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Hans Wollschläger

Karl May

Grundriß eines gebrochenen Lebens



Inhalt

Kapitel I Ussulistan

Kapitel II Waldenburg und anderswo

Kapitel III Acta in Sachen des Rechtes ./. C.F.M.

Kapitel IV Aus der Mappe eines Vielgereisten

Kapitel V Schundmacher und Poet dazu

Kapitel VI »Im lieben, schönen Lößnitzgrund…«

Kapitel VII Le Bourgeois Gentilhomme

Kapitel VIII Ormasd und Ahriman

Kapitel IX »… die Gebilde einer unbekannten Atmosphäre…«

Kapitel X Am Tode

Kapitel XI ›Patronen‹ gegen ›Patrone‹

Kapitel XII Ein Schundverlag und seine Helfershelfer

Kapitel XIII The Dark and Bloody Grounds

Kapitel XIV »Autor frommer Bücher – ein Bandit«

Kapitel XV Ins Rosenrote

Anhang

Quellen und Nachweise Bibliographie

Register

Kapitel I
Ussulistan

Schon einer der Urahnen in der siebenten Vorgeneration, Andreas Stephan (1666–1719), war Webermeister in Ernstthal; Weber waren fast alle Vor- und Vorvoreltern; Weber war der Vater[1]. Von ihrem Dahinleben ist wenig aufbewahrt; selten währte es siebzig Jahre, oft sehr viel kürzer, und daß es köstlich gewesen wäre, ist so sicher nicht, wie es der plaudernde Feinsinn gern der pausenlosen Arbeit nachsagt; – ein paar trockene Sätze im Kirchenbuch, keine Briefe, keine Bilder. Zuletzt bleiben von ihnen allen nur die eckigen Daten ihres Auftritts und Abgangs von der tristen Bretterbühne, auf der das immer gleiche vor sich ging: Intraden ohne Glanz – die dürftige Dorfpantomime immer stummer Rollen, deren letzte Hantierung noch vom grau sausenden Webstuhl bestimmt ist – Exit ins Dunkel. Das Erbe, das aus solchen Generationen auf den Letzten der Familie sich ablagerte, wiegt schwer, und wenn er sich später auch empört dagegen verwahrte, daß man ihn atavistischer Schwachheiten[2] zeihe, so erklärt sich doch so manche Bruchstelle im wunderlichen Gewebe seines Lebens aus der trüben Provenienz der Fäden, die darin zusammenliefen: nicht nur die Revolution des Unteren, die in ihm heraufkam; das verkrüppelte Rechtsbild der vom Recht sehr lange Vergessenen; – auch der gestaute Kräfteschub derer, die selber nichts zu stiften vermochten, was geblieben wäre; und aus der Schwermut der Vergeblichen die singuläre Anstrengung selbst, die sie durchbrach und aufhob. So hat er das Muster, wie es, mit durchaus schlimmen Vorzeichnungen, auf ihn kam, dann doch zum guten Ende gebracht, und aus dem langen, öden Vorgang der von Tritten geregten, endlos ungesehen geflossenen Fäden, der von Schlägen geschlagenen Verbindungen, der herüber und hinüber schießenden Schifflein ist noch so etwas wie ein Weber-Meisterstück gekommen – ein bizarres, misch-maschiges, knotig bedeutendes aber doch im desolaten Dessin – und er selbst im besten Sinne der Letzte seines Stammes geworden: Ijar, der im ganzen Morgenlande bekannte Teppichweber …[3]


Ernstthal, eine kleine Stadt in der sächsischen Kreisdirektion Zwickau, 1680 nach einer Pestepidemie zu Hohenstein gegründet, mit dem es später (1898) zusammengelegt wurde, ist ein Modellpunkt des sozialen Elends der Zeit: in dessen tiefsten Stand, ins ärmste, schmutzigste Ardistan, wird Karl Friedrich May am 25.2.1842, abends um 10 Uhr, in der Niedergasse[4] hineingeboren: fünftes von 14 Kindern, die die Mutter Christiane Wilhelmine Weise (1817–1885) zwischen dem 19. und 43. Jahr dem Heinrich August May (1810–1888) gebären muß; neun davon sterben in frühester Kindheit, nur zwei Schwestern haben den Bruder überlebt und ein hohes Alter erreicht. Von den 2630 Einwohnern ernähren sich 80 % von der Heimweberei, die seit der Blütezeit zu Beginn des Jahrhunderts unaufhaltsam niedergegangen ist und zum Existenzminimum jetzt wenig über ein Drittel beiträgt; ›Nebenberufe‹ müssen aushelfen, Schmuggel und anderes; in Scharen verlassen Auswanderer die kümmerliche Heimat, hinüber ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten; die öffentlichen Einrichtungen, etwa das Schulwesen, sind durch Schulden in Unordnung; 84 Haushalte zählt 1845 eine Akte zu den Ärmsten der Armen.[5] Mangelkrankheiten bestimmen Leben und Sterben: das, was man gegenwärtig diskret als ›Unterernährung‹ zu bezeichnen pflegt, ist wohl auch Ursache für die Erblindung des Kindes kurz nach der Geburt; sie wird erst, lange von törichten Kuren verpfuscht, im 5. Lebensjahr durch Eingreifen Dresdener Ärzte behoben.[6] Bei schimmligen Brötchen, Unkrautsuppe und Kartoffelschalenabsud gedeiht nicht eben mehr als ein »Kellerkeim von Junge«[7], ein krankes, schwaches Kind, welches noch im Alter von sechs Jahren auf dem Boden rutschte, ohne stehen oder gar laufen zu können[8], gedeiht aber um so mehr das Verlangen nach dem Anderen, das hinter solcher Wirklichkeit wäre, nach der Besseren Welt, die mit Gedanken zu erreichen, in der mit Gedanken frei zu schalten sei: – ich habe in meiner Kindheit stundenlang still und regungslos gesessen und in die Dunkelheit meiner kranken Augen gestarrt … Wann erstmals die Wachtraumbewegungen der jugendlichen Phantasie einsetzten (in dem mystisch verwischten Sinne, mit dem die Bildersequenzen namentlich der späten Fabeln sich auf sie berufen), ist nicht entscheidbar; sie mögen gleich aus der allerersten Kindheitsdämmerung herauf sich eingestellt haben, die Grenze überhaupt vertuschend (wie denn May die Grenze zeitlebens nicht präzise gekannt hat), – sie mögen gleichwohl später erst vom Einfluß der Märchengroßmutter geweckt und gelenkt worden sein, wenn auch wahrscheinlich weit allgemeiner, als May es dann aus der späten Rückbeschaulichkeit sah: im Bild der Großmutter Johanne Christiane Kretzschmar (1780–1865), dem lange mit Anstrengung sublimierten, sammelte er alle hellen Züge seiner Kindheit überhaupt – Züge, deren bloße Anzahl schon nicht überschätzt werden darf. Riesenhaft erdrückend bleibt die Misere gegenüber einer Handvoll tröstlicher Momente, die sichtbar, wohlig gefühlig empfindbar wohl überhaupt erst aus dem langen Abstand wurden. Ganz abgesehen davon, daß schon ein schieres Rindsgemüt dazu gehört, es mit Thomas Manns perfidem ›Glück im Ghetto‹ zu halten, das es da ›auch‹ gegeben habe, ist den in der Altersdistanz gebastelten Selbstbeschreibungen immer zu mißtrauen: ihren geschamig verschönenden Geständnissen einstiger Schicksalsgeschlagenheit wie ihren Erinnerungen allgemein, den stets manipulierten, ausgesiebten, rosa retuschierten: – falsch muß allein die Proportion schon werden. Was May, der von dem ihn dauernd hauteng umdrängenden Material her unschätzbare Dokumente hätte liefern können, bedeutend hätte geraten müssen, wäre sein Begriff vom Dokument nicht zeitlebens gering geblieben, wurde ihm vereitelt: den ›Verlornen Sohn‹, seinen sozialen Roman, verdarben ihm die albernen Klischees der Kolportage, und die Selbstbiographie, spätestes Niedergreifen auf den vergrabenen Hort frühester Erfahrung, wurde von ästhetischer Zensur verstellt (und von nur wieder viel zu vielen ego-bedingten und -gebundenen Zwecken): »In seinem Buche, da deutet er sehr viel vom Schmutz und Sumpfe seines Heimatortes Ernstthal an, und darüber hätte ich gern von ihm genaue Angaben gewünscht. Er versagte, weil ihm die Erinnerung daran wehe tat …«[9]


Das Geburtshaus in Ernstthal


Unter die Erinnerungen, vor denen May versagte (anders: unter die Fiktionen, die ihm beim zwischen Lücken gebückten Sortieren nur allzu behilflich waren), gehört zuletzt auch die Rolle der Märchengroßmutter, der Person, die in seelischer Beziehung den tiefsten und größten Einfluß auf meine Entwicklung ausgeübt hat; … ein ganz eigenartiges, tiefgründiges, edles und, fast möchte ich sagen, geheimnisvolles Wesen … ein herzliebes, beglückendes Rätsel, in dessen Tiefen ich schöpfen durfte, ohne es jemals ausschöpfen zu können … Wie in seinem späten Lebensbericht das Große Buch der Märchen selbst, Der Hakawati / d. i. / der Märchenerzähler in Asia, Africa, Turkia, Arabia, Persia und India sampt eyn Anhang mit Deytung, explanatio und interpretatio auch viele Vergleychung und Figürlich seyn / von / Christianus Kretzschmann / der aus Germania war. / Gedruckt von Wilhelmus Candidus / A.D. M.D.C.V.[10] durchaus nur ›figürlich‹ ist, so dürfte es auch die Erzählerin sein, der May erst ganz am Ende, als Krönung der sichtbar zwanghaft betriebenen Sublimation, auch die Autorität über sein Werk zuschrieb. Welchen Einfluß immer die sonderbare Frau auf ihn hatte, die Inspirationsquelle des Kindes war sie in dem Sinne wohl nicht, den die Selbstbiographie so unvergleichlich intensiv beschreibt. Die Suche nach den frühesten Anregungen hätte sich eher einem Mann zu widmen, den das späte ›Leben und Streben‹ gar nicht einmal mehr kennt; glaubwürdiger, echter erscheint, was May über ihn, den Schmiedemeister Christian Weisspflog, bereits 1899 in einer ersten, noch ganz spontanen biographischen Äußerung zu Protokoll gibt: Ich hatte einen Pathen, welcher als Wanderbursche weit in der Welt herumgekommen war. Der nahm mich in der Dämmerstunde und an Feiertagen, wenn er nicht arbeitete, gern zwischen seine Kniee, um mir und den rundum sitzenden Knaben von seinen Fahrten und Erlebnissen zu berichten. Er war ein kleines, schwächliches Männlein, mit weißen Locken, aber in unseren Augen ein gar gewaltiger Erzähler, voll übersprudelnder, mit in das Alter hinüber geretteter Jugendlust und Menschenliebe. Alles, was er berichtete, lebte und wirkte fort in uns, er besaß ein ganz eigenes Geschick, seine Gestalten gerade das sagen zu lassen, was uns gut und heilsam war, und in seine Erlebnisse Szenen zu verflechten, welche so unwiderstehlich belehrend, aneifernd oder warnend auf uns wirkten. Wir lauschten athemlos, und was kein strenger Lehrer, kein strafender Vater bei uns erreichte, das erreichte er so spielend leicht durch die Erzählungen von seiner Wanderschaft. Er hat seine letzte Wanderung schon längst vollendet; ich aber erzähle an seiner Stelle weiter …[11]

Vor das Bild der Mutter schiebt sich eine gewisse Sprachlosigkeit; Schuldgefühle, ihr gegenüber stärker als gegen andere, weil viel weniger greifbar, blieben noch im Alter Mays lebendig; darüber ist seine Erinnerung, die sonst durchaus mit vielem fertig wurde, auffällig formelhaft und schweigsam geworden: – sie war eine Märtyrerin, eine Heilige, immer still, unendlich fleißig, trotz unserer eigenen Armut stets opferbereit für andere, vielleicht noch ärmere Leute. Nie, niemals habe ich ein ungutes Wort aus ihrem Mund gehört. Sie war ein Segen für jeden, mit dem sie verkehrte, vor allen Dingen ein Segen für uns, ihre Kinder. Sie konnte noch so schwer leiden, kein Mensch erfuhr davon. Doch des Abends, wenn sie, die Stricknadeln emsig rührend, beim kleinen, qualmenden Öllämpchen saß und sich unbeachtet wähnte, da kam es vor, daß ihr eine Träne in das Auge trat und, um schneller, als sie gekommen war, zu verschwinden, ihr über die Wange lief. Mit einer Bewegung der Fingerspitze wurde die Leidesspur sofort verwischt … Was sie, bei dauernd grober Arbeit zwischen den grob dauernden Schwangerschaften, zu leiden hat, weniger unter der bloßen Armut selbst als unter dem tyrannischen Mann, ihrer durchaus schlechteren Hälfte, scheint sich in wortlos wachsender Schwermut geduckt zu haben (die in der Familie lag: ihr Vater, Christian Friedrich Weise [1788–1832], kehrte dem Weberglück durch Selbstmord den Rücken – »Ursache: Trunkenheit und Verzweiflung« vermerkt das Kirchenbuch); eher passiv nur ist der Einfluß, den sie auf die Entwicklung des Jungen nimmt. Einmal rafft sie sich auf, dem Elend, das der Vater nicht zu lindern vermag, mit einem eigenen Beruf beizukommen: sie geht nach Dresden, um einen Hebammen-Kursus zu absolvieren, und da sie am 13.2.46 die Prüfung »vorzüglich gut« besteht, erhält sie 5 Wochen später die Bestallung als Hebamme in Ernstthal – ein Amt, in dem ihr dann die Tochter Caroline Wilhelmine verh. Selbmann (1849–1945) gefolgt ist.

