Czytaj książkę: «Vatter - es kostet nix»
Hans Jürgen Kampe
Vatter - es kostet nix
Ein "wolliges" Vergnügen
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Fahrstunden – Tanzstunden
Etwas Feng-Shui, etwas Sport, etwas Lamm
Lotti
Urlaubsreif
La Herradura – Liverpool
Besuch, Einladung und ein Halbmarathon
Die Zwei
Herbsturlaub in Andalusien
Eine Feier und ein Abschied
Epilog
Impressum neobooks
Fahrstunden – Tanzstunden
Für Mila und Lotti
in liebevoller Erinnerung
Die meisten Personen in diesem Buch sind nur erfunden oder stark verändert. So wie auch die meisten Geschichten nur erdacht sind. Aber das Lämmchen gab es wirklich, und das kleine Haus in Südspanien steht immer noch – trotz der vielen, wahren Probleme.
1
Klaus Thaler war wach. Er ärgerte sich mal wieder über sich selber. Wahrscheinlich war er der einzige Mensch auf der Welt, der von der Eiseskälte in seinen Händen und Füßen geweckt wurde. Und das am freien Samstag um fünf Uhr.
Wie unprofessionell von seinem Körper.
Neben ihm schnarchte Andrea, seine ihm angetraute Ehefrau, leise und regelmäßig. Und schlief unbeschwert und tief. Im Gegensatz zu ihm hatte Andrea dauerhaft angenehm warme Hände und Füße, brauchte selbst im Januar nur ein leichtes Federbett und strampelte sich auch noch in der größten Kälte davon frei. Beneidenswert.
Klaus legte die eiskalten Hände unter seinen lauwarmen Allerwertesten und bewegte seine leicht bläulichen Füße kreisförmig, um die Blutzirkulation zu stimulieren.
Selbst die Kinder - Anton, der Älteste, Emil, der Mittlere und Emma, das Nesthäkchen - hatten seine Gliedmaßen als Permafrostfüße und -hände bezeichnet. Und schon als Baby erschreckt zurückgezuckt, wenn er sie streicheln wollte.
Und Andrea, die das Frostfiasko nun seit über zwanzig Jahren ertragen musste, war der Meinung, dass selbst ein Pinguin eine „Gänsehautentzündung“ bekommen würde, wenn er Klaus im Ehebett zu nahekommen würde.
Seitdem durfte sich Klaus seiner lieben Ehefrau nur noch weniger als zehn Zentimeter nähern, wenn er vorher Hände und Füße mit einem warmen Senfbad auf Touren gebracht hatte.
Etwas kompliziert, das Ganze.
Und jetzt konnte Klaus nicht mehr einschlafen. Obwohl über seiner dicken Daunendecke noch eine Lama-Wolldecke lag.
Nach einigen Minuten sinnlosen Rumwälzens und zweckloser Fuß - und Handgymnastik, beschloss Klaus, das Drama lieber zu beenden und aufzustehen. Während er sich seine Wachspfropfen aus den Ohren pulte, ohne die sowieso nicht an Schlaf zu denken war, nahm er sich fest vor, sich nach dem Mittagessen zu einem Mittagsschlaf zu zwingen.
Ganz vorsichtig pickte sich Klaus im Dunkeln seine Kleidung vom Stuhl, stieß dann mit nackten Zehen an ein Bettbein, was Andrea Gott sei Dank nicht weckte, und schlich humpelnd mit schmerzverzerrtem Gesicht und gemurmelten Flüchen aus dem Schlafzimmer. Die Tür öffnete Klaus so vorsichtig, als würde er drei rohe Eier balancieren. Nur nicht Andrea wecken.
Obwohl Klaus spürte, dass er einen Mundgeruch hatte, wie der Sickerschacht im Keller, war er doch zu faul, sich schon zu so früher Stunde die Zähne zu putzen. Das widersprach allerdings jedem Hygienekonzept seiner schlafenden Frau.
Im Flur lag Mila, ihr schwarzgelockter Familienhund, in ihrem Körbchen und grunzte im Traum.
„Wer weiß, von welchem Rüden die mal wieder träumt“, dachte sich Klaus, während der Schmerz in den Zehen ganz langsam nachließ. Er huschte ins Bad und nahm nur eine sehr oberflächliche Körperreinigung vor. Der Rest musste warten, bis er nachher mit Anton zum Autofahren-Üben wollte.
Er schlich die alte, knarrende Eichenholztreppe vorsichtig runter an den Briefkasten. Natürlich war die Zeitung noch nicht da. Typisch. Immer wenn er Zeit hätte, das Kreuzworträtsel als Erster noch vor Andrea zu lösen und die Zeitung in Ruhe zu lesen, kam die Zeitung später.
Also musste der Hund dran glauben.
Klaus stieg die ehemals mühsam abgeschliffene Treppe in ihrem alten Haus wieder nach oben und versuchte, Mila zu wecken. Selbst die zuckte bei der Berührung mit seinen eiskalten Händen zusammen, reckte sich und gähnte herzhaft.
„Der Geruch von dem Köter könnte ebenfalls prämiert werden“, dachte sich Klaus, während er versuchte, die Hündin aus ihrem Korb zu bugsieren.
Die hatte aber noch gar keine Lust aufzustehen, versteifte sich einfach und sperrte sich respektlos gegen ihr Herrchen.
In einer Stunde hätte sie ihre Blase sowieso vor die Tür getrieben, aber fünf Uhr war ihr einfach zu früh.
Aber letztendlich schaffte es Klaus mit geflüsterten Flüchen und leeren Drohungen, die widerwillig knurrende Mila nach unten zu zwingen und ihr eine Leine anzulegen.
Ein kurzer Blick vor die Tür hatte Klaus gezeigt, dass es leicht regnete. Egal. Für Klaus, den Sportler, gab es nur falsche Kleidung, kein schlechtes Wetter. Und was sollte er ohne Zeitung und blitzwach, gelangweilt zu Hause rumhängen. Dann besser den Hundespaziergang vorziehen.
Mit blauer Regenjacke, Baseballkappe und festen Schuhen verließ Klaus um kurz nach fünf das Haus. Um wenigstens ein Mindestmaß an Körperpflege einzuhalten, hatte er sich vorher noch großzügig an Andreas Fishermen`s Friends vergriffen. So kam in dieser frühen Morgenstunde wenigstens ein kleines Frischegefühl auf.
Alles war dunkel. Nur jede dritte Straßenlaterne leuchtete. Denn die Stadt hatte nachts die Beleuchtung auf das Notwendigste reduziert. Außer etwas Vogelgezwitscher herrschte noch Ruhe in der Straße.
Klaus war erstaunt, dass in ihrem Nachbarhaus in einem Zimmer bereits Licht brannte. Anscheinend war Fräulein Saurbier auch schon wach.
Die pensionierte Finanzbeamtin lebte allein in ihrem großen Elternhaus und war Klaus und seiner Familie nach einem gemeinsamen Weihnachtsfest vor drei Jahren in Thalers Ferienhaus in Südspanien etwas nähergekommen.
Vor allem mit Klaus‘ Mutter, Alma, schien sie sich angefreundet zu haben. Alma hatte ihrem Sohn erzählt, dass alte Menschen nicht mehr ganz so viel Schlaf bräuchten und häufig nachts wach wären. Das könnte auch bei Fräulein Saurbier eine Erklärung sein.
Klaus ging zügig die nasse Straße weiter bis zum Waldrand, tonlos fluchend über jede Pfütze, der er ausweichen musste.
Thalers wohnten am Anfang einer „historischen“ Straße mit vielen gut erhaltenen stilvollen Häusern, die vor dem ersten Weltkrieg errichtet wurden. Mit Mansarddächern, Biberschwanzziegeln, Sprossenfenstern mit Klappläden, häufig Wintergärten und großen Grundstücken mit schönen Vorgärten und Staketenzäunen.
Es war eine Gegend, wo die Bewohner - außer Klaus und die 3 Kinder - ihre Kartons noch ordentlich zerrissen, falteten und schön plattdrückten. Bevor die Pappe dann im Altpapiercontainer artgerecht entsorgt wurde.
Je weiter Klaus aber ging, umso mehr „verjüngte“ sich die Straße. Nach einem kurzen Weg, in dem Klaus zweimal verärgert in eine Pfütze getreten war, änderte sich der Stil der Häuser. Jetzt waren es „Kaffeemühlen“ mit spitzem Zeltdach aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Und gegen Ende der Straße, nahe des Waldes, standen wenig einfallsreiche Häuser aus den fünfziger und sechziger Jahren
Mittlerweile hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und er beschloss, einen befestigten Weg unterhalb des Waldes bis in den benachbarten Stadtteil zu laufen.
Noch war er allein unterwegs. Kein Hundebesitzer kreuzte seinen Weg mit irgendeinem Rüden, der Interesse an seiner Hündin zeigen könnte. An das aufwühlende Erlebnis mit Mila und dem völlig unbeherrschten Drogen-Schnüffel-Rüden vor fünf Jahren an der spanischen Grenze wollte er sich lieber nicht mehr erinnern.
Klaus‘ Ziel war eine kleine Bäckerei in einem alten Haus in einer engen Seitenstraße. Seine jetzt elfjährige Tochter Emma hatte den unscheinbaren Laden mit der Backstube in einem hinteren Anbau entdeckt. Denn der Bäcker hatte eine Tür mit einem abgegriffenem Brezel-Griff und eine fast ein Meter hohe Figur im Schaufenster stehen.
Die Puppe war wie ein Bäcker mit weißer Schürze und weißer Mütze gekleidet und nickte bedächtig mit ihrem schmunzelnden Gesicht auf und ab.
Neben der nickenden Bäckerfigur war ein Schild befestigt, auf dem in alter Schreibschrift eingraviert war:
„Altes Brot ist nicht hart – aber kein Brot ist hart“.
Das konnte Emma damals weder lesen noch verstehen.
Aber die nickende Puppe faszinierte die kleine Emma so, dass sie ihre Mutter immer wieder bekniete, doch mit ihr zum „Nickebäcker“ zu fahren.
Im Laufe der Jahre hatten sich Klaus und Andrea daher angewöhnt, ihr Brot und ihre Brötchen beim Nickebäcker zu kaufen. Was Andrea und die Kinder bei Klaus einiges an Überredungskünsten gekostet hatte. Denn Klaus bevorzugte eigentlich einen anderen „Lieblingsbäcker“. Nicht, dass die Brötchen da besser gewesen wären. Aber die Bedienung hatte sich zweimal zugunsten von Klaus verrechnet. Und das war für Klaus Grund genug, am liebsten weiter zu diesem Bäcker zu gehen. In der Hoffnung, dass die junge Frau hinter der Theke weiterhin nichts gegen ihre ausgeprägte Dyskalkulie unternahm.
Aber die Spezialität des Nickebäckers war nun mal ein ganz außergewöhnliches Sauerteigbrot mit einer sehr knusprigen Kruste. Klaus hatte also gegen die Familie keine Chance.
Das Brot wurde in der ungewöhnlichen Länge von einem Meter gebacken und wurde von den Kunden nur „das nordhessische Baguette“ genannt.
Da kein Mensch ein ein-meter-langes Brot kaufen wollte, wurde das Brot von der alten Frau des Bäckers mit einem großen, scharfen Messer in die gewünschten Stücke geschnitten. Die dann gewogenen Teile wurden nach Gewicht verkauft. Und wer wollte, konnte sich das leckere Krustenbrot von der immer freundlichen Bäckersfrau auch gleich in Scheiben schneiden lassen. Selbstverständlich wurde die rote Brotschneidemaschine noch von Hand bedient. Hinter dem Tresen waren an der Wand Regale aus den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts angebracht. Auf der abgeplatzten Resopalbeschichtung stapelten sich Mehl- und Kaffeepackungen, Hefe und Büchsen voller Kondensmilch, deren Haltbarkeitsdatum besser nicht hinterfragt wurde.
Auch die Vollkornbrötchen mit den Körnern und den Mohnstreuseln waren bei der ganzen Familie Thaler sehr beliebt.
Und da nach Klaus‘ heimlicher Prüfung die Brötchen zwar etwas teurer, aber dafür auch größer waren, als die Brötchen im Supermarkt, stimmte der sonst so sparsame Familienvater zu, die Brötchen beim Nickebäcker zu kaufen. Aber nur samstags.
Beim ersten Brötchenkauf vor einigen Jahren überwog noch Klaus ausgeprägter Trieb, zu sparen.
Er wartete, bis er der einzige Kunde in dem kleinen Verkaufsraum war, räusperte sich verlegen und fragte die geduldige Bäckersfrau, ob er nicht auch Brötchen vom Vortag zum halben Preis haben könne. Die stämmige Dame schaute Klaus anfangs überrascht, aber dann doch etwas robust in die Augen.
„Hammernet. So gern wie’s mir ja für Sie leidtät, junger Mann. Aber die hammer leider net mehr da. Denn unsere Brötchen sind mittags Gott sei Dank schon ausverkauft. Wenn Sie wollen könnte ich Ihnen einen Rest Teig aus der Backstube zusammenkratzen, zum selber aufbacken, dann wird es für Sie noch billiger“, war die leicht ironische Antwort der Nickebäckerfrau.
Da der sensible Klaus sich noch einen Rest von Feinfühligkeit bewahrt hatte, spürte er den Spott der alten Bäckersfrau und war für einen Moment beschämt. Obwohl er normalerweise so gern handelte, wie die Türkei mit der EU.
„Na ja, so war das ja nun auch wieder nicht gemeint. Also ich kaufe dann doch die frischen Brötchen.“
Seitdem hatte sich das Verhältnis zu der gutmütigen Bäckersfrau aber wieder deutlich entkrampft und Klaus wurde ein gern gesehener Kunde bei Emmas Lieblingsbäcker.
Von seiner Anfrage bei der Frau des Nickebäckers hatte er Andrea vorsichtshalber nichts erzählt.
Da Klaus wusste, dass der Nickebäcker auch samstags schon um sechs Uhr seinen Laden öffnete, stand er um zehn vor sechs vor der Tür.
Als die Bäckersfrau die Tür mit dem wuchtigen Brezelgriff aufschloss, begrüßte sie ihn wie üblich mit einem freundlichen „Guten Morgen“. Was sich bei ihr aber wie ein „Gumoke“ anhörte.
Klaus hatte daher schon vor einiger Zeit im Familienkreis angefangen, die resolute Bäckersfrau als Frau Gumoke zu bezeichnen, was die Kinder sofort widerspruchslos aufgegriffen hatten.
Die Brötchen, die er in einer großen Tüte mitbekam, waren noch ganz warm und knackten knusprig. Klaus hatte zwar an einen Stoffbeutel beim Weggehen gedacht, aber sein Portemonnaie vergessen. Aber die verständnisvolle Frau Gumoke meinte nur: „Das passt schon, Herr Thaler. Wir kennen uns doch schon so lange. Ich schreib‘ für Sie an, und Sie zahlen dann das nächste Mal.“
„Das hätte kein Billigdiscounter mit mir gemacht. Und die Rechenkünstlerin in der anderen Bäckerei erst recht nicht. Da hätten wir heute Morgen ganz schön alt ausgesehen“, musste sich Klaus erleichtert eingestehen, als er sich mit der pudelnassen Mila auf den Heimweg machte.
Vor lauter Frust über den aus ihrer Sicht viel zu frühen und sinnlosen Hundespaziergang hatte sich Mila bislang beharrlich geweigert, ihr Bächlein zu machen.
Also musste Andrea nachher nochmal raus.
2
„Der nasse Köter wird seine schwarzen Haare wahrscheinlich im ganzen Haus verlieren. Und ich darf wieder saugen“, stellte Klaus fest, als er die schwere Eichenholztür mit dem Rautenfenster aufschloss. Nach dem Spaziergang spürte er eine aufkommende Lebensenergie, wie ein frisch geladener Duracel Hase.
Obwohl es erst sieben Uhr morgens war, beschloss Klaus seine ganze Familie an seinen mittlerweile nach oben geschossenen Endorphinen und seiner Dynamik teilhaben zu lassen.
Noch im Treppenhaus probierte er einen vollkommen missglückten Otto-Walkes Jodler. Es waren Laute, die ihm in Bayern ein striktes Kontaktverbot eingebracht hätten. Und danach kam ein aufforderndes „Bin wieder da.“
„Was blökst Du denn so rum? Üb‘ lieber erstmal mit Frau Hoppenstedt für ein ordentliches Jodeldiplom. Zum Beispiel mit: Du Dödl Du, Du Dödl Da, aber gefälligst im Keller“, lästerte Andrea schlaftrunken und erinnerte ihren Mann an Loriots Kultsketch, den Thalers schon mitsprechen konnten.
Andrea schaute mit verquollenen Augen leicht vergiftet aus der Küche, wo sie sich den ersten Morgenkaffee gekocht hatte.
