Czytaj książkę: «Die Geschichte Hessens»
Diese Publikation erscheint mit freundlicher Unterstützung
der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung.
Heiner Boehncke | Hans Sarkowicz
Die Geschichte
Hessens
Von den Neandertalern
bis Ende 2020

Inhalt
Geleitwort: Warum Hessen zu dem wurde, was es ist Prof. Dr. Walter Mühlhausen
Vorwort
Von der Steinzeit bis zur Herausbildung Hessens
Von der Gründung Hessens bis zum Ende des Alten Reichs
Von Kurfürstentümern, Großherzogtümern, Herzogtümern und Fürstentümern
Unter den Fittichen des preußischen Adlers Hessen 1866–1933
Hessen unterm Hakenkreuz
Der Neubeginn nach 1945
Kartenmaterial
Verwendete Literatur (in Auswahl)
Personenregister
Bildnachweis
Geleitwort

Warum Hessen zu dem wurde, was es ist
Es gehört zum Schulwissen nicht nur der Hessen, dass der Limes als nördliches Bollwerk der Römer gegen die widerspenstigen Germanen mitten durch das Gebiet des heutigen Hessen verlief, dass Bonifatius in seinem Missionsdrang bei Geismar/Fritzlar die dem germanischen Gott Donar gewidmete Eiche in einem symbolischen Akt fällte und damit die Christianisierung auch des späteren Raumes Hessen vorantrieb. Weniger bekannt dürfte es sein, dass König Jérôme Bonaparte, der Bruder von Napoleon I., in Rotwein oder Kalbsbouillon zu baden pflegte, sich mit einer Schar von Mätressen bis zur Erschöpfung vergnügte (und dann nicht fähig war, seinen Staatsgeschäften nachzukommen) und an die 26 000 Spitzel beschäftigte. Aber – was hat der Franzose eigentlich mit Hessen zu tun? Nur der Kundige und Interessierte weiß um die Bedeutung von »König Lustik« für die Geschichte des Landes als Herrscher des »Königreichs Westphalen« mit seiner Hauptstadt Kassel. Er herrschte ab 1807 am Beginn einer spannungsgeladenen Periode, in der grundlegende Weichenstellungen für das weitere Werden des Landes fielen. Die Jahre waren geprägt auch von Kämpfen zwischen den nach Freiheit und Befreiung von Steuerlasten strebenden Hessen und den französischen Besatzern. Kurhessen erwarb sich, so der große Landeshistoriker Karl E. Demandt in seiner fabelhaften Geschichte des Landes Hessen, den Ruf, »ein Zentrum des Widerstands gegen die Fremdherrschaft von europäischer Ausstrahlungskraft« zu sein. Dieses Rebellische galt mehr oder weniger für alle Hessen über die Jahrhunderte hinweg – auch wenn es um 1800 den Hessen oder die Hessin eben nicht gab.
Am Beispiel der Darstellung der siebenjährigen Franzosenherrschaft offenbart sich das Charakteristikum der hier vorliegenden Geschichte Hessens von der Steinzeit bis zur Globalisierung des 21. Jahrhunderts: Es ist ein Wechselspiel von Wegmarken und Aperçus der Zeitläufe. In einem weiten Bogen zwischen dem Grundlegenden und der Episode bewegt sich das Meisterpaar der hessischen Geschichtserzählung, Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz, die bereits mit zahlreichen Veröffentlichungen Licht in das Dunkel des Vergangenen im Land jener Fürsten gebracht haben, die ihre Landessöhne an fremde Herrscher als Soldaten verschacherten, um dem eigenen üppigen Lebensstil frönen zu können. Den Autoren gelingt es, die wechselvolle, an Ereignissen, Brüchen und bemerkenswerten Persönlichkeiten reiche Geschichte des Raumes über die Zeitenwenden hinweg zwischen zwei Buchdeckeln zu verpacken. Das ist umso mehr eine beachtliche Leistung, als »Hessen« über Jahrhunderte hinweg ein »verwirrendes Mosaik an Kleinterritorien« – »ein territoriales Puzzlespiel irgendwelcher Herren« war (Alfred Pletsch). Der historische Flickenteppich konsolidierte sich erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als es nach Franzosenherrschaft und Wiener Kongress 1814/15 erstmals größere Territorialstaaten im Gebiet des heutigen Hessen gab, und zwar sechs an der Zahl: das Kurfürstentum Hessen(-Kassel), das Großherzogtum Hessen(-Darmstadt), die Landgrafschaft Hessen-Homburg, das Herzogtum Nassau, das Fürstentum Waldeck-Pyrmont und die Freie Stadt Frankfurt.
Die weitere räumliche Gliederung der hessischen Territorien war ganz wesentlich Resultat des preußisch-österreichischen Krieges von 1866, als sich das Kurfürstentum Hessen und das Herzogtum Nassau auf die Seite des letztlich unterlegenen Österreichs geschlagen und die bis dahin Freie Stadt Frankfurt Österreich die Bundestreue gehalten hatte. Kurhessen, Nassau und Frankfurt verloren ihre Existenz als souveräne Staaten und gingen mit der Landgrafschaft Hessen-Homburg in Preußen auf. Demgegenüber behielt das unterlegene Großherzogtum seine Selbstständigkeit und zog schließlich als eigener Bundesstaat in das 1871 gebildete Deutsche Reich ein. Das alles kann man hier vorzüglich in gekonnter Prägnanz nachlesen, auch was mit dem kleinen Fürstentum Waldeck so alles geschah.
Erst die amerikanische Besatzungsmacht schuf im September 1945 das Hessen in den Grenzen, wie wir sie heute kennen. Es gab sie also nicht, die eine hessische Politik. So stellten sich die Historikerinnen und Historiker immer wieder die Frage: Wer oder was ist eigentlich hessisch? Wer oder was sind die Hessen? Um dieses zu beantworten, folgten sie in ihren Einzeldarstellungen zumeist den jeweiligen Territorien. Nicht so Boehncke und Sarkowicz, die »ihr« Hessen immer als Ganzes in den heutigen Grenzen in den Blick nehmen.
Geschichte kann faszinieren, Geschichtsschreibung kann fesseln, wenn sie wie hier, von akademischer Kleinkrämerei und kathederhafter Faktenhuberei befreit, für die historisch interessierte Leserschaft konzentriert und gekonnt erzählt wird, ohne sich einer Beliebigkeit auszusetzen. Lassen Sie sich über große Linien und kleine Besonderheiten durch die hessische Geschichte führen, die reich am bemerkenswerten Besonderen und am ungewöhnlichen Alltäglichen ist. Die Autoren haben in ihrer Darstellung eine ausgewogene Mischung zwischen dem typisch Hessischen und dem gefunden, was über Hessen hinaus Allgemeinbedeutung besaß. Ohne sich um das Urteil zu winden, ohne das eindeutige Wort zu vermeiden, beschreiben sie kurzweilig und doch tiefschürfend, wie Hessen zu dem wurde, was es heute ist, eine »Einheit in der Vielfalt« (Barbara Dölemeyer), entstanden aus der Vielfalt. Boehncke und Sarkowicz berichten von Mächtigen und Machtlosen, von Unterdrückern und Unterdrückten, von Verführern und Verführten; wir lesen von Prunk und Leid, von Kampf und Frieden, von Revolution und Restauration, von Neid und Intrige, von Wegen und Irrwegen in der Geschichte Hessens über die Jahrtausende hinweg.
Wir erfahren außerdem, warum »Texasverein« und »Freistaat Flaschenhals« einen Bezug zu Hessen haben. Das eine steht für eine gezielte Politik gegen den Pauperismus und zur Regelung eines Massenexodus, das andere für eine schildbürgerliche Randepisode als Resultat von mangelhafter Kenntnis in Geografie und Geometrie. War das hinreichend erklärt? Wenn nicht, dann gehen Sie doch selbst auf Entdeckungsreise durch die Geschichte Hessens. Sie ist hier meisterlich aufbereitet.
Prof. Dr. Walter Mühlhausen, Neckarsteinach
Vorwort

Gibt es eine hessische Identität? Etwas, das alle Hessen verbindet, ganz gleich, ob sie in Bad Karlshafen oder Neckarsteinach leben?
Mit dieser Frage beschäftigte sich Ende 2016 eine wissenschaftliche Tagung im Wiesbadener Landtag. Anlass war die Verabschiedung der Hessischen Verfassung durch eine Volksabstimmung vor 70 Jahren. Eine eindeutige Antwort konnten die Historiker nicht geben. Die Identifikation mit dem eigenen Bundesland, so hieß es, sei weniger stark als mit der Region, in der man lebe. Sprachliche Gemeinsamkeiten, die lange erheblich zur Identitätsbildung beigetragen hätten, verlören stark an Bedeutung. Einig war man sich aber, dass Georg August Zinns Ausspruch »Hesse ist, wer Hesse sein will« auch heute noch Gültigkeit besitze. Der Hessische Ministerpräsident hatte diesen programmatischen Satz 1961 beim ersten Hessentag in Alsfeld gesprochen und damit auf die (erfolgreiche) Integration der »Heimatvertriebenen« verwiesen.
Fast vierhundert Jahre lang, von 1567 bis 1945, war Hessen geteilt. Nach dem Tod Philipps des Großmütigen hatten sich die Landgrafschaften Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt gebildet, die lange Zeit die Entwicklung Hessens bestimmten. Aber sie waren nicht die Einzigen. Auch die Waldecker und Nassauer Fürsten, die zahlreichen kleineren Herrschaften, die geistlichen Würdenträger und die zeitweise sehr mächtigen Freien Reichsstädte hatten ein gewichtiges Wort mitzureden. Eine hessische Identität konnte sich unter diesen Voraussetzungen allerdings nicht entwickeln, höchstens eine Loyalität der Untertanen gegenüber ihren jeweiligen Herrschern oder politischen Institutionen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und mit der Herausbildung des Bundeslandes Hessen wurde die Frage nach gemeinsamen Werten neu gestellt. Das war und ist kein einfacher Prozess. Noch immer scheint es Trennendes zwischen dem Norden und dem Süden zu geben, noch immer scheinen Ressentiments nicht ganz abgebaut. Aber eins vereint (fast) alle Hessen und das seit Jahrhunderten: die Bereitschaft, Fremde und Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren, ohne dass die Neubürger ihre Traditionen, Sitten und Gebräuche aufgeben müssen. Diese Weltoffenheit duldet keinen engen Identitätsbegriff und öffnet den Blick auf die eigene Geschichte, die nur selten gradlinig verlief.
Auf Schritt und Tritt begegnen wir den Zeugnissen der Vergangenheit; denn Hessen ist besonders reich an bedeutenden Burgen, Schlössern, Kirchen, Klöstern oder stattlichen Bürgerhäusern. In den zahlreichen Museen wird das präsentiert, was von früheren Zeiten übriggeblieben ist oder vor der Zerstörung gerettet wurde. Das können keltische Schmuckstücke sein oder Alltagsgegenstände aus dem Mittelalter, die Erinnerung an das einst blühende jüdische Leben in Hessen oder an eine Grenze, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei ungleiche Hälften teilte.
Diese historischen Zeugnisse sind aber von sich aus stumm. Keine Burg sagt uns, wer sie erbaut hat und warum. Und wenn wir einen Tontopf vor uns sehen, wissen wir noch nicht, wie die Menschen vor zweihundert oder mehr Jahren gelebt haben. Geschichte verlangt danach, erzählt zu werden, und ist mehr als Lehrbuchwissen. Sie ist Teil unserer Gegenwart. Nur kennen muss man sie. Das ist gerade bei der hessischen Geschichte nicht leicht; denn an ihr haben sehr unterschiedliche Kräfte mitgewirkt. Hessen lag immer in der Mitte Deutschlands, war Durchgangsland und ein in zahllosen Kriegen heiß umkämpftes Aufmarschgebiet.
Mit dem vorliegenden Buch wollen wir den Knoten entwirren helfen und eine leicht lesbare Einführung in die hessische Geschichte geben. Der Band soll der wissenschaftlichen Forschung keine Konkurrenz machen, aber er beruht auf ihren Ergebnissen. Dafür sei allen hessischen Historikern an dieser Stelle herzlich gedankt.
Von der Steinzeit bis zur Herausbildung Hessens

»Da die Urgeschichte keine schriftlichen Nachrichten hinterlassen hat«, schreibt der Archäologe Lutz Fiedler, »ist es unmöglich, irgendwelche Bedürfnisse, Motive oder Schicksale einzelner oder bestimmter Gruppen zu erfahren. Sie bleiben anonym, unsere Fragen richten sich daher nach dem Allgemeinen«1. In der Tat haben Archäologen keine leichte Aufgabe, wenn sie den Ursprüngen der Menschheit nachforschen und verlässliche Informationen gewinnen wollen. Sie sind auf kleinste Hinweise angewiesen, auf Funde im Geröll, auf dunkle Schatten im Erdboden, die auf organische Verfüllungen hindeuten, auf Grabbeigaben und natürlich immer wieder auf Tierknochen und Pflanzenreste, die Rückschlüsse auf die Lebensbedingungen der frühen Menschen zulassen. Die Archäologen und ihre Kollegen von der Vor- und Frühgeschichte versuchen uns aus dem Wenigen, das ihnen zur Verfügung steht, ein möglichst plastisches Bild von dem Lebenskampf zu zeichnen, den unsere Vorfahren in ihrer noch kurzen Lebensspanne zu bestehen hatten. Wer einmal einen in der Regel wenig spektakulären Ausgrabungsort besucht hat, wird später mit Hochachtung vermerken, welche Erkenntnisse die Forscher aus dem Wenigen gewinnen konnten.
Wir gehen heute davon aus, dass noch affenähnliche Lebewesen vor etwa 2,5 Millionen Jahren mit der Herstellung von Werkzeugen begonnen haben. Das war der erste wichtige Schritt auf dem langen Weg zum modernen Menschen. Der Ursprung des Menschen liegt aber noch viel weiter in der Vergangenheit. Funde in Afrika deuten auf eine Zeitspanne von mindestens fünf Millionen Jahre hin, wenn nicht sogar auf sieben Millionen Jahre oder noch mehr. In Hessen scheinen die ältesten Menschen, der Homo erectus, vor rund 500 000 Jahren gelebt zu haben. Einfache Steinwerkzeuge, die bei Münzenberg in der Wetterau gefunden wurden, werden entsprechend datiert. Danach waren die ersten Hessen Jäger und Sammler, die in einfachsten Behausungen lebten, sich, wie in den gängigen Vorstellungen von Steinzeitmenschen, in Felle kleideten und schon das Feuer kannten. Sie jagten mit Fallgruben und Holzlanzen. Damit wagten sie sich selbst an große Tiere heran, wie an Mammut, Bär und Wollnashorn, die dann mit primitiven Steinwerkzeugen zerlegt wurden. Für die Zeit vor 300 000 bis etwa 100 000 Jahren sind mehrere Siedlungsplätze in Hessen belegt, etwa im nördlichen Vogelsberg, in der Schwalm und in der Waberner Senke. Sie zeigen, dass sich die Jagdgruppen gern an Flussufern niederließen, schon in zeltartigen Hütten wohnten und selbst eiszeitliche Kaltphasen überstehen konnten.
Aus dem Homo erectus entwickelte sich der Neandertaler, der sich in Hessen erstmals vor 120 000 Jahren nachweisen lässt. Besonders gut untersucht ist eine Jagdstation bei Edertal-Buhlen, die auf einem kleinen Vorsprung an der Netze lag und offenbar über einen längeren Zeitraum als Rastplatz diente. Die Werkzeuge aus Kieselschiefer, Karneol und Quarzit wurden dabei im Lauf der Zeit immer weiter verfeinert. Aus Funden außerhalb Hessens wissen wir, dass die Neandertaler schon Bestattungsriten kannten. Ob dabei auch religiöse Vorstellungen eine Rolle spielten, ist allerdings nicht bekannt und wird wohl auch nie mit Sicherheit nachgewiesen werden können.
Vor etwa 40 000 Jahren tauchten in Europa die ersten modernen Menschen auf, die als Cro-Magnon bezeichnet werden. »Der Jetztmensch scheint plötzlich da zu sein«, so Lutz Fiedler. Er kam vermutlich wieder aus Afrika. Vor ca. 500 000 Jahren hatten sich die Entwicklungslinien von Mensch und Neandertaler getrennt. Trotzdem unterscheidet sich das Erbgut eines Neandertalers von dem eines modernen Menschen nur um 0,2 %. Trotz dieser so geringen Abweichung starb der Neandertaler vor ca. 30 000 Jahren aus. Die Ursachen dafür sind bis heute ungeklärt. Jüngste Forschungen haben allerdings nachgewiesen, dass es zu sexuellen Kontakten zwischen beiden Gattungen gekommen sein muss. Auch wenn das gemeinsame genetische Erbe nur einen Bruchteil heutiger europäischer und asiatischer Menschen ausmacht, so handelt es sich bei der Entdeckung doch um eine Sensation. Eine Vermischung war schließlich noch bis vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten worden.
Der moderne Mensch entwickelte neue Bearbeitungstechniken für Stein-, Knochen- und Geweihgeräte, er schuf neue Formen von Jagdwaffen, wie eine Speerschleuder, deren Reste in der Wildhaus-Höhle bei Steeden an der Lahn gefunden wurden, er nähte sich Kleidung und betätigte sich, wohl noch in einem sehr bescheidenen Maß, auch künstlerisch. So war er gut gerüstet für die tiefgreifenden klimatischen Änderungen am Ende der letzten Eiszeit vor ca. 10 000 Jahren.
»Lichte Birken-Kiefern-Wälder entstehen, und aus einer fast baumfreien Landschaft entwickelt sich eine Parktundra ähnlich der heutigen sibirischen Taiga. Die großen Eiszeitdickhäuter Mammut und Wollnashorn sterben aus, sicher nicht ganz ohne Zutun des Menschen, und Rentierherden, Wildpferdgruppen, aber auch Waldtiere wie Ur und Rothirsch sind die Bewohner dieser Landschaft. Der Mensch reagiert auf diese Umstellung mit Veränderungen von Verhaltensweisen und Techniken, […] Zugeschnittene und genähte Kleidung, Werkzeugkonstruktionen aus verschiedenen und aufeinander abgestimmten Materialien, verschiedene Wege der Nahrungskonservierung und Vorratshaltung, verschiedenartig perfektionierte Jagdmethoden und Wege des Fischfanges sind Teil der erworbenen Praktiken, deren Kenntnisse jetzt dem Menschen zur notwendigen Flexibilität verhalfen.« 2
Neolithische Revolution – Der Mensch wird sesshaft
Zu Beginn der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, kam es zu tiefgreifenden Veränderungen, die der Historiker Rolf Gensen als »den wohl bedeutendsten Fortschritt der Menschheitsgeschichte – vergleichbar allenfalls mit der Industrialisierung Mitteleuropas«3 bezeichnet. Aus Jägern und Sammlern wurden Ackerbauern und Viehzüchter. Was diese Entwicklung in Hessen vor 7000 Jahren auslöste (und damit wesentlich später als im Vorderen Orient), bleibt weitgehend Spekulationen überlassen. Die neue Kultur der Sesshaften scheint sich aber nicht langsam entwickelt zu haben, sie trat bereits in voller Blüte hervor. Das deutet darauf hin, dass sie sich nicht vor Ort ausgebildet hatte, sondern durch einen Transfer nach Hessen gelangte. Zu den Neuerungen gehörten neben dorfartigen Siedlungen mit großen Häusern der Getreideanbau, die Viehzucht und die Herstellung gebrannter Gefäße. Den Hund hatte es schon länger als Haustier gegeben, jetzt kamen Schafe, Ziegen, Rinder und Schweine hinzu, die wohl aus dem Vorderen Orient mitgebracht wurden. Einkreuzungen mit einheimischen Wildrindern und Wildschweinen waren aber keine Seltenheit. Nach dem bandartigen Muster auf ihrem Geschirr werden die ersten Bauern in Hessen »Bandkeramiker« genannt.
Ihre bevorzugten Siedlungsgebiete waren die fruchtbaren Ebenen, auf denen sich Emmer, Einkorn und Gerste anbauen ließen, Futterpflanzen für die Nutztiere wuchsen und Nüsse oder Früchte gesammelt werden konnten. Zum Süßen verwendeten die Bandkeramiker wohl schon Honig. Auch das Salz und Wildkräuter zum Würzen waren ihnen vertraut. So nutzten sie zum Beispiel den Vogelknöterich wie wir heute den Pfeffer.
Da Düngung noch unbekannt war, verließen die Familien- oder Stammesgruppen wohl nach einiger Zeit ihre Plätze, um eventuell nach Jahren wiederzukommen. Das Leben muss in dieser Zeit extrem beschwerlich gewesen sein. Die Kindersterblichkeit war hoch, und so betrug die durchschnittliche Lebenserwartung nur 25 Jahre. Erwachsene konnten allerdings auch 40 Jahre oder mehr werden, wenn sie nicht vorher eine der zahlreichen Krankheiten, gegen die man nur selten Mittel kannte, hinweggerafft hatte. Denn die Ernährung war trotz Fleisch, Getreideprodukten und Früchten sehr einseitig. Aus Knochenuntersuchungen wissen wir, dass es einen deutlich erkennbaren Vitaminmangel gab, aus dem typische Krankheiten resultierten.
Bei der Kleidung waren die Bandkeramiker nicht nur auf Leder und Felle angewiesen. Wie Jens Lüning in dem Katalog zu der Ausstellung Die Bandkeramiker auf dem Hessentag 2004 in Heppenheim berichtet, besaßen die frühen Bauern »zwei neue Materialien, die Leinenfasern (Flachs) und Wolle. Lein wurde in vielen Siedlungen angebaut, und auf einem verbrannten Lehmstück aus Nordhessen sind Abdrücke eines leinwandbindigen Gewebes aus Lein festgestellt worden. Ob die bandkeramischen Schafe schon genügend Wolle in ihrem Haarkleid hatten, ist umstritten, doch auch Haare lassen sich gut verspinnen, und Unterwolle besaßen die Tiere in jedem Fall. Funde von Spinnwirteln zeigen, dass Flachs und Wolle versponnen werden konnten, und Webgewichte, dass daraus auf einem Gewichtswebstuhl Gewebe hergestellt wurden«4.
Das tägliche Leben der frühen Bauern dürfte in jeder Hinsicht beschwerlich gewesen sein. Und es kam noch etwas Weiteres hinzu. In den Gräbern häufen sich Waffen und Werkzeuge zur Herstellung von Waffen als Beigaben. Das deutet darauf hin, dass sich die kleinen Gemeinschaften gegen äußere Feinde verteidigen mussten. Denn im Gegensatz zu den Jägern und Sammlern, die ein Nomadendasein mit leichtem Gepäck führten, hatten die Bauern und Viehzüchter wertvollen Besitz, den sie verteidigen mussten. Vielleicht haben sich deshalb die auf die Bandkeramiker folgende Menschen der Rössener Kultur und noch stärker danach der Michelsberger Kultur Wohnplätze gesucht, die sich leichter verteidigen ließen. Erstmals wurden neben Flussauen auch hessische Höhen besiedelt. Die Häuser der Rössener Kultur waren teilweise bis zu 85 Meter lang und bis zu sieben Meter breit. Die Bauern der Michelsberger Kultur, die durch sogenannte Tulpenbecher charakterisiert wird, begannen damit, gewaltige Erdwerke zu errichten, über deren Funktion noch heftig spekuliert wird. Die Vermutungen reichen von befestigen Dörfern bis zu Kultplätzen. Markante Beispiele fanden sich vor allem im nördlichen Hessen. Dort wurde die Michelsberger Kultur vor etwa 4500 Jahren von der Wartberg-Gruppe abgelöst, die nach einem Fundort bei Kirchberg in Nordhessen benannt ist.