Seit 1838 besaß die Mutter durch Erbschaft sogar einiges ›Vermögen‹ (das Geburtshaus Mays gehört dazu; und die Barschaft dürfte um einiges beträchtlicher gewesen sein, als die Groschenaufzählung der Selbstbiographie glauben läßt: 60 vor dem Ehemann verborgen gehaltene Taler werden allein für den Hebammenkurs verwendet). Aber dem Heinrich August rinnt nach und nach alles durch die zwar fleißigen, aber übel leichtsinnigen Hände: Wenn er auch nicht geradezu glaubte, plötzlich reich geworden zu sein, so nahm er doch an, jetzt zu einer andern Lebensführung übergehen zu dürfen. Er verzichtete darauf, sich sein ganzes Leben lang hinter dem Webstuhl abzurackern. Er hatte ja nun ein Haus, und er hatte Geld, viel Geld. Er konnte zu etwas anderem, Besserem greifen, was bequemer war und mehr lohnte als die Weberei … Das Bessere: sind täppische Versuche als Taubenhändler und ›Agent für alles mögliche‹; die Ersparnisse schmelzen dahin; am 15.4.45 muß das Haus in der Niedergasse verkauft werden (und der Erlös von 515 Talern scheint den gleichen Weg gegangen zu sein wie die raren ›Beutel‹; – fürs Wirtshaus hat es bei dem Patriarchen sonderbarerweise immer wieder gereicht, während die Familie sich mit dem Nähen von ›Leichenhandschuhen‹ plagt und die Kinder von den Schutthaufen Melde pflücken müssen, von den Rainen Otterzungen und von den Zäunen wilden Lattich, um das zu kochen und mit ihm den Magen zu füllen. Die Blätter der Melde fühlen sich fettig an. Das ergab beim Kochen zwei oder drei kleine Fettäuglein, die auf dem Wasser schwammen. Wie nahrhaft und wie delikat uns das erschien!): – man zieht zur Miete an den Markt, in das Haus des Webermeisters Selbmann.[12]

Der Vater ist die weitaus interessanteste Persönlichkeit im trüb verschwommenen Personale von Mays Kindheit und Jugend. Einige auffällige Eigenschaften, die sich dem Sohn vererbten und so sehr nicht mit dem erzgebirgischen Menschenschlag überein zu bringen sind, über weitere Voreltern hin zu verfolgen, wäre freilich müßig: mit Wahrscheinlichkeit ist er ein außereheliches Kind (»Der Schwängerer soll ein Unbekannter gewesen seyn«, vermerkt das Kirchenbuch – unentschieden, ob als bloßes Gerücht oder als Angabe des Mannes, der einen Fehltritt der Märchengroßmutter mit seinem Namen zudeckte; zwei weitere Geburten in der Umgebung des Datums tragen den gleichen Zusatz; eine vierte: »Der Schwängerer ist ein bayerischer Soldat«; 1810: Durchzug von Rheinbundtruppen[13]). Bei der Beschreibung des verworrenen Mannes hat May seiner Erinnerung besonders behutsame Sperren vorgeschaltet, doppelt erklärlich, weil er hier zugleich einer Selbstbeschreibung auswich; aber noch aus den humorig vermummten Episoden blickt das Gesicht zuweilen unangenehm genug hervor. Zwei Seelen müssen sich auch in dieser Brust die Wohnung teilen: die eine sei unendlich weich gewesen, unpräzise verträumt, in Gedanken verspielt; die andere (der gewöhnlich 10 Stunden des Tages gehören – gegenüber 4 unendlich weichen) bietet einen wahrlich fatalen Anblick. Da waren wir in steter Angst, ihn zu erzürnen … Am Webstuhl hing ein dreifach geflochtener Strick, der blaue Striemen hinterließ, und hinter dem Ofen steckte der wohlbekannte ›birkene Hans‹, vor dem wir Kinder uns besonders scheuten, weil Vater es liebte, ihn vor der Züchtigung im großen ›Ofentopfe‹ einzuweichen, um ihn elastischer und also eindringlicher zu machen. … Selbst in den heitersten und friedlichsten Augenblicken hatten wir das Gefühl, daß wir auf vulkanischem Boden standen und von Moment zu Moment einen Ausbruch erwarten konnten. Dann bekam man den Strick oder den ›Hans‹ so lange, bis Vater nicht mehr konnte … Daß der dauernde Konflikt zwischen seiner unleugbaren Intelligenz und der sie plump foppend umtölpelnden Unterumwelt sich hinter bleibend heiligmäßigem Wandel hätte verbergen lassen, wäre freilich nur utopisch anzunehmen; die lebenslänglich fruchtlosen Anstrengungen um ein besseres Tägliches Brot, das ausgesprochen böseste aller Spiele, waren kaum geeignet, dem Heinrich May eine stabile gute Miene einzubringen, und sein Charakterbild hatte allerlei Ursache, in der Lokalgeschichte zu schwanken. In der späteren Erinnerung der betreffenden Ernstthaler lebte er als liederlicher, streitsüchtiger Trunkenbold fort; doch hat er in der Gemeinde Ämter bekleidet, die nur an Bürger »von gutem, unbescholtenem Rufe«[14] verliehen wurden: als 24jähriger bereits gehörte er zum »Bürgergarden-Corps«, später war er Marktmeister und im Alter noch Armenpfleger. Aber das alles sind ›Ehrenämter‹, die nichts eintragen. Der Drang nach dem Fortkommen aus dem nicht mehr geliebten Beruf in, sei’s wie’s sei, ein Anderes, ›Höheres‹, nimmt bei ihm mit wachsender Erbitterung nur mehr die Formen einer immer trüberen Groteske an. Spielhafte, wenn auch gallig ernste Realträume werden exerziert: militärische Chargen erscheinen am Wunschhorizont als Formen ›höheren Rangs‹: Vater war Hauptmann der siebenten Kompanie (einer anläßlich des 49er Aufstands zur ›Rettung des Königs‹ in Marsch gesetzten Dorfarmee; die Schilderung scheint allerdings bei May besonders bunte Blüten zu treiben) – und das grobe Vaterverlangen nach dem Vorgesetzter-Sein mißbraucht den Jungen als willig gekrümmte Folie. Der Herr Hauptmann bekam einen Säbel und eine Signalpfeife. Aber er war mit dieser Charge nicht zufrieden; er trachtete nach Höherem. Darum beschloß er …, sich ganz heimlich … im ›höheren Kommando‹ einzuüben … So wurde ich einstweilen vom Handschuhenähen dispensiert und wanderte mit ihm täglich hinaus in den Wald, wo auf einer rings von Büschen und Bäumen umgebenen Wiese unsere heimlichen Evolutionen vorgenommen wurden. Vater war bald Leutnant, bald Hauptmann, bald Oberst, bald General; ich aber war die sächsische Armee. Ich wurde erst als ›Zug‹, dann als ganze Kompagnie einexerziert. Hierauf wurde ich Bataillon, Regiment, Brigade und Division … Aber ich war noch so jung und klein, und so kann man sich bei dem jähen Temperamente meines Generals wohl denken, daß es mir nicht möglich war, mich in so kurzer Zeit von der einfachen, kleinen Korporalschaft bis zur vollzähligen, gewaltigen Armee zu entwickeln, ohne die Strenge der militärischen Disziplin an mir erfahren zu haben … Obwohl May dann noch gutmütig bekennt, er habe durchaus Lust und Liebe zur Sache gehabt, scheint von jenen frühen, albern scheußlichen Erfahrungen seine Einstellung zum Militär zu datieren: später war er ebenso wehruntauglich wie -unwillig, und im Alter gab er schließlich in aller Ruhe zu Protokoll, daß zum Soldatenberuf eigentlich nur körperliche und geistige Krüppel geeignet wären[15] (ein Einfall, den bekanntzumachen freilich damals schon Perlen vor die Deutschen werfen hieß). Aber dann notiert er auch wieder, halb ergriffen sogar, den komischen Ausruf des Kantors Samuel Friedrich Strauch (1788–1860), der beim Vorbeimarsch der Königsretter dem Jungen die rechte Einstellung zur Obrigkeit wies – (und Kantors Wort ist ja fast schon Gottes Wort; wer wollte da nicht mitglauben –): »Es ist doch etwas Großes, etwas Edles um solche Begeisterung für Gott, für König und Vaterland! … Das Glück bringt sie ein, das wirkliche, das wahre Glück!« … Ich ging nach unserm Hof. Da stand ein Franzäpfelbaum. Unter den setzte ich mich nieder und dachte über das nach, was der Herr Kantor gesagt hatte. Also Gott, König und Vaterland, in diesen Worten liegt das wahre Glück; das wollte und mußte ich mir merken! Und das hat sich May dann zeitweilig auch nur zu gut gemerkt – und es seine Leser, die ebenso lieben wie deutschen, ebenfalls gehörig merken lassen.

Mit fünf Jahren ist seine Kindheit zu Ende. Aber keine Jugend hat danach mehr Raum; die mit dem Schulbesuch (1848–1856) sichtbar werdende Lernbegabung verleitet den Vater zu nebulosen Zukunftsplänen, hinter deren wütendem Betreiben das Bewußtsein des eigenen Versagens zum Schweigen kommen soll: zum unsinnigsten Vielwissen wird der Junge genötigt. Alles bei Pfarrer und Rektor nur Greifbare muß schwarz auf weiß besessen werden; der konfuse Bildungsbegriff des Vaters verlangt förmlich kulihafte Demonstrationen: ganze Kompanien von alten Gebetbüchern, Rechenfibeln, antiquierten Naturgeschichten muß der Junge wahllos abschreiben. Die Reaktion mag schon damals unter der Schwelle sich eingestellt haben: durchsichtiger zumindest wird, warum sein Umgang mit dem Wissen (zu schweigen von ›den Wissenschaften‹) zeitlebens dilettantisch blieb und nie die Heftigkeit des Kennverlangens erreichte, die den eigentlichen Autodidakten bezeichnet. Gefördert wird auch die musikalische Begabung: Orgel-, Geigen- und Klavierspiel bringt der Kantor bei, dazu das Handwerkliche des Tonsatzes. Die Texte der alten Kirchengesänge machen lateinischen Unterricht wünschenswert; und als wieder einmal ein Auswandererzug die Elendsgegend verlassen will, um ›drüben‹ die bessere Zukunft aufzusuchen, stellt sich die Gelegenheit fürs Englische ein (das May freilich, wie die sämtlichen vierzig Sprachen, deren er sich später rühmte, nur in den Anfangsgründen beherrschte); Französisch kommt gleichzeitig (nur wenig besser fundiert) hinzu. Und was sich bei diesem Wust noch an freien Viertelstunden und Sonntagspausen hatte erübrigen lassen, fällt schließlich dem letzten, verderblichen Unfug zum Opfer, den der Vater sich einfallen läßt oder zumindest duldet: als für die Hohensteiner Schankwirtschaft Engelhardt ein Kegelaufsetzer gesucht wird, gerät der Junge, eben 12 Jahre alt, für ganze Tageteile in den Dunstkreis der dörflichen Biertischbürger, und wie er, von abgestandenen Resten geistiger Getränke animiert, labil und ahnungslos den um so weniger geistigen Tagestratsch in sich aufnimmt, so ist er auch ahnungslos dem zweiten Gift ausgeliefert, das ihn durchsetzt: der Hintertreppenbücherei der Kneipe, deren Schund ihm Rechts- und Wirklichkeitsgefühl verzerrt: wo die Not am höchsten, ist Rinaldo Rinaldini am nächsten: und so macht sich der Junge eines Tages auf, um ›in Spanien‹ bei einem der Edlen Räuber Hilfe zu holen … Für lange Jahre hat ihn so der Kitsch infiziert.



Die Rectoratsschule verläßt Karl May mit dem Zeugnis »Wissenschaften II; Sittliches Verhalten I«; das Elternhaus, die Vater-Stadt verläßt er so gut wie ohne jede innere Festigung. Töricht bliebe der bisweilen unternommene Versuch, die 14 bizarre Jahre lang genossene Erziehung zu bagatellisieren: was aus ihr erwächst, aus einer Serie banaler Unfälle, wird zu einem Monstrum von Fall – und konsequent noch in jedem gedunsenen Detail. Zu suchen, wenn auch nicht gleich heimzusuchen: wären die Sünden des Kindes bei und an den Vätern, und nicht nur bis ins dritte und vierte Glied …

Kapitel II
Waldenburg und anderswo

Die ganzen zwanzig Jahre Folgezeit, der zeitlupig zäh dauernde Sturz in den Maelstrom ›des Lebens‹, das den allzu unzulänglich präparierten Armen weidlich schuldig werden läßt, warten noch immer auf eine Spezialarbeit[1], die sie – und mit ihnen ein Bündel bloßer bunter Gerüchte – zuvorderst einmal schlicht faktisch aufzuklären hätte. Und wenn sie auch so kompliziert nicht sind, daß man dafür, wie May es später wollte, nun gleich nur die Fach-Psychiatrie anrufen müßte, so bleiben doch die zu ihrer Erklärung nötigen Wege verwickelt und weitläufig genug; im enger beschränkenden Rahmen dieser Darstellung würden sie einfach zu weit führen. Zwischen der wechselseitig geübten Beschönigung und schäumender Aufbauschung irgendeine milde Mitte zu suchen, wie es diesen und jenen Lesern (besonders jenen) wohlgefällig wäre, ist bloßer Verlust, und nicht nur von Zeit; – ein Datenreferat statt dessen, kurz, und trocken vertrackt, wäre vorzuziehen: facts on file. So unbedingt dramatisch hat sich gar nicht aufzuführen, was Furcht und Mitleid reichlich genug erwecken kann …

Zu Ostern 1856 (23.3.) wird May konfirmiert: »Halte an dem Vorbilde der heilsamen Worte, die du von mir gehört hast …«[2] lautet der Spruch, den man ihm ›auf den Weg‹ gibt; in dieser Gemeinde hat er Heilsames vergleichsweise nicht eben viel gehört. Der Berufswahl setzen sich nach wie vor die Grenzen der materiellen Not; zum offenbar erwünschten Medizinstudium reicht es nicht; so soll er Lehrer werden. Der Pfarrer erwirkt beim Kirchenpatron, dem Grafen von Hinterglauchau, eine jährliche Unterstützung von 15 Talern[3]: ein winziger Zuschuß zu dem, was die Familie erhungern muß. Im Seminar Waldenburg besteht May die Aufnahmeprüfung; zu Michaelis (29.9.) 1856 wird er dort als Proseminarist offiziell aufgenommen; und zu Michaelis 57 dann beginnt die Zeit, in der unter den üblich anderen auch die ersten schlimmen Lehren auf ihn warten. Daß er die Entfernung vom häuslichen Herde und der daneben hängenden väterlichen Zuchtrute als Befreiung sieht, kann auch die steife Anstaltsdisziplin nicht dämpfen; so ist er wohl gleich zu Anfang ein bißchen mehr Mensch, als er’s nach Meinung der hohen Direktion hier sein sollte: etwas zu rasch vollzieht sich das Erwachen der lange geduckten, voller Mucken steckenden kleinen Person: kein atemlos lauschender Wissensdürster sitzt zu Füßen der Katheder links vorn über ihm (was sie zu bieten haben, weiß er rasch und leicht zu begreifen), sondern »ein guter Durchschnittsrüpel«, wie es ein Kenner der Seminarakten zusammenfaßt.[4] Besonders ›glücklich‹ hat sich May während der Waldenburger Jahre wohl jedenfalls kaum befunden; und die Ferien verbringt er durchaus gern wieder in der Heimatstadt, dort freilich weniger in der elterlichen Marktwohnung als in der Herrenstraße 53[5], wo das Schwesternpaar Anna und Laura Preßler ihn stark beschäftigt, vorab die ihm gleichaltrige Anna, Meine 1. Liebe[6] (die allerdings, trotz der ihr innig zugesungenen Liebeslieder, 1858 die Ehe mit einem Schnittwarenkrämer der Romantik vorzieht). Die Anstalt ist dagegen ein um so öderer Aufenthalt, ein trostlos trockenes Vertriebsbureau lexikalisch gestapelten Wissens; die Darstellung der Selbstbiographie wird von den Dokumenten ausgiebig bestätigt: Der Unterricht war kalt, streng, hart. Es fehlte ihm jede Spur von Poesie. Anstatt zu beglücken, zu begeistern, stieß er ab … Man lehrte nämlich weniger das, was zu lernen war, als vielmehr die Art und Weise, in der man zu lernen hatte … In meinem Wissen fehlte das feste Gerippe. Ich war in Beziehung auf das, was ich geistig besaß, eine Qualle, die weder innerlich noch äußerlich einen Halt besaß und darum auch keinen Ort, an dem sie sich daheim zu fühlen vermochte … Daß May dies damals bereits sicher erkannte und unausgesetzt an meiner seelischen Gestalt herumarbeitete, mich innerlich zu säubern, zu reinigen, zu ordnen und zu heben, ist zweifelhaft; bloßer Instinkt scheint sich gegen die von engen Disziplinen vergitterte Um- und Unwelt gekehrt zu haben, besonders deren dressierte Christlichkeit, die selbstgerechte, starre, salbungsvolle und muckerische Schulmeisterreligiosität[7] (eben jene, die er selber in seinen Erfolgsjahren dann recht virtuos praktizierte): Es gab täglich Morgen- und Abendandachten, an denen jeder Schüler unweigerlich teilnehmen mußte … Wir wurden sonn- und feiertäglich in corpore in die Kirche geführt … Es gab außerdem bestimmte Feierlichkeiten für Missions- und ähnliche Zwecke … Und es gab für sämtliche Seminarklassen einen wohldurchdachten, sehr reichlich ausfallenden Unterricht in Religions-; Bibel- und Gesangbuchlehre … Und so weiter. Als May im April 59 einmal dem Nachmittagsgottesdienst fernbleibt, setzt es denn auch sogleich eine Verwarnung; überhaupt sei er von »schwachem religiösen Gefühl«[8], findet hernach die Anstaltsleitung: ein Nächster, der nur mit Vorbehalten zu lieben wäre: »arge Lügenhaftigkeit und rüdes Wesen«[9] sind ihm eigen: es fehlt am rechten Geiste, dem wohldressierten, in spanische Stiefel eingeschnürten: mit diesem Schüler kann es kein gutes Ende nehmen …