„Sei nur leise, die Kinder schlafen noch. Übrigens, vielen Dank, dass Du mich mit Deinem Gerammel ans Bett so früh wachgemacht hast. Ich hab‘ Dich genau gehört, wie Du rausgehumpelt bist. Und wieso warst Du bei dem Regen überhaupt schon draußen?“
Klaus hatte sich instinktiv geduckt und wurde zwei Zentimeter kleiner. Er lächelte seine Ex-Verlobte etwas sparsam an. Spontan fiel ihm der zeitlos aktuelle Rat seines ältesten Sohnes Anton zum letzten Hochzeitstag mit Andrea ein, den er wie üblich vergessen hatte: „Nur mit happy wife, ein happy life, Vatter!“
„Ich konnte nicht schlafen, und so hab‘ ich halt schon Brötchen geholt. Die Du aber noch bezahlen musst. Und ich hab‘ Mila mitgenommen“, versuchte Klaus die Stimmungslage zu verbessern.
Andreas etwas feindselige Mine hellte sich wieder auf.
„Dann komm‘ in die Küche. Du kriegst einen Kaffee und wir lösen den Rest des Kreuzworträtsels zusammen.“
Klaus konnte seine Enttäuschung nur schwer verbergen. So ein Pech am frühen Morgen. Andrea war ihm mal wieder zuvorgekommen.
Während er weg war, war natürlich die Zeitung gekommen und Andrea hatte sich als erster „sein“ Rätsel geschnappt, das er doch so gern allein gelöst hätte.
„Schätzchen, Du weißt doch, dass ich morgens nur meinen Weidenröschentee trinke“, maulte Klaus lustlos.
Klaus trank auf Empfehlung seines mittlerweile 94jährigen Onkels regelmäßig morgens diesen Kräutertee.
Sein Onkel hatte ihm vor Jahren mal unter Männern diskret erzählt, dass es nichts Besseres für eine kleine, geschmeidige Prostata geben würde. Selbst im hohen Alter nicht.
Und so hatte Klaus auch im Urlaub immer eine prall gefüllte Tüte seines Tees aus seinem Lieblingsreformhaus dabei. Was vor fünf Jahren an der französisch-spanischen Grenze zu einem sehr peinlichen Zwischenfall mit der Drogenfahndung geführt hatte.
Frau Klotz, die kleine, dicke Inhaberin des nach allerlei Gewürzen duftenden Reformhauses, zwinkerte ihm an der Kasse regelmäßig zu.
„Hab‘ gut gewogen für Sie, Herr Thaler, sehr gut gewogen.“
Das bedeutete, dass Klaus eine halbe Schaufel mehr von dem Heu ähnlichem Tee in die Tüte bekam. Ohne Berechnung!
Was den überaus sparsamen Klaus etwas über den enormen Preis seines Tees hinweg tröstete, den es zu seinem Bedauern bei keinem Discounter zu kaufen gab.
Dafür durfte kein anderer in der Familie seinen Tee anrühren, geschweige denn wegtrinken. Die Jungs hatten noch Zeit mit der Prostata und die Damen brauchten sowas eh nicht.
Seufzend ließ sich Klaus von dem duftenden Kaffeearoma in der Küche hinreißen und von Andrea einen Espresso einschenken. Der ihm leider auch noch verdammt gut schmeckte, wie er sich stillschweigend eingestehen musste.
Während ihr nasser Hund ihn mit großen Augen dankbar ansah, trocknete Klaus mit größter Unlust die müffelnde Mila ab, reinigte ihr die dreckigen Pfoten und schüttete ihr rasselnd Futter in den Napf. „Sogar ohne Pinkeln gibt‘s bei mir ein Fresschen“, murmelte Klaus großherzig und schlurfte wieder in die Küche.
Nachdem sie gemeinsam den kümmerlichen Rest des Kreuzworträtsels gelöst hatten, hörten Andrea und Klaus im Obergeschoß ein rücksichtsloses Türenschlagen.
Die Lendenfrüchte waren wach.
Emma hopste als Erste putzmunter die Treppe runter, nach wenigen Minuten kam der sechzehnjährige, schlaksige Emil wortlos und verschlafen nach. Der Hunger trieb sie in die Küche.
Am Schluss setzte sich ihr Großer, der achtzehnjährige Anton, der seinen Vater um einiges überragte, an den Küchentisch, legte sein lockiges und sehr müdes Haupt auf seine ausgebreiteten Arme und gähnte herzhaft wie der König der Löwen, ohne die Hand vor die aufgerissene Mundhöhle zu halten: „Was gibt‘s denn?“
„Der Papa hat schon frische Nickebäcker Brötchen für Euch geholt. Trotz Regen.“
Andrea hatte schon für alle liebevoll das Frühstück vorbereitet. Die Küche in dem alten Haus aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts war so groß, dass die Familie bequem zusammen essen konnte. Und Klaus und Andrea war das gemeinsame Frühstück mit ihren sehr unterschiedlichen Kindern sehr wichtig.
„Emil, wenn Du wieder Deinen stinkenden Roquefort Käse mit Marmelade futtern willst, kannst Du Dich schön in den Wintergarten verziehen. Hier in der Küche muss ich sonst kübeln“, provozierte Anton seinen kleineren Bruder als erstes und schaute Emil giftig an.
Aber mittlerweile ließ sich Emil überhaupt nichts mehr gefallen.
„Du kannst selber im Wintergarten essen. Oder mach’s einfach wie unser Klobürsten Zwerg im Gäste Klo und steck‘ Dir eine Wäscheklammer über Deine picklige Nase.“
Anton konterte daraufhin seinem jüngeren Bruder gehässigerweise mit einem ruckartig erhobenen Mittelfinger unter dem Tisch.
„Jetzt hört mal auf zu streiten. Wir frühstücken schön zusammen, und jeder kann essen, was er will. Und wenn Herr Thaler Junior, der Ältere, dann genügend Kraft gesammelt hat, fahre ich mit Dir gern zum Verkehrsübungsplatz. Berganfahren üben mit der Handbremse und rücksichtslos, äh, rückwärts einparken.“
Klaus schaute seinen Großen aufmunternd an, obwohl er insgeheim schon einen weiteren Wertverlust seines geliebten Kombis befürchtete.
Anton grummelte irgendetwas, das man als: „Am liebsten würde ich ja mit der Mama fahren“, interpretieren konnte.
Denn das Verhältnis zwischen Klaus und Anton während der „Fahrstunden“ war nicht das harmonischste.
Zwischen beiden herrschte eine gewisse Anspannung. Aus Sicht von Anton war sein Vater als Fahrlehrer so einfühlsam wie eine Amöbe.
Klaus krampfte während der gemeinsamen Fahrstunden total.
Seine Füße bewegten sich auf der Beifahrerseite, bremsten mit, kuppelten oder gaben Gas. Und Klaus konnte sich auch nicht beherrschen, Anton einmal an den Schalthebel und zweimal ins Lenkrad zu greifen.
Seine ungebetenen Ratschläge wie: „Lass die Kupplung nicht so lange kommen! Gib nicht so viel Gas! Schulterblick beim Abbiegen! Nimm die Handbremse beim Anfahren am Berg! Halt mehr Abstand, Junge!“, führten eher zu Frust und zu Verunsicherung bei Anton und waren auch der Grund, dass Klaus‘ Kombi ein paar Mal gewaltige Bocksprünge machte.
Während Anton also eher nervöser und aggressiver wurde, fürchtete Klaus immer mehr um den sinkenden Wert seines Autos.
Wahrscheinlich stand der Wertverlust seines Kombis in keinem Verhältnis mehr zu den eingesparten Fahrstunden durch seinen Privatunterricht.
Aber er war ja selber dran schuld.
In einem spontanen Anfall von sehr seltener Großzügigkeit hatte er allen drei Kindern mal versprochen, ihnen selbstverständlich den Führerschein zu bezahlen.
Nur, ganz so selbstlos war Klaus Zusage nicht.
Als Gegenleistung mussten die drei Kinder ihrem Vater nämlich in die Hand versprechen, dass jeder zwei Glaszylinder voll mit Klaus‘ geliebten Drehmuscheln in seinem Zimmer aufstellen würde.
Was Andrea sehr missbilligend zur Kenntnis genommen hatte.
In Thalers Ferienhaus in La Herradura standen mittlerweile drei randvolle Glasgefäße mit Drehmuscheln und verschandelten laut Andrea den Flur und das Wohnzimmer.
Andreas Eltern, Gisela und Herbert Kesselmann, die den Winter über in Baños de Fortuna in ihrem wunderschönen Haus verbrachten, hatte Klaus auch schon überredet zwei Zylinder mit Klaus‘ gesammelten Muscheln zu übernehmen.
Bis Gisela ihrer Tochter diskret zu verstehen gab, dass sie nicht noch mehr Erinnerungen an Klaus‘ ungebremste Sammelleidenschaft bräuchten. Zumal Herbert ständig neue Versteinerungen aus dem Steinbruch mit nach Hause brachte.
Daraufhin hatte Klaus angefangen, in Deutschland bei Einladungen den Gastgebern Gefäße mit selbst gesuchten Drehmuscheln als Geschenk mitzubringen, oder Muscheln auf das Geschenkpapier zu kleben.
Was die anfangs etwas originell, dann aber nur noch lästig fanden.
Als er Andrea dann auch noch bedrängte, seine Drehmuscheln als Tischdeko zu verwenden, welche die Gäste sogar mitnehmen durften, war das Maß bei Andrea gestrichen voll.
„Wenn Du so weitermachst, bleiben uns noch die Freunde weg, und wir werden auch nicht mehr eingeladen“, schimpfte Andrea mit ihrem ziemlich verständnislos dreinblickenden Mann.
Und so blieben Klaus nur noch die Kinderzimmer als Depot, nachdem auch in seinem Hobbyraum im Keller kein Platz mehr war.
3
Andrea hatte ja für ihren Ältesten viel Verständnis, denn sie wusste, wie wenig einfühlsam Klaus als Beifahrer war.
Sie selbst musste sich bei manchen, gut gemeinten „Verbesserungsvorschlägen“ von Klaus an ihrer Fahrweise auch sehr beherrschen.
Aber da sie Emma versprochen hatte, mit ihr den Samstag bei ihren Pferden Contess und Schmidtchen zu verbringen, musste Anton wohl oder übel mit seinem Vater fahren.
Weil Anton ja am liebsten alleine Auto fahren wollte, was auf dem Verkehrsübungsplatz nicht möglich war, machte Andrea als ausgleichende Mutter einen Vorschlag zur Güte.
„Fahrt doch heute auf dem Parkplatz vom Tennisverein. Jetzt im Februar ist eh alles geschlossen und der Parkplatz ist leer. Da kannst Du dann in Ruhe allein üben und der Papa bleibt am Rande stehen.“
Antons Mine hellte sich wieder auf. Der Vorschlag klang gut. Nur Klaus schaute skeptisch drein.
Denn bei kaltem Regen im Februar eine Stunde draußen zu stehen und die kreischenden Geräusche der falsch eingelegten Gänge zu hören, oder sein geliebtes Auto über den Asphalt springen zu sehen, erforderte aus seiner Sicht schon ein Übermaß an väterlicher Toleranz.
Aber gut. Er würde sich warm einpacken und einen Schirm mitnehmen.
„Nehmt ihr Mila mit zum Reitstall, denn sie muss nochmal raus?“
„Lass mal, Papa, ich würde mit Mila gehen, denn ich bleibe ja zu Hause, höre noch Musik und lese. Ich mach`s mir schön gemütlich“, schlug Emil vor und biss in sein zweites Roquefort Brötchen. Bei Emil musste immer alles gemütlich sein. Sein absoluter Lieblingszustand.
„Super, Emil, vielen Dank. Dafür üb` ich dann nächstes Jahr auch mit Dir“, versprach Klaus seinem Zweitgeborenen, der sich aber nicht ganz sicher war, ob er das auch als Drohung auffassen könnte.
Auf der Fahrt zum Tennisplatz kam Klaus ins Grübeln. Anton wollte, wie viele seiner Altersgenossen auch, in die Fahrschule Grube gehen. Die Eigentümerin hatte in ihrem Stadtteil einen kleinen Laden in der Nähe der Schule gemietet, in dem Anton zusammen mit seinem Freund Lutscher, der eigentlich aber Artur hieß, Mittwochabends Theorie Unterricht hatte.
Die Chefin des Ein-Frau-Unternehmens hatte bedauerlicherweise als Täufling von ihren Eltern den wohlklingenden französischen Vornamen Claire bekommen. Es dauerte nur 6 Jahre, bis in der Grundschule aus ihrem Namen Claire Grube ihr Spitzname „Klärgrube“ wurde.
Dieser Name klebte bis heute an ihr. Denn da Frau Grube nie geheiratet hatte, blieb ihr bis heute dieser interpretationsfähige Name erhalten. Und so war es bei allen Jugendlichen in Antons Alter sehr angesagt, die „Pappe“ oder den „Lappen“ bei der „Klärgrube“ zu machen.
Das rechtfertigte aber nicht die außergewöhnliche Kreativität von Claire Grube beim Erfinden von Gründen von weiteren teuren, und aus Sicht von Klaus völlig unnötigen Fahrstunden, die Klaus eigentlich durch seine Fahrübungen mit Anton auf ein absolutes Minimum reduzieren wollte.
Was ihm aber nicht gelang, denn Frau Grube erfand immer neue Gründe für „notwendige“ Fahrten, die ihre meist noch minderjährigen Schüler eingeschüchtert zu absolvieren hatten.
Eine Autobahnfahrt mit und ohne Stau
eine Regenfahrt mit und ohne Aquaplaning
eine Nachtfahrt mit und eine ohne Vollmond
eine Fahrt mit nüchternem und eine mit vollem Magen
Und so weiter.
Einige Eltern rebellierten allerdings schon, als Frau Grube mindestens eine Fahrstunde ohne Klimaanlage und ohne Deo, dafür aber mit randvoller Blase verlangte, um die Situation in zähfließendem Verkehr durch eine der endlosen Autobahnbaustellen auf der A7 bei geschlossener Raststätte zu simulieren.
Alles angeblich Empfehlungen des deutschen Fahrlehrerverbandes.
Klaus hasste den Einfallsreichtum von Claire Grube. Er bekam eine seiner sehr seltenen Hitzewellen, wenn er die Stunden von Anton zusammenzählte und daran dachte, dass ihn das Gleiche bei Emil und Emma erwartete.
Wehmütig dachte er an seine eigene Fahrschulzeit. Da hatte er nämlich nach nur zehn Fahrstunden die Fahrprüfung abgelegt.
Zumindest war das seine Kurzversion, die er seinen Kindern mit verträumten Augen erzählte.
Dass er bei der ersten Prüfung krachend durchgefallen war, weil er fast einen Auffahrunfall provoziert und auch noch die Vorfahrt genommen hatte, und danach weitere zehn Stunden, sowie eine weitere Prüfung absolvieren und bezahlen musste, wusste nur seine Mutter Alma.
Und die hielt garantiert dicht. Noch.
Denn nur Klaus wusste, dass auch Alma zweimal durch die Prüfung gefallen war. Aber man wusste nie, was Oma Alma ihren Enkeln mal bei einer entspannten Teestunde erzählen würde. Oder, noch schlimmer, Fräulein Saurbier.
Auf dem Parkplatz angekommen, stieg Klaus ächzend aus dem Auto, nahm seinen Schirm und überließ dem überraschten Anton kommentarlos die Autoschlüssel.
Klaus stellte sich mit Kapuze und Schirm unter eine Kiefer, die etwas Schutz bot und beobachtete mit zusammengekniffenen Augen sehr argwöhnisch seinen Ältesten.
Anton legte erstaunlicherweise relativ geräuschlos den Rückwärtsgang ein und fuhr aus der Parkbucht.
Der Kombi hoppelte auch gar nicht, als Anton einmal auf die andere Seite des Parkplatzes fuhr und dann rückwärts einparken übte.
„Andrea hatte wohl leider recht. Es flutscht bei Anton besser, wenn ich nicht im Auto sitze. Ich werde ihr nachher aus dem Aldi ein Sträußchen Blumen mitbringen“, sinnierte der verblüffte Klaus.
Anton übte weiter ganz geduldig und fuhr dann wieder langsam auf Klaus zu.
Als Klaus wohlmeinend den Daumen nach oben reckte und einsteigen wollte, gab Anton auf einmal Gas, beschleunigte, fuhr zum Ausgang und verließ mit quietschenden Reifen den Parkplatz.
Klaus entglitten ziemlich schnell die Gesichtszüge. Er sah so hilflos aus, als hätte er sich nachts auf einer einsamen Landstraße einen Platten gefahren. Im ersten Moment vermutete Klaus einen geschmacklosen Scherz von „Versteckte Kamera“. Aber am Samstag morgen bei Regen. Eher unwahrscheinlich. Er war sprachlos, geschockt, entsetzt und dann tief verärgert. Denn Anton befand sich jetzt mit seinem Kombi auf einer öffentlichen Straße.