Steinkammergrab von Züschen mit »Seelenloch«
Die Menschen dieser Periode errichteten große Steinkammergräber, die über viele Jahre als Beerdigungsort dienten. Der Verstorbene wurde durch ein »Seelenloch« in die steinerne Grabkiste bugsiert. Die bekannteste Anlage dieser Art ist die Steinkiste von Züschen-Lohne, die in der Länge 20 Meter misst und in der Breite 3,5 Meter. Sie ist mit Zeichnungen geschmückt, die Rinder im Joch darstellen sollen und damit wieder auf die bäuerliche Herkunft der Künstler verweisen. Möglicherweise in einem direkten Zusammenhang mit diesen Steinkammern stehen die großen Menhire (»Hinkelsteine«), die bis in die Bronzezeit hinein an verschiedenen Orten in Hessen aufgerichtet wurden und Höhen von über fünf Metern erreichen konnten. Ihre Funktion ist bis heute ungeklärt. In früheren Zeiten lieferten die mysteriösen Steine reichlich Material für sagenhafte Erzählungen, die sich oft um Riesen rankten. Denn, so glaubte man, normale Menschen hätten die Quarzit- oder Sandsteinbrocken nie so aufstellen können. Ganz so ungewöhnlich war die Leistung allerdings nicht, wenn man bedenkt, dass zur selben Zeit die Pyramiden von Gizeh entstanden und sich in Mesopotamien schon lange eine faszinierende Schriftkultur entwickelt hatte.
Einen markanten technologischen Fortschritt brachte die Erkenntnis, dass sich aus den bereits bekannten Kupfer und Zinn im Verhältnis 9:1 Bronze herstellen ließ. Zinn wurde in Hessen allerdings nicht abgebaut.
»Das bedeutet, dass auch Hessen in das interregionale Netz einer metallenen Rohstoffversorgung einbezogen war. Dies förderte eine überregionale Kommunikation und technologische Innovation und wirkte sich letztlich in den Bereichen Wirtschaft und Gesellschaft sowie Ideologie aus. Nicht nur deshalb gilt die Bronzezeit als Zeit des Handels, des kunstvollen ›Berufs‹-Handwerkers, des prachtvoll gerüsteten Kriegers und prächtig geschmückter Frauen. Ohne dass wir wissen, welcher materielle oder ideelle Gegenwert für die Rohstoffe Kupfer, Zinn, Blei, Bernstein usw. ›gezahlt‹ wurde, ist davon auszugehen, dass die wirtschaftliche Grundlage der Bronzezeit Hessens traditionell Ackerbau und Viehzucht blieben. Die bronzezeitliche Gesellschaft wird durch eine zunehmend wirtschaftliche Arbeitsteilung und gesellschaftliche Schichtung gekennzeichnet. Eine graduell absetzbare Oberschicht, besonders gekennzeichnet durch die Betonung militärischer Aspekte – gerne als ›Adelskrieger‹ bezeichnet –, ist besonders in der Jung- und Spätbronzezeit fassbar, in einer Zeit, in der auch größere und kleinere befestigte Dauersiedlungen mit vielfältigen wirtschaftlichen Funktionen angelegt wurden.« 5
Grob unterscheidet man für die Bronzezeit die ältere Adlerbergkultur mit Flachgräbern und Hockerbestattungen, die mittlere Hügelgräberkultur und die jüngere Urnenfelderkultur. Wie schon der Name nahelegt, zeichnet sich die Adlerbergkultur in der mittleren Bronzezeit durch große Grabhügel aus, die in ganz Hessen verbreitet waren und sich als markante Geländemerkmale teilweise bis heute erhalten haben. In einzelnen Hügeln haben Archäologen bis zu 24 Gräber nachgewiesen. Eine völlig neue Form der Bestattung entwickelte sich schließlich in der späten Bronzezeit. Die Toten wurden nicht mehr gestreckt oder in Hockstellung begraben, sondern verbrannt und in Urnen beigesetzt. Dass die Beerdigungsformen so wichtig wurden für die Unterscheidung einzelner Kulturen, hängt damit zusammen, dass wir den Gräbern mit ihren mehr oder weniger reichen Beigaben wesentliche Erkenntnisse über die damaligen Menschen und ihre Sitten verdanken. Doch ist dabei auch Vorsicht geboten, denn die Gräber von in der Regel hochgestellten Persönlichkeiten vermitteln das Bild einer wohlhabenden Gesellschaft. Wir können aber davon ausgehen, dass der bronzezeitliche Bauer mit seiner Familie zwar dazu beitrug, dass es eine vermögende Oberschicht gab, dieser aber selbst ein eher karges Leben führte. Lediglich aus der späten Bronzezeit haben sich Gräberfelder erhalten, die Urnen ohne oder nur mit spärlichen Beigaben enthalten, die somit auf einfache Bestattungen hindeuten.
Etwa um 800 v. Chr. begann die Verwendung von Eisen, das in kleinen, aber wirkungsvollen Öfen aus Erzen gewonnen wurde. Eisen diente fortan zur Herstellung von Waffen und anderen Gegenständen, die besonderen Belastungen ausgesetzt waren. Die frühe Phase der Eisenzeit trägt den Namen des Ortes Hallstatt im Salzkammergut. Sie zeichnet sich u. a. dadurch aus, dass es zu prunkvollen Bestattungen von Angehörigen der Oberschicht kam. Ein Beispiel dafür ist das Wagengrab von Offenbach-Rumpenheim, in dem ein etwa fünfzigjähriger Mann zusammen mit einem hölzernen Wagen und weiteren Beigaben bestattet wurde. Der rekonstruierte Prunkwagen ist im Offenbacher Stadtmuseum zu sehen. Wahrscheinlich wurden in der Hallstattzeit in Hessen schon Höhenkuppen mit Ringwällen als Siedlungs- oder Rückzugplätze befestigt.
Der Keltenfürst vom Glauberg
Etwa um 500 vor der Zeitenwende trat in Hessen eine Bevölkerungsgruppe auf, die nicht mehr nach ihren Bestattungssitten oder den Formen ihrer Keramik benannt wird, sondern bei griechischen und römischen Geschichtsschreibern »Kelten« bzw. »Gallier« heißt. Mit ihnen beginnt die späte Eisenzeit oder Latène-Zeit (nach einem Fundort am Neuenburger See). Als Kernland der Kelten gilt das südliche Mitteleuropa, aber auf ihren Wanderungen und Kriegszügen kamen sie bis nach Spanien, in die Türkei, nach Italien, Frankreich und den britischen Inseln. Die Kelten hatten keine eigene Schrift. Ihre Überlieferung, vor allem von religiösen Bräuchen und Mythen, erfolgte mündlich. Schon deshalb haben sich von den Kelten in Hessen keine Stammesnamen erhalten. Aus zahlreichen Funden im mittleren und südlichen Hessen wissen wir, dass besonders zum Mittelmeerraum intensive Handelsbeziehungen unterhalten wurden. Von dort kamen u. a. Schmuck und edle Gefäße. Der wichtigste Fundort in Hessen und wohl auch darüber hinaus ist der Glauberg bei Büdingen, der vom 5. Jahrtausend v. Chr. bis ins hohe Mittelalter besiedelt war. In frühkeltischer Zeit umgab ihn eine Mauer aus Holz, Steinen und Erde. Das deutet darauf hin, dass der Glauberg in dieser Zeit schon ein Fürstensitz war. Am Fuß und im Vorfeld des Berges wurden ein großer Grabenring um einen (unterdessen verflachten) Hügel und eine zehn Meter breite »Straße« entdeckt, die über 350 Meter Länge zum Hügel führt. Die beteiligten Wissenschaftler deuten die Anlage als frühkeltisches Zentralheiligtum mit Prozessionsstraße aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert. Im Inneren des ursprünglich sechs bis sieben Meter hohen Hügels wurden zwei mit Schmuck und Waffen üppig ausgestattete Gräber aufgedeckt, die zu den reichsten in ganz Mitteleuropa zählen. Aber die eigentliche Sensation fand sich nicht in den Grabhügeln, sondern nordwestlich davon in einem Graben. Es war die lebensgroße, aus Sandstein gearbeitete Statue eines keltischen Kriegers mit einer so genannten Blattkrone. Nur die Füße fehlten. Außerdem fanden sich Bruchstücke von drei weiteren Statuen. Kleidung, Schmuck und Bewaffnung, die auf der Statue dargestellt werden, ähneln der Ausstattung der Toten in den beiden Gräbern.
»Es könnte sich«, vermutet Fritz-Rudolf Herrmann, der die Ausgrabungen leitete, »um vergöttlichte Ahnherren, Heroen, handeln, oder es waren Götterbilder dargestellt«. In ihrem zeitlichen Umfeld seien sie »als vollplastische, freistehende Bildwerke einzigartig. Etwa zeitgleiche Darstellungen, von denen es sowieso nur fünf Beispiele gibt, sind blockhafte Sitzstatuen oder Pfeilerdenkmäler mit menschlichen Attributen«6. Als Grundlage für den Reichtum der Keltenfürsten vom Glauberg vermutet Herrmann die Salzgewinnung in dem nur 20 Kilometer entfernten Bad Nauheim. Das aus Sole gewonnene Salz war eine begehrte Handelsware. Das Herrschaftsgebiet der Keltenfürsten könnte sich »von Fulda/Werra im Norden bis zum Neckar im Süden, vom Rhein im Westen bis zum Thüringer Wald im Osten«7 erstreckt haben. Das jedenfalls legen Honigreste nahe, die aus einer im ersten Grab gefundenen Schnabelkanne stammen.

Die Statue des Keltenfürsten aus der Keltenwelt am Glauberg
Am Glauberg ist die Gesamtanlage unterdessen rekonstruiert worden. Das 2011 eröffnete Museum präsentiert die Funde in einer eindrucksvollen Ausstellung. In dem archäologischen Park, der ebenfalls zur »Keltenwelt« gehört, befinden sich u. a. ein rekonstruierter Grabhügel, »mysteriöse« Wall-Grabensysteme und Wehranlagen aus frühkeltischer Zeit. In den Museumskomplex integriert ist ein eigenes Forschungszentrum, denn noch sind viele Fragen zu der monumentalen frühkeltischen Anlage und zum Keltenfürsten selbst nicht beantwortet.
In der späten Latènezeit kam es zu einem weiteren kulturellen Höhepunkt. Nach dem Vorbild der großen Städte im Mittelmeerraum entstanden die keltischen »Oppida«. Das waren befestigte Stadtanlagen auf Bergen, die wahrscheinlich bis zu 30 000 Menschen beherbergen konnten. Die bedeutendsten Keltenstädte in Hessen waren das Heidetränk-Oppidum bei Oberursel, wiederum der Glauberg, die Dornburg bei Frickhofen, der Dünsberg bei Gießen, die Milseburg in der Rhön, die Altenburg bei Niedenstein und die bisher kaum erforschte Amöneburg. In den mit Mauern und Wällen gesicherten Anlagen entwickelte sich eine städtische Zivilisation mit Handel, Handwerk, Gerichtsbarkeit und Münzwesen. Außerdem dienten die Oppida der Landbevölkerung als eine Art Fluchtburg in Kriegszeiten. Das erklärt auch die gewaltigen Dimensionen der keltischen Städte. So umschloss das Heidetränk-Oppidum eine größere Fläche als das frühneuzeitliche Frankfurt.
Diese spätkeltischen Städte wurden spätestens im ersten vorchristlichen Jahrhundert verlassen. Den von der Elbe und Oder einwandernden Germanen scheinen sie wenig entgegen gesetzt zu haben. Der Umschwung zur germanischen Prägung müsse, so Albrecht Jockenhövel, »sehr kurzfristig, innerhalb einer Generation, erfolgt sein, sodass er mit archäologischen Zeitmitteln kaum erfasst werden kann«8. Da weder Kelten noch Germanen über eine Schriftkultur verfügten, wird es für immer im Dunklen bleiben, wie sich die germanische Landnahme wirklich abspielte. Wahrscheinlich sind Überlagerungen. Aus »Restkelten« und Germanen dürften neue Stammesverbände entstanden sein. Eine deutliche Trennung zwischen Kelten und Germanen, wie sie die römischen Geschichtsschreiber nahelegen, dürfte es nicht gegeben haben, dafür aber kelto-germanische Verbände, in denen die germanischen Kultureinflüsse immer stärker wurden.
Chatten und Römer
Im ersten nachchristlichen Jahrhundert wurde das nördliche Hessen durch weitere Wanderungsbewegungen Teil des rhein-wesergermanischen Kulturkreises. Jetzt tauchten in dem Gebiet zwischen Eder, Schwalm und Fulda auch erstmals die Chatten auf, von denen Hessen seinen Namen erhalten haben könnte. Für den römischen Geschichtsschreiber P. Cornelius Tacitus waren sie als edle Wilde das positive Gegenbild zu der von ihm als dekadent empfundenen römischen Gesellschaft. Entsprechend vorsichtig muss man seinen Bericht beurteilen.
»Die Menschen des Stammes haben kräftigere Körper, straffe Glieder, drohenden Blick und größere geistige Kraft. Für Germanen zeigen sie viel Berechnung und Geschick: Sie setzen ausgesuchte Leute an die Spitze und hören auf diese Vorgesetzten, sie kennen geordnete Verbände, bemerken günstige Umstände, schieben Angriffe auch einmal auf, regeln den Tagesablauf, verschanzen sich für die Nacht, sie sehen das Glück als unbeständig und nur die Tapferkeit als sicher an, und was höchst selten ist und eigentlich nur römischer Kriegszucht eingeräumt wird, sie legen mehr Gewicht auf die Führung als auf das Heer.[…] In allen Kämpfen liegt bei ihnen die Eröffnung, sie bilden immer die vorderste Reihe, unheimlich anzusehen; denn auch im Frieden nehmen sie kein sanfteres Aussehen an. Keiner hat ein Haus oder einen Acker oder etwas, wofür er sorgt; wie sie gerade zu einem jeden kommen, werden sie verpflegt, Verschwender fremder Habe, Verächter eigenen Besitzes, bis das kraftlose Alter sie zu solch hartem Kriegertum untauglich macht.«9
Zumindest im letzten Punkt hatte Tacitus, der Germanien nicht aus eigener Anschauung kannte, Unrecht. Wir wissen zwar nur wenig über die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Chatten, aber immerhin so viel: »Der überwiegende Teil der Chatten lebte in Weilern und Gehöften«, wie etwa die großflächigen Ausgrabungen bei Geismar in der Nähe von Fritzlar zeigten. Aber »regelrechte Dörfer mit mehreren hundert Einwohnern gehörten zu den Ausnahmen«10. Große Stadtanlagen wie noch bei den Kelten waren ihnen allerdings unbekannt.
Die Chatten hatte Tacitus nicht nur deshalb so genau beschrieben, weil er sie als positives Beispiel herausstellen wollte, er sah in ihnen auch ernsthafte Gegner der römischen Militärmacht. Mit der Eroberung Galliens durch Caesar im Jahr 51 v. Chr. wurde der Rhein die nordöstliche Grenze des römischen Reichs. Der Einfall von Germanenstämmen in das römische Gallien im Jahr 16 v. Chr. veranlasste Kaiser Augustus, gegen die rechtsrheinischen Germanen vorzugehen. Er ließ mehrere große Militärbasen am Rhein errichten, darunter auch Mogontiacum (Mainz). Von dort überschritt 9 v. Chr. der kaiserliche Stiefsohn Drusus mit seinen Soldaten den Rhein und erreichte trotz heftiger Gegenwehr der Germanen, auch der Chatten, noch im selben Jahr die Elbe. Allerdings starb er bald an den Folgen eines Unfalls. Sein Bruder Tiberius setzte den Feldzug fort, ohne aber zu anhaltenden Erfolgen zu gelangen. Trotzdem ließ sich Tiberius in Rom als Triumphator feiern. Er glaubte, die Germanen in Verträge einbinden zu können, aber das sollte sich als folgenschwerer Irrtum erweisen. Denn 9 n. Chr. vernichtete ein germanisches Heer, dem sich auch Chatten angeschlossen hatten, die 17., 18. und 19. römische Legion unter Quintilius Varus, höchstwahrscheinlich bei Kalkriese. Damit war auch der römische Traum einer rechtsrheinischen Provinz zunächst geplatzt. In Waldgirmes, heute ein Stadtteil von Lahnau, hatten die Römer schon vor der Zeitenwende damit begonnen, mitten in germanischem Gebiet eine Stadt zu errichten, die auch zivile Verwaltungsaufgaben wahrnehmen sollte. Bei Ausgrabungen in Waldgirmes wurden in einem Brunnen Teile einer monumentalen Reiterstatue gefunden, die höchstwahrscheinlich Kaiser Augustus zeigte. »Keramikscherben, Fibeln und auch einige Gebäudegrundrisse«, so Gabriele Rasbach, »sprechen für eine Bevölkerung aus gallo-römischen und einheimischen Siedlern. Doch der Versuch, römische Strukturen einzuführen, scheiterte. Die Niederlage der römischen Truppen in der Varus-Schlacht führte in Waldgirmes offenbar zu einem ›Bildersturm‹, bei dem mindestens zwei der auf dem Forumsplatz aufgestellten Reiterstatuen zerstört wurden. Die Deponierung eines der lebensgroßen bronzenen Pferdeköpfe in einem Brunnen zusammen mit mehreren Mühlsteinen scheint hingegen kultisch motiviert«11.
Nach der Niederlage des Varus blieben einzelne rechtsrheinische Militärstützpunkte als Brückenköpfe erhalten, darunter Kastel, Friedberg und Rödgen bei Bad Nauheim. Sie waren zum Teil mit einheimischen Milizionären besetzt und bildeten ab 14 n. Chr. die Basis für die »Rache«-Feldzüge des Germanicus. Der Neffe des Tiberius, der unterdessen die Nachfolge von Kaiser Augustus angetreten hatte, soll dabei den chattischen Hauptort Mattium zerstört haben. Die Suche nach den archäologischen Überresten von Mattium ist aber bis heute erfolglos geblieben. Bereits zwei Jahre später ließ Tiberius die verlustreichen Kämpfe abbrechen. Nur kurz danach starb Gemanicus, der gleich mit drei Ehrenbögen gefeiert wurde. Einer davon wurde in (Mainz-)Kastel errichtet. Sein Fundament hat sich bis heute erhalten.
Nach mehreren Kriegen gegen die Germanen waren die Römer nur wenig weitergekommen. Zwar verfügten sie über einen respektablen Brückenkopf und damit auch über die heißen Quellen der Mattiaker, eines germanischen Stammes direkt gegenüber von Mainz, aber die Gefahr von germanischen Einfällen war nicht gebannt und eine neue rechtsrheinische Provinz schien in weite Ferne gerückt. Welche Gefahren an der Rheingrenze lauerten, mussten die Römer im Jahr 69 n. Chr. erfahren, als der niederrheinische Statthalter Vitellius gegen Kaiser Nero rebellierte. Mehrere germanische Stämme erhoben sich, darunter die Chatten, und belagerten Mainz. Zwar konnte der neue Kaiser Vespasian sein Legionslager retten, aber es wurde immer deutlicher, dass die Rheingrenze ohne starke Truppen nicht zu halten war. Um weiteren Angriffen zuvor zu kommen, entschloss sich Kaiser Domitian im Jahr 83 n. Chr. zum Angriff auf die Chatten, bei dem er die Wetterau in seinen Besitz bringen konnte.
Die Chatten waren keine bis an die Zähne bewaffneten Krieger, wie es Tacitus nahelegte, sondern eher schlecht ausgerüstete Bauern, die in offener Feldschlacht gegen die Römer keine Chance hatten. Sie versuchten es deshalb mit einer Art Guerillataktik. Sie griffen plötzlich aus dem Hinterhalt an, um genauso plötzlich wieder zu verschwinden. Den römischen Soldaten und ihren Hilfstruppen mangelte es dagegen an einer wirksamen Strategie. Hinzu kam, dass zu jener Zeit starke Truppenverbände in die südosteuropäische Provinz Moesia (heute Bulgarien) verlegt wurden, um die dort eingefallenen Daker abzuwehren. »An ein Weiterführen des Krieges gegen die Chatten war nicht mehr zu denken«, schreibt der frühere Leiter des Saalburgmuseums, Dietwulf Baatz: »Es trat ein historischer Wendepunkt ein: War bisher die Rheingrenze von größter militärischer Bedeutung für das Reich gewesen, so wurde von nun an die Donaugrenze zum neuen Schwerpunkt. Am Rhein musste sich der Kaiser mit einem enttäuschend geringen Gebietszuwachs begnügen.«12
Der Limes und die Saalburg
Vielleicht schon im Jahr 85 n. Chr., spätestens um 90 n. Chr. gründete Domitian die Provinz Germania Superior (Obergermanien) mit Mainz als Hauptstadt. Zum Schutz der neuen Provinz, die rechtsrheinisch den Taunuskamm, große Teile der Wetterau und das Gebiet zwischen Main und Neckar umfasste, ließ der Kaiser die Grenze mit Sichtschneisen und hölzernen Wachtürmen sichern. Erst in den folgenden Jahrzehnten wurde der Limes mit Palisaden aus Holzpfählen verstärkt, später kamen noch Wall und Graben hinzu. Trotzdem war der Limes, der sich vom Rhein an den Main zog und dann weiter in das Donaugebiet, nie eine Befestigung, die germanische Einfälle hätte abhalten können. Der Limes schützte die provinz-römische Bevölkerung vor räuberischen Übergriffen und regelte den Austausch mit den germanischen Gebieten. Eine militärisch strategische Funktion besaß der Limes somit nicht, obwohl in regelmäßigen Abständen kleine und größere Kastelle errichtet wurden, die eine militärische Besatzung aufwiesen. Das bekannteste Kastell in Hessen ist die Saalburg, die einer Kohorte, also bis zu 1000 Soldaten, Platz bot. Wie viele römische Überreste wurde auch die Saalburg später von der örtlichen Bevölkerung als Steinbruch genutzt. Der hessen-homburgische Regierungsrat Elias Neuhof schrieb 1777:

Der Haupteingang der Saalburg
»Eine andere Römische Schanze verdienet vorzüglich hier angemerkt zu werden. Sie hat den Namen Saalburg, und ist nicht weit von dem Weg, der von Homburg über das Gebürg nach Usingen gehet. Es ist ein großer viereckigter Platz, der mit einem tiefen Graben und Aufwurf umgeben, an dem Paß aber mit dergleichen doppelt verwahret und noch deutlich zu sehen ist. In den ältern Zeiten ist auch solcher mit einer Mauer eingeschlossen gewesen, da man aber in den neuern die Steine nach und nach aufgebrochen, und zu dem Herrschaftlichem Schloß- und reformirten Kirchenbau etc. beyfahren lassen.«13
Erst 1818 wurde die Steingewinnung verboten. Und 1870 begannen die Grabungen. Um die Jahrhundertwende engagierte sich dann Kaiser Wilhelm II. für die Idee, das Grenzkastell auf dem alten Grundriss neu zu errichten. 1907 wurde die Saalburg eingeweiht. Sie beherbergt heute eines der faszinierendsten (Freilicht-)Museen Deutschlands.
Der Obergermanisch-Raetische Limes, den die UNESCO 2005 zum Weltkulturerbe erklärt hat, schützte auf seinen 180 Kilometern über hessisches Gebiet drei römische Verwaltungseinheiten: die Civitas Mattiacorum mit Wiesbaden als Hauptort, die Civitas Auderiensium mit Dieburg als Mittelpunkt und die Civitas Taunensium um (Frankfurt-)Nida, wo jüngst ein 3000 Quadratmeter großer Tempelbezirk mit mindestens fünf Heiligtümern ausgegraben wurde. Offenbar verehrte man in Nida den Gott Jupiter Dolichenus. Darauf verweist zumindest eine kleine Adlerfigur mit Blitzbündel, die bei den Ausgrabungen in der Frankfurter Römerstadt gefunden wurde.
In dem weitgehend friedlichen 2. Jahrhundert wurde der rechtsrheinische Teil der Provinz Obergermanien zu einer kleinen multikulturellen Gesellschaft, in der römische Soldaten, Angehörige ihrer Hilfstruppen, aus Gallien eingewanderte Kelten und Germanen zusammenlebten. »Gleichzeitig florierten unter römischer Kontrolle Wirtschaft und Handel in beachtlichem Maß«, schreibt Margot Klee in ihrem Buch über den römischen Limes in Hessen. »Im Hinterland der Städte entstanden besonders in der Wetterau zahlreiche villae rusticae (Gutshöfe), deren Besitzer ihre Überschüsse an das Heer oder auf den Märkten der benachbarten Städte verkauften. Den zunehmenden Reichtum belegen immer luxuriöser ausgestattete Gebäude sowie die seit dem 2. Jahrhundert häufigeren Weihungen.«14
Die Römer ließen Straßen und Brücken bauen, legten Wasserleitungen an, führten zahlreiche Verbesserungen in der Landwirtschaft ein und verteilten großzügig ihr Bürgerrecht. Aber der Frieden war trügerisch. Denn das römische Weltreich war von allen Seiten bedroht und lähmte sich immer wieder selbst durch interne Machtkämpfe. Als im Jahr 233 n. Chr. Truppen aus Obergermanien abgezogen wurden, um sie an der östlichen Grenze gegen das erstarkende Sassanidenreich einzusetzen, nutzte der germanische Stammesverband der Alamannen die Gunst der Stunde, durchbrach den Obergermanisch-Raetischen Limes und überfiel römische Gebiete. Zu Beginn kam es offenbar zu mehreren solcher Überfälle (auch durch andere germanische Stammesgruppierungen wie den Franken). Die Entwicklung gipfelte schließlich in einem Vorstoß der Alamannen 259 n. Chr. nach Italien, wo sie 260 n. Chr. bei Mailand von Kaiser Gallienus geschlagen wurden. Ein weiterer Sieg bei Augsburg konnte jedoch nicht verhindern, dass der Obergermanisch-Raetische Limes in den folgenden Jahren aufgegeben werden musste und es zu einem allmählichen Rückzug der römischen Truppen auf die linksrheinischen Gebiete kam. Die Römer waren somit gezwungen, ihre Grenze an den Rhein zurück zu verlegen. Trotzdem blieben einzelne Brückenköpfe und vor allem Handelskontakte erhalten. So ließ Kaiser Konstantin zwischen 328 und 337 n. Chr. Granit aus dem Felsenmeer im Odenwald zum Bau seiner Basilika in Trier verwenden. Erst zu Beginn des 5. Jahrhunderts brach die römische Rheingrenze unter dem Ansturm verschiedener germanischer Stammesverbände zusammen, wobei der Übergang auf römisches Territorium am 31. Dezember 406 n. Chr. bei Mainz erfolgt sein soll. Der beginnenden germanischen Völkerwanderung war das wankende Weltreich nicht mehr gewachsen.
Alamannen und Franken
Trotz des Rückzugs der Römer wurde das Gebiet zwischen Obergermanisch-Raetischem Limes, Rhein und Donau erst nach und nach von den Alamannen besiedelt. Die alamannischen Stämme kannten keine einheitliche Führung. Vielmehr wurden sie von Königen regiert, die in Hessen zum Beispiel auf dem Dünsberg und auf dem Glauberg ihren Sitz hatten. Durch den Zusammenbruch der römischen Administration in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts gelang es diesen Fürsten, ihren Herrschaftsbereich bis in das Elsass und in die Nordschweiz ausdehnen, ehe sie selbst von einem mächtigeren Gegner verdrängt wurden.
Vom Niedergang Westroms hatten schließlich nicht nur die Alamannen profitiert, sondern auch andere germanische Stämme, die von den Römern als »franci« bezeichnet worden waren. Diese hatten zunächst zwischen dem Niederrhein und der Weser gesiedelt. Ebenso wie die Alamannen errichteten die Franken kleine, unabhängige Königreiche. Eines dieser Königreiche, das der Merowinger, konnte 486 n. Chr. unter ihrem König Chlodwig das Land zwischen Somme und Loire erobern und somit die letzten Reste römischer Herrschaft in Gallien beseitigen. Danach wandte sich Choldwig nach Osten und besiegte 496 n. Chr. die Alamannen in der Schlacht von Zülpich. In weiteren Schlachten eroberten die Franken in der Folge bis 506 n. Chr. die rechtsrheinischen Gebiete der ehemals römischen Provinz Obergermanien. Nur wenige Jahre nach der Schlacht von Zülpich ließ sich Chlodwig in Reims taufen und trat damit zum christlichen Glauben über. Auch damit wurde eine entscheidende Weiche für die spätere Entwicklung Hessens gestellt.
531 n. Chr. unterwarf Chlodwigs Sohn Theuderich I. die Thüringer, die den Nordosten Hessens bis dahin beherrscht hatten. Damit dürften auch die Chatten, sofern diese als Stammesverband noch existierten – seit dem 3. Jahrhundert gibt es keine namentliche Erwähnung mehr –, fränkische Untertanen geworden sein. Um die Mitte des 6. Jahrhunderts stand somit das ganze Gebiet des heutigen Hessens unter fränkischer Herrschaft.
Aber auch das Merowingerreich wurde von internen Machtkämpfen um die Herrschaft erschüttert. Immer wieder kam es zu Teilungen des Reichs unter den Nachkommen Chlodwigs und damit verbunden zu rivalisierenden Herrschaftsansprüchen, die häufig militärisch ausgetragen wurden. Eines dieser Herrschaftsgebiete war das östlich gelegene Teilkönigreich Austrien, zu dem auch die Gebiete Hessens zählten und aus dem später das ostfränkische Reich und in letzter Folge Deutschland hervorgehen sollte. Die ständigen internen Machtkämpfe schwächten die Dynastie der Merowinger zunehmend, wodurch seit dem späten 6. und frühen 7. Jahrhundert das Amt des Majordomus oder »Hausmeiers«, der die königlichen Güter verwaltete, immer mehr an Bedeutung gewann. Auf lange Sicht kam dies einer schleichenden Entmachtung der herrschenden Dynastie gleich, wohingegen die Hausmeier in den einzelnen Reichsteilen faktisch die Regierungsgeschäfte führten. Schließlich konnte sich der Hausmeier Austriens, Pippin der Mittlere, im Kampf um die Macht zum Ende des 7. Jahrhunderts durchsetzen, indem er das Amt des Hausmeiers von Austrien (seit 679 n. Chr.), Neustrien (688/689 n. Chr.) und Burgund (688 n. Chr.) in seiner Person vereinigte. Damit hatte er die Vormachtstellung seines Geschlechts, der späteren Karolinger, gesichert. Es sollte allerdings noch Jahrzehnte dauern, bis die Nachkommen Pippins die Königswürde erlangten. Erst 751 n. Chr. ließ Pippin der Jüngere mit Rückendeckung von Papst Zacharias den letzten merowingischen König Chilperich III. auf einer Reichsversammlung der Großen des Frankenreichs absetzen, schickte ihn und dessen Sohn ins Kloster und wurde selbst zum König des Frankenreichs ausgerufen.
Bonifatius – der Apostel der Deutschen
Gegen Ende des 7. Jahrhunderts war dem fränkischen Hessen eine neue Bedrohung erwachsen. Um 690 hatten die benachbarten Sachsen das Diemelgebiet unter ihre Kontrolle gebracht und unternahmen immer wieder Vorstöße in das östliche Grenzland des Frankenreichs. Der schmalen fränkischen Oberschicht fiel es zu, die Angriffe abzuwehren und die Herrschaftsstrukturen zu festigen. Dazu bot sich u. a. der christliche Glaube als einigendes Band an. Zwar missionierten die Bischöfe von Worms, Mainz und Trier schon länger in den Gebieten östlich des Rheins, dennoch hing die Bevölkerung in weiten Teilen ihren überkommenen nicht-christlichen Bräuchen weiterhin an.
Die entscheidende Wende brachte ein angelsächsischer Missionar, der zwischen 672 und 675 im englischen Wessex geboren worden war. Ursprünglich hieß er Winfried oder Winfryth. 719 erhielt er von Papst Gregor II. jedoch den Namen Bonifatius und den Auftrag, unter den Franken zu missionieren. Bonifatius erkannte schnell, dass es mit der fränkischen Kirchenorganisation nicht zum Besten stand. Hier setzten seine Reformbemühungen an. Und er hatte noch ein weiteres, sehr viel größeres Ziel. Er wollte zum erfolgreichen Mittler zwischen dem Papst und dem fränkischen Königtum werden. Das ist ihm zwar gelungen, aber doch auf andere Weise, als er es sich erhofft hatte. So verfolgte er mit Argwohn am Ende seines Lebens, wie der Papst den Staatsstreich von Pippin dem Jüngeren seinen kirchlichen Segen erteilte.

Bonifatius beim Fällen der Donareiche
721 war Bonifatius nach Hessen gekommen und hatte seine Missionstätigkeit in der fränkischen Festung Amöneburg begonnen. 723 fällte er die dem Gott Donar geweihte Eiche bei Geismar. Ob er das selbst getan hat oder ob er fällen ließ, spielt dabei keine Rolle. Wichtiger ist, dass eine fränkische Garnison bereitstand, um ihn notfalls zu schützen. Aus dem Holz der Eiche ließ er im nahen Fritzlar eine kleine Kirche bauen. 725 dehnte er seine Missionstätigkeit auch auf das benachbarte Thüringen aus. 732 wurde er zum Erzbischof ernannt und durfte nun selbst Bischöfe weihen und Bistümer einrichten. Als Sitz seines ersten Bistums in Hessen wählte er 741 die fränkische Festung Büraburg, ganz in der Nähe des Ortes, an dem er die Donareiche gefällt hatte.
Sein Versuch, die östlichen Bistümer in einer Kirchenprovinz unter seiner Leitung zusammenzufassen, scheiterte allerdings. Bonifatius wurde mit dem Titel eines »päpstlichen Legaten für das deutsche Missionsgebiet« und dem Bistum Mainz abgefunden, in das er Büraburg eingliederte. Im hohen Alter von etwa 80 Jahren brach er noch einmal auf eine Missionsreise zu den Friesen auf. In Dokkum wurde er am 5. Juni 754 gemeinsam mit seinen Gefährten von Friesen überfallen und erschlagen, die gemäß neueren Untersuchungen wohl den alten nicht-christlichen Kulten anhingen. Die Angreifer wussten demnach, mit wem sie es zu tun hatten. Ein gezieltes Attentat erscheint somit wahrscheinlich. Der besondere Wunsch von Bonifatius war es gewesen, in seinem Lieblingskloster Fulda begraben zu werden. So geschah es auch. Sein Schüler Sturmius hatte das Kloster 744 in einer »Einöde von ungeheurer Weltverlassenheit« gegründet, wie Bonifatius 751 an Papst Zacharias schrieb. So weltverlassen war der Ort allerdings nicht gewesen, denn er lag an einer wichtigen Wegkreuzung. Archäologische Untersuchungen zeigten, dass dort vorher eine stattliche merowingische Hofanlage gestanden hatte. Nachfolger von Bonifatius auf dem Mainzer Bischofsstuhl wurde sein Schüler und Landsmann Lull, der um 770 in Hersfeld ein weiteres Kloster gründete, weil ihm der Zugriff auf Fulda versagt blieb.

Das Grab des Bonifatius im Fuldaer Dom
Die Klöster Fulda und Lorsch
Die rasch einsetzende Bonifatius-Verehrung machte Fulda zu einem besonders attraktiven Kloster, das bald 600 Mönche zählte. Bereits vier Jahre nach der Gründung, 748, war eine Klosterschule eingerichtet worden, an der unter anderen der spätere Biograf Karls des Großen, Einhard, seine Erziehung erhielt. Der 780 in Mainz geborene Universalgelehrte Rabanus Maurus machte sie Anfang des 9. Jahrhunderts zum kulturellen Zentrum des fränkischen Reichs. Vor allem in seiner Zeit als Fuldaer Abt (822 bis 842) zog das Kloster bedeutende Schüler an.
»So ist Fulda die geistige Heimat zweier der bedeutendsten Männer der Jahrhundertmitte, des besten Lateiners seiner Zeit, Walahfrid Strabo von der Reichenau, und des bedeutsamsten deutschen Dichters, Otfried von Weißenburg. So knüpfen die drei großen Werke der mittleren Karolingerzeit: Tatian, Heliand, Otfrieds Evangeliengedicht an Fulda an. Sie bezeugen die Mittelstellung Fuldas im geistigen Getriebe des 9. Jahrhunderts. In neuer Weise war so das Kloster seiner alten Pflicht treu geblieben, Kreuzungspunkt zu sein für die Wege von Westen nach Nordosten und Südosten.«15
Von herausragender Bedeutung war das Kloster auch deshalb, weil in seinem Skriptorium wichtige Werke von der Antike bis zur damaligen Gegenwart kopiert wurden. Auf diese Weise ist auch die Germania des Tacitus und ein Fragment des ältesten germanischen Heldenliedes, des Hildebrandslieds, überliefert worden. Die Fuldaer Klosterschule konnte lange ihre Bedeutung wahren. Noch Ulrich von Hutten wurde dort unterrichtet.
Ein ebenso bedeutendes geistiges Zentrum wie Fulda war das Kloster Lorsch, von dem heute noch die so genannte Königshalle oder Torhalle zeugt. Auch das ehemalige Klosterarreal gehört heute, wie der Obergermanisch-Raetische Limes, zum Weltkulturerbe. Gestiftet wurde das Kloster um 764 von Cancor, einem Grafen im Oberrheingau aus dem Adelsgeschlecht der Robertiner. 772 übertrug die Familie das Kloster an Karl den Großen und damit an den Sohn und Nachfolger Pippins. Der Frankenherrscher revanchierte sich und erhob Lorsch, wie wenig später auch Fulda, zur Reichsabtei. Mit den Klöstern, die unter seinem Schutz standen, schuf sich Karl der Große an wichtigen Orten seines Reiches neben den Pfalzen weitere Zentren weltlicher und geistlicher Macht. Karl der Große hielt sich gern in Lorsch auf, ebenso wie in seiner Pfalz in Ingelheim oder in Frankfurt.
Zu den Aufgaben des Klosters zählten: »der Gebetsdienst für den Herrscher, die Dynastie und das Reich, jährliche Abgaben und – was uns Heutigen zu Recht fremd anmutet – die Gewährleistung militärischer Dienste. Zwei weitere Aufgaben treten hinzu: Erschließung und Kultivierung neuer Siedlungsräume im nahegelegenen Odenwald […] und schließlich eine Aufgabe, die uns erst durch die jüngere Forschung immer deutlicher vor Augen tritt: die Rolle Lorschs als eines Zentrums der Verdichtung und der Vermittlung von Wissen«16. Dazu diente auch, wie in Fulda, das Skriptorium, in dem Handschriften von antiken Autoren kopiert wurden.
Von besonderer Bedeutung für Lorsch waren die reichen Schenkungen, die das Kloster zu einem der größten rechtsrheinischen Grundbesitzer machte. So übereignete Einhard, der als Laienabt sieben Klöstern vorstand, 819 die Mark Michelstadt der Reichsabtei.
Einhard war um 770 in Mainfranken geboren worden. Für die Jahre 788 bis 791 ist belegt, dass er im Kloster Fulda Urkunden kopierte. Dabei fiel er als so begabt auf, dass ihn der Abt Baugulf nach Aachen an den Kaiserhof schickte. Damit begann sein steiler Aufstieg bis zum engsten Berater Karls des Großen. 815 schenkte ihm der Kaiser die Güter Michelstadt und Mühlheim, das spätere Seligenstadt. An beiden Orten erbaute Einhard eindrucksvolle Kirchen, für die er auf abenteuerliche Weise Reliquien aus Rom beschaffen ließ. 830 zog er sich vom Hof zurück und starb am 14. März 840 als Abt des von ihm gegründeten Klosters Seligenstadt. Einhard verdanken wir vor allem eine Lebensbeschreibung Karls des Großen, die Vita Karoli Magni, ein Werk, so der Einhard-Kenner Josef Fleckenstein »das nach Form und Gehalt vom antiken Erbe zehrt, ein Zeugnis der Bildungsbemühungen des Karlshofes, das die Geschichtsschreibung der Zeit auf eine neue, höhere Stufe hebt. Wir sehen noch heute Karl den Großen, den schon seine Zeitgenossen ›Vater Europas‹ nannten, mit den Augen Einhards«17.
Robertiner und Konradiner
Die Robertiner sind uns bereits begegnet als Gründer des Klosters Lorsch. Sie waren ein mächtiges Adelsgeschlecht, das aus dem westlichen Franken stammte, aber in Südhessen, in der Wetterau und an der Lahn Ländereien besaß. In den Machtkämpfen nach dem Tod Kaiser Ludwigs des Frommen, des Sohns Karls des Großen, im Jahr 840 hatten sie wenig Glück. Nach den langwierigen Auseinandersetzungen unter den Söhnen des verstorbenen Herrschers wurde 843 im Vertrag von Verdun das fränkische Reich geteilt. Ludwig der Deutsche, der Enkel Karls des Großen, erhielt dabei das Ostreich mit Frankfurt als zentralem Ort. Die Robertiner, die sich während der Auseinandersetzungen gegen Ludwig gestellt hatten, verloren darauf ihren Besitz in Hessen. In die Nachfolge der Robertiner traten die Konradiner, deren Kernland um Limburg, Weilburg und Wetzlar lag. Als im Kampf mit den sächsischen Liudolfingern 892 der ostfränkische König Arnulf von Kärnten, ein Enkel Ludwigs des Deutschen, die Oberhand behielt, mussten die Sachsen das Herzogtum Thüringen an die Konradiner abtreten, die nun zu den führenden Geschlechtern des Ostreichs zählten. Welchen Rang sie unterdessen einnahmen, wurde 911 nach dem Tod des gerade achtzehnjährigen Königs Ludwig deutlich, des letzten Karolingers auf dem ostfränkischen Thron. Mit Unterstützung des ihm wohl gesonnenen Mainzer Erzbischofs Hatto wurde der Konradiner Konrad I. zum König gewählt. Dennoch gelang es dem neuen Herrscher nicht, sich im Reich durchzusetzen. Besonders die Sachsen machten ihm das Leben schwer. Schon nach sieben Jahren starb er. Zuvor aber hatte er einen bemerkenswerten Schritt unternommen – wenn man dem sächsischen Geschichtsschreiber Widukind von Corvey glaubt. Auf dem Sterbebett nämlich soll er nicht seinem Bruder die Nachfolge angeboten haben, sondern seinem ärgsten Feind, dem Sachsen Heinrich:
»Wir können Bruder, Truppen und Heere aufbieten und anführen, wir haben Burgen und Waffen nebst den königlichen Insignien und alles, was die königliche Würde erheischt; nur kein Glück und keine Eignung. Das Glück, mein Bruder, samt der herrlichsten Befähigung ist Heinrich zuteilgeworden, die Entscheidung über das Gemeinwesen liegt in der Sachsen Hand. Nimm darum diese Abzeichen, die heilige Lanze, die goldenen Spangen, nebst dem Mantel, das Schwert und die Krone des alten Königs, gehe hin zu Heinrich und mache Friede mit ihm, damit du an ihm für immer einen Verbündeten hast. Denn warum soll das Frankenvolk samt dir vor Heinrich hinsinken? Er wird in Wahrheit König sein und Befehlshaber zahlreicher Heeresaufgebote.«18
Es gibt berechtigte Zweifel, dass sich der Machtwechsel von den Konradinern zu den Sachsen so vollzogen hat. Möglicherweise war es bereits drei Jahre vor dem Tod des Königs zu einer Vereinbarung über die Nachfolge im Reich zwischen Konrad I. und Heinrich, dem Herzog von Sachsen, gekommen. König Konrad I. ist 918 wahrscheinlich in Fulda beigesetzt worden. Dafür spricht ein Eintrag in der Weltchronik des Mönchs Marianus Scotus, der von 1058 bis 1069 im Fuldaer Kloster lebte. König Konrad sei »im Kloster Fulda, beim Kreuzaltar bestattet«19.
Tatsächlich wurde der Sachse Heinrich 919 in Fritzlar als Heinrich I. zum deutschen König erhoben. Die Pfalz in Fritzlar war zu dieser Zeit einer der wichtigsten Aufenthaltsorte deutscher Könige und Kaiser in Nordhessen. Bis weit in das 11. Jahrhundert hinein fanden dort bedeutende Reichs- und Fürstentage, Kirchenversammlungen und Synoden statt.
Wie sein Bruder es gewünscht hatte, standen Heinrich I. und Eberhard, Konrads Bruder und dessen Nachfolger als Herzog der Franken, loyal zueinander. Der Zusammenhalt zeigte sich auch darin, dass 926 der König den Konradiner Hermann zum Herzog von Schwaben erhob.
Die Heilige Elisabeth
Das ostfränkische und später Heilige Römische Reich (Deutscher Nation) war in viele kleine Grafschaften aufgeteilt, die von einer adligen Oberschicht beherrscht wurden. Diese führenden Familien wiederum heirateten untereinander, sodass sich vielfältige verwandtschaftliche Beziehungen ergaben. Durch Erbfälle konnten sich so bei einzelnen Adelssippen erheblicher Grundbesitz ansammeln. Ein Beispiel dafür sind die Thüringer Grafen, die im 12. Jahrhundert durch geschickte Heiratspolitik und glückliche Erbschaften nicht nur über ihr Stammland, sondern auch fast über das gesamte nördliche Hessen regierten. Seit 1130 durften sie den Titel »Landgraf« tragen.
Ihre härtesten Konkurrenten waren die Mainzer Erzbischöfe, die als Erzkanzler eine ganz besondere Stellung im Reich einnahmen. Der Konflikt zwischen Mainz und Thüringen (später Hessen) bestimmte die Geschichte (Nord-)Hessens über Jahrhunderte.
Die Thüringer Landgrafen, zu deren Besitz auch Kassel und Marburg gehörten, regierten von der Wartburg aus. Dort hatte Hermann I. einen Musenhof mit weiter Ausstrahlung begründet. Die Bedeutung der Thüringer war so gewachsen, dass der Landgraf erfolgreich für seinen Sohn um die ungarische Königstochter Elisabeth werben konnte. Bereits mit vier Jahren wurde Elisabeth zunächst seinem ältesten Sohn versprochen und nach dessen Tod dem designierten Thronfolger Ludwig. 1221 und damit im Alter von 14 Jahren heiratete Elisabeth den seit 1217 regierenden Landgrafen Ludwig IV., der nur sieben Jahre älter war als sie. In kurzen Abständen gebar sie drei Kinder, ehe Ludwig im September 1227, während der Vorbereitungen zum Kreuzzug Kaiser Friedrichs II., im Feldlager in Otranto einer Fiebererkrankung erlag.
Elisabeth war tief geprägt von den Armuts- und Barmherzigkeitsgedanken des gerade heiliggesprochenen Franz von Assisi. Schon nach der Geburt ihres ersten Kindes wandte sie sich von den höfischen Idealen ab und suchte Erfüllung in Buße, Bedürfnislosigkeit und Dienst am Nächsten. Unterstützt wurde sie dabei von einem der einflussreichsten Kleriker ihrer Zeit, dem Kreuzzugs- und Ketzerprediger Konrad von Marburg. Er vermittelte ihr seine sozialrevolutionären Ideen, die sich gegen die Verschwendungssucht des höfischen Lebens wandten und die Ausbeutung der Landbevölkerung anprangerten. Unter seinen wachsamen und strengen Augen wurde Elisabeth zu religiöser Inbrunst angehalten, der sie sich ganz hingab.
Noch zu Lebzeiten ihres Mannes widmete sie sich daher den Armen, pflegte Kranke und ließ in der großen Hungersnot 1226 Brot verteilen.
»Die Entscheidung der jungen Landgräfin, sich den Zielen des Franziskus anzuschließen, ist vor dem Hintergrund (des) allgemeinen religiösen Aufbruchs zu sehen. Sie fügt sich voll in vergleichbare Lebensentscheidungen zahlreicher anderer Frauen und Männer zu Beginn des 13. Jahrhunderts, die aus ihren adeligen oder bürgerlichen Lebensformen ausbrachen und ein religiöses Leben in Buße, Armut und Selbsterniedrigung anstrebten.
Dennoch stellt der Schritt Elisabeths einen Sonderfall dar. Keine andere Persönlichkeit vergleichbar hohen Ranges hatte sich bisher so rückhaltlos wie Elisabeth den Impulsen der religiösen Armutsbewegung geöffnet und sich damit einem so extremen Kontrast zwischen höchstem sozialen Stand und wörtlich begriffener Nachfolge Christi ausgesetzt.«20