Die offenbare Abneigung seiner Aufseher verschärft bis zur Bösartigkeit das Unglück, das May Mitte November 59 über sich bringt: da ist er »Lichtwochner«, hat die Beleuchtung der Klassenräume zu versorgen, verwaltet den Kerzenvorrat; – und in einem wirren Moment nimmt er »6 ganze Lichte«[10] an sich (an anderer Stelle: »1 Pfund Talglichter«[11]), verbirgt sie zwei Wochen lang in seinem Koffer, und da werden sie dann, auf Anzeige zweier Mitschüler, gefunden: – an der Eigenbeschreibung, die in ausführlicher Harmlosigkeit von Talgresten redet, höchstens für Schmiere zu gebrauchen … Schmutz … nicht drei Pfennig wert, scheint ›richtig‹ nur der dargestellte Zweck zu sein: das Wachs soll den Eltern und Geschwistern zum Christfest leuchten. Statt dessen entzündet der Seminardirektor Dr. Schütze die qualmende Fackel der Gerechtigkeit; eine Konferenz beschäftigt sich mit dem »infernalischen Charakter« (21./22.12. 1859); ein Bericht geht an das vorgesetzte Gesammt-Consistorium Glauchau, das wiederum, kerzengerade an Leib und Seele, dem Dresdener Cultusministerium Meldung macht; steif und gesetzlich reitet der Amtsschimmel retour; und am 28.1.60 sprechen die Gerechten zu Waldenburg die Höchststrafe aus, die ihnen die Seminarordnung an die Hand gibt: Verweisung von der Anstalt »wegen sittlicher Unwürdigkeit für seinen Beruf …«[12]

Den folgenden Monat über wird May alle Hände voll zu tun gehabt haben, sein (wohl auch vom Vater zusätzlich) schlimm gestoßenes Gleichgewicht wiederzugewinnen; am 6.3.60 dann rafft er sich auf, ein Gnadengesuch an das Cultusministerium zu richten[13], befürwortend unterstützt vom Ernstthaler Pfarrer Schmidt; und man ist einsichtig,man will die gewünschte Gnade vor Anstaltsrecht ergehen lassen: zwar verstreichen über dem langen Amtsweg noch bängliche sechs Wochen, doch dann, am 24.5., empfängt May vom Seminardirektor Wild, Plauen, den Endbescheid, daß er seine Studien dort fortsetzen darf. Am 2.6. besteht er die Aufnahmeprüfung; 2 Tage später tritt er ein.

In Plauen hat er dann – wenn auch nicht ganz reibungslos – die Ausbildung bis zum Ende absolviert. Am 17.8.61 erhält er von der Seminarkonferenz die eingeschränkte Sittenzensur »Zur Zufriedenheit«; am 23.8. meldet er sich zur Schulamtskandidatenprüfung; vom 9. bis 12.9. stellt er sich der Schätzung seines positiven Wissens; und am Tag darauf kann er die Gesamtzensur »Gut« denn endlich getrost nach Hause tragen: es ist gelungen.[14]

Für die Armenschule zu Glauchau wird ein Hilfslehrer gesucht. Am 5.10.61 spricht May auf der Superintendentur vor, quittiert mit Handschlag die ihm vorgelegten Bedingungen und erhält »gegen das hier übliche Vicariatsgehalt« (175 Taler jährlich plus Logisgeld) die 4. Klasse der Armenschule überantwortet.[15] Aber nur von kurzer 14tägiger Dauer ist der Dienst, den sich der Neunzehnjährige etwas zu versüßen trachtet. Am 17.10. »erscheint der hiesige Kaufmann Herr Ernst Theodor Meinhold in der großen Färbergasse 7, gibt an, daß der Hilfslehrer Carl Friedrich May bei ihm seit dem 5. Oct. sich in Wohnung und Kost gegeben, während dieser kurzen Zeit aber in der unwürdigsten Weise durch Lügen und Entstellungen aller Art sich bemüht habe, die Ehefrau von ihm abwendig und seinen schändlichen Absichten geneigt zu machen …«[16] Zwar ist der Untäter, vor dem die Gerechten ein weiteres Mal kunstvoll zurückbeben, durchaus »dieser Absicht nicht geständig«[17], muß aber einräumen, »daß er sich Annäherungen an die Ehefrau des p. Meinhold erlaubt habe …«: so wird ihm nahegelegt, die fristlose Kündigung zu akzeptieren, und wieder muß er sich nach einer neuen Bleibenden Statt umsehen.

Sie findet sich immerhin noch rasch: am 26.10. stellt sich May beim Superintendenten Kohl in Chemnitz vor; der holt sich von der Kgl. Kreisdirektion in Zwickau die (bedingte) Zustimmung zur Anstellung des Lehrers; am 6.11. tritt May sein Amt bei den Fabrikschulen der Firmen Solbrig und Claus in Altchemnitz an – (und »der noch sehr junge Lehrer hat kein übles Lehrgeschick«, wird dann von Kohl anläßlich einer Schulrevision am 10.12. beifällig vermerkt[18]: die Schwierigkeiten scheinen überwunden). Aber der fromme Wunsch, den der Glauchauer Amtsbruder des p. Kohl auf die Post gibt: Gott werde Mithilfe leisten, »daß die ernste Verwarnung, mit welcher der p. May von hier entlassen worden ist, Frucht tragen möge«[19]: erfüllt sich nicht. Als May auf Befragen nach den Ursachen seines so eiligen Scheidens aus jener ersten Stellung erzählt, wie er »dort das Unglück gehabt, bei einem dem Trunke ergebenen Wirthe zu wohnen« und »er unverhohlen demselben sein schändliches Treiben aufgedeckt« und »jener Mann … ihn nicht nur bei dem Herrn Consistorialrath und Superintendenten Dr. Otto verklagt, sondern auch anderen Leuten gegenüber verunglimpft« und »seinem Rufe in Glauchau geschadet habe«[20], erblickt der D. Otto »den Beweis, daß der Lügengeist, dem der junge Mensch … sich ergeben hat, von ihm noch nicht gewichen ist«, und empfiehlt, »den jungen Menschen zuvor einer sorgfältigen Überwachung und einer längeren scharfen Prüfung zu unterwerfen«[21]. Die ›Wahrheit‹ des so überflüssig gebauschten Falls mit gleicher Schärfe zu überprüfen scheint sich dagegen den beteiligten Sittenrichtern nicht empfohlen zu haben: nur »erforderlichen Falles« sollen der Kläger Meinhold und seine »in allen Stücken unschuldige Ehefrau«[22] ihre Angaben eidlich bestärken; und »überdies war der Ruf einer achtbaren Familie möglichst zu schonen«[23]. May zu schonen: war kein Anlaß; so wird (nur eine der Folgen jenes Abweichens vom schnurgerade sturen Pfad amtlicher Tugend) ihm eröffnet, »daß er nur provisorisch und unter speciellster Controlle sein Amt als Fabriklehrer zu Altchemnitz verwalten könne, und er bei der geringsten Veranlassung zu Unzufriedenheit mit ihm in Lehre, Leben und Wandel seiner Stellung wieder werde entlassen werden …«[24]: jeder Schritt geht jetzt über Glatteis.

Ein weiteres Mal verkehrt sich May solcherart eine verhältnismäßige Bagatelle in einen nicht geringen Schock; ein weiterer Nebel kommt dem blinden Gewölk hinzu, das sich in ihm zusammenbraut. Die erste Folge läßt nicht lange auf sich warten. Am 21.12.61 fährt er in die Weihnachtsferien nach Hause; – da wird er am 2. Feiertag ganz plötzlich im Hohensteiner Gasthof ›Drei Schwanen‹ verhaftet, wo er gerade Billard spielt. Die Anschuldigung: er habe seinem Stubengenossen in Altchemnitz eine Uhr gestohlen, eine »Anbeißpfeife« und eine »Cigarrenspitze« … Die Gegenstände werden bei ihm gefunden, doch leugnet er die Absicht des Diebstahls (und glaubwürdig ist die auf die Uhr, die angeblich mit Zustimmung des Eigners öfter schon entliehene, sich beschränkende Selbstdarstellung durchaus; gleichwohl bleibt auch diese »widerrechtliche Benutzung fremder Sachen« nach dem – später mit Grund aus dem RStGB 1871 fortgelassenen – § 330 des StGB f. d. Kgr. Sachsen (1855) auf Antrag eine strafbare Handlung, die mit »Gefängnis bis zu 6 Wochen« gerächt wird[25] –): man liefert May in Untersuchungshaft beim Gerichtsamt Chemnitz ein, das auch den Superintendenten Kohl in Kenntnis setzt. An Kohl auch schreibt am gleichen 26.12. noch Heinrich May einen Brief, aus dem hervorgeht, wie dunkel der Fall auch für die Familie war: »Wohl werden Sie von dem traurigen Vorfalle meines Sohnes … Kunde erlangt haben. Das Vorgekommene versetzt mich, sowie meine ganze Familie in den tiefsten Kummer, da wir durchaus gar nicht wißen, wie sich eigentlich die Sache verhält. Ich kann kaum glauben, daß mein Sohn die Uhr in der Absicht an sich genommen hat, einen Diebstahl begehen zu wollen. Ich glaube vielmehr, daß er es gethan hat, besagte Uhr während der Feiertags Ferien zu benutzen und sie dann stillschweigend wieder an den Ort ihrer Bestimmung hinzubringen. Sollte es sich so verhalten, wende ich mich im Vertrauen auf Ihre Güte mit der unterthänigsten Bitte an Sie, falls Sie etwas zum Schutze meines Sohnes beitragen könnten, dasselbe geneigt thun zu wollen, da ich nicht weiß, wohin, oder an wem ich mich wenden soll. Sollte die kaum begonnene Laufbahn meines Sohnes schon eine andere werden, und vielleicht eine solche, welche mit der größten Ungewißheit umgeben ist, welch ein Unüberwindlicher Schmerz würde das für uns alle werden …«[26] Denn die Folgen einer Verurteilung waren auch den Eltern aus den ›Verhaltensregeln für Schulamtscandidaten des Kgr. Sachsen‹[27] nur zu gut bekannt … Aber der Superintendent hegt keine der gewünschten Superintentionen; erst 16 Monate später erkundigt er sich einmal beim Chemnitzer Gerichtsamt nach dem Verbleib dieses Geringsten unter seinen Nächsten: »ob derselbe Strafe erhalten und seine Strafe verbüßt hat …«[28]; er liest die Antwort: »… daß der Fabriklehrer C. F. Mai zu Altchemnitz durch den in 2. Instanz bestätigten Bescheid des unterzeichneten Gerichtsamtes wegen Diebstahls zu 6 Wochen Gefängnis verurtheilt worden ist und nach Abschlagung der von ihm bzw. seinen Eltern angebrachten Gnadengesuche diese Strafe vom 8. Sept. bis 20. Oct. 1862 verbüßt hat …«[29] Der Dreivierteljahrszeitraum zwischen der Inhaftierung und der Verbüßung der Strafe scheint eigentliche Beweise nicht zutage gebracht zu haben; May wird »ungeachtet seines Läugnens für überführt erachtet«, wie es etwas später ein Zeitungs-Report weiß[30] (die Akten selber sind nicht mehr erhalten): eine Verurteilung auf Indizien hin also, – und wenn auch ein Leugnen Mays nun leider gar nichts besagen würde, so ist auf der anderen Seite die Strafbemessung, die auf den genannten Paragraphen 330 paßt, doch ein Hinweis, daß der Kgl. Sächsischen Gerechtigkeit bei ihrem Ratschluß gar so wohl nicht war: – der Fall wird immer unentschieden bleiben.

Weniger unentschieden ist die Wirkung, die er – jenseits aller Rechts- und Unrechtserwägungen – auf den Getroffenen hat: dem kommt er vor wie ein Schlag über den Kopf, unter dessen Wucht man in sich selbst zusammenbricht. Und ich brach zusammen! Ich stand zwar wieder auf, doch nur äußerlich; innerlich blieb ich in dumpfer Betäubung liegen; wochenlang, ja monatelang … Es herrschte jetzt in mir das strikte Gegenteil von Klarheit; es war Nacht; es gab nur wenige freie Augenblicke, in denen ich weitersah, als grad der heutige Tag mich sehen ließ. Diese Nacht war nicht ganz dunkel; sie hatte Dämmerlicht. Und sonderbar, sie erstreckte sich nur auf die Seele, nicht auf den Geist. Ich war seelenkrank, aber nicht geisteskrank … Und die lange Apologie, die May im Alter seinem damaligen Zustand widmete, mag immer mit gehört werden, so sehr sie sich dem gepeinigten alten Mann auch in die Theorie verschob; entschuldigen müssen ihn nicht die Zwangszustände einer gestört verwirrten Seele, sondern ganz platt und massiv die förmlich verschwörerisch um ihn zusammengerotteten Realitäten … denen freilich seine stets mehr von flackerndem Affetto als intellektuell gesteuerte Person nur allzu unglückselig Vorschub leistet.