Wenn irgendetwas passieren würde, oder das rauskam, würde er als Vater zur Verantwortung gezogen werden. Und er brauchte seinen Führerschein dringend.
Klaus sah sich schon vier Wochen Straßenbahn, Bus oder Taxi zu seinen Mandanten fahren. Peinlich. Und die Kosten.
Er rannte über den Parkplatz, in der einen Hand seinen geöffneten Schirm schwenkend, lief auf die Straße, suchte Anton verzweifelt und sah dann fünfhundert Meter weiter seinen Kombi stehen.
Die Warnblinkanlage blinkte nervös.
Hoffentlich hatte der Junge das Auto nur abgewürgt, und es war nichts passiert.
Na, der würde von ihm eine Predigt zu hören bekommen. Klaus stand kurz vor der Kernschmelze.
Er lief heftig gestikulierend auf sein Auto zu. Als Klaus noch ungefähr fünfzig Meter entfernt war, öffnete sich die Fahrertür und ein total entspannter Anton grinste seinen Vater provozierend an.
„Alles gut, Vatter. Du kannst chillen. Hier ist doch meine Pappe.“ Anton hielt in seiner rechten Hand den scheckkartengroßen Führerschein.
Klaus war vollkommen verblüfft. Im ersten Moment fehlten ihm die Worte. Und außerdem war er vollkommen aus dem Atem.
„Das geschieht Dir aber recht, Vatter. Nach den anstrengenden Stunden mit Dir, wollte ich selber den Lappen schnellstens kriegen. Also hab‘ ich mit Lutscher und Emil die Theorie gelernt und mit Mama in ihrem Auto heimlich geübt. Und gestern hatte ich dann Prüfung.“
„Junge“, Klaus war ganz gerührt, „ich bin ja richtig stolz auf Dich. Das hast Du ja toll hingekriegt. Und Ihr alle habt dichtgehalten. Superleistung. Obwohl - ich hätte eben fast kollabiert vor Schreck.“
Klaus nahm seinen Ältesten in die Arme und klopfte ihm unbeholfen auf die Schulter.
Obwohl es Anton unangenehm war, ließ er diese spontane Geste väterlicher Vertrautheit und Zuneigung doch über sich ergehen. Es sah ja keiner zu. Und außerdem war er ja selber stolz auf sich und wahnsinnig erleichtert.
Der Druck war weg, und er konnte sich jetzt ganz auf die Vorbereitung für sein Abitur im Mai konzentrieren.
Und Klaus rechnete schnell in Windeseile zusammen, dass der Führerschein vielleicht doch nicht ganz so teuer werden würde.
Vielleicht hatte er Frau Grube ja doch etwas Unrecht getan.
Auf jeden Fall durfte Anton seinen Vater jetzt zu Aldi fahren, wo Klaus in einem Akt selbstloser Großzügigkeit gleich zwei leicht angewelkte Sträuße Tulpen zum Preis von Einem für Andrea kaufte.
Und die ganze Fahrt über korrigierte Klaus seinen Ältesten kein einziges Mal.
4
Emil, der sehr strukturiert arbeiten und lernen konnte, bekam heimlich von Andrea eine Zusage. Er würde ein innigst gewünschtes Snowboard bekommen, wenn er mit Anton für dessen Abi lernen und sein älterer Bruder die Prüfung auch gut bestehen würde.
Und Anton verzog sich sogar jeden Abend ohne zu murren mit Emil und Lutscher, der sich der Lerngruppe angeschlossen hatte, in Emils gemütliches Dachzimmer.
Das letzte Schuljahr für Anton war auch deshalb ein besonderes Jahr, weil Emma in die fünfte Klasse auf demselben Gymnasium eingeschult worden war.
Alle drei Thaler Kinder gingen jetzt auf eine Schule. Das „Thaler-Gymnasium“, wie die rundliche Direktorin lachend bemerkte.
Was Anton etwas peinlich war, weil Emma regelmäßig in den großen Pausen mit ihren Freundinnen zu seiner Clique kam, um den Freundinnen ihren großen Bruder zu präsentieren. Unangenehm, vor allem, wenn Anton gerade eine der zahlreichen hübschen Abiturientinnen anbaggern wollte.
Emil freute sich hingegen, wenn er seine kleine Schwester auf dem Schulhof traf oder wenn sie morgens mit der Straßenbahn zusammen in die Schule fahren konnten.
Während die Jungs also in Emils aufgeräumten Zimmer lernten, was in Antons ungelüftetem, vermüllten Zimmer kaum möglich war, fuhr Andrea jeden Samstagmorgen mit Emma auf den Pferdehof. Misten, Pferde pflegen, Ausreiten und mit den anderen reitbegeisterten Müttern und Töchtern ein ausführliches Schwätzchen halten.
Klaus hingegen verabredete sich jeden Samstagnachmittag, Sonntagvormittag und Dienstagabend mit drei Freunden, Willi, Uwe und Stephan zum Joggen.
Das Ziel der drei Lauffreunde war der Kasseler Halbmarathon, der jedes Jahr im Herbst durch die meisten Bezirke ihrer Stadt führte.
Und zum Training konnte er ideal Mila mitnehmen, die gerne lief. Das hatte zwei Vorteile.
Zum einen lenkte Mila andere Hunde ab, sodass kein anderer Hund die drei Läufer verfolgte.
Denn Klaus war vor Jahren mal von einem giftigen kleinen Terrier in die Wade gebissen worden, der eigentlich nur spielen wollte. So sein Herrchen, das Klaus noch Vorwürfe machte, weil er seinen Liebling unnötig erregt hätte. Auf die hilflosen Rufe des Herrchens: „Hiiiiieeerher, Hiiiiiiieeerher, Pfuiii, Pfuiii“, hatte der sonst angeblich so artige Rüde nur mit Ignoranz und einem gesteigerten Jagdtrieb reagiert.
Klaus fluchte zum Steinerweichen und wünschte dem Köter daraufhin einen vollständigen Zahnverlust, einen kompletten Haarausfall, eine Staupe und einen Wurmbefall. Und dem Herrchen eine 3 Tages Diarrhoe.
Und zum anderen konnte Mila nicht verstehen, was sich die vier Freunde während des Laufs so alles erzählten.
Da Willi und Uwe über das Intranet in ihren Dienststellen im Rathaus ständig mit den neuesten Witzen versorgt wurden, motivierten sich die vier Freunde beim Laufen regelmäßig mit aktuellen „Herrenwitzen“, für die ihre Frauen wahrscheinlich sehr wenig Verständnis gehabt hätten. Auch den üblichen Willkommensgruß von Willi: „Hallo Mädels“ an seine drei Lauffreunde hätten die Frauen nicht unbedingt als witzig empfunden.
Die vier Freunde hatten sich einen präzisen Trainingsplan für ihr ambitioniertes Ziel aufgestellt. Dazu zählte neben den vertraulichen, humorvollen Gesprächen beim Laufen auch eine wechselnde Streckenführung.
Am Anfang kürzere, ebene Strecken, dann längere Läufe im Bergpark von Kassel und im Habichtswald mit teilweise erheblichen Steigungen. Und dann noch Intervalltraining auf dem Sportplatz.
Und alle achteten auf eine spezielle Ernährung, um die Kohlehydratspeicher regelmäßig zu füllen.
Klaus nahm leider durch sein Laufen und die fettarme Ernährung ziemlich ab, was Andrea allerdings gar nicht gefiel.
„Du erinnerst mich an ein leptosomes Klappfahrrad; kein Bäuchlein mehr und keine vollen Wangen. Und keinen knackigen Hintern mehr. Nur noch ein drahtiger Hungerhaken mit scharfen Ecken und Kanten. Nach dem Lauf nimmst Du aber wieder kräftig zu“, forderte Andrea von ihrem sehr sehnigen Mann, der mittlerweile aussah, wie Twiggy nach einer dreiwöchigen Fastenkur.
Es war Klaus‘ Lauffreund Willi, der eines Tages vorschlug, die Sensibilität für die Strecken und den Gleichgewichtssinn beim Laufen zu stärken.
„Dafür gibt es nichts Besseres, als einen Blindenlauf“, schlug Willi fachmännisch vor, denn er hatte im Fernsehen beobachtet, wie eine blinde Läuferin an einem Seil von ihrem Zugläufer durch den Berlin Marathon geführt wurde.
Also trafen sich Willi und Klaus, der eine Kordel mitgebracht hatte, um blind durch den Wald zu laufen und sich nur auf ihre Ohren und auf den Zugläufer zu verlassen. Die beiden trabten an der Hessenschanze los und liefen am Waldrand entlang. Beide wurden mutiger und zogen das Tempo an. Die Kordel zwischen ihnen straffte sich auf die volle Länge von zwei Metern. Klaus war richtig stolz auf sich, wie präzise er auf dem Schotterweg blieb.
Das ging genau zweihundert Meter gut.
Dann stieß Klaus mit dem Kopf sehr schmerzhaft an einen Ast und öffnete erschreckt reflexhaft seine Augen.
Vor ihm lag Willi im Graben und jammerte.
„Wieso hast Du mich denn in den Graben gelenkt?“ schimpfte Willi verärgert und rieb sich die zerschrammte Wade.
„Und warum hast Du mich an den Baum knallen lassen?“ entgegnete Klaus und spürte, wie er eine Beule bekam.
„Aber Du hast doch geführt und ich war der Blinde.“
„Im Gegenteil. Ich war der Blinde und hab‘ mich voll auf Dich verlassen“, stotterte Klaus, jetzt doch leicht verunsichert.
Beide hatten sich jeweils auf den anderen als Zugläufer verlassen und waren mit zusammengekniffenen Augen blind losgelaufen. Bis zur ersten Kurve.
Als der Schmerz nachgelassen hatte, mussten beide doch herzlich lachen.
Und sie waren sich einig, in der Zukunft nur noch mit geöffneten Augen zu laufen. Sensibilität hin, Gleichgewichtssinn her.
5
Das frühe Licht am Samstagmorgen um fünf Uhr in Fräulein Saurbiers Haus hatte nicht den Grund, dass Fräulein Saurbier wie üblich altersbedingt schon wach war. Heute Morgen war Fräulein Saurbier vor Nervosität wachgeworden. Denn heute Abend war Abschlussball. Von einem Tanzkurs!
Weder Fräulein Saurbier, noch Alma, hatten irgendjemand etwas von ihrer gemeinsamen Leidenschaft erzählt. Und da sie um fünf Uhr merkte, dass sie sowieso nicht mehr einschlafen konnte, beschloss Fräulein Saurbier am frühen Morgen, noch einige Soloübungen zu absolvieren.
Sie holte einige ältere Schallplatten aus dem Musikschrank ihrer längst verstorbenen Eltern und begann mit einem langsamen Walzer.
Sie steigerte sich zu einem Cha Cha Cha, dann eine langsame Rumba, die sie verträumt mitsummte, ein Tango von Rudi Schurike, zu dem ihre Eltern schon geschwoft hatten, dann ein Jive, bei dem sie sich fast der Länge lang hingelegt hatte, weil die Teppichkante störte, und am Schluss wurde Hildegard sehr wagemutig.
Zu den Klängen von Modern Talking, von denen sie sich heimlich eine CD gekauft hatte, ließ sie sich zu einem Disco Fox hinreißen.
Fräulein Saurbier kannte sich selber nicht mehr.
Denn ihre längst verblichene Mutter hatte der jungen Hildegard fast täglich Argumente geliefert, doch auf einen Tanzkurs zu verzichten. Und am besten ganz die Finger von jungen Männern zu lassen, die alle doch nur das Eine wollten!
Also hatte die jugendliche Hildegard ihre ganze Energie zur Freude ihrer Eltern in die Schule und dann in eine solide Ausbildung beim Finanzamt gesteckt.
Und sie hatte es weit gebracht.
Als eine von wenigen Steuerprüferinnen prüfte sie Bilanzen, Gewinn- und Verlustrechnungen und alle Belege sehr akribisch, was dem Staat einiges an Extraeinnahmen einbrachte.
Korrekt, penibel, unnachgiebig, fleißig.
Fräulein Saurbier ging in fünfundvierzig Dienstjahren voll in ihrem Beruf auf.
Nur ihr Privatleben kam zu kurz.
Sie blieb ledig, wohnte bei ihren Eltern und fuhr jedes Jahr als graue Maus mit den Eltern nach Grömitz an die Ostsee.
Anfangs beobachtete Fräulein Saurbier die neuen Nachbarn sehr skeptisch. Zumal Klaus auch noch Steuerberater war und Steuern sparen wollte.
Aber die kleinen Thaler Kinder und später das Hundebaby Mila öffneten das Herz der sonst so reservierten Pensionärin.
Die Wende in Fräulein Saurbiers eintönigem Leben kam an dem Tag, als sie Alma, Klaus‘ verwitwete Mutter, kennenlernte.
Durch sie hatte sich Hildegard überwunden, mit der ganzen Familie Thaler eine Familien-, Weihnachts- und Silvesterfeier im kleinen Ferienhaus von Thalers in La Herradura in Andalusien zu feiern. Und danach war sie erstmals offen für Neues.
Alma hatte sie nicht nur überredet, sich erstmals einen Hosenanzug zu kaufen. Fräulein Saurbier hatte sich auch sehr schnell überzeugen lassen, in Almas Wanderverein einzutreten.
Denn Alma war nach dem frühen Tod ihres Mannes Manfred nicht nur eine sehr liebevolle und belastbare Großmutter, sondern auch eine sehr engagierte Wanderführerin.
Für jeden Mittwochnachmittag hatte die stets analog arbeitende Alma mit ihrer Reiseschreibmaschine eine Wandertour ausgearbeitet, die sie kopierte und den Mitgliedern, meist ältere, verwitwete Damen, mit der Post zuschickte. Dabei tippte Alma das Programm stundenlang mit zwei Fingern geduldig ab. Klaus nannte das nur Almas „System Columbus“ – jeder Buchstabe eine neue Entdeckung.
Und nach dem „Abenteuerurlaub“ in Südspanien, wo Hildegard die überaus netten Nachbarn von Thalers kennenlernen durfte, wurde Fräulein Saurbier so locker, dass sie sich Almas Wandergruppe spontan anschloss.
Unter Almas einfühlsamer Regie verwandelte sich die schnöde Raupe, die nur graue Kostüme, Lodenmantel und derbe, aber bequeme Schuhe aus der Kollektion: „Die Heide blüht“ trug, im Laufe eines Jahres in einen ansehnlichen, sogar recht hübschen Schmetterling.
Selbst den Thaler Kindern fiel die wundersame Veränderung ihrer Nachbarin auf.
„Papi, die Saurbier sieht irgendwie ganz neu aus“, kommentierte Emma ihren Eindruck beim gemeinsamen Frühstück.
„Vatter, das Fräulein Saurbier ist wirklich nicht mehr die Alte. Früher war sie sächlich. Jetzt wird sie weiblich. Ich weiß gar nicht, ob mir das gefällt. Man kann ja gar nicht mehr über sie lästern“, stellte Anton fast bedauernd fest. Zum Leidwesen von Andrea hatten sich die Kinder in der Vergangenheit nämlich angewöhnt, regelmäßig über die kauzige Nachbarin ihre Witzchen zu machen.
„Also dann schenken wir ihr doch zum nächsten Weihnachtsfest einen Mascara Stift und Eyeliner“, schlug der pragmatische Emil vor, denn Fräulein Saurbier wurde regelmäßig zum Weihnachtsabend bei Thalers eingeladen.
„Oder einen Gutschein für eine Single Börse“, murmelte Klaus hinter der Zeitung Richtung Andrea, die lachend erwiderte: „Besser spät, als nie.“
Hildegard Saurbiers Outfit änderte sich total. Hosen waren nicht mehr tabu, sondern entpuppten sich als praktisch und modisch. Den Höhepunkt von Fräulein Saurbiers Verwandlung bildete der revolutionäre Kauf einer Jeans und eines modischen, grünen Jacketts.
Die grauen Haare wurden auf einmal leicht getönt und später dunkelblond gefärbt. Ein dezentes Rouge und ein unauffälliger Lippenstift ließen Hildegards ehemals herbe Gesichtszüge richtig hübsch erscheinen.
Und der strenge Geruch nach Kölnisch Wasser, Mottenkugeln, gepaart mit Klosterfrau Melissengeist und manchmal mit einem Tuck Sagrotan, wich auf einmal dem angenehmen Duft eines gut ausgesuchten, unauffälligen Parfums.
Die Freundschaft mit Alma führte auch dazu, dass beide in der Volkshochschule einen Theaterkurs besuchten und sich regelmäßig gemeinsam Matineen, Generalproben und Opern im Großen Haus des Staatstheaters ansahen.