Die älteste Darstellung der Heiligen Elisabeth auf einem Fenster der Marburger Elisabethkirche aus dem Jahr 1240
Nach dem Tod ihres Mannes setzte der Papst Konrad von Marburg als weltlichen und geistlichen Vormund für Elisabeth ein. Sie ging nach Marburg und gründete dort ein Hospital, in dem sie mit eigener Hand die Elendsten und Ärmsten versorgte. Für keinen noch so niedrigen Dienst war sie sich zu schade. Als sie am 17. November 1231 im Alter von nur 24 Jahren starb, wurde sie bereits wie eine Heilige verehrt. Drei Tage lang soll ihr Körper allen preisgegeben worden sein, die sich Reliquien davon abtrennen wollten. Die Elisabeth-Verehrung war so groß, dass der Deutsche Orden die Gunst der Stunde nutzte und als Grabstätte die Elisabethkirche errichten ließ, wo ihre Reliquien in einem goldenen Schrein aufbewahrt wurden. Schon 1235, also nur vier Jahre nach ihrem Tod, wurde Elisabeth von Papst Gregor IX. heiliggesprochen. Neben dem Deutschen Orden und der Kirche nutzte auch ihre Tochter Sophie von Brabant die Popularität Elisabeths. Als 1247 das thüringische Landgrafenhaus erloschen war, setzte sie ihren Sohn Heinrich, den Enkel Elisabeths, als Erben durch.
1Lutz Fiedler: Die Alt- und Mittelsteinzeit. In: Fritz-Rudolf Herrmann/Albrecht Jockenhövel (Hrsg.): Die Vorgeschichte Hessens. Stuttgart 1990, S. 70.
2Ebenda S. 110.
3Rolf Gensen: Von den eiszeitlichen Mammutjägern zu den ersten Hessen. In: Uwe Schultz (Hrsg.): Die Geschichte Hessens. Stuttgart 1983, S. 12 f.
4Jens Lüning: Eine Weltpremiere: Kleider machen Leute – Kopfputz, Hüte und Schmuck ebenfalls. Einleitung: Wie kann man das heute noch wissen? In: Ders. (Hrsg.): Die Bandkeramiker. Erste Steinzeitbauern in Deutschland. Rahden 22012, S. 216-218.
5Albrecht Jockenhövel: Die Bronzezeit. In: Herrmann/Jockenhövel (Hrsg.), a. a. O., S. 195 f.
6Fritz-Rudolf Herrmann: Der Glauberg und die Kelten. In: Bernd Heidenreich/Klaus Böhme (Hrsg.): Hessen. Geschichte und Politik. Stuttgart 2000, S. 17.
7Fritz-Rudolf Herrmann: Der Glauberg. Fürstensitz, Fürstengräber und Heiligtum. In: Das Rätsel der Kelten vom Glauberg. (Ausstellungskatalog) Stuttgart 2002, S. 107.
8Albrecht Jockenhövel: Frühe Germanen in Hessen. In: Herrmann/Jockenhövel (Hrsg.), a. a. O., S. 296.
9P. Cornelius Tacitus: Germania. Bericht über Germanien. Übersetzt von Josef Lindauer. München 1977, S. 47-49.
10Jürgen Kneipp/Matthias Seidel: Die Chatten. Ein germanischer Stamm im Spiegel der archäologischen Funde. In: Dorothea Rohde/Helmuth Schneider (Hrsg.): Hessen in der Antike. Die Chatten im Zeitalter der Römer bis zur Alltagskultur der Gegenwart. Kassel 2006, S. 67.
11Gabriele Rasbach: Hassia est divida in partes tres. In: Archäologie in Deutschland 1/2016, S. 31.
12Dietwulf Baatz: Die Römer, Eroberer und Lehrmeister. In: Uwe Schultz (Hrsg.), a. a. O., S. 29.
13Elias Neuhof: Nachricht von den Alterthümern in der Gegend und auf dem Gebürge bey Homburg vor der Höhe. Hanau 1777, S. 8 f.
14Margot Klee: Der römische Limes in Hessen. Regensburg 2009, S. 28.
15Helmut de Boor: Die deutsche Literatur von Karl dem Großen bis zum Beginn der höfischen Dichtung. München, 8. Auflage o. J., S. 44 f.
16Hermann Schefers; Lorsch und die Karolinger. In: Heidenreich/Böhme (Hrsg.), a. a. O., S. 52.
17Josef Fleckenstein: Einhard. In: Hans Sarkowicz/Ulrich Sonnenschein (Hrsg.): Die großen Hessen. Frankfurt am Main/Leipzig 1996, S. 20.
18Widukind von Corvey, zit. n. Gerd Althoff: Die Wetterau und die Konradiner. In: Heidenreich/Böhme (Hrsg.), a. a. O., S. 72.
19Zit. n. Gregor K. Stasch: Einleitung. In: Ders./Frank Verse: König Konrad I. Herrschaft und Alltag. Fulda 2011, S. 9.
20Matthias Werner: Hinwendung zur religiösen Armutsbewegung. in: Dieter Blume/Matthias Werner (Hrsg.): Elisabeth von Thüringen – Eine europäische Heilige. (Katalog) Petersberg 2007, S. 102.
Von der Gründung Hessens bis zum Ende des Alten Reichs

Die Stauferherrschaft im Reich neigte sich mit Kaiser Friedrich II., der von 1215 bis zu seinem Tod im Jahre 1250 regierte, dem Ende zu. 1227 war der thüringische Landgraf Ludwig IV., der Friedrich auf seinem Kreuzzug ins Heilige Land begleitete und von diesem 1226 zum Marschall ernannt worden war, im Feldlager in Otranto, noch vor der Verschiffung des Kreuzzugheeres nach Palästina umgekommen.Friedrich hatte daraufhin wahrscheinlich im Jahre 1231 Ludwigs beiden jüngeren Brüdern das so genannte Reichslehen zu gesamter Hand verliehen, obwohl es eigentlich dem älteren zugestanden hätte. Bereits damit war abzusehen, dass Thüringen und die hessischen Gebiete künftig getrennt regiert würden, denn der ältere der beiden, der Ludowinger Heinrich Raspe IV., richtete sein Augenmerk vorwiegend auf Thüringen, während Konrad, der jüngere, in den hessischen Regionen die Herrschaft ausübte. Die Spannungen zwischen den beiden Teilen sollten lange anhalten.
Konrad widmete sich einer schwierigen und schon lange bestehenden Aufgabe, dem Kampf mit dem Erzstift Mainz um die Landeshoheit in Hessen. 1232 eroberte und zerstörte er das zum Erzstift gehörende Fritzlar. Zwei Jahre später trat er in den Deutschen Orden ein, und Hermann II., ein Sohn der heiligen Elisabeth, übernahm die Regierung der im hessischen Raum gelegenen ludowingischen Besitzungen. Er blieb dabei allerdings, wie sein Onkel Heinrich Raspe IV., Landgraf von Thüringen und Pfalzgraf von Sachsen und nannte sich jetzt »jüngerer Landgraf von Thüringen, Graf von Hessen, Herr des Landes an der Leine«.
Sein Onkel Konrad machte inzwischen in Marburg beim traditionsreichen Deutschen Orden Karriere. Von 1234 bis zu seinem Tod im Jahre 1240 war er dort Ordenshochmeister. Dieser Umstand ist deshalb von Bedeutung, weil der Orden im Marburg der Heiligen Elisabeth hohes Prestige erworben hatte und später, bei der Regelung der Herrschaft über das hessische Gebiet, eine große Rolle spielen sollte. In diesen Zeiten waren Macht und Herrschaft keine unumstößlichen Konstanten. Sie gingen in den Kämpfen und Kriegen ständig von einem Herrscher zum anderen über, und kaum hatten sich die Untertanen an einen Landgrafen, einen Fürsten, an ein Herrscherhaus gewöhnt, war auch schon wieder ein anderer an der Macht. Unter solchen Umständen kam einer vergleichsweise festen Größe wie dem Deutschen Orden große Bedeutung zu. Das Mainzer Erzstift war seinerseits ständig bemüht, die versprengten Besitztümer in Hessen zu einem geschlossenen Gebiet zusammenzufassen und setzte dabei auf Heinrich Raspe IV. Nachdem Hermann II. gestorben war, rief der kriegerische Mainzer Erzbischof Siegfried III. von Eppstein zusammen mit den Erzbischöfen von Trier und Köln sowie den Grafen aus der Wetterau 1246 den thüringischen Herrscher zum Gegenkönig aus. An dieser Stelle zeigte sich, wie wenig es bedeuten konnte, wenn zwei Herrscher ein und derselben Familie entstammten. Hatte Heinrichs Bruder Konrad noch aktiv Partei gegen den Mainzer Bischof ergriffen, nutzte nun Heinrich seinerseits die sich bietende Gelegenheit.
Allerdings starb der designierte Gegenkönig, trotz seines Siegs in der Schlacht von Nidda gegen Konrad IV., den Sohn Kaiser Friedrichs II., schon neun Monate nach seiner Ernennung am 16. Februar 1247 an den Folgen einer Verletzung. Was zählte es da noch, dass der Kaiser ihm das Reichslehen zuerkannt hatte? Solche Schlachten, Bündnisse, Frontwechsel und Bruderkriege, gewürzt mit Verrat und Hinterlist, waren damals die Regel in der Politik, und beim Zustandekommen des Landes Hessen im 13. Jahrhundert gab es davon reichlich. Im Vordergrund stand immer das Interesse, sich möglichst viele Besitztümer zu verschaffen, um aus dem Flickenteppich einer Landgrafschaft, eines Erzbistums, eines Fürstentums oder auch eines Königreichs ein einheitliches Gebilde entstehen zu lassen.
Nach dem Tod Heinrich Raspes IV., des Landgrafen von Thüringen und »Herren des Landes Hessen« – gelegentlich auch unberechtigterweise »Fürst« genannt –, war das Geschlecht der Ludowinger »im Mannesstamm erloschen«, denn er hinterließ keinen Sohn. Gemäß der strengen Erbfolgeregelungen hatte es sich damit für diese Familie erst einmal ausregiert.
Sophie von Brabant und die Gründung Hessens
Nach dem Tod des Stauferkaisers Friedrich II. im Jahr 1250 entstand ein Machtvakuum im Reich, das auch als Interregnum bezeichnet wird. Das gleiche Problem stellte sich bei der Herrschaftsfolge in den ehemaligen hessisch-thüringischen Besitzung der Ludowinger. Wer sollte, wer konnte nun auf der Wartburg und in Marburg regieren, wo nach der Heiligsprechung von Elisabeth ein zweites, immer bedeutenderes Zentrum im Entstehen war? Die größten Chancen rechnete sich der wettinische Markgraf Heinrich der Erleuchtete von Meißen aus. Er war der Neffe von Heinrich Raspe IV. und Sohn einer Ludowingerin. Zudem hatte ihm der Kaiser schon 1243 die Lehnsnachfolge in Thüringen zugesagt. Aber auch dem Mainzer Erzbischof Siegfried III. von Eppstein wäre diese Herrschaft sehr gelegen gekommen.
In dieser gespannten Situation rückte Heinrich von Brabant und Lothringen im Mai 1247 mit bewaffnetem Gefolge in Marburg ein, um das Land für seine Frau, Sophie von Brabant, und den dreijährigen Sohn Heinrich in Besitz zu nehmen – ein Familiendrama, denn Sophie war die Tochter der Heiligen Elisabeth, Schwester des Landgrafen Hermann II. und Cousine des Markgrafen Heinrich von Meißen. Also fühlte sie sich mehrfach berechtigt, auf ihrem Herrschaftsanspruch zu bestehen.
Gleich fügte sie sich geschickt ins diplomatische Gewerbe. Ihrem Vetter, dem Landgrafen Heinrich von Meißen, überließ sie die ludowingischen Gebiete in Thüringen und Sachsen. Sie selbst, die nun 24 Jahre alt war, wollte im Schutz ihres Gemahls und im Namen ihres kleinen Sohnes Heinrich die Herrschaft in Hessen ausüben. Wenn ein Geschlecht »im Stamm erloschen ist«, muss man es eben nur schnell, entschieden und skrupellos genug an einem anderen Zweig wieder »entfachen«.
Ihr Mann, Herzog Heinrich von Brabant, starb überraschend am 1. Februar 1248. Nun hing alles von Sophie ab. In der Geschichtsschreibung wird sie als »tatkräftig, kühn und ausdauernd«1 porträtiert. In tiefem Verständnis für symbolische Handlungen präsentierte sie, der Legende nach, öffentlich ihr Kind am Marburger Marktbrunnen den Rittern und Bürgern, den nun knapp vierjährigen Heinrich, Enkel der Heiligen Elisabeth, die mittlerweile weit über die Grenzen der Stadt hinaus verehrt wurde. Gleich nach dem Tod ihres Mannes, am 25. März 1248, erhob sie ihn, den man »das Kind von Hessen« nennen wird, zum künftigen Herrn eines unabhängigen hessischen Herrschaftsbereiches. Auf einem »gemeinen Landtag« einigten sich die Ritter, Grafen, Edel- und Amtsleute mit den Vertretern der Städte des Landes darauf, dass dieser Heinrich »der rechte und wahre Erbe und natürliche Herr des Landes« sein oder doch jedenfalls werden sollte.
Ohne den Rückhalt durch den Deutschen Orden, der erfolgreich von der Verehrung der Heiligen Elisabeth zehrte, wäre dieser Coup wohl kaum möglich gewesen. Die persönliche Autorität des Ordenshochmeisters Konrad, Onkel von Hermann II., mag dazu beigetragen haben. Es hatte sich aber auch gezeigt, dass der »gemeine Landtag«, also die Vertretung von Körperschaften, die nicht den regierenden Familien angehörten, an der politischen Willensbildung durchaus beteiligt war. Ein Landgraf oder Fürst konnte zu dieser Zeit nicht mehr ohne Rücksicht auf die Städte und Stände regieren, sondern er musste seine Herrschaft im Bündnis mit anderen Mächten und möglichst im Konsens mit den einflussreicheren Untertanen legitimieren und absichern.
Anfang 1248 wurde also Heinrich, das »Kind von Hessen«, der Enkel der Heiligen Elisabeth, zum neuen Herrn Hessens ausgerufen. Seine tatsächliche Herrschaft war dadurch aber noch keineswegs gesichert, und der hessisch-thüringische Erbfolgekrieg ging in die nächste Runde.
Im März 1250 erreichte Sophie von Brabant nach längeren Kämpfen die Zustimmung des Meißner Markgrafen zur Abtrennung Hessens vom thüringischen Erbe. Sie verzichtete dafür auf alle Ansprüche auf die Wartburg. 1263 überließ der Erzbischof von Mainz, Werner von Eppstein, nach der militärischen Niederlage seiner Truppen dem mittlerweile für mündig erklärten Landgrafen Heinrich I. die Verfügungsgewalt über die umstrittenen mainzischen Lehen in Hessen. Ein Jahr später kam es schließlich auch zum Friedensschluss mit dem Meißner Markgrafen, nachdem dieser die wichtigen Werrastädte Allendorf, Eschwege, Sontra und Witzenhausen an Hessen abgetreten hatte. Jetzt endlich konnte Sophie die alleinige Regierungsgewalt auf ihren Sohn Heinrich übertragen. Als Heinrich I. wurde er Landgraf des neu begründeten Landgrafenhauses Hessen. Es fehlte ihm nun nur noch die offizielle Fürstenwürde, bis ihn der neu gewählte König Adolf von Nassau am 11. Mai 1292 endlich in den Reichsfürstenstand erhob. Dadurch wurde Hessen zum Reichsfürstentum.
Eben jener Adolf von Nassau, der nur sechs Jahre lang König war und dieses Amt einer Intrige des Mainzer Erzbischofs und des Königs von Böhmen verdankte, galt zwar lange Zeit aus Sicht der Historiker als einer der schwächsten deutschen Könige, doch wie er Heinrich I. zum Fürsten machte, ist ein starkes Stück. Der Landgraf vermachte nämlich kurzfristig die Stadt Eschwege und die prächtige Boyneburg dem König, der beide sogleich als Reichsfürstenlehen an Heinrich zurückgab; denn nur durch ein feierlich übergebenes Lehen konnte ein Landgraf zum Fürsten befördert werden. Herzogin Sophie von Brabant starb am 29. Mai 1275 mit 51 Jahren in Marburg, ihr Sohn, Landgraf Heinrich I. von Hessen, am 21. Dezember 1308 ebenfalls in Marburg.

Die (heutige) Kapelle auf dem Büraberg bei Fritzlar
Das Erzbistum Mainz und sein Verhältnis zu Hessen
Das Verhältnis des Erzbistums Mainz zu Hessen hat das Schicksal des Landes seit seiner Gründung bis zur Reformation entscheidend mitgeprägt. Das lag an seiner Größe und Bedeutung, an seiner unmittelbaren Nähe zu Hessen sowie an seinen über das hessische Territorium versprengten Besitztümern. Das um 550 n. Chr. zum ersten Mal bezeugte Bistum wurde im 8. Jahrhundert einer großen christlichen Gründergestalt zugewiesen, dem zum Erzbischof erhobenen Missionar Bonifatius. Dadurch gelangten dessen Missionsbistümer Büraberg bei Fritzlar und Erfurt in Thüringen zum Mainzer Kirchensprengel.
Unter seinem Nachfolger Lullus wurde Mainz durch Papst Hadrian I. unter ungeklärten Umständen zum Erzbistum erhoben und entwickelte sich im 9. und 10. Jahrhundert zu einer gewaltigen Kirchenprovinz, der größten nach dem römischen Kirchenstaat.
Macht und Einfluss des Mainzer Erzbischofs beschränkten sich dabei keineswegs auf die kirchlichen Belange. Eine dauerhafte Verbindung mit dem Reich wurde schon dadurch hergestellt, dass das Erzkanzleramt mit dem Mainzer Erzstuhl verbunden war. Im Jahre 975 bekam der Erzbischof vom Papst sogar das Recht der Königsweihe, das dann allerdings 1054 auf den Kölner Erzbischof überging. Bis dahin aber hatte man sich im Reich einen enormen Einfluss gesichert. Die Erzbischöfe waren jahrhundertelang nicht nur oberste Geistliche und führende Fürsten im Reich, Mainz war auch eine sehr bedeutende Territorialmacht geworden. Geschickt und von christlicher Moral in keiner Weise getrübt, war die geistliche Stellung stets dazu benutzt worden, die weltliche Macht zu mehren. Unter Kaiser Otto I. wurde dem Erzbischof zusätzlich die Stellung eines reichsunmittelbaren Fürsten verliehen.
Leicht begreift man, dass die ausgedehnten Mainzer Besitzungen in Hessen den dortigen Grafenhäusern das Leben schwermachten. Der enorme Druck auf die hessischen Gewalten rührte aber vor allem daher, dass Hessen wie so oft unter seiner Lage als Verbindungsland zu leiden hatte. Allzu gern hätte das Erzbistum die hessischen Gebiete kassiert, um ein zusammenhängendes und geschlossenes Reichsfürstentum zu werden, das von Mainz bis Erfurt in Thüringen gereicht hätte.
Nicht von allen Mainzer Besitzungen und Rechten in Hessen ist bekannt, wie und wann sie unter den Einfluss des Bistums gelangt sind. Fest steht aber, dass der Rheingau dazugehörte, der Spessart, die Abtei Seligenstadt, die Grafschaft Hessen an der Eder, die Klöster Hasungen bei Wolfhagen, Johannisberg und Eberbach im Rheingau sowie Lippoldsberg an der Weser und das Stift Ilbenstadt in der Wetterau, um nur einige zu nennen.
Entsprechend seiner doppelten, geistlichen und weltlichen, Macht hat das Erzbistum in Hessen herausragende Burgen als Stützpunkte gebaut oder erworben. So bekamen die Mainzer 1124 die Hälfte der wichtigen Burg Eppstein im Taunus, und sie erwarben die Schlösser Malsburg und Schartenberg in Niederhessen sowie die Schöneburg bei Hofgeismar.
Kaiser Friedrich I. Barbarossa war mit dem Ausbau und der Festigung der Mainzer Besitztümer jedoch überhaupt nicht einverstanden. Als Erzbischof Konrad von Wittelsbach sich gegen die Reichspolitik des Kaisers stellte, verwüstete Barbarossa den Rheingau. Und obwohl der Ort Gelnhausen zur Hälfte zu Mainz gehörte, baute er gerade hier im Jahre 1170 seine Pfalz, um damit dem Erzbistum seine Macht zu demonstrieren.
Nach solch zwischenzeitlichen Rückschlägen ging es bereits unter Erzbischof Konrad wieder aufwärts. Er kaufte oder verschaffte sich auf andere Weise die meisten verloren gegangenen Besitztümer zurück, und er konnte Macht und Besitz des Erzbistums erheblich ausbauen. Besonders im 13. Jahrhundert, als das staufische Königshaus um seine Existenz kämpfte und schließlich unterging, konnte das Erzbistum seinen Bestand mehren. Das lag auch daran, dass in diesem Jahrhundert Mainz von einem einzigen Geschlecht dominiert wurde, von den Herren von Eppstein. Mit ihnen hatten es Sophie von Brabant und Heinrich I. von Hessen zu tun.
Im März 1232 gelang Erzbischof Siegfried III. von Mainz ein großer Coup. Er konnte von Kaiser Friedrich II. auf dem Reichstag in Aquileja die Zustimmung erlangen, die bedeutende Reichsabtei Lorsch in sein Erzstift einzugliedern und damit die Vogteien Heppenheim, Bensheim, Fürth und Lorsch sowie die Lehnshoheit über Schauenburg und Bickenbach. Dazu gehörte auch die gut ausgebaute Starkenburg über Heppenheim. Mainz herrschte somit über die Bergstraße und den vorderen Odenwald. Dieser Umstand führte allerdings zu heftigen Kämpfen mit Pfalzgraf Otto, der sich als Vogt von Lorsch unmittelbar bedroht fühlte. Trotz dieser Gewinne gelang es den Mainzern auch später nicht, ein geschlossenes Territorium zu besetzen; denn der Widerstand der Pfalzgrafen, der Herren von Hanau und der Schenken von Erbach war zu stark.
Dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass die Mainzer Erzbischöfe mehr oder weniger ohne Unterbrechung damit beschäftigt waren, ihr Gebiet zu vereinheitlichen und zu vergrößern. Es wäre ein wenig ermüdend, all die kleinen hessischen Herren aufzuzählen, die im Verlauf des 13. Jahrhunderts ihre Grafschaften an Mainz abtraten. Insgesamt führte dieser Prozess aber dazu, dass sich die Mainzer »Stützpunkte« schließlich wie ein Riegel durch Hessen zogen. Immerhin gehörten neben Burgen, Schlössern, Klöstern und Stiften auch befestigte Städte wie Amöneburg, Battenberg, Fritzlar oder Hofgeismar dazu.
Immer wieder mussten sich hessische Landgrafen gegen Mainzer Angriffe wehren.
1328 siegte der hessische Landgraf Heinrich II. über Erzbischof Matthias bei Wetzlar und 1347 bei Gudensberg über Erzbischof Heinrich, der nun endgültig den hessischen Besitz der einstigen Mainzer Lehen anerkennen musste. Auch damit kehrte allerdings kein Frieden ein. So wäre es bei der dreimaligen Belagerung von Kassel durch Erzbischof Adolf in den Jahren 1385, 1387 und 1388 beinahe um die Landgrafschaft Hessen geschehen gewesen. Im Frieden von Friedberg von 1405 wurde sie dann zwar wieder gesichert, doch erst durch den hessischen Doppelsieg bei Fritzlar und Fulda im Jahre 1427 über Erzbischof Konrad von Dhaun war dessen militärische Niederlage besiegelt.
In der Folge hatte das Erzstift mit sich selbst genug zu tun. Durch die so genannten Mainzer Schismen (Kirchenspaltungen), von denen es im 14. Jahrhundert gleich drei gab, war der Stuhl des Erzbischofs im Intrigenspiel zwischen König und Papst und den Grafen von Nassau jahrelang doppelt besetzt und es kam zu inneren Kämpfen im Erzbistum. Auch im 15. Jahrhundert hörten die Doppelbesetzungen unter kräftiger Mitwirkung der Grafen von Nassau nicht auf. Dieser Umstand ebenso wie die Regierung einiger unfähiger Erzbischöfe führte zur allmählichen Erosion des Erzbistum. Vier Erzbischöfe kamen aus dem Hause Nassau, und alle vier waren durch Habgier, Ungeschick und Schwäche am Niedergang des Erzbistums beteiligt. Am 5. Oktober 1463 kam es so weit, dass ausgerechnet Hessen beim Streit um einen Vertrag zwischen zwei mainzischen Erzbischöfen vermittelte. Hans von Dörnberg, Hofmeister Landgraf Heinrichs III., vermittelte im Frieden von Zeilsheim zwischen Dieter von Isenburg und Adolf von Nassau. Die »Mainzer Stiftsfehde« war damit beendet. Und das zahlte sich aus, denn daraufhin fielen die meisten Besitzungen des Erzbistums an Hessen zurück.
Der Mainzer Erzbischof Berthold von Henneberg spielte dann im späten Mittelalter noch einmal eine wichtige Rolle in Hessen, als es ihm gelang, die revolutionären Umtriebe in Fritzlar zu unterdrücken. Im Zuge der Reformation ging dann der größte Teil des noch verbliebenen Besitzes des Erzbistums Mainz verloren und 1528 musste Erzbischof Albrecht die jahrhundertelang heftig umkämpfte geistliche Gerichtsbarkeit dem hessischen Landgrafen überlassen. Nur im an Mainz angrenzenden Rheingau gelang es dem Erzbischof, im Bauernkrieg die Aufständischen niederzuwerfen und ihnen alle politischen Sonderrechte zu nehmen, die sich dieses Gebiet im Mittelalter erworben hatte.
Immer wieder flackerten im 16. und 17. Jahrhundert die Bemühungen der Erzbischöfe auf, stärkeren Einfluss in Hessen zu gewinnen. Ihnen blieben der Rheingau, Teile des unteren Maingebietes mit Hochheim, Flörsheim und Höchst, der südliche Taunusrand, die Bergstraße mit dem vorderen Odenwald und der Spessart. Erst der Reichsdeputationshauptschluss unter Napoleon von 1803 besiegelte das Ende des Erzbistums: Hessen-Darmstadt und Nassau teilten sich die Reste.
Die Reichsstädte in der Wetterau
Der 16. Juli 1866 war für die Stadt Frankfurt kein besonders schöner Tag. Preußische Truppen rückten ohne auf Gegenwehr zu stoßen in die bis dahin Freie Stadt ein, und allen Beteiligten war klar, dass Frankfurt künftig im preußischen Staat aufgehen würde. Damit gab es – mit Ausnahme der drei nördlichen Hansestädte – auf dem Gebiet des Deutschen Reiches keine Stadtstaaten mehr.
Schon 1803 waren die drei anderen ehemaligen Reichsstädte, die auf heute hessischem Gebiet liegen und ihre einstige Unabhängigkeit längst verloren hatten, in größere Staaten eingegliedert worden. Wetzlar war an das Territorium des Kurerzkanzlers Karl Theodor von Dalberg, Friedberg an Hessen-Darmstadt und Gelnhausen an Hessen-Kassel gefallen. Wann und wie aber war es überhaupt zur Gründung dieser einstigen Reichsstädte gekommen?
Bei der Beantwortung dieser Frage muss man sich wiederum von der Vorstellung trennen, die staatlichen Herrschaftsgebiete wie Grafschaften, Fürstentümer, Königreiche oder gar das Heilige Römische Reich seien einheitliche, fest umrissene Größen gewesen, in denen noble Herren uneingeschränkt hätten regieren können. Als 1152 der spätere Kaiser Friedrich I. Barbarossa zum deutschen König gewählt wurde, war »sein« Reich zwar sehr groß, über direkten Einfluss aber, gesicherte Einnahmen oder eigene Lehensgebiete verfügte er nur in bescheidenem Maß. Also versuchte der Staufer-Kaiser wie auch schon seine Vorgänger, weitere Orte zu schaffen, über die ausschließlich das Reich die Verfügungsgewalt besaß. Zu den alten Pfalzstädten Aachen, Frankfurt, Goslar und Nürnberg sollten als Brennpunkte der Reichspolitik neue hinzukommen.
Zwischen 1165 und 1170 wurden Gelnhausen und Friedberg gegründet. Zur gleichen Zeit pochte das Königtum auf alte Rechte am Reichskirchengut in Wetzlar und brachte die entstehende Stadt an sich. Die staufische Methode der »Stadtentwicklung« war äußerst erfolgreich und lief stets nach demselben Muster ab. Mit der Stadt wurde eine Pfalz (das Wort ist mit Palast, Palais, Palatium verwandt) errichtet, die als Sitz des Königs während seines Besuchs in der Reichsstadt diente und der Sitz des Burggrafen und anderer, rechtlich unfreier Dienstmannen wie Vögte, Militärs, Schultheißen oder Forstmeister war. Sie hatten sich von ihrem Sitz aus um die Verwaltung, die Rechtsprechung und den militärischen Schutz des Umlandes zu kümmern. Aus ihren Stellungen entstand später der niedere Adel. Zusammen mit den Ratsherren der Stadt, den wohlhabenden Kaufleuten und den Handwerksmeistern bildete sich so im ständigen Verkehr zwischen Burg und Stadt eine selbstbewusste Elite heraus, die nur dem König verantwortlich war.

