Czytaj książkę: «Evolution und Schöpfung in neuer Sicht»
Hans Kessler
Evolution und Schöpfung in neuer Sicht
Für Heidrun, Anette, Peter, Julia und Paula
Hans Kessler
Evolution
und Schöpfung
in neuer Sicht
Butzon & Bercker
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ISBN 978-3-7666-1287-8
E-BOOK ISBN 978-3-7666-4105-2
EPUB ISBN 978-3-7666-4106-9
© 2009 Butzon & Bercker GmbH, 47623 Kevelaer, Deutschland, www.bube.de
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Satz: Schröder Media GbR, Dernbach
Inhalt
Ein persönliches Vorwort
Einleitung
1. Zu Fragestellung und Aufgabe
2. Zum Vorgehen
I. Missdeutungen des Schöpfungsgedankens bei Kreationisten und harten Naturalisten und die Realität der Evolution
1. Kreationismus und Intelligent-Design-Lehre
a) Bibel gegen Darwin?
b) „Creation Science“ und „Intelligent Design“
c) Kreationismus im deutschen Sprachraum
2. Zur Antwort von Evolutionsbiologen und zur Offensive atheistischer Fanatiker
a) Sachliche Klarstellungen durch Evolutionsbiologen
b) Die Offensive szientistisch-naturalistischer Fundamentalisten
c) Kein Atheist: Wie Darwin zu Religion und Schöpfungsglauben stand
3. Die Realität der Evolution, die Evolutionstheorie und der Evolutionsmythos
a) Zwingende Gründe für die Annahme von Mikro- und Makro-Evolution
b) Evolutionstheorie als unabgeschlossene biologische Erklärung der Evolution
c) Neo-mythische Überhöhung der Evolution zur Totaldeutung der Wirklichkeit?
II. Die biblischen Schöpfungstexte – was sie wollen und was sie nicht wollen
1. Die altorientalischen Schöpfungsmythen als Hintergrund und die Besonderheit biblischen Schöpfungsdenkens
a) Kreatives Chaos: Schöpfungsmythen der altorientalischen Hochkulturen
b) Gott als kreativer Urgrund: Zur Eigenart biblischen Schöpfungsdenkens
Exkurs: Ursprungs- und Schöpfungsmythen in den Religionen des Ostens
2. Wie sind die Schöpfungstexte am Anfang der Bibel (Gen 1 und 2 – 3) zu verstehen?
a) In sieben Tagen? Der Schöpfungshymnus am Anfang der Bibel (Gen 1)
b) Urzeitidylle und Sündenfall? Die Schöpfungs- bzw. Paradieserzählung Gen 2 – 3
c) Anti-evolutionär? Was der Redaktor wollte, der beide Texte aneinanderfügte
3. Anhang: Hinweise zum Evolutionsdenken in der Geschichte des Christentums
Exkurs: Evolutionsideen in vorchristlicher Antike
a) Dynamisch-evolutiv denkende griechische Kirchenväter
b) Statisch denkende Theologen in Antike und römisch-germanischem Mittelalter
c) Dynamisch-evolutives Denken bei Theologen der Neuzeit
III. Der harte, weltanschauliche Naturalismus – warum er zu kurz greift
1. Die eine komplexe Weltwirklichkeit und unsere pluralen Erkenntniszugänge
a) Plurale Perspektiven auf die mehrdimensionale Wirklichkeit
b) Was spricht gegen einen naturalistischen Erklärungsmonismus?
c) Eine Schichtentheorie der Wirklichkeit: Wie stehen die Ebenen zueinander?
d) Was der Naturalismus unbeantwortet lässt, ausblendet und unbemerkt voraussetzt
2. Die Frage nach einem göttlichen Urgrund – warum sie sich nicht erübrigt
a) Gegenfragen zur naturalistischen Bestreitung Gottes als Urgrund der Welt
b) Was erklären die Wissenschaften eigentlich und was will die Frage nach Gott?
c) Weltformel, anfanglose Welt, Multiversen? Die Abwehr letzter Fragen
d) Reichweite der Vernunft und Argumente für Glauben an Gott als Urgrund
e) Was atheistischer Naturalismus nicht erklärt, wohl aber der Gottesglaube
IV. Zum christlichen Verständnis von Gott, von Schöpfung und von Evolution
1. Worauf man sich einlässt, wenn man von Gott denken/sprechen will
a) Kann Gottes Gegenwart erfahren werden?
b) Wie der Schöpfer-Gott (nicht) gedacht werden darf
Exkurs zum Problem der Gottesbilder und zum Wort Liebe
2. Was bedeutet das für das Verständnis der Weltwirklichkeit?
a) Alles in Gott („Pan-en-theismus“): Der gesamte kosmische Prozess geschieht in Gott
b) Die Geschöpfe sind in ihre Eigendynamik hinein freigegeben; alles Leben ist beseelt
c) Gott in allem – freilich auf unterschiedliche Weise
V. Die Evolution im Rahmen des Schöpfungsglaubens
1. Der ständige absolute Schöpfungsvorgang als Grundvoraussetzung von Evolution
a) Eine Aussage im Präsens: das ständige transzendentale Gründungsgeschehen
b) Implikationen der Aussage von der „creatio ex nihilo“
2. Die Evolution als fortwährendes relatives Schöpferwirken in tastender Interaktion
a) Die Evolutionstheorie und die Glaubensaussage von der „creatio continua“
b) Emergenz und die Frage nach dem Wirken Gottes im Evolutionsprozess
c) Zielgerichtetheit im Zufall? Fehlentwicklungen und Finalität im Evolutionsprozess
3. Vorläufige und endgültige Neu-Schöpfung als Überschuss über alle Evolution
a) Vor-läufige Neuschöpfung: Befreit-befreiendes Dasein schon mitten im Weltlauf
b) Der Tod und die Hoffnung auf eine alle weltlichen Möglichkeiten übersteigende Vollendung
Schluss: Einige Folgerungen für das Verhältnis von Evolution und Schöpfung
Anmerkungen
Literatur
Ein persönliches Vorwort
Schöpfung und Evolution – ein Gegensatz: So scheint es, wenn man manchen Bestsellern und Medienbeiträgen glauben will. Die Fundamentalisten auf beiden Seiten verharren in ideologisch erstarrten Fronten. Grundlegende Informationen fehlen. Sachlichkeit bleibt oft ein Fremdwort.
Aber werden wirklich nur längst ausgefochtene Kämpfe neu angeheizt, wie manche meinen? Steht nicht Grundlegendes zur Debatte? Steht nicht der Glaube an einen Gott und an sein Wirken vor einer ganz abgründigen Herausforderung angesichts der anscheinend völlig autonomen Abläufe der kosmischen, der biologischen, der kulturellen Evolution? Und der Mensch, ist er nicht in der Tat ein unbedeutendes Randphänomen in den ungeheuren Weiten des Kosmos, oder ist er gar, indem er seine kosmische Zufälligkeit und Ausgesetztheit erkennt, schon über diese hinaus? Ist er vielleicht doch gewollt? Steckt in den vielen extremen Unwahrscheinlichkeiten der Evolution eine Zielgerichtetheit? Und wäre es, angesichts der naturbedingten Übel, ohne Evolution sogar schwerer, an Gott zu glauben?
Mir persönlich hat einiges geholfen, die Evolution und den Schöpfungsglauben zusammenzudenken. Auf der Oberstufe des Gymnasiums in Schwäbisch Gmünd hatten wir einen Biologielehrer, der uns einen guten, vorurteilsfreien Biologieunterricht gab, ohne weltanschauliche Beimischungen. Ein einziges Mal ließ er, und das auch erst im Hinausgehen, erkennen, wo er selbst stand. Ich erinnere mich: Er hatte die im Einzelnen hoch komplizierte Photosynthese erklärt und dazu weit ausgeholt, bis zu bestimmten Bakterien, die die Fähigkeit zur Photosynthese entwickelt haben und dann von größeren Zellen aufgenommen wurden, so dass Algen, Moose, Farne und Samenpflanzen entstehen konnten, die mit der Produktion von Sauerstoff in großem Maßstab erst die Voraussetzung für die reiche Vielfalt höheren Lebens auf der Erde geschaffen haben. Am Ende der Stunde, er hatte seine Sachen schon zusammengepackt und unter dem Arm, sagte er noch ganz ruhig: „Sie brauchen nicht zu meinen, dass Sie das jetzt voll verstanden hätten, dahinter steht das göttliche ,Es werde‘.“ Es war das einzige Mal, dass er durchblicken ließ, wo er selber stand. Für manchen von uns war das ein Bildungserlebnis. – Ein paar Jahre zuvor hatte unser damaliger Religionslehrer, der dann an die PH wegberufen wurde, uns in die geschichtlich-theologische Sicht der Bibel und ihrer Schöpfungstexte eingeführt und sie mit heutiger Erfahrung so überzeugend und eindrucksvoll vermittelt, dass beides nicht in zwei unverbundene Welten auseinanderfiel. – Mittlerweile hat sich meine Sicht der Dinge erheblich erweitert und vertieft, nicht allein durch Studium und Lehre der Theologie, sondern auch durch ein mehr als zwanzig Jahre andauerndes Gespräch mit Physikern, Biologen, Philosophen und Theologen in einer interdisziplinären Arbeitsgruppe an der Frankfurter Goethe-Universität, die ich bis Ende 2005 geleitet habe. – Der Prozess meines Nachdenkens geht weiter, herausgefordert durch immer neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse und religiös-theologische Impulse.
In diesem Buch möchte ich eine Zwischenbilanz vorlegen. Ich möchte zur Aufklärung, zur Versachlichung, zu einer nüchternen Betrachtung und zum Gespräch beitragen. Deshalb setze ich auf Information und auf das Argument. Es wird nichts vorausgesetzt, was nicht hinterfragt werden dürfte.