Und sie hatten sich für einen Englisch Kurs angemeldet, denn Alma hatte Brieffreunde in den USA. Fräulein Saurbier dachte sogar kurzzeitig über einen Sprachurlaub in England nach.
Nach dem Genuss von drei Gläschen Eierlikör, Hildegards heimlicher Leidenschaft, der sie sich meist aber nur in Maßen hingab, hatten die beiden reifen Damen die grandiose Idee, zusammen einen Tanzkurs zu besuchen.
Aber das war nicht ganz so einfach, wie die beiden unternehmungslustigen Freundinnen sich das vorgestellt hatten.
Zwar gab es in Kassel Tanzschulen genug.
Aber die Männer fehlten. Es gab kaum noch tanzwillige und -fähige ältere Herren. Und die wenigen Exemplare dieser sehr seltenen Spezies wurden von der Vielzahl der tanzwütigen älteren Damen förmlich überrollt.
Was also machen?
Aber Alma war wie immer einfallsreich und flexibel. Hildegard und Alma würden einfach zusammen tanzen. Mal tanzte die eine als Mann und mal die andere.
Die einfühlsame Lehrerin brachte dem Kreis gleichgesinnter, älterer Schülerinnen und Schüler geduldig die Standard Tänze bei. So lange, bis auch der unbegabteste Aspirant mithalten konnte. Das Sahnetüpfelchen waren lateinamerikanische Tänze: Rumba, Cha Cha Cha und ein gefühlvoller, heißer Tango.
Allerdings kein Salsa. Der sollte in einem eigenen Aufbaukurs gelernt werden, nach einem von der Tanzlehrerin empfohlenen ärztlichen Gesundheits-Check für die Senioren.
Beim Mittelball waren noch zu wenig Herren dabei. Als die erste CD reingeschoben wurde, stürzten sich die reiferen Damen rücksichtslos auf die hilflosen Senioren.
Die Quote betrug zwei zu eins, und wer ein männliches Exemplar ergattert hatte, wollte seinen Tanzpartner am liebsten den ganzen Abend nicht mehr abgeben.
Aber da schob Frau Riebezahl-Schondorf, die Tanzlehrerin, sehr schnell einen Riegel vor, indem nach jedem dritten Tanz eine Damenwahl angekündigt wurde.
Hilfreich war für alle Seniorentänzer auch, dass Frau Riebezahl-Schondorf beim Mittelball den Tanz noch ansagte, sodass jeder meistens wusste, welche Schritte er oder sie nun machen musste.
Aber heute Abend, beim Abschlussball, war das anders. Da wurde nur Musik gespielt und jeder musste allein den richtigen Tanz raten.
Fräulein Saurbier befürchtete daher für den Abend einige Probleme und heftige Kontroversen zwischen den Tanzpartnern.
Vor allem, weil sie so gerne führte. Auch dann, wenn sie einen der wenigen männlichen Exoten im Arm wiegte.
6
Am Abend nahm Hildegard Saurbier die Straßenbahn und fuhr in den Stadtteil, wo das Tanzlokal „Zum flotten Jäger“ lag.
Eigentlich war es ja ein italienisches Restaurant mit hinterem Saal.
Und diesen Saal mit hinterer Bühne mieteten einige Tanzschulen in Kassel, um ihre Mittel- und Abschlussbälle durchzuführen.
Für den heutigen Abend hatte sich Fräulein Saurbier nochmal sehr fein rausgeputzt und ein älteres, festliches Kleid etwas kürzen und weiten lassen. Nur die schwarz glänzenden Tanzschuhe hatte sie neu gekauft.
Am Vormittag durfte ihre Frisöse einige Stunden ein kleines Kunstwerk mit ihren Haaren verbringen, bevor sich Hildegard zu diesem besonderen Anlass noch ein neues, aufregendes Parfum anlegte.
Sie war also gewappnet.
Genauso wie ihre Freundin Alma, die aber eine sportliche Kombination von heller Hose und schwarzem Blazer auf weißer Bluse trug.
Alma war mit ihrem alten, braunen VW Jetta mit Automatik auf dem Parkplatz des „Flotten Jägers“ angekommen, als sie ihre winkende Freundin sah. Die Abgasnorm des antiquierten Autos kannten nur noch einige wenige Kinder aus dem Geschichtsunterricht.
Beide Freundinnen betraten den Saal und setzten sich an einen der noch freien Tische. Auf den kleinen runden Tischen standen ältere Telefone mit Wählscheibe und grünem Samtüberzug.
Denn außer den Bällen der Tanzschulen wurde Sonntagnachmittag der beliebte Senioren Tanztee „Sie sucht ihn – er sucht sie“ abgehalten. Mit den Telefonen, hinter denen Schilder mit Nummern standen, konnten kontakt- und tanzwütige Senioren das Objekt ihrer Begierde anrufen und zu einem Tänzchen bitten.
Neben den Telefonen standen auch kleine Stehlampen. Leuchtete die Lampe grün auf, war der am Tisch Sitzende frei und absolut willig. Leuchtete die Lampe rot auf, war die anvisierte Person gerade besetzt oder hatte keine Lust.
Heute Abend fand für zwei Tanzschulen gemeinsam der Abschlussball statt. Entsprechend voll wurde der Saal in der nächsten Viertelstunde.
Frau Riebezahl-Schondorf und Herr Pahlhuber-Hurnstein, der Tanzlehrer des anderen Kurses, hatten sich nicht lumpen lassen, und eine kleine drei Mann Kombo engagiert. Heute Abend also mit Live Musik. Wie aufregend.
Die „3 Tornados“ bestanden aus einem Gitarristen, einem Organisten und einem Schlagzeuger. Auf dem Fell der Schlagzeugtrommel waren sinnigerweise drei verblasste Wirbelstürme mit lachenden Gesichtern abgebildet. Allerdings waren die „Tornados“ mittlerweile nur noch ein sehr laues Lüftchen.
Die drei, auch schon in die Jahre gekommenen, Musikanten, trugen hellblaue Bühnenanzüge mit Schlag und Schulterpolstern aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Bei dem Gitarristen und dem Schlagzeuger spannten die Anzüge so, dass das Jackett offenbleiben musste. Und den Kopf des Organisten zierte ein fast echt wirkendes, schwarzes Toupet, unter dem ziemlich keck der kümmerliche Rest eines grauen Haarkranzes‘ wie ein Nest hervorlugte.
Drei Mikrophone ließen befürchten, dass die drei Herren auch noch singen würden.
Alma und Hildegard waren sichtlich nervös, als ein Tusch einsetzte und beide Tanzlehrer die Gäste begrüßten.
Beide Freundinnen hatten sich bereits einen Piccolo bestellt, denn Fräulein Saurbier hatte enttäuscht festgestellt, dass leider kein Eierlikör angeboten wurde.
Mit bereits geröteten Wangen lauschten die Beiden den Ausführungen der Tanzlehrer. Heute war dafür gesorgt, dass genügend Herren anwesend waren.
Mit Hilfe von Getränkegutscheinen und einem Nachlass bei der Kursgebühr hatten Frau Riebezahl-Schondorf und Herr Pahlhuber-Hurnstein aus anderen Kursen so viel Herren abgeworben, dass das Verhältnis von Damen und Herren jetzt eins zu eins war.
Höhepunkt des Abends sollte später eine Tombola sein, mit interessanten Preisen, die Kasseler Geschäftsleute gestiftet hatten.
Frau Riebezahl-Schondorf trug sehr flache, schwarze Lackschuhe, um die ein Meter einundachtzig nicht nennenswert zu überschreiten. Ihre Stimme erinnerte an eine kettenrauchende Münsteraner Staatsanwältin. So als hätte sie mit Rohrreiniger gegurgelt. Herr Pahlhuber-Hurnstein hatte sich extra neue Schuhe im Internet bestellt, die ihn sieben Zentimeter verlängerten, sodass er in der Lage war, mit Frau Riebezahl-Schondorf zu tanzen, ohne eine Genickstarre zu kriegen. Seine quengelnde Stimme glich der von Homer von den Simpsons. „So ein Päarchen vergisst man nicht, meine Liebe“, flüsterte Alma Hildegard ins Ohr.
Die Tanzlehrer baten alle Herren ohne Partnerin auf die eine Seite der Tanzfläche und alle Damen, die solo erschienen waren, auf die andere Seite.
Der Ball begann mit einer Damenwahl.
Alma, die Sportliche, erreichte knapp vor einer etwas korpulenteren Dame ihren Wunschpartner: Otto.
Mitte siebzig, ziemlich schlank und gut erhalten, sehr breiter, glänzender Scheitel zwischen den stark behaarten Ohrwuscheln. Der verbliebene Haarkranz war so übersichtlich, dass Otto jedes einzelne Haar mit Namen kannte. Die helle Hose hatte noch einen ordentlichen Schlag und der schwarze Blazer war mit rustikalen Schulterpolstern gefüttert. Leicht erhöhter Cholesterinspiegel, aber ansonsten noch willig und belastbar.
Fräulein Saurbier wurde kurz vor ihrem Zielobjekt von einer energischen Konkurrentin abgedrängt und landete bei Waldemar.
Ebenfalls mitte siebzig, sehr gut entwickelter Bauch, aber auch noch relativ volle Haare, schwarzer Anzug. Und bereits jetzt schon durchtranspiriert. Der Bauch und das gerötete Gesicht ließen darauf schließen, dass Waldemar weder Probleme mit hopfenartigen Getränken noch mit zu niedrigem Blutdruck hatte.
„Er hieß Waldemar, weil es im Wald geschah“, erinnerte sich Hildegard an den alten Gassenhauer aus ihrer Jugend, als sie Waldemar zum Tanz bat.
Nach den ersten Tänzen ohne Ansage hatte sich Fräulein Saurbier durchgesetzt. Der dicke Waldemar ließ sich jetzt anstandslos führen.
Alma gab sich gleich den gelenkigen Vorgaben von Otto hin, sodass beide Paare die erste Runde ohne Blessuren überstanden hatten.
In der Pause fragten die beiden Kavaliere höflich, ob sie sich zu den beiden Damen an den Tisch setzten durften. Sie durften.
Beide waren seit langen Jahren befreundet. Und beide waren verwitwet und kamen aus dem Kurs von Herrn Pahlhuber-Hurnstein. Nach dem Tod ihrer Frauen hatten ihnen ihre Kinder nach einer Anstandsfrist einen Tanzkurs geschenkt, damit sie wieder unter nette Menschen kamen. Denn Tanzen war gut für Körper, Seele und Gehirn, wie die Kinder sie motivierten.
Die nächste Tanzsession klappte noch harmonischer. Vielleicht lag es ja auch an der glitzernden Discokugel, die sich unter der Decke drehte, Lichtsprenkel auf die verschwitzten Gesichter warf und alle zusätzlich motivierte.
Hildegard war erstaunt, dass Waldemar trotz seiner Leibesfülle ein wieselflinker, gelenkiger Tänzer war, der sich aber bedingungslos ihrer Führung unterwarf.
Bei einigen Pärchen ging es allerdings nicht ganz so harmonisch zu. Sie stritten offensichtlich, welcher Tanz nun gemeint war, welcher Fuß zuerst kommt und wer führen durfte.
„Das sind bestimmt ziemlich alte Paare“, meinte Alma lachend, als sie sich beim Disco Fox mit drei peppigen Schritten auf Otto zubewegte, um dann in eine Drehung abzugleiten.
In der nächsten Pause wurden Lose verkauft. Alle vier Tischpartner kauften je drei Stück.
Die ersten zwei waren wie immer Nieten. Aber beim dritten Los krachte es richtig.
Der dicke Waldemar hatte passenderweise einen Gutschein für ein Essen zu zweit in einem bekannten Kasseler Restaurant gewonnen.
Alma wusste sofort, dass sie den gewonnenen Golf Schnupperkurs ihrem Sohn Klaus schenken würde.
Ottos drittes Los war ein Gutschein für eine Stadtrundfahrt zu zweit in einem offenen Doppeldeckerbus. Hop on - Hop off.
Aber Hildegard hatte den Vogel abgeschossen. Als sie ihr Los geöffnet hatte, atmete sie vor Aufregung flach durch die trockene Nase, und die Hände zitterten, als sie sprachlos vor Glück ihr Los der Tanzlehrerin überreichte.
Sie hatte ein verlängertes Wochenende mit einem Leih-Cabriolet eines Kasseler Autohauses gewonnen.
„Das ist mein erster Gewinn seit dem Freiflug mit dem Zeppelin vor über sechzig Jahren“, strahlte Hildegard wie bei einem Kindergeburtstag.
Allerdings hatte Hildegard gar keinen Führerschein.
„Aber dann fahre ich halt“, schlug Alma spontan vor, die froh war, außer ihrem alten Jetta mal so ein flottes Luxus-Cabrio fahren zu dürfen.
Alle waren sich schnell einig. Außer dem Golfkurs könnten sie ja die Preise doch als Grundlage für zukünftige, gemeinsame Unternehmungen nutzen.
Und so verabredeten sich die vier für die nächsten Wochen, um weiterhin zusammen bei Frau Riebezahl-Schondorf zu tanzen und die Gewinne gemeinsam zu verbrauchen.
Es wurde halb zwölf, als sich die beiden Herren von den Damen mit einem galanten, angedeuteten Handkuss verabschiedeten.
„Wunderbare alte Schule“, schwärmte Fräulein Saurbier selig, als ihre Freundin Alma sie nach dem wunderschönen Ball nach Hause fuhr.
Etwas Feng-Shui, etwas Sport, etwas Lamm
1
Herbert und Gisela Kesselmann stand das Wasser bis zum Hals.
Die Eltern von Andrea überwinterten seit Jahren in Baños de Fortuna, einem kleinen Thermalbad in der Nähe von Murcia, im Hinterland der Costa Blanca.
Beide hatten sich im Laufe ihres Ruhestandes ihr schönes Haus „La Viña“ erweitert, um- und angebaut und den Garten liebevoll gestaltet. Thalers nutzten das Haus mit dem Wintergarten und der Dachterrasse mit dem Blick über die wüstenähnliche, karge Landschaft regelmäßig für einen Zwischenstopp auf dem Weg nach Andalusien in ihr Haus in La Herradura.
Außer dem trockenen Klima und dem ebenfalls sehr trockenen Vino Tinto, waren Kesselmanns in erster Linie wegen dem Thermalbad von Oktober bis Mai in ihrem Haus.
Neben ihnen standen Jutta und Theo im warmen Thermalwasser, ihre deutschen Freunde aus dem Linksrheinischen, die aber das ganze Jahr in ihrem kleinen Bungalow in der „deutschen Siedlung“ lebten.
Während sich Gisela um ihren Kräutergarten kümmerte und Herbert mit Theo und einigen anderen Rentnern regelmäßig Boule spielte, hatte sich die geschäftstüchtige Jutta neben ihrer Rente ein zweites Standbein aufgebaut.
Das Wohnzimmer in ihrem Bungalow wurde als Studio für Qigong-, Trommel- und Yoga Kurse und später auch noch als Praxis für Warzenbesprechungen umgebaut.
Und weil das Geschäft mit den unausgelasteten Rentnern an der Costa Blanca immer mehr florierte, hatte Jutta expandiert und bot noch Handlesen, eine astrologische Komplettberatung und Tantra Schulungen an. Denn viele ältere „Flüchtlinge“ aus den kalten, nordeuropäischen Ländern hofften, durch Juttas Entspannungs- und Massageübungen eine natürliche Stimulanz und eine neue Festigkeit in ihrer Beziehung zu erhalten, sodass die kleinen blauen Pillen weggelassen werden konnten.
Jutta hatte sich, ähnlich wie Theo, ihrem esoterischen Umfeld angepasst. Ihre grauen, langen Haare waren jetzt mit Henna rot gefärbt, die welke Haut zierten Tattoos mit exotischen, meist indischen Motiven, und sie umgab ein ständiger muffiger Geruch nach ihren öligen Räucherkerzen.
Heute wirkte Jutta etwas abwesend und niedergeschlagen. Ihr kleiner Liebling, ihr Kater Ali, hatte nach 19 glücklichen Jahren als überaus fruchtbarer Kater das Zeitliche gesegnet. Während Jutta schluckte und sichtbar unter dem Verlust des inkontinenten Katers litt, konnte Theo seine Erleichterung nicht vollständig verbergen.
Theo, der mittlerweile einem Druiden ähnelte, und dessen weißer Vollbart wie ein nasser Flokati im Gesicht hing, versuchte geschickt das Thema zu wechseln.
„Höma, Jutta, jetzt reg Disch ma ja nit auf. Erzähl‘ doch dem Herbert und dä Gisela wat fürne Beratung Du seeit Neustem anbietest.“
Jutta schaute zuerst etwas überrascht, nahm aber das Thema dann dankbar auf.