Kaiserpfalz Gelnhausen (in der Mitte des 19. Jahrhunderts)
In Frankfurt hatte schon der erste Stauferkönig Konrad III. am Mainufer eine burgenartige Pfalz, den Saalhof, errichtet. In Friedberg wurden Burg und Stadt zwischen 1165 und 1170 gebaut; 1165 und 1172 bis 1180 entstand Wetzlar mit der Burg Kalsmunt. Gelnhausen entwickelte sich rasch zu einer der glänzendsten Pfalzen im Reich. Auf einer künstlichen Insel der Kinzig-Niederung wurde ein prächtiges Bauwerk errichtet, dessen Reste noch heute Respekt und Bewunderung einflößen. Die Kinzig war damals von ihrer Mündung in den Main bei Hanau bis Gelnhausen schiffbar, was den Warenverkehr ebenso begünstigte wie die Straße von Frankfurt über Fulda nach Thüringen, die direkt durch die Stadt führte.
Nach der Stadt- und Pfalzgründung prosperierte Gelnhausen rasch. Auf den Untermarkt folgte der Obermarkt, um 1180 entstand das Romanische Haus, wahrscheinlich als Amtssitz des Schultheißen, der dort als kaiserlicher Stadtherr residierte. Im hoch- und spätromanischen Stil beeindruckt die alles überragende Marienkirche; am Obermarkt entstand die Peterskirche, die allerdings zunächst nicht fertiggestellt wurde. Noch heute kann man in Gelnhausen diese mittelalterlichen Bauten in gutem Zustand sehen.
Am 13. April 1180 trafen in Gelnhausen mehr als 50 Fürsten und andere Regenten mit Friedrich I. Barbarossa zu einem Reichstag zusammen, der Geschichte machen sollte. Vierzehn Tage lang weilten der Kaiser und sein Gefolge in der Stadt. Mit der so genannten Gelnhäuser Urkunde ist ein ausführlicher Prozessbericht erhalten, den Generationen von Historikern studiert haben.
Der in Gelnhausen einberufene Reichstag befasste sich vor allem mit dem Schicksal Herzog Heinrichs des Löwen, dem welfischen Vetter des Kaisers. Der war, nachdem man ihn wegen Landfriedensbruch angeklagt hatte, nicht vor dem kaiserlichen Gericht erschienen und deshalb mit der Reichsacht belegt worden. Auch dem zweiten Verfahren war er ferngeblieben, wofür ihm seine beiden Herzogtümer Bayern und Sachsen aberkannt worden waren. Jetzt sollte in Gelnhausen in Abwesenheit Heinrichs des Löwen über die Zukunft Sachsens entschieden werden, und man einigte sich darauf, das Land zu teilen. Die Urkunde beginnt mit einer Einleitung, die die überzeitliche Bedeutung des Urteils hervorheben soll. In deutscher Übersetzung heißt es da.
»Weil die menschliche Erinnerung zerrinnt und für das Gedränge der Dinge nicht ausreicht, bestimmte der Wille der Vorgänger unseres Zeitalters, der göttlichen Kaiser und Könige, schriftlich aufzuzeichnen, was die lange Dauer der dahinfließenden Zeiten der Kenntnis der Menschen zu entziehen pflegte.
Deshalb möge die Gesamtheit sowohl der gegenwärtigen wie der zukünftigen Getreuen des Reiches wissen, dass Heinrich, ehemals Herzog von Bayern und Westfalen, darum weil er der Kirchen Gottes und der Edlen des Reiches Freiheit dadurch, dass er sich ihrer Besitzungen bemächtigte und ihre Rechte minderte, schwer unterdrückt hatte, auf drängende Klage der Fürsten und sehr vieler Edler, weil er, obwohl durch Ladung aufgerufen, sich unserer Majestät zu stellen verschmäht habe und für diese Widerspenstigkeit dem Spruch der Fürsten und Schwaben seines Standes auf unsere Acht verfallen sei […]« 2
Wie wichtig dem Kaiser Gelnhausen war, sieht man daran, dass er bis 1188 noch viermal in die Pfalz kam, zweimal um Hoftage abzuhalten.
Die vier Wetterauer Reichsstädte – darunter Frankfurt – bildeten nun mit ihren Reichsgutbezirken ein dichtes Netz, das vom Reichsforst Dreieich südlich von Frankfurt bis nach Wetzlar im Norden reichte. Während dadurch zum einen der kaiserliche Einfluss zunahm, Steuern gezahlt wurden und stabile Lehnsbeziehungen entstanden, blühten zum anderen die Städte auf, ihr Reichtum wuchs, denn mehr als die festgelegten Summen mussten sie nicht abliefern, und das Selbstbewusstsein ihrer Bürger nahm zu.
Die staufischen Herrscher förderten den Handel der Wetterauer Städte, erteilten Markt- und Messeprivilegien und gewährten Zollbefreiungen für die Messebesucher. Berühmt war die Frankfurter Herbstmesse, die 1227 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, aber schon davor bestanden hatte. Später kam die Frühjahrsmesse hinzu, nach der Erfindung des Buchdrucks sehr bald die Büchermesse.
Aus dem Jahr 1241 ist ein einzigartiges Dokument erhalten, das Auskunft über den Reichtum der Wetterauer Städte gibt. Konrad IV. hatte eine Liste mit steuerpflichtigen Städten und Judengemeinden anlegen lassen, in der die vier Städte die Ränge eins bis drei und den fünften Platz belegten. Den ersten Platz hielt Frankfurt, das jährlich 250 Mark Feinsilber abzuliefern hatte, also die gewaltige Menge von etwa 60 kg (eine Mark entsprach 235 Gramm). Gelnhausen folgte mit 200 Mark, Wetzlar mit 170 und Friedberg mit 120 Mark. Der Reichtum und die herausragende Bedeutung verbanden die Wetterauer Königsstädte. Die staufischen Herrscher wiederum, immer an geschlossenen Gebieten interessiert, unterstützen ihr gemeinsames Auftreten.
Eine der Gefahren, gegen die sie sich gemeinsam zur Wehr setzten, waren Räuber und Raubritter, die mit den Handelswegen ihre Lebensadern bedrohten. Mit unglaublicher Brutalität taten sich vor allem niedere Adlige bei den Raubüberfällen auf reisende Kaufleute hervor. Als Vorwand dienten oft uralte Fehden und undurchsichtige Streitigkeiten. Nicht selten traten aber auch als gedungene Schergen kleine Raubritter auf, die im heimlichen Auftrag größerer Herrschaften raubten, plünderten, brandschatzten und mordeten.
Schon 1254 hatten sich mehr als 100 west- und südwestdeutsche Städte mit Adligen zu einem Städtebund zusammengetan. Die vier Wetterauer Reichsstädte verbanden sich seit 1285 immer wieder aufs Neue und schlossen bis 1364 jeweils befristete Verträge ab, um gemeinsam die reisenden Kaufleute zu schützen und strittige Angelegenheiten einvernehmlich zu klären. Zum Beispiel durften straffällig gewordene Bürger einer Stadt nicht mehr einfach von einer anderen aufgenommen werden. Zwischen 1381 und 1389 schließlich gehörten die vier Städte dem rheinischen Städtebund an. Gemeinsam ging man gegen die Burgen von Raubrittern vor und versuchte, die reisenden Bürger zu schützen – was mehr schlecht als recht gelang.
Kaiser Friedrich Barbarossa hatte aus der Wetterau mit ihrem Netz aus Städten und Burgen eine zusammenhängende Königslandschaft gebildet, die von Kaiser Friedrich II. dann 1220, mitsamt der am Rand gelegenen Städte Frankfurt und Wetzlar, zur Landvogtei Wetterau erhoben wurde. Als königlicher Beamter leitete ein Landvogt die Verwaltung. Der erste Amtsträger war Gerlach von Büdingen. Wie eine Reichssteuerliste dokumentiert, wurde die Königslandschaft ab 1241 als wirtschaftliche Einheit und geschlossenes Währungsgebiet geführt. Als eine Art gewaltiger Wachtposten im Norden der Wetterau ragte eine der schönsten und bedeutendsten hochmittelalterlichen Burgen empor, die Burg Münzenberg, auch »Wetterauer Tintenfass« genannt. Die mächtigen Münzenberger gehörten zur großen Gruppe der Ministerialen, der rechtlich unfreien Dienstmannen, und ließen sich nicht zuletzt deswegen in die »Wetterau-Politik« der staufischen Könige einbauen.
Im 14. Jahrhundert hatten sich die Reichsstädte in zwei bedeutenden Bündnissen am Rhein und in Schwaben zusammengeschlossen. Die vier Wetterauer Städte gehörten dem rheinischen Städtebund an, der aber nur kurz eine wichtige militärische Rolle spielen konnte. Nach entscheidenden Niederlagen löste König Wenzel von Luxemburg die Städtebünde auf. Die Blütezeit der meisten Reichsstädte war damit vorüber und sie wurden zunehmend durch die erstarkenden Territorialstaaten an den Rand gedrängt.
Eine Ausnahme in dieser Entwicklung bildete Frankfurt, das den drei anderen Wetterauer Städten schon bald den Rang abgelaufen hatte. Begünstigt durch seine Verkehrslage am Schnittpunkt vieler Fernhandelsstraßen hatten die Frankfurter Messen ihre überregionale Position halten können.
Nur die beiden Friedberger Jahrmärkte konnten sich daneben noch bis zum Ende des 14. Jahrhunderts behaupten. In Gelnhausen nahm die Zahl der Märkte bis zum 19. Jahrhundert zwar zu, wegen ihrer Spezialisierung auf Schuh- und Schmiedewaren sowie Tuche konnten sie aber nur in der Region bestehen.
Die Bedeutung von Wetzlar, das im 13. Jahrhundert durch seine räumliche Nähe zu Metallverhüttungsstätten sowie den Handel mit Eisenwaren profitierte, nahm im 14. Jahrhundert hingegen rapide ab. 1371 musste die Stadt schließlich ihre Zahlungsunfähigkeit einräumen, woraufhin König Wenzel von Luxemburg 1378 die Erbvogtei an Hermann II. von Hessen übertrug. Erst als im Jahre 1693 das Reichskammergericht von Regensburg nach Wetzlar verlegt wurde, gewann die Stadt wieder an Bedeutung.
Auch für Friedberg verlief die Entwicklung ungünstig. Da sie der Konkurrenz aus Frankfurt nichts entgegenzusetzen hatten, verloren auch die dortigen Messen zusehends an Bedeutung. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang kam es zugleich zu einer zunehmenden Verschuldung. Schließlich folgte die Verpfändung der Stadt durch das Reich. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts lag die Pfandschaft zumeist bei der Burggrafschaft Friedberg.
In Gelnhausen gingen die einst königlichen Rechte an die Herren von Hanau und den Grafen von Schwarzburg über und seit Mitte des 15. Jahrhunderts an die Grafen von Hanau und die Kurfürsten von der Pfalz. Im 18. Jahrhundert war die Stadt an Hessen-Kassel verpfändet; der Rat konnte nichts dagegen tun, dass hessisches Militär in Gelnhausen stationiert wurde. Faktisch waren der Reichsstadt kaum noch Rechte und Privilegien geblieben, im Bewusstsein der Bürger und des Adels aber lebte der Glanz der herausragenden Königsstadt weiter.
Im 15. Jahrhundert stellten die einstigen Wetterauer Konkurrenz-Städte für die aufblühende Finanz- und Handelsmetropole Frankfurt somit keine Bedrohung mehr dar, das sich nun mit der seit 1462 wieder erzbischöflichen und ehemals freien Stadt Mainz maß. Frankfurt war aber reicher und hatte als Wahl-und Krönungsstadt engere Beziehungen zum König. Mit dieser Stadt wollen wir uns daher etwas gründlicher befassen.
Wahl- und Krönungsstadt Frankfurt
Am 1. Juni 794 eröffnete Karl der Große eine bedeutende Synode. Aus diesem Anlass wurde der Ort, an dem schon die Römer einen Militärstützpunkt errichtet hatten, zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt: franconofurd, gelegen auf einer Anhöhe am nördlichen Mainufer in der Erzdiözese Mainz.
Achtzig Jahre später starb dort König Ludwig der Deutsche. Er hatte den Ort neben dem bayerischen Regensburg zu einer der Hauptstädte des ostfränkischen Reiches gemacht. Die Pfalz lag sehr günstig im Zentrum des Reichsgutskomplexes am Mittelrhein, der Reichsforst Dreieich diente als Jagdgebiet, die Furt ließ sich bequem überqueren. Die zentrale Lage inmitten wichtiger Verkehrswege sollte für Frankfurt immer von allergrößter Bedeutung bleiben. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Ludwig der Deutsche ließ in der Stadt eine große, dreischiffige Basilika, die Salvatorkirche, errichten, die am 1. September 852 vom Mainzer Erzbischof Rabanus Maurus geweiht wurde. Sie war über einen gedeckten Gang mit einem Torbau und einer Königshalle verbunden, die bereits aus der Zeit seines Vorgängers, Ludwigs des Frommen, stammten. »Dieses historisch gewachsene Gebäudeensemble hatte etwa 150 Jahre Bestand«, berichtet der Archäologe Magnus Wintergerst. »Spätestens im 12. Jahrhundert verliert die karolingische Pfalz durch den Bau einer neuen Pfalz direkt am Main, dem so genannten Saalhof, ihre Funktion. Der Salvatorkirche kommt noch lange eine zentrale Bedeutung zu, aufgrund ihrer Funktion als Wahlort der deutschen Könige.«3
856, nach dem Tod Ludwigs des Deutschen, wurde sein Neffe Lothar II. in Frankfurt zum König des nördlichen Teils des Mittelreichs gewählt; 887 bestimmten hier die Großen des ostfränkischen Reichs Arnulf von Kärnten zum König, dessen Krönung ebenfalls in Frankfurt erfolgte. In der sächsischen und salischen Zeit verlor die Stadt vorübergehend an Bedeutung, bis sie unter den Staufern zum wichtigen Messeplatz, zu einem wirtschaftlichen und politischen Zentrum wurde. Auch die Krönungstradition wurde wiederaufgenommen.
Auf einem 1146 in Frankfurt abgehaltenen Hoftag rief Bernhard von Clairvaux zum Kreuzzug auf, was Konrad III. aus innenpolitischen Erwägungen allerdings noch ablehnte. Als er auf einem an Weihnachten desselben Jahres stattfindenden Hoftag in Speyer schließlich doch das Kreuz nahm, sah er sich verpflichtet, für die Zeit seiner Abwesenheit einen Stellvertreter zu bestimmen. 1147 ließ Konrad daher seinen erst zehnjährigen Sohn Heinrich in Frankfurt zum Mitkönig krönen, der allerdings schon 1150 starb. Nach dem Tod Konrads III. 1152 musste neu gewählt werden. Auch dieses Mal fand die Wahl in Frankfurt statt und sie fiel auf Konrads Neffen Friedrich von Staufen, der Nachwelt besser bekannt als Friedrich I. Barbarossa. So wurde es üblich, den König in Frankfurt zu wählen. 1240 institutionalisierte Friedrich II. ausserdem die Messe, die rasch an Bedeutung gewann.
Die Bürgerschaft der wirtschaftlich aufstrebenden Stadt versuchte erfolgreich, mehr Selbstständigkeit zu gewinnen und schließlich die Verwaltung ganz zu übernehmen. Aber erst 1311 traten zwei Bürgermeister neben den königlichen Schultheißen, der die Zölle und Abgaben einzog sowie dem Frankfurter Reichsgericht vorsaß. 1372 konnte die Bürgerschaft das Amt erwerben. Nach und nach gerieten die städtischen Ämter in die Hände eines Patriziats, dem mächtige Kaufleute – einstmals freie Bauern – angehörten, die mehr und mehr städtischen wie ländlichen Grundbesitz hinzugewannen. Bereits seit 1266 ist ein »Rat« belegt, in dem die vornehmsten Bürger die Geschicke der Stadt entschieden.

Messeprivileg Kaiser Friedrichs II., 1240
Keinesfalls sollte man jedoch die Herrschaft der großen Frankfurter Familien wie der Glauburg oder der Holzhausen, nach denen noch heute Straßen benannt sind, mit einer städtischen Demokratie verwechseln. Man war stolz auf die häufige Anwesenheit von Kaisern, hielt sich aus Gebietskämpfen weitgehend heraus und hatte mit der Herrschaft über die Zünfte und die niederen Stände reichlich zu tun. Öfter kam es zu gewalttätigen Aufständen. Von bürgerlicher Gleichheit konnte überhaupt keine Rede sein, denn »Bürger« durfte sich nur nennen, wer durch Besitz, Gewerbe, Einkauf oder Heirat in die herrschenden Kreise aufstieg. Nur ein Viertel der Einwohner verfügte über die Bürgerrechte, die Voraussetzung für Ämter und Privilegien waren. Die »Beisassen«, Gesellen, Diener, Hausgesinde oder kleinere Händler, wurden in politischer Unmündigkeit gehalten. Ganz unten aber standen die Dorfbewohner, der »Pöbel«, immerhin etwa 6000 Einwohner von Niederrad und Oberrad, Bornheim, Hausen, Bonames und Niedererlenbach. Sie lebten zum Teil weiter in Leibeigenschaft und hatten unterschiedliche Frondienste zu leisten. Auch die etwa 3000 Juden gehörten nicht zur Gemeinde der Bürger. Mit eigener Verfassung, der so genannten Judenstättigkeit, mussten sie im Ghetto leben, waren vom Handwerk ausgeschlossen und durften Handel nur mit erheblichen Einschränkungen treiben. Ihnen blieben der Trödelmarkt und das Geldgeschäft, mit dem auch nur ganz wenige – wie die Rothschilds – zu Wohlstand gelangen konnten.
Mit der Goldenen Bulle, dem »Reichsgrundgesetz«, schuf Kaiser Karl IV. im Jahre 1356 ein Dokument, das die Stellung von Frankfurt im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation dauerhaft festigte. In dieser Urkunde wurden die Modalitäten der Königswahl durch die Kurfürsten festgelegt. Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass »Kur«-fürst von »küren« = (aus-) wählen kommt. In der Privilegienkammer des Instituts für Stadtgeschichte wird eines der sieben Originalexemplare sicher aufbewahrt. Für die fünf Kurfürsten wurde das »keiserliche rechtbuch« an Ort und Stelle kopiert, die Exemplare für Frankfurt und Nürnberg wurden später von dem des Kaisers gefertigt. Goldene Bulle heißt dieses Buch, weil seine Kapseln mit den kaiserlichen Siegeln aus Goldblech hergestellt sind.