Aus der Chemnitzer Haft entlassen, geht May zu den Eltern nach Ernstthal; die nächsten anderthalb Jahre verbringt er dort mit wechselnd kümmerlichem Fristen seines unübersichtlich gewordenen Lebens. Privatstunden geben die dünne Basis; als Rezitator tritt er gelegentlich auf, als Musikant; den Gesangverein ›Lyra‹ scheint er zeitweilig geleitet zu haben (dafür entstehen eine Reihe Kompositionen, Gebrauchsmusik, flott und flach gemachte, je nachdem Vater-unser-mäßig getragen oder Immer forsch resolut[31]). Ob freilich die ersten schriftstellerischen Versuche (von Gelegenheitsreimereien abgesehen) bereits in diese Zeit fallen, bleibt unbewiesen: Humoresken schrieb ich von 1860 an[32], heißt es in einer späten Notiz, und: Meine ersten Veröffentlichungen erschienen schon im Jahre 1863 …[33] Durchaus falsch jedenfalls sind die grandiosen Gesten der Selbstbiographie: Um meine Zukunft oder um eine Anstellung war es mir nicht; die hätte ich zu jeder Zeit erhalten können … Und ich begann zu schriftstellern. Ich schrieb erst Humoresken, dann ›Erzgebirgische Dorfgeschichten‹. Ich hatte nicht die geringste Not, Verleger zu finden. Gute, packende Humoresken sind äußerst selten und werden hoch bezahlt. Die meinigen gingen aus einer Zeitung in die andere … Weder noch und weder noch; wie später immer wieder, hat man auch hier May gegen seine eigenen, ungeschickt bezweckten Behauptungen in Schutz zu nehmen. Denn: am 20.6.63 verfügt das Kultusministerium auf Antrag der Kreisdirektion Zwickau, daß er aus der Kandidatenliste gestrichen wird[34]; seine Zeugnisse werden kassiert; und wenn er gar, ganz heimlich, und wider schlimmeres Wissen, vielleicht doch noch gehofft hat, aus der müßigen, wenig süßen Ernstthaler Stagnation eines Tages wieder in den alten Beruf fortzukommen, so ist es damit jetzt gründlich aus: er steht wieder am Anfang, steht – nach sechs Jahren nun vergeblicher Quälerei – vor dem Nichts.

Ein Jahr eben dauert es, bis sich die Konsequenzen einstellen.

Am 9.7.64 erscheint in Penig ein »Dr. med. Heilig, Augenarzt und früher Militair aus Rochlitz«: »Alter: 21–23 Jahre; Größe 68–69 Zoll; Statur: mittel und schwach; Gesicht: länglich, blaß; Haare: dunkelbraun; Nase und Mund: proportioniert; Stirn: hoch und frei … Brille mit Argentangestell … von freundlichem, gewandtem und einschmeichelndem Benehmen …«[35]: Portrait of the Artist as a Young Man. Derselbe läßt sich in einem Kleidermagazin ausstaffieren (nicht ohne den Doktor-med zuvor durch ein »zwar eine gute Schulbildung aber keine eigentliche medicinische Ausbildung verrathendes Augenheilrezept«[36] unter Beweis zu stellen) und verschwindet sodann, ohne zu bezahlen … Am 16.12.64 taucht er als »Seminarlehrer Lohse« in Chemnitz wieder auf, läßt sich (mittlerweile mit kurzem dünnen Backenbart versehen und in den Augen der Gendarmerie auf 26 Jahre und 72 Zoll Größe avanciert) in den Gasthof ›Zum Anker‹ diverses Pelzwerk kommen (»Wert über 100 Thlr.«), begibt sich damit ins Nebenzimmer, um es dort seinem »kranken Herrn Direktor« zu zeigen, kehrt aber nicht zurück, sondern entfernt sich vielmehr alsbald »mit dem um 3 Uhr nach Leipzig gehenden Eisenbahnzuge …«[37] In Leipzig aber spürt das Völkchen dann doch, wer sie da laufend am Pelzkragen hat: als sich am 20.3.65 der Notenstecher Hermin (gelegentlich auch »Hermes«: nach so brillanten Erfolgen nicht mehr nur einfacher Dieb, sondern gleich Gott der Diebe) am Thomaskirchhof 12 einmietet und sogleich das alte Manöver wiederholt, geht der Hauswirt zur Polizei; die Pfandleihen werden benachrichtigt; man kommt dem Fremden auf die Spur, die ins Rosental führt; – und dort wird er nach einem Handgemenge »ergriffen und nachher mittels eines Fiakers hierher transportiert«: aufs Polizeiamt Leipzig. Dort ist der Arretierte »anfänglich ganz regungslos und anscheinend leblos gewesen und hat auch, nachdem der Polizeiarzt herzugerufen wurde, nicht gesprochen und erst später angegeben, daß er Karl Friedrich May heiße, in Ernstthal heimatberechtigt und dort Lehrer gewesen sei …«[38]

Schloß Osterstein, 1865.

Ob May in den offenen Zwischenzeiten ähnlich tätig gewesen ist[39], wie es später in so rüdem Ausmaß behauptet wurde, läßt sich mit Sicherheit nicht entscheiden, ist aber unwahrscheinlich: verurteilt wird er ausschließlich aufgrund der 3 hier skizzierten Delikte. Am 8.6.65 ist die Verhandlung vor dem Bezirksgericht Leipzig; »allenthalben des ihm Beigemessenen geständig«[40], wird er »wegen unter erschwerenden Umständen verübten gemeinen Betrugs«[41] (an anderer Stelle: »wegen mehrfachen Betrugs«[42]) zu der Strafe verurteilt, die heute gelegentlich für Beihilfe zum Massenmord verhängt wird: 4 Jahre 1 Monat Arbeitshaus …

Eine Woche später ist das »unwürdige Glied des Lehrerstandes«[43] nur noch die »Nummer 171« unter den rund 1000 Gefangenen der Strafanstalt Schloß Osterstein in Zwickau.

Kapitel III
Acta in Sachen des Rechtes ./. C.F.M.

Es ist weit über ein Menschenalter her, daß ich an einer schweren seelischen Depression erkrankte, deren Äußerungen man vor den Strafrichter brachte, anstatt vor den Arzt und Psychologen. Ich habe es schwer zu büßen gehabt, daß der Stand der gerichtlichen Psychologie damals noch nicht derselbe war, wie er es heutigen Tags ist. Heut würde man mich freisprechen …[1] Heute: zwei weitere Menschenalter nach der Niederschrift dieser Sätze: würde man May gewiß ebensowenig ›frei-sprechen‹ wie damals; und ob der ›Stand der gerichtlichen Psychologie‹ in den vergangenen 100 Jahren eine heilsame Änderung erfahren habe, ist eine Frage, auf die das Strafgesetzbuch auch nach Revision nur eigentlich trübe Antworten austeilt. ›Vor Gericht‹, vor welchem immer, wäre Mays Fall nur wenig aussichtsreich, heute wie immer[2]; ein Verstehen ließe wohl einzig aus jener Humanität sich erwarten, nach der sich der alte Mann dann so verzweifelt umsah und so vergeblich: die er, blind tappend zwischen den mit ihm alt gewordenen Erinnerungen, nicht mehr zu greifen bekam, so süchtig auch er zu ergreifen suchte. Anrührend immer bleiben diese späten Versuche, die heillos dunkle Zeit seiner Jugend ins Licht der Begnadigung zu bringen; bei sachlicher Aktennüchternheit zu bleiben haben gleichwohl die kurzen Referate, mit denen sie im Gesamtbild seines Charakters noch am ehesten menschlich vorüberzuschaffen ist.

Am 2.11.1868 wird May »in Folge Allerhöchster Gnade« vorzeitig aus Osterstein entlassen. Aber die brutal verhängte lange Zeit hat von allen theoretisch möglichen Wirkungen die unterste gezeitigt, die nächstliegende und verständlichste: nur geduckt versteckt unter verworrener Schweigsamkeit, bricht sie im Augenblick des Freiwerdens durch die dünne Kontrolldecke herauf. Er geht zu den Eltern nach Ernstthal, und kaum war ich dort, so stürzte sich alles, was ich beseitigt glaubte, wieder auf mich. Die Anfechtungen begannen von neuem. Ich vernahm unausgesetzt den inneren Befehl, an der menschlichen Gesellschaft Rache zu nehmen, und zwar dadurch Rache, daß ich mich an ihren Gesetzen vergriff … Die ›inneren Stimmen‹, auf die May in der späten Beschreibung den Konflikt projizierte, sind freilich bereits Imagines einer höheren Einordnung; bei kälterem Licht besehen, und abgelöst von der belletristischen Überfärbung, zeigt sich der Zwiespalt weit verwischter, dumpfer in der tieferen Region der kaum mehr sichtbar abgegrenzten Antriebe: wenig wahrscheinlich ist, daß die Parteien des Getümmels dem Bewußtsein deutlich geworden wären, einem Bewußtsein, das – ohnehin unklar genug – von den immer dichter heraufreichenden, von Alkoholzufuhr aufgerührten Bodensätzen fehlschlägiger Erziehung am Ende nun ganz eingetrübt wird. Nach knapp 5 Monaten Freiheit bereits folgen die Folgen.

Am 29.3.69 begibt sich ein vorgeblicher Polizeileutnant v. Wolframsdorf aus Leipzig in Wiederau auf einen Ostermontagsspaziergang zum Krämer Reimann, teilt diesem mit, er sei »beauftragt, nach Falschmünzern, mit denen Reimann bereits seit Jahren in Verbindung stehen solle, zu recherchieren«[3], und fordert den strammstehenden Untertan forsch auf, doch einmal seine Kassenscheine zur Prüfung herzuzeigen – (und der Auftritt wird schon echt genug ausgefallen sein: den ›Leutnantston‹ beherrschte May, wie er dann in den Kolportageromanen demonstrierte, durchaus virtuos). Ein Zehn-Taler-Schein wird herbeigeholt; natürlich ist er falsch und läßt sich »nach anscheinend genauer Untersuchung« beschlagnahmen. Enttäuscht nun von der geringen Ausbeute seines Recherchierens, erblickt der Herr von Wolframsdorf des Krämers »vergoldete Zylinderuhr« (Wert: 8 Taler) und nimmt auch diese zu sich, »mit dem Bemerken, daß er sie als gestohlen erkannt«. Dann fordert er Reimann auf, »behufs weiterer Erörterung mit ihm nach Clausnitz zu gehen, wo sich die Gendarmerie befinde«; doch dort wartet der Krämer vergeblich im Gasthof, daß man ihn zur Einvernahme hole: der Polizeileutnant ist verschwunden …

Weniger freundlich verläuft der zweite Streich, der diesem sogleich folgt. Ermutigt von der Erfahrung, wie leicht es in Deutschland doch sei, das Volk im Gewande der Obrigkeit um brachliegende Barschaften zu bringen, erscheint am 10.4.69 ein weiteresmal ein »Mitglied der geheimen Polizei« beim Seilermeister Krause in Ponitz, verlangt diesen unter vier Augen zu sprechen und fordert ihn dreist zur Vorlage der im Haus vorhandenen Gelder auf: das sind 23 Taler Courantbillets und ungefähr 12 Taler »klingender Münze«, von denen der Geheime unverzüglich 30 »unter der Erklärung, daß dieses Geld falsch sei« zu sich nimmt, nämlich sämtliche papierenen und 7 der klingenden Münzen. Alsdann fordert er den Krause auf, »ihm sofort nach Crimmitschau an Gerichtsamtsstelle zu folgen. Auf dem Wege dahin und vor Frankenhausen ist indes der Angeklagte« (= der geheime May) »unter dem Vorgeben, ein natürliches Bedürfnis befriedigen zu müssen, abseits getreten und hat plötzlich querfeldein die Flucht ergriffen, ist von Krause und einem von diesem zu Hülfe gerufenen Dritten verfolgt und eingeholt worden und hat, nachdem er vorher das Krausen abgeschwindelte Geld von sich geworfen, der von seinen Verfolgern beabsichtigten Ergreifung dadurch mit Erfolg sich widersetzt, daß er ein bei sich geführtes Doppel-Terzerol … aus der Tasche gebracht und damit auf seine Verfolger, wenn sie ihn nicht gehen lassen würden, zu schießen gedroht hat …«[4] Der interessanteste Zug dieses Stückleins ist die »Widersetzung gegen erlaubte Selbsthilfe«: denn eigentliche Gewalttätigkeit hat May nie gelegen, obwohl er schon bei der Verhaftung am 27.3.65 im Rosental gräßlicherweise ein Beil bei sich führte, angeblich »um es in Leipzig schärfen zu lassen«. Daß dieses neuerliche »Doppel-Terzerol damals geladen gewesen, hat man dem Angeklagten, der das in Abrede gestellt, nicht nachweisen können …« Immerhin aber entkommt er mit Hilfe des Geräts, doch fassen jetzt bereits die ersten ›Bekanntmachungen‹ nach ihm: »Der Unbekannte ist von mittlerer Größe mit braunem dünnen Schnurrbart und braunem langen Haupthaar, trug breitkrempigen hellbraunen Filzhut, hellbraunen Rock und Weste, Beinkleider von gleicher Farbe und schwarze Gallons …«[5]

Die Betrügereien aber sprechen sich noch schneller herum, als man annehmen möchte. Als May am 12.4.69 bei den Eltern in Ernstthal auftaucht, ist bereits ein Bericht des Obergendarmen Prasser unterwegs[6], der die Identität des Gesuchten vermutet; er hat also einige Gründe, eiligst wieder zu verschwinden. Am 18.4. fährt er nach Schwarzenberg, um sich mit einer »Geliebten«, dem Dienstmädchen Auguste Gräßler, zu treffen; einen Tag lang erfreut er sich des Intermezzos, dann geht es weiter nach Leipzig, von wo er am 20.4. an die Eltern schreibt, er gedenke, sich nunmehr nach Nordamerika zu begeben: Ich traf nämlich zwei nordamerikanische Herren, Vater und Sohn, welche von einer Vergnügungs- und wohl auch halb und halb Geschäftsreise kamen und über Leipzig, Frankfurt, Amsterdam etc. nach Hause wollten. In Prag hatten sie ihren Hofmeister zurückgelassen und machten mir den annehmbaren Vorschlag, an dessen Stelle zu treten, mit nach Pittsburg zu gehen und dort die jüngeren Geschwister zu unterrichten … Ihr werdet wohl mit meinem Schritte einverstanden sein, der mir vielleicht Aussicht auf etwas mehr Glück biethet, als ich bisher gehabt habe … Ich reise ab; man wird meine Vergangenheit vergessen und verzeihen, und als ein neuer Mensch mit einer besseren Zukunft komme ich wieder …[7] Obwohl nun die Vermutung nicht ganz fern liegt, der Brief habe schlicht eine Mystifikation sein sollen, bestimmt zuletzt auch, Behördennachforschungen irrezuführen, reist May tatsächlich noch am gleichen Tage mit den beiden Amerikanern nach Amsterdam ab; doch kommt er nur bis Bremen, von wo er wieder nach Sachsen zurückkehrt.[8] Zu Pfingsten (16./17.5.) weilt er ein weiteres Mal in Schwarzenberg bei Auguste Gräßler; dann taucht er am 27.5. plötzlich in Ernstthal auf, jedoch nicht bei den Eltern, sondern beim Paten Weisspflog, der ihm – vermutlich aus geistesverwandter Abenteuerlichkeit – während der folgenden Zeit beisteht. Vermutlich ebenso ist er es gewesen, der dem Verfolgten die wenige Kilometer nördlich von Hohenstein in den Wäldern gelegene Eisenhöhle zuweist, später ›Karl-May-Höhle‹ genannt[9]; eher gutmütig vom Paten verschenkt als ihm gestohlen dürften die Gegenstände sein, die May sich in der Nacht zum 28.5. dort hinschafft: 1 Kinderwagen, 1 Schirmlampe, 1 Brille mit Etui, 1 Brieftasche und 2 Börsen mit insgesamt 2 Talern 1 Neugroschen 3 Pfennigen Inhalt, ¼ Pfund Waschseife und 2 Bunde mit zusammen 60–70 Sperrhaken alias Dietrichen … Aber ein Nachbar hat die Transaktion beobachtet, und so muß Weisspflog, um nicht wegen Beihilfe – nach so mancher Tat und vor so mancher weiteren Tat – belangt zu werden, eine Schein-Anzeige erstatten[10]; er nimmt sich freilich eine ganze Woche damit Zeit, – aber das Delikt kommt zu denen, auf die hin May dann später verurteilt wird.