Ich werde einerseits in Auseinandersetzung mit den Kreationisten den originären Sinn der Schöpfungstexte am Anfang der Bibel herausarbeiten, andererseits in Auseinandersetzung mit atheistischen Evolutionisten die Defizite eines harten, weltanschaulichen Naturalismus aufzeigen, eine Schichtentheorie der Wirklichkeit entwickeln und deutlich machen, inwiefern naturwissenschaftliche Erkenntnisse offen sind für unterschiedliche Deutungen und weder zu Atheismus noch zu Gottesglauben zwingen, wobei Letzterer aber gute Gründe für sich hat. Dann werde ich – unter Bezugnahme auf die kosmische und die biologische Evolution und auf die damit gegebenen Probleme – den recht verstandenen Schöpfungsgedanken begründen und die entscheidenden Grundzüge einer Schöpfungstheologie darstellen. Schließlich lege ich dar, dass der Schöpfungsglaube – mit der Annahme Gottes und der Einbeziehung des existenziell sinndeutenden Menschen – einen erweiterten Sinnhorizont auftut, in welchem sich die Evolution, ohne ihre naturwissenschaftlich geltenden Gesetzmäßigkeiten zu verlieren, in einem neuen Licht darstellt. Es geht dann nicht so sehr darum, wie man den Schöpfungsglauben in der Evolutionstheorie „unterbringen“ könnte, als vielmehr umgekehrt darum, den Schöpfungsvorgang als das Grundlegende und Umfassende in den Blick zu bringen, in dessen Rahmen die Evolution ihren unverzichtbaren Platz hat. So können sowohl die Anschlussfähigkeit des Schöpfungsglaubens an die Erkenntnisse der Naturwissenschaften und der Evolutionstheorie als auch sein Überschuss über diese sichtbar werden.
Ich danke dem Bielefelder Physiker Reinhart Kögerler für anregende Gespräche, dem Frankfurter Biologen Stefan Peters für hilfreiche Hinweise, meiner Frau Heidrun als meiner ersten Leserin für ihre kritischen Rückfragen, sowie Herrn Dr. Berthold Weckmann und Herrn Dr. Bruno Kern für die verlegerische Betreuung.
Frankfurt/M. und Werther/Westf., im Februar 2009
Hans Kessler
Einleitung
1. Zu Fragestellung und Aufgabe
Der Glaube an einen Schöpfer und das Verständnis der Welt als Schöpfung (der Dinge, Lebewesen und Menschen als Geschöpfe) sind grundlegend für Bibel und Christentum. Alles baut darauf auf.
Sind dieser Glaube und dieses Verständnis nicht mehr haltbar oder mit der Vernunft nicht mehr vollziehbar, so rutscht das Fundament des Christlichen weg. Wie soll man dann noch an ein Heil von Gott her glauben, an ein göttliches Wirken, an Versöhnung und Erlösung, an Rettung auch der Toten, an eine Gerechtigkeit und an Vollendung, wenn man redlich keine Instanz mehr annehmen kann, die das Ganze der Welt und unseres Daseins begründet, die Ur-Grund, Halt und Ziel von allem ist? Mit schlechtem Gewissen weiterglauben, schizophren in zwei Welten leben, die Fragen einfach wegschieben und ausblenden: Das ist auf Dauer nicht durchzuhalten. – Ein missverstandener und nicht mehr mit unserem heutigen Naturwissen vermittelbarer Gottes- und Schöpfungsglaube ist eine der Hauptursachen für die schwindende Akzeptanz der christlichen Botschaft, für Verunsicherung, für neuen Atheismus oder auch für die Suche nach scheinbar plausibleren religiösen Alternativen.
Denn genau in diesem Grundlegenden, dem Gottes- und Schöpfungsglauben, gibt es massive Missverständnisse, die alles verstellen, verfälschen und blockieren. Missverständnisse einerseits bei ganz normalen Gläubigen und insbesondere bei religiösen Fundamentalisten (Kreationisten), die in der Evolutionslehre einen Widerspruch und eine Konkurrenz zur biblischen Schöpfungsgeschichte, wie sie diese verstehen, sehen. Missverständnisse andererseits bei anti-religiösen szientistischen1 Fundamentalisten (fanatisch-atheistischen Naturalisten), welche die Schöpfungsvorstellung der Kreationisten gleichsetzen mit dem authentischen biblisch-christlichen Schöpfungsglauben, den sie dann ebenfalls – nur mit umgekehrter Stoßrichtung – für unvereinbar mit der Evolutionstheorie halten.
Kreationismus und atheistischer Naturalismus sind feindliche Zwillinge. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch. Dazwischen bleibt oft kaum noch Platz für eine sachgerechte Darlegung des originären Schöpfungsgedankens. Dieser erfordert ja auch viel mehr und differenziertere gedankliche Anstrengung als die einfachen, griffigen und meist platten Formeln von Kreationisten wie von Naturalisten, die oft auch deswegen so ankommen, weil sie vielfältigen Frust (an ärgerlicher Kirche oder an kalter Wissenschaft) bedienen. So wundert es nicht, wenn sich neuerdings in manchen Medien vermehrt Beiträge finden, die nur das kreationistisch-fundamentalistische Zerrbild von Schöpfungsglauben bieten, es mit Bibel, Christentum, Schöpfungsglauben überhaupt gleichsetzen und diese dann für unvereinbar erklären mit evolutivem Denken (das für sie identisch ist mit rein naturalistisch-atheistischem Denken).
Da fehlt es schlicht an der nötigen Basisinformation, die für ein rationales Urteil erforderlich ist. Um beides, um nötige Information und um argumentativ begründetes, rationales Urteil, soll es hier gehen.
2. Zum Vorgehen
Im Folgenden werde ich deshalb zuerst (I.) die Positionen der Kreationisten einerseits und ihrer evolutionsbiologisch-naturalistischen Kontrahenten andererseits darstellen sowie die daraus sich ergebenden Probleme skizzieren. Darwin, so wird sich zeigen, war viel umsichtiger als manche seiner atheistischen Epigonen bis heute.
Sodann soll (II.) gezeigt werden, wie die biblischen Schöpfungstexte – nicht nach der naiven Wahrnehmung des unkundigen Lesers, sondern – nach den Erkenntnissen der bibelwissenschaftlichen Forschung ursprünglich zu verstehen sind und wie sie sich zum Evolutionsdenken verhalten, das es, wie wir sehen werden und was man meist nicht weiß, schon bei frühen christlichen Theologen gibt.
Ferner soll (III.) herausgearbeitet werden, inwiefern seriöse Naturwissenschaft und Evolutionsbiologie auf einen methodischen Naturalismus verpflichtet sind, sich daraus aber keineswegs ein harter weltanschaulicher oder metaphysischer Naturalismus (d. h. Atheismus) ergibt, die Wirklichkeit vielmehr mehrdimensional ist und eine Schichtentheorie der Wirklichkeit nahelegt, die für unterschiedliche Weltdeutungen oder Metaphysiken offen ist. Dabei ist auch zu bedenken, was die Wissenschaft eigentlich erklärt und warum sich die Frage nach Gott und Schöpfung nicht erübrigt.
Erst dann kann (IV.) unter Bezugnahme auf die kosmische und biologische Evolution und die damit gegebenen Verstehensprobleme (von Materie und Geist bis hin zu Zufall und Zielgerichtetheit) der Gottes- und der Schöpfungsgedanke in seinen verschiedenen Aspekten dargelegt, können ein Panentheismus und Grundzüge einer Schöpfungstheologie jenseits von Kreationismus und weltanschaulichem Naturalismus entwickelt werden.
Abschließend werde ich dann (V.) zeigen, dass und inwiefern die Schöpfungstheologie einen umfassenden Rahmen entwirft, der die Grundvoraussetzung aller Evolution thematisiert und in dem die Evolution zugleich ihren unverzichtbaren Platz hat. Gäbe es keine Evolution, so wäre es angesichts der naturbedingten Übel viel schwerer, an Gott zu glauben. Eine wichtige Frage wird deshalb sein, inwiefern und in welchem Sinne von einem Wirken Gottes in der Evolution und über sie hinaus gesprochen werden kann.
Jedes der fünf Kapitel ist so angelegt, dass es auch für sich verständlich und lesbar ist.2
I. Missdeutungen des Schöpfungsgedankens bei Kreationisten und harten Naturalisten und die Realität der Evolution
1. Kreationismus und Intelligent-Design-Lehre
Vorweg eine Bemerkung zum Sprachgebrauch. „Creation“ ist das englische Wort für „Schöpfung“. Wenn Menschen sich selbst „Kreationisten“ (creationists) nennen, dann bezeichnen sie sich damit als „Schöpfungsgläubige“, wobei unausgesprochen der Anspruch mitschwingt, sie seien die Vertreter des wahren Schöpfungsglaubens. Allein schon die Bezeichnung Kreationisten kann daher Missverständnisse hervorrufen. Wir werden sehen, dass der Kreationismus auf einem Irrtum beruht und nur scheinbar mit Schöpfung im biblisch-theologischen Sinn zu tun hat.
a) Bibel gegen Darwin?