Doppelseite aus der Frankfurter Goldenen Bulle, 1356
Schon am Ende des 17. Jahrhunderts war die Frankfurter Goldene Bulle eine ganz große Sehenswürdigkeit. Der schlesische Kavalier Georg von Fürst und sein Hofmeister Peter Wienand besuchten zu dieser Zeit die Stadt. Der Hofmeister berichtet:
»Das Rathauß allhier wird der Römer genennt. Auf demselben besahen wir die goldene Bulle, welche Carl IV. unter den Röm. Kaysern gemacht hat. Diese Bulle ist nicht ein Ochse mit goldenen Hörnern, wie jener Engelländer sich eingebildet hat, und auch deswegen hierhergereist ist. Es ist vielmehr das Original von dem berühmten Buche, welches die Grund-Gesetze des Römischen Reichs in sich fasset […]« 4
Später musste man sogar zahlen, wollte man einen Blick auf die Goldene Bulle werfen. John Moore, ein Reisender aus England, schrieb im Jahre 1806:
»Alle Fremden sind gleichsam verpflichtet, das Rathaus und das Zimmer, in dem der Kaiser gewählt wird, zu besuchen. Man würde sie der Gleichgültigkeit zeihen, wenn sie sich nicht beeilten, die berühmte Goldene Bulle zu besichtigen, die dort mit der größten Sorgfalt bewahrt wird. Man zeigt sie für einen Dukaten: und die Erlaubnis, einen Blick auf ein altes Manuskript werfen zu dürfen, das wenige Leute lesen und noch weniger verstehen können, ist damit recht teuer bezahlt.«5
Die Goldene Bulle sollte im Reich endlich die Königsfolge in geordnete Bahnen lenken und den Frieden garantieren – nicht gerade bescheidene Ziele.
Vor 1356 hatte es neunmal eine Doppelbesetzung der Königsstelle gegeben; seit 1198 hatten etwa zur Hälfte der Zeit zwei Könige gleichzeitig regiert. Das war ein gefährlicher und unhaltbarer Zustand, der das Reich immer wieder zu spalten drohte.
Nach dem Ende der Stauferherrschaft 1254 wurden zum Beispiel Alfons von Kastilien und Richard von Cornwall gleichzeitig zu deutschen Königen gewählt, die sich Zeit ihrer Regierung jedoch kaum im Reich aufhielten, geschweige denn ihrer formalen Herrschaft substanzielle Geltung verschaffen konnten.
Skurrile Formen nahm indes 1314 die Wahl von Ludwig dem Bayern an. Nach dem Tod Heinrichs VII. hatte sich die Mehrheit der Kurfürsten für Ludwig entschieden. Auf der anderen Mainseite, in Sachsenhausen, wählten der Erzbischof von Köln und der Pfalzgraf bei Rhein Friedrich den Schönen. Von der Stadt Frankfurt unterstützt, trug Ludwig letztlich die Krone davon; die Stadt erhielt dafür weitere Messeprivilegien. Auf einem Reichstag in Frankfurt, am 4. August 1338, teilte Ludwig den Beschluss der Kurfürsten mit, dass der gewählte König künftig nicht mehr vom Papst bestätigt werden müsse und dem deutschen König nunmehr auch die Kaiserkrone zustünde. Der »gebührende Ort« für die Wahl des Königs sollte Frankfurt sein und in Aachen darauf die Krönung stattfinden. So wurde es später gleichfalls in der Goldenen Bulle festgelegt. Auch der Wahlakt selbst war genau geregelt. So sollten zunächst eine Messe gefeiert und ein Eid abgelegt werden:
»Wenn die Kurfürsten oder ihre Gesandten […] diesen Eid geleistet haben, sollen sie zur Wahl schreiten und fortan die ehgenannte Stadt Frankfurt nicht verlassen, bevor die Mehrzahl von ihnen der Welt oder Christenheit ein weltliches Oberhaupt gewählt hat, nämlich einen weltlichen König und künftigen Kaiser. Falls die dies jedoch binnen dreißig Tagen, vom Tag der Eidleistung an gerechnet, noch nicht getan hätten, sollen sie von da an, nach Verlauf dieser dreißig Tage, forthin nur Brot und Wasser genießen und keinesfalls aus besagter Stadt weggehen, bevor sie oder die Mehrzahl von ihnen einen Herrscher oder ein weltliches Oberhaupt der Gläubigen gewählt haben, wie oben steht.« 6
Wer die Macht haben sollte, die Fürsten des Reichs zu Wasser und Brot zu zwingen, wurde allerdings nicht erwähnt. Auch sonst gab es Lücken in den Bestimmungen. Was sollte geschehen, wenn ein Nachfolger noch zu Lebzeiten eines Königs gewählt werden sollte? Karl IV. nutzte die Unklarheit und ließ seinen Sohn Wenzel wählen. Unter den 23 deutschen Königen wurden nach 1356 17 in Frankfurt gewählt. Zu einer letzten Doppelwahl-Posse kam es schließlich 1410. Auf dem Friedhof hinter dem Dom wurde Sigmund von Ungarn gewählt, im Dom wählten die Gegner dieser Lösung elf Tage später Jobst von Mähren zum König. Im Jahr darauf starb Jobst, und die Kurfürsten einigten sich in einer neuen Wahl allesamt auf Sigmund.
Der »Dom« übrigens ist auch ein Frankfurter Kuriosum. Seit dem 18. Jahrhundert wurde die Bartholomäuskirche wegen ihrer herausgehobenen Bedeutung als Krönungsstätte Dom genannt, obwohl in Frankfurt nie ein Bischof residierte, was eigentlich die Voraussetzung für einen Dom ist. Die Kirche ist aus der Kapelle der karolingischen Pfalz hervorgegangen und war bis 1238 dem heiligen Salvator geweiht. Zwischen 1239 und 1350 wurde sie im gotischen Stil umgebaut. 1415 wurde mit dem Bau des schließlich 96 m hohen Turms begonnen, den man erst 1514 vollendete. Er trug eine runde Kuppelhaube, die sehr viel später, im Jahr 1876, durch die seitdem charakteristische Spitze ersetzt wurde. 1867 waren bei einem verheerenden Brand große Teile des Doms und fast die gesamte Innenausstattung zerstört worden.
Obwohl sich Frankfurt 1535 dem lutherischen Bekenntnis anschloss, wurde die Kirche auf Anraten der Reformatoren 1548 an die Katholiken zurückgegeben. In der Reformationszeit geriet auch der Wahlort Frankfurt in Schwierigkeiten. Karl V. ließ seinen Bruder Ferdinand am 5. Januar 1531 in Köln wählen, das schien ihm sicherer. Erst mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555, der das Nebeneinander von römisch-katholischer und lutherischaugsburgischer Konfession regelte, wurde Frankfurt wieder unbestrittene Wahlmetropole. Nun sollte die Stadt – abermals durch einen kuriosen Zufall – auch Schauplatz der Krönungen werden. Bis dahin hatte sich Kaiser nur nennen dürfen, wer in Rom vom Papst gekrönt worden war. Maximilian I. aber blieb mit seinem Geleitzug auf dem Weg nach Rom in Trient, und seither wurde auf die päpstliche Krönung verzichtet. Der Titel, der immer ein wenig ungenau blieb, lautete seit Maximilian I. »Erwählter Römischer Kaiser«. 1562 wurde Maximilian II. nach altem Brauch in Frankfurt gewählt. Weil der Erzbischof von Köln, der Maximilian im Dom zu Aachen hätte krönen sollen, während der Königswahl in Frankfurt starb, wurde die Krönung gleich in Frankfurt vorgenommen, zumal die Kurfürsten nicht die Absicht hatten, mitten im Winter die beschwerliche Reise anzutreten.
Zwar ließ sich Aachen sein Recht als Krönungsstadt noch einmal ausdrücklich verbriefen, künftig aber wurde kein einziger Herrscher mehr dort gekrönt. Zehn Könige bekamen in Frankfurt, vier in Regensburg und Augsburg die Krone aufgesetzt.
Einmal kam es im Zuge einer Krönung zu großen Unruhen. Bevor die Wahl- und Krönungshandlungen begannen, mussten die Frankfurter Bürger jedes Mal feierlich einen Sicherheitseid leisten und geloben, dass den Kurfürsten und ihrer Begleitung nichts angetan würde. Die Bürger pflegten sich dabei auf dem Römerberg zu versammeln. Hätten sie den Eid verweigert, wären auch ihre kostbaren Privilegien verloren gewesen und die Stadt der Reichsacht verfallen. Am 16. Mai 1612 leisteten die Bürger den Eid, und Wahl und Krönung von Matthias hätten ihren Lauf nehmen können, wenn die Bürger nicht darauf bestanden hätten, mit eigenen Augen die Privilegien zu sehen, die sie hundert Jahre lang nicht zu Gesicht bekommen hatten. Dies wurde ihnen verweigert. Die Folge war ein fragwürdiger Aufstand gegen den Rat der Stadt und die herrschenden Familien. Vor allem die Zünfte und die niederen Stände rebellierten nicht nur gegen die Oberen, sondern lenkten ihre Wut auch gegen die Juden. Unter der Führung des Lebkuchenbäckers Vincenz Fettmilch wurde 1614 die Judengasse geplündert, die Bewohner wurden dabei vom Pöbel auf üble Weise verfolgt und verjagt.
Erst 1616 endete mit der Hilfe des Kaisers, des Kurfürstentums Mainz und der Landgrafschaft Hessen-Kassel der Aufstand, und der Rädelsführer Fettmilch wurde hingerichtet. Die Juden erlangten vom Kaiser ein Mandat, zogen unter militärischem Schutz wieder in die Stadt ein und gedachten fortan regelmäßig des Tages der Rückkehr, den sie »Puri Vinz« nannten.
Goethe als Chronist der Wahl Josephs II.
Über den Ablauf der Wahlen und Krönungen im 17. und 18. Jahrhundert informieren die so genannten Diarien, in denen viele Einzelheiten, etwa über Teilnehmer, Vorkommnisse und Quartiere festgehalten wurden. Im 18. Jahrhundert entstand dann eine kaum zu überblickende Literatur, die das gigantische Wahl- und Krönungsspektakel in Reiseberichten, Memoiren und Abhandlungen beschreibt.
In Dichtung und Wahrheit zeigt sich Johann Wolfgang Goethe von Wahl und Krönung Josephs II. im Jahre 1764 stark beeindruckt:
»Der Zulauf und das Gedränge war außerordentlich. Ich wusste mich in dem Römer, den ich wie eine Maus den heimischen Kornboden genau kannte, solange herumzuschmiegen, bis ich an den Haupteingang gelangte, vor welchem die Kurfürsten und Gesandten, die zuerst in Prachtkutschen herangefahren und sich oben versammelt hatten, nunmehr zu Pferde steigen sollten. Die stattlichsten, wohlzugerittenen Rosse waren mit reich gestickten Waldrappen überhangen und auf alle Weise geschmückt. Kurfürst Emmerich Joseph, ein schöner behaglicher Mann, nahm sich zu Pferde gut aus. […] Auch die Botschafter der abwesenden weltlichen Kurfürsten in ihren goldstoffnen, mit Gold überstickten, mit goldnen Spitzen-Tressen reich besetzten spanischen Kleidern taten unsern Augen wohl; besonders wehten die großen Federn von den altertümlich aufgekrempten Hüten aufs prächtigste. […] Der Zudrang der Fremden in die Stadt ward nun immer stärker. Alles fuhr und ging in Galakleidern, sodass man zuletzt nur die ganz goldenen Anzüge bemerkenswert fand. Kaiser und König waren schon in Heusenstamm […] angelangt und wurden dort herkömmlich begrüßt und willkommen geheißen; die Stadt aber feierte diese wichtige Epoche durch geistliche Feste sämtlicher Religionen, durch Hochämter und Predigten, und von weltlicher Seite, zu Begleitung des Te-Deum, durch unablässiges Kanonieren. […]
Nun kamen die Reichs-Insignien heran. Damit es aber auch hier nicht an hergebrachten Händeln fehlen möge, so mussten sie auf freiem Felde den halben Tag bis in die späte Nacht zubringen, wegen einer Territorial- und Geleitsstreitigkeit zwischen Kur-Mainz und der Stadt. Die letzte gab nach, die Mainzischen geleiteten die Insignien bis an den Schlagbaum, und somit war die Sache für diesmal abgetan. […]

Huldigung der Frankfurter auf dem Römerberg vor Joseph II., 1764. Stich von J. Wisger
Der Krönungstag brach endlich an, den 3 ten April 1764; das Wetter war günstig und alle Menschen in Bewegung. […] Da war der neuerrichtete Springbrunnen mit zwei großen Kufen rechts und links, in welche der Doppeladler auf dem Ständer, weißen hüben und roten Wein drüben aus seinen zwei Schnäbeln ausgießen sollte. […] Ältere Personen, welche der Krönung Franz des ersten beigewohnt, erzählten: Maria Theresia, über die Maßen schön, habe jener Feierlichkeit an einem Balkonfenster des Hauses Frauenstein, gleich neben dem Römer, zugesehen. Als nun ihr Gemahl in der seltsamen Verkleidung aus dem Dome zurückgekommen, und sich ihr so zu sagen als ein Gespenst Karls des Großen dargestellt, habe er wie zum Scherz beide Hände erhoben und ihr den Reichsapfel, den Szepter und die wundersamen Handschuh hingewiesen, worüber sie in ein unendliches Lachen ausgebrochen; welches dem ganzen zuschauenden Volke zur größten Freude und Erbauung gedient […].« 7
In seinen Erinnerungen schwelgt Goethe ausführlich in ebenso gut informierten wie scharfen Beobachtungen. Die Mischung aus städtischem Volksfest und feierlicher Huldigung der Monarchie ist bei ihm in hervorragender Weise getroffen.
Solange Wahl und Krönung andauerten, herrschte in der Stadt ein feierlicher Ausnahmezustand: Trinkgelage, Essorgien, Straßentheater mit Gauklern und Bärenführern und nicht zuletzt das unvergleichliche Schauspiel des Krönungszuges. Übrigens war es bis zur Reformation guter Brauch, dass die Stadt dem Kaiser und seinem Gefolge Dirnen zur Verfügung stellte und die Kosten übernahm. Im Jahre 1394 sollen während des Reichstages 800 fahrende Frauen in die Stadt gekommen sein. Während der Messen kamen die Bordellwirte der Nachbarstädte mit ihren Dirnen nach Frankfurt, wobei sie sich auf die Messfreiheit beriefen, die den ungehinderten Betrieb eines jeglichen Gewerbes garantierte.
Es kam aber auch zu erheblichen Belastungen der Bevölkerung. So mussten bei der Krönung des Wittelsbachers Karl VII. im Jahre 1741 mehrere zehntausend Gäste in der Stadt untergebracht werden – und das bei nur etwa 25 000 einheimischen Frankfurtern. Die Bürger waren – wie die Familie Goethe – verpflichtet, Quartiere zu schaffen. Maximilian I. brauchte für seinen Hofstaat 262 Bürgerhäuser und Stallungen für die 3141 Pferde.
Zu Reibereien kam es 1612, als König Matthias mit 2061 Menschen und 2116 Pferden anrücken wollte, denn in der Goldenen Bulle wurden einem Kurfürsten nur 200 Reiter zugebilligt. Bevor die vornehmen Patrizierhäuser mit so wohlklingenden Namen wie Haus zum Paradies oder Haus Christoffel und Feuerfunken als Quartiere dienten, hatte der König mit seinem Gefolge in der Pfalz, also im Saalhof, residiert. Ende des 18. Jahrhunderts schließlich hatten sich Prunk und Pomp der Krönungen so weit vom ursprünglichen Zeremoniell entfernt, dass der gestrenge Friedrich der Große von Preußen die Krönungsfeierlichkeiten »törichte Erfindungen des Aberglaubens« nannte. 1790 sprach ein Hofsekretär gar von einem Fastnachtsspiel.
Der siebzehnjährige Fürst von Metternich, der spätere österreichische Staatskanzler, war jedoch vollkommen begeistert:
»Die Krönung eines römischen Kaisers zu Frankfurt war gewiss eines der erhabensten und gleichzeitig prachtvollsten Schauspiele, welche die Welt gesehen. Alles bis zu den geringsten Einzelheiten sprach zum Geist und zum Herzen, ebenso durch die Macht der Überlieferung, wie durch die Vereinigung von so viel Herrlichkeit.« 8
Aber mit der Macht und Herrlichkeit des Reiches sollte es schon wenige Jahre später vorbei sein.
Französische Besetzungen Frankfurts
Am 2. Juni 1759 besetzten die französischen Truppen Frankfurt. Zum Glück für die Stadt wurden die preußischen Truppen am Karfreitag 1759 in der Schlacht bei Bergen von den Franzosen geschlagen; sonst nämlich wäre die Stadt belagert und beschossen worden. Die Besatzung dauerte bis zum Kriegsende im Februar 1763 und machte zwar einerseits den Bürgern schwer zu schaffen, auf der anderen Seite führte sie aber zu einem zivilisatorischen Entwicklungsschub: Die Straßen wurden nach Pariser Vorbild gepflastert und beleuchtet, die Häuser nummeriert, und die ersten Mietdroschken nahmen den Betrieb auf.
Über die Besetzung Frankfurts durch französische Revolutionstruppen berichtete Goethes Mutter Catharina Elisabeth, die »Frau Rath Goethe« oder auch »Frau Aja«, ihrem Sohn am 22. Juli 1796 in einem ihrer ebenso rührenden wie realitätsgetreuen Brief. Wir geben auch hier den Brief in der ursprünglichen Schreibweise wieder, die etwas von der Aufregung dieser Tage ahnen lässt:
»Lieber Sohn! Aus den Zeitungen wirst du die jetzige Lage deiner Vatterstadt erfahren haben – da aber das Tagebuch von Frau Aja zuverlässig nicht darinnen steht, und ich doch mit Zuversicht glaube, dass es dir nicht gleichgültig ist wie ich diese Epoche überstanden habe; so werde ich eine kleine Relation (Erzählung, d. Verf.) davon abstatten. Vor denen Frantzosen und ihrem Hereinkommen hatte ich nicht die mindeste Furcht, dass sie nicht Plündern würden war ich fest überzeugt – wozu also einpacken? Ich ließe alles an ort und stelle und war ganz ruhig – auch glaubte kein Mensch, dass die Kayserlichen (die Koalitionstruppen, d. Verf.) sich hier halten wollten – es war wie die Folge auch gezeigt hat wahrer Unsinn – da sie es aber doch taten; so fing die Sache an bedencklich zu werden – das Hauß wo ich wohne ist in Zeiten der Ruhe eines der schönsten der Stadt – aber desto fürchterlicher in solchen Tagen wie die vergangenen wahren – der Kayserliche Commandant wohnte gegen mir über, nun sahe ich all den Spektackel – die Frantzosen mit verbundenen Augen – unsern Burgermeister – alles in Furcht was das werden solte usw. den 12ten gegen Abend fing das Bombardement an wir setzten uns alle in die untere Stube unsers Hausherrn wie es etwas nachließ ging ich schlafen – gegen 2 Uhr früh morgens fings wieder an wir wieder aus den Betten – nun fing ich an auszuräumen nicht vor den Frantzosen, aber wohl vor dem Feuer – in ein paar Stunden war alles im Keller biß auf die eißerne Kiste die uns zu schwer war – ich ließ meines Schwager Major Schuler seinen Fourirschütz nebst noch einem starken Mann holen – die brachten sie denn glücklich in Keller. Biß an diesen periodt war ich noch gantz beruhigt – jetzt kamen aber so schreckliche Nachrichten wie der wie jener/: es waren Leute, die ich kante./ der von einer Haupitze Todt geschlagen dem der Arm dem der Fuß vom Leibe weg u. d. g. nun fing mir an Angst zu werden und ich beschloss fortzugehn freylich nicht weit – nur dem Bombardement aus zuweichen – da war aber kein Fuhrwerck ums Geld zu haben – endlich hörte ich, dass in meiner Nachbarschaft eine Familie nach Offenbach führe – ich ließe sie bitten mich mitzunehmen – und es wurde mit vieler Höfflichkeit bewilliget. Ich bin keine von den verzagten Seelen, aber diese schreckliche Nacht, die ich gantz in Offenbach bei Mama la Roche zubrachte, hätte mir in Franckfurth vielleicht Leben oder doch Gesundheit gekostet – den 12ten und 13ten und 14ten bliebe ich also in meiner Freystadt – den 15ten früh kam die Nachricht dass die Capitulation geschlossen und nichts mehr Leib und Leben betreffendt zu befahren sey – nur müßte mann machen den Tag noch zurückkommen weil den 16ten die Frantzosen einrücken würden und als dann die Thore geschlossen seyn würden – nun wäre ich um keinen Preiß in Offenbach geblieben – einmahl weil mann mich vor Emigrirt hätte halten können – zweytens weil meine schöne Zimmer als ganz lehr stehend /: denn meine Mägde hatte ich auch mitgenommen :/ hätten weggenommen werden können. Nun war wieder Holland in Noth! War wieder kein Fuhrwerck zu haben – Da erbarmte unser alter Freund Hans Andre über mich, gab mir sein artiges Küsschgen und rasch war ich wieder im goldenen Brunne danckte Gott von ganzem Hertzen vor meine und vor die Bewahrung meiner Wohnung. Es ist gantz begreiflich, dass ein größerer Unglück das kleinere verdrängt – wie die Canonade aufhörte – waren wir wie im Himmel – wir sahen die Frantzosen als Retter unsers Haab und Beschützer unserer Heußer an – denn wenn sie gewolt hätten so stünde kein Hauß mehr – und zum löschen spantten sie ihre Pferde vor die Spritzen die von den Dorfschaffen zum löschen herbey eilten. Gott! Schencke uns den Frieden! Amen! Grüße alles in deinem Hauße, und behalte lieb Deine treue Mutter Goethe«9
Schon nach der Kanonade von Valmy am 20. September 1792 und dem Rückzug der Koalitionstruppen hatten die Franzosen Speyer, Worms und Mainz und erneut Frankfurt besetzt. Kurz vorher war Franz II. zum König gewählt und gekrönt worden, angesichts der Verhältnisse nach der Französischen Revolution ein gigantischer Spuk. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ging jetzt ganz entschieden seinem Ende entgegen, und um Frankfurts einst glänzende Stellung als Reichsstadt, Wahl- und Krönungsort war es damit geschehen. Am 11./12. Juli 1806 schließlich unterschrieben die meisten deutschen Staaten den Beitritt zum Rheinbund, einer Konstruktion Napoleons.
Messestadt Frankfurt
Schon im 11. Jahrhundert dürfte in Frankfurt eine Erntemesse abgehalten worden sein, bei der vor allem Getreide, Wein, Holz, Wolle, Wachs, Seife und Nutztiere verkauft wurden. Erwähnt wird diese Messe bereits 1160 im Kommentar des Eliser Ben Nathan zum Talmud und 1227 in einem Brief Heinrichs (VII.), des Sohns und Mitregenten Kaiser Friedrichs II., an die Stadt Regensburg. Am 11. Juli 1240 machte dann Kaiser Friedrich II. selbst »aller Welt bekannt, dass wir alle und jeden Einzelnen, die zur Messe nach Frankfurt kommen, unter unseren und des Reiches besonderen Schutz nehmen. Wir befehlen, dass niemand wage, sie beim Kommen zu und Gehen von dieser Messe irgendwie zu belästigen oder zu behindern. Wer es dennoch wagt, soll wissen, dass er den Zorn unserer Hoheit auf sich lädt«10.
Diesem weltweit ersten kaiserlichen Privileg als offizielle Messestadt ließ Kaiser Ludwig der Bayer am 25. April 1330 die Bestätigung für eine Fasten-, also Frühjahrsmesse folgen. So war der wirtschaftliche Aufstieg Frankfurts gesichert, denn die beiden Urkunden garantierten die Sonderstellung des Messeplatzes am Main im Reich. Frankfurt war zum »Kaufhaus der Deutschen« geworden. Neben den üblichen Gebrauchsgütern wurden Luxuswaren angeboten, die als Fenster in ferne Weltgegenden dienten: Gewürze aus dem Orient, kostbare Seidenstoffe aus den Mittelmeerländern, Pelze aus Russland. Aber auch gute Weine aus dem Elsass, aus Franken und vom Mittelrhein sowie gesalzener Fisch aus Lübeck zur Fastenzeit. Mit den Waren kamen von überall her die Kaufleute; so war es Frankfurt seit jeher gewohnt, Fremde willkommen zu heißen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Messen und ihre populären Begleitumstände zu den vielfältigsten Kommentaren und literarischen Zeugnissen Anlass boten.
König Franz I. nannte Frankfurt den »vornehmsten und berühmtesten Handelsplatz nicht allein Deutschlands, sondern beinahe des ganzen Erdkreises«, womit er allerdings dem Rat schmeicheln wollte. Martin Luther hingegen war das Messetreiben zuwider. Er hätte im Zuge der Reformation am liebsten auch gleich die Messe als Ursache vieler Übel abgeschafft:
»Rechen du, wie viel gellts eyne Messe zu Franckfurt aus deutschem land gefurt wird on nott und ursache, so wirstu dich wundern, wie es zu gehe, das noch eyn heller ynn deutschen landen sey. Franckfurt ist das sylber und gollt loch, da durch aus deutschem land fleusst, was nur quillet und wechst, gemuntzt odder geschlagen wird bey uns. Were das loch zugestopfft, so durfft man itzt der klage nicht horen, wie allenthalben eytel schuld und keyn gellt, alle land und stedte mit zinsen beschweret und ausgewuchert sind.« 11
Doch Luthers Auffassung wurde keineswegs von allen Zeitgenossen geteilt. Ulrich von Hutten beispielsweise war zur selben Zeit angetan von der Messe und bezeichnete sie als »wimmelnden Markt«, zu dem von weither die Völker kämen.
Die Buchmesse war zunächst nur ein Teil der Warenmesse. Seit 1480 fand sie dann eigenständig mit einem einzigartigen Gepräge statt, das der Rat der Stadt durch eine liberale Handhabung der Zensur noch förderte. Frankfurt wurde nun zum Mekka für Autoren, Drucker, Verleger und Buchkäufer. Henricus Stephanus, der mit bürgerlichem Namen Henri Estienne hieß und ein Gelehrter aus einer berühmten Pariser Druckerfamilie war, ließ sich 1574 geradezu hymnisch in lateinischer Sprache über die Buchmesse aus und verglich Frankfurt mit dem antiken Athen.