„Also, isch bin jetzt auch Feng-Shui Spezialistin. Zertifiziert, über dat Internet. Isch biete jetzt Erdheilungen mit Kraftplätzen an. Isch entwickle Farbkonzepte für die Wohnung, berate bei der Einrischtung un sage, wo die Fenster und Türen hinjehören. Dat Ziel is, dat dat Chi wieder so rischtig fließt. Wischtig is, dat die Klienten immer die elf Basisregeln bei der Gestaltung ihres Heims befolgen. Dann wird dat Zuhause nit nur schöner. Auch die Lebensenergie steigt wieder janz enorm. So konnte isch auch Alis Verlust besser verkraften.“ Jutta war kaum noch zu bremsen vor Enthusiasmus und Energie.
Und Herbert und Gisela waren verblüfft. Gisela war sogar schwer beeindruckt. Denn Gisela hatte sowieso eine Neigung zum Esoterischen und war spontan interessiert an Feng-Shui und an den positiven Energieströmen.
„Vielleicht könntest Du Dir ja unser Haus auch mal ansehen. Ob wir alles richtig gemacht haben. Und ob alles gut fließt bei uns,“ sprang Gisela sofort auf das Thema an. Herbert schaute eher sehr skeptisch drein.
„Also, das mit dem Feng-Shui hat doch noch viel Zeit. Noch leben wir ja, und ich fühl` mich eigentlich ganz energiegeladen“, versuchte Herbert mit einem flachen Scherz die drohende Beratung abzuwehren.
Aber Gisela interessierte Herberts Bedenken nur wenig und sie lud ihre rheinischen Freunde ohne Herbert zu fragen für den Abend zum Essen ein.
Herbert wollte keinen Streit und schwieg im warmen Wasser lieber. Er war mit ihrem Häuschen und seiner Lebensenergie bestens zufrieden. Und wenn renoviert oder umgebaut werden sollte, dann war er ja bis jetzt der Macher und Gisela hatte gebremst.
Aber Gisela war für alles, was der Gesundheit und ihrem Ziel, hundert Jahre alt zu werden, diente, sehr aufgeschlossen. Das hatte Herbert an der veganen Ernährung gemerkt, die Gisela jetzt kulanterweise auf vegetarisch etwas gelockert hatte. Was Herbert aber heimlich umging, wenn er nach dem Boule Spiel mit seinen Freunden bei Valentino, dem kleinen dicken Ober im Hotel-Restaurant, einen Roten und einen Lammbraten genoss.
Jutta erwähnte nur beiläufig, dass sie bei ihren Freunden einen Sonderpreis für die Beratung machen würde. Was Herbert sehr stutzig machte, denn er kannte ja Juttas Sonderpreise bei der Warzenbesprechung seiner Tochter Andrea.
Gisela wollte von all dem nichts wissen. Natürlich müsse ihre Freundin auch etwas verdienen, denn das „Fernstudium“ hätte ja ein Sündengeld gekostet, wie ihr Jutta verraten hatte.
Weil Jutta aber den Einfall des Tageslichtes in Kesselmanns Haus prüfen wollte, nahm sie die Einladung zum Abendessen zwar gern an, wollte aber am nächsten Tag um zwölf Uhr Kesselmanns Haus genau inspizieren.
Herbert und Theo waren erleichtert. Denn am nächsten Tag um elf Uhr war ihr Boule Spiel auf der Petanca Bahn. Und danach hatten sie dann Zeit für einen Besuch bei Valentino, während die Damen die Energieströme in ihrem Haus aufspüren würden.
2
Gegen halb drei kam Herbert gut gesättigt, gut gelaunt und mit einer entspannten Bettschwere vom Boule Spiel und von den drei Gläsern Rotwein zum mittäglichen Braten nach Hause. Er freute sich auf einen ausgiebigen Mittagsschlaf auf der Terrasse.
„Prima, dass Du endlich da bist, Herbert. Du kannst gleich mit anpacken und mir helfen.“ Gisela sprühte vor Kampfeslust und Energie. Herbert wurde sehr vorsichtig, um seine liebe Ehefrau nicht zu reizen.
„Erzähl‘ doch erst mal von Eurem Termin. Was hat Jutta denn so feststellen können?“
Jetzt war Gisela nicht mehr zu halten vor Begeisterung.
„Die Jutta hat ja echt viel Ahnung. Also sie hat ihr Bagua für die Untersuchung genutzt und ganz viele tolle Vorschläge gemacht. Unsere acht Lebensbereiche rings um unser Thai Chi könnten sich schlagartig verbessern, wenn wir ihre Ratschläge befolgen“, flötete Gisela begeistert.
Herbert wusste zwar nicht, was ein Bagua oder ein Thai Chi ist und welche acht Lebensbereiche sich verbessern sollten, hielt aber noch seinen Mund und nickte nur.
„Unser Familienglück, unsere Freundschaften, auch unsere Partnerschaft, unser Wissen, unser Ruhm und Reichtum, die Karriere und der berufliche Erfolg. Alles wird sich wiedereinstellen, wenn das Chi erstmal wieder so richtig fließt.“ Gisela war ganz außer Atem wegen des neuen Glücks, das ihnen blühte.
Jetzt konnte Herbert sich nicht mehr zurückhalten.
„Welcher berufliche Erfolg und welche Karriere denn? Wir sind doch Rentner. Und unser Geld hat auch immer gereicht. Außerdem haben wir nette Freunde, eine ganz wunderbare Familie mit tollen Enkeln und unsere Partnerschaft ist doch auch ganz harmonisch. Meistens“, schränkte Herbert etwas ein mit Blick auf Giselas Ernährungsumstellung.
„Aber Du wirst sehen, wenn wir das Haus auf die fünf Elemente abstimmen, dann fließt das Chi wie ein Walzer tanzendes Lüftchen durch die Räume. Es stellt sich neues Glück und größte Zufriedenheit ein“, betete die seit Juttas Besuch unzufriedene Gisela deren Argumente runter. Herbert wusste noch gar nicht, dass sie bislang unglücklich oder unzufrieden waren.
„Und was hast Du jetzt vor?“ versuchte der praktische Herbert etwas konkreter zu werden.
„Wir arbeiten die To-Do Liste ab, die ich von Gisela bekommen habe. Als erstes habe ich schon mal Salz in alle vier Hausecken gestreut. Das nimmt die negativen Energien weg.“
Herbert runzelte die Stirn und beschloss, morgen heimlich zu saugen.
„Und dann geht es erst so richtig los. Wir streichen alle Wände neu in hellen Farben. Nächstes Jahr vergrößerst Du die Fenster, damit noch mehr Licht in die Zimmer kommt. Die dunkelroten Terracotta Böden fliegen alle raus. Und die Haustür muss zwingend versetzt werden. Du machst doch so gern handwerkliche Arbeiten, Herbert. Und außerdem hat mir Jutta noch einen Katalog dagelassen. Sie vertreibt nämlich gemütliche Polstermöbel, Betten, Teppiche, Gardinen, Spiegel und wunderbare Accessoires für unser Haus. Und weißt Du was, mein Schatz? Wenn wir hier fertig sind, hat Jutta versprochen, sich unser Haus in Kassel auch mal anzusehen. Da geht‘s dann weiter.“
Herbert war im ersten Moment sprachlos, beschloss dann aber, Widerworte zu geben.
„Am besten, wir reißen unsere Häuser ganz ab. Bei der schlechten Energie seit Jahren. Gisela, wir sind gesund, fühlen uns wohl und wir sind glücklich. Ich will das alles nicht, was Jutta aufgeschrieben hat. Auch wenn ich gerne bastele. Das Einzige, was ich jetzt will, ist mein Mittagsschlaf.“
„Herbert, wenn wir die neuen Betten von Jutta gekauft haben, hast Du so viel Energie, dass Du gar keinen Mittagsschlaf mehr brauchst“, konterte Gisela triumphierend und punktgenau mit dem falschen Argument. Denn der Mittagsschlaf war Herbert seit Jahren heilig.
Herbert versteifte sich und wurde bockig. Jetzt drohte der Streit zu eskalieren.
„Dann soll doch Jutta bei sich zu Hause erstmal selber mit dem Feng-Shui anfangen. Mit ihrer dunklen, ungelüfteten Räucherhöhle hat sie genug zu tun. Und Du mit Deinem gesteigerten Energiefluss kannst ihr ja helfen, bei sich alles auf den Kopf zu stellen. Mal sehen, wie das Chi dann durch deren Räume flutscht und ob Theo freiwillig auf seinen Mittagsschlaf verzichten würde.“
Als Gisela ihrem Mann auf dessen Frage auch noch zugeben musste, dass Jutta für die Beratung ein Freundschaftshonorar von nur 200 Euro bekommen hatte, war das Maß voll. Herbert verzog sich zornig in sein Schlafzimmer. Nur - schlafen konnte er vor Wut nicht.
Nachdem sich Gisela und Herbert die nächsten Stunden aus dem Weg gegangen waren und nur das Nötigste miteinander gesprochen hatten, versuchte Gisela beim Abendbrot im Wintergarten die aufgeheizte Stimmung wieder zu glätten. Obwohl Herbert sich von dem Möbel- und Hauszubehörprospekt, den Jutta ihnen großzügiger Weise dagelassen hatte, noch zusätzlich provoziert fühlte.
„Ich hab‘ mir überlegt, wir könnten ja auch etwas kleiner mit dem Feng-Shui hier anfangen.“ Gisela lächelte ihren Mann an. „Wir könnten ja mit Kleinigkeiten beginnen, die nichts oder nur wenig kosten und warten ab, wie das dann wirkt.“
Herbert hörte jetzt interessiert zu. Vielleicht würde er morgen ja doch noch nicht saugen.
„Wir könnten doch die Möbel so umstellen, dass die Couch an der Wand steht und wir dabei aus dem Fenster sehen können. Den Sessel stellen wir ins Turmzimmer. Dann bleibt die Mitte im Wohnzimmer frei. Das ist positiv für den Energiefluss.“ Gisela erwähnte den Reiznamen Jutta lieber nicht mehr.
„Die Betten in den Schlafzimmern stellen wir so, dass unser Kopf im Osten liegt. Und im Wohnzimmer stelle ich jeden Tag eine Schale mit Blütenblättern auf. Und das Salz in den Ecken kostet ja auch nicht viel. Frische Blumen für die Vasen pflücken wir selber auf den Wiesen oder ich pflanze sie bei uns im Garten an. Streichen wolltest Du doch nächstes Jahr sowieso, dann nehmen wir ganz helle Pastellfarben.“
Herbert war erleichtert und mit allem einverstanden.
„Und Jutta hat uns ja auch sehr gelobt, wegen den schönen Bildern von unseren Kindern und unseren Enkeln an der Wand. Alles positiv für die Lebensenergie. Und sie fand, dass die Luft bei uns im Haus sehr gut wäre. Weil ich immer so schön reinige und lüfte.“
Herbert spürte förmlich, wie der Harmoniefluß wieder zurück nach La Viña kam und durch die Räume strömte.
„Klar, die Arbeiten kann ich alle selber machen. Und ich könnte nächstes Jahr das Fenster im Wohnzimmer auch selber aufbrechen und bodentief vergrößern. Dann wird es noch heller und wir haben einen schöneren Blick in den Garten.“ Herbert freute sich schon auf die Umbauarbeit für nächstes Jahr. Normalerweise hatte ja Gisela immer gebremst, wenn er etwas verbessern wollte.
„Dann könnten wir ja heute schon mit einer Kleinigkeit im Haus anfangen, mein Schatz.“ Gisela nutzte die zurückgekehrte positive Energie zwischen ihnen gleich aus.
„Wir räumen unser Haus mal auf und trennen uns von allem unnötigen Ballast. Ich schmeiße meine alten Zeitschriften weg, und bei Dir Herbert, schauen wir uns Deine Bücherregale mal an. Einige Bücher sind absolut überflüssig. Vor allem Dein Kamasutra-Buch, das Emma peinlicherweise mal beim Frühstück gefunden hatte, kommt jetzt weg. Das brauchen wir doch wirklich nicht mehr.“
Als Herbert protestieren wollte, lächelte ihn seine Frau spitzbübisch an.
„Jutta meint ja auch, dass Tantra in unserem Alter viel schonender, sanfter und belebender ist. Und Deine geliebten Versteinerungen lassen wir weiterhin im Wintergarten liegen. Das war ja auch immer die große Freude unserer Enkel.“
Für Herbert war die Welt wieder in Ordnung. Mit so viel Feng-Shui konnte er gut leben. Und die Freundschaft zu Theo und Jutta würde auch keinen Knacks bekommen.
3
Andrea saß im Arbeitszimmer und checkte die Emails. Eine Arbeit, die Klaus lieber seiner Frau überließ, denn er war noch ein ziemlich analoger Mensch. Ähnlich wie seine Mutter, bei der man die Aversion gegen Computer aber zumindest mit dem Alter erklären konnte.
Klaus beschäftigte sich am liebsten grobmotorisch. Rasenmähen oder sehr gerne auch Staubsaugen. Wobei die Familie darauf beharrte, immer einen Tag vorher gewarnt zu werden, bevor Klaus zu saugen begann.
Denn Klaus saugte wie im Rausch, ohne Rücksicht auf Dinge, die auf dem Boden lagen.
Das konnte schon mal eine Feinstrumpfhose von Andrea sein, die das Staubsaugerrohr mit einem heulenden „Fluuups“ schlürfend aufsaugte, Gardinen, die den Fehler hatten, zu tief zu hängen und sich gerne im Rohr verknitterten, vereinzelte Müffelsocken oder ein zu Stein erstarrter, uralter Kaugummi in Antons Zimmer, ein Stick von Emil mit wichtigen Dateien aus der Schule, der einfach nur Pech hatte, neben Emils Schreibtisch zu liegen, oder Emmas Lieblingsohrringe, die sich mit einem hässlichen Klirren in den Staubsaugerbeutel verabschiedeten.
„Vatter, wann saugst Du wieder?“, war daher eine wöchentliche Frage von Anton beim Frühstück. Zumindest führte Klaus Ankündigung, saugen zu wollen, beim Rest der Familie zu sehr hektischer Betriebsamkeit. Der Fußboden wurde aufgeräumt. Deswegen hatte Andrea heute auch nichts auf dem Boden des Arbeitszimmers liegen lassen, denn Klaus wollte sich gerade den Staubsauger schnappen.
„Wart‘ mal einen Moment, Klaus. Kurti und Gerti haben uns eine Mail geschickt. Sie würden uns gern besuchen.“
Kurti und Gerti waren Mitbewohner in der Urbanisation in La Herradura in Südspanien, wo Thalers ein kleines Ferienhaus gekauft hatten. Nur, die beiden Österreicher hatten ihre Altbauwohnung in Wien verkauft und waren ganz nach Andalusien gezogen. So wie Thalers unmittelbare Nachbarn in La Herradura, die beiden Iren Adrian und Daniel.
„Das wäre ja wirklich schön. Aber was treibt denn die beiden ausgewanderten Wiener nach Nordhessen?“
„Sie wollten im Sommer eine Messe in Kassel besuchen. Was für eine Messe steht nicht in der Mail. Aber sie melden sich nochmal wegen eines konkreten Termins.“
„Messe im Sommer? Wir haben doch nur die Frühjahrs- und die Herbstmesse. Du, vielleicht meinen die beiden den Zissel im August, unser Heimatfest auf der Fulda?“
„Keine Ahnung. Wegen einer kirchlichen Messe werden die zwei ja wohl nicht extra nach Nordessen kommen. Obwohl die beiden glaube ich katholisch sind.“
„Ich freu‘ mich schon sehr auf die beiden Weinspezialisten.“ Damit meinte Klaus den Konsum von sehr preiswertem Rotwein aus dem Tetrapack, den Kurti eleganterweise zumindest in einen Dekantierer umschüttete.
„Die Kinder werden auch ganz aus dem Häuschen sein. Wir überlegen uns ein schönes Programm für den Besuch. Und laden meine Mutter und Fräulein Saurbier ein, wenn die beiden da sind. Die waren sich ja vor drei Jahren bei unserem Weihnachtsfest auf Anhieb sehr sympathisch“, schlug Klaus begeistert vor.
„Wir müssen aber auch noch unseren Urlaub im Sommer mit Peter und Alice abstimmen. Die beiden hatten uns doch zu einem Besuch nach Bristol eingeladen“, warf Andrea ein. Peter und Alice hatten sie über die Kinder vor fünf Jahren in Nerja kennengelernt. Und die Freundschaft hatte gehalten, denn Peter und Alice March hatten sich in Nerja eine Ferienwohnung gekauft, sodass sich die beiden Familien in Südspanien besuchen konnten.
Nachdem Marc, der jetzt achtzehnjährige Sohn, schon bei Thalers war und Anton Marchs besuchen durfte, hatten Marchs ihre Freunde zu einem Besuch nach England eingeladen.