Die Kreationisten unterscheiden nicht (wie die Bibelwissenschaft) zwischen den religiösen Inhalten der Bibel und den damaligen weltbildlichen Vorstellungen, in die sie eingebettet sind, sondern sie verstehen die Schöpfungstexte am Anfang der Bibel (Gen 1 und 2 f) buchstäblich wörtlich als Tatsachenberichte, missverstehen sie daher als naturkundliche, gewissermaßen naturwissenschaftliche Auskünfte. Sie kennen nur einen Weg, die religiöse Wahrheit der Bibel festzuhalten, nämlich durch die Behauptung, dass die Bibel auch in allen weltbildlichen Anschauungen irrtumslos sei. Der buchstäbliche Wortlaut der Bibel müsse wahr sein, also auch die damaligen Vorstellungen über die Natur, und deshalb seien die alttestamentlichen Erzählungen von Schöpfung, Sündenfall und Sintflut als historische Faktenbeschreibungen zu verstehen. Davon abweichende naturwissenschaftliche Erklärungen, zumal die Evolutionstheorie, werden deshalb entschieden als falsch abgelehnt.
Der vermeintlich bibeltreue Kreationismus (aus dem dann, wie unten dargestellt, durch Strategiewechsel die Creation Science und die Intelligent-Design-Theorie hervorgingen) kennt zahlreiche Gruppen: Die „young-earth-creationists“ verstehen die sechs Tage in Gen 1 als 6000 Jahre, die Erde sei jung (weniger als 10 000 Jahre alt); alle Tiere seien als friedliche Pflanzenfresser geschaffen, nach dem Sündenfall aber teilweise zu räuberischen Fleischfressern geworden; die Sintflut sei ein historisches Ereignis; der Mensch sei in einem eigenen Schöpfungsakt unmittelbar von Gott erschaffen worden. Die „old-earthcreationists“ glauben, dass sich der Schöpfungsakt über mehrere Milliarden Jahre hingezogen habe; die sechs Tage in Gen 1 stünden für ganze Zeitalter („day-age theory“). Eine andere Gruppe nimmt zwischen den Schöpfungstagen lange Zeiträume als Lücken an („gap theory“). Alle Gruppen lehnen eine gemeinsame Abstammung und Evolution der Lebewesen ab; Menschen und Menschenaffen hätten keine gemeinsamen Vorfahren.
Ein derartiges – längst überwunden geglaubtes – buchstäblich-wörtliches Verständnis der biblischen Schöpfungstexte, das (wie in II. 2 gezeigt wird) an ihrem ursprünglichen Sinn vorbeigeht, scheint heute wieder manche Menschen zu faszinieren. Verunsichert durch die gesellschaftlichen Umbrüche und die rasante Veränderung der Lebensverhältnisse, suchen sie nach Sicherheit und Halt an etwas, das sich nicht verändert, und finden es im Wortlaut der Bibel, an dem sie nicht deuteln lassen. Die Anhänger einer solchen buchstäblichen Auslegung der Bibel sind dann durchweg Gegner der Evolutionslehre. Nach ihrer Auffassung kann nur entweder die Bibel oder die Wissenschaft richtig sein: die (buchstäblich zu nehmende) Bibel oder Darwin, nicht die (anders zu verstehende) Bibel und Darwin.
Umfragen aus dem Jahr 2005 zufolge stand damals in den USA fast die Hälfte der Bevölkerung einem Junge-Erde-Kreationismus nahe und lehnte die Evolution offen ab; in den letzten Jahren sinkt diese Zahl zwar (aber auch die Zahl derjenigen, welche die Evolution akzeptieren), dafür steigt der Anteil der Menschen, die unsicher sind, stark an – eine Folge der verwirrenden öffentlichen Debatte. In den meisten westeuropäischen Ländern und in Japan akzeptieren mindestens 70 % der Erwachsenen die Evolution, in den USA lediglich 40 %, nur in der Türkei (dem einzigen an solchen Umfragen beteiligten islamischen Land) sind es noch weniger, nämlich unter 30 % der Erwachsenen. In den deutschsprachigen Ländern meinen noch immer etwa 20 % der Bevölkerung (eher wenig Gebildete), dass der Mensch erst vor wenigen Jahrtausenden durch einen Schöpfungsakt entstanden sei.
Und weil zum einen die Bibelwissenschaft und Universitätstheologie hierzulande medial kaum noch die Öffentlichkeit erreicht, zum andern in den beiden Volkskirchen aus Scheu vor der notwendigen Konfrontation mit sich als bibeltreu gerierenden Gruppen in den eigenen Reihen eine klare Positionierung häufig unterbleibt, entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, dass die beiden Kirchen die Schöpfungstexte am Anfang der Bibel wortwörtlich nehmen und sie als angeblich historische Tatsachenberichte von der Entstehung der Welt, des Lebens und des Menschen verstehen, also eigentlich nicht mehr ernst zu nehmen sind.
b) „Creation Science“ und „Intelligent Design“
Die Renaissance des Kreationismus begann nach dem Ersten Weltkrieg in den USA. Seit 1921 treten dort Kreationisten militant gegen die Evolutionstheorie auf und fordern ein Verbot der Evolutionslehre in den Schulen. In einigen Staaten wurden solche Anti-Evolutionsgesetze tatsächlich erlassen (Oklahoma 1923, Tennessee 1925, Mississippi 1926, Arkansas 1928), und in der Folgezeit nahm die Zahl der offiziell genehmigten Schulbücher zu, in denen die Evolutionstheorie nicht erwähnt oder abgelehnt wurde.
Dann aber führte der Schock des Sputnik-Erfolgs der UdSSR von 1957 in der Öffentlichkeit der USA zu einer Änderung der antiwissenschaftlichen Haltung und in intellektuellen Kreisen zu gesteigerter Antipathie gegen den Kreationismus. 1968 erklärte der Supreme Court in einem Prozess gegen das Anti-Evolutionsgesetz von Arkansas (unter Bezug auf die Verfassung der USA, welche die strikte Trennung von Staat und Kirche garantiert) religiöse Lehrinhalte im schulischen Biologieunterricht für verfassungswidrig. Seitdem entwickeln die Kreationisten eine neue Strategie: Sie betonen nun das Unzureichende evolutionärer Erklärungen und beanspruchen für ihre alternative Auffassung, die sie jetzt creation science (Schöpfungswissenschaft) nennen, eine gleichberechtigte wissenschaftliche Position sowie Gleichbehandlung in Stundenplan und Lehrbüchern. Angeregt vom 1972 gegründeten einflussreichen Institute for Creation Research wurden in 27 Bundesstaaten entsprechende Gesetzesentwürfe eingebracht, in zwei Staaten (Arkansas und Louisiana) erlangten sie sogar Gesetzeskraft, wurden aber 1982 und 1987 in Gerichtsverfahren wieder wegen Unterlaufens der Trennung von Staat und Kirche für Unrecht erklärt.
Diese juristischen Niederlagen führten zu einem erneuten Strategiewechsel seitens der Kreationisten. Seit etwa 1992 vertreten sie die Lehre vom Intelligent Design (abgekürzt: ID): Man könne in der Natur mit empirisch-naturwissenschaftlichen Mitteln Signale von Design (Absicht, Plan) feststellen, welche dazu zwingen, einen Designer (Planer) anzunehmen. Wohlgemerkt: Der springende Punkt dieser Lehre ist, die Naturwissenschaft selbst müsse einen intelligenten Designer annehmen. Die Lebewesen seien bis in ihre molekularen Bestandteile hinein irreduzibel komplex und könnten nicht per Zufall entstanden sein; die Entstehung unseres Kosmos und der Vielfalt der Arten könne nicht durch einen ungerichteten Evolutionsprozess, sondern nur durch eine intelligente Ursache erklärt werden.
Der amerikanische Biochemiker und ID-Vertreter Michael Behe bringt etwa das Beispiel einer Mausefalle, bei der keiner der fünf Teile (Holzbrett, Feder, Haltebügel, Schlagbügel, Köderhalter) fehlen dürfe, damit sie ihren Zweck erfüllt, eine stufenweise Entwicklung zur funktionsfähigen Falle sei damit ausgeschlossen. Entsprechend erfülle auch die wie ein Propeller rotierende Bakteriengeißel, mit der das Bakterium sich fortbewegen kann und deren Motor – für ein so primitives Lebewesen – ganz erstaunlich komplex (und raffiniert konstruiert) ist, ihren Zweck nur in der kompletten Zusammenstellung all ihrer Teile, sie könne darum nicht stufenweise entstanden, sondern müsse das Ergebnis einer intelligenten Planung sein (Behe 1996).3
„Where there is design, there must be a designer“: So wird mit dem alten Design-Argument etwa des englischen Physikotheologen William Paley (1745 – 1805) gesagt. Paley brachte in seinem Buch Natural Theology (1802), zu Darwins Studienzeit Pflichtlektüre, das berühmte Beispiel: Wenn man am Strand eine Uhr liegen sehe, müsse man zwangsläufig auf die Existenz eines Uhrmachers schließen (eine Uhr sei zu komplex, um durch Zufall entstanden zu sein); entsprechend ließen die äußerst komplex koordinierten Strukturen von Lebewesen auf die Existenz eines planvoll vorgehenden Schöpfer-Gottes schließen.
So weit gehen die heutigen Vertreter der Intelligent-Design-Theorie freilich nicht. Sie schließen nur auf einen intelligenten Designer (Planer, Entwerfer), „Gott“ wird nicht erwähnt. Auch der Bezug zur Bibel wird vordergründig aufgegeben; bibelbezogene Gedankengänge treten in den Hintergrund, ohne aber die Funktion als Leitideen zu verlieren.