Kaum in seinem feuchten und wenig romantischen Hauptquartier etabliert, setzt May seine Bemühungen fort, sich an den Gesetzen der menschlichen Gesellschaft zu vergreifen. Am 31.5. frühmorgens betritt er eine Gaststube in Limbach, bestellt ein Glas Wein, ohne es zu erhalten, da der Herr Wirt noch nicht aufgestanden ist, und nimmt sich statt dessen, »eine augenblickliche Entfernung des Schankmädchens benutzend«[11], einen Satz Billardbälle. Die 5 Exemplare werden später vom Gericht »legal auf 20 Thaler gewürdigt«, und für ein Viertel des Wertes kann er sie immerhin an einen Drechsler am Ort umsetzen; doch sein Abgang vollzieht sich sodann in größter Eile, denn zwei Chemnitzer Polizeidiener haben von dem verdächtigen Handel erfahren, folgen dem Händler und fordern denselben auf, »über seine Person sich auszuweisen«, worauf wiederum derselbe lieber verzichtet.

Ein gleichartiger Diebstahl ereignet sich in der Nacht zum 4.6. in Bräunsdorf, wo dem Gasthofbesitzer Schreier ein Pferd samt Trense, Reitpeitsche und Halsriemen aus dem Stall verschwindet (Wert: 66 Taler 15 Ngr.). Für billige 15 Taler darf es der Pferdeschlächter Voigt in Höckendorf erwerben, doch leider ist der Vorbesitzer allzu eilig zur Stelle, und so hat es May dann doch »für rathsam gehalten, ohne den Kaufpreis für das Pferd von Voigt ausgezahlt erhalten zu haben, aus Höckendorf sich schleunigst zu entfernen«.

Am 15.6. erscheint er in Gestalt eines »Expedienten des Advocaten Dr. Schaffrath in Dresden« dem Bäckermeister Wappler zu Mülsen St. Jacob. Der vernimmt die frohe Botschaft, es sei ihm von einem amerikanischen Verwandten eine Erbschaft zugefallen, macht sich sogleich mitsamt seinen 3 Söhnen weisungsgemäß auf den Weg nach Glauchau, wo in ›Dingelstädts Hotel‹ der Doktor Schaffrath persönlich ihrer harre, und kaum sind sie fort, so eröffnet der Expedient nach altgeübter Weise bei des Bäckers Eheweib und Schwiegertochter seine Falschgeldforschungen. Man trägt herbei, was man hat, und »mindestens 28 Thaler« dienen diesmal der Beförderung der Literatur: der Forscher nimmt sie »an sich und mit fort«.

So grotesk die, sagen wir, Hochstapeleien Mays am Ende doch nur wirken, so bedenklich macht zugleich ihre zunehmende Hemmungslosigkeit. Daß die tölpelhaften, allzu leicht zu foppenden Opfer nicht eben dazu beitrugen, sein bißchen Gewissen zu Besinnung und auch nur annähernder Tateinsicht kommen zu lassen, liegt auf der Hand; so werden die ursprünglich von vielerlei, vielfach ineinander verschränkten Zwängen[12] diktierten Strafhandlungen immer dreister; die materielle Not, die anfangs alles beherrschende, tritt als Motiv zurück; fast komödiantische Züge werden sichtbar. Der Einstieg ins Hohensteiner Kegelhaus (Ende Juni) läßt sich eigentlich nur noch als eine jener Sport-Veranstaltungen sehen, die in der heutigen Jugendkriminalität als Typus bekannt sind: in kraus verblasenen Bestätigungen schafft sich das lange schlimm gedämpfte Selbst-Bewußtsein Kraft. Die Beute: ist nichts als 1 Handtuch und »1 Cigarrenpfeifchen« im Gesamtwert (nach gerichtlicher ›Würdigung‹) von 10 Neugroschen 5 Pfennigen … Leichtsinn vor dem Fall.

Am 2.7.69, nachts 3 Uhr, wird May in Hohenstein verhaftet und nach Mittweida ins Gerichtsgefängnis geschafft; am andern Tag wird er vom Staatsanwalt Taube vernommen. Doch seine Zuversicht scheint während der Verhöre keineswegs gelitten zu haben: erst die zutiefst demütigenden Lokaltermine versetzen ihm einen Stoß und lösen zugleich die Rebellion in ihm aus. In Handschellen wird er nach Wiederau transportiert (5.7.)[13], nach Werdau, nach Mülsen St. Jacob (15.7.) –; da hält er es nicht mehr aus, und bei Kuhschnappel, auf dem Weg nach Bräunsdorf, reißt er am 26.7. alle seine Kräfte zu einem starken Stück zusammen: er zerbricht die ›eiserne Bretze‹ und entkommt …

Bei der Verhaftung am 2.7. wurden in Mays Besitz 2 Schriftstücke gefunden, »welche der Angeklagte recognoscirt und geständlich in der Absicht selbst gefertigt hat, um davon bei Ausführung seiner Betrügereien und Schwindeleien Gebrauch zu machen …«[14] Das eine: ist eine »Polizeiliche Legitimation« mit der gefälschten Unterschrift »Dresden, am 19. Juni 1869 / Dr. Schwarze, Generalstaatsanwalt« und darauf angelegt, dem Inhaber bei seinen Falschgelderhebungen zu dienen; das andere, »Acta betreffend in Sachen der Erbschaft des Particuliers …«, trägt die Unterzeichnung »Dresden, am 24. Mai 1869 / Vereinigtes deutsch-amerikanisches Consulat / G. D. Burton, amerikanischer Generalkonsul / Heinrich von Sybel, sächs. General-Consul« – und bemerkenswert daran ist, daß May sich hier eines Namens bediente (›Burton‹ – so hießen auch die beiden Amerikaner), unter dem er selber noch im Alter in ›Winnetou IV‹ den Wilden Westen bereist: Namen wie Profile seiner späteren Figuren bleiben noch in der weit auswuchernden Imagination der Handlungsweisen ein paar einzelnen, zwanghaft wiederkehrenden Mechanismen verhaftet. Ob May von den selbstgefertigten Papieren irgendeinen praktischen Gebrauch gemacht hat, »ist von ihm in Abrede gestellt, ihm auch nicht nachgewiesen worden …« Dunkel ebenfalls bleibt, mit welcher Betätigungen Hilfe er sich in den folgenden Monaten am Leben erhalten hat: nach erfolgloser Polizeisuche am 11.8. (»Gestern Nacht rückten hier gegen 25 Gendarmen, die Polizeimannschaften der Umgegend und die Steiger-Section der Ernstthaler Turnfeuerwehr aus, um in den Hohensteiner Wäldern dem berüchtigten … May auf die Spur zu kommen …«[15]) bleibt er verschwunden, und erst Ende November wieder ist ein Aufenthalt in Plößnitz bei Halle nachgewiesen. Er reist dann im Dezember durchs Herzogtum Coburg-Gotha, hält sich in Coburg auf[16] und geht dann nach Böhmen; und dort ereilt ihn – unter ironisch bizarren Umständen – sein Geschick …

Am 4.1.1870 wird in Algersdorf (Böhmen) ein Unbekannter aufgegriffen[17], der auf verdächtige Weise in einer Scheune übernachtet hat. Man schafft ihn zum Bezirksgericht Bensen und untersucht auf Diebstahl, stellt das Verfahren aber wieder ein und gibt den »ausweislosen Fremden« an die Bezirkshauptmannschaft Tetschen weiter, »zur Konstatierung seiner Identität«[18]. Die ist nun einzig auf die selbstgebastelten Data des Verhafteten angewiesen: Albin Wadenbach heiße er, so gibt er an, stamme von Orby auf Martinique, wo er eine von seinem Vater Heinrich W. geerbte Landwirtschaft besitze; seine gegenwärtige Reise gelte dem Besuch diverser Verwandten in Europa, – und er nennt auch ohne Scheu die Namen: einen an der Bürgerschule Chemnitz angestellten Lehrer W., eine Kantorswitwe, wohnhaft in Wendisch-Ossa bei Görlitz, eine weitere Tante, vermählte Rittergutsbesitzerin Ulrich bei Görlitz, und schließlich noch eine dritte namens Alwine W., die als Wirtschafterin des Oberamtmanns Poppel bei Halle hause. Dieser letzte Name (der den Initialfunken für die ganze exotische Geschichte geliefert hatte: denn diese echte Alwine hatte der falsche Albin Ende November 1869 tatsächlich in Plößnitz aufgesucht, damals vorgeblich in Gestalt eines »Schriftstellers Reichel aus Dresden« und »natürlichen Sohns des Prinzen von Waldenburg«, und dabei auch ihre frühere Anstellung bei besagtem Poppel in Siegelsdorf erfahren) – dieser Name läßt das so künstliche Gebäude am Ende zusammenstürzen. Wenn auch die Nachforschungen nach den übrigen Verwandten natürlich erfolglos bleiben, so wird doch jene Alwine bald ermittelt; Tetschen schreibt den ganzen Befund an die Dresdener Polizei-Direktion (28.1.1870) und bittet um Ermittlungen; ein eigens angefertigtes Porträt-Photo des Wadenbach wird 3 Tage später hinterhergeschickt; und da trifft am 2.2. das Telegramm der Dresdener Staatsanwaltschaft ein: »Der dort zur Haft gebrachte angebliche Albin Wadenbach aus Orby, welcher identisch mit dem entsprungenen Carl Friedrich May, ehemaliger Schullehrer, und ein sehr gefährlicher Verbrecher ist, soll dort sofort aufgehalten werden …«[19]

Er wird es; man stellt ihm eine Falle (»Unter Benutzung seiner schon damals erworbenen Kenntnisse von ausländischen Gegenden und Sitten schrieb er … an den angeblichen Onkel einen Brief, aus dessen Inhalt man tatsächlich hätte schließen können, daß der Häftling auf Martinique wie zu Hause sei …«[20]); er wird überführt[21]; und am 14.3. holt man ihn von Tetschen ab und schafft ihn nach Mittweida, zum Bezirksgericht, wo er ein umfassendes Geständnis ablegt. Die Hauptverhandlung findet öffentlich am 13.4.70 statt; der königliche Richter »erkennt für Recht«, daß Carl Friedrich May des »einfachen Diebstahls, ausgezeichneten Diebstahls, Betrugs und Betrugs unter erschwerenden Umständen, Widersetzung gegen erlaubte Selbsthilfe, und Fälschung« schuldig sei: ein »Strafansatz« von 2 Jahren Arbeitshaus wird »für angemessen erachtet«, dem sich für die Widersetzung (Ponitz), den Pferdediebstahl (Bräunsdorf) und die Fälschung der Legitimationen 1 Jahr hinzugesellt; 1 weiteres Jahr wird pauschal wegen »Rückfälligkeit« verhängt; und die so addierten 4 Jahre Arbeitshaus werden »gemäß der Vorschrift Art. 300 Abs. 1 des Rev. StGB in die nächsthöhere Strafart von gleicher Dauer verwandelt«: Zuchthaus. Die Rache der Gesetze, die May im Gesamtwert von 106 Thalern 12 Ngr. 3 Pfg. beschädigt hatte, ist so brutal wie stets zuvor; freilich scheint sein Verhalten diesmal auch kaum Anlaß zu humanen Regungen gegeben zu haben: »Die ganze Persönlichkeit des Angeklagten«, schreibt der Verteidiger Haase aus Haynichen in seiner Berufung (17.5.), »machte in der Hauptverhandlung den Eindruck eines komischen Menschen, der gewissermaßen aus Übermuth auf der Anklagebank zu sitzen schien …«: er (der Haase) hat mich nicht verteidigt, sondern belastet, und zwar in der schlimmsten Weise … Dieser Advokat war unfähig, mich oder überhaupt ein nicht ganz alltägliches Seelenleben zu begreifen … Tatsächlich liest sich der Protest des Mittweidaer Routine-Verteidigers gegen das Urteil befremdlich genug: er hält die Strafe »nur deswillen für zu hoch, weil nicht sowohl Schlechtigkeit und Böswilligkeit den Angeklagten zu den Verbrechen getrieben zu haben scheinen, als vielmehr grenzenloser Leichtsinn und die angeborene Kunst, den Leuten etwas vorzumachen und daraus Gewinn zu ziehen, … wenn schon ich anerkenne, daß der Angeklagte ein gemeinschädliches Individuum ist …«; und damit meint der Mann dann »das Wenige, was für den Angeklagten spricht, herangezogen zu haben«. Eine derartige Berufung richtet natürlich nichts aus; am 16.5.70 wird das Urteil vom Sächsischen Oberappellationsgericht Dresden bestätigt.[22]

Vier lange Jahre lang: vom 3.5.1870 bis 2.5.1874: ist Karl May der Sträfling Nr. 402 im Zuchthaus Waldheim.

Kapitel IV
Aus der Mappe eines Vielgereisten

Die vier Jahre Waldheim bilden die dunkelste Zeit in Mays Leben, und nicht nur im Blick auf die dumpf verworrenen Seelenzustände, deren Quittung sie sind: schweigsamer als irgend sonst bleiben die Dokumente, und was sich in diesem vergitterten Zeitraum vollzieht, die große Wendung, der Anfang des Wortwerdens allen lange allzu schwachen Fleisches, ist zuletzt nur eigentlich im Ergebnis sichtbar. Mysteriös bleibt die Verwandlung in allen Details, und das gerade da, wo May es selber zu ihrer Erklärung an Einzelheiten nicht fehlen ließ.

