit ernster Miene. »Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen das zuwiderläuft, aber es geht nicht anders. Die NAPHTAG wird es auch tun. Verlangen Sie einen deutlich höheren Preis, sagen wir 120 Euro.«
Bruder Anselm wusste nicht, wohin mit den Augen. Sein Argument stürzte den Gottesmann in einen schier unlösbaren Gewissenskonflikt. Das Kloster brauchte dringend Geld, stand auf seinem Gesicht geschrieben. Feilschen – was für ihn als Händler tägliches Brot war, musste dem Mönch wie ein Elixier des Teufels erscheinen. Plötzlich streifte Luc ein verwegener Gedanke.
»Es könnte natürlich sein, dass die NAPHTAG auf den hundert Euro beharrt«, fuhr er fort. »In diesem Fall rate ich Ihnen, in NAPHTAG Aktien zu investieren.«
Damit hatte er Anselm endgültig überfordert. Bevor der Mönch die Sprache wieder fand, erläuterte er den Plan:
»Ich will damit nicht sagen, sie sollen Aktien kaufen. Es gibt einen viel eleganteren Weg. Vereinbaren Sie ein Paket Gratisoptionen. Bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick.«
Er ging in seine Zelle, schaltete das Handy ein und hielt es aus dem Fenster, wo ein Empfang möglich war. Nach wenigen Klicks kehrte er zu Anselm zurück, hielt ihm den Bildschirm hin und erklärte die Zahlen:
»Diese Anzahl Kaufoptionen auf NAPHTAG Aktien entsprechen aus heutiger Sicht einem Wert von rund 200‘000 Euro. Die NAPHTAG würde Ihnen also die zwei Millionen Cash bezahlen für das Land plus 200‘000 Euro in Form von Optionsscheinen. Da der Kurs der Aktie unterbewertet ist, wird der Wert der Optionen binnen kurzer Zeit steigen. Sie können ohne Weiteres mit einer Verdoppelung in den nächsten zwei Wochen rechnen. Heißt im Klartext: Sie werden die Optionen für 400‘000 Euro verkaufen oder ausüben können. Insgesamt hätte Ihnen die NAPHTAG also 2.4 statt zwei Millionen bezahlt, was einem Preis von 120 Euro pro Quadratmeter entspricht. Können Sie mir folgen?«
»Rechnerisch schon, aber wo ist der Haken?«
»In diesem Fall gibt es eigentlich keinen. Ihr einziges Risiko ist, dass es bei den zwei Millionen Cash bleibt, die Ihnen der Konzern geboten hat. Die Optionen könnten wertlos verfallen, falls der Aktienpreis wider Erwarten sinkt, aber Sie haben ja auch nichts dafür bezahlt, also verlieren Sie nichts.«
Eine lange Pause entstand, bis Anselm misstrauisch fragte:
»Und Sie glauben, die NAPHTAG lässt sich auf diesen Handel ein?«
»Wenn meine Anwältin verhandelt, bestimmt«, antwortete er grinsend.
KONSTANZ WOLLMATINGEN
Eine neue Nachricht tropfte auf den Bildschirm des Laptops. Das Ge-räusch erinnerte verblüffend an den Wassertropfen aus einem undichten Hahn, der in die Blechwanne fällt und zerplatzt. Maria Herzog fand ihre Wahl des Geräuschs für die Chats mit Emma genial. Der tropfende Hahn war die perfekte akustische Metapher für den stundenlang locker vor sich hin tröpfelnden Austausch kurzer Textmeldungen in den Nächten, die sie nicht zusammen verbringen konnten. Sie steckte die pH-Messsonde auf den Glaszylinder, bevor sie Emmas Text las.
»Julian schläft endlich. Vermisse dich.«
»Solltest du auch – schlafen meine ich«, tippte sie als Antwort. »Morgen gibt es etwas zu feiern.«
Wieder fiel ein Tropfen. »Bist du sicher?«
Sie kontrollierte den pH-Wert. 4.05: Zu sauer, stellte sie fest und wollte korrigieren, doch ein Knacks schreckte sie auf. Sie wähnte sich allein im Haus. Die Kollegen hatten das Labor und die Büros längst verlassen. Außer dem Licht ihrer Tischlampe herrschte stockfinstere Nacht. Das fremdartige Geräusch war vom Flur ins Labor gedrungen. Sie schaltete die Deckenbeleuchtung an.