Die ID-Theoretiker betonen, dass sie die Evolutionstheorie aus naturwissenschaftlichen Gründen kritisieren. Es gebe Phänomene in der Natur, die sich nicht mit Verweis auf zufällige, ungerichtete Mutationen und natürliche Selektion erklären lassen. Charles Darwin hatte ja selbst im sechsten Kapitel („Schwierigkeiten der Theorie“) seines Werkes On the Origin of Species formuliert: „Wenn gezeigt werden könnte, dass irgendein komplexes (zusammengesetztes) Organ existiert, das auf keine Weise durch zahlreiche, aufeinander folgende geringfügige Modifizierungen entstanden sein kann, dann würde meine Theorie ganz und gar zusammenbrechen. Ich vermag jedoch keinen solchen Fall aufzufinden.“ (Darwin 1859/2008, 224)
Die ID-Theoretiker wollen den empirischen Gegenbeweis antreten. So versuchen sie Schwachstellen des Darwinismus aufzuspüren und kritisieren gängige evolutionsbiologische Erklärungen komplexer organismischer Phänomene. Dabei gehen sie mit folgender Strategie vor: 1. Nachweis hoch komplexer Zweckmäßigkeit in Zellen, Organen oder Organismen (sign detecting); 2. Ausschluss aller in Frage kommenden bekannten Ursachen wie Zufall, stufenweise Entstehung usw. (argumentum ad ignorantiam); 3. Weil zweckmäßiges Design immer einen Designer/Hersteller voraussetzt, muss es einen solchen auch in der Natur geben (Analogieschluss vom Artefakt auf die Natur).
Aber ist dieser Analogieschluss zwingend? Er nimmt ja den fundamentalen Unterschied zwischen Technik und Natur nicht ernst. Kunstdinge nämlich können sich nicht selbst zweckmäßig gestalten, sie erfordern immer einen Hersteller, Naturdinge aber haben die Fähigkeit, sich selbst zweckmäßig zu gestalten. Wie das zu denken ist, wäre philosophisch weiter zu klären (s. u. V. 2. c).
c) Kreationismus im deutschen Sprachraum
Im Vergleich zu den USA hat der christliche Fundamentalismus in Deutschland nur wenige Anhänger, was sich nicht zuletzt der beinahe flächendeckenden Präsenz eines problemorientierten und reflexionsfreundlichen Religionsunterrichts verdankt, der den Schülern zu einem selbstständigen Umgang mit der eigenen religiösen Tradition sowie zur Kenntnis anderer Religionen und Weltanschauungen verhilft.
1) Kreationistisches Gedankengut gewinnt in evangelikal-biblizistischen Kreisen Einfluss, seit 1979 die Studiengemeinschaft Wort und Wissen e. V. gegründet wurde, ein durch Spenden finanziertes „Glaubenswerk“, dessen Mitglieder meist Junge-Erde-Kreationisten sind und das zahlreiche Materialien für Schüler herausgibt. Zu diesen gehört auch das als Schulbuch für die gymnasiale Oberstufe gedachte evolutionskritische Buch von Reinhard Junker (Geschäftsführer dieser Studiengemeinschaft) und Siegfried Scherer (Ernährungswissenschaftler an der TU München) „Evolution. Ein kritisches Lehrbuch“ (Gießen 1998, 62006), das ID-Argumente bietet, das jedoch in keinem Bundesland für die Verwendung an Schulen zugelassen ist.
Interessanterweise hat Scherer sich jüngst im Internet zurückhaltender geäußert: Er halte die ID-Theorie nicht für eine wissenschaftliche Theorie, sondern für eine Motivation zu weiterer naturwissenschaftlicher Forschung, da Kernprobleme der Evolutionstheorie bisher nicht gelöst seien. Da scheint sich etwas zu bewegen.
2) Im katholischen Raum konnten kreationistische Gedanken bislang kaum Fuß fassen. Doch haben Äußerungen des Wiener Kardinals Christoph Schönborn in einem Zeitungsartikel „Finding Design in Nature“ in der New York Times vom 7. Juli 2005 (sowie in anschließenden Interviews) großes Aufsehen erregt und zugleich erheblich irritiert, weil er sich dabei auf die Seite der ID-Vertreter begab und dabei auch noch so tat, als spreche er für „die katholische Kirche“. Auch wenn Schönborn in weiten Kreisen der katholischen Kirche Protest und Ablehnung erfuhr, war die Wirkung dieses Artikels für das Ansehen der katholischen Kirche in den Augen vieler Naturwissenschaftler verheerend. Anstoß erregen und Widerspruch erfahren muss zumal die folgende Behauptung Schönborns:
„Die Evolution im Sinn einer gemeinsamen Abstammung (aller Lebewesen) kann wahr sein, aber die Evolution im neodarwinistischen Sinn – ein zielloser, ungeplanter Vorgang zufälliger Veränderung und natürlicher Selektion – ist es nicht. Jedes Denksystem, das die überwältigende Evidenz für einen Plan in der Biologie leugnet oder wegzuerklären versucht, ist Ideologie, nicht Wissenschaft.“
Hier muss man zurückfragen: Wie kann die Kirche bzw. irgendein hoher Kirchenbeamter darüber befinden, ob eine naturwissenschaftliche Theorie „wahr“ (besser: richtig) oder falsch ist? Die Frage der Richtigkeit und Geltung der Evolutionstheorie kann doch nur im rationalen Diskurs mit Argumenten der Vernunft entschieden werden, nicht aber autoritativ durch einen kirchlichen Würdenträger. Und ob es „in der Biologie eine überwältigende Evidenz für einen Plan“ geben kann, ist in höchstem Maße fraglich.
Mittlerweile hat Kardinal Schönborn seine Vorstellungen über „Ziel oder Zufall?“ ausführlicher dargelegt (Schönborn 2007; Schönborn 2008). Dabei zeigt er sich nicht nur über den Stand der evolutionsbiologischen Erkenntnisse schlecht informiert, sondern erliegt auch Kurzschlüssen wie dem, die Evolutionstheorie sei eine besonders angreifbare und zweifelhafte Theorie. Darauf werden wir (in I. 3 und in V. 2. c) zurückkommen. Eine wichtige Frage wird sein, ob ungerichteter Zufall und Zielgerichtetheit sich ausschließende Alternativen sein müssen („Ziel oder Zufall“) oder ob sie auch ineinander liegen und zusammenspielen können (Zielgerichtetheit in Zufallsereignissen).
Anders als Schönborn (in seinem Zeitungsartikel) hat übrigens dessen Lehrer Joseph Ratzinger schon 1969 das ureigene Recht der Naturwissenschaft und ihres methodischen Naturalismus anerkannt. Er hat geschrieben, „dass die Fragestellung des Evolutionsgedankens enger ist als diejenige des Schöpfungsglaubens. Keinesfalls kann also die Evolutionslehre den Schöpfungsglauben in sich einbauen. In diesem Sinn kann sie mit Recht die Idee der Schöpfung als für sich unbrauchbar bezeichnen: innerhalb des positiven Materials, auf dessen Bearbeitung sie von ihrer Methode her festgelegt ist, kann er (gemeint ist: der Schöpfungsgedanke) nicht vorkommen. Gleichzeitig muss sie die Frage offen lassen, ob nicht die weitere Problemstellung des Glaubens an sich berechtigt und möglich sei. Sie kann diese von einem bestimmten Wissenschaftsbegriff her allenfalls als außerwissenschaftlich ansehen, darf aber kein grundsätzliches Frageverbot erlassen, dass etwa der Mensch sich nicht der Frage des Seins als solchem zuwenden dürfe. Im Gegenteil: Solche Letztfragen werden für den Menschen, der selbst im Angesicht des Letzten existiert und nicht auf das wissenschaftlich Belegbare reduziert werden kann, immer unerlässlich sein.“ Und Ratzinger hat dann hinzugefügt, dass „der Schöpfungsgedanke als das Weitere seinerseits in seinem Raum den Evolutionsgedanken annehmen“ kann (Ratzinger 1969, 235 f).
2. Zur Antwort von Evolutionsbiologen und zur Offensive atheistischer Fanatiker
Der erwähnte Territorial-Anspruch der Kreationisten auf eine alternative und die allein richtige naturwissenschaftliche Naturerklärung empört und provoziert Naturwissenschaftler mit Recht. Zumal unter Biologen hat sich erheblicher, zum Teil erregter Widerstand formiert.
a) Sachliche Klarstellungen durch Evolutionsbiologen
Sachliche Klarstellungen zur Unwissenschaftlichkeit des Kreationismus stammen von bekannten Altmeistern der Evolutionstheorie: von Ernst Mayr († 2008), der übrigens sein Leben lang mit einem strahlenden Lächeln und in völliger Zufriedenheit seinen Zuhörern verkündete, dass sie nichts als ein Zufall seien; von Stephen Jay Gould († 2002), der, obwohl selbst Atheist, das darwinistische Evolutionsmodell so verstand, dass es sowohl mit Atheismus als auch mit religiösen Überzeugungen vereinbar ist (Gould 1992; Gould 2002). Und der dritte große Altmeister, mit Ernst Mayr zusammen Begründer der Synthese von Evolutionstheorie und Genetik, Theodosius Dobzhansky, hat schon 1973 in seinem bemerkenswerten Beitrag „Nothing in Biology Makes Sense Except in the Light of Evolution“ geschrieben: „Es ist falsch, wenn man Schöpfung und Evolution als sich gegenseitig ausschließende Alternativen versteht.“ Dobzhansky hat den Kreationisten ihre Selbstbezeichnung streitig gemacht und erklärt: „Ich bin Kreationist und Evolutionist. Die Evolution ist die Methode Gottes, oder der Natur, zur Schöpfung. Kreation ist kein Ereignis, das sich 4004 v. Chr. abgespielt hat. Es ist ein Prozess, der vor gut 10 Milliarden Jahren begann und immer noch fortdauert.“ (Dobzhansky 1973, 127)
In Deutschland tut sich in der Aufklärungsarbeit besonders die 2002 gegründete „Arbeitsgemeinschaft Evolutionsbiologie im Verband Biologie, Biowissenschaften & Biomedizin“ hervor. Ihrer Homepage zufolge will sie in Veröffentlichungen und Informationsmaterial „klar gegen evolutionskritische Lehren Position beziehen“ und Argumentationshilfen anbieten, „weshalb Schöpfungslehren keine wissenschaftlichen Alternativen zur Evolutionstheorie sein können“. Dagegen ist aus der Sicht eines vernünftigen christlichen Schöpfungsglaubens nichts einzuwenden.
b) Die Offensive szientistisch-naturalistischer Fundamentalisten
Vereinzelte lautstarke Biologen, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, wie Richard Dawkins oder Ulrich Kutschera, gehen indes so weit, dass sie einem (letztlich wissenschaftsfeindlichen) religiösen Fundamentalismus einen (religionsfeindlichen) szientistischnaturalistischen Fundamentalismus entgegensetzen, der selbst Züge eines dogmatisch fixierten und unreflektierten Glaubens hat. Sie treten aggressiv auf mit dem Anspruch, man müsse Atheist sein, wenn man die Evolution und die Biologie ernst nehme (wobei nachzufragen ist, wie sie sich den Gott denken, den sie ablehnen; in der Karikatur, die sie zeichnen, würde kein einigermaßen gebildeter Christ Gott und den Schöpfungsglauben erkennen).