Nicht halten läßt sich, neben so manchen anderen Deutungen des Feinsinns, die patente Lösung, die Straftaten selbst seien von förmlich abgespaltenen, halb bewußtseinslosen Zuständen nur ermöglicht worden und erst unter der Besinnung der Zelle durch die dicke Schicht von Lehm und Häcksel in die regulierten Bezirke von Einsicht heraufgedrungen: »Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt«, die May – im Alter verwirrter noch als je vor den ihm rüde ins Gesicht geworfenen Fakten – für sich in Anspruch nahm, ist eine Mystifikation – wie das Buch mit dem genannten Titel, das den Beichtspiegel abgegeben haben soll, – und wie am Ende wohl auch die Rolle, die spät sublimierte, des katholischen Anstaltskatecheten Johannes Kochta (1824–1886): ein weiteres Mal – wie bei der Märchengroßmutter und ihrem Buch – borgte sich May bei einem aus lauter Erinnerungslücken verdichteten Modell Anhalt und Autorität, die anders für sich herzustellen ihm mißlang. Nicht abgespalten, sondern – nach endlos langen Übungen in kahler Zellenstille – ganz heimlich und behutsam in sich isoliert werden sämtliche so verhängnisvollen Züge der gescheitert zerschundenen Person; ein gleichwohl riesiger Schub von Energie überführt sie in einen Bewußtseinsbezirk, in dem sie fortan schadlos weiterschalten können: in Bücher gebannt, von Einbänden gebändigt, vermögen sie heil zu bleiben noch im kranken, krankhaften Detail: die Heilung des Konflikts selbst entgeht der schmerzhaften, verkrüppelnden Operation. Was May hier gelingt, ist so ziemlich ohne Beispiel (und ein ›Geniestreich‹, wenn man will): nicht stutzt er zurecht, beschneidet, duckt, bekämpft, was ins bürgerliche Milieu nicht einzupassen war und auf weitere Zeit darin hätte umkommen müssen, sondern er verwandelt das Milieu selbst: er schafft seiner so bizarren Person und allen ihren heroischen, revoltierend herrischen Attitüden eine eigene, imaginäre Umwelt, in der sie ungehemmt gedeihen können: einen Traumraum, der in zähem Kleinarbeiten von jetzt an mit immer reicheren Details von höherer Wirklichkeit ausstaffiert wird. Der Vorgang dauert lange: über ein Vierteljahrhundert hin vollzieht sich Mays Entwicklung nunmehr im Gehäuse seiner Imagination. Was draußen in der rohen Realität übrigbleibt, ist nur der schattenhafte Umriß des alten vertrackten Charakters: ein ungefährliches, umweltverträgliches Wesen, das auf sehr leisen Sohlen weitergeht, bis … das wird später zu verfolgen sein. Am 2.5.1874 liegt die Zeit, welche für mich und für jeden Menschenfreund die schrecklichste, für den Psychologen aber die interessanteste ist, – wenn auch nicht buchstäblich hinter ihm, so doch auch nicht mehr eigentlich vor ihm und um ihn: Es war ausgestanden. Ich kehrte heim …

Wann die ersten Exerzitien des Einsiedlers in der gestreiften Kutte zustande kommen, die ersten Schreibensversuche, ist kaum mit Sicherheit auszumachen. Ein Manuskript ›Ange et Diable‹ lag bereits in Mittweida vor[1]; das Weihnachtsgedicht, das May später in seine Schulzeit verlegte, ist offenbar in Waldheim selbst entstanden;. von den vielgesuchten ›ersten Veröffentlichungen‹ bis dahin aber fehlt jede gewisse Spur. Mit größerer Wahrscheinlichkeit aus der Waldheimer Zeit stammt das Dokument des Repertorium C. May[2], eine Sammlung von 2 längeren Entwürfen und rund 200 Titelnotizen, von denen einige wohl damals schon ausgeführt wurden: solche Arbeiten vermutlich hatten May die Bekanntschaft mit H. G. Münchmeyer eingetragen[3], dem tranig funzelnden Leitstern der Folgejahre.

Ursprünglich Zimmergesell und Tanzmusikant auf den Dörfern, hatte der Heinrich Gotthold Münchmeyer (1836–1892) im Jahre 1862 in Dresden ein »Verlags- und Colportage-Geschäft« begonnen, mit dessen Produkten – Groschenheften und Kalendern – er rings im Land begreiflich reüssierte. 1868 kann er das Begonnene »nunmehr auch dem Gesammt-Buchhandel eröffnen«; 1874 ist die anfängliche Handdruckpresse einer kompletten »Druckerei mit Dampfbetrieb« gewichen, und aus dem Geschäft erblüht eine Sorte Volksliteratur, für deren Besitz sich heute unverändert Volk wie Verleger selig preisen würden: ein ›Venustempel‹ ist dabei, ein ›Buch der Liebe‹ – dessen III. Abteilung ›Die Liebe nach ihrer Geschichte‹, ein Traktat im Höhern Chor, von May stammt, – und ein 4bändiges ›Schwarzes Buch / Verbrecher-Gallerie‹: eine Art Kolportage-Pitaval, in dem 2 oder 3 anonyme Geschichten vielleicht Mays frühester Muse zu danken sind. Die eigentlich engere Zusammenarbeit zwischen May und Münchmeyer beginnt 10 Monate nach der Entlassung aus Waldheim: da erscheint der Verleger ganz plötzlich in Ernstthal und bietet dem nun fleißig ums Brot Schreibenden, der ihm gleich die längere Novelle ›Wanda‹ überreicht, einen Redakteursposten an: der bisherige Verweser des Wochenblatts ›Der Beobachter an der Elbe‹, Otto Freitag, hat sich mit Krach auf eigene Füße gestellt, Konkurrenz ist zu befürchten: da liegt schon so etwas wie eine wirkliche Aufgabe. Und May wird nur zu gern nach dieser Chance gegriffen haben, so grandios er später auch Bedenken und Abneigung beteuerte; auch winken 600 Taler Jahresgehalt: – da gab ich ihm den Handschlag; ich war – – – Redakteur.

Als Redakteur in Dresden

Bereits 2 Tage später, am 8.3.75, reist er nach Dresden und mietet sich am Jagdweg 7 ein, ganz in der Nähe des Münchmeyerschen ›Geschäftslocals‹, der Nr. 14. Aber nach kaum einer Woche faßt auch hier die Vergangenheit nach ihm: kurz vor der Entlassung noch hatte die Kgl. Kreisdirektion Leipzig dem zweifelhaften Gefangenen 2 Jahre Polizeiaufsicht verordnet; das veranlaßt sogleich am 12.3.75 den Gendarmeriebrigadier Frenzel, der Dresdener Kriminalpolizei anzuzeigen, daß der »bereits wegen schweren Diebstahls, Betrugs, Widersetzung und Fälschung bestrafte Gauner und frühere Schullehrer Carl Friedrich May« sich von Ernstthal nach Dresden entfernt habe; »da nun zu vermuthen steht, daß derselbe … auch seine frühere verbrecherische Laufbahn theilweise wieder betreten dürfte …, so wollte der Unterzeichnete nicht unterlassen, einem geehrten Commissariate hiervon ganz gehorsamst Notiz zugehen zu lassen«[4], – und die Notiz wird nur zu gnädig angenommen, die Vermutung zu eigen gemacht, und am 15.3. weist man May aus Dresden aus. Zwar setzt er gleich am folgenden Tag ein langes Gesuch an die hohe Kgl. Polizei-Direction auf (und die Gnadenbitte ist wahrlich anrührend zu lesen: Nach langem Irren ist mir endlich eine Stellung gebothen, welche mich von Sorgen befreit und mir Gelegenheit biethet, das Vergangene wieder gut zu machen und den Beweis zu führen, daß der Weg meines Lebens nie wieder sich einem ›dunklen Hause‹ nähern werde. Wer da weiß, wie schwer es dem entlassenen Strafgefangenen wird, sich aus dem Schmutze emporzuarbeiten, der wird begreiflich finden, daß ich mit innigster Freude und Genugthuung dem Rufe gefolgt und in die gebothene Stellung eingetreten bin. In den wenigen Tagen meines Hierseins habe ich das vollständige Vertrauen meines Chefs erlangt, und ich hegte die freudige Hoffnung, daß ich die Vergangenheit hinter mich werfen und mit unbeirrtem Eifer vorwärts streben könne … Wohl weiß ich, daß ich schwer gefehlt und gesündigt habe, und die Thätigkeit meines ganzen Lebens muß darauf gerichtet sein, Verzeihung des Geschehenen zu erlangen …[5]); doch obgleich er sich erbietet, im Fall der Erfüllung seiner Bitte in steter Dankbarkeit der Humanität zu gedenken, welche meinen Eltern die bitterste Kränkung erspart und mir das Fundament läßt, auf welchem ich mir eine bessere Zukunft errichten möchte, zieht die Polizeidirektion den Buchstaben des Gesetzes vor: am 24.3. wird May endgültig angewiesen, binnen 3 Tagen Dresden zu verlassen.

Er geht nach Ernstthal zurück, bleibt aber in Münchmeyers Diensten, und als er dann Anfang August erneut um Aufenthaltsbewilligung in Dresden nachsucht, wird sie ihm gewährt: er zieht ins Hintergebäude des Verlags. So wird der unsanfte Stoß doch relativ leicht überwunden, und die nun folgende Zeit verbringt May mit redlich fleißiger Arbeit: den ›Beobachter‹, zu dem er nach der ›Wanda‹ nur noch den ›Gitano‹, ein erstes exotisches Abenteuer unter den Carlisten, beigetragen hatte, läßt er eingehen und gründet dafür zum Anfang September gleich 2 neue Wochenschriften: ›Schacht und Hütte‹ und ›Deutsches Familienblatt‹. Und die hehren Aufgaben, die er ihnen später zuschrieb, lassen sich selbst bei nachsichtigem, milde gerührtem Betrachten der alten Folianten kaum übersehen: hausbacken und naiv sind Anlage und Inhalt – und so brav, wie man nur will: sie waren darauf berechnet, besonders die seelischen Bedürfnisse der Leser zu befriedigen und Sonnenschein in ihre Häuser und Herzen zu bringen …: das ist so richtig, wie dergleichen lakonische Plattheiten nur sein können. Die zahlreichen Traktate, die ›Schacht und Hütte‹ füllen, belegen – sieht man vom damit gegebenen Porträtbildnis der damit befriedigten Leser ab – am Ende eigentlich nur, daß May um diese Zeit den später noch häufig gepflogenen Umgang mit dem Konversationslexikon erlernte; auch die zwar mit Sorgfalt stilisierten, doch ebenso gediegen nichtigen ›Geographischen Predigten‹ lassen sich nicht besser einschätzen, – allenfalls auf deutschen Kanzeln könnten sie heute noch Ehre einlegen. Im ›Familienblatt‹ aber versucht er sich, nach der ersten Umrißzeichnung des späteren ›Winnetou‹[6], mit dem zweiten Stück aus der Mappe eines Vielgereisten, ›Old Firehand‹, zum erstenmal an der Fabel, der langsam tastend erdachten, in die er seine beschädigte Ich-Wirklichkeit verwandelt hat und hinübergerettet, planlos vorerst und noch ohne Zukunft – aber doch. Und es ist schon ein bedeutender Augenblick, dieser Oktobertag des Jahres 1875, nicht nur für May selbst, sondern für noch unabsehbare Millionen deutscher Leser: eine Mythologie wird begründet: ein ganz absonderlicher Pegasus tut die ersten Schritte: Swallow, mein wackerer Mustang, spitzte die kleinen Ohren …

In die Mitte der Münchmeyer-Zeit, den Sommer 1876, fällt auch ein weiteres, ausgemacht folgenschweres Ereignis: da lernt May bei einem seiner häufigen Aufenthalte in Ernstthal und Hohenstein im Haus seiner Schwester Christiane Wilhelmine verh. Schöne (1844–1932) jenes Wesen kennen, das in seiner Biographie der wohl kompliziertesten Sonderstudie bedürfte: Emma Lina Pollmer (1856–1917), Tochter der »unverheiratheten Weibsperson« Emma Ernestine P. (1830–1856), die zwei Wochen nach der Entbindung starb, und Enkelin des »Chierurgus und Barbiers« (auch zeitweiligen Lotterie-Kollekteurs) Christian Gotthilf P. (1807–1880), bei dem sie lebt und nicht-webt: eine verwöhnte und üppige Lokalschönheit von jetzt 19 Jahren, die beständig, bei Tag und auch Nacht, von schwärmerischen Verehrern umgeben ist. Und wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen; es folgt, was folgen muß; er verstrickt sich in das reizvolle Netz, das sogleich beim ersten Bekanntwerden nach ihm ausgeworfen wird. Kaum anders als komisch freilich ist die späte Bericht-Erstattung zu lesen, die alterssteif nach den ›Gründen‹ für den schlimmen Irrtum greift: Ich stand als Psycholog vor einer Sphinx, und ich nahm mir vor, das Rätsel dieser Sphinx zu lösen. Das war eine schriftstellerisch lohnende Aufgabe, die nur dann zum Fehler werden konnte, wenn ich, anstatt kühl objektiv zu bleiben, auf den Gedanken kam, mich auch subjektiv mit diesem Rätsel zu verbinden, und leider, leider blieb es nicht bei der kalten Objektivität![7] Offener liegen die wahrlich kaum rätselhaften Motive in dem inoffiziellen Bericht, den May für seinen präsumtiven Biographen hinterließ: da ist er damals dumm genug, stolz darauf zu sein, daß ich alter Kerl die jungen Anbeter alle ausgestochen hatte, und zwar so schnell und gründlich, mit einem einzigen Male! Denn sehr bald schon, als man nach Hause ging, führte ich ›Fräulein Pollmer‹ heim, brauchte das aber nie wieder zu thun, denn schon von morgen an kam sie täglich abends zu mir, anstatt ich zu ihr, sobald Pollmer schlafen gegangen war, heimlich, leise, durch meine Hinterthür, die für sie offen stand …[8]

Wieder in Dresden, hält May die Verbindung durch Briefwechsel aufrecht, und darüber geriet er, wenn auch mißtrauisch, noch im Alter in redliches Schwärmen: Ihre Zuschriften machten einen außerordentlich guten Eindruck. Sie sprach da von meinem ›schönen, hochwichtigen Beruf‹, von meinen ›herrlichen Aufgaben‹, von meinen ›edeln Zielen und Idealen‹. Sie zitierte Stellen aus meinen ›Geographischen Predigten‹ und knüpfte Gedanken daran, deren Trefflichkeit mich erstaunte. Welch eine Veranlagung zur Schriftstellersfrau! Und je mehr er sich mit dem Gedanken vertraut macht, die Dame zu seiner Gemahlin zu erheben, in desto widerlicherer Gestalt erscheint ihm nun das Münchmeyersche Milieu. Im September 76 hat er ›Schacht und Hütte‹ wie auch das ›Familienblatt‹ eingehen lassen und es mit einer neuen Zeitschrift versucht, den ›Feierstunden am häuslichen Heerde‹, für die der Münchmeyer persönlich als Herausgeber zeichnet. Doch die Arbeit, die an Freiheit zunehmend verloren zu haben scheint, wird ihm sauer, zumal er nun immer enger mit zur Familie gehören soll: einer exemplarischen Gesellschaft, in der die Kolportage so lebensnah wie möglich praktiziert wird: – die Beschreibung, zu der May vielerlei Material hinterlassen hat, ergäbe ein durchaus reizvolles Buch. Als ihm der Fabrikant des in die Häuser und Herzen zu bringenden Sonnenscheins nun jedoch, vergangenen und künftigen Diensten zum zweifelhaften Lohn, die wenig reinliche Hand seiner Schwägerin Minna Ey offeriert, der Schwester seines eigenen Hausschatzes Pauline, kommt es Ende 1876 zur Kündigung. »Karl May und Minna Ey / die werden niemals zwei«, faselt denn auch der nachbarliche Volksmund bald sehr richtig: im März 77 verläßt May das muntere Verlagshaus, läßt den Historischen Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern ›Der beiden Quitzows letzte Fahrten‹ am häuslichen Heerde liegen, wie er liegt, und zieht in die Pillnitzer Straße.