»Felix, bist du das?«
Wer sonst sollte um diese Zeit im Haus sein? Das Geräusch wiederholte sich, diesmal lauter, gefolgt vom vertrauten Knarren einer Tür. Es kam von draußen. Das Kippfenster zum Hof stand offen. Jemand machte sich an der Tür des Schuppens zu schaffen. Sie rannte ums Haus. Das Schloss des Lagers für Stroh und unbedenkliche Chemikalien wie Alkohol war aufgebrochen. Der Strahl einer Taschenlampe strich über die Regale. Das Licht erlosch sofort, als sie die Tür aufstieß.
»Polizei! Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus!«, rief sie, weil ihr im ersten Schreck nichts anderes einfiel.
Ihr Herz wollte aus der Brust springen. Es blieb ruhig. Sie nahm allen Mut zusammen und rief noch einmal:
»Kommen Sie heraus!«
Vorsichtig trat sie in die Öffnung, um den Lichtschalter zu betätigen. Die Tür schlug ihr ins Gesicht und schleuderte sie hinaus. Sie fiel auf den rauen Teer, sah aus den Augenwinkeln, wie eine schwarze Gestalt davonrannte. Sie hörte eine Autotür zuschlagen, Motorengeräusch, dann kehrte unheimliche Stille ein. Ächzend erhob sie sich. Der linke Ellenbogen schmerzte. Als sie darüber strich, spürte sie Blut. Im Licht der Lampe des Schuppens besah sie sich den Schaden. Eine Schürfwunde, nicht weiter schlimm. Trotzdem schmerzte der Arm, als wäre er gebrochen.
Im Schuppen fehlte auf den ersten Blick nichts, aber das Schloss musste ausgetauscht werden. Es gab nichts wirklich Wertvolles im Lager, jedenfalls keine Drogen oder Chemikalien, die man zur Herstellung von Crystal Meth oder Ähnlichem benutzen könnte. Beim Alkohol handelte es sich um Industriesprit. Er war mit Pyridin versetzt und völlig ungenießbar – und alle Flaschen waren noch da. Was wollte der Kerl? Sie hatte einen Mann gesehen, dessen war sie sich ziemlich sicher: kräftige Statur, kein Teenager im Hoodie. Der Gedanke, die Polizei zu rufen, streifte sie nur kurz. Sie hatte den Einbrecher rechtzeitig in die Flucht geschlagen, und für eine Fahndung würden ihre Angaben sowieso nicht reichen. Sie wollte sich und dem Staat das Anlegen einer weiteren sinnlosen Akte ersparen. Dennoch prüfte sie genau, ob der nächtliche Besucher auch Spuren im Haus hinterlassen hatte. Die Schlösser waren alle intakt. Kein Wunder, denn sie ließ die Türen stets unverschlossen, während sie allein im Labor arbeitete. Es war eine Vorsichtsmaßnahme. Falls ihr wider Erwarten etwas zustieß bei der Arbeit, sollten Feuerwehr und Rettung ungehinderten Zugang haben. Das galt natürlich auch für ungebetene nächtliche Besucher. War der Kerl im Haus gewesen? Hatte er sie heimlich beobachtet?
Fröstelnd setzte sie sich wieder an den Computer. Der virtuelle Wasserhahn tropfte jetzt beinahe ohne Unterlass.
»Was ist los? Schläfst du? Wach auf! Ist alles in Ordnung? Soll ich vorbeikommen? WZTWD?«
Emmas Texte füllten den ganzen Bildschirm. Sie beantwortete die letzte Frage – wo zum Teufel warst du? – nicht, schrieb nur:
»AKLA« – »Alles klar.«
Der Timer am Bioreaktor piepste. Sie stieß eine Verwünschung aus, sprang auf und entnahm mit zittriger Hand eine Probe zur Untersuchung. Hoffnungslos, dachte sie ärgerlich, als sie ein paar Tropfen der gelblichen Flüssigkeit aus dem Reaktor auf den Objektträger des Chromatografen träufelte. Durch das Intermezzo mit dem Einbrecher hatte sie vergessen, den pH-Wert rechtzeitig zu korrigieren. Nur um auch diesen Versuch sauber abzuschließen, schaltete sie das Gerät ein. Das Resultat interessierte sie kaum. Sie wandte sich wieder dem Chat zu, bis ein leises Klingeln das Ende der Analyse ankündigte. Sie drückte automatisch auf die Taste, um die Grafik auszudrucken, die der Chromatograf berechnet hatte. Sie warf einen flüchtigen Blick darauf, und ihr Herz blieb stehen. Dann begann es zu pochen, als stünde sie zwei Einbrechern mit Krummsäbeln gegenüber. Was sie sah, war unmöglich. Es musste ein Irrtum sein.