1) Der als Biologe und Genetiker anerkannte Richard Dawkins hatte sich schon in seinem Buch Das egoistische Gen bei seiner soziobiologischen Erklärung von Moral in Widersprüche verwickelt, indem er den Menschen als genetisch vollständig determiniert ausgab, ihn dann aber aufforderte, er solle die erkannten Pläne seiner egoistischen Gene „durchkreuzen“ oder „transzendieren“ (Dawkins 1978, 3), was ja doch ein gewisses Maß an Entscheidungsfreiheit und Wertmaßstäbe voraussetzt; das Gute (wenn sich etwa ein Mensch für fremde Menschen oder für andere Lebewesen einsetzt und dabei eigenen Schaden oder gar sein Leben riskiert, obwohl er oder seine „egoistischen Gene“ davon nichts haben und er auch kein Masochist ist) lässt sich rein soziobiologisch oder sonstwie naturalistisch nicht erklären (Knapp 1989; Heinrich 2001; Heinrich 2007). Sein weiteres bekanntes Buch Der blinde Uhrmacher (= die Evolution) (1987), in dem er mit Recht den Uhrmacher- und Lückenbüßergott demontierte, hatte Dawkins dann mit der reichlich naiven Bemerkung begonnen: „Dieses Buch ist in der Überzeugung geschrieben, dass unsere eigene Existenz früher einmal das größte aller Rätsel war, heute aber kein Geheimnis mehr darstellt, da das Rätsel gelöst ist.“ Dawkins erliegt hier schlicht dem genetic error, d. h. dem Irrtum, dass etwas in seinem Wesen (oder Geheimnis oder „Rätsel“, wie Dawkins sagt) erklärt und verstanden ist, wenn seine Genese, sein Entstehungszusammenhang erkannt wäre. Aber weiß man denn wirklich, was etwas ist, wenn man weiß, wie es zustande gekommen ist? Ist es nicht eher so, dass, je mehr und je gründlicher man von möglichst vielen Seiten über Leben, Mensch, Wirklichkeit nachdenkt, sie umso rätselhafter werden?
Dawkins’ jüngstes Buch Der Gotteswahn (2007) dokumentiert nun vollends, dass sein Autor „eine Verwandlung durchgemacht“ hat von einem leidenschaftlich um Objektivität bemühten Wissenschaftler zu einem „antireligiösen Propagandisten, der die Fakten außer Acht lässt“: So schreibt sein Oxforder Kollege, der Molekularbiologe und Theologe, Alister McGrath (der selbst überzeugter Atheist war, ehe er Christ und Theologe wurde) in seinem Buch Der Atheismuswahn (2007; 32008, 62), das eine kompetente, ruhig und sachlich argumentierende Antwort auf Dawkins bietet.
Der Gotteswahn ist eine eifernde Generalattacke gegen alle Religion, speziell gegen Bibel und christlichen Glauben, die, wie McGrath nachweist, geschickt mit Tatsachenverdrehungen und z. T. aberwitzigen Falschdarstellungen arbeitet, was bei einem Zielpublikum, das wenig über Religion weiß, durchaus funktioniert. Dawkins geht es nur darum, Konvertiten für den Atheismus zu gewinnen. Für dieses Ziel ist er bereit, die Standards wissenschaftlicher Sorgfalt über Bord zu werfen.4 Statt Quellen oder kompetente Darstellungen zu befragen, setzt er alles daran, die Religion im schlechtest-möglichen Licht erscheinen zu lassen: nämlich als kindisch, dumm, gewalttätig, kriminell (als ob es, wenn Religion verschwinde, keine Gewalttätigkeit mehr gäbe, oder als ob es sie im Atheismus unter Stalin, Hitler, Pol Pot nie gegeben habe). Er versteigt sich gar dazu, in drastischen Worten die staatliche Autorität aufzurufen, religiöse Erziehung ebenso als Straftat zu behandeln wie körperliche Kindesmisshandlung (in einer Dawkins-Gesellschaft fänden sich viele religiöse Menschen im Gefängnis wieder); religionsfeindliche Erziehung hingegen soll offenbar kein Kindesmissbrauch sein. Dawkins vertritt einen totalitären Atheismus, der in der Welt nur das duldet, was er erlaubt hat. Wahre Naturwissenschaftler müssten grundsätzlich Atheisten sein; wenn sie hingegen religiöse Überzeugungen bekennen (oder solche – wie der Atheist Gould – für mit Naturwissenschaft gleichermaßen vereinbar erklären), könnten sie das nicht ernst meinen. Wenn andererseits der Papst oder irgendein Christ die Evolution anerkenne, sei er „ein Heuchler, der es mit der Wissenschaft nicht ehrlich meine“ (so Dawkins, zit. nach McGrath 40 und 62).
Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Kreationisten, die sich in ihrer Behauptung der Unvereinbarkeit von Evolutionstheorie und religiösem Glauben bestätigt sehen. In einem veröffentlichten Brief an Dawkins bedankt sich denn auch der amerikanische Kreationist William Demski: Dawkins sei eines der größten Geschenke Gottes an die Intelligent-Design-Bewegung. Viele Darwinisten distanzieren sich. McGrath bemerkt: „Einer der größten Schäden, die Dawkins den Naturwissenschaften zugefügt hat, besteht darin, sie als schonungslos und unerbittlich atheistisch hinzustellen. Das ist völlig falsch. Dennoch hat Dawkins’ Kreuzzug dazu geführt, dass ein großer Teil des konservativen Protestantismus Nordamerikas diese verfremdete Auffassung übernimmt“ und der Wissenschaft feindlich gesonnen ist (59). McGrath fügt hinzu: „Vielleicht ist es an der Zeit, dass die gesamte Fachwelt gegen den Missbrauch ihrer Ideen im Dienste eines atheistischen Fundamentalismus protestiert.“ (63)
2) In Deutschland betreibt der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, von dem eine weit verbreitete Einführung in die Evolutionsbiologie stammt (Kutschera 2001), in seinem Buch Streitpunkt Evolution. Darwinismus und Intelligentes Design (2004) seine persönliche Abrechnung mit dem Kreationismus. Aber zugleich macht er daraus eine vehemente Kampagne gegen den christlichen Glauben überhaupt, dessen Inhalte er (aus evangelikalen Kinderbibeln und kreationistischen Elaboraten entnimmt und) durchweg verzerrt darstellt. Für ihn „ist offensichtlich, dass der biblische Schöpfungsglaube nur eine Form des Kreationismus darstellt“ (Kutschera 2004, 115; vgl. 110 f; 116 f; 192 u. ö.). Mit Recht erwartet Kutschera, dass man sich über die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie bei seriösen Naturwissenschaftlern informiert; er selbst aber macht sich nicht die geringste Mühe, auch nur einen seriösen Bibelwissenschaftler oder einen anerkannten heutigen Theologen zu befragen, wie denn die biblischen Aussagen und der Schöpfungsglaube zu verstehen seien. Dabei hätte ihm ein Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker, das er (256 f) zitiert, zu denken geben können: „Die Bibel kann man entweder Ernst nehmen oder wörtlich.“ Wiederum mit Recht besteht Kutschera gegen die Kreationisten darauf, dass die Wissensebene und die Glaubensebene zu unterscheiden sind und nicht vermischt werden dürfen (51; 165, 180, 200 f; 294); er selbst aber unterlässt es nicht, Naturwissenschaft und Glaube zu vermischen. So kritisiert er z. B. an der Bibel: „Beschreibungen molekularer Prozesse und Strukturen sind in den niedergeschriebenen ,Worten des christlichen Gottes‘ nicht zu finden“ (286); und er bemängelt, dass die Anerkennung der Evolution durch die katholische Kirche „keineswegs eine Übernahme der nüchtern-rationalen Denkweise des Naturwissenschaftlers mit sich gebracht hat“ (294), sie vielmehr immer noch „einen von Gott initiierten und begleiteten Evolutionsprozess postuliert“ (117).5 Hier wird der naturwissenschaftliche Erklärungsanspruch in völlig unberechtigter Weise zur alleinigen und Totaldeutung der Wirklichkeit ausgeweitet.6
Kutscheras Streit-Buch gipfelt in folgendem Schlussabschnitt (297): „Diese Betrachtungen zeigen, dass der konsequent verfolgte (fundamentalistische) christliche Glaube mit dem evolutionären (naturalistischen) Denken unvereinbar ist. Obwohl manche Evolutionsbiologen, wie z. B. der große Theoretiker T. Dobzhansky, liberale Christen waren, ist die Mehrheit der Naturforscher ungläubig: Nahezu 95 % der bedeutenden Biowissenschaftler der USA sind reine Verstandesmenschen (Atheisten), für die eine mystisch-magische supranaturalistische ,Glaubenswelt‘ entbehrlich ist.“
Nun, abgesehen von manchem, was hier zu korrigieren wäre: Wer „Wissenschaft“ und „Verstand“ derart kurzschlüssig gleichsetzt mit seiner eigenen Weltsicht „Atheismus“, begeht den gleichen methodischen Fehler, den er den Kreationisten und ID-Vertretern vorwirft. Neodarwinisten wie Dawkins und Kutschera behaupten mit einer überheblichen Sicherheit einen Atheismus, der sich aus empirisch-naturwissenschaftlicher Forschung ebenso wenig ergibt wie die spiegelbildlich umgekehrte Sicherheit der ID-Vertreter.