Die peinlichen Auftritte können die Bindung an das Fräulein Pollmer nur beschleunigen. Zu Pfingsten (20.5. 1877) ist May wieder in Hohenstein, doch scheint es bereits vorher mit Emma zu Vereinbarungen gekommen zu sein, denn schon am 5.5. hat sie sich entschlossen, den Großvater zu verlassen, und sich nach Chemnitz abgemeldet. Aber der eitle alte Lotteriespieler hat andere Pläne: Er warf alle seine früheren und auch noch neue, größere Hoffnungen auf sie und erzog sie dementsprechend in der Weise, daß sie sich für den Engel hielt, der ja nicht zu einem gewöhnlichen, sondern nur zu einem möglichst hervorragenden Manne herniedersteigen dürfe …[9]; so mündet die Aussprache mit May in hochdramatisches Zanken; der »arme Teufel« reist ab – und Emma folgt ihm nach Dresden. Am 26.5. zieht sie dort zur Pastorswitwe Auguste Ernestine Petzold in die Mathildenstraße 18, wo sie die Künste der Haushaltsführung erlernen soll; doch es behagt ihr nicht lange, und bald ist sie »ohne Anmeldung fort« – nach Dresden-Strießen zu May, der dort ein »kleines möbliertes Parterre« gemietet hat …

Um sie zum Arbeiten anzuhalten[10], will May sie zu sich genommen haben; seine Arbeit aber ist es, die zuerst den Schaden davon hat. Denn wozu Emma auch immer veranlagt war, zur ›Schriftstellersfrau‹ war sie’s nicht, und das ist May nicht lange verborgen geblieben. Was ihm sonst noch während dieser Zeit aufging, läßt sich nur vermuten; glaubwürdig immerhin aber ist die Notiz, daß er sie dann (etwa Oktober 1877), als es den alten Pollmer doch wieder nach ihr verlangte, nach Hohenstein zurückbrachte, weil ich sie los sein wollte …[11] Aber es kommt vielmehr zur dreieckigen Versöhnung mit dem alten Chierurgus und Barbier, und als May im Januar 1878 nach Strießen zurückkehrt, hat das Verhältnis mehr oder minder freiwillig die alte Herzlichkeit.[12]

In Dresden hat er nun auch, nach dem sehr knappen freiberuflichen Zwischenspiel, eine neue Stellung gewonnen: der Verleger Bruno Radelli stellt ihn als Redakteur für sein Wochenblatt ›Frohe Stunden‹ ein, und der Jahrgang II (Oktober 1877 bis Oktober 1878) enthält nun in dichter Folge 12 Beiträge des Sechsunddreißigjährigen (7 davon unter dem Pseudonym ›Emma Pollmer‹: ein rührender Versuch, das Mädchen an der Schriftstellerei Geschmack finden zu lassen). Auch andere Blätter bringen jetzt langsam diese und jene kürzere Arbeit – Humoresken, Dorfgeschichten, Abenteuererzählungen –, und wenn auch die buntschematischen Fabeleien sich kaum für mehr als Talentproben halten lassen, so mag doch immerhin das Urteil Peter Roseggers daneben stehen: »Vor kurzem«, schreibt er am 12.7.1877 an Robert Hamerling, »erhielt ich von einem Herrn Karl May, Redakteur in Dresden, für meinen ›Heimgarten‹ eine Erzählung ›Die Rose von Kahira, ein Abenteuer aus Ägypten‹. Diese Geschichte ist so geistvoll und spannend geschrieben, daß ich mir gratuliere … Seiner ganzen Schreibweise nach halte ich den Verfasser für einen vielerfahrenen Mann, der lange Zeit im Orient gelebt haben muß …«[13] Das Inkognito des auf Gedankenreisen verbannten Ich übt seine ersten Suggestionen.

Mitten in diesem zäh und langsam beginnenden Aufstieg stößt May noch einmal mit dem Gesetz zusammen. Und das innere Schauspiel, das der Fall bietet, ist wichtiger und interessanter als der äußere Verlauf, der wenig mehr als einen Unfall erkennen läßt: Sicher geworden in den buchstabilen Regionen großer Gebärden, riskiert May es einmal, den auf Erden verbliebenen Rest seines Ich sie imitieren zu lassen; einmal versucht er eine praktische Anleihe bei der wachsend stärkeren Imagination; – daß die Dämpfung so jäh und grob auf ihn niederkommt, erklärt, warum nun um so längere Zeit in um so sorgfältigerer Behutsamkeit verstreicht. Fast 20 Jahre dauert es, bis May – dann allerdings in großem Stil – die Identifizierung mit seinem abseits restaurierten Ich ein zweites Mal unternimmt: um ein zweitesmal, in großem Stil, damit zu scheitern …

In der Nacht zum 26.1.78 stirbt der einzige Sohn des alten Pollmer, Emil Eduard (geb. 1828), unter mysteriösen Umständen im Pferdestall eines Gasthofs zu Niederwürschnitz.[14] Die Sache wird untersucht und als Unfall ad acta gelegt; doch damit ist der alte Pollmer nicht zufrieden. Auf seine Veranlassung hin begibt sich May am 25.4. an den Tatort (und ins benachbarte Neuölsnitz), um zu recherchieren, – und da kann er es, von alten Erinnerungen gepackt, nicht lassen und gibt sich bei seinen Vernehmungen ohne weitere Umstände für Gott den Allmächtigen aus (id est: – und die Definition stimmt ja genauer, als es den Anschein hat –: als »höherer, von der Regierung eingesetzter Beamter«, der noch über dem zuständigen Staatsanwalte stünde). Doch die Dorfbürger glauben ihm das Inkognito weit weniger, als man annehmen möchte; wie stets auch findet sich ein Gendarm, der unübliche Erscheinungen zur Anzeige bringt (in diesem Fall hieß er Oswald und stammte aus Ölsnitz); und am 15.5. geht an die Staatsanwaltschaft Chemnitz die pflichterfüllende Denunziation, es handle sich bei dem gedachten Höheren um den berüchtigten, vielfach vorbestraften »Socialdemokraten« Karl May. Der trägt nun am 11. und 20.6. bei der Dresdener Behörde seine Version des Falles vor, doch am 24.6. beschließt das Bezirksgericht Chemnitz, die Untersuchung »wegen Ausübung eines öffentlichen Amtes« lt. § 132 RStGB gegen ihn einzuleiten. May unternimmt nun (unter Aufgabe seiner Dresdener Stellung) allerlei Reisereien, vermutlich in der Hoffnung, der läppische Fall werde sich am besten in seiner Abwesenheit von selbst erledigen. Aber davon ist keine Rede, und als er Ende August wieder in Hohenstein eintrifft (wo er in der Pollmer-Wohnung am Markt[15] bis Ende Januar 1879 bleibt), erreicht ihn alsbald die Vorladung; sogar eine Inhaftierung wegen Fluchtverdachts wird erwogen. Es folgen zermürbende Wochen; am 9.1.1879 verhängt das zuständige Amtsgericht Stollberg in 1. Instanz 3 Wochen Gefängnis; weitere Zeit verstreicht über Einspruch und – nach Bestätigung des Urteils in 2. Instanz am 12.5. – Gnadengesuch an den König Albert; und langsam bröckelt über der gräßlichen Aufregung die anfängliche Sicherheit, ja Arroganz von May ab – bis nur noch der demütige Bittsteller übrig ist, dem man doch die Schande, in der eigenen Heimatstadt einsitzen zu müssen, ersparen möge. Aber nichts wird ihm erspart; das Urteil bleibt aufrecht, so tönern auch die Paragraphenfüße sind, auf die es sich stützt, und so durchaus fehlerhaft die langatmige Untersuchungsführung war; vom 1. bis 22.9. 1879 verbüßt Karl May im Gefängnis des Gerichtsamtes Hohenstein-Ernstthal seine letzte Strafe …

Daß er sich anschließend, schlimm mitgenommen von der Demütigung, aus der engeren Heimat entfernt, ist nur begreiflich; zuletzt auch scheint die Flucht in nun pausenlos rotierende ›freie‹ Brotarbeit ein Zurückweichen vor der Frau gewesen zu sein, in der er sein Unheil wittert – und nicht nur wittert –, ohne jedoch von ihr loszukommen. So eindeutig auch die späten Konfessionen an allzu viele praktische Zwecke geheftet waren, als daß sie mehr als ein künstliches Reißbrett-Produkt ergeben hätten, ein Dokument der Zeit bestätigt auch kühnere Vermutungen, und immer wird der sonst ganz triviale Roman ›Scepter und Hammer‹ (erschienen ab Oktober 1879 im Stuttgarter ›All-Deutschland‹) um seines IX. Kapitels[16] willen Interesse behalten: das Porträt der Emma Vollmer und ihres armen Karl geht über alle theoretische Beschreibung …

In Hohenstein scheint Emma bereits länger schon für Mays Frau gegolten zu haben; bei einer Vorladung im Stollberg-Verfahren gab er selbst sie dafür aus.[17] Und sonderbare Gewissens-Konstruktionen stellen sich ein: Als gerecht denkender Mann warf ich mir vor, sie in Dresden bei mir aufgenommen und damit, wenn auch nicht die wirkliche Ehre, so aber doch ihre Ehre vor den Menschen geschädigt zu haben. Ich war verpflichtet, das wieder gut zu machen …[18] Hinzu kommt der Tod des alten Pollmer (26.5.1880): dem vom Schlaganfall gelähmten Sterbenden verspricht er, die Enkelin nicht zu verlassen. Und was zur Ausführung des Entschlusses noch fehlt, wird dieselbe Enkelin leicht erreicht haben; Wahrscheinlichkeit genug hat die Annahme für sich, daß zum Anfang dieser Ehe der Spiritismus ebenso mitgeholfen hat, wie er dann nach 22 Jahren das Ende dirigierte. Pollmers Geist erscheint: Man sah ihn nicht, aber er sprach durch das Medium. Er sagte, er sei »im Himmelreich«. Auch sein Sohn kam, der zu Grunde gegangene Vagabund. Meine Frau nannte ihn Onkel Emil. Er sagte, er sei »im Himmelreich«. Dann kam die verstorbene Frau des alten Pollmer, die von meiner Frau nicht Großmutter, sondern Mutter genannt wurde. Sie sagte, sie sei »im Himmelreich«. Und endlich kam auch die während der Geburt gestorbene, eigentliche Mutter, die von meiner Frau aber ›Mama‹ genannt wurde. Sie sagte, sie sei »im Himmelreich«. So wohnte also die ganze liebe Familie »im Himmelreich«, und heute waren diese vier Engel von da droben herabgestiegen, um den verblendeten Mann ihres noch auf der Erde weilenden Kindes in das Gebet zu nehmen und ihm den Kopf zurecht zu setzen. Die vier Geister von Großpapa, Onkel, Mutter und Mama sprachen theils solo, theils tutti in einer Weise auf mich ein, daß ich innerlich ganz breitgeschlagen wurde …[19]

… und so nimmt ein trübes Geschick denn seinen Lauf: Im Jahre 1880, kurz nach dem Tode ihres Großvaters, habe ich dann meinem Versprechen gemäß die Emma Pollmer aus Mitleid, Gerechtigkeitsgefühl und in der Hoffnung, daß ich mit ihr glücklich werden würde, geheiratet[20]: am 17.8. vor dem Ernstthaler Standesamt, am 12.9. vor dem Altar von St. Christophori: Das Band, das Band, das man die Ehe nennt! / Verhaßt, verhaßt, mir fürchterlich verhaßt …[21]

Kapitel V
Schundmacher und Poet dazu

Die folgenden sieben Jahre, eine Traumerfüllung – fett und mager in einem, bilden vielleicht den folgenschwersten Abschnitt in Mays Leben: längere Schatten noch als die Zeiten der Haft werfen sie auf alle Zukunft voraus. Im Alter, da die massiven Folgen über ihn kamen, hat May nur wieder allzu moralisch zensiert und sein gutes Wollen vor den bloßen schlimmen Umständen in Sicherheit zu bringen versucht. Aber beides ist nicht zu trennen und schon gar nicht auf verschiedene Urheber und Verantwortlichkeiten zu verteilen: Hand in Hand geht das, was immerhin die Durchführung meiner literarischen Pläne heißen mag, mit einem geradezu selbstmörderischen Versuch, das eben zum Aufbruch gekommene Talent zu ruinieren. Ich war bereits berühmt – so sieht May seine Situation später –, meine Reiseerzählungen sicherten mir ein reichliches Einkommen; meine ›Erzgebirgischen Dorfgeschichten‹ brachten mir schönes Geld ein, und die französische Übersetzung meiner Erzählungen … wurde sehr gut bezahlt …[1] Nichts davon ist jedoch richtig, und May erwies sich mit der selbstbewußten Verklärung seiner Dürftigkeit einen miserablen Dienst: die eine Begründung für den Abstieg zu den Matern der Kolportage, die einzige, die eine sehr menschliche Rechtfertigung für ihn bereithielt: nahm er sich selbst.

Die Begründung liegt in seiner wirtschaftlichen Notlage, dem Engpaß (von ›Chatar‹), in dem schon Größere zum billigeren Papier gegriffen haben. Solange der Redakteursberuf noch die Absicherung liefert, geht alles leidlich knapp und gut; seit aber die Schriftstellerei zum Brotberuf, zum hauptamtlichen Handwerk geworden ist, stellt sich nur allzu schnell heraus, wie mäßig golden dessen Boden ist. Die beiden mit krampfhaftem Fleiß auf Jahrgangsumfang gebrachten Romane ›Scepter und Hammer‹ und ›Die Juweleninsel‹ liefern May bis 1881 nur eben das Existenzminimum, das durch die unermüdlich angefertigten Humoresken und Dorfgeschichten nicht mehr als schwach aufgebessert wird; nun aber setzt, und das ist unschwer begreiflich, eine Art Erschöpfung ein, und von den im Sommer 1881 rundgeschickten 500000 Silben findet nur ein Bruchteil sein Unterkommen, und auch der bringt nur lachhaft geringfügige Nachdruckhonorare. Ende 1879 hat der ›Deutsche Hausschatz‹, führendes Familienblatt des Katholizismus, May einen festen Vertrag angeboten: Kommerzienrat Pustet läßt ihm durch seinen Redakteur Venanz Müller mitteilen, daß er bereit sei, alle meine Manuskripte zu erwerben; ich solle sie keinem andern Verlage senden. Und zahlen werde er sofort. Bei längeren Manuskripten, die ich ihm nach und nach schicken solle, gehe er sehr gern auf Teilzahlungen ein … Das sieht verlockend aus (und May hat die hochanständige Firma im Alter selbst dann noch gepriesen, als er zum Gegenteil alle möglichen Gründe hatte); aber so klingend ist auch die Regensburger Münze nicht, daß damit ein sorgenfreies Leben möglich wäre: eine runde Mark zahlt Pustet pro Manuskript-Seite; das entspricht 20 Mark pro Bogen der späteren Freiburger Ausgabe; mit den Reise-Erinnerungen aus dem Türkenreiche, ›Giölgeda Padishanün‹, und ihren Fortsetzungen ›Reise-Abenteuer in Kurdistan‹ und ›Die Todes-Karavane‹ I (zusammen 1469 Seiten Freiburg) verdient May bei pausenlosem Schreiben von Januar 1881 bis Juni 1882 ganze 1840,– Mark … Und er hat eine nicht eben anspruchslose Frau … und für die Zukunft nurmehr nichts als Pläne …