Hastig überprüfte sie die Versuchsanordnung, kontrollierte Zusammensetzung, Temperatur, chemische und physikalische Eigenschaften des Gemischs aus Nährstoffen, Enzymen und Mikroben im Tank. Sie las die Messwerte ein zweites und drittes Mal ab und fand keinen Fehler außer dem falschen pH-Wert. Es musste am Chromatografen liegen. Sie nahm sich die Zeit, das empfindliche Gerät vollständig neu zu kalibrieren. Die Grafik, die es danach produzierte, war identisch mit der ersten Analyse. Der Gedanke, keinen Fehler zu finden, schmerzte wie ihr Ellenbogen. Vielleicht sollte sie eine Nacht darüber schlafen und das Ganze morgen in Ruhe wiederholen – aber wer wollte schlafen bei diesem Output? Die banale Zeichnung aus farbigen Kurven, die nur Fachleute verstanden, war es wert, einst auf ihrem Grabstein verewigt zu werden wie Diracs Gleichung der Quantenmechanik in der Westminster Abbey. Die Kurven behaupteten nichts Geringeres, als dass ihre programmierten Bakterien das Stroh vom Mariafeld zu 85 Prozent in Bernsteinsäure umgewandelt hatten, also praktisch vollständig. Dieser Wirkungsgrad entsprach dem Doppelten aller bisherigen Versuche – und war zwanzigmal besser als alles, was die Konkurrenz je zustande gebracht hatte.
Obwohl der digitale Hahn des Chats zu tropfen aufgehört hatte, begann sie wie besessen auf die Tastatur zu hämmern. Sie fühlte sich leicht und frei wie nie, befreit, als wäre sie am Ende eines langen Tunnels angelangt, träte zum ersten Mal nach jahrelanger Suche in der Finsternis wieder ins grelle Tageslicht und atmete frische Luft. Die Suche war zu Ende, nichts weniger behauptete das Blatt Papier aus dem Chromatografen. Sie versuchte, die Bedeutung der Entdeckung in Worte zu fassen, die ihre Geliebte verstehen konnte, und war froh, sie nicht am Telefon zu haben. Schreibend konnte sie sich besser konzentrieren, drückte sich präziser aus. Die Erzeugung der wichtigen Grundchemikalie Bernsteinsäure aus nachwachsenden Rohstoffen war nun nicht nur möglich, sondern auch wesentlich kostengünstiger als die klassische Herstellung in der chemischen Industrie. Kunststoffe, Farben und Baumaterialien aus Stroh, unabhängig von Erdöl, Erdgas und Fracking – der Abschied von der Petrochemie begann in dieser Nacht in ihrem Labor.
Kaum war sie fertig mit dem Tippen ihrer Erfolgsgeschichte, fiel der nächste Tropfen.
»Was willst du mir eigentlich sagen?«
»Ach Emma«, seufzte sie, »es gäbe noch so viel zu sagen.«
Lächelnd sandte sie einen letzten Text übers Wasser ins Paradies:
»Schlaf gut, Liebes.«
KAPITEL 4
KONSTANZ
Emma Kaiser klappte den Computer zu. Die Lust auf Arbeit war ihr vergangen, nachdem sie die Berichte über den Polizeieinsatz auf der Reichenau im Internet gelesen hatte. Es stand zwar nicht in den amtlichen Nachrichten, aber die Tweets ließen keinen Zweifel daran: Die Polizei suchte jetzt auch die geheimnisvolle Judith. Den Gedanken, sich zu stellen, wischte sie unwirsch beiseite. Wer würde ihrer Unschuldsbeteuerung glauben nach so langer Zeit? Wo zum Teufel versteckte sich Barbarossa? Nur mit ihm als Zeugen hätte sie eine Chance, sich einigermaßen heil aus der Affäre zu ziehen. Zudem durfte sie nicht riskieren, dass Einzelheiten ihrer Arbeit zu früh an die Öffentlichkeit gelangten, nicht jetzt, kurz vor dem Ende. Sarahs Stimme unterbrach das Grübeln.