Ein wenig allerdings scheint Kutschera sich neuerdings zu bewegen, wenn er (2007b, 362) schreibt: „... wir Evolutionsforscher (können) lediglich die wissenschaftlichen Fakten präsentieren. Wo moderne Christen dann ihre ,Glaubenswelt‘ unterbringen, ist ... nicht unser Problem.“7
Gewiss, Naturwissenschaftler sind nicht auf eine Auseinandersetzung mit umfassenden (philosophischen und religiösen) Deutungsmodellen angewiesen, solange sie bei ihrer eigentümlichen Aufgabe bleiben: der empirischen Forschung. Wenn sie sich aber in kulturelle Debatten hineinbegeben, bei denen es – über die naturwissenschaftliche Arbeits- und Erkenntnisebene hinaus – um ein umfassendes Verstehen der Welt, des Lebens, des Menschen geht, dann muss man von ihnen schon erwarten, dass sie sich mit den vorhandenen großen und respektablen Wirklichkeitsdeutungen ernsthaft auseinandersetzen. Hier aber demonstrieren manche von ihnen eine bodenlose Desinformiertheit und eine durch nichts begründete Arroganz.
Kurz muss hier auch die Giordano-Bruno-Stiftung zur „Förderung des evolutionären Humanismus“ erwähnt werden, in deren Beirat namhafte Atheisten wie Hans Albert, Norbert Hoerster, Bernulf Kanitscheider, Wolf Singer, Eckart Volandt, Ulrich Kutschera oder Franz Wuketits sitzen. Vorstandssprecher ist der Journalist Michael Schmidt-Salomon. Die von ihm verfasste Homepage der Vereinigung („Manifest des Evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur“) erklärt: „Ziel der Stiftung ist es, die Grundzüge eines naturalistischen Weltbildes sowie einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik/Politik zu entwickeln“ und in der Öffentlichkeit, in einem „Werte-Unterricht für alle Schüler“, bei der „Besetzung von Rundfunk-, Ethikräten etc.“ zur Geltung zu bringen. Der Stiftung geht es nicht nur um Verteidigung von Evolutionsdenken, sondern um die Durchsetzung eines bestimmten partikularen Weltbildes, nämlich des atheistischen Naturalismus, der ausdrücklich dem biblisch-christlichen Weltbild den Platz in unserer Kultur streitig machen will. Das wird überdeutlich in den kulturkämpferischen Entgleisungen gegen religiösen Glauben, die sich Schmidt-Salomon auf der Homepage leistet. Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle hält er für falsch: „Wer auf ,religiöse Gefühle‘ Rücksicht nimmt, der stellt damit weltanschauliche Borniertheit unter ,Denkmal-Schutz‘.“ Wer hier wohl borniert ist? – Von Schmidt-Salomon stammt übrigens auch ein Bilderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“, das bereits Sechsjährige in „amüsanter Weise über den Gotteswahn“ aufklären will, indem es die drei monotheistischen Religionen allesamt als bedrohlich und Angst einflößend darstellt und lächerlich macht.
Im Sinne der allgemeinen Stoßrichtung der Stiftung schreibt ihr Beiratsmitglied Thomas Junker, Mitstreiter von Kutschera: „Als wissenschaftliche Theorie gewährt sie [die Evolutionstheorie] der religiösen Wundergläubigkeit und damit [!] dem christlichen Gott keinen Raum. Er ist schlichtweg überflüssig, ein phantastischer Fremdkörper ohne Relevanz.“ (T. Junker 2007, 81) Für Junker ist offenbar Darwinismus unvereinbar mit Glauben an Gott, weil er Gott nur als den begrenzten Lückenbüßer zu denken vermag, der noch vorhandene Lücken in evolutionstheoretischer Erklärung schließen soll und mit deren Verschwinden natürlich überflüssig wird.
c) Kein Atheist: Wie Darwin zu Religion und Schöpfungsglauben stand
Charles Darwin (1809 – 1882) war fasziniert von der Vielfalt der Lebewesen auf unserer Erde. Und er war ein großer Naturforscher, der eine riesige Fülle von Beobachtungsmaterial gesammelt und viele Bücher dazu geschrieben hat. Weltberühmt aber wurde er durch die Theorie, die er in dem Buch Über die Entstehung der Arten (1859) darlegt und begründet: Die Deszendenztheorie oder Abstammungslehre (Darwin sprach nicht von Evolution, sondern von Transmutation, Abwandlung, Abstammung u. ä.). Den Kerngedanken dieser Theorie kann man kurz so zusammenfassen:
Alle Lebewesen haben sich aus gemeinsamen Urformen allmählich entwickelt, im Laufe von langen Zeiträumen. Die verschiedenen Arten von Lebewesen kommen also nicht fertig vom Reißbrett des Schöpfers, sie wurden nicht jede in einem eigenen Schöpfungsakt erschaffen. Sie haben sich vielmehr entwickelt, sind entstanden durch Mutation und Selektion, d. h. durch zufällige kleine Abänderungen (Mutationen) an dem, was schon da war, an den schon vorhandenen Lebewesen, so dass es bei deren Nachkommen zu Variation kam und sich dann im Kampf um Nahrung und Sexualpartner nur die Lebensfähigeren fortpflanzten, während die weniger Lebensfähigen ausstarben: natürliche Auslese (Selektion). Diese beiden Faktoren Mutation und Selektion (Abwandlung und Auslese) reichten aus, um die allmähliche Entstehung der Vielfalt der Lebewesen zu erklären. Darwin hat damit das Fundament einer Biologie geliefert, die von religiösen Überzeugungen frei ist.
Er hat damit nichts anderes getan als das, was der bedeutende mittelalterliche Theologe und Naturforscher Albertus Magnus (1200 – 1280) propagiert hat: „In der Naturforschung haben wir nicht zu untersuchen, wie Gott der Schöpfer ... sich seiner Geschöpfe bedient, um durch Wunder seine Allmacht kundzutun. Wir haben vielmehr zu erforschen, was im Bereich der Natur durch natureigene Kräfte auf natürliche Weise alles möglich ist.“8
Wie stand Darwin zur Religion, zum Glauben an einen Schöpfer? War er ein Gegner oder gar Feind von Religion und Schöpfungsglauben?
1) Darwin hat nie einen ideologisch-atheistischen Darwinismus vertreten, auch nicht in seiner agnostischen Endphase. Er war aufgewachsen in einer dekadenten Form von Christentum, das einerseits mit Moral, Sünde und Furcht vor ewigen (Höllen-)Strafen operierte, dessen damals vorherrschende rationalistische Physikotheologie andererseits überall in der Natur eine auf den Nutzen des Menschen bezogene Zweckrichtung sah, daraus die göttliche Vernunft ablesen und Gott aus angeblichen Lücken wissenschaftlicher Welterklärung beweisen wollte (wie es heute wieder die ID-Lobby tut).
In den Jahren zwischen seiner Weltumseglung auf dem Forschungsschiff Beagle (1832 – 1837) und der Veröffentlichung von Über den Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtwahl (1859) wandte sich Darwin, wie er im Kapitel „Religious Belief“ seiner Autobiographie ausführt, von dem Glauben, in dem er erzogen worden war, und von der Sicht der Physikotheologie – etwa des in Cambridge damals viel zitierten William Paley (1745 – 1805) – allmählich ab und einem vorsichtigen Deismus zu.
Er lehnte die Einzelerschaffung der einzelnen Arten durch zahllose getrennte Schöpfungsakte ab, ebenso Wunder, sofern sie als Durchbrechung der Naturgesetze verstanden wurden, und er war aus moralischen Gründen gegen die „abscheuliche Lehre“ von ewigen Strafen. Das grausam qualvolle Leiden in der Natur, das er so oft gesehen hatte, war für ihn nicht mit einem Schöpfungswerk Gottes vereinbar, wohl aber mit der natürlichen Selektion. Die Überzeugung von der Evolution war für ihn eine Befreiung von bedrückenden religiösen Vorstellungen.
Im allerletzten Satz seines Werkes On the Origin of Species (1859) deutet er dann aber kurz eine andere Auffassung von Gott und von Schöpfung an: „Es liegt etwas wirklich Erhabenes in der Auffassung, dass der Schöpfer den Keim allen Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat und dass, während sich unsere Erde nach den Gesetzen der Schwerkraft im Kreise bewegt, aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter entsteht.“ Es ist bemerkenswert, dass 1500 Jahre vor Darwin ein griechischer christlicher Theologe, Gregor von Nyssa (335 – 394), eine ganz ähnliche Sicht vertreten hat, und zwar ganz umfassend ausgedehnt auch auf die kosmische Evolution (s. u. II. 3. a).