„Im Juli würde bei mir gut passen. Aber schreib‘ doch mal Peter, ob wir nicht auch einen Tag nach Liverpool fahren könnten. Du weißt schon. Wegen der Beatles.“
„Das planen wir fest mit ein, mein Schatz. Du kannst dann die große Beatles Besichtigungstour mitmachen.“
Andrea lächelte verständnisvoll. Sie kannte ja die Leidenschaft von Klaus für die „Fab Four“, die sie aber gar nicht teilte. Klaus hatte sich sogar vor Jahren einen gebrauchten Hofner Violinen Bass gekauft. So einen, wie ihn Paul McCartney seit 1962 hatte, allerdings für Linkshänder. Und damit übte Klaus mit seiner Band einmal in der Woche abends im Keller in seinem Hobbyraum.
„Vielleicht hättest Du im Gegenzug Zeit, mit Emma in den nächsten vier Wochen Laufen zu trainieren. Du weißt ja, dass Emma am Vierkampf teilnimmt. Springturnier, Dressurreiten, Schwimmen und Laufen. Ihre schwächste Disziplin.“
„Klar trainiere ich Emma und ihre Freundinnen. Vielleicht laufen Willi, Stephan und Uwe sogar mit. Ich möchte doch, dass unser Nesthäkchen endlich mal eine Schleife gewinnt“, meinte Klaus lachend und spielte darauf an, dass die Wände in Emmas Zimmer bereits über und über mit Schleifen für ihre Platzierungen mit Schmidtchen bedeckt waren.
Klaus war über seine neue Trainerrolle sofort begeistert. Stephan, Willi und Uwe, seine Lauffreunde, waren einverstanden, am Samstag eine halbe Stunde früher zu kommen, um mit den acht Mädchen und den zwei Jungen die drei Kilometer Laufstrecke mitzulaufen.
„Dann sind wir auch schon schön warmgelaufen, wenn wir mit unserem Training starten“, meinte Uwe pragmatisch, und Willi stellte für die Kinder einen Trainingsplan für die nächsten Wochen auf.
Andrea hatte mit Peter und Alice eine Woche im Juli für einen Besuch in Bristol verabredet und Kurti und Gerti zurückgeschrieben, dass sie ab August ganz herzlich willkommen wären.
Die Kinder waren von dem angekündigten Besuch der beiden sympatischen Wiener Mitbewohner in ihrer spanischen Urbanisation vollkommen aus dem Häuschen.
„Ich geh mit Kurti auf jeden Fall in unser Freibad. Der Kurti glaubt ja, er wäre der ultimative Spezialist für Kunstsprünge. Im Volksmund Arschbomben. Da wird die ganze Clique staunen und sich kaputtlachen“, plante Anton den Kurti mit seinem Hobby einzuspannen.
„Vielleicht macht er sogar einen Bauchplätscher vom Dreier. Danach ist kaum noch Wasser im Becken“, feixte Emil.
„Und der Bademeister wird wahrscheinlich auch staunen. Der könnte Kurtis Sprungbegeisterung nicht zwingend teilen“, meinte Klaus skeptisch, denn Kurtis hemmungslose Sprünge im öffentlichen Freibad könnten zwar zur Lachnummer, aber auch zum Ärgernis werden.
Auch Alma und Fräulein Saurbier freuten sich sehr auf Kurti, den begnadeten Imitator von Hans Moser und auf Gerti mit ihrem sensationellen Apfelstrudel.
„Na, zu dieser Jahreszeit wirst Du dem Kurti ja noch keinen Punsch servieren“, meinte Alma lachend zu ihrem Sohn und dachte dabei an Kurtis punschbedingten Totalausfall am Silvesterabend vor drei Jahren.
Alma hatte ihrem Sohn den Gutschein für den Golf Schnupperkurs vorbeigebracht. Eigentlich hatte Klaus nach seinem Fehlkauf eines Schlägersets für Linkshänder vor fünf Jahren kein Interesse mehr am Golfsport. Zumal er dann nochmal in eine Ausrüstung investieren müsste.
Aber Anton hatte seinen Vater, nachdem er den Gutschein gesehen hatte, mit dem einzigen Argument, das Klaus eingängig war, überzeugt, sich doch mal im Golfclub für den Schnupperkurs anzumelden:
„Vatter, es kostet nix.“
4
Der Golf Schnupperkurs wurde dann doch zum mittleren Desaster. Schon am Anfang fiel Klaus selber auf, wie unpassend er angezogen war. Alte Jeans, Laufschuhe und ein labbriges Lauf T-Shirt. Etwas peinlich. Denn die anderen trugen flotte, knallbunte Kappen in allen Spektralfarben, teilweise schicke, karierte Hosen in Eidottergelb, Ferrarirot, oder Blaugrün, davon zwei Mitspieler mit kurzen Modellen und kontrastreichen, sehr weißen Stachelbeer Waden. Drei hatten bereits Golfschuhe an, andere trugen weiße Lederhandschuhe, Piquehemden, Polos, und einer hatte einen gelb karierten Pollunder an, wie Olaf aus Dresden.
Für Klaus vollkommen unverständliche Begriffe wie „Flight“, „Handycap“, „Trawley“, „Bag“, „Driver“, „Hybrid“, „Birdie“, „Scoring“ schwirrten durch die anglizistisch geschwängerte Luft und weckten bei Klaus tiefsitzende Ängste, er müsste erst einen Englischkurs in der VHS besuchen. Und es könnte in der Zukunft vielleicht teuer werden. Auch kam bei Klaus die Befürchtung auf, dass ein Teil der Mitspieler von altem, englischem adligem Geblüte sein könnte, als er die Wörter „Lady“ „Stapleford“ vernahm. Klaus versteifte spontan.
Im Gegensatz zu Klaus stellten sich die acht „Mitschnupperer“ aber hochmotiviert und sehr geschickt an, denn sie konnten sich nach kurzer Zeit die richtige Haltung und den korrekten Griff am Schläger merken. Und schienen auch noch Spaß zu haben. Klaus dagegen brachte wie beim Tanzen auch, alles durcheinander. Seine Schwungbewegungen waren dermaßen ungelenk, dass der Trainer sich ernsthaft Gedanken um Klaus‘ Bandscheibe machte.
Während die anderen acht Anfänger nach einer Viertelstunde Üben an der Driving Ranch schon ab und zu den Ball trafen und nach einer halben Stunde hin und wieder einen beachtlichen Abschlag schafften, sanken die Mundwinkel von Nigel, dem englischen Trainer, ins Bodenlose, wenn er Klaus beobachtete.
Klaus traf am Anfang entweder nur Luft oder die Grasnarbe. Das hatte zur Folge, dass sein Abschlag aussah, als hätte ein liebestoller Dachs versucht, sich in größter Eile einen Bau zu graben. Und Klaus‘ Lendenwirbel meldeten sich so schmerzhaft, als hätte er ein Klavier in den vierten Stock getragen. Nur einmal huschte ein verstohlenes Lächeln über sein ansonsten verkrampftes Gesicht, als der gelbe Pollunder neben ihm mit zu viel Kraft und einem unschönen Schaben seinen Schläger kurz vor dem Ball ebenfalls ins Erdreich versenkte.
Als Klaus nach zwei Stunden verbissenen Übens, weil es ja umsonst war, das erste Mal den Ball traf, flog der schräg nach rechts, haarscharf am platin-blau gefärbten Haarschopf einer erschrockenen älteren Dame vorbei.
Nigel musste eingreifen. Vor allem, weil der Golfverein ein Vierteljahr brauchen würde, um das verschwundene Gras an Klaus` Abschlag wieder einzusäen und in ein spielbares Grün zu verwandeln und wahrscheinlich für Klaus` Flurschaden einen Greenkeeper zusätzlich einstellen musste.
„Klaus, vielleicht fängst Du erstmal mit Minigolf an. Das ist auch ein schöner Sport, den ihr ohne große Übung mit der ganzen Familie spielen könnt“, versuchte Nigel Klaus zu motivieren, die Sportart zu wechseln. „Und es ist doch auch wesentlich preiswerter.“ Damit hatte er Klaus spontan überzeugt. Klaus war sowieso der Meinung, dass Laufen für ihn der richtige Sport wäre. Deutlich günstiger. Vor allem, weil Klaus seine Laufschuhe so lange lief, bis die Brandsohle durchschimmerte. Was dann aber zu heftigsten Zerrungen führte.
Und wieder verwirrten Klaus englische Begriffe wie „chippen“ und „putten“, als der Rest der Gruppe kurze Bälle üben wollte und begeistert beschloss, zusammen einen Platzreifekurs bei Nigel zu belegen. Auch wenn der Schnupperkurs umsonst war - Klaus verabschiedete sich dann doch vorzeitig und leicht frustriert bei seinem sehr erleichterten und dankbaren Trainer. Er schlich mit gesenktem Kopf und mit einer gehörigen Portion Demut vom Golfplatz. So schwer hatte er sich das Spiel mit dem kleinen Ball eigentlich nicht vorgestellt.
Endgültig am Boden zerstört war Klaus dann zu Hause, als ihm Anton mit einer sarkastischen Bemerkung den Rest gab: „Vatter, Du mit einem Golfschläger in der Hand? Mit Dir auf dem Golfplatz wird doch jeder Tiger Woods zur Taiga Wutz!“
In der Zwischenzeit hatten sich Alma und Fräulein Saurbier regelmäßig mit Otto und Waldemar getroffen.
Nach dem gemeinsamen Tanzkurs bei Frau Riebezahl- Schondorf hatte der dicke Waldemar seinen Gutschein für den Restaurantbesuch genutzt, um alle vier Tanzbegeisterten zum Essen einzuladen. Und mit Ottos Gutschein hatten die Vier die Stadtrundfahrt mit dem Doppeldeckerbus gemacht. Weil schönes Wetter war, konnten sich die vier Tanzfreunde auch oben hinsetzen. Ohne Verdeck, mit wunderbarem Überblick über die Straßen, die alle sowieso schon lange kannten. Dachten sie.
„Ich hab‘ tatsächlich noch einiges dazu gelernt“, meinte Fräulein Saurbier staunend und die anderen nickten. Denn auch sie hatten vieles nicht über die Geschichte ihrer Heimatstadt gewusst.
„Wir sollten öfter mal zusammen in die Museen gehen, oder uns Vorträge anhören. Da gibt es doch so tolle Angebote für uns Senioren“, schlug Otto vor. Alle waren sofort einverstanden und verabredeten, dass jeder von ihnen für die nächsten Wochen einen Programmpunkt für eine Besichtigung vorbereiten sollte.
Waldemar wollte anfangen. Mit einem Vortrag über die Geschichte der Brauereien in Kassel, seiner heimlichen Leidenschaft für alles, was mit dem Gerstensaft zusammenhing. Inklusiv einer Besichtigung der historischen Brauereikeller tief unter der Erde, in denen vor vielen Jahren das Bier mit strohumwickeltem Eis aus der Fulda lange frisch gehalten wurde. Und mit einer anschließenden Verkostung verschiedener Biersorten, worauf Waldemar sehr viel Wert legte.
Klaus hielt sein Versprechen und traf sich am Samstagnachmittag mit den zehn Kindern sowie Stephan, Willi und Uwe als Co-Trainern am Waldrand der Hessenschanze.
Alle waren hochmotiviert. Außer Emma. Die hatte noch nie Lust gehabt, zu laufen. Und schon garnicht mit Ihrem Papa. Klaus hatte mit seinen drei Freunden eine Strecke für die Kinder rausgesucht, die leicht zu laufen war.
Am Anfang ging es leicht bergab, dann geradeaus bis zur „Waldschule“, dann wieder eben und am Schluss nochmal leicht bergauf. Als sich alle warm gemacht hatten, musste Willi die beiden Jungs bremsen, die wie freigelassene Fohlen sofort losstürzen wollten.
„Wir laufen ganz langsam los und teilen uns unsere Kräfte sehr gut ein“, mahnte Willi die Kinder, von denen fast alle keinerlei Lauferfahrung hatte.
Uwe und Stephan liefen vorne weg und gaben das Tempo vor, das sie nach einem Kilometer leicht steigerten. Willi begleitete die Kinder in der Mitte der Gruppe. Und Klaus lief neben Emma, die schnaufend als Letzte versuchte, Anschluss an der Gruppe zu halten.
Und weil Emma den größten Trainingsbedarf hatte, motivierte Klaus seine elfjährige Tochter, doch noch einen Abend allein mit ihm zu laufen. Aber weil Laufen sowieso das Doofste war, konnte Klaus Emma nur mit einem anschließenden, sehr sauren Limetteneis, Emmas absolutem Lieblingseis, ködern. Oder mit sauren Weingummis und dem Versprechen, dass ihr das ganze Vierkampfteam für immer dankbar wäre, wenn sie die drei Kilometer halbwegs durchhalten könnte.
Die letzten zwei Wochen trainierten Klaus, Stephan, Willi und Uwe mit den Vierkämpfern auf der original Laufstrecke am Pferdehof, damit das Team auch ein Gefühl für die richtige Wettkampfstrecke bekommen sollte.
Die vier Wochen vor dem Vierkampf waren für Emma sowieso sehr hart. Neben der Schule musste sie mit ihrem Pony Schmidtchen die Dressuraufgaben üben, den Springparcours lernen und auch noch die fünfzig Meter Brustschwimmen trainieren. Aber da ging Andrea einmal die Woche mit ihrer kleinen Tochter in das Hallenbad und übte mit Emma den richtigen Startsprung und die fünfzig Meter Brustschwimmen durchzuhalten. Das fiel Emma viel leichter als das Laufen, denn Schwimmen war nach dem Reiten ihre große Leidenschaft.
Als das Wochenende des Vierkampfs kam, war Emma gut vorbereitet und hoch motiviert. Am Samstag sollte zuerst gelaufen werden und nachmittags fanden die Schwimmprüfungen statt. Der Sonntag war dann zuerst den Dressur- und danach den spannenden Springprüfungen vorbehalten.
Eine Stunde vor dem Laufstart gab es eine riesengroße Überraschung.
Auf den Hof fuhr ein weißes, todschickes und sicherlich sündhaft teures Cabrio. Am Steuer saß winkend Oma Alma mit einem Kopftuch über ihren grauen Haaren. Fräulein Saurbier trug ihr altes, grünes Jägerhütchen gegen den Wind und die Sonne, und die beiden Herren hatten sich Baseball Kappen aufgesetzt. Alle lachten über das ganze Gesicht. Am Freitag hatten Alma und Fräulein Saurbier die Luxuskarosse im Autohaus abgeholt und von dem freundlichen Verkaufsleiter noch einen großen Blumenstrauß bekommen. Das Autohaus wollte noch etwas Werbung in eigener Sache machen und hatte die Presse bestellt. Und so wurden die beiden strahlenden Damen mit dem eleganten Verkaufsleiter vor dem weißen Traumauto abgelichtet.
„Das erste Mal, dass ich in der Zeitung erscheine. Schade, dass ich niemand habe, dem ich das erzählen kann.“
„Aber Hildegard, der ganze Wanderverein wird staunen und unser Tanzkurs doch auch. Und was glaubst Du, wie stolz Klaus und Andrea und die Kinder auf uns sind, wenn wir in der Zeitung stehen“, motivierte Alma ihre Freundin.
Klaus nutzte gleich die Gunst der Stunde und teilte die vier Überraschungsgäste zum Anfeuern an der Strecke ein. Und auch Emil stand mit Mila und Anton an dem Feldweg, während Andrea auf ihre kleine Tochter im Ziel wartete. Uwe, Stephan und Willi wollten etwas vor dem Ziel Emma anfeuern und mussten sich sehr beherrschen, nicht mitzulaufen. Denn dann wäre Emma disqualifiziert worden. Klaus begleitete Emma zum Start und gab ihr noch die letzten Tipps, die Emma aber wegen der großen Aufregung nur nervten.
Mit der Hilfe von so viel Anfeuerung schaffte Emma die drei Kilometer Rennen problemlos, auch wenn sie japsend und mit hochrotem Kopf im Mittelfeld ins Ziel kam.
Nachmittags fuhren nur Klaus und Andrea mit Emma in das Hallenbad zur Schwimmprüfung. Die Jungs wollten lieber Mountain Bike fahren und Alma würde die wertvolle Zeit mit dem Cabrio nutzen und mit ihren Freunden eine Spritztour zum Edersee machen.
Emma belegte bei der Schwimmprüfung den zweiten Platz und war sehr zufrieden mit sich. Auch der Rest ihres Teams hatte gut abgeschnitten und gute Punkte gesammelt.
Abends hatten die Mütter aller Kinder ein Essen im Dorfgemeinschaftshaus vorbereitet und die Väter hatten gemeinsam die vielen Kästen Getränke besorgt. Die einzelnen Teams hatten jeweils einen Programmpunkt vorbereitet, sodass der Abend mit allen Teilnehmern aus ganz Hessen lustig und kurzweilig wurde.
Während Klaus half, Bier auszuschenken und Getränke zu verteilen, saß Emma mit Andrea, zwei Freundinnen und deren Müttern am Tisch von Astrid, der Tierärztin, und Jost, dem Hufschmied.