»Solltest du nicht schon weg sein?«
Ihre Schwester lehnte lasziv im Türrahmen, in ein neues Nachthemd aus Satin und Spitzen gehüllt, wirres Haar, als hätte sie in der ganzen Wohnung keinen Kamm gefunden.
»Willst du den kleinen Julian verführen?«, fragte sie ärgerlich.
»Gefällt‘s dir?«
»Sieht ziemlich unverschämt aus.«
Ihre kleine Schwester seufzte. »Ich nehme es mal als Kompliment.«
»Meinst du nicht, du überforderst ihn?«
Sarah erschrak. »Was willst du damit sagen?«
»Erst machst du auf keusche Studentin – und dann so etwas.«
»Du bist nur neidisch. Hast du schon auf die Uhr geschaut? Maria wartet schon seit zehn Minuten.«
Sarah lenkte vom Thema ab, aber es stimmte: Sie kam zu spät. Sie eilte ins Bad, kontrollierte das Haar, tupfte etwas Parfüm an die Ohrläppchen und küsste Sarah zum Abschied. Die Kleine war verliebt, kein Zweifel. Sie wünschte ihr im Stillen viel Glück dabei. Bisher war es zweimal schiefgegangen, soweit sie sich erinnerte. Sarah war nicht nur scheu und introvertiert, sie besaß auch ein ziemlich anstrengendes Mundwerk, wenn sie einmal den Mund öffnete. Emma hätte sich allerdings kein zuverlässigeres Kindermädchen für Julian vorstellen können. Nur das zählte an diesem Abend. Schlemmen mit Maria im Gourmettempel gleich um die Ecke, fünf Gänge mit leidenschaftlichem Nachtisch in Wollmatingen! Sie war versucht, die High Heels auszuziehen, um schneller im Restaurant anzukommen.
Maria saß auf der Terrasse am See, ein Glas Sekt vor sich und ein seliges Lächeln im Gesicht. Sie trug das blaue Sommerkleid mit den Ärmeln aus durchscheinender Stickerei, zu dessen Kauf sie die Geliebte einst überredet hatte.
»Du scheinst mich gar nicht zu vermissen«, scherzte sie.
Die innige Umarmung war ein kurzer Moment unbeschwerten Glücks. Sie hatte schon fast vergessen, wie es sich anfühlte in Marias Armen. Seit der unseligen Nacht in Überlingen stand sie unter Hochspannung, selbst im Schlaf, dem unerschöpflichen Reservoir an Albträumen.
»Entschuldige die Verspätung. Sarah hat mich aufgehalten«, flunkerte sie. »Stell dir vor, meine kleine Schwester ist verliebt.«
Maria lachte. »Wie Felix.«
»Was, der auch? Unglaublich, ich dachte, dein Kollege interessiere sich überhaupt nicht für Menschen.«
»So kann man sich täuschen.«
»Wie heißt die Glückliche?«
»Das wüsste ich auch gerne«, sagte Maria schmunzelnd. »Er macht ein großes Geheimnis daraus.«
Maria sprach weiter, doch sie hörte nicht mehr zu. Sie hatte das hässliche Pflaster an Marias Ellenbogen entdeckt.
»Was ist passiert?«, unterbrach sie erschrocken.
»Nichts.«
Sie bedeckte die Verletzung instinktiv mit der Hand.
»Wozu dann das Pflaster?«
»Ich – bin gestolpert. Es ist nur ein Kratzer, das ist alles.«
»Ist es gestern Nacht passiert, als du plötzlich nicht mehr geantwortet hast?«
Die Bedienung fragte nach den Wünschen. Maria gab ihre Bestellung auf und sah sie fragend an. Ohne einen Blick auf die Karte zu werfen, sagte sie:
»Für mich das Gleiche.«
Maria stellte eine Frage zu Sarah. Wie ihre Schwester wollte sie vom Thema ablenken. Diesmal ließ sie nicht locker.