Die Franfurter Messe. Titelkupfer aus dem Lobgedicht des Obristen Johann Albrecht Jormann, 1696
Während der Messen herrschte eine Art verkehrte Welt, ein Karneval, in dem die strengen Polizeiordnungen aufgehoben waren. Selbst die Kirchen erlaubten an Fastentagen den Verzehr von Fleisch. Handwerker und Kaufleute erhielten die Genehmigung, auch sonntags ihre Geschäfte zu betreiben, die Wirtshäuser durften in der Nacht geöffnet haben, und es konnten beliebig lange Messer und Schwerter getragen werden. Dabei ging es wild zu. Es kamen nicht nur ehrbare Herrschaften, sondern auch Huren, Vaganten und jede Menge Bettler und Diebe. Bald hatte Frankfurt den Ruf einer »stinkreichen« Stadt, in der man sich Sachen erlauben durften, von denen Einwohner anderer Städte nur träumen konnten.
Martin Luther wird vor allem dieser unübersichtliche Karneval ein Dorn im Auge gewesen sein, ganz besonders das freie und freche Auftreten der ortsfremden Dirnen, von denen schon die Rede war. Ihnen gefiel es in Frankfurt bei den Messen so gut, dass nachher der Rat der Stadt durch die Bürgerkapitäne die einzelnen Stadtviertel nach ihnen durchsuchen ließ, um sie schleunigst aus der Stadt zu treiben. 1560 wurden die Frauenhäuser abgeschafft, weil sie mit dem Geist und der Moral der Reformation nicht zu vereinbaren waren. Die Huren durften nun in Frankfurt nicht mehr an öffentlichen Festen teilnehmen und wurden mit drakonischen Maßnahmen diskriminiert. Ab 1577 war die Prostitution ein kriminelles Delikt und wer dagegen verstieß, wurde nicht nur mit Verachtung und Spott bestraft. 1629 ging man schließlich dazu über, jene Prostituierten, die beim Treiben ihres Gewerbes erwischten worden waren, ins so genannte Narrenhäuslein – eine Art Gefängnis – zu stecken. Später mussten sie sich ähnlich einem Pranger auf einen großen hölzernen Esel setzen, der an der Hauptwache installiert war.12
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Frankfurt einer der wichtigsten Umschlagplätze für die besonders begehrten französischen Luxuswaren, die ebenso wie der Seiden- und Schmuckhandel vor allem den europäischen Hochadel an den Main zogen. Ihren zahlenden Gästen gegenüber zeigten sich die Frankfurter liberal und weltoffen. So hatte es die Stadt wohl letztlich ihren Messen zu verdanken, dass sich bei aller Reglementierung des öffentlichen Lebens außerhalb der Messen allmählich ein Klima der Toleranz bildete.
Dies zeigte sich z. B. darin, dass die Reformierten ab 1783 in Frankfurt ihre Gottesdienste feiern konnten, nachdem sie zuvor nach Bockenheim hatten ausweichen müssen. Das Dorf Bockenheim gehörte zur Landgrafschaft Hessen-Kassel. Auch die Lage der bis dahin ausgepressten Dorfbewohner änderte sich erheblich. Ihre Frondienste wurden spürbar verringert, und sie konnten sich leichter von der Leibeigenschaft freikaufen. Anders als in der Nachbarstadt Mainz führte dann auch die Französische Revolution nicht zu jakobinischen Aktivitäten. Nur in Sachsenhausen wurde ein Jakobinerclub gegründet, der aber ohne Wirkung blieb.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts begann sich das Bild der Messe zu wandeln. Der Buchhandel verlagerte sich angesichts der immer rigoroser werdenden Zensur nach Leipzig. Die politischen Wirren, in die Frankfurt als eines der Zentren des Reichs hineingezogen wurde, kamen dem Messeplatz Leipzig weiter zugute, bis die Stadt an der Pleiße die Mainmetropole schließlich um 1800 ein- und überholte. Frankfurt konnte nur seine Bedeutung als Banken- und Börsenzentrum wahren, während die Messen zu regionalen Verkaufsschauen mit Jahrmarktscharakter herabsanken. Auch die Gründung der Messe- und Ausstellungsgesellschaft im Jahr 1907 brachte nur einen kurzen Aufschwung (mit der Eröffnung der Festhalle 1909), der bis zur Wirtschaftskrise 1929 andauerte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholte sich die Entwicklung, die zum Niedergang der Frankfurter Messe geführt hatte, mit umgekehrtem Vorzeichen. Nun rückte Leipzig an die Peripherie. Unmittelbar nach der Währungsreform, im Oktober 1948, fand die Herbstmesse wieder in Frankfurt statt. Seit 1949 wird die Buchmesse wieder in Frankfurt veranstaltet, die sich seitdem zur wichtigsten internationalen Buchmesse der Welt entwickelt hat. Der 1991 fertiggestellte Messeturm schließlich ist eines der höchsten Bürogebäude Europas und mittlerweile ein allgemein akzeptiertes Wahrzeichen der Stadt.
Ganz in der Nähe von Frankfurt liegt die schöne kleine Stadt Kronberg, die schon deshalb mit der Metropole verbunden ist, weil sich dort, am Rande des Taunus, etliche Bürger niedergelassen haben, die in der Messestadt ihr Geld verdienen, aber dort nicht wohnen wollen. Am Beispiel von Kronberg soll ein Eindruck vom Alltagsleben in den hessischen Städten im 17. und 18. Jahrhundert vermittelt werden.
Zum Beispiel Kronberg
Die »große Geschichte« mit ihren Kriegen und Herrschern, Krisen und Entwicklungen bestimmt zwar auch das Alltagsleben der Menschen, entscheidet oft genug über Leben und Tod, Hunger oder Wohlstand, ihre Betrachtung führt aber oft auch dazu, dass die unauffälligeren Bereiche der historischen Realität ausgeblendet werden. Das Tempo der politischen Hauptereignisse wie Reformation, Französische Revolution oder Ende des Alten Reichs gehorcht ganz anderen Gesetzen als die Zeit, die vergeht, bis sich die Gewohnheiten der Menschen, ihre Sitten und Anschauungen sowie Bräuche und Meinungen verändern.
An einem so gar nicht spektakulären Beispiel wollen wir die gewöhnlichen Verhaltensweisen der Menschen nachzeichnen. Es geht um die Art, wie in Kronberg im Taunus im 17. und 18. Jahrhundert geheiratet wurde. Wolfgang Ronner hat darüber und über viele andere Aspekte des Alltagslebens in Kronberg ein äußerst informatives dreibändiges Werk geschrieben: Als Kronberg hinter Mauern lag.
Dem 1978 erschienenen zweiten Band entnehmen wir die hier zusammengefassten Informationen. Zuerst aber zitieren wir die Beschreibung der Stadt aus einer 1747 in »Frankfurt am Mayn« erschienenen Chronik, dem Wetterauischen Geographus:

Kronberg. Stich von Matthäus Merian, 1646
»Kronenburg/Cronberg, ein artig wohlgebautes Städtgen und Schloß, vier starke Stunden von Frankfurt, zwey von Höchst, an dem Berg, die Höhe oder der Feldberg genant, in einer schönen und fruchtbaren Gegend. Mitten auf dem gedachten Berge liegt das Schloß gleichen Namens, so mit sehr starcken und dicken Mauren versehen ist, vor kurtzen Jahren aber von den Catholischen Einwohnern größtentheils abgebrochen, und die Steine zu ihrem neuen Kirchenbau verwendet worden, welche Kirche aber, weil sie der Evangelisch-Lutherischen Kirche zu nahe gesetzt worden, nach einem geführten schweren Proces, annoch unausgebauet ist. Das Städtgen ist mit doppelten Mauren umgeben, auf welcher viele Thürme stehen. Diejenige, so die deutschen Städte, gern von den Römern herführen, wollen, dass dieser Ort von dem Kaiser Trajano erbauet und solche nach ihm Trajaniburg genennet habe, aus welchem Namen die Nachkommen endlich Kronenburg gemacht. Nebst dem mancherley Obst, das hieherum wächset, giebt es allda auch eine Menge Castanien.« 13
Man muss zugegebenermaßen schon über viel etymologische Fantasie verfügen, um Kronberg von Kaiser Trajan herzuleiten; die berühmten Kronberger Kastanien jedoch kann man noch heute bewundern.
Das Alltagsleben der Stadtbürger war in einem viel höheren Maß als heute reglementiert. Das betraf auch die »Privatsphäre«, die im 17. Jahrhundert kein unantastbarer Rückzugsraum war. So war im Kronberger Rüge-Artikel von 1617 (»rügen« bedeutete so viel wie »strafen«) festgelegt, dass die Hochzeitsfeier nur zwei Tage dauern durfte. Drei und mehr Tage waren zuvor üblich gewesen; die Obrigkeit fürchtete aber, dass sich die Bürger in übermäßigen Ess- und Trinkgelagen an ein Dasein ohne Arbeit und Disziplin gewöhnen könnten. Viele Bücher und Traktate warnten vor den Folgen der Völlerei, des wilden Eros und des ungezügelten Essens. Dahinter stand aber sehr oft die Absicht, die Untertanen im absolutistischen Staat zu tüchtigen Handarbeitern, ordentlich kalkulierenden Kaufleuten oder gehorsamen Dienern zu machen. Das erstarkende Manufakturwesen mit seinen Werkstätten und einer wichtiger werdenden Verwaltung konnte keine Leute gebrauchen, die nicht in der Lage waren, zwischen Arbeitszeit und Freizeit, zwischen Blaumachen und »Schaffen« zu unterscheiden.
Wer in Kronberg die Hochzeitsfeiern auf drei Tage streckte, hatte mit zehn Gulden Strafe zu rechnen. Es waren nicht mehr als 30 Gäste erlaubt, und nur von 5 bis 10 Uhr abends durfte gegessen werden. Wer sich dann nicht zur Ruhe begab, musste zehn Gulden Strafe zahlen. Zwei Stunden lang durfte getanzt werden, allerdings »ohne dolles Juchzen und üppiges Geschrei« und »ohne leichtfertige Worte und Gebärden«. Beim Essen und Trinken sollte »kein sonderliche Pracht oder Übermaß gebraucht werden«. Man muss solche Verordnungen als Beschreibung der herrschenden Zustände lesen. Es wurde also gebrüllt, es wurden wüste Schimpfworte womöglich gegen die Obrigkeit gerichtet, man fasste sich in besoffenem Zustand wer weiß wohin, und man aß und trank bis zum Umfallen – sonst hätte es dieser Verbote kaum bedurft.
Die Gäste ließen wohl auch gern etwas mitgehen, denn es hieß ausdrücklich, sie sollten »die Dische nicht berauben noch alles zu sich und in ihre Säcke geiziglichen stecken«. Die Hochzeitsgeschenke mussten auch im Rahmen bleiben. Gewöhnliche Bürger sollten nicht mehr als einen Reichstaler anlegen, Gerichts- und Ratspersonen sollten es mit einem Goldgulden gut sein lassen.
Nach dem Fest ging es nicht nach Venedig oder in den Vogelsberg, sondern an die Arbeit. Die Hochzeitsreise wurde erst sehr viel später erfunden. Wie sich das Zusammenleben des jung verheirateten Paars zu gestalten hatte, war auch klar geregelt. In einem Ehekontrakt hatten die beiden Sippen vorher die vermögensrechtlichen Belange festgelegt. Die Familie der Frau achtete darauf, dass die Braut nicht zu kurz kam, damit sie nicht mit leeren Händen dastünde, wenn der Mann stürbe oder, warum auch immer, eine zweite Ehe nötig würde. Aus den Gerichtsakten geht hervor, dass es immer wieder zu kleinlichen und schmutzigen Streitereien zwischen den Eheleuten und ihren Sippen kam – warum auch sollten Ehekrisen und Scheidungskriege Erfindungen unserer Tage sein?
Keineswegs darf man sich die Ehefrauen in dieser Zeit als brave Hausmütterchen vorstellen, die nur auf die Anordnungen des Mannes warteten. Im Gegenteil kannten die Frauen ihre Rechte und wussten sie auch zu verteidigen. Haustyrannen, denen die Hand ausrutschte, wurden nicht geduldet. Solche Fälle konnten schon einmal vor Gericht landen.
So stiftete etwa ein Mann Aufruhr, der seiner Frau ein paar Ohrfeigen verpasste, weil sie sich – neben anderen Verfehlungen – nach seiner Meinung nicht an die häusliche Arbeitsteilung gehalten und das schreiende Kind nicht beruhigt hatte. Die Eltern und Schwiegereltern mischten sich ein und es kam zur Schlägerei. Vor Gericht wurden alle dringlich ermahnt, die Kosten mussten beide Parteien tragen. Von der Unterdrückung der Frau, die nur in der häuslichen Sphäre das Sagen gehabt hätte, kann hier also nicht ohne weiteres die Rede sein: Wenn der Mann zuschlug, verstieß er gegen die geltende Ordnung und musste die Folgen tragen.
Übrigens war die Hausarbeit einer Frau, zum Beispiel im 17. und 18. Jahrhundert, eine einzige Plackerei. Da mussten Gänse getötet, gerupft, gesengt und ausgenommen werden, Seife gekocht, Kerzen gezogen, Gemüse gepflanzt und zentnerweise Obst gepflückt und geschleppt werden. Holz gab es im Wald, im Stall wurde das Vieh versorgt, das Feuer im Herd zündete man im Morgengrauen an, wenn Knechte und Mägde vorhanden waren, mussten sie angeleitet und wie Kinder im Haushalt ernährt und umsorgt werden. Die Alten waren bis zum Tod zu pflegen, in jedem zweiten Jahr kam ein Kind zur Welt, und der Mann war möglicherweise kein ruhiger, freundlicher Geselle, sondern ein Tunichtgut, dem man seine Grenzen aufzeigen musste.
Scheidungen waren in der lutherischen Kirche zwar möglich, aber sie wurden äußerst ungern ausgesprochen. Die kirchliche wie die weltliche Obrigkeit duldeten zwar Trennungen von Tisch und Bett, sprachen sich offiziell aber dagegen aus. 1618 war die weltliche Obrigkeit in Kronberg katholisch und verschärfte die Scheidungspraxis. In diesem Jahr befahl man zwei getrenntlebenden Paaren wieder zusammenzuziehen, und 1645 wurde einem von seiner Frau verlassenen Mann die Wiederheirat verweigert. Dieser Mann bat dann mit Erfolg den evangelischen Prediger Johann Gereum um die Erlaubnis einer zweiten Ehe.
Ein Fall von tatsächlichem oder nur vermutetem Ehebruch erregte im Jahr 1628 Aufsehen. Johann Grubers Hausfrau hatte den Abraham Volck in seinem Haus aufgesucht. Das Alarmsystem funktionierte, die Leute liefen vor dem Tatort, dem Haus des vermeintlichen Ehebrechers, zusammen und empörten sich lautstark. Frau Gruber entwich durch die Hintertür; sie wurde aber ergriffen und ins Narrenhaus gesteckt. Das war der Ort, an dem man zu dieser Zeit die ertappte Prostituierte einsperrte. Abraham Volck kam bis zum Prozess in den Schuldturm. Schließlich wurde die Gruberin begnadigt, da sich die »wirkliche Vermischung« nicht beweisen ließ und außerdem Herr Gruber seiner Frau verzieh. Volck aber wurde auf vier Jahre und auf zehn Meilen Weges aus Kronberg verbannt. Im Jahr nach dem Prozess musste sich die Frau des Verbannten noch eine »Landhur« schimpfen lassen. Eine Kronberger Bürgerin ging sogar so weit, ihr entgegenzuschleudern, sie solle soviele »Kötze (Körbe) auf dem Rücken tragen, soviel Schwänz sie im Loch gehab«‹ habe.
Das hört sich übel an. Es lässt sich aber nicht mehr feststellen, wie böse solche herben Sprüche wirklich gemeint waren. Die sexuelle Ordnung der Mitmenschen jedenfalls war demnach auch schon im 17. Jahrhundert ein allgemein interessierendes Thema, das von Tabus, Voyeurismus und spektakulärer Empörung geprägt war.
In den allermeisten Fällen dürften die Frauen in Kronberg wohl keine Gelegenheit und vielleicht auch nicht das Bedürfnis gehabt haben, in fremder Männer Häuser einzudringen, um sich dort zu verlustieren. Hatten sie draußen vor den Stadtmauern einen Acker oder einen Garten, so mussten sie oft genug in der »Kötze« oder »Kotze« den Mist hinaustragen; gehörten sie zum Gesinde, dann hatten sie zum Beispiel das heimische Obst zu Fuß zum Frankfurter Markt zu schleppen mit einer schweren Mahne (einem Korb) voller Äpfel auf dem Kopf.
Philipp der Großmütige und das Zeitalter der Reformation
Man sollte sich davor hüten, in der Geschichte großzügig Parallelen zu konstruieren, aber es ist doch erstaunlich, dass Philipp von Hessen, den man später freundlich »den Großmütigen« nennen sollte, in einer ähnlichen Konstellation an die Regierung kam wie Landgraf Heinrich I. von Hessen. Wieder war der Vater – Landgraf Wilhelm II. – früh gestorben, wieder musste die Mutter – Landgräfin Anna – sich in aufreibenden Kämpfen, diesmal mit den Ständen und der Ritterschaft, durchsetzen. Ferner gab es abermals einen unmündigen Sohn, der dann bald darauf die Regierung übernahm.
Im Spätsommer 1506 musste der schwer an der Syphilis erkrankte Landgraf Wilhelm II. in Kassel seine Regierungstätigkeit aufgeben. In einer Übergangszeit bestimmten die Stände unter der Führung des Statthalters Ludwig von Boyneburg die Geschicke des Landes, bis 1508 Landgräfin Anna von Mecklenburg für ihren erst vierjährigen Sohn Philipp die Regierung übernahm. Dabei kam ihr die Verwandtschaft, nämlich die sächsischen Fürsten, zu Hilfe, die sich dadurch einen größeren Einfluss versprach.
Obwohl im 16. Jahrhundert in Hessen allmählich ein vorabsolutistischer Staat mit einer modernen Verwaltung, einer bürgerlichen Beamtenschaft und einem verbesserten Bildungswesen entstand, war die Herrschaft doch weiter von unermüdlichen Gebietskämpfen, Verwandtschaftsintrigen, Auseinandersetzungen mit dem Reich, also dem Kaiser, von immer neuen Bündnissen, Verrat und auch von Willkür geprägt.
Landgraf Philipp, der in Hessen unter enormen Schwierigkeiten und Rückschlägen die Reformation durchsetzte, hatte, so kann man es aus heutiger Sicht beschreiben, zwei Gesichter. Das eine war rückwärts gerichtet, zu den überkommenen Verhältnissen mit Kriegen, Krisen, Machtgehabe; das andere schaute in die Zukunft und war der Modernisierung des Staates, der Bildung und der großen Bewegung der Reformation zugewandt.
Mit 13 Jahren wurde er von Kaiser Maximilian I. für mündig erklärt, und im März 1518 übernahm er von seiner Mutter die Regierungsgeschäfte. Im September desselben Jahres erklärte ihm der Ritter Franz von Sickingen die Fehde. Schneller kann man kaum vom Kind zum Krieger werden. Franz von Sickingen war als Kriegsunternehmer zu Macht und Reichtum gekommen. Als gewissermaßen »letzter Ritter« wollte er sich nicht damit abfinden, dass der politische, militärische und wirtschaftliche Einfluss seines Standes dem Ende entgegenging. Da kam ihm der junge, noch unerfahrene Philipp gerade recht. Er ging davon aus, von anderen unzufriedenen Rittern und kleinen, übergangenen Herren jeder Couleur unterstützt zu werden, und wollte sich wie sein gesamter Stand nicht damit zufriedengeben, dass überall die Macht der Territorialfürsten anwuchs und das ritterliche Fehderecht durch die Einsetzung eines Reichskammergerichts aufgehoben wurde.
Bei seinem Überfall auf Hessen im September 1518 stand ihm sein alter Mitstreiter Gottfried (Götz) von Berlichingen zur Seite. Damit man bei dessen Erwähnung nicht ausschließlich an den immer wieder zitierten Ausspruch denkt, seien zwei kurze Passagen aus Goethes Jugenddrama von 1771 angeführt, in denen erst ein Hofmann am bischöflichen Palast in Bamberg zu Wort kommt, dann Franz von Sickingen, der allerdings, anders als in Goethes Stück, in Wirklichkeit nicht der Schwager des Götz von Berlichingen war.
Der Hofmann heißt hier Bamberg. Er klärt die Tischgesellschaft über die Hintergründe der Auseinandersetzungen zwischen dem Reich und den Rittern auf:
»Der Kayser hat nichts angelegners vor als vorerst das Reich zu beruhigen, die Vehden abzuschaffen und das Ansehn der Gerichte zu befestigen, dann, sagt man wird er persönlich gegen die Feinde des Reichs und der Cristenheit ziehen. Jetzt machen ihm seine Privat Händel noch zu tuhn, und das Reich ist trutz ein 40 Landfriedens noch immer eine Mördergrube. Francken Schwaben der Obere Rhein und die angränzenden Ländern, werden von übermütigen und kühnen Rittern verheert. Franz Sickingen, Hans Selbitz mit dem einen Fus, Gottfried von Berlich, mit der eisernen Hand, spotten in diesen Gegenden dem Kaiserlichen Ansehn.« 14
Franz von Sickingen, von Goethe zu einem Volkshelden gemacht, der sich wie ein edler Räuber für die Entrechteten einsetzt, spricht vor einem »Unternehmen« mit Götz von Berlichingen:
»Der Muht verlernt sich nicht, wie er sich nicht lernt. Sorge für nichts, wenn deine Sachen in der Ordnung sind, geh ich an Hof. Denn mein Unternehmen fängt an reif zu werden. Günstige Aspeckten deuten mir brich auf. Es ist mir nichts übrig als die Gesinnungen des Kaysers zu sondiren. Trier und Pfalz vermuthen eher des Himmels Einfall, als dass ich ihnen übern Kopf kommen werde. Und ich will kommen wie ein Hagelwetter, und wenn wir unser Schicksal machen können so sollst du bald der Schwager eines Cuhrfürsten seyn. Ich hofft auf deine Faust bey dieser Unternehmung.« 15
Franz von Sickingen eroberte mit 10 000 Mann Gernsheim und stand Mitte September 1518 vor Darmstadt. Die Stadt war eingeschlossen, und Franz von Sickingen bekam, was er wollte: sehr viel Geld. Mit 85 000 Gulden musste Philipp sein Land freikaufen, obwohl der Kaiser später den erpresserischen Vertrag annullierte. Zu diesem Schaden kam dann noch der Spott: »Gebt dem Knaben einen Apfel zum Spielen!«, soll Sickingen höhnisch vorgeschlagen haben. Diese Niederlage war sozusagen Philipps politisch-militärische Initiation. Nicht glücklich, aber typisch für eine Zeit, in der die alten Ordnungen nicht mehr, die neuen noch nicht bestanden.
Das Glück blieb Sickingen jedoch nicht hold. Fünf Jahre später, im März 1523, kam Franz von Sickingen bei der Einnahme seiner Burg Landstuhl durch Landgraf Philipp ums Leben, sein Kampfkumpan Gottfried von Berlichingen starb erst 1562 im Alter von 82 Jahren friedlich auf Schloss Hornberg.
Es war wohl klug von Philipp, dass er sich von den Räten, die schon seinem Vater Wilhelm II. »dem Mittleren« und seiner Mutter beigestanden hatten, nicht sofort trennte. Überhaupt scheint er oft die Klugheit bewiesen zu haben, sich gut beraten zu lassen, was ihm später, bei der Einführung und Durchsetzung der Reformation in Hessen, sehr nützlich sein sollte. An der Spitze seiner Räte stand Kanzler Johann Feige von Lichtenau, Erfurter Studienfreund von Martin Luther und ein Förderer der Wissenschaften.
1521 besuchte Philipp den Reichstag zu Worms unter Karl V., der seinem 1519 gestorbenen Großvater Kaiser Maximilian I. nachgefolgt war. Über den 17-jährigen Landgrafen äußerte sich der päpstliche Nuntius auf dem Reichstag später zwiespältig. Er sei zwar mit glänzenden Gaben ausgestattet, leider aber von »übelster erzlutherischer Gesinnung«. Der Nuntius führte das auf den Einfluss von Philipps einstigem Vormund zurück, den sächsischen Kurfürsten Friedrich den Weisen, der ein Freund und Beschützer Luthers war. Und damit lag der päpstliche Gesandte nicht einmal falsch. Philipp hing zwar Luthers Lehre noch nicht konsequent an, zeigte aber an seinen umstürzlerischen religiösen Auffassungen ein außerordentliches Interesse.
Luther wurde durch seinen Auftritt beim Wormser Reichstag außerordentlich populär. Hier hatte er sich vor dem Kaiser, den Fürsten und Städten des Reichs, vor der maßgeblichen Reichsöffentlichkeit also, geweigert, die vom Papst verdammten Äußerungen zurückzunehmen. »Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen.«, soll er am Ende seiner Rede gesagt haben. Aber dieser Satz ist so wahrscheinlich nicht gefallen, sondern erst bei der Legendenbildung öffentlichkeitswirksam hinzugefügt worden.
Der Auftritt Luthers muss den jungen Landgrafen sehr beeindruckt haben, denn er suchte ihn in seinem Quartier auf, um ihn selbst zu befragen. Zwar führte die Unterredung noch nicht zum religiösen Übertritt Philipps, aber doch zu weiterer Verunsicherung: »Habt ihr Recht, so helfe euch Gott«, sagte er Luther zum Abschied und setzte sich für die Einhaltung des freien Geleits ein, das man Martin Luther zugesichert hatte.
Immerhin hatte die neue Lehre am Kasseler Hof schon kräftig Fuß gefasst. Ein Kanzleischreiber drückte das in einem Brief an Kollegen aus, die mit dem Landgrafen nach Worms gereist waren: »Versehet irs und bescheist euch in der Weisheit, dass ir etwas wider Luthern handelt, so kommt nit wieder. Wir schlagen alle für tolle Hunde tot!«16
So verwundert es kaum, dass der tief verunsicherte Landgraf drei Jahre später, im Sommer 1524, zum neuen Glauben übertrat. Vorher hatte er sich mit dem sächsischen Reformator Philipp Melanchthon getroffen, der seine lateinische Schrift Summe der christlichen Lehre dem Landgrafen widmete. Philipp hatte zunächst nur für sich selbst entschieden, zu Luthers Lehren überzutreten, und das offensichtlich nicht aus Gründen der politischen Räson, sondern aus eigenem Antrieb, in ständigem Gespräch mit prominenten Reformatoren.
Zwei Jahre später führte er die Reformation offiziell im Lande Hessen ein. Am 27. August 1526 hatte der Reichstag zu Speyer dafür die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen. Er hatte es den Reichsständen freigestellt, bis zu einem künftigen Konzil sich so zu entscheiden, wie man es »gegen Gott und kaiserliche Majestät« verantworten zu können glaube. Man nannte solche Beschlüsse »Abschiede«; in ihrer Bedeutung lassen sie sich mit Gesetzen vergleichen, wie sie heute vom Bundestag beschlossen werden. Wenig später, am 20. Oktober 1526, wurde auf der »Homberger Synode« die Gründungsschrift der Reformation von den hessischen Ständen angenommen: die Reformatio ecclesiarum Hassiarum (Reformation der Kirchen Hessens). Sie wurde von dem ehemaligen südfranzösischen Franziskanermönch Franz Lambert von Avignon verfasst, der in engem Kontakt zu den Schweizer und oberdeutschen Reformatoren stand, und von dem führenden hessischen Theologen und Hofprediger Adam Krafft auf Deutsch vorgetragen. Die Synode in Homberg an der Efze hatte Landgraf Philipp einberufen, um den Übertritt Hessens zur Reformation durch Vertreter von Ritterschaft, Städten und Geistlichkeit besiegeln zu lassen. Luther allerdings war mit diesem offiziellen Akt gar nicht einverstanden. Er sprach sich deutlich dafür aus, die Reformation in einem allmählichen Übergang mit schrittweisen Veränderungen und nicht durch einen »Haufen Gesetze« zu vollziehen. Erst 1538 wurde dann in der »Ziegenhainer Zuchtordnung« die evangelische Kirchenverfassung festgelegt.
Die Lager formierten sich. Fortan und für lange Zeit standen sich die »Altgläubigen« und die Anhänger der Reformation – oft unversöhnlich – gegenüber.
Ohne tiefgreifende Veränderungen in der gelebten Religion, der Glaubenspraxis, wäre die Reformation in Hessen keine stabile, lebensfähige Größe geworden. Bahnbrechend war vor allem die neue Lehre, man könne allein durch den Glauben zur Seligkeit gelangen. Er allein – die oft zitierte theologische Formel lautete sola fide –, also das Hören von Schrift und Predigt, sollte entscheiden. Damit wurden die vielfältigen stellvertretenden Vermittlungsinstanzen der Katholiken überflüssig. Nicht die neben der Gemeinde praktizierte Frömmigkeit der Mönche und Nonnen, nicht das Wirken der Priester und die kirchlichen Praktiken der Sündenvergebung und insbesondere nicht die Herrschaft des Papstes ebneten den Weg zu Gott, sondern das unmittelbare Christuszeugnis, wie es in der Bibel festgelegt war. Luthers Gott ließ nicht mit sich handeln. Ob die armen Sünder am Tag des Jüngsten Gerichts verdammt würden oder der ewigen Seligkeit teilhaftig, sollte nun nicht mehr von ihren Werken, ihren Spenden und Gebeten abhängen, sondern allein von der Gnade Gottes.