Darwin nahm eine allgemeine Vorsehung bei der Planung der Gesetze an, die die Evolution überhaupt erst möglich machen. Eine Welt, die so „wunderbar geordnet“ ist, könne als Ganzes nicht das Ergebnis puren Zufalls sein, wenngleich die Details wenig perfekt und zufällig sind. In einem Brief von 1870 an seinen Freund, den Biologen Joseph D. Hooker, den er in „Entstehung der Arten“ öfters erwähnt, schrieb er: „Ich kann das Universum nicht als Resultat blinden Zufalls ansehen. Gleichwohl kann ich im Detail keine Evidenz von einem wohltuenden Plan (design) sehen, oder überhaupt einen Plan von irgendeiner Art.“ (F. Darwin & Seward 1903, I, 321) Und in einem anderen Brief an den Naturwissenschaftler Asa Gray in Harvard schrieb er: „Ich neige dazu, alles so zu betrachten, als folge es den Gesetzen des Schöpfungsplans, während die Details dem überlassen bleiben, was wir Zufall nennen.“ (F. Darwin 1887, II, 105)
2) Drei Jahre vor seinem Tod schrieb Darwin (1879): „In meinen extremsten Gedanken war ich nie ein Atheist in dem Sinne, dass ich die Existenz Gottes verneint hätte. Ich glaube meistens, aber nicht immer (doch je älter ich werde, desto öfter), dass ,Agnostiker‘ eher auf mich zutrifft.“ (F. Darwin 1887, I, 274) Agnostiker ist einer, der meint, dass wir das, was über die sinnliche Wahrnehmung hinausgeht, nicht erkennen, es aber auch nicht bestreiten können.
Dazu erläutert er in seiner Autobiographie (1879): „Das ergibt sich aus der äußersten Schwierigkeit oder vielmehr Unmöglichkeit, einzusehen, dass dieses ungeheure und wunderbare Weltall, das den Menschen umfasst mit seiner Fähigkeit, weit zurück in die Vergangenheit und weit in die Zukunft zu blicken, das Resultat blinden Zufalls oder der Notwendigkeit sein soll. Denke ich darüber nach, dann fühle ich mich gezwungen, mich nach einer ersten Ursache umzusehen, die in Besitz eines dem des Menschen in gewissem Grad analogen Intellekts ist, und ich verdiene Theist genannt zu werden ... Dann entsteht aber wieder der Zweifel: Kann man sich auf den Geist des Menschen verlassen, der, wie ich glaube, sich aus einem so niederen Geist wie dem der niedersten Tiere entwickelt hat, wenn er solch großartige Schlussfolgerungen zieht?“ (F. Darwin 1887, I, 282 f)
Darwin fragt also sehr ernsthaft und ehrlich.9 So beklagt er auch den Verlust seiner früheren Freude an Naturerlebnissen, an Poesie und Literatur und sagt, er sei „eine Art Maschine zum Herausmahlen von allgemeinen Gesetzen aus einer großen Faktensammlung“ geworden. Früher ein Liebhaber der Musik, ist jetzt „meine Seele zu vertrocknet, um sie wie in früheren Tagen zu schätzen. Ich bin in jeder Beziehung ein verwelktes Blatt – außer in der Naturwissenschaft. Manchmal hasse ich sie deswegen.“ (F. Darwin 1887, II, 273)
Bittere Worte. Offenbar kann man, leidenschaftlich bewegt von einer einzigen großen Fragestellung und fasziniert von den dabei gemachten Entdeckungen, so sehr in einer eindimensionalen Perspektive versinken, dass andere Seiten der Wirklichkeit nicht mehr zum Zug kommen und das Menschsein verarmt. Sagt hier nicht einer der ganz großen Naturwissenschaftler zugleich etwas über die Grenzen von Naturwissenschaft aus: dass der Mensch seinen tiefsten Anlagen nach nicht mit Naturwissenschaft allein er selbst und wirklich Mensch sein kann?
3) Darwins Grundidee (Entstehung der Vielfalt des Lebens durch abwandelnde Variation und durch Effizienz bei der nachfolgenden Selektion) hat sich als richtig erwiesen, wenngleich als ergänzungsbedürftig (z. B. durch Mechanismen wie Symbiose). Die Durchführung seines Ansatzes aber ist nicht frei von fragwürdigen Beimischungen: Beispielsweise nahm Darwin, nachdem er zunächst mit dem Ökonomen Thomas Malthus vom struggle for existence gesprochen hatte, seit 1869 von dem Soziologen Herbert Spencer die problematische Formel survival of the fittest auf. Und über den Festlegungen durch das naturhaft Angeborene unterschätzte er die Offenheit jedes neugeborenen Menschen und seine Formbarkeit durch menschliche Zuwendung, sozialen Umgang, Erziehung, geistige Bildung usw. Er verkannte die Macht kultureller Evolution mit ihren (medizinischen, technischen, sozial-kooperativen, pädagogischen usw.) Möglichkeiten, die sich über die biologische Evolution und die Selektion erheben können, was sein Konkurrent Alfred Russel Wallace (1823 – 1913), der unabhängig von Darwin dieselben Ideen einer Evolution durch Modifikation und Selektion entwickelte, eher gesehen hat.
Vor allem aber muss Darwin deutlich unterschieden werden vom Darwinismus als Weltanschauung, der aus Darwins Idee eine Ideologie macht, und vom Sozialdarwinismus, der das Recht des Stärkeren im Verdrängungswettbewerb propagiert. Beides hat in Deutschland insbesondere der Zoologe Ernst Haeckel (1834 – 1919) betrieben. Er erklärte Konkurrenz und Selektion zur Grundlage gesellschaftlichen Fortschritts und lieferte die Basis für Rassenideologien. In seinem populären Bestseller Die Welträtsel (Bonn 1899) erhob er den materialistisch interpretierten Darwinismus zur „monistisch“10-materialistischen Totaldeutung der Welt, zum Religionsersatz: Ein Welturheber sei unvereinbar mit der ewigen Materie und den ehernen, mechanischen Naturgesetzen. Haeckel tat Gott spöttisch als „gasförmiges Wirbeltier“ ab und ließ sich in Rom zum materialistischen Gegenpapst krönen, ohne dass ihm und seinen Anhängern das Unwissenschaftliche und Lächerliche dieses Vorgehens bewusst geworden wäre.
3. Die Realität der Evolution, die Evolutionstheorie und der Evolutionsmythos
a) Zwingende Gründe für die Annahme von Mikro- und Makro-Evolution
Im Streit zwischen Evolutionsbiologen und ID-Vertretern geht es darum, ob wir die Entstehung des Universums sowie des Lebens und seiner Vielfalt naturwissenschaftlich als Resultat ungerichteter, zufälliger Prozesse von Mutation, Variation und Selektion zu erklären haben oder – wie die ID-Vertreter meinen – als die (naturwissenschaftlich erkennbare!) Manifestation intelligenten Designs.
1) Die ID-Vertreter bestreiten nicht, dass es Mikroevolution innerhalb eines schon vorhandenen Organisationsniveaus gibt, also auch die Bildung von Unterarten und neuen „Arten“ innerhalb einer „Gattung“ (empirisch beobachtbar sind z. B. bei Kleinstlebewesen wie Vogelgrippe-Viren schnelle Veränderung, aber auch bei größeren Organismen wie Vögeln Artaufspaltungen nach vorheriger räumlicher Trennung). Aber, so behaupten die ID-Vertreter, es würden angeblich jegliche Beweise und biologische Erklärungen fehlen für die sogenannte Makroevolution, also für Höherentwicklung im Sinne von evolutiven Neubildungen oder der Entstehung neuer Baupläne (z. B. Übergang vom Fisch zum Amphibium oder Entwicklung von Flügeln; alle Konstruktionsfortschritte vom Einzeller über Schwämme, Hohltiere, Würmer, bis hin zu segmentierten Insekten und bis zu Wirbeltieren). Das sei nicht mehr aus ungerichtet-planlosen Prozessen kausal erklärbar, es sei nicht möglich ohne die gezielte Intention eines intelligenten Designers, m. a. W.: nicht ohne göttliche Eingriffe.
Nun hatte Darwin selbst zum Problem der evolutiven Höherentwicklung, über die er im vierten Kapitel von „Ursprung der Arten“ spricht (mit Stichworten wie „advance-Fortschritt“, „Verbesserung“, „Erhöhung“ „stufenweise Vervollkommnung der Organisation“ „fortschreitende Entwicklung“), in der Tat noch nicht viel Erhellendes gewusst, und die ID-Vertreter zerren mit einer Hartnäckigkeit, die heutige Darwinisten immer neu auf die Palme treibt, Lücken und Schwachstellen in der Evolutionstheorie ans Licht, insbesondere oberflächliche und ungenügende Erklärungen der Zweckmäßigkeit von komplexen Organen und Organismen. Aber warum soll es denn nicht irgendwann bessere und überzeugende natürliche Erklärungen für die bestaunte Zweckmäßigkeit geben können?