»Du bist nicht einfach hingefallen. Erzähle mir, was letzte Nacht geschehen ist.«
Maria zögerte, bevor sie leise antwortete. »Ich möchte nicht, dass du dir unnötig Sorgen machst.«
»Das ist genau das, was mich jetzt beruhigt.«
Sie kannten sich lange genug. Maria wusste, dass sie nicht ruhen würde, bis sie die Wahrheit erfuhr. Was sie hörte, versetzte ihr einen Schock, obwohl Maria den Vorfall zu verharmlosen versuchte.
»Ein Einbrecher! Bist du wahnsinnig, dich auf so eine Begegnung einzulassen? Mein Gott, du könntest tot sein.«
Maria lachte sie aus. »Komm wieder runter. Der hatte mehr Angst vor mir als ich vor ihm.«
»Wie sah er aus, welchen Wagen hat er gefahren, Kennzeichen?«
Maria zuckte die Achseln. »Wieso willst du das wissen?«
Nun war sie an der Reihe, zu schweigen. Sie fragte sich ohnehin, was sie von Sarahs Beobachtung halten sollte. Die Schwester glaubte, einen Typen in einem fremden Auto mehrfach lange vor dem Haus im Paradies gesehen zu haben. Sie hatte nicht gewagt, sich zu nähern, um sich das Kennzeichen zu merken. Jedenfalls erschrak sie neuerdings beim leisesten Geräusch hinter ihrem Rücken. Standen sie alle unter Beobachtung? Feinde gab es genug. Bisher hatte sie allerdings angenommen, in der Wohnung im Paradies sicher zu sein. Stand der Einbruch bei Maria damit in Zusammenhang? Gefährdete sie die Geliebte mit ihrem obsessiven Enthüllungsjournalismus? Sie schauderte unwillkürlich.
»So tragisch ist der Zwischenfall nun auch wieder nicht«, sagte Maria lächelnd. »Du solltest die Linguini versuchen, bevor sie erkalten, statt dir unnötig Sorgen zu machen.«
Damit war das Thema aus ihrer Sicht abgeschlossen. Während sie aßen, malte Maria die gemeinsame Zukunft in den buntesten Farben aus. Die Begeisterung über den endgültigen Durchbruch bei der Forschung an den Mikroben, die wie Rumpelstilzchen Stroh in Gold verwandelten, kannte keine Grenzen. Emma war mit den Gedanken woanders.
»Du freust dich ja gar nicht«, sagte Maria beleidigt.
»Doch, natürlich – ich kann mir einfach die Konsequenzen deiner Erfindung noch nicht vorstellen.«
»Entdeckung, meine Liebe, keine Erfindung. Wir verwenden zwar gentechnisch veränderte Bakterien, aber früher oder später könnte sich diese Mutation auch völlig natürlich entwickeln. Wir haben also nur entdeckt, was die Natur bisher vor uns versteckt hat, und das wird den Unternehmen der Petrochemie gar nicht gefallen.«
»Zum Beispiel der NAPHTAG.«
»Genau. Stell dir vor, die wollen das Fracking Projekt jetzt auch noch aufs Klostergut erweitern.«
»Mariafeld? Überrascht mich gar nicht, aber die Brüder werden das doch nicht zulassen.«
»Ich fürchte, da bin ich nicht mehr so sicher.«
Der Gedanke bedrückte Maria. Sie legte die Gabel weg, trank einen Schluck des unbezahlbaren Chablis Premier Cru und starrte eine Weile in sich hinein. Dann sagte sie:
»Deine Recherche übers Fracking wird der NAPHTAG auch nicht gefallen, stimmt‘s?«
Ihre Antwort war nur ein unbestimmtes Lächeln, wie stets, wenn die Fragen zu ihrer Arbeit allzu konkret wurden. Der mysteriöse Einbruch und Sarahs beginnender Verfolgungswahn kochten wieder hoch. Auch sie griff zum Glas, und während sich das feine Zitrusaroma im Gaumen ausbreitete, reifte ein Entschluss in ihr. Sie durfte Maria und die junge Firma nicht länger gefährden.