Denkmal Philipps des Großmütigen in Homberg
1527 wurden etwa 50 Klöster in Hessen aufgehoben. Für jedermann sichtbar verschwand das auf diese Weise eingenommene Geld nicht einfach in der landgräflichen Schatulle, sondern es wurde für die allgemeine Wohlfahrt verwendet. So wurden vier bedeutende Klöster in Landeshospitäler für Arme, Sieche, Blinde, Epileptiker und »Irre« umgewandelt: Haina in Oberhessen, Marxhausen in Niederhessen, Gronau in der Niedergrafschaft Katzenelnbogen und Hofheim in der Obergrafschaft. Drei von ihnen bestehen noch heute. Hinzu kamen Stadthospitäler und neue Schulen. Die Besoldung der Pfarrer wurde transparent und einheitlich geregelt, die arbeitslos gewordenen Mönche und Nonnen versorgt.
Am wichtigsten aber war die Gründung der ersten evangelischen Landesuniversität in Marburg. Am 30. Mai 1527 schrieben sich die ersten Studenten ein. Acht Wochen später begann der Lehrbetrieb mit zunächst 88 Studenten und Professoren, darunter als Theologen Adam Krafft und Franz Lambert. An der Marburger Universität sollten vor allem Pfarrer ausgebildet werden, die als Vermittler der Reformation zu dienen hatten.
1528 trat der Erzbischof von Mainz die geistliche Gerichtsbarkeit an Hessen ab. Dadurch war Philipp auch kirchenrechtlich gestärkt.
Die Einführung der Reformation verlief zwar nicht ohne erhebliche Konflikte. Sie wurden aber durch das besonnene Vorgehen des Landgrafen und eine feste Ordnung des hessischen Staatswesens entschärft, etwa in den Fällen der »Abendmahlsfrage« und der Bewegung der Täufer.
Was die Abendmahlslehre betraf, so traten deutliche Widersprüche zwischen den kursächsischen und den schweizerischoberdeutschen Theologen hervor. Philipp neigte eher dem Zürcher Reformator Huldreich Zwingli zu, der weniger dogmatisch und weltoffener dachte als die Sachsen um Luther. Im Religionsgespräch auf dem Marburger Schloss Anfang Oktober 1529 gelang es dem Landgrafen, zwischen den beiden Richtungen zu vermitteln. In 14 Artikeln wurde die neue Glaubensrichtung einvernehmlich formuliert, nur beim Kernpunkt, der umstrittenen Abendmahlslehre, konnte man sich nicht einigen. Es ging dabei um die Frage, wie die Gegenwart Christi im Abendmahl aufzufassen sei. Zwingli und später auch der Schweizer Reformator Johann Calvin verstanden das Abendmahl als Eingedenken, als Gedächtnishandlung der versammelten Gemeinde, um im Glauben stärker zu werden. Luther jedoch bestand weiterhin darauf, dass beim Abendmahl mit Brot und Wein wirklich der Leib und das Blut Christi empfangen würden. Die theologische Streitfrage unterschied zwischen est (ist) und significat(bedeutet), zwischen der realen Gegenwart Christi und bloß symbolischer Präsenz. Die in den 14 Artikeln formulierte Übereinkunft enthielt zwar keine Lösung des Problems, machte es aber immerhin möglich, mit den unterschiedlichen Überzeugungen zu leben.
Der zweite Konflikt nahm seinen Ausgang von dem Umstand, dass die Reformatoren nicht nur von den »Altgläubigen« bekämpft wurden, sondern auch die so genannten Täufer zu ihren Gegnern zählten, denen die neue Lehre nicht weit genug ging. Diese waren nämlich der Ansicht, nur durch eine im Erwachsenenalter bewusst und entschieden zu vollziehende Taufe könne man als wahrer Christenmensch existieren. Als »entschiedene Christen« wollten sie mit der neuen Kirche ebenso wenig zu tun haben wie mit der katholischen. Im Reich wurden sie als Ketzer mit der Todesstrafe bedroht. Philipp, der nicht nur in dieser Frage toleranter war, lehnte die Vollstreckung der Strafe ab. Durch eine straffe Kirchenordnung, Verhöre und Drohungen wollte man in Hessen der Täufer-Bewegung Herr werden, die sich zunächst im Osten des Landes, dann im Raum Gießen und Marburg ausbreitete. Der Landgraf bat den Straßburger Reformator Martin Bucer um Hilfe und es gelang ihm schließlich 1538/39, den Konflikt zu lösen. In der schon erwähnten »Ziegenhainer Zuchtordnung« von 1538 wurde eine Art zweite Taufe festgelegt, die Konfirmation, auf die ein Katechismus-Unterricht vorbereitete. Die aus diesem Kompromiss mit den Täufern hervorgegangene evangelische Konfirmation besteht im Wesentlichen bis heute.
Dass Landgraf Philipp die hohe Bedeutung symbolischer Handlungen kannte und sie für die Durchsetzung der Reformation zu nutzen wusste, geht aus einer in unterschiedlichen Versionen überlieferten Episode hervor: Am 18. Mai 1539 kam er mit vielen Adligen, Vertretern der städtischen Führung und des Handwerks in die Marburger Elisabethkirche. Die Kirche war an diesem Sonntag voller Gläubiger aus der Stadt und dem Umland, die sich zum Gottesdienst versammelt hatten. Es war wohl bekannt geworden, dass der Landgraf im Hoheitsgebiet des Deutschen Ordens, dem die Kirche unterstand, ein Zeichen setzen wollte. Adam Krafft hielt zunächst die erste evangelische Predigt in der Elisabethkirche. Anschließend begab sich Philipp an den Zugang zum Elisabethenschrein, wo die Gebeine der heiligen Elisabeth, der Ahnfrau des hessischen Fürstenhauses und Ikone der Volksfrömmigkeit, in einem kunstvoll verzierten Behälter aufbewahrt wurden. Etwa 150 Personen aus Adel, Bürgerschaft und den niederen Schichten drängten nun in die Küsterei der Kirche, wo der Reliquienschrein stand. Philipp verlangte nach dem Schlüssel, der Landkomtur Wolfgang Schutzbar von Milchling, Vorsteher der Marburger Deutschordensballei (von mittellateinisch ballivus = Aufseher), verweigerte jedoch die Herausgabe. Die Situation spitzte sich zu. Es wurde verhandelt, gefordert und gedroht, der Komtur aber blieb bei seiner Weigerung. Schließlich ließ Philipp die Schlösser aufbrechen und den Schrein öffnen. Mit den Worten »Kum her, mum Els. Das ist mein elder Mutter (meine Ahnfrau), her cometur« entnahm er die Gebeine und ließ sie zusammen mit dem Schädel, der in einem besonderen Reliquiar aufbewahrt wurde, auf das Marburger Schloss bringen.17
So kühn, tolerant und besonnen Philipp und die evangelischen Theologen in Glaubensfragen agierten, so sehr blieb der Landgraf im politisch-militärischen Handeln den Mustern seiner Zeit verhaftet. Dennoch unterschied er sich auch hier gelegentlich vom blinden Wüten anderer Herren. So beteiligte er sich beispielsweise nicht an der gnadenlosen Vernichtung der geschlagenen hersfeldischen und fuldaischen Bauern und des niedergeworfenen Mühlhäuser Haufens bei Frankenhausen am Kyffhäuser durch seine fürstlichen Kollegen. Vielmehr verbot er seinen Truppen das Begehen von Ausschreitungen, ging besonders krassen Missständen nach und gewährte einigen flüchtigen Bauernführern sogar Asyl im Lande.
Meistens jedoch verhielt er sich, wie es zu seiner Zeit üblich war. Ein Beispiel dafür sind die so genannten Packschen Händel, die beinahe zum Krieg Kursachsens und Hessens gegen die katholischen Bundesgenossen geführt hätten:
Am 21. April 1526 hatten sich die wichtigsten Reichsstädte zu einem Geheimbündnis zusammengeschlossen. Der Protestantismus war zu einer politisch-militärischen Größe geworden. Philipp wünschte einen protestantischen Bund mit Kursachsen, Hessen und den evangelischen Schweizer Eidgenossen. Doch im Sommer des folgenden Jahres war Kaiser Karl V. in Augsburg das erste Mal nach längerer Zeit wieder persönlich bei einem Reichstag erschienen. Er wähnte sich in seiner Machtfülle in Deutschland und Europa unbesiegbar und sah die Zeit gekommen, mit allen Mitteln gegen die protestantischen Mächte vorzugehen. Der folgende Reichstagsabschied war eine klare Kriegerklärung gegen sie, woraufhin die evangelischen Stände den Reichstag verließen. 1528 legte dann der sächsische Vizekanzler Dr. Otto von Pack Papiere vor, die ein Offensivbündnis der Altgläubigen gegen die Lutheraner zu beweisen schienen. Daraufhin bereitete Philipp einen Feldzug gegen die Bistümer Würzburg und Bamberg vor, bekämpfte den Wetterauer Grafenverein und erpresste vom Mainzer Erzbischof den Verzicht auf die geistliche Gerichtsbarkeit. Die »Händel« erwiesen sich zwar als Fälschung, sie schienen Philipp jedoch gerade recht gekommen zu sein.
Auf dem Reichstag in Speyer im Jahre 1529 traten dann die Konflikte mit dem Reich in scharfer Form hervor. Im Abschied wurden sämtliche kirchlichen Veränderungen seit 1526, besonders auch in Hessen, reichsoffiziell verurteilt. Daraufhin protestierten die Fürsten der Reformation und eine Anzahl von Reichsstädten energisch und verbaten sich die Einmischung in religiöse Fragen. Ihr Widerspruch führte zu der Bezeichnung »Protestanten«.
Nach diesen Vorgängen waren sie gewarnt. Am 27. Februar 1531 schlossen sie sich im thüringischen Schmalkalden zum »Schmalkaldischen Bund« zusammen: sechs Fürsten und zehn Städte, allesamt Anhänger der Augsburgischen Konfession, die so genannt wurde, nachdem Philipp Melanchthon beim Reichstag die gemäßigte Bekennerschrift Confessio Augustana vorgelegt hatte. Zu diesem Bund gehörten auch die vier oberdeutschen Städte Straßburg, Konstanz, Lindau und Memmingen, die sich zur Confessio Tetrapolitana (= Bekenntnis der vier Städte) zusammengefunden hatten. An der Spitze des Bundes standen Kurfürst Johann von Sachsen und Landgraf Philipp von Hessen, die zu dieser Zeit die führenden Figuren des Protestantismus in Deutschland waren. Gegen den Kaiser und das Haus Habsburg baute Philipp nun das Bündnis aus, gewann auf europäischer Ebene Frankreich hinzu und nahm Verbindung mit England, Dänemark und Ungarn auf. Unter Philipps Führung betrieb man so eine Art Großmachtpolitik. Selbst das katholische Bayern, das sich dem Kaiser widersetzte, stand dem Schmalkaldischen Bund nahe. In einem ebenso frechen wie kühnen Unternehmen führte Philipp im Frühjahr 1534 Herzog Ulrich von Württemberg, der im Jahre 1526 als Flüchtling in Kassel aufgenommen worden war, in dessen von den Habsburgern besetztes Herzogtum zurück, aus dem ihn 1519 der Schwäbische Bund vertrieben hatte. Daraufhin trat auch Württemberg dem Schmalkaldischen Bund bei und Philipp schien bei seinem Versuch, den Protestantismus auch politisch zu organisieren, von Erfolg zu Erfolg zu eilen.
1538 verabredeten jedoch König Ferdinand sowie etliche mittel- und norddeutsche Fürsten in Nürnberg ein katholisches Gegenbündnis, das ebenfalls rasch wuchs. Neben Dänemark, Brandenburg und Mecklenburg traten auch die Herzöge von Sachsen der jüngeren albertinischen Linie diesem Bündnis bei. Zwar handelte es sich in beiden Fällen eigentlich um Defensivbündnisse, man belauerte sich jedoch gegenseitig, trotz wiederholter friedlicher Religionsgespräche und vieler Kontakte, in ständiger Furcht, die anderen könnten zuerst losschlagen. Kaiser Karl V. hingegen, der Bruder König Ferdinands, bekämpfte den Schmalkaldischen Bund offensiv. Es mag sein, dass Philipp, der stets auf Ausgleich bedacht war, die kriegerische Absicht des Kaisers verkannte – vielleicht sind solche Vermutungen aber auch nur der Versuch der Geschichtsschreibung, die nun folgende Entwicklung zusätzlich zu dramatisieren: Hier der eher gutmütige Landgraf, der auf Argumente und Vernunft setzte, dort der starke, kriegsentschlossene Kaiser. Wie dem auch sei, es geschah etwas Einmaliges, das offenbar den Niedergang des Landgrafen einleitete.
Philipp hatte sich wie sein Vater Wilhelm II. durch ein ungeregeltes Sexualleben die Syphilis in schwerer Form zugezogen. Zudem litt er an einer seltenen geschlechtlichen Anomalie, die im Medizinerjargon »Triorchie« heißt: Er besaß drei Hoden und ein – vielleicht deshalb – kaum zu befriedigendes Sexbedürfnis. Das führte zu Gewissensnöten und erheblichen Selbstzweifeln. Mit anderen Worten: Die Beziehung zu seiner Frau, Christine von Sachsen, mit der er vier Söhne und sechs Töchter hatte und mit der er nur aus bündnispolitischen Gründen verheiratet war, verlief unglücklich. In einem seinerzeit einmaligen Akt verfiel er der Bigamie: Er heiratete zusätzlich seine siebzehnjährige Geliebte, Margarethe von der Sale, ein Hoffräulein seiner Schwester Elisabeth von Sachsen-Rochlitz. Das geschah am 4. Mai 1540 in Rotenburg an der Fulda.
Luther und Melanchthon hatten ihm, vielleicht unter Druck, Zustimmung signalisiert. Das Ganze hätte eigentlich geheim bleiben sollen, sprach sich im gesamten Reich aber schnell herum und wuchs sich zum Skandal des Jahrhunderts aus. Auf Bigamie stand nach der kaiserlichen Halsgerichtsordnung die Todesstrafe. Somit war Philipp als Bigamist der Gnade des Kaisers preisgegeben. Der Schmalkaldische Bund wurde dadurch aufs Höchste strapaziert. Der Kaiser konnte sich die evangelischen Lande am Niederrhein ohne Widerstand aneignen, und bald sah er die Stunde gekommen, gegen die Protestanten zu Felde zu ziehen. Er löste 1546 auf dem Reichstag zu Regensburg Bayern aus der antihabsburgischen Politik und verpflichtete das Land zur Neutralität. Zudem schlugen sich mehrere evangelische Fürsten auf Karls Seite, zu Philipps großem Schmerz war auch sein Schwiegersohn Moritz von Sachsen darunter. Der Schmalkaldische Bund hatte 15 Jahre Frieden gebracht, nun war es um ihn geschehen.

Margarethe von der Sale (Kopie eines verschollenen Gemäldes von 1539)
Zwar hielten die »Bundeshauptleute« Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und Landgraf Philipp zusammen, die Katastrophe war aber nicht mehr aufzuhalten. Anfang Juli 1546 vereinigten sich die Schmalkaldischen Truppen in Süddeutschland, und es sah zunächst nach einer starken Streitmacht aus. Da griff Philipps Schwiegersohn Herzog Moritz die Kurlande seines Vetters Johann Friedrich an und der sächsische Kurfürst eilte mit seinen Truppen von der Donau in sein Land zurück. Daraufhin zerstreuten sich die Schmalkaldischen Resttruppen an der Donau, und der Kaiser eroberte in Württemberg eine Stadt nach der anderen.
Am 24. April 1547 nahm Karl V. auf der Lochauer Heide bei Mühlberg den sächsischen Kurfürsten mit seinen Truppen gefangen. Auch Philipp verlor dabei seine Streitmacht. Nach monatelangen Kapitulationsverhandlungen unterwarf er sich am 19. Juni in Halle mit Kniefall der Gnade des Kaisers. Er wurde zwar nicht hingerichtet, musste aber fünf Jahre in kaiserlicher Gefangenschaft in den Niederlanden verbringen, wobei er in der ständigen Furcht lebte, nach Spanien in des Kaisers Stammland verschleppt zu werden, um für immer von der Bildfläche zu verschwinden.
Schließlich wurde Philipp im Rahmen der großen Fürstenerhebung 1552 aus der Gefangenschaft befreit. An der Spitze des Befreiungsheeres standen sein Sohn Wilhelm und der vom Kaiser zum Kurfürsten erhobene Moritz von Sachsen. Hessen war mehr oder weniger unbeschadet durch die Zeit ohne Herrscher gekommen. Der protestantische Staat hatte sich mit seinen Institutionen wie Kirche, Beamtenschaft, Adel und Bürgertum als stabil erwiesen.
Anders gesagt: Der vormoderne Staat war so gefestigt, dass er sich auch ohne die Gegenwart des Regenten als lebensfähig erwies. Im Augsburger Religionsfrieden von 1555 schließlich wurde das Nebeneinander der katholischen Kirche und des Protestantismus im Rahmen der Reichsgesetze festgeschrieben. Bis zu seinem Tod am 31. März 1567 in Kassel blieben Philipp nach der Befreiung aus der Gefangenschaft des Kaisers noch 15 Jahre. Es heißt, er sei in diesen Jahren, geläutert durch Niederlagen in religiösen, politischen und familiären Kämpfen, bestrebt gewesen, zwischen den evangelischen Bekenntnissen zu vermitteln und den Krieg als politisches Mittel hintanzustellen.
Sein Land hatte durch die Kriege, Besetzungen und Reparationskosten stark gelitten, wenn es auch politisch stabil geblieben war. Man sagt, Philipp habe die letzte Lebenszeit auf den mühseligen und geduldigen Wiederaufbau verwandt. Vielleicht nannte man ihn, der sich großer Sünden schuldig gemacht hatte, auch deshalb Philippus Magnanimus, Philipp den Großmütigen. Er war eine herausragende Gestalt nicht nur der hessischen Geschichte.
Es mag sein, dass die Legendenbildung für eine wahrheitsgetreue Geschichtsschreibung nicht förderlich ist. Das lebendige historische Gedächtnis aber ist auf Legenden, Sagen und Geschichten angewiesen, so fragwürdig das durch sie vermittelte Bild auch immer wieder sein mag. So haben sich das Markante an Phillips Gestalt und seine große Beliebtheit besonders in den Sagen niedergeschlagen, die über ihn geschrieben und erzählt wurden. Eines der ältesten und häufigsten Motive dabei ist die Erkundung der Zustände des Landes durch den anonym auftretenden Herrscher:
»Landgraf Philipp pflegte gern unbekannterweise in seinem Land umherzuziehen und seiner Untertanen Zustand zu erforschen. Einmal ritt er auf die Jagd und begegnete einer Bäuerin, die trug ein Gebund Leinengarn auf dem Kopf. ›Was tragt Ihr, und wohin wollt Ihr?‹, fragte der Landgraf, den sie nicht erkannte, weil er in schlechten Kleidern einherging. Die Frau antwortete: ›Ein Gebund Garn, damit will ich zur Stadt, dass ich es verkaufe, und die Schatzung und Steuer bezahlen kann, die der Landgraf hat lassen ausschreiben; des Garns muss ich selber wohl an zehn Enden entraten‹, und klagte erbärmlich über die böse Zeit. ›Wieviel Steuer trägt es Euch?‹, sprach der Fürst. ›Einen Ortsgulden‹, sagte sie; da nahm er sein Säckel, zog so viel heraus, und gab ihr das Geld, damit sie ihr Garn behalten könnte. ›Ach nun lohn’s Euch Gott, lieber Junker‹, rief das Weib, ›ich wollte, der Landgraf hätte das Geld glühend auf seinem Herzen!‹ Der leutselige Fürst ließ die Bäuerin ihres Weges ziehn, kehrte sich gegen sein Gesinde um und sprach mit lachendem Mund: ›Schauet den wunderlichen Handel! Den bösen Wunsch hab ich mit meinem eigenem Geld gekauft.‹« 18
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