Emma bekam sehr lange Ohren, als Jost erzählte, dass nächste Woche wohl ein Schäfer mit einer großen Herde an dem Reiterhof vorbeiziehen würde. Drei große Wiesen wären für die vielen Schafe reserviert. „Denn die müssen sich ausruhen. Viele Schafe sind trächtig und jetzt ist doch die Zeit, wo die Osterlämmer geboren werden.“ Damit hatte Jost bei den Mädchen den richtigen Nerv getroffen.
„Osterlämmer, oh wie süß. Mama, die müssen wir uns unbedingt ansehen.“
„Sicher, Emma, wir sind doch sowieso fast jeden Tag auf dem Hof, dann reiten wir einfach mal vorbei“, schlug Andrea ihrer überaus tierlieben kleinen Tochter vor.
Am Sonntag ging für das Team von Emma alles glatt. Bei der morgendlichen Dressurprüfung parierte Emmas Pony so gut, dass Emma mit Wertnote 8,0 sehr gut platziert wurde und den dritten Platz belegte.
Mittags zur letzten Prüfung waren nicht nur die Brüder mit Mila wieder mitgekommen. Auch das weiße Cabrio mit den vier Ausflüglern war wieder rechtzeitig auf den Hof gefahren. Alle wollten Emma bei ihrer letzten, spannenden Springprüfung sehen und die Daumen drücken.
Als Emma mit ihrem Pony Schmidtchen aufgerufen wurde, klatschten alle begeistert, hielten aber den Atem an, als Emma nach dem Grüßen an die Richter startete. Und auch hier ließ sich Schmidtchen von Emma hervorragend führen, sprang ohne einen Abwurf über die acht Hindernisse und trug Emma in einer fabelhaften Zeit ins Ziel. Emma hatte das Springen gewonnen. Ihr Team, die ganze Familie Thaler, Fräulein Saurbier, Otto, Waldemar und der ganze Hof standen auf und applaudierten johlend und pfeifend.
Das Team von Emma hatte im Endergebnis, auch durch Emmas gutes Abschneiden, den zweiten Platz im gesamten hessischen Vierkampf belegt. Alle freuten sich sehr und strahlten winkend, als sie ihre Schleifen und ihre Sachpreise bekamen.
Und Andrea, Klaus, die Brüder und Oma Alma waren auch sehr stolz auf Emma, die den Vierkampf so gut überstanden hatte. Sogar Oma Gisela und Opa Herbert riefen am Sonntagabend extra noch aus Spanien an und gratulierten ihrer kleinen Enkelin von ganzem Herzen.
5
In der folgenden Woche stellte Emma mit größtem Interesse fest, dass sich tatsächlich ein Schäfer mit über dreihundert Schafen auf den freien Weiden des Reiterhofs einquartiert hatte.
Auf den Teerwegen lagen überall Schafsködel, das Geblöke der Schafe schallte bis zum Hof, und drei Schäferhunde umrundeten wachsam die große Herde, damit kein Schaf verloren ging. Am Rande einer Wiese hatte der Schäfer seinen Schäferwagen abgestellt. So konnte er direkt bei seiner Herde schlafen.
Emma bettelte und bekniete ihre Mutter, weil sie sich die Schafe und die süßen Lämmer schnellstens ansehen wollte.
„Die nächsten Tage kriegen wir noch mehr kleine Lämmer. Dann wird es für Dich noch interessanter. Kommt einfach nochmal vorbei“, lud der alte knorrige Schäfer die kleine Tierfreundin mit ihrer Mutter ein.
Emma schaute jeden Nachmittag vorbei.
Und endlich waren die kleinen Lämmer geboren. Ganz klein, hilflos und von ihren Müttern liebevoll geleckt und behütet.
Emma war fasziniert und erzählte jeden Abend zu Hause nur noch von den süßen kleinen Schafbabys.
Am vierten Tag erzählte der alte Schäfer, der Pfeife rauchend in seinem grünen Umhang auf seinen Schäferstock gestützt am Rande der Wiese stand, dass ein Schaf in der Nacht gleich zwei Lämmer geboren hatte.
„Das kommt sehr selten vor. Der kleine Bock wird ganz sicher überleben. Der ist kräftig und trinkt schon sehr gut bei seiner Mutter. Aber das andere kleine Lämmchen ist viel zu klein und zu schwach. Das Schäfchen schafft es einfach nicht, allein bei seiner Mutter zu trinken. Ich befürchte, dass das schwache Tier in den nächsten Tagen sterben wird. Vor allem, weil es nachts ja noch richtig kalt wird hier draußen“, erzählte der Schäfer bekümmert Emma und Andrea.
Emma wollte das kleine schwache Lämmchen unbedingt sehen.
„Na dann kommt mal mit, aber erschreckt Euch nicht.“ Der alte Mann führte Emma und Andrea durch die Herde. Die Schafe wichen blökend zur Seite. Einige kleine Lämmer liefen dicht hinter ihren Müttern her. Endlich hielt Adam, der Schäfer, vor einem Mutterschaf. Unter ihrem Bauch stand ein kleiner Bock und saugte schon kräftig Milch. Und daneben lag seine klitzekleine Schwester und war zu schwach, aufzustehen. Ein Häufchen Lammelend schaute Emma und Andrea aus großen Augen hilflos an.
Nackt, dreckig, zitternd und noch blutverkrustet.
Emma musste spontan weinen vor Mitleid.
„Mama, darf ich mich um das kleine Lämmchen kümmern?“
„Aber Emma, wir sind doch nur nachmittags auf dem Hof und Du weißt doch, dass das Schäfchen leider zu schwach zum Überleben ist.“
„Das stimmt wohl“, meinte Adam, „das Lämmchen hätte nur eine ganz kleine Chance zu überleben, wenn es ganz warmgehalten wird und alle zwei Stunden eine Aufbaumilch bekommt. Sogar nachts.“
„Mama, ich schaffe das, glaub‘ mir. Mama, lass uns doch das arme Lämmchen mit nach Hause nehmen, bitte, bitte. Ich baue ihr auch ein warmes Nest und verspreche ganz, ganz fest, dass ich mich ständig um das Schäfchen kümmern werde. Ehrenwort, Mama.“
„Emma, ich glaube Dir das ja. Aber stell‘ Dir doch mal vor, was der Papa sagen wird. Und wo soll das Schäfchen überhaupt wohnen?“
„Mami, ich will auch immer ganz fleißig in der Schule lernen. Und ich will nie, nie wieder irgendein Geschenk haben, wenn wir das Lämmchen mitnehmen. Das wird den Papi doch auch freuen, wenn er die Geschenke für mich spart.“
Andrea musste bei den haltlosen Versprechungen von Emma lächeln.
„Mami, lass uns doch das Lämmchen einfach mal mitnehmen. Hier stirbt es doch sowieso. Und zu Hause könnte es vielleicht überleben. Ich hab‘ doch jetzt Osterferien, da fahren wir ja dieses Jahr nicht weg, weil Anton für sein Abi büffelt. Da hab` ich doch Zeit, mich um das arme Würmchen zu kümmern. Und wenn der Papi das Lämmchen erstmal sieht, findet er es bestimmt auch ganz süß. Und die Brüder auch. Emil hilft mir bestimmt gern mit der kleinen Lotti.“
Emma war so voller Eifer, dass sie dem kleinen, schwachen Bündel Lämmchen spontan einen Namen gegeben hatte: Lotti.
„Aber wie wird unsere Mila reagieren. Stell‘ Dir mal vor, unser Hund wird eifersüchtig“, konterte Andrea immer schwächer
„Also das ist eher unwahrscheinlich. Wenn Euer Hund nicht verhaltensgestört ist, wird er das kleine, schwache Lämmchen eher beschützen. So ist auf jeden Fall meine Erfahrung mit Hunden“, unterstützte der alte Schäfer Emma.
Seufzend und noch voller Zweifel ließ sich Andrea breitschlagen und holte ein großes Handtuch aus ihrem Wandschrank im Stall.
Ganz vorsichtig hob Emma Lotti auf und packte das zitternde, ängstliche Lämmchen warm ein. Lotti fiepte hilflos. Ihre Mutter leckte das kleine Böckchen und kümmerte sich nicht um das kleine Lämmchen. Lotti war so klein, dass sie in beide Händchen von Emma passte.
„Mama, lass uns vorher noch bei Astrid vorbeifahren.“
Astrid, die Tierärztin, konnte ihnen bestimmt weiterhelfen und Tipps geben, wie das kleine Elend die nächsten Wochen überstehen könnte.
Also fuhren die beiden Samariter ins Nachbardorf, wo Astrid ihre Praxis hatte.
Astrid war auch ganz gerührt, als sie das kleine, zitternde Wesen in Emmas Armen sah. Sie gab Andrea und Emma Milchpulver für eine Aufbaumilch, eine Flasche und einen kräftigen Sauger mit.
„Viel Glück mit der kleinen Lotti. Vielleicht schafft Ihr es ja, und sie bleibt am Leben. Aber das kostet Euch viel, viel Arbeit.“
Als Emma mit ihrer Mutter nach Hause kam und Andrea die alte Haustür geöffnet hatte, trat Emma zögernd in den Flur.
„Lieber Gott, mach‘ bitte, bitte, dass mein Papi nicht böse wird und Lotti zurückschickt“, betete Emma ganz leise.
„Familie, Familie, kommt mal ganz schnell runter und guckt mal. Wir haben Besuch. Lotti ist da“, flötete Emma aufgeregt im Treppenhaus.
Türenschlagen im Obergeschoß. Getrampel auf der Holztreppe.
„Was schreist Du denn so? Hast Du eine neue Freundin mitgebracht?“
Anton war zwar etwas genervt, aber auch für die Unterbrechung beim eintönigen Lernen dankbar. Hinter ihm kam Emil die Treppe runter. Und Klaus stapfte aus seinem Hobbyraum im Keller die Treppe hoch.
„Deine Freundin kann gern zum Abendessen bleiben. Ist die noch draußen?“ wollte Klaus wissen.
Nur Emil hatte das winzige Köpfchen, das ängstlich aus dem Frotteehandtuch schaute, entdeckt.
„Guckt doch mal, was Emma da mitgebracht hat.“ Emil war sofort ganz hingerissen. Jetzt trottete Mila neugierig schnuppernd in Richtung Emma.
„Na, Emma, dann ist ja auch klar, was Mama Ostern zu essen macht“, lästerte Anton gefühllos, als er das Lämmchen auch entdeckt hatte.
Emma schossen die Tränen in die Augen.
„Das ist Lotti. Und sie ist ganz klein und schwach. Und ich sorge für sie. Lotti wird nie, nie, nie geschlachtet.“
Klaus näherte sich im ersten Moment sprachlos und entsetzt dem Lämmchen. Er war auch etwas beleidigt.
„Also ich finde, da müssen wir aber nochmal in Ruhe drüber sprechen, ob wir das Tier behalten. Wir sind kein Zoo und keine Tierklinik. Außerdem haben wir schon Mila. Und Du hättest mich ruhig vorher mal anrufen können“, knurrte Klaus enttäuscht und vorwurfsvoll Richtung Andrea, weil er sich überrumpelt fühlte.
„Schätzchen, das ging alles so rasend schnell. Und wenn wir dem Tierchen nicht helfen, dann stirbt es. Sie ist viel zu klein und viel zu schwach. Tut mir leid, dass wir Dich nicht angerufen haben.“ Andrea schaute ihren Mann treuherzig an und nahm ihm den Wind aus den Segeln.
Auch Lotti schaute Klaus aus ihren unschuldigen Kulleraugen ganz hilflos an und ließ ein schwaches „Määh“ hören. Klaus war gegen seinen Willen gerührt. Emil hatte sich dem Lämmchen schon genähert und betrachtete begeistert das kleine Wesen.
Anton tat seine rohe Bemerkung schon wieder leid. „Wenn mein Abi durch ist, helfe ich Dir auch, Emma.“
Klaus streckte vorsichtig seine Hand Richtung Lammschnäuzchen und begann mit einem zaghaften „Miez, miez, miez, miez“ das Tierchen zu locken.
„Vatter, bist Du denn in der Blüte Deiner Jahre schon vollkommen senil?“
„Papa, das ist doch keine Katze, die Du so rufen kannst.“
„Also Papi. Wenn Du Lotti rufst, dann mit einem „Määääh“, oder Du gewöhnst sie am besten an ihren Namen.“
„Ja, ja, Ihr habt ja Recht, Kinder. Dann lasst Mila auch mal schnuppern. Die drängelt schon die ganze Zeit an mir vorbei.“
Emma hielt das Handvoll Lämmchen nach unten, sodass Mila endlich schnuppern konnte. Die einfühlsame Hündin spürte sofort, wie hilflos und schwach das kleine Lammbaby war und näherte sich ganz vorsichtig mit ihrer Schnauze dem Köpfchen von Lotti. Ganz sanft leckte Mila das Lämmchen und zeigte der ganzen Familie, dass sie das Lämmchen als neues Mitglied ihres Rudels angenommen hatte. Und sicherlich auch beschützen würde.
Und Lotti reckte ihr Köpfchen noch mehr aus dem Handtuch und betrachtete mit wachsendem Interesse ihre neue „Herde“.
„Na, ja, wenn Ihr die Lotti jetzt schon so ins Herz geschlossen habt, dann kommt doch alle mit in die Küche. Wir halten mal Familienrat, wie wir dem Tierchen helfen können.“
Während Klaus vorging und die beiden Jungs mit Mila folgten, schaute Emma ihre Mutter dankbar an.
„Ich glaub‘, die erste Hürde hast Du schon mal gut geschafft, Emma“, flüsterte Andrea ihrer kleinen Tochter zu.
Lotti
1
Die ersten Wochen mit Lotti waren sehr hart. Viel härter, als sich das Emma und Andrea hätten träumen lassen. Wenn sie überhaupt Zeit zum Träumen gehabt hätten. Am Anfang hatte Emma Milas erstes Hundekörbchen vom Boden geholt, in den Flur gestellt und mit Decken weich gepolstert. Da sollte Lotti schlafen. Aber das kleine Lämmchen schrie so herzzerreißend nach Emma, ihrer Ziehmutter, dass selbst Klaus nach der zweiten Nacht mit Ohrstöpseln genervt erlaubte, dass das Körbchen in Emmas Zimmer kam. Außerdem brauchte das schwache Lämmchen alle zwei Stunden eine Flasche Milch. Auch nachts.
Und Mila, ihr lieber schwarzer Familienhund, wurde doch eifersüchtig auf die Fürsorge und Liebe für Lotti. Also durfte Mila gegen alle Prinzipien von Klaus auch noch zu Emma ins Zimmer.
„Ein halber Zoo“, dachte sich Klaus resigniert. Aber Hauptsache Mila würde Lotti weiterhin als Familienmitglied akzeptieren und vielleicht sogar beschützen.
Andrea hatte über das Internet gebrauchte Baby Flaschenwärmer besorgt, in denen die Aufbaumilch warmgehalten wurde. Zwei weitere, vorbereitete Flaschen warteten im Kühlschrank auf Lottis zunehmenden Hunger. Gott sei Dank trank das kleine Lämmchen gierig die Flaschen leer und das kleine Bäuchlein wurde langsam runder.
Aber in Folge pinkelte Lotti auch viel. In der ersten Nacht waren vier Handtücher durchweicht und das Hundekörbchen musste am nächsten Tag komplett gereinigt werden. Erst jetzt wurde Emma und auch Andrea so richtig bewusst, dass ihr Schäfchen nicht nur als süßes kleines Lämmchen, sondern auch später als ausgewachsenes Schaf niemals stubenrein werden würde.
Klaus bekam einen hysterischen Anfall, als Lotti auf einem der Perserteppiche im Wohnzimmer ganz verklärte Augen bekam, dann sehr entspannt in die Hocke ging und auf den handgeknüpften Teppich mit seinen Naturfarben pieselte.
„Emma, wir müssen uns ganz schnell was einfallen lassen, die Lotti strullt uns das ganze Haus voll.“ Auch wenn Lottis Milchpippi noch kaum roch, ekelte sich Klaus doch über ihre „Geschäfte“ auf den Teppichen und die dunkel gebeizten Flecken auf den Dielen und auf dem Parkett.
Andrea sah das schnell ein. Also fuhr sie mit Emma zum Drogeriemarkt. Emma hatte nämlich die gute Idee gehabt, die allerkleinsten Windeln für neugeborene Babys zu kaufen. Was bei den kleinsten Säuglingen half, würde vielleicht auch bei Lotti dichthalten.
Aber selbst die kleinsten Windeln waren immer noch zu groß für das winzig kleine Hinterteil ihres Lammbabys. Und außerdem hatte Lotti auch einen Schwanz. Und der war nicht kupiert, sondern richtig lang.
„Den schneidet auch keiner ab“, bestimmte Emma schon am zweiten Tag resolut.