Der Kriminaltechniker im Präsidium begleitete Chris zu den Asservaten des Anschlags von Überlingen. Vom Augenblick an, als sie verlangte, die Beweisstücke nochmals zu sichten, blieb sein Mund verschlossen wie ein verschweißter Vakuumbeutel. Die Wangen eingefallen, erinnerte sein ledernes Gesicht an vakuumiertes Schweinefilet. Mit jedem Blick gab er ihr zu verstehen: Was willst du noch hier? Steht doch alles in meinem Bericht. Diesem Bericht verdankte er ihren Besuch. Ihr war aufgefallen, dass der Techniker zwar angesengte Dokumente erwähnte, die aus dem Feuer gerettet worden waren, aber kein Wort über deren Inhalt verlor. Die Beweisstücke waren noch nicht in die Asservatenkammer ausgelagert worden. Sie lagen übersichtlich nach Identifikationsnummer geordnet auf den Arbeitstischen. Ihr erster Griff galt dem Beutel mit einem Blatt Papier, das fast vollständig erhalten geblieben war. Sie betrachtete das Beweisstück eingehend. Es schien sich um einen Teil einer Inventarliste zu handeln. Bekannte Stoffe wie Schmierfett und Rostschutzfarbe mit Mengenangaben wechselten sich ab mit Posten, deren Namen ihr nichts sagten. Der Techniker sah eine Weile zähneknirschend zu, bis er nicht länger schweigen konnte.
»Fehlt es im Bericht?«, fragte er gereizt.
»Das nicht, aber Sie schreiben nichts über den Inhalt.«
»Uninteressant. Es handelt sich offensichtlich um Überreste des Inventars des abgebrannten Lagers. Der Ingenieur hat uns eine vollständige Kopie aus dem Computer zugestellt. Sie ist auch im Bericht enthalten, im Anhang C-3.«
»Ich weiß, aber haben Sie die Kopie mit diesen Blättern abgeglichen?«
»Wozu?«
Sie blieb die Antwort schuldig und nahm sich stattdessen ein zweites angesengtes Blatt vor, dann ein Drittes. P-206 150 K., las sie. Der Begriff sagte ihr nichts. Sie erinnerte sich nicht, die Bezeichnung P-206 irgendwo gelesen zu haben. Um jeden Irrtum auszuschließen, suchte sie eine entsprechende Zeile im Anhang C-3. P-206 wurde im offiziellen Inventar nicht erwähnt. Wie erwartet, wusste auch der Techniker nichts darüber. Das K in der Liste könnte Kanister bedeuten. 150 Kanister einer unbekannten Substanz. Ein illegaler Giftcocktail als Fracking Zusatz? Der Verdacht, der Brand hätte Spuren vernichten sollen, erhärtete sich.
»Wo ist der sichergestellte Kanister?«
Das Asservat stand auf keinem Tisch. Der Techniker zuckte die Achseln.
»Muss noch im Labor sein«, brummte er und schlenderte davon.
Er ließ sich Zeit, aber als er zurückkehrte, hielt er nicht nur den Kanister in der Hand, der bei Thorsten Kramers Auto gelegen hatte, sondern auch eine Rolle Papier, das nur aus dem Gaschromatografen stammen konnte. Die arrogante Fassade war von ihm abgefallen. Wie ein armer Sünder vor dem Herrn stand er vor ihr und sagte:
»P-206. Ich weiß nicht, wie mir das entgehen konnte.«
»Na, so habe ich Sie wenigstens nicht umsonst genervt.«
Auf dem Aufkleber des Kanisters stand deutlich lesbar: P-206. Der Inhalt roch wie normaler Diesel. Das Chromatogramm zeigte auch die charakteristischen Spitzen, doch die verschwanden beinah im Wald der übrigen Peaks. Der Techniker versuchte, Boden gutzumachen, indem er seine Interpretation der Zusammensetzung von P-206 bekannt gab:
»Es handelt sich nicht um einen marktüblichen Diesel, wie Sie sehen.« Er deutete auf einen Ausschnitt des Diagramms, der ihr auch aufgefallen war. »Diese Komponenten sind Moleküle mit hoher Oktanzahl, die durch Alkylierungs-Prozesse entstehen. Sehr ungewöhnlich in dieser Konzentration.«
»Allerdings. Mit diesem Diesel werden wohl kaum Motoren angetrieben. Haben Sie den Ingenieur Kolbe danach gefragt?«
Er verneinte. »Wir dachten nicht, dass es für den Fall relevant wäre.«
»Ist es vielleicht auch nicht.«
Sie rief die Nummer der Bohrstelle bei Überlingen an. Nach langem Warten bekam sie Kolbe an den Apparat.