Gewiss sind viele bisherige evolutionsbiologische Erklärungen noch nicht so gut wie die stets angeführte Herausbildung von Linsenaugen. Diesbezüglich ist heute gut belegt, dass es in der Stammesgeschichte der Tiere wohl 20- bis 40-mal, voneinander unabhängig, zur Entwicklung des komplexen und so überaus zweckmäßigen Linsenauges aus einfachen lichtempfindlichen Zellen und in relativ wenigen Evolutionsschritten gekommen ist, wobei jeder Zwischenschritt für sich schon als vorteilhaft (selektionsprämiert) angesehen werden kann. Aber Darwins Selektionstheorie kann auch in vielen anderen Fällen plausibel machen, wie aus kleinen ungerichteten Zufallsveränderungen Zweckmäßiges entsteht; und die Zahl der Erklärungserfolge steigt stetig. – Am deutlichsten gegen ein Design sprechen übrigens die Rhopalien, Hochleistungsaugen an den Fangarmen mancher Würfelquallen, die kein Gehirn haben und über ihre Augen mehr optische Reize aufnehmen als sie verwerten können, weshalb sie die Netzhautbilder nachträglich unscharf machen, um ihre Hochleistungsaugen zum einfachen Richtungsehen zu gebrauchen, zu dem sie allein fähig sind. (Kummer 2007; Kummer 2008)
2) Heute gibt es also auch für die sogenannte Makroevolution empirische Belege, die Darwin noch nicht kannte (auch wenn die Mechanismen und Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, vielfach noch nicht verstanden sind und weiterer Klärung bedürfen). Dazu kommen überdies noch die folgenden grundsätzlichen Bestätigungen:
(a) Die isotopische Zusammensetzung der festen Materie-Elemente11 belegt ihre Herkunft aus Sternen. – Jedes jetzt in unseren Körpern befindliche Kohlenstofffatom war einmal im Innern eines Sterns. Die vielen chemischen Elemente, die vor Jahr-Milliarden in den Hochöfen von Sternen entstanden und durch deren Explosion ins All herausgeschleudert worden sind, sind auch die Grundelemente der verschiedensten Lebewesen, so dass man bildhaft sagen konnte: Wir sind Sternenstaub.
(b) Die groben Zeiträume und Abfolgen der Evolution hat man bisher nur aus den sehr lückenhaften Fossilienfunden vermutet; heute werden sie weitgehend durch radioaktive Altersbestimmungen der Fossilien bestätigt. – Aber auch schon ohne diese Bestätigung besagt das angebliche Fehlen von Übergangsformen, „missing links“, die Schönborn (2007, 96, und 2008, 65 f) gegen Darwins Theorie anführt, gar nichts, wenn man nur einmal bedenkt, wie viele Fossilien wir von den heute in der Natur sterbenden Lebewesen finden müssten, und wir finden fast nichts, weil Bakterien, Pilze und andere Verwerter ganze Arbeit leisten; die Chance, zum Fossil zu werden, haben nur wenige Lebewesen (etwa wenn sie in luftdichtem Schlamm, Lava, Bernstein usw. eingebettet sind).
(c) Vor allem aber wird der bisher nur aus Fossilienfunden vermutete Evolutionsablauf durch genetisch abgeleitete Stammbäume weitgehend bestätigt; der paläobiologisch-morphologische und der molekulargenetische (aus Unterschieden in den DNA-Sequenzen berechnete) Stammbaum des Lebens stimmen also im Wesentlichen überein, zwei voneinander unabhängige Rekonstruktionsmethoden der Geschichte des Lebens kommen zum gleichen Ergebnis (Schuster 2007, 52 und 112 f). Die moderne Molekularbiologie untermauert somit die grundlegenden Einsichten der Evolutionstheorie.
Darwin war noch der Überzeugung, dass die Evolution nur graduell in kleinen Schritten erfolgen könne („natura non facit saltus“). Heute weiß man, dass in der Evolution auch innovative Sprünge möglich sind, und man kennt auch die genetische Basis dafür. „Solche drastischen Veränderungen geschehen manchmal allein aufgrund einer einzigen Veränderung in einem einzigen Gen“, wenn es sich dabei um ein Gen „in den steuernden Regionen“ handelt. „Klar ist heute, dass möglicherweise nur eine kleine Anzahl von Mutationen in entscheidenden Genen zum Teil große morphologische Veränderungen hervorrufen“, also „große entwicklungsbiologische Effekte“ haben kann (Meyer 2008, Z3)12 – wobei freilich nie vergessen werden darf, dass sich die Abwandlungen nur erfolgreich fortpflanzen können, wenn sie in die bereits vorhandenen organismischen Strukturen passen, diese also nicht behindern oder zerstören.
Darüber hinaus gibt es einen zwingenden Grund für die Annahme von Evolution: Wenn Organismen als lebende Systeme auf Stoff- und Energiewechsel angewiesen sind und zugleich ihre Fortpflanzung mit störanfälliger Vererbung verbunden ist (was beides nicht zu bestreiten ist), dann ist Evolution unausweichlich. Denn die durch zufällige Mutation im Erbgut bewirkte Variation führt zu Unterschieden der Beschaffenheit und Leistungsfähigkeit der Organismen (in Nahrungsbeschaffung, Energiewandel, Mobilität, Fortpflanzungsfähigkeit), somit zu Konkurrenz und zu natürlicher Selektion (Peters 1984).
b) Evolutionstheorie als unabgeschlossene biologische Erklärung der Evolution
Der Ausdruck Evolutionstheorie ruft nicht selten Missverständnisse hervor. Denn in der Alltagssprache wird oft abwertend gesagt „das ist nur eine Theorie“, und man will damit sagen, dass die Erkenntnisse nur sehr unsicher seien; eine Theorie wäre dann kaum besser als eine Spekulation. In den Wissenschaften versteht man unter Theorie jedoch etwas anderes: Theorie bezeichnet eine einheitliche Formulierung des Wissens, die alle bekannten Beobachtungen zu einem bestimmten Thema so zusammenfasst, dass sie die fraglichen Sachverhalte überprüfbar erklärt, und die so lange gültig bleibt, bis neue Beobachtungen sie widerlegen oder zu neuen Interpretationen zwingen. In den Wissenschaften sind Theorien also das Beste, was möglich ist; sie sind gut gesichert, aber falsifizierbar, daher keine endgültigen Wahrheiten.
In diesem Sinne ist die Evolutionstheorie eine heute besonders gut bestätigte und gültige wissenschaftliche Theorie. Sie ist die zentrale und wichtigste Theorie der Biologie überhaupt (Dobzhansky 1973, 125: „Nichts in der Biologie macht Sinn, außer im Licht der Evolution“) und zugleich eine der erfolgreichsten naturwissenschaftlichen Theorien, die inzwischen weit in andere Disziplinen (von der Kosmologie bis zur Gesellschaftsforschung) ausstrahlt. Sie erklärt das Entstehen der Dinge und Lebewesen aus schon vorhandenen Dingen. Aber sie erlaubt keine Vorhersagen über das künftige Entstehen im Einzelnen, sondern kann lediglich sagen: Wenn sich irgendwelche neuen organismischen Bildungen entwickeln, werden sie es nach den Gesetzmäßigkeiten tun, die die Evolutionstheorie formuliert.
Die Evolutionstheorie versucht die Evolution zu erklären; sie versucht zu erklären, wie die kausalen Zusammenhänge zu sehen sind, welche Faktoren eine Evolution ermöglichen und begrenzen usw. Und da gibt es seit Darwins epochemachendem Ansatz vielfache Weiterentwicklungen der Evolutionstheorie (sozusagen eine Evolution der Evolutionstheorie), die zunehmend mehr und vieles besser erklären. Wir wissen noch lange nicht alles über die Mechanismen der Evolution, und das ist es, was die Forschung vorantreibt. Die Evolutionstheorie ist also nicht abgeschlossen, sie wird ständig weiterentwickelt.
Eine solche Fortentwicklung stellt auch die Frankfurter Kritische Evolutionstheorie dar, die einen weithin vernachlässigten Aspekt ins Spiel bringt, indem sie Lebewesen zwar – analog zum Funktionieren einer Maschine – als mechanisch kohärente und operational geschlossene, aber energiewandelnde und damit für den Energiefluss (In-put und Out-put) offene hydraulische Gesamtgefüge versteht, die sich aber – ganz anders als eine Maschine – durch ihre eigene Tätigkeit selbst als Ganzes zusammenhalten (auch gegen Störungen von außen), sich selbst versorgen, fortpflanzen und somit selbst intentionale Akteure (Mitspieler) bzw. Subjekte der Evolution sind; sie treiben die Transformation (als selbstkreativen Wandel ihres Bauplans) ebenso voran, wie sie dieser Transformation auch unterliegen.13
M. a. W.: Die Organismen als ganze sind die eigentlichen Akteure (nicht die Gene, wie Dawkins in seiner Hypothese vom „egoistischen Gen“ meint, für den die Henne bzw. der Mensch nur die Methode, nur die „blind darauf programmierte Überlebensmaschine ist, um diese egoistischen Moleküle zu erhalten“). Die Ganzheit der lebendigen Zelle bzw. des Organismus ist es, die als eigene, die molekularen Prozesse ausrichtende Instanz wirkt; diese Ganzheit des Lebendigen wirkt als Zielvorgabe für die Auswahl informationsrelevanter DNA-Sequenzen (alle Einflüsse – ob innere der Gene oder äußere der Umwelt – werden diesem Ziel der Selbsterhaltung der Zelle bzw. des Organismus gemäß interpretiert und bewertet). Deshalb kann man sagen, dass die Organismen als biologische Systeme sich des Genoms bedienen, um ihre Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten, nicht umgekehrt. Die Gene „machen“ nichts, genauso wenig wie Texte von sich aus etwas machen; allenfalls wird mit ihnen etwas gemacht, wenn sie „gelesen“ werden (vgl. Lewontin 2002).
Darwins Evolutionstheorie bzw. manche ihrer Weiterentwicklungen liefern gegenwärtig die beste Erklärung für die vorhandenen Befunde. Es gibt keinen Grund, sie nicht anzuerkennen.14 Doch schließt das nicht grundsätzlich aus, dass sie irgendwann in der Zukunft von der Wissenschaft revolutioniert werden könnten. Das gibt selbst Dawkins, wo er wissenschaftlich und unvoreingenommen bleibt, unumwunden zu: „Wir müssen die Möglichkeit einräumen, dass neue Tatsachen auftauchen könnten, die unsere Nachfolger aus dem 21. Jahrhundert dazu zwingen könnten, den Darwinismus hinter sich zu lassen oder bis hin zur Unkenntlichkeit zu modifizieren.“ (Dawkins 2003, 81)
Darmowy fragment się skończył.