Im Gegensatz zu ihrem Vater war Emma allerdings einfallsreich und praktisch. Sie schnitt mit einer Nagelschere ein Löchlein in die Windel und pulte geschickt das Schwänzchen durch das Loch. Die Windel selbst wurde am Anfang, als Lotti noch sehr klein war, mit Gummis enger an ihrem mageren Körper gehalten.
Mit diesem Provisorium der Miniwindeln mit dem durchgezogenen Schwanz sah Lotti schon witzig aus. Aber so konnte das Lämmchen, als es nach einer Woche etwas bei Kräften war, halbwegs unbedenklich durchs Haus laufen. Aber nur halbwegs, denn ganz dicht waren die Windeln, auch durch das Schwanzloch, eben nicht. Murrend hatte Klaus seine Perser zusammengerollt und im Keller gelagert.
Lotti folgte Emma, ihrer „Mama“ auf Schritt und Tritt. Emma fand das ja wunderbar, dass so ein kleines Lebewesen sie so bedingungslos liebte, ihr vollkommen vertraute und immer mit einem „Määäh“ zwei Schritte hinter ihr blieb. Diese Nähe forderte Lotti allerdings auch ein, wenn Emma auf`s Klo ging oder im Bad war. Als Emma das erste Mal allein auf dem stillen Örtchen verschwunden war, stand das kleine Lämmchen verzweifelt vor der Tür und schrie zum Steinerweichen. Also ließ Emma Lotti doch mit in das WC und ab diesem Tag auch immer mit ins Bad. Kein anderer, noch nicht mal Andrea, durfte Emma im Bad sehen. Denn als Elfjährige hatte Emma verständlicherweise gewaltige Schamgefühle entwickelt. Und das galt gegenüber ihrer ganzen Familie. Außer bei Lotti.
Nach einigen Tagen wollte Emma ganz gern auch mal vor die Tür gehen. Jetzt war wieder Kreativität gefragt. Als frühere „Puppenmutti“ hatte Emma auf dem Dachboden noch einen Puppenwagen stehen. In dem schlummerte seit einigen Jahren Ella, ihre Puppe mit den Klimperaugen, neben Teddchen, Emmas kleinen Bären. Die beiden wurden gar nicht nach ihrer Meinung gefragt, sondern kurzfristig in Emmas Puppenherd zwischengelagert.
Emil half seiner kleinen Schwester, den Puppenwagen mit Plastikfolie auszukleiden. Wegen der Dichtigkeit und Lottis ungezügeltem Harndrang. Dann wurde der Puppenwagen mit alten Handtüchern vollgestopft und Lotti, die ebenfalls in zwei Frotteetücher eingewickelt war, vorsichtig reingehoben. Es klappte. Lotti blieb im Wagen. Aber nur, solange Emma in der Nähe war.
Weil Lotti sich in der ersten Woche durch die Wärme, die Fürsorge und Liebe ihrer Ziehmama und die viele Aufbaumilch so weit entwickelt hatte, dass sie etwas kräftiger geworden war, traute sich Emma, Lotti bei den ersten warmen Sonnenstrahlen mit vor die Tür zu nehmen. Ziel war ein Osterspaziergang mit der ganzen Familie zu Oma Gisela und Opa Herbert. Beide waren letzte Woche bereits aus Spanien zurückgekehrt und hatten ähnliche Maßnahmen wie in ihrem Haus in Fortuna ergriffen. Nämlich ihr Haus in Deutschland gemäß Juttas Vorgaben halbwegs Feng-Shui gerecht umzuräumen und auszustatten, sodass das Chi, ihre positive Lebensenergie, wieder nahezu ungehindert durch alle Räume wehen konnte.
Opa Herbert hatte seinen Enkeln versprochen, in seinem großen Garten wie jedes Jahr zu Ostern Schokoladenostereier zu verstecken. Und Herbert war ja bekannt für seine überaus kreativen und lustigen Verstecke. Allerdings konnte es schon mal vorkommen, dass Herbert in seiner bedingungslosen Hingabe beim Eierverstecken das ein oder andere Versteck vergessen hatte. Und er war ja nach wie vor zu faul, sich die Verstecke aufzuschreiben. Wenn die Kinder Pech hatten und nicht alle Eier fanden, freuten sich in den nächsten Wochen die Elstern, die Marder oder die verfressenen Waschbären.
Als die Familie das schöne alte Haus verließ, stand Fräulein Saurbier im Vorgarten und dekorierte einen Forsythien Strauch mit bunten Ostereier Attrappen. Es war höchste Zeit, denn es war schon Ostersonntag.
Aber Fräulein Saurbier hatte in der letzten Zeit nur noch an Freizeitaktivitäten mit Alma, Otto und vor allem dem dicken Waldemar gedacht. Mittlerweile wanderten die beiden rüstigen Rentner ebenfalls mittwochs und samstags in Almas Wandergruppe mit. Die vier waren nach dem aufregenden Wochenende mit dem geliehenen, flotten Roadster schon mehrere Male Essen und ins Kino gegangen. Und Alma hatte bereits einen Theaterbesuch mit einem Einführungsvortrag des Intendanten an einem Vormittag in der nächsten Woche geplant.
Fräulein Saurbier hatte also bisher noch gar nichts von dem Familienzuwachs bei Thalers mitbekommen.
„Frohe Ostern, Fräulein Saurbier“, wünschte Klaus höflich.
„Ja, das wünsche ich Ihnen und Euch auch. Na, Emma, fährst Du denn Deine Ella wieder spazieren? Ist ja auch so schönes Wetter heute.“ Fräulein Saurbier war verwundert, dass Emma mit ihren elf Jahren noch mit Puppen spielte.
Auf einmal erklang aus dem Puppenwagen ein entrüstetes „Määäh“. Fräulein Saurbier stutzte. „Hast Du eine neue Puppe dabei? Die Ella war doch keine Sprechpuppe, oder Emma?“
„Nein, Fräulein Saurbier, im Wagen liegt ja auch die Lotti.“
„Ach, hast Du doch noch zu Ostern eine neue Puppe bekommen? Aber ein bisschen merkwürdig hat sich das Puppenweinen schon angehört.“
„Lotti ist ja auch keine Puppe. Lotti ist ein Lämmchen.“
„Ein Stofflämmchen mit eingebauter Stimme, na, das passt ja zu Ostern sehr gut.“
Plötzlich rekelte Lotti ihr kleines Köpfchen aus dem Handtuch und schaute zu Fräulein Saurbier interessiert hoch. Die hielt entgeistert mit einem roten und gelben Plastik-Ei in der Hand inne.
„Dein Schaf lebt ja. Das ist wohl echt?“
„Ja, wir haben Lotti letzte Woche von einem Schäfer bekommen und ihr das Leben gerettet. Und wir päppeln sie jetzt mit Milch auf. Im Sommer darf sie dann in unseren Garten zum Spielen. Sie haben jetzt einen neuen Nachbarn, Fräulein Saurbier.“
Emma war ganz stolz, als Fräulein Saurbier ihr Zauntor öffnete und an den Puppenwagen kam. „Na, Ihr seid ja eine tolle Familie. Da muss man sich ja ständig auf neue Überraschungen einstellen.“
Fräulein Saurbier beugte sich über den roten Puppenwagen und schaute sich entzückt das kleine Lämmchen an. Lotti blickte von unten der Nachbarin treuherzig in die Augen und ließ ein Begrüßungs „Määh“ los.
„Die Omas und der Opa kennen Lotti auch noch nicht. Wir machen jetzt einen Spaziergang zu meinen Eltern und stellen Lotti das erste Mal vor“, erklärte Andrea ihrer zunehmend faszinierten Nachbarin.
„Da wünsche ich Euch aber einen schönen Osternachmittag. Das muss ich gleich Waldemar erzählen. Das gibt‘s doch gar nicht. Thalers haben ein echtes Lämmchen“, verabschiedete sich Fräulein Saurbier winkend. Und dann machte sich die Familie Thaler mit Lämmchen im Kinderwagen und Hund an der Leine auf den kurzen Spaziergang, um die Großeltern zu besuchen.
2
Bei Opa Herbert und Oma Gisela gab es ein großes Hallo, denn die Überraschung mit Lotti war gelungen. Auch Oma Alma war eingeladen. Oma Gisela hatte den Ostertisch liebevoll gedeckt. Es gab Putenbraten und für Herbert und Gisela eine Gemüselasagne.
„Gott sei Dank hab` ich mich gegen Opa Herbert durchgesetzt und keinen Lammbraten in die Röhre geschoben. Das wäre jetzt wirklich unpassend gewesen“, meinte Oma Gisela mit einem liebevollen Seitenblick zu dem winzigen Familienzuwachs.
„Oma, dann hätte ich bestimmt geheult und nur das Eis zum Nachtisch gegessen.“ Emma streichelte ihr „Baby“ liebevoll über den Kopf und kraulte Lotti dann unter dem Kinn. Denn das hatte Emma schon am zweiten Tag rausbekommen. Das kleine Schäfchen ließ sich am liebsten am Hals kraulen und hielt dann das Köpfchen ganz still.
Lotti hatte eine frische Windel bekommen und lag auf einer mitgebrachten Decke. Die schwarze Mila hatte sich hinter das weiße Lämmchen gelegt, sodass Lotti warm und geborgen zwischen Milas Vorder- und Hinterbeinen ruhte.
„Schaut mal. Black and White“, zeigte Opa Herbert lachend auf das harmonische Pärchen.
Natürlich war Lotti das Gesprächsthema bei Tisch. Und weil Kesselmanns und Alma das Schäfchen sofort in ihr Herz geschlossen hatten, traute sich Andrea eine Frage zu stellen, die ihr schon die ganze Zeit auf der Seele gelegen hatte.
„In einer Woche geht doch die Schule wieder los. Und bei uns ist niemand zu Hause. Mit Mila ist das ja kein Problem. Die bleibt allein im Haus, bis die Kinder und ich mittags wieder zu Hause sind. Aber mit der kleinen Lotti funktioniert das noch nicht. Die muss noch alle zwei Stunden trinken und bleibt nicht allein.“
Herbert und Gisela sahen sich an. „Also vormittags hätten wir schon Zeit. Vielleicht dürfen wir auch den Puppenwagen benutzen, um mit Lotti und Mila Spaziergänge zu machen.“ Gisela und Herbert waren sofort einverstanden, sich um Lotti zu kümmern.
„Und wenn Ihr mir die Milch und die Flaschen vorbereitet, richte ich es mir an zwei oder drei Tagen ein, Euch zu helfen. Auch nachmittags, wenn Ihr mich braucht. Dann mache ich zusammen mit Hildegard und Euren beiden Haustieren einen Spaziergang zum Wald. Sieht allerdings etwas merkwürdig aus, wenn wir zwei alten Damen mit einem Puppenwagen durch die Gegend ziehen,“ lachte Alma, die wie immer gern bereit war, zu helfen.
Andrea und Klaus waren sehr erleichtert, denn Emma hatte sich noch überhaupt keine Gedanken gemacht, wie das Lämmchen während ihrer Schulzeit betreut werden sollte.
„Vielen, vielen Dank. Das hilft uns wirklich sehr“, bedankte sich Klaus voller Freude.
„Wir könnten ja nachher im Garten ein paar Fotos von unserem Osterlämmchen machen. Die schicken wir zu Oliver nach London und Michael nach Coburg. Als Ostergruß“, schlug Emil begeistert vor. Anton und er fanden den Familienzuwachs richtig klasse, zumal sie in ihren Dachzimmern ruhig schlafen konnten und die nächtlichen Ruhestörungen von Lotti nicht mitbekamen. Beide erlebten nur die „Schokoladenseiten“ des Lämmchens und freuten sich schon, nach den Osterferien in der Schule mit Lotti etwas anzugeben. Lutscher, Antons bester Freund, hatte Lotti ja schon bei den Lerntreffs kennengelernt und war etwas neidisch. Sein nervendes Drängen, sich auch ein Tierbaby anzuschaffen, stieß bei seinen Eltern allerdings auf Granit. Denn Lutschers Mutter hatte sich vor zwei Jahren bereits einen hypernervösen, sehr kleinen Chihuahua angeschafft, der keifend, knurrend und heiser bellend keinerlei Konkurrenz geduldet hätte.
„Mit dem Chihuahua kann Lutscher bei den Mädchen in der Schule überhaupt nicht landen. Da macht er nur Minuspunkte. Aber mit Lotti machen wir fette Pluspunkte“, meinte Emil kumpelhaft grinsend zu seinem älteren Bruder.
Opa Herbert hatte wie jedes Jahr zu Ostern im Garten mal wieder alle Register seines Könnens gezogen und Schokoladeneier für seine Enkel versteckt.
Zwei Eier waren schon fast in Herberts „Schäferwagen“ geschmolzen, einem kleinen Wagen mit Dach, zwei Liegen und großen Fenstern aus Plexiglas, den sich Herbert für seinen geliebten Mittagsschlaf in der freien Natur selber gebaut hatte.
Ein Ei lag in einem Plastikbeutel gut verpackt in der Regentonne. Zwei Eier waren in der Regenrinne nur über eine Leiter zu erreichen, die Herbert aber schon bereitgelegt hatte, um es den Jungs etwas zu erleichtern. Weitere zwei Eier hatte Herbert in seiner kleinen Werkstatt hinter der Garage versteckt. Davon eines dekorativ in den Schraubstock gespannt. Zwei Eier lagen gut verborgen unter der Holzkohle im Grill. Zwei Eier hatte Herbert in leeren Vogelnestern und eins im Vogelhäuschen versteckt. Und zwei Eier hatte Herbert als Blüten getarnt auf die Seerosen im Teich und zwischen die Stiefmütterchen im Garten gelegt. Vier Eier waren für Emma ganz einfach zu finden und unter die Auflagen der Liegen und der Gartenstühle platziert worden. Aber das letzte Ei war das Schwerste. Es hing in einem wasserdichten Plastikbeutel im Spülkasten des Gästeklos. Hier wollte Herbert seinen Enkeln dann durch „Heiß und Kalt“ Hinweise entscheidende Hilfen geben.
Obwohl sie so offensichtlich zu sehen waren, hatten die Kinder die „Eier Blüten“ der Seerosen als Letztes entdeckt und waren schon dreimal am Teich vorbeigelaufen. Leider hatte Herbert vergessen, Gisela und Alma von den Verstecken unter den Auflagen zu erzählen. Als sich beide Damen entspannt an den Gartentisch auf die Stühle setzten, gab es ein hässliches Knacken unter dem Allerwertesten der Großmütter und zwei Eier waren leider zerknetscht.
„Moooment mal. Die nehm‘ ich mit und leg‘ sie in den Kühlschrank und esse die noch. Bei mir kommt kein lila Ei in die Tonne“, meldete sich der sparsame Klaus. Oma Alma schüttelte nur etwas peinlich berührt den Kopf. Von wem hatte ihr Sohn das nur geerbt?
Nach einer halben Stunde hatten die Kinder alle Eier gefunden. Emma die Eier in den leichteren Verstecken und Emil und Anton, die in den schwereren Verstecken. Teilweise schon mit einigen kleinen Tipps von Herbert, der die beiden zerknetschten Eier schnell durch andere in neuen Verstecken ersetzt hatte.
Es war ein lustiger Osternachmittag bei den Großeltern. Lotti lief Emma allerdings immer wieder zwischen den Beinen rum, wenn Emma hochkonzentriert suchend durch den Garten stromerte. Aber dann hatte sich Lotti so an Alma, Gisela und Herbert gewöhnt, dass sie sich von den Großeltern auf den Schoß nehmen und kraulen ließ, sodass Emma doch noch in Ruhe suchen konnte.
Lotti hatte nach einer Woche schon etwas Fell bekommen, war nicht mehr so nackt wie am Anfang, und das kleine Bäuchlein war etwas runder geworden. Emma hatte ihr Lämmchen vor dem Osterbesuch noch fein gemacht und in einer Schüssel mit warmem Wasser gewaschen. Lotti sah jetzt mit frisch gewaschener Wolle noch hübscher aus und roch richtig gut. Auch wenn Emma ihrem Papa strengstens verboten hatte, ihr Lämmchen zur Verbesserung des Geruchs mit Klaus‘ Rasierwasser zu besprühen.
In der Woche nach Ostern kamen Kesselmanns zweimal zu Thalers, um Lotti an sich zu gewöhnen. Und um zu lernen, ihrem neuen „Enkelchen“ die Flasche zu geben. Und auch Oma Alma erschien mit Fräulein Saurbier und den sehr neugierigen Otto und Waldemar, die dann mit Lotti im Puppenwagen ihren ersten Spaziergang machten. Immer wieder erstaunt belächelt von anderen Spaziergängern, die erst beim zweiten Blick erkannten, was es mit dem Inhalt des Puppenwagens so auf sich hatte.
Darmowy fragment się skończył.