Mit Emma

Im Spätsommer 1882 erwischt ihn das Schicksal, das seine Lage für den Augenblick bessern und zugleich für lange Zeiten verderblich werden lassen soll. Mehr Emma als sich selbst gönnt er die achttägige Erholungsreise nach Dresden, wo beide im ›Trompeterschlößchen‹ absteigen. Und da ist die alte Atmosphäre wieder, der er so günstig entronnen war; Erinnerungen tauchen auf, Namen, von denen zu erzählen ist, und die menschenhungrige Emma klammert sich an jede Abwechslung vom tristen Kleinstadtleben, die sich in Aussicht stellt: Ihrem Wunsche entsprechend ging ich abends, es war in der Dämmerstunde, mit ihr in die mir bekannte Stammkneipe Münchmeyers, in das Rengersche Gartenrestaurant am hiesigen Plauenschen Platze. Als wir dies Restaurant betraten, sah ich Münchmeyer als einzigen Gast im Garten an einem Tische sitzen, den Kopf auf die Arme gestützt, mit dem Rücken nach dem Eingange. Er saß da wie ein Mensch, der mit schweren Sorgen zu kämpfen hatte. Ich machte meine Frau auf ihn aufmerksam, ging von rückwärts an ihn heran, hielt ihm beide Hände vor die Augen und ließ ihn raten, wer ich sei. Münchmeyer erkannte mich sofort an meiner Stimme. Er war sehr erfreut, mich wiederzusehen und meine Frau kennenzulernen; er begrüßte mich mit den Worten: »Sie schickt mir der liebe Gott …«[2] May hat die Szene, mit geringfügigen Abweichungen, wiederholt und ausführlich geschildert; aber noch aus den erbittertsten Versuchen, einen Schuldigen für die Folgen dingfest zu machen, redet in kleinen Winkeln des Vokabulars das Bewußtsein seiner Torheit: mit vollem Bedacht reicht er der Madame Colportage nicht nur die Hand, sondern auch den Kopf zum Bunde. Münchmeyer ist plötzlich froh und munter. Er strahlte vor Vergnügen. Er machte mir in seiner Kolportageweise die unmöglichsten Komplimente, eine so schöne Frau zu haben, und meiner Frau gratulierte er in denselben Ausdrücken, einen so schnell berühmt gewordenen Mann zu besitzen … Er machte Eindruck auf sie, und sie ebenso auf ihn. Er begann zu schwärmen, und er begann, aufrichtig zu werden. Sie sei schön wie ein Engel, und sie solle sein Rettungsengel werden, ja, sein Rettungsengel, den er brauche in seiner jetzigen großen Not. Sie könne ihn retten, indem sie mich bitte, einen Roman für ihn zu schreiben … Denn dem Herrn ist es seit Mays Weggang aus der Redaktion so gut nicht mehr ergangen; die Zeitschriften gingen ein, und der Heftchenvertrieb erlaubt angeblich nur noch ein sehr einfaches Leben. Und May ist weich und töricht genug, sich allerlei Schuldgefühle auf den Hals reden zu lassen: wie er doch selber letztlich den Schaden verursacht habe durch sein Fortgehen und gleichsam moralisch verpflichtet sei –: das war er nun wirklich nicht, weder gleichsam noch irgendwie sonst. Die Rolle, die Emma bei den folgenden Unter- und Überredungen spielte, hat May zu verschiedenen Zeiten verschieden gesehen; im Alter transponierte er den bösen Geist seines Entschlusses ganz auf sie – und erhob sich selber nach alter Münchmeyer-Manier in den Herzensadelsstand des unschuldigen Opfers, dem alle besten Absichten und Taten bösartig durchkreuzt und verdorben wurden. In Wirklichkeit aber ist wohl alles so prosaisch gekommen, wie es seine Aussage vor Gericht vom April 1908 festgehalten hat: Meine Frau drang, zum Teil vielleicht aus Mitleid, zum Teil aber auch um die ihr erwiesene Freundlichkeit zu erwidern, in mich, dem Bitten Münchmeyers nachzugeben. Ich erklärte ihm schließlich, ich würde mir die Sache überlegen … Bevor wir uns trennten, erklärte er, am nächsten Morgen zu mir ins Hotel kommen zu wollen, um mit mir das Nähere zu vereinbaren …[3] Und ob nun Emma wirklich in der Nacht darauf alle Töne, die ihr zu Gebote standen, erklingen ließ, ob sie darauf brannte, sich der Frau Münchmeyer und ihrer Schwester, die ich hatte heirathen sollen, zu zeigen und ihnen im Triumph ad oculos zu demonstriren, daß mir ganz andere Chancen zur Verfügung gestanden hatten[4], ob sie May nun wirklich beschwatzte und überredete, einig sind sich beide zumindest in der Erwägung, daß hier eine Aussicht auf wesentliche Aufbesserung der finanziellen Lage sich eröffne, an der Emma natürlich vordringlich gelegen ist. So wird, als Münchmeyer am andern Morgen erscheint (so zeitig, daß meine Frau noch gar nicht auf war; die Verhandlung mit ihm fand infolgedessen nur unter vier Augen statt)[5], zugesagt und eine Vereinbarung getroffen – kein Vertrag, jedenfalls kein schriftlicher. Er sagte, wir seien beide ehrliche Männer und würden einander nie betrügen. Es klinge für ihn wie eine Beleidigung, von ihm eine Unterschrift zu verlangen … Heute hat es sich eingebürgert, die ehrlichen Männer doch für alle Fälle in der genannten Weise zu beleidigen; daß May desgleichen gut getan hätte, haben ihm dann endlos bittere Erfahrungen erst beibringen müssen.

Schon die ausgemachten Bedingungen sind alarmierend ehrlich: 100 Hefte zu je 24 Seiten (à 3800 ›Anschläge‹) soll der gewünschte Roman umfassen; 20 000 Stück vom Ganzen darf Münchmeyer drucken; dafür zahlt er dem Autor ein Heft-Honorar von 35 Mark; hernach fallen die Rechte an May zurück, dem überdies dann noch eine »feine Gratifikation« zuteil werden soll … Und die kürzeste Rechnung zeigt, was für ein Geschäft da Geschäft ist: 10 Pfennig kostet das Heft; der Roman bringt also 10 Mark; der Verleger macht einen Bruttoumsatz von 200 000 Mark und zahlt dem Autor 3500 – gleich ganze 1,75 % ›vom Ladenpreis‹: ein Vorgang, der natürlicher nicht dadurch wird, daß dergleichen räuberische Gebräuche noch heute in der Branche unverändert gern geübt werden.

Kaum nach Hohenstein in die Marktwohnung zurückgekehrt, beginnt May mit förmlich wüstem Fleiß den Dienst für die beiden so ungleichen Herren. Denn die Hausschatz-Verpflichtungen laufen ja weiter: der Beginn des neuen Jahrgangs IX bringt im Oktober den II. Teil der ›Todes-Karavane‹, dann ›Damaskus und Baalbek‹ und, bis März 1883, die Fortsetzung ›Stambul‹: Reiseerzählungen sie alle. Und die Arbeiten dieser Gattung, in der sich May nun immer freier bewegt, haben trotz aller Form- und Planlosigkeit zuletzt auch literarisch darum zu gelten, weil sie die zweite elementare Figur seiner Mythologie umspielen, die er der Weltliteratur eingebracht hat: den Hadschi mit dem langen Namen, den heute noch Millionen wie einen Begriff auswendig hersagen können: eine Gestalt, so echt und singulär (wenn auch eher vom psychologischen Mechanismus als von der Gestaltung selber her gesehen), daß man sie schon recht hoch einschätzen muß – höher jedenfalls noch als den Winnetou, der zwar vulgo den stärkeren Idolwert hat, aber doch eine grobe Erfindung bleibt, mit der May um diese Zeit auch keine weiteren Absichten verbindet: nicht umsonst hat er ihn gerade im ›»Wilden Westen« Nordamerika’s‹ feierlich sterben lassen …

Unter der Schwelle von Mays literarischem Gewissen aber rotiert zu gleicher Zeit pausenlos die Kolportagemaschinerie: Schon nach einigen Wochen kamen günstige Nachrichten: Der Roman ›ging‹ … Der Roman – das ist: ›Waldröschen / oder / Die Verfolgung rund um die Erde. Großer Enthüllungsroman über die Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft von Capitän Ramon Diaz de la Escosura‹: so hat ihn Münchmeyer, der dem Volk nicht umsonst jahrelang auf das Geschmack geschaut hat, zielsicher genannt. Daß er pseudonym erscheint, ist eine von Mays Bedingungen.

Welchem Einfluß der Capitän Ramon Diaz zuletzt nachgibt, als er am 7.4.1883 nach Dresden-Blasewitz, Sommerstraße 7, umzieht, ist nicht ganz entscheidbar. Er selber wird einiges Verlangen nach dem Stadtleben gehabt haben; mehr noch aber liegt der 26jährigen Emma am süßen Trubel der Hauptstadt und am engeren Verkehr mit den Münchmeyern – Wünsche, die sich in der Folge denn auch schönstens erfüllen. Die Wohnung wird zum Schauplatz ausgedehnter Kolportage-Romanzen. Münchmeyer läßt es sich nicht nehmen, alle seine Sonntage bei uns zu verleben. Als ihm das nicht mehr genügte, mietete er sich eine Blasewitzer Wohnung in unserer Nähe, um es zu ermöglichen, öfter als nur einmal wöchentlich bei uns zu sein …[6] Und Emma und er finden ein rechtes Wohlgefallen aneinander: Sie war Barbierstochter gewesen und innerlich geblieben. Er war Zimmergesell gewesen und innerlich geblieben. Sie ließen einander ihr Wohlgefallen in echter Barbier- und Zimmermannsweise merken; sie haben lange, sehr lange für einander geschwärmt …[7] Ganz harmlos freilich; die Welt als Heftroman; gesündigt wird mehr gegen den Geschmack als gegen irgendwelche Sitten: Gesagt muß hierbei sein, daß die Schwärmerei Münchmeyers und meiner Frau nicht etwa zu Dingen geführt hat, die ich mir als Ehemann hätte verbitten müssen. Diese Schwärmerei war, besonders seinerseits, zwar eine etwas derbe, doch stand ich höflicher Weise immer dabei, um auch mit schwärmen zu dürfen …[8] Und es ist der Geschmack Mays, der sichtbar immer mehr verkommt: immer falscher wird der Ton des Bandwurmromans, immer alberner, kitschiger, pfuscherhafter die Sprache. Daß May nun anderthalb Jahre lang für den ›Hausschatz‹ keine Zeile schreiben kann, zeigt sogar etwas Bewußtsein davon, sich die Hand verdorben zu haben. Zugleich aber hält er sich kläglich an den Glauben, etwas geleistet zu haben; allzu reichlich umgibt ihn die Schwärmerei, für die er zeitlebens anfällig bleibt. Es wäre leider gänzlich illusorisch zu meinen, er habe sich, das eine Auge zugedrückt und das andere fest auf den Umsatz gerichtet, in aller Kälte entschlossen, dem Volke denn zu geben, was des Volkes ist, wenn anders seiner Notlage nicht zu entkommen war –: in einem Verzeichnis seiner Taten dieser Zeit führt er die Münchmeyer-Romane durchaus pfauenhaft als Hauptwerke auf, und seine Selbstbespiegelungen in den dicken Büchern – ihre darbend-tiefsinnigen Dichterfiguren – liegen schon überhaupt weit jenseits jeder Parodiefähigkeit. Den Barrieren, die ihm Über- und Einsicht verstellen, kommt – verhängnisvoll – die Eitelkeit hinzu, und sie begnügt sich mit geringsten Gründen.

So erscheint der zweite Riesenroman, ›Die Liebe des Ulanen‹, zu dem er sich leicht überreden läßt, nun unter seinem Namen im Jahrgang VIII von Münchmeyers Zeitschrift ›Deutscher Wanderer‹). Ich arbeitete damals mehr als fleißig, oft wöchentlich zwei oder drei Nächte hindurch …[9] Dieser ruhelose Fleiß ermöglichte es mir zu vergessen, daß ich mich in meinem Lebensglück geirrt hatte und noch viel, viel einsamer lebte, als es vorher jemals der Fall gewesen war … Was er zuletzt doch auch tut, um Emma den gewünschten ›Lebensstil‹ zu verschaffen, kehrt sich gegen ihn: denn natürlich fühlt sie sich ›vernachlässigt‹ … Und sucht sich Ersatz: Sie saß täglich bei ihren Klatschbasen fest oder brachte sie mir, was noch schlimmer war, ins Haus. Ich fand nach der Arbeit weder Ruhe noch Erholung daheim, denn ein geistiger Austausch war mit dieser Frau unmöglich …[10] Läßt man beiseite, daß mit May um diese Zeit viel Geistiges auch kaum auszutauschen war, so ist doch seine menschliche Vereinsamung anrührend und für vieles Entschuldigung. Ich hatte zwar ein Haus, aber kein Heim …

Das Kolportagepersonal im Haus nimmt zu – (und sie sind alle in die Münchmeyer-Romane eingegangen, die Damen und Herren, und in keiner Biographie Mays dürften diese Bioi paralleloi fehlen): Emma annonciert in einem Dresdener Blatt nach einer Freundin. Als ich die Erwählte zu sehen bekam, war es eine Berlinerin mit einer sehr schönen Büste, die aber nicht ganz echt erschien, und mit einem sehr poetisch klingenden Namen, den ich aber nicht für den richtigen hielt. Sie kam sehr oft zu uns; sie aß bei uns; sie blieb tagelang, ja wochenlang als Gast bei uns. Sie brachte einen ›Onkel‹ mit, der auch mit aß. Als dieser nicht mehr kam, brachte sie einen ›Bräutigam‹ mit, der auch mit aß. Hierauf kam der ›Onkel‹ doch wieder und sah den ›Bräutigam‹. Es gab eine Szene. Ich warf sie alle hinaus …[11] Aber andere wirft er nicht hinaus: so die Turnlehrersfrau Dietrich (samt 5 Kindern), die dann bis zur Jahrhundertwende noch mit Emma verkehrt; oder die Frau Jäger, Münchmeyers älteste Tochter, die damals nach Männererfolgen auf der Bühne strebte, dann aber ganz plötzlich einen Münchmeyerschen Contoristen zu heirathen hatte, der infolge seines Eheglückes in einer Trinkerheilanstalt untergebracht werden mußte[12]; oder das weitaus übelste Exemplar, die junge, fette Frau eines alten Herrn, der ihr den Kosenamen Karnickel gegeben hatte, um anzudeuten, was hier an dieser Stelle nicht angedeutet werden darf. Als er starb, heiratete sie schnell weiter und immer weiter, so daß ihr Name jetzt folgendermaßen zu schreiben ist: Frau Luise Achilles, verwitwete Frau Luise Häußler, verwitwete Frau Luise Langenberg, verwitwete Frau Luise Hübner, geborene Luise Schmidt[13]: – sie alle später gegnerische ›Zeugen‹, und das in einer Weise, daß May im Alter die ganze Gesellschaft wie ein förmliches Pandämonium sah.

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Data wydania na Litres:
23 lipca 2025
Objętość:
303 str. 39 ilustracji
ISBN:
9783835345041
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