»Verwenden Sie P-206 als FracFluid?«, fragte sie rundheraus.
Sie glaubte schon, die Leitung wäre tot, als er endlich antwortete:
»Ich kenne kein – wie heißt das Zeug?«
»P-206.«
»Tut mir leid, kenne ich nicht. Warum fragen Sie?«
»Weil wir einen Kanister mit P-206 beim abgebrannten Lager gefunden haben.«
»Der hat nichts mit uns zu tun.«
»Obwohl NAPHTAG darauf steht?«
Sie ließ die Frage in der Schwebe, dankte und legte auf.
»Er lügt«, sagte der Techniker, der mitgehört hatte.
Sie nickte. »Ich glaube, meine erste Frage hat ihn ziemlich aus dem Konzept gebracht, weshalb auch immer.«
Der Kanister voll mit P-206 stammte von der NAPHTAG, behauptete der Aufkleber. Kramer und die unbekannte Judith hatten ihn aus dem Lager beschafft, daran zweifelte sie keinen Augenblick, nur beweisen konnte sie es nicht – noch nicht. In der Inventarliste waren 150 Kanister davon aufgeführt, und der leitende Ingenieur wollte nichts mitbekommen haben? Chris schüttelte verächtlich den Kopf und sagte:
»Kolbe hält uns für Dummköpfe. P-206 spielt offensichtlich eine wichtige Rolle in seinem Fracking Projekt, und es sieht ganz danach aus, dass diese Schmiere auch eine Hauptrolle in unserem Fall spielen könnte.«
Das Chromatogramm bewies, dass es sich bei P-206 um eine Mixtur aus über zweihundert organischen und anorganischen Chemikalien handelte. Allein der Einsatz der Dieselkomponenten war ein Verstoß gegen die Auflagen. Diesel enthält eine Reihe krebserregender Bestandteile wie Xylol, Toluol und Benzolderivate. Benzol ist bekannt für die Gefahr, Blutkrebs zu verursachen. Ohne Zusätze, welche die Risse im Gestein offen halten und möglichst lange stabilisieren sollten, war keine Erdgasförderung mittels Fracking möglich. Das war allgemein bekannt und keine Überraschung für Chris. Die Frage blieb nur, welche Zusatzstoffe verwendet wurden, wie viele und welche Gifte wie Benzol, Korrosionsschutzmittel und Biozide gegen Bakterienwachstum im FracFluid vorhanden waren. In dieser Hinsicht sah es gar nicht gut aus für die NAPHTAG – und vor allem für die nichts ahnenden Anwohner der Bohrstellen. Die giftigen Chemikalien blieben nicht tief unter der Erde im Tongestein vergraben. Etwa die Hälfte davon wurde mit dem Restwasser wieder an die Oberfläche gepumpt und musste wie Sondermüll entsorgt werden. Die Gefahr der Gewässerverschmutzung durch Fracking und Restwasser war nicht von der Hand zu weisen. Unabhängig von solchen Risiken war eines klar: Der Einsatz von P-206 war so verboten wie links fahren.
Der Techniker setzte sich an seinen Computer. Ein hektischer, stummer Dialog mit dem Gerät begann.
»Was suchen Sie?«, fragte sie irritiert.
Er hieb weiter auf die Tastatur ein, bis er schließlich mit einem Ausruf der Enttäuschung aufhörte.
»Ich finde nichts«, klagte er. »Kein verdammter Hinweis auf P-206 in den Katalogen und Berichten der NAPHTAG.«
Es erstaunte sie nicht. Unternehmen, die Fracking betrieben, betrachteten ihre FracFluide als Betriebsgeheimnis und gaben solche Informationen nur unter Druck der Behörden preis. Sie nahm sich vor, ihre Freundin Caro von der KTU in Wiesbaden ebenfalls nach P-206 suchen zu lassen, rechnete aber nicht mit einem andern Ergebnis. Ihr Verdacht, die NAPHTAG arbeite mit unsauberen Methoden, hatte sich bestätigt. Sie wollte aufbrechen, da hielt der Techniker sie zurück.
Darmowy fragment się skończył.